Freitagspredigt

Sicher haben wir schon viele Vorträge gehört über das Wissen. Aber Wissen hat so viele Facetten und Bedeutungen und ist ungemein wichtig.

—-Das erste Wort , welches Allah Muhammad offenbarte, war „Lies!“  , etwas weiter heißt es: Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat,    – lesen und schreiben!

Das bedeutet: Gleich von Anfang an wurden die Muslime zum Wissenserwerb aufgefordert.

– — Wie kommen wir zum Wissen, was führt dazu hin? durch neugierig sein, beobachten, nachfragen und hinterfragen, forschen, von anderen lernen, auch Kritik und Selbstkritik gehört dazu.

Haben wir dann eine gewisse Stufe von Wissen erreicht, beginnt alles von vorn: neugierig sein, Wissen erwerben, es verarbeiten, weitergeben – ein ständiger Kreislauf, der den Menschen erst zum Menschen geformt hat.

—    Gott fordert den Menschen auf, besser gesagt: Er fordert von jedem  Einzelnen  von uns, seine Umwelt zu beobachten und zu studieren, um darin die Zeichen Seiner Schöpfung zu erkennen. Viele Vorgänge aus der Natur  werden im Koran beschrieben, sei es über die Erschaffung des Universums, der Entstehung des Menschen von der Befruchtung der Eizelle bis zu seinem Tod, vom Werden und Wachsen und Vergehen der Pflanzen und Tieren.

51:47  „Und den Himmel haben wir mit unserer Kraft erbaut, und siehe, wie wir ihn reichlich geweitet haben“ ,diese Tatsache der Expansion des ganzen Universums ist schon vor vierzehn Jahrhunderten offenbart worden und erst jetzt haben es die Wissenschaftler erkannt.

والسماء بنيناها بأيد وإنا لموسعون

-21:33 lesen wir, dass die Erde eine Umlaufbahn verfolgt. ( Und Er ist es, der die Nacht und den Tag erschuf, und die Sonne und den Mond. Sie schweben, ein jegliches Gestirn auf seiner Bahn)

In Sure 58 :11 steht sinngemäß, dass Allah diejenigen, denen Wissen gegeben wurde, um Rangstufen erhöht werden.

—   Immer wieder stoßen wir im Koran auf die Aufforderung nach Wissen zu streben: Seid ihr etwa nicht verständig? Oder:  Wollen sie etwa nicht nachdenken? Haben sie etwa nicht nachgedacht?

Sahih Muslim, Hadithnr. 4232/Kapitel 43

Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete:
Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf ein Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere (dort) weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrte es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“
Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter, ansonsten taugt das Wissen nichts, wenn ich es nur für mich behalte. Es ist wie ein Krug Wasser, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem.
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—   Wissen greift nicht nur in die Beziehung Gott und Mensch, sondern auch in die Beziehung Mensch zu Mensch ein: Tiefes Wissen  kann nur in Beziehung zur Wahrheit, Freiheit, Selbstbestimmung stehen.

—   Vor einiger Zeit habe ich das Buch von Mouhanad Khorchide Gott glaubt an den Menschen“ gelesen. Es gab mir viel Stoff zum Nachdenken. Eins der Ergebnisse war vielleicht auch, dass ich heute hier in dieser Moschee stehe.

—   Der Koran berichtet , wie Gott den Engeln berichtet, dass er einen Menschen erschaffen will und ihn als Seinen Stellvertretet (khalifa) auf der Erde einsetzen will und die Erde durch sein eigenes Handeln, aber in Gottes Sinn verwalten soll. Das heißt: Gott greift nicht unmittelbar und direkt in die Welt ein, in das Handeln der Menschen, sondern hauptsächlich ( wie Khorchide sich ausdrückt) in Kooperation mit dem Menschen, aber nur wenn  sich der Mensch für diese Zusammenarbeit freiwillig entschließt, wenn er sich Gott öffnet und nicht verschließt, ebenso dem Menschen in der Gesellschaft). Das heißt, die Freiheit zur Entscheidung, ob ich die Hilfe von Gott annehme und mich auf Seinen Weg begebe oder nicht! Freiheit und Selbstbestimmung: wie wende ich mein Wissen an, was mache ich damit.

—   Ich allein bestimme meinen Weg zu Gott und wenn ich mich Ihm zuwende, wird er mir beistehen und helfen, mich leiten. Dazu gehört aber ein bestimmtes Wissen.

—  Selbstentscheidung:  Das heißt zum Beispiel, wenn ein Leiter der Khutba  (oder Leiterin) sein Wissen vermittelt, müsst ihr  für euch abwägen, ob das, was er erklärt für euch richtig ist. Ihr entscheidet also, ob ihr ihm folgt oder nicht, ob ihr sein Wissen für euch speichert oder nicht.

—    Aber weiter zu dem Dialog – Entgegen der Skepsis der Engel zeigt Gott ihnen, dass er den Menschen vertraut und an ihn glaubt und Er haucht ihm von Seinem Geist ein und flüstert ihm so Namen, Erkenntnisse, Wissen ein. Ein erstes Wissen, worauf er aufbauen kann. Zugleich mit dem Wissen hat er ihm auch seine Freiheit, sich zu entscheiden gegeben, wie er die Welt zu seinem Nutzen bebaut und erhält  und diese Entscheidung kann ihm keiner abnehmen. Dafür steht er zu einem bestimmten Zeitpunkt Rede und Antwort, bzw. seine Taten sprechen für ihn und was er mit seinem Wissen getan hat.

—  Die Schöpfungsgeschichte berichtet also: Erst durch das Bewusstsein der eigenen Freiheit erlangte Adam sein Menschsein.

—   Diese Freiheit ist der Grundpfeiler einer fortschrittlichen Gesellschaft, die alle Mitglieder als gleich anerkennt, egal ob Mann oder Frau, auch Kinder haben ihre Rechte.

Zusammengefasst: Um Wissen zu erwerben braucht man Geduld, Aufmerksamkeit, Bereitschaft zum Lernen, eine Gesellschaft, in der der Mensch gleichberechtigt ist, selbständig denken und handeln kann, mit einem freien Willen, eine demokratische Gesellschaft, in der auch unsere neue liberale Moschee eine Heimat finden kann und wird.

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