18.06.2021

Juden im Koran

Mir fiel schon immer beim Lesen des Korans auf, dass es viele Stellen gibt, in denen Bezug auf das Judentum genommen wird. Aber warum? Ich denke, das Judentum und die neue Gruppierung um den Propheten Muhammad zum Beginn der Sendung des Korans müssen eng miteinander verknüpft gewesen sein und stehen sich darum viel näher, als viele Muslime heute vermuten. Warum das so ist, möchte ich in dieser Predigt und einer nachfolgenden herausarbeiten. Dabei verweise ich auf das Buch: „Umdenken!“ von Mouhanad Khorchide und Walter Homolka.

    Judentum und Islam – zwei verfeindete Religionen?  Im Koran gibt es positive, aber auch kritische Aussagen über Juden und Christen. Im Kontext des Korans und im Lichte des Offenbarungsanlasses erkennt man, dass sie zur Positionierung der jungen muslimischen Gemeinschaft in der Frühzeit des Islams in Mekka dienten. Der Koran betont, dass er in der Reihe der vorhergesandten Schriften steht und er die abschließende Offenbarung für Gläubige ist. Er will korrigieren, geraderücken und sozusagen den letzten Punkt setzen, und zwar Punkte der Ethik, des Zusammenlebens, des Verhaltens. Es geht darum, die junge muslimische Gemeinschaft zu leiten, ihr Wissen in Bezug auf die Vergangenheit zu korrigieren und sie so vor ähnlichen Erfahrungen und Fehlern zu warnen. Die Erzählungen über die alten Propheten waren den damaligen Arabern durchaus bekannt, denn die Mekkaner lebten ja nicht isoliert.

     Der Zweck dieser Erzählungen im Koran ist die Rechtleitung der damaligen gegenwärtigen Adressaten, nicht die Ablehnung vergangener Völker wie heute besonders die Juden. Es ist eine Herausstellung positiver wie auch kritischer Verhaltensmuster. So finden wir im Koran an keiner Stelle, dass es da heißt: ‚Muslime sind gut, die Anderen nicht‘.

     Auch Muslime werden im Koran kritisiert wie z.B. in Sure Nisa: Vers 75: „Und was ist mit euch, dass ihr nicht auf Allahs Weg kämpft und für die Unterdrückten von den Männern und den Frauen und den Kindern…“ Selbst der Prophet Muhammad wird da nicht ausgelassen, wie es die Sure 80:1-4 verdeutlicht: „Er runzelte die Stirn und wandte sich ab, weil der Blinde zu ihm kam. Was aber ließ dich wissen, dass er sich nicht läutern wollte oder Belehrung suchte und die Belehrung ihm genützt hätte? Was aber den betrifft, der glaubt, auf niemand angewiesen zu sein, den empfängst du, ohne dich daran zu stören, dass er sich nicht läutern will!“

       Die Geschichte beider Religionen nahm ihren Anfang mit Abrahams Söhnen Ismael und Isaak, beide waren aufeinander voller Eifersucht, Neid und sicher auch gegenseitiger Furcht. Dennoch gab es nach dem Sterben ihres Vaters ein gewisses Arrangement; ein Nebeneinander war möglich.   

       Mit dem Werk von Abraham Geiger: „Was hat Muhammad aus dem Judentum aufgenommen?“ begann um das Jahr 1833 eine neue, intensivere Koranforschung. Geiger erkennt im Koran ein vielfältiges Echo jüdischer Traditionsliteratur.  Der Koran ist damit für ihn strukturanalog zum Christentum im Mutterschoß des Judentums geboren. Damit repräsentierte für ihn der Koran nicht das Fremde, sondern er ist Teil einer gemeinsamen Geschichte, in der der Koran Zeugnis klarer jüdischer Lebendigkeit gibt. Und nichts spricht heute dagegen.

    Dennoch steht die Frage: Ist das Judentum Grundlage für den Islam?

Der Koran berichtet nicht von einem einzelnen Juden oder Christen. Es geht ihm und damit Gott in erster Linie darum, anhand von Erzählungen die neue, junge muslimische Gemeinschaft zu leiten, zu der sicher selbst auch Juden und Christen gehörten, ihr Wissen in Bezug auf die Vergangenheit zu korrigieren und als eine Warnung vor ähnlichen Erfahrungen und Fehlern. Der Zweck dieser Erzählungen im Koran ist nicht die Ablehnung und Herabsetzung vergangener Völker und damit auch die Juden, sondern die Rechtleitung der gegenwärtigen Adressaten, also die junge Gemeinschaft in Mekka.

    Welche Verse zielen besonders darauf hin? Heute möchte ich mich nur auf die Verse beziehen, die zu den Mekkanern gesandt wurden.

     Diese Zeit der Verkündigung des Korans war besonders geprägt durch Themen wie den Glauben an den Einen Gott, dem in dem Diesseits handelnden Schöpfergott, wie auch die Auferstehung, des Gerichts im Jenseits. Diese Themen sind auch Inhalt jüdischer Traditionen.

     Aber Gott will durch den Koran nicht die jüdische Tradition stärken, sondern er setzt sich mithilfe dieser Themen mit den andersgläubigen Mekkanern auseinander, die diese neue Botschaft durch den Propheten Muhammad vorerst ablehnten und Muhammad mit Spott begegneten. Ihr aggressiver Widerstand gegen Muhammads Verkündigungen richtete sich vor allem auch auf die Befürchtung des Verlustes ihrer sozial-politische Macht in Mekka.

    Heute teilt man die Zeit von Mekka in eine frühmekkanische Phase als die erste Phase der Verkündigung religiöser Botschaften; in mittelmekkanische Periode, die Bezug zu jüdischen Traditionen nimmt und eine spätmekkanische Periode.  

     Wie ein roter Faden zieht sich der Hinweis auf die früheren Botschaften als Bestätigung der Botschaft Muhammads und des Monotheismus durch den Koran. So weist der Name der Sure Al-A’la -Der Allerhöchsteschon darauf hin: In den Versen 18-19 heißt es: „Wahrlich, all dies ist fürwahr in den früheren Offenbarungen gesagt worden, den Offenbarungen von Abraham und Moses.“ Der Gegenspieler von Moses ist der Pharao, die Gegenspieler und Widersacher von Muhammad waren seine Ablehner. Der Koran zieht damit eine Parallele zwischen Moses und Muhammad und zugleich zum Machtgefüge zwischen Pharao und den Mekkanern.

     Ab der mittelmekkanischen Phase kommen die Prophetengeschichten der jüdischen Vergangenheit immer stärker zum Einsatz. Wichtig ist dabei, auch für uns heute, ein würdigender und achtender Kontext zu den Banu Israel, den Kindern Israels, wie die Juden ab jetzt im Koran benannt werden. Ebenso standen jetzt die Prophetengeschichten im Vordergrund, besonders die Themen, die seine Verkündigungen befürworten. Dazu gehörte die Offenbarung des Gottes Israels, der Auftrag der prophetischen Verkündigung und das Gericht Gottes im Jenseits. Es war wichtig, dass sich eine kontinuierliche Linie über die jüdische, sowie auch die christliche Tradition zu Muhammad hinführte. Er sollte ja nicht als ein Stifter einer neuen Religion angesehen werden, sondern als ein Fortsetzer in der Reihe der Botschafter Gottes. Der Koran spricht von Muhammad als den Erinnerer, als Mahner. In der Sure 88:21 heißt es: „Und so ermahne sie, deine Aufgabe ist nur zu ermahnen.“ Das heißt: die Würdigung der jüdischen Traditionen, um neue Traditionen aufzubauen. Muhammad beabsichtigte keinesfalls einen Bruch mit dieser langen jüdischen wie christlichen Tradition, sondern er wollte darauf aufbauen. So wirkt z.B. die Sure Nuh (Noah) nicht nur als eine bloße Erzählung der Handlungen des Propheten Noah, sondern sie gilt als Fortsetzung und Bestätigung des Auftrages Muhammads als Prophet.

    Beider Leben werden im Koran immer wieder gegenübergestellt: Beide werden im Koran von Gott als die Warner und Ermahner bezeichnet, beide haben ihr Volk zum Glauben an den Einen aufgerufen und beiden wurden mit Spott begegnet. Im fünften Buch des Pentateuch: 4,6-7 ist zu lesen: „Höre, Israel!  der Herr, unser Gott ist ein einziger Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“  Im Koran in der 23. Sure al-Mu’minun – Die Gläubigen, Verse 23-24 heißt es: „Und Wir entsandten fürwahr Noah zu seinem Volk und er sagte: ‚O mein Volk! Dient Gott. Ihr habe keinen anderen Gott als ihn. Wollt ihr nicht gottesfürchtig sein?‘ Da sagten die Vornehmen aus seinem Volk, die Leugner waren: ‚Dies ist nur ein Mensch wie ihr, der sich über euch erheben will. Hätte Gott uns warnen wollen, wahrlich hätte er Engel gesandt…‘ Unser Glaubensbekenntnis sagt unter anderem: …keine andere Gottheit als den einen Gott.“ – Und das Fundament des jüdischen Glaubens besagt: Höre Israel, JHWH ist unser Gott, Er ist einzig.

    Noch ein Vergleich: Das Hauptthema der Sure 20 At-Ta Ha ist die Rechtleitung durch Gottes Propheten und die in den offenbarten Religionen innewohnende Wahrheiten sind identisch. Die Hauptrolle spielt hier Moses. Im Vers 14 offenbart sich Gott ihm mit den Worten: „Ich bin Gott! Es gibt keinen Gott außer mir.“ Dass Gott der allmächtige Schöpfer ist, eine der Kernbotschaften des Korans und beschreibt Moses vor dem Pharao so: „Er ist der Herr von Himmel und Erde und dem, was dazwischen ist.“ (26:24)

Auch in der spätmekkanischen Periode setzen sich Spannungen zwischen Moses und dem Pharao und auch vermehrt zwischen Moses und seinem Volk fort. Ein Beispiel: In der 40. Sure Al-Rhafir – Der Vergebende:41 ruft Moses: „O mein Volk, wie geschieht mir, wenn ich euch zur Rettung rufe, indessen ihr mich zum Feuer ruft!“ – Eine Parallele zwischen Muhammads Leugnern und den Leugnern der Botschaft Moses, bzw. allen früheren Botschaftern.

      Indem auf alttestamentarische Figuren zurückgegriffen wurde, zeichneten sich die Hauptlinien der Struktur der koranischen Prophetengeschichten ab und damit ist die Basis für eine fortwährende Verkündigung des Korans gelegt.  Mouhanad Khorchide sagt dazu: Die Bestandteile der Geschichte sind: 1. Gott schickt einen Gesandten zu einem frevelhaften Volk mit der Botschaft: Gott alleine anzubeten und ungerechtes Handeln zu unterbinden. 2. Das Volk wird vor einer göttlichen Strafe gewarnt, und dazu angehalten, sich zu bekehren. 3. Der Großteil des Volkes folgt dem Gesandten nicht und riskiert damit die Strafe. 4. Die Frevler aus dem Volk, die dem Propheten nicht folgen, erliegen der Strafe und der Prophet wird samt seiner Gemeinde aus der Katastrophe errettet.

    Diese Aufstellung soll an erster Stelle die Empfänger von Muhammads Getreuen davor warnen, dass auch sie vor Gottes Strafe nicht gefeit sind, wenn sie seine Verkündigungen nicht akzeptieren. Sie gibt aber auch für sie Hoffnung.

      Zusammengefasst: Der Koran zeichnet ein zwiespältiges und doppeldeutiges Bild vom Verhältnis des Islam zum Judentum ab. Einerseits übernimmt und benutzt er als Teil der Verkündigung von Muhammad besondere Prophetengeschichten aus dem Alten Testament und würdigt damit insbesondere Moses und Noah und die Kinder Israels. Andererseits gibt es im Koran etliche Stellen mit zum Teil sehr kritischen Auseinandersetzungen mit einigen jüdischen Gruppierungen besonders in Medina, auch wenn der Koran der medinensischen Zeit des Weiteren die jüdische Religion mitsamt den alttestamentarischen Erzählungen würdigt und anerkennt. Aber davon in einer nächsten Predigt.

    Die Kritik des Korans zielt nicht auf einzelne jüdische Völker oder einzelne Personen ab, sondern auf ihre religiöse und moralische Entwicklung, auf Verfehlungen und Versäumnisse. Das Ziel sollte sein, aus den alten Geschichten zu lernen, um Bedingungen zu schaffen, das Leben in einer Gemeinschaft auf ein höheres Level der gesellschaftlichen Moral und rechtem Handlungen zu heben.

 Und das gilt auch heute noch.

Manaar

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