04.12.2020

Islamische Kultur und Kunst

Alles, was vom Menschen gemacht ist, ist Kultur. Es gibt positive und negative Kulturen. So gehören auch die Gesellschaft und Wissenschaft zur Kultur. Und Kultur und Kunst, durch den Menschen gestaltet, gehören zusammen, denn der Mensch sah sich immer als Teil der Natur, der Schöpfung Gottes.
Abdul Salam, einer der wenigen muslimischen Nobelpreisträger (in Physik), gestorben 1996, sagte einmal: „In allen Zeiten auf dem Planeten ist die Wissenschaft in den Staaten des Islams am schlechtesten. Die Gefahr dieser Schwäche kann man nicht deutlich genug betonen, denn das ehrenvolle Überleben einer Gesellschaft hängt unter den Umständen der gegenwärtigen Zeit unmittelbar von ihrer Wissenschaft und Technologie ab.“ Es gab aber eine Zeit, da waren die Araber bzw. die islamische Gemeinschaft der große Kulturträger. Was ist davon geblieben?
Die islamische Kultur findet ihren Beginn im Koran und auch in der Sunna unseres Propheten Muhammad. Ihr Ziel war und ist heute noch, die Botschaft des Korans in bester Weise zu verstehen und umzusetzen. Die Geschichte des Islam besitzt eine reiche Kunst- und Kulturgeschichte und ist heute in vielen Bereichen des islamischen Lebens sehr lebendig und hat großen Einfluss darin.
Kunst im Islam bedeutet nicht, das Werk eines einzelnen Künstlers hervorzuheben, sondern sie will auf die Schönheit und Vollkommenheit der Schöpfung Gottes aufmerksam machen. Der Künstler, wie z. B. ein Schnitzer, der eine Arabeske, ein Rankenornament vielleicht für eine Tür schnitzen möchte, wird bemüht sein, sein Werk in der ihrer inneren Natur gemäßen Weise zu gestalten. Die innere Natur bedeutet die Art und Aufbau und auch die unsichtbare Schönheit der Materie, was von Gott erschaffen wurde, herauszuarbeiten. Er wird sich stets bewusst sein, dass Gott Selbst schön ist und das Schöne liebt. Aus dem Grund wird er mit seinem Werk sich Ihm ergeben nähern und Ihn damit ehren und Ihm auch dankbar sein, weil Gott ihm das Verständnis für Schönheit und Talent gegeben hat.
In der Sure An-Nahl, die Biene, Vers 13 heißt es: „Und all die Schönheit von Farben, die Er für euch auf Erden erschaffen hat, darin ist eine Botschaft für Leute, die sie sich zu Herzen nehmen.“ Gott stellt sich hier als der Verschönernde, der die Welt verschönert. Gott verlangt von uns nicht, dass wir Gleiches tun, aber wir können Ihn als unser Vorbild annehmen und versuchen durch unser Gestalten Ihm nahe zu kommen, Ihm gerecht zu werden, die Welt mit unseren Farben und Geschick zu verschönern, auch durch Kunst wie Bilder und Musik.
Das Ziel ist: Das Wissen um die Kunst, egal ob es Malerei, Kalligrafie, Buchkunst oder Musik, an andere Menschen weiterzugeben. Es ist wie eine immaterielle Abgabe, eine Sadaqa, zu der eigentlich jeder Muslim verpflichtet ist.
Irgendein Verbot von Musik und Gesang findet im Koran keine Grundlage und ist deshalb durch irgendwelche Islamgelehrten nicht gerechtfertigt. Im Gegenteil: In der Sure Al-A’raf, Die Unterscheidungsfähigkeit, Vers 32 verdammt Gott erfundene Verbote: Er sagt: „Sprich: „Wer hat die schönen Dinge Gottes verboten, den Er für seine Geschöpfe hervorgebracht hat und die guten Dinge der Versorgung?‘ Sprich: ‚Sie sind den Gläubigen im Diesseits erlaubt, und im Jenseits sind sie für die, die Glauben erlangt haben bestimmt.‘“ Oder in Sure 31:6, Sure Luqman: „Aber unter den Menschen ist mancher, der ergötzende Unterhaltung einhandelt, um andere vom Weg Gottes ohne Wissen abirren zu lassen und ihn zum Gegenstand des Spottes zu nehmen. Für solche ist eine schmähliche Pein bestimmt.“ Ergötzend bedeutet hier eigentlich nur ein allgemeiner Zeitvertreib, aber alles andere vergessend, auch Gott.
Die Kunst hat sogar eine wichtige Funktion bei der Herausbildung einer muslimischen Identität. Da der Islam den Menschen zu einer ganzheitlichen und umfassenden Gestaltung seiner ihn umgebenden Welt im Geiste der bedingungslosen Ehrfurcht und Liebe zu übermittelten Offenbarung auffordert, gibt es in der islamischen Kunst keine Trennung zwischen dem sakralen und profanen Bereich, also dem religiösen und weltlichen Bereich. Der Islam durchdringt dementsprechend das Leben in all seinen persönlichen und öffentlichen sowie geistigen und materiellen Darstellungen und Äußerungen, so auch in der Kunst wie darstellende und bildende Kunst. Ein Künstler gibt die Schönheiten Gottes Schöpfungen wieder, er widerspiegelt sozusagen diese Schönheiten in und durch seine Werke.
Dennoch gibt es Meinungen, die solche Aktivitäten unterbinden oder gar verbieten wollen. Aber das Negieren dieser wunderbaren Aspekte im Islam bedeutet, den Islam in seiner Ganzheit nicht verstanden zu haben. Denken wir nur an die Kunst der Kalligrafie, die die Botschaft Gottes durch den Koran in seiner schönsten Art und Weise wiedergibt.
Musik ist eine wichtige Eigenheit des Menschen, die Stimme hoch oder tief, laut oder leise, schnell oder langsam zu erheben, also der Stimme eine Melodie und Rhythmus zu verleihen. Gott hat uns so erschaffen. Wer kann es da verbieten, sie in ihrer eigenen Art und Weise zu benutzen? Zieren wir nicht Gott damit beim Adhan?
Viele Überlieferungen besagen, dass Musik hören, Singen und Tanzen demnach besonders bei festlichen Anlässen, wie dem Opferfest (Id al-Adha), Hochzeiten, Geburt und der Rückkehr von Reisenden sogar ausdrücklich erlaubt waren. Dennoch muss es immer wieder eine lang anhaltende Debatte zwischen islamischen Theologen gegeben haben. Gegen die lange Tradition, Musik und Gesang pauschal zu verbieten, argumentiert al-Ghazali (gest. 1111) in differenzierender Sichtweise. Für ihn sind die innere Einstellung, die Absicht, der Inhalt und die Situation wichtige Kriterien für das Hören von Musik. Er erlaubt ausdrücklich Musik, wenn sie in einem Kontext ohne Laster und Unzucht gespielt wird und besonders dann, wenn sie als Mittel der Meditation und zur Heilung dient. Noch heute sind Fundamentalisten, wie Wahhabiten und Salafisten, am radikalsten in ihrem Urteil über Musik. Nur der Nashid ist gestattet, bei anderer Musik gilt für sie der Teufel als Urheber. Naschids werden gesanglich meist ohne Instrumenten von Männern vorgetragen, sie zeichnen sich durch religiöse Inhalte wie beispielsweise die Lobpreisung von Allah, des Propheten, des Daseins als Muslim oder des Ramadan aus. In der salafistischen Islamistenszene sind sogenannte „Kampf-Naschids“ als Propaganda- und Kampflieder für den gewaltsamen Dschihad gegen die sogenannten Ungläubigen verbreitet.
Der Gelehrte Said Nursi, gestorben 1960, stellte fest, dass man Musik, auch mit Instrumenten, nach dem beurteilen muss, welche Aktionen und Aktivitäten sie in dem Menschen auslösen und Gutes oder Negatives bewirken. Was sie hervorruft, kann missbilligend oder gar verboten oder erlaubt sein. Eigentlich soll Musik Freude bereiten, aber das ist so nicht immer. Ein Lied oder ein Intrumentalwerk kann auch zum Töten aufrufen. Und der solches bejaht, befindet sich auf einem schlechten Weg.
Ein Bilderverbot im Islam war eine früher weitverbreitete, aber in keiner Weise zutreffende Meinung. Ein Bild wurde als etwas nicht Notwendiges angesehen, welches den Gläubigen nur vom Weg zu Gott ablenken würde. Aber dennoch fand die Darstellung, oder besser gesagt, die Abbildung der Natur durch figürliche, gegenständliche und malerische Gestaltung statt. Denken wir nur an die schönen indischen und iranischen Malereien. Daraufhin verbot man Darstellungen aller Wesen mit einer Seele, alles andere galt als erlaubt. Als aber die Fotografie aufkam, betrachtete man ein Foto als eine ‚Fixierung der Schatten‘. Als ich Ägypten nach der Berechtigung der Fotos des Präsidenten fragte, damals die von Mubarak, die überall die Wände der Büros zierten, erhielt ich die Antwort: Es ist nur ein Brustbild, die ganze Person wird nicht dargestellt. Ja, so kann man auch ein gedachtes Verbot bzw. deren Anwendungen übergehen.
Hat nicht der frühere Mensch in den Jahrtausenden seiner Entwicklung sich und seine Umwelt, also seine Jagdbeute, durch Felszeichnungen beschrieben, so dass wir uns heute ein gedankliches Bild von seinem Leben machen können? Ebenso war vielleicht Musik und Tanz eine ganz natürliche Reaktion und Ausdruck einer beginnenden Gesellschaft und Ausdruck einer Anrufung eines Gottes? Viele Höhlenmalereien zeugen davon, dazu gehört auch eine rund 40 000 Jahre alte Flöte mit Löchern, die in einer Höhle in der Schwäbischen Alb gefunden wurde.
Bis heute spielen die Sufi-Orden wie z. B: die Naqschbandi eine große Rolle. Mit ihren stillen und lauten Dhikr, Gedenken an Gott, durchdringen sie ihren Alltag mit verschiedenartigen Gesängen und instrumentalen Begleitungen, auch heute hier in Deutschland. In Usbekistan hat das historische Erbe der Naqschbandi sogar nach dem Ende der Sowjetunion eine bedeutende Aufwertung erfahren. Ihre Ethik wird von offizieller Seite als zentrales Element der nationalen Kultur angesehen. Ich selbst hatte das Grab von Bahauddin Naqschband bei Buchara, das zum Nationaldenkmal erhoben wurde besucht.
Und beschreiben wir nicht auch nur unsere gedankliche Welt in Bildern, Fotos, Filmen? Sie sind einfach Ausdruck unserer Welt, in der wir leben und unser Verständnis für die Schöpfung Gottes. Für mich bedeutet jede Malerei ein Dankeschön an Gott.
Ein Bild, egal wie hergestellt, ist ein konkretes Produkt des Menschen und indirektes Gottesprodukt durch die verwendeten Materialien. Deshalb ist der Mensch verantwortlich für die Aussage eines Bildes oder einer Musik, einerseits durch seine Willensfreiheit und andererseits von Anfang an durch Gott vorherbestimmt.
Ich denke, gerade weil die Künstler – und für mich kann ich das auch sagen – versuchen, das Beste mit unserem Können für unsere Arbeit zu geben, fühlen wir in uns eine Glückseligkeit und emporgehoben, gleichzeitig fühlen wir Gottes Gegenwart und Schönheit und danken Ihm für das Geschenk dieser Kunst. Für mich und sicher für viele andere islamische Künstler käme eine Ablehnung dieser Kunst eine Ablehnung Gottes gleich.
Ich bewundere gerade durch mein Malen das Erschaffen Gottes und verstehe so auch die Aussagen des Korans viel besser. Ein Berg, den ich male, wird für mich lebendig, indem er mir vielleicht mitteilen will, wie tief seine Wurzeln in die Erde hineinragen, so wie es auch im Koran steht.
Ich kann durch eine Landschaft gehen und sie bewundern. Aber durch das Beschäftigen mit den Mitteln der Malerei dringe ich tiefer in das Schaffen Gottes ein und stelle so eine Verbindung zu Ihm her, gerade, weil ich weiß, dass meine Malerei immer unvollständig bleiben wird. Aber ich bemühe mich und komme Ihm dadurch näher. Dieses Näherkommen kann jeder Mensch selbst bestimmen und auch zulassen durch sein eigenes Schaffen und Bemühen.
Gott stellt sich im Koran als der Liebende und Barmherzige dar und nicht wie heute noch in autoritären Gebieten durch eine strafende Seite von Gott, um Gehorsam zu den herrschenden Familien im Namen Gottes zu erzwingen. Zur Liebe gehört auch Frieden, Schönheit, Freude. Musik und Tanz kann Ausdruck von Freude und Schönheit sein. Und kann man bei erzwungenem Gehorsam wirklich echte Freude, Frieden oder Schönheit erleben? Vielleicht ist es ein Grund, warum dort Musik und Tanz, eben Freude nicht willkommen ist?
Ich erschaffe materiell nichts Neues, es ist nur eine ideelle Vorstellungskraft, die ich nutze und stehe dadurch nicht in Konkurrenz zu Gott. Ich habe nur ein Bild vor Augen, das ich umsetze. Ein Musiker oder Sänger setzt nur die Vorstellungskraft eines Komponisten mit seinen Mitteln, dem Instrument bzw. die Stimme um.
Aber eins verstehe ich nicht, warum hatten früher die Prediger nichts dagegen, wenn man säbelrasselnd und mit aufschreiender Musik in den Krieg zog?
Gott beschreibt im Koran das Werden und Vergehen der Natur. Und nichts kann ich dieses Wunder besser beschreiben als durch meine Malerei.

Manaar

 

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