20.08.2021

Gläubig, religiös, spirituell?

Immer mal wieder habe ich das Gefühl, dass viele Leute alle drei Eigenschaften in einen Topf werden. Sie unterscheiden nicht. Gibt es überhaupt einen Unterschied?

Beginnen wir mit spirituell sein, als das Tätigsein unseres Geistes. Ich hatte vor Kurzem darüber gesprochen. Spiritualität ist eine Bewusstseinsrichtung, die jenseits der materiellen und tatsächlichen Wirklichkeit erlebt wird. Dieses Bewusstsein kann eine Form der Religiosität sein, setzt aber kein spezielles Weltbild und Sinnesrichtung voraus.

Spiritualität ist demnach eine unmittelbare persönliche Erfahrung, bei der das Herz, die Seele angesprochen wird. Es ist ein innerliches Erleben einer sinnlich und körperlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren Wirklichkeit.  Viele Gläubige denken, spirituell sein ist nur etwas für gläubige Menschen. Jeder kann aber spirituell sein, der vielleicht andere mitreißen kann, vielleicht mit tollen Ideen, ein Dichter mit seinen Gedichten, ein Musiker, ein Gärtner. Sie alle äußern sich durch ihre eigene Ausdrucksform.

Spirituell sein heißt also innerlich etwas fühlen, mit dem Herzen fühlen, es lässt sich aber kaum erklären. Es gibt dementsprechend keine Aussagen mit einem logischen Wahrheitsgehalt und ist sprachlich nicht kommunizierbar.

Ich hatte mal versucht, jemandem mein Gefühl zu erklären. Das ging gerade noch so. Wollte ich dieses Gefühl aber aufschreiben, wäre das nicht mehr innerlich.

Man kann also mit jemandem tolle Gespräche über seine inneren Empfindungen führen, ohne dabei gläubig zu sein oder einer Religion anzugehören. Es bleiben aber nur Worte, innere Gefühle kann man schlecht mit Worten auskleiden. Ich kann jemandem liebevolle, innere, Gefühle entgegenbringen, ohne dabei Gott im Sinne zu haben.

Es ist einfach eine innere Verbundenheit und Verständnis mit einer Person oder auch mit der Natur. Ich bewundere in der Natur wahrscheinlich am meisten die Rose, in ihrer Vielfalt, Farbe, Duft. Ich bin dann, wie man so schön sagt, hin und hergerissen. Auch wenn ich Gott dafür danke, für diese Schönheit der Natur, ist es in dem Moment einfach das Sinnbild der Schönheit für mich, ein tolles erhabenes inneres Gefühl. Ich gebe zu, Gott und Gefühle zu trennen, ist nicht einfach, weil Gott allgegenwärtig ist. Aber manchmal ist es auch die einfache, pure Freude, die man empfindet.

Ausdrucksformen für Spiritualität können sein: Mitgefühl, Liebe, Toleranz, Dankbarkeit, bewusster Umgang mit anderen und mit sich selbst. Erkenntnis, Einsicht, Geborgenheit, Ehrfurcht, Gebet und Meditation, Gottvertrauen.

Meine große Bewunderung gilt denen, die aus Tönen und Rhythmen eine Melodie und Musik hervorbringen, in der ihre ganz eigene Seele mitschwingt und meinen eigenen Geist oder Seele mitzieht.

Was ist nun Glaube? Das Wort Glaube kommt aus dem Indogermanischen und bedeutet so viel wie ‚begehren‘ oder ‚lieb haben‘. Glauben hat also die Bedeutung, auf etwas zu vertrauen und es für wahr zu halten. Das muss nicht Gott oder eine übergeordnete Macht sein, das können auch Werte, Richtlinien, Meinungen, eine Idee oder auch Menschen sein, an die man glaubt und daran festhält. Jeder Mensch kann an etwas glauben, innerhalb oder auch außerhalb einer Religion.

Spiritualität ist eine Lebenseinstellung, bei der der spirituelle Gläubige als Suchender seines „göttlichen“ Ursprungs bewusst ist und eine Verbundenheit mit Gott, mit der Natur und dem Menschen spürt.

Was hat es nun in unserem Sinn mit „gläubig sein“ auf sich? Eigentlich ist jeder Gläubige, der an unseren Gott glaubt, ob Jude oder Christ, ein Muslim. Denn Muslim zu sein, bedeutet nur an Gott zu glauben.

So sagt Gott durch die Sure 49:14 zu den früheren Vielgläubigen in Mekka: „Die Wüstenaraber sagen: ‚Wir glauben!‘ Sprich: ‚Ihr glaubt nicht (wirklich). Sagt vielmehr: Wir sind Muslime!‘ Und der Glaube ist noch nicht in eure Herzen eingedrungen…“ 

Nur wer mit dem Herzen glaubt, kann diese starke Forderung von Gott auch ausfüllen. Das bedeutet ebenso, alle Gläubigen zu beachten und zu respektieren. 

Wenn Gott mit der Ansprache an die Gläubigen beginnt, wie z. B. „Oh ihr, die ihr glaubt…“ oder …die ihr Glauben erlangt habt…“, meint er immer diejenigen, die mit dem Herzen glauben. Denn er knüpft damit Bedingungen an, die erfüllt werden sollen. Es ist also Handlungsbedarf, nicht nur das Herz, die Seele wird angesprochen, sondern die Tat mit dem Herzen. Es bedeutet also viel mehr als nur gläubig zu sein, deshalb spricht der Koran auch meist die Mu’mine an. Der Begriff ‚Gläubiger – Mu’min‘ beschreibt einen Muslim, der von seinem Glauben überzeugt ist. Die 8.Sure ‚Al-Anfal‘, Vers 2 besagt: „Gläubig sind wahrlich diejenigen, deren Herzen erbeben, wenn Allah genannt wird und die in ihrem Glauben gestärkt sind, wenn ihnen Seine Verse verlesen werden, und die auf ihren Herrn vertrauen.“ Das Herz empfindet also Ehrfurcht, wenn Gott erwähnt wird. 

Glaube, gläubig sein kann bedeuten, mit fester Zuversicht glauben an das, was man erhofft. Es ist ein Überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht oder erkennt.

Ich kann an vieles glauben, z.B. Ich glaube, dass es heute regnet, ich glaube, wir können nach dem Gebet über meine Predigt bestimmt viel diskutieren. Glauben bedeutet hier nur eine Vermutung, eine Mutmaßung, eine Meinung. Es klingt anders, wenn ich sage: Ich glaube, dass ich heute Nacht gut schlafen kann, eben, weil vielleicht die Vorbedingungen gut sind, als wenn ich sage: Inscha Allah, wenn Gott will, dann schlafe ich heute gut.  Es ist ein Hoffen und Fühlen, dass es Gott gut mit mir meint. Es ist ein Überzeugt sein von Gott und führt im Islam zum Glaubensbekenntnis hin als der religiöse Glaube an die Allmacht Gottes. 

„Glaube“ bedeutet also für mich ein tiefes Vertrauen darauf, dass es Gott gibt. Das gibt mir das Gefühl, niemals wirklich allein zu sein. Nicht nur im Gebet kann ich mich an Gott wenden mit Dank und Bitten, immerzu. Ich kann mit ihm in Gedanken streiten, er wird dennoch immer an meiner Seite bleiben.

Die 16. Sure an-Nahl, Vers  97 sagt aus: „Dem, der recht handelt – ob Mann oder Frau – und gläubig ist, werden Wir gewiss ein gutes Leben gewähren und Wir werden gewiss solchen Leuten ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen.“

Und nun zu unserem heutigen Verstehen von Religiös sein: Es bedeutet für die Menschen, zu allen Zeiten, Orten und Kulturen eine Orientierung, Sinn und Ausrichtung ihres Lebens jenseits der unmittelbaren erlebbaren Wirklichkeit zu erlangen.

Religiosität bezeichnet eine tiefe Ehrfurcht vor dem Empfinden, dass alles auf einer ganzheitlichen, aber nicht erklär- oder beweisbaren Wirklichkeit beruht. Albert Einstein sagte dazu: „Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität.“ 

Religiosität bezeichnet sozusagen die Fähigkeit des Menschen, sich der Vorstellung von einer Wirklichkeit im Jenseits bzw. eines Gottes zuwenden zu können. Religiosität ist knapp gesagt: die menschliche Einstellung im Gegenüber zu einem transzendenten Verständnis. 

Kommen wir nun zur Religion: Sie beinhaltet einen wachsenden, kulturellen Prozess für unterschiedliche Weltanschauungen und deren Interpretationen durch Verhalten, Handeln, Denken, Wertevorstellungen eines Menschen und Grundlage eines Glaubens an bestimmte übersinnliche Kräfte oder Kraft. Kurz gesagt: Religion ist ein Machtinstrument und setzt einen Rahmen.

Nun zum Begriff Religion: Er hängt einmal vom lateinischen Substantiv religio ‚gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt’, und vom lateinischen Verb relegere ‚bedenken, achtgeben’ ab. Es bedeutet sozusagen eine gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorschriften. Eine Religion vertritt einen Glauben an eine als existent vorausgesetzte überirdische, heilige, göttliche Macht. 

Sie gilt als ein durch Lehre und Satzungen festgelegter Glaube und sein Bekenntnis, der von einer größeren Gemeinschaft angenommen wird. Der Glaube selbst, in seiner Beziehung zu Gott als dem höchsten Gut, wird zu einem Wert. Die Grundsätze und Werte einer Religion müssten sein: Die Unverletzlichkeit der Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses und die Gewährleistung der ungestörten Religionsausübung. Sie setzt sozusagen einen Rahmen und wie Ibn Sina im 11. Jh. ausdrückt: ein regulatives Element einer Gemeinschaft. Sie ist eine Art Gesetzgebung für das einfache Volk.

Die Religion gibt Verhaltensregeln, Rituale, Gebote und Verbote vor, während die Spiritualität keine Regeln hat und sagt, wer du bist und wo du stehst und lässt dich eigene Wege gehen und denken. 

Oft basiert eine Religion auf Angst, weniger auf Liebe, während du in deiner Spiritualität eigene Erfahrungen erlebst auf der Basis einer Liebe und Achtsamkeit. Du erlebst dein Ich ganz anders in der Beziehung zu Gott und wirst zu seinen Gesprächspartner, nicht Diener. Spiritualität und Religiosität stehen also in Beziehung, wenn Religiosität spirituelle Erlebniswerte aufzeigen, z.B. das Gefühl von Gottesnähe, Frieden in sich selbst und mit anderen.

Eine Religion, die zu einem kollektiven und gedankenfreien Bewusstsein führt und tiefe Spiritualität akzeptiert, darf nicht auf der Basis von Angst herrschen, muss andere Religionen als gleichwertig betrachten und den Menschen nicht zum Diener Gottes, sondern zu seinem Partner in Liebe und Verantwortung machen. 

Ein spiritueller, gläubiger und religiöser Mensch sollte die Möglichkeit haben, innerhalb seiner religiösen Strömung mit all seinen Regeln und Pflichten und mit Liebe und Hingabe zu seinem Gott, seine Gedanken, Hoffnungen und Gefühle frei entfalten können. So möchte ich zu einem Islam gehören, in der ich als Frau mit all meinen Schwächen und Stärken in einer motivierten kollektiven Gemeinschaft akzeptiert werde. 

Ich möchte euch mit einem Vers aus der Sure ar-Ra’d, (13:28) alles Gesagte zusammenfassen: „Es sind jene, die glauben und deren Herzen Trost finden im Gedenken an Allah. Wahrlich, im Gedenken Allahs werden ihre Herzen ruhig. 

Dieser Vers spricht von einem religiösen und tief spirituellen Gläubigen. Zum Abschluss ein Gedicht von Ibn al-Arabi, der einmal über Gottes Reichtümer schrieb: 

Oh welche Herrlichkeit: 

Ein Garten – inmitten der Flammen! 
Mein Herz ward fähig jede Form anzunehmen: 
Eine Weide für Gazellen, 
Ein Kloster für Mönche,
Der Götzen Tempel, 
Die Ka‘ba der Pilgernden,
Die Gesetzestafel der Thora,
Und die Blätter des Qur‘ân.
Ich folge der Religion der Liebe:
Welchen Weg die Kamele der Liebe auch einschlagen:
Dort ist meine Religion, dort ist mein Glaube. 

Manaar

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