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Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.

Was gehört zum Glaubensbekenntnis? Überlegungen zur Rolle des Propheten Mohamed

Was gehört zum Glaubensbekenntnis? Überlegungen zur Rolle des Propheten Mohamed

Autorin: Susanne Dawi

Kürzlich bekam ich eine interessante Email, die ich zum Ausgangspunkt meines heutigen Textes machen möchte. Ich danke dem Schreiber für seine Anregungen!

Ein Bruder schrieb, man solle das Glaubensbekenntnis, also die Schahada, eigentlich auf den ersten Teil beschränken, also ausschließlich bezeugen, dass es nur einen einzigen Gott gibt. Auf den zweiten Teil „und Mohamed ist sein Prophet“ solle man lieber verzichten, da Gott mehrmals offenbart habe, dass Mohamed nur ein Verkünder sei, nicht also jemand, den man anbeten solle. Auch Mohamed selbst hat sich so geäußert. Er ist auch kein Vermittler zwischen dem Individuum und Gott, sondern lediglich das Mittel, durch das der Inhalt des Qurans an die Menschheit geleitet wurde.

Der Ansatz gefällt mir, auch wenn ich ihn nicht vollständig teile. In der Tat neigt der eine oder andere Zeitgenosse zu einem gewissen Personenkult um Mohamed (bzw. zum Teil auch um Ali Ibn Abu Talib), was dem Koran durchaus widerspricht und von Mohamed nie erwartet wurde. Im Gegenteil!

Gefallen hat mir auch das Verständnis des Email-Autors darüber, dass alle Menschen gleichermaßen belohnt werden, wenn sie gute Werke tun und sich Gott hingeben, also muslim sind. Wobei sich der Autor durchaus darüber bewusst war, dass es nicht nur um die Belohnung geht. Christen, Juden und Muslime können alle muslim sein, d.h. sich Gott hingeben. So ist also der erste Satz der Schahada für alle Gläubigen gleichermaßen relevant und richtig. „Es gibt keinen Gott außer Gott“.

Wenn man es beim ersten Satz des Glaubensbekenntnisses belässt, bleibt man allerdings unspezifisch, was die philosophischen Grundlagen des Lebens betrifft. Man muss sich überlegen, ob man das will. Um es platt zu sagen: Es kann ja jeder und jede daran glauben, dass es nur einen Gott gibt. Aber nach welchen Grundsätzen will er/sie leben? Auch Rechtsradikale können Monotheisten sein; ebenso Kriegstreiber oder andere Verbrecher. Es fehlt meines Erachtens nach der Hinweis auf den Inhalt der Religion oder die anzustrebende innere Haltung.

Man möchte also nicht nur bezeugen, dass es nur einen Gott gibt, sondern darüber hinaus bestimmte Grundsätze als anerkennenswert hervorheben . Diese Grundsätze wurden in der historischen Situation ihrer Entstehung verkörpert durch Mohamed, weil es damals noch keinen Koran in Form eines Buches gab. Mohamed war der Verkünder, aber seine Botschaft war noch nicht vollständig. Wer also meinte, seine Verkündung sei göttlicher Herkunft (nicht er selbst!), der folgte ihm und äußerte sinngemäß: „Mohamed ist der Prophet, dem ich folge, denn was er sagt, kommt von Gott.“ Diejenigen sagten nicht, wir glauben an Mohamed oder wir verehren Mohamed, sondern sie bestätigten seine „Prophetschaft“. Das was heute der Quran ist, war damals Mohameds gesprochenes Wort. Die Druckbuchstaben die wir heute lesen, waren die Laute seiner Stimme. Wenn wir also heute sagen: „…und Mohamed ist sein Prophet“, dann bedeutet das eigentlich: „und der Quran ist die göttliche Offenbarung“. Genauer gesagt, die hinter den Worten liegende Wahrheit ist die göttliche Offenbarung.

Nimmt man von einem übertriebenen Personenkult abstand, so darf Mohamed durchaus als Beispiel dessen gelten, was wir anstreben. Er wird von seinen Mitmenschen als ein extrem gutherziger und verzeihender Mensch gepriesen. Manch ein Feind, dem er verzieh, schloss sich der Bewegung Mohameds an, denn so viel Edelmut und Gnade war schätzenswert. Es war offensichtlich, dass sich die Gesellschaft verbesserte, wo die Regeln und inneren Haltungen gelebt wurden, die Mohamed von Gott an die Menschheit weitergab und ihr vorlebte.

Als Mohamed auf Grund der Verfolgung mit seiner Familie und einigen Gläubigen nach Abessinien floh, beschrieb Jaafar Ibn Abu Talib dem Abessinischen König, wer sie waren:

„Oh König“, sprach er. „Wir waren ein Volk der Jahiliya, der Unwissenheit, beteten Götzen an, aßen Kadaver, begingen Freveltaten, behandelten die Nachbarn schlecht, und die Starken unter uns nutzten die Schwachen aus. Auf diese Weise lebten wir, bis Allah uns von uns selber einen Propheten schickte. Wir kennen seine Abstammung, seine Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Keuschheit. Er lehrte uns, die Einzigartigkeit Allahs anzuerkennen, Allah alleine zu dienen und nicht Steinen und Götzen. Er lehrte uns, stets die Wahrheit zu sprechen, Treue zu wahren, Versprechen zu halten, die Rechte der Familie und Nachbarn zu achten und kein Blut zu vergießen. Er verbot uns, falsche Zeugenaussagen zu machen oder den Besitz der Waisen zu veruntreuen und unschuldige Frauen zu verleumden. Er befahl uns, nur Allah anzubeten und Ihm keine Götter beizugesellen, den Armen Almosen zu geben und zu fasten. Wir glauben ihm und der Offenbarung, mit der er von Allah kam. Wir beten Allah alleine an, ohne ihm Partner beizugesellen. Was Allah uns verboten hat, betrachen wir als verboten, und was Er uns erlaubt hat, betrachten wir als erlaubt….“

Als der König fragte, ob Jaafar etwas von seiner Offenbarung bei sich trüge, zitierte er aus der Sure Maryam über die Mutter des Propheten Isa (Jesus). Der König weinte und gab den Geflüchteten gerne Asyl in seinem Land.

Auch in diesem Text besteht die Gefahr, ihn zu lesen, als habe Mohamed die neue Haltung selbst erfunden. Doch wissen wir, dass es sich um eine Offenbarung handelt. Diese konnte jedoch nur so wirksam werden, weil sie einen realen Vertreter hatte, der den Menschen beispielhaft vorlebte, wie sich diese neue Haltung im Alltag manifestieren sollte. Als Muslime lieben wir daher den Propheten Mohamed und verehren ihn als Menschen, doch erkennen zugleich sein Menschsein an.

In Sure AlFatiha, der Eröffnungssure des Qurans, die wir täglich aussprechen, sagen wir „dir allein dienen wir und dich allein bitten wir um Hilfe“ – womit wir natürlich Gott meinen, nicht Mohamed.

Ich bezeuge es gibt keinen Gott außer Gott und ich bezeuge, dass es einen Inhalt gibt, nach dem zu leben sinnvoll ist, um der Schöpfung gerecht zu werden. Dieser Inhalt wurde von Mohamed verkündet und beispielhaft vorgelebt. Heute steht er in Form von Wörtern im Quran.

Noch einmal herzlichen Dank für die anregende Email; und die herzlichsten Grüße an alle Leser. Allah ma3kun.

Abraham

Abraham

Khalil – Freund Allahs und von ihm behütet

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Heute geht es um Abraham, doch nicht ganz auf direktem Weg; denn schon immer möchte ich über unsere kleine Gebetsteppiche sprechen, die wir jeden Freitag, und natürlich auch sonst, zum Beten auslegen. Über diesen Teppich möchte ich sprechen, da er von besonderer Schönheit ist. In taghellem Beige als Untergrund wird er umrandet von zartem Grün, der Farbe der Hoffnung, in die unsere Tage eingerahmt sind. In diese Hoffnung hineingesetzt sind eine Art goldener Punkte – es sind die teuren Momente des Glücks, verbunden mit goldenen Fäden, denn sie ziehen sich durch unser ganzes Leben, immer wiederkehrend, überraschend, ohne Muster, und doch verlässlich. Ohne diese goldenen Punkte wäre der Teppich auch schön – ruhig, gelassen, und seinen Zweck als Gebetsteppich in angemessener Qualität durchaus erfüllend, doch wäre er zugleich von deutlich geringerer Helligkeit und Freude. Jeder dieser goldenen Punkte symbolisiert für mich ein Lachen des Herzens. Wir wünschten uns mehr von diesen Glücksmomenten, doch dann wäre der gesamte Teppich golden. Das Grün würde verschwinden und das taghelle Beige; und der Untergrund auf dem wir stehen verlöre sein Motiv in Gänze.

Was ist sein Motiv?

In der Mitte des Teppichs befindet sich ein Tor, gleich dem Tor einer Moschee. Tore laden dazu ein, sie zu durchschreiten, um Räume zu betreten. Meist befinden sich darin Menschen, mit denen wir Kontakt aufnehmen. Doch ungleich den anderen Toren, die wir kennengelernt haben, liegt hinter diesem Tor nichts anderes als das Licht. Ein einladendes Licht, oder eine Art freundlichen Nebels, der uns einlädt einzutauchen und Dinge zu erkennen, die dahinter verborgen liegen.

Viele Male bin ich während des Gebets oder einer stillen Meditation durch dieses Tor hindurchgetreten und habe reiche Welten vorgefunden. Einmal war ich dort und fand einen imaginären Dschungel. In diesem Dschungel schwebte ich als Adler, um mich schließlich auf einem kargen Felsen in meinem Horst niederzulassen und zu betrachten, was um mich herum geschah. Ich verwandelte mich in eine Schildkröte, um nun auf dem feuchten, kalten Boden unter schattenspendenden Blättern langsam nichts anderes zu tun als zu sein. Mein Inneres öffnete sich für die Liebe zur eigenen Existenz und füllte mich mit Sehnsucht nach Geborgenheit und Ruhe. Das Paradies ist ein Dschungel. Es wird keine Jungfrauen dort geben und keine seidenen Kissen, sondern einen dunklen feuchten Erdboden unter schattenspendenden Blättern, und ich werde eine Schildkröte sein.

Ein anderes Mal ging ich durch das Tor hindurch und fand mich wieder in den Gemächern der Frauen des Propheten Mohammeds. Es war finstere Nacht, der Innenhof nur ein wenig erleuchtet durch funkelnde Sterne, doch es waren kaum Schatten zu sehen. Ich sah mich im Zimmer von Aisha und fand sie eifersüchtig so tun als ob sie schliefe, um zu beobachten, wohin ihr Ehemann gehen würde, der mitten in der Nacht aufgestanden war, um sich an einen geheimen Ort zu begeben. Ich sah ihn im Dunkel der Nacht verschwinden und wurde gewahr, wie sich Aisha einen Umhang überwarf, um ihm zu folgen. Sie sah ihn zu einem Friedhof gehen und beten. Wie sehr muss sie ihn geliebt haben in diesem Moment und sich selbst geschämt. Als er sich umwandte um nach Hause zurückzukehren, wandte auch sie sich um und lief schnell immer ein paar Meter vor ihm her, hoffend, dass er sie nicht erkennen möge. Sein Schritt wurde schneller, und so musste auch ihrer schneller werden, bis sie rannte, so dass sie schließlich nur einen kurzen Moment vor ihrem Mann zu Hause ankam. Sie warf den Umhang ab und legte sich so hin, wie Mohammed sie verlassen hatte. Vergeblich tat sie nun erneut als ob sie schliefe. Als Mohamed das Zimmer betrat fragte er die herftig atmende, erschöpfte Aisha, ob sie wisse, wer denn wohl die Gestalt gewesen sein mochte, die den ganzen Weg vor ihm her gelaufen war und immer wenn er schneller lief, auch schneller gelaufen sei. Gut dass es dunkel war. So konnte er nicht sehen, wie tief sie errötete. Mohamed hat seine Frau für ihr Verhalten nicht zur Rede gestellt, denn er war ein liebevoller und verständnisvoller Mensch, und sicher wusste er, wie sehr wir solcherlei Vertrauensbeweise in der Partnerschaft immer wieder brauchen. Als ich mir diese Geschichte in der Welt des Gebetsteppichs vorstellte, war ich Aisha, die Eifersüchtige, und ich liebte sie, und liebte den Propheten Mohamed, weil wir Menschen Geschichten lieben, in denen wir uns wiederfinden.

Heute gehe ich durch dieses Licht des Teppichs und lade euch ein, mit mir zu kommen and diese Schnittstelle zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Realität und Fantasie. Wir gehen hinein und finden dort eine Frau mit einem kleinen Kind. Sie ist Sklavin, das Kind der gemeinsame Sohn ihrer und ihres Herrn, gezeugt auf Geheiß der freien Frau des Mannes. Gerade setzt sie sich auf ein sich niederkniendes Kamel. Nun reicht ihr ihr Mann das Kind, einen kleinen Jungen namens Ismael. Dann steigt er selbst dazu. Während der Vater weiß, wohin die Reise gehen soll, haben Mutter und Kind nichts als ihr Vertrauen. Wie fühlte es sich an, nicht zu wissen, wohin man getragen wird? Was las die Frau im Gesicht ihres Herrn, in seinen Gesten? Als Proviant für die Reise, die nicht lang dauern und zugleich die Ewigkeit der Menschheitsgeschichte überdauern würde, hat der Vater einen Wasserschlauch und ein paar Datteln eingepackt. So reitet nun die Famile in die Wüste.

Dort angekommen steigen sie ab, und Abraham bleibt noch einen Moment stehen, wirft dann einen Blick auf Hagar und den kleinen, geliebten Sohn, um sich nun umzuwenden und sie zu verlassen.

Welch abscheulicher Moment des Schicksals. „Wohin gehst du, Abraham?“, fragt Hagar, sich gewahr werdend, was hier mit ihr und ihrem Kind geschieht. Du bist doch nicht gekommen, uns hier allein zu lassen?

Die Geschichte erzählt nichts davon, wie sich ihr Magen zusammenzog und ihr Herz verkrampfte als sie ihren Herrn gehen sah. Wie sie dachte „Großer Gott“ und verzweifelt, in unbeschreiblicher Angst, allein die nächtliche Kälte der Wüste erwartete, und den grausamen Tod durch einen Schakal oder durch Durst. Wer würde zuerst sterben? Sie oder das Kind? Über all das ist uns nichts bekannt, denn wir lesen die Geschichte so, wie wir Geschichtsbücher lesen. In manchen Geschichtsbüchern werden auf hundert Seiten ganze Zivilisationen abgehandelt, die auf- und untergegangen sind. Ich mag Geschichtsbücher nicht. Ich mag Teppiche. In Geschichtsbüchern liest man über Grausamkeiten, als währen sie Kollateralschäden. Wird jemand zur Verantwortung gezogen, so bleibt der Text sachlich und macht damit alles zur Sache, auch die Menschen, um die es darin geht. Ich mag keine Geschichtsbücher – sie handeln von Kriegen und ihren Kriegstreibern, von Patriarchen und Führern und vergessen die Menschen, die dahinter stehen. Teppiche sind mir lieber. Die uns einladen, Verantwortung zu übernehmen, indem wir genau hinschauen. Es ist kein Zufall, dass die Literaturdidaktik der deutschen Nachkriegszeit die Vorstellungskraft als wichtiges Lernziel definiert. Die Vorstellungskraft macht nicht nur das Leseerlebnis reicher, sondern Literaturdidaktik ist immer auch Lebensdidaktik; und ohne Vorstellungskraft und die Fähigkeit, Gelesenes oder Erlebtes mit uns selbst zu verbinden, treffen wir ganz andere Entscheidungen im privaten wie im politischen Bereich. Doch zurück zum Text. Wir sind durchaus fähig, uns vorzustellen, was Hagar in diesem Moment gefühlt hat. Aber was Abraham fühlte, was ihn dazu trieb, sich der Prüfung Gottes zu stellen und das ihm scheinbar Gebotene zu erfüllen, das fällt mir im Moment noch schwer zu verstehen. Diese Geschichte zu würdigen gelingt mir derzeit nur durch einen Perspektivwechsel – indem ich nämlich nicht mit Abraham zurückkehre, sondern bei Hagar in der Wüste bleibe.

Menschen möchten nicht sterben. Und sie übernehmen Verantwortung für ihre Kinder. Daher begann Hagar nach Wasser zu suchen. Zwischen den Bergen Safa und Marwa lief sie sieben mal hin und her, um dort Wasser zu finden. Sie kletterte auf Steine, um Ausschau nach einer Karawane zu halten. Als sie sich umblickte, sah sie eine Gestalt bei Ismael stehen. Es war der Engel Gabriel. Er stampfte mit seiner Verse neben dem Kind auf die Erde, und Wasser begann zu fließen. Nach anderen Überlieferungen war es das Kind selbst, das mit seiner Verse auf die Erde stampfte. Jedenfalls entsprang das Wasser, mit dem nun Hagar ihre Schläuche füllte, durch ein Wunder.

Bald danach zog eine Karawane des Stammes von Jurham nicht weit von Hagar und Ismaels Ort vorbei. Die Karawanenführer sahen Vögel über einer Stelle kreisen, wo sonst keine Vögel zu sehen waren und schlossen daraus, dass es dort Wasser geben würde, obwohl das bisher nicht der Fall gewesen war, weshalb ihre Route eben normalerweise nicht dort entlang geführt hatte. Sie folgten den Vögeln, um die neue Wasserstelle aufzusuchen. So fanden sie Hagar und Ismael und nahmen sie auf.

Abraham indessen war zu Hause bei seiner Frau Sarah und ihrem gemeinsamen Sohn Isaak, in dem Zelt, zu dem die Engel gekommen waren, um dem Kinderlosen im hohen Alter Nachkommen zu prophezeihen.

Abraham ist der Prophet, dessen Name nach Mohamed am häufigsten im Koran erwähnt wird. 69 Mal wird sein Name genannt und jedes einzelne Mal mit Lob bedacht.

Geboren wurde Abraham in Ur, einer Stadt in Chaldäa, ungefähr 200 Meilen von Baghdad entfernt, eine der so genannten ersten menschlichen Hochkulturen in Mesopotamien, also dem heutigen Irak. Man möchte meinen, Abraham wäre bei seiner Geburt mindestens 60 Jahre alt gewesen. Doch auch dieser Mensch war einmal ein Säugling, von einer Mutter gestillt, und sicher auch von einem Vater gemaßregelt, von verwandten Frauen und Männern in den Tugenden unterwiesen, die für seine Zeit galten. In Sure 3, Vers 67 lesen wir: Abraham war weder ein Jude, noch ein Christ, sondern er war einer, der sich von allem abwandte, was falsch ist, da er sich Gott ergeben hatte“. „Sich Gott ergeben“ heißt auf Arabisch „muslim“ sein, doch war er nicht Muslim im Sinne der Religionsbezeichnung sondern im Sinne eines Zustandes – ein Mensch eben, der sich Gott ergeben, oder hingegeben, hatte. Aus dieser Stadt Ur in Chaldäa kam übrigens auch Lot, der Sohn von Abrahams Bruder.

In Ur, in der viele Götter angebetet wurden, hatte Abraham seine erste religiöse Erkenntnis. Dabei ging es um die Praxis der Götzenanbetung. Er muss damals ein junger Mann gewesen sein. Vielleicht liebevoll kümmernd, vielleicht pubertierend aufmüpfig, sprach er zu seinem Vater (6:74-75): „Nimmst du Götzenbilder als Götter? Wahrlich ich sehe, dass du und dein Volk offensichtlich irregegangen sind! Und so gaben wir Abraham seine erste Einsicht in Gottes mächtige Herrschaft über die Himmel und die Erde.“

Abrahams Vater Azar, auch bekannt unter dem Namen Terah, betete in der Tat Götzen an, wie es eben damals üblich war. Er antwortete seinem Sohn, wenn dieser nicht seinerseits von der Kritik am Götzenglaube ablasse und dem Vater gehorche, müsse er ihn steinigen, denn dies war die Strafe für abtrünnige Söhne. Doch statt nachzugeben ging Abraham nun auch noch zu seinen Freunden und bat sie ebenfalls, ihren Glauben zu verändern. Diese wollten jedoch an der Anbetung der Götzen festhalten. Schließlich sei es die Religion der Väter.

Als es nun eines Tages ein Fest gab, an dem alle Menschen in Abrahams Umgebung teilnahmen, entschloss sich Abraham, stattdessen zu den Götzenfiguren seiner Freunde zu gehen und zerstörte sie alle – alle, bis auf den obersten Götzen, den er vollständig stehen ließ.

Als die Freunde zurückkehrten wussten sie sofort, dass Abraham für diese Tat verantwortlich sein musste. Sie stellten ihn zur Rede, doch er verneinte seine Schuld – es müsse der Chefgötze selbst gewesen sein, der dies vollzogen hätte, schlug er vor. Die Freunde sagten: „Wie könnte dieses Gebilde aus Stein, das wir selbst gebaut haben, so etwas vollziehen? Du siehst doch, Abraham, dass sie nur aus Stein sind und nichts erreichen können. Worauf Abraham antwortete: „Wenn euer Gott dies nicht kann, dann kann er euch sicherlich auch nicht helfen, wenn ihr in Not seid und ihn braucht!“ Von Anfang an hatte Abraham also Vertrauen in einen Gott, der den Menschen in der Not beiseite stehen würde. Vielleicht sah er in diesem Licht auch Hagar, als er sie in der Wüste zurück ließ. Denn beim Verlassen sagt er zu ihr: „Ich lasse dich in der Hand Allahs“.

Doch wer war dieser Allah, dieser höchste Gott?, fragte sich Abraham. Eines Nachts ging er daher hinaus und erblickte einen Stern. Er rief aus: „Dies ist mein Erhalter!“ – aber als er unterging, sagte er: „Ich liebe nicht die Dinge, die untergehen“.

Dann, als er den Mond aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter!“ Aber als er unterging sagte er: „Fürwahr, wenn mein Erhalter mich nicht rechtleitet, werde ich ganz gewiss einer von den Leuten werden, die irregehen“.

Dann, als er die Sonne aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter! Dies ist das Größte von allen!“Aber als auch sie unterging, rief er aus: „Oh mein Volk! Siehe, fern sei es von mir, etwas anderem neben Gott, wie ihr es tut, Göttlichkeit zuzuschreiben!“

Es folgte eine unschöne Zeit für Abraham in der Mitte einer Gesellschaft, die sich nicht von ihm überzeugen ließ, sondern sein Leben bedrohte, so dass er letztlich beschloss, seinen Vater und die Stadt Ur zu verlassen. Er bat Gott um Vergebung und Segen für seinen Vater und zog fort, „denn siehe, Abraham war höchst nachsichtig, höchst weichherzig, wieder und wieder willens, sich Gott zuzuwenden“ (11:75).

Abraham lebte längst mit seiner Frau Sahra zusammen und seiner Sklavin Hagar, als eines Tages drei fremde Männer zu seinem Zelt kamen. Das Gebot der Gastfreundschaft verlangte es vom Gastgeber, eine Mahlzeit zu bringen; von den Gästen verlangte es, diese Speisen anzunehmen. Doch die Gäste rührten das ihnen vorgesetzte Mahl nicht an. Es mussten Boten des Himmels sein, die zu Abraham und Sahra gekommen waren. Dennoch nahm Sahra ihre Botschaft nicht ganz ernst, die hieß, dass sie in ihrem fortgeschrittenen Alter einen Nachkommen Abrahams zeugen solle. Sowohl im Buch Genesis, dem ersten Buch Mose, als auch im Koran, ist überliefert, dass sie lachte. Dann verabschiedeten sich die Boten. Auf dem Weg hinaus schauten sie von einem Berg hinab in die Stadt Sodom, in der auch Lot mit seiner Familie lebte.

29:31 Und so, als Unsere himmlichen Boten zu Abraham mit der frohen Kunde von der Geburt von Isaak kamen, sagten sie auch: „Siehe, wir sind im Begriff, das Vok jenes Landes zu vernichten, denn seine Leute sind wahrhaft Übeltäter“. Und als Abraham ausrief: „Aber Lot lebt dort!“ – antworteten sie: „Wir wissen sehr wohl, wer dort ist. Ganz gewiss werden wir ihn und seinen Haushalt retten – alle bis auf seine Frau: Sie wird fürwahr unter jenen sein, die zurückbleiben“. Im Buch Genesis, dem ersten Buch Moses, lesen wir, was wir im Koran nicht finden, nämlich, dass Abraham bei den Engeln interveniert. „Aber“, sagt er, „wenn nur 50 Menschen in Sodom rechtschaffen sind, wird Gott dann Sodom verschonen?“ Gott – oder die Engel – das wird im Zusammenhang nicht ganz deutlich – sagt „Ja, für 50 gute Menschen wird Sodom verschont“. Durch diese Antwort ermutigt, fragt Abraham nun weiter, wie es denn mit 40 Menschen wäre. Auch für 40 gute Menschen soll die Stadt verschont werden. Abraham fragt bis zur Zahl Zehn. Da endet das Gespräch. Was wäre wohl die Antwort gewesen, wenn Abraham weiter gefragt hätte? Wenn es nur neun, acht, sieben,…einen einzigen guten Menschen in der Stadt geben würde?

Nachdem die Engel das Zelt Abraham und Sahras verlassen hatten, überlegte Sahra, wie es denn sein könne, dass sie einen Nachfolger haben würde. Wir lernen aus der jüdisch-christlichen Tradition, dass sie es war, die daher Abraham vorschlug, ein Kind mit der Sklavin Hagar zu zeugen. Dies war damals nicht unüblich, aber wir Frauen von heute wissen, dass das keine gute Idee für den Hausfrieden war.

Die Geschichte beweist es. Ismael, der Sohn Hagars wird geboren und erfreut sich der Liebe seines Vaters. Doch bald wird auch Sahra schwanger und bekommt Isaak. Die jüdisch-christliche Tradition sagt, dass Sahra aus Eifersucht zu Abraham sagt, er solle Hagar und Ismael in die Wüste schicken. Die Muslimische Tradition spricht von einer Prüfung, vor die Abraham gestellt wird. Eine Prüfung vielleicht, ob er Gott gehorcht, auch wenn es seinen Vorstellungen von Liebe und Gerechtigkeit widerspricht. Abraham möchte Hagar und Ismael nicht verstoßen, und dennoch willigt er schließlich ein. Er bringt sie in die Wüste, wohl wissend, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Abraham, der Liebevolle. Abraham der Gütige, der muslim ist und taqua hat – mehr als jeder andere seiner Zeit. Religionspädagogen aus meiner Kindheit deklarierten Abrahams Ergebenheit als Tugend. Abraham war muslim und hatte Iman (Glauben) und Taqua (Gottesbewusstsein) – dass dies fast zu einem Mord geführt hätte, war ihnen einerlei.

Doch nun wird es interessant, denn an dieser Stelle interveniert Gott, offensichtlich um genau das zu verhindern. Denn Abraham war ihm wohl in der Tat lieb und teuer. Offensichtlich wollte er nicht, dass dieser geliebte Abraham eine Schuld auf sich lud, deren Vergebung nicht leicht sein würde. So rettete Gott Hagar und Ismael und rettete zugleich Abraham.

Noch ein weiteres Mal war Abraham so gottesfürchtig, dass er einem Traum nachgab, der vermeintlich von Gott selbst zu ihm gekommen war; dem Traum nämlich, seinen eigenen Sohn zu opfern, ihn wie ein Tier in den Wald zu bringen, zu fesseln und auf einen Stein zu legen, um nun mit einem frisch geschärften Messer seine Kehle zu durchtrennen. Doch auch hier wird Abraham von Gott davor bewahrt, einen Mord zu begehen.

Ja, er war in der Tat ein Mann, den Gott liebte, denn Abraham war in seinem Herzen mildtätig und liebevoll. Und vielleicht bewahrte in Gott deshalb davor, große Sünden zu begehen.

Setzen wir uns einen Moment zu ihm, Abraham, und fragen uns, was wir aus seiner Geschichte lernen sollen. Trinken wir eine Tasse Tee mit unserem uralten Propheten und sagen: Abraham, wir können die Deutungen der alten Patriarchen nicht länger akzeptieren. Deine Bereitschaft, andere Menschen zu töten, um damit Gott zu gehorchen, sehen wir kritisch und wenden uns davon ab. Wir sehen Organisationen wie den IS, die Morde an Menschen durch den Koran rechtfertigen und vielleicht sogar deine Geschichte als Grundlage verwenden. Sie sagen, wir haben göttliche Eingebungen und hören darauf, wenn sie ihre Schwerter schwingen, um Unschuldige zu töten. Wir sehen White Supremacists, die meinen, Christen zu sein, und Eingebungen haben, Muslime zu töten, um Gott zu dienen. Wir sehen Politiker, die Kriege führen, weil sie göttliche Eingebungen zu haben glauben. Wir sehen Muslime, Christen und Juden, die andere töten, weil sie meinen, Gott stünde auf ihrer Seite und gäbe ihnen das Recht dazu. Dies alles auf der Grundlage von Geschichten wie der von Abraham! Wie deuten wir diese Geschichte?

Vielleicht antwortet Abraham: Aus meiner Geschichte lernt ihr, dass auch Propheten Menschen sind. Ihr lernt auch, dass es immer ein Fehler ist, andere zu töten oder auch nur zu verletzen. Gott beweist es in meiner Geschichte, denn als ich Leid zufügen wollte, hat mich Gott daran gehindert. Gott wird nicht jeden daran hindern, anderen leid zuzufügen, aber a meinem Beispiel erkennt man die Unrichtigkeit solcher gefühlten Offenbarungen.

Dann würde Abraham vielleicht noch sagen, aus meiner Geschichte lernt ihr, dass man Lesarten historisch anpassen muss, um religiösen Texten weiterhin Sinn zu entnehmen.

Abraham sagt vielleich: „Ich bin Khalil, der Freund Gottes, und deshalb war ich überglücklich, dass Hagar und Ismael überlebt haben. Es wird von mir gesagt, dass ich sie nach ihrem Überleben in der Wüste noch lange immer wieder besuchte.“

Diejenigen Männer und Frauen, die Unterschiede zwischen Rängen vornehmen oder Hierarchien erfinden, lernen, dass alle Frauen gleichwertig sind, egal ob arm oder reich.

Diejenigen unter den Lesern, die koranische Texte als Mythen lesen, finden in der Verstoßung und der Opferung der eigenen Söhne vielleicht psychologische Deutungsvarianten. Im Dickicht unseres Unterbewusstseins opfern wir vielleicht auf dem Stein, gefesselt und gebunden, unseren Hang zum Diesseits. In die Wüste schicken wir vielleicht nicht die Menschen selbst, sondern unsere Vergötterung der Menschen um uns herum, die wir wertschätzen und lieben, aber nicht anbeten sollen. Es gibt viele Deutungsmöglichkeiten. Je mehr wir unsere Vorstellungskraft aktivieren, desto mehr spricht der Text zu uns selbst und ermöglicht uns fruchtbare individuelle Auseinandersetzungen.

Diejenigen Menschen auf der Welt, die Abrahams oder ähnliche Geschichten als Blaupause für das Quälen ihrer Mitmenschen verwenden wollen, sind jedenfalls im Unrecht. Leid zuzufügen ist niemals unser Recht.

Duaa:

Allah, wir danken dir für die Geschichten, die zu uns herabgesandt wurden; Geschichten, in denen du dich uns offenbarst, und wir uns wiederfinden, damit wir wissen was es heißt, Mensch zu sein und andere wie uns selbst zu verstehen, oder zu würdigen. Wir beten dir zum Dank und bitten dich um Kraft, zu erdulden, zu hoffen, zu lieben und zu lachen.

Und Gott weiß es am besten.

Die fünf Säulen des Islam

Die fünf Säulen des Islam

Autorin: Susanne Dawi

طفاف ابوماجدالسويدي

Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohamed ist sein Prophet.

Gott ist der, die, das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm,ihr gleich. Er,sie ist den Menschen nicht ähnlich und hat kein Geschlecht. Die Wahrheit Gottes ist für die Menschen unfassbar, daher hat Gott den Koran herabgesandt, so dass wir ein wenig von der Wahrheit verstehen und sie in unserem Alltag umsetzen können. (siehe Artikel: Der wahre Islam)

Mohamed ist ein Prophet Gottes, wie viele vor ihm. Sie alle werden von den Muslimen anerkannt, und ihre Bücher sind weiterhin heilig. Mohamed ist kein Heiliger, er darf von den Menschen nicht angebetet oder zu einem Gott stilisiert werden. Er ist lediglich ein Botschafter Gottes. An ihn wurden jedoch besondere Anforderungen gestellt, so musste er selbstlos und Gott ergeben (muslim) sein. Mohamed hat stets darauf geachtet, anderen hilfreich zur Seite zu stehen und auch denjenigen Wertschätzung entgegen zu bringen, die wenig von ihm hielten. Sklaven, Waisenkinder, Arme, Reisende und überhaupt alle besonders Bedürftigen Menschen lagen ihm sehr am Herzen. Er liebte seine Frauen innig und äußerte sich, so die Überlieferungen, gegen jede Gewaltanwendung oder Unterdrückung von Frauen. Mohamed war in erster Ehe mit Khadija verheiratet, die Zeit ihre Lebens seine einzige Frau war. Sie war die erste Person, die von der ersten Offenbarung erfuhr und an ihn glaubte. Einige Zeit nach Khadijas Tod heiratete Mohamed erneut und lebte polygam. Die Offenbarungen erreichten ihn bis zu seinem Tod in unregelmäßigen Abständen.

Das Gebet

Das Gebet ist die zweite Säule des Islam. Es besteht weitgehend Einigung darüber, wie es ausgeführt werden soll. Fünfmal am Tag wird gebetet, am besten zur korrekten Zeit; falls dies nicht möglich ist,, könen aber die fehlenden Gebete zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Tages nachgeholt werden. Im Alltag ist das fünfmalige Beten eine Herausforderung, der man nicht immer nachzugehen schafft. Die Gebetzzeiten variieren je nach Sonnenstand von Tag zu Tag. Die fünf Gebete heißen Fajr, Dhur, Asr, Maghrib und Ischa, also Morgengrauen, Mittag, Nachmittag, Sonnenuntergang und Nacht. Sie unterscheiden sich in der Länge, nicht aber im Ablauf.

Vor dem Gebet findet die rituelle Waschung statt, die Gesicht, Kopf, Hände und Füße umfasst; im Verlauf gibt es wechselnde Körperhaltungen, zu denen auch das Verbeugen und das Niederwerfen gehören; der Gebetstext ist überwiegend festgelegt. Das Gesicht des Betenden richtet sich nach Mekka, allerdings steht im Koran (2:177), dass sich wahre Frömmigkeit nicht durch das Einhalten der Gebetsrichtung auszeichnet, sondern durch den Glauben und die mildtätigen Handlungen sowie die Geduld in Zeiten der Härte. Das Gebet bildet eine der Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit Allah, und es gibt dem/der Betenden ein Gefühl von Frieden, Sicherheit und Struktur im Alltag.

Die Abgaben / Zakat

Die gerechte Versorgung aller Menschen ist ein wesentlicher Aspekt des Islam und bildet dessen dritte Säule. Da jegliche Versorgung von Allah kommt, sind auch die monetären Segnungen gleichmäßig zu verteilen. Dazu gibt jeder Muslim, der dazu in der Lage ist, einen Teil seines Einkommens zurück an die menschliche Gemeinschaft. Dieser Akt des Teilens dient sowohl der Nächstenliebe als auch der Selbstreinigung und dem Wachstum der Seele. Es ist besser, direkt nach der Ernte zu teilen, d.h. in moderner Terminologie zu Monatsanfang, wenn das Geld gerade aufs Konto gekommen ist, statt am Ende, wo man schon alles für sich selbst ausgegeben haben könnte. Das Spenden wird im Koran sehr häufig genannt und als essenzielle muslimische Handlung definiert.

Die vierte Säule des Islam ist das Fasten im Monat Ramadan, der als ganzer Monat vollständig durchgefastet wird, wenn man gesund und kräftig genug dazu ist. Das bedeutet, dass von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken wird. Auch Geschlechtsverkehr ist in dieser Zeit untersagt und viele Menschen versuchen, das Rauchen zu unterlassen. Das Fasten dient dem Erlernen des Mitgefühls mit den Armen dieser Welt, für die das Essen und Trinken nicht selbstverständlich sind. Unser Hunger und Durst führt nicht nur zu dem Gefühl von Entbehrung, sondern manchmal auch zu anderen Erscheinungen wie Müdigkeit, Kälte, Gereiztheit, Ermattung, usw. so dass wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln, was es bedeutet, keinen einfachen oder geregelten Zugang zu Nahrung zu haben. Wer nicht ernten kann, hat keine Kraft zu säen, kann wieder nicht ernten und wieder nicht säen. Das Fasten initiiert Mitleid und Hilfsbereitschaft und trägt somit zum Aufbau einer gerechten und lebenswerten Welt bei. Die Fastenzeit soll sich aber nicht nur durch das Entbehren von Essen und Trinken vom regulären Alltag abheben sondern auch durch eine innere Einkehr und ein Zurückfinden zur Spiritualität. Es ist eine Zeit des Innehaltens und der seelischen wie körperlichen Reinigung. Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Wer meint, abends schlemmen zu können, irrt meist, denn wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat, ist man am Abend schnell gesättigt. Oft steht viel auf dem Tisch doch es wird wenig gegessen, besonders unter der Woche. Abnehmen tut man dennoch nicht, weil man nach dem Mahl gleich schlafen geht, sofern man am nächsten Tag bei der Arbeit wieder fit sein möchte.

Der Monat Ramadan ist eine intensive Zeit, auch weil man sich zum Essen gerne mit der Familie oder Freunden trifft. Trotz der Entbehrungen freut man sich als Muslim auf den Ramadan. Manche sagen, er ist ein willkommener Gast, aber wie mit jedem Gast ist es auch schön, wenn er wieder geht. Da sich der islamische Kalender, und damit auch der Ramadan, nach dem Mond richtet, verschiebt er sich jedes Jahr ca. zehn Tage „nach vorne“.

Die letzte Säule des Islam ist die Pilgerreise nach Mekka. Wer sie unternimmt, kommt als Hajj oder Hajji zurück und hat damit einen gewissen sozialen Status innerhalb der muslimischen Gemeinschaft erlangt. Doch dies soll nicht Sinn der Pilgerreise sein. Vielmehr wird sie von vielen Menschen als innere Bereicherung erlebt. Man reinigt sich und kleidet sich dort in einfache weiße Tücher. Durch diesen symbolischen Akt wird der Alltag vollkommen zurückgelassen und der Pilgernde in eine Art reinen und unschuldigen Urzustand versetzt, der anlässlich unseres Wissens über alle unserer Verfehlungen im Laufe unseres Lebens sehr mächtig und berührend ist. Heute werden die Reisen von besonderen Reisebüros organisiert, man kann aber auch allein nach Mekka reisen. Um nach Mekka pilgern zu dürfen muss man für die dortigen Behörden nachweisen, dass man muslimischen Glaubens ist. Wenn man die Reise zu einer anderen Zeit als dem dafür vorgesehenen Monat, so heißt sie Umrah.

Gott spricht kein Arabisch

Gott spricht kein Arabisch

In letzter Zeit wurde gestritten, ob es einen deutschen Islam gibt. Nun betont sogar der Zentralrat der Muslime und an seiner Spitze sein Vorsitzender Aiman Mazyek mit vor stolz geschwellter Brust: „Selbstverständlich gebe es einen Islam deutscher oder europäischer Prägung.“ Aber irgendwie habe ich das nicht so richtig verstanden. Warum plötzlich diese Kehrtwendung. Es fehlte mir eine echte und tiefe Begründung, wie so ein Islam deutscher Prägung aussehen könnte. Dennoch klammern sie sich hartnäckig daran, dass es nur einen ‚arabischen‘ Koran geben kann, nur in arabischer Sprache vorgetragen? Gleich vorweggenommen: „Ich trage ihn ja auch bei einem Gebet in Arabisch vor, aber dazu komme ich noch.“

Die einen sagen, weil der originale Text des Korans auf Arabisch verkündet worden ist, so ist auch dieser Wortlaut nur in Arabisch authentisch, ganz einfach! Auch wenn einiges von Nichtarabern nicht gleich verstanden oder gar nicht verstanden wird, so muss er ihn dennoch einfach so nehmen, wie er ist. Entweder lernt man Arabisch, wenn man wirklich den Koran verstehen will oder man nimmt eine Übersetzung. Basta!

Aber verstehen denn die Arabischsprechenden wirklich, was sie da lesen? Denken sie über jedes einzelne Wort und dessen Bedeutung nach, besonders in seiner historischen Bedeutung? Oder nehmen sie für sich nur die Erklärung ihrer Imame an?

Die Botschaft von Gott ist universell und für alle Menschen gültig, sie wird in Arabisch ausgedrückt, weil Gott die Sprache der Menschen berücksichtigt, zu denen Er Seine Botschafter schickt. Gott sagt sinngemäß, wie Sure 16, Vers 36 aussagt, dass Er in jede Gemeinschaft einen Gesandten mit Seiner Botschaft geschickt hat. Das bedeutet, dass jede Gemeinschaft oder Volk ihre eigene Sprache besaß und damit war auch die Botschaft in ihrer Sprache. Aber bestimmt sprachen sie kein Arabisch.

Die Botschaften, die wir kennen, waren an die Juden in Hebräisch gerichtet, die Botschaft an die Araber musste demnach in Arabisch sein. Auch wenn Gott diese letzte Botschaft an alle Menschen geschickt hat, bedeutet das nicht, dass nun alle Leute Arabisch sprechen müssen oder diese Sprache lernen müssen, um das zu verstehen, worüber Gott zu den Menschen gesprochen hat und was Seine Rede zu bedeuten hat.

Es war einfach nur die letzte Botschaft, galt aber für alle Menschen, unabhängig von Ort und für alle Zeit. Der Koran ist zwar eine historische Tatsache von göttlichem Ursprung, aber seine Interpretation kann nur menschlich sein.

Das bedeutet, es gibt eine große Vielfalt von Interpretation, denn jedes Volk würde es auf ihre Lebensumstände und in ihre Geschichte hinein beziehen. Das bedeutet für mich: Der Koran kann nur im historischen, kulturellen und auch sprachlichen Kontext entschlüsselt werden, zu jeder Zeit muss er immer wieder neu gedeutet werden. Und das Neudeuten kann nur in derjenigen Sprache geschehen, die gesprochen wird.

Abu Zaid sagt das in seinem Buch „Gottes Menschenwort“ so: ‚Der Koran, den wir lesen und interpretieren, ist keinesfalls mit dem ewigen Wort Gottes identisch. Der Koran ist seine Botschaft an die Menschen. Eine Botschaft stellt eine kommunikative Verbindung zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels eines Codes her. Die Analyse des kulturhistorischen Kontexts des Koran ist der einzige Zugang zur Entdeckung der Botschaft. Somit ist der Koran ein kulturelles Produkt. Die Menschen verstanden den Islam in ihren Lebensumständen. Und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft.‘

Und da jedes Volk seine eigene Kultur hat, benötigt es meines Erachtens sein eigenes kulturelles Verständnis, das heißt auch in seinem sprachlichen Verstehen.

Aber lassen wir noch jemand anderes sprechen: Lale Akgün.

„Es geht also darum, ‚den Geist hinter den Buchstaben zu finden‘, die allgemeinen Prinzipien. Wie die Menschen diese Prinzipien umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Für die Offenbarungen Gottes ist aber nicht eine bestimmte Sprache entscheidend, sondern es sind die inhaltlichen Botschaften. Deshalb darf keine einzige irdische Sprache ein Monopol auf die Inhalte haben. Der Koran kann, nein, er muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden. Gerade das Verbot, sich des Korans in einer anderen als der arabischen Sprache zu bedienen, erweitert die Macht derjenigen, die die Religion für sich instrumentalisieren wollen.

Aber es geht nicht nur um die Übersetzungen. Die Gläubigen sollen die Schriften offen angehen, sich mit ihnen auseinandersetzen, Fragen stellen, und, wo nötig, sich distanzieren oder annähern. Und wenn der Koran den Menschen geradezu auferlegt, den Verstand einzusetzen, dann rückt der Mensch als Träger der Vernunft in die Mitte. Es ist der Mensch, der mit seinen Entscheidungswerkzeugen, das sind Gewissen und Verstand, die Vernunft in Handlung übersetzt.“

Und nun zu meiner eigenen Auffassung: Brauche ich etwa einen Vermittler, nur weil ich nur wenig Arabisch kann? Dann habe ich keinen direkten Draht zu Gott, es steht jemand zwischen uns. Aber Gott sagt, dass Er mir näher ist als meine Halsschlagader. Und wenn es bedeutet, dass Gott seinen Platz näher als meine Halsschlagader hat, dann ist Er auch in meinem Herzen. Es bedarf also keinen Vermittler zwischen Gott und mir, niemand kann für mich sprechen. Da brauche ich wirklich niemanden als Vermittler, kein Imam, keinen Religionsvertreter. Für Seine Offenbarungen, für Seine Lehren und Gebote braucht Er keine bestimmte Sprache wie das Arabische. Und Gottes Sprache verstehe ich nicht, aber Er meine!

In der ersten Zeit meines Muslim-Daseins habe ich viele Bittgebete auf Arabisch auswendig gelernt, die vom Propheten Muhammad oder auch von irgendjemanden stammen. Aber es waren nicht meine Worte, meine Bitten, meine Gedanken. Also formuliere ich sie heute selbst in meiner Sprache und ich bin sicher, dass Gott sie versteht.

Wenn ich mit jemanden spreche, vielleicht mir dir, dann bekomme ich in der gleichen Sprache von dir eine Antwort. Wenn ich Gott etwas auf Arabisch mitteilen möchte, bekomme ich vielleicht auch auf Arabisch eine Antwort, die ich leider nicht verstehe. Was nutzt sie mir dann?

Da Gott nicht so ist wie wir, hat Er auch keine Sprache so wie wir. Er versteht uns aber in Seiner Eigenschaft und Er vermag es, in Seiner Eigenschaft uns auf Seine Art und Weise zu antworten und das gleich in unser Herz. So hat Er sich auch verständlich gemacht durch den Koran, der gespickt ist mit Historie, Allegorien, Weisheiten, Mitteilungen, Ermahnungen und auch Wissenschaft, die den Menschen aber oft unverständlich erscheinen, zumindest auf den ersten Blick nicht erkenntlich. Gott hat keine Sprache, die wir verstehen können. Er suggeriert uns in unserer Sprache, also jedem in seiner eigenen Sprache, was Er uns mitteilen will. Es würde sonst unsere Vorstellungskraft sprengen, z.B. suggeriert Er uns durch den Koran, dass Er auf einen Thron sitzt oder wie die Hölle und das Paradies aussieht. Erinnern wir uns: Der Engel Dschibril oder Gabriel hat Muhammad die ersten Worte gelehrt, in seiner Sprache. Er war aber auch nur ein Überbringer. Und weil Muhammad ein Araber war, hat er ihm die Botschaft auf Arabisch gebracht.

Gottes Worte sollen nicht nur schön klingen, Seine Worte sollen auch richtig, verständlich und rezitationsgenehm verstanden werden, auch in einer Übersetzung. Ein Beispiel ist die Sure105 „Der Elefant“. In einer Ausgabe von Ibn Rassoul steht:

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfahren ist? Hat Er nicht ihre List misslingen lassen und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen und sie dadurch wie abgefressene Saat gemacht?“

Jetzt die Übersetzung von Muhammad Asad:

„Bist du nicht gewahr, wie dein Erhalter mit dem Heer des Elefanten verfuhr? Machte Er nicht ihr listiges Planen völlig zunichte? Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen und ließ sie werden wie ein Kornfeld, dass bis auf die Stoppeln abgefressen worden ist.“

Ich stelle in beiden die Verse 3 und 4 nochmals gegenüber: 1. „… und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen …“ und nun das von Asad: „Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen …“

Da stehen auf der einen Seite ‚Vögel und brennende Steine‘ und ‚Schwärme fliegender Geschöpfe und steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ gegenüber.

Asad selbst sagt darüber: Das Wort ‚sidschill‘ hat auch eine Bedeutung von ‚etwas, das von Gott bestimmt worden ist‘. Die Wendung ‚hidschara min sidschil‘ kann für eine Metapher für ‚steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ bedeuten. Die besondere Strafe könnte wahrscheinlich ein besonders starker (steinharter) Ausbruch von Pocken oder Typhus gewesen sein, das auch Ibn Hischam und Ibn Ishaq bestätigten. Das Wort ‚ta’ir, Mehrzahl ‚tayr‘, kann jedes ‚fliegende Geschöpf‘ bedeuten, jedwede Vögel, Insekten, eben alles, was fliegt, die auch Überträger von Infektionen sein können.

Was ich damit sagen will: Ich muss mich einfach darauf verlassen, dass eine Übersetzung dem Original so nahe wie möglich kommt. Und nicht jede Übersetzung kann man auch schön rezitieren. Es liegt also noch eine enorme und wichtige Arbeit vor den Übersetzern.

Ich will deswegen aber keine bisherige Übersetzung herabwürdigen.

Ich wünsche mir einfach eine Übersetzung vielleicht von einer Gruppe von Übersetzern, der ich vertrauen kann, so dass ich einmal das Gebet nicht mehr in Arabisch, sondern um des Verstehens Willen es in Deutsch abhalten kann. Bis es soweit ist, werde ich auch weiterhin auf Arabisch rezitieren, aber vorher die Rezitation auf Deutsch vortragen.

Ich weiß, es denken so ähnlich viele Muslime, nur klingt jede Stimme einzeln. Aber nur ein Chor, wenn auch mit unterschiedlichen Stimmen – sprich Meinungen, hat etwas dagegenzusetzen gegen die noch starke orthodoxe Meinung.

Wir müssen Gott so verstehen, wie es unser Herz will und zulässt, auch ohne Sprache.

Manaar

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Autor: Massud Reza

Christian Wiediger

Erinnert man sich – nur mal den letzten Jahren – an symbolpolitische Aussagen zurück, fällt einem wieder ein, wie undifferenziert und emotional die Debatten über sie geführt wurden. Ob es um das „Wir schaffen das“ (Angela Merkel) oder auch um den Satz „Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“ geht, sofort stürzen sich darauf bestimmte Politiker, Journalisten sowie affektierte Teile der Gesellschaft, die den Sachverhalt nicht in Ruhe und differenziert betrachten wollen.

Gerade die letzte Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „gehört nicht zu Deutschland“ erhitzt einerseits jene Gemüter, die den Islam nicht als Teil Deutschlands und Europas sehen (wollen) und ihm eine historisch-kulturelle Prägung Deutschlands sowie Europas gänzlich abstreiten. Andererseits verursacht die Zustimmung bei denjenigen, dass der Islam doch zu Deutschland gehöre, große Euphorie und damit ein einhergehender unkritischer Umgang mit dieser Frage. Deshalb versteht sich mein Blogbeitrag als gesellschaftlicher und auch innermuslimischer Debattenbeitrag, einfach mal sachlich, ruhig und nüchtern miteinander zu diskutieren, fernab von Pauschalisierungen und Beschuldigungen.

Tatsächlich müsste entscheidend sein, von welchem Islam wir überhaupt sprechen? Schaut man sich die islamische Welt von Marokko bis Indonesien an, so wird schnell deutlich, dass wir uns mit verschiedenen Islamverständnissen konfrontiert sehen. Der Islam in Bahrain ist nicht derselbe, wie der in Tunesien, der Islam in Afghanistan ist nicht derselbe, wie der in der Türkei. Lässt man den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ unkritisch und unreflektiert stehen, kann jeder sein Islamverständnis darein projizieren. Dann könnte auch ein Islam dazugehören, wie er im Iran als Staatsdoktrin praktiziert wird, wo homosexuelle Menschen erhängt werden, weil sie eben homosexuell sind. Nicht nur der Iran, sondern auch anderen islamischen Ländern bieten (leider) genügend Beispiele für die Unvereinbarkeit zwischen der Religion auf der einen und Demokratie und Menschenrechten auf der anderen Seite. Im Kontrast dazu, sollte auch der andere Satz kritisch beleuchtet werden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dieser suggeriert, dass es eine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen Islam und der Demokratie in Deutschland gibt.

Welche Herausforderung stellt sich aber nun für die Bundesrepublik Deutschland aus dieser Erkenntnis? Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen in den eben aufgezählten Ländern darüber, was sie unter Islam verstehen, ergibt sich für uns als Gesamtgesellschaft folgende Frage: Welcher Islam gehört zu Deutschland, also verstanden als demokratie – und menschenrechtskonform? Ein Islamverständnis, was weder gegen Werte des Grundgesetztes noch der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte verstößt. Auch nicht ein Islamverständnis, welches in Teilen der muslimischen Community in Deutschland gelebt wird, was beispielsweise eine rigide Sexualmoral propagiert und Frauen an ihrer individuellen Freiheit und ihrer Selbstbestimmung hindert, und überhaupt ein Islam, der keinen politischen und gesellschaftlichen Machtanspruch darstellt.

Ein mit der freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland verträglicher Islam ist zum Beispiel durch eine historisch-kritische Lesart der sakralen Texte zu erreichen. Sowie es in allen heiligen Schriften Gewaltpassagen gibt, findet man sie auch in den islamischen Überlieferungen. Der Sinn dieser Texte ist aber dann schwer zu verstehen, wenn eine wortwörtliche Lesart angewandt wird, also die Übertragung der Gesellschaftsordnung aus dem 7. Jahrhundert auf das heutige 21. Jahrhundert. Man stellt sich nicht kritischen Fragen, in welchem historischen Kontext bestimmte Verse offenbart wurden, welche gesellschaftliche und auch militärische Faktoren gilt es in der (wissenschaftlichen) Retrospektive zu berücksichtigen und vieles mehr. Die gründliche Beschäftigung mit diesen Fragen würde zeigen, dass die politischen und juristischen Elementen des Islam im 7. Jahrhundert zu verorten sind, da sie an der damaligen, historisch-konkreten Zeit gebunden sind und nicht mehr ins 21. Jahrhundert mehr passen.

Argumentiert man nach diesem Konzept, schlägt einem häufig die Frage entgegen, was eigentlich dann vom Islam übrigbleibe? Das darf doch nicht wahr sein! Ist der Islam ausschließlich politisch-juristisch zu verstehen? Bietet er nicht viel mehr? Gibt es nicht sowas wie Spiritualität und soziale Seiten im Islam? Ist die sog. „Scharia“ ausschließlich als das Befolgen von (islamischen) Gesetzen zu verstehen oder nicht, wie der Islamtheologe Mouhanad Khorchide in seinem Buch Scharia. Der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik schreibt: „Der Begriff Scharia bedeutet im Arabischen der Weg zur Quelle. Auf den Islam übertragen ist Scharia der Weg zu Gott, denn Gott ist die Quelle, er ist der Anfang und das Ende […]. Welcher Weg führt aber zu Gott? Ist das wirklich ein juristischer Weg? Oder anders gefragt: Wird der Weg, den Gott für uns vorgesehen hat, um in seine Gemeinschaft zu kommen, über juristische Regelungen und Kategorien definiert? […]. Die These, die ich in diesem Zusammenhang vertrete, lautet: Nicht der juristische Weg bringt uns Menschen in die Gottesgemeinschaft, sondern der ethische und spirituelle. Damit will ich keineswegs die islamischen Gebote und Verbote über Bord werfen; ich sehe diese aber auch nicht als Selbstzweck an, sondern sie sollen im weitesten Sinne der Glückseligkeit des Menschen im Diesseits und Jenseits dienen.“

Um zu der Ausgangsfrage zurückzukommen: Gehört der Islam zu Deutschland? Dazu gibt es zwei Antworten: 1. Nein, wenn der Islam nicht friedlich gelebt und politische sowie gesellschaftliche Machtansprüche stellt. 2. Ja, wenn der Islam historisch-kritisch kontextualisiert sowie entpolitisiert wird und dem Gläubigen in puncto Spiritualität und Soziales viel Kraft gibt. Differenzierung in dieser wichtigen Frage, die nicht wenige Menschen bewegt, würde uns allen guttun.

Das Wissen und die Liebe

Das Wissen und die Liebe

Rahul Chakraborty

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Mein Name ist Susie Dawi. Seit ungefähr anderthalb Jahren bin ich ehrenamtlich in der Ibn Rushd-Goethe Moschee tätig, wo ich immer mal wieder beim Freitagsgebet die Funktion einer Imamin ausfülle. Ich rufe de Adhan, predige und leite das Gebet.

Ich begrüße all Jene, die diese Khutba hören oder lesen sehr herzlich. Möge sie uns zum Denken anregen und Einsichten vermitteln, die unser Leben für Gott, unsere Mitmenschen und uns selbst verbessern.

Hauptberuftlich arbeite ich an einer Berliner Grundschule. Seit meinem Referendariat sage ich so gut wie täglich: „Ich liebe meine Arbeit“. Natürlich gibt es auch das eine oder andere größere Problem, doch meist gehe ich in meiner Arbeit auf, lache, umarme, schaue mit strengem Blick – die meisten Tage sind spannend und glückbringend.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bin ich allerdings komplett erschöpft. Das erste was ich tue ist, mich schnellstens umzuziehen und für einen entspannenden Mittagsschlaf auf die Couch zu legen. In eine warme Decke gehüllt denke ich nur an Einatmen und Ausatmen, und sage diese Wörter auch im Inneren vor mich hin, um auf diese Weise daran zu denken, nicht nur andere, sondern auch mich selbst zu beschützen und langsam bei den anderen Wesentlichkeiten des Lebens anzukommen. Bei meinem Körper, meiner Seele, und meiner eigenen Lebenswirklichkeit außerhalb des Berufs. Nur so habe ich die Kraft, mich am nächsten Tag wieder der anstrengenden Situation zu stellen, und mich den Kindern zu widmen, die mir während des Vormittags anvertraut sind. Es ist ein klassischer Burnout Beruf, und man tut gut daran, sich immer wieder in Achtsamkeit zu üben.

Heute geht es um eine gewisse Art der Achtsamkeit. Mein Wunsch ist es, dass wir es schaffen, einen Moment neben uns zu treten und uns von außen zu betrachten, damit wir zu eigenen, freieren Bewertungen zu gelangen, und freiere, und vielleicht bessere Handlungsweisen für uns entwerfen können.

Das Thema der Khutba heißt „Wissen und Liebe“, weil diese beiden Phänomene etwas miteinander zu tun haben, auch wenn es zunächst nicht so scheint. Zu beiden Bereichen gibt es nämlich ganz bestimmte Vorstellungen, die unserem Zeitgeist unterliegen. Wir bewerten das Wissen und die Liebe auf eine Weise, die sich genauer zu betrachten lohnt.

Bismillah Alrahman Alrahim…

In Sure 96, Vers 1 bis 5 lesen wir in der Übersetzung von Muhamad Asad:

Lies im Namen deines Erhalters, der erschaffen hat – den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle! Lies, denn dein Erhalter ist der Huldreichste, der den Menschen den Gebrauch der Schreibfeder gelehrt hat – den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste!

(Für den Text in Arabischer Sprache bitte ich, den Koran zur Hand zu nehmen.)

Dies wird die erste offenbarte Sure gewesen sein, denn Mohamed, der nicht lesen konnte, wird hier aufgefordert, genau das zu tun. Und Allah stellt sich den Menschen vor als Derjenige, der sie die Schrift lehrte, eines der großen Merkmale, die uns als Menschen ausmachen. Das Erlangen von Wissen ist seitdem traditionell stark mit der Idee des Islam verwurzelt.

Wir alle wissen, was es gemeinhin bedeutet, etwas zu wissen.

Unser Wissen können wir in viele Kategorien einteilen. Es gibt zum Beispiel Faktenwissen. Davon haben wir reichlich. Wir wissen, wann der zweite WK begonnen hat. Wir wissen, dass die Moschee in der Turmstraße ist, und wir wissen, dass Äpfel zu Obst gehören. Faktenwissen heißt auch deklaratives Wissen, denn wir können es deklarieren, benennen. Daneben gibt es das prozedurale Wissen, oder die sogenannten hard skills. Es bezieht sich auf die Durchführung von Fähigkeiten; so können wir Radfahren, Rührei braten oder einen Zeitungsartikel schreiben… Auch das Wissen, wo man Wissen findet, und wie man es sich aneignen kann, ist heutzutage essenzielles Wissen. Man spricht von der Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Im Gespräch sind heute aber auch mehr und mehr sogenannte Soft skills, also Fähigkeiten, mit anderen Menschen umzugehen – dazu gehören zuhören können, auf andere eingehen, Empathie empfinden. In der Schule werden sie zunehmend als wichtiger erachtet als der Erwerb deklarativen Wissens, denn im Gegensatz zu diesem, kann es nicht schnell mal in einem Buch nachgeschlagen werden. Zuhören können muss man tatsächlich erlernen.

Wissen kann in weitere Kategorien eingeteilt werden, doch eins haben sie alle gemeinsam: Sie machen das Wissen zähl- und messbar. Wie viele Bücher hast du gelesen? Wie viele Sprachen sprichst du? In der Schule überprüfen wir anhand von Klassenarbeiten und Klausuren, ob wir zu einem Thema genug wissen und ausreichend flexibel damit umgehen können. Dafür erhalten wir eine Zensur – eine Zahl, die unser Wissen misst.

Unser Wissen ist in zähl-und messbare Einheiten organisiert, um uns bewerten zu können, denn wer mehr von diesen Einheiten in sich trägt, hat in unserer Gesellschaft einen höheren Status, und „gefühlt“ einen höheren Wert. Stirbt ein junger Mensch, so liest man manchmal in der Zeitung, er habe „viel Potenzial“ in sich getragen, womit man meint, er hätte später sicher einmal ein gebildetes, einflussreiches, und möglicherweise auch an Geld üppiges Leben geführt. In unserer Zeit, so scheint es, bewerten wir Menschen nicht nur in der Schule anhand ihrer „Potenziale“ und konkreten „Leistungen“, sondern auch noch außerhalb dieses speziellen Rahmens.

Ich glaube, durch die Zählbarkeit dessen, was wir Wissen nennen, geschieht etwas mit uns, doch damit meine ich nicht Klugheit. Manche Menschen wissen unheimlich viel, doch erscheinen sie uns nicht unbedingt klug. Manchmal mag man es kaum glauben, wie viel ein Mensch wissen kann, ohne tatsächlich klug zu sein.

Durch die Ansammlung und persönliche Verarbeitung von Wissen kann man in der Tat klug werden, doch was eben zusätzlich geschieht ist eine Art Objektifizierung. Alles wird zum Objekt, zum Ding, und damit beherrschbar. Wir sehen ein Phänomen, geben ihm einen Namen, und grenzen es auf diese Weise von allem anderen ab. Nun können wir mit dem Begriff hantieren. Wir sind der Homo Imperialis, Homo Kategoriensis… Der alles Beherrschende, Ordnende.

Im Koran finden wir diesen Gedanken in der Geschichte von Adam wieder, der von Gott geschaffen wurde, als es die Engel bereits gab. Während die Engel, so glauben wir – und hoffen, damit niemadem Unrecht zu tun – mit der alleinigen Aufgabe betraut sind, Allah zu huldigen und die an sie herangetragenen Aufgaben zu erfüllen, sind die Menschen mit Wissen und Verstand ausgestattet und mit Verantwortung für die Schöpfung betraut. Hierdurch ist der Mensch in der Lage, Entscheidungen zu treffen, und gewissermaßen auch dazu verpflichtet. In Sure AlBaqara Vers 30 lesen wir: Und Siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: „Seht, ich bin dabei, auf Erden einen einzusetzen, der sie erben wird.“ Damit ist laut Muhamad Asads Übersetzung jemand gemeint, der die Oberhoheit für die Erde haben wird. Der Text heißt weiter: Sie, also die Engel, sagten: „Willst du auf ihr einen solchen einsetzen, der darauf Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird – während wir es sind, die deinen grenzenlosen Ruhm lobpreisen und Deinen Namen heiligen?“ Gott antwortete: „Wahrlich, ich weiß, was ihr nicht wisst“. Und er lehrte Adam die Namen aller Dinge; dann brachte er sie in die Kenntnis der Engel und sagte: „Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn, was ihr sagt, wahr ist“. Worauf ihm die Engel antworteten, sie hätten kein Wissen dieser Namen und Definitionen der Dinge. Also Adam, der hier allegorisch für die Menschheit steht, hat das Wissen – er kennt all die Dinge mit ihrem Namen, d.h. er der Mensch, hat Wissen von allem. Im Anschluss sollten sich die Engel vor dem Menschen niederwerfen – vor dem Wesen also, das Entscheidungen treffen kann – gute und schlechte – und dafür zur Rechenschaft gezogen werden wird. Sie taten es, außer dem Teufel, der meinte, er sei etwas Besseres, weil er aus Feuer geschaffen wurde, und nicht wie die Menschen, aus Erde, also weil er ein geistige Wesen ist, und die Menschen ein irdisches.

Keiner wird sagen, dieses definierbare, zählbare Wissen sei unwichtig. Doch führt es eben auch dazu, dass alles definiert wird und damit eingegrenzt. Nur durch die Definitionen, so meinen wir, sprechen wir über dieselbe Sache, wenn wir dasselbe Wort benutzen. Rilke meint, dass so alle Schönheit und alles Wunder der Schöpfung vernichtet werden.

Einmal benannt mit einem Wort, stirbt die Seele des Benannten, und was bleibt, ist das starre, in seinen definitorischen Rahmen gepresste Wort.

Rilke schreibt und Xavier Naidoo hat es vertont:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Denken wir, das Benennbare, das empirisch Nachweisbare sei alles, so haben wir trotz allen Zugewinns verloren. Das uns vermeintlich Bereichernde, macht uns arm – denn die Dinge, eben noch unbenannt, würdevoll, und ihr eigenes, freies Lied singend, werden nun müde, lautlose Diener unseres Verstandes.

An dieser Stelle wird die Khutba ein wenig kompliziert, denn nun verlassen wir diesen Gedanken, lassen ihn sozusagen hängen, und wenden uns dem anderen Thema zu, der Liebe. Ich behaupte, sie ist genauso durchdrungen von dem Wunsch der Messbarkeit, und führt genauso wie unser Umgang mit dem Wissen zur Objektifizierung, nämlich des Partners. Und unserer Selbst. Das Verständnis von Liebe unterliegt demselben Zeitgeist wie das Verständnis von Wissen. Im Übrigen unterliegt auch unser Verständnis von Glauben diesem Zeitgeist.

Ich spreche hier von der partnerschaftlichen Liebe, derjenigen zwischen zwei Menschen, die sich ineinander verlieben und nun Partner sind. Bald nach den Anfängen dieser Liebe und dem ersten Entschluss, eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft zu bilden, entsteht entsprechend unserer Sozialisation der Wunsch nach Messbarkeit der Liebe in Form von erfüllten oder unerfüllten Ansprüchen. Die Ansprüche sind durchaus verschieden, die Systematik dieselbe, daher ein paar Beispiele: Wir messen die Liebe unseres Partners beispielsweise daran, wie viele Whats App Nachrichten wir von ihm oder ihr bekommen. Wir schauen wie oft er/sie uns auf Whats App eine gute Nacht wünscht – in der letzten Woche waren es fünfmal, diese Woche sind es nur dreimal, also ist seine Liebe zu mir wohl geringer geworden; er war auch diese Woche nur einmal mit mir am Abend spazieren, während wir vor zwei Monaten noch fast jeden Abend ausgegangen sind, im letzten Jahr hat er mir überschwenglich ein frohes neues Jahr gewünscht, in diesem Jahr hingegen scheint er mich komplett vergessen zu haben; und wann kommt eigentlich das mir gebührende Gold in Form von Ringen, Armreifen und Halsketten endlich in meinen Besitz? Und wie viele Kilo werden es sein? Wie oft war mein Mann diese Woche einkaufen, hat er abgewaschen, wie oft hatte meine Frau Lust, den Abend mit mir zu verbringen? Wie sehr strengt sich mein Mann, meine Frau an, eine höher bezahlte Stellung in der Firma zu erlangen, um uns mehr Spaß zu ermöglichen? Bin ich ihr total egal? Oder liebt sie mich? Heute gab es schon wieder kein Umarmungs-Icon auf Whats-App und auch keine Blumen. Wenn er mir nicht schreibt, schreib ich ihm auch nicht.

Neulich schickte mir eine liebe Freundin aufmunternd das Folgende von Made my day.com – jede Frau, immer:

„Dieser Moment, wenn er dir nicht schreibt und du ihm nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt, du ihm aber eigentlich schreiben willst, aber aus Prinzip nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt.

Haben wir nun alles Gold gewogen, alle Whats-App Nachrichten durchgezählt, beginnen wir zu hoffen und zu wünschen – nach mehr, denn so wird es uns in die Wiege gelegt. Liebe bemessen wir nun an der Erfüllung unserer Wünsche und Hoffnungen. Erfüllt der Partner unsere Wünsche, so ist er ein guter Partner. Erfüllt er sie nicht, überlegen wir, ob er sich als Partner weiterhin eignet, denn es stehen viele andere Partner zur Verfügung. Partner, die mehr unserer Wünsche erfüllen und deshalb irgendwie besser zu uns passen; die uns jeden Abend gute Nacht wünschen, nicht nur dreimal in der Woche; die mit uns ausgehen, wann immer wir es wollen; weil, so fühlt es sich an, sie uns messbar mehr lieben; messbar bedeutet empirisch nachgewiesen, also wahr. Und in unserer zeitgenössischen Denkweise fühlt sich dann alles ganz richtig an. Die wahre Liebe ist sieben – sieben mal gute Nacht, sieben mal ich liebe dich, sieben mal wie war denn dein Tag liebster Schatz – oder „allerliebster Schatz“? Das ist auch eine Objektifizierung. Der Partner wird zu unserem Diener, unserer Dienerin, denn er/sie ist dafür verantwortlich, dass wir glücklich sind. Wir erwarten von unserem Partner entsprechende Opfer. Diese Erwartung dreht sich auch um, und wir beginnen, selbst Opfer zu bringen, für unsere Partnerschaft, und empfinden dies als freiwillig. Unsere Partnerschaft wird zu einer Opferschaft. Wir opfern freiwillig und erwarten freiwillige Opfer. Es ist aber etwas ganz anderes, ob wir den anderen lieben und mit ihm eine Opferpartnerschaft betreiben, oder ob wir den anderen dauerhaft als Subjekt wahrnehmen. Denn nur wenn wir ihn dauerhaft als Subjekt wahrnehmen, bleiben auch wir dauerhaft Subjekt. Weder sind wir dazu geschaffen, das Objekt unseres Partners zu sein, noch ist dieser das Unsere. Wer im Deutschland der Gegenwart sozialisiert ist, wird es hiermit nicht leicht haben. Die Liebe nicht an den zählbaren Dingen zu messen bedarf einiger Übung. Der Koran hilft uns dabei, wenn wir immer wieder Sure 30 Vers 20 erinnern. Dort steht, von mir ein wenig ergänzt: Und unter seinen Wundern ist dies: Er schaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art, auf dass ihr in ihnen Ruhe und Geborgenheit findet; und er ruft Zuneigung und Gnade zwischen euch hervor. Sakina, mauwade wa rahme. Darum soll es in der Liebe gehen – um das, was jenseits der Messbarkeit liegt, um das Nähren gegenseitiger Zuneigung, und Gnade. Ruhe und Geborgenheit, und Zuneigung, und Gnade. Dies liegt nicht auf der Ebene der Empirie, sondern auf der Ebene der Ehrfurcht und des Staunens.

Kehren wir zurück zu unserem ersten Thema, dem Wissen. Auch bezüglich des Wissens erinnert uns der Koran an Elemente jenseits der Zählbarkeit.

In Sure 2 Vers 3 lesen wir (übersetzt von Muhamad Asad):

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist dazu bestimmt, eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten zu sein, die an die Existenz dessen glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist (, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten.)

Jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung liegt das Unzählbare, Unmessbare, dem wir mit Ehrfurcht begegnen. Wir nennen es zum Beispiel spirituelles Wissen. Dabei geht es darum, zu wissen, dass wir nicht alleine sind, sondern eingebunden in die Schöpfung Allahs. Dass wir so wertvoll sind, wie ein Baum, tausend Jahre alt. Und so schön wie bunte Blumen auf wilden Wiesen. Schmetterlinge sind wir und Adler. Tiefseefische und gigantische Wale. Von all diesen tragen wir Menschen etwas in uns, denn wir sind Teil der Schöpfung. Dieses Wissen um die Ganzeitlichkeit dessen, was Allah erschaffen hat, stärkt uns und schenkt uns Wohlbefinden-

Und wir haben ein Fühlwissen. Das Gefühl dafür, was gut für uns ist, und was nicht. Das ist es vielleicht, was wir am meisten lernen müssen. Wann ist das, was wir zu tun wünschen gut für uns und wann nicht. Wann ist es gut für andere, aber nicht für uns. Wann ist es wert, nur für andere gut zu sein, aber nicht für uns, und wann müssen wir andere Menschen leider enttäuschen, um uns selbst gerecht zu sein? Das Gefühl für Integrität gehört zu diesem Fühlwissen – also uns selbst treu zu bleiben. Wir wachsen daran, uns immer wieder damit auseinanderzusetzen, wie wir es erreichen können, frohe und dankbare Menschen bleiben. Fröhlichkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, wie man fröhlich wird, und bleibt. Dankbarkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, dass man reich beschenkt ist von Allah und seiner Schöpfung. Ehrfurcht ist eine Haltung, der das Wissen zu Grunde liegt, dass alles endlos groß und weit ist und von unermesslicher Ästhetik und Struktur und dass die allerkleinste Ameise auf ihrem Hügel das Größte ist. Liebe ist ein Gefühl, dem das Wissen zu Grunde liegt, geliebt zu werden, von Allah und anderen Menschen.

Für den mündlichen Vortrag:

In wenigen Minuten ist es Zeit für das Freitagsgebet. Nur durch innere Achtsamkeit wird es uns gelingen, unsere Verbindung zu Allah zu fühlen und zu wissen.

Was der Nachmittagsschlaf für den Arbeitstag ist, ist das Freitagsgebet für die Woche. Ich möchte euch daher einladen, das Freitagsgebet eben so zu betrachten wie den Moment nach der Arbeit. Es ist der Moment des Ablegens aller Alltagsgedanken und Alltagsbelastungen; der Moment des Loslassens all dessen, was uns diese Woche begleitet hat und was uns in der nächsten Woche begleiten mag. Jetzt ist nicht der Moment dieser Vergangenheiten, oder irgendwelcher Vergangenheiten, noch ist es der Moment der Zukunftsgedanken, denn sie sind rein fiktiv. Keiner weiß, was die Zukunft bringen mag. Hier in der Moschee am Freitag, zur Zeit des Gebets, halten wir einen Moment inne und geben den Vergangenheiten und Zukunften keinen Raum. Wir können sie loslassen und einfach einatmen und ausatmen. In aller Ruhe. Denn wir sind da, wo wir hinwollten. Angekommen. Wir nehmen den Raum wahr, aber wir denken nicht darüber nach. Wir enthalten uns jeder Interpretation. Wir sehen die Dinge, auch die Menschen um uns herum ohne sie zu interpretieren; sie sind da, aber sie haben keine Bedeutung. Denn wir sind ganz bei uns selbst. Und fühlen eine angenehme Ruhe in uns. Eine Energie, die uns umgibt, wird fühlbar. Wir sind gekommen, unseren kleinen, zarten Faden zu Gott zu spinnen, gleichsam wie der Faden einer Spinne, der aber nur dann aus uns heraustreten kann, wenn wir ganz ruhig sind, und alles andere fallen lassen. Wir atmen ruhig, denn wir sind in diesem Moment zufrieden oder vielleicht auch glücklich. Wir sind eine von Gott gewollte Schöpfung. Nicht zufällig entstanden, sondern aus dem Wunsch Allahs heraus; wir als Menschheit und wir als Einzelne. Gefäße sind wir, gefüllt mit Dankbarkeit und Liebe, diese zu empfinden, zu genießen und weiter zu verschenken, um muslim zu sein – sich Allah friedvoll und geduldig hingebend.

Orient und Okzident

Orient und Okzident

 

Heute wissen wir, dass die islamischen Wissenschaften im Mittelalter Europa inspiriert hat, so dass Europa auf den Stand gelangen konnte, wo wir heute stehen.

Heute wissen wir, dass die Vereinigung griechischer Wissenschaft mit dem indischen und persischen Wissen die Grundlage für die arabische Wissenschaft und Gelehrsamkeit in der Zeit zwischen dem 8.bis 12. Jahrhundert, den Goldenen Jahren, gebildet hat.

Was war passiert? Der Kalif al-Mamun war ein welt-aufgeschlossener Herrscher, er gründete im Jahre 832 eine Art „Akademie,“ das „Haus der Weisheit“, in dem ungefähr 90 Sprachgelehrte, Wissenschaftler und Philologen an wissenschaftliche Übersetzungen arbeiteten. Besonders die Werke der alten Griechen waren gefragt. Am Anfang stand das Übersetzen, besonders im philosophischen Bereich. Aber es blieb nicht nur das reine Übersetzen. Die arabischen Wissenschaftler schreiben Kommentare, fingen an, auf diesen Grundlagen Neues zu erforschen, besonders in den exakten mathematischen, astronomischen und geometrischen und Wissenschaften wie Medizin, Naturwissenschaften. Es begann ein schöpferisches, in Europa unerreichtes „Goldenes“ Zeitalter der Weltklasse.

Herauszuheben ist beispielsweise die Algebra, das Operieren mit Buchstaben statt mit Ziffern, die Entdeckung des Blutkreislaufs… und ebenso wichtig das friedliche Zusammenarbeiten aller ansässigen Religionen.

Das Bedürfnis, die islamische Theologie wissenschaftlich zu begründen und auszubauen, führte schnell zu einer Aufarbeitung und Neubewertung der griechischen Philosophie und zur Herausbildung einer arabischen Weltanschauung. Die wichtigsten Wissenschaftler waren Al-Kindi, Al-Farabi, Avicenna genannt Ibn Sina, Averroes, genannt Ibn Ruschd und auch Al-Gazali. Al-Ghazali führte die aristotelische Logik in die islamische Rechtswissenschaft und Theologie ein.

Es herrschte eine Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Strömungen der Religionen. Zu den wichtigsten Methoden der muslimischen Rechtsgelehrten zählte damals der sogenannte Idschtihad. Er steht für ein selbständiges Denken und Schlussfolgern. Es entstand die theologische Strömung der Mu‘tazila. Die Themen der Mu’tazila standen für Gerechtigkeit Gottes und Seine Einheit. In Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes folgerten sie, dass der Mensch ungeachtet der Allmacht und dem Allwissen Gottes einen freien Willen ohne Einschränkung besitzen. Sonst wäre das Gericht Gottes nicht möglich bzw. der Mensch nicht für seine Taten verantwortlich. Sie vertraten den Standpunkt, der Koran sei in der Zeit geschaffen worden und nicht das ewige existierende Wort Gottes. Es war damals ein nicht zu unterschätzendes politisches Spiel mit dem Feuer: Wenn der Koran, der die Lebensform, Normen und Werte der islamischen Gemeinschaft bestimmt, als ‚nicht ewig‘ gilt, d.h. der Koran ist erschaffen, erscheint es eher gerechtfertigt und möglich, bestimmte politische Interessen unter Umgehung der koranischen Vorschriften durchzusetzen. Das war natürlich den Gegnern unter Führung von Ibn Hanbal ein Greul.

Ibn Hanbal war einer der bedeutendsten Vertreter des traditionalistischen sunnitischen Islam. Seine Schule hat einen tiefgreifenden Einfluss, der fast jeden Bereich des orthodoxen sunnitischen Denkens betrifft, auf der sich auch heute noch der orthodoxe Islam in Saudi-Arabien stützt.

Damals hatte die Wissenschaft ihre größten Förderer in den Herrschern der Zeit, den Abbasiden-Kalifen. Erst unter dem Kalifen al-Mutawakkil ʿalā Llāh (ab 847) wurden die Mu’taziliten verfolgt und es brach eine neue Zeit an, eine Zeit der Stagnation, ein Stillstand im Denken und Forschen. Sie verabschiedete sich von allem Fortschritt in eine dunkle Zeit! Der letzte Schlag kam durch den Einfall der Mongolen im Jahr 1258. Es trat eine Beschränkung der Meinungsfreiheit, Intoleranz und ein ablehnender Konservatismus ein.

Aber dennoch: Ohne die wissenschaftliche Aufbereitung und Weiterforschung kein ein Aufblühen im westlichen Teil von Europa, keine Universitäten, keine Renaissance, keine Wissenschaft in unserer heutigen Form. Die ganze Welt profitiert noch heute von diesen Gelehrten im islamischen Osten.

Aber was wäre geschehen, wenn dieses Aufblühen der Wissenschaften nicht gewesen wäre? Wenn dieser lockere Umgang mit anderen Religionen nicht stattgefunden hätte? Wenn man sich auf die Forderung Gottes nachzudenken, die im Koran nachlesbar stand, nicht eingelassen hätte, nicht nachgedacht und verwirklicht hätte? Wenn schon gleich am Anfang ein Ibn Hanbal mit seiner lähmenden Strenggläubigkeit stand und wissenschaftliches Denken gar nicht erst zum Zuge käme? Wo stünden wir heute?

Wie ging es weiter?

Das Aufblühen der Wissenschaft verschob sich in den Osten nach Zentralasien, in das alte Persien, nach Indien, Usbekistan. Die großen Städte Buchara und Samarkand blühten im 15. Jahrhundert auf, besonders gefördert durch einer der Enkel des Eroberers Timur Lenk. Im dortigen Observatorium, das der Herrscher Ulug’bek errichtet hat, errechneten Ulug’bek und seine Mitarbeiter das Sternenjahr zu 365 Tagen, 6 Stunden, 10 Minuten und 8 Sekunden, womit sie vom heute gültigen Wert lediglich 58 Sekunden abwichen. Leider wurde dieses Zentrum islamischer Gelehrsamkeit ab dem Ende des 17. Jahrhunderts als Kornspeicher genutzt und zerfiel mit der Zeit mehr und mehr. Welch ein Verlust!

Aber noch wichtiger war Andalusien als Transfer des Wissens. Einige Jahrhunderte lang lebten Christen, Muslime und Juden in Spanien friedlich zusammen.

Toledo gehörte zum Emirat von Granada. Besonders dort herrschte ein Nebeneinander verschiedener Kulturen, Religionen und Sprachen. Es entstanden dort Übersetzerschulen, in denen arabische Dokumente und wissenschaftliche Arbeiten in das Lateinische übersetzt wurden. Von dort aus gelangte das übersetzte Wissen weiter nach Europa.

Es ist wie ein kleiner Kreislauf: 529 u.Z. wird die griechische Akademie in Athen geschlossen, die Araber übersetzen und verarbeiten ihre wissenschaftliche Arbeiten, in Andalusien werden die Werke der alten Griechen wieder übersetzt, nun ins Lateinische und kommt so wieder mitsamt dem neuen Wissen der Gelehrten in den islamischen Ländern nach Europa.

Erst mit der Erfindung der Differential- und Integralrechnung, also der Infinitesimalrechnung, das Rechnen mit unendlich kleinen Zahlen, durch die Europäer Newton und Leibniz kam nach der Geometrie durch die Griechen und nach der Algebra durch die Araber der dritte große Schub in die Mathematik, von der wir heute noch zehren. Also ein Flugzeug bauen ohne Geometrie, Algebra und Infinitesimalrechnung, das geht nicht!

Aber erst durch die Erfindung des Buchdrucks um 1450 machte das christliche Europa den großen Schritt zur Renaissance und nicht zu vergessen, das Herstellen von Papier durch Papiermühlen, die es schon einige Jahrhunderte vorher in arabischen Ländern gab.

Egal wo, vorher mussten alle wissenschaftlichen Arbeiten vielfach kopiert werden, um von anderen Gelehrten überprüft und diskutiert zu werden. Auch wenn es in den wissenschaftlichen Zentren große Schreibbüros gab, immer konnte nur eine kleine Gruppe von Konsumenten Nutzen daraus ziehen. So fand das Wissen kaum Eingang in öffentlichen islamischen Schulen. Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg trug wesentlich zur immer stärkeren Differenzierung des christlichen mit dem islamischen Kulturkreis bei.

Also mit Gutenbergs Druckmaschine und dem Bau von Papiermühlen verschwand in Europa das mühevolle Kopieren. Jetzt stand dem schnelleren Verbreiten von Nachrichten und auch wissenschaftlichen Abhandlungen nichts mehr im Weg und die Wissenschaft nahm einen ungeahnten Aufschwung. Ich will daran erinnern: Die Gutenberg-Bibel entstand zwischen 1452 und 1454 auf Latein. 1534 folgte dann der Druck der Lutherbibel auf Deutsch. Und man kann sagen: Ohne eine deutsche Lutherbibel hätte es sicherlich keine Reformation gegeben.

Aber wie stand es mit dem Koran? Wie lange dauert es, einen Koran per Hand zu kopieren? Es muss natürlich gesagt werden, dass das Arabische eine ziemlich komplizierte Schriftsprache ist, da sie kursiv angelegt ist, also besser geeignet für Kalligrafie als zum Druck.

Aber nicht nur das: Das im Jahr 2017 erschienene Buch „Islam in der Krise“ beschrieb Michael Blume die folgenschwere Fehlentscheidung des Jahres 1485: Kaufleute in Konstantinopel baten den osmanischen Sultan Bayazid II. um die Erlaubnis, eine Druckerpresse aus Europa einrichten zu dürfen. Aber die islamischen Schrift- und Rechtsgelehrten brachten Argumente dagegen an. Sie meinten, dass es ihr über Jahrhunderte hart erworbenes Privileg war, die geheiligten, arabischen Schriftzeichen (auch für persische und osmanische Schriften) verantwortungsvoll zu Papier bringen zu dürfen. Ihr frommes und verantwortungsvolles Handwerk würde durch diese Maschine der Christen entwertet! Und mehr noch: Würde die Einführung der Druckerpresse nicht Tür und Tor für allerhand Schund und aufrührerische Texte öffnen? Warum sollte der Sultan die Grundfesten seines Reiches erschüttern, das sich doch erkennbar gegen die weniger wissenden und zerstrittenen Christen immer weiter durchsetzen würde.

Bayazid II. verbot also 1485 den Buchdruck arabischer Schriftzeichen im gesamten Osmanischen Reich.

Das Ergebnis war: 1717 wurde die Schulpflicht in Preußen eingeführt. Ab 1835 gab es in Sachsen die Allgemeine Schulpflicht. Um 1800 konnten bereits die Hälfte der Briten und Deutschen lesen und schreiben, im Osmanischen Reich weiterhin nicht einmal 5%. Als Napoleon bei seinem Einmarsch in Ägypten eine Druckerpresse mitgebrachte, zerstörte ein ägyptischer Mob auch diese, da sie doch von den weisen, islamischen Vorfahren einst verboten worden war. Auf das Drucken des Korans stand ja die Todesstrafe. Erst 1874 durfte der Koran in Istanbul auf Arabisch gedruckt werden.

Jahrhunderte lang schien die arabische Welt von der modernen Wissenschaft abgekoppelt zu sein. Im 20. Jahrhundert spielten akademische Forschung nur eine untergeordnete Stellung. Wer nach Wissen strebte, der ging ins christliche Ausland.

Mittlerweile investieren viele arabische Staaten – nicht nur am ölreichen Golf – wieder deutlich mehr in Wissenschaft und Forschung. Bis sie europäischen Ländern im großen Stil auf diesem Gebiet Konkurrenz machen, wird es allerdings wohl noch eine Weile dauern.

Es gab in der jüngsten Vergangenheit einige Fortschritte: Pakistan investierte verstärkt in die Wissenschaft und konnte dadurch wesentlich mehr Fachkräfte ausbilden und die Anzahl der veröffentlichten wissenschaftlichen Aufsätze in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends um 40 Prozent steigern. Auch die Türkei, Jordanien und der Iran legten kräftig zu.

Aber dennoch erleben die islamischen Staaten keinen kontinuierlichen intellektuellen Vorwärtsruck, viele junge Leute verlassen nach ihrem Studium ihre Heimatländer, um im Westen erfolgreich zu forschen oder gehen zum Studium gleich ins Ausland und bleiben dort. Nach einer Studie des Gulf Center for Strategic Studies in Kairo wandern jährlich die Hälfte der Studienabgänger in Medizin aus, ebenso 23 Prozent der Ingenieure. Es fehlt an ausreichend Forschungsstellen, eine angemessene Vergütung und Absicherung, aber besonders wichtig eine freie Ausübung und Forschung ohne Bevormundung durch Theologen.

Es galt doch schon einmal, dass man auf der Grundlage des Koran forschen konnte, dass es Meinungsfreiheit gab und dass gleichermaßen Juden, Christen, Feueranbeter und Muslime Seite an Seite forschten und auf einer annehmbaren Diskussionsebene über ihre Forschungsergebnisse diskutierten.

Bis heute hat in fast der ganzen islamischen Welt kaum eine selbstkritische Debatte über die Gründe des eigenen Niedergangs stattgefunden. Es ist einfach, eine Schuld dem Westen anzuhängen.

Wie dem auch sei: Wenn es gelingen soll, die wissenschaftliche Forschung auch in allen islamischen Ländern wirklich voran zu bringen, kann sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Stärkung der Lebensqualität aller ihrer Bürger leisten und dient gleichzeitig zum Aufbau von Stabilität und Vertrauen, auch in die islamische Religion und damit zur Friedensförderung.

O Gott, gib den Menschen Einsicht in dein wundervolles Erschaffen, gib uns im Diesseits Gutes und im Jenseits Gutes.

Joseph Karl Stieler [Public domain]

Goethes Begegnung mit dem Islam – Der Dialogversuch zwischen Orient und Okzident

Goethes Begegnung mit dem Islam – Der Dialogversuch zwischen Orient und Okzident

Joseph Karl Stieler [Public domain]

In der heutigen Predigt geht es um den großen deutschen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe und seinem Verhältnis zum Islam. Es gibt nicht wenige Leute, die sich die Frage stellen, was hat denn ein Goethe überhaupt mit dem Islam zu tun? Ist Goethe nicht ein Dichter und Denker, der sich nur mit deutschen, europäischen, christlichen und jüdischen Werken beschäftigt hat? Und spricht man über seine Werke, fallen einem direkt ein: „Faust“, „Wanderers Nachtlied“ oder auch „Die Leiden des jungen Werthers“. Ein weiteres Werk von ihm sollte mindestens genauso beachtet werden und zwar der „West-östliche Divan“, da er ein Riesenpotential fürs friedliche Miteinander birgt.

Wie entstanden überhaupt seine Werke? Impulse und Inspirationen, um dadurch eigene Schriften zu kreieren, bekam er vor allem durch die Korrespondenz mit vielen seiner Zeitgenossen. Wichtige Denker wären hier z.B. Friedrich Schiller, Johann Gottfried von Herder oder auch Christoph Martin Wieland. Diese Menschen starben aber nach und nach, und Goethe, der sich aus seiner Trauer um seine verlorenen Freunden langsam wieder erholte, nahm sich aus anderen Schriftstücken Anregungen fürs eigene produktive Schaffen. Diese Anregungen bekam er aus dem Orient und aus dem Islam, die auch zum Entstehen des Divans beigetragen haben.

Aufschlussreiche Erkenntnisse bieten die Bücher der renommierten Literaturwissenschaftlerin Katharina Mommsen: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. Goethe und die Weltkulturen“ oder auch die vielen Briefwechseln Goethes sowie sein autobiographisches Werk „Dichtung und Wahrheit“ und selbstverständlich sein grandioser West-östlicher Divan.

Was bedeutet überhaupt Divan? Das ist kein unwichtiger Begriff! Divan bedeutet sowas wie Versammlung und manche würden auch Verbindung sagen. Was Goethe also in seinem West-östlichen Divan verbinden, zusammenführen und in einer friedlichen Versammlung vereinigen wollte, waren die Gesellschaften des Orients und Okzidents. Wie intensiv sich Goethe mit dem West-östlichen Divan beschäftigte, zeigen Aussagen von ihm in seiner autobiographischen Schrift „Dichtung und Wahrheit“ für das Jahre 1815: „[…] denn wäre dieser Trieb aufgehalten, abgelenkt worden, ich hätte den Weg zu diesem Paradiese nie wieder zu finden gewußt.“

Goethe schreibt in einem sehr wichtigen Divan-Gedicht: „Gottes ist der Orient. Gottes ist der Okzident. Nord – und südliches Gelände. Ruht im Frieden seiner Hände.“ Klingt nicht nur schön, sondern hat eine ganz klare Message, wie Mommsen drauf hinweist, dass der Orient weder den Orientalen, noch der Okzident den Okzidentalen gehöre, sondern diese Gebiete gehören Gott. Und was möchte Gott in diesen Gebieten? Im letzten Teil findet sich dessen Intention, nämlich Frieden. Die Herabsendung der heiligen Schriften sollte also ein friedliches Miteinander schaffen, fernab von jeglichem (ethnischem oder religiösem) Nationalismus im Orient und Okzident. Daran anschließen kann man auch sagen, dass der Koran ebenso eine Annäherung der Menschen befürwortet, da es in der Sure 49, Vers 13 heißt: „O ihr Menschen, wir haben euch ja von einem männlichen und weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von Euch. Gewiss, Allah ist allkundig und allwissend.“ Das friedliche Miteinander war ein Moment im Koran, was Goethe ebenfalls nicht verborgen blieb. Die Anfangsstelle des Gedichts findet sich in der al-Baqara, also in der 2. Sure (Goethes Lieblingssure), Vers 115, wo begonnen wird: „Allah gehört der Osten und der Westen; wohin ihr euch auch immer wendet, dort ist Allahs Angesicht. Allah ist allumfassend und allwissend.“ Das Gedicht von Goethe zeigt sehr aussagekräftig, die Kombination aus koranischen und goethischen Textstellen.

Goethes erste Begegnung mit Muslimen fand im Jahre 1813 statt. Es waren baschkirische Soldaten, die in der deutschen Stadt Weimar nach Räumlichkeiten fragten, um ihr Freitagsgebet praktizieren zu können. Goethe besaß eine große Aufgeschlossenheit gegenüber außereuropäischen Kulturen. Er begegnete ihnen nicht direkt mit Misstrauen und Ablehnung, was typische Haltungen für viele seiner Zeitgenossen waren. Goethe selbst schaute stattdessen neugierig auf die verschiedenen Gesellschaften auf den Globus. Aus einem Briefwechsel mit seinem Freund Heinrich von Trebra schreibt Goethe am 05. Januar 1814 über seine Begegnung mit den Muslimen: „Da ich von Weissagungen rede, so muß ich bemerken, daß zu unserer Zeit Dinge geschehen, welche man keinem Propheten auszusprechen erlaubt hätte. Wer dürfte wohl vor einigen Jahren verkünden, daß in dem Hörsaale unseres protestantischen Gymnasiums mahometanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Korans würden hergemurmelt werden, und doch ist es geschehen, wir haben der baschkirischen Andacht beigewohnt, ihren Mulla geschaut, und ihren Prinzen im Theater bewillkommt.“

Und wisst ihr, an welchem Tag die Muslime ihr Freitagsgebet verrichtet haben? Das Ganze wurde festgehalten am 24. Dezember 1813. Und was ist das Besondere an diesem Tag? Natürlich geht es da um Weihnachten! Goethe hatte gesehen, dass auf der einen Seite Muslime friedlich ihr Freitagsgebet im protestantischen Gymnasium hielten und wenige hundert Meter weiter, Christen ihre Weihnachtsfeier in der Kirche zelebrierten. Dieses Bild, wie jede Religionsgemeinschaft in ihrer Spiritualität ganz friedlich in sich gekehrt war, hinterließ bei Goethe einen tiefen Eindruck. Tatsächlich blieb es aber nicht bei der einfachen Teilnahme am muslimischen Gottesdienst. Goethe fasste Mut zusammen und bat die Muslimen zu sich in seinem Haus, um sich miteinander auszutauschen. Ich komme auf diese Begegnung gleich zurück.

Im West-östlichen Divan finden sich auch viele weitere Stellen, die ihre Anregungen aus dem Koran schöpfen. Womit fängt das erste Gedicht im Divan eigentlich an? Es ist das Hegire-Gedicht. Und welche Bedeutung hat Hegire? Es ist das französische Wort für Hedschra und dieser Begriff wiederum ist arabisch und bedeutet Flucht. Im islamischen Kontext beschreibt man damit in der Regel die Flucht des Propheten (s.a.w.) aus Mekka, als er die Mekkaner nicht für die islamische Religion überzeugen konnte, woraufhin er nach Medina floh. Und was genau sagt Goethe in diesem Gedicht an einer Stelle: „Nord und West und Süd zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern, flüchte du im reinen Osten, Patriarchenluft zu kosten.“ Goethe hat sich in diesem Hegire bzw. Hedschra Gedicht mit der Flucht auseinandergesetzt. Die Flucht also in den Osten, als die Gebiete der anderen Himmelsrichtungen zerstört wurden. Goethe machte sich deshalb imaginär auf in den Osten, worin er beglückende Momente erlebte.

Interessant ist hier halt, dass er in diesem Gedicht ein zentrales Motiv des Islams, also die Hedschra, angefangen im Jahre 622, wo auch die islamische Zeitrechnung begann, an einem ganz bestimmten Tag datierte. Und welcher Tag war das wohl? Es war der 24. Dezember 1814, also ein Jahr nach seiner Begegnung mit Muslimen und genau der Tag, der Heiligabend, als die christliche Zeitrechnung mit der Geburt Jesus Christus stattfand. In diesem Gedicht verbirgt sich somit der Gedanke des Beginns der islamischen und indirekt der der christlichen Zeitrechnung, etwas was er im West-östlichen Divan würdigt. In einem Brief erwähnt Goethe auch, dass er für seinen Divan ein breites Lesepublikum finden möchte und gleichzeitig bittet er seinen Brieffreund, er solle niemandem über sein Dichtwerk erzählen, da er einigen seiner Zeitgenossen nicht traute. Es ist auch kein Zufall, dass Goethe in seinem Werk: „West-östlicher Divan“ ein Kapitel mit der Überschrift: „Noten und Abhandlungen zum Divan“ verfasste und darin schreibt er: „Nun wünscht ich aber, daß nichts den ersten guten Eindruck des gegenwärtigen Büchleins hindern möge. Ich entschließe mich daher, zu erläutern, zu erklären, nachzuweisen, und zwar bloß in der Absicht, daß ein unmittelbares Verständnis Lesern daraus erwachse, die mit dem Osten wenig oder nicht bekannt sind.“ Er wusste daher, dass viele Zeitgenossen seinen Divan schon alleine deswegen nicht verstehen können, weil es sich um eine Verbindung von west-östlichen Gedanken handelt und seine Zeitgenossen eher deutschnational oder eurozentristisch dachten. Mit 23 Jahren setzte sich Goethe auch mit dem islamischen Religionsgründer Mohammed (s.a.w.) auseinander. Er fing an ein Dramenstück über ihn zu schreiben, wobei es jedoch nur wenige Auszüge noch davon gibt. Der Titel des Stücks lautet: „Mahomets Gesang“ und auch die wenigen Zeilen davon sind es wert gelesen zu werden.

In einem weiteren Briefwechsel bezog er sich vorher sehr positiv auf den Dichter Hafis. Bemerkenswert ist es ja auch, dass Goethe den persischen Dichter Mohammed Schem-seddin Hafis als seinen Zwilling bezeichnete, was außergewöhnlich ist für den Umstand, dass zwischen Goethe und Hafis nicht nur geographische, sondern auch eine zeitliche Distanz von ca. 400 Jahren liegen. Hafis ist auch der Titel für jemanden, der den Koran auswendig kann und dies konnte eben Mohammed Schem-seddin Hafis, der ebenfalls Koranlehrer war. Hafis stand vor allem für einen sufischen Islam. Goethe selbst schrieb: „Und mag die ganze Welt versinken, Hafis mit dir, mit dir allein, Will ich wetteifern! Lust und Pein, Sei uns den Zwillingen gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, Das soll mein Stolz, mein Leben seyn.“

Heutzutage stellen sich ja einige die Frage, ob er denn Muslim gewesen sei? Oft wird diese Frage mit dem Hinweis bejaht, dass er es doch (angeblich) selbst schreibe. In der Tat können manche Textstellen bei ihm dazu verleiten, zu glauben, er wäre Muslim.

Ich sehe das nicht so! Und das möchte ich an einem Beispiel zeigen. Goethe schreibt im „West-östlichen Divan“ im Buch der Sprüche: „Närrisch, daß jeder in seinem Fall, Seine besondere Meinung preis‘t! Wenn Islam Gott ergeben heißt, In Islam leben und sterben wir alle.“ Ich zitiere hierzu wörtlich Katharina Mommsen, die diese Stelle sehr treffend auf den Punkt bringt: „Dieses Bekenntnis zum Islam hat man Goethe in Deutschland öfter verargt, dabei besagt der Spruch doch eigentlich nur, daß das Wort „Islam“ Ergebenheit in den Willen Gottes bedeutet und der Mensch sich einzig Gott als der allerhöchsten Instanz ergeben sollte, was schließlich für alle Menschen Gültigkeit hat, unerachtet der Religion, die dem einzelnen durch Geburt und Lebensumstände zugefallen ist.“

Um nochmal auf den Koran zusprechen zu kommen: Goethe befasste sich während seines Straßburger Studiums sehr früh mit dem Koran, da war er etwa 22 Jahre alt. Derjenige, der ihn dazu motivierte, sich mit der koranischen Schrift auseinanderzusetzen, war der bereits erwähnte Johann Gottfried von Herder. Und was empfand Goethe in seiner Beschäftigung mit dem Koran? Einerseits war er begeistert, aber andererseits und das gehört auch dazu, gab es Stellen, die ihm missfielen. Goethe merkte in den „Noten und Abhandlungen zum West-Östlichen Divan“ im Unterkapitel „Mahomet“ kritisch an, dass der Prophet sich dem Mittel der Gewalt bediente. Und dasselbe gilt auch für den Koran, wo er einerseits schöne Passagen fand, aber ihm auch andere, nicht friedvolle Textstellen auffielen.

Die Kritik, die Goethe auch am Islam hatte, heißt nicht in letzter Konsequenz, dass er ein Islam-Gegner war, das stünde ja völlig im Widerspruch zu seinen Lobpreisungen über den Islam. Vielmehr sollten wir für uns die Lehre ziehen, dass auch wir einen kritischen Geist beibehalten und historisch-kritisch an die islamischen Schriften herangehen sollten. Hat uns Goethe eigentlich etwas für die Gegenwart zu sagen? Er lebte doch vor über 200 Jahren. Ist er überhaupt aktuell? Diese Frage kann ich ganz klar mit Ja beantworten und zwar deswegen, weil hoffentlich ersichtlich wurde, wie sehr Goethe um einen Dialog zwischen Orient und Okzident poetisch kämpfte und viele Gemeinsamkeiten erkannte. Diejenigen, die heute die Parolen rufen: „Deutschland den Deutschen“ und auch „Guck mal, was wir Deutsche für Dichter und Denker hervorgebracht haben“, denen würde ich zurufen: Ja, schaut euch oder noch besser liest euch mal in die Werke „eurer“ Dichter und Denker durch. Liest was sie schrieben und erkennt, dass beispielsweise ein großer Dichter und Denker wie Goethe euren Nationalismus aufs Schärfste verurteilen würde. Ihr könnt euch von eurer politischen Haltung ganz pauschal auf deutsche Dichter und Denker positiv beziehen, während sie doch eure politische Haltung ablehnten, was Goethe meisterlich mit seinem West-östlichen Divan und seiner sonstigen Aufgeschlossenheit gegenüber außereuropäischen Kulturen unter Beweis stellte. Die zweite Frage für unsere Gegenwart, die ich mir stellte, lautete: Wie würde Goethe eigentlich reagieren, wenn er wüsste, dass es heute ein muslimisches Gotteshaus gibt, nämlich diese Moschee, die seinen Namen trägt? Angesichts dessen, dass in dieser Moschee sämtliche muslimische Strömungen, wie z.B. Sunniten, Schiiten, Sufis und andere hier friedlich unter einem Dach beisammen kommen, dass diese Moschee sich im stetigen interreligiösen Dialog mit z.B. dem Christentum und dem Judentum befindet und man es hier mit herzlichen und offenen Gemeindemitgliedern zu tun hat, ich glaube, dass Goethe für diese Moschee Freudensprünge gemacht hätte.

Mawlid al Nabawi: a beatifull sunnah is Istikharah Prayer

Mawlid al Nabawi: a beatifull sunnah is Istikharah Prayer

What is Istikharah?

Istikharah is a du’a made in conjunction with non-obligatory prayer; it is a voluntary prayer that Prophet Mohammad ASWS recommended to anybody wanting to do something but feeling hesitant about doing it. It is seeking guidance in order to make the right decision. It is reported that Prophet Muhammad ASWS would have tough his companions to make Istikharah just as he would have tough them verses from the Quran. One should pray two units of non-obligatory (voluntary) prayer and then say the du’a of Istikharah.

Du’a of Istikharah

O Allah, I ask You to show me what is best, through Your knowledge, and I ask You to empower me, through Your power, and I beg You to grant me Your tremendous favour, for You have power, while I am without power, and You have knowledge, while I am without knowledge, and You are the One who knows all things unseen. O Allah, if You know that this matter (mention the thing to be decided) is good for me in my religion and in my life and for my welfare in the life to come, then ordain it for me and make it easy for me, and then bless me in it. And if You know that this matter is bad for me in my religion and in my life and for my welfare in the life to come, then distance it from me, and distance me from it, and ordain for me what is good wherever it may be, and help me to be content with it”.

Allahumma innee astakheeru-ka bi-’ilmik wa astaqdiru-ka bi-qudratik wa as-alu-ka min fadlikal-‘azeem fa-inna-ka taqdiru wa laa aqdir wa ta’lamu wa laa a’lam wa Anta ‘Allamul-ghuyoob. Allahumma in kunta ta’lamu anna hadhal-amr khairul-lee fee deenee wa ma’aashee wa ‘aaqibati amree faqdur-hu lee wa yassir-hu lee thumma baarik lee feeh. Wa in kunta ta’lamu anna hadhal-amra sharrul-lee fee deenee wa ma’aashee wa ‘aaqibati amree fasrifhu ‘annee wasrifnee ‘anh waqdur liyal-khayra haythu kaan thumma ardhinee bih.

When to recite the du’a of Istikharah

It is recommanded in our tradition to recite the du’a of Istikharah either before or after the tasleem. Some scholars recommend before, because Prophet Muhammad himself ASWS used to make a lot of du’a before the tasleem.

When to pray Istikharah

Islamic scholars agree that Istikharah is suggested when a person does not know the right decision to make. If one is unsure about whether or not his or her or their possible actions would bring about good in both this world and the hereafter. If a person is hesitating, not knowing if “it” is the right thing to do then Istikharah is the du’a that may set his mind at ease. It is the du’a that acknowledges Allah as the only strength and only power in this world. His / Her/ Its guidance is necessary to ensure that human beings follow the straight and correct path that leads to a blissful life everlasting.

For instance, if a person wants to find out the right time to do something, such as whether or not to do voluntary Hajj this year, or to propose marriage to a particular person, then it is acceptable and recommended that he or she prays Istikharah. Understand carefully that

Istikharah is for matters that are considered either recommended or permissible. It is for cases in which there is a conflict. Should I give to this charity or the other? Should I apply for this halal job or another? One should prays Istikharah concerning the thing he or she or they think is more likely to be better and then go ahead with doing it.

It is recommended, before praying Istikharah, to consult someone whom you know is sincere, caring and has experience, and who is trustworthy with regard to his or her or their religious commitment and knowledge.

Alhamdouli Allah – Alla praises ought to be addressed to Allah.

Oua Allahou a’lam – Allah is The omniscient.

Some common mistakes concerning Istikharah are generally as follow:

Believing that there is a set number of times to pray Istikharah.

There is no set time period for praying Istikharahand it is permissible to repeat it more than once.

Believing in the need for a dream.

Some people believe that after praying Istikharah they should experience a dream or feeling of ease. This is not correct. Even without such a thing, if a person makes a decision it should be hoped, due to the sincere du’a of Istikharah, that this will be the best decision.

Believing that the du’a was not answered.

If a person does not succeed in a decision he takes after praying Istikharah this does not mean that the du’a did not bring about what was best. Often it is a case of Allah knowing what is best while we human beings do not. If we take particular note of the words of the

du’a we will notice we are not only asking Allah for what is best but also asking Him / Her / It to remove from us, things of no benefit to us, either in this life or in the hereafter.

After praying Istikharah if Allah makes things easy for you then this is a sign that the thing you decided is good for you and if obstacles come in the way and things become difficult then this is an indication that Allah is pushing you away from a bad decision. Finally, Istikharah is not prayed for matters that are considered obligatory acts of worship or legal citizen duties. And let’s not orget that egocentrism and hatred or discriminations are not part of the good deeds Allah has implemented into the Quran’ic ethics, since the last sermon of the Prophet Muhammad ASWS was the following one, according to the tradition:

O People, just as you regard this month, this day, this city as Sacred, so regard the life and property of every Muslim as a sacred trust. Return the goods entrusted to you to their rightful owners. Hurt no one so that no one may hurt you. Remember that you will indeed meet your Lord, and that He will indeed reckon your deeds. God has forbidden you to take usury (interest), therefore all interest obligation shall henceforth be waived. Your capital, however, is yours to keep. You will neither inflict nor suffer any inequity. God has Judged that there shall be no interest, and that all the interest due to Al-Abbas ibn Abd’el Muttalib shall henceforth be waived…

Beware of Satan, for the safety of your religion. He has lost all hope that he will ever be able to lead you astray in big things, so beware of following him in small things.

O People, it is true that you have certain rights with regard to your women, but they also have rights over you. Remember that you have taken them as your wives only under a trust from God and with His permission. If they abide by your right then to them belongs the right to be fed and clothed in kindness. Do treat your women well and be kind to them for they are your partners and committed helpers. And it is your right that they do not make friends with any one of whom you do not approve, as well as never to be unchaste.

O People, listen to me in earnest, worship God, perform your five daily prayers, fast during the month of Ramadan, and offer Zakat.Perform Hajj if you have the means.

All mankind is from Adam and Eve. An Arab has no superiority over a non-Arab, nor does a non-Arab have any superiority over an Arab; a white has no superiority over a black, nor does a black have any superiority over a white; [none have superiority over another] except by piety and good action. Learn that every Muslim is a brother to every Muslim and that the Muslims constitute one brotherhood. Nothing shall be legitimate to a Muslim which belongs to a fellow Muslim unless it was given freely and willingly. Do not, therefore, do injustice to yourselves.

Remember, one day you will appear before God and answer for your deeds. So beware, do not stray from the path of righteousness after I am gone. 

O People, no prophet or apostle will come after me, and no new faith will be born. Reason well, therefore, O people, and understand words which I convey to you. I leave behind me two things, the Quran and my example, the Sunnah, and if you follow these you will never go astray.

All those who listen to me shall pass on my words to others and those to others again; and it may be that the last ones understand my words better than those who listen to me directly. Be my witness, O God, that I have conveyed your message to your people.“

Thus the beloved Prophet completed his Final Sermon, and upon it, near the summit of Arafat, the revelation came down:

„…This day have I perfected your religion for you, completed My Grace upon you, and have chosen Islam for you as your religion…“ (Quran 5:3)

Even today the Last Sermon of Prophet Muhammad is passed to every Muslim in every corner of the world through all possible means of communication. Muslims are reminded about it in mosques and in lectures. Indeed the meanings found in this sermon are indeed astounding, touching upon some of the most important rights God has over humanity, and humanity has over each other. Though the Prophet’s soul has left this world, his words are still living in our hearts. And may Allah be present in each and every decision we make in our everyday earthly life.  Ameen.

Salam ‘aalaykoum, koumou ili al-salat – let’s stand up to pray.

By: Imam & Dr. Ludovic-Mohamed ZAHED