Wissen

Samara Doole

Wasser

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Ihm, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.
Das, worüber ich heute sprechen möchte, ist Nahrungsmittel, Lebensraum, Verkehrsweg, Energiequelle, Kraft und Baumeister zugleich. Ich spreche von

Wasser

 

Samara Doole
Samara Doole

Wasser ist all das und es ist kein Wunder, dass das Wasser nicht nur im Islam eine sehr hohe Stellung einnimmt, sondern eigentlich in fast allen Weltreligionen. Es steht für das Ursymbol des Lebens, ein Geschenk der Götter oder des Einen Gottes. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen, Dürre und Hochwasser, also ein zu wenig und zu viel.
Im hinduistischen Glauben ist Wasser unsterblich, denn es transportiert die Seelen der Toten zum Sitz des ewigen Lebens. Ein Bad im heiligen Wasser, dem Ganges, spült alle Sünden des Gläubigen hinweg. Aus dem Grund wird auch die Asche des Verstorbenen in den Fluss gestreut, in dem dessen Seele zum Ort der Erlösung gelangt.
Ebenfalls ist in der buddhistischen Lehre das Wasser Sinnbild für den Strom des Lebens, in dem die Seele der Erlösung entgegenfließt.
In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments war die ganze Erde von Wasser bedeckt, dann trennte Gott das Wasser und Land und schuf das Meer und die Erde. So zieht sich durch das gesamte alte und neue Testament das Bild des Wassers als Ursprung des Lebens. Im Judentum tauchte man sich vollständig im Wasser unter, um rituell gereinigt zu sein, während im Christentum ein kleiner Wasserguss reicht.
Da, wo die drei abrahamischen Religionen entstanden, in den Wüsten- und Trockenzonen Arabiens war man sich der ungeheuren Wichtigkeit des Wassers und seinen Konsequenzen sehr bewusst. Schon seit Urzeiten bedeutete dort Wasser Leben für die Viehzüchter wie für die Ackerbauern. Wasser war also schon immer ein Grund für Besorgtheit, denn Wasser verkörpert eine gesunde Tier- und Pflanzenwelt, also Nahrung.
Wasser hatte Einfluss auf das Miteinanderleben, auf Umgangsformen der Bewohner. Jeder Wüstenbewohner war angewiesen auf Gastlichkeit, denn jeder kann in die Lage versetzt werden, einmal das Wasser selbst seines ärgsten Feindes in Anspruch nehmen zu müssen. Da ist es nicht verwunderlich, dass schon im Islam beizeiten das Anrecht auf Wasser als ein Menschenrecht festgelegt wurde. Das können wir in einem Hadith im Sahih Muslim Nr. 157 nachlesen: ‚Abu Huraira, (Allahs Wohlgefallen auf ihn) berichtete, dass der Gesandte Allahs (Allahs Frieden und Segen auf ihm) sagte: ‚Drei werden von Allah am Tage der Auferstehung nicht angesprochen, nicht angeschaut und nicht geläutert. Und diese haben eine schwere Strafe zu erwarten: Ein Mann, der sich in der Wüste befindet und Überschuss an Wasser hat, sich aber weigert, einem Reisenden davon utrinken zu lassen.‘
Wasser spielte darum auch eine große Rolle in der arabischen Literatur und Poesie, ja sogar in der Architektur.
Neben dem Wasser zur menschlichen und tierischen Versorgung brauchte man es auch zur rituellen Reinigung. Darum verpflichtet der Islam, wie die anderen Religionen, die auf dem Boden der arabischen Wüste entstanden waren, die Menschen, alles Mögliche für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserreserven zu tun. Darum ist das Thema Wasser und seine Bewahrung und Nutzung von großer Wichtigkeit, mehr noch: der verantwortliche Umgang mit sauberem Wasser ist ein Schöpfungsauftrag, ein Auftrag von Gott, als Er den Menschen als Seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt hatte.
Für sie gab es Gewissheit, dass das Wasser göttlichen Ursprung war. Und so lesen wir auch an vielen Stellen im Koran über die herausragende Stellung des Wassers für die Erde mit ihren Pflanzen und Lebewesen und auch für die Vorstellung des Paradieses. Als ich in Granada die Alhambra besuchte, stellte ich mir dieses Bild, was ich da sah als ein Sinnbild des Paradieses auf Erden vor. Auch ihre Erbauer sahen das Wasser auf eine hohe Stufe, vergleichsweise wie das Wasser im Paradies.
Wasser ist das Abbild für das Reine im Allgemeine und im Speziellen, wie in der Religion: Waschungen mit reinem Wasser dient der inneren und äußeren Reinigung und gilt für jeden Gläubigen als Teil des Gebetes, eine der 5 Säulen des Islam.
Wasser ist für alle Lebewesen das wichtigste Element, ohne eine genügende Wasserversorgung würde zum Beispiel der Mensch innerhalb weniger Tage sterben.
Besser gesagt: vom Wasser hängt alles Leben ab. Und das sagt auch der Koran in Sure 21:30 aus: „Und Wir haben aus dem Wasser alles Lebendige gemacht.“ Dieser kurze Vers weist auf die Existenz Gottes hin, auf Seine Macht und Einzigartigkeit. Und damit fordert Gott uns zum Nachzudenken auf. Er liefert uns den Regen, also das Wasser, aber Er könnte uns es auch vorenthalten, nur Er hat die Macht darüber. Das beweist auch die Sure 27:60: „Nein – wer ist es, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und für euch lebengebendes Wasser vom Himmel herabsendet? Denn dadurch lassen Wir Gärten von leuchtender Schönheit wachsen- während es nicht in eurer Macht ist, (auch nur einen einzigen) ihrer Bäume wachsen zu lassen! Könnte es eine göttliche Macht neben Gott geben? Nein, sie (die so denken) sind Leute, die (vom Pfad der Vernunft) abweichen. Gott weist uns darauf hin, wer das Universum mit all seiner Ordnung, Schönheit und Herrlichkeit geschaffen hat, nicht irgendeiner neben Ihm, sondern nur Er allein.
Und mit dieser Realität, die niemand leugnen kann, hat Er das nötige Mittel, damit überhaupt Leben auf Seine geschaffene Erde existieren kann, das Wasser, uns und den Pflanzen und Tieren gegeben. Denn wenn Er sagt: ‚für euch‘ bedeutet das für alle Menschen. Wasser darf kein Eigentum sein, es ist für alle da und muss zugänglich für jeden gemacht werden. Gleichzeitig weist Er nochmals darauf hin, dass nur Er die Macht hat, Leben zu geben und wachsen zu lassen.

Wasser ist in seiner Reinheit eine Gnade von Gott und wir als Seine Stellvertreter sind aufgerufen, nein, besser noch verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, hängt doch von seiner Reinheit alles Leben ab. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus? Über Jahrhunderte wurde es immer mehr kontaminiert. Durch Abwässer, Müll und Abfall wurde es in den Städten seit dem Mittelalter verseucht, später kam der Abfall der Industrie hinzu, heute sind es giftige Chemikalien und Plastik, das dem Wasser arg zusetzt. Selbst das Regenwasser, das eigentlich das sauberste Wasser sein sollte, ist durch Luftverschmutzung verunreinigt. Und davon trinken die Menschen und Tiere.
Selbst die Feuchtigkeit der Ackerböden ist nicht mehr rein, so dass die Pflanzen das Unreine speichern und wir dann dieses Gift mit der Nahrung verzehren. Auf der ganzen Erde sind die Flüsse, Meere und Seen keine brauchbaren Nahrungsquellen mehr, für viele Millionen Menschen gibt es keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und das verschmutzte Wasser ist verantwortlich für die Verbreitung von gefährlichen Krankheiten.
Gott betont, dass Er diese Verderbnis nicht liebt, das heißt, nicht das Verderbnis als Ergebnis, sondern diese Menschen, die unachtsam und ohne Bedacht mit Gottes Gut umgehen. Er sagt in Sure al-Baqara, Vers 205: „Aber immer, wenn er (dieser Mensch) obsiegt, geht er auf der Erde umher und verbreitet Verderbnis und vernichtet Ackerland und Nachkommenschaft. Und Gott liebt nicht Verderbnis.“
Auf Wasser ist unser ganzes, tägliche Leben ausgerichtet, nicht nur zum Trinken, sondern als Grundlage für unsere Nahrung. Das stellt Gott in Sure:80 (Al-Abara. Er runzelte die Stirn), Verse 24-32: „So soll der Mensch (die Ursprünge) seiner Nahrung betrachten: (wie es kommt), dass Wir Wasser herabgießen ,es in Fülle herabgießend, und dann spalten Wir die Erde(mit neuem Wachstum) sie auseinanderspaltend, und daraufhin lassen Wir aus ihr Korn wachsen, und Rebstöcke und essbare Pflanzen und Olivenbäume und Dattelpflanzen, und Gärten mit dichtem Blattwerk, und Früchte und Kräuter für euch und euer Vieh zum Nutzen.“
Aber nicht nur für äußere Sauberkeit, sondern es dient zu inneren Sauberkeit des Herzens. Abu Huraira (r) berichtet von einem Ausspruch des Propheten (überliefert von Buchari): „Das Gebet desjenigen, der die Gebetswaschung nötig hat, wird solange nicht angenommen, bis er die Gebetswaschung vollzogen hat.“
Ich könnte noch viele Verse vortragen, dafür würde aber eine Khutba nicht reichen. Aber noch ein Hadith halte ich für sehr wichtig.
Mit Beginn der Khutba hatte ich betont, dass Wasser für das Ursymbol des Lebens steht. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen.
Stellt euch eine Quelle hoch oben im Gebirge vor, mehrere Quellen schließen sich zusammen, immer mehr Wasser strömt zusammen bis es ein breiter Fluss wird, der dann ins Meer fließt. So verhält sich auch das Wissen. Unsere angeborene Neugierde nimmt immer mehr Wissen auf wie ein breiter Fluss, das heißt, wenn wir es zulassen und nicht irgendwann faul auf Wissen reagieren und nur zuhören, was ein Prediger sagt, ohne nachzudenken. So gibt es ein Hadith im Sahih Muslim, welches Wasser mit Wissen vergleicht:
„Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf einem Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere dort weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrt es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“
Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter. Ansonsten taugt das Wissen nicht, wenn ich es nur für mich behalte.
Ich möchte das Wissen mit einem Krug Wasser vergleichen, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem mehr, wie das versickernde Wasser.
Und noch etwas möchte ich feststellen: Der Koran selbst ist wie das Wasser. Man liest darin und taucht gleichzeitig tief in ihm hinein. Der Koran in das Wort von Gott, ein Ozean an Mittelungen, Mahnungen, Parabeln, Wissen. So stelle ich mir Gott selbst als einen unendlichen Ozean vor. Wenn wir in ihm eintauchen, umfängt das Wasser uns liebevoll und reinigt unsere Seele.
So kann man sagen, Gott sendet das Wasser vom Himmel, Er sendet es herab, wie Er den Koran herabgesandt hat, um uns zu reinigen und zu verbessern.

Samuel Scrimshaw Beitragsbild

Die Seele aus islamischer Sicht

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.

Die Seele aus islamischer Sicht

 

Samuel Scrimshaw BeitragsbildHeute möchte ich über unsere Seele sprechen. Ich fand das Thema interessant, aber tat mich dennoch schwer, denn ich habe erkannt, dass unsere Persönlichkeit weit mehr ist als unser materieller Körper. Aber das ‚weit mehr‘ ist schwer zu erfassen.
In Suratu-l-`Isra, 17:85 steht: „Und sie befragen dich über die Seele. Sprich: ‚Die Seele ist eine Angelegenheit meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.‘“ Muhammad Asad übersetzt den Vers so: „Und sie werden dich nach der Natur der göttlichen Eingebung fragen. Sag: diese Eingebung kommt auf Geheiß meines Erhalters; und ihr könnt ihre Natur nicht verstehen, da euch sehr wenig wahres Wissen gewährt worden ist.“ Asad meint dazu: Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass sich dieses auf die Offenbarung des Koran bezieht, wenn man den vorherigen und folgenden Vers mit einbezieht, andere verstehen darunter die Seele des Menschen. Für noch andere steht der Begriff ‚ruh‘ für Seele oder Geist und sehen darin den Engel, der die Offenbarung bringt.
Ich denke, es geht vor allem um einen harmonischen Zustand der Seele, auch wenn wir nicht viel darüber wissen. Aus theologischer Sicht ist das Wesen der Seele geheimnisvoll und normaler menschlicher Erkenntnis weitgehend nicht begreifbar. Wir können sie nicht wirklich beschreiben oder sehen, so wie wir Gott nicht definieren können und nur das von Ihm wissen, was Er im Koran über sich erzählt. Aber eins steht fest, jeder von uns trägt eine Winzigkeit vom Hauch Gottes in sich, die Seele. Aber dazu komme ich noch.
Suratu-z-Zumar, 39:41 besagt: „Allah nimmt die Seelen (al-anfus, Plural von an-Nafs) hinweg, wenn die Menschen sterben, und die derer, die noch nicht sterben, während sie schlafen. Dann hält Er die zurück, für die Er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen für eine bestimmt Frist zurück. Hierin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken“. Das bedeutet, im Tod geben wir unser physisches Leben auf, aber unsere Seele stirbt nicht, sie kehrt in eine andere Existenzebene, zu Gott zurück, also jenseits unseres physischen Daseins, während sie nach dem Schlaf in unser Dasein zurückkehrt. Kurz gesagt: Gott hält unser Leben und den Tod in Seiner Hand. Wir merken spätestens hier, dass das Wort Seele im Normalgebrauch mehrere Bedeutungen hat.
Wie oft sagt man, wenn man über etwas nachdenkt und man zu keinem richtigen Ergebnis kommt: „Schlaf darüber!“ Oder: „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Unsere Seele geht dann zurück zu Gott. Vielleicht gibt uns Gott dann Hinweise? Manchmal wachen wir mit einem Alptraum auf, vielleicht sind diese Alpträume ja schon eine Bestrafung von Gott, und manchmal sind wir frisch und munter, mit einem guten Gefühl, die richtige Entscheidung treffen zu können. Wer weiß, wurden wir vielleicht belohnt? Hält Gott bei unserem Schlaf schon ein Gericht über unsere Seele? Bestraft oder belohnt Er uns, lässt Er uns unser Gewissen überprüfen?
Ich denke, Gott hält hier schon Gericht, nicht erst, wenn es uns nicht mehr gibt. Denn während unseres Schlafs hat Gott die Gelegenheit, zu richten, unserer Seele Lob oder Tadel nach dem Erwachen mit auf den Weg zu geben. Ansonsten lohnt sich doch nicht ein Belohnen im Paradies oder Bestrafen in der Hölle. Nach dem Tod ist es zu spät, um uns zu verbessern.
Ich habe meine Denkweise in meiner Khutba „Das Diesseits und das Jenseits“ schon einmal dargelegt. Und die Brücke am Tag des Jüngsten Gerichts? Für mich könnte für die Seele die Überquerung der Brücke den Übergang vom Wachsein in den Schlaf bedeuten. Wir wachen auf, nachdem sich unsere Seele einer Rechenschaft vor Gott für diese kurze Zeit stellen musste. Und das täglich, damit sich unsere Seele zum Guten wandeln kann. Nur so greift Gottes Barmherzigkeit zur Stärkung unserer Seele, was nicht ausschließt den Gang über die Brücke nach unserem endgültigen Tod.
Ghazali, gest.1111 in Tus, Iran, hielt die Seele für eine unkörperliche, rein spirituelle Substanz, die aber über Wissen und Wahrnehmung verfügt.
Der Mystiker Rumi war überzeugt, dass der Mensch zwei Dimensionen habe: Die eine ist die physische Ebene, die zur Natur gehört und die zweite ist die verborgene Welt als Teil der absoluten Wahrheit. Beide Ebenen passen sich einander an und ergänzen sich.
Aber was ist nun die Seele? Wo befindet sie sich, was passiert mit ihr?
Das Wort rūḥ, das ursprünglich „Atem“ oder „Wind“ bedeutet, wird religiös zum Hauch, Geist, den Gott Adam einbläst und ihm damit Leben einhaucht.
Der Mensch besteht aus Körper, Geist oder Seele, alles gehört zusammen und macht als Ganzes den Menschen aus.
Eigentlich hat im normalen Sprachgebrauch das Wort „Seele“ zwei Bedeutungen:
– Zum ersten gehört die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Erinnern, Phantasieren, Überlegen, Denken eines Menschen ausmacht; also die „menschliche Seele,” unser Ego, das Ich. Sie ist sterblich.
– Andererseits ist sie ebenso ein körperloser Teil des Menschen, der nach religiösem Glauben unsterblich ist, nach dem Tode weiterlebt. Sie ist „die unsterbliche Seele”. Beide aber sind immateriell.
Eine kurze Zusammenfassung: Es gibt also zwei grundlegende Bereiche des Menschen, einen materiell-physikalischen und einen immateriell-metaphysischen Bereich. Nach islamischer Auffassung gibt es aber im immateriellen Bereich neben der Seele oder Geist noch das Ego des Menschen, dem ‚Ich‘, arabisch an-nafs. Es ist zwar immateriell, aber in besonderer Weise an den Körper gebunden, also an die Materie. Das heißt: Der Mensch besteht aus
– dem Körper, arabisch: al-dschassad,
– dem Ego, das „Ich“, arabisch: an-nafs,
– dem Geist oder Seele arabisch: ar-ruh.
Den Körper kann man also als das ‚Haus von Ego und Seele‘ bezeichnen. Wenn der Körper stirbt, stirbt auch mit ihm sein Ego, (an-nafs), sein Ich. Die Aufgabe eines Muslims soll darin bestehen, im Diesseits im Rahmen des dschihadu-n-nafs, der Anstrengung im Bereich des Egos, seinen Nafs zu erziehen und in ein an Gott gerichtetes Seelenleben zu bringen. Deshalb meine ich, dass schon im Schlaf Gott über uns das Gericht hält, damit wir unseren Nafs erziehen können, daraus ergibt sich für mich: Das Paradies und die Hölle befinden sich im Diesseits.
Im Koran werden drei Stufen des sterblichen nafs erwähnt, manche Gelehrte zählen 7 Stufen: die niedrigste ist an-nafs al- ammara, die über das Böse herrscht, an zweiter Stelle kommt an-nafs al-lawwama, welches sich selbst reumütig tadelt. Man könnte sagen: Es ist unser Gewissen, dass unser Handeln kontrolliert. Und an höchster Stelle steht an-nafs al-mutma`inna, welches seine Ruhe gefunden hat. Dazu steht im Koran in Sure 39:70: „Und jeder Seele (nafs) wird voll zurückerstattet, was sie im Erdenleben getan hat.“ Das heißt, selbst wenn das Nafs stirbt, unsere Taten werden am Gerichtstag gewertet.
Im heutigen Konsum- Zeitalter ist der Körper mit dessen Bedürfnissen, Verlangen und Begierden, die sein Ego zufrieden stellen und ihn zu seiner Selbstentfaltung und Selbstbewusstsein fördern sollen, in den Vordergrund gerückt. Unser Ego schließt ein An-sich-selber-denken, an sein berufliches Vorwärtskommen, am Geldkonsum ein, kümmert sich weniger um die übrige Gesellschaft. Wir sind zu einer Ich-Gesellschaft, weniger zu einer Wir-Gesellschaft geworden. Geist und Seele spielen dabei weniger eine Rolle.

Der Geist, ar-ruh, ist der einzige Bereich, der ewig ist und der beim Tod des Menschen auch sein Ego überdauert. Er gehört zum immateriellen Bereich und damit wichtigster Teil des Menschen aus religiöser Sicht.
Meine Frage an euch: Wenn wir unseren Körper betrachten, wo werden wir die Seele, unseren Geist ansiedeln? Natürlich im Herzen!
Das Zentrum unseres Geistes, unserer Seele ist im Islam das Herz (arab. al-qalb) mit den immateriellen Betrachtungsweisen unserer Gefühlswelt, Emotionen, Empfinden, Gemüt und dazu gehört auch unser Gewissen, Bewusstsein wie zum Beispiel unser Verantwortungsbewusstsein, Moral, unsere innere Stimme.
Unser Herz hat also zwei Seiten oder Bestimmungen: das materielle Herz als unser zentrales Organ des Körpers; ohne diese Pumpe geht gar nichts. Das immaterielle Herz ist das Zentrum unseres Geistes bzw. unserer Seele und damit das wichtigste Element unseres Seins, unserer Wirklichkeit.
In Sura al-A’raf, Nr.7:179 können wir in der Übersetzung von Asad lesen: „Wir haben wahrlich viele der unsichtbaren Wesen und Menschen für die Hölle bestimmt, die Herzen haben, mit denen sie nicht die Wahrheit zu erfassen vermögen, und Augen, mit denen sie nicht zu sehen vermögen, und Ohren, mit denen sie nicht zu hören vermögen. Sie sind wie Vieh – nein, sie sind sich noch weniger des rechten Weges bewusst: Es sind sie, die die wahrhaft Achtlosen sind.“ Er meint damit: Tiere leben nach ihrem Instinkt, aber diese Menschen sind sich der Möglichkeit oder einer Notwendigkeit einer moralischen Wahl nicht bewusst oder wollen es nicht verstehen.
Oder in Sura al- Hadsch, Nr. 22:46: „Sind sie denn niemals auf der Erde herumgereist, um ihr Herz Weisheit erlangen und ihre Ohren hören zu lassen? Doch, wahrlich, es sind nicht ihre Augen, die blind geworden sind – sondern blind geworden sind ihre Herzen, die in ihren Brüsten sind.“ Diese Aussage ist wirklich eindeutig, zum Herz gesellt sich der Verstand, die Vernunft, al-`aql
Herz und Verstand stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Und zum Verstand gehört das Gewissen (arab: al-widschdan) dazu.
Die islamischen Gelehrten ordnen dem Gewissen drei Kategorien zu: das Gedächtnis (arab. adh-dhihn), das Gefühl (arab: al-hiss) und der Wille (arab: al-irada). Aber wie schon gesagt, alle drei stehen in einem besonderen Zusammenspiel mit dem Intellekt (ar: al-`aql), der Vernunft und dem Herzen als das Zentrum des Geistes.
Zum besseren Verständnis: Das Zentrum des Geistes ist das immaterielle Herz (al-qalb). Es beinhaltet den Geist oder Seele (ar-ruh), den Intellekt, die Vernunft (al-`aql) und als dritter Partner das Gewissen (al-widschdan) mit dem Gedächtnis, den Gefühlen und dem Willen.
Besonders das Zusammenspiel von al-`Aql und al-widschdan, Vernunft und Gewissen, spielt im islamischen Kontext eine große Rolle. Das Gedächtnis als eine Kategorie des Gewissens bedeutet Wissenserwerb, besonders das Wissen um Gott. Die Gefühle, eine weitere Kategorie, stehen für die Liebe zu Gott, also das Gottesgedenken und der Wille, als letzte Kategorie, bedeutet Dienst an Gott, also Gottesdienst. Alle zusammen führen zu einem guten Iman, dem Glauben und Taqwa, dem Gottesbewusstsein.
Die Seele oder der Geist soll sich nach den konservativen Predigern ganz auf das Jenseits richten, auf Gott. Aber was ist mit dem Diesseits? Sollen wir den Frohsinn, der Freude wie auch der Traurigkeit, Glück und Kummer, Entspannung und Anspannung, alles das, was das Leben auf der Erde eigentlich ausmacht, in die zweiten Reihe stellen? Nehmen wir aus der 38. Sure as-Sad die beiden Verse 71 und 72: „Denn siehe, dein Erhalter sagte zu den Engeln: ‚Siehe, Ich bin dabei, einen Menschen aus Ton zu erschaffen; und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von Meinem Geiste eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.‘“ Gott ehrte ihn damit vor den Engeln trotz ihrer Einwendungen. Er beschenkte Adam und damit der ganzen Menschheit mit dem Einhauchen Seines Geistes. Natürlich gebührt die Anbetung nur Gott allein, aber diese Niederwerfung der Engel vor Adam war ein Zeichen der Ehre und des Respekts.
Gott hat uns durch Adam von Seinem Geist eingehaucht, damit wir uns im Diesseits an Ihn erinnern und uns Seiner immer bewusst sind, also Gottesbewusstsein. Aber zugleich gab Er den Menschen die Freiheit, selbstständig zu denken und zu handeln, im Guten wie im Schlechten, die Freiheit, Seiner zu erinnern oder auch nicht.
Ich meine, damit stehen wir höher als die Engel, die nur das tun, wofür sie geschaffen wurden.
Aber noch etwas Wichtiges hat Gott uns mit dem Einhauchen der Seele mitgegeben, die Neugier, die den Menschen vorwärtstreibt und ihn erst zum Menschen werden ließ.


رَبَّنَا لَا تُزِغْ قُلُوبَنَا بَعْدَ إِذْ هَدَيْتَنَا وَهَبْ
لَنَا مِن لَّدُنكَ رَحْمَةً ۚ إِنَّكَ أَنتَ الْوَهَّابُ

 

Unser Herr, lass unsere Herzen sich nicht von Dir abkehren, nachdem Du uns rechtgeleitet hast. Und schenke uns Barmherzigkeit von Dir, denn Du bist ja wahrlich der unablässig Gebende. (al-`Imran:8)

Sura Al Ikhlas

Sura Al Ikhlas

 

OpenClipart-Vectors
Sag Er ist Allah der Einzige. Allah, von dem alle Schöpfung kommt und zu dem sich alle Schöpfung hinwendet. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Die Sure AlIkhlas ist sehr kurz und erscheint damit ganz am Ende des Korans. In der Zählung ist sie die 112. von 114 Suren insgesamt. Mit Sicherheit ist sie allein schon deshalb die am häufigsten im Gebet zitierte Sure nach Al Fatiha. Sie hat eine eher trockene Art, ihr Inhalt ist matter of fact – eine reine Beschreibung dessen, was Gott ist. Ihr Wert scheint wenig spirituell und sie leitet uns nicht gerade offensichtlich auf einen humaneren, ethisch höheren Pfad, auf den wir uns als Muslime zu begeben versuchen. Darüber hinaus scheint sie darauf zu pochen mal wieder den Propheten Issa nicht als Gottes Sohn zu klassifizieren, sondern als Menschen, um sich damit vom Christentum abzugrenzen. Gott zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Der Überlieferung nach wurde sie dem Propheten Mohamed offenbart, als dieser von Andersgläubigen gebeten wurde, seinen Gott zu beschreiben. „Wie ist er denn, dein Gott?“, wollten sie wissen. Mohamed hätte viel sagen können – barmherzig, ewig vergebend, schöpfend, vom Menschen das Gute erwartend; er sieht alle Menschen als gleich an und gibt selbst den unterdrückten Sklaven und Frauen Freiheit und Recht, er ist nicht männlich und nicht weiblich, ein Gott der Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade. Was hätte der Prophet sagen sollen? Oder waren die Fragenden darauf aus, die Abstammungslinie zu erfahren? Nun, es gab keine.

Zitternd fiel der Prophet zu Boden und erhielt diese Offenbarung Allahs. Sag Allah ist der Einzige. …

Einige Zeit später sagte der Prophet eines Tages zu seinen Begleitern: „Kommt heute in die Moschee, ich werde für euch ein Drittel des Korans rezitieren“. Er begann mit Sure Al Ikhlas. Als er sie beendet hatte, wandte Mohamed der Moschee den Rücken zu und machte sich auf den Heimweg. Die verwirrten Sahaba fragten sich, ob ihr Prophet wohl vergesslich geworden war, oder ob sie sich verhört hatten. Hatte er nicht ein Drittel des Korans versprochen? Also gingen sie zu ihm und baten ihn um Aufklärung, worauf er antwortet: „Al Ikhlas ist ein Drittel des Korans“. Nach einer anderen Überlieferung bezieht sich dieses Drittel auf eine Art Belohnung – jedenfalls scheint Al Ikhlas eine ausgesprochen wichtige Sure zu sein.

Wenn man Allah liebt, ist sie schön. Allah ist einzigartig, und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Kind. Es ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Partner. Er ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. Der Einzigartige, an den ich mich wende, wenn ich etwas brauche – alsamad, der mich genau kennt, da er mich geschaffen hat – und den ich liebe, weil er einzigartig ist; und der für mich einzigartig ist, weil ich ihn liebe.

Ihn? Schon das erste Wort nach „Sprich“ ist das männliche Personalpronomen huwa / er. Es evoziert in uns das Bild eines Wesens, das mit huwa beschrieben werden kann, und dies ist männlich. In Verbindung mit dem anderen Wesen, was als huwa beschrieben wird, dem Mann nämlich, entsteht in uns die Vorstellung einer männlichen Göttlichkeit. Wir sprechen von der Herrschaft Allahs. Schon das Wort Herrschaft verweist auf die Problematik. Herrschaft beinhaltet nicht nur „Herr“, sondern geht auch einher mit einer Hierarchie, und so ersinnen wir uns eine solche, die von islamischen Gelehrten jahrhundertelang unhinterfragt akzeptiert und tradiert wurde. In dieser Hierarchie ist Gott an oberster Stelle, darunter steht der Mann, und unter ihm befindet sich die Frau. Dabei wissen alle Gelehrten, dass Gott alle Menschen gleich geschaffen hat und dies gerade das Besondere am Islam ist; und dass wir außerdem keinen Mittler brauchen, um mit Gott zu kommunizieren – keine Engel, keine Propheten und schon gar nicht unsere Männer, so lieb und teuer sie uns auch sind. Die Beziehung Frau-Mann-Gott ist viel angemessener dargestellt als Dreieck, mit Mann und Frau auf einer Ebene und Gott als obere Spitze. So kann jeder mit jedem direkt kommunizieren und es gibt keinen Zwischenschritt zwischen der Frau und Gott.

Wörter evozieren Bilder in unserer Vorstellung, das ist reichlich erforscht; sie wirken sogar direkt auf unser Gehirn und verändern es. Das ständige Lesen und Hören von Gott als „Er“ bewirkt letztlich, dass wir ihn uns eher als Mann als als Frau vorstellen und „ihm“damit ein natürliches Geschlecht zuweisen, womit in unserer Vorstellung die stereotypischen männlichen Charaktereigenschaften einhergehen. Ein strafender Gott, der uns dann annimmt, wenn wir bereuen, der zwar barmherzig, aber vor allem streng ist, kommt uns daher vollkommen normal vor, denn so werden Männer in Hollywood, in der Werbung, und in unseren Geschichten beschrieben. Nur mit Mühe befreien wir uns von diesen Vorstellungen – vor allem durch Kopfarbeit. Wörter wirken aber schneller als der Verstand sie verarbeitet. Sie wirken direkter und beeinflussen uns subtil aber zuverlässig.

Neben den stereotypen männlichen Attributen gibt es stereotyp weibliche. Es fällt uns schwerer, sie auf Gott anzuwenden, obwohl dies genau so selbstverständlich sein sollte.

Heute möchte ich Sure Al Ikhlas daher einmal anders lesen, nämlich als weibliche Sure. Um dann zu erkennen, dass Allah weder männlich noch weiblich ist, sondern alle Elemente in sich vereint. Lesen wir also Al Ikhlas weiblich und elaborieren dabei ein bisschen die wenigen Worte, und machen sie zu einem Fließtext. Wir sind nicht aufgefordert, uns ein Bild von Gott zu machen. Doch Worte ändern Gefühle. Wer mag, kann die Augen schließen und einmal hören, wie sich unsere Gedanken anhören, wenn wir statt der stereotyp männlichen eine stereotyp weibliche Gottesvorstellung in uns aufrufen. Warum stereotyp? Weil es zur Aufrichtigkeit gehört, zuzugeben, dass wir automatisch und unbewusst, genau solche Eigenschaften mit Mann oder Frau verbinden. Aktivieren wir im zweiten Schritt unser Gehirn, wachsen wir natürlich, oder hoffentlich, über diese ersten stereotypen Annahmen hinaus.
Die folgende Übung ist keine Veränderung des Koran. Sie dient stattdessen dazu, uns darin zu trainieren, Allah in seinem-ihrem vollständigen Wesen zu kennen und zu lieben. Das weibliche braucht einfach ein bisschen mehr Übung.

Sure Al Ikhlas weiblich gelesen

Sprich: Sag sie ist die einzige. Das heißt sie ist die einzige und einheitliche Göttin. Es gibt keine andere Göttin und sie besteht nicht aus mehreren Anteilen, sondern ist ein einheitliches Wesen. Sie ist Alsamad, das heißt diejenige, von der alles abstammt und zu der wir uns zurückwenden, wenn wir etwas brauchen, die ewig Zuhörende, die jedes Wort vernimmt und es genau anhört. Sie ist die Göttin, die dir bis zum Ende zuhört und sich dabei mit lächelnder Wärme zu dir wendet, dich ermutigend, weiter zu reden, und alles zu sagen, was dir auf der Seele liegt. Sie hört deine Wörter und weiß zugleich, was in deinem Herzen ist, kennt jede Freude, jede Trauer, jeden Wunsch, jedes Spiel.
Versuchst du, ehrlich zu sein, so freut sie sich über deine Aufrichtigkeit. Gelingt es dir nicht, so gibt sie dir zaghafte Hinweise darauf, dass du noch etwas genauer denken und auf deine Gefühle achten solltest, um aufrichtig zu sein. Sie ist die, die dich im Gebet verneigen sieht, und du bist für sie wie eine Blume, die sich streckt und neigt, streckt und neigt. Sie liebt dich, diese Gottheit und liebt deine Weiblichkeit, auch, und gerade, wenn du ein Mann bist; liebt deine Freude, deine Liebe, deine Gnade, die Wärme, die du weitergibst. Wenn du beim Sujud dein Gesicht auf die Erde legst, legt sie ihre Wärme und Freundlichkeit über dich wie einen schützenden Mantel. Du kannst dir von ihr wünschen, dass sie diesen Mantel aus Wärme, Freundlichkeit und Zuversicht auch über andere legt. Nicht wünschen kannst du dir ihren Zorn. Verneige dich lange, damit sie dir auch ihre wundervollen, weisen und liebevollen Gedanken, Bilder und Gefühle schicken kann. Beeile dich nicht im Gebet, die Gottheit ist langsam in der Vergabe ihrer Huld. Gib dir Zeit zur genauen und intensiven Wahrnehmung.

Sie zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Diese ist die einzige Gottheit; die nicht geschaffen wurde. Sie war von Anfang an da, sie war der Anfang und zugleich gibt es keinen Anfang, denn Anfang ist etwas, vor dem nichts da war, doch das Nichts gibt es nicht. Sie war also da und hat alles geschaffen und begleitet. In diesem Allen der Schöpferin bist du jetzt in diesem Moment das Wichtigste, und zugleich ist jeder Andere das Wichtigste. Sie ist allein für dich da und zugleich allein für jeden Anderen. Sie ist Alrahman Alrahim. Rahme bedeutet Gebärmutter, doch ist dies figurativ. Sie ist keiner Gebärmutter entsprungen, und sie hat keine Gebärmutter, aus der etwas entspringen würde. Sie ist nicht die heilige Jungfrau Maria geworden, sondern sie hat in ihr etwas geschaffen. Sie ist nicht Amina bint Wahb, die den Propheten Mohamed geboren hat, sondern hat ihn in ihr geschaffen. Sie ist einzigartig, barmherzig, gnädig und liebend.

Sure Al Ikhlas ist immanent verbunden mit dem Gebet, in dem sie so häufig rezitiert wird. Doch ihr Titel passt nicht wirklich zu ihrem Inhalt. Al Ikhlas bedeutet „die Aufrichtigkeit“. Dies ist ein gedankliches Konzept, das der Ehrlichkeit nahekommt. Doch in der zitierten Sure scheint es eher um Integrität zu gehen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität, bilden ein enges Begriffsgeflecht. Im Englischen könnte man unterscheiden zwischen „honesty“ und „sincerity“. Während sich „honesty“ eher auf die Handlungsebene bezieht, geht es bei „sincerity“ darüber hinaus um eine innere Haltung, die auch eine Wertschätzung beinhaltet. Ein Arabisch-Englisches Wörterbuch beschreibt das Wort Ikhlas als „sincerity, purity or isolation“.

Zurück zum Deutschen: Um aufrichtig zu sein, müssen wir ehrlich sein. Ehrlichkeit bezieht sich auf konkrete Verhaltensweisen – Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sei ehrlich! Hast du den Hund gefüttert? Sag mal ehrlich. Die Aufrichtigkeit hingegen geht darüber hinaus und verlangt von uns eine vollkommene Offenheit. Aufrichtig sein heißt, sich aufzurichten, und vor allen Menschen, inklusive sich selbst, für das einzustehen, was man für wahr, richtig und gut hält; für unsere Werte klar einzustehen und sie aufrecht zu benennen. Aufrichtigkeit beinhaltet, uns nicht selbst zu belügen, sondern die Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Der aufrichtige Mensch ist integer, d.h. er hält sich auch dann an die von ihm proklamierten Werte, wenn keiner hinschaut oder zuhört. Der aufrechte Mensch kann von sich sagen, dass er/sie eins ist mit der Schöpfung, mit Gott und mit sich selbst. Jeder Mensch ist erschaffen, doch zugleich in seiner Art vollkommen einzigartig. Die Aufrichtigkeit ist eins der größten Ziele unserer Charakterbildung. Vor allem uns selbst gegenüber. Nur durch diese, erkennen und verstehen wir unsere eigenen Beweggründe und können für unsere Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Fragen wie: „Warum helfe ich dieser Person? Weil ich es gerne tue, oder weil ich einen Dank dafür erwarte?“ gehören zur Übung der Aufrichtigkeit, denn „Ikhlas“ kommt von „akh-la-sa“, und bedeutet, eine Handlung auszuführen mit der ausschließlichen Absicht, Gott zu erfreuen, ohne die Erwartung eines Dankes also oder einer Gegenleistung ( ohne „niya“). Durch aufrichtige Antworten an uns selbst kommen wir hinter unsere wahren Beweggründe und lernen der/die zu sein, der/die wir wirklich sind. Wir werden integre Personen, deren Werte nach innen reflektieren und nach außen strahlen. So leitet uns Sure Al Ikhlas eben doch auf einen humaneren und ethisch höheren Pfad. Sie ist in der Tat ein Drittel des Korans – Im Bund mit Allah und Mohamed sind wir der dritte Teil, ohne den es keinen Koran gäbe, denn nur wir sind der Teil der Schöpfung, der ihn braucht. Und nur durch unsere Aufrichtigkeit sind wir wir selbst, einzigartig.

Wir versammeln uns nun zum Freitagsgebet um uns zu verneigen und unsere Ehrerbietung zu erweisen. Dabei empfangen wir Kraft und Trost, Freude und Zuversicht, und inschallah auch Antworten auf die tiefsten und aufrichtigsten Fragen unserer Herzen.

1966666

In Afghanistan: Appeasement-Politik auf Kosten von Frauen(-rechten)?

In Afghanistan: Appeasement-Politik auf Kosten von Frauen(-rechten)?

 

Autor: Massud Reza

1966666Diese Woche möchte ich den Blick auf die Friedensgespräche in Afghanistan richten und auf die Problematik, die sich daraus ergibt. Es finden politische Verhandlungen zwischen Delegationen der Taliban sowie den USA im katarischen Doha statt. Eine weitere Delegation von Taliban-Männern nahm bereits Gespräche mit Vertretern des afghanischen Ex-Präsidenten Hamid Karzai auf. Diese finden in Russland statt. Die Taliban möchte nicht mit der afghanischen Regierung direkt reden, da sie diese als Marionette der USA betrachten. Daher sagen sie, dass sie mit dem Marionettenspieler direkt verhandeln wollen, statt mit der Marionette.

Gespräche und Verhandlungen zu führen sind grundsätzlich gut! Gerade für eine Gesellschaft, für die seit mehreren Jahrzehnten der Alltag aus Hunger, Elend, Flucht, Krieg, Selbstmordattentate und viele weitere grausame Dinge besteht. Die Flucht aus dem Land verwundert angesichts dieser schrecklichen Vorkommnisse nicht. Deshalb können die Gespräche doch dazu beitragen, ein Ende des Leids in Afghanistan herbeizuführen. Ist daher in naher Zukunft ein Frieden in Afghanistan absehbar? Wird der Krieg am Hindukusch endlich ein Ende finden? Wie hoch wird der Preis für den Frieden letztlich sein? Vor allem letztere Frage brennt mir unter den Nägeln, da in politischen Verhandlungen natürlich Forderungen von allen politischen Beteiligten gestellt werden. Eine scheußliche Forderung, die ein wirkliches Unding und auch ein Rollback für die afghanische Gesellschaft in toto bedeuten würde, wäre die Eliminierung der Frauenrechten.

Florierende Entwicklungen sind immerhin festzustellen, dass seit dem Sturz der Taliban immer mehr Mädchen an Bildung teilnehmen und somit Schulen sowie Universitäten besuchen können. Nicht wenige Frauen wollen nach ihrer akademischen Ausbildung als Rechtsanwältin tätig werden und zwar nicht nur, weil sie Spaß daran haben, Auseinandersetzungen auf der Rechtsebene auszutragen, sondern weil sie wissen, dass rechtsstaatliche Mechanismen gerade für sie als Frauen von essentieller Bedeutung sind. Ein Land, in dem Frauenrechte massiv mit Füßen niedergestampft werden, Frauen vor Gerichten oftmals kein Glauben geschenkt wird sowie viele weitere Punkte, macht das Ganze aus einer menschenrechtlichen Perspektive plausibel, wenn jene Frauen sich ins afghanische Rechtsgeschehen einmischen und mit Hilfe von NGO’s und möglichem internationalem Druck, zu ihren Rechten gelangen. Zudem zeigen sich auch im Alltagsleben Freiheiten, die man nicht über Bord werfen möchte. Ein Beispiel hierzu wäre die afghanische Fußballspielerin, Madina Azizi, die eine große Leidenschaft für Fußball hegt. Nicht nur für sie, auch für viele weitere Mädchen ist Fußball ein besonderer, freudiger Sport. Die 23-Jährige bietet Trainingsstunden für junge afghanische Mädchen an, die gerne Fußball spielen möchten. Das Ganze kann man unter dem Aspekt zusammenfassen, dass es sich hierbei um ein Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen handelt, da Fußball traditionell als eine männlich-dominierte Sportart wahrgenommen wird. 

Während vor 100 Jahren das aktive sowie passive Frauenwahlrecht in Deutschland erkämpft wurde, partizipieren seit dem Sturz der Taliban auch wieder afghanische Frauen am politischen Tagesgeschäft, indem sie wieder wählen gehen und gewählt werden, um ihre Interessen in der Politik zur Geltung zu bringen. Denn Tatsache ist eben auch, dass auf der Verfassungsebene die Gleichheit von Männern und Frauen festgeschrieben steht. In der Politikwissenschaft würde man hier aber nach der Verfassungsnorm und der Verfassungswirklichkeit fragen, also wie viel ist von dem, was in der Verfassung verankert ist, auch in der afghanischen Gesellschaft ein fester Bestandteil der sozialen Realität? Ins Auge fallen eklatante Menschenrechtsverletzungen, nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen andere gesellschaftliche Gruppierungen.

Allen Problemen und Rückschlägen zum Trotz: Eine Aufhebung der eben skizzierten Frauenrechten würde sowohl weitere repressive als auch regressive Ausmaßen für die afghanische Gesellschaft bedeuten. Und genau das möchte letztlich die Taliban erreichen, die Frauenrechten unter dem Vorbehalt der Scharia setzen. Alles andere sei kultur – bzw. gottlos. Frauenrechten nur nach dem Islamverständnis der Taliban zu gewähren, ist katastrophal und selbstverständlich nicht hinnehmbar für die überwältigende Mehrheit der afghanischen Frauen. Abermalig werden sie am Ende das erleiden, was sie bereits unter der Herrschaft der Taliban erleben mussten: Beschränkungen sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, keine Schulbildung, keine politischen Beteiligungen, rigorose Kleidervorschriften, Malträtierungen in den unterschiedlichsten Varianten.

Die afghanische Ratsversammlung, Loja Dschirga, ist allen Ernstes den Taliban, aus meiner Sicht, geradezu demütig entgegengekommen. In leidenschaftlichen Reden plädierten bestimmte Redner dafür, über 170 Talibankämpfer aus den Gefängnissen freilassen und sie von der internationalen Terrorliste streichen lassen. Auch Frauenrechte kamen zur Sprache, wobei gegenüber der Taliban (nicht nur, aber auch) wohlwollende Worte gefunden wurden: Aufgrund von „berechtigten“ Interessen der Taliban sollen Frauenrechten zurückgenommen werden. Ob die Taliban diesen Punkt mit viel Häme und Spott aufnahmen?

Viele Frauen haben daher zurecht die Befürchtung, was eigentlich passiert, wenn die Friedensverhandlungen tatsächlich erfolgsversprechend verlaufen. Aber für wen erfolgsversprechend? Wer wird seine Forderungen maximal durchsetzen können? Und natürlich zu welchem Preis? Anscheinend wird unbeachtet, dass die Taliban weiterhin einen radikalislamischen Gottesstaat auf afghanischem Boden anstrebt. Bereits jetzt kann sie sich als mächtiger Gesprächspartner politisch behaupten, schließlich entscheidet sie darüber, wer am Verhandlungstisch sitzt und wer nicht.

Wie ich bereits ausführte, finde ich es immer gut, wenn miteinander geredet statt aufeinander geschossen wird. Die meisten Menschen in Afghanistan sind kriegsmüde und vermutlich auch die alliierten Truppen. Mit dem IS ist eine weitere Terrororganisation auf die politische Bühne aufgetaucht, die eine gefährliche und ebenso barbarische Ideologie verfolgt. Man muss sogar sagen, dass es in der ideologischen Observanz marginale Differenzen zwischen IS und Taliban gibt, auch wenn sie sich gegenseitig bekriegen. Meine Position zu den Verhandlungen aber lautet, dass kein fauler Kompromiss zuungunsten der Frauen geschlossen werden darf. Während wohlgesonnene Worte für die unnachgiebige Taliban seitens vieler afghanischer Diplomaten gefunden werden, antworten diese hingegen weiterhin darauf mit brutalen Anschlägen und Terror.

Man muss Druck auf die Taliban aufbauen, sich mit Vehemenz für Frauenrechte einsetzen und zeigen, dass man auch Werte hat, zu denen man steht und sie nicht einer menschenverachtenden-islamistischen Ideologie zum Fraß hinwirft. Hier können die USA und Deutschland wichtige Rollen einnehmen und sich dafür einsetzen, dass die Interessen von Frauen nicht unter den Tisch fallen. Unmissverständlich deutlich machen, dass zu den unverhandelbaren Grundvoraussetzungen eines dauerhaften Friedens auch die Frauenrechte gehören. In letzter Konsequenz ist ein Frieden, ohne all den Frauen, ein anrüchiger und zugleich verdorbener Frieden. Es kann nicht sein, dass der Ball bei der Taliban liegt und sie darüber entscheidet, wann und mit wem weitergespielt wird oder eben auch nicht. Der frühere britische Premierminister, Winston Churchill, sagte über Appeasement in der Politik folgendes: „An Appeaser is one who feeds a Crocodile, hoping it will eat him last.“ Daher ist Appeasement gerade gegenüber solchen islamistisch-dschihadistischen Gruppen ein völlig kontraproduktiver Weg. Mit Sicherheit wäre Krieg zu führen, genauso falsch, da nach über einem Jahrzehnt diese Militärstrategie völlig versagte, das Land weiterhin im Chaos verfällt, was man an den steigenden afghanischen Flüchtlingszahlen weltweit sieht. Deshalb ist nur zu hoffen, dass die Verhandlungen am Tisch weiterhin Bestand haben und nicht abgebrochen werden.

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar

Perry Grone

Die Inkompatibilität von Kollektivismus und Individualismus

Die Inkompatibilität von Kollektivismus und Individualismus

Autor: Massud Reza

Perry Grone
Perry Grone

Das Grundgesetz feiert in diesem Jahr seinen 70sten „Geburtstag“, da im Jahre 1949 die „vielen Väter und wenigen Mütter“ dieses Gründungsdokument der Bundesrepublik Deutschland eine Verfassung ausgearbeitet und verabschiedet haben, bei der weitgehende Freiheitsrechte der Gesellschaft zugestanden wurden. Dazu gehören nicht nur die Meinungs – und Pressefreiheit, sondern auch die Gleichberechtigung der Geschlechter. Auch gebietet das Grundgesetz jedem das Recht auf „freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ wie das in Artikel 2, Abs. 1 seine verfassungspolitische Diktion findet. In Deutschland sowie überwiegend westlichen Gesellschaften ist der Wert des Individualismus ein fester Bestandteil der sozialen Realität. Der Kerngedanke vom Individualismus lautet, dass die Freiheit des Einzelnen im Vordergrund steht und nicht die des Kollektivs. Individuen können nach diesem Prinzip selbst entscheiden, welches Lebens – und Beziehungsmodell sie für sich in Anspruch nehmen und danach ihr Leben ausrichten, sofern sich das Ganze selbstverständlich im Rahmen der verfassungsmäßigen Rechtsordnung bewegt. Angesichts der historischen Tatsache, dass man in früheren Gesellschaften im eigenen Stand verfangen war, man in diesem heiraten, arbeiten und überhaupt sein ganzes Leben verbringen musste, ist es in modernen Gesellschaften geradezu ein Fortschritt, dass sich jene Standesunterschiede weitestgehend nivellierten. Und dass auch trotz aller Problemen bei Bildungs – und Berufschancen, die häufig von der sozialen Herkunft der Eltern abhängig sind, wie das bereits zig Studien belegen konnten. Während vor hundert(en) Jahren besonders die Familie im gesellschaftlichen Mittelpunkt stand, bei dem das Individuum seine eigenen Interessen hinter das der Familie zurückstellen, ihr unhinterfragt Gehorsam leisten und nach den Lebensvorstellungen der Eltern leben musste, erleben wir heutzutage in den meisten Familien bereits einen frühen Emanzipationsprozess von den Eltern. Viele Menschen gehen ihren eigenen Bildungs – und Berufsweg und möchten – um diesen schwammigen Begriff zu gebrauchen – sich selbst verwirklichen.

Doch längst nicht überall wurde dieser Wert des Individualismus internalisiert und vorgelebt. In islamischen geprägten Staaten dominiert traditionell das Prinzip des Kollektivismus. Darunter versteht man die präferierte Vorrangstellung von Kollektiven bzw. Kollektivinteressen, die stets über individuelle Interessen stehen. Der gesellschaftliche Ausdruck dieses Prinzips findet sich in Familien, in denen häufig traditionelle Vorstellungen von Ehre herrschen. So ist die Ehre der Familie das entscheidende Kriterium nach dem sich das moralische Verhalten der Familienmitglieder auszurichten hat. Während Ehre etwas ist, was man sich in modernen Gesellschaften durch Leistungen erwirbt (sei es im Beruf, in der Bildung usw.), gilt das vormoderne Ehrkonzept in traditionell-islamischen Familien als gegeben, was stets bewahrt und tradiert gehört. Die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz hat in ihrem herausgegebenen und sehr lesenswerten Werk „Gewalt im Namen der Ehre“ bereits in der Einleitung wesentliche Probleme benannt, die aus traditionellen Ehrvorstellungen resultieren: „In traditionell-kollektivistischen Strukturen wird dem einzelnen Menschen keine individuelle, von der Primärgruppe abweichende Identität im modernen Sinne zugestanden. Über Identität und Ansehen verfügt der oder die Einzelne nur vermittels der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, in der Regel (die weit gefasste) Familie. Ehre ist dabei ein kollektiver, aber stets gefährdeter „Besitz“ der Familie, der durch „unehrenhaftes“ Verhalten jederzeit verloren gehen kann. Im Kern geht es dabei stets um die Sexualität der Frau. Als unehrenhaft gilt jedes selbstbestimmte, nicht durch die Gemeinschaft abgesegnete sexuelle Verhalten. Ein Ehrverlust trifft die gesamte Familie in Form von Ächtung durch die Community.“

Nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch in bestimmten Teilen von eher konservativ-muslimischen Familien in Europa ist dieses Phänomen zu finden. Solche vormoderne Ehrkonzepte wirken sich natürlich nicht folgenlos auf die Individuen aus, was für Jungen als auch für die Mädchen gilt. In der ständigen Angst vor einer Gesellschaft verhaftet, die die Freiheit des Einzelnen betont, führt dies zur stärkeren Vermittlung von traditionellen Geschlechterrollen seitens der Familie. Man nimmt Anstoß an der angeblich zu „freizügigen“ Lebensart der westlichen Gesellschaften, wovor man die eigenen Kinder schützen möchte. Den Kindern wird früh beigebracht, dass die Freiheit in westlichen Gesellschaften nur den Deutschen oder Europäern gilt, aber nicht der muslimischen oder türkischen oder arabischen Familie. Somit wird der universelle Gehalt des Freiheitsbegriffs gänzlich negiert und das obwohl jene Freiheit vom Grundgesetz und der Erklärung der Menschenrechte garantiert wird. Konkret drück sich diese Angst dadurch aus, dass den weiblichen Familienmitgliedern die Entscheidungsfreiheit aberkannt wird, wie sie sich zu kleiden, in der Öffentlichkeit zu benehmen, welchen Partner zu lieben haben und vieles mehr. Und auch die männlichen Familienmitglieder stehen unter dem sozialen Druck stets die Familienehre als Sittenwächter im Blick zu behalten und darauf zu achten, dass sozusagen kein „Schäfchen aus der Reihe tanzt“. So sind die Frauen wie auch die Männer nie in der Lage ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen nachzugehen, sondern stets darin angehalten, den kollektivistischen Erwartungen der Familie und darüber hinaus der Gemeinschaft zu entsprechen. Wie Nina Scholz darlegte, ist die Zugehörigkeit zur Community etwas Unabdingbares, weshalb man die Werte und Normen der Community verinnerlicht, ohne sie groß zu hinterfragen. Das Ergebnis ist ein strenges Hierarchie – und gegenseitiges Kontrollverhältnis, wo jeder Einzelne in Beobachtung der anderen steht. Ist man nicht in der Lage die Ehre aufrechtzuerhalten, weil sich jemand moralisch nonkonform verhält, so können die Konsequenzen von verbaler bis hin zu physischer Gewalt und im letzten Schritt zum Mord führen. Wichtig wäre noch die Frage zu diskutieren, was das mit dem Islam zu tun hat? Traditionelle Ehrvorstellungen können auch in nichtislamischen Gesellschaften stattfinden. Das ist soweit richtig und man kann auch sagen, dass das vormoderne Ehrkonzept eine vorislamische Tradition ist. Nichtsdestotrotz kann man die Tatsache nicht geflissentlich ignorieren, dass eine buchstabengetreue Lesart der islamischen Überlieferung solche Ehrvorstellungen begünstigen können, wenn man an die Überlieferungsstellen denkt, die sich auf Kleidungs – und Sexualfragen beziehen. So kann sich eine spezifische, religiös-kulturelle begründete Form von Sexismus bilden, der genauso zu bekämpfen und zurückgewiesen gehört, wie es bei anderen Formen des Sexismus der Fall sein muss.

Die Mixtur aus einem konservativen Religionsverständnis und vormodernen Kulturvorstellungen müsste aufgebrochen werden, um in eine moderne und zugleich offene Gesellschaft nach den eigenen Wünschen zu leben, unabhängig davon was andere von einem erwarten. So hart das auch klingen mag, aber vermutlich kommt man nicht immer drumherum, den elterlichen Erwartungen nicht entsprechen zu können, wählt man für sich ein anderes Lebensmodell, als das was von der Familie vorgesehen wird. Eine Enttäuschung kann auch Vorteile bringen, denn was bedeutet überhaupt Enttäuschung? Die Vorsilbe Ent- weist daraufhin, dass etwas genommen wird, also in diesem Fall eine Täuschung. Wir wollen ja grundsätzlich nicht getäuscht werden oder uns Illusionen machen, deshalb kann eine Enttäuschung in dem Sinne positiv sein, da man sich ganz ungetrübt den eigenen Wünschen stellt und sich nicht mehr bezüglich der eigenen Erwartungen anlügt. Am Ende kann sich sogar ein viel vertrauensvolleres und optimistischeres Verhältnis zu den Eltern herausbilden, ohne einen Kontaktabbruch zu fürchten. Von meinem Standpunkt aus gebe ich aber zu, dass es ein langwieriger Prozess, jedoch kein unmöglicher ist.

Damit man mich nicht missversteht: Ich möchte keineswegs, dass man pauschalisierend an muslimische Jugendliche herangeht und ihnen unterstellt, dass sie Gefangene ihrer Ehrvorstellungen sind. Eine solche Pauschalierung wäre übertrieben und würde den Bemühungen von muslimischen Jugendlichen nicht gerecht werden, die mittels eigener Workshops andere Jugendliche zu erreichen versuchen. Erwähnenswert ist hierzu HEROES! Jugendliche, die früher einmal selbst traditionellen Ehrvorstellungen anhingen und nach einem Reflexionsprozess dies hinterfragt und überwunden haben sowie in den Dialog mit anderen jungen Menschen treten. Daher können die Leute bei HEROES als Vorbilder fungieren, um Jugendlichen zu zeigen, dass solche kollektivistischen Erwartungen nicht gott – oder naturgegeben sind. Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen durchaus Gruppen bzw. die Gesellschaft, da wir auch einen sozialen Tod fürchten müssen. Die Lebenserwartungen von Menschen, die wenig soziale Kontakte zur Familie, zu Freunden und anderen Leuten pflegen, haben häufiger Probleme mit ihrer Gesundheit. Deshalb kommt es mir nicht auf das Zurückweisen der Familie als Ort der Geborgenheit und sozialen Halts an, sondern die Familie als absolute Kontrollinstanz, was jegliche Individualität wenig bis gar nicht zulässt. Denken, Hinterfragen und Kritisieren gilt es im Umgang mit dem Kollektivismus zu berücksichtigen. Die Überschrift lautet nicht grundlos „Die Inkompatibilität von Kollektivismus und Individualismus“, da es hier nicht um Westen gegen Islam geht, sondern um Vertreter und Befürworter von Individualität auf der einen Seite und Gegner dieser Individualität auf der anderen Seite und das unabhängig vom religiösen oder sozialen Hintergrund.

Iqra! – Lies und rezitiere!

Iqra! – Lies und rezitiere!

Sure 96.1-5: Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf.

E erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen,

lies, denn dein Herr ist Allgütig,

Der mit dem Schreibrohr lehrt,

lehrt den Menschen, was er nicht wusste.

Es gibt unzählige Gründe, sich mit Lernen zu beschäftigen. Es ist etwas, was dem Menschen sein ganzes Leben begleitet. Und seit meiner ersten Khutba hier begleitet mich das Thema in vielen Facetten.

Es steht hier die Frage: Lerne ich um zu leben oder lebe ich um zu lernen? Ich denke beides trifft sich irgendwo. Ich musste lernen, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, heute ist mein Lebensinhalt das Lernen, das Endziel ist also nicht meine finanzielle Sicherheit, sondern das Lernen und Reflektieren an sich.

Die Aufforderung zum Lernen ist im Koran nicht zu übersehen. So kommt die Wortwurzel für „das Lesen“ q-r-a im Koran 88 Mal vor. Als Muhammad sich in die Höhle am Berg Hira zurückzog, um zu meditieren, kam die allererste Offenbarung und Aufforderung an ihn, die lautete: „Iqra’“.

Gewöhnlicherweise übertragen die meisten Koranübersetzer und –exegeten das Wort „Iqra´“ ins Deutsche mit „Lies“. An dieser Übersetzung ist zunächst einmal nichts auszusetzen, denn die linguistische Betrachtung des Wortes Iqra´ – abstammend vom Verb „qar´a“ (er las) – gibt klar Aufschluss, dass es sich bei der Aufforderung „Iqra´“ um einen Befehl zum Lesen handelt, also „Lies!“

Doch wenn wir tiefer graben, finden wir im Koran drei unterschiedliche Begriffe für den Vorgang des Lesens. 1. qira’ah قراءات, 2. Tartiil ترتيل, 3. Tilawah تلاوة.

Oberflächlich könnte man alle drei Begriffe mit dem Vorgang des Lesens begreifen. Aber wenn man tiefer sieht, dann stellt man fest, dass sie bedeutende Unterschiede beinhalten.

Beginnen wir mit dem 3. Begriff „tilawa“. Die sprachliche Bedeutung entspricht dem „Vorleben, Vorlesen“. In der Sure Asch-Schams (91:1-2) nimmt beispielsweise das Verb „talâ“ ausgehend von „Tilâwah“ die Bedeutung von „aufeinander folgen, nachfolgen, folgen“ an: „Bei der Sonne und bei dessen Leuchten und beim (ihm) folgenden Mond…“ In diesem Vers erschließt sich uns eine sehr tiefe und aussagekräftige Botschaft des Wortes „Tilâwah“.

Das Leuchten des Mondes ist kein eigenständiges Leuchten, sondern eine Reflexion des Sonnenlichtes. Erst durch die Sonne erhält der Mond seine Helligkeit und wirft dieses Licht auf die Erde.

„Tilâwah“ ist nicht nur das „Lesen“ an sich, sondern auch das „Befolgen“ der koranischen Gebote. So erhellt der Koran den Menschen und gibt anschließend durch das Vorleben und Vorlesen dieses Licht weiter.

„Tartil“, die nächste Art der Lesung bedeutet so viel wie ‚die langsame Lesung‘. Wir finden das Wort in der Sure 25:32: „Und diejenigen, die ungläubig sind, würden sprechen: ‚Wäre nur der ganze Koran ihm auf einmal herabgesandt worden.‘ Wir taten dies, um dadurch dein Herz zu festigen. Und wir haben ihn dir nach und nach wohlgeordnet vorgetragen.‘“ Tartil bedeutet hier eine Zusammensetzung von Bestandteilen in einer bestimmten Ordnung. Muhammad Asad bemerkt dazu: „Der Koran selbst gibt den Grund dafür, dass er langsam und allmählich offenbart wurde. Wenn der Begriff ‚Tartil‘ auf die Rezitation des Koran angewendet wird, bezieht er sich auf einen langsamen und deutlichen Vortrag. Es bedeutet, dass man die Verse nicht nur mit der Zunge und dem Verstand liest wie beim ‚Tilawah‘, sondern durch das langsame Lesen auch mit dem Herzen.“

„Qira’ah“, die dritte Art der „Lesung“, umschreibt eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache. Es ist ‚das Forschen, Studieren, Erkunden‘ der Verse.

Wenn wir diese Unterteilung beachten, ergibt der Befehl „Iqra!“ ein deutliches Ausmaß, nicht nur „Lies!“ sondern „Erforsche, Lerne, Erkunde!“ „Qira’ah“ umschreibt also eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache.

Also, das erste Wort war „Iqra!“ und bedeutet demnach nicht nur „Lies“ sondern auch „Studiere, forsche!“ Für mich bedeutet es: Nicht das Gebet oder das Fasten, sondern das Hören und Studieren, Beobachten, Forschen, Denken steht an erster Stelle! Dazu passt, dass die Offenbarungen mündlich gesandt wurden, durch den Engel Gabriel zum Propheten, der die Offenbarung weitergegeben hat. Es gab keinen Text zum Lesen, zumindest nicht am Anfang. Man konnte den Text nur hören, anschließend darüber diskutieren, also sich damit beschäftigen, das heißt lernen, um das zu begreifen, was Gott mitgeteilt hatte: Demut, Glaube an Gott, unser Verhalten gegenüber dem Einzelnen und der Gemeinschaft, usw.

Aber was ist gemeint nun mit „Lies!“ Und was soll gelesen werden. Da steht: „Lies, im Namen deines Herrn.“ Es folgt nichts Genaues, Gott erläutert in den nachfolgenden Versen nicht, was genau gelesen werden soll. Aber dennoch gibt es im ganzen Koran Hinweise darauf, denn Gott betont immer wieder: Haben sie keinen Verstand, wollen sie nicht begreifen?

Das heißt also: Lies nicht nur im Koran, sonders lies und denke nach, was dir die Welt zu sagen hat. Steht nicht im Koran in Sure 51:20-21: „Und auf Erden sind Zeichen für Jene, die fest im Glauben sind und auch in ihnen selbst sind Zeichen. Seht ihr denn nicht?“

Diese ersten Verse sind an keinen besonderen Menschen gerichtet, denn Gott wusste, dass der Prophet nicht lesen kann und es steht auch kein Name da. Aber das, was gelesen werden soll oder gesagt werden soll ist so wichtig, weil es an alle Menschen, an die gesamte Menschheit gerichtet ist. Muhammad vertrat genau in diesem Moment die ganze Menschheit.

Man könnte auch sagen, es sei ein erster Dialog zwischen dem, der „Lies!“ sagt, also Gott durch Jibril, und an den Er sich wendet, dem Menschen, dem Er mitteilt, wie Er ihn erschaffen hat. Und wie läuft der Dialog ab? Indem Er für ihn speziell durch die Schreibfeder mittels Schreiben das Wissen festhält.

Sie sind Wegzeichen, die man lesen soll und auf die auf Gott mit all seiner Allmacht, Güte, Barmherzigkeit und Einzigartigkeit hinzeigen. Eigentlich könnte vor jedem Wort ein „Lies!“ stehen, als ein Aufruf zum Erkunden, zum Studieren. Der ganze Koran ist voll von solchen Aufrufen. Schon der 2. Vers der allerersten Sendung: „Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen“ berichtet von Seiner höchsten und besten Schöpfung, an die Er sich auch zuwendet, nämlich dem Menschen. Der 3. Vers betont noch einmal die Wichtigkeit des Lebens und berichtet vom Urheber des Erschaffer des Menschen: „Lies! Denn Dein Herr ist Allgütig.“ Vers 4: „Der mit der Schreibfeder lehrt,“ eine Schreibfeder als ein geschaffenes Ding, ein Instrument, das Wissen aufzeichnet.

Das Studium dieser Zeichen, dieser Aufrufe führen weiter zu „Iman,“ zur Überzeugung an die Einheit und Existenz Gottes. Zum Beispiel finden wir diese Bestätigung in Sure 41: 53: „Wir werden ihnen Unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen, damit ihnen deutlich gemacht wird, dass es die Wahrheit ist.“

Die Aufforderung von Gott an die Menschen, den Koran und eigentlich seine ganze Schöpfung zu lesen, zu beobachten, nachzuforschen, sollte für alle eine Aufforderung sein, in allen Bereichen der Wissenshaft oder Theologie zu forschen und durch ihre Ergebnisse den Wahrheitsgehalt des Korans zu bestätigen. So wird durch Lernen, Lesen und Begreifen von Gottes Schöpfung durch die Wissenschaft ebenfalls Dienst an Gott (Ibadah) gemacht wie auch durch das Studium des Korans.

Iqra befiehlt uns, die Zeichen zu lesen, die Gott in Seiner Schöpfung gesetzt hat, die Bedeutung Seiner Schöpfung zu begreifen, indem wir unsere Erfahrung und unseren Verstand einsetzen. Gleichzeitig versichert uns Iqra, wenn wir lesen wollen, dass wir auch tatsächlich in Gottes Schöpfung lesen können, dass die Schöpfung unserem Verstand zugänglich ist. Je besser wir lernen, in ihr zu lesen, desto besser werden wir verstehen, dass die erschaffene Welt ein einziges Universum ist, und die Erde mit all seiner Schönheit und Harmonie, dessen Stellvertreter wir sind, ein Teil davon ist. Aber nur die Menschheit kann lesen, was geschrieben steht. Deshalb sagt uns der Koran, wir sollen „lesen, studieren“ und nicht nur sehen. Wir müssen die Schöpfung kennen und nicht nur erfahren oder etwas als gegeben anzunehmen, ohne darüber nachzudenken.

Iqra ist somit ein allgemein gültiger Befehl, der für jeden von uns eine Tür zum Islam öffnet. Iqra verlangt von jedem von uns, dass wir als Menschen in unserem Denken, Gefühlen und in unseren Handlungen nach dem Guten streben sollen. Iqra erlegt dem Menschen eine Verantwortung und innere und äußere Versuchungen und Kämpfe auf, aber sie gibt auch die Chance, für sich Wissen und Würde zu erwerben.

Alles Erschaffene, ob belebt oder nicht belebt, ist wie ein Buch in einer Bibliothek des Universums, in dem wir forschen können über das Geschaffene und dem Erschaffendem, es kann aktiv ‚gelesen‘ werden.

Wie groß und wichtig doch so ein kleines Wort sein kann! Es gibt uns das Recht und die Pflicht als Einzige in der ganzen Gottesschöpfung nicht nur eine Daseinsberechtigung zu haben oder etwas anzuschauen, sondern sie auch genau zu betrachten und verstehen zu lernen.

Und ich denke, Gott wird es demjenigen, der das wirklich will, leicht machen.

Manaar

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Autor: Massud Reza

Bald beginnt Ramadan, also jener Monat, bei der Muslim/innen weltweit fasten werden. Nicht nur, dass in dem Fastenmonat – nach islamischer Überzeugung – der Koran herabgesandt wurde. Vielmehr wird das Fasten an sich zu den fünf Säulen des Islams gezählt, also neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Almosenabgabe sowie der Pilgerfahrt nach Mekka. Mittels des Fastens bzw. der Entbehrung von materiellen Bedürfnissen kann man sich dem Zustand der inneren Ausgeglichenheit annähern, sich intensiv mit seinem eigenen Selbst auseinandersetzen und dies läutern, über Gott und vieles mehr tiefgründiger nachdenken. Gerade der Läuterungsprozess soll dabei nicht aus dem Blickfeld geraten, immerhin sollen dadurch sowohl der Charakter als auch das Handeln von Muslim/innen zu gutem Verhalten führen. Somit gewinnt das Fasten im Islam einen unverrückbaren, hohen Stellenwert.

All die aufgezählten Punkte könnte man vorbehaltlos zustimmen. Doch leider gibt es ein gravierendes Problem, worüber gesprochen werden muss, da das Thema jährlich nicht an Brisanz verliert. Es kommt in Schulen (egal ob Grund – oder weiterführenden Schulen) vor, dass muslimische Schüler/innen unter dem Fasten leiden und sogar ohnmächtig werden. Von morgens bis abends essen und trinken sie nichts, haben zu wenig Schlaf und setzen sich damit sehr stark unter Druck, was wiederum negative Folgen auf ihr gesundheitliches Wohlbefinden zeigt. Schließlich gilt ja auch Stress als Krankheitsverursacher. Aber nicht nur sie selbst setzen sich unter Druck, auch in den Schulen gibt es eine Art sozialer Kontrolle durch muslimische Schüler/innen, die ganz minutiös darauf achten, ob ihre muslimischen Mitschüler/innen sich auch ans Fastengebot halten. So geraten immer mehr junge Menschen unter den Druck, sich des Essens und Trinkens zu entledigen, obwohl sie es körperlich und seelisch nicht aushalten können. Angetrieben zu diesem Verhalten wird man von Fragen, wie z.B. wer ein guter oder gar besser Muslim ist? Wer hält sich am konsequentesten am islamischen Gebot? Wer kann anderen mit Glorie beweisen, wie tapfer und standhaft er/sie das Fasten durchhält?

Führt man sich diese Aspekte vor Augen, so macht es nachdenklich und es beunruhigt. Es geht nicht mehr um einen inneren Läuterungsprozess, wie weiter oben beschrieben, sondern stets um die äußerliche Ebene. Geradeso als wenn man in einem mechanischen Zustand verfällt und dann erst das Fastengebot ausführt. Völlig abgebrüht und dröge, ohne jeglichen Läuterungs – und Reflexionsprozess. Weiterhin ist auch bekannt, dass es muslimische Schüler/innen gibt, die auch vortäuschen, dass sie am Fasten sind. Da sie die soziale Ausgrenzung und den sozialen Druck größtmöglich umgehen wollen, beschummeln sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst.

Wie sollte man mit dieser vertrackten Angelegenheit am besten umgehen? Immer mehr Lehrkräfte melden sich bundesweit zu Wort und beklagen, dass ihre muslimischen Schüler/innen aufgrund des Fastens sehr unkonzentriert im Unterricht sitzen, sich vom Sport – und Schwimmunterricht befreien lassen und tatsächlich auch abrupt bewusstlos werden – und das besonders in heißen Sommertagen.

Aus diesem bedenklichen Befund gilt es vor allem eins zu unternehmen und zu vermitteln, nämlich die Bildung! Generell muss man Schüler/innen den unschätzbaren Wert von Bildung vermitteln, damit sie auch nach der Schule für das Leben in der Gesellschaft vorbereitet sind. Statt nach religiösen Fehlleistungen von anderen zu schauen, sollte man auf sich selbst Acht geben, um die eigenen Fehler nicht aus dem Blick zu verlieren. Permanent zu fasten, sich oder auch andere unter Druck zu setzen, geht ebenfalls völlig am Islam vorbei. Vordergründig gilt es den sozialen Druck abzubauen und sich vor Augen zu führen, was das Fasten bzw. Ramadan für einen selbst bedeutet.

Nicht nur das eigene Wohlbefinden muss stets als Bezugspunkt herangezogen werden, um zu überprüfen, ob man in der Lage ist zu fasten. Ein unausweichlicher Aspekt betrifft nämlich den Erwerb von Wissen, Kenntnissen, Fertigkeiten, sozialen Kompetenzen und vielem mehr, also sprich die Bildung. Der Erwerb von Bildung spiegelt sich auch im Islam wider, da es häufig in der Religion heißt, dass man sich Wissen aneignen muss. Konzentrieren sollte man sich auf die Schule, auf den angestrebten Abschluss und auf die Zukunft. Schließlich bringt es weder einem selbst noch Gott etwas, wenn man vor Erschöpfung umkippt, keinen Schulabschluss erwirbt und sich nicht gesellschaftlich einbringt. Das kann gerade der Islam nicht wollen. Diese Gratwanderung zwischen Fasten und Bildung sollte im Interesse der Schüler/innen zugunsten der Bildung fallen. Und bevor kleinkarierte Relativisten nach Zahlen fragen: Es spielt keine Rolle, wie viele junge Menschen das betrifft, weil das Grund – und Menschenrecht auf gesundheitliches Wohlergehen nicht an irgendeiner Zahlenhürde festgelegt werden kann. Lehrer/innen geben immer wieder öffentlich bekannt, dass sie mit den Problemen nicht allein fertig werden können. Meines Erachtens nach liegt die Aufgabe zur Veränderung daher nicht nur in der Schule. Auch muslimische Eltern müssen sich Schritte nach vorne bewegen und ihren Kindern klipp und klar mitteilen, wie wichtig die Schulbildung ist. Solche Vermittlungsangebote können auch von Psychologen organisiert werden, die sehr erfahren mit dem Thema umgehen. Der häufige kollektive Zwang in (Schul-)Gemeinschaften und der damit einhergehende soziale Druck muss aufgebrochen werden, damit Schüler/innen angstfrei und ohne Furcht vor Konsequenzen sich in erster Linie auf die Schule und dem Lernen konzentrieren können. Daher erhoffe ich mir, dass es dereinst mal positive Veränderungen im Schulbereich im Kontext Fasten gibt, um nicht die Bildung und –wichtiger noch – die Gesundheit von Individuen zu gefährden.

Sure Al-Ikhlas

Sure Al-Ikhlas

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Allerbarmers, den wir verehren und bei Dem wir Schutz und Hilfe suchen. Er ist der absolute Eigentümer des Allwissens und alles Erschaffenen und Er ist über alle Definitionen oder Gleichnissen erhaben und von ihnen unabhängig. Er ist nicht von dieser Welt, unabhängig von Raum und Zeit und dennoch uns so nahe.

Meine Worte sind nur begrenzt, um über Gott zu sprechen. Und dennoch drückt die Sure Al-Ikhlas die Quintessenz aus, was wir von Ihm sagen können. Viellicht ist sie deshalb die meist rezitierte Sure neben der Eröffnenden“, der Al-Fatiha:

Sprich: ‘Er ist Allah, ein Einziger,

Allah, der Absolute (Ewige Unabhängige, von Dem alles abhängt).

Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden,

und Ihm ebenbürtig ist keiner.’“

Al-Ichlas steht an drittletzter Stelle im Koran und ist eine der kürzesten. Sie besteht aus vier Versen, arabisch ‚ayat‘ und behandelt das Konzept des Tauhīd, d.h. der Einheit Gottes. Wegen ihres Inhalts benennt man diese Sure auch „at-Tauhīd“.

Die kleine Sure trägt den Namen ‚Al-Ikhlas‘, obwohl dieses Wort dort nicht vorkommt. Ikhlas bedeutet so viel wie ‚Der Glaube ohne Vorbehalt‘, oder Ergebenheit, Treue, Aufrichtigkeit. Es dient als eine Art Inhaltsangabe.

Aber ehe ich mich auf weitere Erklärungen einlasse, möchte ich die poetische Übersetzung vom Dichter Friedrich Rückert vortragen:

„Sprich: Gott ist Einer, (1)

ein ewig reiner, (2)

hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, (3)

und nicht ihm gleich ist einer. (4)“

Ich bringe jetzt einige Auszüge aus dem Tafsir von Ibn Dschuzaij Al-Kalbi (1294-1341) „At-Tashil fi’Ulum At-Tanzil“) über die Sure Al-Ikhlas. Ibn Dschuzaij stammte aus dem andalusischen Granada und beschäftigte sich umfassend mit den Wissenschaften seiner Zeit: den Hadithen (prophetische Überlieferungen), Fiqh (Rechtswissenschaft) und der koranischen Rezitation und Deutung.

Er behauptet: „Die Einheitslehre, Tauhid, steht im Mittelpunkt des Islam und stellt den Anfang der muslimischen Existenz dar. Tauhīd bedeutet, Gott als den Einen erklären, sich zum Glauben an die Einheit Gottes bekennen. Mit diesem Bekenntnis wird bezeugt, dass es neben Gott keine anderen Götter gebe, dass er weder gezeugt noch geschaffen sei. Daher beginnt die erste Hälfte des doppelten Glaubensbekenntnisses mit der alles überragenden Aussage, dass es keinen Gott gibt außer Allah. In Seiner letztgültigen Offenbarung an den Menschen, dem Koran, hat Gott die notwendigen Elemente dieses Einheits-Wissens offenbart. Es findet seine Krönung unter anderem in der Sure Al-Ikhlas.“

Ibn Dschuzaij meint, dass der Grund für die Offenbarung dieser Sure darin bestand, dass einige Juden zum Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, kamen und fragten: „O Muhammad, beschreibe uns deinen Herrn und seine Abstammung, denn Er hat sich selbst und Seine Abstammung in der Thora beschrieben!“ Der Gesandte Allahs begann zu zittern und fiel bewusstlos zu Boden. Dann überbrachte Dschibril ihm diese Sure. Diese Sure müsste dann medinensischen Ursprungs sein, da die Frage von Juden in Medina gestellt wurde. Es wurde aber auch gesagt, dass die mekkanischen Götzenanbeter den Gesandten Allahs fragten: „Beschreibe uns die Abstammung deines Herrn!“ Daraufhin sei diese Sure offenbart worden. Im zweiten Fall stammt sie aus Mekka, was man auch allgemein annimmt.

Er stimmt darin mit anderen Kommentatoren überein, wenn er behauptet, dass der Koran aus drei Wissensgebieten besteht: dem Tauhid, der Gesetze der Scharia und der Geschichten vergangener Völker.

Diese Sure Al-Ikhlas umfasst alle Aspekte des Tauhid, welche dementsprechend ein Drittel des Koran ausmachen. Also jedes Mal, wenn wir die „Al-Ikhlas“ rezitieren, zuhause für sich oder hier beim gemeinsamen Gebet, bekommen wir den Lohn, als hätten wir ein Drittel des ganzen Korans gelesen.

Etwas Ähnliches finden wir bei Muslim in einem Hadith, in dem berichtet wird, dass der Gesandte Allahs einen Mann mit auf eine Expedition schickte und dieser ausschließlich die Sure Al-Ikhlas im Gebet rezitierte. Als sie heimkehrten, berichteten sie dies dem Propheten, und er wies sie an: „Fragt ihn, warum er das gemacht hat.“ Sie gingen zu dem Mann und er erklärte: „Sie beschreibt das Wesen des All-Erbarmers und ich liebe es, sie zu rezitieren.“ Daraufhin sagte der Gesandte Allahs: „Sagt ihm, dass er von Allah geliebt wird.“

Aber sie wird nicht nur gern rezitiert, man findet sie oft auch an baulichen Objekten, so zum Beispiel in drei der vier erhaltenen Inschriften des von ʿAbd al-Malik errichteten Felsendoms. Auf der vom umayyadischen Kalifen ʿAbd al-Malik  697 geprägten Münze finden wir ebenfalls als Aufschrift den Text.

Ich finde, es ist immer wieder wichtig, sich die Aussagen des Textes zu vergegenwärtigen.

1. ‚qul huwa llāhu aḥad – „Sprich: ‚Er ist Allah, ein Einziger‘”

bedeutet, die Einzigkeit ist nur auf Ihn beschränkt, Er ist der Eine, Der die Vollkommenheit besitzt, Ihm gehören die schönsten Namen und die vollkommenen höchsten Eigenschaften und heiligen Taten. Er ist ohne Beispiel und unerreichbar.

Jetzt komme ich wieder auf Ibn Dschuzaij. Er schreibt: Das Pronomen „Huwa (arab. für ‘Er’) in „Sprich: Er ist Allah, ein Einziger“ verweist nach Ansicht der Grammatiker aus Basra auf Respekt und Anbetung. Das Wort „Ahad (arab. für ‘Absolute Einheit’)“ hat zwei Bedeutungen. Die erste steht für eine Negation und die zweite, in diesem Fall, für Einzigartigkeit. Die Beschreibung Allahs in Begriffen der Einzigartigkeit hat drei Bedeutungen, von denen alle in Bezug auf Allah, den Erhabenen, wahr sind. Die erste Aussage ist, dass Er Einer ist, ohne zweiten – und dies ist eine Negation der Vielzahl. Die zweite ist, dass Er einzigartig und ohne Partner ist und dass Er Einheit ist, das heißt, dass Er nicht in Teile gespalten werden kann.

Die offensichtlichste Bedeutung der Sure Al-Ikhlas ist hierbei die Leugnung jeglicher Partnerschaft – ihre Absicht für Allah, die Sure zu offenbaren war es, die Behauptung der Muschrikun (die Ihm Partner beigesellen) zurückzuweisen. Allah gibt schlüssige Beweise Seiner absoluten Einheit und die Zurückweisung eines jeglichen Anspruches von Partnerschaft.“

2. ‚allāhu ṣ-ṣamad – Allah, der Absolute (Ewige Unabhängige, von Dem alles abhängt)‘ –

Das Wort „Samad (arab. für den Ewigen Versorger von allem)“ bedeutet wörtlich der Eine, zu dem alles in der Schöpfung sich hinwendet und Zuflucht sucht. Die Menschen bitten Ihn, suchen Seine Hilfe. Er ist der Allwissende, der Geduldigste, der Barmehrzigste.

3. ‚lam yalid wa-lam yūlad – Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden‘ –

Es gehört auch zu Seiner Vollkommenheit des Freiseins von jeglichen Bedürfnissen. Nach Ibn Dschuzaij sind die Worte eine Zurückweisung jener, die Allah einen Sohn zuschreiben – darunter jene Christen, die behaupten „‘Isa ist der Sohn von Allah“ und jene Juden, die sagten „Uzair ist der Sohn von Allah“ oder jener Araber, die behaupteten, „die Engel sind die Töchter von Allah“. Der zweite Teile dieses kurzen Verses ‚wa lam julad‘ ‚und ist nicht gezeugt worden‘ ist eine Zurückweisung jener, die zum Propheten sagten: „Beschreibe uns die Abstammung deines Herren!“ Jedes geborene Ding ist abhängig und stammt aus dieser Welt, während Allah der Erste ist. Es gibt keinen Anfang Seiner Existenz und Er ist Al-Qadim, Der immer existierte. Vor der endlosen Zeit existierte nichts bei Ihm. Und so ist es unmöglich, dass es einen Sohn geben könnte.

4. ‚wa-lam yakun lahu kufuwan aḥad – und Ihm ebenbürtig ist keiner.’

Dieser Vers ist eine Intensivierung der vorhergehenden Worte der Sure, besonders ‚Er ist Allah und der Absolute‘ und bestätigen somit: Wenn Gott Einzigartig ist, dann kann Ihm nichts gleich sein. Daraus folgert: Wenn Ihm nichts gleich ist, dann ist nur Er allein einzigartig. Wenn Er alleine unabhängig ist und die gesamte Schöpfung ist von Ihm abhängig, kann nichts von der Schöpfung Ihm gleich sein. Wenn Er keine Nachkommen zeugt, kann Ihm nichts und niemand gleich oder ebenbürtig sein. Man kann also sagen: Nichts ist Ihm ähnlich in Seinen Eigenschaften, Seiner Herrschaft oder Seiner Göttlichkeit. Daher gebührt es nur Gott allein, von Seinen Geschöpfen in Ergebung und Aufrichtigkeit angebetet zu werden.

Und so bitte ich immer wieder bei Gott, mir Sein Hilfe angedeihen zu lassen, mich zu beschützen vor Ungemach, mich immer wieder auf den rechten Weg zu geleiten und nachsichtig, barmherzig mit mir zu sein. Amen

Manaar

Flickr.com user "el7bara" [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.