Tag der Deutschen Einheit

Autor: Tugay Sarac

Ricardo Gomez Angel
Ricardo Gomez Angel

Am 3. Oktober werden wir wieder einmal den Tag der Deutschen Einheit feiern. Aber, was bedeutet er überhaupt? Warum ist der Tag der Deutschen Einheit eigentlich wichtig? Jüngere Menschen, wie ich selbst, haben die Teilung Deutschlands und Berlins nie erlebt. Das Einzige, was uns heute an die Teilung denken lässt, sind Mauer-Mahnmale, welche in ganz Berlin verteilt sind.

Meine Mutter erzählt mir manchmal, wie sie an der Bernauer Straße im Wedding auf einem Ausguck stand und von dort aus gerne in den Osten geschaut hat, wie West-U-Bahnen durch Ost-Stationen fuhren, an denen bewaffnete NVA-Soldaten Wache standen. Tiefer in den Osten fuhr sie nur, wenn sie einmal im Jahr mit der Familie in die Türkei reiste. Dabei fühlte meine Mutter sich unwohl und ständig beobachtet.

Wir alle wissen von den Morden, die begangen wurden, wenn DDR-Bürger in die BRD, in die Freiheit fliehen wollten. Ich habe all das nie miterlebt und bin auch froh drüber. Ich bin froh, dass ich mich heute wie es mir beliebt in Deutschland bewegen kann. Ich kann von Marzahn bis nach Dahlem spazieren oder von Mecklenburg-Vorpommern bis Baden-Württemberg fahren, und niemand wird mich davon abhalten oder gar erschießen.

Für die Teilung des Landes war kein anderer als Deutschland selbst verantwortlich. Deutschland brachte im 2. Weltkrieg Tod und Terror über die ganze Welt. Um deutsche Weltmacht Bestrebungen ein für alle Mal zu stoppen, einigte sich die Anti-Hitler Koalition darauf, Deutschland zu besetzen und aufzuteilen. Politische Gegensätze führten dazu, dass die Sowjetunion 1949 in ihrer Besatzungszone die DDR etablierte und die Westalliierten die BRD. Dies bedeutete nicht nur, dass ein Staat in zwei geteilt wurde, es bedeutete auch, dass Familien in ganz Deutschland auseinandergerissen wurden. In Berlin lebten Nachbarn plötzlich in verschiedenen Staaten.

Die BRD entwickelte sich schließlich zur ersten stabilen deutschen Demokratie, während der Osten zu einer totalitären Diktatur verkam. Die Wiedervereinigung Deutschlands verdient es, an wenigstens einem Tag im Jahr gefeiert zu werden. Wir feiern nicht nur, dass aus 2 deutschen Staaten ein Staat wurde. Wir Feiern, dass Familien wieder zusammengebracht wurden, wir feiern die Bewegungsfreiheit durch ganz Deutschland und wir feiern die Demokratisierung eines großen Teils Deutschlands.

Am 3. Oktober wird, neben all den Veranstaltungen zum Tag der Deutschen Einheit, zum wiederholten Male auch der Tag der offenen Moschee stattfinden. Die Idee an sich ist großartig. Bürger lernen Bürger kennen und bauen dabei vielleicht sogar Vorurteile ab. Großartig! Deshalb hat die Ibn Rushd-Goethe-Moschee an jedem Freitag des Jahres einen Tag der offenen Moschee. Ob muslimisch oder nicht, jeder Mensch ist dazu eingeladen, uns am Freitag zu besuchen und mit uns ins Gespräch zu kommen. Nach dem traditionellen Freitagsgebet findet bei uns eine offene Diskussion über das Thema der Predigt statt. In der Regel werden aber auch andere Themen von unseren Gästen angesprochen. Jeder Gast ist willkommen und eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen und Fragen zu stellen, die wir sehr gerne beantworten.

Die Idee, eine offene Moschee zu sein finde ich also gut. Was ich nicht verstehe ist, warum der offizielle Tag der offenen Moschee gerade am Tag der Deutschen Einheit begangen werden soll? Warum nicht beispielsweise am 4. Oktober oder dem ersten Sonntag im Oktober? Wir Muslime sind ein Teil Deutschlands. Ich frage mich daher, ob es nicht schöner wäre und angebrachter ist, wenn wir am Tag der Deutschen Einheit zusammen mit unseren Mitbürgern diesen Tag feiern? Einen Tag später könnten alle Moschee, die nicht bereit und offen sind, jeden Freitag Gäste zu empfangen, ihre Türen für alle öffnen.

Ich frage mich auch, was überhaupt der Grund war den Tag der offenen Moschee auf den 3. Oktober zu legen. Um Verbundenheit mit Deutschland auszudrücken? Drücke ich diese Verbundenheit nicht besser aus, indem ich den Tag der Deutschen Einheit feiere? Ich möchte alle Vertreter islamischer Gemeinden und Muslime, die am Tag der offenen Moschee teilnehmen, dazu einladen, die Wahl des Datums noch einmal zu überdenken. Doch vor allem möchte ich ihnen und allen anderen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zum Tag der Deutschen Einheit alles Gute wünschen.

 

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