Toleranz

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.

Deutsche oder Muslime?

Deutsche oder Muslime?

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“. So zitierte vor einigen Wochen eine Moscheebesucherin ein deutsches muslimisches Schulkind. Und in einem muslimischen Diskussionsforum sagte vor einigen Monaten eine der Rednerinnen: „Für mich steht der Koran über dem Grundgesetz.“ Anlässlich der Feierlichkeiten zum Dritten Oktober möchte ich diese Zitate als Ausgangspunkt meiner heutigen Khutba nehmen.

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“ (Zitat).

Ich stehe hier als Europäerin vor euch und vertrete gewissermaßen qua meiner Sozialisation die europäischen Werte. Ich bin also sozialisiert in europäischen Gesellschaftszusammenhängen, der letzten 50 Jahre.

Zugleich bin ich ganz offensichtlich wie recht viele Konvertiten und Konvertitinnen recht Orientaffin. Konvertitinnen zeigen sich gerne in unterschiedlichen Maßen arabisiert, laufen manchmal gar draußen auf der Straße in der Abaja herum, als wäre es ein selbstverständliches Kleidungsstück in Deutschland. Selbst aufgeklärte Musliminnen, die ganz deutsch aussehen und die sich von traditionellen, gar konservativen, stereotyp „arabischen“ Rollenbildern fernhalten, erkennt man häufig an kleinen orientalischen Accessoires – Ohrringen, gekauft in der Sonnenallee, selbstgefertigten orientalisch anmutenden Stickereien auf der Bluse und dergleichen. Irgend etwas mögen wir an der arabischen Welt. Wir suchen uns auch unsere Partner danach aus. Ein arabisch-muslimischer Partner kommt für so manche von uns eher in Frage als ein deutscher Mann. Die Ursachen liegen vielleicht eher im psycho-sozialen Bereich als in der Religion.

Innerlich hingezogen zu bestimmten Aspekten des arabischen Lebens, oder vielleicht nur einer orientalischen Ästhetik, treten wir gleichzeitig ein für die europäischen Grundwerte.

So vertreten wir beispielsweise mit Selbstverständlichkeit für den Wert der Meinungsfreiheit ein. Mit Blick auf die Diktaturen oder ähnlichen Regierungsformen, wie praktiziert in der Türkei, Syrien, Afghanistan, schätzen wir diesen hier im Grundgesetz verankerten Begriff der Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter.

Ein weiterer essentieller Wert, den wir hier in Deutschland wiederfinden, ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, zumindest der Weg in diese Richtung. Das heißt eigentlich, die Selbstbestimmung. Wir dürfen als Frauen arbeiten, wo und wie viel wir wollen, der Mann kann mit den Kindern zu Hause bleiben, wenn er möchte. Festgefahrene Rollenbilder sind passé.

Wir können heterosexuelle oder homosexuelle Ehen schließen, können uns geschlechtlich umdefinieren, auch umoperieren, und es wird, wenngleich nicht von allen Mitbürgern, so doch vom Gesetz her, akzeptiert und geschützt. Auch hier sind wir nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg.

Freiheit der Meinung und der Lebensgestaltung, sexuelle Selbstbestimmung und vieles mehr sind Grundwerte unserer Gesellschaft, unserer Demokratie – wir erkennen sie als Errungenschaft, die Demokratie. Zurzeit werden diese Werte wieder in Frage gestellt von Deutschen, die behaupten, es gäbe eine erstrebenswerte allein-deutsche Homogenität, oder Identität. Die sogenannte identitäre Bewegung, Nationalisten und Faschisten schreien nicht nur in Chemnitz „Deutschland den Deutschen“. Wir rufen zurück: „Nein danke“ und „wir sind mehr“- Der Integrationsmonitor vom September 2017, von der Welt veröffentlicht, berichtet: „Das Zusammenleben mit Zuwanderern wird in Deutschland überwiegend positiv wahrgenommen. Das ist das zentrale Ergebnis des Integrationsmonitors des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration der im September in Berlin vorgestellt wurde. Über 70 Prozent der Befragten empfanden Zuwanderung als Bereicherung. https://www.welt.de/politik/deutschland/article181557280/Integrationsbarometer-Mehrheit-der-Deutschen-sieht-Migration-als-Bereicherung.html

Zu behaupten, die Multikulturalität wäre gescheitert, ignoriert die vielen Momente, in denen sie zur absoluten Selbstverständlichkeit geworden ist. Das neue Deutschsein, oder einfach das Sein, der Mehrheit beinhaltet das Andere als das Eigene, das bedeutet, es ist gar nicht mehr das Andere – es ist Teil des Eigenen. Das Eigene ohne das Andere, gibt es nicht mehr für uns. Sie sind eins geworden, bedingen sich gegenseitig und machen das Leben reicher, liebenswerter, lebenswerter, froher, gesünder, ehrlicher und Vieles mehr. Die nationale Homogenität ist dabei Teil einer fiktiven Vergangenheit. Es gab niemals eine homogene Gesellschaft und inscha‘ allah wird es sie auch nie geben, denn eine homogene Kultur erreicht man, wenn überhaupt, nur durch eine Diktatur der Angst. Wir trauern den aus der deutschen Geschichte bekannten angstinduzierten gesellschaftlichen Homogenisierungsversuchen nicht nach.

Wir Konvertiten und Kovertitinnen, wir Einwanderer wir hier geborene Muslime sind Bindeglieder und repräsentieren auf vielfältige Weise zugleich das Deutsche und den Islam. Symbolisieren tun wir dies durch Namen wie Ulf Abdullah Meier, oder Sabine AlJamous. Indem wir dann das Gute aus beiden Kulturen zusammenziehen und das Schlechte aus beiden Kulturen verwerfen, lassen wir etwas Neues entstehen. So tun wir dies auch hier in der Moschee. Wir verwerfen von uns als ungünstig empfundene Traditionen und ersetzen sie durch neue, von uns als besser empfundene, ohne dabei die Religion zu verlieren. Nicht die Religion wird verworfen, sondern Aspekte turko-arabischer Traditionen, die für unsere heutige Lebenswirklichkeit sinnlos und störend geworden sind. Was für die Moschee gilt, gilt auch für die Bewegung außerhalb der Moschee – wir schaffen etwas genuin Neues. Diese Neue will nicht die Spaltung, sondern Verbindung. Wir gehören ja zusammen; konservative Mitmenschen, Progressive, solche, deren politische Meinung wir vielleicht nicht teilen mögen, religiöse Traditionalisten… alle haben genau dasselbe Recht auf Meinungsfreiheit. Wir sind eine Gemeinschaft, denn wir teilen ein Schriftstück.

Dieses gesellschaftsverbindende Schriftstück ist das Grundgesetz. Es ist ein aus der Geschichts- und Gesellschaftsreflexion gewachsenes politisches Werk der Formulierung und Wahrung menschlicher Freiheit. Durch das Grundgesetz und die Durchsetzung der hier verbrieften Rechte und Pflichten verhindern wir das sogenannte Recht des Stärkeren. Das Grundgesetz ist die rechtsphilosophische Basis der Einhaltung der Menschenwürde. Doch ist es kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Wir haben ein Grundgesetz und dennoch wurde gerade vor wenigen Wochen in Chemnitz die Menschenwürde verletzt. Der Garant für die Wahrung der Menschenwürde sind allein die Menschen selbst. Die Menschen, die diese Würde zu schätzen gelernt haben, weil ihre eigene Würde gewahrt wurde. Jeder Mensch hier in Deutschland untersteht den Pflichten des Grundgesetzes. Jeder muss seine Freiheiten beschneiden, um die Freiheiten anderer und auch seine eigenen, zu wahren.

Doch das Grundgesetz ist nicht ein Buch der Pflichten. Es ist vor allem ein Buch der Rechte. Jeder Mensch hier in Deutschland, unabhängig von seiner Staatsangehörigkeit, unabhängig von Herkunft, Sprachkenntnissen, Einstellungen, hat ein Recht auf die Erhaltung seiner Würde. Keiner darf geschlagen werden, keiner angeschrien, keiner verletzt, keiner erniedrigt, keiner darf verarmen, keiner darf vertrieben werden, und keiner soll um sich selbst oder gar um seine Kinder fürchten. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wir Muslime in Deutschland bilden ebenfalls eine Gemeinschaft. Wir stehen nicht neben der Deutschen Gesellschaft, wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt wird, sondern wir sind Teil davon, wir sind diese Gesellschaft. Alle Teile dieser Gesellschaft sind diese Gesellschaft. Die Spaltung zwischen Deutschen und Muslimen ist absurd. Wo dieser Gegensatz noch in Köpfen weiter besteht, gibt es ein Missverständnis. Muslime in der Deutschen Gesellschaft sind diese Deutsche Gesellschaft. Sie sind, wie alle anderen, das Volk. Und auch wenn manche Muslime in Deutschland noch keine Staatsangehörigkeit besitzen, sind sie gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft, und sind, wie alle anderen, die Gesellschaft. Denn Gesellschaft definiert sich nicht über den Pass, sondern über den Aufenthaltsort.

Neben dem Grundgesetz teilen wir als Muslime ein weiteres essentielles Schriftstück. Es ist der Koran. Er steht für uns an oberster Stelle unserer Religion, aber er setzt nicht das Grundgesetz außer Kraft. Auf die Sharia gehe ich in einer anderen Khutba ein. Hier sei nur gesagt, der Koran ist kein Gesetzbuch sondern ein Buch des Glaubens und der Religion. Ist das Grundgesetz die rechtsphilosophische Grundlage gesellschaftlichen Lebens, so ist der Koran die religionsphilosophische Grundlage von allem, was den Menschen und seine Umwelt betrifft. Er bildet damit für uns Muslime auch das philosophische Fundament des Grundgesetzes. Eines der wichtigsten Prinzipien, die beide vereint, ist die Gerechtigkeit auf der Basis der Gleichheit. Vor Gott sind wir alle gleich. Dies ist sowohl die Basis der 114 Suren des Korans als auch die Basis der 146 Artikel des Grundgesetzes. „Jeder Mensch“, heißt es dort; und nicht „die Wohlhabenden“ oder „die Gebildeten“. Die beiden Schriften – Grundgesetz und Koran – widersprechen sich nicht.

Koran wie Grundgesetz dienen der Wahrung von Gerechtigkeit und Würde. Aber genau wie unsere Verfassung ist auch der Koran kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Es sind die Menschen, die die Wahrung der Würde von Gottes Schöpfung garantieren. Der Koran stellt den Begriff der Würde in den Mittelpunkt und setzt den Impuls zur deren Wertschätzung. Aus der Summe aller moralischen und sozialen Grundwerte des Koran entsteht eine Haltung, die den Anderen wertschätzt und achtet, die dafür sorgt, dass keiner verarmt, keiner verhungert, keiner getötet wird, Tiere leidfrei gehalten werden, Pflanzen gewässert und Kinder geliebt.

Wo im Koran steht das?

Zuerst steht es am Anfang jeder Sure. Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. Er, Allah, ist der Barmherzige und dies ist sein absolutes Wesensmerkmal. Die Vergebung aller Sünden steht als bekannteste und am häufigsten wiederholte Eigenschaft Gottes an erster Stelle. Sie setzt den Ton des Schriftstückes und wird wieder und wieder im Koran erwähnt. Gott ist barmherzig, allvergebend und voller Gnade.

In Sure 57:9 lesen wir: Gott Er ist es, Der Seinem Diener klare Zeichen offenbart, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausbringt. Und Allah ist wahrlich mit euch Gnädig und Barmherzig.

Der Diener ist Mohammed, der Prophet. An Liebe zu seinen Mitmenschen unübertroffen sollen wir seinem Beispiel folgen.

Der Koran verbrieft die Meinungsfreiheit in der Offenbarung, dass es keinen Zwang im Glauben geben darf. Die Frauen des Propheten Mohamed stritten nachweislich mit ihm und er musste aushalten, wie sie ihm ihre Meinung deutlich kundtaten. Der Koran verbrieft die Gleichberechtigung, indem er ein Erbrecht initiiert, welches nicht nur Männer sondern auch Frauen in Betracht zieht. Ja, es ist nicht ausreichend gleichberechtigt, aber der Impuls ist gesetzt und muss nun von den nachfolgenden Menschen weiter entwickelt werden. Der Garant der Gleichberechtigung sind die Menschen.

Der Koran verbrieft die Speisung der Armen und die Mitmenschlichkeit gegenüber Kindern ohne Eltern und den Alten ohne Kinder, indem er zu deren Versorgung anhält. Auch dieser Impuls wird im Koran gesetzt. Der Garant für ein würdevolles Aufwachsen und ein würdevolles Altern sind die Menschen, die andere versorgen.

Doch brauchen wir hier gar nicht die Einzelheiten aufzuzählen. Keiner von uns kennt ja auch alle 146 Artikel des Grundgesetzes. Nichtmal fünf könnte ich aufzählen, und dennoch habe ich das Gefühl, das Grundgesetz zu kennen – denn ich kenne dessen Geist.

Auch vom Koran kenne ich nicht alle Einzelheiten. Dennoch habe ich das Gefühl ihn zu kennen und seine Botschaft zu verstehen, denn auch hier gilt, ich kenne seinen Geist. Es ist der Geist der Liebe, der Vergebung und der Unterstützung, der Geist des Lernens und des Wissens, der Geist der Freiheit und der Gerechtigkeit.

Das Grundgesetz garantiert uns die freie Ausübung der Religion und deren individuelle Auslegung. Es wird dem Geist des Islam durchaus gerecht. Die Vorstellung, unsere Gesellschaft könne vollständig durch den Koran geregelt werden, mag für einen kleinen Moment erstrebenswert erscheinen. Doch die darauf unweigerlich folgende Frage: „Nach welcher Auslegung?“, zeigt deutlich die Gefahren einer solchen vermeintlichen Errungenschaft auf. Die Trennung von Staat und Religion stellt eine positive gesellschaftliche Entwicklung dar. Das friedvolle, freiheitliche, kreative und entspannte Miteinander braucht einen Rahmen, der von allen Menschen egal welcher Religion oder Ideologie als Mindestrahmen akzeptiert wird. Nur in diesem sicheren Rahmen sind Mitmenschlichkeit und Zuwendung möglich.

Dennoch bilden wir als Muslime eine besondere Gemeinschaft. Wir haben ja bewusst unsere Religion gewählt, bzw. aufrecht erhalten. Das folgende Hadith zeigt auf fröhliche Weise den Geist der Liebe und Zuwendung im Islam. Mohamed bietet einem Mann, der nach eigenem Dafürhalten in Sünde verfallen ist, verschiedenste Möglichkeiten an, bei Gott Vergebung zu finden. Diese Möglichkeiten zeigen seine Zugewandtheit zu den Menschen, die im Koran geschrieben steht und in Mohameds Herz verankert ist, und der zu folgen wir aufgerufen sind. Der Garant der menschlichen Würde ist weder der Koran noch das Grundgesetz, wenngleich beide gemeinsam hierfür den Rahmen bieten. Der Garant des Erhalts der Würde aller Menschen sind wir Menschen.

Abu Huraira berichtete: „Während wir beim Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm, saßen, kam ein Mann zu ihm und sagte: »O Gesandter Allahs, ich gehe zugrunde!«

Der Prophet fragte: »Was ist mit dir passiert?«

Der Mann sagte: »Ich fiel über meine Frau her, während ich noch am Fasten war!«

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte dann zu ihm: »Kannst du einen Sklaven finden, den du freikaufen kannst?«

»Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du zwei Monate hintereinander fasten?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du sechzig arme Menschen speisen?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Da ging der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, für eine Weile weg. Während wir noch da warteten, kam der Prophet mit einem Kübel voll Datteln zurück und sagte:

»Wo ist der Fragende?«

Der Mann sagte: »Ich!«

Und der Prophet sagte zu ihm: »Nimm diese (Datteln) und spende sie!«

Der Mann entgegnete: »Soll ich diese, o Gesandter Allahs, einem anderen Menschen geben, der noch ärmer sein soll als ich? Ich schwöre bei Allah, dass es in der ganzen Wohngegend keine anderen Menschen gibt, die ärmer sind als meine Familie!«

Da lachte der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, dass man seine Eckzähne sehen konnte, und sagte: »Dann speise damit deine Familie!«“

Mögen wir immer gespeist sein, mit Nahrung und mit Freude.

Koran und Thora

Koran und Thora

Immer wieder kommt es zurzeit zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen explizit zwischen Muslimen und Juden. Es sind nicht nur die äußerlichen Zeichen eines Juden, z.B. die Kippa, sondern ebenfalls gedanklicher Hass auf sie, und gerade von Muslimen, die hier bei uns Zuflucht erhoffen. Leider bringen sie das unterschwellige Ablehnen des Judentums aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland. Es sind aber auch Deutsche, die lautstark ihre jüdischen Mitmenschen belästigen.

Der Grund ist wahrscheinlich die Auslegungen des Korans, eine Unkenntnis der Geschichte im Orient, eine uralte Abneigung, das von Generation zu Generationen weitergegeben wurde. Dabei haben Juden und Muslime außerordentlich viel gemeinsam. Jedoch meinen sie, dass ihre Religionen unähnlich seien und kaum Gemeinsamkeiten hätten. Durch die Medien wird dieses Dilemma noch gesteigert, sodass sie einander feind gegenüberstehen. Man fragt sich, wer hat davon Nutzen? Meistens diejenigen, die die Macht haben, die Zeitungen als Sensationsmacher.

Die einfachen Muslime und sicher auch Juden werden zu wenig aufgeklärt, dass sie viele religiöse Gemeinsamkeiten haben.

Die Geschehnisse der letzten Zeit haben mich auf den Gedanken für eine Verarbeitung zu dieser Khutba gebracht, um die Grundwerte beider Religionen nebeneinander zu stellen.

Die grundlegendste Gemeinsamkeit beider Religionen und dem Christentum ist ihr monotheistischer Glaube an den Einen Gott, auch wenn sie verschiedene Namen für Ihn haben. Die einen sagen Jahwe, die anderen Allah, den Einen, wiederum andere hier in Deutschland nennen Ihn Gott.

Die Juden zitieren als Teil ihres täglichen Gebetes. „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“

Der jüdische Philosoph Maimodes aus dem 13. Jahrhundert sagte: „Gott ist einer. Er ist nicht zwei oder mehr, sondern einer, vereinigt auf eine Weise, die jede Einheit in der Welt übersteigt.“

Klingt das in unseren Ohren als sehr bekannt? Im ersten Teil unserer Schahada, dem muslimischen Glaubensbekenntnis, heißt es: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.“

Allah bedeutet „der Eine“, ich nenne Ihn auch Gott.

Auf der einen Seite, der jüdischen: „Gott ist einer“- auf der anderen Seite, der islamischen: „kein Gott außer Allah“

Im ersten Vers der Sure „Al-Ikhlas“ heißt es: Sprich: „Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der Absolute…“ Und beide Religionen meinen den Einen, den Gleichen! Also dürften beide Religionen gar nicht so unüberbrückbar sein, wie man es doch immer wieder hinstellt.

So gibt es viele weitere Stellen in beiden Schriften, die ähnlich klingen, so in der hebräischen Bibel: „Gott schuf die Himmel und die Erde.“ Und nun die Aussage im Koran Sure7: 54: „Gewiss, euer Herr ist Allah, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen schuf.“

Die Thora ist bei den Juden gleichermaßen das wertvollste Buch, da sie ebenfalls von Gott stammt. Ihr Zentrum sind die 10 Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfing. In den Büchern stehen die Gebote und Lehren und das, woran die Juden glauben. Und das wird expliziert im Koran bestätigt. In der Sure 3: 3-4 können wir lesen: „Er sendet dir das Buch mit der Wahrheit in Teilen herab als Bestätigung der früheren Offenbarungen. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt vordem als Rechtleitung für die Menschen.“

Also der Koran bestätigt ganz genau, dass die Schriften der Juden und Christen ebenfalls göttlichen Ursprungs sind. Der Islam mit seinem Koran ist zwar der Höhepunkt der Herabsendungen, weist aber auch darauf hin, dass die Thora und die Evangelien derselben göttlichen Ursprungs sind. Für die damaligen (und das gilt wohl auch heute) Muslime muss das wohl ein Schock gewesen sein. Denn das setzt ja voraus, dass sie auf gleicher Ebene stehen, Jude, Christ und Muslim.

Die mündlich überlieferten Geschichten über Moses liegen zwischen dem 10. Und 6. Jahrhundert vor Chr. Man glaubt, das ein Team jüdischer Priester die 5 Bücher Mose im 5. Jh. vor Chr. zusammengestellt hat, wahrscheinlich 800 Jahre nach der Zeit, in der Mose gelebt haben könnte.

So wie Moses mit den 10 Geboten im Koran erwähnt wird, werden viele andere Propheten, die vor dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, im Koran erwähnt und verehrt. Sie stehen in einer langen Reihe, die die Botschaften von Gott zu ihrer jeweiligen Gesellschaft und in der jeweiligen Zeit gebracht hatten. Die Sure 2:136 besagt. „Wir glauben an Gott und an das, was uns herabgesandt worden ist und was Abraham, Israel, Isaak, Jakob und den Stämmen Israels herabgesandt wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied und Ihm sind wir ergeben.“

Wie oft habe ich gehört: Unser Prophet, Friede und Segen seien auf ihn, ist das Siegel, der letzte Prophet und steht deshalb an der Spitze der Propheten. Deshalb ist auch der Islam die höchste Religion, das heißt: Sie steht über alle anderen.

Nein, jeder Prophet hat seine Richtlinien, seine Sendung zu einem ganz bestimmten Volk und zu seiner ganz bestimmten Zeit bekommen. Die Zeiten und die Menschen verändern sich, deshalb muss auch die Botschaft auf dem jeweils neuesten Stand gebracht werden. Sie sind alle gleichberechtigt. Muhammad war nur der letzte in der Reihe der Propheten.

Der Islam und der Judaismus teilen sich gemeinsame Ansichten über das Jüngste Gericht und die Auferstehung. Die jüdischen Schriften sagen aus: Nach dem Tod sitzen die Seelen der Rechtschaffenen neben dem Thron der Ehre im Himmel, während der Koran in Sure 89:27-30 sagt: „O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Herrn, wohlzufrieden und mit Allahs Wohlwollen. So schließ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies.“ Das heißt: Der Muslim und der Jude glauben an das Jüngste Gericht und daran, dass seine Seele mit Gottes Erbarmen ihren Platz im Paradies finden wird.

Der muslimische Glaube ist auf 5 Säulen aufgebaut. An erster Stelle steht im Islam das Glaubensbekenntnis, was ich schon genannt habe und dass es ein ähnliches Bekenntnis in der jüdischen Religion gibt.

Ebenso ist von zentraler Bedeutung in beiden Religionen das Gebet. Wir beten 5x am Tag, die jüdischen Gläubigen 3x. Die Gebete sollen uns auf der einen Seite an die ständige Anwesenheit von Gott erinnern, bzw. wir sollen uns an Gott erinnern. In den Gebeten loben wir Gott und bitten Ihn und danken Ihm.

Unsere 3. Säule ist Zakat, die soziale Pflichtabgabe. Sie ist als Unterstützung von Bedürftigen gedacht. Sie fördert einerseits die soziale Sicherheit und das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Sie ist deshalb ein wichtiger Bestandteil jeder islamischen Gesellschaft, da sie jedem Menschen die Lebensgrundlage sichert, ohne dass sich der Empfänger jemandem verpflichtet fühlen muss. Andererseits wird diese Abgabe auch als eine Art innere Reinigung angesehen. Im Koran, Sure 2:177 steht: „…und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es selbst wertschätzen mag – für seine Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

Genauso ist die Zedaka, die Wohltätigkeit gegenüber den Bedürftigen, eine der höchsten Werte im Judentum. Im Leviticus, das ist das 3. Buch des jüdischen Tanachs, oder das 3. Buch Mose, steht: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Diese wenigen Sätze erklären sehr gut, wie die Wohltätigkeit der früheren jüdischen Gesellschaft funktionierte.

Ebenfalls ist beiden Religionen das Fasten vorgeschrieben, wenn auch mit unterschiedlicher Dauer.

In beiden Religionen bedeutet es eine innere Einkehr und Besinnung für jeden einzelnen Muslim oder Juden.

Juden fasten an Jom Kippur, d.h. am 10. Tag des siebenten Monats, dem Tag der Versöhnung. Gott fordert von seinem damals auserwählten Volk zur Einhaltung seines Gesetzes des Fastens und der Ruhe auf. Juden bekennen an diesem Tag ihre Sünden und bitten Gott um Vergebung. Sie fasten durchgehend 25 Stunden, vom Sonnenuntergang bis Einbruch der Nacht (etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang) des folgenden Tages. Bis dahin darf weder feste noch flüssige Nahrung eingenommen werden. Wir fasten im Monat Ramadan vom Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. Und ebenfalls bitten wir Gott um Vergebung und Barmherzigkeit.

Genauso legen beide Religionen Wert auf das religiöse Pilgern. Als der jüdische Tempel in Jerusalem stand, wurden sie aufgefordert, während der Wallfahrtsfeste dorthin zu pilgern. Heute erinnert in Jerusalem nur noch die Westmauer an das zerstörte Heiligtum der Juden. Heute pilgern, besser „besuchen“ die jüdischen Gläubigen nur noch ihre sogenannte Klagemauer als ein religiöser Brauch.

Die Riten der islamischen Pilgerreise stammen noch aus vorislamischer Zeit, als die Kaaba, ihr Mittelpunkt, ein polytheistischer Wallfahrtsort war. Sie wurde der islamischen Lehre nach von Abraham und seinem Sohn Ismael, der, wie ihr wisst, als Stammvater der Araber gilt, als Haus Gottes und der Menschen gebaut. Vielleicht begann damals schon die Umrundung der Kaaba?

Aber noch ein Element in beiden Religionen ist wichtig. Wir finden sie in der Basmala und an vielen Stellen im Koran: Gott, Allah ist der Barmherzigste und der Allerbarmer. Und bei den Juden heißt es im Ezodus34, 6-7: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg.“ Beide, Jude oder Muslim verlassen sich auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, auf Seine Führung durch den Koran und den hebräischen Schriften Und Gottes Beispiel folgend werden wir ebenfalls aufgefordert, zu vergeben, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu handeln, das Richtige zu tun. Und der mittelalterliche jüdische Maimonides sagte: „Es ist einem Menschen verboten, grausam zu sein und sich der Versöhnung zu verweigern. Wenn ein Mensch, der ihm ein Übel getan hat, ihn um Vergebung bittet, sollte er ihm aus vollem Herzen und willigem Geist vergeben.“

Und der Koran betont. „Allah liebt, die da Gutes tun.“

Es gibt bestimmt noch etliche Aussagen in beiden religiösen Schriften, die als übereinstimmend betrachtet werden können.

Gott hat immer wieder Propheten geschickt, zu allen Zeiten, zu unterschiedlichen Gesellschaften, aber ihre Botschaften waren dieselben, nur Zeit und Ort waren unterschiedlich, da sich ja auch die Menschen in ihrer Gesellschaft geändert haben. So ähneln sich beide Schriften und wenn man über die Aussagen von Gottes Worten nachdenkt, so haben sie sich nie geändert.

Toleranz im Islam

Toleranz im Islam

In unserer heutigen Gesellschaft ist Toleranz ein wichtiges Thema und wird z.B. diskutiert in Zusammenhang mit Religiosität, sexuellen Neigungen, kulturellen Unterschieden und prinzipiell Andersdenkenden. Als Begriff wird es erst seit der Zeit der Aufklärung verwendet.

Was ist also Toleranz? Toleranz – man kann auch Duldsamkeit sagen – ist allgemein ein Gewähren lassen anderer oder fremde Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.

Tolerant sein bedeutet duldsam, nachsichtig, großzügig sein. Dabei wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen, und der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder.

Intolerant bedeutet dementsprechend unduldsam, keine andere Meinung oder Weltanschauung als die eigene Meinung gelten lassend.

Als Steigerung der Toleranz gilt die Akzeptanz, die gutheißende, zustimmende Haltung gegenüber einer anderen Person und ihrem Verhalten oder gegenüber einer anderen Religion und das Annehmen als höchste Stufe oder das Ablehnen.

Es ist eine wunderbare Eigenschaft eines Menschen, tolerant zu sein. Ein toleranter Mensch besitzt Weisheit und benutzt sein Verständnis und seine Sinne mit offenen Augen.

Hören wir erst einmal, was die „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ der UNESCO von 1995 aussagt:

Artikel 1 sagt aus: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“

Tolle Worte!

Toleranz wird also gegenüber anderen Meinungen und Ideen, aber auch Menschen anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung und Religion, Ethnie, Weltanschauung, Herkunft, Abstammung, gegenüber Menschen jeder Nationalität und jeden Geschlechts, jeden Alters und jeder Behinderung ausgeführt. Kurz: Toleranz wird geübt, wer Teil der Mehrheit einer Gesellschaft oder einer Gruppierung ist und Toleranz genießt, der restliche Teil es nicht ist.

Aber ist das wirklich so einfach?

Es gibt unterschiedliche Bedeutungen von Toleranz. Aber es gibt einen Kern des Begriffs: Wir tolerieren nur Dinge, die andere tun oder sagen, wenn das, was sie sagen oder tun, uns stört, mehr noch: Wenn wir da etwas falsch dran finden.

Es geht um die gegenseitige Anerkennung in einem Konflikt. Das geht folgendermaßen vor sich: Erstens: Man hat ein Problem mit dem, was andere tun oder denken. Zweitens: Es gibt Gründe, die dafür sprechen, es dennoch zu tolerieren bis, drittens, eine Grenze der Toleranz erreicht ist oder das Problem wird angenommen, es löst sich als Problem auf.

Tolerieren kann ich eigentlich nur das, was da ist und mir missfällt, womit ich ein Problem habe. Also ist Toleranz eine Haltung, etwas zu dulden, was ich eigentlich falsch finde.

Das Gegenteil ist, wenn ich an dem, was andere tun oder denken, nichts auszusetzen habe und das gern als etwas Bereicherndes begrüße, oder wenn das, was die anderen tun, mir egal ist, dann ist das keine Toleranz, wird aber oft mit Toleranz verwechselt.

Unser Wissen voneinander alleine reicht nicht, um Toleranz zu üben. Wir müssen uns gegenseitig besser kennenlernen, um Vorurteile abzubauen und breite Brücken der Verständigung aufbauen. Das kann z.B. ein interreligiöser Dialog für das gegenseitige Verständnis sein. Aber dazu müssten die religiösen Führer der Religionsgemeinschaften diesen Dialog beginnen bzw. vorantreiben, um Vorbilder für die Gemeinden zu werden. Werden sie für diesen Dialog aktiv, setzt sich das bei den einfachen Mitgliedern, bei den einfachen Menschen weiter fort. Wie ich schon vorher betonte, ist Wissen, Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung von entscheidender Bedeutung. Wenn sich jemand nur leiten lässt ohne sich selbst zu bemühen, der macht nur das nach, was ihm vorgelebt oder gesagt wird. Und oft ist das kein Tolerieren des Anderen, der anderen Religion. Man bleibt zu starr auf das Vorgelebte seit Jahrhunderten. Dennoch, der Gedanke der Toleranz ist aber ein wesentlicher Bestandteil unserer Religion.

Toleranz ist jedoch die Vorbedingung einer friedlichen, theoretischen, Auseinandersetzung um konkurrierende Wahrheitsansprüche.

Wo kann Toleranz z. B. sein? Während die einen die Beschneidung tolerieren, halten andere sie für intolerant. Die einen sind für die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, andere sehen das wiederum als intolerant an, sie wollen für sie keine gleichen Rechte wie bei einer Ehe von Mann und Frau.

Anderes Beispiel: Die Meinung oder Handlung einer Freundin gefällt mir nicht, das heißt, sie stört mich, ich mag sie nicht, ich lehne sie sozusagen ab. Aber ich mag meine Freundin, also, sollte die Handlung nichts Schlimmes bewirken, kann ich sie tolerieren. Ich mag ihre Handlung nicht, aber ich toleriere sie. Komme ich damit klar, kann ich ihre Handlung, ihre Meinung akzeptieren, weil meine Freundin mir Gründe für ihre Handlung nennt. Es tritt also von meiner Seite eine Akzeptanz hinzu oder wenn das Negative überwiegt, die Zurückweisung als Grenze der Toleranz.

Im religiösen Sinn kann ich eine mir fremde Religion ablehnen, aber im Geiste des Friedens toleriere ich sie. Genauso ist es, wenn man sich auf Menschenrechte oder auf das Recht auf Religionsfreiheit beruft. Ich muss ja keine andere Religion annehmen, aber ich kann die Menschen, die an sie glauben tolerieren.

Die Toleranz kann demnach eine staatliche Haltung sein, die Minderheiten die Erlaubnis gibt, ihrem Glauben gemäß zu leben – und zwar in dem Rahmen, den die Erlaubnis gebende Seite allein festlegt. Alle drei Komponenten – Toleranz, Akzeptanz und Zurückweisung – sind in der Hand der Obrigkeit, und die Tolerierten sind als Bürger zweiter Klasse markiert und geduldet – und auf den Schutz durch den Gesetzgebenden angewiesen. Dies war die Toleranzvorstellung während der goldenen Jahrhunderte im Islam oder in Andalusien vor der Reconquista. Aber dennoch hatten z.B. die Wissenschaftler eine hohe Stellung, egal ob sie Juden, Christen oder Sabäer waren.

Die Gelehrten hatten sich damals öffentlich zu regelmäßigen Diskussionsrunden gestellt. Jeder hatte seine Meinung, seine Vorstellung zu wissenschaftlichen oder religiösen Themen vorgestellt, um darüber mit anderen Gelehrten oder mit dem Publikum zu diskutieren. Der nächste Redner stellte vielleicht seine ganz entgegengesetzte Meinung vor. Egal, wie hart sie stritten, am Ende gingen sie friedlich auseinander. Sie tolerierten die Meinung der anderen, ein Toleranzzeitalter.

So zumindest wünsche ich es auch für die heutigen Gemeinschaften, sich zusammenzusetzen, jeder Ansicht anzuhören, akzeptieren oder nur tolerieren. Es geht doch dabei um die heutige Menschheit und deren Zukunft, die nur im friedlichen Miteinander leben kann.

Zum Tolerieren gehören mindestens 2 Personen. Auch mein Gegenüber muss mich zumindest tolerieren. Toleranz und Akzeptanz kann man nur ausüben, wenn man ebenso toleriert und akzeptiert wird. Das vergisst man einfach zu oft. Mein Gegenüber findet mich ja genauso fremdartig, wie ich ihn.

Dabei ist tolerieren nicht gleich tolerieren. Viele Leute tolerieren z.B. den Flüchtling als leidgeprüfter Mensch, aber als Person, die dem Staat Geld kostet, wo bleibt da oft die Toleranz?

Toleranz ist meist dort, wo mindestens 2 Personen zusammen sind. Auch in unserer Moschee muss mindestens Toleranz herrschen, jeder muss seine Meinung, Vorstellung von einem islamischen Leben auf den Tisch bringen dürfen. Man kann darüber diskutieren und nachdenken und auch bei einer Akzeptanz sich einigen.

Es gibt hier in Deutschland eine Menge liberaler Religionswissenschaftler, aber ich habe einfach das Gefühl, jeder kämpft für sich allein, fühlt sich vielleicht sogar als der mit der „richtigsten“ Meinung. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich in ihren Büchern oder Schriften lese, wie sie sich gegenseitig herabwürdigen und auf ihre richtige Meinung oder auf ihre Auslegung bzw. Interpretation des Koran bestehen. Eigentlich wollen sie doch alle dasselbe: einen offenen, toleranten Islam. Vielmehr würde ich sie auf einer Plattform für einen liberalen Islam sehen, anstatt sich gegenseitige Vorwürfe oder einfach Nichtakzeptanz üben. Sie können gemeinsam, auch mit unterschiedlichen Meinungen, viel mehr bewirken, wenn sie eine gemeinsame Diskussionsform finden, an der man sich halten kann. Es ist gut so, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, es bereichert unser Leben. Nur so können wir liberal denken, stark sein gegenüber den orthodoxen Gemeinschaften und Religionsgelehrten.

Am Ende muss ich feststellen, dass ich nicht weiß, in wieweit meine Khutbas toleriert, akzeptiert und angenommen werden. Sie vertreten meine Meinung. Aber man kann darüber reden.

Gemeinschaft im Islam

Gemeinschaft im Islam

Unter der Obhut Allahs, der Göttlichen Barmherzigkeit, der göttlichen allumfassenden Gnade.

Alles Lob gebührt Allah. Wir preisen Gott, wir suchen Gottes Rechtleitung und Gottes Barmherzigkeit. Und wir suchen Zuflucht bei Allah vor unserer Schwäche und vor unseren Fehlern. Wen Allah leitet, den kann niemand in die Irre führen. Und wen Gott in die Irre führt, den kann niemand auf den rechten Weg bringen. Wir bezeugen, dass es niemanden gibt, der unserer Verehrung würdig ist außer Gott, der einen Göttlichkeit, die einzig ist und die keinen neben sich hat. Und wir bezeugen, dass Mohammed der Diener und Gesandte Allahs ist.

„Die Umma ist immer für Dich da, Bruder!“, höre ich immer wieder. „Die Umma sorgt schon für Dich“, hat man mir mehrfach versprochen. Und ich habe auch gelesen: „Die Umma ist die gesamte Gemeinschaft der Muslime.“

Das ist eine tolle Vorstellung: Eine weltweite Community, bestehend aus 1,7 Milliarden Muslimen, in der die Menschen miteinander gut umgehen und füreinander sorgen. Die Idee, dass wir Muslime alle quasi Brüder und Schwestern zueinander sind, ist ungeheuer ansprechend.

Wenn es denn so wäre.

Muslime sind auch nur Menschen, und als solche gab und gibt es unter ihnen jede Menge Zwist und Auseinandersetzungen und Streit und Ärger und auch Krieg. In Dutzende und Aberdutzende einzelne Strömungen, Rechtsschulen und Gruppen haben sich die Muslime seit dem Tod des Propheten Mohammed (Friede sei auf ihm) zerstritten. Von einer einzigen Gemeinschaft, einer einzigen Umma, fehlt scheinbar jede Spur.

Wir als Gemeinde der Ibn Rushd-Goethe Moschee merken das ganz besonders. Zustimmung oder Kritik an unserem Wirken kommt aus den unterschiedlichsten Lagern und Gruppierungen, die sich teilweise auch nicht einig sind über ihre Positionen und Ansichten.

All das hat mich bewogen, mich einmal näher mit der Idee von Gemeinschaft und Gemeinschaften im Islam zu beschäftigen.

Zu Zeiten des Propheten Mohammed gab es verschiedene Vorstellungen von der „Umma“, einem Begriff, den wir üblicherweise mit „Gemeinschaft“ übersetzen.

Er bezeichnete Gruppen von Menschen, die aufgrund einer Gemeinsamkeit zusammengehörten. Der Qur’an nimmt Bezug auf verschiedene Gemeinschaften, so auch zum Beispiel die der Christen, aber auch solche der Tiere und der Dschinn.

In Medina wurde der Begriff für die Anhänger Mohammeds aus Mekka und Medina und die mit ihnen verbündeten Clan-Gruppen verwendet. Mohammed schloss nach seiner Ankunft in Medina im Jahr 622 einen Bündnisvertrag zwischen den Auswanderern aus Mekka und seinen medinensischen Unterstützern, in den dann auch verschiedene jüdische Stämme integriert wurden. Dieser „Verfassung von Medina“ wird auch gern als „Gemeindeordnung von Medina“ bezeichnet. Am Beginn dieses Vertrags wird festgestellt, dass „die Gläubigen und Muslime der Quraisch und von Yathrib (also Medina) und jene, die ihnen folgen, mit ihnen verbunden sind und zusammen mit ihnen kämpfen“ und damit, dass sie eine „einzige Umma“ (umma wāida) bilden.

Der Vertrag schloss also jüdische Clan-Gruppen ein. Der Begriff „Umma“ war daher seinerzeit kein rein religiös festgelegter. Das kam dann erst später im Laufe der islamischen Geschichte und inzwischen hat „Umma“ auf der arabischen Halbinsel sogar auch einen arabisch-nationalen Charakter unabhängig vom Islam als Weltreligion.

In Deutschland wird „die Umma“ – so mein persönlicher Eindruck – als idealisierte Gesamtgruppe muslimischer Menschen empfunden, zu der man* als Muslim*in eine Zugehörigkeit und Aufgehobenheit fühlen sollte, der man* aber auch zu Konformität verpflichtet ist. Die Regeln dieser „Umma“ werden sichtlich als die religiösen Regeln des Islam plus der traditionellen Auslegung der hier ansässigen Muslime empfunden.

Die Idee einer „Umma“ als Bürgergemeinschaft empfinde ich persönlich jedoch als viel ansprechender – auch und gerade in Hinblick auf Mohammeds Verfassung von Medina. Das Miteinander der Menschen unabhängig von Religionszugehörigkeit und kulturellen Wurzeln entspricht meiner aktuellen Lebensrealität, sowohl politisch wie gesamtgesellschaftlich. Eine Gemeinschaft, die der es um Menschen und ihre Teilhabe an der Gesellschaft geht, jenseits von Glauben und anderen Dingen. Ein diverses, plurales und demokratisches Miteinander. Ja, das ist eine schöne Vorstellung.

Dazu erfordert es die stetige Integration des einzelnen Menschen in die Gemeinschaft. Wie in einer Liebesbeziehung mögen wir also Kompromisse schließen, Meinungen austauschen und Mehrheitsentscheidungen treffen. Dabei wollen wir natürlich einander zugewandt sein, freundschaftlich und interessiert.

Aber die Realität ist anders. Genauso wie sich die ursprüngliche islamische Community in sprichwörtliche 73 Gruppierungen zerteilt hat, ist auch die Lage in der deutschen Gesellschaft in einzelne Lager und Parteien und Bewegungen getrennt. Und ebenso wie die islamische Welt ist unsere deutsche Gesellschaft in dieser Trennung eben nicht einander zugewandt, freundschaftlich und interessiert. Sondern einander abgewandt, unfreundlich, fixiert auf Kontrolle und Macht und Einfluss und die Manipulation anderer Menschen.

All dies passiert üblicherweise in Abhängigkeit von Vordenkern – Menschen, die „den Kurs angeben“ und denen dann Mitglieder einer Gruppe folgen, meist nicht hinterfragend und nicht kritisch und nicht überlegend. Sowohl in der deutschen Gesellschaft wie in der „islamischen Gemeinschaft“ herrscht weitgehend eine „Leithammelkultur“ vor. Und darin integrierte Gruppen antizipieren jeweils, dass die Gefolgschaft der Vordenker auf jeden Fall konform mit ihren jeweiligen Anführern sind, genauso denken wie sie. Und weil die Positionen der Vordenker bzw. Gruppierungen sich teilweise stark unterscheiden, kommt gar nicht die Idee auf, sich miteinander als eine Gemeinschaft zu empfinden.

Im Internet habe ich vor ein paar Tagen einen Spruch gefunden. Ich finde ihn spannend, wenn ich auch nicht weiß, von wem oder aus welcher Quelle er ursprünglich stammt.

Er lautet:

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht auf dem Weg nach Dschahannam.“

Der Begriff „Dschahannam“ ist die koranarabische Bezeichnung für die Hölle.

Der Spruch lautet also:

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht, wenn man sich auf dem Weg zur Hölle befindet.“

Im Sufismus, der mystischen Ausprägung des Islams, ist die Hölle der Ausdruck und die Manifestation der Entfernung zu Allah. Je weiter man sich von Allah entfernt, desto stärker ist man bereits zu Lebzeiten bestraft, denn die größte Strafe sei es, fern von Allah zu sein. Jene, die der Hölle sind, sind also bestraft durch ihre Gefangenschaft im eigenen Ego und der Illusion, von Allah getrennt zu sein.

Warum erzähle ich das jetzt, wo es eben doch noch um die islamische Umma und die deutsche Gesellschaft ging?

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht, wenn man sich auf dem Weg fort von Allah befindet.“

Allah hat seinerzeit Mohammed inspiriert, in Medina eine Gemeinschaft größer als eine Religion zu bilden. Im Qur’an finden sich viele Verse, die das Leben dieser Gemeinschaft regeln sollten.

Wie ich in meiner letzten Predigt erwähnte, bietet Gott seine Rechtleitung allen Menschen, auch Nicht-Muslimen an.

In Sure 2, Vers 185 sagt Allah:

„Der Monat Ramaḍān (ist es), in dem der Qurʾān als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung.“

Für alle Menschen.

Für mich ist das die Aufforderung, eine gemeinsame Umma zu pflegen. Eine Gemeinschaft zu fördern, in der alle Menschen sich miteinander spirituell weiter entwickeln, unabhängig von Religionszugehörigkeiten oder politischen Ansichten.

Das klingt vielleicht ein bisschen wie Science-Fiction, oder wie die Ansichten von Hippies.

Aber das Motto der Ahmadiyya bringt es durchaus auf den Punkt:

„Liebe für Alle, Hass für Keinen.“

Der Prophet Jesus (Friede sei auf ihm) rief zur personellen Nächstenliebe auf.

Mohammed setzte diese Idee für eine Gemeinschaft um. Die Idee, eine Gruppe von Menschen anzuleiten, verträglich miteinander umzugehen, ist aus meiner Sicht ein klarer Auftrag an uns Muslime.

In Sure 21, Vers 92 sagt Allah:

„Gewiss, diese ist eure Gemeinschaft, eine einzige Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr; so dient Mir!“

In Sura 49, Verse 10 bis 12 sagt Allah:

„Die Gläubigen sind Brüder; so stiftet Frieden unter euren Brüdern und fürchtet Allah, vielleicht findet ihr Barmherzigkeit.“

„Oh die ihr glaubt, die einen sollen nicht über die anderen spotten, vielleicht sind eben diese besser als sie. Auch sollen nicht Frauen über andere Frauen (spotten), vielleicht sind eben diese besser als sie. Und beleidigt euch nicht gegenseitig durch Gesten und bewerft euch nicht gegenseitig mit (hässlichen) Beinamen. Wie schlimm ist die Bezeichnung „Frevel“ nach (der Bezeichnung) „Glaube“! Und wer nicht bereut, das sind die Ungerechten.“

„Oh die ihr glaubt, meidet viel von den Mutmaßungen; gewiss, manche Mutmaßung ist Sünde. Und sucht nicht (andere) auszukundschaften und führt nicht üble Nachrede übereinander. Möchte denn einer von euch gern das Fleisch seines Bruders, wenn er tot sei, essen? Es wäre euch doch zuwider. Fürchtet Allah. Gewiss, Allah ist Reue-Annehmend und Barmherzig.“

In Sure 2, Vers 143 sagt Allah:

„Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen über die (anderen) Menschen seiet und damit der Gesandte über euch Zeuge sei. Wir hatten die Gebetsrichtung, die du einhieltest, nur bestimmt, um zu wissen, wer dem Gesandten folgt und wer sich auf den Fersen umkehrt. Und es ist wahrlich schwer außer für diejenigen, die Allah rechtgeleitet hat. Aber Allah lässt nicht zu, dass euer Glaube verlorengeht. Allah ist zu den Menschen wahrlich Gnädig, Barmherzig.“

Und natürlich sagt Allah in Sure 5, Vers 48:

„Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist. Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt. Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.“

Liebe Gemeinde, liebe Gemeinschaft, Allah zeigt uns klar auf, was unser Auftrag ist.

Wir sollen verstehen, dass die Menschen – egal welcher Religion oder Kultur oder politischen Einstellung sie angehören – alle miteinander verbunden sind. Wir alle sind Gottes Kinder. Wir alle haben eine Verantwortung. Eine Verpflichtung gegenüber einer weltweiten Gemeinschaft, einer globalen „Umma“.

Wir sind dazu aufgefordert, unsere Umwelt und Natur gut zu behandeln. Also müssen wir aufstehen und den Leithammeln klar machen, dass die globale Erwärmung existiert und uns alle bedroht.

Wir sind dazu aufgefordert, Frieden zu schaffen, im Kleinen wie im Großen. Also müssen wir aufstehen und die Fehler der Leithammel benennen, die Krieg und Leid auf andere Menschen bringen.

Wir sind dazu aufgefordert, einander mit Respekt und ohne Hass zu begegnen. Also müssen wir aufstehen und den Leithammeln klar machen, dass Respektlosigkeit und Unfreundlichkeit kein gedeihliches Miteinander hervorbringen kann.

Das sind große Worte. Das ist überwältigend.

Aber wo das Bewusstsein ist, liegt die Verantwortung.

Wir sind als Moschee eine gemeinnützige Organisation, also darauf ausgelegt, der Gemeinschaft zu nützen und zu helfen. Für mich ist das klar eine Gemeinschaft aller Menschen.

Allah sagt in Sure 42, Vers 23:

„Das ist die frohe Botschaft, die Allah Seinen Dienern, die glauben und rechtschaffene Werke tun, verkündet. Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, es sei denn die Liebe wie zu den Verwandten. Und wer ein gutes Werk tut, dem schenken Wir dafür noch mehr Gutes. Gewiss, Allah ist Allvergebend und stets zu Dank bereit.“

Unter all dieser Rechtleitung will ich den Sinnspruch, den ich fand, also neu formulieren:

„Wir werden nicht auf dem richtigen Weg bleiben, wenn wir ihn mit den Leithammeln gehen, die nur an ihr Ego denken und nicht an die Gemeinschaft. Wahre Freundschaft gibt es, wenn man sich zusammen auf dem Weg hin zu Gott und zu gemeinsamer spiritueller Entwicklung befindet.“

Alles Lob gebührt Gott, der Göttlichen Erhabenheit, dem Oberhaupt aller Welten. Wir danken Allah für die allgegenwärtige Gnade und Gaben und wir bitten Allah um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass wir die Göttliche Gunst empfangen werden. Der Göttliche Frieden und Segen sei mit Euch allen Menschen.

Geschwisterlichkeit im Islam

Geschwisterlichkeit im Islam

Gott betont immer wieder, dass die Muslime eine Familie, eine Gemeinschaft sind, also Brüder und Schwestern.

Aber dennoch gibt es immer wieder Kämpfe zwischen ihnen: Schiiten gegen Sunniten, besonders in Iraq oder Stamm gegen Stamm, das beste Beispiel waren die Kämpfe in Jemen. Gerade das wollte der Prophet Muhammad beim allerersten Fast-Kampf kurz nach dem Einzug des Propheten in Medina zwischen den Stämmen von Medina, verhindern.

Der Anlass war: Gleich nach der Ankunft des Propheten in Medina schloss er mit den Stämmen der Aws und Khazradsch und denen der dort angestammten Judenstämmen ein Bündnis, um eine Gemeinschaft von Gläubigen zu herzustellen, ohne dabei die unterschiedlichen Religionen anzutasten. Muslime und Juden erhielten den gleichen Status, eine Charta des Zusammenlebens und des gegenseitigen Beistands. Ich würde sagen, der erste Vorläufer unserer heutigen Vereinigten Nationen. Einfach toll zu der damaligen Zeit!

Aber bald wünschten sich insgeheim die Juden, die alte Ordnung wieder herstellen zu können. Sie fürchteten um ihre Macht.  So nutzten sie eine List. Ibn Ishāq berichtet darüber.

Muḥammad ibn Isḥāq, (geboren um 704 in Medina; gest. 767 oder 768 in Bagdad) war ein muslimischer Geschichtsschreiber, der zum ersten Mal die Hadithe und Dokumente über das Leben des Propheten Mohammed in einem Buch zusammenstellte. Dieses Buch, das leider nicht mehr im Original erhalten ist, sondern nur in späteren Rezensionen, Bearbeitungen und Auszügen, ist eine der wichtigsten Quellen für die frühe Geschichte des Islam und diente als Modell für alle späteren biographischen Werke über den Propheten.

Er berichtet, dass nach Mohammeds Auswanderung ein Jude aus dem Stamm der Banu Qainuqa versuchte, den Streit zwischen den Aws und den Khazradsch neu zu beleben, indem er bei einer Versammlung, der Angehörige der beiden Stämme beiwohnten, die Erinnerung an eine frühere Schlacht heraufbeschwor. Es wurden von beiden Seiten Rezitationen vorgetragen. Bald wurden den Aws applaudiert, mal den Khazradsch. Schon bald begannen sie zu prahlen, sich gegenseitig zu beleidigen und irgendwann war es soweit: Es wurde der Ruf: „Zu den Waffen!“ laut. Und bald darauf standen sie sich auf dem Lavafeld vor Medina mit Waffen gegenüber. Sofort wurde der Prophet benachrichtigt. Er rief ihnen zu: „Allah, Allah! Wollt ihr denn handeln wie in den Tagen der Unwissenheit?“ Nur durch das schnelle Eingreifen Mohammeds, der die beiden Parteien an ihre Pflichten als Muslime erinnerte, wurde die erneute Entzweiung von Aws und Khazradsch abgewandt. Augenblicklich erkannten sie ihr Verfehlen, umarmten sich.

Um die neue Gemeinschaft zu stärken, errichtete der Prophet ein Bündnis zwischen den Helfern, also den ansässigen Muslimen und den Emigranten, einen Bruderbund. Jeder Helfer erhielt einen Emigranten als neuen Bruder, der von nun an zu seiner Familie gehörte. Durch diese Verbundenheit erhielt außerdem die Religion einen höheren Status als die eines Stammes, was damals sehr wichtig war. Die Intensivierung der inner-islamischen Beziehungen durch die sogenannte ‚Muachat‘, das heißt auf Arabisch Verbrüderung war also ein Abkommen zwischen jeweils einem Ausgewanderten aus Mekka mit oder ohne Familie und einem einheimischen Muslim. Beide Parteien verpflichteten sich, gemeinsam die Verantwortung füreinander zu tragen und sich in allen Situationen beizustehen, notfalls auch materiell und kämpferischen Beistand zu leisten. Heute würden wir sagen Integration von Flüchtlingen in ein Land.

In der Sure: ‚Al-Anbiya‘ – ‚Die Propheten‘ Vers 92 steht geschrieben, was Gott zu den Menschen sagt: „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft und ich bin euer Herr.“ Eine einzige Gemeinschaft von Menschen auf der Erde und ein einziger Herr im Himmel! Es wird die Einigkeit und Einzigartigkeit einer Gemeinschaft angesprochen.  Dann spricht Gott weiter in der Sure: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit.“ Das kann heißen: Sie spalteten sich in Religionsfragen auf. Im Laufe der Zeit entstanden verschiedene Religionsgemeinschaften und Strömungen, Konfessionen. Zugleich warnt Gott sie: „Sie alle aber werden zu Uns zurückkehren.“  Das heißt, sie werden Rechenschaft ablegen müssen für ihre Uneinigkeit, Streitereien und Kämpfen.

In Sure 49 ‚Al-Hujurat Vers 9 heißt es: Gott sagt: „Und wenn zwei Gruppen von Gläubigen sich gegenseitig bekämpfen, dann stiftet Frieden zwischen ihnen.“

Der Kommentator Yusuf Ali meint dazu und es ist auch meine Meinung: ‚Die gesamte Gemeinschaft der Muslime sollte über Gruppen- und Nationaldenken stehen. Man sollte von ihr erwarten können, gerecht zu handeln und einen solchen Streit schlichten können, denn Frieden ist besser als Streit. Wenn eine Gruppe jedoch entschlossen ist, andere anzugreifen, muss die Gemeinschaft ihre gesamte Kraft dagegensetzen.

Angesprochen sind also alle Muslime und nicht nur Muslime. Weiter heißt es im Koran: „Und wenn sich die eine gegen die andere vergeht, so kämpft gegen die, die sich vergeht, bis sie sich Allahs Gebot fügen. Doch wenn sie sich fügt, dann stiftet Frieden zwischen beiden wie es recht und billig ist. Und seid gerecht. Wahrlich, Allah liebt die, die gerecht handeln.“

Hier werden alle angesprochen, zwischen Kämpfenden zu vermitteln. Es darf kein Muslim nur zuschauen, er muss Stellung beziehen, aber mit friedlichen Mitteln.

Wir dürfen also nicht nur zuschauen, wenn sich solche Kämpfe wie in Jemen ausbreiten, sondern müssen Stellung beziehen, das Wenigste ist sich an Hilfsmaßnahmen zu beteiligen. Lieferungen von Waffen ist da der schlechteste Weg, auch wenn sie über Drittländer kommen. Sie heizen den Zwist noch mehr an.

—- So wie im Großen, so ist es auch im Kleinen, was uns und unsere Moschee betrifft. Hier kommen nur meine Ansichten zur Geltung.

Das ganze letzte halbe Jahr seit der Eröffnung unserer Moschee standen wir im Diskurs der Presse. Wir wurden öffentlich angeprangert oder hofiert, manchmal sogar namentlich. Es war nicht leicht, das immer zu ertragen, sprachen sie doch über unsere, eine liberale und demokratische Moschee.

In einem Artikel habe ich gelesen, dass eine liberale Moschee wie die unsrige für die Autorin nicht die Lösung wäre, aber es zeigt auch, dass in vielen anderen Moscheen sich Dinge ändern müssen. Die Autorin könne sich vorstellen, dass die Besucherinnen und Besucher hier etwas suchen, was sie woanders- in vielen Fällen zu Recht- vermissen.

Aber ich habe den Eindruck, dass man meist über unsere Moschee spricht wie über eine äußere, unpersönliche Erscheinung ohne Inhalt.       Man sieht oder hört den Begriff: liberale Moschee mit dem Namen „Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee“ oder schlimmer: Seyran- Ates-Moschee. Man redet mehr über den Namen und heizt sich damit auf. Er wirkt wie ein rotes Tuch auf bestimmte Leute. Sie geben damit nur Äußerlichkeiten bekannt.

Aber wer kommt wirklich zu uns hierher, hört sich uns an, spricht mit uns, sieht sich unsere Praktiken an? Ein Name kann gar nichts bedeuten, viel wichtiger ist das Innenleben, die Muslime darin, die eine Moschee erst lebendig werden lassen. Über die sprechen die wenigsten muslimischen Gruppierungen, aber umso größer ist ihr Geschrei über uns.

Nein, wir wollen uns nicht abspalten oder wollen den Islam gar neu erfinden. Ich komme wieder auf den Artikel zurück. Sinngemäß steht da: Bekannte traditionsorientierte islamische Gelehrte (sie nennt einige Namen) distanzieren sich nicht von der traditionellen Lehre, aber denken sie weiter und aktualisieren den Text neu.

Ja, ich stimme ihr vollkommen zu, auch wenn sie schreibt: Diese Stimmen, die weder Beifall heischend nach Aufklärung rufen, noch medienwirksam den Westen verdammen, sondern eine Jahrhunderte alte diskursive Tradition fortführen, gehen im hiesigen Diskurs weitgehend unter.

Nein, ich will keinen Streit und ich denke, das wollen wir alle nicht. Aber eine gute Diskussion! Wer über uns etwas wissen will oder berichten will, der sollte mit uns sprechen und nicht über uns.  Ich bzw. wir laden nicht nur die Christen ein oder jeder, der etwas wissen will, vor allen Dingen aber Muslime oder ihre Vereine.

Kommt zu uns und sprecht mit uns, so wie es die islamische Tradition verlangt, denn wie gesagt: Wir alle werden zu Ihm zurückkehren!

Verschiedene richtige Wege

Verschiedene richtige Wege

Der Ort, an dem wir uns gerade befinden, eröffnete fast auf den Tag genau vor sechs Monaten. Damit eröffnete er auch die Chance auf freiheitliche spirituelle Entwicklung. Er eröffnete Möglichkeiten für die – sowohl von innerhalb als auch außerhalb der Religion – diskriminierungsfreie Ausübung der religiösen Aufgaben und Rituale. Und er eröffnete die Gelegenheit für Freude und Erleichterung und Glück.

Seit sechs Monaten arbeiten die Mitglieder dieser Gemeinde an dem Auf- und Ausbau dieses Ortes, dieser Idee, dieser Vision. Dabei wurde aus einer kleinen Gruppe Menschen eine stetig wachsende Familie. Zusammen tun wir alles, was wir können, um die Welt ein bisschen besser und den Islam ein bisschen vielfältiger zu machen. Und es zeichnet sich ab, dass aus einem „bisschen“ bald wohl ein „erheblich“ werden wird.

Es ist wichtig zurückzublicken. Zu betrachten, was war. Zu überlegen, was passiert ist. Zu reflektieren über Vergangenes. Das Geschehene nachdenklich und vielleicht auch analytisch zu überprüfen. Das ist wichtig, denn so können wir unser bisheriges Handeln abwägen, bewerten und gegebenenfalls neu ausrichten. Nachdenken ist also wichtig.

Eine Freitagspredigt sollte aber nicht unbedingt nur zurückblicken. Sie sollte auch inspirieren für Künftiges. Sie sollte Anstöße geben für die nächste Woche. Und sie sollte uns Anhaltspunkte für die Zukunft geben, für unser zukünftiges Handeln, für unser zukünftiges Denken und für unser zukünftiges Fühlen.

Doch wenn wir heute an die Zukunft denken, dann türmt sich – aus meiner Sicht – ein schier unüberwindbarer Berg aus Problemen und Krisen und Konflikten vor uns auf. Im eigenen Land sind wir weiterhin mit hunderten, wenn nicht tausenden ultraorthodoxen Vertretern von islamischen und islamistischen Strömungen konfrontiert. Zudem hat hier in Deutschland ein vergessen geglaubter Rechtspopulismus durch eine politische Partei wieder Einzug in verschiedene Landesparlamente und nun auch den Bundestag gehalten. In Übersee regiert ein Mann, der mit seiner Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels eine Politik betreibt, die international eher zu Spannungen und weniger zu Versöhnung führt. Überall in Deutschland und speziell auch hier in Berlin erleben wir die Auswirkungen dieser politischen Entscheidung: Der ohnehin existierende Antisemitismus durch muslimische Leute manifestiert sich stärker und kräftiger als je zuvor in Form von Fahnenverbrennungen auf Demonstrationen. Und nicht zuletzt die jetzigen, die künftigen und die vielleicht möglichen Veränderungen in Saudi-Arabien führen – zumindest bei mir – mitunter zu Verwirrung, aber auch zu Sorge und Verunsicherung.

Und nicht nur die äußere Welt fordert uns heraus. Auch innerhalb unseres eigenen Lebens sind wir mit Hindernissen und Beschwernissen konfrontiert. Krankheit, Erschöpfung, Schicksalsschläge, sie alle ereilen uns alle.

Ich persönlich finde es wichtig, dass wir uns nicht zu unbedachtem Handeln provozieren lassen – speziell von den Auswirkungen der internationalen Politik und den Reaktionen der orthodox-islamischen Community, aber auch vom eigenen persönlichen Schicksal.

Die Zukunft ist ungewiss für uns. Im Gegensatz zu Gott wissen wir nicht, wohin der Weg führen wird. Wohin wird uns die Zukunft führen? Und wie sollen wir uns auf dem Weg verhalten? Wie gehen wir mit all diesen Themen um?

Ich habe also nachgedacht, wie wir – jede und jeder einzelne von uns – dazu beitragen können, dass die mitunter extremen Entwicklungen uns allen nicht schaden. Natürlich haben wir alle zu diesen Themen unterschiedliche Ansichten. Dies sind daher meine höchstpersönlichen Überlegungen.

Im Gegensatz zu Gott wissen wir nicht, wohin der Weg führen wird. Die Zukunft ist aus unserer Sicht ungewiss.

In Sure 49, al-Hugurat (Die Gemächer) erfahren wir mehr über verschiedene Eigenschaften Allahs:

In Vers 1 steht: „Gewiss, Allah ist Allhörend und Allwissend.“

In Vers 8 steht: „Allah ist Allwissend und Allweise.“

In Vers 12 steht: „Allah ist Reue-Annehmend und Barmherzig.“

In Vers 13  steht: „Allah ist Allwissend und Allkundig.“

In Vers 14 steht: „Allah ist Allvergebend und Barmherzig.“

In Vers 16 steht: „Allah weiß über alles Bescheid.“

In Vers 18 steht: „Gewiss, Allah kennt das Verborgene der Himmel und der Erde. Und Allah sieht wohl, was ihr tut.“

Gott weiß also, wohin der Weg führt.

Und wenn wir weiter im Koran forschen, dann lesen wir

in Sure 2, al-Baqara (Die Kuh):

„Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann schickte Allah die Propheten als Verkünder froher Botschaft und als Überbringer von Warnungen und sandte mit ihnen die Bücher mit der Wahrheit herab, um zwischen den Menschen über das zu richten, worüber sie uneinig waren. Doch nur diejenigen waren – aus Missgunst untereinander – darüber uneinig, denen sie gegeben wurden, nachdem die klaren Beweise zu ihnen gekommen waren. Und so hat Allah mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die glauben, zu der Wahrheit geleitet, über die sie uneinig waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.“

Da steht nicht „auf den geraden Weg“ geschrieben, sondern „auf einen geraden Weg“. Aus dem Arabischunterricht habe gelernt, dass es auch im Arabischen diese Unterscheidung gibt.

Die Aussicht auf verschiedene „gerade“ bzw. „richtige“ Wege findet sich im Koran öfter. Speziell an Stellen, an denen über die verschiedenen Botschaften Gottes zu verschiedenen Zeiten zu verschiedenen Propheten und Völkern gesprochen wird, wird immer wieder angedeutet, dass auch das Folgen dieser anderen Botschaften zu einem richtigen Weg führt.

Exemplarisch habe ich Sure 5, al-Maida (Der Tisch), Vers 66 herausgegriffen:

„Wenn sie nur die Thora und das Evangelium und das befolgten, was zu ihnen (als Offenbarung) von ihrem Herrn herabgesandt wurde, würden sie fürwahr von (den guten Dingen) über ihnen und unter ihren Füßen essen.“

Ich folgere daraus: Es gibt verschiedene richtige Wege, Gottes Botschaft gemäß zu leben und mit ihr in die Zukunft und durch die zukünftigen Ereignisse zu gehen.

Unsere Schwestern und Brüder in den anderen abrahamitischen Religionen feiern dieser Tage wichtige religiöse Feste. Im Koran finden sich viele, teils sehr klare Hinweise darauf, dass ein friedliches Miteinander auf verschiedenen Wegen durch eine – für uns – ungewisse Zukunft nicht nur möglich, sondern auch erwünscht ist.

Also ist es keine „Abscheulichkeit“, mit jüdischen Leuten Chanukka oder mit christlichen Leuten Weihnachten zu verbringen, sondern wir haben – so lese ich die Botschaft Gottes – die Aufgabe hierzu von Allah erhalten.

Gemeinsam mit den Menschen des Judentums und des Christentums können wir die Zeit ihrer Feste nutzen, um uns inspirieren zu lassen. Um Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Um Verbündete und Freunde für den Gang auf den richtigen Wegen zu finden. Die richtigen Wege, die am Ende aller Tage dann doch bei Gott enden.

In Sura 16, an-Nahl (Die Bienen), Vers 44 lesen wir:

„(Wir haben sie [gemeint sind Leute, denen Offenbarungen eingegeben wurden] gesandt) mit den klaren Beweisen und den Büchern der Weisheit. Und Wir haben zu dir [gemeint ist Mohammed, F.s.a.i.] die Ermahnung hinabgesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen offenbart worden ist, und auf dass sie nachdenken mögen.“

Den Hinweis zum Nachdenken finden wir immer wieder im Koran. Allah fordert uns auf, zu reflektieren, zu betrachten, zu überlegen. Über das ,was war, aber auch das, was sein kann oder soll.

Damit wir unser künftiges Handeln abwägen und ausrichten auf „einen richtigen Weg“. Auf unseren Weg als einen von vielen richtigen Wegen.

Durch Nachdenken und durch das Pflegen von religiöser Vielfalt werden wir also einen richtigen Weg zu Gott finden.

Und Allah, als Allhörende, Allwissende, Allweise, Barmherzige, Allvergebende Göttlichkeit wird nicht nur am Ende aller richtigen Wege sein, sondern die Menschen darauf begleiten.

Allah wird also an der Seite jener stehen, die nachdenken und Vielfalt pflegen. Und bei allen, denen wir helfen, dies zu tun. Denn es ist eine unserer Aufgaben, unserem Nächsten zu helfen, nachzudenken und die Vielfalt pflegen zu können.

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Islamisches Neujahr

Islamisches Neujahr

von Awhan (Christian Hermann)

Frohes neues Jahr!

Das habe ich bislang nur einmal alle 365 Tage gehört, in der Silvesternacht, beim Jahresübergang des Gregorianischen Kalenders.

Doch jetzt ist – zusammen mit dem Islam – ein zweiter Neujahrstag in mein Leben gekommen. Der heutige Tag markiert den Beginn des Jahres 1439 des islamischen Kalenders. Und er war und ist damit der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Dingen, denen ich mich heute hier widmen möchte.

Heute ist der erste Tag des Monats Muharram, des ersten Monats im islamischen Kalender. Muharram ist einer der vier heiligen Monate des Jahres, in denen jede Form von Konflikt, Streit und Krieg im Islam verboten ist. In diesem Monat sind alle gläubigen Musliminnen und Muslime dazu angehalten, sich aufrichtig und aktiv zu bemühen, miteinander friedvoll auszukommen.

Schon in der vorislamischen Zeit verstanden die arabischen Stämme und Völker die besondere Bedeutung von Muharram. Es war ihnen in dieser Zeit nicht erlaubt, Krieg gegeneinander zu führen. Sogar der Name „Muharram“ bedeutet „verboten“. Es liegt auf der Hand, dass die Wichtigkeit dieses Monats durch die Ereignisse in der islamischen Geschichte nur noch bedeutender wurde.

Nach Ramadan ist Muharram der heiligste der Monate, auch und gerade, weil sein Beginn ein besonderes Ereignis innerhalb der islamischen Geschichte markiert. Denn heute, am ersten Muharram, gedenken wir des Tages, an dem Prophet Mohammed (saw) seine Auswanderung von Mekka nach Medina begann. Unser Prophet und seine Gefolgsleute waren in Mekka mit dem Tod bedroht worden und mussten fliehen, um in Sicherheit zu kommen.

So wie für uns der Beginn des neuen Jahres ein Start in einen neuen Abschnitt unseres Lebens ist, so war der sogenannte Hidschra – der Exodus des Propheten Mohammed (saw) und seiner Leute – der Beginn eines neuen Kapitels im Leben dieser Menschen. Sie hatten die Hoffnung auf eine bessere und vor allem friedvolle Lebenssituation. Auf diesen Aspekt werde ich später zurückkommen.

Viele außergewöhnliche Ereignisse trugen sich in den ersten Tagen des ersten Monats unseres religiösen Jahres zu. In dieser Zeit war die Sintflut, die Prophet Noah und seine Arche durch Gottes Willen überlebten. In dieser Zeit vollzog sich der Exodus des Volkes Israel aus Ägypten unter Führung von Prophet Moses. In dieser Zeit prüfte Gott den Propheten Hiob mittels Krankheit und Schmerzen.

Der zehnte Tag des Monats Muharram ist überdies noch bedeutsamer. Dieser Tag wird „Ashura“ genannt, abgeleitet vom arabischen Wort „ashara“, dem Zahlwort für die Nummer Zehn.

Am Ashura-Tag ereigneten sich für die Beteiligten jeweils umwälzende Geschehnisse. An Ashura erreichte die Arche von Propheten Noah wieder festen Grund an einem Bergrücken in der heutigen Türkei. An Ashura teilte Gott für Moses das Rote Meer, um die endgültige Flucht der Israeliten vor den Ägyptern zu vollenden. Und an Ashura heilte Gott Hiob für seine Glaubenstreue.

In den verschiedenen Ausprägungen des Islam haben Muharram und Ashura zudem noch weitere, unterschiedliche Bedeutungen. Mancherorts wird der Jahreswechsel freudig gefeiert, unter den schiitischen und alevitischen Musliminnen und Muslimen beginnt mit dem neuen Jahr eine Trauer- oder sogar Fastenzeit. Der rituelle und kulturelle Umgang mit dieser Zeit des islamischen Jahres ist sehr vielfältig und wirkt oftmals – aus einer Perspektive von außen – mitunter widersprüchlich. Bei allen unterschiedlichen, manchmal sogar barbarisch anmutenden Bräuchen und Handlungen ist das verbindende Element all dieser Dinge sicherlich die Ernsthaftigkeit, mit der die Gläubigen sie begehen.

Es gab jedoch ein Ereignis am Ashura-Tag innerhalb der islamischen Geschichte, das immense Auswirkung auf die gesamte Gemeinschaft hatte. Am 10. Oktober des Jahres 680 gregorianischer Zeitrechnung kam es im Gebiet des heutigen Iraks, in Kerbela, zu einer Schlacht zwischen Hussein, dem Enkel von Prophet Mohammed (saw) und dem Kalifen Yazid I.

Die Schlacht von Kerbela führte zum Tod von Hussein und seinen Gefolgsleuten, doch sie hatte darüber hinaus noch viel weiterreichende Auswirkungen. Denn sie bewirkte, dass der Bruch zwischen den Sunniten und den Schiiten endgültig wurde und fortan dieses Ereignis auch zur Rechtfertigung von Gewalt, Krieg und Terror herangezogen wurde und wird. In der Folge töteten Angehörige beider Ausprägungen einander immer und immer wieder.

Ich werde die Bilder einer TV-Dokumentation vielleicht niemals vergessen. Das Kamerateam besuchte eine Moschee nach einem Selbstmordanschlag, bei dem Dutzende Menschen während des Freitagsgebets durch eine Sprengstoffexplosion getötet wurden, vor den Augen des Imams, der gerade die Chutpa hielt. Die Explosion hinterließ einen Krater im Betonboden, an den Wänden war überall noch Blut zu sehen. Der Imam überlebte unverletzt diesen Terrorakt, der aufgrund der anhaltenden Auseinandersetzungen in der islamischen Welt zwischen Sunniten und Schiiten stattgefunden hatte.

PAUSE

In den letzten Jahrzehnten wurde Muharram und speziell der Ashura-Tag immer wieder zu Gewalt und Anschlägen genutzt. In einem Monat, der ein heiliger Friedensmonat sein soll für die gesamte Ummah. In einem Monat, in dem alle Gläubigen dazu angehalten sind, Streit und Krieg jeglicher Art ruhen zu lassen.

Das hinterlässt viele von uns ratlos, sorgenvoll und vielleicht auch mit Angst vor der Zukunft. Einige fragen sich: Wie kann Gott all diesen Hass und diese Gewalt zulassen?

Aber Gott hat uns bereits offenbart, wie wir mit diesen Fragen und Gedanken und Konflikten umgehen sollen.

Es gibt eine Legende, dass nach dem Ende der Sintflut die von Noah geretteten Menschen ein Festmahl kochen wollten, aus Dankbarkeit an Gott über ihre Rettung. Doch sie hatten nur wenige Vorräte und auf der Welt gab es nichts, was sie zur Essenszubereitung nutzen konnten.

Also nahmen sie, was da war.

Gott aber vermehrte das, was sie gekocht hatten, so dass sie alle üppig essen konnten.

Diese Geschichte ist der Ursprung, warum so viele Menschen in der muslimischen Gemeinschaft, auch und gerade die Aleviten, zum Ashura-Tag eine Speise namens „Ashure“ kochen und es mit so vielen Menschen wie möglich teilen.

Ist das ein Weg, wie wir umgehen mögen mit den schlimmen Ereignissen der Welt, speziell mit den Auswirkungen der Schlacht von Kerbela innerhalb unserer Gemeinschaft?

Ein pragmatisches Vorgehen? Wir nehmen, was da ist, machen daraus eine lebensnotwenige Sache und teilen sie?

Aber was soll dann unsere Entsprechung zu der Ashure-Speise sein? Was sollen wir erschaffen, das grundlegend und essenziell wichtig ist – und das den Streit und den Zwist und die Gewalt und den Krieg aufhebt?

Wir wollen uns kurz erinnern, wofür der Beginn des neuen Jahres steht. Unser Prophet Mohammed (saw) ist durch seinen Gang nach Medina in eine sichere und friedliche Umgebung gezogen.

Und auch andere Propheten vor ihm haben das getan oder erlebt. Noah hat mit dem Start des neuen Jahres einen neuen Bund zwischen Gott und den Menschen initiiert, und außerdem an Ashura festen Boden und damit Sicherheit für seine Leute erreicht. Moses durchquerte das Rote Meer und brachte seine Leute in Sicherheit, in eine Zeit ohne Sklaverei und Verfolgung. Und Hiob wurden durch sein Vertrauen in Gott Leid und Schmerz erlassen.

Wir sind heute hier zusammen, weil Freitag ist und ein neues Jahr beginnt. In Vertrauen auf Gott haben wir einen Ort geschaffen, der zur neuen Heimat vieler gläubiger Menschen wurde und noch werden wird. Einen Ort, an dem Frieden herrscht: zwischen den Geschlechtern, zwischen den islamischen Ausprägungen und ja, auch grundsätzlich zwischen den Menschen.

Denn ich habe noch nie eine Gruppe von Menschen erlebt, die so wohlwollend und zugewandt und friedvoll miteinander umgehen. In der so wenige Missverständnisse entstehen. Und in der diese wenigen Missverständnisse zu keinerlei Streitigkeiten und Brüchen zwischen Menschen führen.

So wie die Menschen nach der Sintflut sind wir hier eine Gemeinschaft. Vielfältig zwar in vielerlei Hinsicht. Aber trotz, oder besser, wegen dieser Unterschiedlichkeit verfolgen wir ein wunderbares Ziel: Das friedliche tolerante Zusammenleben von Menschen im verbindenden und – wie Hiob – vertrauenden Glauben an Gott.

Heute feiert nicht nur unsere Religion das Neujahrsfest, sondern auch das Judentum beginnt ein neues Jahr. Das ist eine bemerkenswerte Verbindung unserer Religionen an diesem Tag. Und so, wie alle Musliminnen und Muslime im Monat Muharram aufgefordert sind, Frieden zu halten, sind wir angehalten, den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Juden überall auf der Welt etwas entgegenzuhalten: Die Einigkeit.

Gott hat den Menschen erschaffen. Sein Bund mit den Menschen ist unser aller Bund, nicht nur mit uns Muslimen. Vor Gott sind wir alle Menschen und daher gleich.

Also lasst uns einfach das fortsetzen, was wir seit einigen Monaten hier tun: Wir haben hier einen sicheren Hafen für Menschen erschaffen. Wir verbinden uns hier an diesem Ort im interreligiösen Dialog mit unseren Brüdern und Schwestern in den anderen abrahamitischen Religionen. Wir beten hier und gehen in die Zwiesprache mit unserem Schöpfer. Und an diesem Jahresstart erinnern wir uns daran, ein neues und gutes Kapitel in unserem Leben aufzuschlagen. Nicht nur einmal im Jahr, zu Neujahr oder zu Ashura oder zum Opferfest. Sondern jeden Tag aufs Neue.

Die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit eint uns in diesem Unterfangen. Der integre und liebevolle und offene Umgang mit unseren Schriften, mit den Begegnungen in der Natur und mit der Zwiesprache mit Gott.

Unser Weg zur Auflösung von jeder Form von Streit und Zwist und Gewalt und Krieg ist also:

ein frohes neues Jahr,

jeden Tag aufs Neue.

Damit ihr einander kennenlernt

Damit ihr einander kennenlernt

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.

(Sure 49, Vers 13)

Nicht nur Islamwissenschaftler sind mit der historisch-kritischen Methode als Werkzeug für die Analyse von Texten vertraut. Die Methode lässt sich auch auf den Koran in seiner Form als Text anwenden. Dabei ist die historisch-kritische Herangehensweise als Teil der Exegese (Auslegung, Erläuterung, Interpretation) keine Erfindung der sogenannten westlichen Welt. Bereits im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung begannen muslimische Gelehrte damit, den Kontext, in dem die einzelnen Suren und Verse offenbart wurden, schriftlich festzuhalten.

Ohne geschichtliches Hintergrundwissen gelangt man oftmals zu anderen Interpretationen, zu anderen Lesarten des Textes und erhält somit ein anderes Verständnis über die ursprüngliche Bedeutung der koranischen Suren und Verse. Manches hingegen – wie die eingangs zitierten Verse – erscheint auf den ersten Blick als klar und eindeutig, ohne dass weitere Erklärungen für ein unmittelbares Verständnis herangezogen werden müssten.

Jeder Mensch ist das Produkt seiner Eltern, einem Mann und einer Frau. Im Idealfall entwickelt sich das männliche Kind zu einem guten Sohn, zu einem guten Bruder und zu einem guten Freund sowie zu einem guten Ehemann, einem guten Vater und guten Nachbarn. Das weibliche Kind entwickelt sich dementsprechend zu einer guten Tochter und guten Schwester, zu einer guten Freundin und guten Ehefrau sowie zu einer guten Mutter und guten Nachbarin. Damit sind nur einige der vielen Rollen genannt, die sich prägend auf das Leben eines jeden Menschen auswirken.

Das Leben jeder einzelnen Person ist offensichtlich durch steten Wandel und sich wiederholende Kreisläufe geprägt. Folglich ist es angebracht, im Laufe des Lebens seine Ansichten zu ändern, beziehungsweise sie an neue Situationen anzupassen. Selbst Sterne und Steine – klassische Symbole des vermeintlich Ewigen und Unveränderlichen – verändern sich im Laufe der Zeit.

Ich habe das Privileg, dass ich zur Zeit viele Gespräche mit Besuchern unserer Moschee führen kann. Gegenüber all meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern betone ich, dass die Moschee allen offen steht. Ich betone ihnen gegenüber ebenfalls, dass alle Menschen Kinder dieser Erde sind. Das Leben aller Menschen führt von der Geburt an mehr oder weniger direkt in den Tod, mag der Weg dahin auch noch so unterschiedlich sein.

Aus meiner Sicht sind zwischenmenschliche Gespräche dann am interessantesten, wenn es darum geht, wie das Zurechtkommen mit Veränderungen individuell wahrgenommen und angegangen wird. Der Austausch und das geteilte Wissen darüber erschaffen immer wieder eine gemeinsame Basis, ermöglichen gegenseitiges Verständnis und bewirken Nachsicht im Umgang miteinander.

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.