29.01.2021

Khutba zum Thema Angst

Ich fürchte nichts außer Allah – diesen Satz lese ich immer wieder bei meinen geliebten und geschätzten Freunden jüngeren Alters.
Mit diesem Gedanken wollte ich mich schon lange auseinandersetzen. Sure 7: 154 Und als sich in Moussa der Zorn beruhigt hatte, nahm er die Tafeln. In ihrer Schrift ist Rechtleitung und Barmherzigkeit für die, die vor ihrem Herrn Ehrfurcht haben. Und ganz gewiss werden wir euch auf Erden wohnen lassen, lange nachdem sie dahingegangen sind, dies ist mein Versprechen an alle, die Ehrfurcht vor meiner Gegenwart haben und Ehrfurcht vor meiner Warnung. Denn vor Gott wirft sich alles nieder, was in den Himmeln ist und was auf Erden ist – jedes Tier, was sich bewegt und die Engel selbstt. Diese betragen sich nicht mit falschem Stolz. Sie fürchten ihren Erhalter und tun, was immer ihnen zu tun geboten wird. In der heutigen Khutba geht es um Angst und Furcht, oder Ehrfurcht. Dazu hätte ich noch viel, viel mehr zu erzählen, als in eine Khutba passt. Beginnen möchte ich mit einer kleinen Geschichte aus meinem Alltag der letzten Woche. Es folgt ein recht umfassender Teil, den man als Psychoedukation über das Thema Angst bezeichnen könnte, und der, zugegebenermaßen, ein bisschen lang geraten ist, aber in der mündlichen Version vielleicht gekürzt wird. Zum Schluss steht die Aussage im Mittelpunkt: Ich fürchte nichts außer Allah. Zuerst aber die ganz alltägliche Geschichte einer kleinen Angst. Ich habe zwei Wellensittiche, die nicht besonders helle sind. Sie keifen und zwitschern den ganzen Tag, können einen damit schier in den Wahnsinn treiben und flattern ziemlich viel in ihrem Käfig umher. Neulich machte mich meine Tochter darauf aufmerksam, dass einer von ihnen eine seltsame Akrobatiknummer hinlegte. Er hing mit einer Kralle am Käfiggitter, mit der anderen an einem Seil, das fast mittig im Käfig befestigt war. Zirkusreif, dachte ich, bis mir auffiel, dass er das nicht freiwillig tat, sondern weil sich eine seiner Krallen im Seil verfangen hatte. Je mehr er versuchte, sich durch wildes Hin-und Herflattern zu befreien, desto mehr verhedderte er seine Kralle im Seil und hatte bald keine Chance mehr, sich selbst zu erlösen. So gab er auf, hängte sich zur Entlastung halb an die Käfigstäbe und wäre wohl an diesem Zustand zu Grunde gegangen. Ruhig öffnete ich die Käfigtür, um ihn in die Hand zu nehmen und seine Kralle vom Seil zu lösen. Der dumme Vogel jedoch begann nun, wie wild mit seinem Schnabel in meine Hand zu hacken. Der Schnabel eines Wellensittiches ist nicht besonders gefährlich, aber es tat weh, und es wurde immer doller. So würde ich den Vogel nicht befreien können. Ich bemerkte, dass der Grund für meine steigende Nervosität und Unfähigkeit, in Ruhe zu handeln, eine Art Angst war. Ich hatte einfach Angst, immer wieder gebissen und gezwickt zu werden. Um die Geschichte zum Abschluss zu bringen – ich öffnete den Käfig, wir pfriemelten das Seil vom Dach des Käfigs ab, so dass es gemeinsam mit dem Vogel am Boden lag, legten ein Küchenhandtuch über den Vogel, in das er nun lebhaft hineinhackte, und befreiten das Füßchen in relativer Ruhe von seiner Gefangenschaft. Das Seil warfen wir in den Mülleimer. Es war also Angst, die mich daran gehindert hatte, die Nerven zu bewahren und den Vogel in Ruhe zu befreien. Genau gesagt: Angst vor dem 8 mm langen Schnabel eines kleinen Vogels. Angst wird oft als etwas Peinliches empfunden. Man soll keine Angst haben, sondern stark und mutig sein. — Die Angst jedoch, so lernte ich gleich am Anfang meiner psychologischen Ausbildung, verdient keine Verschmähung- nein, sie verdient eine Lobeshymne. Nichts zu fürchten, hätte schon zu Zeiten des oft bemühten Säbelzahntigers das Ende der Menschheit bedeutet. Aufgefressen und schluss. Wie mein Lehrer sagte, es ist nicht so schlimm zehn mal einen Laubhaufen für einen Bären zu halten. Aber einmal einen Bären für einen Laubhaufen, kann mit einem Unglück enden. Die Angst verdient ein Lob. Wenn wir Angst haben, passieren so wundersame Dinge in unserem Körper, dass man nur staunen kann. Besonders, wenn man existenzielle Angst hat, sich also der Laubhaufen tatsächlich als Bär entpuppt.

In solchen Momenten aktiviert sich unser so genanntes sympathisches Nervensystem und bewirkt Folgendes im Körper:
• Unser Herzschlag erhöht sich und die Herzkranzgefäße erweitern sich. Dadurch wird das Herz stärker durchblutet
• Unser Blutdruck steigt an.
• Die Blutgefäße der Haut und inneren Organe verengen sich. Das bedeutet, bei äußeren Verletzungen bluten wir weniger.
• Als Vorbereitung auf mögliche Verletzungen verdickt sich zugleich unser Blut, so dass es nicht so schnell herausströmt.
• Die Skelettmuskeln, insbesondere die Beinmuskulatur, werden stärker durchblutet und spannen sich an, sodass wir schnell wegrennen können oder im Kampf besonders standfest sind.
• Unsere Bronchien erweitern sich, wir atmen schneller, um uns besser mit Sauerstoff zu versorgen, damit wir im Falle von Kampf oder Flucht mehr Atem haben.
• Wir verbrauchen mehr Energie, der Stoffwechsel wird beschleunigt.
• Wir verlieren den Appetit.
• Wir verlieren die Lust auf Sex, die Genitalien werden schwächer durchblutet, was auch für Verletzungen wichtig ist.
• Unsere Pupillen erweitern sich, um das Sehfeld zu vergrößern und die Gefahr besser zu erkennen.
• Unsere Energiereserven (Zucker und Fette) werden angezapft, um genügend Energie für eine mögliche Verteidigung zu haben.
• Wir sind hellwach und richten unsere Aufmerksamkeit auf die Gefahr.
• Dabei sind wir nervös, unruhig und erregt.
• Komplexe Zusammenhänge können wir in diesem Moment nicht verstehen.

Wir lernen aber alles, was mit der Situation zusammenhängt und bewerten möglicherweise spätere Situationen immer wieder auf dieser Folie. Auf diese Weise setzt unser Körper Kräfte frei, die wir normalerweise niemals hätten. Wir können unsere Kinder über Kilometer weit tragen, können Verletzte in Sicherheit bringen, und können den Kampf aufnehmen gegen weit stärkere Gegner, aber vor allem können wir weglaufen, denn die Kraft unserer Beine wird ja um ein Vielfaches erhöht. Ohne die Empfindung von Angst, wären wir im Augenblick der Gefahr ein schlappes Häufchen leichter Beute. Doch kann uns die Angst auch lähmen. Wenn wir nicht kämpfen und nicht fliehen können nämlich, weil Bomben fliegen oder weil wir bedroht werden und keine Chance haben, dann bleibt uns nur, uns tot zu stellen. Unser Nervensystem wird überlastet, und wir stehen regungslos da, entleeren uns vielleicht aus allen Kanälen und können nicht einmal mehr schreien. Wenn Männer Angst vor bedrohlichen Männern haben, Frauen Angst vor sexuellem Übergriff oder umgekehrt, dann folgt der Angst oft auch noch eine Scham – ja, Angst und Scham sind eng verwandte Gefühle, weil wir weder gekämpft haben noch geflüchtet sind, sondern die Dinge über uns ergehen ließen. Diese Scham entsteht auch, wenn wir gar nichts Anderes tun konnten, als das Schreckliche zu erdulden. Wenn wir Kinder waren, oder Unterdrückte, und der Kampf unseren sicheren Tod bedeutet hätte. Diese Scham ist ein großes Hindernis bei der Verarbeitung unserer Lebensgeschichten und beim Eingehen gesunder, erfüllter Partnerschaften. Ein Lob auf die Angst also, die uns stärkt und mutig macht, im Angesicht der Gefahr. Ist die Gefahr jedoch vorbei, muss auch die Angst wieder verschwinden. Im Normalfall klingt sie irgendwann ab. Das Parasympathische Nervensystem kommt zum Einsatz. Körper und Seele werden ruhig und entspannt. Verfestigt sich aber die Angst in unserem Körper, so entstehen die damit verbundenen Angstreaktionen des Körpers später immer wieder auch in solchen Situationen, in denen sich der Körper an die Angst erinnert. Z.B. beim ersten Händehalten mit einer Freundin. Der Körper spürt Aufregung und verwechselt sie mit Angst. Wenn man dann plötzlich am liebsten weglaufen würde und sich der Bauch verkrampft, ist das unangenehm. Im schlimmsten Fall führt es zum inneren Verlassen des Körpers und man ist für den Anderen emotional nicht mehr erreichbar. Die Angstreaktion ist dysfunktional geworden. Dasselbe, was unser Leben in der einen Situation gerettet hat, ist nun dafür verantwortlich, unser Leben zu zerstören – unsere Freudfähigkeit, unsere Fühlfähigkeit, unsere Lust, unsere Freiheit. Wenn unser Körper bei der Führerscheinprüfung plötzlich Angsreaktionen freisetzt, ist das durchaus dysfunktional und störend. Wenn bei der Fahrprüfung die Beine ganz prima durchblutet sind, aber das Hirn leer, so haben wir schon verloren. Die Angst hat ihren guten Ort und ihren weniger guten. In solchen Situationen, wo sie ungebeten auftritt, hilft es manchmal schon ein wenig, kurz innezuhalten und ihr trotzdem zu danken; denn schließlich hat sie uns einmal gerettet, oder könnte es zumindest tun. Im Moment, so kann man ihr dankbar sagen, möge sie jedoch freundlicherweise schweigen. – Bei nicht traumatischen Ängsten, wie einer normalen Prüfungsangst, funktioniert das manchmal ganz gut. Wo man so hinkommt, wenn man beginnt, sich gedanklich mit der Angst zu beschäftigen… Ich fürchte nichts außer Allah. Wenn ich vor Allah trete, möchte ich nicht, dass diese Körperschemata aktiviert werden, und ich denke auch nicht, dass das gemeint ist. Ich fürchte nichts außer Allah kann man einerseits für Unfug halten – als Absage an die Errungenschaften einer friedvoll zusammen lebenden Gesellschaft und deren Gesetze und Rechtsprechungen; eine Absage an die Bemühungen der Gesellschaft, wenn es denn sein muss auch durch Strafe das regelkonforme Verhalten der Bürger einzufordern. Aber man kann es auch anders sehen. Ich fürchte nichts außer Allah kann auch heißen, dass ich ein guter Mensch sein möchte, denn wenn wir eine Unbill sehen, einen Rassismus, die Quälerei eines Tieres, die arrogante Verweigerung von Gleichheit unter den Menschen, dann, so meinen wir, werden wir von Gott dafür zur Rechenschaft gezogen, nichts dagegen getan zu haben, nicht zumindest dagegen gesprochen zu haben, damit diejenigen etwas tun, denen die Macht dazu obliegt. Das fürchten wir. Ich fürchte nichts außer Allah, kann eine, zugegeben etwas einfache, Formulierung, einer radikalen Mitmenschlichkeit sein. Eines klaren Verständnisses davon, dass Allah zu fürchten bedeuten muss, seiner Schöpfung Gutes zu tun. Ich fürchte nichts außer Allah würde dann bedeuten, dass ich viele Ängste haben darf, und bereit bin, dazu zu stehen, und Allah ist die Instanz, vor die ich nicht in Angst trete, sondern mit liebendem Respekt, den ich, nicht ganz korrekt, als Furcht bezeichne, statt vielleicht besser als Ehrfurcht. Wenn es das nicht bedeutet, haben wir ein Problem. Wenn nichts zu fürchten außer Allah dazu führt, auch dem Grundgesetz gegenüber die kalte Schulter zu zeigen, statt sich dafür zu engagieren, dass die wesentlichen Artikel durchgesetzt werden, dann müssen wir uns um mehr Bildung und Aufklärung bemühen, und zwar zackig. Wenn der Satz bedeutet, dass man die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht für notwendig hält, oder dass man einen Unterschied macht, in der Behandlung so genannter Gläubiger und Ungläubiger, dann liegt da ein ganz großer Hase im Pfeffer. Wenn es aber das Andere bedeutet, die klare Hinwendung also zu all Jenem, das uns als Menschen und Stellvertreter braucht und dem wir Gutes tun wollen, so haben diejenigen ein Problem, die sich dagegen stellen. Nazis, Kriegstreiber, Schlägertrupps und solche, die Kinder bedrohen, die Ungerechten, Arroganten. Ich fürchte diese durchaus. Aber letztlich verdienen sie nicht die Furcht. Wie ich auch manche fürchte, die sagen, sie fürchten nichts außer Allah. Der Allah aufruft, muss nicht besser oder schlechter sein als jeder andere, nur weil er ein großes, schönes Wort verwendet. Ich fürchte viel. Auch 8mm Schnäbel von Wellensittichen. Aber, ohne nun nochmal das Wort „Fürchten“ auf den großen philosophischen Prüfstand zu stellen, weil hier jetzt wirklich keine Zeit mehr dafür ist, sei gesagt: Ich fürchte nichts so sehr, wie die Ungerechtigkeiten und das Leid, das manche hier und anderswo verbreiten und meine Untätigkeit in dessen Angesicht. Es macht mich mehr als nervös, nichts dagegen tun zu können. Dieses Leid ist gegen alles wofür Allah, oder Gott, oder Yahweh, jemals gestanden hat. Nichts ist mir so wichtig, wie, dass Gottes Schöpfung in Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit leben darf. Jeder und Jede mit gleichen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet und frei, sich entsprechend der eigenen Wünsche zu entfalten und mit der unantastbaren menschlichen Würde betraut. Ich fürchte nichts außer Allah kann heißen: Ich fürchte mich davor, meinem Auftrag nicht gerecht zu werden. Diesen Auftrag dürfen wir unterschiedlich füllen, immer jedoch gehört dazu die Achtung des Anderen und Gottes Schöpfung. Sagen wir dann besser nicht: Ich fürchte nichts außer Allah, sondern sagen wir das was wir tatsächlich meinen. Wir machen uns nicht zu schwachen Kreaturen, wenn wir den starken Sprüchen nichts abgewinnen können. Sagen wir doch einfach: Ich liebe Allah und seine Schöpfung. Ich liebe den Regen, das Gewitter, die Sonne, und den Schnee, die Giraffe, das Eichhörnchen, den Schmetterling und alles was uns umgibt, wenn es gut ist und gerecht, freundlich und ehrlich. Und all dem will ich dienen, mit Güte und Freundlichkeit und demselben Maß für mich und andere; und dieses selbe Maß für mich und andere mutig einfordern.
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Ich habe dich nicht gesehen, sprach er zu Gott. Gott antwortete: Warst du denn nicht bei dem Kranken, dort hättest du mich gefunden, bei dem Hungrigen, dem Frierenden und dem, dessen Maß unlauter gekürzt wurde. Dort hättest du mich gefunden. Danken wir Allah und hoffen in Ehrfurcht, den Ansprüchen Gottes an uns gerecht zu werden. Ich wünsche uns ein gesegnetes Freitagsgebet.

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