Iqra! – Lies und rezitiere!

Sure 96.1-5: Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf.

E erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen,

lies, denn dein Herr ist Allgütig,

Der mit dem Schreibrohr lehrt,

lehrt den Menschen, was er nicht wusste.

Es gibt unzählige Gründe, sich mit Lernen zu beschäftigen. Es ist etwas, was dem Menschen sein ganzes Leben begleitet. Und seit meiner ersten Khutba hier begleitet mich das Thema in vielen Facetten.

Es steht hier die Frage: Lerne ich um zu leben oder lebe ich um zu lernen? Ich denke beides trifft sich irgendwo. Ich musste lernen, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, heute ist mein Lebensinhalt das Lernen, das Endziel ist also nicht meine finanzielle Sicherheit, sondern das Lernen und Reflektieren an sich.

Die Aufforderung zum Lernen ist im Koran nicht zu übersehen. So kommt die Wortwurzel für „das Lesen“ q-r-a im Koran 88 Mal vor. Als Muhammad sich in die Höhle am Berg Hira zurückzog, um zu meditieren, kam die allererste Offenbarung und Aufforderung an ihn, die lautete: „Iqra’“.

Gewöhnlicherweise übertragen die meisten Koranübersetzer und –exegeten das Wort „Iqra´“ ins Deutsche mit „Lies“. An dieser Übersetzung ist zunächst einmal nichts auszusetzen, denn die linguistische Betrachtung des Wortes Iqra´ – abstammend vom Verb „qar´a“ (er las) – gibt klar Aufschluss, dass es sich bei der Aufforderung „Iqra´“ um einen Befehl zum Lesen handelt, also „Lies!“

Doch wenn wir tiefer graben, finden wir im Koran drei unterschiedliche Begriffe für den Vorgang des Lesens. 1. qira’ah قراءات, 2. Tartiil ترتيل, 3. Tilawah تلاوة.

Oberflächlich könnte man alle drei Begriffe mit dem Vorgang des Lesens begreifen. Aber wenn man tiefer sieht, dann stellt man fest, dass sie bedeutende Unterschiede beinhalten.

Beginnen wir mit dem 3. Begriff „tilawa“. Die sprachliche Bedeutung entspricht dem „Vorleben, Vorlesen“. In der Sure Asch-Schams (91:1-2) nimmt beispielsweise das Verb „talâ“ ausgehend von „Tilâwah“ die Bedeutung von „aufeinander folgen, nachfolgen, folgen“ an: „Bei der Sonne und bei dessen Leuchten und beim (ihm) folgenden Mond…“ In diesem Vers erschließt sich uns eine sehr tiefe und aussagekräftige Botschaft des Wortes „Tilâwah“.

Das Leuchten des Mondes ist kein eigenständiges Leuchten, sondern eine Reflexion des Sonnenlichtes. Erst durch die Sonne erhält der Mond seine Helligkeit und wirft dieses Licht auf die Erde.

„Tilâwah“ ist nicht nur das „Lesen“ an sich, sondern auch das „Befolgen“ der koranischen Gebote. So erhellt der Koran den Menschen und gibt anschließend durch das Vorleben und Vorlesen dieses Licht weiter.

„Tartil“, die nächste Art der Lesung bedeutet so viel wie ‚die langsame Lesung‘. Wir finden das Wort in der Sure 25:32: „Und diejenigen, die ungläubig sind, würden sprechen: ‚Wäre nur der ganze Koran ihm auf einmal herabgesandt worden.‘ Wir taten dies, um dadurch dein Herz zu festigen. Und wir haben ihn dir nach und nach wohlgeordnet vorgetragen.‘“ Tartil bedeutet hier eine Zusammensetzung von Bestandteilen in einer bestimmten Ordnung. Muhammad Asad bemerkt dazu: „Der Koran selbst gibt den Grund dafür, dass er langsam und allmählich offenbart wurde. Wenn der Begriff ‚Tartil‘ auf die Rezitation des Koran angewendet wird, bezieht er sich auf einen langsamen und deutlichen Vortrag. Es bedeutet, dass man die Verse nicht nur mit der Zunge und dem Verstand liest wie beim ‚Tilawah‘, sondern durch das langsame Lesen auch mit dem Herzen.“

„Qira’ah“, die dritte Art der „Lesung“, umschreibt eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache. Es ist ‚das Forschen, Studieren, Erkunden‘ der Verse.

Wenn wir diese Unterteilung beachten, ergibt der Befehl „Iqra!“ ein deutliches Ausmaß, nicht nur „Lies!“ sondern „Erforsche, Lerne, Erkunde!“ „Qira’ah“ umschreibt also eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache.

Also, das erste Wort war „Iqra!“ und bedeutet demnach nicht nur „Lies“ sondern auch „Studiere, forsche!“ Für mich bedeutet es: Nicht das Gebet oder das Fasten, sondern das Hören und Studieren, Beobachten, Forschen, Denken steht an erster Stelle! Dazu passt, dass die Offenbarungen mündlich gesandt wurden, durch den Engel Gabriel zum Propheten, der die Offenbarung weitergegeben hat. Es gab keinen Text zum Lesen, zumindest nicht am Anfang. Man konnte den Text nur hören, anschließend darüber diskutieren, also sich damit beschäftigen, das heißt lernen, um das zu begreifen, was Gott mitgeteilt hatte: Demut, Glaube an Gott, unser Verhalten gegenüber dem Einzelnen und der Gemeinschaft, usw.

Aber was ist gemeint nun mit „Lies!“ Und was soll gelesen werden. Da steht: „Lies, im Namen deines Herrn.“ Es folgt nichts Genaues, Gott erläutert in den nachfolgenden Versen nicht, was genau gelesen werden soll. Aber dennoch gibt es im ganzen Koran Hinweise darauf, denn Gott betont immer wieder: Haben sie keinen Verstand, wollen sie nicht begreifen?

Das heißt also: Lies nicht nur im Koran, sonders lies und denke nach, was dir die Welt zu sagen hat. Steht nicht im Koran in Sure 51:20-21: „Und auf Erden sind Zeichen für Jene, die fest im Glauben sind und auch in ihnen selbst sind Zeichen. Seht ihr denn nicht?“

Diese ersten Verse sind an keinen besonderen Menschen gerichtet, denn Gott wusste, dass der Prophet nicht lesen kann und es steht auch kein Name da. Aber das, was gelesen werden soll oder gesagt werden soll ist so wichtig, weil es an alle Menschen, an die gesamte Menschheit gerichtet ist. Muhammad vertrat genau in diesem Moment die ganze Menschheit.

Man könnte auch sagen, es sei ein erster Dialog zwischen dem, der „Lies!“ sagt, also Gott durch Jibril, und an den Er sich wendet, dem Menschen, dem Er mitteilt, wie Er ihn erschaffen hat. Und wie läuft der Dialog ab? Indem Er für ihn speziell durch die Schreibfeder mittels Schreiben das Wissen festhält.

Sie sind Wegzeichen, die man lesen soll und auf die auf Gott mit all seiner Allmacht, Güte, Barmherzigkeit und Einzigartigkeit hinzeigen. Eigentlich könnte vor jedem Wort ein „Lies!“ stehen, als ein Aufruf zum Erkunden, zum Studieren. Der ganze Koran ist voll von solchen Aufrufen. Schon der 2. Vers der allerersten Sendung: „Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen“ berichtet von Seiner höchsten und besten Schöpfung, an die Er sich auch zuwendet, nämlich dem Menschen. Der 3. Vers betont noch einmal die Wichtigkeit des Lebens und berichtet vom Urheber des Erschaffer des Menschen: „Lies! Denn Dein Herr ist Allgütig.“ Vers 4: „Der mit der Schreibfeder lehrt,“ eine Schreibfeder als ein geschaffenes Ding, ein Instrument, das Wissen aufzeichnet.

Das Studium dieser Zeichen, dieser Aufrufe führen weiter zu „Iman,“ zur Überzeugung an die Einheit und Existenz Gottes. Zum Beispiel finden wir diese Bestätigung in Sure 41: 53: „Wir werden ihnen Unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen, damit ihnen deutlich gemacht wird, dass es die Wahrheit ist.“

Die Aufforderung von Gott an die Menschen, den Koran und eigentlich seine ganze Schöpfung zu lesen, zu beobachten, nachzuforschen, sollte für alle eine Aufforderung sein, in allen Bereichen der Wissenshaft oder Theologie zu forschen und durch ihre Ergebnisse den Wahrheitsgehalt des Korans zu bestätigen. So wird durch Lernen, Lesen und Begreifen von Gottes Schöpfung durch die Wissenschaft ebenfalls Dienst an Gott (Ibadah) gemacht wie auch durch das Studium des Korans.

Iqra befiehlt uns, die Zeichen zu lesen, die Gott in Seiner Schöpfung gesetzt hat, die Bedeutung Seiner Schöpfung zu begreifen, indem wir unsere Erfahrung und unseren Verstand einsetzen. Gleichzeitig versichert uns Iqra, wenn wir lesen wollen, dass wir auch tatsächlich in Gottes Schöpfung lesen können, dass die Schöpfung unserem Verstand zugänglich ist. Je besser wir lernen, in ihr zu lesen, desto besser werden wir verstehen, dass die erschaffene Welt ein einziges Universum ist, und die Erde mit all seiner Schönheit und Harmonie, dessen Stellvertreter wir sind, ein Teil davon ist. Aber nur die Menschheit kann lesen, was geschrieben steht. Deshalb sagt uns der Koran, wir sollen „lesen, studieren“ und nicht nur sehen. Wir müssen die Schöpfung kennen und nicht nur erfahren oder etwas als gegeben anzunehmen, ohne darüber nachzudenken.

Iqra ist somit ein allgemein gültiger Befehl, der für jeden von uns eine Tür zum Islam öffnet. Iqra verlangt von jedem von uns, dass wir als Menschen in unserem Denken, Gefühlen und in unseren Handlungen nach dem Guten streben sollen. Iqra erlegt dem Menschen eine Verantwortung und innere und äußere Versuchungen und Kämpfe auf, aber sie gibt auch die Chance, für sich Wissen und Würde zu erwerben.

Alles Erschaffene, ob belebt oder nicht belebt, ist wie ein Buch in einer Bibliothek des Universums, in dem wir forschen können über das Geschaffene und dem Erschaffendem, es kann aktiv ‚gelesen‘ werden.

Wie groß und wichtig doch so ein kleines Wort sein kann! Es gibt uns das Recht und die Pflicht als Einzige in der ganzen Gottesschöpfung nicht nur eine Daseinsberechtigung zu haben oder etwas anzuschauen, sondern sie auch genau zu betrachten und verstehen zu lernen.

Und ich denke, Gott wird es demjenigen, der das wirklich will, leicht machen.

Manaar

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