22.10.2021

Die spirituelle Botschaft des Koran über die Frauen

Eine Theologie ist immer ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse ihrer Zeit, so auch die des Islams. Begeben wir uns auf eine lange Reise zurück.

Schon bald nach Mohammads Tod begann unter den neuen Herrschern ein langes Zeitalter der Kalifendynastien. Ihre jeweiligen Herrscher sahen sich als alleinige Stellvertreter Gottes auf Erden. So wurde aus Staat und Religion eine Ganzheit. Wie ich schon in einer vorhergegangenen Predigt ausgesagt habe, bevorzugten und förderten sie eine Theologie, um ihren totalitären Herrschaftsanspruch festzuschreiben. Leider wurden so die Verse des Korans nach ihrem Maß und Bedingungen durch Kommentatoren oder Prediger ausgelegt. Gott wurde daher in den Köpfen der Menschen zu einem strafenden Gott, der Gehorsamkeit und Unterwerfung einfordert, dementsprechend auch die Herrscher und ihre Helfer von ihren Untertanen. 

Mit Mouhanad Khorchides Worten: ‚Sie haben die spirituelle Botschaft des Koran schon vor Jahrhunderten verraten und die islamischen Gesellschaften in ein Korsett aus Unterwerfung und Unmündigkeit gesteckt. Von Gottes Liebe und Barmherzigkeit blieb nicht mehr viel übrig.‘ 

Dagegen wurden Verse in den Fokus gerückt, aus denen sich hierarchische Unterwerfungsstrukturen ableiten ließen: die Unterwerfung der Untertanen unter den Herrschern, der Frau unter den Mann, der Kinder unter den Vater, der Nichtmuslime unter die Muslime. Das Patriarchat entstand so von oben nach unten und durchzieht bis heute durch die meisten islamischen Gesellschaften und verhindert eine Demokratie und auch eine individuelle und gedankliche Freiheit. 

So basiert das islamische Familienrecht noch heute auf ein rangordnendes Rollenverständnis von Mann und Frau, eingebaut in eine hierarchische Tradition, nicht auf Gleichberechtigung zwischen beiden. Aber eigentlich bedeutet ‚Islam‘ nicht Unterdrückung, sondern friedliche ‚Hingabe an Gott‘.

Wie ist es heute? Heute kritisieren nicht nur Frauen, sondern auch viele Männer, dass Rechtsgelehrte und Koranexegeten ihre Dominanz   und Privilegien den Frauen gegenüber aus dem Koran abgeleitet und verfestigt haben. Selbst im Diskurs, im Denken und Handeln einiger Muslime ist bis heute immer noch eine Frauenfeindlichkeit präsent, wie auch Frauenunterwürfigkeit. Manche Frauen sehen sich in ihrer zugewiesenen Rolle festgeschrieben und versuchen auch nichts zu ändern.

Rechte und Pflichten spielen im Koran eine wichtige Rolle. Aus dem Grund müssen diese betreffenden Verse immer wieder zeitgemäß interpretiert werden. Aber immer noch wird von einigen Gelehrten Bezug zu bestimmten Versen genommen, wenn es darum geht, die Frauen zu disziplinieren, z. B. durch Schläge. Das Wort ‚daraba‘ steht damit im Fokus.

In der 4. Sure An-Nisa, Vers 34 heißt es sinngemäß: „Und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet, – ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie. Wenn sie euch aber gehorchen, dann sucht kein Mittel gegen sie. Gott ist erhaben und groß.“ Es geht um das arabische Wort ‚daraba‘, hier mit ‚schlagen’ übersetzt. 

Einige arabische Wörter, genauso wie in der deutschen Sprache, können mehr als nur eine einzelne Bedeutung in sich tragen. In dem Vers geht es dabei um einen Streit zwischen Eheleuten. Der Vers versucht eine Lösung vorzuschlagen, um die Ehe zu retten und da gehört bestimmt nicht ein Schlagen hinein. Da ist vielleicht ein ‚Trennen im Bett‘ besser oder passender einfach ein ‚aus dem Haus wegschicken‘. 

Übrigens gibt es etliche Stellen im Koran mit dem Wort daraba, ich habe sie nicht gezählt. An keiner Stelle ist von schlagen die Rede und nur an dieser Stelle sollte es diese Bedeutung haben? Beispiele mit dem Wort sind: 

In der gleichen 4.Sure:94: „O ihr, die ihr glaubt, wenn ihr auszieht (darabtum) auf dem Weg Gottes…

18.Sure Al-Kahf, die Höhle, Vers 11: „Sodann versiegelten (darabna) Wir in der Höhle ihre Ohren für eine Anzahl von Jahren…“

14.Sure Ibrahim:24: „Siehst du nicht, wie Gott das Gleichnis eines guten Wortes prägt (daraba)? (Es ist) wie ein guter Baum, dessen Wurzeln fest sind und dessen Zweige bis zum Himmel (ragen).“ 

Immer wieder muss der Koran herhalten, wenn es darum geht, dass Gott die Männer den Frauen gegenüber überlegen geschaffen hat, sie zu deren Vormund (qawwamun) ernannt hat und es ihnen auch erlaubt hat, gleichzeitig vier Frauen zu heiraten, und wie schon gesagt, ihre Frauen sogar schlagen (daraba) zu dürfen, wie auch das Doppelte des Anteils der Frau zu erben.

Die Zeit hat sich nun einmal verändert und nicht immer arbeitet nur der Mann und sorgt für die Familie. Die Hälfte – das galt vor etlichen Jahrhunderten! Das muss nicht heute gelten. Aber dennoch wurde immer wieder der Vers 34 der Sure Al-Nisa, als Beweis der Überlegenheit des Mannes dargelegt, die besagt: „Die Männer sind die Verantwortlichen über die Frauen, weil Allah die einen über die anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben …“.

Das Verb ‚qaama‘ bedeutet so viel wie aufstehen, wachen, religiös: auferstehen, ‚qawwama‘ geraderichten, verbessern und man könnte meinen, dass ‚qawwâmûn‘ die finanzielle Rolle der Ehemänner als Ernährer der Familie bezeichnet und nicht die Vormundschaft über die Frauen.   Für mich bedeutet es eben nicht „Überlegenheit“. Es könnte bedeuten ‚die eigene Arbeit verrichten oder lenken‘ oder ‚richtiger Zustand‘. Und ich denke, nur aus dem Grund der Familienversorgung sollte der Mann das Doppelte des Erbanteils der Frau erhalten. Der Anteil für die Frau verbleibt in ihrem Besitz. Weiterhin glaube ich, dass diese Verse in erster Linie für die damalige Bevölkerung gesendet wurden. Heute arbeiten meistens auch die muslimischen Frauen. Die Verpflichtung könnte somit aufgehoben werden, weil der Mann nicht mehr der alleinige Ernährer der Familie ist. 

Da fällt mir gleich ein weiterer passender Vers der 3.Sure „Al-´Imran, Vers 195 ein, in dem Gott den Gläubigen antwortet: „Wahrlich, Ich lasse kein Werk des Wirkenden unter euch verlorengehen, sei es Mann oder Frau. Die einen von euch sind von den anderen“.  Muhammad Assad deutet den letzten Satz: ‚Die einen von euch sind von den anderen‘ so: ‚Ihr alle gehört ein und demselben Menschengeschlecht an und seid daher einander gleich.‘ Ich könnte es nicht besser ausdrücken.

Ja, Gott macht keinen Unterschied unter den Menschen. Und Er betont das immer wieder wie auch im 1. Vers der schon genannten Sure An-Nisa: „O ihr Menschen! Fürchtet Euren Herren. Der euch aus einem einzigen Wesen geschaffen hat …” Also aus einem Wesen! Das bedeutet, jeder Teil ist gleichbedeutend, gleichwertig 

Gott hat immer Mann und Frau gleichgestellt, so wie in der 16.Sure „Al-Nahl- die Biene, Vers 97: „Wer recht handelt, ob Mann oder Frau, und gläubig ist, dem werden Wir gewiss ein reines Leben gewähren; und Wir werden gewiss solchen Leuten ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen.” 

Gott beruft sich zwar darauf, dass er den Menschen nach ihren Taten beurteilt und daraus ihren Lohn bemisst, aber er verweist nicht auf eine Zeitspanne. Er könnte sie im Jenseits belohnen, aber auch schon in ihrem Dasein auf Erden. Ich würde das Letzte behaupten, denn ich spüre, dass mir Gott schon viele wichtigen und schöne Gaben für ein gutes Leben geschenkt hat. 

Noch einen letzten Vers möchte ich euch nahebringen, ich finde ein wichtiger Vers, was die Beziehung unter den Menschen stärkt, der 71. Vers der 9. Sure „At-Tauba“ – die Reue: „Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Freund. Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und zahlen die Armenabgabe und gehorchen Gott und seinem Gesandten. Sie sind es, derer Gott sich erbarmen wird. Wahrlich, Gott ist mächtig und weise.“    

Und da lasse ich die Professorin für islamische Theologie Dr. Tatari sprechen: „Dieser Vers entwirft das Bild einer idealen Solidargemeinschaft. Ihre Basis ist Freundschaft. Der arabische Begriff für Freund geht auf die Wortwurzel „waliya“ zurück, die unter anderem folgende Bedeutungen umfasst: unmittelbar sein, benachbart sein, Freund sein, jemandem helfen und Vertrauen schenken. Ein „wâlî“ ist demnach ein Freund, Unterstützer und Helfer, also eine Person, die den Menschen, um den es geht, kennt und ihm beziehungsweise ihr quasi den Rücken freihalten kann. „Al-Wâlî“, der Freund, ist auch einer der 99 Schönsten Namen Gottes.“ 

Mit keinem einzigen Vers hat Gott unterstrichen, dass die Frau ein weniger wertvolles Mitglied der menschlichen Gemeinschaft ist. Im Gegenteil: Gott betont die gleiche Stellung mit unterschiedlichen physischen Eigenschaften, zwei, sich ergänzend in einem Ganzen.

Und der Koran gibt selbst mit der 33.Sure al-Ahzab, Vers 59: einen Blick auf die damaligen Zustände der Bevölkerung: „Prophet! Sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie mögen einen Teil ihres Überwurfs über sich herunterziehen. So werden sie eher erkannt und nicht belästigt.“ Wie schlimm muss da schon ein Anpöbeln und Belästigen vonseiten der Männer gewesen sein, dass Gott Seinen Gesandten bitten muss, damit seine Frauen als diese erkannt werden. Dennoch ist es nur eine Empfehlung, die aber mit der Zeit in den Alltag der Frauen einzog, zur Tradition sich verfestigte.

Wie schon am Anfang gesagt, die islamische Theologie ist das Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft. Sie hat die spirituelle Botschaft Gottes zu ihren Gunsten vereinnahmt und die islamische Gesellschaft in ein Gerüst aus Unterwerfung und Unmündigkeit gesteckt und die Traditionen nach ihren Bedingungen eingebunden und gestärkt 

Deshalb werden viele Frauen und Mädchen durch kulturelle Traditionen viel stärker in ihrem Alltagsleben eingeschränkt, als es der Koran vorsieht. Aber ich sehe auch, dass Frauen überall immer stärker für ihre Gleichstellung, für ihre Freiheit kämpfen. So wünsche ich mir für alle Mädchen die gleiche Schulbildung wie für Jungen und Selbstbestimmung ihres weiteren Lebens, keine Bevormundung durch Vater, Bruder, Ehemann.  

Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht so recht vorstellen, dass ein Mann – Vater oder Sohn, wenn er seine Familie wirklich liebt – seine Frau, Tochter, Schwester – er sie in irgendeiner Weise schaden könnte, statt sie in sein Denken und Handeln mit einbeziehen. Es ist mir unverständlich, dass jemand einmal im Namen der Ehre oder im Namen Gottes sterben muss, heute noch, in einer aufgeklärten und sozialen Umgebung!

Manaar

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