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Nikola Jovanovic

Gedanken zum Klima

Gedanken zum Klima

 

Nikola Jovanovic
Nikola Jovanovic

Ummati Ummati! Allahs Liebe und Vergebung am Jaum AlQiama, dem Tag des jüngsten Gerichts.

Letzten Freitag gab es in Berlin und in vielen anderen Städten der Erde Demonstrationen ohne Gleichen. Die Angst vor der Klimakatastrophe treibt die Menschen zusammen und hinaus auf die Straßen. Millionen von Menschen fürchten, dass wir die Erde so zerstört haben, dass unsere Kinder nicht an den natürlichen Alterungsprozessen sterben werden, sondern auf der Suche nach Nahrung und Wasser verzweifeln werden. Die Erderwärmung um 2 Grad scheint kaum aufhaltbar. Die um sich greifende Dürre in unseren fruchtbaren Gegenden wird, so fürchten wir, in unserem jetzt noch reichen und grünen Land zu genau den Bildern führen, die ich im Alter von sechs Jahren über die Hungersnot in Äthiopien sah. Hungernde Kleinkinder mit aufgequollenen Bäuchen, die apathisch in der Wüste saßen, kraftlos der Pein der Fliegen ausgesetzt, die in ihren Augen krabbelten. Furchtbare Bilder, die mich nie verlassen haben. Meine eigenen Kindern wollen keine Kinder bekommen, weil sie es nicht verantworten können, sie diesem Leid auszusetzen. Der Mensch ist dabei, die Erde zu zerstören. War es vor zweihundert Jahren noch üblich, mit der Pferdekutsche zu reisen und entsprechend nicht sehr weit zu kommen oder sehr lange unterwegs zu sein, werden die Autos sogar im aufgeklärten Deutschland, das sich für moralisch vorbildlich hält, immer noch größer und größer. Statt seltener, oder überhaupt gar nicht mehr mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen, halten wir daran fest, denn die Flugpreise sind weiterhin lächerlich billig, trotz der miserablen Ökobilanz oder des schlechten ökologischen Fußabdrucks, den wir Einzelne dadurch hinterlassen. Der Einzelne das sind wir. Der Mensch ist geflissentlich dabei, das Leben zu vernichten und hört nicht einmal jetzt damit auf, im Angesicht der Veränderungen in der Arktis, der Messergebnisse, der neuen Erfahrungen und dem lauten Aufschrei der Wissenschaftler überall in der Welt. Wir leben gut und sind nicht bereit, diese Lebensqualität aufzugeben, wissen auch gar nicht, wie. Wir beschäftigen uns damit, Strohhalme aus Naturstoffen zu nutzen und man suggeriert uns, dass wir auf diese Weise etwas verändern könnten. Zugleich fliegen die Manager und Managerinnen der großen Firmen weiterhin kreuz und quer durch die Atmosphäre, zerstören damit eben diese.  Kreuzfahrten zur Erholung führen von Südamerika bis in die norwegischen Fjorde, wo ich sie gesehen habe, verunreinigen Meere und Flüsse. Statt ein bisschen wandern zu gehen, setzt man sich in so ein Unikum und tut so als gehöre einem die Welt. Die Kleinen, zum Beispiel die Kinder meiner Schule, wollen keine Pappbecher mehr verwenden, während ihre Eltern in der Politik und Wirtschaft Augen und Ohren verschließen, egal wie die Bürger zappeln und schreien. Gleichzeitig gehen auch die Eltern auf Friday for Future Demonstrationen. Es fehlt die kreative Vision. Unsere politische Demokratie hat der wirtschaftlichen Diktatur nichts entgegenzusetzen. Diktaturen lassen sich nur sehr schwer vom Sockel heben. Besonders, wenn man auf ihrer guten Seite steht, hat man wenig Interesse an Veränderung. So ist es auch in diesem Fall. Wir schauen auf andere Länder und deren Diktaturen, wollen bei ihnen demokratische Politiklandschaften etablieren und schrecken hierfür nicht einmal vor Gewalt zurück, dabei schaffen wir es nicht kaum im eigenen Zimmer, die Wirtschaftsdiktatur erfolgreich mit dem Besen hinauszukehren, denn deren Ansichten haben sich in unseren Köpfen fest etabliert, und alles Andere ist mit Furcht verbunden. Furcht vor allen Dinge vor dem Verlust von Eigentum und vor dem Verlust der Meinungs- und Handlungsfreiheit.

 

Als Reaktion auf die Friday for Future Demonstrationen bekam ich in meiner Schule einen Brief der Schulleitung, wie mit Fehlzeiten der Schülerinnen und Schüler umzugehen sei. Das Fehlen zum Demonstrieren werde nicht entschuldigt, es  müsse ab fünf einzelnen Tagen dem Senat gemeldet werden. Wenn man also fünf mal am Freitag während der Schulzeit demonstriert hat, wird eine Schulversäumnisanzeige gestellt und das Jugendamt eingeschaltet. Möglicherweise sieht der Senat auf Grund der politischen Brisanz von den daran anschließenden Sanktionen ab, doch kann die Schulversäumnis auch mit hohen Bußgeldern geahndet werden. Über die Teilnahme von Kindern an Demonstrationen kann man sich selbstverständlich trefflich streiten – ich persönlich bin kein großer Fan davon – aber nach Deeskalationspolitik und Ernstnehmen durchaus berechtigter Ängste und Forderungen sieht das nicht aus. Besonders für junge Leute der ersten Generation also, die massive persönliche Folgen des Klimawandels befürchten, ist das ein inakzeptables Feedback der Regierung. Wir bekommen hier nicht die Botschaft von Gemeinsamkeit der Generationen zum Durchsetzen lebensnotwendiger, moralisch hochwertiger Ziele; auch nicht die Botschaft von der Anerkennung bürgerlichen Engagements; sondern die Botschaft des Schweigens. Das Schweigen aber gehört zur Systematik der Diktatur. Unsere demokratischen Regierungen schweigen unter dem Diktat der Wirtschaft.

Ich bin keine Politikerin und an dieser Stelle vielleicht angreifbar. Aber ich stehe hier als Imamin und weiß, dass der Islam uns anhält, mit der Schöpfung Allahs ordnungsgemäß umzugehen. Dem Klimawandel jetzt mutig entgegenzutreten um die Erde zu schützen, entspräche diesem Gebot.  Ordnungsgemäß bedeutet, nach der Maxime zu handeln, dass uns diese Schöpfung nicht gehört und dass sie gerecht geteilt werden muss. Nicht nur einmal spricht der Koran über die Waage, das Maß, und erinnert uns, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Gerechtigkeit, also auch das gerechte Teilen der Ressourcen, gehören zu den inhärenten Merkmalen des Islam. Doch wir messen mit zweierlei Maß. Seit Jahren laufen Menschen in manchen Bereichen der Erde jährlich weiter und weiter, um Wasser zu holen. Wir messen ihre schweren Schritte mit leichtem Maß. Unseren eigenen Schritten legen wir ein schweres Maß an. Wir versuchen, sie zu vermeiden, indem wir uns anderer Transportmittel bedienen.

„Und er hat das richtige Abwiegen zum Gebot gemacht. Auf das ihr euch in der Waage nicht vergeht. So setzt das Gewicht in gerechter Weise, und betrügt nicht beim Wiegen. Und er hat die Erde für die Geschöpfe bereitet.“ (55)

Diese Geschöpfe sind ja keineswegs nur wir. Jeder Vogel, jedes Insekt gehören dazu. Mohamed sagte, nicht einmal Ameisen darf man töten, jedenfalls keine großen, denn sie verursachen keinen Schaden. Das Töten kleiner Tiere, die uns direkt Schaden verursachen, ist uns erlaubt. Allerdings darf man sie niemals mit Feuer töten. Es geht hier um die Schöpfung Allahs, nicht um unsere freie Verfügbarkeit.

 

Der Prophet der Gnade sprach: Während ein Mann auf seinem Weg war, verspürte er Durst. Er ging zu einem Brunnen, stieg hinab und trank davon. Als er nach oben zurückkehrte, sah er einen Hund, der Schlamm fraß, um seinen außerordentlichen Durst zu stillen. Der Mann sagte sich: „Dieser Hund leidet am selben Leid an dem auch ich gelitten habe“. So kletterte er erneut in den Brunnen hinab, füllte seinen Schuh mit Wasser, klemmte ihn zwischen seine Zähne und brachte das Wasser hinauf, wo er es dem Hund zum Trinken gab. Gott belohnte ihn für diese gute Tat. Die umstehenden Menschen fragten Mohamed, ob es denn lohnenswert sei, den Tieren zu dienen. Mohamed sprach: „Ja, es gibt eine Belohnung für den Dienst an jedem Lebewesen“.

 

Auch diese Geschichte erzählen wir uns:

Eines Tages betrat der Prophet den Garten eines Bewohners von Medina. Ein Kamel sah den Propheten und begann zu weinen. Der Prophet streichelte seinen Kopf und redete freundlich mit dem Kamel. Als Mohamed es zu seinem Besitzer zurück brachte, sprach Mohamed zu ihm: „Fürchtest du nicht Allah in Bezug auf dieses Tier, das dir Allah anvertraut hat? Es sagte mir, dass du es nicht ausreichend ernährst und mit schweren Lasten belädtst, die es ermüden.“

 

Ein weiteres Mal nahm jemand ein Ei aus einem Vogelnest. Die Vogelmutter flog trauernd zu Mohamed. Dieser fand die Person und bat sie, das Ei zurück zu legen, aus Gnade für den Vogel.

 

„Der keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten“. Dies ist vielleicht der harscheste Satz, der dem Propheten zugeschrieben wird. Wer keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten.

Wer aber Gnade zeigt, der wird auch am Tag des jüngsten Gerichtes Gnade erfahren. Sogar im Moment des Schlachtens sollen wir uns angemessen und nach den Möglichkeiten der Situation barmherzig verhalten. Es gibt ja auch ein Kriegsrecht, das trotz aller Grausamkeiten noch greift, wenn ein schon wahrhaft schreckliches Maß der Gewalt noch überschritten wird. Das Wort Kriegsverbrechen ist zwar eigentlich redundant, da jede Kriegshandlung gewissermaßen ein Verbrechen ist, doch gibt es selbst hier noch Moralgesetze, die wir einhalten sollen, um uns nicht vollkommen an der Schöpfung zu vergehen. Und Zur Gnade beim Schlachten gehört nach unserem heutigen Verständnis, es möglichst selten zu tun, am besten gar nicht. Aber das war zur Zeit von Mohamed kein Thema. Ohne Massentierhaltung und unter den einfachen Lebensbedingungen hatte der Verzehr von Fleisch mit Sicherheit vollkommen andere Dimensionen als heute. Zur Gnade beim Schlachten gehört seit Mohamed die Verwendung eines Messers unübertroffener Schärfe, um dem Tier so wenig Schmerz wie möglich zuzufügen. Darüber hinaus darf das Tier nicht wahrnehmen, wie andere Tiere geschlachtet werden, oder gar dabei zuschauen.

Wir Menschen dürfen Tiere töten, die beispielsweise an Tollwut erkrankt sind, oder deren Krankheiten ihnen großes Leid verursachen. Doch niemals dürfen wir leichtfertig, aus Spiel, Aggression oder um unser Leben billig zu erleichtern der Schöpfung ein Leid zufügen. Keiner Pflanze, keinem Tier, keinem Menschen, und nicht der Erde, die im Koran personifiziert ist und damit als Ganze unter die Fürsorgepflicht des Menschen fällt.

Wir werden am Ende unserer Menschenzeit mit unseren Taten konfrontiert werden.

Von diesem Tag, den wir als Jaum AlQiama bezeichnen, gibt es allegorische Beschreibungen. Auf Deutsch nennt man ihn „den jüngsten Tag“, oder den „Tag des jüngsten Gerichts“, wobei mit „jüngstem“ „das letzte“ gemeint ist. Man bezieht sich dabei auf den finalen Moment der menschlichen Existenz auf der Erde, so wie wir diese Existenz bis heute kennen und erleben.

Ich sage hier nicht, dass der Klimawandel den Untergang der Menschheit einleitet, wenngleich dies natürlich möglich ist. Was ich aber sehr wohl sage ist, dass wir geneigt sind, im Wissen um unsere individuelle Vergänglichkeit sowie um die Vergänglichkeit als Spezies, unsere Handlungen anders zu bewerten als wenn wir so tun, als wären wir unsterblich. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten stets von einem Perspektivwechsel, einem Wertewandel und einem klaren Wissen darüber, was ihnen fortan im Leben wichtig ist. Das Wissen um unser persönliches Ende oder unser Ende als Spezies stellt keine Strafe dar, sondern eine Chance, die uns  befähigt, angesichts der äußersten Vielfalt möglicher Lebensformen diejenigen für uns herauszuarbeiten, oder auszuwählen, die der Erde und ihren Bewohnern dauerhaft gerecht werden. Das Wissen um die Endlichkeit birgt die Chance der Moral. Natürlich könnten wir auch sagen, ich bin nur für mich selbst verantwortlich und nach meinem Tod können die Anderen sehen, wie sie klarkommen. Wir haben ausreichend Beispiele für diese Haltung innerhalb der Menschheit. Doch bezeichnen die meisten Menschen diese Denkweise als unmoralisch. Die göttliche Offenbarung des Koran weist uns den Weg zu moralischem Handeln.

  • Sure al zalzali –

Wenn die Erde ihr Beben erbebt

und ihre Lasten auswirft

und die Menschen fragen, was hat sie?

An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen, da ihr Herr es ihr eingegebe hat. An diesem Tag werden die Menschen einzeln hervorkommen, um ihre Werke zu sehen.

Und wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen.

 

Was passiert am Tag des jüngsten Gerichts?

Der Tag wird eingeleitet, indem der Engel Israfil zweimal in sein Horn bläst.

Mohamed erzählt uns, dass an diesem Tag die Menschen zerstreut und verwirrt sein werden, über das, was um sie herum geschieht. Ihnen wird deutlich werden, dass es der letzte Tag ist, und so werden sie zu Adam gehen, und zu ihm sagen: „Leg du Fürbitte für uns ein, bei Gott“, doch er wird antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Ibrahim, denn er ist AlKhalil, der enge Freund Gottes“. Die Menschen werden zu Ibrahim gehen und ihn bitten, für sie bei Gott Fürbitte einzulegen. Ibrahim wird ihnen antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Moses, denn mit ihm hat Allah direkt gesprochen“. So werden sie zu Moses gehen und ihn bitten, doch auch er wird sagen, dass er ihnen nicht helfen kann. „Geht zu ‘Isa, denn er ist die Seele, geschaffen von Allah und seinem Wort“. Auch Jesus wird ihnen antworten, dass er keine Befugnis dafür habe und sie stattdessen zu Mohamed schicken. Mohamed erzählt: Ich werde sagen: „Ja, ich kann“ und ich werde zu Allah gehen und ihn um Erlaubnis bitten und er wird mir Erlaubnis erteilen. Und er wird mir Worte eingeben, mit denen ich ihn preisen werde. Wörter, die ich jetzt noch nicht kenne. Dann werde ich mich vor ihm niederwerfen. Nach einer gewissen Zeit wird er sagen: „Oh Mohamed, sprich, und deine Bitte wird gewährt“ Und ich werde antworten: „Allah! Ummati Ummati“ Meine Gemeinschaft. Und er wird sagen: „Geh und bring mir jeden, in dessen Herzen Glauben im Gewicht eines Gerstenkorns ist.“ Ich werde das tun, sagt Mohamed. Doch dann werde ich zurückkehren zu Allah und mich erneut vor ihm niederwerfen, ihn preisen und ihn um die Erlaubnis zur Fürsprache bitten. Und Allah wird antworten: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt, sprich, und deine Bitte wird gewährt“. Und ich werde sagen: „Allah! Ummati Ummati!“ Meine Ummah, meine Ummah. – Das Einzige, woran Mohammed denkt, ist die menschliche Gemeinschaft. Und Allah wird antworten, geh und bring diejenigen, deren Glaube so groß ist wie eine kleine Ameise oder ein halbes Senfkorn. Mohamed erzählt: Ich werde gehen und diese Menschen holen. Und wieder werde ich mich vor Allah niederwerfen, denn noch habe ich nicht alle Menschen meiner Gemeinschaft gerettet. Und wieder wird Allah sagen: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt und sprich deine Bitte, denn sie wird erhört. Und wieder wird Mohamed sagen „Ummati Ummati“. Und Gott wird sagen, bring mir jeden, dessen Glaube auch nur so viel wiegt, wie das aller kleinste und leichteste Senfkorn, das man sich vorstellen kann.

 

Der Begriff der Umma ist ein schwieriger Begriff. Er kann uns dazu verleiten, uns als Muslime gegenüber der nicht-muslimischen Welt abzugrenzen. Aber wir sind zugleich die Umma der Muslime und die Umma der Menschheit. Die Schöpfung als Ganze ist eine Umma, zu der wir alle gehören, und für die wir alle gemeinsam verantwortlich sind. Die Menschheit atmet dieselbe Luft, trinkt dasselbe Wasser und unsere Felder werden von demselben Regen bewässert. Deine Kinder sind meine Kinder, meine Eltern, sind deine Eltern.

Allah, Ummati! Ummati!

Die Umma, das sind wir alle.

michal-grosicki

Die Welt des Buches

Die Welt des Buches

 

michal-grosicki
michal-grosicki

In meinen Predigten rede ich oft von Lernen, nachdenken, lesen.

Wenn ich unterwegs bin in Straßenbahnen, S- und U-Bahnen freue ich mich immer, wenn ich während der Fahrt lesende Leute sehe. Auch wenn es manchmal nur banale Literatur ist, um die Wartezeit zu überbrücken.  Sie sind das Lesen gewöhnt und greifen dann auch zu Materialien, die zum Nachdenken anregen. Jemand, der nicht gern liest, der weiß nicht, was ihm da eigentlich entgeht. Ich spreche nicht von Comicheften, sie sind zwar interessant und fantasieanregend, aber das war es auch.

     Man kann sich total mit einem Buch entspannen, in eine andere Welt hineinschlüpfen, sich mit den Helden des Buches identifizieren, man wird so in einen Bann gezogen, dass noch lange nach dem Lesen die Gedanken über das Gelesene kreisen, man darüber nachdenkt. Man vergisst die Welt um sich und man wird mit ihnen verändert das geistige Niveau eines Menschen steigert sich enorm, denn es bleibt nicht beim Nur-Lesen, sondern man reflektiert, lernt Neues, denkt darüber nach, sein geistiger Horizont wird erweitert, man beginnt vielleicht zu forschen. Das Buch eröffnet vollkommen neue Dimensionen.

    So muss es auch vor mehr als 1000 Jahre, ungefähr seit Mitte des achten nachchristlichen Jahrhunderts, in den islamischen Ländern gewesen sein. Ich möchte einfach an diese Zeit des Lernens, des Übersetzens, der Wissenserweiterung erinnern. Vor allem, weil die Nachwelt, also auch heute, davon profitiert. Sie ist wichtig, weil dieses Wissens- und Forschungsmaterial auch die Grundlagen für unser heutiges Forschen und Wissen gibt.

      Schon innerhalb eines Jahrhunderts nach der Offenbarung hat sich eine hochentwickelte, bestens organisierte Buchbranche entwickelt. Und das nicht nur in den bedeutenden Zentren des Islam, ich denke, jede größere Stadt hatte ihre Moschee und eine Schule mit Bibliothek.

     Aber für ein gutes Buch braucht man nicht nur ein Manuskript. Mit dem Forschen entwickelte sich gleichzeitig eine regelrechte Buchproduktion. Es musste zuerst kopiert werden, also entstanden viele Schreib- und Kopierstuben, zudem wurden die Bücher oft noch illustriert. Die einzelnen Blätter mussten gebunden werden, sie bekamen kompliziert hergestellte Buchdeckel und schließlich mussten sie publiziert und verkauft werden. Alles zusammen eine mühsame Herstellung. Aber eins fehlt in der ganzen Darstellung: das Papier. Hunderte von Papiermühlen entstanden im 8. Jh. dank einer fernöstlichen Erfindung, die das benötigte Papier aus Lumpen herstellten.

      Dass nicht nur in den bedeutenden Städten Schreibstuben und die nachfolgenden handwerklichen Betriebe vorhanden waren, spricht dafür, dass in afrikanischen Zentren noch heute viele solcher Bücher zu finden sind. Sie sind heute besonders kostbar, denn sie offenbaren die hohe Kultur der damaligen Zeit, eine faszinierende bibliophile Kultur.

Vergleichsweise erst nach der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jh. begann im christlichen Europa allmählich die Buchproduktion und damit auch das Bibliothekswesen eine stärkere Rolle zu spielen. In der muslimischen Welt hingegen gab es damals im 8.Jh. bereits große Bibliotheken, die zum Teil Hunderttausende Bände enthielten. Das spanische Kalifat besaß etwa 70 öffentliche Bibliotheken. Und natürlich gab es auch viele höchst umfangreiche private Sammlungen. So soll ein Arzt von Sultan Salah Ad-Din im 12. Jh.  rund 10.000 Handschriften besessen haben. 

    Begonnen hatte alles mit dem „Haus der Weisheit“ in Bagdad, als dort eine Bibliothek eröffnet wurde, in der viele der hervorragendsten Wissenschaftler aus dem ganzen islamischen Reich arbeiteten, egal welcher Religion sie angehörten. Ich habe es schon oft erzählt, dass sie sich Bücher und Manuskripte der alten Griechen, der Inder besorgten, diese übersetzen ließen und sie überarbeiteten mit ihren eigenen neuen Erkenntnissen. Viele dieser Wissenschaftler besaßen selbst Schreibstuben, in denen die neuen Werke kopiert wurden. Diese Kopien wurden dann zu Vorlagen für neue Kopien, um den neu entstandenen Wissensdurst zu stillen.

     In speziellen Ausstellungen kann man heute noch Kalligrafien oder Illustrationen bewundern. Sie zeigen alle Facetten der damaligen Buchkunst. Die Produktion solcher bebilderten Bücher oder Korane konnten sich wegen der hohen Kosten fast nur die herrschaftlichen Manufakturen erlauben. Sie waren oft eine finanzielle Investition, dienten als Statussymbol und wurden als herrschaftliche Geschenke weitergereicht.

     Die Herstellung war sehr vielfältig. Sobald ein Förderer ein bestimmtes Projekt ausgewählt hat, kümmerte sich der Leiter einer Manufaktur für alle Arbeiten bis zum fertigen Produkt. Er entwarf die Seiten, entschied darüber, welche Teile des Textes bebildert wurde und wählte dafür bestimmte Schreiber und Künstler aus. Zuerst wurde ein bestimmtes Papier mit speziellen Zutaten ausgesucht, manches Papier wurde bei seiner Herstellung gleich eingefärbt, andere mit Goldpuder besprenkelt oder marmoriert. Man konnte sogar schon Papier mit Musterung herstellen oder ihre Oberfläche besonders weich und aufnahmefähig für Tinte machen. Die Schreiber bereiteten ihre Tinte und Schreibfedern selbst her und pressten Hilfslinien in das Papier, bevor sie den Text kopierten. Stellen für die Illustrationen ließen sie aus. Oft gab es mehrere Illustratoren an einem Werk. Der eine war für Porträts zuständig, ein anderer lieferte beste Schlachtenszenen, während ein dritter am besten Landschaftsminiaturen malen konnte, oder mehrere arbeiteten zusammen an einer Darstellung. Als Farbe benutzte man mineralische Quellen: Gold, Silber, gemahlene Lapislazuli für das königliche Blau, Malachit für Grün, Rubin für Zinnoberrot. Diese Pigmente wurden mit einem Trägermittel aus Eiklar oder Kleister, was es glänzend machte, nach dem 16. Jh. mit Gummi arabicum, auf das Papier aufgetragen. Nachdem die Bilder fertig waren, kamen Ausschmückungen des Textes hinzu, dazu gehörten Kapitelanfänge, bunte Rahmen oder Linierung. Dann wurde jedes Papier mit einem Stein poliert. Schließlich mussten die einzelnen Seiten vernäht und gebunden werden. Die Deckel wurden mit dem Rücken verbunden. Also ein Haufen Arbeit, bis so ein Buch fertig war, eben eine richtige Kostbarkeit schon damals, die natürlich nicht in eine öffentliche Bibliothek gehörte.

   In der ganzen muslimischen Welt waren öffentlich zugängliche Bibliotheken verbreitet. Es gab wohl keine Moschee oder Madrassa ohne eine Sammlung von Büchern, die den Lesern oder den Studenten zur Verfügung standen. In Bagdad gab es vor dem Mongolen-Einfall 36 öffentliche Bibliotheken und über 100 Buchhändler die meistenteils die Bücher selbst herstellten, indem sie Kopisten beschäftigten, die sie von Hand vervielfältigten. Ich habe noch nicht die öffentlichen Büchereien in Berlin gezählt, aber ich denke, für Bagdad waren das sehr viele.

    Der Kalif von Cordoba ließ durch Agenten im ganzen Orient nach neuen Büchern Ausschau halten. Der fatimitische Kalif Al-Asis in Kairo soll mit seiner Bibliothek die  schönste und umfangreichste von allen besessen haben mit 1 600 000 Bänden, allein davon 6500 mathematische und 18 000 philosophische Schriften. Der Ehrgeiz war natürlich groß, so dass die Hofbeamten nacheiferten, sicher um gut dazustehen.

     Der beste und originalste Nacheiferer war der Kaiser Friedrich II., er ließ sich auf seinen Reisen von seiner beachtlichen Bibliothek begleiten, natürlich stilgerecht auf Kamelrücken.

    Man kann sich gut vorstellen, dass diese umfangreichen Bibliotheken Armeen von Schreibern benötigten. Das heißt: Bildung war großgeschrieben, nicht nur, um die Bücher alle zu lesen, nein, man musste sie ja auch studieren, um dann anschließend darüber zu diskutieren, nachzudenken. Große Diskussionsrunden waren sehr beliebt und fanden öffentlich statt. Und jeder konnte mitreden, es gab keine Religionsschranken.

     Und heute? Alle, die anders denken als vorgegeben, werden kritisiert, ihnen den Mund verboten, schikaniert und mit der Hölle bedroht. Selbst ich als kleines Licht wurde schon in die Hölle gewünscht. Aber ich bin trotzdem noch hier.

    Aber wie erfuhr man, dass jemand wieder ein Manuskript fertig hatte? Es gab ja noch keine Büchermesse wie heute. In der Islamischen Zeitung habe ich gelesen: Der Ort der intellektuellen Aktivitäten war die Moschee so wie auch Vorstellung und Verbreitung neuer Studien. Man traf sich dort, um den Berichten der Wissenschaftler und Autoren zu lauschen, wenn sie die Ergebnisse ihrer Studien vorstellten. Der Autor erstellte zuerst aus seinen Aufzeichnungen ein Originalmanuskript, genannt Asl. Dann wurde das Buch vom Autor in der Moschee vorgetragen und die Kopisten konnten erst dann den Text niederschreiben. So war der übliche Vorgang: erst das Vortragen und dann kopieren. Die Themen waren breit gefächert: Literatur und Poesie, Geschichte, Biographien, Mathematik, Astronomie, Philosophie, Medizin, Reiseberichte.

   In der Kalligrafie setzte sich ab dem 10. Jh. eine neue Strömung durch. Die Kursivschrift wurde zwar schon in Alltagsgebrauch benutzt, nun erhielt sie eine Aufwertung. Von Ibn al-Bawwab ist ein auf das Jahr 1000 datierter Koran erhalten. Eine sorgfältige Kursivschrift wechselte sich harmonisch mitkostbaren Illuminationen ab. Die Krursivschrift erlaubte kleinere Ausführungen der Buchstaben und konnte schneller geschrieben werden. So wurden die Bücher auch kleiner, schneller und billiger und größere Mengen.konnten produziert werden.

     Viele Muslime vermachten nach ihrem Tod ihre ganze Bibliothek ihrer Moschee als Stiftung. So entstand zur Moschee gehörend oft eine riesige Bibliothek, in der dann auch studiert wurde. Große Bibliotheken und Lehranstalten wie die von Cordoba oder Toledo zogen auch viele Christen an, die in diesen Einrichtungen studierten.

     Man konnte sich auch Bücher ausleihen, was wie heute auch ordentlich geregelt war: Sorgsames Umgehen, keine Anmerkungen oder Korrekturen hineinschreiben, eventuelle Schreibfehler dem Bibliothekar melden und zu einem bestimmten Zeitpunkt das geliehene Material zurückgeben.

    Die meisten der islamischen oder in Arabisch geschriebenen Texte wurden leider nach der Eroberung durch die Christen vernichtet oder einfach geraubt. Oder man entfernte einfach den Namen des Autors, so dass man später nicht mehr wusste, wer für das Werk geforscht hatte. So war es auch in Bagdad. Alles Verschriftlichte wurde durch die Mongoleneinfälle vernichtet. Welch ein gro0er Verlust. Umso wertvoller sind die erhalten gebliebenen Dokumente der Bibliothek der Universität von Kairouan in Tunesien. Sie geht bis in die aghlabidische Zeit zurück und verfügt über eine besonders große Zahl sehr früher Dokumente, die auf Pergament geschrieben wurden. Sie ist heute die größte Pergamentsammlung der Welt.

    Aber auch noch heute findet man in den muslimischen Ländern, meistens in afrikanischen Ländern, Stände von Buchhändlern oder Privatpersonen, die über sehr alte Korane oder andere Werke verfügen.

      Ich wollte euch heute mal ein bisschen Einblick in das kulturelle Leben und Wirken vor rund 1000 Jahren geben.

    Eine Buchvorstellung muss sehr interessant gewesen sein. Ich kann mir das lebhaft vorstellen: Der Autor trägt seine Erforschung zum Beispiel in Philosophie vor. Vielleicht sind die Zuhörer zuerst erstaunt oder entrüstet? Fragen werden gestellt, es entsteht eine rege und vielleicht lebhafte Diskussion, ein Hin und Her von Meinungen, ein Streitgespräch. Jeder will zu Wort kommen. Erst wenn seine Arbeit anerkannt wird, kann er hoffen, dass sie auch als Buch angenommen wird.

   Manche Bücher haben bis heute überlebt, die auch in vielen Sprachen Eingang gefunden haben, so auch ins Deutsche. Erinnert euch an mein kurzes Vortragen der Erlebnisse von Ibn Dschubair aus seinem „Tagebuch eines Mekkapilgers“, aus dem 12. Jh., bekannt sind altarabischen Fabeln, das biografische Lexikon von Ibn Challikan, oder  Teile einer Kosmografie von Al-Qazwini: „Die Wunder des Himmels und der Erde“ oder die „Alltagsnotizen eines ägyptischen Bürgers“ von Ibn Iyas, der große ägyptische Ereignisse seiner Zeit und viele Episoden aus dem Alltagsleben in Kairo Anfang des 16. Jh. aufschrieb. Sie alle geben uns Kenntnis vom Leben der damaligen Menschen.

     Ich möchte jetzt einen Sprung in die heutige Zeit machen, nach Malaysia. Im ganzen Land stehen beachtliche, wirkungsmächtige Moscheebauten, ich habe sie wirklich bewundert, ein ganzer Komplex Moschee, Bibliothek, viele Räume für Unterricht und Versammlungen aller Art und Feiern. Leider war meine Gruppe in Kulua Lumpur nicht im Museum für Islamische Kunst. Aber ich habe in der Islamischen Zeitung jetzt darüber gelesen. Dort steht: ‚In zwölf Galerien werden Modelle von weltbekannten Moscheen, wunderschöne antike Koranexemplare, ­Keramiken mit islamischer Kalligrafie, Stoffe, Schmuck und vieles andere ausgestellt. Besonders beeindruckend ist die Sammlung der antiken Koran­exemplare aus verschiedenen Teilen der islamischen Welt, von Spanien, Nord-und Westafrika, über das Persische Reich bis nach China, Malaysia, und Indonesien. Der Besucher ist verwundert über die Schönheit, die Verzierungen und die die Seele berührenden Geheimnisse der beschriebenen Seiten. Einige der Manuskripte sind auf das 7. und 8. Jahrhundert nach Christus datiert. Das bedeutet, es sind einige der ersten Manuskripte mit Versen aus dem Qur’an. Diese Manuskripte zu sehen berührt das Herz enorm, denn es ist ein klarer und greifbarer Beweis für die historischen Wurzeln der islamischen Zivilisation. Die handgeschriebenen und verzierten Seiten stellen eine ganz klare Verbindung zu den Muslimen der früheren Generationen her und ihre Liebe und Hingabe zum Islam dringt zu dem Besucher und umwebt sein Herz.‘

       Mit dem Wissen über das Leben der Muslime vor etlichen Jahrhunderten können wir sie vielleicht besser verstehen, das Geschehen dieser Zeit besser beurteilen. Und sie letztendlich bewundern, weil sie das Fundament einer Kultur geschaffen haben, auf dem wir heute aufbauen.

 

     

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Muslim Brotherhood [Public domain]

Die Muslimbruderschaft

Die Muslimbruderschaft

Autor: Massud Reza

Muslim Brotherhood [Public domain]Islamismus ist ein zentrales Thema der letzten Jahre und vielleicht sogar Jahrzehnte in Deutschland und in Europa. Dabei geht es um eine politische Ideologie, die es sich zum Ziel gesetzt hat Staat und Gesellschaft vollständig zu islamisieren. Vor dem Hintergrund des globalen islamistischen Terrorismus werden viele staatliche Maßnahmen ergriffen, um die Sicherheitslage in Deutschland zu erhöhen. Erschreckende Bilder aus (sozialen) Medien belegen die bestialische Brutalität, die viele Islamisten in Kriegsschauplätzen in Syrien oder in Afghanistan vor Augen führen. Um solche Gruppierungen wirksam abzuwehren, da sie teilweise auch Anhänger in Deutschland und in Europa haben, werden wie bereits erwähnt, seitens des Staates sicherheitspolitische Entscheidungen getroffen.

Zu diesen sicherheitspolitischen Vorkehrungen fallen einem sofort Stichworte ein, die immer wieder den politischen Diskurs um dieses Thema bestimmten: Aufstockung von Polizei und Bundeswehr, Sicherung der bundesdeutschen und der EU-Außengrenzen, schnellere Abschiebungen von mutmaßlichen Gefährder, Vorratsdatenspeicherung und vielem mehr. Interessanterweise wird der Fokus sehr stark auf einen Islamismus dschihadistischer[1] Prägung gelegt, also einem gewaltbereiten Islamismus. Ein Islamismus, der sein anvisiertes Ziel der Verwirklichung einer theokratischen Gesellschaft als eine „heilige Mission“ versteht, die er in der Bekämpfung der „Ungläubigen“ umsetzen will.

Das sehr angsteinflößende und barbarische Bild vom militanten Islamismus, welches eine gewaltbejahende Ideologie beinhaltet und jeden tötet, der sich ihr widersetzt, kann eine sehr wichtige Tatsache überschatten: Es gibt auch einen gewaltverneinenden Islamismus! Und dieser Islamismus stellt in seiner Besonderheit ein anderes Gefahrenpotential für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft dar. Um sich aber des Phänomens anzunähern, ist man nicht schlecht beraten, wenn zunächst die Mutterorganisation des heutigen, weltweiten Islamismus beleuchtet wird: Die Muslimbruderschaft.

Der Gründung der Muslimbruderschaft fand in der ägyptischen Stadt Ismailiyya im Jahre 1928 auf Betreiben von Hassan al-Banna statt. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Ägypten noch unter dem Einfluss von westlichen Kolonialisten stand, die in ihrer Herrschaftszeit auch Werte exportierten und durchsetzten. Diese empfand Hassan al-Banna als eine Bedrohung der „islamischen Identität“ Ägyptens und engagierte sich fortan in unterschiedliche Gruppierungen und sozialen Einrichtungen, um über den Bildungsweg islamische Werte zu unterrichten und diese auch vehement zu schützen. Erziehung und Bildung galten vorweg als die entscheidenden Schlüsselwege, um eine islamisch geprägte Gesellschaft zu erhalten. Insbesondere die öffentliche Moral bildet einen wichtigen Umstand im Denken al-Bannas bzw. der Muslimbruderschaft, worauf ich noch eingehen werde. Bereits an dieser Stelle können wir aber etwas Wichtiges erkennen: Bisher lehnt die Organisation vorrangig Gewalt als Mittel ihrer Politik ab und versucht sich mittels des Bildungs – und Erziehungswegs an die Gesellschaft zu wenden, ihnen islamische Tugenden zu vermitteln, um dann als muslimisch geprägte Gesellschaft von sich aus nach einem islamischen Staat zu rufen. Somit ist soziale Basisarbeit eine ausschlaggebende Arbeitsweise, sich Muslimen wie Nichtmuslimen anzunähern und sie muslimisch (um)zu erziehen.

Statt wie gewaltbereite Islamisten von oben die Ideologie der Bevölkerung aufzupfropfen, halten sie den Weg von unten für angemessener. Dass sie sich aber nicht davor scheuen, auch Funktionen von „oben“, also hier verstanden als einflussreiche politische Positionen einzunehmen, soll noch verdeutlicht werden.

Zwar unterhielt die Muslimbruderschaft zu jener Zeit in Ägypten einen militaristischen Geheimapparat, der auch in der Auseinandersetzung mit dem ägyptischen Staat in den 1940er Jahren zum Einsatz kam, jedoch setzten die Muslimbrüder nach ihren (Folter-)Hafterfahrungen zunehmend auf den gewaltlosen Weg, um das Ziel einer islamischen Gesellschaft zu realisieren. Doch was stellt sich diese Gruppierung als islamische Gesellschaft eigentlich vor? Wie sieht ihr Islamverständnis aus?

Tatsächlich werden formale Demokratieprinzipien nicht kategorisch ausgeschlossen, sondern mit dem Islam als kompatibel erachtet. Der Gedanke einer Volkssouveränität begrüße man, solange das Bezugssystem die Scharia sei. Scharia als Rechtsordnung verstanden, soll sämtliche gesellschaftliche Lebensbereiche umfassen, was den absoluten Totalitätsanspruch der Muslimbrüder unterstreicht. Ein muslimischer Herrscher muss in den Augen der Muslimbrüder keine umfassende Islambildung erfahren haben, so kann er auch ein einfacher Laie sein. Sollte er aber gegen Prinzipien der Scharia verstoßen, bedarf es seiner Absetzung durch das Volk.

Moralische Scharia-Vorschriften wie man sie in Koran und Sunna findet, seien laut den Recherchen Annette Rankos buchstäblich umzusetzen. Konkreter ausgedrückt: „[…], denn sie sei der unantastbare Kern der islamischen Identität […].“[2] Wie das in der Gesellschaft auszusehen hat, kann man an die Rolle der Frau illustrieren. Sie sei vor allem für die Erziehung verantwortlich und habe zudem noch häusliche Pflichten zu erfüllen. Wie Ranko darlegt, habe die Frau, laut der Muslimbruderschaft, ein „verletzlicheres Schamgefühl“ als der Mann und: „Aus diesem Grund zieme es sich für die Frau, lediglich Gesicht und Handflächen zu zeigen – das heißt, ein Kopftuch zu tragen und mit ihrer Kleidung den Körper bis auf die Hände bedeckt zu halten. Auch der allzu offene Kontakt mit Männern im öffentlichen Raum soll vermieden werden.“[3] Auch die Buchautorin Mona Elthawy kann diesen Punkt unterstreichen, da sie über ihre Begegnung mit dem obersten Führer der Muslimbruderschaft in ihrem Buch „Warum hasst ihr uns so?“ folgende Situation skizziert: „Er bekräftigt nochmals, die Muslimbruderschaft glaube an Pluralismus und Inklusion, und erklärte mir Folgendes:

‚Der Beweis dafür ist, dass Sie hier sitzen und mich interviewen, obwohl Sie unbekleidet sind.‘

‚Ich bin nicht unbekleidet.‘

‚Ihre Haare sind unbedeckt, Ihre Arme sind unbedeckt – nach den Gesetzen Gottes sind Sie unbekleidet.‘

‚Die Koranverse sind bezüglich der Kleiderordnung der Frauen verschieden interpretiert worden‘, widersprach ich.

‚Hören Sie nicht auf die, die sagen, der Hidschab sei nicht verpflichtend. Es gibt keine verschiedenen Interpretationen. Es gibt nur eine Interpretation, und nach dieser Interpretation sind Sie nackt.‘ So viel zum Pluralismus.“[4]

Entscheidend für diese Islamisten sind die Beziehungen zwischen den Geschlechtern im öffentlichen Raum. Vermieden werden sollte der offene Kontakt mit nichtverwandten Männern. Die Muslimbruderschaft würde aber anders als andere erzkonservative bis reaktionäre Muslime die Frau nicht aus dem Berufsleben ausschließen, sofern sie nicht ihre mütterlichen Pflichten vernachlässigt und einen Beruf ausübt, der zu ihrer „weiblichen Natur“ passt, sprich, Kindergärtnerin oder Lehrerin. Auch dürfen Frauen politische Rechte für sich in Anspruch nehmen, wie z.B. die Gründung einer Partei. Annette Ranko schreibt außerdem: „Die Rechte von Frauen werden also immer dann beschnitten, wenn sie sich auf den kulturellen und moralischen Bereich beziehen und mit konservativen islamischen Moralvorstellungen kollidieren.“[5] Ein freies, selbstbestimmtes Dasein darüber, wie man sich gern kleidet und anderen begegnet, sieht freilich anders aus.

Wie die rechtsradikale Identitäre Bewegung fürchtet auch die Muslimbruderschaft in islamischen Ländern eine „kulturelle Überfremdung“, hingegen aus dem westlichen Kulturraum, was beispielsweise den modernen Film – und Musikkonsum betrifft und primär Werte, die nicht mit dem von ihrem postulierten Islamverständnis konform gehen. Im ähnlichen Tenor wie bei europäischen Rechtsradikalen finden sich auch verschwörungstheoretische Momente in ihrem Denken wieder: „Ziel sei es, so behauptet die Muslimbruderschaft, die islamische Moral und den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft zu zerstören, um schließlich die Unterwerfung dieser Gesellschaft zu vereinfachen.“ Folgerichtig dürfen sich auch Muslime in nichtislamischen Ländern den demokratischen Prinzipien wie Gleichberechtigung der Geschlechter und Selbstbestimmung nicht annähern. Weiter oben sprach ich von der Akzeptanz formaldemokratischer Prozesse seitens der Muslimbrüder und nicht von den demokratischen Werte, die in meinen Augen unverzichtbar für eine freiheitliche Demokratie sind. Ihre ideologische Grundausrichtung findet sich in ihren eigenen Worten wieder: „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Jihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.“

Auch der Antisemitismus war und ist ein zentraler Bestandteil ihrer politischen Ideologie. Wie der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel beschreibt, gab es antisemitische Kampagnen seitens der Muslimbruderschaft: „Auslöser war der 1936 vom Mufti von Jerusalem gegen die jüdische Einwanderung initiierte Aufstand in Palästina. „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten und Palästina“ lauteten die Parolen der Massendemonstrationen, die die Bruderschaft daraufhin in den ägyptischen Großstädten organisierte. Auf Flugblättern rief sie zum Boykott jüdischer Waren und Geschäfte auf. In ihrer Zeitschrift al-Nadhir wurde eine regelmäßige Kolumne mit der Kopfzeile: „Die Gefährlichkeit der Juden von Ägypten“ etabliert. Darin wurden die Namen und Adressen von jüdischen Geschäftsinhabern und Besitzern angeblich jüdischer Zeitungen aus aller Welt veröffentlicht und alles Böse – vom Kommunismus bis zum Bordell – auf die „jüdische Gefahr“ zurückgeführt.“[6]

Das waren nur einige wenige Punkte ihrer Ideologie auf die ich eingegangen bin, dabei kann man noch viel mehr erzählen, wie z.B. die gesellschaftliche Stellung von Nichtmuslimen in ihren anvisierten Staat, die keine vollen Rechte genießen dürfen und bestimmte Sondersteuer abdrücken müssen und vielem mehr. Nun möchte ich darauf eingehen, dass die Muslimbruderschaft sehr taktisch vorgeht, indem sie in bestimmten politischen und gesellschaftlichen Institutionen Einfluss ausüben möchte. Wie die Ursprungsorganisation in Ägypten sind ihre vielen Ableger in über 70 Ländern politisch aktiv, wie z.B. die Ennahda-Partei in Tunesien oder die Hamas im Gaza-Streifen. Obwohl es sich bei der Hamas um eine militante, gewaltbereite islamistische Bewegung handelt, wird diese von der Muslimbruderschaft unterstützt, weil sie den bewaffneten Kampf gegen Israel als legitim erachten.

An politischen Prozessen wird sich aus strategischen Gründen beteiligt, dazu der Orientalist Michael Kreutz: „Im Unterschied zu ihrem Gründer Ḥasan al-Bannā lehnt die MB heute das Parteiwesen (ḥizbiyya) nicht mehr ab. Ihr Verhältnis zur Demokratie ist jedoch ein taktisches, propagiert sie doch die Scharia als „höchste Verfassung‟. Zudem soll der „demokratische Weg‟, den sie angeblich verfolgt, auf Basis der šūra (Beratung) erfolgen, was keinen Raum für eine unabhängige Rechtsprechung lässt. Da rechtsstaatliche Strukturen, die ihr die Freiheit der Agitation ermöglichen, in ihrem Sinne sind, hat der Gewaltverzicht der MB durchaus Plausibilität.“[7]

So möchte sie einen stärkeren Einfluss auf Staat und Gesellschaft ausüben. Die Relevanz dieser Bewegung ist deshalb besonders hervorzuheben, weil ihre Ableger auch teilweise in islamischen Dachverbänden, wie dem Zentralrat der Muslime organisiert sind, wie z.B. die „Deutsche Muslimische Gemeinschaft e.V.“ über die der Verfassungsschutz in ihrem letzten Bericht schreibt: „Ziel der DMG ist es unter anderem, gegenüber Politik, Behörden und zivilgesellschaftlichen Partnern als Ansprechpartner eines gemäßigten, weltoffenen Islam in Erscheinung zu treten. Sie verfolgt eine an der MB-Ideologie ausgerichtete Strategie der Einflussnahme im politischen und gesellschaftlichen Bereich. Bei öffentlichen Auftritten werden Bekenntnisse zur MB und verfassungsfeindliche Äußerungen vermieden. Zahlreiche Verbindungen zwischen hoch-rangigen DMG-Funktionären und namhaften ausländischen Muslimbrüdern verdeutlichen jedoch die Zugehörigkeit der Organisation zum weltweiten MB-Netzwerk.“[8]

Das eingangs erwähnte Gefahrenpotential einer solchen Organisation ist dahingehend zu bewerten, dass es sich bei vielen von ihnen um Wölfe im Schafspelz handelt, die ihre wahren Ziele nicht sofort preisgeben. Sie werden daher auch als „legalistisch-islamistische“[9] Organisation im Fachjargon erwähnt, weshalb ein Vorgehen gegen sie gar nicht so einfach ist. Aufgabe einer kritischen Gesellschaft muss es letztlich sein, Aufklärungsarbeit über diese Form des Islamismus zu leisten, ihre Ideologien, Strukturen und länderübergreifende Netzwerke zu beleuchten und mehr Menschen, insbesondere die Politik zu erreichen, damit der Muslimbruderschaft keine Bühne mehr für ihre politischen Ziele gegeben werden kann und man ihnen dadurch den Wind aus den Segeln nimmt.

[1] Es gibt Muslime wie auch Nichtmuslime, die unter diesen Begriff einen ausschließlichen Angriffskrieg gegen „Ungläubigen“ verstehen. Andere Muslime verstehen darunter einen Verteidigungskrieg und wieder andere sehen das Prinzip des Dschihads als obsolet an. Aufgrund der zig Verständnisse dieses einen Begriffs, verzichte ich auf eine theologisch-historische Aufarbeitung, da er ohnehin hier im Blogbeitrag nicht weiter Gegenstand der Debatte wird.

[2] Ranko, Annette (2014): Die Muslimbruderschaft. Porträt einer mächtigen Verbindung. Edition Körber-Stiftung: Hamburg, S. 77

[3] Ebd. S.86

[4] Eltahawy, Mona (2016): Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt. Piper Verlag: München/Berlin, S.46-47

[5] Ranko, Annette (2014): Die Muslimbruderschaft. Porträt einer mächtigen Verbindung. Edition Körber-Stiftung: Hamburg, S. 87

[6] Küntzel, Matthias (2007): Islamischer Antisemitismus und Deutsche Politik. ‚Die Juden werden brennen. Wir werden auf ihren Gräbern tanzen.‘ Lit Verlag: Berlin. S. 15-16.

[7] https://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/286322/die-muslimbruderschaft

[8] https://www.verfassungsschutz.de/embed/vsbericht-2018.pdf, S.221

[9] Dazu der bayrische Verfassungsschutz: Die meisten Islamisten in Deutschland lehnen es ab, Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele anzuwenden. Nicht-gewaltorientierte, sogenannte legalistische islamistische Gruppen verfolgen ihre extremistischen Ziele mit politischen Mitteln innerhalb der bestehenden Rechtsordnung., https://www.verfassungsschutz.bayern.de/islamismus/definition/erscheinungsformen/legalistischer_islamismus/index.html

Samara Doole

Wasser

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Ihm, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.
Das, worüber ich heute sprechen möchte, ist Nahrungsmittel, Lebensraum, Verkehrsweg, Energiequelle, Kraft und Baumeister zugleich. Ich spreche von

Wasser

 

Samara Doole
Samara Doole

Wasser ist all das und es ist kein Wunder, dass das Wasser nicht nur im Islam eine sehr hohe Stellung einnimmt, sondern eigentlich in fast allen Weltreligionen. Es steht für das Ursymbol des Lebens, ein Geschenk der Götter oder des Einen Gottes. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen, Dürre und Hochwasser, also ein zu wenig und zu viel.
Im hinduistischen Glauben ist Wasser unsterblich, denn es transportiert die Seelen der Toten zum Sitz des ewigen Lebens. Ein Bad im heiligen Wasser, dem Ganges, spült alle Sünden des Gläubigen hinweg. Aus dem Grund wird auch die Asche des Verstorbenen in den Fluss gestreut, in dem dessen Seele zum Ort der Erlösung gelangt.
Ebenfalls ist in der buddhistischen Lehre das Wasser Sinnbild für den Strom des Lebens, in dem die Seele der Erlösung entgegenfließt.
In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments war die ganze Erde von Wasser bedeckt, dann trennte Gott das Wasser und Land und schuf das Meer und die Erde. So zieht sich durch das gesamte alte und neue Testament das Bild des Wassers als Ursprung des Lebens. Im Judentum tauchte man sich vollständig im Wasser unter, um rituell gereinigt zu sein, während im Christentum ein kleiner Wasserguss reicht.
Da, wo die drei abrahamischen Religionen entstanden, in den Wüsten- und Trockenzonen Arabiens war man sich der ungeheuren Wichtigkeit des Wassers und seinen Konsequenzen sehr bewusst. Schon seit Urzeiten bedeutete dort Wasser Leben für die Viehzüchter wie für die Ackerbauern. Wasser war also schon immer ein Grund für Besorgtheit, denn Wasser verkörpert eine gesunde Tier- und Pflanzenwelt, also Nahrung.
Wasser hatte Einfluss auf das Miteinanderleben, auf Umgangsformen der Bewohner. Jeder Wüstenbewohner war angewiesen auf Gastlichkeit, denn jeder kann in die Lage versetzt werden, einmal das Wasser selbst seines ärgsten Feindes in Anspruch nehmen zu müssen. Da ist es nicht verwunderlich, dass schon im Islam beizeiten das Anrecht auf Wasser als ein Menschenrecht festgelegt wurde. Das können wir in einem Hadith im Sahih Muslim Nr. 157 nachlesen: ‚Abu Huraira, (Allahs Wohlgefallen auf ihn) berichtete, dass der Gesandte Allahs (Allahs Frieden und Segen auf ihm) sagte: ‚Drei werden von Allah am Tage der Auferstehung nicht angesprochen, nicht angeschaut und nicht geläutert. Und diese haben eine schwere Strafe zu erwarten: Ein Mann, der sich in der Wüste befindet und Überschuss an Wasser hat, sich aber weigert, einem Reisenden davon utrinken zu lassen.‘
Wasser spielte darum auch eine große Rolle in der arabischen Literatur und Poesie, ja sogar in der Architektur.
Neben dem Wasser zur menschlichen und tierischen Versorgung brauchte man es auch zur rituellen Reinigung. Darum verpflichtet der Islam, wie die anderen Religionen, die auf dem Boden der arabischen Wüste entstanden waren, die Menschen, alles Mögliche für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserreserven zu tun. Darum ist das Thema Wasser und seine Bewahrung und Nutzung von großer Wichtigkeit, mehr noch: der verantwortliche Umgang mit sauberem Wasser ist ein Schöpfungsauftrag, ein Auftrag von Gott, als Er den Menschen als Seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt hatte.
Für sie gab es Gewissheit, dass das Wasser göttlichen Ursprung war. Und so lesen wir auch an vielen Stellen im Koran über die herausragende Stellung des Wassers für die Erde mit ihren Pflanzen und Lebewesen und auch für die Vorstellung des Paradieses. Als ich in Granada die Alhambra besuchte, stellte ich mir dieses Bild, was ich da sah als ein Sinnbild des Paradieses auf Erden vor. Auch ihre Erbauer sahen das Wasser auf eine hohe Stufe, vergleichsweise wie das Wasser im Paradies.
Wasser ist das Abbild für das Reine im Allgemeine und im Speziellen, wie in der Religion: Waschungen mit reinem Wasser dient der inneren und äußeren Reinigung und gilt für jeden Gläubigen als Teil des Gebetes, eine der 5 Säulen des Islam.
Wasser ist für alle Lebewesen das wichtigste Element, ohne eine genügende Wasserversorgung würde zum Beispiel der Mensch innerhalb weniger Tage sterben.
Besser gesagt: vom Wasser hängt alles Leben ab. Und das sagt auch der Koran in Sure 21:30 aus: „Und Wir haben aus dem Wasser alles Lebendige gemacht.“ Dieser kurze Vers weist auf die Existenz Gottes hin, auf Seine Macht und Einzigartigkeit. Und damit fordert Gott uns zum Nachzudenken auf. Er liefert uns den Regen, also das Wasser, aber Er könnte uns es auch vorenthalten, nur Er hat die Macht darüber. Das beweist auch die Sure 27:60: „Nein – wer ist es, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und für euch lebengebendes Wasser vom Himmel herabsendet? Denn dadurch lassen Wir Gärten von leuchtender Schönheit wachsen- während es nicht in eurer Macht ist, (auch nur einen einzigen) ihrer Bäume wachsen zu lassen! Könnte es eine göttliche Macht neben Gott geben? Nein, sie (die so denken) sind Leute, die (vom Pfad der Vernunft) abweichen. Gott weist uns darauf hin, wer das Universum mit all seiner Ordnung, Schönheit und Herrlichkeit geschaffen hat, nicht irgendeiner neben Ihm, sondern nur Er allein.
Und mit dieser Realität, die niemand leugnen kann, hat Er das nötige Mittel, damit überhaupt Leben auf Seine geschaffene Erde existieren kann, das Wasser, uns und den Pflanzen und Tieren gegeben. Denn wenn Er sagt: ‚für euch‘ bedeutet das für alle Menschen. Wasser darf kein Eigentum sein, es ist für alle da und muss zugänglich für jeden gemacht werden. Gleichzeitig weist Er nochmals darauf hin, dass nur Er die Macht hat, Leben zu geben und wachsen zu lassen.

Wasser ist in seiner Reinheit eine Gnade von Gott und wir als Seine Stellvertreter sind aufgerufen, nein, besser noch verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, hängt doch von seiner Reinheit alles Leben ab. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus? Über Jahrhunderte wurde es immer mehr kontaminiert. Durch Abwässer, Müll und Abfall wurde es in den Städten seit dem Mittelalter verseucht, später kam der Abfall der Industrie hinzu, heute sind es giftige Chemikalien und Plastik, das dem Wasser arg zusetzt. Selbst das Regenwasser, das eigentlich das sauberste Wasser sein sollte, ist durch Luftverschmutzung verunreinigt. Und davon trinken die Menschen und Tiere.
Selbst die Feuchtigkeit der Ackerböden ist nicht mehr rein, so dass die Pflanzen das Unreine speichern und wir dann dieses Gift mit der Nahrung verzehren. Auf der ganzen Erde sind die Flüsse, Meere und Seen keine brauchbaren Nahrungsquellen mehr, für viele Millionen Menschen gibt es keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und das verschmutzte Wasser ist verantwortlich für die Verbreitung von gefährlichen Krankheiten.
Gott betont, dass Er diese Verderbnis nicht liebt, das heißt, nicht das Verderbnis als Ergebnis, sondern diese Menschen, die unachtsam und ohne Bedacht mit Gottes Gut umgehen. Er sagt in Sure al-Baqara, Vers 205: „Aber immer, wenn er (dieser Mensch) obsiegt, geht er auf der Erde umher und verbreitet Verderbnis und vernichtet Ackerland und Nachkommenschaft. Und Gott liebt nicht Verderbnis.“
Auf Wasser ist unser ganzes, tägliche Leben ausgerichtet, nicht nur zum Trinken, sondern als Grundlage für unsere Nahrung. Das stellt Gott in Sure:80 (Al-Abara. Er runzelte die Stirn), Verse 24-32: „So soll der Mensch (die Ursprünge) seiner Nahrung betrachten: (wie es kommt), dass Wir Wasser herabgießen ,es in Fülle herabgießend, und dann spalten Wir die Erde(mit neuem Wachstum) sie auseinanderspaltend, und daraufhin lassen Wir aus ihr Korn wachsen, und Rebstöcke und essbare Pflanzen und Olivenbäume und Dattelpflanzen, und Gärten mit dichtem Blattwerk, und Früchte und Kräuter für euch und euer Vieh zum Nutzen.“
Aber nicht nur für äußere Sauberkeit, sondern es dient zu inneren Sauberkeit des Herzens. Abu Huraira (r) berichtet von einem Ausspruch des Propheten (überliefert von Buchari): „Das Gebet desjenigen, der die Gebetswaschung nötig hat, wird solange nicht angenommen, bis er die Gebetswaschung vollzogen hat.“
Ich könnte noch viele Verse vortragen, dafür würde aber eine Khutba nicht reichen. Aber noch ein Hadith halte ich für sehr wichtig.
Mit Beginn der Khutba hatte ich betont, dass Wasser für das Ursymbol des Lebens steht. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen.
Stellt euch eine Quelle hoch oben im Gebirge vor, mehrere Quellen schließen sich zusammen, immer mehr Wasser strömt zusammen bis es ein breiter Fluss wird, der dann ins Meer fließt. So verhält sich auch das Wissen. Unsere angeborene Neugierde nimmt immer mehr Wissen auf wie ein breiter Fluss, das heißt, wenn wir es zulassen und nicht irgendwann faul auf Wissen reagieren und nur zuhören, was ein Prediger sagt, ohne nachzudenken. So gibt es ein Hadith im Sahih Muslim, welches Wasser mit Wissen vergleicht:
„Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf einem Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere dort weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrt es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“
Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter. Ansonsten taugt das Wissen nicht, wenn ich es nur für mich behalte.
Ich möchte das Wissen mit einem Krug Wasser vergleichen, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem mehr, wie das versickernde Wasser.
Und noch etwas möchte ich feststellen: Der Koran selbst ist wie das Wasser. Man liest darin und taucht gleichzeitig tief in ihm hinein. Der Koran in das Wort von Gott, ein Ozean an Mittelungen, Mahnungen, Parabeln, Wissen. So stelle ich mir Gott selbst als einen unendlichen Ozean vor. Wenn wir in ihm eintauchen, umfängt das Wasser uns liebevoll und reinigt unsere Seele.
So kann man sagen, Gott sendet das Wasser vom Himmel, Er sendet es herab, wie Er den Koran herabgesandt hat, um uns zu reinigen und zu verbessern.

Samuel Scrimshaw Beitragsbild

Die Seele aus islamischer Sicht

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.

Die Seele aus islamischer Sicht

 

Samuel Scrimshaw BeitragsbildHeute möchte ich über unsere Seele sprechen. Ich fand das Thema interessant, aber tat mich dennoch schwer, denn ich habe erkannt, dass unsere Persönlichkeit weit mehr ist als unser materieller Körper. Aber das ‚weit mehr‘ ist schwer zu erfassen.
In Suratu-l-`Isra, 17:85 steht: „Und sie befragen dich über die Seele. Sprich: ‚Die Seele ist eine Angelegenheit meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.‘“ Muhammad Asad übersetzt den Vers so: „Und sie werden dich nach der Natur der göttlichen Eingebung fragen. Sag: diese Eingebung kommt auf Geheiß meines Erhalters; und ihr könnt ihre Natur nicht verstehen, da euch sehr wenig wahres Wissen gewährt worden ist.“ Asad meint dazu: Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass sich dieses auf die Offenbarung des Koran bezieht, wenn man den vorherigen und folgenden Vers mit einbezieht, andere verstehen darunter die Seele des Menschen. Für noch andere steht der Begriff ‚ruh‘ für Seele oder Geist und sehen darin den Engel, der die Offenbarung bringt.
Ich denke, es geht vor allem um einen harmonischen Zustand der Seele, auch wenn wir nicht viel darüber wissen. Aus theologischer Sicht ist das Wesen der Seele geheimnisvoll und normaler menschlicher Erkenntnis weitgehend nicht begreifbar. Wir können sie nicht wirklich beschreiben oder sehen, so wie wir Gott nicht definieren können und nur das von Ihm wissen, was Er im Koran über sich erzählt. Aber eins steht fest, jeder von uns trägt eine Winzigkeit vom Hauch Gottes in sich, die Seele. Aber dazu komme ich noch.
Suratu-z-Zumar, 39:41 besagt: „Allah nimmt die Seelen (al-anfus, Plural von an-Nafs) hinweg, wenn die Menschen sterben, und die derer, die noch nicht sterben, während sie schlafen. Dann hält Er die zurück, für die Er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen für eine bestimmt Frist zurück. Hierin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken“. Das bedeutet, im Tod geben wir unser physisches Leben auf, aber unsere Seele stirbt nicht, sie kehrt in eine andere Existenzebene, zu Gott zurück, also jenseits unseres physischen Daseins, während sie nach dem Schlaf in unser Dasein zurückkehrt. Kurz gesagt: Gott hält unser Leben und den Tod in Seiner Hand. Wir merken spätestens hier, dass das Wort Seele im Normalgebrauch mehrere Bedeutungen hat.
Wie oft sagt man, wenn man über etwas nachdenkt und man zu keinem richtigen Ergebnis kommt: „Schlaf darüber!“ Oder: „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Unsere Seele geht dann zurück zu Gott. Vielleicht gibt uns Gott dann Hinweise? Manchmal wachen wir mit einem Alptraum auf, vielleicht sind diese Alpträume ja schon eine Bestrafung von Gott, und manchmal sind wir frisch und munter, mit einem guten Gefühl, die richtige Entscheidung treffen zu können. Wer weiß, wurden wir vielleicht belohnt? Hält Gott bei unserem Schlaf schon ein Gericht über unsere Seele? Bestraft oder belohnt Er uns, lässt Er uns unser Gewissen überprüfen?
Ich denke, Gott hält hier schon Gericht, nicht erst, wenn es uns nicht mehr gibt. Denn während unseres Schlafs hat Gott die Gelegenheit, zu richten, unserer Seele Lob oder Tadel nach dem Erwachen mit auf den Weg zu geben. Ansonsten lohnt sich doch nicht ein Belohnen im Paradies oder Bestrafen in der Hölle. Nach dem Tod ist es zu spät, um uns zu verbessern.
Ich habe meine Denkweise in meiner Khutba „Das Diesseits und das Jenseits“ schon einmal dargelegt. Und die Brücke am Tag des Jüngsten Gerichts? Für mich könnte für die Seele die Überquerung der Brücke den Übergang vom Wachsein in den Schlaf bedeuten. Wir wachen auf, nachdem sich unsere Seele einer Rechenschaft vor Gott für diese kurze Zeit stellen musste. Und das täglich, damit sich unsere Seele zum Guten wandeln kann. Nur so greift Gottes Barmherzigkeit zur Stärkung unserer Seele, was nicht ausschließt den Gang über die Brücke nach unserem endgültigen Tod.
Ghazali, gest.1111 in Tus, Iran, hielt die Seele für eine unkörperliche, rein spirituelle Substanz, die aber über Wissen und Wahrnehmung verfügt.
Der Mystiker Rumi war überzeugt, dass der Mensch zwei Dimensionen habe: Die eine ist die physische Ebene, die zur Natur gehört und die zweite ist die verborgene Welt als Teil der absoluten Wahrheit. Beide Ebenen passen sich einander an und ergänzen sich.
Aber was ist nun die Seele? Wo befindet sie sich, was passiert mit ihr?
Das Wort rūḥ, das ursprünglich „Atem“ oder „Wind“ bedeutet, wird religiös zum Hauch, Geist, den Gott Adam einbläst und ihm damit Leben einhaucht.
Der Mensch besteht aus Körper, Geist oder Seele, alles gehört zusammen und macht als Ganzes den Menschen aus.
Eigentlich hat im normalen Sprachgebrauch das Wort „Seele“ zwei Bedeutungen:
– Zum ersten gehört die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Erinnern, Phantasieren, Überlegen, Denken eines Menschen ausmacht; also die „menschliche Seele,” unser Ego, das Ich. Sie ist sterblich.
– Andererseits ist sie ebenso ein körperloser Teil des Menschen, der nach religiösem Glauben unsterblich ist, nach dem Tode weiterlebt. Sie ist „die unsterbliche Seele”. Beide aber sind immateriell.
Eine kurze Zusammenfassung: Es gibt also zwei grundlegende Bereiche des Menschen, einen materiell-physikalischen und einen immateriell-metaphysischen Bereich. Nach islamischer Auffassung gibt es aber im immateriellen Bereich neben der Seele oder Geist noch das Ego des Menschen, dem ‚Ich‘, arabisch an-nafs. Es ist zwar immateriell, aber in besonderer Weise an den Körper gebunden, also an die Materie. Das heißt: Der Mensch besteht aus
– dem Körper, arabisch: al-dschassad,
– dem Ego, das „Ich“, arabisch: an-nafs,
– dem Geist oder Seele arabisch: ar-ruh.
Den Körper kann man also als das ‚Haus von Ego und Seele‘ bezeichnen. Wenn der Körper stirbt, stirbt auch mit ihm sein Ego, (an-nafs), sein Ich. Die Aufgabe eines Muslims soll darin bestehen, im Diesseits im Rahmen des dschihadu-n-nafs, der Anstrengung im Bereich des Egos, seinen Nafs zu erziehen und in ein an Gott gerichtetes Seelenleben zu bringen. Deshalb meine ich, dass schon im Schlaf Gott über uns das Gericht hält, damit wir unseren Nafs erziehen können, daraus ergibt sich für mich: Das Paradies und die Hölle befinden sich im Diesseits.
Im Koran werden drei Stufen des sterblichen nafs erwähnt, manche Gelehrte zählen 7 Stufen: die niedrigste ist an-nafs al- ammara, die über das Böse herrscht, an zweiter Stelle kommt an-nafs al-lawwama, welches sich selbst reumütig tadelt. Man könnte sagen: Es ist unser Gewissen, dass unser Handeln kontrolliert. Und an höchster Stelle steht an-nafs al-mutma`inna, welches seine Ruhe gefunden hat. Dazu steht im Koran in Sure 39:70: „Und jeder Seele (nafs) wird voll zurückerstattet, was sie im Erdenleben getan hat.“ Das heißt, selbst wenn das Nafs stirbt, unsere Taten werden am Gerichtstag gewertet.
Im heutigen Konsum- Zeitalter ist der Körper mit dessen Bedürfnissen, Verlangen und Begierden, die sein Ego zufrieden stellen und ihn zu seiner Selbstentfaltung und Selbstbewusstsein fördern sollen, in den Vordergrund gerückt. Unser Ego schließt ein An-sich-selber-denken, an sein berufliches Vorwärtskommen, am Geldkonsum ein, kümmert sich weniger um die übrige Gesellschaft. Wir sind zu einer Ich-Gesellschaft, weniger zu einer Wir-Gesellschaft geworden. Geist und Seele spielen dabei weniger eine Rolle.

Der Geist, ar-ruh, ist der einzige Bereich, der ewig ist und der beim Tod des Menschen auch sein Ego überdauert. Er gehört zum immateriellen Bereich und damit wichtigster Teil des Menschen aus religiöser Sicht.
Meine Frage an euch: Wenn wir unseren Körper betrachten, wo werden wir die Seele, unseren Geist ansiedeln? Natürlich im Herzen!
Das Zentrum unseres Geistes, unserer Seele ist im Islam das Herz (arab. al-qalb) mit den immateriellen Betrachtungsweisen unserer Gefühlswelt, Emotionen, Empfinden, Gemüt und dazu gehört auch unser Gewissen, Bewusstsein wie zum Beispiel unser Verantwortungsbewusstsein, Moral, unsere innere Stimme.
Unser Herz hat also zwei Seiten oder Bestimmungen: das materielle Herz als unser zentrales Organ des Körpers; ohne diese Pumpe geht gar nichts. Das immaterielle Herz ist das Zentrum unseres Geistes bzw. unserer Seele und damit das wichtigste Element unseres Seins, unserer Wirklichkeit.
In Sura al-A’raf, Nr.7:179 können wir in der Übersetzung von Asad lesen: „Wir haben wahrlich viele der unsichtbaren Wesen und Menschen für die Hölle bestimmt, die Herzen haben, mit denen sie nicht die Wahrheit zu erfassen vermögen, und Augen, mit denen sie nicht zu sehen vermögen, und Ohren, mit denen sie nicht zu hören vermögen. Sie sind wie Vieh – nein, sie sind sich noch weniger des rechten Weges bewusst: Es sind sie, die die wahrhaft Achtlosen sind.“ Er meint damit: Tiere leben nach ihrem Instinkt, aber diese Menschen sind sich der Möglichkeit oder einer Notwendigkeit einer moralischen Wahl nicht bewusst oder wollen es nicht verstehen.
Oder in Sura al- Hadsch, Nr. 22:46: „Sind sie denn niemals auf der Erde herumgereist, um ihr Herz Weisheit erlangen und ihre Ohren hören zu lassen? Doch, wahrlich, es sind nicht ihre Augen, die blind geworden sind – sondern blind geworden sind ihre Herzen, die in ihren Brüsten sind.“ Diese Aussage ist wirklich eindeutig, zum Herz gesellt sich der Verstand, die Vernunft, al-`aql
Herz und Verstand stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Und zum Verstand gehört das Gewissen (arab: al-widschdan) dazu.
Die islamischen Gelehrten ordnen dem Gewissen drei Kategorien zu: das Gedächtnis (arab. adh-dhihn), das Gefühl (arab: al-hiss) und der Wille (arab: al-irada). Aber wie schon gesagt, alle drei stehen in einem besonderen Zusammenspiel mit dem Intellekt (ar: al-`aql), der Vernunft und dem Herzen als das Zentrum des Geistes.
Zum besseren Verständnis: Das Zentrum des Geistes ist das immaterielle Herz (al-qalb). Es beinhaltet den Geist oder Seele (ar-ruh), den Intellekt, die Vernunft (al-`aql) und als dritter Partner das Gewissen (al-widschdan) mit dem Gedächtnis, den Gefühlen und dem Willen.
Besonders das Zusammenspiel von al-`Aql und al-widschdan, Vernunft und Gewissen, spielt im islamischen Kontext eine große Rolle. Das Gedächtnis als eine Kategorie des Gewissens bedeutet Wissenserwerb, besonders das Wissen um Gott. Die Gefühle, eine weitere Kategorie, stehen für die Liebe zu Gott, also das Gottesgedenken und der Wille, als letzte Kategorie, bedeutet Dienst an Gott, also Gottesdienst. Alle zusammen führen zu einem guten Iman, dem Glauben und Taqwa, dem Gottesbewusstsein.
Die Seele oder der Geist soll sich nach den konservativen Predigern ganz auf das Jenseits richten, auf Gott. Aber was ist mit dem Diesseits? Sollen wir den Frohsinn, der Freude wie auch der Traurigkeit, Glück und Kummer, Entspannung und Anspannung, alles das, was das Leben auf der Erde eigentlich ausmacht, in die zweiten Reihe stellen? Nehmen wir aus der 38. Sure as-Sad die beiden Verse 71 und 72: „Denn siehe, dein Erhalter sagte zu den Engeln: ‚Siehe, Ich bin dabei, einen Menschen aus Ton zu erschaffen; und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von Meinem Geiste eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.‘“ Gott ehrte ihn damit vor den Engeln trotz ihrer Einwendungen. Er beschenkte Adam und damit der ganzen Menschheit mit dem Einhauchen Seines Geistes. Natürlich gebührt die Anbetung nur Gott allein, aber diese Niederwerfung der Engel vor Adam war ein Zeichen der Ehre und des Respekts.
Gott hat uns durch Adam von Seinem Geist eingehaucht, damit wir uns im Diesseits an Ihn erinnern und uns Seiner immer bewusst sind, also Gottesbewusstsein. Aber zugleich gab Er den Menschen die Freiheit, selbstständig zu denken und zu handeln, im Guten wie im Schlechten, die Freiheit, Seiner zu erinnern oder auch nicht.
Ich meine, damit stehen wir höher als die Engel, die nur das tun, wofür sie geschaffen wurden.
Aber noch etwas Wichtiges hat Gott uns mit dem Einhauchen der Seele mitgegeben, die Neugier, die den Menschen vorwärtstreibt und ihn erst zum Menschen werden ließ.


رَبَّنَا لَا تُزِغْ قُلُوبَنَا بَعْدَ إِذْ هَدَيْتَنَا وَهَبْ
لَنَا مِن لَّدُنكَ رَحْمَةً ۚ إِنَّكَ أَنتَ الْوَهَّابُ

 

Unser Herr, lass unsere Herzen sich nicht von Dir abkehren, nachdem Du uns rechtgeleitet hast. Und schenke uns Barmherzigkeit von Dir, denn Du bist ja wahrlich der unablässig Gebende. (al-`Imran:8)

Sura Al Ikhlas

Sura Al Ikhlas

 

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Sag Er ist Allah der Einzige. Allah, von dem alle Schöpfung kommt und zu dem sich alle Schöpfung hinwendet. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Die Sure AlIkhlas ist sehr kurz und erscheint damit ganz am Ende des Korans. In der Zählung ist sie die 112. von 114 Suren insgesamt. Mit Sicherheit ist sie allein schon deshalb die am häufigsten im Gebet zitierte Sure nach Al Fatiha. Sie hat eine eher trockene Art, ihr Inhalt ist matter of fact – eine reine Beschreibung dessen, was Gott ist. Ihr Wert scheint wenig spirituell und sie leitet uns nicht gerade offensichtlich auf einen humaneren, ethisch höheren Pfad, auf den wir uns als Muslime zu begeben versuchen. Darüber hinaus scheint sie darauf zu pochen mal wieder den Propheten Issa nicht als Gottes Sohn zu klassifizieren, sondern als Menschen, um sich damit vom Christentum abzugrenzen. Gott zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Der Überlieferung nach wurde sie dem Propheten Mohamed offenbart, als dieser von Andersgläubigen gebeten wurde, seinen Gott zu beschreiben. „Wie ist er denn, dein Gott?“, wollten sie wissen. Mohamed hätte viel sagen können – barmherzig, ewig vergebend, schöpfend, vom Menschen das Gute erwartend; er sieht alle Menschen als gleich an und gibt selbst den unterdrückten Sklaven und Frauen Freiheit und Recht, er ist nicht männlich und nicht weiblich, ein Gott der Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade. Was hätte der Prophet sagen sollen? Oder waren die Fragenden darauf aus, die Abstammungslinie zu erfahren? Nun, es gab keine.

Zitternd fiel der Prophet zu Boden und erhielt diese Offenbarung Allahs. Sag Allah ist der Einzige. …

Einige Zeit später sagte der Prophet eines Tages zu seinen Begleitern: „Kommt heute in die Moschee, ich werde für euch ein Drittel des Korans rezitieren“. Er begann mit Sure Al Ikhlas. Als er sie beendet hatte, wandte Mohamed der Moschee den Rücken zu und machte sich auf den Heimweg. Die verwirrten Sahaba fragten sich, ob ihr Prophet wohl vergesslich geworden war, oder ob sie sich verhört hatten. Hatte er nicht ein Drittel des Korans versprochen? Also gingen sie zu ihm und baten ihn um Aufklärung, worauf er antwortet: „Al Ikhlas ist ein Drittel des Korans“. Nach einer anderen Überlieferung bezieht sich dieses Drittel auf eine Art Belohnung – jedenfalls scheint Al Ikhlas eine ausgesprochen wichtige Sure zu sein.

Wenn man Allah liebt, ist sie schön. Allah ist einzigartig, und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Kind. Es ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Partner. Er ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. Der Einzigartige, an den ich mich wende, wenn ich etwas brauche – alsamad, der mich genau kennt, da er mich geschaffen hat – und den ich liebe, weil er einzigartig ist; und der für mich einzigartig ist, weil ich ihn liebe.

Ihn? Schon das erste Wort nach „Sprich“ ist das männliche Personalpronomen huwa / er. Es evoziert in uns das Bild eines Wesens, das mit huwa beschrieben werden kann, und dies ist männlich. In Verbindung mit dem anderen Wesen, was als huwa beschrieben wird, dem Mann nämlich, entsteht in uns die Vorstellung einer männlichen Göttlichkeit. Wir sprechen von der Herrschaft Allahs. Schon das Wort Herrschaft verweist auf die Problematik. Herrschaft beinhaltet nicht nur „Herr“, sondern geht auch einher mit einer Hierarchie, und so ersinnen wir uns eine solche, die von islamischen Gelehrten jahrhundertelang unhinterfragt akzeptiert und tradiert wurde. In dieser Hierarchie ist Gott an oberster Stelle, darunter steht der Mann, und unter ihm befindet sich die Frau. Dabei wissen alle Gelehrten, dass Gott alle Menschen gleich geschaffen hat und dies gerade das Besondere am Islam ist; und dass wir außerdem keinen Mittler brauchen, um mit Gott zu kommunizieren – keine Engel, keine Propheten und schon gar nicht unsere Männer, so lieb und teuer sie uns auch sind. Die Beziehung Frau-Mann-Gott ist viel angemessener dargestellt als Dreieck, mit Mann und Frau auf einer Ebene und Gott als obere Spitze. So kann jeder mit jedem direkt kommunizieren und es gibt keinen Zwischenschritt zwischen der Frau und Gott.

Wörter evozieren Bilder in unserer Vorstellung, das ist reichlich erforscht; sie wirken sogar direkt auf unser Gehirn und verändern es. Das ständige Lesen und Hören von Gott als „Er“ bewirkt letztlich, dass wir ihn uns eher als Mann als als Frau vorstellen und „ihm“damit ein natürliches Geschlecht zuweisen, womit in unserer Vorstellung die stereotypischen männlichen Charaktereigenschaften einhergehen. Ein strafender Gott, der uns dann annimmt, wenn wir bereuen, der zwar barmherzig, aber vor allem streng ist, kommt uns daher vollkommen normal vor, denn so werden Männer in Hollywood, in der Werbung, und in unseren Geschichten beschrieben. Nur mit Mühe befreien wir uns von diesen Vorstellungen – vor allem durch Kopfarbeit. Wörter wirken aber schneller als der Verstand sie verarbeitet. Sie wirken direkter und beeinflussen uns subtil aber zuverlässig.

Neben den stereotypen männlichen Attributen gibt es stereotyp weibliche. Es fällt uns schwerer, sie auf Gott anzuwenden, obwohl dies genau so selbstverständlich sein sollte.

Heute möchte ich Sure Al Ikhlas daher einmal anders lesen, nämlich als weibliche Sure. Um dann zu erkennen, dass Allah weder männlich noch weiblich ist, sondern alle Elemente in sich vereint. Lesen wir also Al Ikhlas weiblich und elaborieren dabei ein bisschen die wenigen Worte, und machen sie zu einem Fließtext. Wir sind nicht aufgefordert, uns ein Bild von Gott zu machen. Doch Worte ändern Gefühle. Wer mag, kann die Augen schließen und einmal hören, wie sich unsere Gedanken anhören, wenn wir statt der stereotyp männlichen eine stereotyp weibliche Gottesvorstellung in uns aufrufen. Warum stereotyp? Weil es zur Aufrichtigkeit gehört, zuzugeben, dass wir automatisch und unbewusst, genau solche Eigenschaften mit Mann oder Frau verbinden. Aktivieren wir im zweiten Schritt unser Gehirn, wachsen wir natürlich, oder hoffentlich, über diese ersten stereotypen Annahmen hinaus.
Die folgende Übung ist keine Veränderung des Koran. Sie dient stattdessen dazu, uns darin zu trainieren, Allah in seinem-ihrem vollständigen Wesen zu kennen und zu lieben. Das weibliche braucht einfach ein bisschen mehr Übung.

Sure Al Ikhlas weiblich gelesen

Sprich: Sag sie ist die einzige. Das heißt sie ist die einzige und einheitliche Göttin. Es gibt keine andere Göttin und sie besteht nicht aus mehreren Anteilen, sondern ist ein einheitliches Wesen. Sie ist Alsamad, das heißt diejenige, von der alles abstammt und zu der wir uns zurückwenden, wenn wir etwas brauchen, die ewig Zuhörende, die jedes Wort vernimmt und es genau anhört. Sie ist die Göttin, die dir bis zum Ende zuhört und sich dabei mit lächelnder Wärme zu dir wendet, dich ermutigend, weiter zu reden, und alles zu sagen, was dir auf der Seele liegt. Sie hört deine Wörter und weiß zugleich, was in deinem Herzen ist, kennt jede Freude, jede Trauer, jeden Wunsch, jedes Spiel.
Versuchst du, ehrlich zu sein, so freut sie sich über deine Aufrichtigkeit. Gelingt es dir nicht, so gibt sie dir zaghafte Hinweise darauf, dass du noch etwas genauer denken und auf deine Gefühle achten solltest, um aufrichtig zu sein. Sie ist die, die dich im Gebet verneigen sieht, und du bist für sie wie eine Blume, die sich streckt und neigt, streckt und neigt. Sie liebt dich, diese Gottheit und liebt deine Weiblichkeit, auch, und gerade, wenn du ein Mann bist; liebt deine Freude, deine Liebe, deine Gnade, die Wärme, die du weitergibst. Wenn du beim Sujud dein Gesicht auf die Erde legst, legt sie ihre Wärme und Freundlichkeit über dich wie einen schützenden Mantel. Du kannst dir von ihr wünschen, dass sie diesen Mantel aus Wärme, Freundlichkeit und Zuversicht auch über andere legt. Nicht wünschen kannst du dir ihren Zorn. Verneige dich lange, damit sie dir auch ihre wundervollen, weisen und liebevollen Gedanken, Bilder und Gefühle schicken kann. Beeile dich nicht im Gebet, die Gottheit ist langsam in der Vergabe ihrer Huld. Gib dir Zeit zur genauen und intensiven Wahrnehmung.

Sie zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Diese ist die einzige Gottheit; die nicht geschaffen wurde. Sie war von Anfang an da, sie war der Anfang und zugleich gibt es keinen Anfang, denn Anfang ist etwas, vor dem nichts da war, doch das Nichts gibt es nicht. Sie war also da und hat alles geschaffen und begleitet. In diesem Allen der Schöpferin bist du jetzt in diesem Moment das Wichtigste, und zugleich ist jeder Andere das Wichtigste. Sie ist allein für dich da und zugleich allein für jeden Anderen. Sie ist Alrahman Alrahim. Rahme bedeutet Gebärmutter, doch ist dies figurativ. Sie ist keiner Gebärmutter entsprungen, und sie hat keine Gebärmutter, aus der etwas entspringen würde. Sie ist nicht die heilige Jungfrau Maria geworden, sondern sie hat in ihr etwas geschaffen. Sie ist nicht Amina bint Wahb, die den Propheten Mohamed geboren hat, sondern hat ihn in ihr geschaffen. Sie ist einzigartig, barmherzig, gnädig und liebend.

Sure Al Ikhlas ist immanent verbunden mit dem Gebet, in dem sie so häufig rezitiert wird. Doch ihr Titel passt nicht wirklich zu ihrem Inhalt. Al Ikhlas bedeutet „die Aufrichtigkeit“. Dies ist ein gedankliches Konzept, das der Ehrlichkeit nahekommt. Doch in der zitierten Sure scheint es eher um Integrität zu gehen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität, bilden ein enges Begriffsgeflecht. Im Englischen könnte man unterscheiden zwischen „honesty“ und „sincerity“. Während sich „honesty“ eher auf die Handlungsebene bezieht, geht es bei „sincerity“ darüber hinaus um eine innere Haltung, die auch eine Wertschätzung beinhaltet. Ein Arabisch-Englisches Wörterbuch beschreibt das Wort Ikhlas als „sincerity, purity or isolation“.

Zurück zum Deutschen: Um aufrichtig zu sein, müssen wir ehrlich sein. Ehrlichkeit bezieht sich auf konkrete Verhaltensweisen – Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sei ehrlich! Hast du den Hund gefüttert? Sag mal ehrlich. Die Aufrichtigkeit hingegen geht darüber hinaus und verlangt von uns eine vollkommene Offenheit. Aufrichtig sein heißt, sich aufzurichten, und vor allen Menschen, inklusive sich selbst, für das einzustehen, was man für wahr, richtig und gut hält; für unsere Werte klar einzustehen und sie aufrecht zu benennen. Aufrichtigkeit beinhaltet, uns nicht selbst zu belügen, sondern die Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Der aufrichtige Mensch ist integer, d.h. er hält sich auch dann an die von ihm proklamierten Werte, wenn keiner hinschaut oder zuhört. Der aufrechte Mensch kann von sich sagen, dass er/sie eins ist mit der Schöpfung, mit Gott und mit sich selbst. Jeder Mensch ist erschaffen, doch zugleich in seiner Art vollkommen einzigartig. Die Aufrichtigkeit ist eins der größten Ziele unserer Charakterbildung. Vor allem uns selbst gegenüber. Nur durch diese, erkennen und verstehen wir unsere eigenen Beweggründe und können für unsere Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Fragen wie: „Warum helfe ich dieser Person? Weil ich es gerne tue, oder weil ich einen Dank dafür erwarte?“ gehören zur Übung der Aufrichtigkeit, denn „Ikhlas“ kommt von „akh-la-sa“, und bedeutet, eine Handlung auszuführen mit der ausschließlichen Absicht, Gott zu erfreuen, ohne die Erwartung eines Dankes also oder einer Gegenleistung ( ohne „niya“). Durch aufrichtige Antworten an uns selbst kommen wir hinter unsere wahren Beweggründe und lernen der/die zu sein, der/die wir wirklich sind. Wir werden integre Personen, deren Werte nach innen reflektieren und nach außen strahlen. So leitet uns Sure Al Ikhlas eben doch auf einen humaneren und ethisch höheren Pfad. Sie ist in der Tat ein Drittel des Korans – Im Bund mit Allah und Mohamed sind wir der dritte Teil, ohne den es keinen Koran gäbe, denn nur wir sind der Teil der Schöpfung, der ihn braucht. Und nur durch unsere Aufrichtigkeit sind wir wir selbst, einzigartig.

Wir versammeln uns nun zum Freitagsgebet um uns zu verneigen und unsere Ehrerbietung zu erweisen. Dabei empfangen wir Kraft und Trost, Freude und Zuversicht, und inschallah auch Antworten auf die tiefsten und aufrichtigsten Fragen unserer Herzen.

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In Afghanistan: Appeasement-Politik auf Kosten von Frauen(-rechten)?

In Afghanistan: Appeasement-Politik auf Kosten von Frauen(-rechten)?

 

Autor: Massud Reza

1966666Diese Woche möchte ich den Blick auf die Friedensgespräche in Afghanistan richten und auf die Problematik, die sich daraus ergibt. Es finden politische Verhandlungen zwischen Delegationen der Taliban sowie den USA im katarischen Doha statt. Eine weitere Delegation von Taliban-Männern nahm bereits Gespräche mit Vertretern des afghanischen Ex-Präsidenten Hamid Karzai auf. Diese finden in Russland statt. Die Taliban möchte nicht mit der afghanischen Regierung direkt reden, da sie diese als Marionette der USA betrachten. Daher sagen sie, dass sie mit dem Marionettenspieler direkt verhandeln wollen, statt mit der Marionette.

Gespräche und Verhandlungen zu führen sind grundsätzlich gut! Gerade für eine Gesellschaft, für die seit mehreren Jahrzehnten der Alltag aus Hunger, Elend, Flucht, Krieg, Selbstmordattentate und viele weitere grausame Dinge besteht. Die Flucht aus dem Land verwundert angesichts dieser schrecklichen Vorkommnisse nicht. Deshalb können die Gespräche doch dazu beitragen, ein Ende des Leids in Afghanistan herbeizuführen. Ist daher in naher Zukunft ein Frieden in Afghanistan absehbar? Wird der Krieg am Hindukusch endlich ein Ende finden? Wie hoch wird der Preis für den Frieden letztlich sein? Vor allem letztere Frage brennt mir unter den Nägeln, da in politischen Verhandlungen natürlich Forderungen von allen politischen Beteiligten gestellt werden. Eine scheußliche Forderung, die ein wirkliches Unding und auch ein Rollback für die afghanische Gesellschaft in toto bedeuten würde, wäre die Eliminierung der Frauenrechten.

Florierende Entwicklungen sind immerhin festzustellen, dass seit dem Sturz der Taliban immer mehr Mädchen an Bildung teilnehmen und somit Schulen sowie Universitäten besuchen können. Nicht wenige Frauen wollen nach ihrer akademischen Ausbildung als Rechtsanwältin tätig werden und zwar nicht nur, weil sie Spaß daran haben, Auseinandersetzungen auf der Rechtsebene auszutragen, sondern weil sie wissen, dass rechtsstaatliche Mechanismen gerade für sie als Frauen von essentieller Bedeutung sind. Ein Land, in dem Frauenrechte massiv mit Füßen niedergestampft werden, Frauen vor Gerichten oftmals kein Glauben geschenkt wird sowie viele weitere Punkte, macht das Ganze aus einer menschenrechtlichen Perspektive plausibel, wenn jene Frauen sich ins afghanische Rechtsgeschehen einmischen und mit Hilfe von NGO’s und möglichem internationalem Druck, zu ihren Rechten gelangen. Zudem zeigen sich auch im Alltagsleben Freiheiten, die man nicht über Bord werfen möchte. Ein Beispiel hierzu wäre die afghanische Fußballspielerin, Madina Azizi, die eine große Leidenschaft für Fußball hegt. Nicht nur für sie, auch für viele weitere Mädchen ist Fußball ein besonderer, freudiger Sport. Die 23-Jährige bietet Trainingsstunden für junge afghanische Mädchen an, die gerne Fußball spielen möchten. Das Ganze kann man unter dem Aspekt zusammenfassen, dass es sich hierbei um ein Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen handelt, da Fußball traditionell als eine männlich-dominierte Sportart wahrgenommen wird. 

Während vor 100 Jahren das aktive sowie passive Frauenwahlrecht in Deutschland erkämpft wurde, partizipieren seit dem Sturz der Taliban auch wieder afghanische Frauen am politischen Tagesgeschäft, indem sie wieder wählen gehen und gewählt werden, um ihre Interessen in der Politik zur Geltung zu bringen. Denn Tatsache ist eben auch, dass auf der Verfassungsebene die Gleichheit von Männern und Frauen festgeschrieben steht. In der Politikwissenschaft würde man hier aber nach der Verfassungsnorm und der Verfassungswirklichkeit fragen, also wie viel ist von dem, was in der Verfassung verankert ist, auch in der afghanischen Gesellschaft ein fester Bestandteil der sozialen Realität? Ins Auge fallen eklatante Menschenrechtsverletzungen, nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen andere gesellschaftliche Gruppierungen.

Allen Problemen und Rückschlägen zum Trotz: Eine Aufhebung der eben skizzierten Frauenrechten würde sowohl weitere repressive als auch regressive Ausmaßen für die afghanische Gesellschaft bedeuten. Und genau das möchte letztlich die Taliban erreichen, die Frauenrechten unter dem Vorbehalt der Scharia setzen. Alles andere sei kultur – bzw. gottlos. Frauenrechten nur nach dem Islamverständnis der Taliban zu gewähren, ist katastrophal und selbstverständlich nicht hinnehmbar für die überwältigende Mehrheit der afghanischen Frauen. Abermalig werden sie am Ende das erleiden, was sie bereits unter der Herrschaft der Taliban erleben mussten: Beschränkungen sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, keine Schulbildung, keine politischen Beteiligungen, rigorose Kleidervorschriften, Malträtierungen in den unterschiedlichsten Varianten.

Die afghanische Ratsversammlung, Loja Dschirga, ist allen Ernstes den Taliban, aus meiner Sicht, geradezu demütig entgegengekommen. In leidenschaftlichen Reden plädierten bestimmte Redner dafür, über 170 Talibankämpfer aus den Gefängnissen freilassen und sie von der internationalen Terrorliste streichen lassen. Auch Frauenrechte kamen zur Sprache, wobei gegenüber der Taliban (nicht nur, aber auch) wohlwollende Worte gefunden wurden: Aufgrund von „berechtigten“ Interessen der Taliban sollen Frauenrechten zurückgenommen werden. Ob die Taliban diesen Punkt mit viel Häme und Spott aufnahmen?

Viele Frauen haben daher zurecht die Befürchtung, was eigentlich passiert, wenn die Friedensverhandlungen tatsächlich erfolgsversprechend verlaufen. Aber für wen erfolgsversprechend? Wer wird seine Forderungen maximal durchsetzen können? Und natürlich zu welchem Preis? Anscheinend wird unbeachtet, dass die Taliban weiterhin einen radikalislamischen Gottesstaat auf afghanischem Boden anstrebt. Bereits jetzt kann sie sich als mächtiger Gesprächspartner politisch behaupten, schließlich entscheidet sie darüber, wer am Verhandlungstisch sitzt und wer nicht.

Wie ich bereits ausführte, finde ich es immer gut, wenn miteinander geredet statt aufeinander geschossen wird. Die meisten Menschen in Afghanistan sind kriegsmüde und vermutlich auch die alliierten Truppen. Mit dem IS ist eine weitere Terrororganisation auf die politische Bühne aufgetaucht, die eine gefährliche und ebenso barbarische Ideologie verfolgt. Man muss sogar sagen, dass es in der ideologischen Observanz marginale Differenzen zwischen IS und Taliban gibt, auch wenn sie sich gegenseitig bekriegen. Meine Position zu den Verhandlungen aber lautet, dass kein fauler Kompromiss zuungunsten der Frauen geschlossen werden darf. Während wohlgesonnene Worte für die unnachgiebige Taliban seitens vieler afghanischer Diplomaten gefunden werden, antworten diese hingegen weiterhin darauf mit brutalen Anschlägen und Terror.

Man muss Druck auf die Taliban aufbauen, sich mit Vehemenz für Frauenrechte einsetzen und zeigen, dass man auch Werte hat, zu denen man steht und sie nicht einer menschenverachtenden-islamistischen Ideologie zum Fraß hinwirft. Hier können die USA und Deutschland wichtige Rollen einnehmen und sich dafür einsetzen, dass die Interessen von Frauen nicht unter den Tisch fallen. Unmissverständlich deutlich machen, dass zu den unverhandelbaren Grundvoraussetzungen eines dauerhaften Friedens auch die Frauenrechte gehören. In letzter Konsequenz ist ein Frieden, ohne all den Frauen, ein anrüchiger und zugleich verdorbener Frieden. Es kann nicht sein, dass der Ball bei der Taliban liegt und sie darüber entscheidet, wann und mit wem weitergespielt wird oder eben auch nicht. Der frühere britische Premierminister, Winston Churchill, sagte über Appeasement in der Politik folgendes: „An Appeaser is one who feeds a Crocodile, hoping it will eat him last.“ Daher ist Appeasement gerade gegenüber solchen islamistisch-dschihadistischen Gruppen ein völlig kontraproduktiver Weg. Mit Sicherheit wäre Krieg zu führen, genauso falsch, da nach über einem Jahrzehnt diese Militärstrategie völlig versagte, das Land weiterhin im Chaos verfällt, was man an den steigenden afghanischen Flüchtlingszahlen weltweit sieht. Deshalb ist nur zu hoffen, dass die Verhandlungen am Tisch weiterhin Bestand haben und nicht abgebrochen werden.

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar

Perry Grone

Die Inkompatibilität von Kollektivismus und Individualismus

Die Inkompatibilität von Kollektivismus und Individualismus

Autor: Massud Reza

Perry Grone
Perry Grone

Das Grundgesetz feiert in diesem Jahr seinen 70sten „Geburtstag“, da im Jahre 1949 die „vielen Väter und wenigen Mütter“ dieses Gründungsdokument der Bundesrepublik Deutschland eine Verfassung ausgearbeitet und verabschiedet haben, bei der weitgehende Freiheitsrechte der Gesellschaft zugestanden wurden. Dazu gehören nicht nur die Meinungs – und Pressefreiheit, sondern auch die Gleichberechtigung der Geschlechter. Auch gebietet das Grundgesetz jedem das Recht auf „freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ wie das in Artikel 2, Abs. 1 seine verfassungspolitische Diktion findet. In Deutschland sowie überwiegend westlichen Gesellschaften ist der Wert des Individualismus ein fester Bestandteil der sozialen Realität. Der Kerngedanke vom Individualismus lautet, dass die Freiheit des Einzelnen im Vordergrund steht und nicht die des Kollektivs. Individuen können nach diesem Prinzip selbst entscheiden, welches Lebens – und Beziehungsmodell sie für sich in Anspruch nehmen und danach ihr Leben ausrichten, sofern sich das Ganze selbstverständlich im Rahmen der verfassungsmäßigen Rechtsordnung bewegt. Angesichts der historischen Tatsache, dass man in früheren Gesellschaften im eigenen Stand verfangen war, man in diesem heiraten, arbeiten und überhaupt sein ganzes Leben verbringen musste, ist es in modernen Gesellschaften geradezu ein Fortschritt, dass sich jene Standesunterschiede weitestgehend nivellierten. Und dass auch trotz aller Problemen bei Bildungs – und Berufschancen, die häufig von der sozialen Herkunft der Eltern abhängig sind, wie das bereits zig Studien belegen konnten. Während vor hundert(en) Jahren besonders die Familie im gesellschaftlichen Mittelpunkt stand, bei dem das Individuum seine eigenen Interessen hinter das der Familie zurückstellen, ihr unhinterfragt Gehorsam leisten und nach den Lebensvorstellungen der Eltern leben musste, erleben wir heutzutage in den meisten Familien bereits einen frühen Emanzipationsprozess von den Eltern. Viele Menschen gehen ihren eigenen Bildungs – und Berufsweg und möchten – um diesen schwammigen Begriff zu gebrauchen – sich selbst verwirklichen.

Doch längst nicht überall wurde dieser Wert des Individualismus internalisiert und vorgelebt. In islamischen geprägten Staaten dominiert traditionell das Prinzip des Kollektivismus. Darunter versteht man die präferierte Vorrangstellung von Kollektiven bzw. Kollektivinteressen, die stets über individuelle Interessen stehen. Der gesellschaftliche Ausdruck dieses Prinzips findet sich in Familien, in denen häufig traditionelle Vorstellungen von Ehre herrschen. So ist die Ehre der Familie das entscheidende Kriterium nach dem sich das moralische Verhalten der Familienmitglieder auszurichten hat. Während Ehre etwas ist, was man sich in modernen Gesellschaften durch Leistungen erwirbt (sei es im Beruf, in der Bildung usw.), gilt das vormoderne Ehrkonzept in traditionell-islamischen Familien als gegeben, was stets bewahrt und tradiert gehört. Die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz hat in ihrem herausgegebenen und sehr lesenswerten Werk „Gewalt im Namen der Ehre“ bereits in der Einleitung wesentliche Probleme benannt, die aus traditionellen Ehrvorstellungen resultieren: „In traditionell-kollektivistischen Strukturen wird dem einzelnen Menschen keine individuelle, von der Primärgruppe abweichende Identität im modernen Sinne zugestanden. Über Identität und Ansehen verfügt der oder die Einzelne nur vermittels der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, in der Regel (die weit gefasste) Familie. Ehre ist dabei ein kollektiver, aber stets gefährdeter „Besitz“ der Familie, der durch „unehrenhaftes“ Verhalten jederzeit verloren gehen kann. Im Kern geht es dabei stets um die Sexualität der Frau. Als unehrenhaft gilt jedes selbstbestimmte, nicht durch die Gemeinschaft abgesegnete sexuelle Verhalten. Ein Ehrverlust trifft die gesamte Familie in Form von Ächtung durch die Community.“

Nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch in bestimmten Teilen von eher konservativ-muslimischen Familien in Europa ist dieses Phänomen zu finden. Solche vormoderne Ehrkonzepte wirken sich natürlich nicht folgenlos auf die Individuen aus, was für Jungen als auch für die Mädchen gilt. In der ständigen Angst vor einer Gesellschaft verhaftet, die die Freiheit des Einzelnen betont, führt dies zur stärkeren Vermittlung von traditionellen Geschlechterrollen seitens der Familie. Man nimmt Anstoß an der angeblich zu „freizügigen“ Lebensart der westlichen Gesellschaften, wovor man die eigenen Kinder schützen möchte. Den Kindern wird früh beigebracht, dass die Freiheit in westlichen Gesellschaften nur den Deutschen oder Europäern gilt, aber nicht der muslimischen oder türkischen oder arabischen Familie. Somit wird der universelle Gehalt des Freiheitsbegriffs gänzlich negiert und das obwohl jene Freiheit vom Grundgesetz und der Erklärung der Menschenrechte garantiert wird. Konkret drück sich diese Angst dadurch aus, dass den weiblichen Familienmitgliedern die Entscheidungsfreiheit aberkannt wird, wie sie sich zu kleiden, in der Öffentlichkeit zu benehmen, welchen Partner zu lieben haben und vieles mehr. Und auch die männlichen Familienmitglieder stehen unter dem sozialen Druck stets die Familienehre als Sittenwächter im Blick zu behalten und darauf zu achten, dass sozusagen kein „Schäfchen aus der Reihe tanzt“. So sind die Frauen wie auch die Männer nie in der Lage ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen nachzugehen, sondern stets darin angehalten, den kollektivistischen Erwartungen der Familie und darüber hinaus der Gemeinschaft zu entsprechen. Wie Nina Scholz darlegte, ist die Zugehörigkeit zur Community etwas Unabdingbares, weshalb man die Werte und Normen der Community verinnerlicht, ohne sie groß zu hinterfragen. Das Ergebnis ist ein strenges Hierarchie – und gegenseitiges Kontrollverhältnis, wo jeder Einzelne in Beobachtung der anderen steht. Ist man nicht in der Lage die Ehre aufrechtzuerhalten, weil sich jemand moralisch nonkonform verhält, so können die Konsequenzen von verbaler bis hin zu physischer Gewalt und im letzten Schritt zum Mord führen. Wichtig wäre noch die Frage zu diskutieren, was das mit dem Islam zu tun hat? Traditionelle Ehrvorstellungen können auch in nichtislamischen Gesellschaften stattfinden. Das ist soweit richtig und man kann auch sagen, dass das vormoderne Ehrkonzept eine vorislamische Tradition ist. Nichtsdestotrotz kann man die Tatsache nicht geflissentlich ignorieren, dass eine buchstabengetreue Lesart der islamischen Überlieferung solche Ehrvorstellungen begünstigen können, wenn man an die Überlieferungsstellen denkt, die sich auf Kleidungs – und Sexualfragen beziehen. So kann sich eine spezifische, religiös-kulturelle begründete Form von Sexismus bilden, der genauso zu bekämpfen und zurückgewiesen gehört, wie es bei anderen Formen des Sexismus der Fall sein muss.

Die Mixtur aus einem konservativen Religionsverständnis und vormodernen Kulturvorstellungen müsste aufgebrochen werden, um in eine moderne und zugleich offene Gesellschaft nach den eigenen Wünschen zu leben, unabhängig davon was andere von einem erwarten. So hart das auch klingen mag, aber vermutlich kommt man nicht immer drumherum, den elterlichen Erwartungen nicht entsprechen zu können, wählt man für sich ein anderes Lebensmodell, als das was von der Familie vorgesehen wird. Eine Enttäuschung kann auch Vorteile bringen, denn was bedeutet überhaupt Enttäuschung? Die Vorsilbe Ent- weist daraufhin, dass etwas genommen wird, also in diesem Fall eine Täuschung. Wir wollen ja grundsätzlich nicht getäuscht werden oder uns Illusionen machen, deshalb kann eine Enttäuschung in dem Sinne positiv sein, da man sich ganz ungetrübt den eigenen Wünschen stellt und sich nicht mehr bezüglich der eigenen Erwartungen anlügt. Am Ende kann sich sogar ein viel vertrauensvolleres und optimistischeres Verhältnis zu den Eltern herausbilden, ohne einen Kontaktabbruch zu fürchten. Von meinem Standpunkt aus gebe ich aber zu, dass es ein langwieriger Prozess, jedoch kein unmöglicher ist.

Damit man mich nicht missversteht: Ich möchte keineswegs, dass man pauschalisierend an muslimische Jugendliche herangeht und ihnen unterstellt, dass sie Gefangene ihrer Ehrvorstellungen sind. Eine solche Pauschalierung wäre übertrieben und würde den Bemühungen von muslimischen Jugendlichen nicht gerecht werden, die mittels eigener Workshops andere Jugendliche zu erreichen versuchen. Erwähnenswert ist hierzu HEROES! Jugendliche, die früher einmal selbst traditionellen Ehrvorstellungen anhingen und nach einem Reflexionsprozess dies hinterfragt und überwunden haben sowie in den Dialog mit anderen jungen Menschen treten. Daher können die Leute bei HEROES als Vorbilder fungieren, um Jugendlichen zu zeigen, dass solche kollektivistischen Erwartungen nicht gott – oder naturgegeben sind. Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen durchaus Gruppen bzw. die Gesellschaft, da wir auch einen sozialen Tod fürchten müssen. Die Lebenserwartungen von Menschen, die wenig soziale Kontakte zur Familie, zu Freunden und anderen Leuten pflegen, haben häufiger Probleme mit ihrer Gesundheit. Deshalb kommt es mir nicht auf das Zurückweisen der Familie als Ort der Geborgenheit und sozialen Halts an, sondern die Familie als absolute Kontrollinstanz, was jegliche Individualität wenig bis gar nicht zulässt. Denken, Hinterfragen und Kritisieren gilt es im Umgang mit dem Kollektivismus zu berücksichtigen. Die Überschrift lautet nicht grundlos „Die Inkompatibilität von Kollektivismus und Individualismus“, da es hier nicht um Westen gegen Islam geht, sondern um Vertreter und Befürworter von Individualität auf der einen Seite und Gegner dieser Individualität auf der anderen Seite und das unabhängig vom religiösen oder sozialen Hintergrund.

Iqra! – Lies und rezitiere!

Iqra! – Lies und rezitiere!

Sure 96.1-5: Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf.

E erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen,

lies, denn dein Herr ist Allgütig,

Der mit dem Schreibrohr lehrt,

lehrt den Menschen, was er nicht wusste.

Es gibt unzählige Gründe, sich mit Lernen zu beschäftigen. Es ist etwas, was dem Menschen sein ganzes Leben begleitet. Und seit meiner ersten Khutba hier begleitet mich das Thema in vielen Facetten.

Es steht hier die Frage: Lerne ich um zu leben oder lebe ich um zu lernen? Ich denke beides trifft sich irgendwo. Ich musste lernen, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, heute ist mein Lebensinhalt das Lernen, das Endziel ist also nicht meine finanzielle Sicherheit, sondern das Lernen und Reflektieren an sich.

Die Aufforderung zum Lernen ist im Koran nicht zu übersehen. So kommt die Wortwurzel für „das Lesen“ q-r-a im Koran 88 Mal vor. Als Muhammad sich in die Höhle am Berg Hira zurückzog, um zu meditieren, kam die allererste Offenbarung und Aufforderung an ihn, die lautete: „Iqra’“.

Gewöhnlicherweise übertragen die meisten Koranübersetzer und –exegeten das Wort „Iqra´“ ins Deutsche mit „Lies“. An dieser Übersetzung ist zunächst einmal nichts auszusetzen, denn die linguistische Betrachtung des Wortes Iqra´ – abstammend vom Verb „qar´a“ (er las) – gibt klar Aufschluss, dass es sich bei der Aufforderung „Iqra´“ um einen Befehl zum Lesen handelt, also „Lies!“

Doch wenn wir tiefer graben, finden wir im Koran drei unterschiedliche Begriffe für den Vorgang des Lesens. 1. qira’ah قراءات, 2. Tartiil ترتيل, 3. Tilawah تلاوة.

Oberflächlich könnte man alle drei Begriffe mit dem Vorgang des Lesens begreifen. Aber wenn man tiefer sieht, dann stellt man fest, dass sie bedeutende Unterschiede beinhalten.

Beginnen wir mit dem 3. Begriff „tilawa“. Die sprachliche Bedeutung entspricht dem „Vorleben, Vorlesen“. In der Sure Asch-Schams (91:1-2) nimmt beispielsweise das Verb „talâ“ ausgehend von „Tilâwah“ die Bedeutung von „aufeinander folgen, nachfolgen, folgen“ an: „Bei der Sonne und bei dessen Leuchten und beim (ihm) folgenden Mond…“ In diesem Vers erschließt sich uns eine sehr tiefe und aussagekräftige Botschaft des Wortes „Tilâwah“.

Das Leuchten des Mondes ist kein eigenständiges Leuchten, sondern eine Reflexion des Sonnenlichtes. Erst durch die Sonne erhält der Mond seine Helligkeit und wirft dieses Licht auf die Erde.

„Tilâwah“ ist nicht nur das „Lesen“ an sich, sondern auch das „Befolgen“ der koranischen Gebote. So erhellt der Koran den Menschen und gibt anschließend durch das Vorleben und Vorlesen dieses Licht weiter.

„Tartil“, die nächste Art der Lesung bedeutet so viel wie ‚die langsame Lesung‘. Wir finden das Wort in der Sure 25:32: „Und diejenigen, die ungläubig sind, würden sprechen: ‚Wäre nur der ganze Koran ihm auf einmal herabgesandt worden.‘ Wir taten dies, um dadurch dein Herz zu festigen. Und wir haben ihn dir nach und nach wohlgeordnet vorgetragen.‘“ Tartil bedeutet hier eine Zusammensetzung von Bestandteilen in einer bestimmten Ordnung. Muhammad Asad bemerkt dazu: „Der Koran selbst gibt den Grund dafür, dass er langsam und allmählich offenbart wurde. Wenn der Begriff ‚Tartil‘ auf die Rezitation des Koran angewendet wird, bezieht er sich auf einen langsamen und deutlichen Vortrag. Es bedeutet, dass man die Verse nicht nur mit der Zunge und dem Verstand liest wie beim ‚Tilawah‘, sondern durch das langsame Lesen auch mit dem Herzen.“

„Qira’ah“, die dritte Art der „Lesung“, umschreibt eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache. Es ist ‚das Forschen, Studieren, Erkunden‘ der Verse.

Wenn wir diese Unterteilung beachten, ergibt der Befehl „Iqra!“ ein deutliches Ausmaß, nicht nur „Lies!“ sondern „Erforsche, Lerne, Erkunde!“ „Qira’ah“ umschreibt also eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache.

Also, das erste Wort war „Iqra!“ und bedeutet demnach nicht nur „Lies“ sondern auch „Studiere, forsche!“ Für mich bedeutet es: Nicht das Gebet oder das Fasten, sondern das Hören und Studieren, Beobachten, Forschen, Denken steht an erster Stelle! Dazu passt, dass die Offenbarungen mündlich gesandt wurden, durch den Engel Gabriel zum Propheten, der die Offenbarung weitergegeben hat. Es gab keinen Text zum Lesen, zumindest nicht am Anfang. Man konnte den Text nur hören, anschließend darüber diskutieren, also sich damit beschäftigen, das heißt lernen, um das zu begreifen, was Gott mitgeteilt hatte: Demut, Glaube an Gott, unser Verhalten gegenüber dem Einzelnen und der Gemeinschaft, usw.

Aber was ist gemeint nun mit „Lies!“ Und was soll gelesen werden. Da steht: „Lies, im Namen deines Herrn.“ Es folgt nichts Genaues, Gott erläutert in den nachfolgenden Versen nicht, was genau gelesen werden soll. Aber dennoch gibt es im ganzen Koran Hinweise darauf, denn Gott betont immer wieder: Haben sie keinen Verstand, wollen sie nicht begreifen?

Das heißt also: Lies nicht nur im Koran, sonders lies und denke nach, was dir die Welt zu sagen hat. Steht nicht im Koran in Sure 51:20-21: „Und auf Erden sind Zeichen für Jene, die fest im Glauben sind und auch in ihnen selbst sind Zeichen. Seht ihr denn nicht?“

Diese ersten Verse sind an keinen besonderen Menschen gerichtet, denn Gott wusste, dass der Prophet nicht lesen kann und es steht auch kein Name da. Aber das, was gelesen werden soll oder gesagt werden soll ist so wichtig, weil es an alle Menschen, an die gesamte Menschheit gerichtet ist. Muhammad vertrat genau in diesem Moment die ganze Menschheit.

Man könnte auch sagen, es sei ein erster Dialog zwischen dem, der „Lies!“ sagt, also Gott durch Jibril, und an den Er sich wendet, dem Menschen, dem Er mitteilt, wie Er ihn erschaffen hat. Und wie läuft der Dialog ab? Indem Er für ihn speziell durch die Schreibfeder mittels Schreiben das Wissen festhält.

Sie sind Wegzeichen, die man lesen soll und auf die auf Gott mit all seiner Allmacht, Güte, Barmherzigkeit und Einzigartigkeit hinzeigen. Eigentlich könnte vor jedem Wort ein „Lies!“ stehen, als ein Aufruf zum Erkunden, zum Studieren. Der ganze Koran ist voll von solchen Aufrufen. Schon der 2. Vers der allerersten Sendung: „Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen“ berichtet von Seiner höchsten und besten Schöpfung, an die Er sich auch zuwendet, nämlich dem Menschen. Der 3. Vers betont noch einmal die Wichtigkeit des Lebens und berichtet vom Urheber des Erschaffer des Menschen: „Lies! Denn Dein Herr ist Allgütig.“ Vers 4: „Der mit der Schreibfeder lehrt,“ eine Schreibfeder als ein geschaffenes Ding, ein Instrument, das Wissen aufzeichnet.

Das Studium dieser Zeichen, dieser Aufrufe führen weiter zu „Iman,“ zur Überzeugung an die Einheit und Existenz Gottes. Zum Beispiel finden wir diese Bestätigung in Sure 41: 53: „Wir werden ihnen Unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen, damit ihnen deutlich gemacht wird, dass es die Wahrheit ist.“

Die Aufforderung von Gott an die Menschen, den Koran und eigentlich seine ganze Schöpfung zu lesen, zu beobachten, nachzuforschen, sollte für alle eine Aufforderung sein, in allen Bereichen der Wissenshaft oder Theologie zu forschen und durch ihre Ergebnisse den Wahrheitsgehalt des Korans zu bestätigen. So wird durch Lernen, Lesen und Begreifen von Gottes Schöpfung durch die Wissenschaft ebenfalls Dienst an Gott (Ibadah) gemacht wie auch durch das Studium des Korans.

Iqra befiehlt uns, die Zeichen zu lesen, die Gott in Seiner Schöpfung gesetzt hat, die Bedeutung Seiner Schöpfung zu begreifen, indem wir unsere Erfahrung und unseren Verstand einsetzen. Gleichzeitig versichert uns Iqra, wenn wir lesen wollen, dass wir auch tatsächlich in Gottes Schöpfung lesen können, dass die Schöpfung unserem Verstand zugänglich ist. Je besser wir lernen, in ihr zu lesen, desto besser werden wir verstehen, dass die erschaffene Welt ein einziges Universum ist, und die Erde mit all seiner Schönheit und Harmonie, dessen Stellvertreter wir sind, ein Teil davon ist. Aber nur die Menschheit kann lesen, was geschrieben steht. Deshalb sagt uns der Koran, wir sollen „lesen, studieren“ und nicht nur sehen. Wir müssen die Schöpfung kennen und nicht nur erfahren oder etwas als gegeben anzunehmen, ohne darüber nachzudenken.

Iqra ist somit ein allgemein gültiger Befehl, der für jeden von uns eine Tür zum Islam öffnet. Iqra verlangt von jedem von uns, dass wir als Menschen in unserem Denken, Gefühlen und in unseren Handlungen nach dem Guten streben sollen. Iqra erlegt dem Menschen eine Verantwortung und innere und äußere Versuchungen und Kämpfe auf, aber sie gibt auch die Chance, für sich Wissen und Würde zu erwerben.

Alles Erschaffene, ob belebt oder nicht belebt, ist wie ein Buch in einer Bibliothek des Universums, in dem wir forschen können über das Geschaffene und dem Erschaffendem, es kann aktiv ‚gelesen‘ werden.

Wie groß und wichtig doch so ein kleines Wort sein kann! Es gibt uns das Recht und die Pflicht als Einzige in der ganzen Gottesschöpfung nicht nur eine Daseinsberechtigung zu haben oder etwas anzuschauen, sondern sie auch genau zu betrachten und verstehen zu lernen.

Und ich denke, Gott wird es demjenigen, der das wirklich will, leicht machen.

Manaar