Kranzniederlegung in Dresden 01.11.2020

 
Am 01.11.2020 legte Seyran Ateş im Namen der Moschee einen Kranz nieder und hielt eine Rede.

Lieber Lebenspartner des Ermordeten

Liebe Menschen,

vielen Dank an den Christopfer Street Day Dresden e.V., dass sie diese Veranstaltung heute hier machen und dass ich hier reden darf. Als Muslimin. Vielen Dank an die Vorredner, denen ich mich vollkommen, absolut anschließen kann.

Ich stehe auch hier in Trauer und Wut, genau wie Sie.

Liebe Menschen, ja als Menschen stehen wir hier und als Menschen trauern wir um einen Menschen. Und um den sollte es in erster Linie gehen.

Dennoch ist die Trauer und die Wut, die Verzweiflung und der Ärger ganz stark gerichtet auch an die Tat und den Täter und die, die es nicht verhindern, die die ihm zusprechen, die applaudieren und es begrüßen.

Ich stehe hier und frage mich, warum nicht zehntausende hier zur Schweigeminute erschienen sind? Das macht mich traurig. Ich bin wütend warum nicht Millionen Menschen bundesweit auf die Straße gehen, um gegen den politischen Islam, gegen islamistischen Terrorismus und für die Opfer, für die Menschen trauern. Wo seid ihr Millionen schweigenden Menschen, die nicht an den Menschen denken, der hier sinnlos getötet wurde.

Mein Ärger und meine Wut sind groß, weil im Sommer dieses Jahres, nach der Ermordung des schwarzen George Floyd bei einem Polizeieinsatz in den USA, auch in Deutschland zehntausende Menschen auf die Straße gegangen sind und zurecht „Black lives matter“ gerufen haben. Es gibt also in Deutschland viele Menschen, die sehr sensibel sind, wenn es um Menschenrechte, um Menschenleben geht.

Nun ist hier in Dresden, in unserem Land, ein Mensch bestialisch aus dem Leben gerissen worden und die Reaktionen fallen mehr als beschämend und erschreckend leise bis still aus.

Hier stehe ich und ich rufe allen zu, die sich jetzt nicht erheben, um gegen den politischen Islam denselben Widerstand zu leisten, wie gegen den Rassismus, der zur Ermordung vieler schwarzer Menschen geführt hat.

Ich verwehre mich, genauso wie alle anderen hier auch gegen den Missbrauch durch Rechts, ich verwehre mich gegen Rassismus.

Aber, und hier kommt das Aber: Deshalb sollten hier sehr viel Menschen stehen.

Denn nicht nur schwarzes, sondern auch weißes Leben zählt. „All lives matter“ ist daher meine Haltung im Kampf gegen Nazis, gegen Islamisten und jede Ideologie, die Menschen tötet. Vor allem deshalb auch Menschen tötet, weil Menschen lieben, wen sie wollen.

Menschenleben kann und darf nicht gegen Menschenleben aufgewogen werden.

In Frankreich und hier in Dresden zeigt sich wieder der politische Islam, der faschistische, menschenverachtende Islam.

Daher rufe ich – als Muslimin – allen anständigen Muslimen zu. Wo seid ihr? Seit dem 11. September 2001 zweigt eine große Mehrheit der friedlichen Muslime, während weltweit im Namen des Islam und Allahu Akbar rufend Menschen hingerichtet werden.

Ich schäme mich für euch alle, die ihr nicht da seid, alle die ihr euch nicht erhebt. Auch wenn ich Verständnis für eure Angst habe. Erhebt euch dann anonym, wenn’s sein muss.

Ich schäme mich für alle Muslime, die gerade weltweit schweigend zusehen, während Millionen Muslime Allahu Akbar rufend zu weiteren Attentaten und Boykott gegen Frankreich aufrufen.

Ich rufe daher allen Menschen weltweit zu: Kauft, kauft so viele französische Produkte wie ihr nur kaufen könnt. Zeigt eure Trauer und euer Beileid und Mitgefühl, betet für die Ermordeten und die Hinterbliebenen. Betet für Thomas.

Wo sind die vielen muslimischen Verbände? Warum bringt ihr die Millionen Muslime, die angeblich von euch vertreten werden, nicht auf die Straßen, um gegen die bestialische Ermordung von Menschen im Namen des Islam zu protestieren?

Liebe Frau Merkel, lieber Herr Steinmeier, ich kann nur hoffen, dass auch sie gegen den politischen Islam zeitnah Haltung einnehmen werden, wie Herr Macron es gerade als positives Beispiel vormacht.

Ich würde gerne darauf verzichten, hier zu stehen und zu reden. Lieber hätte ich Frau Merkel und Herrn Seehofer und Steinmeier hier gesehen. Warum lieber? Weil ich meine, dass sie hier Haltung zeigen sollten für unser Land.

Aktuell muss ich Ihnen leider „mangelnde Anteilnahme“ bestätigen und bescheinigen. Es bestürzt mich, dass Sie ein islamistisch motiviertes Attentat auf ein schwules Paar mit solch einem beredten Schweigen kommentieren.

Vielen Dank, dass der stellvertretende, der Stellvertreter des Ministerpräsidenten hier ist. Ich sage es dennoch sehr offen, er hätte hier sein müssen, hier stehen müssen. Es tut mir leid, es ist nichts gegen Sie, Herr Stellvertreter, sondern es geht mir durchs Herz, es macht mich traurig, es zeigt die Wertigkeit.

In den Medien entsteht der Eindruck, Islamismus sei ein auf Frankreich begrenztes Problem in Europa. Das ist eine falsche Sicherheit, in die man sich in Deutschland zu wiegen versucht. Morde, Zwangsverheiratungen und Gewalt dürfen niemals bagatellisiert oder verschwiegen werden.

In der polizeilichen Kriminalitätsstatistik werden Hassverbrechen gegen LSBTIQ* nicht sichtbar, obwohl es täglich Übergriffe gibt, mit einer positiven Ausnahme: die Berliner Polizei.

Der islamistische Terror und rechtsextremer Terror unterscheiden sich absolut in gar nichts. Beides muss konsequent bekämpft werden. Und das kann nur gelingen, wenn das Schweigen beendet wird. Wer wegschaut, löst das Problem nicht, sondern wird Mittäter_in.

Der Verfassungsschutz muss Homosexuellen- und Transfeindlichkeit endlich ernst nehmen, da hier die Grundrechte von Menschen in Frage gestellt werden. De-Radikalisierung junger Muslime muss oberste staatliche Aufgabe werden.

Neben der Politik sind auch sämtliche LSBTIQ*-Verbände gefragt. Warum schweigen von ihnen so viele, wovor habt ihr Angst?

Wo sind die queerpolitischen Sprecher_innen der Linken Parteien und der CDU? Ihr seid so leise. Warum?

Der politische Islam, die Muslimbrüder, überschütten Europa mit Geld, um ihre Ideologie unter anderem durch Bildung durchzusetzen. Nach dem Motto: wenn ich das System nicht ändern kann, dann gehe ich in das System, um es von innen auszuhöhlen.

Wo bleibt das Geld um mit Bildung und Forschung dem Entgegenzutreten. Der deutsche Staat macht schon was, ja, aber absolut unzureichend. Zum Beispiel wurde eine Stiftung gegründet: Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Aber die finanzielle Ausstattung ist ein Witz, meine Damen und Herren. Hier fehlt es an Ernsthaftigkeit.

In Frankreich hat man aufgehört, an manchen Schulen Inhalte zu lehren, die muslimische Schüler_innen und deren Eltern nicht wünschen. Glauben sie ja nicht, dass so etwas nur in Frankreich passiert. Auch in Deutschland gibt es leider diese Praxis.

Ich kann nur an alle anständigen Menschen appellieren, schließt euch zusammen, egal welche Hautfarbe, welche Religion, Kultur und sexuelle Identität ihr habt. Lasst uns neue Bündnisse zwischen den liberalen Muslimen und LGBTIQ* eingehen.

Glaubt mir, Millionen Muslime sind weder von Karikaturen über unsere Religion und unseren Propheten beleidigt, noch haben sie ein Problem mit LGBTIQ*, weil es genug und viele muslimische queere Menschen gibt. Glauben Sie mir.

Rumi, ein Mann, ein Muslim, ein Sufi, ein Universalist, liebte Shams, ebenso ein Mann, ebenso ein Muslim, Sufi und Universalist.

Die Liebe zwischen diesen beiden Männern war anderen Männern im Orden ein Dorn im Auge. Sie entführten Shams und ermordeten ihn, weil sie Eifersüchtig auf die Liebe zwischen den beiden Männern waren.

So entstanden aus der Feder Rumis unzählige Liebesgedichte, die nicht nur die Liebe zu Gott, sondern seine Liebe zu Shams betrafen. Und mit diesen zwei Gedichten möchte ich für Thomas und für seinen Lebensgefährten enden.

Nimm mir

O mein Geliebter!
Nimm mich,
befreie meine Seele
Erfülle mich mit deiner Liebe
Und erlöse mich von den beiden Welten
Falls sich mein Herz auf etwas anderes als auf Dich verlässt,
soll mich ein Feuer von innen verbrennen.
O mein Geliebter
Nimm mir weg, was ich will
Nimm mir weg, was ich tue
Entferne alles von mir,
was mich von Dir entfernt. (Rumi)

In der gleichen Minute

als ich meine erste Liebesgeschichte hörte,
begann ich nach Dir zu suchen.
Ich wusste nicht, wie blind das war –
Liebende treffen sich nicht irgendwann irgendwo
Sie sind schon immer verbunden. (Rumi)

Hier in Dresden wurden zwei Liebende brutal getrennt, zwei sich liebende Männer.

LASST UNS DIESEN WAHNSINN GEMEINSAM STOPPEN

 

Quelle: Bilder u.a. Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH)

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