Toleranz

Ramadan 2020

Das YouTube Video finden Sie hier!

Ramadan 2020

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Heute möchte ich euch besonders herzlich begrüßen, denn es gibt ein Fest zu feiern. Wir feiern mit euch das Eid al fitr, das Fest des Fastenbrechens. Und weil das auf Deutsch überhaupt kein schönes Wort ist, und weil man dabei außerdem den Kindern Süßes verteilt, und auch gerne selbst ein bisschen nascht, nennen wir es inzwischen auch in Deutschland „Zuckerfest“.

Ich finde das immer lustig, weil einige meiner arabisch-sprachigen Freunde Ostern das Eierfest nennen. So haben wir hier in Deutschland ein Eierfest, ein Zuckerfest, mal sehen, was noch kommt. Das geht zwar von dem religiösen Aspekt weg, der den Festen eigentlich zu Grunde liegt, aber zum kulturellen, und damit gemeinschaftsstiftenden, Aspekt hin und wirbt damit dafür, alle Menschen einer Gesellschaft daran zu beteiligen oder zumindest ihnen einen Begriff an die Hand zu geben, den sie mit den stattfindenden Tätigkeiten verbinden können. Das Zuckerfest darf erlebt werden, auch wenn man es nicht vollständig, in all seinen Einzelheiten versteht. Das Verstehen der Dinge geschieht sowieso immer bei allen Menschen auf verschiedenen Ebenen.

Das Zuckerfest ist das große Fest der Freude.

Einen Monat lang haben wir gefastet – Essen und Trinken, oder anderes, entbehrt. Wir haben uns daran erinnert, jeden Tag, dass wir ohne Essen und Trinken nicht nur hungrig und durstig sind sondern auch an anderen Dingen leiden.

Ein paar Beispiele:

Mir ist im Ramadan jeden Tag eisig kalt, oft sogar noch nach dem Essen. So kalt, dass mir am Tag die Schultern weh tun, weil ich mich so verkrampfe und ich die halbe Nacht nicht schlafen kann, weil meine Füße zu Eisblöcken erstarrt sind. Essen und Trinken hält uns warm, stabilisiert unsere gefühlte Körpertemperatur.

Im Ramadan bin ich vergesslich. Beim Verkauf meines Autos habe ich die Hälfte der Dinge im Auto gelassen, die ich unbedingt ins andere Auto mitnehmen wollte. Dinge wie das Ladekabel oder die Parkvignette, ich schaute nicht in das Fach unter dem Kofferraum, wo ich Badelatschen und Schwimmzeug gelagert hatte – alles, was mir nicht direkt ins Auge sprang, habe ich vergessen. Essen und Trinken hilft uns, uns zu erinnern.

Ein weiteres Beispiel: Ich ging zu meiner Therapeutin, die ich gerne einmal im Monat aufsuche, doch das hätte ich mir im Ramadan besser erspart, denn das Fühlen war so anstrengend, dass ich unglaublichen Hunger bekam und nur noch meinen Magen spürte, um am Ende der Sitzung völlig erschöpft nach Hause zu gehen. Essen und Trinken erlauben uns, in uns hineinzuhören, zu reflektieren, unseren Körper detailliert wahrzunehmen über Hunger und Durst hinaus und so am Wohl unserer Seele zu arbeiten.

Und auch dies geschieht ohne Essen und Trinken: Jeden Sonntag buk ich im Ramadan, und fuhr hinaus an einen See oder in einen Wald. Das ist schön, auch ohne Essen und Trinken. Doch in ein Cafe einzutreten und dort vielleicht ein Buch zu lesen, oder sich mit jemandem bei einer Tasse Tee zu unterhalten, ist viel schöner als ohne. Essen und Trinken macht unsere sozialen Kontakte froher und entspannter. Gespräche tiefgehender und unsere Handlungen beherzter.

Manche Tätigkeiten habe ich mir daher auf die Zeit nach dem Abendessen – also dem Frühstück – verschoben, andere gleich ganz auf die Zeit nach dem Ramadan.

Es gibt noch viel, viel mehr, wozu man Essen und Trinken braucht, nicht nur am Abend, um zu überleben, sondern tagsüber. Was tun die Menschen, für die immer Ramadan ist, und am Ende des Tages nur eine Schüssel Reis mit Bohnen – oder immerhin, eine Schüssel Reis mit Bohnen? Wie meistern sie ihre Beziehungen und Freundschaften? Wie schaffen sie es, in der Schule Leistung zu bringen, Verträge fehlerfrei zu gestalten und abzuschließen, gut ausgeruht in den Tag zu starten und ihre gute Laune zu bewahren ?

Der Ramadan dient ganz eindeutig dazu, uns unbedingt daran zu erinnern, dass Essen und Trinken eben nicht nur zum Vergnügen da sind, sondern essenziell unser Leben überhaupt so ermöglichen, wie wir es hier leben. Das haben wir jeden Abend aufs Neue festgestellt. Beim ersten Schluck Wasser nach dem Fasten sind wir manchmal sehr dankbar und erinnern uns an die außerordentliche Gnade, die uns erwiesen wird. Doch manchmal vergessen wir schon beim ersten Glas, wie schwer der Tag war. Gleichsam in Millisekundenschnelle sind wir wieder diejenigen, die wir vor dem gefasteten Tag waren. Deswegen ist es wichtig, dass der Ramadan immer wieder kommt und uns immer wieder daran erinnert, was uns hier auf der Erde geschenkt wird.

Die Dankbarkeit ist eine Anstrengung, ein Dshihad, in der wir uns immer wieder üben sollten. Darin sind sich religiöse und weltliche Philosopen einig.

Im Moment sprießen aus dem Boden der Buchlandschaft tausende von Büchern, die eine Art Tagebuchfunktion übernehmen, aber auf die Dankbarkeit fokussieren. Es sind Bücher, in die man schreiben soll, was an diesem Tag besonder schön war. Fünf Dinge soll man jeden Tag benennen, die einem besondere Freude bereitet haben. Das ist gar nicht so einfach. Wenn man sich darin übt, so wird gesagt, ist man nach einer Weile glücklicher. Man lernt, das Gute, Glücklichmachende, wahrzunehmen und hat so insgesamt ein erfüllteres Leben. Wer schon mal schwanger war, der weiß, dass das stimmt, zumindest, was die Wahrnehmug betrifft. Alle Frauen sind nämlich immer gleichzeitig schwanger und zwar genau dann, wenn man selber schwanger ist. Wenn ich schwanger war, und das war immerhin sieben Mal, waren immer alle Frauen schwanger. Spätestens bei der zweiten Schwangerschaft war mir aber schon klar, dass das nicht sein konnte. Es lag ganz offensichtlich an der Wahrnehmung. Vorher waren natürlich genauso viele Frauen schwanger, aber ich habe es nicht bemerkt, weil es für mich nicht relevant war.

Kürzlich kaufte ich ein Auto. Sollte es ein Ford sein? Ich sah so viele Fords in meiner Umgebung wie nie zuvor. Sollte es ein Opel Corsa werden? Den hatten scheinbar auch alle. Mein Blick schärfte sich und ich sah sie plötzlich alle, die Clios, Polos, BMWs, und je mehr sie für mich in Frage kamen, desto schneller konnte ich sie unterscheiden, schon von Weitem.

So richtet sich unsere Wahrnehmung stets danach, was wir als relevant empfinden. Wenn wir uns darauf konditionieren, das Gute relevant zu finden, und zu erkennen, so werden wir es immer besser sehen können.

Inni atainak al kawthar, fassali rabika wa anhar. Wir haben euch die Fülle gegeben, sagt Gott. Die Gottheit, die uns gibt und gibt und gibt, ist recht selbstlos. Sie bittet, dass wir beten, und dass wir hin und wieder fasten. Der Rest der wesentlichen Anforderungen des Allah, bezieht sich auf die Menschen, nicht auf Gott selbst. Wir sind gehalten, sie gut zu versorgen, alle. Dazu sollen wir unseren Besitz teilen und gastfreudlich sein. In einer Stammeswelt des 7. Jahrhunderts hieß das, genau wie heute, dem Armen nebenan etwas abzugeben und dabei nicht zu pfennigfuchsen. Doch in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts bedeutet es mehr, nämlich auch, politisch dafür zu sorgen, dass ordentlich geteilt wird. Wir sind beauftragt, ganz konkret, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Das steht im Koran und könnte deutlicher nicht geschrieben sein. Zitiere 2:267 und 274. Und in 2:277 lesen wir (zitieren).

Es kann nicht sein, dass einer Milliarden im Sockenfach bunkert und ein anderer nicht weiß, was er morgen seinen Kindern zu essen geben kann. Es kann nicht sein, dass manche Kinder mit ihren eigenen Eltern leben und andere alleine auf der Straße, statt behütet in Familien oder angemessenen Heimen. In einer globalisierten Welt kann nicht jeder alles haben, aber keiner darf nichts haben, oder – entschieden zu wenig. Das ist ein klarer Auftrag der Religion an die Muslime. Im Ramadan wird er zur Pflicht.

Eid Alfitr ist ein Tag der Freude, und er soll es für alle sein. So gebt reichlich heute. Alles was ihr geben könnt. Eure Freude, euer Lächeln, euren warmen, festen Handschlag, den Blick in die Augen. Gebt auch euer Geld mit Freude, wenn ihr könnt, und nehmt es gern und mit Freude, wenn es euch gegeben wird. Gebt euch selbst. Seid gerne stolz darauf, dass ihr diese Zeit gut überstanden habt und schämt euch nicht für eure Fehler, sondern lernt daraus. Jeder Mensch macht Fehler. Immer und überall.

Heute ist der Tag der Freude, der Tag des Gebens und der Tag der Versöhnung. Der Tag, an dem wir zu unseren Mitmenschen gehen und ihnen und uns eine zweite Chance geben, oder eine dritte, vierte. Es ist der Tag des ehrlichen Versuchs, von Neuem zu beginnen. Ein Tag des Neuananfangs in Bezug auf unsere Freunde, Beziehungen, Kinder, Ehepartner, Mitarbeiter, Mitschüler, Nachbarn, Cousins und Cousinen. Was vorher schlecht gelaufen ist, darf nun gut werden.

Religionen und ihre Riten und Ansprüche dienen dazu, uns als Menschen zu erweitern und uns allen gemeinsam ein glückliches Leben zu schenken. Sie dienen dazu, dass wir nicht unbedacht durchs Leben gehen, sondern reflektieren und wachsen, das Gute erkennen und uns daran erfreuen.

Heute ist ein Tag der Freude. Inschallah werden wir viele Tage der Freude verschenken und empfangen.

Tim Marshall

 Die neue Gemeinschaft

Das YouTube Video finden Sie hier!

 Die neue Gemeinschaft

Wenn ich heute von meiner Kindheit erzähle, muss ich beachten, dass nicht das Kind erzählt, sondern ich mit meinen vielen Jahren. Das damals Erlebte rekonstruiere ich und interpretiere es aus meiner heutigen Sicht. Es ist keine exakte Wiedergabe, sondern eine neue, die sich mit der Zeit immer wieder ganz leicht wandeln kann.

Letztlich habe ich ein Gebilde zusammengebastelt, so wie ich es mir gern vorstelle.

       Und so ist es auch mit unserer Religion. Wir betrachten die ersten Muslime von unserem heutigen Blick aus, oft als fertige Muslime mit einer neuen Religion. Aber das war ganz und gar nicht so. Es fällt uns schwer, die Jahrhunderte einer Entwicklung zu überbrücken und Muhammads Zuhörer so zu sehen, wie sie waren. Die erste Gemeinde, die sich gerade erst zusammengefunden hat, das waren Menschen, die in Mekka, später in Jathrib, dem neuen Medina wohnten, Gottsuchende, Juden, unterschiedliche Strömungen von Christen, Vielgläubige. Sie alle hatten einen speziellen religiösen Hintergrund und standen sicher fest in ihrem Glauben. Ihr Glaube war oft durch ihre Stammeszugehörigkeit fest etabliert. Aber sie waren offen und neugierig. Diesen Gesichtspunkt müssen wir viel mehr beachten, wenn wir über die ersten Gemeindemitglieder dieser neuen religiösen Strömung und die langzeitliche Herabsendung des Koran sprechen und um den Inhalt des Koran mit seinem Dialog zwischen Gott und den Menschen und ihrer Geschichte besser zu verstehen.

    In Arabien gab es keinen Staat mit einem Rechtsystem, sondern es lebten dort viele Stämme mit jeweils eigener Stammesethik. Mehrere Stämme oder einzelne Clans bewohnten gemeinsam einen Marktflecken, in der es nicht immer friedlich zuging. Das Recht der stärkeren Gruppierung oder Clan bestimmte mehr oder weniger das Leben innerhalb eines Stammes oder einer Ortschaft.

     Wir dürfen nicht vergessen, dass es keine Menschen gab und gibt, dessen Persönlichkeit sich nicht weiterentwickelt. Auch Muhammad war keine unveränderliche Persönlichkeit. Dessen Lebensumstände werden sich drastisch verändern.

     Stellt euch vor: Da kommt jemand daher, vielleicht auf dem Markt als Zentrum der Begegnung, der von sich behauptet: „Mich schickt Gott zu euch!“ Er habe eine Botschaft übermittelt bekommen, in der es hieß: Er sei als ein Warner mit einer göttlichen Botschaft zu den Menschen gesandt worden. Die Botschaft würde lauten: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, macht euch bereit und verneigt euch vor eurem Herrn.

      Wie könnten da die Menschen reagiert haben! Stellt es euch einfach mal vor! Sie würden untereinander tuscheln, ihn für verrückt halten, den Kopf schütteln. Andere überlegen vielleicht: Meint er den einen von unseren Göttern, Allah? Hat er sich das jetzt nur ausgedacht oder schickt Allah wirklich diesen Mann und warum?

    Viele gehen empört weg, andere kommen näher und hören sich das an, was Muhammad zu sagen hat. Sie werden vielleicht zuerst über das Gehörte erstaunt, dann nachdenklich sein und schließlich Muhammad bestürmen, er solle doch mehr erzählen: Warum hat Gott ihn und keinen anderen gewählt und was soll das Ganze eigentlich bedeuten! Anfangs werden sie die neuen Verse aus der Sicht ihrer eigenen religiösen Strömung oder Religion betrachten, Schlüsse daraus ziehen. Vielleicht denkt ein Jude: Steht das nicht so ähnlich, nur mit anderen Worten, in unserem Alten Testament? Oder: Das, was Muhammad berichtet über Isa, Jesus, kenne ich doch schon! Und so findet sich vieles, was in den alten, religiösen Büchern steht, im Koran wieder. All das, was die Menschen damals berührte, was Teil ihres Lebens und ihrer Situation im Alltag und im Besonderen war, findet in den Worten Gottes Beachtung. Es spiegelt ihr Leben und ihre Fragen auf besondere Situationen wider. Und viele Fragen von uns heute strahlen zurück und geben auch uns Antwort.

    Warum ich so genau auf die Situation von damals eingehe? Ich möchte euch einfach sensibilisieren. Stellt euch vor: Ihr kommt in eine neugegründete Gruppe, da ist vielleicht ein Biologe, ein Geologe, ein Vulkanologe. Sie haben aber ein Thema mit einem Ziel, eine Aufgabe. So ungefähr könnte auch die neue religiöse Zusammensetzung der ersten Gruppe, der ersten Gemeinschaft gewesen sein. Wir sagen heute Team mit Mitgliedern, die alle unterschiedliche Hintergründe und Voraussetzungen mitbringen. Es war auf alle Fälle nicht leicht, daraus eine Gruppe mit fast übereinstimmender Denkweise zu bilden. Das passierte wohl erst lange nach dem Tode des Propheten.  

    Das Neue daran war die Bildung einer Gemeinschaft, die nicht auf der Grundlage der Blutsverwandtschaft, sondern auf der Grundlage bestimmter miteinander geteilter Werte beruhte. Im Hinterkopf herrschte sicher noch ihre vorherige religiöse Gesinnung, aber langsam teilten sie bestimmte Überzeugungen miteinander.

      Gott ladet also alle Menschen ein, egal welcher religiöser Strömung sie angehören. Sicher werden es mit der Zeit immer mehr, die kommen, um zuzuhören, Fragen zu stellen und langsam zu begreifen. Es sind diejenigen, auf deren Fragen Gott in eine der nächsten Sendung auf ihre Fragen Antwort gibt. So entsteht ein Dialog zwischen den ersten Gemeindemitgliedern um den Propheten Muhammad und Gott. Es ist aber noch nicht der Islam, so wie wir ihn heute kennen.

    Gott bezeichnete Ibrahim als einen Hanif. Hanif bedeutet: ‚Gott ergeben sein, dem einzigen Gott nichts beigesellen‘. Ich würde sagen: Sie waren Gott-Gläubige. Der koranische Ausdruck ‚ḥanīf‘ hat etwa die Bedeutung: ‚Nicht zu den Heiden zu gehören‘. Die Sure 3:95 sagt darüber: „Sag: Gott hat die Wahrheit gesagt. Darum folgt der Religion Abrahams, eines Hanifen – er war kein Heide.“

     Ich denke, viele dieser Hanifen, die zu Muhammad kamen, gehörten diesem Monotheismus an, der nicht mehr mit dem Christentum noch mit dem Judentum identisch war. Und sie grenzten sich folglich auch vom Heidentum, dem Polytheismus, mit dem Vielgötterglauben vieler Stämme in Mekka und in ganz Arabien ab.

    Übrigens: Der Koran spricht nicht ein einziges Mal in einer Anrede zu einem Muslim, sondern zu Gläubigen, zu Frauen, zu Einzelpersonen. Wenn über den Islam bzw. über einen Muslim gesprochen wird, dann im Sinne des Ergebens und Glauben an den Einzigen. Ein Beispiel in Sure 2: 112: „Doch wer sich Allah ergibt und Gutes tut, der hat seinen Lohn bei seinem Herrn und diese werden weder Angst haben noch werden sie traurig sein.“ Muhammad Assad sagt dazu: Dieser im Koran mehrfach wiederholte Ausdruck (sich Gott ergeben) stellt eine vollkommene Definition des ‚Islam‘ dar, das von dem Wurzelverb aslama (er ergab sich) abgeleitet ist und ‚Selbstergebung in Gott‘ bedeutet. Und genau in diese Sinne werden die Begriffe ‚Islam‘ und ‚Muslim‘ im Koran verwendet. Wer Gott sich ergibt ist ein Muslim.

     Hier noch eine andere Sicht auf eine andere Zeit: Die Sure 10:84 sagt aus: Und Moses sprach: “O mein Volk, habt ihr an Allah geglaubt, so vertraut nun auf Ihn, wenn ihr euch (Ihm) wirklich ergeben (Muslimin) habt.” Moses wandte sich bei dem Treffen mit dem Pharao an die Israeliten, also an sein Volk und wahrscheinlich auch an die Ägypter: Wenn ihr wirklich an Gott glaubt und ihm ergeben seid, dann also könnt ihr ihm auch vertrauen.

      Muhammad hatte eigentlich sicher gar nicht vor, eine neue Religion zu bilden. Er wollte nur eine neue Qualität im Glauben, eine neue und bessere Stufe. Er fühlte sich bestimmt nicht als Religionsstifter. Er behauptete ja immer nur ein Warner zu sein. Und so steht es auch im Koran.

     Der neue Glauben an den Einen Gott veränderte die Menschen, so dass aus Christen, Juden usw. erst mit der Zeit Muslime wurden. Das heißt, der Koran, der an die damaligen Menschen gesandt wurde, ist an Menschen gesandt, die vorher ganz anders glaubten. Erst als sie sich ethisch und religiös annäherten, wurden sie zu einer festen Gemeinschaft und der Islam entstand. So müssen wir es heute betrachten.

    Viele Probleme, die es damals gab und auf die der Koran damals Antwort gab, gibt es auch heute noch. Darum können wir heute den Koran noch anwenden, aber nur aus unserer heutigen Sicht und darum ist auch der Koran lebendig geblieben.

 Er griff Fragen auf, die die Menschen aller religiösen Sichtweisen betraf. Es betraf Dinge, die seiner eigenen religiösen Gedankenwelt entsprangen.

    Der Koran hat somit eine irdische Geschichte. Viel Neues stürmte auf die Menschen damals ein, woran sie vorher nicht gedacht haben mögen, zumindest in dieser Art und Weise nicht. Und jeder hatte andere Fragen. Und der Koran bzw. Gott gab ihren die Antwort.

    Gott richtete sich an alle Menschen, die damals in Arabien lebten, an die christlichen Einsiedler, an all die Gott Suchenden. Und auch heute noch wird jeder Mensch im Koran angesprochen.

Manaar

Mohamed Nohassi

Freiheit und Ehre

Freiheit und Ehre

 

Mohamed Nohassi
Mohamed Nohassi

Asalamu alaikum wa rahumatullah wa barakatuhu. Liebe Gemeinde, liebe Gäste, seid alle herzlich gegrüßt zum heutigen Freitagsgebet. Im Anschluss an die Khutba und das Gebet wird es einen Vortrag von Tamara geben, anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Hatun Sürücü, die einem so genannten Ehrenmord zum Opfer fiel, bzw. einem durch und durch unehrenhaften Komplott ihrer Familie. Tamara kannte Hatun, denn sie war eine Freundin ihrer Schwester.

Zunächst gibt es jedoch wie immer die Khutba und das Gebet.

Noch einmal, seid alle herzlich willkommen in der Ibn Rushd-Goethe Moschee. Unser Boden ist ein Teppich; doch zugleich ist er ein Acker, den es zu bearbeiten gilt. Der Nährboden auf dem wir hier sitzen, stehen, uns niederwerfen, birgt die Saat für Frieden und Liebe, Vergebung und Zuversicht.

Meine Khutba heißt nach einem Satz, den ich vor kurzem irgendwo hörte: Unsere Freiheit ist unsere Ehre

Sie beginnt recht persönlich, bleibt es aber nicht, und sie verweist an einer Stelle auf das Märchen vom Froschkönig, das ihr hoffentlich kennt.

Auch ich bin eine Frau. Und damit möchte ich beginnen. Mit meiner recht alltäglichen, weiblichen Erfahrung.

Über Jahre war ich in einer Beziehung gefangen. Tagein, Tagaus, später im Stunden- letztlich im Minutentakt spürte ich die überaus warme Liebe meines Partners abwechseln mit seinem ebenso überaus vollkommenen Rückzug aus der Beziehung. Er strafte mich mit Nichtachtung, um mich dann, wieder so zu lieben, wie kein anderer. Unsere emotionale Nähe war unbeschreiblich, und die Erfüllung im Beisammensein ließ mich die Welt vergessen.

Dann wieder der Rückzug, das Verlassen, ein auf eine psychische Störung hindeutendes Verhalten, das ich lange brauchte, einzuordnen und noch länger, hinter mir zu lassen. Jahre um Jahre dachte ich, das Problem läge allein bei mir. Mich darauszuwinden brauchte viele Anläufe.

Eines Tages hüllte sich mal wieder alles um mich herum in ein undurchdringliches Dunkel, und mein Körper schmerzte, ob der Schweigsamkeit. – Doch plötzlich änderte sich etwas. Kein Mensch der Welt, so kam es mir in den Sinn, habe das Recht, mir so etwas anzutun. Ich besann mich plötzlich mehr denn je zuvor auf meine Verantwortung für mich selbst und nahm den Mut zusammen, der von außen so lächerlich klein zu sein scheint, doch für mich war er riesig.

Bei einem nächtlichen Spaziergang unter dem klaren Sternenhimmel eines kalten Januartages, entschloss ich mich, den Frosch an die Wand zu werfen.

Ich wusste, dies würde eine von zwei Folgen haben. Entweder der Frosch starb (starb also gewissermaßen für mich), oder der Frosch würde erlöst, denn möglicherweise war ja ich diejenige, die ihn in seinem unwürdigen Zustand gehalten hatte!

Die Erlösung hätte ebenso zwei mögliche Folgen. Entweder würde er als erlöster Prinz fröhlich auf seinem Pferd von dannen reiten, hin zu seiner neu auserwählten Prinzessin, oder er würde mich zu seiner Prinzessin machen. Breitbeinig, die Füße fest im Boden verankert, stand ich unter dem Firmament der Rummelsburger Bucht, den Frosch in der Hand – und warf.

Natürlich nur in Gedanken; die Frösche hielten glücklicherweise Winterschlaf. Konkret bedeutete dies einen freiwilligen inneren Abschied von einem Menschen, den ich sehr, sehr liebte. Doch was auch geschehen würde, ich wollte nun damit zufrieden sein und sogar glücklich. Den Weg dahin übergab ich dem Schicksal.

In dieser Nacht träumte ich einen Traum. Nicht irgendeinen, sondern einen wie wir ihn vielleicht alle kennen. Einen Traum, der das tiefe Wissen unseres Unbewussten in Bilder übersetzt, die wir verstehen können. Ein Traum, der daraus entsteht, dass Allah, das Alles, in uns wohnt und Teil von uns ist und wir in Allah wohnen und Teil von Allah sind. Als Teile eines gemeinsamen Wesens als Teile des Alles, haben wir ein Wissen dieses Alles, das tief in uns zu Hause ist.

Im Traum stand ich vor meinem Vogelkäfig, dessen Türchen sich plötzlich ganz von alleine öffnete. Heraus flogen alle drei Wellensittiche. Die beiden gelb-grünen Weibchen und der dicke, blaue Hahn.

In ihrer neuen Freiheit flogen sie hoch durch das Wohnzimmer. Ich fühlte den Luftzug, verursacht durch das Schwirren ihrer Flügelchen. Und als ich meinen Finger wie ein Zweiglein hochhielt, landeten sie darauf und ich spürte im Traum ihre kleinen Krallen, wie sie sich an meinem Finger festhielten.

Der dicke blaue Hahn flog auch. Endlich kam auch er zu mir und setzte sich in meine geöffnete Hand. Doch war er nun nicht mehr der saubere Vogel, als der er ausgeflogen war. Vielmehr war er jetzt bis zur Unkenntlichkeit in Staub gehüllt. Genau genommen, bestand er nur noch aus Staub. Lange betrachtete ich das Staubwölkchen. Dann begann ich, es zu waschen und zu trocknen.

Doch welch eine Überraschung! Es war gar nicht mein dicker, blauer Sittich! Es war ein wunderschöner, schwarz glänzender, recht großer Vogel mit leuchtend blauen Flügeln, der ganz still da saß und sich betrachten ließ.

Damit ließ ich mir Zeit, wusste ich doch nicht, ob es möglicherweise doch der Sittich war, der sich beim Waschen verändert hatte, oder ob es ein gänzlich anderer Vogel war. Hatte ich meinen Sittich zuvor dermaßen verkannt? War ich dieser schwarze Vogel? War es mein Partner? Gar jemand anders? Oder einfach ein Symbol?

Beim Erwachen aus diesem Traum entfuhr mir ein Lachen. Ich fragte mich, welchen Vogel mir das Schicksal denn nun schicken würde und freute mich darauf. Doch genauso wichtig wie die Identität des Sittichs war in meinem Traum, dass dies alles nur deshalb geschehen konnte, weil sich der Käfig geöffnet hatte. Erst da konnte die Seele, versinnbildlicht in den Vögeln, frei fliegen und erst dann ihre verlorene Selbstbestimmung wieder erlangen. In ihrer Freiheit konnte die Seele ihre kleinen Schwingen ausbreiten und sich in die Lüfte heben. Die zuvor gefangene Seele, die nichts als trauern und lethargisch vor sich hinschauen konnte, schaute nun verantwortungsvoll in die Welt. Ihre Freiheit gereichte ihr zur Ehre.

Das herausragende Gefühl des Traumes war nicht Frohsinn, war nicht Errungenschaft, sondern war das Gefühl der Rechtmäßigkeit des freien Seins. Das Gefühl tief empfundenen Glücks, ob der Möglichkeit zu tun, wofür man geschaffen wurde. Zu fliegen, zu schwirren, zu landen, sich hier und da an der Sicherheit festzukrallen, um dann wieder abzuheben ins Ungewisse.

Die Freiheit, darauf kann man sich als Muslim und Muslimin getrost berufen, ist ein Geburtsrecht. Ohne diese menschliche Freiheit wäre das ganze Gerede von Himmel und Hölle, vom jüngsten Tag, von Lohn und Strafe, von hättest du und würdest du, hinfällig. Nur wer frei ist, Schlechtes zu tun, kann belohnt werden, wenn er es unterlässt. Nur wer frei ist, Gutes zu tun, kann dafür belohnt werden, dass er sich dafür entscheidet. Dieser Lohn liegt jedem einzelnen von uns für allein seine eigenen Taten bereit. Da kann niemand für einen anderen belohnt werden, niemand für einen anderen bestraft.

Auch geburtsrechtlich verankert ist des Menschen Würde. Selbst Gefangene erhalten eine Decke zum Schutz gegen die Kälte der Nacht. Wo die Würde verletzt wird, gibt es einen Aufschrei in den Herzen vieler Menschen, wenn der auch nicht immer gehört wird, wo Interessen Mächtiger die Würde Ohnmächtiger mit ihren Füßen treten. Zur Würde gehört vielerlei Verschiedenes, doch irgendwie Selbstverständliches, und dennoch muss man es immer wieder verteidigen, so zum Beispiel, dass man seine Notdurft angemessen verrichten darf. Dazu gehört so Banales wie, dass man beim Sprechen angeschaut wird, und auch die körperliche und damit auch sexuelle, Unversehrtheit gehört dazu. Die Würde und die Freiheit sind Geburtsrechte. Es ist ein liebender Gott, der seine Geschöpfe mit dem Recht auf Würde und Freiheit ausstattet.

Die Ehre hingegen ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das zwar in jeder Gesellschaft vorhanden ist, doch mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird. Bei den Einen ist jemand ehrenhaft, wenn er der Menschheit Gutes tut, bei den Anderen, wenn er seinen gesellschaftlichen Rang durch die Anhäufung von Besitz erhöht. Bei wieder anderen hat Ehre leider etwas mit Vaterland und Selbstvergötterung zu tun. Der Begriff der Ehre ist ganz anders als der der Freiheit und Würde. Viel komplizierter und sogar gefährlich. Hatun Sürücü. wuchs auf inerhalb zweier Begriffe von Ehre, die keine Schnittstelle haben außer dem Gefühl der Verletzbarkeit. Unser Ehrbegriff hat mit diesem ganz bestimmten, traditionellen, Begriff der Familienehre, den wir hier erinnern, keine Gemeinsamkeit.

Ich liebe andere Kulturen. Ich liebe es, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch gibt es Momente, da ist eine derartige Bewunderung des Anderen nicht angemessen. In dieser Tradition der Ehre werden Mädchen lebendig begraben – von ihren eigenen Vätern; erschossen mit ihren Liebhabern von ihren Brüdern; gefangen gehalten von ihren Schwestern unter der Komplizenschaft ihrer Mütter, die ihnen den letzten Schutz verweigern, doch selbst Gefangene sind. Nicht zu Zeiten des Propheten Mohameds, sondern heute, geschehen solche Furchtbarkeiten, die man sich nicht vorstellen mag.

In der Lunge eines Mädchens wurde Erde gefunden. Sie wurde bei lebendigem Leib begraben. Wer tut so etwas und nennt es ehrenhaft?

Die Positionierung der Ehre über der persönlichen Freiheit opfert Menschen auch wenn sie sie nicht körperlich tötet. Das glücklose Verharren in einer lieblosen Ehe ist auch ein Tod. Das Verweigern lebensfroher Erfahrungen verwandelt unsere Herzen in Steine. Das Verbot der Liebe und des Lachens ist ein kalter Kerker.

Deshalb achten wir aufeinander. Schauen einander an, hören einander zu und hören genau hin, ohne zu richten, denn wir sind nicht einander Richter. Und wenn wir messen, so messen wir mit demselben Maß; für uns und für andere.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Wir allein sind die Entscheidungsträger über uns selbst. Und besonders ehrenhaft sei der, der Almosen gibt, der betet und fastet, wie er kann, und der nicht über andere urteilt, sondern ihnen Liebe und Verständnis entgegenbringt. Dies ist dann besonders wertvoll, oder vielleicht vor Gott nur dann wertvoll, wenn es nicht aus Zwang geschieht, sondern freiwillig, und aus Liebe.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Unverstellt und ehrlich, der Welt glücklich entgegentretend, denn wer traurig ist, verbreitet Trauer, und wer glücklich ist, verbreitet Glück. Gefangenschaft verbreiten nur, die selbst gefangen sind; und wer frei ist, verbreitet Freiheit.

Und so wie die Flügel des schwarzen Vogels – Symbol seiner Freiheit- erst dann in ihrem leuchtenden Blau erstrahlen konnten, als sich der Käfig geöffnet hatte, so erstrahlen auch wir Menschen dann, wenn sich unsere Käfige öffnen und wir frei sind, zu tun, was wir ganz persönlich, für uns allein, für richtig, gut und verantwortbar halten.

Möge Allahs Segen uns allen Liebe, Glück und Freiheit schenken.

Sowieso wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Wo es immer wieder um Ehre geht, messen so genannte Familienoberhäupter doch fast immer mit zweierlei Maß. Doch diese Kritik verschwindet hinter der größeren: Niemals ist ein Mord zu rechtfertigen. Wer die Möglichkeit einer solchen Handlungsweise rechtfertigt, umgeht jedes Rechtssystem, jede gesellschaftliche Ordnung. Da werden zur Wahrung der Familienehre die ehrlosesten Handlungen begangen, die man sich vorstellen kann. Da wird die Freiheit, sein Leben selbst zu gestalten, mit dem Tod bestraft.

Doch lasst uns nicht irritieren. Die Freiheit ist ein Geburtsrecht.

Gerechtigkeit  

Das YouTube Video finden Sie hier!

Gerechtigkeit  

Ich habe immer mal über die Beziehung Gott- Mensch nachgedacht oder gelesen. So fand ich im Buch „Gott und Mensch im Spannungsverhältnis von Gerechtigkeit“ von Muna Tatari einiges Überlegenswertes.  

     Gott hat immer schon mit den Menschen kommuniziert, so, wie sie es verstehen konnten, immer auf dem Wissensstand ihrer Zeit, durch Propheten und Gesandten. Für uns ist als Gottes Wort der Koran maßgeblich. Aber ich denke auch, dass Gott mit jedem Menschen, der es will, spricht, nur erkennen wir es nicht immer.

     Im Koran beschreibt sich Gott selber, z.B. in Sure 16:3: „Er hat die Himmel und die Erde in Wahrheit (haqq) erschaffen…“. Das Wort haqq, hier als Wahrheit definiert, hat eine große Spannweite und ist ein ethischer Maßstab. 

     Hagg kann für Wahrheit, Weisheit, Gerechtigkeit stehen und mit den entsprechenden Präpositionen: das, was jemandem in Wahrheit zusteht: das ‚Recht‘, und das, was jemandem in Wahrheit auferlegt ist, also ‚Pflicht‘.

    At-Tabari sieht den Text dann so: „Er hat die Himmel und Erde in Gerechtigkeit geschaffen“.

       Indem Gott für Gerechtigkeit oder Wahrheit einsteht, bezeugt er, dass es keinen Gott außer Gott gibt und ebenso bezeugen dies die Engel und die Wissenden. Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Mächtigen, dem Weisen, wie es in Sure 3:18 steht: „Gott selbst bietet Beweis dar und ebenso die Engel und alle, die mit Wissen versehen sind, dass es keine Gottheit gibt außer Ihm, dem Wahrer der Gerechtigkeit…“

    Das heißt: Gottes Seinsweise in Beziehung zur Schöpfung ist unmittelbar mit dem Gedanken an Gerechtigkeit verbunden. Mittels seiner Gerechtigkeit weist Gott auf sich Selber hin und legt damit Zeugnis für sich und seiner Gerechtigkeit ab. Gerechtigkeit steht daher für eine nahezu wesenhafte Eigenschaft Gottes. Und so wie Gott Zeugnis ablegt, tun es auch einige Seiner Geschöpfe: die Engel sowieso, aber auch der wissende Mensch, so wie ich täglich beim Gebet Zeugnis ablege, dass es nur einen Gott gibt.

    Die Sure 45:22 verdeutlicht dieses: „Gott hat die Himmel und die Erde gerecht geschaffen (bil haqq) und deshalb bekommt jede Seele das, was sie erworben hat.   Und ihnen wird kein Unrecht getan.“

   Dieser Vers bedeutet: Weil die Schöpfung und damit auch der Mensch in Gerechtigkeit bzw. in Wahrheit (haqq) geschaffen wurde, kann alles, was den Menschen betrifft, nur in Gerechtigkeit, in Wahrheit geschehen. Gott charakterisiert damit seine Beziehung zu seiner Schöpfung, insbesondere zu den Menschen.

     In der Adam-Erzählung 2:30-38, macht Gott uns darauf aufmerksam, dass Er den Menschen nicht ohne Rechtleitung lässt. Durch den Koran wird der Mensch versichert, dass Gottes Wort, einerseits im Koran und auch in den Gesetzmäßigkeiten der Natur, grundsätzlich für Wahrheit und Gerechtigkeit steht. Damit kann Gott als verlässlich dem Menschen gegenüber wahrgenommen werden, weder bestechlich, wankelmütig oder launisch noch böse.

    Gottes Gerechtigkeit sollte sich ebenfalls in der Gerechtigkeit des Menschen, in seinem ethischen Verhalten wiederfinden. In Sure 55:5-9 steht: „Die Sonne und der Mond kreisen nach einer festgelegten Berechnung. Und die Sterne und Bäume verbeugen sich anbetend. Und den Himmeln hat Er emporgehoben. Und Er hat das richtige Abwiegen zum Gebot gemacht, damit ihr beim Wiegen nicht das Maß überschreitet, so setzt das Gewicht in gerechter Weise und betrügt nicht beim Wiegen.“

    Dieser Vers verweist auf eine Beziehung zwischen göttlichem und menschlichem Handeln. Das Handeln des Menschen soll in Einklang mit der Schöpfung geschehen, in dem die Harmonie und Gerechtigkeit, die in den Abläufen der Natur zu beobachten ist, durch das gerechte Handeln des Menschen in zwischenmenschlichen Bezügen verankert wird.

     Wir betrachten Menschen, die in Gerechtigkeit und Wahrheit handeln als ethisch. Philosophisch gesehen ist deshalb Gottes Gerechtigkeit ebenfalls ethisch zu betrachten, folgerichtig muss die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen von ethischer Natur sein. Das heißt: Gott handelt in Bezug auf den Menschen ethisch. Nach islamischer Auffassung soll der Mensch auf Gott antworten in einer Art und Weise, die ebenfalls von Ethik und Gerechtigkeit bestimmt ist. Anders kann man ausdrücken, der Mensch kann nicht nur kommunizierend zu Gottes Gerechtigkeit handeln, er ist vielmehr in der Lage, dass in seinem gerechten Handeln die Gerechtigkeit Gottes zum Ausdruck kommt. Damit übergibt Gott in seiner Eigenschaft als gerechter Gott dem Menschen die Verantwortung und Aufgabe, Gerechtigkeit zu üben und in Gerechtigkeit zu handeln. In Sure 4:135 fordert Gott uns auf: „O, die ihr glaubt, steht ein für die Gerechtigkeit und legt damit Zeugnis für Gott ab, …“, das heißt: Der Mensch legt Zeugnis für Gott ab, weil er (der Mensch) für Gerechtigkeit eintritt und danach handelt.

      Da wir die Gerechtigkeit als eine Wesenseigenschaft von Gott betrachten, kann natürlich kein Raum für die Annahme existieren, dass Gott dem Menschen Unrecht in irgendeiner Form antun würde. Lesen wir dazu die beiden Verse aus Sure 29:39-40: „Und Wir vernichteten Korah und Pharao und Haman. Und Moses kam wahrlich mit deutlichen Beweisen zu ihnen, doch sie betrugen sich hochmütig auf Erden. Uns aber konnten sie nicht entrinnen. So erfassten Wir jeden in seiner Sünde…“

    Hier spricht der Koran von einer vom Menschen selbst verschuldeten Strafe. Gott hat immer wieder durch Propheten gewarnt und an seine Gerechtigkeit erinnert. Es war also eine gerechte Strafe. Gott hat als Qadir, der aller Dinge mächtig ist, gehandelt, um Gerechtigkeit zu üben. Das Wort Qadir kann man in dem Sinne verstehen, dass jemand das rechte Maß kennt. Qadara bedeutet auch ein Maß festlegen, die Menge oder Größe von etwas bestimmen und qadr ist dann das Maß, die Menge oder Größe. Qadir wäre jemand, der die Kraft und Fähigkeit hat, etwas richtig und gerecht zu können.

    Gott kennt die äußeren und inneren Ausmaße oder Kraft und Möglichkeit des Menschen, was für ihn möglich und durchführbar wäre. Dazu heißt es in Sure 2:286.  „Gott legt keinem Menschen mehr auf, als er vermag…“

    Auch wenn wir uns manchmal überbelastet fühlen, so geht es aus der Perspektive von Gott nie über ein bestimmtes Maß an Belastung und Beschwernis hinaus, da Er ja kennt, was wir vermögen.

In meinem Beispiel aber ist es ein vom Menschen gemachtes Unrecht, das seinem jeweiligen Mitmenschen angetan wurde. Pharao handelte freiwillig und Gott hat ihm ja die Freiheit zu wählen, ob er richtig handelt oder jemandem Unrecht tut gegeben.  Und so hat Gott als Qadir gerecht gehandelt.

     Der Begriff Statthalterschaft Gottes bezieht sich auf alle Menschen, da sie den Auftrag haben, in Gerechtigkeit unter den Menschen zu handeln. Ghazali geht bei dem Begriff Khalifa von einer Nachfolge Gottes aus, in dem Sinn, dass der Mensch sowohl verschieden von Gott ist, also kein Gott ist, als auch in enger Nähe zu Gott Ihm folgt, nämlich dem Vorbild Gottes entsprechend und nicht Nachfolger eines Menschen.

   Die Sure 5:8 sagt aus: „O ihr glaubt, setzt euch für Gott ein und seid Zeugen für Gerechtigkeit. Und die Feindschaft bestimmter Leute soll euch nicht verleiten, anders als gerecht zu sein. Seid gerecht, das ist näher dem Bewusstsein von Gottes Gegenwart und ihr seid euch der Gegenwart Gottes bewusst. Gott hat Kenntnis von dem, was ihr tut.“

    Mit dem Vers soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die feindlichen Gefühle für andere nicht über die Gerechtigkeit siegen sollen. Jeder hat den gleichen Anspruch auf Gerechtigkeit, also gerecht zu urteilen. Der Gerechtigkeitsbegriff im Koran ist „adl“.  Al-Adl ist ein Name Gottes und bedeutet der Gerechte, für den Menschen abgeleitet bedeutet es ein gerechtes Handeln, um näher zu Gott zu sein. Es zielt auf eine Haltung des Bewusstseins von Gottes Gegenwart mit dem eigenen Handeln in Gerechtigkeit hin. In Sure 38:26-27 wird David aufgefordert: „O David, wir haben dich zu einem Nachfolger auf Erden gemacht. Richte darum zwischen den Menschen nach Gerechtigkeit und folge nicht Lust und Laune, das würde dich vom Weg Gottes abführen.“

     Wir sehen also bei all diesen Aufzeichnungen: Gott handelt nicht bei diesen ethischen Forderungen um Seiner selbst willen, sondern allein zum Besten des Menschen. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, dass Er sich selbst verherrlicht, dann so nur, um dem Menschen ein wahrhaftiges Beispiel zu sein. Der Mensch soll sein Handeln nach ethischen Prinzipien ausrichten, die in erster Linie ihm und seinen Mitmenschen dienlich sind. Damit gestaltet und bestimmt er seine Beziehung zu Gott.

Und somit kann ich euch nur auffordern: „Richtet zwischen den Menschen nach Gerechtigkeit!“

Manaar

Karsten Würth

Aufrichtigkeit im Islam

Aufrichtigkeit im Islam

Karsten Würth
Karsten Würth

Aufrichtigkeit oder aufrichtig sein ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen zu stehen und den eigenen Gefühlen sowie der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Worten und Handlung Ausdruck zu geben. Aufrichtig zu sein bedeutet aber auch, anderen Menschen wie sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Sie ist eine Charaktereigenschaft eines Menschen, der ohne jede List und Falschheit redet und handelt, dessen Tun und Reden mit seiner Haltung und Einstellung vollkommen übereinstimmt und der ohne versteckte Nebengedanken oder unaufrichtige Absichten handelt.

    Eine gute Kommunikation, das aufrichtige Gespräch, welches Wahrheiten vermittelt, zählt zu den Notwendigkeiten einer intakten Gesellschaft. Man spricht miteinander, teilt sich gegenseitig seine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen und Besorgnisse mit.

    Aufrichtigkeit bedeutet auch Ehrlichkeit. Ehrlich zu sein gegenüber anderen; das zu denken, was du tust und das zu sagen, was du tust, und letztlich das zu tun, was du denkst. Aufrichtiges Bemühen ist etwas total Wichtiges, aber sehr anstrengend und nicht immer leicht.

    Aufrichtig ist jener, der Denken, Sprechen und Handlung in Übereinstimmung bringt.

Wenn man nichts zu verheimlichen hat und nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, der steht aufrecht zu seinen Überzeugungen, er braucht sich dann auch nicht klein zu machen, und aufrecht zu denken, sagen und handeln hat auch etwas mit Mut zu tun und mit dem Herzen.

     Aufrichtig sein beschreibt auch das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Sollte man sich dennoch einmal irren, so sagt man die Wahrheit über das, was man glaubt und denkt. Und Wahrheit und Ehrlichkeit bedeutet, andere nicht zu belügen, auch sich selbst nicht. Aber wer seine eigene Unvollkommenheit eingesteht und den Mut hat, sich selbst, so wie er ist, anzunehmen, der ist gleichfalls aufrichtig.

    Aber sind wir wirklich immer ehrlich? Können wir uns zum Beispiel anderen mitteilen, wie wir uns in Wirklichkeit fühlen, was wir fühlen und was wir brauchen? In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit oft als verletzend und unhöflich angesehen. Meistens ist es uns doch unmöglich, ungefiltert die echte Wahrheit auszudrücken.

     Z.B. wenn jemand mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich bestimmt nicht ungeschminkt, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle. Ich weiß ja nicht, wie es ankommt oder wie mein Gegenüber reagiert. Sicher sage ich: „Danke, mir geht es relativ gut!“ Aber bin ich dann wirklich aufrichtig und ist es die Wahrheit? Wer bringt den Mut schon auf zu sagen: „Naja, ich würde jetzt lieber zu Hause sein und mich ausruhen. Oder das Gespräch mit dir strengt mich ziemlich an.“ Das wäre aber Aufrichtigkeit. Es geht darum, sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben und nicht verletzend mit Worten zu sein. Das kann man aber meistens nur zu Menschen sagen, die man gut kennt.

     Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, kommunizieren wir Aufrichtigkeit mit den Gefühlen. Ein aufrichtiger Mensch genießt deshalb das Vertrauen seiner Umwelt, man muss nicht seine Worte überprüfen. Der Aufrichtige hält sich an sein Versprechen und hütet das, was man ihm anvertraut, denn er ist ehrlich und somit zuverlässig in Wort und Tat. Durch Aufrichtigkeit wird Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt. Denn das Gros aller Kontroversen und zwischenmenschlichen Problemen entsteht dadurch, dass man zueinander nicht ganz ehrlich und aufrichtig ist.

    Im islamischen Sinn steht für Aufrichtigkeit das Wort: al-Ikhlas. Al-Ikhlas heißt auch die 112. Sure, die wir am meisten rezitieren: „Er ist der einzige Gott. Der unwandelbare Gott. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Und niemand ist ihm gleich.“ Es ist die Erklärung von Gottes Vollkommenheit. Die Tatsache, dass Gott einer und einzig in jeder Hinsicht ist, ohne Anfang und ohne Ende, gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte, so gibt es auch kein Gegenteiliges, es gibt nur die eine Wahrheit, so wie er sich selbst darstellt.

     Ikhlas bedeutet auch, etwas in Reinheit zu bringen, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, das Herz zu reinigen, Ehrerbietung, etwas ohne Vorteil und Gewinn zu erhoffen und zu bestreben, ohne Vortäuschung und Heuchelei, mit innerer Liebe und Verbundenheit, uns in unseren Taten und Gebeten vor Angeberei zu hüten, in unseren Andachten und in unserer Ergebenheit vor Gott uns vor Heuchelei und das Herz verderbenden Sachen fernzuhalten.

   Es heißt in Sure Al-Bakara:139: „Wir haben unsere Werke, und ihr habt euere Werke (zu verantworten), und Ihm sind wir aufrichtig ergeben.“ Für uns bedeutet das: Mit Aufrichtigkeit in der Absicht unsere Gottesdienste durchzuführen. Gott fordert uns direkt auf, in Aufrichtigkeit verantwortlich für unsere Werke, sprich Taten zu sein, um uns zu belohnen.

    Wenn wir aufrichtig sind, werden wir von schlechten Taten abgehalten, wie z. B. der Prophet Yusuf, als er von der Frau seines Gebieters bedrängt wurde. In Sure Yusuf:24 können wir lesen: „Doch sie begehrte ihn. Und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht ein Zeichen von seinem Herrn gesehen hätte. Dies (geschah), um Schlechtigkeit und Schändlichkeit von ihm abzuwehren. Er war ja einer Unserer aufrichtigen Diener.“ Aufrichtigkeit bedeutet hier: Anstrengung, um sich selbst vor einer Sünde abzuhalten, ansonsten würde er sich selbst belügen, nicht aufrichtig sein. Darum sollten wir in unseren Worten und Taten, in unseren Beziehungen und zu uns selbst unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit bewahren.

    Wie schon gesagt ist Aufrichtigkeit ein Wesenszug des Charakters, nicht nur in der Religion, sondern ein ethischer Grundbestandteil. Er erweckt in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, und somit allen Menschen wird in Sure Al-Hud:112 aufgetragen, sich im Glauben, in Wort und Tat niemals von diesem Wesenszug zu entfernen. Da steht: „Verfolge denn den rechten Kurs, wie dir von Gott geboten worden ist, zusammen mit allen, die sich mit dir zu Ihm gewendet haben und keiner von euch soll sich auf anmaßende Weisebenehmen: denn wahrlich, Er sieht alles, was ihr tut.“ Verfolge den rechten Weg bedeutet: Sei aufrichtig!

Gott als Ar-Rahman wendet sich hier nicht nur an Muslime, sondern an die gesamte Menschheit, nicht über die Grenzen der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit hinauszugehen.

   Alle Propheten führten ein höchst aufrichtiges Leben und luden alle Menschen, die sie erreichen konnten, zu solch einer Lebensführung ein, für die sie selbst Vorbilder darstellten. Der Prophet Muhammad antwortete einmal einem Gefährten, der um einen Ratschlag bat: „Sag: ‚Ich glaube an Allah‘ und sei aufrichtig.“ Dieses Hadith finden wir bei Muslim.  Hier wird auf die Wichtigkeit der Aufrichtigkeit im Glauben hingewiesen. In einer anderen Überlieferung sagte Muhammad: „Entfernt euch nicht von der Aufrichtigkeit. Denn die Aufrichtigkeit führt den Menschen zum Guten und das Gute führt ins Paradies. Hütet euch vor der Lüge, denn die Lüge führt den Menschen zur Sünde und die Sünde führt in die Hölle.“  Das ist zu finden bei Buchari.

    Wenn ein Mensch in Wort und Tat seinen Mitmenschen und auch sich selbst gegenüber stets aufrichtig bleibt, pflegt und festigt er das Vertrauen in sich selbst und zu seinen Mitmenschen, zu der Gesellschaft. Und wo Vertrauen ist, dort entsteht Freundschaft, Zuneigung und Respekt. Menschen, die Teil einer solchen Gesellschaft sind, haben ein besseres Wohlbefinden und ein gutes Gefühl für Sicherheit.

    Amin ist ein arabischer Name mit der Bedeutung „gewissenhaft“ oder „vertrauenswürdig“, und ich denke, da könnten wir auch aufrichtig dazu sagen. Schon bevor Muhammad Gottes Gesandter wurde, genoss er unter den Leuten in Mekka großen Respekt und Beliebtheit aufgrund seiner Tüchtigkeit, Wahrheitsgetreue und Vertrauenswürdigkeit. Die Mekkaner ließen ihre Wertsachen bei ihm aufbewahren, sie waren dort so sicher wie in einer heutigen Bank. Sie nannten ihn „al-Amin- der Vertrauenswürdige.“ Kann man noch aufrichtiger und vertrauenswürdiger sein als er?

     Aufrichtig sein ist wohl die wichtigste Handlung des Herzens und der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Handlungen und auf dieser Grundlage wird Gott unsere Taten entweder annehmen oder ablehnen.

   Und so bitte ich Gott, unsere aufrichtigen und ehrlichen Bemühungen anzunehmen.

Manaar

Tim Marshall

Toleranz

Toleranz 

 

Tim Marshall
Tim Marshall

Ich möchte heute über Toleranz sprechen. Wir begegnen heutzutage ständig Leuten aus anderen, uns fremden Kulturkreisen, manchen mit offenem Herzen oder abweisend, misstrauisch. Aber allzu oft wissen wir nicht, wie wir ihnen begegnen sollen, unterschwellige Angst oder Scheu oder unmissverständliche Geringschätzung und Unfreundlichkeit ist unser unsichtbarer Begleiter.

Es heißt, wir sollen tolerant sein. Aber was bedeutet eigentlich Toleranz?

    Die Erklärung ist leicht, aber die Ausführung?

    Toleranz bedeutet allgemein, wenn ich etwas gelten oder jemanden gewähren lasse, wie z.B.  eine Duldung anderer Meinungen oder Weltanschauung, Handlungsweisen und Sitten. Es ist damit aber keine Gleichberechtigung gemeint, so wie es heute oft verstanden wird.

     Das Verb tolerieren kommt aus dem lateinischen Wort ‚tolerare‘   und bedeutet so viel wie erdulden, ertragen, duldsam sein, großzügig sein. Das Gegenteil ist die Intoleranz, also keine andere Meinung oder eine Weltanschauung wird gelten gelassen.

   Ein einfaches Beispiel: Ich unterhalte mich mit jemanden, der ein miserables Benehmen zeigt, aber er hat interessante Ideen. Nun muss ich mich entscheiden, gehe ich weg, weil mir echt sein Benehmen auf den Geist geht oder übersehe ich seine Manieren, also ich toleriere sie, und lasse mich von seiner Begeisterung anstecken.

    Wir finden beide Begriffe vor allem im Zusammenhang mit dem Umgang und der Regelung von Konflikten in sozialen Systemen. Da ist besonders der gegenseitige Respekt des Einzelnen oder einer Gruppe gegenüber einem anderen oder einer Gruppe sowie deren Meinung gefragt. So kann im politischen und gesellschaftlichen Bereich Toleranz auch als eine Antwort einer feststehenden Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber anderen Gruppierungen mit abweichenden Überzeugungen gelten, die sich in die herrschende Gesellschaft nicht so leicht  integrieren lassen. Insofern schützt die Toleranz einerseits die bestehende Gesellschaft, da man die fremden Auffassungen zwar zur Kenntnis nimmt, aber sie nicht unbedingt übernehmen muss. Andererseits schützt die Toleranz aber auch die Meinungen oder Werte der Mitglieder der anderen Gruppierung vor Repression oder Ausgrenzung und gilt insofern als eine Grundbedingung für Humanität. So ist Toleranz auch die Vorbedingung einer friedlichen Auseinandersetzung um miteinander ringende Wahrheitsansprüche.

     So die Theorie. Ein anderes simples Beispiel: Beim Teetrinken frage ich mein Gegenüber: „Wie trinkst du am liebsten deinen Tee?“ „Sehr stark und mit vieeeel Zucker.“ „Igitt“, rufe ich entsetzt aus, „da schmeckt doch der ganze Tee nicht mehr!“ „Na und? Mir aber!“ Ich schüttele entsetzt meinen Kopf und denke dabei an mein großes Schubfach mit vielen unterschiedlichen Teesorten. Der Gedanke, ihn für so viel Geschmacklosigkeit auszulachen, kommt mir zum Glück nicht. Schulterzuckend stelle ich fest: „Ich muss ja nicht deinen Tee trinken. Du trinkst deinen Tee und ich meinen.“

     Ich komme später noch auf eine ähnliche Formulierung.

   Ich toleriere also den Geschmack meines Gegenübers und er auch, denn ich zwinge ihn nicht, so zu trinken wie ich meinen Tee trinke.  Ihr kennt sicher viele ähnliche Beispiele.

   Zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte in Europa die Renaissance durch den entstehenden Humanismus und auch durch die Reformation eine Entwicklung in Gang, die zur Entstehung einer neuen Toleranzidee führte. Luther verfasste Schriften, in denen er von einer weltlichen Obrigkeit ausging, der Anfang einer Trennung vom Weltlichen und Geistlichem, also von Staat und Kirche.  Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 begründete die Menschenrechte: Gleichheit, Recht auf Leben und Freiheit, einschließlich der Religionsfreiheit. Das Bekenntnis zur Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz setzte historisch ebenfalls den Glauben an die Gleichheit der Menschen vor Gott voraus. Im Zeitalter der Aufklärung wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen. Der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird auch über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder. Der Philosoph Voltaire sprach sich in seiner Schrift aus dem Jahr 1763 über die ‚Abhandlung über den Toleranzgedanken‘, über eine uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit aus. So gilt in Lessings 1779 veröffentlichtes Drama „Nathan der Weise“ die Ringparabel als eine zeitgenössische Formulierung des Toleranzgedankens, bezogen auf die drei großen monotheistischen Religionen. Das bedeutet Toleranz eines jeden Menschen hinsichtlich seiner Religion und Meinung.

      Und heute? Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck fasst das ganz prima zusammen: Toleranz meint keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken und Tun anderer, sie bedeutet auch nicht Nachgiebigkeit und Akzeptanz anderer Meinungen. Die Betonung liegt auf dem friedlichen und respektvollen Zusammenleben der Menschen mit ihren Unterschieden. Tolerant wird aber erst erforderlich bei einem Zusammenleben, das wegen der Unterschiede nicht als bereichernd, sondern sogar als belastend empfunden werden kann, also trotz der Unterschiede. Es ist nicht selbstverständlich, Toleranz zu üben und sie muss im Zusammenleben erst erlernt werden.

     Er meint: Die Fähigkeit und Bereitschaft, das Anderssein des anderen ist zu akzeptieren und auszuhalten. Toleranz lässt das andere und den anderen leben. Ohne Toleranz hätte sich die Menschheit aufgrund ununterbrochener Kämpfe längst selbst vernichtet.

   Es gibt unterschiedliche Arten von Toleranz:

      Toleranz bei Differenzen: Toleranz wird erst dann erforderlich, wenn jemandem eine Differenz gegenüber dem anderen erkennbar stört. Toleranz ist dann nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit zu setzen. König Friedrich II. von Preußen hat das kleine Sprichwort geprägt: „Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden.“

     Toleranz als Zumutung: Das Gebot von Toleranz fordert von allen Seiten auf, zu ertragen, zu erdulden, zu respektieren, aber nicht gutzuheißen. Wir alle sind aufgefordert, z.B. die Geschlechtsidentität (z.B. während der Arbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit) des anderen anzuerkennen. Muslime sind in einer Demokratie angehalten, ebenso die Religionsfreiheit oder Lebensweisen anderer anzuerkennen.

    Toleranz als Duldung kann z.B. in einem muslimischen Land die Duldung von nichtmuslimischen Bürgern sein. Dabei sind sie aber immer abhängig vom Grad der Duldung. Auch in einer Demokratie gibt es Toleranz als Duldung, z. B. ein Oben-Unten-Verhältnis, Chef und Arbeiter, Direktor und Untergebener. Der eine legt fest, der andere muss die Anweisung dulden. Wie Gauck feststellt, bedeutet die Gleichberechtigung der Akteure nämlich nicht, dass Inhalte, Ziele und Urteile als gleichwertig erachtet werden. Beispiele dafür sind: Katholiken bzw. viele Leute halten die Abtreibung für eine schwere Sünde, sie müssen sie aber hinnehmen. Die muslimischen Gäste in unserer Moschee müssen hinnehmen, dass ich als Frau predige und vorbete, da wir in einer Moschee sind, deren Mitglieder das gutheißen, also als richtig erachten, auch wenn der Gast darin eine Missbilligung sieht. Toleranz als Duldung muss nicht beleidigend sein. Beleidigend wird Missbilligung erst dann, wenn hässliche Worte fallen.

   Toleranz als Koexistenz: Diejenigen Personen oder Gruppierungen, die toleriert werden, verdanken dies meist ihrer eigenen Stärke, die ihr Gegner nicht bekämpfen kann, oder durch politische Einsicht, die sie zur friedlichen Kooperation zwingt, etwa während der Zeit von Nichtangriffspakten.

     Für Diskriminierungen jeglicher Art darf es keinerlei Toleranz geben. Aber Toleranz ist erlernbar und sie muss von jedem Einzelnen, von jeder Gesellschaft immer wieder neu erworben werden, da sie ja immer wieder durch ‚Andere‘ konfrontiert werden und sie darauf reagieren müssen. Aber sie gibt auch die Chance, durch das ‚Neue‘ sich auf

     Nun will ich eine Brücke schlagen zur Sure 109, „al-Kafirun“- „Die Ungläubigen“.

Viele muslimische Gruppen weisen mit dieser Sure darauf hin, dass der Islam keine religiöse Toleranz kennt.

„Sprich: Oh ihr Ungläubigen!

Ich verehre nicht, was ihr verehrt,

Noch verehrt ihr, was ich verehre.

Und ich werde nicht verehren, was ihr verehrt,

Noch werdet ihr verehren, was ich verehre.

Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

    Die Sure richtet sich an Ungläubige und sie ist an die Mekkaner gerichtet. Aber dennoch will ich anmerken, dass ich die Bezeichnung ‚Ungläubige‘ nicht ganz für richtig erachte, denn sie glaubten ja ebenfalls, wenn auch an viele Götter, unter anderem an den Einen, an Allah. In dieser Sure, die mit der Aufforderung „Sprich“ beginnt, legt Gott seinem Propheten Mohammad die Worte in den Mund, die er an seine mekkanischen Landsleute richten soll. Ihnen soll einfach nur deutlich klargemacht werden, dass Mohammad einen anderen Glauben hat als sie, mehr nicht, keine Abwertung, nur eine Feststellung. Der letzte Vers leitet daraus die Forderung ab: „Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

       Es geht hier nicht um irgendwelche Religionsfreiheit, sondern lediglich um Mohammeds eigene Religion.  Er predigte eine neue Religion, den Islam, der auf einem strikten Monotheismus beruhte. Deswegen waren die vielgläubigen Mekkaner darüber empört und begannen Mohammed anzufeinden. Dagegen verwahrt er sich in dieser Sure und besteht auf das Recht auf seinen eigenen Glauben. Muhammad musste zu diesem Zeitpunkt noch die Vielgläubigen bis zu einem Zeitpunkt dulden, aber er konnte mahnen.

    Mir gefällt die Übersetzung von Muhammad Asad besser:      

 Sag!: Oh ihr, die ihr die Wahrheit leugnet!

 Ich bete nicht an, was ihr anbetet.

Und ihr betet auch nicht das an, was ich anbete.

Und ich werde nicht das anbeten, was ihr angebetet habt,

und ihr werdet auch nicht das anbeten, was ich anbete.

Für euch euer Moralgesetz, und für mich meines.“

     Ich kann die Sure auch so sehen: Es gibt unter den Zuhörern auch Christen wie du Hans. Sie glauben an die Dreifaltigkeit. Für mich ist Jesus nur ein verehrter Prophet. Du denkst so und ich so, aber ich kann deinen Glauben tolerieren und du kannst meinen Glauben tolerieren, denn wir beide glauben an den einen Gott. Unsere Handlungen sind das letzte Indiz und deswegen kann ich dich sogar akzeptieren, das Höchste der Toleranz. Das soll schon ein Hinweis auf meine nächste Predigt sein.

   Zusammengefasst: Heute stoßen immer wieder fremde Kulturen und mit ihnen die damit verbundenen Unterschiede, unbekannte Gewohnheiten oder Sitten, verschiedene Meinungen oder politische Ausrichtungen aufeinander. Da ist unbedingt Toleranz gefragt, das Hinnehmen dieser anderen Überzeugungen, Verhaltensweisen, Vorlieben oder gerade in aktuellen Zusammenhängen auch Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Ein tolerantes Verhalten zeigt sich dadurch, dass jeder nachsichtig, respektvoll und freundlich behandelt wird oder seine Religion frei ausleben lässt.

Man kann ein anderes Verhalten vielleicht nicht ganz nachvollziehen oder verstehen, doch anstatt den anderen eines Besseren belehren zu   wollen oder diesen gar zu verspotten oder zu verachten, kann man die Unterschiede hinnehmen und dulden.

    Übrigens, mir gefällt, was der Islamwissenschaftler Milad Karimi festgestellt hat: Wir Deutschen sind ein bequemes Volk geworden, waren zufrieden mit unserem Glück, Frieden und Freiheit. Plötzlich wurden wir aus unserem Dornröschenschlaf herausgerissen durch Flüchtlinge, die mit einem Mal vor unserer Haustür standen. So richtig konnten wir nichts mit ihnen anfangen, die einen hießen sie willkommen, die anderen wollten sie lieber wieder loswerden. Aber ob wir es wollten oder nicht, alle mussten ihre Komfortzone verlassen und sich mit fremden Einflüssen auseinandersetzen. Und das bedeutet für unser Land eine große Chance in vielerlei Hinsicht.

Manaar

                                                                                                                 

Marius Badstuber

Eine Khutba über das Wohnen?

Eine Khutba über das Wohnen?

Marius Badstuber
Marius Badstuber

Als ich vor nicht allzu langer Zeit mit meinem Partner am Fluss spazieren ging, war die Stimmung zwischen uns recht eisig. Um uns einander etwas näher zu bringen fragte ich ihn, worüber ich denn meine nächste Khutba halten könne. „Keine Ahnung“, antwortete er gelangweilt. Also schauten wir auf die Häuser entlang des Ufers, und ich schlug etwas scherzhaft vor, eine Khutba über das Wohnen zu schreiben, worauf er sagte, das sei ganz und gar keine gute Idee. Es würde Menschen nur stressen, weil sie vielleicht in ungüstigen Bedingungen wohnen, oder gar keinen angemessenen Wohnraum hätten.
„Gerade deshalb“, dachte ich mir, „wäre eine Khutba über das Wohnen nicht so uninteressant“. Das Wohnen in geschütztem Wohnraum ist zwar ein Menschenrecht, aber im deutschen Grundgesetz nicht als Recht auf eine Wohnung verankert, sondern lediglich, aber immerhin, als Recht auf ein Dach über dem Kopf in irgend einer Art Unterkunft. Das kann natürlich auch ein Mehrbettzimmer in einer Notunterkunft sein. Ich dachte darüber nach, dass Wohnraum mehr heißt, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Wohnraum ist ein geschützter Ort, an dem man ganz man selbst sein kann. Hier kann man singen, tanzen, komische Dinge tun, ohne dass es jemanden etwas anzugehen habe. Wohnraum ist auch der Ort, an dem man nach der Arbeit mit seinem Partner, seiner Partnerin, zusammenkommt, um sich auszuruhen und sich gegenseitig Geborgenheit und Sicherheit, Liebe, Freude und Mitgefühl zu schenken.

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُمْ مِنْ أَنْفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُمْ مَوَدَّةً وَرَحْمَةً ۚ إِنَّ فِي ذَٰلِكَ لَآيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُون

 

Und es gehört zu Seinen Zeichen, daß Er euch aus euch selbst Partnerwesen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.

Am Ende unseres Spaziergangs war die eisige Mauer zwischen mir und meinem Freund nicht verschwunden, sondern manifestierte sich als permanente Trennungsmauer. Er sagte mir, dass sich meine Wünsche nach einer festen Beziehung nicht erfüllen würden – und zwar weder jetzt noch in Zukunft. Ich ging nach Hause, verkroch mich unter der Bettdecke und wollte an nichts denken, am allerwenigsten an eine Khutba. Ich wusste überhaupt nichts mit mir oder der Welt anzufangen.

Doch schon am nächsten Tag regte sich ein kleines, fast unhörbares Stimmchen in meiner Brust. Es sprach: Sei du selbst. Und es flüsterte ganz leise: Du hast dich in der Partnerschaft vollkommen verloren. Erinnere dich an deine eigenen Wünsche und Ziele.
Die leise Stimme sagte auch, dass es eine wertvolle und vertraute gemeinsame Zeit war, die ich nicht als vergangen abtun sollte, sondern in mir wertvoll halten solle, als schönste der Erinnerungen. Und nicht zuletzt flüsterte die Stimme, dass dieses Geschehen vielleicht eine Sühne darstellt, für Schmerzen, die ich anderen unabsichtlich, oder gar absichtlich, zugefügt hatte. All diese kleinen Töne wollten gehört werden, und Beachtung finden. Und während ich an meinem heißen Tee nippte, forderten sie mich auf, ich selbst zu sein, sprachen von Freiheit und Freude an selbstgewählten Zielen. Leicht gesagt: Sei du selbst. Wer war das, ich selbst?

Eine Khutba musste geschrieben werden, und in meinem Kopf war ein unbändiges Durcheinander. „Wohnen“, beschloss ich, war ein fantastisches Thema für eine Khutba. Ein vollkommen emotionsloses, faktisches Thema über den Wohnraum des Propheten und seiner Frauen nach der Hidschra in Medina bot sich in diesem emotionsgeladenen Moment geradezu an, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und mein Leben zu meistern. Nun dann….

Wohnen
Als der Prophet Mohamed von Mekkah nach Medina zog, benötigte er Wohnraum für sich und seine Familie. Die immer zahlreicher werdenden Ehefrauen wollten untergebracht werden. So baute er eine Wohnanlage mit einem Innenhof, der eine Gebetsstelle enthielt und um den herum die kleinen Wohnräume seiner Gattinen lagen. Für ein wenig Privatsphäre sorgten lediglich ein paar Vorhänge, anstelle von Türen. Hier lebte Mohamed sein polygames Leben und wurde nach Möglichkeit jeder seiner Frauen gerecht, indem er reihum die Nacht mit ihnen verbrachte. Diesen Ehemann mit neun Frauen zu teilen, hieß, dass man sich auf jeden neunten Tag freuen dufte und auf die sich anschließende Nacht. Es war eines der größten Geschenke, den eigenen Tag an eine der anderen Frauen abzugeben. Sauda z.B., die Mohamed heiratete, als sie verwitwet und schon älter war, entschloss eines Tages, all ihre zukünftigen Tage an Aisha abzugeben, um dem Propheten etwas Gutes zu tun. Doch normalerweise achteten die Frauen eifersüchtig darauf, dass der Prophet ihren Tag in ihrem Wohnraum mit ihnen verbrachte. Ich bemerkte an dieser Stelle wie Ihr, dass ich mich von der Thematik des Wohnraums innerlich bereits entfernt hatte, um weit weniger die räumlichen Gegebenheiten zu betrachten, als das Leben der Gattinen des Propheten. Mein gedanklicher Weg führte mich in ihre Räume hinein, und so kam ich zu Hafsa, der Frau des Propheten und bat sie um ihre Freundschaft, die sie mir gewährte, als sie mir ihre Geschichte erzählte, die mich tröstete in meinem Schmerz, so wie zuvor Aishas Geschichte mich getröstet hatte, in meiner Eifersucht, und Khadijas Geschichte die meine Freude verstärkt hatte, in einer Zeit, als mein Leben besonders fröhlich war.
Hafsa, Tochter von Omar Ibn Al-Chattab und dessen erster Frau Zainab bint Ma’zun, war eine junge Frau unter 18, als sie Khunais heiratet. Dieser starb jedoch nach der Schlacht von Badr und ließ Hafsa im Alter von nicht mehr als 20 Jahren als Witwe zurück. Hafsas Vater Omar wollte sie erneut verheiraten, daher ging er zu Othman und fragte ihn, ob er Hafsa heiraten wolle. Othman war dafür bekannt, gerade eine Frau zu suchen, doch wandt er sich und sagte, er sei gerade nicht an einer Heirat interessiert. Omar ging nun zu Abu Bakr, um ihm dieselbe Frage zu stellen, doch dieser schwieg, was Omar veranlasste, sich beim Propheten über die beiden Sahaba zu beschweren. Doch kaum hatte er seinen Ärger kommuniziert, erfuhr er den Grund: Der Prophet selbst wollte Hafsa heiraten und sowohl Othman als auch Abu Bakr hatten davon gewusst, wollten es aber nicht preisgeben. So zog Hafsa in den Haushalt des Propheten Mohameds ein, und die Freude ihres Vaters war groß.
Hafsa, Ehefrau des Propheten Mohameds hat mir ihre Geschichten erzählt, damit ich die Stimmen in meiner Brust besser hören konnte. Denn ihre Stimmen sprachen ganz ähnliche Wörter wie meine.

Hafsa und Aisha – die Geschichte vom Fasten
Hafsa und Aisha hatten schon einige Zeit nicht mehr genug zu essen gehabt. Das war üblich im Hause des Propheten. Es musste mit sehr wenig ausgekommen werden. An etwa dem fünften Tag beschlossen Aisha und Hafsa nun auch noch, zu fasten. Als jedoch mitten am Tag ein Mann mit einer üppigen, schmackhaften Mahlzeit zu ihnen kam, konnten sie sich nicht zurückhalten. Sie brachen ihr Fasten und aßen davon, nur um gleich darauf zu bemerken, wie sie sich dafür schämten. Als der Prophet nach Hause kam, rannte Hafsa auf ihn zu und erzählte ihm sofort, was vorgefallen war, worauf Aisha sprach: Sie ist ihres Vaters Tochter.
Hafsas Vater Omar war nicht gerade für seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit bekannt. Als patriarchalische Führungspersönlichkeit hatte er wenig Neigung, sich zurückzuhalten, sondern tat seine Meinung gerne und lauthals kund. Zur Illustration: Als er eines Tages einen Streit mit seiner Frau hatte, schrie er sie an, doch zu seinem Entsetzen schrie sie schamlos zurück. „Du wagst es, mir laut zu widersprechen?“, schimpfte er. Da antwortete seine Frau: „Selbst die Frauen des Propheten tun das“.
Sofort vergaß Omar, dass er in einen Streit verwickelt war. Hafsa, seine Tochter, war eine dieser Frauen. Er lief zum Haus des Propheten, suchte seine Tochter auf, und fragte sie, ob dies wahr sei. Sie antwortete, ja es sei wahr, und manchmal sprechen wir den ganzen Tag lang nicht mit Mohamed.
Empört wies sie ihr Vater darauf hin, dass es schönere Frauen gäbe, die sich so etwas vielleicht leisten könnten, Frauen, die in der Gunst des Propheten höher standen. Aber Hafsa solle bitte gehorsam schweigen.
Es war dieser Charakter, den Aisha meinte, als sie Hafsa als Tochter ihres Vaters bezeichnete. Dabei bezog sie sich sicherlich nicht auf den Ärger, sondern die freimütige Äußerung dessen, was in ihrem Herzen wohnte.

Der Name Hafsa bedeutet „kleine Löwin“. Manchmal macht es Spaß, im „Urban Dictionary“ nach Informationen zu schauen – für den Namen Hafsa steht Folgendes. Mit Sicherheit speist es sich aus der eben gehörten Geschichte und einer weiteren, die ich gleich erzählen werde. Nicht ganz ernst nehmen bitte, was nun zunächst folgt. Das Urban Dictionary schreibt:
Hafsa ist ein arabischer Name. Er bedeutet Kleine Löwin. Menschen mit diesem Namen sind mutig und stark. Sie haben eine scharfe Intelligenz. Freundschaft bedeutet ihnen alles. Eigentlich sind sie freundich und höflich bis man sie ärgert oder verletzt. Sie kümmern sich nicht darum, was andere Leute über sie denken. Ihre Persönlichkeit ist manchmal recht verwirrend, was sie Aufmerksamkeit erregen lässt. Hafsas sind humorvoll und haben einen guten Geschmack, was die Mode betrifft. Außerdem sind sie normalerweise ziemlich attraktiv und hübsch. (eigene Übersetzung)
So viel zum Urban Dictionary.
Wie Aisha sagte: Hafsa war ein Kind ihres Vaters, und Aisha meinte genau dieses: Eine mutige starke Frau mit ihrer eigenen Meinung, die sie kundtat, auch wenn man sie bat, zu schweigen. Was hier noch fehlt ist ihre unerschrockene Ehrlichkeit bezüglich ihrer eigenen Handlungen und Gefühle. Als ich diese Geschichte von Hafsa hörte, bewunderte ich ihren Mut, sofort die Wahrheit zu sagen, ungeachtet jeglicher Konsequenzen. Die Stimme in mir wurde etwas lauter, sie flüsterte einen leisen Ton von Freiheit und Verlust – beides zugleich. Beides gab es auch in Hafsas Leben.

Die Geschichte von Hafsa und Mariah
Eines Tages, es war Hafsas Tag mit dem Propheten, bat sie ihren Mann, ihre Mutter besuchen zu dürfen. Warum sie ausgerechnet an jenem Tag gehen wollte, der doch ihr besonderer Tag mit dem Propheten war, wissen wir nicht. Jedenfalls ging sie fort, kam aber vorzeitig zurück, so dass sie unerwartet in ihr Wohnquartier eintrat. Dort traute sie kaum ihren Augen. Sie fand Mohamed, manche sagen, in einer wenig schönen Situation, mit Mariah Al-Qibtije, Mariah, der Koptin, die er vom Abessinischen Oberhaupt als Sklavin geschenkt bekommen hatte. Mariah war bei den Ehefrauen des Propheten nicht besonders beliebt. Man sagt sie sei jung und sehr schön gewesen, was die Eifersucht der Anderen erregt hätte.
Hafsa fand nun Mohamed und Mariah an ihrem Tag, in ihrem Raum, in dieser fragwürdigen Situation und machte ihrem Ärger Luft – laut und ungehalten. Solange, bis der Prophet keinen anderen Ausweg sah, sie zu beruhigen, als ihr zu versprechen, sich nie wieder mit Mariah in eine solche Situation zu begeben. Hafsa war zufrieden. Nun bat Mohamed Hafsa, dies alles niemandem zu erzählen und Hafsa versprach es ihm.
Dann ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles.

Natürlich ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles. Erstens war Aisha ihre engste Vertraute. Und zweitens hatte Hafsa einen Triumph zu feiern, der ihre hohe Position unter den Ehefrauen unter Beweis stellte. Was Aisha nicht geschafft hatte, nämlich Mariah aus dem Hause des Propheten zu verbannen, hatte nun Hafsa erreicht.
Doch war ihr Mut wohl zu weit gegangen, denn nun offenbarte Allah seinem geliebten Propheten die Sure 66, in der wir die Frage lesen, warum hast du, Mohamed, für Haram erklärt, was wir (Allah) für dich Halal gemacht haben. Dies wird sich auf Mariah beziehen. Mohamed wusste, dass Hafsa zu Aisha gegangen war, und ihr Versprechen gebrochen hatte. Er sprach die Scheidung aus. Wie wichtig das Private zwischen zwei Partnern ist, zeigt sich an dieser Stelle unmissverständlich. Die Scheidung folgt dem Bruch des Versprechens, dem Ausplaudern des Geheimen, dem, was die beiden Partner jenseits der Gesellschaft miteinander verbindet. Wir lernen hier etwas Essenzielles, das in unserer heutigen Gesellschaft meines Erachtens nach vollkommen vergessen wird. Nur durch die absolute Sicherheit, dass Vertrautes nicht nach außen getragen wird, kann Vertrauen entstehen. Vertrauen aber ist unerlässlich für jede Partnerschaft. Nur eine Ehe mit einer solchen absoluten Vertrautheit ist der Ort, an dem Mauwade wa Rahme tatsächlich wirksam werden. Diese Vertrautheit ist es vor allem Anderen, was eine Partnerschaft ausmacht und Li taskunuh ilaiha bedeutet genau dies. Hafsa erhielt ihre strenge Strafe für den Bruch des Vertrauens ihres Ehemannes.
Als diese Nachricht bei Omar ankam, war er entsetzt. Innerhalb weniger Stunden wusste ganz Medina, dass Hafsa von Mohamed geschieden war. Sie sagte ihrem Vater, dass Mohamed sehr wohl noch Gefühle für sie hatte, und es einen anderen Grund für die Scheidung gab. Und in der Tat, Mohamed harrte die reguläre Wartezeit von knapp drei Monaten aus, um sie dann zurück zur Frau zu nehmen. Er sagte, Jibreel habe ihn dazu veranlasst.

Hierin liegt meiner Meinung nach ein großer Trost für uns, wenn wir verlassen werden. Der Trost liegt darin, dass Hafsa zurückgenommen wurde. Auch wenn das bei uns nicht der Fall ist. Aber mit dieser Hoffnung zu leben wird uns helfen, über die erste Zeit der Trennung hinwegzukommen. Wir stellen uns zunächst vielleicht vor, dass alles wieder so werden wird, wie es war. Doch dann, ganz langsam, gewöhnen wir uns an die tatsächlichen Gegebenheiten und stellen nach und nach immer deutlicher fest, dass es nicht mehr so werden kann und auch nicht mehr so werden sollte. Stück für Stück, Tag für Tag, finden wir zu uns selbst zurück als Mensch außerhalb dieser Partnerschaft oder auch Freundschaft. Die Zeit des Hoffens auf eine Rückkehr hat den Zweck des emotionalen Überlebens, so lange die Trauer besonders groß ist. Zuerst sah ich Hafsa als eine Frau, die geschieden war, und dann wieder zurückging. Dann begann ich Hafsa als eine Frau zu sehen, die ungachtet aller Kosten, immer sie selbst geblieben ist. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn sie für immer vom Propheten getrennt geblieben wäre. Ihr emotionaler Impuls entsprach ihrer authentischen Art und Weise, ihre Erfahrungen zu bewerten und ihre eigene Würde zu verteidigen. Hafsa, die Ehefrau des Propheten, würde sich immer wieder entscheiden, ihre Meinung kundzutun, statt zu schweigen.
Hafsa lebte mit dem Propheten Mohamed bis er starb. Sie war es, die den Koran zweimal besaß – einmal in ihrem Herzen, und einmal in Form beschriebener Blätter. Sie war eine intelligente Frau, die lesen und schreiben konnte, eine Gelehrte, die betete und fastete. Hafsa wurde geschätzt und geehrt von ihrem Ehemann, den Sahaba und den Gläubigen, Männern und Frauen, bis heute.

Eine Frau, die so deutlich ausspricht, was gesagt werden muss, ohne Rücksicht auf Verluste, erinnert mich, dass mir meine kleinen Stimmchen nicht vorschlagen, ich selbst zu sein, sondern es von mir erwarten. Man selbst zu sein, ist Ikhlas – Aufrichtigkeit – und es fühlt sich gut an, auch wenn es nicht immer zu schönen Situationen führt. Die Vereinigung des Planes, auf der einen Seite, den Allah für uns ausgesucht hat, und die Verwirklichung unserer Vorstellungen auf der anderen Seite bringt besondere Freude. Natürlich können wir nie hundertprozentig wissen, was der Plan war. Aber wir haben doch einen deutlichen inneren Kompass, der uns sagt, was uns gut tut. Das ist wahrscheinlich das Richtige, und ich persönlich denke, es fühlt sich richtig an, und froh, weil es kongruent ist mit dem, was für uns ausgesucht wurde, weil es unsere Persönlichkeit integer und stimmig werden lässt. Andere Menschen – Menschen, die schöner, intelligenter, und besser waren als ich, hatten Dramen durchzustehen, die ihnen von Allah zugeteilt wurden und werden. Sie haben sie mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Es hat wenig Sinn, darum zu bitten, von solcherlei Schicksalsschlägen verschont zu werden. Das können wir allenfalls im Paradies erwarten. Aber lernen können wir immer. Und uns Trost suchen im Koran und in den Geschichten. Besonders vielleicht von den Personen aus dem Hause des Propheten Mohameds. Es lohnt sich ihre Freundschaft zu suchen.

victoriano izquierdo

Gottes Nähe zu dem Menschen

Beziehung Gott und Mensch oder Gottes Nähe zu dem Menschen

 

victoriano izquierdo
victoriano izquierdo

So wie jeder Gläubige, so denke ich wenigstens, habe ich mir immer wieder Gedanken über meine Beziehung zu Gott gemacht. Nein, ich zweifle nicht an Gott, Aber manchmal zweifle ich an die Beziehung Gott und Mensch, Wenn ich gebrechliche Menschen sehe, dann denke ich im ersten Moment: Gott, warum hilfst du nicht diesen Menschen?  Bei Naturkatastrophen, wenn ich im Fernsehen Menschen und Tiere sterben sehe, ist mein erster Gedanke: O Gott, hilf doch! Es ist für mich schwer begreiflich, dass Gott nicht eingreift. Und oft höre ich die Frage: Gott hat mich so viel erdulden lassen und es hat sich nichts geändert, obwohl ich Ihn darum gebeten habe. Hat Er wirklich nicht geholfen?

    Nein, ich weiß es besser: Gott lässt dieses alles geschehen, denn Er hat uns, die ganze Menschheit, verantwortlich gemacht, die Erde mit ihrer ganzen Natur und all ihren Geschöpfen zu schützen. Und aus dem Grund greift Er nicht ein. Oder doch? Ich denke – nein, ich weiß es, Er lässt uns in unserem Unglück nicht allein. Vielleicht mildert Er das Unglück, vielleicht hätte es uns schlimmer getroffen, oder Er hilft, wenn es angebracht ist durch uns selbst, wir merken es nur nicht.

    Wenn Gott uns ständig behüten würde, wären wir wie Kleinkinder, unselbständig, unmündig, nicht frei. Gott wollte aber freie Menschen als Partner, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, auch mal Fehler machen. Auch wenn wir mal auf hohe Mauern und tiefe Abgründe stoßen, wir müssen sie überwinden. Schon die Neugier, was hinter der hohen Mauer ist, treibt uns voran, ansonsten ist der Mensch kein Mensch und wir würden noch immer auf Bäumen hangeln.

   Ihr kennt die Überlieferung des Propheten Muhammad, als er auf die Frage antwortet über den Zusammenhang von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“: „Binde es an und vertraue auf Allah.“ Für mich steht außer Frage: Gott wird helfen, vielleicht nicht gleich, aber Er wird.

    In einem Hadith berichtet Abu Huraira: Der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – hat gesagt: „Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung dem Menschen vorhalten: „O Kind Adams! Ich erkrankte, doch Du besuchtest Mich nicht!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dich besuchen können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du denn nicht erfahren, dass mein Diener Soundso krank war, und du ihn nicht besuchtest? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihn besucht hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden! O Kind Adams! Ich bat Dich um etwas zu essen, doch Mir gabst du nichts zu essen!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir etwas zu essen geben können. wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du etwa nicht gewusst, dass Mein Diener Soundso dich um etwas zu essen bat? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm etwas zu essen gegeben hättest, du sicherlich dafür Meine Belohnung erhalten hättest! O Kind Adams! Ich bat dich, Mir (Wasser) zum Trinken zu geben, aber du gabst mir nichts zu trinken!” Er wird sagen: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir zu trinken geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Mein Diener Soundso bat dich um Wasser, doch du gabst ihm nichts zu trinken! Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm zu trinken gegeben hättest, du deinen Lohn dafür bei Mir gefunden hättest?” Dies ist überliefert bei Muslim in Riyadhu s-Salihin: Hadith-Nr. 897, Buch 7, Kapitel 144.  Diese Verse bedeuten mehr als nur Seelsorge. Ich fasse das als mehr als eine Pflicht auf, sondern als eine freiwillige Hilfe, die aus dem Herzen kommt. So wie Gott sich um uns kümmert, so sollten wir uns um unsere Mitmenschen kümmern.

     Dieser Hadith steht für ein Lehrer-Schüler-Verhältnis: Gott als Lehrer zeigt uns, wie wir uns zu verhalten haben, Er legt uns diese Verhaltensweise ans Herz, mehr noch, Er macht es uns zu einer Gewissenssache, uns nicht nur um unsere eigenen Bedürfnisse zu kümmern, sonders um die der ganzen Gesellschaft, um die Natur und um alle Geschöpfe.

      Da stellt sich mir die Frage: Was bedeutet eigentlich ein Mensch zu sein? Was erhebt ihn aus der Tierwelt hinaus? Ich denke, Menschsein, das ist vor allem die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Also der Mensch besitzt die Fähigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit zu zeigen, was uns erst zum Menschen macht, was unser Bewusstsein prägt, unsere Ethik, unser Zusammenleben, Hilfe zu leisten. Ich glaube, diese Fähigkeit entwickelt sich vor allem durch die Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Es ist eine Dreiecksverbindung: Beziehung Gott zum einzelnen Menschen, Mensch zur Gemeinschaft, also untereinander und Gottesbeziehung zur Gemeinschaft.

     Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist eigentlich sehr eng, nicht einmal ein Stück Papier passt dazwischen. Gott sagt durch den Koran, dass Er uns näher ist als unsere Schlagader. Wir lesen in Sure 50:16: „Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen, was er in seinem Innern hegt; und Wir sind ihm näher als (seine) Halsschlagader…“ Diese Worte veranschaulichen die unmittelbare, sehr enge Nähe von Gott und Mensch. Es ist die Nähe Seiner Begleitung, Seines Schutzes, Seiner Registrierung aller Handlungen eines jeden Menschen, Seiner Hilfe und Seiner Nähe zu jedem einzelnen Menschen, ob er es will oder nicht. Deshalb brauchen wir auch keine Zwischenstationen zwischen Ihm und uns, keine Funktionäre oder Instanzen, die für uns sprechen wollen und sich manchmal so verhalten, als wenn sie den Islam für sich gepachtet hätten. Nein! Der Islam ist eigentlich eine sehr intime Religion, sehr privat.

   Denken wir einmal über den Vers 115 in Sure 2, Al-Baqara, nach: „Und Gottes ist der Osten und der Westen; und wohin immer ihr euch wendet, dort ist Gottes Antlitz. Siehe, Gott ist unendlich, allwissend.“  Egal, wohin wir schauen oder gehen, immer ist auch Gott dort zu finden.

     Unsere Religiosität dürfen wir nicht territorial begrenzen und wir als Muslime haben auch nicht das Recht, Religiosität nur für uns zu pachten. Der Osten und der Westen gelten nicht nur für das Abend- und Morgenland, sondern rings um uns, ob Mann oder Frau, ob mit dunkler oder heller Hautfarbe, jeder kann die Nähe zu Gott in sich spüren, wenn er es denn will und sich aufnahmefähig macht. Gott ist allumfassend und allgegenwärtig. Er ist nicht nur für besonders weise oder wissende Personen da, sondern für jede einzelne Person und nicht nur manchmal, wenn es uns gefällt, an Ihn zu denken, sondern immer und ewig.

      Gott hat uns von Anfang an seine Zusicherung gegeben, dass wir in den Genuss Seiner Barmherzigkeit kommen und unter Seiner Gnade leben. Das ist wahrhaftig eine besondere Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Als Gegenleistung verlangt Er von uns Barmherzigkeit unter uns Menschen. Und Barmherzigkeit schließt Hilfe, Akzeptanz, Mitgefühl und Liebe zu den Mitmenschen ein.

   Ich habe schon einmal erzählt: Wenn ich aufwache, ist meine erste Regung an Gott zu denken und ich begrüße Ihn, sage einfach: „Guten Morgen ya Allah!“ Das Erstaunliche ist dann immer für mich, dass ich beginne zu lächeln und ein gutes, manchmal überschwängliches Gefühl stellt sich ein, das mich noch lange begleitet. Es ist zu einem Ritual geworden, welches ich nicht mehr missen möchte. Ich fühle dann die Nähe zu Gott, es gibt mir Ruhe und Geborgenheit. Und wenn mir im Laufe des Tages mal eine Laus über die Leber läuft, dann denke ich an dieses Gefühl und mir geht es gleich besser. Und ich denke, es kann sich jeder irgendwelche guten Punkte oder Momente setzen, an die man sich dann halten kann, um mal durchzuatmen und zu sich zu kommen.

    Diese Nähe zeugt eigentlich von der Liebe Gottes zu den Menschen. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass und wie sehr Gott uns liebt und wir müssen uns das immer wieder vor Augen halten. Es besteht immer die Gefahr, dass die Beziehung zwischen dem Menschen und Gott zur Gewohnheit wird. Man kann sich daran gewöhnen, Gott anzubeten. Das Gebet wird einfach nur zur Routine. Darum ist dieses Innehalten, so wie ich es gerade erzählt habe, sehr wichtig. Und ich wünsche jedem von euch, dass er die Nähe und Liebe Gottes spürt, um dann gelassener durch den Tag zu gehen.

    Gott ist wie ein Seil, an dem wir Halt finden, welches uns auch eine Richtung vorgibt, eine Orientierung.    

Und mit dem Vers 2 aus der Sure at-Talaq möchte ich diese Predigt schließen:

     „Und dem, der Allah ehrfürchtig (und aufrichtig) anbetet, verschafft Er einen Ausweg und versorgt ihn in der Art und Weise, mit der er nicht rechnet. Und wer auf Allah vertraut, für den ist Er sein Genüge.“

Manaar

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

 

Raphael Schaller

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott. Dies ist der Anfang der fünf Bücher Moses. Am Anfang war das Wort.

Der Koran beginnt genauso. Ein berühmtes Hadith berichtet über die Erfahrung des Propheten Mohammeds in der Höhle, in die er sich schon vor seinen Offenbarungen immer wieder zurückzog, um in sich zu kehren, der Höhle von Hira. Eines Tages besuchte ihn der Engeln Jibreel, und forderte ihn, den Analphabeten, auf, zu lesen. „Iqra“, sagte Jibreel – es bedeutet sowohl zu lesen oder aus dem Gedächtnis zu rezitieren.

„Iqra!“, sagte Jibreel.

Mohamed antwortete: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest; ich bin kein Lesender.  Jibreel nahm ihn und drückte ihn, bis Mohamed es nicht mehr ertrug. Dann ließ er ihn los. Wieder sagte Jibreel zu Mohamed: „Iqra!“ Lies! Und wieder antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Ich bin kein Lesender. Jibreel packte ihn wieder und drückte ihn, bis er es nicht mehr ertragen konnte. Doch ließ er ihn dann los, um nun zum dritten Mal zu befehlen: ​​“Iqra!“ Lies! Und ein letztes Mal antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Nun ergriff Jibreel Mohammed nicht noch einmal, sondern rezitierte für ihn diese erste Offenbarung und Mohamed folgte seinem Beispiel.

بِسۡمِ ٱللهِ ٱلرَّحۡمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

ٱقۡرَأۡ بِٱسۡمِ رَبِّكَ ٱلَّذِى خَلَقَ (١) خَلَقَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مِنۡ عَلَقٍ (٢) ٱقۡرَأۡ وَرَبُّكَ ٱلۡأَكۡرَمُ (٣) ٱلَّذِى عَلَّمَ بِٱلۡقَلَمِ (٤) عَلَّمَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مَا لَمۡ يَعۡلَمۡ

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!
Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. (1) Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. (2) Lies; denn dein Herr ist Allgütig, (3) Der mit dem Stift lehrt, (4) lehrt den Menschen, was er nicht wußte.

Der Prophet lief nach Hause, wo seine Frau Khadija sah, dass er in großer Not war. In seiner Angst, er habe den Verstand verloren, bat er sie zitternd: „Bedecke mich, bedecke mich“. Khadija bedeckte ihn mit einem Umhang und sprach freundliche Worte zu ihm. Sie lobte seine Integrität, seine friedliche Natur und sein hilfsbereites Verhalten, bis er ruhig wurde und akzeptieren konnte, was mit ihm geschehen war; dass dies der göttliche Wille war, und dass er von nun an aufgerufen sein würde, nicht nur für Jibreel zu rezitieren, sondern der Menschheit weiterzugeben, was Gott ihm mitteilte. Er würde ein Botschafter Gottes sein. Was er an die Menschheit weitergeben würde, wären Worte. Nun hat Mohamed nicht nur Worte weitergegeben. Sein größtenteils sanfter, freundlicher und liebevoller Umgang mit Familie, Freunden und Feinden, seine Art zu beten, zu essen, sich zu waschen und seine Bereitschaft, alles, was er besaß, zu teilen, werden alle als die Sunna weitergegeben. Wir können sie kopieren oder nicht kopieren, wie wir es für uns selbst im Hinblick auf unser eigenes Verständnis ihres Wertes und mit Verantwortung für unser eigenes Handeln entscheiden. Aber die Offenbarungen, die er für uns hat, werden in Form von Worten weitergegeben.

Das Wort ist offenbar eine wichtige Einheit, obwohl es ja irgendwie gar nicht existiert. Zumindest nicht das gesprochene Wort. Es ist nicht greifbar. Das Wort ist ein Nomen, man schreibt es groß, doch in dem Moment wo es gesprochen wurde, ist es bereits weg. Seine Lebensdauer ist mit die Kürzeste, die wir uns von etwas vorstellen können.  Doch welch wundersames Paradox! Denn zugleich haben Wörter mit das längste Leben, was wir uns von irgendetwas vorstellen können, selbst, wenn sie nicht niedergeschrieben werden. Worte dringen in unser Gehirn und bleiben dort auf ewig gespeichert, entfalten dort eine Wirkung, die unserem ganzen Leben in die eine oder die andere Richtung weisen kann. Worte dringen in unser Herz und verursachen die wunderschönsten Gefühle, verursachen Kraft und Mut, und zugleich können sie zerstören. Dazu kommt die Fragestellung nach der Bedeutung. Kein Wort bedeutet für zwei Menschen genau dasselbe. Wörter unterliegen unserer Interpretation, und die beruht auf unseren Erfahrungen.

Daher muss den Worten in unserem täglichen Leben besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, nicht nur im gewissermaßen heiligen Moment des Gebets in der Moschee, sondern unter allen Umständen, selbst den alltäglichsten.

 

In Sure 49 lesen wir

„O ihr Gläubigen! Kein Mann darf über einen anderen spotten; vielleicht ist dieser besser als er. Keine Frau darf über eine andere spotten; vielleicht ist diese besser als sie. Verleumdet euch nicht gegenseitig! Sagt einander keine bösen Wörter und Schimpfnamen! Es gibt nichts Schlimmeres, als diesen Frevel zu begehen, nachdem man den Glauben angenommen hat. Wer nicht reumütig davon abläßt, gehört wahrhaftig zu den Ungerechten.

O ihr Gläubigen! Meidet viele Mutmaßungen, denn einige darunter sind sündhaft! Bespitzelt keinen, verleumdet einander nicht mit Nachreden! Möchte etwa jemand vom Fleisch seines toten Bruders essen? Wie ihr das verabscheut, verabscheut auch die Nachrede! Fürchtet Gott! Gott ist voller Barmherzigkeit und nimmt die Reue an.“

 

An unseren alltäglichen Worten und  Gesprächen sind oft unsere Kinder beteiligt, die zu den Verletzlichsten zählen, wenn es darum geht, Worte schlecht zu gebrauchen. Manchmal werden Kinder ja sogar geschlagen. Eine aktuelle Studie in Deutschland zeigt, dass etwa ein Viertel der Kinder geschlagen wird, 5% so stark, dass die Schläge Spuren hinterlassen. Es ist jedoch falsch zu glauben, dass Gewalt den physischen Körper einbeziehen muss. Während in einkommensschwachen Familien mit niedrigem Bildungsstand häufiger geschlagen wird, kommt es in allen Haushalten zu verbaler Gewalt, auch wenn sie sich eines besonders zivilisierten Verhaltens rühmen.

Lächerlich machen, schreien, niedermachen und dergleichen führen zu körperlichen Folgen, die sich in Form von Lispeln oder Nörgeln in der kindlichen Sprachentwicklung zeigen oder im nächtlichen Einnässen, in Aggressionen, Depressionen, oder sogar Selbstmord.

 

Nette und freundliche Worte zu hören, gibt uns hingegen das Selbstvertrauen, das wir für all unsere täglichen Begegnungen mit neuen Menschen und Situationen brauchen, den Mut, neue Dinge auszuprobieren, um zu wachsen, und die Ausdauer, um weiter zu üben, wenn uns Dinge noch schwerfallen.

Gleichzeitig profitieren Kinder, wie alle anderen, von Worten der Güte und Liebe. Wir alle gedeihen, wenn uns gesagt wird, dass wir gut darin sind, etwas zu tun. Wir tun es dann gerne noch einmal, um der Welt zu beweisen, dass wir wirklich gut darin sind, und um das Lob noch einmal zu hören. Auf diese Weise werden wir in all unseren Unternehmungen tatsächlich immer besser, bis wir den Worten, die über uns gesagt wurden, gerecht werden.

Der Prophet sprach häufig über Spott, Lästerei und Verleumdungen, und bat eindringlich, sie zu unterlassen. Wir haben es gerade aus dem Koran gehört. Unsere Zunge sei einer unserer größten Feinde, habe er gesagt. Die Gleichsetzung mit dem Kannibalismus zeigt, es ähnelt dem Töten.

Im Strafgesetzbuch steht das ähnlich. Da gibt es die Begriffe „üble Nachrede“, „Rufschädigung“, „Verleumdung“, „Beleidigung“, und im allgemeinen Sprachgebrauch sprechen wir gar von „Rufmord“, als hätte man diese Person selbst tätlich angegriffen. Die üble Nachrede nach § 186 Strafgesetzbuch (StGB) ist ein Ehrdelikt, das sich von der Beleidigung (§ 185 StGB) dadurch unterscheidet, dass nicht die Äußerung eines bestimmten negativen Werturteils unter Strafe gestellt wird, sondern das Behaupten oder Verbreiten ehrenrühriger Tatsachen. Der Begriff der Ehre ist in allen Kulturen ein Wertbegriff, er wird lediglich mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Die Missachtung der Ehre unserer Mitmenschen steht in Deutschland unter Strafe.

 

 

 

Mit der Erzählung über ein solches Ehrendelikt oder eine Verleumdung möchte ich meine Khutba heute beenden. Vielleicht sollte man die Geschichte irgendwann einfach mal unter den Teppich kehren. Doch zeigt sie uns explizit, wie leicht es ist, solchen Verleumdungen Glauben zu schenken und wie lange sie sich aufrecht zu erhalten. Die folgende Geschichte wird, ich muss es hier unbedingt sagen, sehr unterschiedlich überliefert. Auch, um welche Frau es sich handelt, variiert. In meinen Quellen geht es um Aisha – Aisha, die ich persönlich sehr verehre. Aisha hatte Mohamed sehr früh geheiratet und war sicherlich emotional besonders eng mit ihm verbunden. Sie war vielfältig im Ausleben ihres Islamverständnisses. Einerseits hat sie ihren Besitz immer wieder minimiert, indem sie ihn an Bedürftige verteilt und wenig für sich selbst übrig gelassen hat. Andererseits hat sie sich stets gebildet. Sie war eine intelligente Frau, die sich nach Mohameds Tod in Anliegen der Religion und Politik als Führungspersönlichkeit hervortat. Aisha war schamlos ehrlich mit sich selbt, was ich vielleicht an ihr am meisten schätze. In ihren Erzählungen über den Propheten Mohamed schönt sie ihr eigenes Verhalten nicht.

Die folgende Geschichte gibt uns einen Einblick in die Folgen der Verleumdungen und darin, dass auch ausgesprochen integre Menschen nicht davon verschont werden.

 

Der Skandal um Aisha, der auch der Lügenskandal, Hadith al-Ifk, genannt wird, ereignete sich im Jahre sechs n.H., kurz nach der Heirat Muhammads mit Saynab bin Dschahsch. Als Muhammad sich für die Schlacht mit den Banu al-Mustaliq vorbereitete, loste er – wie üblich vor jeder Schlacht – unter seinen Ehefrauen aus, welche er mit sich nehmen sollte. Das Los fiel auf ‘Aischa. ‘Aischa freute sich darüber, ihrem Mann für einige Tage das Geleit zu geben und mit ihm allein zu sein. Muhammad und die Muslime gewannen diese Schlacht. Auf dem Wege zurück nach Medina, während einer Rast des Heeres, entfernte sich ‘Aischa kurz nach dem Morgengrauen aus dem Lager, um einem Bedürfnis nachzukommen. Dabei verlor sie ihre Halskette. In der Suche nach ihrer Kette verspätete sie sich dermaßen, dass bei ihrer Rückkehr das Lager bereits abgebrochen und ihr Kamel mit den anderen fortgeführt worden war. Die Leute hatten in dem Glauben gehandelt, sie befinde sich bereits in dem Zelt, das auf dem Sattel ihres Kamels aufgerichtet war.

Als ‘Aischa feststellte, dass sie allein zurückgeblieben war, hoffte sie, dass der Gesandte ihr Fehlen bemerken und jemanden schicken werde, sie abzuholen. Als Nachzügler war Safuan ibn al-Mu’attal as-Salami ebenfalls zurückgeblieben.

Safuan sagte zu ihr so etwas wie: „Wahrlich, Allah gehören wir, und zu Ihm kehren wir heim. O du Frau des Gesandten Allahs, was ließ dich von dem Lager zurückbleiben? Allah erbarme sich deiner!“. Safuan fühlte sich für die Sicherheit ‘Aischas verantwortlich, deshalb führte er sein Kamel vor und lies ‘Aischa aufsteigen. Dann führte er sein Kamel zurück nach Medina. Mit großer Verspätung traf ‘Aischa in Begleitung Safuans, im hellen Licht des Tages, lange nach der Ankunft des Heeres in Medina ein.

Dies war der Anlass für böswillige Menschen und Heuchler, ‘Aischa und Safuan zu verdächtigen, sich unzüglich erhalten zu haben. Menschen verbreiteten Verleumdungen und Verdächtigungen über ‘Aischa und Safuan. Selbst innerhalb der islamischen Gemeinschaft führte dieses Gerede zu einer Art Spaltung. Warum? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Gott sei dank seid ihr beide wohl behalten? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Zum Glück war Safuan dort, und konnte Aisha unterstützen!? Mein bester Freund sagte mir schon oft in seinem nicht ganz perfekten Deutsch, wenn ich mal wieder eine Vermutung anstellen wollte: „Denk mal immer gut“. 

‘Aischa selbst kam von der Reise schwach, erschöpft und krank zurück. Aus diesem Grund hielt sie sich die meiste Zeit in ihrem Hause auf und ging fast nicht aus der Tür. Die Gerüchte und Verleumdungen breiteten sich indessen immer weiter aus. Normalerweise kümmerte sich der Gesandte, wenn ‘Aischa krank war, mehr als gewöhnlich um sie und erleichterte ihr Leben bis sie wieder gesund war. Diesmal verhielt er sich anders und kümmerte sich nur wenig um sie. ‘Aischa hatte sogar das Gefühl, dass es dem Gesandten sehr schwer falle, sie zu betreuen und nach ihrem Wohlergehen zu fragen, wie er es früher getan hatte. Da sie den Grund für das veränderte Verhalten des Gesandten ihr gegenüber nicht kannte, erhoffte sie Hilfe und Betreuung von ihrer Mutter und bat den Gesandten, zu ihrer Mutter gehen zu dürfen. Dieser erlaubte es ihr sofort. Dies zeigt, wie stark die Verleumdung in der Öffentlichkeit das Verhältnis des Gesandten zu ‘Aischa gestört hatte. Er war über diese Verleumdungen sehr betroffen und es fiel ihm schwer, zu glauben, dass es in seiner Gemeinschaft Leute gab, die solche Lügen weiterverbreiteten. Muhammad kannte ‘Aischa, aber auch Safuan, vom Grunde ihrer Seele und war deshalb sicher, dass es sich bei diesem Gerücht um nichts anders als eine Verleumdung handeln könne.

Schließlich konnte sich Muhammad nicht länger zurückhalten und entschloss sich, vor der Gemeinschaft darüber zu sprechen. Nachdem er zuvor Allah angerufen und Ihn gepriesen hatte, sprach er vor der Gemeinschaft, ohne dass ‘Aischa davon wusste: „O ihr Menschen“ Wie ist es mit einigen unter euch, die mich beleidigt haben in einer meiner Angehörigen (‘Aischa)? Sie sprechen nicht die Wahrheit; bei Allah, ich habe von ihr nur Gutes gekannt. Und sie sprechen auch Schlechtes von einem Manne (Safuan), von dem ich auch nur Gutes gekannt habe. Niemals ist er in eines meiner Häuser ohne meine Begleitung eingetreten.“

Doch eine Verleumdung kann man niemals aus dem Weg schaffen. Einmal gesagt, bleibt ein bitterer Nachgeschmack, und häufig meint man, es könne ja vielleicht doch etwas Wahres dran sein.  So entfaltet eine Verleumdung auch nach vielen Jahren noch ihre bittere Wirkung.

Welche Worte sind es denn aber, die wir verwenden sollen? Zunächst einmal, Taten sagen oft mehr als Worte. Wir sollten vielleicht gar nicht immer Wörter verwenden, sondern könnten uns stattdessen überlegen, wie wir unseren Gefühlen wortlos aber handlungsreich Ausdruck verleihen können. Und dann die schönen Worte – es freut mich, gerne, schön, das ist wunderbar, du bist wunderbar, und sicher fällt uns auch die eine oder andere gute Geschichte über unsere Mitmenschen ein. Über Aisha zum Beispiel, wie bereitwillig sie ihre Besitztümer an Bedürftige abgegeben hat. Wie tapfer sie ein schweres Leben ertragen hat. Sie hingebungsvoll sie dem Propheten gegenüber war. Über unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Ehemänner, unsere Kinder – schnell sagen wir ein schlechtes Wort. Aber, „denkt mal immer gut!“ Lasst uns gute und schöne Wörter füreinander und für unsere Handlungen finden.

In diesem Sinne Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

 

Alexander Sinn

Weibliche Geschichten

Weibliche Geschichten

Autorin: Susanne Dawi

Alexander Sinn
Alexander Sinn

Neulich hielt ich in der Moschee einen Vortrag über die marokkanische Soziologin und Islamwissenschaftlerin Fatima Mernissi. Besonders ihre Bücher „Harem“ und „Der politische Harem“ fand ich sehr lesenswert, obwohl ich mich bisher immer geweigert hatte, Bücher mit dem Wort Harem im Titel zu lesen, ob der dahinter vermuteten Stereotypen über den Orient, gegen die man sich so häufig zur Wehr setzen muss. Anlässlich des Vortrags kam ich um die Bücher mit besagtem Wort also nicht herum. Mernissi liest sich interessant und flüssig – sehr zu empfehlen, wenn man sich für die Schnittstelle zwischen Religion und Gesellschaft interessiert, und ich möchte fast sagen, das sollte man derzeit unbedingt.
Für den heutigen Blogtext möchte ich eine Geschichte herausgreifen, die sie aus 1001 Nacht zitiert. Durch zwei kleine, wie Mernissi sagt „subversive“ Veränderungen, die ihre Großmutter beim Erzählen stets vornahm, wird sie von einer „männlichen“ zu einer „weiblichen“ Geschichte.
Die erste Veränderung betrifft den Titel. Er heißt eigentlich „Hassan AlBasri“, doch Großmutter Yasmina leitet geschickt die Fokussierung vom männlichen Protagonisten zum weiblichen über, denn sie nennt die Geschichte „Die Frau mit dem Federkleid“.
Die zweite Veränderung betrifft das Ende der Geschichte. Dazu später mehr.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – , wo diese mysteriöse Insel Wak Wak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ (Harem, S. 11-12)
Die Großmutter Yasmina hatte sich also zuerst einmal den Titel vorgenommen und damit die Frau zur Protagonistin gemacht. Ich zitiere weiter: „Die zweite subversive Veränderung…. war, dass Yasminas mündliche Version kein Happy End hatte. In der Geschichte meiner Großmutter gelang es Hassan nicht, Frau und Kinder zurückzugewinnen. Lange suchte er nach der Insel seiner geflügelten Frau, konnte sie aber nicht wiederfinden. In der von Männern verfassten Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende.
Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, bin ich am Ende überrascht; denn in meiner Erinnerung findet Hassan seine Frau und lebt daraufhin bei ihr. Es gibt also drei mögliche Endungen und jede hat ihre Bedeutung über die Geschichte hinaus.
Dass die gefiederte Frau zu ihrem Mann zurückkehrt, ist das Ende, das ich am wenigsten mag; hieße es doch, sich der möglichen Unterdrückung erneut, und diesmal freiwillig, auszusetzen. Dass ihr Mann aus der Flucht seiner geliebten, aber gefangenen Frau etwas gelernt hätte, ging ja aus der Geschichte nicht hervor. So empfinde ich aus meiner weiblichen Empowerment-Logik mein selbst-erinnertes Ende am sinnvollsten, dass er nämlich bei ihr bleibt, ohne jedoch nun seinerseits der Gefangene zu sein.
Geschichten schriftlich zu überliefern heißt, in einem gewissen Maße auch ihre Deutungen festzuschreiben. Mit mündlichen Überlieferungen können wir spielen. Wir verändern sie absichtlich oder aus Versehen, wobei uns unsere Erinnerungspsychologie einen Streich spielt. Das sollten wir nebenbei bemerkt auch nicht vergessen, wenn wir über Hadithe sprechen.
Welches Ende gefällt Ihnen am besten? Dass die gefiederte Ehefrau mit den Kindern zu Hassan zurückkehrt? Dass Hassan seine Frau niemals findet? Oder dass Hassan seine Frau und die Kinder findet, um dann bei ihnen zu bleiben? Welche Version der Geschichte erzählen Sie Ihren Kindern oder Ihrem Lebenspartner? Welche Version würden Sie gerne leben? Welche leben Sie tatsächlich? Und: Heißt Ihre Geschichte „Hassan Al-Basri“ oder heißt sie „Die Frau mit dem Federkleid“?
Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag!
Ihre Susie Dawi