Toleranz

Gott spricht kein Arabisch

Gott spricht kein Arabisch

In letzter Zeit wurde gestritten, ob es einen deutschen Islam gibt. Nun betont sogar der Zentralrat der Muslime und an seiner Spitze sein Vorsitzender Aiman Mazyek mit vor stolz geschwellter Brust: „Selbstverständlich gebe es einen Islam deutscher oder europäischer Prägung.“ Aber irgendwie habe ich das nicht so richtig verstanden. Warum plötzlich diese Kehrtwendung. Es fehlte mir eine echte und tiefe Begründung, wie so ein Islam deutscher Prägung aussehen könnte. Dennoch klammern sie sich hartnäckig daran, dass es nur einen ‚arabischen‘ Koran geben kann, nur in arabischer Sprache vorgetragen? Gleich vorweggenommen: „Ich trage ihn ja auch bei einem Gebet in Arabisch vor, aber dazu komme ich noch.“

Die einen sagen, weil der originale Text des Korans auf Arabisch verkündet worden ist, so ist auch dieser Wortlaut nur in Arabisch authentisch, ganz einfach! Auch wenn einiges von Nichtarabern nicht gleich verstanden oder gar nicht verstanden wird, so muss er ihn dennoch einfach so nehmen, wie er ist. Entweder lernt man Arabisch, wenn man wirklich den Koran verstehen will oder man nimmt eine Übersetzung. Basta!

Aber verstehen denn die Arabischsprechenden wirklich, was sie da lesen? Denken sie über jedes einzelne Wort und dessen Bedeutung nach, besonders in seiner historischen Bedeutung? Oder nehmen sie für sich nur die Erklärung ihrer Imame an?

Die Botschaft von Gott ist universell und für alle Menschen gültig, sie wird in Arabisch ausgedrückt, weil Gott die Sprache der Menschen berücksichtigt, zu denen Er Seine Botschafter schickt. Gott sagt sinngemäß, wie Sure 16, Vers 36 aussagt, dass Er in jede Gemeinschaft einen Gesandten mit Seiner Botschaft geschickt hat. Das bedeutet, dass jede Gemeinschaft oder Volk ihre eigene Sprache besaß und damit war auch die Botschaft in ihrer Sprache. Aber bestimmt sprachen sie kein Arabisch.

Die Botschaften, die wir kennen, waren an die Juden in Hebräisch gerichtet, die Botschaft an die Araber musste demnach in Arabisch sein. Auch wenn Gott diese letzte Botschaft an alle Menschen geschickt hat, bedeutet das nicht, dass nun alle Leute Arabisch sprechen müssen oder diese Sprache lernen müssen, um das zu verstehen, worüber Gott zu den Menschen gesprochen hat und was Seine Rede zu bedeuten hat.

Es war einfach nur die letzte Botschaft, galt aber für alle Menschen, unabhängig von Ort und für alle Zeit. Der Koran ist zwar eine historische Tatsache von göttlichem Ursprung, aber seine Interpretation kann nur menschlich sein.

Das bedeutet, es gibt eine große Vielfalt von Interpretation, denn jedes Volk würde es auf ihre Lebensumstände und in ihre Geschichte hinein beziehen. Das bedeutet für mich: Der Koran kann nur im historischen, kulturellen und auch sprachlichen Kontext entschlüsselt werden, zu jeder Zeit muss er immer wieder neu gedeutet werden. Und das Neudeuten kann nur in derjenigen Sprache geschehen, die gesprochen wird.

Abu Zaid sagt das in seinem Buch „Gottes Menschenwort“ so: ‚Der Koran, den wir lesen und interpretieren, ist keinesfalls mit dem ewigen Wort Gottes identisch. Der Koran ist seine Botschaft an die Menschen. Eine Botschaft stellt eine kommunikative Verbindung zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels eines Codes her. Die Analyse des kulturhistorischen Kontexts des Koran ist der einzige Zugang zur Entdeckung der Botschaft. Somit ist der Koran ein kulturelles Produkt. Die Menschen verstanden den Islam in ihren Lebensumständen. Und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft.‘

Und da jedes Volk seine eigene Kultur hat, benötigt es meines Erachtens sein eigenes kulturelles Verständnis, das heißt auch in seinem sprachlichen Verstehen.

Aber lassen wir noch jemand anderes sprechen: Lale Akgün.

„Es geht also darum, ‚den Geist hinter den Buchstaben zu finden‘, die allgemeinen Prinzipien. Wie die Menschen diese Prinzipien umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Für die Offenbarungen Gottes ist aber nicht eine bestimmte Sprache entscheidend, sondern es sind die inhaltlichen Botschaften. Deshalb darf keine einzige irdische Sprache ein Monopol auf die Inhalte haben. Der Koran kann, nein, er muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden. Gerade das Verbot, sich des Korans in einer anderen als der arabischen Sprache zu bedienen, erweitert die Macht derjenigen, die die Religion für sich instrumentalisieren wollen.

Aber es geht nicht nur um die Übersetzungen. Die Gläubigen sollen die Schriften offen angehen, sich mit ihnen auseinandersetzen, Fragen stellen, und, wo nötig, sich distanzieren oder annähern. Und wenn der Koran den Menschen geradezu auferlegt, den Verstand einzusetzen, dann rückt der Mensch als Träger der Vernunft in die Mitte. Es ist der Mensch, der mit seinen Entscheidungswerkzeugen, das sind Gewissen und Verstand, die Vernunft in Handlung übersetzt.“

Und nun zu meiner eigenen Auffassung: Brauche ich etwa einen Vermittler, nur weil ich nur wenig Arabisch kann? Dann habe ich keinen direkten Draht zu Gott, es steht jemand zwischen uns. Aber Gott sagt, dass Er mir näher ist als meine Halsschlagader. Und wenn es bedeutet, dass Gott seinen Platz näher als meine Halsschlagader hat, dann ist Er auch in meinem Herzen. Es bedarf also keinen Vermittler zwischen Gott und mir, niemand kann für mich sprechen. Da brauche ich wirklich niemanden als Vermittler, kein Imam, keinen Religionsvertreter. Für Seine Offenbarungen, für Seine Lehren und Gebote braucht Er keine bestimmte Sprache wie das Arabische. Und Gottes Sprache verstehe ich nicht, aber Er meine!

In der ersten Zeit meines Muslim-Daseins habe ich viele Bittgebete auf Arabisch auswendig gelernt, die vom Propheten Muhammad oder auch von irgendjemanden stammen. Aber es waren nicht meine Worte, meine Bitten, meine Gedanken. Also formuliere ich sie heute selbst in meiner Sprache und ich bin sicher, dass Gott sie versteht.

Wenn ich mit jemanden spreche, vielleicht mir dir, dann bekomme ich in der gleichen Sprache von dir eine Antwort. Wenn ich Gott etwas auf Arabisch mitteilen möchte, bekomme ich vielleicht auch auf Arabisch eine Antwort, die ich leider nicht verstehe. Was nutzt sie mir dann?

Da Gott nicht so ist wie wir, hat Er auch keine Sprache so wie wir. Er versteht uns aber in Seiner Eigenschaft und Er vermag es, in Seiner Eigenschaft uns auf Seine Art und Weise zu antworten und das gleich in unser Herz. So hat Er sich auch verständlich gemacht durch den Koran, der gespickt ist mit Historie, Allegorien, Weisheiten, Mitteilungen, Ermahnungen und auch Wissenschaft, die den Menschen aber oft unverständlich erscheinen, zumindest auf den ersten Blick nicht erkenntlich. Gott hat keine Sprache, die wir verstehen können. Er suggeriert uns in unserer Sprache, also jedem in seiner eigenen Sprache, was Er uns mitteilen will. Es würde sonst unsere Vorstellungskraft sprengen, z.B. suggeriert Er uns durch den Koran, dass Er auf einen Thron sitzt oder wie die Hölle und das Paradies aussieht. Erinnern wir uns: Der Engel Dschibril oder Gabriel hat Muhammad die ersten Worte gelehrt, in seiner Sprache. Er war aber auch nur ein Überbringer. Und weil Muhammad ein Araber war, hat er ihm die Botschaft auf Arabisch gebracht.

Gottes Worte sollen nicht nur schön klingen, Seine Worte sollen auch richtig, verständlich und rezitationsgenehm verstanden werden, auch in einer Übersetzung. Ein Beispiel ist die Sure105 „Der Elefant“. In einer Ausgabe von Ibn Rassoul steht:

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfahren ist? Hat Er nicht ihre List misslingen lassen und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen und sie dadurch wie abgefressene Saat gemacht?“

Jetzt die Übersetzung von Muhammad Asad:

„Bist du nicht gewahr, wie dein Erhalter mit dem Heer des Elefanten verfuhr? Machte Er nicht ihr listiges Planen völlig zunichte? Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen und ließ sie werden wie ein Kornfeld, dass bis auf die Stoppeln abgefressen worden ist.“

Ich stelle in beiden die Verse 3 und 4 nochmals gegenüber: 1. „… und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen …“ und nun das von Asad: „Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen …“

Da stehen auf der einen Seite ‚Vögel und brennende Steine‘ und ‚Schwärme fliegender Geschöpfe und steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ gegenüber.

Asad selbst sagt darüber: Das Wort ‚sidschill‘ hat auch eine Bedeutung von ‚etwas, das von Gott bestimmt worden ist‘. Die Wendung ‚hidschara min sidschil‘ kann für eine Metapher für ‚steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ bedeuten. Die besondere Strafe könnte wahrscheinlich ein besonders starker (steinharter) Ausbruch von Pocken oder Typhus gewesen sein, das auch Ibn Hischam und Ibn Ishaq bestätigten. Das Wort ‚ta’ir, Mehrzahl ‚tayr‘, kann jedes ‚fliegende Geschöpf‘ bedeuten, jedwede Vögel, Insekten, eben alles, was fliegt, die auch Überträger von Infektionen sein können.

Was ich damit sagen will: Ich muss mich einfach darauf verlassen, dass eine Übersetzung dem Original so nahe wie möglich kommt. Und nicht jede Übersetzung kann man auch schön rezitieren. Es liegt also noch eine enorme und wichtige Arbeit vor den Übersetzern.

Ich will deswegen aber keine bisherige Übersetzung herabwürdigen.

Ich wünsche mir einfach eine Übersetzung vielleicht von einer Gruppe von Übersetzern, der ich vertrauen kann, so dass ich einmal das Gebet nicht mehr in Arabisch, sondern um des Verstehens Willen es in Deutsch abhalten kann. Bis es soweit ist, werde ich auch weiterhin auf Arabisch rezitieren, aber vorher die Rezitation auf Deutsch vortragen.

Ich weiß, es denken so ähnlich viele Muslime, nur klingt jede Stimme einzeln. Aber nur ein Chor, wenn auch mit unterschiedlichen Stimmen – sprich Meinungen, hat etwas dagegenzusetzen gegen die noch starke orthodoxe Meinung.

Wir müssen Gott so verstehen, wie es unser Herz will und zulässt, auch ohne Sprache.

Manaar

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Autor: Massud Reza

Christian Wiediger

Erinnert man sich – nur mal den letzten Jahren – an symbolpolitische Aussagen zurück, fällt einem wieder ein, wie undifferenziert und emotional die Debatten über sie geführt wurden. Ob es um das „Wir schaffen das“ (Angela Merkel) oder auch um den Satz „Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“ geht, sofort stürzen sich darauf bestimmte Politiker, Journalisten sowie affektierte Teile der Gesellschaft, die den Sachverhalt nicht in Ruhe und differenziert betrachten wollen.

Gerade die letzte Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „gehört nicht zu Deutschland“ erhitzt einerseits jene Gemüter, die den Islam nicht als Teil Deutschlands und Europas sehen (wollen) und ihm eine historisch-kulturelle Prägung Deutschlands sowie Europas gänzlich abstreiten. Andererseits verursacht die Zustimmung bei denjenigen, dass der Islam doch zu Deutschland gehöre, große Euphorie und damit ein einhergehender unkritischer Umgang mit dieser Frage. Deshalb versteht sich mein Blogbeitrag als gesellschaftlicher und auch innermuslimischer Debattenbeitrag, einfach mal sachlich, ruhig und nüchtern miteinander zu diskutieren, fernab von Pauschalisierungen und Beschuldigungen.

Tatsächlich müsste entscheidend sein, von welchem Islam wir überhaupt sprechen? Schaut man sich die islamische Welt von Marokko bis Indonesien an, so wird schnell deutlich, dass wir uns mit verschiedenen Islamverständnissen konfrontiert sehen. Der Islam in Bahrain ist nicht derselbe, wie der in Tunesien, der Islam in Afghanistan ist nicht derselbe, wie der in der Türkei. Lässt man den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ unkritisch und unreflektiert stehen, kann jeder sein Islamverständnis darein projizieren. Dann könnte auch ein Islam dazugehören, wie er im Iran als Staatsdoktrin praktiziert wird, wo homosexuelle Menschen erhängt werden, weil sie eben homosexuell sind. Nicht nur der Iran, sondern auch anderen islamischen Ländern bieten (leider) genügend Beispiele für die Unvereinbarkeit zwischen der Religion auf der einen und Demokratie und Menschenrechten auf der anderen Seite. Im Kontrast dazu, sollte auch der andere Satz kritisch beleuchtet werden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dieser suggeriert, dass es eine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen Islam und der Demokratie in Deutschland gibt.

Welche Herausforderung stellt sich aber nun für die Bundesrepublik Deutschland aus dieser Erkenntnis? Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen in den eben aufgezählten Ländern darüber, was sie unter Islam verstehen, ergibt sich für uns als Gesamtgesellschaft folgende Frage: Welcher Islam gehört zu Deutschland, also verstanden als demokratie – und menschenrechtskonform? Ein Islamverständnis, was weder gegen Werte des Grundgesetztes noch der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte verstößt. Auch nicht ein Islamverständnis, welches in Teilen der muslimischen Community in Deutschland gelebt wird, was beispielsweise eine rigide Sexualmoral propagiert und Frauen an ihrer individuellen Freiheit und ihrer Selbstbestimmung hindert, und überhaupt ein Islam, der keinen politischen und gesellschaftlichen Machtanspruch darstellt.

Ein mit der freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland verträglicher Islam ist zum Beispiel durch eine historisch-kritische Lesart der sakralen Texte zu erreichen. Sowie es in allen heiligen Schriften Gewaltpassagen gibt, findet man sie auch in den islamischen Überlieferungen. Der Sinn dieser Texte ist aber dann schwer zu verstehen, wenn eine wortwörtliche Lesart angewandt wird, also die Übertragung der Gesellschaftsordnung aus dem 7. Jahrhundert auf das heutige 21. Jahrhundert. Man stellt sich nicht kritischen Fragen, in welchem historischen Kontext bestimmte Verse offenbart wurden, welche gesellschaftliche und auch militärische Faktoren gilt es in der (wissenschaftlichen) Retrospektive zu berücksichtigen und vieles mehr. Die gründliche Beschäftigung mit diesen Fragen würde zeigen, dass die politischen und juristischen Elementen des Islam im 7. Jahrhundert zu verorten sind, da sie an der damaligen, historisch-konkreten Zeit gebunden sind und nicht mehr ins 21. Jahrhundert mehr passen.

Argumentiert man nach diesem Konzept, schlägt einem häufig die Frage entgegen, was eigentlich dann vom Islam übrigbleibe? Das darf doch nicht wahr sein! Ist der Islam ausschließlich politisch-juristisch zu verstehen? Bietet er nicht viel mehr? Gibt es nicht sowas wie Spiritualität und soziale Seiten im Islam? Ist die sog. „Scharia“ ausschließlich als das Befolgen von (islamischen) Gesetzen zu verstehen oder nicht, wie der Islamtheologe Mouhanad Khorchide in seinem Buch Scharia. Der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik schreibt: „Der Begriff Scharia bedeutet im Arabischen der Weg zur Quelle. Auf den Islam übertragen ist Scharia der Weg zu Gott, denn Gott ist die Quelle, er ist der Anfang und das Ende […]. Welcher Weg führt aber zu Gott? Ist das wirklich ein juristischer Weg? Oder anders gefragt: Wird der Weg, den Gott für uns vorgesehen hat, um in seine Gemeinschaft zu kommen, über juristische Regelungen und Kategorien definiert? […]. Die These, die ich in diesem Zusammenhang vertrete, lautet: Nicht der juristische Weg bringt uns Menschen in die Gottesgemeinschaft, sondern der ethische und spirituelle. Damit will ich keineswegs die islamischen Gebote und Verbote über Bord werfen; ich sehe diese aber auch nicht als Selbstzweck an, sondern sie sollen im weitesten Sinne der Glückseligkeit des Menschen im Diesseits und Jenseits dienen.“

Um zu der Ausgangsfrage zurückzukommen: Gehört der Islam zu Deutschland? Dazu gibt es zwei Antworten: 1. Nein, wenn der Islam nicht friedlich gelebt und politische sowie gesellschaftliche Machtansprüche stellt. 2. Ja, wenn der Islam historisch-kritisch kontextualisiert sowie entpolitisiert wird und dem Gläubigen in puncto Spiritualität und Soziales viel Kraft gibt. Differenzierung in dieser wichtigen Frage, die nicht wenige Menschen bewegt, würde uns allen guttun.

Das Wissen und die Liebe

Das Wissen und die Liebe

Rahul Chakraborty

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Mein Name ist Susie Dawi. Seit ungefähr anderthalb Jahren bin ich ehrenamtlich in der Ibn Rushd-Goethe Moschee tätig, wo ich immer mal wieder beim Freitagsgebet die Funktion einer Imamin ausfülle. Ich rufe de Adhan, predige und leite das Gebet.

Ich begrüße all Jene, die diese Khutba hören oder lesen sehr herzlich. Möge sie uns zum Denken anregen und Einsichten vermitteln, die unser Leben für Gott, unsere Mitmenschen und uns selbst verbessern.

Hauptberuftlich arbeite ich an einer Berliner Grundschule. Seit meinem Referendariat sage ich so gut wie täglich: „Ich liebe meine Arbeit“. Natürlich gibt es auch das eine oder andere größere Problem, doch meist gehe ich in meiner Arbeit auf, lache, umarme, schaue mit strengem Blick – die meisten Tage sind spannend und glückbringend.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bin ich allerdings komplett erschöpft. Das erste was ich tue ist, mich schnellstens umzuziehen und für einen entspannenden Mittagsschlaf auf die Couch zu legen. In eine warme Decke gehüllt denke ich nur an Einatmen und Ausatmen, und sage diese Wörter auch im Inneren vor mich hin, um auf diese Weise daran zu denken, nicht nur andere, sondern auch mich selbst zu beschützen und langsam bei den anderen Wesentlichkeiten des Lebens anzukommen. Bei meinem Körper, meiner Seele, und meiner eigenen Lebenswirklichkeit außerhalb des Berufs. Nur so habe ich die Kraft, mich am nächsten Tag wieder der anstrengenden Situation zu stellen, und mich den Kindern zu widmen, die mir während des Vormittags anvertraut sind. Es ist ein klassischer Burnout Beruf, und man tut gut daran, sich immer wieder in Achtsamkeit zu üben.

Heute geht es um eine gewisse Art der Achtsamkeit. Mein Wunsch ist es, dass wir es schaffen, einen Moment neben uns zu treten und uns von außen zu betrachten, damit wir zu eigenen, freieren Bewertungen zu gelangen, und freiere, und vielleicht bessere Handlungsweisen für uns entwerfen können.

Das Thema der Khutba heißt „Wissen und Liebe“, weil diese beiden Phänomene etwas miteinander zu tun haben, auch wenn es zunächst nicht so scheint. Zu beiden Bereichen gibt es nämlich ganz bestimmte Vorstellungen, die unserem Zeitgeist unterliegen. Wir bewerten das Wissen und die Liebe auf eine Weise, die sich genauer zu betrachten lohnt.

Bismillah Alrahman Alrahim…

In Sure 96, Vers 1 bis 5 lesen wir in der Übersetzung von Muhamad Asad:

Lies im Namen deines Erhalters, der erschaffen hat – den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle! Lies, denn dein Erhalter ist der Huldreichste, der den Menschen den Gebrauch der Schreibfeder gelehrt hat – den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste!

(Für den Text in Arabischer Sprache bitte ich, den Koran zur Hand zu nehmen.)

Dies wird die erste offenbarte Sure gewesen sein, denn Mohamed, der nicht lesen konnte, wird hier aufgefordert, genau das zu tun. Und Allah stellt sich den Menschen vor als Derjenige, der sie die Schrift lehrte, eines der großen Merkmale, die uns als Menschen ausmachen. Das Erlangen von Wissen ist seitdem traditionell stark mit der Idee des Islam verwurzelt.

Wir alle wissen, was es gemeinhin bedeutet, etwas zu wissen.

Unser Wissen können wir in viele Kategorien einteilen. Es gibt zum Beispiel Faktenwissen. Davon haben wir reichlich. Wir wissen, wann der zweite WK begonnen hat. Wir wissen, dass die Moschee in der Turmstraße ist, und wir wissen, dass Äpfel zu Obst gehören. Faktenwissen heißt auch deklaratives Wissen, denn wir können es deklarieren, benennen. Daneben gibt es das prozedurale Wissen, oder die sogenannten hard skills. Es bezieht sich auf die Durchführung von Fähigkeiten; so können wir Radfahren, Rührei braten oder einen Zeitungsartikel schreiben… Auch das Wissen, wo man Wissen findet, und wie man es sich aneignen kann, ist heutzutage essenzielles Wissen. Man spricht von der Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Im Gespräch sind heute aber auch mehr und mehr sogenannte Soft skills, also Fähigkeiten, mit anderen Menschen umzugehen – dazu gehören zuhören können, auf andere eingehen, Empathie empfinden. In der Schule werden sie zunehmend als wichtiger erachtet als der Erwerb deklarativen Wissens, denn im Gegensatz zu diesem, kann es nicht schnell mal in einem Buch nachgeschlagen werden. Zuhören können muss man tatsächlich erlernen.

Wissen kann in weitere Kategorien eingeteilt werden, doch eins haben sie alle gemeinsam: Sie machen das Wissen zähl- und messbar. Wie viele Bücher hast du gelesen? Wie viele Sprachen sprichst du? In der Schule überprüfen wir anhand von Klassenarbeiten und Klausuren, ob wir zu einem Thema genug wissen und ausreichend flexibel damit umgehen können. Dafür erhalten wir eine Zensur – eine Zahl, die unser Wissen misst.

Unser Wissen ist in zähl-und messbare Einheiten organisiert, um uns bewerten zu können, denn wer mehr von diesen Einheiten in sich trägt, hat in unserer Gesellschaft einen höheren Status, und „gefühlt“ einen höheren Wert. Stirbt ein junger Mensch, so liest man manchmal in der Zeitung, er habe „viel Potenzial“ in sich getragen, womit man meint, er hätte später sicher einmal ein gebildetes, einflussreiches, und möglicherweise auch an Geld üppiges Leben geführt. In unserer Zeit, so scheint es, bewerten wir Menschen nicht nur in der Schule anhand ihrer „Potenziale“ und konkreten „Leistungen“, sondern auch noch außerhalb dieses speziellen Rahmens.

Ich glaube, durch die Zählbarkeit dessen, was wir Wissen nennen, geschieht etwas mit uns, doch damit meine ich nicht Klugheit. Manche Menschen wissen unheimlich viel, doch erscheinen sie uns nicht unbedingt klug. Manchmal mag man es kaum glauben, wie viel ein Mensch wissen kann, ohne tatsächlich klug zu sein.

Durch die Ansammlung und persönliche Verarbeitung von Wissen kann man in der Tat klug werden, doch was eben zusätzlich geschieht ist eine Art Objektifizierung. Alles wird zum Objekt, zum Ding, und damit beherrschbar. Wir sehen ein Phänomen, geben ihm einen Namen, und grenzen es auf diese Weise von allem anderen ab. Nun können wir mit dem Begriff hantieren. Wir sind der Homo Imperialis, Homo Kategoriensis… Der alles Beherrschende, Ordnende.

Im Koran finden wir diesen Gedanken in der Geschichte von Adam wieder, der von Gott geschaffen wurde, als es die Engel bereits gab. Während die Engel, so glauben wir – und hoffen, damit niemadem Unrecht zu tun – mit der alleinigen Aufgabe betraut sind, Allah zu huldigen und die an sie herangetragenen Aufgaben zu erfüllen, sind die Menschen mit Wissen und Verstand ausgestattet und mit Verantwortung für die Schöpfung betraut. Hierdurch ist der Mensch in der Lage, Entscheidungen zu treffen, und gewissermaßen auch dazu verpflichtet. In Sure AlBaqara Vers 30 lesen wir: Und Siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: „Seht, ich bin dabei, auf Erden einen einzusetzen, der sie erben wird.“ Damit ist laut Muhamad Asads Übersetzung jemand gemeint, der die Oberhoheit für die Erde haben wird. Der Text heißt weiter: Sie, also die Engel, sagten: „Willst du auf ihr einen solchen einsetzen, der darauf Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird – während wir es sind, die deinen grenzenlosen Ruhm lobpreisen und Deinen Namen heiligen?“ Gott antwortete: „Wahrlich, ich weiß, was ihr nicht wisst“. Und er lehrte Adam die Namen aller Dinge; dann brachte er sie in die Kenntnis der Engel und sagte: „Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn, was ihr sagt, wahr ist“. Worauf ihm die Engel antworteten, sie hätten kein Wissen dieser Namen und Definitionen der Dinge. Also Adam, der hier allegorisch für die Menschheit steht, hat das Wissen – er kennt all die Dinge mit ihrem Namen, d.h. er der Mensch, hat Wissen von allem. Im Anschluss sollten sich die Engel vor dem Menschen niederwerfen – vor dem Wesen also, das Entscheidungen treffen kann – gute und schlechte – und dafür zur Rechenschaft gezogen werden wird. Sie taten es, außer dem Teufel, der meinte, er sei etwas Besseres, weil er aus Feuer geschaffen wurde, und nicht wie die Menschen, aus Erde, also weil er ein geistige Wesen ist, und die Menschen ein irdisches.

Keiner wird sagen, dieses definierbare, zählbare Wissen sei unwichtig. Doch führt es eben auch dazu, dass alles definiert wird und damit eingegrenzt. Nur durch die Definitionen, so meinen wir, sprechen wir über dieselbe Sache, wenn wir dasselbe Wort benutzen. Rilke meint, dass so alle Schönheit und alles Wunder der Schöpfung vernichtet werden.

Einmal benannt mit einem Wort, stirbt die Seele des Benannten, und was bleibt, ist das starre, in seinen definitorischen Rahmen gepresste Wort.

Rilke schreibt und Xavier Naidoo hat es vertont:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Denken wir, das Benennbare, das empirisch Nachweisbare sei alles, so haben wir trotz allen Zugewinns verloren. Das uns vermeintlich Bereichernde, macht uns arm – denn die Dinge, eben noch unbenannt, würdevoll, und ihr eigenes, freies Lied singend, werden nun müde, lautlose Diener unseres Verstandes.

An dieser Stelle wird die Khutba ein wenig kompliziert, denn nun verlassen wir diesen Gedanken, lassen ihn sozusagen hängen, und wenden uns dem anderen Thema zu, der Liebe. Ich behaupte, sie ist genauso durchdrungen von dem Wunsch der Messbarkeit, und führt genauso wie unser Umgang mit dem Wissen zur Objektifizierung, nämlich des Partners. Und unserer Selbst. Das Verständnis von Liebe unterliegt demselben Zeitgeist wie das Verständnis von Wissen. Im Übrigen unterliegt auch unser Verständnis von Glauben diesem Zeitgeist.

Ich spreche hier von der partnerschaftlichen Liebe, derjenigen zwischen zwei Menschen, die sich ineinander verlieben und nun Partner sind. Bald nach den Anfängen dieser Liebe und dem ersten Entschluss, eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft zu bilden, entsteht entsprechend unserer Sozialisation der Wunsch nach Messbarkeit der Liebe in Form von erfüllten oder unerfüllten Ansprüchen. Die Ansprüche sind durchaus verschieden, die Systematik dieselbe, daher ein paar Beispiele: Wir messen die Liebe unseres Partners beispielsweise daran, wie viele Whats App Nachrichten wir von ihm oder ihr bekommen. Wir schauen wie oft er/sie uns auf Whats App eine gute Nacht wünscht – in der letzten Woche waren es fünfmal, diese Woche sind es nur dreimal, also ist seine Liebe zu mir wohl geringer geworden; er war auch diese Woche nur einmal mit mir am Abend spazieren, während wir vor zwei Monaten noch fast jeden Abend ausgegangen sind, im letzten Jahr hat er mir überschwenglich ein frohes neues Jahr gewünscht, in diesem Jahr hingegen scheint er mich komplett vergessen zu haben; und wann kommt eigentlich das mir gebührende Gold in Form von Ringen, Armreifen und Halsketten endlich in meinen Besitz? Und wie viele Kilo werden es sein? Wie oft war mein Mann diese Woche einkaufen, hat er abgewaschen, wie oft hatte meine Frau Lust, den Abend mit mir zu verbringen? Wie sehr strengt sich mein Mann, meine Frau an, eine höher bezahlte Stellung in der Firma zu erlangen, um uns mehr Spaß zu ermöglichen? Bin ich ihr total egal? Oder liebt sie mich? Heute gab es schon wieder kein Umarmungs-Icon auf Whats-App und auch keine Blumen. Wenn er mir nicht schreibt, schreib ich ihm auch nicht.

Neulich schickte mir eine liebe Freundin aufmunternd das Folgende von Made my day.com – jede Frau, immer:

„Dieser Moment, wenn er dir nicht schreibt und du ihm nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt, du ihm aber eigentlich schreiben willst, aber aus Prinzip nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt.

Haben wir nun alles Gold gewogen, alle Whats-App Nachrichten durchgezählt, beginnen wir zu hoffen und zu wünschen – nach mehr, denn so wird es uns in die Wiege gelegt. Liebe bemessen wir nun an der Erfüllung unserer Wünsche und Hoffnungen. Erfüllt der Partner unsere Wünsche, so ist er ein guter Partner. Erfüllt er sie nicht, überlegen wir, ob er sich als Partner weiterhin eignet, denn es stehen viele andere Partner zur Verfügung. Partner, die mehr unserer Wünsche erfüllen und deshalb irgendwie besser zu uns passen; die uns jeden Abend gute Nacht wünschen, nicht nur dreimal in der Woche; die mit uns ausgehen, wann immer wir es wollen; weil, so fühlt es sich an, sie uns messbar mehr lieben; messbar bedeutet empirisch nachgewiesen, also wahr. Und in unserer zeitgenössischen Denkweise fühlt sich dann alles ganz richtig an. Die wahre Liebe ist sieben – sieben mal gute Nacht, sieben mal ich liebe dich, sieben mal wie war denn dein Tag liebster Schatz – oder „allerliebster Schatz“? Das ist auch eine Objektifizierung. Der Partner wird zu unserem Diener, unserer Dienerin, denn er/sie ist dafür verantwortlich, dass wir glücklich sind. Wir erwarten von unserem Partner entsprechende Opfer. Diese Erwartung dreht sich auch um, und wir beginnen, selbst Opfer zu bringen, für unsere Partnerschaft, und empfinden dies als freiwillig. Unsere Partnerschaft wird zu einer Opferschaft. Wir opfern freiwillig und erwarten freiwillige Opfer. Es ist aber etwas ganz anderes, ob wir den anderen lieben und mit ihm eine Opferpartnerschaft betreiben, oder ob wir den anderen dauerhaft als Subjekt wahrnehmen. Denn nur wenn wir ihn dauerhaft als Subjekt wahrnehmen, bleiben auch wir dauerhaft Subjekt. Weder sind wir dazu geschaffen, das Objekt unseres Partners zu sein, noch ist dieser das Unsere. Wer im Deutschland der Gegenwart sozialisiert ist, wird es hiermit nicht leicht haben. Die Liebe nicht an den zählbaren Dingen zu messen bedarf einiger Übung. Der Koran hilft uns dabei, wenn wir immer wieder Sure 30 Vers 20 erinnern. Dort steht, von mir ein wenig ergänzt: Und unter seinen Wundern ist dies: Er schaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art, auf dass ihr in ihnen Ruhe und Geborgenheit findet; und er ruft Zuneigung und Gnade zwischen euch hervor. Sakina, mauwade wa rahme. Darum soll es in der Liebe gehen – um das, was jenseits der Messbarkeit liegt, um das Nähren gegenseitiger Zuneigung, und Gnade. Ruhe und Geborgenheit, und Zuneigung, und Gnade. Dies liegt nicht auf der Ebene der Empirie, sondern auf der Ebene der Ehrfurcht und des Staunens.

Kehren wir zurück zu unserem ersten Thema, dem Wissen. Auch bezüglich des Wissens erinnert uns der Koran an Elemente jenseits der Zählbarkeit.

In Sure 2 Vers 3 lesen wir (übersetzt von Muhamad Asad):

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist dazu bestimmt, eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten zu sein, die an die Existenz dessen glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist (, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten.)

Jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung liegt das Unzählbare, Unmessbare, dem wir mit Ehrfurcht begegnen. Wir nennen es zum Beispiel spirituelles Wissen. Dabei geht es darum, zu wissen, dass wir nicht alleine sind, sondern eingebunden in die Schöpfung Allahs. Dass wir so wertvoll sind, wie ein Baum, tausend Jahre alt. Und so schön wie bunte Blumen auf wilden Wiesen. Schmetterlinge sind wir und Adler. Tiefseefische und gigantische Wale. Von all diesen tragen wir Menschen etwas in uns, denn wir sind Teil der Schöpfung. Dieses Wissen um die Ganzeitlichkeit dessen, was Allah erschaffen hat, stärkt uns und schenkt uns Wohlbefinden-

Und wir haben ein Fühlwissen. Das Gefühl dafür, was gut für uns ist, und was nicht. Das ist es vielleicht, was wir am meisten lernen müssen. Wann ist das, was wir zu tun wünschen gut für uns und wann nicht. Wann ist es gut für andere, aber nicht für uns. Wann ist es wert, nur für andere gut zu sein, aber nicht für uns, und wann müssen wir andere Menschen leider enttäuschen, um uns selbst gerecht zu sein? Das Gefühl für Integrität gehört zu diesem Fühlwissen – also uns selbst treu zu bleiben. Wir wachsen daran, uns immer wieder damit auseinanderzusetzen, wie wir es erreichen können, frohe und dankbare Menschen bleiben. Fröhlichkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, wie man fröhlich wird, und bleibt. Dankbarkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, dass man reich beschenkt ist von Allah und seiner Schöpfung. Ehrfurcht ist eine Haltung, der das Wissen zu Grunde liegt, dass alles endlos groß und weit ist und von unermesslicher Ästhetik und Struktur und dass die allerkleinste Ameise auf ihrem Hügel das Größte ist. Liebe ist ein Gefühl, dem das Wissen zu Grunde liegt, geliebt zu werden, von Allah und anderen Menschen.

Für den mündlichen Vortrag:

In wenigen Minuten ist es Zeit für das Freitagsgebet. Nur durch innere Achtsamkeit wird es uns gelingen, unsere Verbindung zu Allah zu fühlen und zu wissen.

Was der Nachmittagsschlaf für den Arbeitstag ist, ist das Freitagsgebet für die Woche. Ich möchte euch daher einladen, das Freitagsgebet eben so zu betrachten wie den Moment nach der Arbeit. Es ist der Moment des Ablegens aller Alltagsgedanken und Alltagsbelastungen; der Moment des Loslassens all dessen, was uns diese Woche begleitet hat und was uns in der nächsten Woche begleiten mag. Jetzt ist nicht der Moment dieser Vergangenheiten, oder irgendwelcher Vergangenheiten, noch ist es der Moment der Zukunftsgedanken, denn sie sind rein fiktiv. Keiner weiß, was die Zukunft bringen mag. Hier in der Moschee am Freitag, zur Zeit des Gebets, halten wir einen Moment inne und geben den Vergangenheiten und Zukunften keinen Raum. Wir können sie loslassen und einfach einatmen und ausatmen. In aller Ruhe. Denn wir sind da, wo wir hinwollten. Angekommen. Wir nehmen den Raum wahr, aber wir denken nicht darüber nach. Wir enthalten uns jeder Interpretation. Wir sehen die Dinge, auch die Menschen um uns herum ohne sie zu interpretieren; sie sind da, aber sie haben keine Bedeutung. Denn wir sind ganz bei uns selbst. Und fühlen eine angenehme Ruhe in uns. Eine Energie, die uns umgibt, wird fühlbar. Wir sind gekommen, unseren kleinen, zarten Faden zu Gott zu spinnen, gleichsam wie der Faden einer Spinne, der aber nur dann aus uns heraustreten kann, wenn wir ganz ruhig sind, und alles andere fallen lassen. Wir atmen ruhig, denn wir sind in diesem Moment zufrieden oder vielleicht auch glücklich. Wir sind eine von Gott gewollte Schöpfung. Nicht zufällig entstanden, sondern aus dem Wunsch Allahs heraus; wir als Menschheit und wir als Einzelne. Gefäße sind wir, gefüllt mit Dankbarkeit und Liebe, diese zu empfinden, zu genießen und weiter zu verschenken, um muslim zu sein – sich Allah friedvoll und geduldig hingebend.

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute

 eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner 

Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, 

nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.

Licht und Dunkelheit

Licht und Dunkelheit

Der Friede und die Gnade Gottes seien mit Euch!

In zwei Tagen, am 11.November, findet wieder einmal, wie in jedem Jahr, das Laternenfest statt, und das ist schon immer mein Lieblingsfest. Schon als Kind fand ich es wunderschön und bewegend. Kinder im Kindergartenalter und in den frühen Grundschuljahren laufen mit ihren leuchtenden Laternen durch die Straßen der Stadt, in einem Monat, der von Dunkelheit geprägt ist.

Auch ich war einige Jahre lang so ein Laternenkind. Einmal, ich war ungefähr sechs Jahre alt, zündete ich meine Laterne für den Heimweg von der Nachmittagsbetreuung an, und lief allein mit dem brennenden Lichtchen nach Hause. Natürlich hatte ich sie selbst gebastelt. Mit schwarzem Tonpapier und ausgeschnittenen, mit Pergamentpapier hinterklebten, Sonne, Mond und Sterne. Das Dunkel des Abends gab ein seltsames Gefühl von Freiheit. Sturm und Nieselregen ließen mich angenehm frösteln. Schon immer liebe ich den Sturm und den Regen und erinnere mich an viele solcher Spaziergänge in meiner Kindheit. Als Kind war ich viel allein, und Wind und Regen waren meine liebsten Freunde. Meine ganze kindliche, innere Trauer spiegelte sich im Regen, er spiegelte und spiegelt auch heute noch immer wieder mein inneres Gefühl oder repräsentiert es, so dass ich das Innere und das Äußere als stimmig empfinde. Aus der Stimmigkeit des Inneren und des Äußeren ergibt sich ein Zustand seelischen Wohlseins. Gleichsam verhält es sich mit dem Sturm. Der innere Sturm der Gefühle wird Wirklichkeit im tatsächlichen Sturm das Außen. Auch heute noch fühle ich mich bei Wind und Regen am meisten mit mir selbst in Einklang.

An besagten stürmischen Abend erinnere ich mich jedoch noch aus einem anderen Grund. Es war so windig, dass meine Laterne hin und her schwankte, bis sie schließlich Feuer fing.  Die Laterne fiel auf den Bürgersteig; und mit meinen olivgrünen Turnschuhen trat ich darauf, um das kleine Feuer zu löschen. Aus der Narrativitätstheorie wissen wir, dass uns die Erinnerungen oft täuschen. Wahrscheinlicher ist, dass der Wind das Kerzenlichtchen ausgeblasen hat, und die Laterne nicht wirklich brannte. Doch weiß ich noch genau, wie sie aussah, meine Laterne, und wie ich mich über sie gefreut hatte.

Weil nun also in zwei Tagen das Laternenfest gefeiert wird, möchte ich heute darüber sprechen. Über das Licht – und über die Dunkelheit, denn auch für ein dunkles Gedenken ist heute der Tag.

Durch die Straßen auf und nieder, leuchten die Laternen wieder.

Rote, gelbe, grüne, blaue,

lieber Martin komm und schaue!

Wer ist Martin? Martin von Tours, später der heilige Martin, war es, der durch sein Handeln den Anlass zum Feiern des Laternenfestes gab.

Martin war ein römischer Soldat, der im vierten Jahrhundert in Frankreich diente. Als er eines kalten Wintertags in seinem roten Umhang über einen Marktplatz ritt, sah er einen Bettler auf dem eisigen Boden sitzen. Martin zog die Zügel an, hielt inne und stieg von seinem Pferd. Schnell zog er sein Schwert aus der Scheide und schnitt den warmen Umhang in zwei Teile. Einen Teil behielt er für sich selbst. Den anderen  gab er dem Bettler; doch als ihm dieser danken wollte, war Martin schon wieder auf sein Pferd gestiegen und davon geritten.

Die Geschichte geht noch weiter, doch der Rest ist für uns hier heute unerheblich. Im Angedenken an diesen Martin basteln die Kinder also überall in Deutschland Laternen und ziehen durch die Straßen ihrer Stadt. Sie bringen Kekse und Bretzeln mit sich, die sie mit anderen, fremden Kindern und Erwachsenen teilen.

Eine ganze Nation von Kindern gedenkt eines Menschen, weil er seinen Mantel geteilt hat; gedenkt ihm mit einem kleinen, unter Mühe und Aufwand mit ihren noch unbeholfenen Händchen hergestellten Lichtlein, um zu zeigen, dass dieser Mensch Licht in unsere Welt gebracht hat, indem er etwas Gutes tat.

Ich liebe dieses Fest in seiner einfachen Aussagekraft.Ohne das Austeilen von Geschenken, ist es kaum kommerzialisierbar, und ist nicht mehr als ein Spaziergang durch den dunklen Abend des Herbstes, mit einem kleinen Lied. Das Laternelaufen birgt ein Geheimnis, denn wie bei Sturm und Regen verbindet sich auch hier das Innere mit dem Äußeren. Das Licht unseres Herzens oder unserer Seele wird sichtbar in dieser kleinen Laterne. Die Liebe, die in uns wohnt, einfach so, scheinbar vollkommen ohne Anlass, wird repräsentiert durch dieses kleine Licht. Das Licht ist gleichermaßen die Liebe und die Mitmenschlichkeit; die Laterne eine Realisierung der Metapher. Das Fest vermittelt eine Vision von Welt, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen verständlich ist. Die Welt wird besser, oder erträglicher, wenn wir Gutes tun. Dann scheint, oder leuchtet, unser Inneres nach außen und wir werden irgendwie ganz. Und wieder entsteht durch die Einheit des Innen und des Außen ein Gefühl von Wohlsein. Dazu brauchen wir vielleicht keine Religion. Wir wissen, was „Gutes tun“ heißt. Hierfür sind wir mit Spiegelneuronen ausgestattet. Doch weil sie ausgeschaltet werden können, verschüttet unter erlebten Boshaftigkeiten oder gar Grausamkeiten, hat Gott uns nochmal vorsichtshalber in all seinen Schriften gesagt, was wir tun sollten, damit die Welt eine bessere wird. Hierfür gibt es besonders im Koran klare Anweisungen. Das ist sozusagen eine seiner Stärken. In der Bibel steht, wir sollen unseren Nächsten lieben. Im Koran steht noch einmal ganz genau, was dazu gehört. Dies führte allerdings unter manchen von uns Muslimen zu einer Art Missverständnis, das es zu bedenken gilt, oder zu einer Art Unzulänglichkeit.

Im Koran steht genau aufgelistet, was wir tun sollen, damit die Welt eine bessere wird; nämlich beispielsweise, dass und wie wir die Waisenkinder versorgen sollen und die Eltern, wenn sie alt sind. Dort steht etwas von Morgengabe, um Frauen nach der Scheidung versorgt zu sehen.

Dort steht, dass wir Zakat entrichten müssen, um von dem zurück zu geben, was uns gegeben wurde, dass wir Opfer bringen sollen, Schafe oder Geld, damit andere nicht hungern, und dass wir fasten sollen, um uns zu reinigen, und beten.

Auf diese Weise bringt man die Ressourcen an die richtigen Stellen.  Alle diese Tätigkeiten sind wichtig und ehrenhaft, bringen Licht in die Welt, und dürfen nicht gering geschätzt werden. Sie sind im Koran als Anweisungen formuliert, für diejenigen Menschen, die sich Gläubige nennen und die hoffen, nach dem Tod ins Paradies zu kommen, an einen guten Ort, frei von Unrecht und Leid.

Vielleicht kennen wir solche Menschen, die alles richtig machen; die alles zahlen, mit ihrem Geld, und die großen, wichtigen Gebote erfüllen. Man sieht, wie gut sie sind und kann quantitativ nachweisen, wie sie die Welt verbessern. Und dennoch gibt es hier noch eine Kleinigkeit hinzuzufügen.

Die folgende Geschichte mag uns beim Reflektieren helfen:

Als eines Tages ein rechtschaffener Mann, der nur Gutes getan und alle Gebote stets erfüllt hatte, verstarb und nun vor Gott stand, fragte ihn dieser, auf welcher Bemessungsgrundlage er in den Himmel kommen wolle – auf der Grundlage seiner unendlich vielen guten Taten, oder auf der Grundlage von Gottes Gnade. Der Mann überlegte nicht lange, denn er hatte in der Tat so viel Gutes getan, dass ihm der Weg ins Paradies sicher sein musste. So sagte er, „auf der Grundlage meiner Taten“. Dies war ein Fehler. Er kam, so erzählt uns die Geschichte, nicht ins Paradies.

Das Missverständnis ist dies, dass die ganzen guten Taten ausreichen könnten; doch die Menschheit braucht mehr.  Diese „Mehr“ verbirgt sich in der Martinsgeschichte gewissermaßen in der Geschwindigkeit. Martin hatte nämlich seinen Entschluss so schnell gefasst und seine Handlung so prompt ausgeführt, dass sie praktisch eins waren – Entschlussfassung und Handlung. Wir erinnern uns. Er ritt davon, bevor sich der Bettler bei ihm bedanken konnte.  Der Abstand zwischen Entschlussfassung und -ausführung, ist ein Indikator für die Wucht unserer Empfindungen, dafür, wie stark wir innerlich bewegt sind. Martin hatte es offensichtlich nicht ertragen, den armen Menschen dort sitzen zu sehen und war von Mitleid dermaßen überwältigt worden, dass er intuitiv Gutes tun wollte, oder vielleicht musste, unbedacht aller möglichen Konsequenzen. Das hat mit dem Erfüllen rational durchdachter Anweisungen aus göttlichen Schriften nur bedingt zu tun. Er ging nämlich nicht los, um für den Bettler einen Mantel zu kaufen. Er ging nicht nach Hause, holte drei Goldstücke und gab sie dem Bettler. Er sammelte nicht in einer Spendenaktion für die Armen, und er gab nicht seinen ganzen Umhang, um sich anschließend einen neuen zu besorgen. Um nicht missverstanden zu werden – dies alles wären auch gute Entscheidungen gewesen. Doch Martins Entscheidung war nicht rational, sondern geprägt von einem innigen, spontanen, drängenden Gefühl der Liebe zu einem anderen Menschen. Wir nennen es auch Barmherzigkeit, Rahme. Und auch hierzu sind wir angehalten. Dies ist ein Abbild der Liebe Gottes zu uns. Auf diese Weise wird sie vollständig, die Erfüllung der Anweisungen. Manchmal tritt dieses Gefühl der Mitmenschlichkeit zurück hinter die Regeln und Anleitungen. Dann ist es gut, diese dennoch zu erfüllen. Gleichsam ohne Empfindungen, aber mit dem Wissen, dass man etwas Gutes bewirkt. Doch manchmal fühlen wir uns direkt gerührt. Es ist ein gutes Gefühl, und wir sollten es nähren. Wird es im Alltagsgeschehen verschüttet, verschwindet unter Arbeit, Einkäufen und Erledigungen, dann brauchen wir Ruhe und Zeit, damit es wieder seinen Weg an unsere innere Oberfläche findet, das Gefühl der Liebe für unseren Nächsten.

Das Gegenteil von Licht und Helligkeit ist die Dunkelheit. Das Gegenteil inniger Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gnade sind der Hass und die Verachtung. Heute, am 9. November, denken wir an die  Reichspogromnacht. Bei all dem zerbrochenen Glas, dessen kristallene Splitter durch den trügerischen Sonnenschein der folgenden Tage vielleicht gefunkelt haben mögen, ist es eine Nacht furchtbarer Dunkelheit. All die kleinen Lichter, die die Welt erleuchteten, mussten sich nun versteckten und viele von ihnen erloschen ganz. In vielen Herzen erlosch das vielleicht wertvollste Licht der Hoffnung.

Vor Jahren sah ich einen Dokumentarfilm, zusammengeschnitten aus real gefilmten Begebenheiten der 1940er Jahre im Warschauer Ghetto zeigt zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Sie waren so klein, sie hätten mit ihren Lichtchen singend durch die Straßen laufen sollen. Sie hatten keine Angehörigen, keinen einzigen. Während sie allein auf dem kalten Bürgersteig saßen, hofften sie auf eine Kleinigkeit zu essen. Doch im ganzen Ghetto gab es kaum ein Stück Brot. Keiner gab ihnen etwas. Nach einer Weile fiel der kleine Junge um und starb. Er fiel einfach um.  Das Mädchen blieb regungslos sitzen. Ich stellte mir vor, wie es am Abend alleine nach Hause gehen und niemanden mehr vorfinden würde, der es versorgen könnte. In der Dunkelheit der Nacht würde es sich selbst beweinen und mit sich die ganze Welt aller verlassenen Kinder und all derer, die einmal Kinder waren, würde all jene beweinen, die hungrig ins Bett gingen, oder deren Angst vor der Dunkelheit im Inneren der Menschen ins Unermessliche stieg.

Das Dunkel umfasst uns manchmal persönlich in Form einer kleinen Dunkelheit im Alltag unseres behüteten Daseins – aber unter Umständen auch vollkommen und groß, gleichsam ohne Ausweg und gänzlich ohne Hoffnung auf ein baldiges Licht. Immer ist sie schrecklich. Doch die Ausweglosigkeit ist wohl das Schlimmste.

Zu jeder Zeit braucht Gottes Schöpfung ein Licht. Wir sind aufgefordert, dieses Licht zu sein; das in uns wohnende Licht scheinen zu lassen durch unsere Mitmenschlichkeit.

Versorgt die Waisenkinder! Im Koran steht es immer wieder. Es steht stellvertretend für alles Gute, was man an denen tut, für die es nötig ist.

In Sure 4:6 lesen wir exemplarisch

„Und prüft die Waisen, bis sie das Heiratsalter erreicht haben. Und wenn ihr an ihnen Besonnenheit feststellt, so händigt ihnen ihren Besitz aus. Und verzehrt ihn nicht maßlos, ihrem Erwachsenwerden zuvorkommend. Wer reich ist, der soll sich enthalten; und wer arm ist, der soll in rechtlicher Weise davo zehren. Und wenn ihr ihnen dann ihren Besitz aushändigt, so nehmt Zeugen vor ihnen. Doch Allah genügt als Abrechner.“

In 89:17-20 spricht Gott über Menschen, die sich nicht an seine Gebote hielten:

„Keineswegs! Vielmehr behandelt ihr die Waise nicht freigiebig und haltet euch nicht gegenseitig zur Speisung des Armen an, und ihr verzehrt das Erbe, ja ihr verzehrt es ganz und gar!“ Gemeint ist wohl das Erbe der Waisen, das sie brauchen, um zu überleben.

Die Botschaft, wie wir Licht in die Welt bringen, ist deutlich formuliert.

Als Sankt Martin am Abend des Geschehens nach Hause kam, hatte er einen Traum. Im Traum erschien ihm Jesus mit Martins rotem Umhang und sagte zu ihm: „Was du dem Bettler getan hast, hast du mir getan“.

Für Christen und Muslime gilt hier das Gleiche.

Bei Muslim ist überliefert:

Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: „O Sohn Adams, Ich war krank, und Du hast mich nicht besucht.“
(Der Mensch) wird antworten: „O Herr, wie kann ich Dich besuchen, wo Du (doch) der Herr der Welten bist!“
(Allah) wird sagen: „Wusstest du nicht, dass einer meiner Knechte krank war, und du hast ihn nicht besucht? Wusstest du nicht, dass wenn du ihn besucht hättest, du Mich bei ihm gefunden hättest?” [Muslim]

Man könnte auch sagen, wusstest du nicht, dass ich in jedem Menschen stecke? Und das damit auch meine Liebe in jedem Menschen steckt? In denen, die versorgt werden und in denen, die versorgen.

Die Kinder singen

„ Lasst von uns euch sagen, du sollst ein Lichtlein tragen.“

Wir tragen in unseren Herzen ein Licht. Es möchte nicht dort eingesperrt sein, sondern hinaus in die Welt. Noch einmal: Wenn es scheint, ergibt sich durch die Einheit von Innen und Außen ein Zustand des Wohlseins – für uns selbst,  und für die Anderen. Möge auch der folgende Vers uns Wohlbefinden schenken und uns erinnern, dass wir nicht allein sind, sondern eingebunden in eine wunderbare Schöpfung, deren Teil zu sein uns mit Verantwortung betraut und mit Freude versorgt: Sure 24 (Al Nur), vers 35

„Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne dass das Feuer es berührt hätte. Licht über

Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und Gott weiß über alle Dinge Bescheid.“

Deutsche oder Muslime?

Deutsche oder Muslime?

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“. So zitierte vor einigen Wochen eine Moscheebesucherin ein deutsches muslimisches Schulkind. Und in einem muslimischen Diskussionsforum sagte vor einigen Monaten eine der Rednerinnen: „Für mich steht der Koran über dem Grundgesetz.“ Anlässlich der Feierlichkeiten zum Dritten Oktober möchte ich diese Zitate als Ausgangspunkt meiner heutigen Khutba nehmen.

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“ (Zitat).

Ich stehe hier als Europäerin vor euch und vertrete gewissermaßen qua meiner Sozialisation die europäischen Werte. Ich bin also sozialisiert in europäischen Gesellschaftszusammenhängen, der letzten 50 Jahre.

Zugleich bin ich ganz offensichtlich wie recht viele Konvertiten und Konvertitinnen recht Orientaffin. Konvertitinnen zeigen sich gerne in unterschiedlichen Maßen arabisiert, laufen manchmal gar draußen auf der Straße in der Abaja herum, als wäre es ein selbstverständliches Kleidungsstück in Deutschland. Selbst aufgeklärte Musliminnen, die ganz deutsch aussehen und die sich von traditionellen, gar konservativen, stereotyp „arabischen“ Rollenbildern fernhalten, erkennt man häufig an kleinen orientalischen Accessoires – Ohrringen, gekauft in der Sonnenallee, selbstgefertigten orientalisch anmutenden Stickereien auf der Bluse und dergleichen. Irgend etwas mögen wir an der arabischen Welt. Wir suchen uns auch unsere Partner danach aus. Ein arabisch-muslimischer Partner kommt für so manche von uns eher in Frage als ein deutscher Mann. Die Ursachen liegen vielleicht eher im psycho-sozialen Bereich als in der Religion.

Innerlich hingezogen zu bestimmten Aspekten des arabischen Lebens, oder vielleicht nur einer orientalischen Ästhetik, treten wir gleichzeitig ein für die europäischen Grundwerte.

So vertreten wir beispielsweise mit Selbstverständlichkeit für den Wert der Meinungsfreiheit ein. Mit Blick auf die Diktaturen oder ähnlichen Regierungsformen, wie praktiziert in der Türkei, Syrien, Afghanistan, schätzen wir diesen hier im Grundgesetz verankerten Begriff der Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter.

Ein weiterer essentieller Wert, den wir hier in Deutschland wiederfinden, ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, zumindest der Weg in diese Richtung. Das heißt eigentlich, die Selbstbestimmung. Wir dürfen als Frauen arbeiten, wo und wie viel wir wollen, der Mann kann mit den Kindern zu Hause bleiben, wenn er möchte. Festgefahrene Rollenbilder sind passé.

Wir können heterosexuelle oder homosexuelle Ehen schließen, können uns geschlechtlich umdefinieren, auch umoperieren, und es wird, wenngleich nicht von allen Mitbürgern, so doch vom Gesetz her, akzeptiert und geschützt. Auch hier sind wir nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg.

Freiheit der Meinung und der Lebensgestaltung, sexuelle Selbstbestimmung und vieles mehr sind Grundwerte unserer Gesellschaft, unserer Demokratie – wir erkennen sie als Errungenschaft, die Demokratie. Zurzeit werden diese Werte wieder in Frage gestellt von Deutschen, die behaupten, es gäbe eine erstrebenswerte allein-deutsche Homogenität, oder Identität. Die sogenannte identitäre Bewegung, Nationalisten und Faschisten schreien nicht nur in Chemnitz „Deutschland den Deutschen“. Wir rufen zurück: „Nein danke“ und „wir sind mehr“- Der Integrationsmonitor vom September 2017, von der Welt veröffentlicht, berichtet: „Das Zusammenleben mit Zuwanderern wird in Deutschland überwiegend positiv wahrgenommen. Das ist das zentrale Ergebnis des Integrationsmonitors des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration der im September in Berlin vorgestellt wurde. Über 70 Prozent der Befragten empfanden Zuwanderung als Bereicherung. https://www.welt.de/politik/deutschland/article181557280/Integrationsbarometer-Mehrheit-der-Deutschen-sieht-Migration-als-Bereicherung.html

Zu behaupten, die Multikulturalität wäre gescheitert, ignoriert die vielen Momente, in denen sie zur absoluten Selbstverständlichkeit geworden ist. Das neue Deutschsein, oder einfach das Sein, der Mehrheit beinhaltet das Andere als das Eigene, das bedeutet, es ist gar nicht mehr das Andere – es ist Teil des Eigenen. Das Eigene ohne das Andere, gibt es nicht mehr für uns. Sie sind eins geworden, bedingen sich gegenseitig und machen das Leben reicher, liebenswerter, lebenswerter, froher, gesünder, ehrlicher und Vieles mehr. Die nationale Homogenität ist dabei Teil einer fiktiven Vergangenheit. Es gab niemals eine homogene Gesellschaft und inscha‘ allah wird es sie auch nie geben, denn eine homogene Kultur erreicht man, wenn überhaupt, nur durch eine Diktatur der Angst. Wir trauern den aus der deutschen Geschichte bekannten angstinduzierten gesellschaftlichen Homogenisierungsversuchen nicht nach.

Wir Konvertiten und Kovertitinnen, wir Einwanderer wir hier geborene Muslime sind Bindeglieder und repräsentieren auf vielfältige Weise zugleich das Deutsche und den Islam. Symbolisieren tun wir dies durch Namen wie Ulf Abdullah Meier, oder Sabine AlJamous. Indem wir dann das Gute aus beiden Kulturen zusammenziehen und das Schlechte aus beiden Kulturen verwerfen, lassen wir etwas Neues entstehen. So tun wir dies auch hier in der Moschee. Wir verwerfen von uns als ungünstig empfundene Traditionen und ersetzen sie durch neue, von uns als besser empfundene, ohne dabei die Religion zu verlieren. Nicht die Religion wird verworfen, sondern Aspekte turko-arabischer Traditionen, die für unsere heutige Lebenswirklichkeit sinnlos und störend geworden sind. Was für die Moschee gilt, gilt auch für die Bewegung außerhalb der Moschee – wir schaffen etwas genuin Neues. Diese Neue will nicht die Spaltung, sondern Verbindung. Wir gehören ja zusammen; konservative Mitmenschen, Progressive, solche, deren politische Meinung wir vielleicht nicht teilen mögen, religiöse Traditionalisten… alle haben genau dasselbe Recht auf Meinungsfreiheit. Wir sind eine Gemeinschaft, denn wir teilen ein Schriftstück.

Dieses gesellschaftsverbindende Schriftstück ist das Grundgesetz. Es ist ein aus der Geschichts- und Gesellschaftsreflexion gewachsenes politisches Werk der Formulierung und Wahrung menschlicher Freiheit. Durch das Grundgesetz und die Durchsetzung der hier verbrieften Rechte und Pflichten verhindern wir das sogenannte Recht des Stärkeren. Das Grundgesetz ist die rechtsphilosophische Basis der Einhaltung der Menschenwürde. Doch ist es kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Wir haben ein Grundgesetz und dennoch wurde gerade vor wenigen Wochen in Chemnitz die Menschenwürde verletzt. Der Garant für die Wahrung der Menschenwürde sind allein die Menschen selbst. Die Menschen, die diese Würde zu schätzen gelernt haben, weil ihre eigene Würde gewahrt wurde. Jeder Mensch hier in Deutschland untersteht den Pflichten des Grundgesetzes. Jeder muss seine Freiheiten beschneiden, um die Freiheiten anderer und auch seine eigenen, zu wahren.

Doch das Grundgesetz ist nicht ein Buch der Pflichten. Es ist vor allem ein Buch der Rechte. Jeder Mensch hier in Deutschland, unabhängig von seiner Staatsangehörigkeit, unabhängig von Herkunft, Sprachkenntnissen, Einstellungen, hat ein Recht auf die Erhaltung seiner Würde. Keiner darf geschlagen werden, keiner angeschrien, keiner verletzt, keiner erniedrigt, keiner darf verarmen, keiner darf vertrieben werden, und keiner soll um sich selbst oder gar um seine Kinder fürchten. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wir Muslime in Deutschland bilden ebenfalls eine Gemeinschaft. Wir stehen nicht neben der Deutschen Gesellschaft, wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt wird, sondern wir sind Teil davon, wir sind diese Gesellschaft. Alle Teile dieser Gesellschaft sind diese Gesellschaft. Die Spaltung zwischen Deutschen und Muslimen ist absurd. Wo dieser Gegensatz noch in Köpfen weiter besteht, gibt es ein Missverständnis. Muslime in der Deutschen Gesellschaft sind diese Deutsche Gesellschaft. Sie sind, wie alle anderen, das Volk. Und auch wenn manche Muslime in Deutschland noch keine Staatsangehörigkeit besitzen, sind sie gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft, und sind, wie alle anderen, die Gesellschaft. Denn Gesellschaft definiert sich nicht über den Pass, sondern über den Aufenthaltsort.

Neben dem Grundgesetz teilen wir als Muslime ein weiteres essentielles Schriftstück. Es ist der Koran. Er steht für uns an oberster Stelle unserer Religion, aber er setzt nicht das Grundgesetz außer Kraft. Auf die Sharia gehe ich in einer anderen Khutba ein. Hier sei nur gesagt, der Koran ist kein Gesetzbuch sondern ein Buch des Glaubens und der Religion. Ist das Grundgesetz die rechtsphilosophische Grundlage gesellschaftlichen Lebens, so ist der Koran die religionsphilosophische Grundlage von allem, was den Menschen und seine Umwelt betrifft. Er bildet damit für uns Muslime auch das philosophische Fundament des Grundgesetzes. Eines der wichtigsten Prinzipien, die beide vereint, ist die Gerechtigkeit auf der Basis der Gleichheit. Vor Gott sind wir alle gleich. Dies ist sowohl die Basis der 114 Suren des Korans als auch die Basis der 146 Artikel des Grundgesetzes. „Jeder Mensch“, heißt es dort; und nicht „die Wohlhabenden“ oder „die Gebildeten“. Die beiden Schriften – Grundgesetz und Koran – widersprechen sich nicht.

Koran wie Grundgesetz dienen der Wahrung von Gerechtigkeit und Würde. Aber genau wie unsere Verfassung ist auch der Koran kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Es sind die Menschen, die die Wahrung der Würde von Gottes Schöpfung garantieren. Der Koran stellt den Begriff der Würde in den Mittelpunkt und setzt den Impuls zur deren Wertschätzung. Aus der Summe aller moralischen und sozialen Grundwerte des Koran entsteht eine Haltung, die den Anderen wertschätzt und achtet, die dafür sorgt, dass keiner verarmt, keiner verhungert, keiner getötet wird, Tiere leidfrei gehalten werden, Pflanzen gewässert und Kinder geliebt.

Wo im Koran steht das?

Zuerst steht es am Anfang jeder Sure. Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. Er, Allah, ist der Barmherzige und dies ist sein absolutes Wesensmerkmal. Die Vergebung aller Sünden steht als bekannteste und am häufigsten wiederholte Eigenschaft Gottes an erster Stelle. Sie setzt den Ton des Schriftstückes und wird wieder und wieder im Koran erwähnt. Gott ist barmherzig, allvergebend und voller Gnade.

In Sure 57:9 lesen wir: Gott Er ist es, Der Seinem Diener klare Zeichen offenbart, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausbringt. Und Allah ist wahrlich mit euch Gnädig und Barmherzig.

Der Diener ist Mohammed, der Prophet. An Liebe zu seinen Mitmenschen unübertroffen sollen wir seinem Beispiel folgen.

Der Koran verbrieft die Meinungsfreiheit in der Offenbarung, dass es keinen Zwang im Glauben geben darf. Die Frauen des Propheten Mohamed stritten nachweislich mit ihm und er musste aushalten, wie sie ihm ihre Meinung deutlich kundtaten. Der Koran verbrieft die Gleichberechtigung, indem er ein Erbrecht initiiert, welches nicht nur Männer sondern auch Frauen in Betracht zieht. Ja, es ist nicht ausreichend gleichberechtigt, aber der Impuls ist gesetzt und muss nun von den nachfolgenden Menschen weiter entwickelt werden. Der Garant der Gleichberechtigung sind die Menschen.

Der Koran verbrieft die Speisung der Armen und die Mitmenschlichkeit gegenüber Kindern ohne Eltern und den Alten ohne Kinder, indem er zu deren Versorgung anhält. Auch dieser Impuls wird im Koran gesetzt. Der Garant für ein würdevolles Aufwachsen und ein würdevolles Altern sind die Menschen, die andere versorgen.

Doch brauchen wir hier gar nicht die Einzelheiten aufzuzählen. Keiner von uns kennt ja auch alle 146 Artikel des Grundgesetzes. Nichtmal fünf könnte ich aufzählen, und dennoch habe ich das Gefühl, das Grundgesetz zu kennen – denn ich kenne dessen Geist.

Auch vom Koran kenne ich nicht alle Einzelheiten. Dennoch habe ich das Gefühl ihn zu kennen und seine Botschaft zu verstehen, denn auch hier gilt, ich kenne seinen Geist. Es ist der Geist der Liebe, der Vergebung und der Unterstützung, der Geist des Lernens und des Wissens, der Geist der Freiheit und der Gerechtigkeit.

Das Grundgesetz garantiert uns die freie Ausübung der Religion und deren individuelle Auslegung. Es wird dem Geist des Islam durchaus gerecht. Die Vorstellung, unsere Gesellschaft könne vollständig durch den Koran geregelt werden, mag für einen kleinen Moment erstrebenswert erscheinen. Doch die darauf unweigerlich folgende Frage: „Nach welcher Auslegung?“, zeigt deutlich die Gefahren einer solchen vermeintlichen Errungenschaft auf. Die Trennung von Staat und Religion stellt eine positive gesellschaftliche Entwicklung dar. Das friedvolle, freiheitliche, kreative und entspannte Miteinander braucht einen Rahmen, der von allen Menschen egal welcher Religion oder Ideologie als Mindestrahmen akzeptiert wird. Nur in diesem sicheren Rahmen sind Mitmenschlichkeit und Zuwendung möglich.

Dennoch bilden wir als Muslime eine besondere Gemeinschaft. Wir haben ja bewusst unsere Religion gewählt, bzw. aufrecht erhalten. Das folgende Hadith zeigt auf fröhliche Weise den Geist der Liebe und Zuwendung im Islam. Mohamed bietet einem Mann, der nach eigenem Dafürhalten in Sünde verfallen ist, verschiedenste Möglichkeiten an, bei Gott Vergebung zu finden. Diese Möglichkeiten zeigen seine Zugewandtheit zu den Menschen, die im Koran geschrieben steht und in Mohameds Herz verankert ist, und der zu folgen wir aufgerufen sind. Der Garant der menschlichen Würde ist weder der Koran noch das Grundgesetz, wenngleich beide gemeinsam hierfür den Rahmen bieten. Der Garant des Erhalts der Würde aller Menschen sind wir Menschen.

Abu Huraira berichtete: „Während wir beim Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm, saßen, kam ein Mann zu ihm und sagte: »O Gesandter Allahs, ich gehe zugrunde!«

Der Prophet fragte: »Was ist mit dir passiert?«

Der Mann sagte: »Ich fiel über meine Frau her, während ich noch am Fasten war!«

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte dann zu ihm: »Kannst du einen Sklaven finden, den du freikaufen kannst?«

»Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du zwei Monate hintereinander fasten?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du sechzig arme Menschen speisen?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Da ging der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, für eine Weile weg. Während wir noch da warteten, kam der Prophet mit einem Kübel voll Datteln zurück und sagte:

»Wo ist der Fragende?«

Der Mann sagte: »Ich!«

Und der Prophet sagte zu ihm: »Nimm diese (Datteln) und spende sie!«

Der Mann entgegnete: »Soll ich diese, o Gesandter Allahs, einem anderen Menschen geben, der noch ärmer sein soll als ich? Ich schwöre bei Allah, dass es in der ganzen Wohngegend keine anderen Menschen gibt, die ärmer sind als meine Familie!«

Da lachte der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, dass man seine Eckzähne sehen konnte, und sagte: »Dann speise damit deine Familie!«“

Mögen wir immer gespeist sein, mit Nahrung und mit Freude.

Koran und Thora

Koran und Thora

Immer wieder kommt es zurzeit zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen explizit zwischen Muslimen und Juden. Es sind nicht nur die äußerlichen Zeichen eines Juden, z.B. die Kippa, sondern ebenfalls gedanklicher Hass auf sie, und gerade von Muslimen, die hier bei uns Zuflucht erhoffen. Leider bringen sie das unterschwellige Ablehnen des Judentums aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland. Es sind aber auch Deutsche, die lautstark ihre jüdischen Mitmenschen belästigen.

Der Grund ist wahrscheinlich die Auslegungen des Korans, eine Unkenntnis der Geschichte im Orient, eine uralte Abneigung, das von Generation zu Generationen weitergegeben wurde. Dabei haben Juden und Muslime außerordentlich viel gemeinsam. Jedoch meinen sie, dass ihre Religionen unähnlich seien und kaum Gemeinsamkeiten hätten. Durch die Medien wird dieses Dilemma noch gesteigert, sodass sie einander feind gegenüberstehen. Man fragt sich, wer hat davon Nutzen? Meistens diejenigen, die die Macht haben, die Zeitungen als Sensationsmacher.

Die einfachen Muslime und sicher auch Juden werden zu wenig aufgeklärt, dass sie viele religiöse Gemeinsamkeiten haben.

Die Geschehnisse der letzten Zeit haben mich auf den Gedanken für eine Verarbeitung zu dieser Khutba gebracht, um die Grundwerte beider Religionen nebeneinander zu stellen.

Die grundlegendste Gemeinsamkeit beider Religionen und dem Christentum ist ihr monotheistischer Glaube an den Einen Gott, auch wenn sie verschiedene Namen für Ihn haben. Die einen sagen Jahwe, die anderen Allah, den Einen, wiederum andere hier in Deutschland nennen Ihn Gott.

Die Juden zitieren als Teil ihres täglichen Gebetes. „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“

Der jüdische Philosoph Maimodes aus dem 13. Jahrhundert sagte: „Gott ist einer. Er ist nicht zwei oder mehr, sondern einer, vereinigt auf eine Weise, die jede Einheit in der Welt übersteigt.“

Klingt das in unseren Ohren als sehr bekannt? Im ersten Teil unserer Schahada, dem muslimischen Glaubensbekenntnis, heißt es: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.“

Allah bedeutet „der Eine“, ich nenne Ihn auch Gott.

Auf der einen Seite, der jüdischen: „Gott ist einer“- auf der anderen Seite, der islamischen: „kein Gott außer Allah“

Im ersten Vers der Sure „Al-Ikhlas“ heißt es: Sprich: „Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der Absolute…“ Und beide Religionen meinen den Einen, den Gleichen! Also dürften beide Religionen gar nicht so unüberbrückbar sein, wie man es doch immer wieder hinstellt.

So gibt es viele weitere Stellen in beiden Schriften, die ähnlich klingen, so in der hebräischen Bibel: „Gott schuf die Himmel und die Erde.“ Und nun die Aussage im Koran Sure7: 54: „Gewiss, euer Herr ist Allah, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen schuf.“

Die Thora ist bei den Juden gleichermaßen das wertvollste Buch, da sie ebenfalls von Gott stammt. Ihr Zentrum sind die 10 Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfing. In den Büchern stehen die Gebote und Lehren und das, woran die Juden glauben. Und das wird expliziert im Koran bestätigt. In der Sure 3: 3-4 können wir lesen: „Er sendet dir das Buch mit der Wahrheit in Teilen herab als Bestätigung der früheren Offenbarungen. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt vordem als Rechtleitung für die Menschen.“

Also der Koran bestätigt ganz genau, dass die Schriften der Juden und Christen ebenfalls göttlichen Ursprungs sind. Der Islam mit seinem Koran ist zwar der Höhepunkt der Herabsendungen, weist aber auch darauf hin, dass die Thora und die Evangelien derselben göttlichen Ursprungs sind. Für die damaligen (und das gilt wohl auch heute) Muslime muss das wohl ein Schock gewesen sein. Denn das setzt ja voraus, dass sie auf gleicher Ebene stehen, Jude, Christ und Muslim.

Die mündlich überlieferten Geschichten über Moses liegen zwischen dem 10. Und 6. Jahrhundert vor Chr. Man glaubt, das ein Team jüdischer Priester die 5 Bücher Mose im 5. Jh. vor Chr. zusammengestellt hat, wahrscheinlich 800 Jahre nach der Zeit, in der Mose gelebt haben könnte.

So wie Moses mit den 10 Geboten im Koran erwähnt wird, werden viele andere Propheten, die vor dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, im Koran erwähnt und verehrt. Sie stehen in einer langen Reihe, die die Botschaften von Gott zu ihrer jeweiligen Gesellschaft und in der jeweiligen Zeit gebracht hatten. Die Sure 2:136 besagt. „Wir glauben an Gott und an das, was uns herabgesandt worden ist und was Abraham, Israel, Isaak, Jakob und den Stämmen Israels herabgesandt wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied und Ihm sind wir ergeben.“

Wie oft habe ich gehört: Unser Prophet, Friede und Segen seien auf ihn, ist das Siegel, der letzte Prophet und steht deshalb an der Spitze der Propheten. Deshalb ist auch der Islam die höchste Religion, das heißt: Sie steht über alle anderen.

Nein, jeder Prophet hat seine Richtlinien, seine Sendung zu einem ganz bestimmten Volk und zu seiner ganz bestimmten Zeit bekommen. Die Zeiten und die Menschen verändern sich, deshalb muss auch die Botschaft auf dem jeweils neuesten Stand gebracht werden. Sie sind alle gleichberechtigt. Muhammad war nur der letzte in der Reihe der Propheten.

Der Islam und der Judaismus teilen sich gemeinsame Ansichten über das Jüngste Gericht und die Auferstehung. Die jüdischen Schriften sagen aus: Nach dem Tod sitzen die Seelen der Rechtschaffenen neben dem Thron der Ehre im Himmel, während der Koran in Sure 89:27-30 sagt: „O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Herrn, wohlzufrieden und mit Allahs Wohlwollen. So schließ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies.“ Das heißt: Der Muslim und der Jude glauben an das Jüngste Gericht und daran, dass seine Seele mit Gottes Erbarmen ihren Platz im Paradies finden wird.

Der muslimische Glaube ist auf 5 Säulen aufgebaut. An erster Stelle steht im Islam das Glaubensbekenntnis, was ich schon genannt habe und dass es ein ähnliches Bekenntnis in der jüdischen Religion gibt.

Ebenso ist von zentraler Bedeutung in beiden Religionen das Gebet. Wir beten 5x am Tag, die jüdischen Gläubigen 3x. Die Gebete sollen uns auf der einen Seite an die ständige Anwesenheit von Gott erinnern, bzw. wir sollen uns an Gott erinnern. In den Gebeten loben wir Gott und bitten Ihn und danken Ihm.

Unsere 3. Säule ist Zakat, die soziale Pflichtabgabe. Sie ist als Unterstützung von Bedürftigen gedacht. Sie fördert einerseits die soziale Sicherheit und das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Sie ist deshalb ein wichtiger Bestandteil jeder islamischen Gesellschaft, da sie jedem Menschen die Lebensgrundlage sichert, ohne dass sich der Empfänger jemandem verpflichtet fühlen muss. Andererseits wird diese Abgabe auch als eine Art innere Reinigung angesehen. Im Koran, Sure 2:177 steht: „…und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es selbst wertschätzen mag – für seine Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

Genauso ist die Zedaka, die Wohltätigkeit gegenüber den Bedürftigen, eine der höchsten Werte im Judentum. Im Leviticus, das ist das 3. Buch des jüdischen Tanachs, oder das 3. Buch Mose, steht: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Diese wenigen Sätze erklären sehr gut, wie die Wohltätigkeit der früheren jüdischen Gesellschaft funktionierte.

Ebenfalls ist beiden Religionen das Fasten vorgeschrieben, wenn auch mit unterschiedlicher Dauer.

In beiden Religionen bedeutet es eine innere Einkehr und Besinnung für jeden einzelnen Muslim oder Juden.

Juden fasten an Jom Kippur, d.h. am 10. Tag des siebenten Monats, dem Tag der Versöhnung. Gott fordert von seinem damals auserwählten Volk zur Einhaltung seines Gesetzes des Fastens und der Ruhe auf. Juden bekennen an diesem Tag ihre Sünden und bitten Gott um Vergebung. Sie fasten durchgehend 25 Stunden, vom Sonnenuntergang bis Einbruch der Nacht (etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang) des folgenden Tages. Bis dahin darf weder feste noch flüssige Nahrung eingenommen werden. Wir fasten im Monat Ramadan vom Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. Und ebenfalls bitten wir Gott um Vergebung und Barmherzigkeit.

Genauso legen beide Religionen Wert auf das religiöse Pilgern. Als der jüdische Tempel in Jerusalem stand, wurden sie aufgefordert, während der Wallfahrtsfeste dorthin zu pilgern. Heute erinnert in Jerusalem nur noch die Westmauer an das zerstörte Heiligtum der Juden. Heute pilgern, besser „besuchen“ die jüdischen Gläubigen nur noch ihre sogenannte Klagemauer als ein religiöser Brauch.

Die Riten der islamischen Pilgerreise stammen noch aus vorislamischer Zeit, als die Kaaba, ihr Mittelpunkt, ein polytheistischer Wallfahrtsort war. Sie wurde der islamischen Lehre nach von Abraham und seinem Sohn Ismael, der, wie ihr wisst, als Stammvater der Araber gilt, als Haus Gottes und der Menschen gebaut. Vielleicht begann damals schon die Umrundung der Kaaba?

Aber noch ein Element in beiden Religionen ist wichtig. Wir finden sie in der Basmala und an vielen Stellen im Koran: Gott, Allah ist der Barmherzigste und der Allerbarmer. Und bei den Juden heißt es im Ezodus34, 6-7: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg.“ Beide, Jude oder Muslim verlassen sich auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, auf Seine Führung durch den Koran und den hebräischen Schriften Und Gottes Beispiel folgend werden wir ebenfalls aufgefordert, zu vergeben, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu handeln, das Richtige zu tun. Und der mittelalterliche jüdische Maimonides sagte: „Es ist einem Menschen verboten, grausam zu sein und sich der Versöhnung zu verweigern. Wenn ein Mensch, der ihm ein Übel getan hat, ihn um Vergebung bittet, sollte er ihm aus vollem Herzen und willigem Geist vergeben.“

Und der Koran betont. „Allah liebt, die da Gutes tun.“

Es gibt bestimmt noch etliche Aussagen in beiden religiösen Schriften, die als übereinstimmend betrachtet werden können.

Gott hat immer wieder Propheten geschickt, zu allen Zeiten, zu unterschiedlichen Gesellschaften, aber ihre Botschaften waren dieselben, nur Zeit und Ort waren unterschiedlich, da sich ja auch die Menschen in ihrer Gesellschaft geändert haben. So ähneln sich beide Schriften und wenn man über die Aussagen von Gottes Worten nachdenkt, so haben sie sich nie geändert.

Toleranz im Islam

Toleranz im Islam

In unserer heutigen Gesellschaft ist Toleranz ein wichtiges Thema und wird z.B. diskutiert in Zusammenhang mit Religiosität, sexuellen Neigungen, kulturellen Unterschieden und prinzipiell Andersdenkenden. Als Begriff wird es erst seit der Zeit der Aufklärung verwendet.

Was ist also Toleranz? Toleranz – man kann auch Duldsamkeit sagen – ist allgemein ein Gewähren lassen anderer oder fremde Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.

Tolerant sein bedeutet duldsam, nachsichtig, großzügig sein. Dabei wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen, und der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder.

Intolerant bedeutet dementsprechend unduldsam, keine andere Meinung oder Weltanschauung als die eigene Meinung gelten lassend.

Als Steigerung der Toleranz gilt die Akzeptanz, die gutheißende, zustimmende Haltung gegenüber einer anderen Person und ihrem Verhalten oder gegenüber einer anderen Religion und das Annehmen als höchste Stufe oder das Ablehnen.

Es ist eine wunderbare Eigenschaft eines Menschen, tolerant zu sein. Ein toleranter Mensch besitzt Weisheit und benutzt sein Verständnis und seine Sinne mit offenen Augen.

Hören wir erst einmal, was die „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ der UNESCO von 1995 aussagt:

Artikel 1 sagt aus: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“

Tolle Worte!

Toleranz wird also gegenüber anderen Meinungen und Ideen, aber auch Menschen anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung und Religion, Ethnie, Weltanschauung, Herkunft, Abstammung, gegenüber Menschen jeder Nationalität und jeden Geschlechts, jeden Alters und jeder Behinderung ausgeführt. Kurz: Toleranz wird geübt, wer Teil der Mehrheit einer Gesellschaft oder einer Gruppierung ist und Toleranz genießt, der restliche Teil es nicht ist.

Aber ist das wirklich so einfach?

Es gibt unterschiedliche Bedeutungen von Toleranz. Aber es gibt einen Kern des Begriffs: Wir tolerieren nur Dinge, die andere tun oder sagen, wenn das, was sie sagen oder tun, uns stört, mehr noch: Wenn wir da etwas falsch dran finden.

Es geht um die gegenseitige Anerkennung in einem Konflikt. Das geht folgendermaßen vor sich: Erstens: Man hat ein Problem mit dem, was andere tun oder denken. Zweitens: Es gibt Gründe, die dafür sprechen, es dennoch zu tolerieren bis, drittens, eine Grenze der Toleranz erreicht ist oder das Problem wird angenommen, es löst sich als Problem auf.

Tolerieren kann ich eigentlich nur das, was da ist und mir missfällt, womit ich ein Problem habe. Also ist Toleranz eine Haltung, etwas zu dulden, was ich eigentlich falsch finde.

Das Gegenteil ist, wenn ich an dem, was andere tun oder denken, nichts auszusetzen habe und das gern als etwas Bereicherndes begrüße, oder wenn das, was die anderen tun, mir egal ist, dann ist das keine Toleranz, wird aber oft mit Toleranz verwechselt.

Unser Wissen voneinander alleine reicht nicht, um Toleranz zu üben. Wir müssen uns gegenseitig besser kennenlernen, um Vorurteile abzubauen und breite Brücken der Verständigung aufbauen. Das kann z.B. ein interreligiöser Dialog für das gegenseitige Verständnis sein. Aber dazu müssten die religiösen Führer der Religionsgemeinschaften diesen Dialog beginnen bzw. vorantreiben, um Vorbilder für die Gemeinden zu werden. Werden sie für diesen Dialog aktiv, setzt sich das bei den einfachen Mitgliedern, bei den einfachen Menschen weiter fort. Wie ich schon vorher betonte, ist Wissen, Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung von entscheidender Bedeutung. Wenn sich jemand nur leiten lässt ohne sich selbst zu bemühen, der macht nur das nach, was ihm vorgelebt oder gesagt wird. Und oft ist das kein Tolerieren des Anderen, der anderen Religion. Man bleibt zu starr auf das Vorgelebte seit Jahrhunderten. Dennoch, der Gedanke der Toleranz ist aber ein wesentlicher Bestandteil unserer Religion.

Toleranz ist jedoch die Vorbedingung einer friedlichen, theoretischen, Auseinandersetzung um konkurrierende Wahrheitsansprüche.

Wo kann Toleranz z. B. sein? Während die einen die Beschneidung tolerieren, halten andere sie für intolerant. Die einen sind für die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, andere sehen das wiederum als intolerant an, sie wollen für sie keine gleichen Rechte wie bei einer Ehe von Mann und Frau.

Anderes Beispiel: Die Meinung oder Handlung einer Freundin gefällt mir nicht, das heißt, sie stört mich, ich mag sie nicht, ich lehne sie sozusagen ab. Aber ich mag meine Freundin, also, sollte die Handlung nichts Schlimmes bewirken, kann ich sie tolerieren. Ich mag ihre Handlung nicht, aber ich toleriere sie. Komme ich damit klar, kann ich ihre Handlung, ihre Meinung akzeptieren, weil meine Freundin mir Gründe für ihre Handlung nennt. Es tritt also von meiner Seite eine Akzeptanz hinzu oder wenn das Negative überwiegt, die Zurückweisung als Grenze der Toleranz.

Im religiösen Sinn kann ich eine mir fremde Religion ablehnen, aber im Geiste des Friedens toleriere ich sie. Genauso ist es, wenn man sich auf Menschenrechte oder auf das Recht auf Religionsfreiheit beruft. Ich muss ja keine andere Religion annehmen, aber ich kann die Menschen, die an sie glauben tolerieren.

Die Toleranz kann demnach eine staatliche Haltung sein, die Minderheiten die Erlaubnis gibt, ihrem Glauben gemäß zu leben – und zwar in dem Rahmen, den die Erlaubnis gebende Seite allein festlegt. Alle drei Komponenten – Toleranz, Akzeptanz und Zurückweisung – sind in der Hand der Obrigkeit, und die Tolerierten sind als Bürger zweiter Klasse markiert und geduldet – und auf den Schutz durch den Gesetzgebenden angewiesen. Dies war die Toleranzvorstellung während der goldenen Jahrhunderte im Islam oder in Andalusien vor der Reconquista. Aber dennoch hatten z.B. die Wissenschaftler eine hohe Stellung, egal ob sie Juden, Christen oder Sabäer waren.

Die Gelehrten hatten sich damals öffentlich zu regelmäßigen Diskussionsrunden gestellt. Jeder hatte seine Meinung, seine Vorstellung zu wissenschaftlichen oder religiösen Themen vorgestellt, um darüber mit anderen Gelehrten oder mit dem Publikum zu diskutieren. Der nächste Redner stellte vielleicht seine ganz entgegengesetzte Meinung vor. Egal, wie hart sie stritten, am Ende gingen sie friedlich auseinander. Sie tolerierten die Meinung der anderen, ein Toleranzzeitalter.

So zumindest wünsche ich es auch für die heutigen Gemeinschaften, sich zusammenzusetzen, jeder Ansicht anzuhören, akzeptieren oder nur tolerieren. Es geht doch dabei um die heutige Menschheit und deren Zukunft, die nur im friedlichen Miteinander leben kann.

Zum Tolerieren gehören mindestens 2 Personen. Auch mein Gegenüber muss mich zumindest tolerieren. Toleranz und Akzeptanz kann man nur ausüben, wenn man ebenso toleriert und akzeptiert wird. Das vergisst man einfach zu oft. Mein Gegenüber findet mich ja genauso fremdartig, wie ich ihn.

Dabei ist tolerieren nicht gleich tolerieren. Viele Leute tolerieren z.B. den Flüchtling als leidgeprüfter Mensch, aber als Person, die dem Staat Geld kostet, wo bleibt da oft die Toleranz?

Toleranz ist meist dort, wo mindestens 2 Personen zusammen sind. Auch in unserer Moschee muss mindestens Toleranz herrschen, jeder muss seine Meinung, Vorstellung von einem islamischen Leben auf den Tisch bringen dürfen. Man kann darüber diskutieren und nachdenken und auch bei einer Akzeptanz sich einigen.

Es gibt hier in Deutschland eine Menge liberaler Religionswissenschaftler, aber ich habe einfach das Gefühl, jeder kämpft für sich allein, fühlt sich vielleicht sogar als der mit der „richtigsten“ Meinung. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich in ihren Büchern oder Schriften lese, wie sie sich gegenseitig herabwürdigen und auf ihre richtige Meinung oder auf ihre Auslegung bzw. Interpretation des Koran bestehen. Eigentlich wollen sie doch alle dasselbe: einen offenen, toleranten Islam. Vielmehr würde ich sie auf einer Plattform für einen liberalen Islam sehen, anstatt sich gegenseitige Vorwürfe oder einfach Nichtakzeptanz üben. Sie können gemeinsam, auch mit unterschiedlichen Meinungen, viel mehr bewirken, wenn sie eine gemeinsame Diskussionsform finden, an der man sich halten kann. Es ist gut so, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, es bereichert unser Leben. Nur so können wir liberal denken, stark sein gegenüber den orthodoxen Gemeinschaften und Religionsgelehrten.

Am Ende muss ich feststellen, dass ich nicht weiß, in wieweit meine Khutbas toleriert, akzeptiert und angenommen werden. Sie vertreten meine Meinung. Aber man kann darüber reden.

Gemeinschaft im Islam

Gemeinschaft im Islam

Unter der Obhut Allahs, der Göttlichen Barmherzigkeit, der göttlichen allumfassenden Gnade.

Alles Lob gebührt Allah. Wir preisen Gott, wir suchen Gottes Rechtleitung und Gottes Barmherzigkeit. Und wir suchen Zuflucht bei Allah vor unserer Schwäche und vor unseren Fehlern. Wen Allah leitet, den kann niemand in die Irre führen. Und wen Gott in die Irre führt, den kann niemand auf den rechten Weg bringen. Wir bezeugen, dass es niemanden gibt, der unserer Verehrung würdig ist außer Gott, der einen Göttlichkeit, die einzig ist und die keinen neben sich hat. Und wir bezeugen, dass Mohammed der Diener und Gesandte Allahs ist.

„Die Umma ist immer für Dich da, Bruder!“, höre ich immer wieder. „Die Umma sorgt schon für Dich“, hat man mir mehrfach versprochen. Und ich habe auch gelesen: „Die Umma ist die gesamte Gemeinschaft der Muslime.“

Das ist eine tolle Vorstellung: Eine weltweite Community, bestehend aus 1,7 Milliarden Muslimen, in der die Menschen miteinander gut umgehen und füreinander sorgen. Die Idee, dass wir Muslime alle quasi Brüder und Schwestern zueinander sind, ist ungeheuer ansprechend.

Wenn es denn so wäre.

Muslime sind auch nur Menschen, und als solche gab und gibt es unter ihnen jede Menge Zwist und Auseinandersetzungen und Streit und Ärger und auch Krieg. In Dutzende und Aberdutzende einzelne Strömungen, Rechtsschulen und Gruppen haben sich die Muslime seit dem Tod des Propheten Mohammed (Friede sei auf ihm) zerstritten. Von einer einzigen Gemeinschaft, einer einzigen Umma, fehlt scheinbar jede Spur.

Wir als Gemeinde der Ibn Rushd-Goethe Moschee merken das ganz besonders. Zustimmung oder Kritik an unserem Wirken kommt aus den unterschiedlichsten Lagern und Gruppierungen, die sich teilweise auch nicht einig sind über ihre Positionen und Ansichten.

All das hat mich bewogen, mich einmal näher mit der Idee von Gemeinschaft und Gemeinschaften im Islam zu beschäftigen.

Zu Zeiten des Propheten Mohammed gab es verschiedene Vorstellungen von der „Umma“, einem Begriff, den wir üblicherweise mit „Gemeinschaft“ übersetzen.

Er bezeichnete Gruppen von Menschen, die aufgrund einer Gemeinsamkeit zusammengehörten. Der Qur’an nimmt Bezug auf verschiedene Gemeinschaften, so auch zum Beispiel die der Christen, aber auch solche der Tiere und der Dschinn.

In Medina wurde der Begriff für die Anhänger Mohammeds aus Mekka und Medina und die mit ihnen verbündeten Clan-Gruppen verwendet. Mohammed schloss nach seiner Ankunft in Medina im Jahr 622 einen Bündnisvertrag zwischen den Auswanderern aus Mekka und seinen medinensischen Unterstützern, in den dann auch verschiedene jüdische Stämme integriert wurden. Dieser „Verfassung von Medina“ wird auch gern als „Gemeindeordnung von Medina“ bezeichnet. Am Beginn dieses Vertrags wird festgestellt, dass „die Gläubigen und Muslime der Quraisch und von Yathrib (also Medina) und jene, die ihnen folgen, mit ihnen verbunden sind und zusammen mit ihnen kämpfen“ und damit, dass sie eine „einzige Umma“ (umma wāida) bilden.

Der Vertrag schloss also jüdische Clan-Gruppen ein. Der Begriff „Umma“ war daher seinerzeit kein rein religiös festgelegter. Das kam dann erst später im Laufe der islamischen Geschichte und inzwischen hat „Umma“ auf der arabischen Halbinsel sogar auch einen arabisch-nationalen Charakter unabhängig vom Islam als Weltreligion.

In Deutschland wird „die Umma“ – so mein persönlicher Eindruck – als idealisierte Gesamtgruppe muslimischer Menschen empfunden, zu der man* als Muslim*in eine Zugehörigkeit und Aufgehobenheit fühlen sollte, der man* aber auch zu Konformität verpflichtet ist. Die Regeln dieser „Umma“ werden sichtlich als die religiösen Regeln des Islam plus der traditionellen Auslegung der hier ansässigen Muslime empfunden.

Die Idee einer „Umma“ als Bürgergemeinschaft empfinde ich persönlich jedoch als viel ansprechender – auch und gerade in Hinblick auf Mohammeds Verfassung von Medina. Das Miteinander der Menschen unabhängig von Religionszugehörigkeit und kulturellen Wurzeln entspricht meiner aktuellen Lebensrealität, sowohl politisch wie gesamtgesellschaftlich. Eine Gemeinschaft, die der es um Menschen und ihre Teilhabe an der Gesellschaft geht, jenseits von Glauben und anderen Dingen. Ein diverses, plurales und demokratisches Miteinander. Ja, das ist eine schöne Vorstellung.

Dazu erfordert es die stetige Integration des einzelnen Menschen in die Gemeinschaft. Wie in einer Liebesbeziehung mögen wir also Kompromisse schließen, Meinungen austauschen und Mehrheitsentscheidungen treffen. Dabei wollen wir natürlich einander zugewandt sein, freundschaftlich und interessiert.

Aber die Realität ist anders. Genauso wie sich die ursprüngliche islamische Community in sprichwörtliche 73 Gruppierungen zerteilt hat, ist auch die Lage in der deutschen Gesellschaft in einzelne Lager und Parteien und Bewegungen getrennt. Und ebenso wie die islamische Welt ist unsere deutsche Gesellschaft in dieser Trennung eben nicht einander zugewandt, freundschaftlich und interessiert. Sondern einander abgewandt, unfreundlich, fixiert auf Kontrolle und Macht und Einfluss und die Manipulation anderer Menschen.

All dies passiert üblicherweise in Abhängigkeit von Vordenkern – Menschen, die „den Kurs angeben“ und denen dann Mitglieder einer Gruppe folgen, meist nicht hinterfragend und nicht kritisch und nicht überlegend. Sowohl in der deutschen Gesellschaft wie in der „islamischen Gemeinschaft“ herrscht weitgehend eine „Leithammelkultur“ vor. Und darin integrierte Gruppen antizipieren jeweils, dass die Gefolgschaft der Vordenker auf jeden Fall konform mit ihren jeweiligen Anführern sind, genauso denken wie sie. Und weil die Positionen der Vordenker bzw. Gruppierungen sich teilweise stark unterscheiden, kommt gar nicht die Idee auf, sich miteinander als eine Gemeinschaft zu empfinden.

Im Internet habe ich vor ein paar Tagen einen Spruch gefunden. Ich finde ihn spannend, wenn ich auch nicht weiß, von wem oder aus welcher Quelle er ursprünglich stammt.

Er lautet:

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht auf dem Weg nach Dschahannam.“

Der Begriff „Dschahannam“ ist die koranarabische Bezeichnung für die Hölle.

Der Spruch lautet also:

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht, wenn man sich auf dem Weg zur Hölle befindet.“

Im Sufismus, der mystischen Ausprägung des Islams, ist die Hölle der Ausdruck und die Manifestation der Entfernung zu Allah. Je weiter man sich von Allah entfernt, desto stärker ist man bereits zu Lebzeiten bestraft, denn die größte Strafe sei es, fern von Allah zu sein. Jene, die der Hölle sind, sind also bestraft durch ihre Gefangenschaft im eigenen Ego und der Illusion, von Allah getrennt zu sein.

Warum erzähle ich das jetzt, wo es eben doch noch um die islamische Umma und die deutsche Gesellschaft ging?

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht, wenn man sich auf dem Weg fort von Allah befindet.“

Allah hat seinerzeit Mohammed inspiriert, in Medina eine Gemeinschaft größer als eine Religion zu bilden. Im Qur’an finden sich viele Verse, die das Leben dieser Gemeinschaft regeln sollten.

Wie ich in meiner letzten Predigt erwähnte, bietet Gott seine Rechtleitung allen Menschen, auch Nicht-Muslimen an.

In Sure 2, Vers 185 sagt Allah:

„Der Monat Ramaḍān (ist es), in dem der Qurʾān als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung.“

Für alle Menschen.

Für mich ist das die Aufforderung, eine gemeinsame Umma zu pflegen. Eine Gemeinschaft zu fördern, in der alle Menschen sich miteinander spirituell weiter entwickeln, unabhängig von Religionszugehörigkeiten oder politischen Ansichten.

Das klingt vielleicht ein bisschen wie Science-Fiction, oder wie die Ansichten von Hippies.

Aber das Motto der Ahmadiyya bringt es durchaus auf den Punkt:

„Liebe für Alle, Hass für Keinen.“

Der Prophet Jesus (Friede sei auf ihm) rief zur personellen Nächstenliebe auf.

Mohammed setzte diese Idee für eine Gemeinschaft um. Die Idee, eine Gruppe von Menschen anzuleiten, verträglich miteinander umzugehen, ist aus meiner Sicht ein klarer Auftrag an uns Muslime.

In Sure 21, Vers 92 sagt Allah:

„Gewiss, diese ist eure Gemeinschaft, eine einzige Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr; so dient Mir!“

In Sura 49, Verse 10 bis 12 sagt Allah:

„Die Gläubigen sind Brüder; so stiftet Frieden unter euren Brüdern und fürchtet Allah, vielleicht findet ihr Barmherzigkeit.“

„Oh die ihr glaubt, die einen sollen nicht über die anderen spotten, vielleicht sind eben diese besser als sie. Auch sollen nicht Frauen über andere Frauen (spotten), vielleicht sind eben diese besser als sie. Und beleidigt euch nicht gegenseitig durch Gesten und bewerft euch nicht gegenseitig mit (hässlichen) Beinamen. Wie schlimm ist die Bezeichnung „Frevel“ nach (der Bezeichnung) „Glaube“! Und wer nicht bereut, das sind die Ungerechten.“

„Oh die ihr glaubt, meidet viel von den Mutmaßungen; gewiss, manche Mutmaßung ist Sünde. Und sucht nicht (andere) auszukundschaften und führt nicht üble Nachrede übereinander. Möchte denn einer von euch gern das Fleisch seines Bruders, wenn er tot sei, essen? Es wäre euch doch zuwider. Fürchtet Allah. Gewiss, Allah ist Reue-Annehmend und Barmherzig.“

In Sure 2, Vers 143 sagt Allah:

„Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen über die (anderen) Menschen seiet und damit der Gesandte über euch Zeuge sei. Wir hatten die Gebetsrichtung, die du einhieltest, nur bestimmt, um zu wissen, wer dem Gesandten folgt und wer sich auf den Fersen umkehrt. Und es ist wahrlich schwer außer für diejenigen, die Allah rechtgeleitet hat. Aber Allah lässt nicht zu, dass euer Glaube verlorengeht. Allah ist zu den Menschen wahrlich Gnädig, Barmherzig.“

Und natürlich sagt Allah in Sure 5, Vers 48:

„Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist. Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt. Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.“

Liebe Gemeinde, liebe Gemeinschaft, Allah zeigt uns klar auf, was unser Auftrag ist.

Wir sollen verstehen, dass die Menschen – egal welcher Religion oder Kultur oder politischen Einstellung sie angehören – alle miteinander verbunden sind. Wir alle sind Gottes Kinder. Wir alle haben eine Verantwortung. Eine Verpflichtung gegenüber einer weltweiten Gemeinschaft, einer globalen „Umma“.

Wir sind dazu aufgefordert, unsere Umwelt und Natur gut zu behandeln. Also müssen wir aufstehen und den Leithammeln klar machen, dass die globale Erwärmung existiert und uns alle bedroht.

Wir sind dazu aufgefordert, Frieden zu schaffen, im Kleinen wie im Großen. Also müssen wir aufstehen und die Fehler der Leithammel benennen, die Krieg und Leid auf andere Menschen bringen.

Wir sind dazu aufgefordert, einander mit Respekt und ohne Hass zu begegnen. Also müssen wir aufstehen und den Leithammeln klar machen, dass Respektlosigkeit und Unfreundlichkeit kein gedeihliches Miteinander hervorbringen kann.

Das sind große Worte. Das ist überwältigend.

Aber wo das Bewusstsein ist, liegt die Verantwortung.

Wir sind als Moschee eine gemeinnützige Organisation, also darauf ausgelegt, der Gemeinschaft zu nützen und zu helfen. Für mich ist das klar eine Gemeinschaft aller Menschen.

Allah sagt in Sure 42, Vers 23:

„Das ist die frohe Botschaft, die Allah Seinen Dienern, die glauben und rechtschaffene Werke tun, verkündet. Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, es sei denn die Liebe wie zu den Verwandten. Und wer ein gutes Werk tut, dem schenken Wir dafür noch mehr Gutes. Gewiss, Allah ist Allvergebend und stets zu Dank bereit.“

Unter all dieser Rechtleitung will ich den Sinnspruch, den ich fand, also neu formulieren:

„Wir werden nicht auf dem richtigen Weg bleiben, wenn wir ihn mit den Leithammeln gehen, die nur an ihr Ego denken und nicht an die Gemeinschaft. Wahre Freundschaft gibt es, wenn man sich zusammen auf dem Weg hin zu Gott und zu gemeinsamer spiritueller Entwicklung befindet.“

Alles Lob gebührt Gott, der Göttlichen Erhabenheit, dem Oberhaupt aller Welten. Wir danken Allah für die allgegenwärtige Gnade und Gaben und wir bitten Allah um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass wir die Göttliche Gunst empfangen werden. Der Göttliche Frieden und Segen sei mit Euch allen Menschen.

Geschwisterlichkeit im Islam

Geschwisterlichkeit im Islam

Gott betont immer wieder, dass die Muslime eine Familie, eine Gemeinschaft sind, also Brüder und Schwestern.

Aber dennoch gibt es immer wieder Kämpfe zwischen ihnen: Schiiten gegen Sunniten, besonders in Iraq oder Stamm gegen Stamm, das beste Beispiel waren die Kämpfe in Jemen. Gerade das wollte der Prophet Muhammad beim allerersten Fast-Kampf kurz nach dem Einzug des Propheten in Medina zwischen den Stämmen von Medina, verhindern.

Der Anlass war: Gleich nach der Ankunft des Propheten in Medina schloss er mit den Stämmen der Aws und Khazradsch und denen der dort angestammten Judenstämmen ein Bündnis, um eine Gemeinschaft von Gläubigen zu herzustellen, ohne dabei die unterschiedlichen Religionen anzutasten. Muslime und Juden erhielten den gleichen Status, eine Charta des Zusammenlebens und des gegenseitigen Beistands. Ich würde sagen, der erste Vorläufer unserer heutigen Vereinigten Nationen. Einfach toll zu der damaligen Zeit!

Aber bald wünschten sich insgeheim die Juden, die alte Ordnung wieder herstellen zu können. Sie fürchteten um ihre Macht.  So nutzten sie eine List. Ibn Ishāq berichtet darüber.

Muḥammad ibn Isḥāq, (geboren um 704 in Medina; gest. 767 oder 768 in Bagdad) war ein muslimischer Geschichtsschreiber, der zum ersten Mal die Hadithe und Dokumente über das Leben des Propheten Mohammed in einem Buch zusammenstellte. Dieses Buch, das leider nicht mehr im Original erhalten ist, sondern nur in späteren Rezensionen, Bearbeitungen und Auszügen, ist eine der wichtigsten Quellen für die frühe Geschichte des Islam und diente als Modell für alle späteren biographischen Werke über den Propheten.

Er berichtet, dass nach Mohammeds Auswanderung ein Jude aus dem Stamm der Banu Qainuqa versuchte, den Streit zwischen den Aws und den Khazradsch neu zu beleben, indem er bei einer Versammlung, der Angehörige der beiden Stämme beiwohnten, die Erinnerung an eine frühere Schlacht heraufbeschwor. Es wurden von beiden Seiten Rezitationen vorgetragen. Bald wurden den Aws applaudiert, mal den Khazradsch. Schon bald begannen sie zu prahlen, sich gegenseitig zu beleidigen und irgendwann war es soweit: Es wurde der Ruf: „Zu den Waffen!“ laut. Und bald darauf standen sie sich auf dem Lavafeld vor Medina mit Waffen gegenüber. Sofort wurde der Prophet benachrichtigt. Er rief ihnen zu: „Allah, Allah! Wollt ihr denn handeln wie in den Tagen der Unwissenheit?“ Nur durch das schnelle Eingreifen Mohammeds, der die beiden Parteien an ihre Pflichten als Muslime erinnerte, wurde die erneute Entzweiung von Aws und Khazradsch abgewandt. Augenblicklich erkannten sie ihr Verfehlen, umarmten sich.

Um die neue Gemeinschaft zu stärken, errichtete der Prophet ein Bündnis zwischen den Helfern, also den ansässigen Muslimen und den Emigranten, einen Bruderbund. Jeder Helfer erhielt einen Emigranten als neuen Bruder, der von nun an zu seiner Familie gehörte. Durch diese Verbundenheit erhielt außerdem die Religion einen höheren Status als die eines Stammes, was damals sehr wichtig war. Die Intensivierung der inner-islamischen Beziehungen durch die sogenannte ‚Muachat‘, das heißt auf Arabisch Verbrüderung war also ein Abkommen zwischen jeweils einem Ausgewanderten aus Mekka mit oder ohne Familie und einem einheimischen Muslim. Beide Parteien verpflichteten sich, gemeinsam die Verantwortung füreinander zu tragen und sich in allen Situationen beizustehen, notfalls auch materiell und kämpferischen Beistand zu leisten. Heute würden wir sagen Integration von Flüchtlingen in ein Land.

In der Sure: ‚Al-Anbiya‘ – ‚Die Propheten‘ Vers 92 steht geschrieben, was Gott zu den Menschen sagt: „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft und ich bin euer Herr.“ Eine einzige Gemeinschaft von Menschen auf der Erde und ein einziger Herr im Himmel! Es wird die Einigkeit und Einzigartigkeit einer Gemeinschaft angesprochen.  Dann spricht Gott weiter in der Sure: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit.“ Das kann heißen: Sie spalteten sich in Religionsfragen auf. Im Laufe der Zeit entstanden verschiedene Religionsgemeinschaften und Strömungen, Konfessionen. Zugleich warnt Gott sie: „Sie alle aber werden zu Uns zurückkehren.“  Das heißt, sie werden Rechenschaft ablegen müssen für ihre Uneinigkeit, Streitereien und Kämpfen.

In Sure 49 ‚Al-Hujurat Vers 9 heißt es: Gott sagt: „Und wenn zwei Gruppen von Gläubigen sich gegenseitig bekämpfen, dann stiftet Frieden zwischen ihnen.“

Der Kommentator Yusuf Ali meint dazu und es ist auch meine Meinung: ‚Die gesamte Gemeinschaft der Muslime sollte über Gruppen- und Nationaldenken stehen. Man sollte von ihr erwarten können, gerecht zu handeln und einen solchen Streit schlichten können, denn Frieden ist besser als Streit. Wenn eine Gruppe jedoch entschlossen ist, andere anzugreifen, muss die Gemeinschaft ihre gesamte Kraft dagegensetzen.

Angesprochen sind also alle Muslime und nicht nur Muslime. Weiter heißt es im Koran: „Und wenn sich die eine gegen die andere vergeht, so kämpft gegen die, die sich vergeht, bis sie sich Allahs Gebot fügen. Doch wenn sie sich fügt, dann stiftet Frieden zwischen beiden wie es recht und billig ist. Und seid gerecht. Wahrlich, Allah liebt die, die gerecht handeln.“

Hier werden alle angesprochen, zwischen Kämpfenden zu vermitteln. Es darf kein Muslim nur zuschauen, er muss Stellung beziehen, aber mit friedlichen Mitteln.

Wir dürfen also nicht nur zuschauen, wenn sich solche Kämpfe wie in Jemen ausbreiten, sondern müssen Stellung beziehen, das Wenigste ist sich an Hilfsmaßnahmen zu beteiligen. Lieferungen von Waffen ist da der schlechteste Weg, auch wenn sie über Drittländer kommen. Sie heizen den Zwist noch mehr an.

—- So wie im Großen, so ist es auch im Kleinen, was uns und unsere Moschee betrifft. Hier kommen nur meine Ansichten zur Geltung.

Das ganze letzte halbe Jahr seit der Eröffnung unserer Moschee standen wir im Diskurs der Presse. Wir wurden öffentlich angeprangert oder hofiert, manchmal sogar namentlich. Es war nicht leicht, das immer zu ertragen, sprachen sie doch über unsere, eine liberale und demokratische Moschee.

In einem Artikel habe ich gelesen, dass eine liberale Moschee wie die unsrige für die Autorin nicht die Lösung wäre, aber es zeigt auch, dass in vielen anderen Moscheen sich Dinge ändern müssen. Die Autorin könne sich vorstellen, dass die Besucherinnen und Besucher hier etwas suchen, was sie woanders- in vielen Fällen zu Recht- vermissen.

Aber ich habe den Eindruck, dass man meist über unsere Moschee spricht wie über eine äußere, unpersönliche Erscheinung ohne Inhalt.       Man sieht oder hört den Begriff: liberale Moschee mit dem Namen „Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee“ oder schlimmer: Seyran- Ates-Moschee. Man redet mehr über den Namen und heizt sich damit auf. Er wirkt wie ein rotes Tuch auf bestimmte Leute. Sie geben damit nur Äußerlichkeiten bekannt.

Aber wer kommt wirklich zu uns hierher, hört sich uns an, spricht mit uns, sieht sich unsere Praktiken an? Ein Name kann gar nichts bedeuten, viel wichtiger ist das Innenleben, die Muslime darin, die eine Moschee erst lebendig werden lassen. Über die sprechen die wenigsten muslimischen Gruppierungen, aber umso größer ist ihr Geschrei über uns.

Nein, wir wollen uns nicht abspalten oder wollen den Islam gar neu erfinden. Ich komme wieder auf den Artikel zurück. Sinngemäß steht da: Bekannte traditionsorientierte islamische Gelehrte (sie nennt einige Namen) distanzieren sich nicht von der traditionellen Lehre, aber denken sie weiter und aktualisieren den Text neu.

Ja, ich stimme ihr vollkommen zu, auch wenn sie schreibt: Diese Stimmen, die weder Beifall heischend nach Aufklärung rufen, noch medienwirksam den Westen verdammen, sondern eine Jahrhunderte alte diskursive Tradition fortführen, gehen im hiesigen Diskurs weitgehend unter.

Nein, ich will keinen Streit und ich denke, das wollen wir alle nicht. Aber eine gute Diskussion! Wer über uns etwas wissen will oder berichten will, der sollte mit uns sprechen und nicht über uns.  Ich bzw. wir laden nicht nur die Christen ein oder jeder, der etwas wissen will, vor allen Dingen aber Muslime oder ihre Vereine.

Kommt zu uns und sprecht mit uns, so wie es die islamische Tradition verlangt, denn wie gesagt: Wir alle werden zu Ihm zurückkehren!