Gott spricht kein Arabisch

In letzter Zeit wurde gestritten, ob es einen deutschen Islam gibt. Nun betont sogar der Zentralrat der Muslime und an seiner Spitze sein Vorsitzender Aiman Mazyek mit vor stolz geschwellter Brust: „Selbstverständlich gebe es einen Islam deutscher oder europäischer Prägung.“ Aber irgendwie habe ich das nicht so richtig verstanden. Warum plötzlich diese Kehrtwendung. Es fehlte mir eine echte und tiefe Begründung, wie so ein Islam deutscher Prägung aussehen könnte. Dennoch klammern sie sich hartnäckig daran, dass es nur einen ‚arabischen‘ Koran geben kann, nur in arabischer Sprache vorgetragen? Gleich vorweggenommen: „Ich trage ihn ja auch bei einem Gebet in Arabisch vor, aber dazu komme ich noch.”

Die einen sagen, weil der originale Text des Korans auf Arabisch verkündet worden ist, so ist auch dieser Wortlaut nur in Arabisch authentisch, ganz einfach! Auch wenn einiges von Nichtarabern nicht gleich verstanden oder gar nicht verstanden wird, so muss er ihn dennoch einfach so nehmen, wie er ist. Entweder lernt man Arabisch, wenn man wirklich den Koran verstehen will oder man nimmt eine Übersetzung. Basta!

Aber verstehen denn die Arabischsprechenden wirklich, was sie da lesen? Denken sie über jedes einzelne Wort und dessen Bedeutung nach, besonders in seiner historischen Bedeutung? Oder nehmen sie für sich nur die Erklärung ihrer Imame an?

Die Botschaft von Gott ist universell und für alle Menschen gültig, sie wird in Arabisch ausgedrückt, weil Gott die Sprache der Menschen berücksichtigt, zu denen Er Seine Botschafter schickt. Gott sagt sinngemäß, wie Sure 16, Vers 36 aussagt, dass Er in jede Gemeinschaft einen Gesandten mit Seiner Botschaft geschickt hat. Das bedeutet, dass jede Gemeinschaft oder Volk ihre eigene Sprache besaß und damit war auch die Botschaft in ihrer Sprache. Aber bestimmt sprachen sie kein Arabisch.

Die Botschaften, die wir kennen, waren an die Juden in Hebräisch gerichtet, die Botschaft an die Araber musste demnach in Arabisch sein. Auch wenn Gott diese letzte Botschaft an alle Menschen geschickt hat, bedeutet das nicht, dass nun alle Leute Arabisch sprechen müssen oder diese Sprache lernen müssen, um das zu verstehen, worüber Gott zu den Menschen gesprochen hat und was Seine Rede zu bedeuten hat.

Es war einfach nur die letzte Botschaft, galt aber für alle Menschen, unabhängig von Ort und für alle Zeit. Der Koran ist zwar eine historische Tatsache von göttlichem Ursprung, aber seine Interpretation kann nur menschlich sein.

Das bedeutet, es gibt eine große Vielfalt von Interpretation, denn jedes Volk würde es auf ihre Lebensumstände und in ihre Geschichte hinein beziehen. Das bedeutet für mich: Der Koran kann nur im historischen, kulturellen und auch sprachlichen Kontext entschlüsselt werden, zu jeder Zeit muss er immer wieder neu gedeutet werden. Und das Neudeuten kann nur in derjenigen Sprache geschehen, die gesprochen wird.

Abu Zaid sagt das in seinem Buch „Gottes Menschenwort“ so: ‚Der Koran, den wir lesen und interpretieren, ist keinesfalls mit dem ewigen Wort Gottes identisch. Der Koran ist seine Botschaft an die Menschen. Eine Botschaft stellt eine kommunikative Verbindung zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels eines Codes her. Die Analyse des kulturhistorischen Kontexts des Koran ist der einzige Zugang zur Entdeckung der Botschaft. Somit ist der Koran ein kulturelles Produkt. Die Menschen verstanden den Islam in ihren Lebensumständen. Und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft.‘

Und da jedes Volk seine eigene Kultur hat, benötigt es meines Erachtens sein eigenes kulturelles Verständnis, das heißt auch in seinem sprachlichen Verstehen.

Aber lassen wir noch jemand anderes sprechen: Lale Akgün.

„Es geht also darum, ‚den Geist hinter den Buchstaben zu finden‘, die allgemeinen Prinzipien. Wie die Menschen diese Prinzipien umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Für die Offenbarungen Gottes ist aber nicht eine bestimmte Sprache entscheidend, sondern es sind die inhaltlichen Botschaften. Deshalb darf keine einzige irdische Sprache ein Monopol auf die Inhalte haben. Der Koran kann, nein, er muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden. Gerade das Verbot, sich des Korans in einer anderen als der arabischen Sprache zu bedienen, erweitert die Macht derjenigen, die die Religion für sich instrumentalisieren wollen.

Aber es geht nicht nur um die Übersetzungen. Die Gläubigen sollen die Schriften offen angehen, sich mit ihnen auseinandersetzen, Fragen stellen, und, wo nötig, sich distanzieren oder annähern. Und wenn der Koran den Menschen geradezu auferlegt, den Verstand einzusetzen, dann rückt der Mensch als Träger der Vernunft in die Mitte. Es ist der Mensch, der mit seinen Entscheidungswerkzeugen, das sind Gewissen und Verstand, die Vernunft in Handlung übersetzt.“

Und nun zu meiner eigenen Auffassung: Brauche ich etwa einen Vermittler, nur weil ich nur wenig Arabisch kann? Dann habe ich keinen direkten Draht zu Gott, es steht jemand zwischen uns. Aber Gott sagt, dass Er mir näher ist als meine Halsschlagader. Und wenn es bedeutet, dass Gott seinen Platz näher als meine Halsschlagader hat, dann ist Er auch in meinem Herzen. Es bedarf also keinen Vermittler zwischen Gott und mir, niemand kann für mich sprechen. Da brauche ich wirklich niemanden als Vermittler, kein Imam, keinen Religionsvertreter. Für Seine Offenbarungen, für Seine Lehren und Gebote braucht Er keine bestimmte Sprache wie das Arabische. Und Gottes Sprache verstehe ich nicht, aber Er meine!

In der ersten Zeit meines Muslim-Daseins habe ich viele Bittgebete auf Arabisch auswendig gelernt, die vom Propheten Muhammad oder auch von irgendjemanden stammen. Aber es waren nicht meine Worte, meine Bitten, meine Gedanken. Also formuliere ich sie heute selbst in meiner Sprache und ich bin sicher, dass Gott sie versteht.

Wenn ich mit jemanden spreche, vielleicht mir dir, dann bekomme ich in der gleichen Sprache von dir eine Antwort. Wenn ich Gott etwas auf Arabisch mitteilen möchte, bekomme ich vielleicht auch auf Arabisch eine Antwort, die ich leider nicht verstehe. Was nutzt sie mir dann?

Da Gott nicht so ist wie wir, hat Er auch keine Sprache so wie wir. Er versteht uns aber in Seiner Eigenschaft und Er vermag es, in Seiner Eigenschaft uns auf Seine Art und Weise zu antworten und das gleich in unser Herz. So hat Er sich auch verständlich gemacht durch den Koran, der gespickt ist mit Historie, Allegorien, Weisheiten, Mitteilungen, Ermahnungen und auch Wissenschaft, die den Menschen aber oft unverständlich erscheinen, zumindest auf den ersten Blick nicht erkenntlich. Gott hat keine Sprache, die wir verstehen können. Er suggeriert uns in unserer Sprache, also jedem in seiner eigenen Sprache, was Er uns mitteilen will. Es würde sonst unsere Vorstellungskraft sprengen, z.B. suggeriert Er uns durch den Koran, dass Er auf einen Thron sitzt oder wie die Hölle und das Paradies aussieht. Erinnern wir uns: Der Engel Dschibril oder Gabriel hat Muhammad die ersten Worte gelehrt, in seiner Sprache. Er war aber auch nur ein Überbringer. Und weil Muhammad ein Araber war, hat er ihm die Botschaft auf Arabisch gebracht.

Gottes Worte sollen nicht nur schön klingen, Seine Worte sollen auch richtig, verständlich und rezitationsgenehm verstanden werden, auch in einer Übersetzung. Ein Beispiel ist die Sure105 „Der Elefant“. In einer Ausgabe von Ibn Rassoul steht:

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfahren ist? Hat Er nicht ihre List misslingen lassen und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen und sie dadurch wie abgefressene Saat gemacht?“

Jetzt die Übersetzung von Muhammad Asad:

„Bist du nicht gewahr, wie dein Erhalter mit dem Heer des Elefanten verfuhr? Machte Er nicht ihr listiges Planen völlig zunichte? Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen und ließ sie werden wie ein Kornfeld, dass bis auf die Stoppeln abgefressen worden ist.“

Ich stelle in beiden die Verse 3 und 4 nochmals gegenüber: 1. „… und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen …“ und nun das von Asad: „Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen …“

Da stehen auf der einen Seite ‚Vögel und brennende Steine‘ und ‚Schwärme fliegender Geschöpfe und steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ gegenüber.

Asad selbst sagt darüber: Das Wort ‚sidschill‘ hat auch eine Bedeutung von ‚etwas, das von Gott bestimmt worden ist‘. Die Wendung ‚hidschara min sidschil‘ kann für eine Metapher für ‚steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ bedeuten. Die besondere Strafe könnte wahrscheinlich ein besonders starker (steinharter) Ausbruch von Pocken oder Typhus gewesen sein, das auch Ibn Hischam und Ibn Ishaq bestätigten. Das Wort ‚ta’ir, Mehrzahl ‚tayr‘, kann jedes ‚fliegende Geschöpf‘ bedeuten, jedwede Vögel, Insekten, eben alles, was fliegt, die auch Überträger von Infektionen sein können.

Was ich damit sagen will: Ich muss mich einfach darauf verlassen, dass eine Übersetzung dem Original so nahe wie möglich kommt. Und nicht jede Übersetzung kann man auch schön rezitieren. Es liegt also noch eine enorme und wichtige Arbeit vor den Übersetzern.

Ich will deswegen aber keine bisherige Übersetzung herabwürdigen.

Ich wünsche mir einfach eine Übersetzung vielleicht von einer Gruppe von Übersetzern, der ich vertrauen kann, so dass ich einmal das Gebet nicht mehr in Arabisch, sondern um des Verstehens Willen es in Deutsch abhalten kann. Bis es soweit ist, werde ich auch weiterhin auf Arabisch rezitieren, aber vorher die Rezitation auf Deutsch vortragen.

Ich weiß, es denken so ähnlich viele Muslime, nur klingt jede Stimme einzeln. Aber nur ein Chor, wenn auch mit unterschiedlichen Stimmen – sprich Meinungen, hat etwas dagegenzusetzen gegen die noch starke orthodoxe Meinung.

Wir müssen Gott so verstehen, wie es unser Herz will und zulässt, auch ohne Sprache.

Manaar

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