Die theologische Tradition des „Idschtihad“ – Irshad Manji tritt für unabhängiges Denken im Islam ein

 

Raquel Evita Saraswati [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Das Licht der Welt erblickte Irshad Manji im Jahre 1968 in Uganda. Sie wurde als Tochter eines Inders und einer Ägypterin in einer muslimischen Familie geboren. Vier Jahre später zogen sie nach Kanada, wo sie auch die kanadische Staatsbürgerschaft annahm. Sie ist seit vielen Jahren als Reform-Muslimin weltweit bekannt und nimmt keinen Blatt vor dem Mund, wenn sie Kritik äußert. Einen Namen konnte sie sich als Autorin und politische Aktivistin gegen den Islamismus machen. Dazu veröffentlichte sie Bücher und auch Gastbeiträge. Zudem schreibt Manji für namenhafte Zeitungen, wie für „The New York Times“ und andere mediale Plattformen, um öffentlichkeitswirksam auf (gesellschaftliche) Missstände aufmerksam zu machen. Es war auch „The New York Times“, die Manji als Osama Bin Laden’s „größten Alptraum“ bezeichnete. Nichtsdestotrotz beschränkt sich ihr Wirken nicht nur auf schriftliche Tätigkeiten, sie konnte sich auch auf institutioneller Ebene profilieren, indem sie das „Moral Courage Project“ an der New Yorker University gründete. In diesem Projekt liegt der Fokus primär auf die Stärkung von Individuen hinsichtlich von Selbstvertrauen und Liberalität. Schon auf ihrer Homepage fasst sie in einem Satz, einen wichtigen Grundaspekt ihres Denkens zusammen: „My Mission: to teach a critical mass of people the skills of moral courage – doing the right thing in the face of our fears.“ Das macht den Leser neugierig, was und wie sie wohl den Islam kritisiert?

Ihre Kritik, ob nun am Westen oder am Islam, ist häufig mit viel Polemik, Witz und Wagemut gewürzt. Dies zeigt sich unter anderem in ihrem Buch: „Der Aufbruch. Plädoyer für einen aufgeklärten Islam.“ Neben biographischen Angaben finden sich darin auch kritische Anmerkungen zu Problemen mit islamischen Gesellschaften (insbesondere der Frauenfrage, dem „Goldenen Zeitalter“ und dem Frühislam ) und dem Westen (sowie dessen politischer Einfluss im Nahen Osten), der Auseinandersetzung mit dem islamischen Denk – und Handlungsprinzip „Idschtihad“1, kurze, persönliche Erklärungen zur Weltpolitik sowie ihre Stellungnahme um eine notwendige Reform des Islam. Der Wissbegier geschuldet, stellte die spätere Journalistin bereits als Kind sich und ihrer sozialen Umwelt kritische Fragen. Da diese von ihrem islamischen Religionslehrer nicht hinreichend beantwortet wurden, sie sich aufgrund der inhaltlichen Differenzen zunehmend von der muslimischen Madrasa2 entfremdete, begann sie ihren Glauben zu Gott individuell zu gestalten, statt wie üblich ihre Religion im Kollektiv zu leben.

Irshad Manji ist außerdem eine bekennende homosexuelle Muslimin. Häufig konfrontierte man sie mit der Frage, wie Homosexualität mit dem Islam vereinbar sei? Gerade die (Rechts-)Praxis in vielen islamischen Ländern zeugen doch von einer Unvereinbarkeit zwischen der Religion und der homosexuellen Liebe, heißt es seitens der (Islam-) Kritiker. Manji stellt dazu eine berechtigte und zum Nachdenken anregende Frage zurück: „Wenn der allwissende, allmächtige Gott nicht gewünscht hätte, mich, eine Lesbe, zu schaffen, warum hatte Er dann nicht an meiner Stelle einen anderen Menschen erschaffen (vgl. Manji: 2005, S.34)?“ Schon in öffentlichen Diskussionen mit Muslimen, die anders denken als sie, weicht sie genau dieser Frage nach der Aussöhnung zwischen Islam und Homosexualität nicht aus. Ihnen hält sie folgende Ausführungen entgegen: „[…] Wie kann der Koran gleichzeitig verurteilen und verkünden, dass Allah alles ausgezeichnet macht, was Er schafft? Wie können meine Kritiker die Tatsache erklären, dass laut dem Buch, an das sie sich so gewissenhaft halten, Gott absichtlich die atemberaubende Vielfalt der Welt entworfen hat? Die Frage, die die Homosexualität dem Islam gegenüberstellt, war eine Prüfung für meinen Glauben, das gebe ich zu. Aber nachdem ich darüber nachgedacht hatte, erkannte ich, dass ein gesunder Austausch möglich ist, wenn wir uns alle weniger Sorgen darüber machen, wo wir stehen, als darüber, wo Gott stehen könnte (ebd. S.35).“

Was sie für die theologische Debatte im Islam als einen fruchtbaren Anknüpfungspunkt für eine Reform findet, ist die islamische Tradition des „Idschtihad.“ In der folgenden Zitierstelle zeigt sich ihre polemische Art, jedoch bringt dies ihren Gedanken prägnant auf den Punkt: „Bei näherem Nachdenken fiel mir ein, dass ich in den Schriften, die ich nach der Madrasa gelesen hatte, auf das Wort Idschtihad gestoßen war. Aber es wurde ohne Fanfaren angekündigt, mehr wie ein dürrer juristischer Begriff als wie ein revolutionäres Konzept. Außerdem stand ich unter dem Eindruck, dass sich nur religiöse Autoritäten legitim mit der Interpretation des Korans befassen können. Vom „Idschtihad“ zu erfahren, brachte mich auf die Frage: Wer sind diese religiösen Autoritäten? Erkennt der Koran einen formellen Klerus an? Nein. Machen die wilden Stimmungsschwankungen des Korans jede Interpretation des Textes selektiv und subjektiv? Ja. Konnte es demnach sein, dass das Recht auf unabhängiges Denken, die Tradition des Idschtihad, tatsächlich uns allen offen steht? Dass dadurch, dass sie dieses Recht für sich in Anspruch nehmen, die Folgt-meiner-Fatwa-Ayatollahs die eigentlichen Häretiker sind? Wie gewöhnlich begann ich zu lesen, im Internet zu surfen und Gelehrte zu fragen. Wer hatte den Idschtihad zur Tradition gemacht? Wo wurde er praktiziert und wie sah jene Gesellschaft aus (ebd. S.59 f.).“

Nach einer historischen Darstellung des sog. „Goldenen Zeitalters“ und dem Frühislam, bekräftigt sie ihre Kritik an den rigorosen Interpretationen des Islam. Mittels des „Idschtihad“ möchte Manji das Recht die eigene Religion zu deuten nicht den typischen religiösen Autoritäten überlassen, was durch folgende Aussage belegt wird: „Aber die Tore des Idschtihad – oder unseres Verstandes – sind immer noch zum größten Teil verschlossen. Warum? Warum unterdrücken Mainstream-Muslime weiterhin ihre Geisteskraft, wenn das erklärte Ziel der Regel des Nichtdenkens – um die Integrität muslimischer Länder vom Irak bis nach Spanien zu bewahren – inzwischen rein akademisch ist? Klopft euch an den Kopf, meine Freunde. Das Einzige, was diese imperiale Strategie erreicht hat, ist die Entstehung der hartnäckigsten Unterdrückung von Muslimen durch Muslime: Einkerkerung der Interpretation des Korans. Ich will noch konkreter werden. Als sich die Tore des Idschtihad schlossen, wurde das Recht, unabhängig zu denken, zum Privileg des Mufti, des Richter-Priesters, in jeder Stadt und jedem Staat (ebd. S.68).“ Und genau dieses Privileg möchte sie den islamischen Autoritäten streitig machen. Letztendlich: „Schaut, wir müssen keine mit Preisen überschütteten Intellektuellen sein, um Idschtihad zu praktizieren. Wir müssen nur offen unsere Fragen an den Islam stellen. Und wir alle haben Fragen, die in unserem Bewusstsein verborgen sind (ebd. S.75).“

Manji sticht nicht nur mit Fragen von Homosexualität und „Idschtihad“ im Islam hervor; einer ihrer Arbeitsschwerpunkte liegt besonders in der Frauenfrage. Das macht sie auch international zu einem gern gesehenen Gast, so ist sie beispielsweise einer Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung gefolgt. Unter dem Titel: „Frauen im Islam – Feministische Orientierungen und Strategien für das 21. Jahrhundert“ hielt sie neben der muslimischen Feministin Amina Wadud ihren Vortrag. Auf das Verhältnis zwischen Frauen und dem Koran und der daraus resultierenden gelebten Wirklichkeit merkt sie an: „Gibt es innerhalb des Islam etwas, was gegen die Gleichheit der Frau spricht? Ich sage, nein, es gibt nichts, was gegen die Gleichheit von Frauen spricht. Der Koran enthält progressive und repressive Passagen, was jede Interpretation zu dem macht, was sie ist, eine Interpretation. Ich bin sicher, dass sie darüber diskutiert haben, dass es Raum gibt für frauenfreundliche Interpretationen. Also möchte ich noch eine weitere Frage stellen: Wenn es doch Raum für frauenfreundliche Interpretationen des Islam gibt, warum sehen wir überwiegend Interpretationen, die Frauen als Bürger zweiter Klasse erscheinen lassen? Nun gut, auch wenn ich Feministin bin, so glaube ich trotzdem nicht, dass es ausreicht, alleine auf das Patriarchat zu verweisen. Patriarchate gibt es weltweit, aber innerhalb christlicher und jüdischer Institutionen fällen immer noch Männer die meisten Ent-scheidungen, und so ungerecht die Ergebnisse auch sind, so kommen dort heute nicht mehr so harte Urteile vor wie das Auspeitschen von Frauen. Auch ist die Kolonialisierung durch den Westen keine angemessene Antwort auf die Frage, warum so viele Frauen im Islam als Bürger zweiter Klasse behandelt werden.“

Auch ihre Interviews zeigen eine sehr lockere und scharfsinnige Muslimin. Auf die Frage eines Quantara-Journalisten, ob sie nicht mit ihren Positionen zu provokativ rüberkomme, antwortet sie: „Ein erhabener Gott schafft in uns allen Einzigartigkeit. Indem wir dieser Kreativität Ausdruck verleihen, zollen wir in Wirklichkeit der Schöpferkraft Gottes Respekt. Wenn das provokativ ist, bin ich provokativ! Aber tatsächlich glaube ich, dass das etwas sehr Gläubiges ist. Denn indem wir junge Menschen ermutigen, sich mit allen ihren Eigenheiten anzunehmen, vertiefen wir unsere Beziehung mit dem, der uns geschaffen hat.“ Dass sie an einer Reform im Islam glaubt, wird durch folgende Worte unterstützt, mit einer kritischen Anmerkung gegen die Islamkritikerin und ehemalige Muslimin Ayan Hirsi Ali: „Ich habe ihr klipp und klar gesagt: Ich glaube, dass Du Dich irrst. Ich halte es für falsch zu sagen, dass Gewalt im Islam angelegt sei und dass die Muslime reformunfähig seien. Sie hat dem Islam den Rücken gekehrt, ich halte auf Gedeih und Verderb am Glauben fest. Ich habe den Glauben an meine Mit-Muslime, dass wir fähig sind, besser zu sein, als es unsere Mullahs und Imame oder selbst die Medien uns zutrauen. Ich kann nicht erkennen, dass Ayan den Glauben an diese Fähigkeit hätte.“

Einem WELT-Journalisten erklärt sie kompakt, wie sich Pluralität mit dem Koran vereinbaren lassen: „An einer Stelle heißt es: Einige Passagen in diesem Text sind präzise, andere sind mehrdeutig. Und nur diejenigen mit Unglauben im Herzen missachten die mehrdeutigen Stellen, um eindeutige Interpretationen zu dekretieren. Aber wisse, dass nur dein Gott die volle und endgültige Bedeutung dieser Passagen kennt. Das ist ein Aufruf zur Demut. Keinem Muslim ist es laut dem Koran erlaubt, Gott zu spielen. Mit diesem spirituellen Hintergrund aber können wir Muslime zu einer Gesellschaft beitragen, in der Meinungsverschiedenheiten erlaubt sind.“

Eine letzte Frage, die man sich noch stellen kann, wäre, ob ihre intellektuellen Tätigkeiten ernstgenommen werden oder Irshad Manji einfach nur nett belächelt wird? Erstaunlich ist, wer das Vorwort zum Buch: „Der Aufbruch“ geschrieben hat. Die Lobensrede auf Manji hielt der Gelehrte Dr. Khaeel Mohammed, ein Professor für Religionswissenschaft an der San Diego University/Kalifornien. Auf den ersten Seiten findet man die Angabe über ihn, dass er „[…] Gründungsmitglied des Zentrums für islamische und arabische Studien dieser Universität [sei]. Er ist auch Imam und einer der wenigen islamischen Gelehrten, die sowohl von der sunnitischen wie auch von der schiitischen Glaubensrichtung des Islam anerkannt werden (vgl. Manji 2005: S.9).“ In den weiteren Ausführungen wird sein Lebensweg beschrieben, mit vielen Auszeichnungen an verschiedenen Instituten in islamischen Ländern und in Nordamerika sich verdient gemacht, er promovierte zum islamischen Recht und gilt in diesem Gebiet als ein Spezialist. Er sagt über Manji: „Indem sie Allah gehorcht, schlägt Irshad die Mullahs mit deren eigenen Waffen. Eine der schwierigsten Grundvoraussetzungen von Idschtihad, der islamischen Tradition unabhängigen Denkens, ist dass man mit allen neuesten Denkern des Islam vertraut sein muss. Auf diesem Gebiet ist Irshad vielen Geistlichen weit überlegen.“ Mit einem Witz schließt er ab: „So, ich habe es gesagt. Nachdem ich mich zur Unterstützung von Irshad Manji bekannt habe, fühle ich mich frei. Fast. Ich habe nur noch ein Hühnchen mit ihr zu rupfen. Irshad, wie konntest du es wagen, mir mein männliches Selbstverständnis zu stehlen, indem du das Buch geschrieben hast, das ich hätte schreiben sollen (ebd. S.8f.)?“ Wenn eine solch anerkannte Autorität wie er, in einem höflichen und zugleich euphorischen Ton, auf Manji persönliche, entgegenkommende Worte findet, gibt das Hoffnung auf Zuversicht, dass es sich selbst (vereinzelt) bei Islamgelehrten nicht ausschließlich um Betonköpfe handelt, sondern auch um Menschen, die intellektuelle Leistungen von Reform-Muslimen anerkennen können, sowie es bei Irshad Manji der Fall ist.

Quellen:

Manji, Irshad (2005): Der Aufbruch. Plädoyer für einen aufgeklärten Islam. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle. Deutscher Taschenbuch Verlag: München

https://de.qantara.de/content/interview-mit-irshad-manji-es-stimmt-nicht-dass-der-islam-reformunfahig-ist-1

https://www.welt.de/dieweltbewegen/article13777219/Lesbische-Muslima-fordert-freiheitliches-Denken.html

http://library.fes.de/pdf-files/akademie/berlin/06642-20091021.pdf

https://irshadmanji.com/about_irshad/

https://www.nytimes.com/2003/10/04/world/the-saturday-profile-an-unlikely-promoter-of-an-islamic-reformation.html

1 Auch der Politikwissenschaftler Bassam Tibi setzte sich bereits in den 1980er Jahren damit auseinander: „Sehr wichtig ist auch die Unterscheidung im islamischen Recht zwischen dem Taqlid, d.h. der Unterwerfung unter die Autorität der Vorfahren qua Fiqh-Gelehrte, und dem Igtihad, d.h. auf der Basis eigener Anstrengung betriebener schöpferischer Rechtsfindung, natürlich auf der Basis der Schari’a. Der islamische Modernismus, der während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ägypten entstand, und die Reformbestrebungen des islamischen Rechts in unserem Jahrhundert schließen an die Igtihad-Tradition im Islam an.“ (Bassam Tibi: Der Islam und das Problem der kulturellen Bewältigung sozialen Wandels. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1985).

2 Schulen, die sich vordergründig mit dem Islam beschäftigen

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