Toleranz

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Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.

Abraham

Abraham

Khalil – Freund Allahs und von ihm behütet

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Heute geht es um Abraham, doch nicht ganz auf direktem Weg; denn schon immer möchte ich über unsere kleine Gebetsteppiche sprechen, die wir jeden Freitag, und natürlich auch sonst, zum Beten auslegen. Über diesen Teppich möchte ich sprechen, da er von besonderer Schönheit ist. In taghellem Beige als Untergrund wird er umrandet von zartem Grün, der Farbe der Hoffnung, in die unsere Tage eingerahmt sind. In diese Hoffnung hineingesetzt sind eine Art goldener Punkte – es sind die teuren Momente des Glücks, verbunden mit goldenen Fäden, denn sie ziehen sich durch unser ganzes Leben, immer wiederkehrend, überraschend, ohne Muster, und doch verlässlich. Ohne diese goldenen Punkte wäre der Teppich auch schön – ruhig, gelassen, und seinen Zweck als Gebetsteppich in angemessener Qualität durchaus erfüllend, doch wäre er zugleich von deutlich geringerer Helligkeit und Freude. Jeder dieser goldenen Punkte symbolisiert für mich ein Lachen des Herzens. Wir wünschten uns mehr von diesen Glücksmomenten, doch dann wäre der gesamte Teppich golden. Das Grün würde verschwinden und das taghelle Beige; und der Untergrund auf dem wir stehen verlöre sein Motiv in Gänze.

Was ist sein Motiv?

In der Mitte des Teppichs befindet sich ein Tor, gleich dem Tor einer Moschee. Tore laden dazu ein, sie zu durchschreiten, um Räume zu betreten. Meist befinden sich darin Menschen, mit denen wir Kontakt aufnehmen. Doch ungleich den anderen Toren, die wir kennengelernt haben, liegt hinter diesem Tor nichts anderes als das Licht. Ein einladendes Licht, oder eine Art freundlichen Nebels, der uns einlädt einzutauchen und Dinge zu erkennen, die dahinter verborgen liegen.

Viele Male bin ich während des Gebets oder einer stillen Meditation durch dieses Tor hindurchgetreten und habe reiche Welten vorgefunden. Einmal war ich dort und fand einen imaginären Dschungel. In diesem Dschungel schwebte ich als Adler, um mich schließlich auf einem kargen Felsen in meinem Horst niederzulassen und zu betrachten, was um mich herum geschah. Ich verwandelte mich in eine Schildkröte, um nun auf dem feuchten, kalten Boden unter schattenspendenden Blättern langsam nichts anderes zu tun als zu sein. Mein Inneres öffnete sich für die Liebe zur eigenen Existenz und füllte mich mit Sehnsucht nach Geborgenheit und Ruhe. Das Paradies ist ein Dschungel. Es wird keine Jungfrauen dort geben und keine seidenen Kissen, sondern einen dunklen feuchten Erdboden unter schattenspendenden Blättern, und ich werde eine Schildkröte sein.

Ein anderes Mal ging ich durch das Tor hindurch und fand mich wieder in den Gemächern der Frauen des Propheten Mohammeds. Es war finstere Nacht, der Innenhof nur ein wenig erleuchtet durch funkelnde Sterne, doch es waren kaum Schatten zu sehen. Ich sah mich im Zimmer von Aisha und fand sie eifersüchtig so tun als ob sie schliefe, um zu beobachten, wohin ihr Ehemann gehen würde, der mitten in der Nacht aufgestanden war, um sich an einen geheimen Ort zu begeben. Ich sah ihn im Dunkel der Nacht verschwinden und wurde gewahr, wie sich Aisha einen Umhang überwarf, um ihm zu folgen. Sie sah ihn zu einem Friedhof gehen und beten. Wie sehr muss sie ihn geliebt haben in diesem Moment und sich selbst geschämt. Als er sich umwandte um nach Hause zurückzukehren, wandte auch sie sich um und lief schnell immer ein paar Meter vor ihm her, hoffend, dass er sie nicht erkennen möge. Sein Schritt wurde schneller, und so musste auch ihrer schneller werden, bis sie rannte, so dass sie schließlich nur einen kurzen Moment vor ihrem Mann zu Hause ankam. Sie warf den Umhang ab und legte sich so hin, wie Mohammed sie verlassen hatte. Vergeblich tat sie nun erneut als ob sie schliefe. Als Mohamed das Zimmer betrat fragte er die herftig atmende, erschöpfte Aisha, ob sie wisse, wer denn wohl die Gestalt gewesen sein mochte, die den ganzen Weg vor ihm her gelaufen war und immer wenn er schneller lief, auch schneller gelaufen sei. Gut dass es dunkel war. So konnte er nicht sehen, wie tief sie errötete. Mohamed hat seine Frau für ihr Verhalten nicht zur Rede gestellt, denn er war ein liebevoller und verständnisvoller Mensch, und sicher wusste er, wie sehr wir solcherlei Vertrauensbeweise in der Partnerschaft immer wieder brauchen. Als ich mir diese Geschichte in der Welt des Gebetsteppichs vorstellte, war ich Aisha, die Eifersüchtige, und ich liebte sie, und liebte den Propheten Mohamed, weil wir Menschen Geschichten lieben, in denen wir uns wiederfinden.

Heute gehe ich durch dieses Licht des Teppichs und lade euch ein, mit mir zu kommen and diese Schnittstelle zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Realität und Fantasie. Wir gehen hinein und finden dort eine Frau mit einem kleinen Kind. Sie ist Sklavin, das Kind der gemeinsame Sohn ihrer und ihres Herrn, gezeugt auf Geheiß der freien Frau des Mannes. Gerade setzt sie sich auf ein sich niederkniendes Kamel. Nun reicht ihr ihr Mann das Kind, einen kleinen Jungen namens Ismael. Dann steigt er selbst dazu. Während der Vater weiß, wohin die Reise gehen soll, haben Mutter und Kind nichts als ihr Vertrauen. Wie fühlte es sich an, nicht zu wissen, wohin man getragen wird? Was las die Frau im Gesicht ihres Herrn, in seinen Gesten? Als Proviant für die Reise, die nicht lang dauern und zugleich die Ewigkeit der Menschheitsgeschichte überdauern würde, hat der Vater einen Wasserschlauch und ein paar Datteln eingepackt. So reitet nun die Famile in die Wüste.

Dort angekommen steigen sie ab, und Abraham bleibt noch einen Moment stehen, wirft dann einen Blick auf Hagar und den kleinen, geliebten Sohn, um sich nun umzuwenden und sie zu verlassen.

Welch abscheulicher Moment des Schicksals. „Wohin gehst du, Abraham?“, fragt Hagar, sich gewahr werdend, was hier mit ihr und ihrem Kind geschieht. Du bist doch nicht gekommen, uns hier allein zu lassen?

Die Geschichte erzählt nichts davon, wie sich ihr Magen zusammenzog und ihr Herz verkrampfte als sie ihren Herrn gehen sah. Wie sie dachte „Großer Gott“ und verzweifelt, in unbeschreiblicher Angst, allein die nächtliche Kälte der Wüste erwartete, und den grausamen Tod durch einen Schakal oder durch Durst. Wer würde zuerst sterben? Sie oder das Kind? Über all das ist uns nichts bekannt, denn wir lesen die Geschichte so, wie wir Geschichtsbücher lesen. In manchen Geschichtsbüchern werden auf hundert Seiten ganze Zivilisationen abgehandelt, die auf- und untergegangen sind. Ich mag Geschichtsbücher nicht. Ich mag Teppiche. In Geschichtsbüchern liest man über Grausamkeiten, als währen sie Kollateralschäden. Wird jemand zur Verantwortung gezogen, so bleibt der Text sachlich und macht damit alles zur Sache, auch die Menschen, um die es darin geht. Ich mag keine Geschichtsbücher – sie handeln von Kriegen und ihren Kriegstreibern, von Patriarchen und Führern und vergessen die Menschen, die dahinter stehen. Teppiche sind mir lieber. Die uns einladen, Verantwortung zu übernehmen, indem wir genau hinschauen. Es ist kein Zufall, dass die Literaturdidaktik der deutschen Nachkriegszeit die Vorstellungskraft als wichtiges Lernziel definiert. Die Vorstellungskraft macht nicht nur das Leseerlebnis reicher, sondern Literaturdidaktik ist immer auch Lebensdidaktik; und ohne Vorstellungskraft und die Fähigkeit, Gelesenes oder Erlebtes mit uns selbst zu verbinden, treffen wir ganz andere Entscheidungen im privaten wie im politischen Bereich. Doch zurück zum Text. Wir sind durchaus fähig, uns vorzustellen, was Hagar in diesem Moment gefühlt hat. Aber was Abraham fühlte, was ihn dazu trieb, sich der Prüfung Gottes zu stellen und das ihm scheinbar Gebotene zu erfüllen, das fällt mir im Moment noch schwer zu verstehen. Diese Geschichte zu würdigen gelingt mir derzeit nur durch einen Perspektivwechsel – indem ich nämlich nicht mit Abraham zurückkehre, sondern bei Hagar in der Wüste bleibe.

Menschen möchten nicht sterben. Und sie übernehmen Verantwortung für ihre Kinder. Daher begann Hagar nach Wasser zu suchen. Zwischen den Bergen Safa und Marwa lief sie sieben mal hin und her, um dort Wasser zu finden. Sie kletterte auf Steine, um Ausschau nach einer Karawane zu halten. Als sie sich umblickte, sah sie eine Gestalt bei Ismael stehen. Es war der Engel Gabriel. Er stampfte mit seiner Verse neben dem Kind auf die Erde, und Wasser begann zu fließen. Nach anderen Überlieferungen war es das Kind selbst, das mit seiner Verse auf die Erde stampfte. Jedenfalls entsprang das Wasser, mit dem nun Hagar ihre Schläuche füllte, durch ein Wunder.

Bald danach zog eine Karawane des Stammes von Jurham nicht weit von Hagar und Ismaels Ort vorbei. Die Karawanenführer sahen Vögel über einer Stelle kreisen, wo sonst keine Vögel zu sehen waren und schlossen daraus, dass es dort Wasser geben würde, obwohl das bisher nicht der Fall gewesen war, weshalb ihre Route eben normalerweise nicht dort entlang geführt hatte. Sie folgten den Vögeln, um die neue Wasserstelle aufzusuchen. So fanden sie Hagar und Ismael und nahmen sie auf.

Abraham indessen war zu Hause bei seiner Frau Sarah und ihrem gemeinsamen Sohn Isaak, in dem Zelt, zu dem die Engel gekommen waren, um dem Kinderlosen im hohen Alter Nachkommen zu prophezeihen.

Abraham ist der Prophet, dessen Name nach Mohamed am häufigsten im Koran erwähnt wird. 69 Mal wird sein Name genannt und jedes einzelne Mal mit Lob bedacht.

Geboren wurde Abraham in Ur, einer Stadt in Chaldäa, ungefähr 200 Meilen von Baghdad entfernt, eine der so genannten ersten menschlichen Hochkulturen in Mesopotamien, also dem heutigen Irak. Man möchte meinen, Abraham wäre bei seiner Geburt mindestens 60 Jahre alt gewesen. Doch auch dieser Mensch war einmal ein Säugling, von einer Mutter gestillt, und sicher auch von einem Vater gemaßregelt, von verwandten Frauen und Männern in den Tugenden unterwiesen, die für seine Zeit galten. In Sure 3, Vers 67 lesen wir: Abraham war weder ein Jude, noch ein Christ, sondern er war einer, der sich von allem abwandte, was falsch ist, da er sich Gott ergeben hatte“. „Sich Gott ergeben“ heißt auf Arabisch „muslim“ sein, doch war er nicht Muslim im Sinne der Religionsbezeichnung sondern im Sinne eines Zustandes – ein Mensch eben, der sich Gott ergeben, oder hingegeben, hatte. Aus dieser Stadt Ur in Chaldäa kam übrigens auch Lot, der Sohn von Abrahams Bruder.

In Ur, in der viele Götter angebetet wurden, hatte Abraham seine erste religiöse Erkenntnis. Dabei ging es um die Praxis der Götzenanbetung. Er muss damals ein junger Mann gewesen sein. Vielleicht liebevoll kümmernd, vielleicht pubertierend aufmüpfig, sprach er zu seinem Vater (6:74-75): „Nimmst du Götzenbilder als Götter? Wahrlich ich sehe, dass du und dein Volk offensichtlich irregegangen sind! Und so gaben wir Abraham seine erste Einsicht in Gottes mächtige Herrschaft über die Himmel und die Erde.“

Abrahams Vater Azar, auch bekannt unter dem Namen Terah, betete in der Tat Götzen an, wie es eben damals üblich war. Er antwortete seinem Sohn, wenn dieser nicht seinerseits von der Kritik am Götzenglaube ablasse und dem Vater gehorche, müsse er ihn steinigen, denn dies war die Strafe für abtrünnige Söhne. Doch statt nachzugeben ging Abraham nun auch noch zu seinen Freunden und bat sie ebenfalls, ihren Glauben zu verändern. Diese wollten jedoch an der Anbetung der Götzen festhalten. Schließlich sei es die Religion der Väter.

Als es nun eines Tages ein Fest gab, an dem alle Menschen in Abrahams Umgebung teilnahmen, entschloss sich Abraham, stattdessen zu den Götzenfiguren seiner Freunde zu gehen und zerstörte sie alle – alle, bis auf den obersten Götzen, den er vollständig stehen ließ.

Als die Freunde zurückkehrten wussten sie sofort, dass Abraham für diese Tat verantwortlich sein musste. Sie stellten ihn zur Rede, doch er verneinte seine Schuld – es müsse der Chefgötze selbst gewesen sein, der dies vollzogen hätte, schlug er vor. Die Freunde sagten: „Wie könnte dieses Gebilde aus Stein, das wir selbst gebaut haben, so etwas vollziehen? Du siehst doch, Abraham, dass sie nur aus Stein sind und nichts erreichen können. Worauf Abraham antwortete: „Wenn euer Gott dies nicht kann, dann kann er euch sicherlich auch nicht helfen, wenn ihr in Not seid und ihn braucht!“ Von Anfang an hatte Abraham also Vertrauen in einen Gott, der den Menschen in der Not beiseite stehen würde. Vielleicht sah er in diesem Licht auch Hagar, als er sie in der Wüste zurück ließ. Denn beim Verlassen sagt er zu ihr: „Ich lasse dich in der Hand Allahs“.

Doch wer war dieser Allah, dieser höchste Gott?, fragte sich Abraham. Eines Nachts ging er daher hinaus und erblickte einen Stern. Er rief aus: „Dies ist mein Erhalter!“ – aber als er unterging, sagte er: „Ich liebe nicht die Dinge, die untergehen“.

Dann, als er den Mond aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter!“ Aber als er unterging sagte er: „Fürwahr, wenn mein Erhalter mich nicht rechtleitet, werde ich ganz gewiss einer von den Leuten werden, die irregehen“.

Dann, als er die Sonne aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter! Dies ist das Größte von allen!“Aber als auch sie unterging, rief er aus: „Oh mein Volk! Siehe, fern sei es von mir, etwas anderem neben Gott, wie ihr es tut, Göttlichkeit zuzuschreiben!“

Es folgte eine unschöne Zeit für Abraham in der Mitte einer Gesellschaft, die sich nicht von ihm überzeugen ließ, sondern sein Leben bedrohte, so dass er letztlich beschloss, seinen Vater und die Stadt Ur zu verlassen. Er bat Gott um Vergebung und Segen für seinen Vater und zog fort, „denn siehe, Abraham war höchst nachsichtig, höchst weichherzig, wieder und wieder willens, sich Gott zuzuwenden“ (11:75).

Abraham lebte längst mit seiner Frau Sahra zusammen und seiner Sklavin Hagar, als eines Tages drei fremde Männer zu seinem Zelt kamen. Das Gebot der Gastfreundschaft verlangte es vom Gastgeber, eine Mahlzeit zu bringen; von den Gästen verlangte es, diese Speisen anzunehmen. Doch die Gäste rührten das ihnen vorgesetzte Mahl nicht an. Es mussten Boten des Himmels sein, die zu Abraham und Sahra gekommen waren. Dennoch nahm Sahra ihre Botschaft nicht ganz ernst, die hieß, dass sie in ihrem fortgeschrittenen Alter einen Nachkommen Abrahams zeugen solle. Sowohl im Buch Genesis, dem ersten Buch Mose, als auch im Koran, ist überliefert, dass sie lachte. Dann verabschiedeten sich die Boten. Auf dem Weg hinaus schauten sie von einem Berg hinab in die Stadt Sodom, in der auch Lot mit seiner Familie lebte.

29:31 Und so, als Unsere himmlichen Boten zu Abraham mit der frohen Kunde von der Geburt von Isaak kamen, sagten sie auch: „Siehe, wir sind im Begriff, das Vok jenes Landes zu vernichten, denn seine Leute sind wahrhaft Übeltäter“. Und als Abraham ausrief: „Aber Lot lebt dort!“ – antworteten sie: „Wir wissen sehr wohl, wer dort ist. Ganz gewiss werden wir ihn und seinen Haushalt retten – alle bis auf seine Frau: Sie wird fürwahr unter jenen sein, die zurückbleiben“. Im Buch Genesis, dem ersten Buch Moses, lesen wir, was wir im Koran nicht finden, nämlich, dass Abraham bei den Engeln interveniert. „Aber“, sagt er, „wenn nur 50 Menschen in Sodom rechtschaffen sind, wird Gott dann Sodom verschonen?“ Gott – oder die Engel – das wird im Zusammenhang nicht ganz deutlich – sagt „Ja, für 50 gute Menschen wird Sodom verschont“. Durch diese Antwort ermutigt, fragt Abraham nun weiter, wie es denn mit 40 Menschen wäre. Auch für 40 gute Menschen soll die Stadt verschont werden. Abraham fragt bis zur Zahl Zehn. Da endet das Gespräch. Was wäre wohl die Antwort gewesen, wenn Abraham weiter gefragt hätte? Wenn es nur neun, acht, sieben,…einen einzigen guten Menschen in der Stadt geben würde?

Nachdem die Engel das Zelt Abraham und Sahras verlassen hatten, überlegte Sahra, wie es denn sein könne, dass sie einen Nachfolger haben würde. Wir lernen aus der jüdisch-christlichen Tradition, dass sie es war, die daher Abraham vorschlug, ein Kind mit der Sklavin Hagar zu zeugen. Dies war damals nicht unüblich, aber wir Frauen von heute wissen, dass das keine gute Idee für den Hausfrieden war.

Die Geschichte beweist es. Ismael, der Sohn Hagars wird geboren und erfreut sich der Liebe seines Vaters. Doch bald wird auch Sahra schwanger und bekommt Isaak. Die jüdisch-christliche Tradition sagt, dass Sahra aus Eifersucht zu Abraham sagt, er solle Hagar und Ismael in die Wüste schicken. Die Muslimische Tradition spricht von einer Prüfung, vor die Abraham gestellt wird. Eine Prüfung vielleicht, ob er Gott gehorcht, auch wenn es seinen Vorstellungen von Liebe und Gerechtigkeit widerspricht. Abraham möchte Hagar und Ismael nicht verstoßen, und dennoch willigt er schließlich ein. Er bringt sie in die Wüste, wohl wissend, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Abraham, der Liebevolle. Abraham der Gütige, der muslim ist und taqua hat – mehr als jeder andere seiner Zeit. Religionspädagogen aus meiner Kindheit deklarierten Abrahams Ergebenheit als Tugend. Abraham war muslim und hatte Iman (Glauben) und Taqua (Gottesbewusstsein) – dass dies fast zu einem Mord geführt hätte, war ihnen einerlei.

Doch nun wird es interessant, denn an dieser Stelle interveniert Gott, offensichtlich um genau das zu verhindern. Denn Abraham war ihm wohl in der Tat lieb und teuer. Offensichtlich wollte er nicht, dass dieser geliebte Abraham eine Schuld auf sich lud, deren Vergebung nicht leicht sein würde. So rettete Gott Hagar und Ismael und rettete zugleich Abraham.

Noch ein weiteres Mal war Abraham so gottesfürchtig, dass er einem Traum nachgab, der vermeintlich von Gott selbst zu ihm gekommen war; dem Traum nämlich, seinen eigenen Sohn zu opfern, ihn wie ein Tier in den Wald zu bringen, zu fesseln und auf einen Stein zu legen, um nun mit einem frisch geschärften Messer seine Kehle zu durchtrennen. Doch auch hier wird Abraham von Gott davor bewahrt, einen Mord zu begehen.

Ja, er war in der Tat ein Mann, den Gott liebte, denn Abraham war in seinem Herzen mildtätig und liebevoll. Und vielleicht bewahrte in Gott deshalb davor, große Sünden zu begehen.

Setzen wir uns einen Moment zu ihm, Abraham, und fragen uns, was wir aus seiner Geschichte lernen sollen. Trinken wir eine Tasse Tee mit unserem uralten Propheten und sagen: Abraham, wir können die Deutungen der alten Patriarchen nicht länger akzeptieren. Deine Bereitschaft, andere Menschen zu töten, um damit Gott zu gehorchen, sehen wir kritisch und wenden uns davon ab. Wir sehen Organisationen wie den IS, die Morde an Menschen durch den Koran rechtfertigen und vielleicht sogar deine Geschichte als Grundlage verwenden. Sie sagen, wir haben göttliche Eingebungen und hören darauf, wenn sie ihre Schwerter schwingen, um Unschuldige zu töten. Wir sehen White Supremacists, die meinen, Christen zu sein, und Eingebungen haben, Muslime zu töten, um Gott zu dienen. Wir sehen Politiker, die Kriege führen, weil sie göttliche Eingebungen zu haben glauben. Wir sehen Muslime, Christen und Juden, die andere töten, weil sie meinen, Gott stünde auf ihrer Seite und gäbe ihnen das Recht dazu. Dies alles auf der Grundlage von Geschichten wie der von Abraham! Wie deuten wir diese Geschichte?

Vielleicht antwortet Abraham: Aus meiner Geschichte lernt ihr, dass auch Propheten Menschen sind. Ihr lernt auch, dass es immer ein Fehler ist, andere zu töten oder auch nur zu verletzen. Gott beweist es in meiner Geschichte, denn als ich Leid zufügen wollte, hat mich Gott daran gehindert. Gott wird nicht jeden daran hindern, anderen leid zuzufügen, aber a meinem Beispiel erkennt man die Unrichtigkeit solcher gefühlten Offenbarungen.

Dann würde Abraham vielleicht noch sagen, aus meiner Geschichte lernt ihr, dass man Lesarten historisch anpassen muss, um religiösen Texten weiterhin Sinn zu entnehmen.

Abraham sagt vielleich: „Ich bin Khalil, der Freund Gottes, und deshalb war ich überglücklich, dass Hagar und Ismael überlebt haben. Es wird von mir gesagt, dass ich sie nach ihrem Überleben in der Wüste noch lange immer wieder besuchte.“

Diejenigen Männer und Frauen, die Unterschiede zwischen Rängen vornehmen oder Hierarchien erfinden, lernen, dass alle Frauen gleichwertig sind, egal ob arm oder reich.

Diejenigen unter den Lesern, die koranische Texte als Mythen lesen, finden in der Verstoßung und der Opferung der eigenen Söhne vielleicht psychologische Deutungsvarianten. Im Dickicht unseres Unterbewusstseins opfern wir vielleicht auf dem Stein, gefesselt und gebunden, unseren Hang zum Diesseits. In die Wüste schicken wir vielleicht nicht die Menschen selbst, sondern unsere Vergötterung der Menschen um uns herum, die wir wertschätzen und lieben, aber nicht anbeten sollen. Es gibt viele Deutungsmöglichkeiten. Je mehr wir unsere Vorstellungskraft aktivieren, desto mehr spricht der Text zu uns selbst und ermöglicht uns fruchtbare individuelle Auseinandersetzungen.

Diejenigen Menschen auf der Welt, die Abrahams oder ähnliche Geschichten als Blaupause für das Quälen ihrer Mitmenschen verwenden wollen, sind jedenfalls im Unrecht. Leid zuzufügen ist niemals unser Recht.

Duaa:

Allah, wir danken dir für die Geschichten, die zu uns herabgesandt wurden; Geschichten, in denen du dich uns offenbarst, und wir uns wiederfinden, damit wir wissen was es heißt, Mensch zu sein und andere wie uns selbst zu verstehen, oder zu würdigen. Wir beten dir zum Dank und bitten dich um Kraft, zu erdulden, zu hoffen, zu lieben und zu lachen.

Und Gott weiß es am besten.

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Autor: Massud Reza

Håkon Sataøen

Vor einigen Wochen ging ich auf die problematische Kooperation zwischen dem Bundesland Niedersachsen und dem islamischen Dachverband DITIB ein, was die inhaltliche Ausrichtung des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Grundschulen angeht.1 Nach Verfassungsrecht leben wir in einem „föderalistischen Bundesstaat“, womit man den Bundesländern einen relativ breiten Spielraum zugesteht, was Bildungspolitik, Innenpolitik und weiteren Politikfeldern anbelangt. Selbst in politischen Kooperationsfragen sehen wir Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, dass man wunderbar am Beispiel NRW sehen kann.

Die NRW-Integrationsministerin, Serap Güler (CDU), kündigte an, dass demnächst nicht nur die herkömmlichen Islamverbänden mit am runden Tisch sitzen werden, sondern sie ebenfalls liberale und weltoffene muslimische Vereinigungen miteinbeziehen möchte. Das Argument, welches diesem bald zu realisierendem Vorhaben zugrunde gelegt wird, ist die Pluralität im Islam sichtbar zu machen. Ein Meilenstein also?

Zumindest wäre dies ein erster und wichtiger Schritt, um nicht ausschließlich ein bestimmtes (konservatives) Islamverständnis zu privilegieren und vorzuziehen. Differenzen und Interessengegensätzen der muslimischen Akteure können argumentativ in der persönlichen Auseinandersetzung begegnet werden, statt -wie bisher üblich- aus der Ferne die Kritik zu üben (oder gar persönlich jemanden zu verunglimpfen). Es ist auch deshalb seitens der Integrationsministerin Güler ein guter Vorschlag, weil der (nordrhein-westfälische) Staat endlich auch anderen, friedfertigen und liberaleren Islaminterpretationen einen Platz am runden Tisch gewährt, um Muslimen anderer theologischer Ausrichtungen zu signalisieren, dass auch ihre Interessen, Wünschen und Bedürfnisse ernstgenommen werden.

Wie allseits bekannt, gibt es im Islam keine zentrale Instanz, die den Islam nach außen hin repräsentiert. Einen Papst oder von allen Muslimen weltweit anerkannten Klerus gibt es nicht. Aus dieser Ausgangslage heraus können sich Vorteile, aber durchaus auch Nachteile ergeben. Ein wichtiger Vorteil wäre, dass keine religiöse Instanz zwischen mir und Gott existiert. Bei Glaubensfragen kann ich mich auf Gott konzentrieren und ganz individuell mit ihm kommunizieren, mich in meiner Spiritualität bewegen, ohne dass es eine zwischengeschaltete Instanz gibt. Hingegen wäre ein Manko: Im Islam gibt eben keine absolute, weltliche Autorität, dafür aber eine Fülle an muslimischen Strömungen. Konsequenterweise ist es für den Staat kein leichtes Unterfangen, sich die Ansprechpartner auszusuchen, die im Namen der Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Abgesehen von den verfassungsrechtlichen Prinzipien des deutschen Grundgesetzes, welche natürlich von allen muslimischen Ansprechpartnern bejaht und gelebt werden müssen, ist natürlich die Frage nach der Vertretung der muslimischen Majorität sehr interessant.

Ein nüchterner Blick in die vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ erhobene repräsentative Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ vom Jahre 20092 verdeutlicht, wie relativ unbekannt die Dachverbände bei den Muslimen sind. Ins Auge springt zum einen die Zahl, dass etwa nur 10% der muslimischen Befragten etwas vom „Koordinationsrat der Muslime“ gehört haben.3 Bei diesem Gremium geht es um einen Zusammenschluss der vier großen Dachverbände: DITIB, Zentral der Muslime, VIKZ sowie der Islamrat. Aber auch was die einzelnen Verbände angeht, herrscht eine mangelnde Kenntnis über sie, da nicht einmal die Hälfte der muslimischen Befragten einen Verband kannten. Die Zahlen liegen zwischen 16% – 44%.4 Immerhin gaben 37% der Personen, die die Verbände kannten, an, dass sie sich teilweise von ihnen vertreten fühlen.5 Damit man mich nicht missversteht: Dass die Mehrheit der Befragten die islamischen Dachverbände nicht kennt, ist keine Gretchenfrage. Jedoch ist ein Dreh – und Angelpunkt für mich erreicht, sobald sich die genannten Verbände als die absolute Vertretung der Muslime in Deutschland in den Medien aufplustern. Sie sind allein schon deswegen nicht legitimiert im Namen „der Muslime“ in Deutschland zu sprechen, weil die Mehrheit sie nicht als ihre Vertretung ansieht. Momentan möchten sie als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, und zwar verstanden als „Körperschaft des Öffentlichen Rechts“, was ihnen auf staatlicher Ebene wieder viele Privilegien einräumt. Wie soll das aber funktionieren, wenn doch die islamische Religionsgemeinschaft so zersplittert ist? Außerdem: Die Mehrheit kennt die Verbände gar nicht, also wie kann man dann den Anspruch erheben, im Namen der Mehrheit zu sprechen?

Im Umkehrschluss heißt es übrigens nicht, dass dafür liberale muslimische Vereinigungen die Mehrheit vertreten. Zu Vertretungen liberaler Muslimen gehören beispielsweise der Liberal Islamische Bund (LIB), das Muslimische Forum Deutschland (MFD) oder auch die Ibn Rushd Goethe Moschee (IRGM). Inzwischen befindet sich ein neuer Verband in der Gründungsphase. Dabei handelt es sich um die Muslimische Gemeinschaft NRW, maßgeblich mitgetragen vom islamischen Theologen an der Münsteraner Universität Mouhanad Khorchide. Der Name dieses Verbandes sollte aber nicht in die Irre führen, denn auch Muslime (als ordentliche Mitglieder) sowie Nichtmuslime (als außerordentliche Mitglieder) können sich außerhalb von NRW in die Vereinigung eintragen.6 Die Frage danach, was gewollt bzw. angestrebt wird, wird folgendermaßen beantwortet: „Wir wollen möglichst viele Muslime in Deutschland organisieren, um die verschiedensten Kompetenzen und konstruktiven Ideen zusammenzubringen. So wollen wir einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben der Vielfalt leisten. Der Islam hat einst Europa bereichert, wir wollen an diesen Erfahrungen anknüpfen und nach vorne schauen, mit dem Anspruch: Wir wollen als Muslime auch heute Europa bereichern.“

Dieser eine letzte wichtige Satz sollten sich allen muslimischen Akteuren zu Herzen nehmen, die ein wirkliches Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben, mit den Grundwerten des Grundgesetzes und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechten als Handlungsrahmen. Aufgrund der breiten Vielfalt im Islam und der daraus ergebenden Challenge, die vielen muslimischen Interessen zu berücksichtigen, kann das Bundesland NRW mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie eine erweiterte Kooperation ausschauen kann. Davon können sich dann so manche Bundesländer eine Scheibe von abschneiden.

2 Es gibt eine weitere Studie vom Jahre 2016 mit der gleichen Überschrift sowie von derselben Institution erhoben, jedoch geht es da primär um islamische Wohlfahrtspflege, vorschulische Kinderbetreuung und Altenpflege.

4 Ebd. S.173-174

5 Ebd. S.175

6 Die äußerst lesenswerte Gründungserklärung verlinke ich sehr gerne: https://www.mg-nrw.de/profil.html

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Autorin: Susanne Dawi

June Admiraal

Am letzten Samstag traf sich eine Gruppe von Mitgliedern unserer Moschee zum Besuch des jüdischen Museums. Es war ein interessanter Ausflug mit einer kompetenten Führung eines gemeinde Mitglieders, der nicht nur sehr viel wusste, sondern darüber hinaus eine angenehme Art hatte, wertneutral und wortgewandt zu erzählen, womit er seine besondere Eignung als Museumsführer verdeutlichte. Ich war begeistert, wie jemand diesen Beruf, der mich persönlich nie reizen würde, mit so ausgezeichneter Hingabe und derart umfassendem Wissen ausführen konnte.

In einem der Räume konnten wir Filmsequenzen über die Ausübung der drei Schriftreligionen in der so genannten „Heiligen Stadt“ anschauen. Die im Film gezeigten authentischen Gottesdienste und religiösen Lernveranstaltungen des Judentums, Christentums und Islam in Jerusalem hatten ein auffälliges gemeinsames Element: in den Haupträngen, den vorderen Reihen, den Lehrstuben, den höchsten Ämtern usw. waren ausschließlich männliche Gläubige zu sehen. Wenngleich ich es hätte wissen müssen, hatte ich es nicht so deutlich erwartet. Wir hören doch immer, dass der Islam eine so partriarchalische Religion sei, während sich der Rest der Welt, und damit auch die anderen Religionen, inzwischen die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahne geschrieben hätte. Die Bilder sagten etwas Anderes. Thorarollen werden weiterhin nur von Männern durch die Synagoge getragen, wer die Thora abschreibt, muss im Besitz dessen sein, worauf, nach Sigmund Freud, die Frauen ihren Neid richten, Unter den christlichen Geistlichen aller Denominationen gab es nicht eine einzige Stimme, die den Gottesdienst in Sopran oder Alt hätte leiten können. Die muslimischen Männer standen Schulter an Schulter zum Gebet, gerufen von männlichen Gebetsrufern, während ihre Frauen weiter hinten mit den Kindern allen möglichen anderen Tätigkeiten nachgingen.

In deutschen Kirchen jedoch sehe ich durchaus auch Frauen als Pastorinnen. In der Synagoge treffe ich sowohl auf Kantoren als auch Kantorinnen. Und zumindest in unserer Moschee ruft eine Frau zum Gebet, können Frauen vorbeten, und können sie die Khutba halten, die Predigt. Ich finde das nicht nur „schön“ sondern vollkommen „normal“. Es ist eine gute Zeit, in der Frauen in die Domäne der Religion eintauchen und sich dort für Gott und die Schöpfung engagieren können. Es ist eine gute Zeit der Rollenvielfalt, in der nun auch Männer als Erzieher arbeiten können, als Krankenpfleger, Altenpfleger, Hausmänner, oder einfach nur Väter mit Hingabe sind.

Die Vielfalt der Rollen, die uns heute hier zu leben gestattet ist, macht uns zu zufriedeneren, und damit besseren Menschen. Wer seine Berufung erkennt und lebt, arbeitet qualitativ besser und bildet sich auch in seiner Freizeit fort. Es ist common sense, dass uns das hierdurch empfundene geistige und körperliche Wohlbefinden länger gesund und kraftvoll bleiben lässt. „Salutogenese“, nach Antonovsky der ständige Prozess des Gesundbleibens, wird wirksam unter anderem durch die Erfahrung von Sinnhaftigkeit – Sinnhaftigkeit der Ereignisse und unserer Selbst. Das Empfinden von Sinnhaftigkeit stellt sich unter anderem dann ein, wenn wir Aufgaben ausführen, die wir gerne tun, die wir gut können und bei denen wir das Gefühl haben wir seien genau dafür geschaffen. Es ist erfreulich, dass uns immer häufiger Wege dahin offen stehen, auch wenn sie traditionell für das andere Geschlecht reserviert waren, auch im Bereich der Religion.

Copy Cats – Genau so soll es sein

Copy Cats – Genau so soll es sein

Skeeze

Vor einigen Jahren steckte ich in der verwirrendsten und anstrengendsten Phase meines Berufslebens, dem damals zweijährigen Referendariat für den Schuldienst. Während dieser Zeit musste man in so genannten Lehrproben, oder Vorführstunden, immer wieder unter Beweis stellen, dass der eigene Unterricht auf strukturierte, innovative und humorvolle Weise zur Kompetenzerweiterung der Schülerinnen und Schüler führte. Die Vorbereitung solcher Lehrproben dauerte – man glaubt es kaum – manchmal zwei, drei, vier Wochen. Als nun mal wieder so eine Lehrprobe anstand, arbeitete ich noch die ganze davorliegende Nacht daran, verwarf, verbesserte, schrieb die Pläne neu usw., nur um am Morgen festzustellen, dass die Stunde schrecklich werden würde. Schamvoll über meine eigene Unfähigkeit rief ich meinen Seminarleiter an und sagte ihm genau das. Es täte mir leid, und ich hoffe, er sei noch nicht von zu Hause losgefahren, aber die Stunde würde nicht rund werden, und die Schüler würden sich sicherlich dabei langweilen. Die Antwort des Seminarleiters war: „Frau Dawi, danke, dass sie absagen. Genau so soll es sein.“ Der Satz bewirkte sofortige Erleichterung, und nach all den Jahren empfinde ich immernoch Dankbarkeit dafür.

Einige Monate später kam in der Schule, in der ich nun arbeitete, ein Kind mit irgendeiner ähnlichen Offenbarung auf mich zu. Ich erinnere mich nicht mehr daran, worum es dabei ging; vielleicht hatte es die Hausaufgaben schon wieder einmal vergessen, ein Referat nicht rechtzeitig vorbereitet… Das Kind erinnert sich bestimmt genauer daran. Meine Antwort war: „Danke, dass du bescheid sagst. Genau so soll es sein“.

Im selben Moment, in dem ich ihn aussprach, wusste ich, woher der Satz kam. Ja, ich hatte ihn in einer ganz ähnlichen Situation genau so selbst gehört und nun wörtlich weitergegeben. Auf Englisch nennt man das, was wir in so einem Fall sind „Copy Cats“. Das sind keine „Kopierkatzen“, sondern Menschen, die anderen etwas nachmachen, sie kopieren. In meiner derzeitigen, zweisprachigen, Schule sagen meine Schülerinnen und Schüler manchmal „Susie, she’s a copy cat“. Meine eigenen Kinder sagten dazu früher: „Nachmacher Hosenkacker“.

Menschen sind in der Tat Nachmacher, im Guten wie im Schlechten. Es lohnt sich daher, achtsam mit unseren Worten und Handlungen umzugehen. Sie tragen sich viel weiter hinaus, als wir absehen können. Man kan gerne behaupten: „Sagst du etwas zu einem einzigen Menschen, sagst du es zur ganzen Welt“; denn wird es von jedem Menschen, der es hört, nur ein einziges Mal wieder gesagt wird, so sind es bald Hunderte, die diesen Satz gesagt haben. Wer weiß, wo er ursprünglich einmal herkam. Als trüge der Wind sie mit sich fort und fort, unsere Wörter. Sie landen in den Tiroler Alpen und in der Sahara, um sich von dort wieder auf den Weg zurück zu machen, wo sie einmal hergekommen sind. So reisen und vermehren sie sich, und richten dies oder jenes an.

Sollte es da etwa keinen Unterschied machen, ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist, was wir sagen?

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Paid forward ist ein Begriff für ein ganz ähnliches Szenario.

Bei einer Fortbildung in Amsterdam saßen wir Lehrerinnen und Lehrer ewig und drei Tage in interessanten aber auch ermüdenden Seminaren. Es gab Kaffee – wenn man nicht leider sein Portemonnaie bei der Gastfamilie vergessen hätte. Während ich noch auf der Suche nach besagtem Portemonnaie in der Tasche kramte und etwas frustriert dreinschaute, kam eine fremde Frau auf mich zu und sagte mit vollkommener Selbstverständlichkeit, sie würde mich doch sehr gerne zu einer Tasse Kaffe einladen. Ich versicherte ihr dankend, dass ich ihr ebenso gerne am nächsten Tag das Geld hierfür wiedergeben würde; ihr freundlicher Blick verriet mir jedoch, dass sie darauf keinen Wert legte. Die Einladung war ihr ein Vergnügen. Mit dieser einen Tasse Kaffe sorgte sie dafür, dass in den anschließenden Wochen drei bedürftige Menschen auf der Straße und eine Kollegin Kaffee von mir bekamen. Ich hatte das ausgelegte Geld auf diese Weise zwar nicht der Frau zurück gegeben, die mir den Kaffee spendiert hatte, diese hatte ich ja nicht wieder getroffen, aber bezahlt hatte ich den Kaffee dennoch. An andere eben. Paid forward, vorwärts bezahlt, statt zurück. Man bekommt das ausgelegte, bezahlte Geld nicht zurück, aber gezahlt wird es schon– vorwärts nämlich, für andere, die dann sicherlich dasselbe tun. So reist er und vermehrt sich ganz von allein, gemeinsam mit unseren guten Worten – unser Besitz.

So wie es sich mit unseren Wörtern und unserem Besitz verhält, verhält es sich auch mit unseren Taten. Ein letztes Beispiel: Als ich mit meinem Sohn vor etwa zwanzig Jahren in Paris Urlaub machte, verließen wir die Stadt, um uns auf den Heimweg zu machen. Unser Geld hatten wir komplett ausgegeben und waren tatsächlich unterwegs mit kaum mehr als ein paar unwesentlichen Cent in der Tasche. Nicht für eine Cola hätte es gereicht, nicht für ein Stück Brot. An der Gare du Nord, dem Pariser Hauptbahnhof, stellten wir fest, dass wir zu spät gekommen waren, um mit unserem recht schweren Koffer und der großen Tasche noch rechtzeitig den Nachtzug nach Berlin zu erreichen. Damals hatten die Koffer noch keine Rollen. Man musste sie tragen und alle Koffer teilten die unangenehme Eigenschaft, mit jedem Schritt schwerer zu werden. Wir rannten so schnell es eben ging, krabbelten zur Zeitersparnis durch Absperrungen, warfen den Koffer darüber, schoben ihn darunter, stets beobachtet von Bahnhofsbeamten, die unsere Eile sahen und sich freundlicherweise jeden Kommentars enthielten. Plötzlich kam eine Frau, vielleicht 34 Jahre alt, mit ihrer etwa achtjährigen Tochter auf uns zu und sagte irgend etwas wie „vit, vit“ (schnell, schnell) nahm dann, schon wieder als wäre es vollkommen selbstverständlich, meinen Koffer und rannte mit meinem Sohn und mir zum Zug. Sie trug meinen Koffer den ganzen langen Weg, etwa zehn Minuten, bis zum Bahnsteig, den sie mühelos fand. Als wir oben am Bahnhof ankamen, pfiff der Zugfahrer zum Schließen der Türen, sah uns, und wartete noch einen Augenblick, damit wir einsteigen konnten. Wir sprangen in den Zug, letzter Wagon, letzte Tür, Koffer und Tasche wurden uns hinterhergereicht und fuhren los. Ohne diese Frau hätten mein Sohn und ich die Nacht ohne Wasser und Brot, frierend, hungrig und müde, auf einer Sitzbank des Bahnhofs verbracht. Es war alles so schnell gegangen, ich hatte mich nicht einmal bei der Frau bedanken können. Ich weiß nicht, wer sie war, und hätte keine Chance, sie zu finden. Doch habe ich so eine Ahnung, dass sie gar keinen Dank erwartete. Habe ich ihr dennoch zurückgegeben, was sie mir Gutes getan hat?

Ich glaube ja.

Denn Jahre später strandeten am Lageso in Berlin Nacht für Nacht Menschen auf der Flucht. Mit Koffern, ohne Koffern, vor allem mit Erschöpfung und Verzweiflung im Gepäck, manche nicht mehr in der Lage, auf ihre eigenen, noch ganz kleinen Kinder zu achten. Was ich dort sah, kann und darf ich nicht vergessen. Ein kleiner Exkurs: Eines der kleinen Kinder lief hinter der Mutter her wie eine Aufziehpuppe. Es war vielleicht gerade mal anderthalt, zwei Jahre alt und lief einfach. Kinder in diesem Alter werden normalerweise getragen oder sitzen in Kinderwagen. Diese Kind lief, und lief, und lief. Sein kleiner Geist war schon ausgeschaltet und es lief um zu überleben. Die Mutter hatte keine Kapazitäten mehr, weder körperlich noch seelisch, auf das Kind zu achten. Als sie schließlich in den Bus stieg, der sie zum Heim bringen sollte, konnte das kleine Kind die hohen Stufen nicht meistern. Wir hoben das Kind die Treppen hinauf und ich setzte es neben seine Mutter, zu der ich eindringlich sagte: „Das ist dein Kind“. Keiner von beiden zeigte die geringste emotionale Regung. Viele Dinge könnte ich erzählen. Nacht für Nacht fuhren wir Helfer und Helferinnen dort hin und organisierten gemeinsam Schlafplätze für viele, die sonst mit ihren Kindern ohne Wasser und Brot auf der Straße übernachtet hätten. Statt selbst zu schlafen und uns für den nächsten Arbeitstag auszuruhen fuhren wir um 1,2,3 Uhr nachts in Unterkünfte oder nahm die Menschen zu uns nach Hause, bis sie einen geeigneteren Ort fanden. Einer dieser Menschen, ein Mann aus dem Irak, wurde der Ehemann meiner Tochter. Ein anderer, ein Mann aus Syrien, ist mein liebster Freund. Ohne diesen wäre ich heute nicht hier, hätte es heute nicht diesen Adhan gegeben, nicht diese Khutba. Und dies alles, weil mir damals ein Koffer getragen wurde, wofür ich unvergessen dankbar bin.

Uns wird ein Koffer getragen, wir können uns nicht dafür bedanken, und tragen deshalb anderer Leute Koffer. Das Schicksal ruft immer nach Ausgleich. Auf jedes Bitte folgt ein Danke. Wird uns etwas gegeben, so möchten wir zurückgeben. Wenn das nicht geht, oder nicht passt, geben wir weiter. Es ist wie bei einer Waage, die stets ausgeglichen sein möchte.

Unsere Dankbarkeit manifestiert sich in Güte für andere und breitet sich aus in der Welt. Dabei sorgt das Gute für Hoffnung. Denn wenn wir selber Gutes sagen, tun, oder fühlen, können wir davon ausgehen, dass in Zeiten, in denen unsere Kinder, Partner, Eltern auf das Gute angewiesen sind, jemand da sein wird, der auch ihnen hilft. Wenn wir selber Gutes tun, gibt es die Hoffnung, dass auch uns später, wenn wir alt und müde sind, jemand die Hand reicht.

Das Gute kommt zu uns zurück, nicht, weil wir es einfordern, sondern aus einer gewissen Logik heraus. Das Gesetz der Energie sagt, dass auf der Erde immer dieselbe Menge an Energie vorhanden ist. Sie verändert lediglich ihre Form. So ist auch das Gute mal eine Geste, mal ein Wort, mal eine Handlung. Wobei ich persönlich die Erfahrung gemacht habe, dass man recht genau das erntet, was man sät.

In Sure 2:177 lesen wir

„…wahrhaft fromm ist, wer … sein Vermögen ausgibt – wie sehr er selbst es auch wertschätzen mag – für seine nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und die Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

In Sure 2:161 – 263 lesen wir

„Das Gleichnis derjenigen, die ihre Besitztümer um Gottes Willen ausgeben, ist wie das eines Kornes, aus dem sieben Ähren wachsen. In jeder Ähre hundert Körner, denn Gott gewährt vielfache Vermehrung, wem er will; und Gott ist unendlich, allwissend.

Diejenigen, die ihre Besitztümer ausgeben um Gottes willen und danach ihre Ausgaben nicht beeinträchtigen durch Betonen ihrer eigenen Wohltätigkeit und Verletzen der Gefühle der Bedürftigen, werden ihren Lohn bei ihrem Erhalter haben, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein. Ein gütiges Wort und das Verdecken eines Mangels eines anderen sind besser als eine milde Tat gefolgt von Verletzung; und Gott ist selbstgenügend, nachsichtig.“

Nicht alles, was wir hören oder erleben, ist gut. Manchmal widerfahren uns Dinge, die wir als mühselig, oder gar als schlecht oder ungerecht interpretieren. Das Dumme ist, damit verhält es sich genauso, wie mit den guten Dingen.

Auch das Schlechte trägt sich fort. Beispiele für schlechte Geschichten erzähle ich daher heute nicht. Einmal gehört, bleibt das Negative in unserem Ohr und arbeitet in unserem Gehirn. Es wartet dort nur so gespannt auf den Moment, an dem es herausspringen kann. Zeitgenössische Psychologen sagen, man solle die negativen Geschehnisse unseres Lebens nicht verdrängen, sondern fühlen, auch wenn sie weh tun, denn sie sind ja da. Außer besonders schwere Traumata übrigens, bei denen die vorübergehende, teils jahrelange Verdrängung tatsächlich notwendig sein kann, um den Alltag zu meistern. Doch es gibt ja noch viele andere negative Dinge, die um uns und mit uns geschehen. Drängt man sie weg, sind sie wie so eine kleine Drehdose in der sich ein Clown befindet. Man dreht und dreht und dreht an der kleinen Winde, und es passiert lange Zeit gar nichts. Dann plötzlich, wenn man einmal mehr dreht, springt der Clown heraus. Nach all den vielen Drehungen ist es die kleine einzige Drehung, nur die halbe manchmal, die den Clown zum Springen bringt. Alles läuft seinen guten Weg, es gibt vielleicht einen kleinen Ärger hier, ein kleines Leiden da, doch dann wird uns ein weiteres kleines Leid zugefügt, gleichsam noch einer Drehung an der kleinen Winde, und der Ärger bricht sich Bahn. Wenn wir Pech haben, vernichten wir dabei alles, was sich uns in den Weg stellt.

Was tun wir dann mit dem, das uns gesagt wurde, oder getan? Meist laufen wir zu Freunden und Verwandten, um unseren Unmut verbal zu verbreiten und meinen, das Schlechte so aus uns herauszulassen. So verbreiten wir es in unserer Umwelt, wo es sich weiter verbreitet. Was wir einmal gesagt haben, wird von hundert Anderen wieder gesagt. Statt sich aber nun wenigstens in unserem Inneren aufzulösen, bleibt es dort erhalten. Nun befindet es sich an zwei Orten zugleich – drinnen und draußen. Nein, es muss eine bessere Lösung geben, mit dem Schlechten umzugehen! Eine effektivere, sozialverträglichere.

Muslim sein (muslim als Adjektiv) bedeutet unter anderem, Mäßigung zu erlernen. Dazu gehört auch die Mäßigung des Zorns, der Selbstgerechtigkeit, oder des Stolzes. Aber wie wandelt man Schlechtes in Gutes um, oder neutralisiert es zumindest?

Meist antworte ich mit „Atmen“ – und erkläre gerne, wie genau man atmen kann, um sich zu beruhigen, seine innere Kraft wieder zu finden. Doch habe ich in einer englischsprachigen Fortbildung kürzlich einen Satz gehört, den ich hier weitergeben möchte:

„Don’t jump on that thought bus“. Spring nicht auf diesen Gedankenbus. Ich erkläre das nun doch anhand eines Beispiels.

Eine Frau sagt zu Freundinnen: „Mein Freund kommt zu jeder Verabredung unpünktlich“ und bekommt von irgend jemandem die Antwort: „Das ist doch immer so bei den Kerlen. Wenn sie unpünktlich sind, zeigt das, dass sie nicht wirklich Interesse haben“.

Das sitzt! Von diesem Moment an bemerkt die Frau nicht nur jede Unpünktlichkeit ihres Partners, sondern sie bewertet auch alle anderen seiner Handlungen danach, ob der Partner damit Interesse an ihr zeigt oder nicht. Das macht die Partnerschaft nicht gerade entspannter.

„Don’t jump on that thought bus“ – will heißen: spring nicht auf den Bus, mit dem deine Freundin da gerade unterwegs ist. Bleib bei deinem eigenen Bus. Fahre deinen eigenen Weg, und lass es einen guten Weg sein. Sätze treffen uns emotional immer dann besonders, wenn wir sowieso gerade in diesen Bus einsteigen wollte. Just in diesem Moment rast jemand an einem vorbei und hält uns dabei die Tür weit auf. Aber deshalb müssen wir noch lange nicht aufspringen. – Ja, ich sehe deinen Bus. Ich habe überlegt, ob er mich zu meinem Ziel bringt. Aber es ist der falsche Bus. Ich brauche einen anderen –

„Don’t jump on that thought bus.“

Das Leben erfordert unendlich viel Geduld. Nicht einmal die Propheten trugen stets ausreichend Geduld in sich. Zum Abschluss möchte ich die Geschichte von Moses und dem weisen Mann erzählen, in der es darum geht, dass wir nicht immer verstehen, was gut und was schlecht ist. Es ist eine allegorische Erzählung, für die wir in unserer Lebenswirklichkeit sicherlich Beispiele finden können. Die Geschichte will uns Zuversicht geben und uns helfen, geduldig zu bleiben, und nicht auf jeden Bus aufzuspringen.

Für die Leser der Khutba sage ich bereits vor der Geschichte: Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Woche; und ich wünsche uns allen, dass wir die guten von den schlechten Dingen unterscheiden können, dass wir uns dort, wo uns Unschönes begegnet, in Mäßigung üben, und dort, wo uns Gutes widerfährt, es freimütig weitergeben, so dass es sich ausbreiten kann.

Genau so soll es sein.

Nun die Geschichte aus der achtzehnten Sure des Koran.

Sure Al Khaf, die Höhle

Moses kam zu einem Mann, der im Koran als ein weiser und barmherziger Diener Gottes beschrieben wird.

Moses sagte zu ihm: „Darf ich dir folgen, auf daß du mich über das rechte Handeln belehrest, wie du gelehrt worden bist?“

Er sagte: „Du vermagst nimmer bei mir in Geduld auszuharren.

Und wie könntest du bei Dingen geduldig sein, von denen dir keine Kunde gegeben worden ist?“

Er sagte: „Du wirst mich, so Allah will, geduldig finden, und ich werde gegen keinen deiner Befehle ungehorsam sein.“

Er sagte: „Nun gut. Wenn du mir folgen willst, so frage mich nach nichts, bis ich es dir von selbst erkläre.“

So machten sich beide auf den Weg, bis sie in ein Schiff stiegen, in das er ein Loch schlug. Er (Moses) sagte: „Schlugst du ein Loch hinein, um seine Mannschaft zu ertränken? Wahrlich, du hast etwas Schreckliches begangen!“

Er sagte: „Habe ich nicht gesagt, du würdest es nimmer fertigbringen, bei mir in Geduld auszuharren?“

Er (Moses) sagte: „Stelle mich nicht meines Vergessens wegen zur Rede, und sei deswegen nicht streng mit mir.“

So zogen sie weiter, bis sie einen Jüngling trafen, den er erschlug. Er (Moses) sagte: „Hast du einen unschuldigen Menschen erschlagen, ohne daß (er) einen anderen (erschlagen hätte)? Wahrlich, du hast etwas Verabscheuliches getan!“

Er sagte: „Habe ich dir nicht gesagt, du würdest es nimmer fertigbringen, bei mir in Geduld auszuharren?“

Er (Moses) sagte: „Wenn ich dich nochmal nach etwas frage, so begleite mich nicht weiter; von mir aus wärst du dann entschuldigt.“

So zogen sie weiter, bis sie bei den Bewohnern einer Stadt ankamen und von ihnen Gastfreundschaft erbaten; diese aber weigerten sich, sie zu bewirten. Nun fanden sie dort eine Mauer, die einzustürzen drohte, und er richtete sie auf. Er (Moses) sagte: „Wenn du es gewollt hättest, hättest du einen Arbeitslohn dafür erhalten können.“

Er sagte: „Dies führt zur Trennung zwischen mir und dir. Doch will ich dir die Bedeutung von dem sagen, was du nicht in Geduld zu ertragen vermochtest.

Was das Schiff anbelangt, so gehörte es armen Leuten, die auf dem Meer arbeiteten, und ich wollte es beschädigen; denn hinter ihnen war ein König, der jedes Schiff beschlagnahmte.

Und was den Jüngling anbelangt, so waren seine Eltern Gläubige, und wir fürchteten, er könnte Schmach durch Widersetzlichkeit und Unglauben über sie bringen.

So wollten wir, daß ihr Herr ihnen zum Tausch (ein Kind) gebe, das redlicher als dieses und anhänglicher wäre.

Und was nun die Mauer anbelangt, so gehörte sie zwei Waisenknaben in der Stadt, und darunter lag ein Schatz für sie (verborgen), und ihr Vater war ein rechtschaffener Mann gewesen; so wünschte dein Herr, daß sie ihre Volljährigkeit erreichen und ihren Schatz heben mögen – als eine Barmherzigkeit deines Herrn; und ich tat es nicht aus eigenem Ermessen. Das ist die Bedeutung dessen, was du nicht in Geduld zu ertragen vermochtest.“

الله معكم

Mein Weg zurück zum Islam

Mein Weg zurück zum Islam

Atorin: Huda Yousif

Alex Holyoake

Mein früheres Verständnis vom Islam hat mir viel Halt, Spiritualität und Lebenskraft gegeben. Das Gebet hat mich erfüllt. Das Fasten hat mich gelehrt. Aber zugleich habe ich mich wie in einem Korsett eingeschnürt gefühlt. Das Korsett war so festgeschnürt, dass ich meine Lebenslust verloren habe. Ich konnte mich nicht frei bewegen. Frei sein. Deshalb habe ich den Islam verlassen. Erst als ich die Ibn-Rushd-Goethe Moschee kennengelernt habe, bin ich Gott und dem Islam wieder nähergekommen.

Ich bin sehr konservativ, islamisch und traditionell erzogen worden. Mit neun Jahren mussten meine Schwestern und ich das Kopftuch tragen. Wir mussten jeden Tag fünf Mal beten und am Wochenende zum Koran-Unterricht gehen.

Mit 16 Jahren war mir klar, dass ich dieser strengen Auslegung des Islams nicht folgen wollte. Entgegen dem Willen meiner Eltern bin ich deshalb in viele andere Moscheen gegangen. Nicht nur in die konservative Al-Nour Moschee, in der mir schnell klar wurde, dass ich hier fehl am Platz war, sondern auch in viele andere Berliner Hinterhofmoscheen. Als ich eine liberale Gemeinde der S.-Moschee kennenlernte, praktizierte diese die liberalste Form des Islam, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Dieser Gemeinde schloss ich mich an. Der spirituelle Islam gab mir viel Kraft und in meiner damaligen Identitätskrise ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Aber ich war immer noch nicht glücklich in meinem Leben. Nach einigen Jahren wusste ich, dass ich auch hier in einem Korsett steckte. Auch wenn dieses nicht so eng geschnürt war, wie das, welches ich aus meinem familiären Umfeld kannte. Auch in der S.-Moschee konnte ich nicht verstehen, warum eine Frau ihr Haar verdecken muss. Warum meine homosexuelle Freundin nicht mit ihrer Freundin zusammen sein darf und warum ich nicht einen Mann lieben darf, der nicht Muslim ist. Ich verstehe nicht warum in unserer heutigen Gesellschaft das Abhacken einer Hand überhaupt als eine Strafmaßnahme

in Betracht gezogen wird und Frauen getrennt von den Männern beten sollen. Und dass Sexualität nur im Rahmen der Ehe stattfinden darf – was zur Doppelmoral bei vielen in meinem Umfeld führt – verstehe ich auch nicht.

Ich spürte eine Ungerechtigkeit, die ich jahrelang verteidigte, weil ich Angst hatte alles zu verlieren was ich hatte -meine Moschee-Gemeinde, meine muslimischen Schulfreunde und das Allerwichtigste, meine Familie.

Das Korsett machte mich unglücklich. Ich wusste, dass ich weggehen müsste, um wieder atmen zu können und mein Leben zu genießen. Ich wollte mit meinem damaligen Partner eine Beziehung ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst führen. Ich wollte ihn berühren können ohne Angst vor der Hölle haben zu müssen. Ich war wütend auf Gott und auf die Gemeinde. Ich fragte mich warum Gott dieses Bedürfnis nach Liebe und Nähe in uns eingepflanzt hatte, aber zu gleich mein muslimisches Umfeld dieses wunderbare Gefühl der Nähe als schmutzig bezeichnete.

Ich konfrontierte meine Religionslehrer in der Moschee mit meinen Zweifeln. Sie haben sich Wochen und Monate mit mir unterhalten. Es gab einen Teil in mir der erhoffte sich, dass diese Gespräche mich von meinen Zweifeln befreien würden. Ich hatte Angst davor, dass ich mein Leben sonst entscheidend ändern müsste. Die Gemeinde konnte mir keine für mich plausiblen Antworten geben. So verließ ich die Gemeinde und mit ihr den Islam.

Als mich letzte Woche eine Freundin in die Ibn-Rushd-Goethe Moschee einlud, ging ich sehr skeptisch hin. Das lag daran, dass meine muslimischen Freunde mich vor der Moschee und vor Seyran Ates gewarnt hatten. Sie sei eine Frau, die nichts vom Islam verstehen würde, eine Frau, die lieber „ungläubig“ sein sollte, als sich als Muslimin zu bezeichnen.

Im Gespräch mit Seyran wurde mir klar, dass sie eine friedliche und gläubige Muslimin ist, eine die sich für eine zeitgemäße Auslegung des Korans einsetzt. Sie ist eine liebevolle Frau, die Menschen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung und Religionszugehörigkeit annimmt und respektiert.

Nach einigen Gesprächen mit ihr wurde mir klar, dass es in der Ibn-Rushd-Goethe Moschee plausible Antworten gibt auf mir damals unverständliche Regeln. Es geht hier tatsächlich nicht um Grundsatzfragen, auf denen der Islam aufbaut, sondern um uneindeutige Koranverse, die durchaus unterschiedliche Interpretationen zulassen und deren wortwörtliche Auslegungen sie ihrer Spiritualität beraubt.

Bisher dachte ich, dass Islam und Demokratie nicht vereinbar sind, dass es keinen liberalen Islam gibt. Heute bin ich davon überzeugt, dass das sehr wohl möglich ist. Die Ibn-Rushd-Goethe Moschee hat mich Gott und dem Islam nähergebracht. Ich kann auch als Muslimin gleichzeitig Feministin und Demokratin sein. Das Eine schließt das Andere nicht aus.

Gott spricht kein Arabisch

Gott spricht kein Arabisch

In letzter Zeit wurde gestritten, ob es einen deutschen Islam gibt. Nun betont sogar der Zentralrat der Muslime und an seiner Spitze sein Vorsitzender Aiman Mazyek mit vor stolz geschwellter Brust: „Selbstverständlich gebe es einen Islam deutscher oder europäischer Prägung.“ Aber irgendwie habe ich das nicht so richtig verstanden. Warum plötzlich diese Kehrtwendung. Es fehlte mir eine echte und tiefe Begründung, wie so ein Islam deutscher Prägung aussehen könnte. Dennoch klammern sie sich hartnäckig daran, dass es nur einen ‚arabischen‘ Koran geben kann, nur in arabischer Sprache vorgetragen? Gleich vorweggenommen: „Ich trage ihn ja auch bei einem Gebet in Arabisch vor, aber dazu komme ich noch.“

Die einen sagen, weil der originale Text des Korans auf Arabisch verkündet worden ist, so ist auch dieser Wortlaut nur in Arabisch authentisch, ganz einfach! Auch wenn einiges von Nichtarabern nicht gleich verstanden oder gar nicht verstanden wird, so muss er ihn dennoch einfach so nehmen, wie er ist. Entweder lernt man Arabisch, wenn man wirklich den Koran verstehen will oder man nimmt eine Übersetzung. Basta!

Aber verstehen denn die Arabischsprechenden wirklich, was sie da lesen? Denken sie über jedes einzelne Wort und dessen Bedeutung nach, besonders in seiner historischen Bedeutung? Oder nehmen sie für sich nur die Erklärung ihrer Imame an?

Die Botschaft von Gott ist universell und für alle Menschen gültig, sie wird in Arabisch ausgedrückt, weil Gott die Sprache der Menschen berücksichtigt, zu denen Er Seine Botschafter schickt. Gott sagt sinngemäß, wie Sure 16, Vers 36 aussagt, dass Er in jede Gemeinschaft einen Gesandten mit Seiner Botschaft geschickt hat. Das bedeutet, dass jede Gemeinschaft oder Volk ihre eigene Sprache besaß und damit war auch die Botschaft in ihrer Sprache. Aber bestimmt sprachen sie kein Arabisch.

Die Botschaften, die wir kennen, waren an die Juden in Hebräisch gerichtet, die Botschaft an die Araber musste demnach in Arabisch sein. Auch wenn Gott diese letzte Botschaft an alle Menschen geschickt hat, bedeutet das nicht, dass nun alle Leute Arabisch sprechen müssen oder diese Sprache lernen müssen, um das zu verstehen, worüber Gott zu den Menschen gesprochen hat und was Seine Rede zu bedeuten hat.

Es war einfach nur die letzte Botschaft, galt aber für alle Menschen, unabhängig von Ort und für alle Zeit. Der Koran ist zwar eine historische Tatsache von göttlichem Ursprung, aber seine Interpretation kann nur menschlich sein.

Das bedeutet, es gibt eine große Vielfalt von Interpretation, denn jedes Volk würde es auf ihre Lebensumstände und in ihre Geschichte hinein beziehen. Das bedeutet für mich: Der Koran kann nur im historischen, kulturellen und auch sprachlichen Kontext entschlüsselt werden, zu jeder Zeit muss er immer wieder neu gedeutet werden. Und das Neudeuten kann nur in derjenigen Sprache geschehen, die gesprochen wird.

Abu Zaid sagt das in seinem Buch „Gottes Menschenwort“ so: ‚Der Koran, den wir lesen und interpretieren, ist keinesfalls mit dem ewigen Wort Gottes identisch. Der Koran ist seine Botschaft an die Menschen. Eine Botschaft stellt eine kommunikative Verbindung zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels eines Codes her. Die Analyse des kulturhistorischen Kontexts des Koran ist der einzige Zugang zur Entdeckung der Botschaft. Somit ist der Koran ein kulturelles Produkt. Die Menschen verstanden den Islam in ihren Lebensumständen. Und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft.‘

Und da jedes Volk seine eigene Kultur hat, benötigt es meines Erachtens sein eigenes kulturelles Verständnis, das heißt auch in seinem sprachlichen Verstehen.

Aber lassen wir noch jemand anderes sprechen: Lale Akgün.

„Es geht also darum, ‚den Geist hinter den Buchstaben zu finden‘, die allgemeinen Prinzipien. Wie die Menschen diese Prinzipien umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Für die Offenbarungen Gottes ist aber nicht eine bestimmte Sprache entscheidend, sondern es sind die inhaltlichen Botschaften. Deshalb darf keine einzige irdische Sprache ein Monopol auf die Inhalte haben. Der Koran kann, nein, er muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden. Gerade das Verbot, sich des Korans in einer anderen als der arabischen Sprache zu bedienen, erweitert die Macht derjenigen, die die Religion für sich instrumentalisieren wollen.

Aber es geht nicht nur um die Übersetzungen. Die Gläubigen sollen die Schriften offen angehen, sich mit ihnen auseinandersetzen, Fragen stellen, und, wo nötig, sich distanzieren oder annähern. Und wenn der Koran den Menschen geradezu auferlegt, den Verstand einzusetzen, dann rückt der Mensch als Träger der Vernunft in die Mitte. Es ist der Mensch, der mit seinen Entscheidungswerkzeugen, das sind Gewissen und Verstand, die Vernunft in Handlung übersetzt.“

Und nun zu meiner eigenen Auffassung: Brauche ich etwa einen Vermittler, nur weil ich nur wenig Arabisch kann? Dann habe ich keinen direkten Draht zu Gott, es steht jemand zwischen uns. Aber Gott sagt, dass Er mir näher ist als meine Halsschlagader. Und wenn es bedeutet, dass Gott seinen Platz näher als meine Halsschlagader hat, dann ist Er auch in meinem Herzen. Es bedarf also keinen Vermittler zwischen Gott und mir, niemand kann für mich sprechen. Da brauche ich wirklich niemanden als Vermittler, kein Imam, keinen Religionsvertreter. Für Seine Offenbarungen, für Seine Lehren und Gebote braucht Er keine bestimmte Sprache wie das Arabische. Und Gottes Sprache verstehe ich nicht, aber Er meine!

In der ersten Zeit meines Muslim-Daseins habe ich viele Bittgebete auf Arabisch auswendig gelernt, die vom Propheten Muhammad oder auch von irgendjemanden stammen. Aber es waren nicht meine Worte, meine Bitten, meine Gedanken. Also formuliere ich sie heute selbst in meiner Sprache und ich bin sicher, dass Gott sie versteht.

Wenn ich mit jemanden spreche, vielleicht mir dir, dann bekomme ich in der gleichen Sprache von dir eine Antwort. Wenn ich Gott etwas auf Arabisch mitteilen möchte, bekomme ich vielleicht auch auf Arabisch eine Antwort, die ich leider nicht verstehe. Was nutzt sie mir dann?

Da Gott nicht so ist wie wir, hat Er auch keine Sprache so wie wir. Er versteht uns aber in Seiner Eigenschaft und Er vermag es, in Seiner Eigenschaft uns auf Seine Art und Weise zu antworten und das gleich in unser Herz. So hat Er sich auch verständlich gemacht durch den Koran, der gespickt ist mit Historie, Allegorien, Weisheiten, Mitteilungen, Ermahnungen und auch Wissenschaft, die den Menschen aber oft unverständlich erscheinen, zumindest auf den ersten Blick nicht erkenntlich. Gott hat keine Sprache, die wir verstehen können. Er suggeriert uns in unserer Sprache, also jedem in seiner eigenen Sprache, was Er uns mitteilen will. Es würde sonst unsere Vorstellungskraft sprengen, z.B. suggeriert Er uns durch den Koran, dass Er auf einen Thron sitzt oder wie die Hölle und das Paradies aussieht. Erinnern wir uns: Der Engel Dschibril oder Gabriel hat Muhammad die ersten Worte gelehrt, in seiner Sprache. Er war aber auch nur ein Überbringer. Und weil Muhammad ein Araber war, hat er ihm die Botschaft auf Arabisch gebracht.

Gottes Worte sollen nicht nur schön klingen, Seine Worte sollen auch richtig, verständlich und rezitationsgenehm verstanden werden, auch in einer Übersetzung. Ein Beispiel ist die Sure105 „Der Elefant“. In einer Ausgabe von Ibn Rassoul steht:

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfahren ist? Hat Er nicht ihre List misslingen lassen und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen und sie dadurch wie abgefressene Saat gemacht?“

Jetzt die Übersetzung von Muhammad Asad:

„Bist du nicht gewahr, wie dein Erhalter mit dem Heer des Elefanten verfuhr? Machte Er nicht ihr listiges Planen völlig zunichte? Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen und ließ sie werden wie ein Kornfeld, dass bis auf die Stoppeln abgefressen worden ist.“

Ich stelle in beiden die Verse 3 und 4 nochmals gegenüber: 1. „… und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen …“ und nun das von Asad: „Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen …“

Da stehen auf der einen Seite ‚Vögel und brennende Steine‘ und ‚Schwärme fliegender Geschöpfe und steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ gegenüber.

Asad selbst sagt darüber: Das Wort ‚sidschill‘ hat auch eine Bedeutung von ‚etwas, das von Gott bestimmt worden ist‘. Die Wendung ‚hidschara min sidschil‘ kann für eine Metapher für ‚steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ bedeuten. Die besondere Strafe könnte wahrscheinlich ein besonders starker (steinharter) Ausbruch von Pocken oder Typhus gewesen sein, das auch Ibn Hischam und Ibn Ishaq bestätigten. Das Wort ‚ta’ir, Mehrzahl ‚tayr‘, kann jedes ‚fliegende Geschöpf‘ bedeuten, jedwede Vögel, Insekten, eben alles, was fliegt, die auch Überträger von Infektionen sein können.

Was ich damit sagen will: Ich muss mich einfach darauf verlassen, dass eine Übersetzung dem Original so nahe wie möglich kommt. Und nicht jede Übersetzung kann man auch schön rezitieren. Es liegt also noch eine enorme und wichtige Arbeit vor den Übersetzern.

Ich will deswegen aber keine bisherige Übersetzung herabwürdigen.

Ich wünsche mir einfach eine Übersetzung vielleicht von einer Gruppe von Übersetzern, der ich vertrauen kann, so dass ich einmal das Gebet nicht mehr in Arabisch, sondern um des Verstehens Willen es in Deutsch abhalten kann. Bis es soweit ist, werde ich auch weiterhin auf Arabisch rezitieren, aber vorher die Rezitation auf Deutsch vortragen.

Ich weiß, es denken so ähnlich viele Muslime, nur klingt jede Stimme einzeln. Aber nur ein Chor, wenn auch mit unterschiedlichen Stimmen – sprich Meinungen, hat etwas dagegenzusetzen gegen die noch starke orthodoxe Meinung.

Wir müssen Gott so verstehen, wie es unser Herz will und zulässt, auch ohne Sprache.

Manaar

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Autor: Massud Reza

Christian Wiediger

Erinnert man sich – nur mal den letzten Jahren – an symbolpolitische Aussagen zurück, fällt einem wieder ein, wie undifferenziert und emotional die Debatten über sie geführt wurden. Ob es um das „Wir schaffen das“ (Angela Merkel) oder auch um den Satz „Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“ geht, sofort stürzen sich darauf bestimmte Politiker, Journalisten sowie affektierte Teile der Gesellschaft, die den Sachverhalt nicht in Ruhe und differenziert betrachten wollen.

Gerade die letzte Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „gehört nicht zu Deutschland“ erhitzt einerseits jene Gemüter, die den Islam nicht als Teil Deutschlands und Europas sehen (wollen) und ihm eine historisch-kulturelle Prägung Deutschlands sowie Europas gänzlich abstreiten. Andererseits verursacht die Zustimmung bei denjenigen, dass der Islam doch zu Deutschland gehöre, große Euphorie und damit ein einhergehender unkritischer Umgang mit dieser Frage. Deshalb versteht sich mein Blogbeitrag als gesellschaftlicher und auch innermuslimischer Debattenbeitrag, einfach mal sachlich, ruhig und nüchtern miteinander zu diskutieren, fernab von Pauschalisierungen und Beschuldigungen.

Tatsächlich müsste entscheidend sein, von welchem Islam wir überhaupt sprechen? Schaut man sich die islamische Welt von Marokko bis Indonesien an, so wird schnell deutlich, dass wir uns mit verschiedenen Islamverständnissen konfrontiert sehen. Der Islam in Bahrain ist nicht derselbe, wie der in Tunesien, der Islam in Afghanistan ist nicht derselbe, wie der in der Türkei. Lässt man den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ unkritisch und unreflektiert stehen, kann jeder sein Islamverständnis darein projizieren. Dann könnte auch ein Islam dazugehören, wie er im Iran als Staatsdoktrin praktiziert wird, wo homosexuelle Menschen erhängt werden, weil sie eben homosexuell sind. Nicht nur der Iran, sondern auch anderen islamischen Ländern bieten (leider) genügend Beispiele für die Unvereinbarkeit zwischen der Religion auf der einen und Demokratie und Menschenrechten auf der anderen Seite. Im Kontrast dazu, sollte auch der andere Satz kritisch beleuchtet werden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dieser suggeriert, dass es eine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen Islam und der Demokratie in Deutschland gibt.

Welche Herausforderung stellt sich aber nun für die Bundesrepublik Deutschland aus dieser Erkenntnis? Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen in den eben aufgezählten Ländern darüber, was sie unter Islam verstehen, ergibt sich für uns als Gesamtgesellschaft folgende Frage: Welcher Islam gehört zu Deutschland, also verstanden als demokratie – und menschenrechtskonform? Ein Islamverständnis, was weder gegen Werte des Grundgesetztes noch der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte verstößt. Auch nicht ein Islamverständnis, welches in Teilen der muslimischen Community in Deutschland gelebt wird, was beispielsweise eine rigide Sexualmoral propagiert und Frauen an ihrer individuellen Freiheit und ihrer Selbstbestimmung hindert, und überhaupt ein Islam, der keinen politischen und gesellschaftlichen Machtanspruch darstellt.

Ein mit der freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland verträglicher Islam ist zum Beispiel durch eine historisch-kritische Lesart der sakralen Texte zu erreichen. Sowie es in allen heiligen Schriften Gewaltpassagen gibt, findet man sie auch in den islamischen Überlieferungen. Der Sinn dieser Texte ist aber dann schwer zu verstehen, wenn eine wortwörtliche Lesart angewandt wird, also die Übertragung der Gesellschaftsordnung aus dem 7. Jahrhundert auf das heutige 21. Jahrhundert. Man stellt sich nicht kritischen Fragen, in welchem historischen Kontext bestimmte Verse offenbart wurden, welche gesellschaftliche und auch militärische Faktoren gilt es in der (wissenschaftlichen) Retrospektive zu berücksichtigen und vieles mehr. Die gründliche Beschäftigung mit diesen Fragen würde zeigen, dass die politischen und juristischen Elementen des Islam im 7. Jahrhundert zu verorten sind, da sie an der damaligen, historisch-konkreten Zeit gebunden sind und nicht mehr ins 21. Jahrhundert mehr passen.

Argumentiert man nach diesem Konzept, schlägt einem häufig die Frage entgegen, was eigentlich dann vom Islam übrigbleibe? Das darf doch nicht wahr sein! Ist der Islam ausschließlich politisch-juristisch zu verstehen? Bietet er nicht viel mehr? Gibt es nicht sowas wie Spiritualität und soziale Seiten im Islam? Ist die sog. „Scharia“ ausschließlich als das Befolgen von (islamischen) Gesetzen zu verstehen oder nicht, wie der Islamtheologe Mouhanad Khorchide in seinem Buch Scharia. Der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik schreibt: „Der Begriff Scharia bedeutet im Arabischen der Weg zur Quelle. Auf den Islam übertragen ist Scharia der Weg zu Gott, denn Gott ist die Quelle, er ist der Anfang und das Ende […]. Welcher Weg führt aber zu Gott? Ist das wirklich ein juristischer Weg? Oder anders gefragt: Wird der Weg, den Gott für uns vorgesehen hat, um in seine Gemeinschaft zu kommen, über juristische Regelungen und Kategorien definiert? […]. Die These, die ich in diesem Zusammenhang vertrete, lautet: Nicht der juristische Weg bringt uns Menschen in die Gottesgemeinschaft, sondern der ethische und spirituelle. Damit will ich keineswegs die islamischen Gebote und Verbote über Bord werfen; ich sehe diese aber auch nicht als Selbstzweck an, sondern sie sollen im weitesten Sinne der Glückseligkeit des Menschen im Diesseits und Jenseits dienen.“

Um zu der Ausgangsfrage zurückzukommen: Gehört der Islam zu Deutschland? Dazu gibt es zwei Antworten: 1. Nein, wenn der Islam nicht friedlich gelebt und politische sowie gesellschaftliche Machtansprüche stellt. 2. Ja, wenn der Islam historisch-kritisch kontextualisiert sowie entpolitisiert wird und dem Gläubigen in puncto Spiritualität und Soziales viel Kraft gibt. Differenzierung in dieser wichtigen Frage, die nicht wenige Menschen bewegt, würde uns allen guttun.

Das Wissen und die Liebe

Das Wissen und die Liebe

Rahul Chakraborty

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Mein Name ist Susie Dawi. Seit ungefähr anderthalb Jahren bin ich ehrenamtlich in der Ibn Rushd-Goethe Moschee tätig, wo ich immer mal wieder beim Freitagsgebet die Funktion einer Imamin ausfülle. Ich rufe de Adhan, predige und leite das Gebet.

Ich begrüße all Jene, die diese Khutba hören oder lesen sehr herzlich. Möge sie uns zum Denken anregen und Einsichten vermitteln, die unser Leben für Gott, unsere Mitmenschen und uns selbst verbessern.

Hauptberuftlich arbeite ich an einer Berliner Grundschule. Seit meinem Referendariat sage ich so gut wie täglich: „Ich liebe meine Arbeit“. Natürlich gibt es auch das eine oder andere größere Problem, doch meist gehe ich in meiner Arbeit auf, lache, umarme, schaue mit strengem Blick – die meisten Tage sind spannend und glückbringend.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bin ich allerdings komplett erschöpft. Das erste was ich tue ist, mich schnellstens umzuziehen und für einen entspannenden Mittagsschlaf auf die Couch zu legen. In eine warme Decke gehüllt denke ich nur an Einatmen und Ausatmen, und sage diese Wörter auch im Inneren vor mich hin, um auf diese Weise daran zu denken, nicht nur andere, sondern auch mich selbst zu beschützen und langsam bei den anderen Wesentlichkeiten des Lebens anzukommen. Bei meinem Körper, meiner Seele, und meiner eigenen Lebenswirklichkeit außerhalb des Berufs. Nur so habe ich die Kraft, mich am nächsten Tag wieder der anstrengenden Situation zu stellen, und mich den Kindern zu widmen, die mir während des Vormittags anvertraut sind. Es ist ein klassischer Burnout Beruf, und man tut gut daran, sich immer wieder in Achtsamkeit zu üben.

Heute geht es um eine gewisse Art der Achtsamkeit. Mein Wunsch ist es, dass wir es schaffen, einen Moment neben uns zu treten und uns von außen zu betrachten, damit wir zu eigenen, freieren Bewertungen zu gelangen, und freiere, und vielleicht bessere Handlungsweisen für uns entwerfen können.

Das Thema der Khutba heißt „Wissen und Liebe“, weil diese beiden Phänomene etwas miteinander zu tun haben, auch wenn es zunächst nicht so scheint. Zu beiden Bereichen gibt es nämlich ganz bestimmte Vorstellungen, die unserem Zeitgeist unterliegen. Wir bewerten das Wissen und die Liebe auf eine Weise, die sich genauer zu betrachten lohnt.

Bismillah Alrahman Alrahim…

In Sure 96, Vers 1 bis 5 lesen wir in der Übersetzung von Muhamad Asad:

Lies im Namen deines Erhalters, der erschaffen hat – den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle! Lies, denn dein Erhalter ist der Huldreichste, der den Menschen den Gebrauch der Schreibfeder gelehrt hat – den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste!

(Für den Text in Arabischer Sprache bitte ich, den Koran zur Hand zu nehmen.)

Dies wird die erste offenbarte Sure gewesen sein, denn Mohamed, der nicht lesen konnte, wird hier aufgefordert, genau das zu tun. Und Allah stellt sich den Menschen vor als Derjenige, der sie die Schrift lehrte, eines der großen Merkmale, die uns als Menschen ausmachen. Das Erlangen von Wissen ist seitdem traditionell stark mit der Idee des Islam verwurzelt.

Wir alle wissen, was es gemeinhin bedeutet, etwas zu wissen.

Unser Wissen können wir in viele Kategorien einteilen. Es gibt zum Beispiel Faktenwissen. Davon haben wir reichlich. Wir wissen, wann der zweite WK begonnen hat. Wir wissen, dass die Moschee in der Turmstraße ist, und wir wissen, dass Äpfel zu Obst gehören. Faktenwissen heißt auch deklaratives Wissen, denn wir können es deklarieren, benennen. Daneben gibt es das prozedurale Wissen, oder die sogenannten hard skills. Es bezieht sich auf die Durchführung von Fähigkeiten; so können wir Radfahren, Rührei braten oder einen Zeitungsartikel schreiben… Auch das Wissen, wo man Wissen findet, und wie man es sich aneignen kann, ist heutzutage essenzielles Wissen. Man spricht von der Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Im Gespräch sind heute aber auch mehr und mehr sogenannte Soft skills, also Fähigkeiten, mit anderen Menschen umzugehen – dazu gehören zuhören können, auf andere eingehen, Empathie empfinden. In der Schule werden sie zunehmend als wichtiger erachtet als der Erwerb deklarativen Wissens, denn im Gegensatz zu diesem, kann es nicht schnell mal in einem Buch nachgeschlagen werden. Zuhören können muss man tatsächlich erlernen.

Wissen kann in weitere Kategorien eingeteilt werden, doch eins haben sie alle gemeinsam: Sie machen das Wissen zähl- und messbar. Wie viele Bücher hast du gelesen? Wie viele Sprachen sprichst du? In der Schule überprüfen wir anhand von Klassenarbeiten und Klausuren, ob wir zu einem Thema genug wissen und ausreichend flexibel damit umgehen können. Dafür erhalten wir eine Zensur – eine Zahl, die unser Wissen misst.

Unser Wissen ist in zähl-und messbare Einheiten organisiert, um uns bewerten zu können, denn wer mehr von diesen Einheiten in sich trägt, hat in unserer Gesellschaft einen höheren Status, und „gefühlt“ einen höheren Wert. Stirbt ein junger Mensch, so liest man manchmal in der Zeitung, er habe „viel Potenzial“ in sich getragen, womit man meint, er hätte später sicher einmal ein gebildetes, einflussreiches, und möglicherweise auch an Geld üppiges Leben geführt. In unserer Zeit, so scheint es, bewerten wir Menschen nicht nur in der Schule anhand ihrer „Potenziale“ und konkreten „Leistungen“, sondern auch noch außerhalb dieses speziellen Rahmens.

Ich glaube, durch die Zählbarkeit dessen, was wir Wissen nennen, geschieht etwas mit uns, doch damit meine ich nicht Klugheit. Manche Menschen wissen unheimlich viel, doch erscheinen sie uns nicht unbedingt klug. Manchmal mag man es kaum glauben, wie viel ein Mensch wissen kann, ohne tatsächlich klug zu sein.

Durch die Ansammlung und persönliche Verarbeitung von Wissen kann man in der Tat klug werden, doch was eben zusätzlich geschieht ist eine Art Objektifizierung. Alles wird zum Objekt, zum Ding, und damit beherrschbar. Wir sehen ein Phänomen, geben ihm einen Namen, und grenzen es auf diese Weise von allem anderen ab. Nun können wir mit dem Begriff hantieren. Wir sind der Homo Imperialis, Homo Kategoriensis… Der alles Beherrschende, Ordnende.

Im Koran finden wir diesen Gedanken in der Geschichte von Adam wieder, der von Gott geschaffen wurde, als es die Engel bereits gab. Während die Engel, so glauben wir – und hoffen, damit niemadem Unrecht zu tun – mit der alleinigen Aufgabe betraut sind, Allah zu huldigen und die an sie herangetragenen Aufgaben zu erfüllen, sind die Menschen mit Wissen und Verstand ausgestattet und mit Verantwortung für die Schöpfung betraut. Hierdurch ist der Mensch in der Lage, Entscheidungen zu treffen, und gewissermaßen auch dazu verpflichtet. In Sure AlBaqara Vers 30 lesen wir: Und Siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: „Seht, ich bin dabei, auf Erden einen einzusetzen, der sie erben wird.“ Damit ist laut Muhamad Asads Übersetzung jemand gemeint, der die Oberhoheit für die Erde haben wird. Der Text heißt weiter: Sie, also die Engel, sagten: „Willst du auf ihr einen solchen einsetzen, der darauf Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird – während wir es sind, die deinen grenzenlosen Ruhm lobpreisen und Deinen Namen heiligen?“ Gott antwortete: „Wahrlich, ich weiß, was ihr nicht wisst“. Und er lehrte Adam die Namen aller Dinge; dann brachte er sie in die Kenntnis der Engel und sagte: „Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn, was ihr sagt, wahr ist“. Worauf ihm die Engel antworteten, sie hätten kein Wissen dieser Namen und Definitionen der Dinge. Also Adam, der hier allegorisch für die Menschheit steht, hat das Wissen – er kennt all die Dinge mit ihrem Namen, d.h. er der Mensch, hat Wissen von allem. Im Anschluss sollten sich die Engel vor dem Menschen niederwerfen – vor dem Wesen also, das Entscheidungen treffen kann – gute und schlechte – und dafür zur Rechenschaft gezogen werden wird. Sie taten es, außer dem Teufel, der meinte, er sei etwas Besseres, weil er aus Feuer geschaffen wurde, und nicht wie die Menschen, aus Erde, also weil er ein geistige Wesen ist, und die Menschen ein irdisches.

Keiner wird sagen, dieses definierbare, zählbare Wissen sei unwichtig. Doch führt es eben auch dazu, dass alles definiert wird und damit eingegrenzt. Nur durch die Definitionen, so meinen wir, sprechen wir über dieselbe Sache, wenn wir dasselbe Wort benutzen. Rilke meint, dass so alle Schönheit und alles Wunder der Schöpfung vernichtet werden.

Einmal benannt mit einem Wort, stirbt die Seele des Benannten, und was bleibt, ist das starre, in seinen definitorischen Rahmen gepresste Wort.

Rilke schreibt und Xavier Naidoo hat es vertont:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Denken wir, das Benennbare, das empirisch Nachweisbare sei alles, so haben wir trotz allen Zugewinns verloren. Das uns vermeintlich Bereichernde, macht uns arm – denn die Dinge, eben noch unbenannt, würdevoll, und ihr eigenes, freies Lied singend, werden nun müde, lautlose Diener unseres Verstandes.

An dieser Stelle wird die Khutba ein wenig kompliziert, denn nun verlassen wir diesen Gedanken, lassen ihn sozusagen hängen, und wenden uns dem anderen Thema zu, der Liebe. Ich behaupte, sie ist genauso durchdrungen von dem Wunsch der Messbarkeit, und führt genauso wie unser Umgang mit dem Wissen zur Objektifizierung, nämlich des Partners. Und unserer Selbst. Das Verständnis von Liebe unterliegt demselben Zeitgeist wie das Verständnis von Wissen. Im Übrigen unterliegt auch unser Verständnis von Glauben diesem Zeitgeist.

Ich spreche hier von der partnerschaftlichen Liebe, derjenigen zwischen zwei Menschen, die sich ineinander verlieben und nun Partner sind. Bald nach den Anfängen dieser Liebe und dem ersten Entschluss, eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft zu bilden, entsteht entsprechend unserer Sozialisation der Wunsch nach Messbarkeit der Liebe in Form von erfüllten oder unerfüllten Ansprüchen. Die Ansprüche sind durchaus verschieden, die Systematik dieselbe, daher ein paar Beispiele: Wir messen die Liebe unseres Partners beispielsweise daran, wie viele Whats App Nachrichten wir von ihm oder ihr bekommen. Wir schauen wie oft er/sie uns auf Whats App eine gute Nacht wünscht – in der letzten Woche waren es fünfmal, diese Woche sind es nur dreimal, also ist seine Liebe zu mir wohl geringer geworden; er war auch diese Woche nur einmal mit mir am Abend spazieren, während wir vor zwei Monaten noch fast jeden Abend ausgegangen sind, im letzten Jahr hat er mir überschwenglich ein frohes neues Jahr gewünscht, in diesem Jahr hingegen scheint er mich komplett vergessen zu haben; und wann kommt eigentlich das mir gebührende Gold in Form von Ringen, Armreifen und Halsketten endlich in meinen Besitz? Und wie viele Kilo werden es sein? Wie oft war mein Mann diese Woche einkaufen, hat er abgewaschen, wie oft hatte meine Frau Lust, den Abend mit mir zu verbringen? Wie sehr strengt sich mein Mann, meine Frau an, eine höher bezahlte Stellung in der Firma zu erlangen, um uns mehr Spaß zu ermöglichen? Bin ich ihr total egal? Oder liebt sie mich? Heute gab es schon wieder kein Umarmungs-Icon auf Whats-App und auch keine Blumen. Wenn er mir nicht schreibt, schreib ich ihm auch nicht.

Neulich schickte mir eine liebe Freundin aufmunternd das Folgende von Made my day.com – jede Frau, immer:

„Dieser Moment, wenn er dir nicht schreibt und du ihm nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt, du ihm aber eigentlich schreiben willst, aber aus Prinzip nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt.

Haben wir nun alles Gold gewogen, alle Whats-App Nachrichten durchgezählt, beginnen wir zu hoffen und zu wünschen – nach mehr, denn so wird es uns in die Wiege gelegt. Liebe bemessen wir nun an der Erfüllung unserer Wünsche und Hoffnungen. Erfüllt der Partner unsere Wünsche, so ist er ein guter Partner. Erfüllt er sie nicht, überlegen wir, ob er sich als Partner weiterhin eignet, denn es stehen viele andere Partner zur Verfügung. Partner, die mehr unserer Wünsche erfüllen und deshalb irgendwie besser zu uns passen; die uns jeden Abend gute Nacht wünschen, nicht nur dreimal in der Woche; die mit uns ausgehen, wann immer wir es wollen; weil, so fühlt es sich an, sie uns messbar mehr lieben; messbar bedeutet empirisch nachgewiesen, also wahr. Und in unserer zeitgenössischen Denkweise fühlt sich dann alles ganz richtig an. Die wahre Liebe ist sieben – sieben mal gute Nacht, sieben mal ich liebe dich, sieben mal wie war denn dein Tag liebster Schatz – oder „allerliebster Schatz“? Das ist auch eine Objektifizierung. Der Partner wird zu unserem Diener, unserer Dienerin, denn er/sie ist dafür verantwortlich, dass wir glücklich sind. Wir erwarten von unserem Partner entsprechende Opfer. Diese Erwartung dreht sich auch um, und wir beginnen, selbst Opfer zu bringen, für unsere Partnerschaft, und empfinden dies als freiwillig. Unsere Partnerschaft wird zu einer Opferschaft. Wir opfern freiwillig und erwarten freiwillige Opfer. Es ist aber etwas ganz anderes, ob wir den anderen lieben und mit ihm eine Opferpartnerschaft betreiben, oder ob wir den anderen dauerhaft als Subjekt wahrnehmen. Denn nur wenn wir ihn dauerhaft als Subjekt wahrnehmen, bleiben auch wir dauerhaft Subjekt. Weder sind wir dazu geschaffen, das Objekt unseres Partners zu sein, noch ist dieser das Unsere. Wer im Deutschland der Gegenwart sozialisiert ist, wird es hiermit nicht leicht haben. Die Liebe nicht an den zählbaren Dingen zu messen bedarf einiger Übung. Der Koran hilft uns dabei, wenn wir immer wieder Sure 30 Vers 20 erinnern. Dort steht, von mir ein wenig ergänzt: Und unter seinen Wundern ist dies: Er schaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art, auf dass ihr in ihnen Ruhe und Geborgenheit findet; und er ruft Zuneigung und Gnade zwischen euch hervor. Sakina, mauwade wa rahme. Darum soll es in der Liebe gehen – um das, was jenseits der Messbarkeit liegt, um das Nähren gegenseitiger Zuneigung, und Gnade. Ruhe und Geborgenheit, und Zuneigung, und Gnade. Dies liegt nicht auf der Ebene der Empirie, sondern auf der Ebene der Ehrfurcht und des Staunens.

Kehren wir zurück zu unserem ersten Thema, dem Wissen. Auch bezüglich des Wissens erinnert uns der Koran an Elemente jenseits der Zählbarkeit.

In Sure 2 Vers 3 lesen wir (übersetzt von Muhamad Asad):

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist dazu bestimmt, eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten zu sein, die an die Existenz dessen glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist (, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten.)

Jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung liegt das Unzählbare, Unmessbare, dem wir mit Ehrfurcht begegnen. Wir nennen es zum Beispiel spirituelles Wissen. Dabei geht es darum, zu wissen, dass wir nicht alleine sind, sondern eingebunden in die Schöpfung Allahs. Dass wir so wertvoll sind, wie ein Baum, tausend Jahre alt. Und so schön wie bunte Blumen auf wilden Wiesen. Schmetterlinge sind wir und Adler. Tiefseefische und gigantische Wale. Von all diesen tragen wir Menschen etwas in uns, denn wir sind Teil der Schöpfung. Dieses Wissen um die Ganzeitlichkeit dessen, was Allah erschaffen hat, stärkt uns und schenkt uns Wohlbefinden-

Und wir haben ein Fühlwissen. Das Gefühl dafür, was gut für uns ist, und was nicht. Das ist es vielleicht, was wir am meisten lernen müssen. Wann ist das, was wir zu tun wünschen gut für uns und wann nicht. Wann ist es gut für andere, aber nicht für uns. Wann ist es wert, nur für andere gut zu sein, aber nicht für uns, und wann müssen wir andere Menschen leider enttäuschen, um uns selbst gerecht zu sein? Das Gefühl für Integrität gehört zu diesem Fühlwissen – also uns selbst treu zu bleiben. Wir wachsen daran, uns immer wieder damit auseinanderzusetzen, wie wir es erreichen können, frohe und dankbare Menschen bleiben. Fröhlichkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, wie man fröhlich wird, und bleibt. Dankbarkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, dass man reich beschenkt ist von Allah und seiner Schöpfung. Ehrfurcht ist eine Haltung, der das Wissen zu Grunde liegt, dass alles endlos groß und weit ist und von unermesslicher Ästhetik und Struktur und dass die allerkleinste Ameise auf ihrem Hügel das Größte ist. Liebe ist ein Gefühl, dem das Wissen zu Grunde liegt, geliebt zu werden, von Allah und anderen Menschen.

Für den mündlichen Vortrag:

In wenigen Minuten ist es Zeit für das Freitagsgebet. Nur durch innere Achtsamkeit wird es uns gelingen, unsere Verbindung zu Allah zu fühlen und zu wissen.

Was der Nachmittagsschlaf für den Arbeitstag ist, ist das Freitagsgebet für die Woche. Ich möchte euch daher einladen, das Freitagsgebet eben so zu betrachten wie den Moment nach der Arbeit. Es ist der Moment des Ablegens aller Alltagsgedanken und Alltagsbelastungen; der Moment des Loslassens all dessen, was uns diese Woche begleitet hat und was uns in der nächsten Woche begleiten mag. Jetzt ist nicht der Moment dieser Vergangenheiten, oder irgendwelcher Vergangenheiten, noch ist es der Moment der Zukunftsgedanken, denn sie sind rein fiktiv. Keiner weiß, was die Zukunft bringen mag. Hier in der Moschee am Freitag, zur Zeit des Gebets, halten wir einen Moment inne und geben den Vergangenheiten und Zukunften keinen Raum. Wir können sie loslassen und einfach einatmen und ausatmen. In aller Ruhe. Denn wir sind da, wo wir hinwollten. Angekommen. Wir nehmen den Raum wahr, aber wir denken nicht darüber nach. Wir enthalten uns jeder Interpretation. Wir sehen die Dinge, auch die Menschen um uns herum ohne sie zu interpretieren; sie sind da, aber sie haben keine Bedeutung. Denn wir sind ganz bei uns selbst. Und fühlen eine angenehme Ruhe in uns. Eine Energie, die uns umgibt, wird fühlbar. Wir sind gekommen, unseren kleinen, zarten Faden zu Gott zu spinnen, gleichsam wie der Faden einer Spinne, der aber nur dann aus uns heraustreten kann, wenn wir ganz ruhig sind, und alles andere fallen lassen. Wir atmen ruhig, denn wir sind in diesem Moment zufrieden oder vielleicht auch glücklich. Wir sind eine von Gott gewollte Schöpfung. Nicht zufällig entstanden, sondern aus dem Wunsch Allahs heraus; wir als Menschheit und wir als Einzelne. Gefäße sind wir, gefüllt mit Dankbarkeit und Liebe, diese zu empfinden, zu genießen und weiter zu verschenken, um muslim zu sein – sich Allah friedvoll und geduldig hingebend.

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute

 eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner 

Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, 

nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.