Miteinander

Gottes Licht

Gottes Licht

 

Casey Horner

Beim Betrachten des Lichts einer Kerze dachte ich an den einen Namen Gottes: An-Nur- das Licht.  Und schon gingen die Gedanken weiter auf Reisen: Was ist Licht, nein, ich dachte nicht an das physikalische Phänomen, Licht als eine Form der elektromagnetischen Strahlung. Ja, ich dachte an Gottes Licht. Was bedeutet Gottes Licht? Spontan fiel mir ein: Wärme, Helligkeit, Liebe; was bedeutet Liebe zu Gott?  Steht da am Ende Wissen, Rechtleitung, Barmherzigkeit? Eine Frage erschließt die nächste Frage.

   Licht in der physikalischen Welt bedeutet, etwas sichtbar zu machen, es bedeutet auch Realität. Das Fehlen von Licht bedeutet Unsichtbarkeit, Dunkelheit, Unwissenheit. Aber auch der menschliche Geist empfindet Licht und Dunkelheit. Und diese Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn wir von Licht im metaphorischen Sinn sprechen, meinen wir Gottes absolute Manifestation, ein Sich-offenbaren von Dingen oder Wissen. Das bedeutet: Er allein ist die Manifestation des Lichtes, Er ist das Licht. Alles, was es in der physikalisch erklärbaren Welt gibt, hat sein Licht von ihm erst erhalten.  Ansonsten herrscht Dunkelheit.

   Ich weiß, dass es in allen Kulturen oder Religionen Lichtsymbole in unterschiedlichsten Formen gibt. Licht bedeutet in erster Linie Leben und Wärme. Wo kein Licht ist, da herrscht Finsternis. Finsternis bedeutet Kälte, Orientierungslosigkeit, Bedrohung, Tod.

   Ich dachte an einen meiner liebsten Verse aus dem Koran, an die Sure 24, Vers 35. Er trägt sogar seinen eigenen Namen: Lichtvers. Für mich ist der Vers mächtig, sprachgewaltig, voller Rätsel, Gleichnissen und Symbolik. Schon Generationen von Korangelehrten haben sich über diesen starken Vers den Kopf zerbrochen.

   Muhammad Assad beschreibt den Vers so:

   „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Das Gleichnis seines Lichtes ist das einer Nische, die eine Lampe enthält. Die Lampe ist in einem Glas eingeschlossen, das Glas leuchtend wie ein strahlender Stern: Eine Lampe, entzündet von einem gesegneten Baum, einem Olivenbaum, der weder vom Osten noch vom Westen ist,  dessen Öl ist so hell, dass es beinahe von sich aus Licht geben würde, selbst wenn das Feuer es nicht berührt hätte. Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht, wer geleitet werden will und zu diesem Zweck legt Gott den Menschen Gleichnisse vor, da Gott allein volles Wissen von allen Dingen hat.“

    Der Vers beginnt wie mit einem Paukenschlag: eine göttliche Selbstaussage: „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“ Ist überhaupt noch eine größere Steigerung möglich?

  Handelt es sich hier nur um ein Gleichnis, einen Vergleich zwischen dem Licht Gottes und dem Licht einer Lampe in einer Nische? Oder bedeutet es viel mehr?

   Oder bedeutet es: Immer, wenn es darum geht, ein umfassenderes Wissen über Gott, wie z. B. in dem Fall über An-Nur zu erlangen, müssen wir unsere Unfähigkeit und Unzulänglichkeiten erkennen, Gottes wirkliche Realität und Seine Erhabenheit wahrzunehmen. Unser Intellekt reicht nicht aus, um Gott wirklich zu begreifen, um die Natur seiner Eigenschaften und sein Wesen vollständig zu ergründen. Das Wissen des Menschen ist trotz aller Bemühungen des Begreifens doch ziemlich unzureichend, während Gott unendlich und absolut ist. Und einer dieser diffizilen und kompliziertesten Verse des Korans ist dieser Lichtvers.

    Jedes Mal, wenn ich diesen Vers rezitierte, dachte ich an mein Herz, an die Herzen der Gläubigen. Gott beschreibt das Herz der Gläubigen, indem Er das Gleichnis zum Licht benutzt. Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Sein Licht ist es, das unsere Erde und seine ganze Schöpfung erleuchtet, ohne es wäre dort nur Dunkelheit. Kein Leben könnte entstehen. Ich stelle mir eine Lampe in einer Nische vor. Sie leuchtet hell, aber wenn ich mir ein Licht in einer Kristalllampe vorstelle, erstrahlt es noch heller, wie ein strahlender Stern in der Nacht. Sein Öl stammt von einem Olivenbaum, der auch ‚gesegneter Baum‘ genannt wird. Dieser Baum steht sicher auf einer Anhöhe, an einem zentralen Ort, denn er bekommt zu jeder Tageszeit das beste Licht. Aus diesem Grund ist sein Öl rein und brennt, als würde es kein weiteres Feuer benötigen. Licht vom reinen Öl und Licht des Feuers. Und Gott bringt uns dieses Licht, um damit unsere Herzen auszufüllen, damit sie voller Licht erstrahlen.

     Aber betrachten wir diesen Vers näher: 

  „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“

     Gott in Seiner Vollkommenheit umfasst mit Seinem Licht Sein vollkommenes Werk, das Universum und erleuchtet somit auch die Himmel und die Erde. Er bringt in Seiner Schöpfung mit Seinem ewigen Licht das Leben hervor; Leben, welches Er Nahrung gibt, prüft, schützt und Hilfe angedeihen lässt. Es gibt keinen Ort, wo Sein Licht nicht erstrahlt. Aber jedes Geschöpf wie auch der Mensch kann von Seinem Licht profitieren, so weit wie sein Herz sich öffnet und das Licht annimmt.

    „Ein Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische, in der sich eine Lampe befindet, die Lampe in einem Glas, (und) das Glas ist wie ein hell leuchtender Stern.“

    Gott versucht mit dem Licht dem Menschen Sein Wesen zu erklären, indem er sein göttliches Licht mit einem künstlichen Licht, einer Lampe vergleicht.

   Das Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische. Der Mensch kann diese Lampe, die sich dort befindet, aus dieser Sicht erforschen. Ein Mensch muss in Dunkelheit seinen Weg erleuchten. Er benötigt Licht wie z.B. eine strahlende Lampe. Aber um den Weg der Wahrheit zu begehen und die Dunkelheit von Herz und Verstand zu überwinden, braucht er ein ganz besonderes Licht, eine Leuchte, ein Licht, das ihn beschützt und auf seinen Weg zur Wahrheit leuchtet. Und Wahrheit bedeutet auch Wissen. Das Wort Licht wird deshalb auch für Wissen verwendet und dementsprechend ist die Dunkelheit Unwissenheit. Und daraus resultiert Schlechtigkeit, Lüge und Lasterhaftigkeit.

    Ich könnte mir den Schirm der Leuchte als einen Schleier vorstellen, hinter der Gott sich vor Seiner Schöpfung, hier der Mensch verborgen hält. Obwohl das Glas durchsichtig ist und die Durchlässigkeit des Lichts nicht gehindert wird, ist aber dieses Glas auch eine Barriere für den Menschen, auf diese Lichtquelle zuzugreifen. Es würde ihn einfach nur schaden.

    Man kann das auch so sehen: Obwohl Gottes Licht die ganze Welt erleuchtet, kann es trotzdem nicht jeder wahrnehmen. Nur Gott allein gibt dem Menschen, wenn er will, diese Fähigkeit zu sehen. Ein Mensch ohne diese Gabe der inneren Wahrnehmung von Gottes Licht oder Wahrheit kann zwar das Sonnenlicht wahrnehmen, aber er versteht die Hinweise oder Mahnungen von Gott nicht.

    „Das Glas gleicht einem Stern, einem funkelnden.“

   Das Funkeln eines Sterns bedeutet etwas Besonderes, etwas Erleuchtendes. Wie oft betrachten wir nachts den Himmel mit seinen funkelnden Sternen? Ziehen sie uns nicht magisch an? Ein Stern kann sehr fern oder in Gedanken sehr nahe sein. Denn je näher wir seinem Licht sind, umso näher fühlen wir uns ihm, nämlich Gott. Das bedeutet aber auch, auch Gott ist uns sehr nahe.

    „Angezündet von einem Baum, einem gesegneten. Einem Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich, dessen Öl leuchtet beinahe, ohne dass es berührt hätte das Feuer.

   Ein Ölbaum, der auf einem vorteilhaften, erhabenen Platz steht. Er nimmt daher eine besondere Stellung ein, die immerwährend von Licht erhellt wird. Meines Erachtens soll hier keine Himmelsrichtung angezeigt werden, aus der tagsüber das Licht kommt. Vielleicht ist damit kein besonderer Ort gemeint, sondern es könnte jeder einzelne Ölbaum gemeint sein, egal wo er steht. Jeder Ölbaum könnte das gesegnete Öl spenden. Oder es könnte aber auch ein Ort sein, zu dem wir keinen Zugang haben, für uns unerreichbar. Es wäre dann ein Ort der Unendlichkeit, der Ewigkeit. Gott existiert ewig und so strahlt sein Licht auch ewiglich, ohne, dass es irgendeinen Anzünder, ein Feuer braucht. Und das Licht, das in dem Gleichnis vom Öl hervorgebracht wird, das ist Seine Essenz, das Wesen Gottes. Aber alles, was wir von Gott wissen, steht im Koran: Wir kennen nur die Namen Gottes- die im Koran beigelegten Attribute- und erfahren von seinem Handeln mit den Menschen. Gott ist der einzige Gott, transzendent und existent, allmächtig und allgegenwärtig, unveränderlich und unvergänglich, ewig und unerschaffen, allwissend und unumschränkt in seiner Herrschaft. Die Sure 112 sagt über ihn aus: „Er ist Gott, ein Einziger, Gott der Ewige! Er zeugt nicht, und er wurde nicht gezeugt! Und es gibt niemand, der ihm gleicht!“

    „Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht wen Er will.“

Licht über Licht ist immerwährendes Licht, Gottes Licht ist absolut und hat keine Grenzen. Gott als Allerbarmer, als ar-Rahman wendet sich allen Menschen zu. Wer sich aber von Gottes Licht leiten lässt, dem gewährt er Führung zur inneren Zufriedenheit.

    „Und Gott legt Gleichnisse für die Menschen vor, und Gott ist sich aller Dinge bewusst.“

   Gott versucht mit Allegorien oder Gleichnissen, dem Menschen sein Wesen bildlich zu erklären, was der Mensch aber nur intuitiv, gefühlsmäßig erfassen kann. Gottes Licht erleuchtet die ganze Welt, aber nicht jeder vermag es wahrzunehmen. Gott ist es, der uns zu seinem Licht führt. Ich denke, der Vers ist eigentlich eine Botschaft an alle Menschen, sich zu besinnen, warum es Licht gibt. Denn Licht bedeutet auch Leben. Erst durch das Licht kann der Mensch existieren. Wir werden durch dieses Gleichnis angehalten und es gilt gleichzeitig als eine Einladung, über unser Leben und

über Gott und seine Zeichen nachzudenken.  

     Möge Gott eure innere Sonne immer strahlen lassen. Möge eure Seele Sein Licht empfangen und wieder demutsvoll zurückstrahlen und möge euer Licht gute Taten für die Menschen bewirken und eure Seele und Herz zur Ruhe kommen.

 

Manaar

 

 

 

 

 

 

Karsten Würth

Aufrichtigkeit im Islam

Aufrichtigkeit im Islam

Karsten Würth
Karsten Würth

Aufrichtigkeit oder aufrichtig sein ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen zu stehen und den eigenen Gefühlen sowie der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Worten und Handlung Ausdruck zu geben. Aufrichtig zu sein bedeutet aber auch, anderen Menschen wie sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Sie ist eine Charaktereigenschaft eines Menschen, der ohne jede List und Falschheit redet und handelt, dessen Tun und Reden mit seiner Haltung und Einstellung vollkommen übereinstimmt und der ohne versteckte Nebengedanken oder unaufrichtige Absichten handelt.

    Eine gute Kommunikation, das aufrichtige Gespräch, welches Wahrheiten vermittelt, zählt zu den Notwendigkeiten einer intakten Gesellschaft. Man spricht miteinander, teilt sich gegenseitig seine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen und Besorgnisse mit.

    Aufrichtigkeit bedeutet auch Ehrlichkeit. Ehrlich zu sein gegenüber anderen; das zu denken, was du tust und das zu sagen, was du tust, und letztlich das zu tun, was du denkst. Aufrichtiges Bemühen ist etwas total Wichtiges, aber sehr anstrengend und nicht immer leicht.

    Aufrichtig ist jener, der Denken, Sprechen und Handlung in Übereinstimmung bringt.

Wenn man nichts zu verheimlichen hat und nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, der steht aufrecht zu seinen Überzeugungen, er braucht sich dann auch nicht klein zu machen, und aufrecht zu denken, sagen und handeln hat auch etwas mit Mut zu tun und mit dem Herzen.

     Aufrichtig sein beschreibt auch das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Sollte man sich dennoch einmal irren, so sagt man die Wahrheit über das, was man glaubt und denkt. Und Wahrheit und Ehrlichkeit bedeutet, andere nicht zu belügen, auch sich selbst nicht. Aber wer seine eigene Unvollkommenheit eingesteht und den Mut hat, sich selbst, so wie er ist, anzunehmen, der ist gleichfalls aufrichtig.

    Aber sind wir wirklich immer ehrlich? Können wir uns zum Beispiel anderen mitteilen, wie wir uns in Wirklichkeit fühlen, was wir fühlen und was wir brauchen? In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit oft als verletzend und unhöflich angesehen. Meistens ist es uns doch unmöglich, ungefiltert die echte Wahrheit auszudrücken.

     Z.B. wenn jemand mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich bestimmt nicht ungeschminkt, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle. Ich weiß ja nicht, wie es ankommt oder wie mein Gegenüber reagiert. Sicher sage ich: „Danke, mir geht es relativ gut!“ Aber bin ich dann wirklich aufrichtig und ist es die Wahrheit? Wer bringt den Mut schon auf zu sagen: „Naja, ich würde jetzt lieber zu Hause sein und mich ausruhen. Oder das Gespräch mit dir strengt mich ziemlich an.“ Das wäre aber Aufrichtigkeit. Es geht darum, sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben und nicht verletzend mit Worten zu sein. Das kann man aber meistens nur zu Menschen sagen, die man gut kennt.

     Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, kommunizieren wir Aufrichtigkeit mit den Gefühlen. Ein aufrichtiger Mensch genießt deshalb das Vertrauen seiner Umwelt, man muss nicht seine Worte überprüfen. Der Aufrichtige hält sich an sein Versprechen und hütet das, was man ihm anvertraut, denn er ist ehrlich und somit zuverlässig in Wort und Tat. Durch Aufrichtigkeit wird Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt. Denn das Gros aller Kontroversen und zwischenmenschlichen Problemen entsteht dadurch, dass man zueinander nicht ganz ehrlich und aufrichtig ist.

    Im islamischen Sinn steht für Aufrichtigkeit das Wort: al-Ikhlas. Al-Ikhlas heißt auch die 112. Sure, die wir am meisten rezitieren: „Er ist der einzige Gott. Der unwandelbare Gott. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Und niemand ist ihm gleich.“ Es ist die Erklärung von Gottes Vollkommenheit. Die Tatsache, dass Gott einer und einzig in jeder Hinsicht ist, ohne Anfang und ohne Ende, gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte, so gibt es auch kein Gegenteiliges, es gibt nur die eine Wahrheit, so wie er sich selbst darstellt.

     Ikhlas bedeutet auch, etwas in Reinheit zu bringen, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, das Herz zu reinigen, Ehrerbietung, etwas ohne Vorteil und Gewinn zu erhoffen und zu bestreben, ohne Vortäuschung und Heuchelei, mit innerer Liebe und Verbundenheit, uns in unseren Taten und Gebeten vor Angeberei zu hüten, in unseren Andachten und in unserer Ergebenheit vor Gott uns vor Heuchelei und das Herz verderbenden Sachen fernzuhalten.

   Es heißt in Sure Al-Bakara:139: „Wir haben unsere Werke, und ihr habt euere Werke (zu verantworten), und Ihm sind wir aufrichtig ergeben.“ Für uns bedeutet das: Mit Aufrichtigkeit in der Absicht unsere Gottesdienste durchzuführen. Gott fordert uns direkt auf, in Aufrichtigkeit verantwortlich für unsere Werke, sprich Taten zu sein, um uns zu belohnen.

    Wenn wir aufrichtig sind, werden wir von schlechten Taten abgehalten, wie z. B. der Prophet Yusuf, als er von der Frau seines Gebieters bedrängt wurde. In Sure Yusuf:24 können wir lesen: „Doch sie begehrte ihn. Und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht ein Zeichen von seinem Herrn gesehen hätte. Dies (geschah), um Schlechtigkeit und Schändlichkeit von ihm abzuwehren. Er war ja einer Unserer aufrichtigen Diener.“ Aufrichtigkeit bedeutet hier: Anstrengung, um sich selbst vor einer Sünde abzuhalten, ansonsten würde er sich selbst belügen, nicht aufrichtig sein. Darum sollten wir in unseren Worten und Taten, in unseren Beziehungen und zu uns selbst unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit bewahren.

    Wie schon gesagt ist Aufrichtigkeit ein Wesenszug des Charakters, nicht nur in der Religion, sondern ein ethischer Grundbestandteil. Er erweckt in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, und somit allen Menschen wird in Sure Al-Hud:112 aufgetragen, sich im Glauben, in Wort und Tat niemals von diesem Wesenszug zu entfernen. Da steht: „Verfolge denn den rechten Kurs, wie dir von Gott geboten worden ist, zusammen mit allen, die sich mit dir zu Ihm gewendet haben und keiner von euch soll sich auf anmaßende Weisebenehmen: denn wahrlich, Er sieht alles, was ihr tut.“ Verfolge den rechten Weg bedeutet: Sei aufrichtig!

Gott als Ar-Rahman wendet sich hier nicht nur an Muslime, sondern an die gesamte Menschheit, nicht über die Grenzen der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit hinauszugehen.

   Alle Propheten führten ein höchst aufrichtiges Leben und luden alle Menschen, die sie erreichen konnten, zu solch einer Lebensführung ein, für die sie selbst Vorbilder darstellten. Der Prophet Muhammad antwortete einmal einem Gefährten, der um einen Ratschlag bat: „Sag: ‚Ich glaube an Allah‘ und sei aufrichtig.“ Dieses Hadith finden wir bei Muslim.  Hier wird auf die Wichtigkeit der Aufrichtigkeit im Glauben hingewiesen. In einer anderen Überlieferung sagte Muhammad: „Entfernt euch nicht von der Aufrichtigkeit. Denn die Aufrichtigkeit führt den Menschen zum Guten und das Gute führt ins Paradies. Hütet euch vor der Lüge, denn die Lüge führt den Menschen zur Sünde und die Sünde führt in die Hölle.“  Das ist zu finden bei Buchari.

    Wenn ein Mensch in Wort und Tat seinen Mitmenschen und auch sich selbst gegenüber stets aufrichtig bleibt, pflegt und festigt er das Vertrauen in sich selbst und zu seinen Mitmenschen, zu der Gesellschaft. Und wo Vertrauen ist, dort entsteht Freundschaft, Zuneigung und Respekt. Menschen, die Teil einer solchen Gesellschaft sind, haben ein besseres Wohlbefinden und ein gutes Gefühl für Sicherheit.

    Amin ist ein arabischer Name mit der Bedeutung „gewissenhaft“ oder „vertrauenswürdig“, und ich denke, da könnten wir auch aufrichtig dazu sagen. Schon bevor Muhammad Gottes Gesandter wurde, genoss er unter den Leuten in Mekka großen Respekt und Beliebtheit aufgrund seiner Tüchtigkeit, Wahrheitsgetreue und Vertrauenswürdigkeit. Die Mekkaner ließen ihre Wertsachen bei ihm aufbewahren, sie waren dort so sicher wie in einer heutigen Bank. Sie nannten ihn „al-Amin- der Vertrauenswürdige.“ Kann man noch aufrichtiger und vertrauenswürdiger sein als er?

     Aufrichtig sein ist wohl die wichtigste Handlung des Herzens und der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Handlungen und auf dieser Grundlage wird Gott unsere Taten entweder annehmen oder ablehnen.

   Und so bitte ich Gott, unsere aufrichtigen und ehrlichen Bemühungen anzunehmen.

Manaar

Tim Marshall

Toleranz

Toleranz 

 

Tim Marshall
Tim Marshall

Ich möchte heute über Toleranz sprechen. Wir begegnen heutzutage ständig Leuten aus anderen, uns fremden Kulturkreisen, manchen mit offenem Herzen oder abweisend, misstrauisch. Aber allzu oft wissen wir nicht, wie wir ihnen begegnen sollen, unterschwellige Angst oder Scheu oder unmissverständliche Geringschätzung und Unfreundlichkeit ist unser unsichtbarer Begleiter.

Es heißt, wir sollen tolerant sein. Aber was bedeutet eigentlich Toleranz?

    Die Erklärung ist leicht, aber die Ausführung?

    Toleranz bedeutet allgemein, wenn ich etwas gelten oder jemanden gewähren lasse, wie z.B.  eine Duldung anderer Meinungen oder Weltanschauung, Handlungsweisen und Sitten. Es ist damit aber keine Gleichberechtigung gemeint, so wie es heute oft verstanden wird.

     Das Verb tolerieren kommt aus dem lateinischen Wort ‚tolerare‘   und bedeutet so viel wie erdulden, ertragen, duldsam sein, großzügig sein. Das Gegenteil ist die Intoleranz, also keine andere Meinung oder eine Weltanschauung wird gelten gelassen.

   Ein einfaches Beispiel: Ich unterhalte mich mit jemanden, der ein miserables Benehmen zeigt, aber er hat interessante Ideen. Nun muss ich mich entscheiden, gehe ich weg, weil mir echt sein Benehmen auf den Geist geht oder übersehe ich seine Manieren, also ich toleriere sie, und lasse mich von seiner Begeisterung anstecken.

    Wir finden beide Begriffe vor allem im Zusammenhang mit dem Umgang und der Regelung von Konflikten in sozialen Systemen. Da ist besonders der gegenseitige Respekt des Einzelnen oder einer Gruppe gegenüber einem anderen oder einer Gruppe sowie deren Meinung gefragt. So kann im politischen und gesellschaftlichen Bereich Toleranz auch als eine Antwort einer feststehenden Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber anderen Gruppierungen mit abweichenden Überzeugungen gelten, die sich in die herrschende Gesellschaft nicht so leicht  integrieren lassen. Insofern schützt die Toleranz einerseits die bestehende Gesellschaft, da man die fremden Auffassungen zwar zur Kenntnis nimmt, aber sie nicht unbedingt übernehmen muss. Andererseits schützt die Toleranz aber auch die Meinungen oder Werte der Mitglieder der anderen Gruppierung vor Repression oder Ausgrenzung und gilt insofern als eine Grundbedingung für Humanität. So ist Toleranz auch die Vorbedingung einer friedlichen Auseinandersetzung um miteinander ringende Wahrheitsansprüche.

     So die Theorie. Ein anderes simples Beispiel: Beim Teetrinken frage ich mein Gegenüber: „Wie trinkst du am liebsten deinen Tee?“ „Sehr stark und mit vieeeel Zucker.“ „Igitt“, rufe ich entsetzt aus, „da schmeckt doch der ganze Tee nicht mehr!“ „Na und? Mir aber!“ Ich schüttele entsetzt meinen Kopf und denke dabei an mein großes Schubfach mit vielen unterschiedlichen Teesorten. Der Gedanke, ihn für so viel Geschmacklosigkeit auszulachen, kommt mir zum Glück nicht. Schulterzuckend stelle ich fest: „Ich muss ja nicht deinen Tee trinken. Du trinkst deinen Tee und ich meinen.“

     Ich komme später noch auf eine ähnliche Formulierung.

   Ich toleriere also den Geschmack meines Gegenübers und er auch, denn ich zwinge ihn nicht, so zu trinken wie ich meinen Tee trinke.  Ihr kennt sicher viele ähnliche Beispiele.

   Zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte in Europa die Renaissance durch den entstehenden Humanismus und auch durch die Reformation eine Entwicklung in Gang, die zur Entstehung einer neuen Toleranzidee führte. Luther verfasste Schriften, in denen er von einer weltlichen Obrigkeit ausging, der Anfang einer Trennung vom Weltlichen und Geistlichem, also von Staat und Kirche.  Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 begründete die Menschenrechte: Gleichheit, Recht auf Leben und Freiheit, einschließlich der Religionsfreiheit. Das Bekenntnis zur Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz setzte historisch ebenfalls den Glauben an die Gleichheit der Menschen vor Gott voraus. Im Zeitalter der Aufklärung wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen. Der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird auch über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder. Der Philosoph Voltaire sprach sich in seiner Schrift aus dem Jahr 1763 über die ‚Abhandlung über den Toleranzgedanken‘, über eine uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit aus. So gilt in Lessings 1779 veröffentlichtes Drama „Nathan der Weise“ die Ringparabel als eine zeitgenössische Formulierung des Toleranzgedankens, bezogen auf die drei großen monotheistischen Religionen. Das bedeutet Toleranz eines jeden Menschen hinsichtlich seiner Religion und Meinung.

      Und heute? Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck fasst das ganz prima zusammen: Toleranz meint keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken und Tun anderer, sie bedeutet auch nicht Nachgiebigkeit und Akzeptanz anderer Meinungen. Die Betonung liegt auf dem friedlichen und respektvollen Zusammenleben der Menschen mit ihren Unterschieden. Tolerant wird aber erst erforderlich bei einem Zusammenleben, das wegen der Unterschiede nicht als bereichernd, sondern sogar als belastend empfunden werden kann, also trotz der Unterschiede. Es ist nicht selbstverständlich, Toleranz zu üben und sie muss im Zusammenleben erst erlernt werden.

     Er meint: Die Fähigkeit und Bereitschaft, das Anderssein des anderen ist zu akzeptieren und auszuhalten. Toleranz lässt das andere und den anderen leben. Ohne Toleranz hätte sich die Menschheit aufgrund ununterbrochener Kämpfe längst selbst vernichtet.

   Es gibt unterschiedliche Arten von Toleranz:

      Toleranz bei Differenzen: Toleranz wird erst dann erforderlich, wenn jemandem eine Differenz gegenüber dem anderen erkennbar stört. Toleranz ist dann nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit zu setzen. König Friedrich II. von Preußen hat das kleine Sprichwort geprägt: „Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden.“

     Toleranz als Zumutung: Das Gebot von Toleranz fordert von allen Seiten auf, zu ertragen, zu erdulden, zu respektieren, aber nicht gutzuheißen. Wir alle sind aufgefordert, z.B. die Geschlechtsidentität (z.B. während der Arbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit) des anderen anzuerkennen. Muslime sind in einer Demokratie angehalten, ebenso die Religionsfreiheit oder Lebensweisen anderer anzuerkennen.

    Toleranz als Duldung kann z.B. in einem muslimischen Land die Duldung von nichtmuslimischen Bürgern sein. Dabei sind sie aber immer abhängig vom Grad der Duldung. Auch in einer Demokratie gibt es Toleranz als Duldung, z. B. ein Oben-Unten-Verhältnis, Chef und Arbeiter, Direktor und Untergebener. Der eine legt fest, der andere muss die Anweisung dulden. Wie Gauck feststellt, bedeutet die Gleichberechtigung der Akteure nämlich nicht, dass Inhalte, Ziele und Urteile als gleichwertig erachtet werden. Beispiele dafür sind: Katholiken bzw. viele Leute halten die Abtreibung für eine schwere Sünde, sie müssen sie aber hinnehmen. Die muslimischen Gäste in unserer Moschee müssen hinnehmen, dass ich als Frau predige und vorbete, da wir in einer Moschee sind, deren Mitglieder das gutheißen, also als richtig erachten, auch wenn der Gast darin eine Missbilligung sieht. Toleranz als Duldung muss nicht beleidigend sein. Beleidigend wird Missbilligung erst dann, wenn hässliche Worte fallen.

   Toleranz als Koexistenz: Diejenigen Personen oder Gruppierungen, die toleriert werden, verdanken dies meist ihrer eigenen Stärke, die ihr Gegner nicht bekämpfen kann, oder durch politische Einsicht, die sie zur friedlichen Kooperation zwingt, etwa während der Zeit von Nichtangriffspakten.

     Für Diskriminierungen jeglicher Art darf es keinerlei Toleranz geben. Aber Toleranz ist erlernbar und sie muss von jedem Einzelnen, von jeder Gesellschaft immer wieder neu erworben werden, da sie ja immer wieder durch ‚Andere‘ konfrontiert werden und sie darauf reagieren müssen. Aber sie gibt auch die Chance, durch das ‚Neue‘ sich auf

     Nun will ich eine Brücke schlagen zur Sure 109, „al-Kafirun“- „Die Ungläubigen“.

Viele muslimische Gruppen weisen mit dieser Sure darauf hin, dass der Islam keine religiöse Toleranz kennt.

„Sprich: Oh ihr Ungläubigen!

Ich verehre nicht, was ihr verehrt,

Noch verehrt ihr, was ich verehre.

Und ich werde nicht verehren, was ihr verehrt,

Noch werdet ihr verehren, was ich verehre.

Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

    Die Sure richtet sich an Ungläubige und sie ist an die Mekkaner gerichtet. Aber dennoch will ich anmerken, dass ich die Bezeichnung ‚Ungläubige‘ nicht ganz für richtig erachte, denn sie glaubten ja ebenfalls, wenn auch an viele Götter, unter anderem an den Einen, an Allah. In dieser Sure, die mit der Aufforderung „Sprich“ beginnt, legt Gott seinem Propheten Mohammad die Worte in den Mund, die er an seine mekkanischen Landsleute richten soll. Ihnen soll einfach nur deutlich klargemacht werden, dass Mohammad einen anderen Glauben hat als sie, mehr nicht, keine Abwertung, nur eine Feststellung. Der letzte Vers leitet daraus die Forderung ab: „Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

       Es geht hier nicht um irgendwelche Religionsfreiheit, sondern lediglich um Mohammeds eigene Religion.  Er predigte eine neue Religion, den Islam, der auf einem strikten Monotheismus beruhte. Deswegen waren die vielgläubigen Mekkaner darüber empört und begannen Mohammed anzufeinden. Dagegen verwahrt er sich in dieser Sure und besteht auf das Recht auf seinen eigenen Glauben. Muhammad musste zu diesem Zeitpunkt noch die Vielgläubigen bis zu einem Zeitpunkt dulden, aber er konnte mahnen.

    Mir gefällt die Übersetzung von Muhammad Asad besser:      

 Sag!: Oh ihr, die ihr die Wahrheit leugnet!

 Ich bete nicht an, was ihr anbetet.

Und ihr betet auch nicht das an, was ich anbete.

Und ich werde nicht das anbeten, was ihr angebetet habt,

und ihr werdet auch nicht das anbeten, was ich anbete.

Für euch euer Moralgesetz, und für mich meines.“

     Ich kann die Sure auch so sehen: Es gibt unter den Zuhörern auch Christen wie du Hans. Sie glauben an die Dreifaltigkeit. Für mich ist Jesus nur ein verehrter Prophet. Du denkst so und ich so, aber ich kann deinen Glauben tolerieren und du kannst meinen Glauben tolerieren, denn wir beide glauben an den einen Gott. Unsere Handlungen sind das letzte Indiz und deswegen kann ich dich sogar akzeptieren, das Höchste der Toleranz. Das soll schon ein Hinweis auf meine nächste Predigt sein.

   Zusammengefasst: Heute stoßen immer wieder fremde Kulturen und mit ihnen die damit verbundenen Unterschiede, unbekannte Gewohnheiten oder Sitten, verschiedene Meinungen oder politische Ausrichtungen aufeinander. Da ist unbedingt Toleranz gefragt, das Hinnehmen dieser anderen Überzeugungen, Verhaltensweisen, Vorlieben oder gerade in aktuellen Zusammenhängen auch Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Ein tolerantes Verhalten zeigt sich dadurch, dass jeder nachsichtig, respektvoll und freundlich behandelt wird oder seine Religion frei ausleben lässt.

Man kann ein anderes Verhalten vielleicht nicht ganz nachvollziehen oder verstehen, doch anstatt den anderen eines Besseren belehren zu   wollen oder diesen gar zu verspotten oder zu verachten, kann man die Unterschiede hinnehmen und dulden.

    Übrigens, mir gefällt, was der Islamwissenschaftler Milad Karimi festgestellt hat: Wir Deutschen sind ein bequemes Volk geworden, waren zufrieden mit unserem Glück, Frieden und Freiheit. Plötzlich wurden wir aus unserem Dornröschenschlaf herausgerissen durch Flüchtlinge, die mit einem Mal vor unserer Haustür standen. So richtig konnten wir nichts mit ihnen anfangen, die einen hießen sie willkommen, die anderen wollten sie lieber wieder loswerden. Aber ob wir es wollten oder nicht, alle mussten ihre Komfortzone verlassen und sich mit fremden Einflüssen auseinandersetzen. Und das bedeutet für unser Land eine große Chance in vielerlei Hinsicht.

Manaar

                                                                                                                 

Bobby Burch

Noah

 

Eine Khutba über den Propheten Noah

 

Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Seid herzlich begrüßt zum heutigen Freitagsgebet.

Bobby Burch
Bobby Burch

In meiner letzten Khutba ging es darum, woher die Sure Al-Baqara ihren Namen hat, und ich sprach in diesem Zusammenhang insbesondere über die Kinder Israel und den Propheten Moussa. Dies brachte mich auf die Idee, heute über einen weiteren Propheten zu sprechen. Heute geht es um Nuh, also Noah.

 

Als die Menschheit bereits eine lange Zeit auf der Erde weilte, wurde sie wohl recht selbstsicher in ihrem Tun und muss recht wohlhabend gewesen sein, denn Allah entsandte seinen ersten Propheten nach Adam. Noah gehört zu den großen, oder bekanntesten, von ihnen. Die weiteren sind Ibrahim, Moussa, Issa und Mohamed. Abraham, Mose, Jesus und Mohamed. Aber warum werden überhaupt Propheten zu uns gesandt?

 

Im Laufe der Menschheitsgeschichte sandte Allah immer dann Propheten zu uns, wenn wir uns als Menschen an bestimmten Regeln vergingen oder wesentlichen Irrtümern erlagen. Der erste Irrtum ist die Annahme, keinen Gott zu brauchen, selbst Schöpfer unseres Glücks sowie unseres Reichtums zu sein. Dazu gehört auch, aus Überheblichkeit die Armen nicht am eigenen Einkommen zu beteiligen, sondern in selbstgefälliger Manier unsere Besitztümer als rechtmäßiges, uns frei zur Verfügung stehendes Eigentum zu betrachten. Die Reichhaltigkeit unserer Speisen beispielsweise nicht darauf zurückzuführen, dass wir durch Allahs Barmherzigkeit und Liebe versorgt werden, sondern in undankbarer Weise davon auszugehen, dass sie uns mit größerer Selbstverständlichkeit zustehen als anderen.

Ein weiterer Irrtum, der immer mal wieder Propheten auf den Plan ruft, sind unterdrückerische Praktiken, auch z.B. im Bereich der Sexualität. Hierzu gehört, Menschen zu benutzen, statt in einvernehmlicher Weise mit ihnen zu verkehren. Den Propheten geht es um die Anerkennung der Menschen mit ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit statt Ausbeutung. Ausschweifungen und Unterdrückung, also das Fehlen der Wertschätzung des Anderen, oder der Schöpfung insgesamt, sind Verhaltensweisen, sind sozusagen Exzesse, die zur Religion der Mitte nur wenig passen. Dankbarkeit, Wertschätzung und Gerechtigkeit werden angemahnt.

 

Offensichtlich ist es ein weiterer Fehler, Allah andere Götter zur Seite zu stellen. Mit scheinbar unbarmherziger Strenge weist Allah uns zurecht, wenn wir Götzen verehren. Uns ist inzwischen längst klar, dass damit in der heutigen Welt weniger die selbstgemeißelten Steingötterchen vergangener Jahrhunderte gemeint sind, als vielmehr unsere Vergötterung aller möglichen Dinge. Die Vergötterung unserer materiellen Statussymbole, unseres Aussehens, unserer Kinder, unserer Ansichten, unserer Selbst. Es ist erstaunlich, dass nicht jetzt gerade jemand unterwegs ist, uns als Prophet oder Prophetin zu begegnen und auf unseren recht mächtigen Egozentrismus zu verweisen.

 

So waren also die Leute in der Zeit von Noah uns hier und heute nicht sehr unähnlich, aber uns vielleicht in ihrer Überheblichkeit und Intoleranz noch weit voraus. Allah sandte Noah zu ihnen, damit er ihnen erkläre, dass sie vor einer drohenden Vernichtung errettet werden könnten, wenn sie abließen von der Verherrlichung und Heiligung ihrer selbst ernannten Götter. Shirk ist das arabische Wort dafür, andere Götter neben Gott zu stellen. Ich möchte noch einen Moment bei diesem Gedanken verweilen, bevor ich in der Geschichte weitergehe, weil ich ihn befremdlich finde. Es hört sich so ganz nach einem patriarchalischen, eifersüchtigen Gott an, der keinen anderen Gott neben sich duldet. In meiner eigenen Auseinandersetzung  kann ich dem Konzept der Absolutheit des Monotheismus, dann Sinn entnehmen, wenn es darauf verweisen will, dass es viele Namen für Gott gibt und viele unterschiedliche Ansichten über ihn, doch es immer dasselbe Wesen oder Wesenhafte ist, auf das wir uns beziehen. Die Deutung des strengen Gebots des Monotheismus hat sich also in den Jahrhunderten verändert. Ging es früher darum, keine selbstgebauten Götzen anzubeten, geht es heute zum Einen darum, das Selbst und das Materielle nicht zu vergöttern, zum Anderen um die Erkenntnis, dass alle Menschen, die an einen Gott glauben, darin geeint sind, denn es gibt nur diesen einen. Ist er Energie und wir tragen diese Energie in uns, sind wir alle vom göttlichen durchdrungen. „Alle“ heißt dann, dass kein Grund zur Überheblichkeit besteht.

 

Vordergründig sieht es so aus, als schicke Allah Propheten und Engel als Boten von Vernichtungsszenarien und Höllenfeuer. Doch ist dies, so glaube ich, unsere kulturelle und gewissermaßen selbstgewählte Perspektive oder selektive Wahrnehmung oder Lesart. Doch dazu später mehr. Nun zur Geschichte.

 

950 Jahre lang sprach Noah zu dem Volk bei dem er lebte, dass es sich dem einen Gott zuwenden solle. Es solle ablassen von seinem arroganten Gehabe und von der Vorstellung, ein Recht auf Reichtum zu haben. Es solle ablassen von der Vernachlässigung der Armen und solle Gott keine Götter zugesellen. Es solle mit gleichem Maß messen und sich in Wertschätzung üben.

 

950 Jahre, eine Zahl, über deren mystische Bedeutung wir nur spekulieren können, bat Noah die Menschen um Einsicht. Doch sie verspotteten ihn und sprachen: „Wenn Allah uns einen Botschafter schicken wollte, hätte er einen Engel geschickt. Du bist nur ein einfacher Mensch“. Und sie sahen, dass die Armen Noah folgten und an ihn glaubten. Daher spotteten sie noch mehr und sagten, siehst du nicht, dass dir nur die Armen folgen? So ist deine Botschaft für uns einflussreiche Menschen bedeutungslos. Wir sind uns selbst genug und brauchen deinen Gott nicht. Auch Noahs Ehefrau war von ihrer Eigenmächtigkeit überzeugt, sowie auch einer seiner Söhne.

 

Nach 950 Jahren endlich sprach Allah zu Noah, er habe die Menschheit nun lange genug gewarnt. Allah würde eine große Flut schicken, die die gesamte Erde bedecken würde und Noah solle ein Schiff bauen, um sich und seine Familie zu retten. Noah hatte vier Söhne. Sem, Ham, Yapeth und Yam. Einer von ihnen, wahrscheinlich Yam, sagte: „Mir wird schon nichts passieren. Wenn eine Flut kommt, steige ich auf einen hohen Berg“.

 

Noah bat ihn, später auch mit einzusteigen, doch er lehnte es von vorneherein ab und änderte bis zum Ende nicht seine Meinung.

 

Allah sagte auch, Noah solle von jedem Tier auf der Erde ein männliches und ein weibliches Exemplar mit auf das Schiff nehmen, damit sie später die Erde wieder bevölkern könnten.

 

Das Volk lachte derweil über ihn: „Noah baut ein Schiff auf einem Berg! Sirt najar ja nuh fakarnak nebi“ Bist du ein Schreiner geworden, oh Noah? Wir dachten du seist ein Prophet?“ Als Noah das Schiff endlich fertiggestellt hatte, sprach er: Vers 41. „Steigt ein in dieses Schiff. Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern. Siehe mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend. Ein Gnadenspender“. Und so begann es zu regnen und die schwarzen Wolken brachen bis die Wasser des Himmels und das Wasser auf der Erde zusammentrafen und die Fluten hoch schlugen.

Inmitten dieser Fluten sieht Noah seinen Sohn auf einem hohen Berg stehen und noch einmal ruft er ihn,  in das Schiff zu steigen. Irkab ja bunnaya. Irkab.

Er ruft nicht „Sohn“ oder „Kind“, sondern er verwendet die Koseform des Wortes Ibni – also Sohn – nämlilch bunnaya. Eigentlich heißt es „Söhnchen“, doch weil dies in der deutschen Sprache eher ein kleines Kind konnotiert, wird bunnaya im Allgemeinen mit „mein geliebter Sohn“ übersetzt. Der Vater sieht sein eigenes Kind von den Fluten überwältigt und ruft in größtem Schmerz: ya bunnaya, irkab ma’ana wa la takun ma’ alkafirun!

 

Vorlesen aus dem Koran 11:41 bis 45

So sagte er zu seinen Anhängern: Steigt ein in dieses Schiff! Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern! Siehe, mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend, ein Gnadenspender!

Und es trieb dahin mit ihnen in Wellen, die wie Berge waren. In diesem Moment rief Noah aus zu seinem Sohn von sich, der sich ferngehalten hatte: O mein lieber Sohn! Steige ein mit uns, und bleibe nicht mit jenen, die die Wahrheit leugnen! Aber der Sohn antwortete: Ich werde mich zu einem Berg begeben, der mich vor den Wassern schützen wird.

Noah sagte: Heute gibt es keinen Schutz für irgend jemanden vor Gottes Urteil, außer für jene, die seine Barmherzigkeit verdient haben.

Und eine Welle erhob sich zwischen ihnen und der Sohn war unter jenen, die ertränkt wurden.

Und das Wort wurde gesprochen: O Erde, verschlinge deine Wasser! Und o Himmel, beende deinen Regen.

Und die Wasser sanken in die Erde, und der Wille Gottes war geschehen, und die Arche kam auf dem Berg Dschudi zum Halten.

Und das Wort wurde gesprochen: Hinweg mit den Leuten, die Übles tun!

Und Noah rief aus zu seinem Erhalter und sagte: Oh mein Erhalter! Wahrlich mein Sohn gehörte zu meiner Familie, und wahrlich, dein Versprechen wird immer wahr, und du bist der Gerechteste aller Richter. ….

 

Vers 48: Daraufhin wurde das Wort gesprochen: Oh Noah! Steige aus in Frieden von Uns und mit unseren Segnungen über dich und über die Leute, die mit dir sind, und die Rechtschaffenen, die von dir abstammen werden und von jenen, die mit dir sind.

 

Als Noah also lange auf dem Wasser getrieben ist, beginnt er, jeden Tag eine Taube auszuschicken. Eines Tages kommt sie zurück und hat einen Olivenzweig im Schnabel. Da weiß er, dass die Fluten sich senken. Wieder und wieder entlässt er die Taube. Und als sie eines Tages mit Erde an den Füßen zurückkehrt, verlassen die Geretteten endlich das Schiff. Sie lassen sich nieder, um die Erde zu bevölkern.

 

Die Geschichte Noahs lässt sich lesen, gebrauchen und missbrauchen als Geschichte über den unbedingten Gehorsam gegenüber einem unbarmherzigen Gott, der darauf aus ist, uns zu strafen und letztlich zu vernichten, wenn wir nicht genau das tun, was er erwartet. Die Geschichte reiht sich ein in die von Ibrahim, der seine Frau Hagar in die Wüste bringt, gottergeben bereit ist, seinen Sohn zu opfern, oder die von Yunis, der seine Zeit im Wal verbringt, statt gleich nach Ninive zu gehen, wie es ihm befohlen wurde, oder Hud, der nicht lange nach Noah zu dem militanten Stamm der Aad kommt. So birgt die Geschichte als eine über den unbedingten Gehorsam eine immense Gefahr, doch genau diese Lesart scheint unvermeidlich. Das liegt aber eben nicht daran, dass die Geschichte Noahs Gehorsam und Strafe so stark betont, sondern daran, dass wir gewohnt sind, sie so zu verstehen. Unser Lesen ist immer kulturelles Lesen, d.h. wir lesen die Geschichte so, weil wir in unserer realen Welt genau dieses Muster finden. Jeder kennt es – von zu Hause, aus der Schule, von überall. Wenn du nicht gehorchst, musst du auf dein Zimmer gehen, werden dir Privilegien entzogen. Wenn du nicht machst, was Mama sagt, ist sie traurig, und du hast ein schlechtes Gewissen. Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, bekommst du schlechte Zensuren, wird nichts aus dir, wirst du in den Anforderungen des Lebens ertrinken. Dies sind unsere verinnerlichten Philosophien. Beim Lesen der Geschichte von Noah erkennen wir unseren Alltag wieder und sie erscheint uns als stimmig. Doch bringt unsere Realität überhaupt erst diese Deutung hervor, und diese Deutung schafft wiederum unsere Realität.

Was sich wie logische Stimmigkeit anfühlt ist damit eigentlich eine Tautologie, d.h. die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz. Ein Teufelskreis.

 

Es gibt aber doch noch andere Deutungen. Noahs Arche wird oft als riesiges rundes Schiff dargestellt. Das menschliche Unterbewusstsein hat diese keineswegs selbstverständliche Form sehr passend ausgewählt und hier nämlich ganz richtig festgestellt, dass es sich metaphorisch um einen riesigen Uterus handeln kann. Die Arche ist der mythologische Bauch der Schöpfung, in den stets ein männliches und ein weibliches Teil eintreten, Sperma und Ei sozusagen, um aus diesem Bauch letztlich eine neue und gute Schöpfung hervorzubringen. So wie die Frau das Kind gebiert, gebiert die Arche die Schöpfung. Es ist eine gute Schöpfung, denn alles Schlechte wird zurückgelassen.

Dabei ist es auch bemerkenswert, dass von allen Tieren je ein Männlein und ein Weiblein eintreten, außer von den Menschen. Hier kann jeder dabei sein, der gerne möchte. Gott hat zwar alles vorbestimmt, doch wird hier zugleich unser eigener Wille betont, so zu handeln, wie wir es gerne möchten. Wer eintreten mag, ist herzlich willkommen. Während die  zurückbleibenden Tiere verenden, egal ob sie Gutes oder Schlechtes getan haben, wird der Mensch nur dann zurückgelassen, wenn er nicht einsteigen mag. Möchte er jedoch einsteigen, so steht ihm dies jederzeit frei, ohne einen Blick auf die Vergangenheit. Die Arche kann damit gedeutet werden als Befreiungssymbol, Symbol der Möglichkeit steter Erneuerung jedes Einzelnen. Wenn du magst, steig ein. Ändere jederzeit dein Leben, gebäre dich neu.

Ich möchte noch eine andere kurze Deutung anfügen, eine, die wir auch in unserer Realität wiederfinden. Als ich bereits meine ersten vier Kinder bekommen hatte, ging ich zurück zur Schule, machte mein Abitur. Anschließend studierte ich an der FU, bekam währenddessen zwei weitere Kinder, und so zog sich die ganze Bildungszeit über gut 15 Jahre hin. So gut wie ausnahmslos jeder machte sich damals über mich lustig und meinte, ich würde pensioniert werden, bevor ich überhaupt zu arbeiten begänne. Kein Mensch glaubte daran, dass ich irgendwann in meinem Beruf arbeiten würde. Als schließlich alle Prüfungen bestanden waren, begann ich zu arbeiten – in meinem Beruf. Und das tue ich noch heute. Wie Noah, der seine Arche baute, weil er es wollte, arbeitete ich beständig an meiner Qualifikation, weil ich es wollte. Ungeachtet des Spotts, der in meinem Fall zum Glück nicht wirklich boshaft war.

Seyran arbeitet an etwas, was noch viel mehr Spott – auch boshaften Spott – erntet und bleibt dennoch dabei. Sie ist von ihrer Mission überzeugt. Keiner muss einsteigen, aber wer möchte, ist willkommen.

Vielleicht hat jeder seine Arche und baut daran, und die Geschichte sagt uns, am Ende sind wir glücklich. Am Ende der manchmal mühseligen Arbeit sehen wir Land mit Olivenzweigen , und unsere ausgesandten Tauben haben Matsch an ihren kleinen Füßchen – wir können an Land gehen. Die Geschichte Noahs ist keine Geschichte über den Gehorsam, sondern eine Geschichte über die selbstverantwortliche, freudvolle, manchmal mühselige  Gestaltung unserer eigenen Welt, ungeachtet der Bewertungen anderer. Noahs ist nicht die Geschichte von Gehorsam, sie ist vielmehr eine Geschichte über  Empowerment und Selbstverwirklichung. Und wer einsteigen möchte, ist willkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doruk Yemenici

Al Baqara

Al Baqara

 

Doruk Yemenici
Doruk Yemenici

Seit diesem Schuljahr habe ich die Dritte. Das heißt ich bin Klassenlehrerin der dritten Klasse einer Berliner Grundschule. Wir Lehrerinnen sagen nicht: „Ich arbeite als Lehrerin“, wir sagen: „Ich bin Lehrerin“. Es ist eine freundliche Geste des Berliner Senats, uns für das zu bezahlen, was wir sind. Andere Angestellte werden für das bezahlt, was sie tun.

Um ihr Wohlbefinden bemüht, frage ich meine Drittklässler am Ende jeden Schultages, was ihnen denn heute am besten gefallen habe. Natürlich kommt immer wieder: Die Pause, das Mittagessen, aber auch die Deutschstunde oder die Mathestunde, und das selbst, wenn der Stoff hart erarbeitet oder geduldig geübt werden musste. Kinder lernen gerne. Wenn man ihnen in der Schule nichts Vernünftiges zum Lernen anbietet, werden sie unruhig und gehen einem mächtig auf die Nerven.

Dabei hat jeder seine eigenen Vorlieben und Talente. Werde ich gefragt, was früher mein Lieblingsfach war, so sage ich immer „Englisch“. Unsere Lehrerin gab uns damals englische Namen, ich hieß leider Susan, aber immerhin nicht Susanne, und wir schlüpften in die Rolle englischer Kinder der 1970er Jahre. Es machte unendlich Spaß. Heute arbeite ich an einer Deutsch-Amerikanischen Schule, und das ist sicher kein Zufall. Meine Liebe zum Fach Englisch hat sich auf den Beruf ganz direkt ausgewirkt.

Mein anderes Lieblingsfach, und das hatte ich bis Mittwochabend vollkommen vergessen, war der Religionsunterricht. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ja nun hier in der Moschee genau das tue, wozu mein Lieblingsfach Englisch in der weltlichen Welt geführt hat. Ich bin Imamin. Ich arbeite hier nicht als Imamin, sondern ich bin eine. Das hatte ich nicht miteinander in Verbindung gebracht. Die eigene Lebensgeschichte mag für uns selbst nicht immer von großem Interesse sein, doch lohnt es sich vielleicht, sie hin und wieder zu betrachten, um ihr Freude oder Sinnhaftigkeit zu entnehmen.

 

Seit Oktober bieten wir in der Moschee einmal im Monat ein Freitagsgebet auf Englisch an. Die Integration verschiedener Lebensbereiche oder Kulturanteile unserer Selbst trägt dazu bei, uns als integre und vollständige Persönlichkeiten zu empfinden. Das führt zu einer kraftvollen Selbstverortung in der Gesellschaft. Brüche hingegen, also abgebrochene Existenzanteile, durch Flucht oder durch Nichtbestehen von Prüfungen oder durch die Scheidung sind für uns auch deshalb schwierig, weil dadurch Lebensabschnitte als sinnlos empfunden werden, als falsche Wege, die man gewählt hat, oder die man gegen seinen Willen wählen musste. Der Moment, in dem man seine geschichtlichen Anteile miteinander sinnvoll verbinden kann, führt zum einem effektiven Selbstkonstrukt, also dem Aufbau einer integren Identität. Man muss nur aufpassen, dass man dann nicht auf Neues verzichtet, weil es nicht zu einem zu passen scheint. Selbsterweiterung ist ein nicht weniger wertvolles Ziel.

 

Im Religionsunterricht meiner Kindheit hörten wir gern die Geschichten des alten Testaments. Es waren interessante und oft mystische Geschichten, zu denen wir Bilder malten von Ähren und Kühen, und wunderbaren biblischen Gestalten in gestreiften Umhängen. Oft schaute ich während des Unterrichts aus dem Fenster und fand, beim Religionsunterrichts war das Wetter immer schön. Ich erinnere mich sogar an einen speziellen Tag, an dem die Wärme der Sonne auf meinen Tisch im Klassenraum schien und ich das Gefühl hatte, direkt mit dem Kosmos und seiner liebenden Wärme verbunden zu sein. Damals war ich nicht älter als sieben, acht Jahre alt. Meine Liebe zu Gott wurde maßgeblich durch die Atmosphäre geprägt, die beim Hören von Geschichten an warmen Sommertagen entsteht, von Lehrerinnen in geblühmten Kleidern, und vom erlaubten Eintauchen in leicht geführte Welten der Fantasien.

Dass wir Menschen Geschichten lieben, habe ich schon in mehr als einer Khutba gesagt. Wir finden uns darin manchmal wieder, und freuen uns darüber. Aber manchmal bleiben sie ganz weit entfernt von unserer Wirklichkeit, und dennoch sind sie faszinierend und wundervoll.  Es liegt nicht nur an ihrem Inhalt, dass Geschichten etwas mit unserer Seele tun, sondern ebenso an der Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer. Diese Interaktion empfinden wir oft als wertvoll. Heute erzähle ich euch eine Geschichte. Wir finden sie in Sure Al Baqara, der  längsten Sure des Korans.

Als die Bani Israel vierzig Jahre mit dem Propheten Moussa in der Wüste umherirrten, wurde eines Tages ein Mann getötet. Die Menschen standen um ihn herum und fragten sich, wer ihn wohl getötet habe. Sie sprachen: „Gehen wir zu Moussa, er spricht direkt mit Gott. Lass ihn Gott fragen, was wir tun sollen.“

So wandte sich Moussa an Gott und fragte: „Was sollen wir tun? Wie können wir wissen, wer diesen Mann getötet hat und warum er getötet wurde?“ Und als er zu den Bani Israel zurückkehrte sagte er ihnen: „Gott gebietet euch, eine Kuh zu schlachten“.  Doch sie waren mit seiner Antwort nicht zufrieden. Statt eine Kuh zu finden und zu schlachten, gingen sie erneut zu Moussa und erklärten ihm, dass es viele Kühe gäbe, er solle sich bitte noch einmal an Gott wenden, und genauer sagen, welche Art Kuh sie schlachten sollten.

Wieder kehrte sich Moussa zu Allah, und als er zurückkam sagte er: „Die Kuh soll nicht zu alt sein und nicht zu jung. Also geht nun, findet eine passende Kuh und schlachtet sie“.

Doch immernoch waren die Bani Israel unzufrieden und sprachen: „Von denen, die nicht zu jung sind und nicht zu alt gibt es viele. Wende dich an Allah und sag uns: Welche Farbe soll die Kuh haben?“.

Als Moussa von Allah zu den Bani Israel zurückkehrte sprach er, sie solle gelb sein. Ein schönes Gelb solle sie haben, ein Gelb, dass das Auge erfreut. Doch selbst dies war noch nicht genug für die Bani Israel. So machte es Allah nicht leicht für sie und wollte nun eine Kuh, die weder zum Bearbeiten des Ackers genutzt wurde noch zur Bewässerung der Felder. Eine makellose Kuh sollte es sein.

Endlich waren die Bani Israel zufrieden. Sie gingen, um genau diese Kuh zu finden und fanden sie auch, die einzige Kuh, die so aussah, wie Gott es von ihnen verlangte.

Die Kuh hatte einen Besitzer. Sie gehörte einem Waisenjungen, genauer, einem Halbwaisen. Als dessen Vater starb, gab er sein Kind und seine Frau in die Obhut Allahs und betete, dass Allah sie beschützen möge. Zu seiner Frau sagte er: „Ich habe nur dieses Kalb für unser Kind, doch ich traue den Menschen nicht. Schicke das Kälbchen in den Wald.

Dort blieb es. Immer, wenn ihm jemand zu nahe kam, lief es fort. So konnte es von niemandem genommen werden.

 

Als der Junge ein gewisses Alter erreicht hatte, sagte seine Mutter, er solle in den Wald gehen, um die Kuh zu holen. Wie sollte er das bewerkstelligen? War sie doch allen anderen Menschen stets davongelaufen? Doch als er den Wald betrat, lief die Kuh direkt zu ihm. Er war es, zu dem sie gehörte.

 

Zur selben Zeit aber suchten die Bani Israel eine Kuh, die genau so aussah wie diese, die einzige. Sie fanden den Jungen und baten ihn um die Kuh. Als der Junge sah, wie wichtig ihnen genau diese Kuh war, bot er an, sie ihnen zu verkaufen. Der Preis der Kuh war ihr Gewicht in Gold.

Die Bani Israel zahlten den Preis, denn es war ein Gebot Gottes, genau so eine Kuh zu schlachten. Anschließend sprach Moussa zu ihnen, sie sollen der Kuh ein Stück Fleisch entnehmen und den getöteten Mann damit berühren. Dieser Teil der Geschichte ist kontrovers, und es gibt eine alternative Deutung, nach der es nicht um die Berührung mit dem Fleisch geht, sondern um das kollektive Bemühen. Doch dies soll nicht Thema meiner Khutba sein.

Für einen kurzen Moment wurde der Mann wieder lebendig, um zu erzählen, wer ihn getötet hatte. Er stand auf und sagte, es sei sein Neffe, der nicht länger auf sein Erbe habe warten wollen und ihn daher erschlagen hatte. Dann verstarb der Mann entgültig.

Die Geschichte endet hier und überlässt uns einen Mythos von der Wiederbelebung eines Menschen durch das Schlachten eines Tieres. Doch halte ich diesen Aspekt der Geschichte für weniger wichtig. Wichtiger scheint mir, dass es ein Mythos von Moussa ist, und dieser von Allah genaue Bedingungen bezüglich des Schlachttieres empfängt.

Kinder hören Geschichten einfach so. Wir Erwachsene wünschen uns, einen Sinn dahinter zu finden, der uns gleichsam ermöglicht, Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Wir suchen die Moral der Geschichte, damit sie uns den Weg weisen kann. Meine persönliche Deutung ist diese:

Allah hat eine einfache Anleitung gegeben. Eine Kuh sollte gefunden werden. Der zu begehende Weg war einfach. Findet eine Kuh und schlachtet sie.

So sind die meisten Aufgaben Allahs einfach. Es ist das Große Ganze, was zählt, nicht die Kleinigkeiten. Ob die Kuh jung war oder alt, ob sie groß war oder klein, all dies war Allah nicht wichtig. Er benannte es erst, als die Menschen darum baten, bzw. mehr noch: als sie darauf bestanden. Allah wäre mit jeder Kuh zufrieden gewesen. Werden wir in unserem Alltag zu penibel in unseren Fragen und Haltungen, so erfüllen wir nur einen Selbstzweck. Es würde durchaus reichen, die Dinge einfach so zu tun, wie sie uns nicht zu schwer fallen.

Sure Al Baqara erzählt in vielen Versen, dass Juden, Christen und Muslime gleichermaßen von Allah geliebt werden. Dass keiner sagen solle, die eigene Religion sei besser als die eines anderen. Es geht um das Große Ganze, nicht um Kleinigkeiten. Ja, wenn wir möchten, gibt uns Allah genaue Anweisungen, aber sie sind nicht besser oder schlechter als andere Anweisungen, nicht einmal besser als gar keine Anweisungen. Diese Freiheit wird uns manchmal von Schwestern und Brüdern abgesprochen, die wünschten, wir würden unerhebliche Details auf das Niveau wesentlicher Glaubenssätze erheben. Doch ist der Islam viel einfacher als Mancher glaubt.

 

Der Islam ist der Weg der Mitte, und zwar der Mitte in zwei Aspekten. Zum einen ist es der Weg der Mitte zwischen dem sehr orthopraktischen Weg der Juden, deren antiker Alltag geprägt war von strengen, nicht immer einsichtigen Regeln und dem andererseits vollkommen vergeistlichten Weg der Christen, die Regeln, außer den zehn Geboten, nur noch sehr geringen Wert beimessen. Das muslimisch angemessene Verhalten liegt also zwischen der besonderen Fokussierung auf externe Regeln und dem Aufgeben aller Regeln.

Zugleich ist der Islam die Religion der Mitte im Sinne einer Abkehr von jeder Härte. Dies stellt eines der Hauptthemen der Sure dar. Im Folgenden verlese ich eine Sammlung von Versen darüber, dass die Härte stets von uns genommen wird, wenn es um die Einhaltung von Regeln geht.

 

In Vers 185 lesen wir über das Fasten im Ramadan:

Darum, wer immer von euch diesen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten; aber wer krak ist oder auf einer Reise , soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet.

187

Es ist euch erlaubt, während der Nacht vor dem Fasten am Tag zu euren Ehefrauen einzugehe: sie sind wie ein Gewand für euch, und ihr seid wie ein Gewand für sie. Gott ist gewahr, dass ihr euch selbst dieses Rechts beraubt haben würdet, und so hat er sich euch in seiner Barmherzigkeit zugewandt und diese Härte von euch hinweggenommen.

178

Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt, gerechte Vergeltung ist für euch verordnet in Fällen der Tötung… Und wenn einem Schuldigen etwas von seiner Schuld erlassen wird, soll dieses Erlassen mit Fairness befolgt werden und die Entschädigung soll seinem Mitmenschen auf gefällige Weise geleistet werden. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und ein Akt seiner Gnade.

139

Sag zu den Juden und den Christen: Streitet ihr mit uns über Gott? Er ist doch unser Erhalter ebenso wie euer Erhalter – und uns werden unsere Taten angerechnet werden und euch eure Taten; und ihm allein widmen wir uns.

136

Sagt wir glauben an Gott und an das, was uns von droben erteilt worden ist, und das, was Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und ihren Nachkommen erteilt worde ist, und das, was Moses und Jesus gewährt worden ist, und das, was allen anderen Propheten von ihrem Erhalter gewährt worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnem und Ihm, also Gott, ergeben wir uns.

143

Und also haben wir gewollt, dass ihr eine Gemeinschaft des Mittelweges seid, auf dass ihr mit eurem Leben  Zeugnis für die Wahrheit vor aller Menschheit geben möget.

 

Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die sich Geschichten erzählt. Eine Gemeinschaft, die sich umeinander kümmert und sich umeinander bemüht, damit möglichst viele unserer Geschichten fröhliche Geschichten sind. Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die Andere akzeptiert und mit ihnen in einen freundlichen Dialog tritt, aus Interesse am Anderen und der eigenen Entwicklung des Denkens und Verstehens. Eine Gemeinschaft des Mittelweges verliert sich nicht in Details sondern weiß um das Große Ganze, beim Verrichten aller Tätigkeiten des Alltags und der Religion  und verliert dabei nie aus den Augen, was es bedeutet, Muslim zu sein – sich vor Gott zu verneigen, physisch und metaphysisch.

 

Die Sure Al Baqara endet mit den Versen 284 bis 286

Gott gehört alles, was in den Himmeln ist, und alles, was auf Erden ist. Und ob ihr offenlegt, was in eurem Geist ist, oder es verbert, Gott wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen; und dann wird er vergeben, wem er will. Und er wird strafen, wen er will; denn Gott hat die Macht, alles zu wollen.

Der Gesandte und die Gläubigen mit ihm glauben an das, was ihm von droben erteilt worden ist von seinem Erhalter. Sie alle glauben an Gott und seine Engel und seine Offenbarungen und seine Gesandten, ohne einen Unterschied zwische irgendeinem Seiner Gesandten zu machen und sie sagen: Wir haben gehört und wir geben acht. Gewähre uns deine Vergebung oh unser Erhalter, denn bei dir ist aller Reisen Ende!

286

Gott belastet keinen Menschen mit mehr, als er gut zu tragen vermag. Zu seinen Gunsten wird sein, was immer er Gutes tut, und gegen ihn, was immer Übles er tut.

Oh unsser Erhalter! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder unwissentlich Unrecht tun. Oh unser Erhalter, erlege uns nicht eine solche Last auf, wie du sie jenen auferlegt hast, die vor uns lebten. Oh unser Erhalter, lasse uns nicht Lasten tragen, die wir zu tragen keine Kraft haben. Und tilge du unsere Sünden, und gewähre uns Vergebung, und erteile uns deine Barmherzigkeit.

Im Gebet wenden wir uns nun zu Allah in Dankbarkeit und denken an die Worte: Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Dies ist auch ein Vorbild für uns im Umgang mit Anderen. Nicht mehr zu erwarten, als jemand frei und von sich aus anbieten kann, ist der Erwartung großer Leistungen vorzuziehen. Wenn wir uns ein Beispiel am Koran nehmen möchten, können wir es unseren Mitmenschen ein wenig leichter machen, indem wir unsere Erwartungen niedrig halten und dann all das wertschätzen, was uns von Herzen gegeben oder an uns herangetragen wird. Gnade, Barmherzigkeit, Vergebund und Erleichterung sind Beziehungswörter – Wörter der Beziehung zwischen Gott und den Menschen und Wörter der Beziehungen zwischen den Menschen untereinander. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung.

Marius Badstuber

Eine Khutba über das Wohnen?

Eine Khutba über das Wohnen?

Marius Badstuber
Marius Badstuber

Als ich vor nicht allzu langer Zeit mit meinem Partner am Fluss spazieren ging, war die Stimmung zwischen uns recht eisig. Um uns einander etwas näher zu bringen fragte ich ihn, worüber ich denn meine nächste Khutba halten könne. „Keine Ahnung“, antwortete er gelangweilt. Also schauten wir auf die Häuser entlang des Ufers, und ich schlug etwas scherzhaft vor, eine Khutba über das Wohnen zu schreiben, worauf er sagte, das sei ganz und gar keine gute Idee. Es würde Menschen nur stressen, weil sie vielleicht in ungüstigen Bedingungen wohnen, oder gar keinen angemessenen Wohnraum hätten.
„Gerade deshalb“, dachte ich mir, „wäre eine Khutba über das Wohnen nicht so uninteressant“. Das Wohnen in geschütztem Wohnraum ist zwar ein Menschenrecht, aber im deutschen Grundgesetz nicht als Recht auf eine Wohnung verankert, sondern lediglich, aber immerhin, als Recht auf ein Dach über dem Kopf in irgend einer Art Unterkunft. Das kann natürlich auch ein Mehrbettzimmer in einer Notunterkunft sein. Ich dachte darüber nach, dass Wohnraum mehr heißt, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Wohnraum ist ein geschützter Ort, an dem man ganz man selbst sein kann. Hier kann man singen, tanzen, komische Dinge tun, ohne dass es jemanden etwas anzugehen habe. Wohnraum ist auch der Ort, an dem man nach der Arbeit mit seinem Partner, seiner Partnerin, zusammenkommt, um sich auszuruhen und sich gegenseitig Geborgenheit und Sicherheit, Liebe, Freude und Mitgefühl zu schenken.

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُمْ مِنْ أَنْفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُمْ مَوَدَّةً وَرَحْمَةً ۚ إِنَّ فِي ذَٰلِكَ لَآيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُون

 

Und es gehört zu Seinen Zeichen, daß Er euch aus euch selbst Partnerwesen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.

Am Ende unseres Spaziergangs war die eisige Mauer zwischen mir und meinem Freund nicht verschwunden, sondern manifestierte sich als permanente Trennungsmauer. Er sagte mir, dass sich meine Wünsche nach einer festen Beziehung nicht erfüllen würden – und zwar weder jetzt noch in Zukunft. Ich ging nach Hause, verkroch mich unter der Bettdecke und wollte an nichts denken, am allerwenigsten an eine Khutba. Ich wusste überhaupt nichts mit mir oder der Welt anzufangen.

Doch schon am nächsten Tag regte sich ein kleines, fast unhörbares Stimmchen in meiner Brust. Es sprach: Sei du selbst. Und es flüsterte ganz leise: Du hast dich in der Partnerschaft vollkommen verloren. Erinnere dich an deine eigenen Wünsche und Ziele.
Die leise Stimme sagte auch, dass es eine wertvolle und vertraute gemeinsame Zeit war, die ich nicht als vergangen abtun sollte, sondern in mir wertvoll halten solle, als schönste der Erinnerungen. Und nicht zuletzt flüsterte die Stimme, dass dieses Geschehen vielleicht eine Sühne darstellt, für Schmerzen, die ich anderen unabsichtlich, oder gar absichtlich, zugefügt hatte. All diese kleinen Töne wollten gehört werden, und Beachtung finden. Und während ich an meinem heißen Tee nippte, forderten sie mich auf, ich selbst zu sein, sprachen von Freiheit und Freude an selbstgewählten Zielen. Leicht gesagt: Sei du selbst. Wer war das, ich selbst?

Eine Khutba musste geschrieben werden, und in meinem Kopf war ein unbändiges Durcheinander. „Wohnen“, beschloss ich, war ein fantastisches Thema für eine Khutba. Ein vollkommen emotionsloses, faktisches Thema über den Wohnraum des Propheten und seiner Frauen nach der Hidschra in Medina bot sich in diesem emotionsgeladenen Moment geradezu an, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und mein Leben zu meistern. Nun dann….

Wohnen
Als der Prophet Mohamed von Mekkah nach Medina zog, benötigte er Wohnraum für sich und seine Familie. Die immer zahlreicher werdenden Ehefrauen wollten untergebracht werden. So baute er eine Wohnanlage mit einem Innenhof, der eine Gebetsstelle enthielt und um den herum die kleinen Wohnräume seiner Gattinen lagen. Für ein wenig Privatsphäre sorgten lediglich ein paar Vorhänge, anstelle von Türen. Hier lebte Mohamed sein polygames Leben und wurde nach Möglichkeit jeder seiner Frauen gerecht, indem er reihum die Nacht mit ihnen verbrachte. Diesen Ehemann mit neun Frauen zu teilen, hieß, dass man sich auf jeden neunten Tag freuen dufte und auf die sich anschließende Nacht. Es war eines der größten Geschenke, den eigenen Tag an eine der anderen Frauen abzugeben. Sauda z.B., die Mohamed heiratete, als sie verwitwet und schon älter war, entschloss eines Tages, all ihre zukünftigen Tage an Aisha abzugeben, um dem Propheten etwas Gutes zu tun. Doch normalerweise achteten die Frauen eifersüchtig darauf, dass der Prophet ihren Tag in ihrem Wohnraum mit ihnen verbrachte. Ich bemerkte an dieser Stelle wie Ihr, dass ich mich von der Thematik des Wohnraums innerlich bereits entfernt hatte, um weit weniger die räumlichen Gegebenheiten zu betrachten, als das Leben der Gattinen des Propheten. Mein gedanklicher Weg führte mich in ihre Räume hinein, und so kam ich zu Hafsa, der Frau des Propheten und bat sie um ihre Freundschaft, die sie mir gewährte, als sie mir ihre Geschichte erzählte, die mich tröstete in meinem Schmerz, so wie zuvor Aishas Geschichte mich getröstet hatte, in meiner Eifersucht, und Khadijas Geschichte die meine Freude verstärkt hatte, in einer Zeit, als mein Leben besonders fröhlich war.
Hafsa, Tochter von Omar Ibn Al-Chattab und dessen erster Frau Zainab bint Ma’zun, war eine junge Frau unter 18, als sie Khunais heiratet. Dieser starb jedoch nach der Schlacht von Badr und ließ Hafsa im Alter von nicht mehr als 20 Jahren als Witwe zurück. Hafsas Vater Omar wollte sie erneut verheiraten, daher ging er zu Othman und fragte ihn, ob er Hafsa heiraten wolle. Othman war dafür bekannt, gerade eine Frau zu suchen, doch wandt er sich und sagte, er sei gerade nicht an einer Heirat interessiert. Omar ging nun zu Abu Bakr, um ihm dieselbe Frage zu stellen, doch dieser schwieg, was Omar veranlasste, sich beim Propheten über die beiden Sahaba zu beschweren. Doch kaum hatte er seinen Ärger kommuniziert, erfuhr er den Grund: Der Prophet selbst wollte Hafsa heiraten und sowohl Othman als auch Abu Bakr hatten davon gewusst, wollten es aber nicht preisgeben. So zog Hafsa in den Haushalt des Propheten Mohameds ein, und die Freude ihres Vaters war groß.
Hafsa, Ehefrau des Propheten Mohameds hat mir ihre Geschichten erzählt, damit ich die Stimmen in meiner Brust besser hören konnte. Denn ihre Stimmen sprachen ganz ähnliche Wörter wie meine.

Hafsa und Aisha – die Geschichte vom Fasten
Hafsa und Aisha hatten schon einige Zeit nicht mehr genug zu essen gehabt. Das war üblich im Hause des Propheten. Es musste mit sehr wenig ausgekommen werden. An etwa dem fünften Tag beschlossen Aisha und Hafsa nun auch noch, zu fasten. Als jedoch mitten am Tag ein Mann mit einer üppigen, schmackhaften Mahlzeit zu ihnen kam, konnten sie sich nicht zurückhalten. Sie brachen ihr Fasten und aßen davon, nur um gleich darauf zu bemerken, wie sie sich dafür schämten. Als der Prophet nach Hause kam, rannte Hafsa auf ihn zu und erzählte ihm sofort, was vorgefallen war, worauf Aisha sprach: Sie ist ihres Vaters Tochter.
Hafsas Vater Omar war nicht gerade für seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit bekannt. Als patriarchalische Führungspersönlichkeit hatte er wenig Neigung, sich zurückzuhalten, sondern tat seine Meinung gerne und lauthals kund. Zur Illustration: Als er eines Tages einen Streit mit seiner Frau hatte, schrie er sie an, doch zu seinem Entsetzen schrie sie schamlos zurück. „Du wagst es, mir laut zu widersprechen?“, schimpfte er. Da antwortete seine Frau: „Selbst die Frauen des Propheten tun das“.
Sofort vergaß Omar, dass er in einen Streit verwickelt war. Hafsa, seine Tochter, war eine dieser Frauen. Er lief zum Haus des Propheten, suchte seine Tochter auf, und fragte sie, ob dies wahr sei. Sie antwortete, ja es sei wahr, und manchmal sprechen wir den ganzen Tag lang nicht mit Mohamed.
Empört wies sie ihr Vater darauf hin, dass es schönere Frauen gäbe, die sich so etwas vielleicht leisten könnten, Frauen, die in der Gunst des Propheten höher standen. Aber Hafsa solle bitte gehorsam schweigen.
Es war dieser Charakter, den Aisha meinte, als sie Hafsa als Tochter ihres Vaters bezeichnete. Dabei bezog sie sich sicherlich nicht auf den Ärger, sondern die freimütige Äußerung dessen, was in ihrem Herzen wohnte.

Der Name Hafsa bedeutet „kleine Löwin“. Manchmal macht es Spaß, im „Urban Dictionary“ nach Informationen zu schauen – für den Namen Hafsa steht Folgendes. Mit Sicherheit speist es sich aus der eben gehörten Geschichte und einer weiteren, die ich gleich erzählen werde. Nicht ganz ernst nehmen bitte, was nun zunächst folgt. Das Urban Dictionary schreibt:
Hafsa ist ein arabischer Name. Er bedeutet Kleine Löwin. Menschen mit diesem Namen sind mutig und stark. Sie haben eine scharfe Intelligenz. Freundschaft bedeutet ihnen alles. Eigentlich sind sie freundich und höflich bis man sie ärgert oder verletzt. Sie kümmern sich nicht darum, was andere Leute über sie denken. Ihre Persönlichkeit ist manchmal recht verwirrend, was sie Aufmerksamkeit erregen lässt. Hafsas sind humorvoll und haben einen guten Geschmack, was die Mode betrifft. Außerdem sind sie normalerweise ziemlich attraktiv und hübsch. (eigene Übersetzung)
So viel zum Urban Dictionary.
Wie Aisha sagte: Hafsa war ein Kind ihres Vaters, und Aisha meinte genau dieses: Eine mutige starke Frau mit ihrer eigenen Meinung, die sie kundtat, auch wenn man sie bat, zu schweigen. Was hier noch fehlt ist ihre unerschrockene Ehrlichkeit bezüglich ihrer eigenen Handlungen und Gefühle. Als ich diese Geschichte von Hafsa hörte, bewunderte ich ihren Mut, sofort die Wahrheit zu sagen, ungeachtet jeglicher Konsequenzen. Die Stimme in mir wurde etwas lauter, sie flüsterte einen leisen Ton von Freiheit und Verlust – beides zugleich. Beides gab es auch in Hafsas Leben.

Die Geschichte von Hafsa und Mariah
Eines Tages, es war Hafsas Tag mit dem Propheten, bat sie ihren Mann, ihre Mutter besuchen zu dürfen. Warum sie ausgerechnet an jenem Tag gehen wollte, der doch ihr besonderer Tag mit dem Propheten war, wissen wir nicht. Jedenfalls ging sie fort, kam aber vorzeitig zurück, so dass sie unerwartet in ihr Wohnquartier eintrat. Dort traute sie kaum ihren Augen. Sie fand Mohamed, manche sagen, in einer wenig schönen Situation, mit Mariah Al-Qibtije, Mariah, der Koptin, die er vom Abessinischen Oberhaupt als Sklavin geschenkt bekommen hatte. Mariah war bei den Ehefrauen des Propheten nicht besonders beliebt. Man sagt sie sei jung und sehr schön gewesen, was die Eifersucht der Anderen erregt hätte.
Hafsa fand nun Mohamed und Mariah an ihrem Tag, in ihrem Raum, in dieser fragwürdigen Situation und machte ihrem Ärger Luft – laut und ungehalten. Solange, bis der Prophet keinen anderen Ausweg sah, sie zu beruhigen, als ihr zu versprechen, sich nie wieder mit Mariah in eine solche Situation zu begeben. Hafsa war zufrieden. Nun bat Mohamed Hafsa, dies alles niemandem zu erzählen und Hafsa versprach es ihm.
Dann ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles.

Natürlich ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles. Erstens war Aisha ihre engste Vertraute. Und zweitens hatte Hafsa einen Triumph zu feiern, der ihre hohe Position unter den Ehefrauen unter Beweis stellte. Was Aisha nicht geschafft hatte, nämlich Mariah aus dem Hause des Propheten zu verbannen, hatte nun Hafsa erreicht.
Doch war ihr Mut wohl zu weit gegangen, denn nun offenbarte Allah seinem geliebten Propheten die Sure 66, in der wir die Frage lesen, warum hast du, Mohamed, für Haram erklärt, was wir (Allah) für dich Halal gemacht haben. Dies wird sich auf Mariah beziehen. Mohamed wusste, dass Hafsa zu Aisha gegangen war, und ihr Versprechen gebrochen hatte. Er sprach die Scheidung aus. Wie wichtig das Private zwischen zwei Partnern ist, zeigt sich an dieser Stelle unmissverständlich. Die Scheidung folgt dem Bruch des Versprechens, dem Ausplaudern des Geheimen, dem, was die beiden Partner jenseits der Gesellschaft miteinander verbindet. Wir lernen hier etwas Essenzielles, das in unserer heutigen Gesellschaft meines Erachtens nach vollkommen vergessen wird. Nur durch die absolute Sicherheit, dass Vertrautes nicht nach außen getragen wird, kann Vertrauen entstehen. Vertrauen aber ist unerlässlich für jede Partnerschaft. Nur eine Ehe mit einer solchen absoluten Vertrautheit ist der Ort, an dem Mauwade wa Rahme tatsächlich wirksam werden. Diese Vertrautheit ist es vor allem Anderen, was eine Partnerschaft ausmacht und Li taskunuh ilaiha bedeutet genau dies. Hafsa erhielt ihre strenge Strafe für den Bruch des Vertrauens ihres Ehemannes.
Als diese Nachricht bei Omar ankam, war er entsetzt. Innerhalb weniger Stunden wusste ganz Medina, dass Hafsa von Mohamed geschieden war. Sie sagte ihrem Vater, dass Mohamed sehr wohl noch Gefühle für sie hatte, und es einen anderen Grund für die Scheidung gab. Und in der Tat, Mohamed harrte die reguläre Wartezeit von knapp drei Monaten aus, um sie dann zurück zur Frau zu nehmen. Er sagte, Jibreel habe ihn dazu veranlasst.

Hierin liegt meiner Meinung nach ein großer Trost für uns, wenn wir verlassen werden. Der Trost liegt darin, dass Hafsa zurückgenommen wurde. Auch wenn das bei uns nicht der Fall ist. Aber mit dieser Hoffnung zu leben wird uns helfen, über die erste Zeit der Trennung hinwegzukommen. Wir stellen uns zunächst vielleicht vor, dass alles wieder so werden wird, wie es war. Doch dann, ganz langsam, gewöhnen wir uns an die tatsächlichen Gegebenheiten und stellen nach und nach immer deutlicher fest, dass es nicht mehr so werden kann und auch nicht mehr so werden sollte. Stück für Stück, Tag für Tag, finden wir zu uns selbst zurück als Mensch außerhalb dieser Partnerschaft oder auch Freundschaft. Die Zeit des Hoffens auf eine Rückkehr hat den Zweck des emotionalen Überlebens, so lange die Trauer besonders groß ist. Zuerst sah ich Hafsa als eine Frau, die geschieden war, und dann wieder zurückging. Dann begann ich Hafsa als eine Frau zu sehen, die ungachtet aller Kosten, immer sie selbst geblieben ist. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn sie für immer vom Propheten getrennt geblieben wäre. Ihr emotionaler Impuls entsprach ihrer authentischen Art und Weise, ihre Erfahrungen zu bewerten und ihre eigene Würde zu verteidigen. Hafsa, die Ehefrau des Propheten, würde sich immer wieder entscheiden, ihre Meinung kundzutun, statt zu schweigen.
Hafsa lebte mit dem Propheten Mohamed bis er starb. Sie war es, die den Koran zweimal besaß – einmal in ihrem Herzen, und einmal in Form beschriebener Blätter. Sie war eine intelligente Frau, die lesen und schreiben konnte, eine Gelehrte, die betete und fastete. Hafsa wurde geschätzt und geehrt von ihrem Ehemann, den Sahaba und den Gläubigen, Männern und Frauen, bis heute.

Eine Frau, die so deutlich ausspricht, was gesagt werden muss, ohne Rücksicht auf Verluste, erinnert mich, dass mir meine kleinen Stimmchen nicht vorschlagen, ich selbst zu sein, sondern es von mir erwarten. Man selbst zu sein, ist Ikhlas – Aufrichtigkeit – und es fühlt sich gut an, auch wenn es nicht immer zu schönen Situationen führt. Die Vereinigung des Planes, auf der einen Seite, den Allah für uns ausgesucht hat, und die Verwirklichung unserer Vorstellungen auf der anderen Seite bringt besondere Freude. Natürlich können wir nie hundertprozentig wissen, was der Plan war. Aber wir haben doch einen deutlichen inneren Kompass, der uns sagt, was uns gut tut. Das ist wahrscheinlich das Richtige, und ich persönlich denke, es fühlt sich richtig an, und froh, weil es kongruent ist mit dem, was für uns ausgesucht wurde, weil es unsere Persönlichkeit integer und stimmig werden lässt. Andere Menschen – Menschen, die schöner, intelligenter, und besser waren als ich, hatten Dramen durchzustehen, die ihnen von Allah zugeteilt wurden und werden. Sie haben sie mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Es hat wenig Sinn, darum zu bitten, von solcherlei Schicksalsschlägen verschont zu werden. Das können wir allenfalls im Paradies erwarten. Aber lernen können wir immer. Und uns Trost suchen im Koran und in den Geschichten. Besonders vielleicht von den Personen aus dem Hause des Propheten Mohameds. Es lohnt sich ihre Freundschaft zu suchen.

victoriano izquierdo

Gottes Nähe zu dem Menschen

Beziehung Gott und Mensch oder Gottes Nähe zu dem Menschen

 

victoriano izquierdo
victoriano izquierdo

So wie jeder Gläubige, so denke ich wenigstens, habe ich mir immer wieder Gedanken über meine Beziehung zu Gott gemacht. Nein, ich zweifle nicht an Gott, Aber manchmal zweifle ich an die Beziehung Gott und Mensch, Wenn ich gebrechliche Menschen sehe, dann denke ich im ersten Moment: Gott, warum hilfst du nicht diesen Menschen?  Bei Naturkatastrophen, wenn ich im Fernsehen Menschen und Tiere sterben sehe, ist mein erster Gedanke: O Gott, hilf doch! Es ist für mich schwer begreiflich, dass Gott nicht eingreift. Und oft höre ich die Frage: Gott hat mich so viel erdulden lassen und es hat sich nichts geändert, obwohl ich Ihn darum gebeten habe. Hat Er wirklich nicht geholfen?

    Nein, ich weiß es besser: Gott lässt dieses alles geschehen, denn Er hat uns, die ganze Menschheit, verantwortlich gemacht, die Erde mit ihrer ganzen Natur und all ihren Geschöpfen zu schützen. Und aus dem Grund greift Er nicht ein. Oder doch? Ich denke – nein, ich weiß es, Er lässt uns in unserem Unglück nicht allein. Vielleicht mildert Er das Unglück, vielleicht hätte es uns schlimmer getroffen, oder Er hilft, wenn es angebracht ist durch uns selbst, wir merken es nur nicht.

    Wenn Gott uns ständig behüten würde, wären wir wie Kleinkinder, unselbständig, unmündig, nicht frei. Gott wollte aber freie Menschen als Partner, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, auch mal Fehler machen. Auch wenn wir mal auf hohe Mauern und tiefe Abgründe stoßen, wir müssen sie überwinden. Schon die Neugier, was hinter der hohen Mauer ist, treibt uns voran, ansonsten ist der Mensch kein Mensch und wir würden noch immer auf Bäumen hangeln.

   Ihr kennt die Überlieferung des Propheten Muhammad, als er auf die Frage antwortet über den Zusammenhang von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“: „Binde es an und vertraue auf Allah.“ Für mich steht außer Frage: Gott wird helfen, vielleicht nicht gleich, aber Er wird.

    In einem Hadith berichtet Abu Huraira: Der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – hat gesagt: „Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung dem Menschen vorhalten: „O Kind Adams! Ich erkrankte, doch Du besuchtest Mich nicht!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dich besuchen können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du denn nicht erfahren, dass mein Diener Soundso krank war, und du ihn nicht besuchtest? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihn besucht hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden! O Kind Adams! Ich bat Dich um etwas zu essen, doch Mir gabst du nichts zu essen!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir etwas zu essen geben können. wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du etwa nicht gewusst, dass Mein Diener Soundso dich um etwas zu essen bat? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm etwas zu essen gegeben hättest, du sicherlich dafür Meine Belohnung erhalten hättest! O Kind Adams! Ich bat dich, Mir (Wasser) zum Trinken zu geben, aber du gabst mir nichts zu trinken!” Er wird sagen: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir zu trinken geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Mein Diener Soundso bat dich um Wasser, doch du gabst ihm nichts zu trinken! Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm zu trinken gegeben hättest, du deinen Lohn dafür bei Mir gefunden hättest?” Dies ist überliefert bei Muslim in Riyadhu s-Salihin: Hadith-Nr. 897, Buch 7, Kapitel 144.  Diese Verse bedeuten mehr als nur Seelsorge. Ich fasse das als mehr als eine Pflicht auf, sondern als eine freiwillige Hilfe, die aus dem Herzen kommt. So wie Gott sich um uns kümmert, so sollten wir uns um unsere Mitmenschen kümmern.

     Dieser Hadith steht für ein Lehrer-Schüler-Verhältnis: Gott als Lehrer zeigt uns, wie wir uns zu verhalten haben, Er legt uns diese Verhaltensweise ans Herz, mehr noch, Er macht es uns zu einer Gewissenssache, uns nicht nur um unsere eigenen Bedürfnisse zu kümmern, sonders um die der ganzen Gesellschaft, um die Natur und um alle Geschöpfe.

      Da stellt sich mir die Frage: Was bedeutet eigentlich ein Mensch zu sein? Was erhebt ihn aus der Tierwelt hinaus? Ich denke, Menschsein, das ist vor allem die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Also der Mensch besitzt die Fähigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit zu zeigen, was uns erst zum Menschen macht, was unser Bewusstsein prägt, unsere Ethik, unser Zusammenleben, Hilfe zu leisten. Ich glaube, diese Fähigkeit entwickelt sich vor allem durch die Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Es ist eine Dreiecksverbindung: Beziehung Gott zum einzelnen Menschen, Mensch zur Gemeinschaft, also untereinander und Gottesbeziehung zur Gemeinschaft.

     Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist eigentlich sehr eng, nicht einmal ein Stück Papier passt dazwischen. Gott sagt durch den Koran, dass Er uns näher ist als unsere Schlagader. Wir lesen in Sure 50:16: „Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen, was er in seinem Innern hegt; und Wir sind ihm näher als (seine) Halsschlagader…“ Diese Worte veranschaulichen die unmittelbare, sehr enge Nähe von Gott und Mensch. Es ist die Nähe Seiner Begleitung, Seines Schutzes, Seiner Registrierung aller Handlungen eines jeden Menschen, Seiner Hilfe und Seiner Nähe zu jedem einzelnen Menschen, ob er es will oder nicht. Deshalb brauchen wir auch keine Zwischenstationen zwischen Ihm und uns, keine Funktionäre oder Instanzen, die für uns sprechen wollen und sich manchmal so verhalten, als wenn sie den Islam für sich gepachtet hätten. Nein! Der Islam ist eigentlich eine sehr intime Religion, sehr privat.

   Denken wir einmal über den Vers 115 in Sure 2, Al-Baqara, nach: „Und Gottes ist der Osten und der Westen; und wohin immer ihr euch wendet, dort ist Gottes Antlitz. Siehe, Gott ist unendlich, allwissend.“  Egal, wohin wir schauen oder gehen, immer ist auch Gott dort zu finden.

     Unsere Religiosität dürfen wir nicht territorial begrenzen und wir als Muslime haben auch nicht das Recht, Religiosität nur für uns zu pachten. Der Osten und der Westen gelten nicht nur für das Abend- und Morgenland, sondern rings um uns, ob Mann oder Frau, ob mit dunkler oder heller Hautfarbe, jeder kann die Nähe zu Gott in sich spüren, wenn er es denn will und sich aufnahmefähig macht. Gott ist allumfassend und allgegenwärtig. Er ist nicht nur für besonders weise oder wissende Personen da, sondern für jede einzelne Person und nicht nur manchmal, wenn es uns gefällt, an Ihn zu denken, sondern immer und ewig.

      Gott hat uns von Anfang an seine Zusicherung gegeben, dass wir in den Genuss Seiner Barmherzigkeit kommen und unter Seiner Gnade leben. Das ist wahrhaftig eine besondere Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Als Gegenleistung verlangt Er von uns Barmherzigkeit unter uns Menschen. Und Barmherzigkeit schließt Hilfe, Akzeptanz, Mitgefühl und Liebe zu den Mitmenschen ein.

   Ich habe schon einmal erzählt: Wenn ich aufwache, ist meine erste Regung an Gott zu denken und ich begrüße Ihn, sage einfach: „Guten Morgen ya Allah!“ Das Erstaunliche ist dann immer für mich, dass ich beginne zu lächeln und ein gutes, manchmal überschwängliches Gefühl stellt sich ein, das mich noch lange begleitet. Es ist zu einem Ritual geworden, welches ich nicht mehr missen möchte. Ich fühle dann die Nähe zu Gott, es gibt mir Ruhe und Geborgenheit. Und wenn mir im Laufe des Tages mal eine Laus über die Leber läuft, dann denke ich an dieses Gefühl und mir geht es gleich besser. Und ich denke, es kann sich jeder irgendwelche guten Punkte oder Momente setzen, an die man sich dann halten kann, um mal durchzuatmen und zu sich zu kommen.

    Diese Nähe zeugt eigentlich von der Liebe Gottes zu den Menschen. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass und wie sehr Gott uns liebt und wir müssen uns das immer wieder vor Augen halten. Es besteht immer die Gefahr, dass die Beziehung zwischen dem Menschen und Gott zur Gewohnheit wird. Man kann sich daran gewöhnen, Gott anzubeten. Das Gebet wird einfach nur zur Routine. Darum ist dieses Innehalten, so wie ich es gerade erzählt habe, sehr wichtig. Und ich wünsche jedem von euch, dass er die Nähe und Liebe Gottes spürt, um dann gelassener durch den Tag zu gehen.

    Gott ist wie ein Seil, an dem wir Halt finden, welches uns auch eine Richtung vorgibt, eine Orientierung.    

Und mit dem Vers 2 aus der Sure at-Talaq möchte ich diese Predigt schließen:

     „Und dem, der Allah ehrfürchtig (und aufrichtig) anbetet, verschafft Er einen Ausweg und versorgt ihn in der Art und Weise, mit der er nicht rechnet. Und wer auf Allah vertraut, für den ist Er sein Genüge.“

Manaar

Nikola Jovanovic

Gedanken zum Klima

Gedanken zum Klima

 

Nikola Jovanovic
Nikola Jovanovic

Ummati Ummati! Allahs Liebe und Vergebung am Jaum AlQiama, dem Tag des jüngsten Gerichts.

Letzten Freitag gab es in Berlin und in vielen anderen Städten der Erde Demonstrationen ohne Gleichen. Die Angst vor der Klimakatastrophe treibt die Menschen zusammen und hinaus auf die Straßen. Millionen von Menschen fürchten, dass wir die Erde so zerstört haben, dass unsere Kinder nicht an den natürlichen Alterungsprozessen sterben werden, sondern auf der Suche nach Nahrung und Wasser verzweifeln werden. Die Erderwärmung um 2 Grad scheint kaum aufhaltbar. Die um sich greifende Dürre in unseren fruchtbaren Gegenden wird, so fürchten wir, in unserem jetzt noch reichen und grünen Land zu genau den Bildern führen, die ich im Alter von sechs Jahren über die Hungersnot in Äthiopien sah. Hungernde Kleinkinder mit aufgequollenen Bäuchen, die apathisch in der Wüste saßen, kraftlos der Pein der Fliegen ausgesetzt, die in ihren Augen krabbelten. Furchtbare Bilder, die mich nie verlassen haben. Meine eigenen Kindern wollen keine Kinder bekommen, weil sie es nicht verantworten können, sie diesem Leid auszusetzen. Der Mensch ist dabei, die Erde zu zerstören. War es vor zweihundert Jahren noch üblich, mit der Pferdekutsche zu reisen und entsprechend nicht sehr weit zu kommen oder sehr lange unterwegs zu sein, werden die Autos sogar im aufgeklärten Deutschland, das sich für moralisch vorbildlich hält, immer noch größer und größer. Statt seltener, oder überhaupt gar nicht mehr mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen, halten wir daran fest, denn die Flugpreise sind weiterhin lächerlich billig, trotz der miserablen Ökobilanz oder des schlechten ökologischen Fußabdrucks, den wir Einzelne dadurch hinterlassen. Der Einzelne das sind wir. Der Mensch ist geflissentlich dabei, das Leben zu vernichten und hört nicht einmal jetzt damit auf, im Angesicht der Veränderungen in der Arktis, der Messergebnisse, der neuen Erfahrungen und dem lauten Aufschrei der Wissenschaftler überall in der Welt. Wir leben gut und sind nicht bereit, diese Lebensqualität aufzugeben, wissen auch gar nicht, wie. Wir beschäftigen uns damit, Strohhalme aus Naturstoffen zu nutzen und man suggeriert uns, dass wir auf diese Weise etwas verändern könnten. Zugleich fliegen die Manager und Managerinnen der großen Firmen weiterhin kreuz und quer durch die Atmosphäre, zerstören damit eben diese.  Kreuzfahrten zur Erholung führen von Südamerika bis in die norwegischen Fjorde, wo ich sie gesehen habe, verunreinigen Meere und Flüsse. Statt ein bisschen wandern zu gehen, setzt man sich in so ein Unikum und tut so als gehöre einem die Welt. Die Kleinen, zum Beispiel die Kinder meiner Schule, wollen keine Pappbecher mehr verwenden, während ihre Eltern in der Politik und Wirtschaft Augen und Ohren verschließen, egal wie die Bürger zappeln und schreien. Gleichzeitig gehen auch die Eltern auf Friday for Future Demonstrationen. Es fehlt die kreative Vision. Unsere politische Demokratie hat der wirtschaftlichen Diktatur nichts entgegenzusetzen. Diktaturen lassen sich nur sehr schwer vom Sockel heben. Besonders, wenn man auf ihrer guten Seite steht, hat man wenig Interesse an Veränderung. So ist es auch in diesem Fall. Wir schauen auf andere Länder und deren Diktaturen, wollen bei ihnen demokratische Politiklandschaften etablieren und schrecken hierfür nicht einmal vor Gewalt zurück, dabei schaffen wir es nicht kaum im eigenen Zimmer, die Wirtschaftsdiktatur erfolgreich mit dem Besen hinauszukehren, denn deren Ansichten haben sich in unseren Köpfen fest etabliert, und alles Andere ist mit Furcht verbunden. Furcht vor allen Dinge vor dem Verlust von Eigentum und vor dem Verlust der Meinungs- und Handlungsfreiheit.

 

Als Reaktion auf die Friday for Future Demonstrationen bekam ich in meiner Schule einen Brief der Schulleitung, wie mit Fehlzeiten der Schülerinnen und Schüler umzugehen sei. Das Fehlen zum Demonstrieren werde nicht entschuldigt, es  müsse ab fünf einzelnen Tagen dem Senat gemeldet werden. Wenn man also fünf mal am Freitag während der Schulzeit demonstriert hat, wird eine Schulversäumnisanzeige gestellt und das Jugendamt eingeschaltet. Möglicherweise sieht der Senat auf Grund der politischen Brisanz von den daran anschließenden Sanktionen ab, doch kann die Schulversäumnis auch mit hohen Bußgeldern geahndet werden. Über die Teilnahme von Kindern an Demonstrationen kann man sich selbstverständlich trefflich streiten – ich persönlich bin kein großer Fan davon – aber nach Deeskalationspolitik und Ernstnehmen durchaus berechtigter Ängste und Forderungen sieht das nicht aus. Besonders für junge Leute der ersten Generation also, die massive persönliche Folgen des Klimawandels befürchten, ist das ein inakzeptables Feedback der Regierung. Wir bekommen hier nicht die Botschaft von Gemeinsamkeit der Generationen zum Durchsetzen lebensnotwendiger, moralisch hochwertiger Ziele; auch nicht die Botschaft von der Anerkennung bürgerlichen Engagements; sondern die Botschaft des Schweigens. Das Schweigen aber gehört zur Systematik der Diktatur. Unsere demokratischen Regierungen schweigen unter dem Diktat der Wirtschaft.

Ich bin keine Politikerin und an dieser Stelle vielleicht angreifbar. Aber ich stehe hier als Imamin und weiß, dass der Islam uns anhält, mit der Schöpfung Allahs ordnungsgemäß umzugehen. Dem Klimawandel jetzt mutig entgegenzutreten um die Erde zu schützen, entspräche diesem Gebot.  Ordnungsgemäß bedeutet, nach der Maxime zu handeln, dass uns diese Schöpfung nicht gehört und dass sie gerecht geteilt werden muss. Nicht nur einmal spricht der Koran über die Waage, das Maß, und erinnert uns, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Gerechtigkeit, also auch das gerechte Teilen der Ressourcen, gehören zu den inhärenten Merkmalen des Islam. Doch wir messen mit zweierlei Maß. Seit Jahren laufen Menschen in manchen Bereichen der Erde jährlich weiter und weiter, um Wasser zu holen. Wir messen ihre schweren Schritte mit leichtem Maß. Unseren eigenen Schritten legen wir ein schweres Maß an. Wir versuchen, sie zu vermeiden, indem wir uns anderer Transportmittel bedienen.

„Und er hat das richtige Abwiegen zum Gebot gemacht. Auf das ihr euch in der Waage nicht vergeht. So setzt das Gewicht in gerechter Weise, und betrügt nicht beim Wiegen. Und er hat die Erde für die Geschöpfe bereitet.“ (55)

Diese Geschöpfe sind ja keineswegs nur wir. Jeder Vogel, jedes Insekt gehören dazu. Mohamed sagte, nicht einmal Ameisen darf man töten, jedenfalls keine großen, denn sie verursachen keinen Schaden. Das Töten kleiner Tiere, die uns direkt Schaden verursachen, ist uns erlaubt. Allerdings darf man sie niemals mit Feuer töten. Es geht hier um die Schöpfung Allahs, nicht um unsere freie Verfügbarkeit.

 

Der Prophet der Gnade sprach: Während ein Mann auf seinem Weg war, verspürte er Durst. Er ging zu einem Brunnen, stieg hinab und trank davon. Als er nach oben zurückkehrte, sah er einen Hund, der Schlamm fraß, um seinen außerordentlichen Durst zu stillen. Der Mann sagte sich: „Dieser Hund leidet am selben Leid an dem auch ich gelitten habe“. So kletterte er erneut in den Brunnen hinab, füllte seinen Schuh mit Wasser, klemmte ihn zwischen seine Zähne und brachte das Wasser hinauf, wo er es dem Hund zum Trinken gab. Gott belohnte ihn für diese gute Tat. Die umstehenden Menschen fragten Mohamed, ob es denn lohnenswert sei, den Tieren zu dienen. Mohamed sprach: „Ja, es gibt eine Belohnung für den Dienst an jedem Lebewesen“.

 

Auch diese Geschichte erzählen wir uns:

Eines Tages betrat der Prophet den Garten eines Bewohners von Medina. Ein Kamel sah den Propheten und begann zu weinen. Der Prophet streichelte seinen Kopf und redete freundlich mit dem Kamel. Als Mohamed es zu seinem Besitzer zurück brachte, sprach Mohamed zu ihm: „Fürchtest du nicht Allah in Bezug auf dieses Tier, das dir Allah anvertraut hat? Es sagte mir, dass du es nicht ausreichend ernährst und mit schweren Lasten belädtst, die es ermüden.“

 

Ein weiteres Mal nahm jemand ein Ei aus einem Vogelnest. Die Vogelmutter flog trauernd zu Mohamed. Dieser fand die Person und bat sie, das Ei zurück zu legen, aus Gnade für den Vogel.

 

„Der keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten“. Dies ist vielleicht der harscheste Satz, der dem Propheten zugeschrieben wird. Wer keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten.

Wer aber Gnade zeigt, der wird auch am Tag des jüngsten Gerichtes Gnade erfahren. Sogar im Moment des Schlachtens sollen wir uns angemessen und nach den Möglichkeiten der Situation barmherzig verhalten. Es gibt ja auch ein Kriegsrecht, das trotz aller Grausamkeiten noch greift, wenn ein schon wahrhaft schreckliches Maß der Gewalt noch überschritten wird. Das Wort Kriegsverbrechen ist zwar eigentlich redundant, da jede Kriegshandlung gewissermaßen ein Verbrechen ist, doch gibt es selbst hier noch Moralgesetze, die wir einhalten sollen, um uns nicht vollkommen an der Schöpfung zu vergehen. Und Zur Gnade beim Schlachten gehört nach unserem heutigen Verständnis, es möglichst selten zu tun, am besten gar nicht. Aber das war zur Zeit von Mohamed kein Thema. Ohne Massentierhaltung und unter den einfachen Lebensbedingungen hatte der Verzehr von Fleisch mit Sicherheit vollkommen andere Dimensionen als heute. Zur Gnade beim Schlachten gehört seit Mohamed die Verwendung eines Messers unübertroffener Schärfe, um dem Tier so wenig Schmerz wie möglich zuzufügen. Darüber hinaus darf das Tier nicht wahrnehmen, wie andere Tiere geschlachtet werden, oder gar dabei zuschauen.

Wir Menschen dürfen Tiere töten, die beispielsweise an Tollwut erkrankt sind, oder deren Krankheiten ihnen großes Leid verursachen. Doch niemals dürfen wir leichtfertig, aus Spiel, Aggression oder um unser Leben billig zu erleichtern der Schöpfung ein Leid zufügen. Keiner Pflanze, keinem Tier, keinem Menschen, und nicht der Erde, die im Koran personifiziert ist und damit als Ganze unter die Fürsorgepflicht des Menschen fällt.

Wir werden am Ende unserer Menschenzeit mit unseren Taten konfrontiert werden.

Von diesem Tag, den wir als Jaum AlQiama bezeichnen, gibt es allegorische Beschreibungen. Auf Deutsch nennt man ihn „den jüngsten Tag“, oder den „Tag des jüngsten Gerichts“, wobei mit „jüngstem“ „das letzte“ gemeint ist. Man bezieht sich dabei auf den finalen Moment der menschlichen Existenz auf der Erde, so wie wir diese Existenz bis heute kennen und erleben.

Ich sage hier nicht, dass der Klimawandel den Untergang der Menschheit einleitet, wenngleich dies natürlich möglich ist. Was ich aber sehr wohl sage ist, dass wir geneigt sind, im Wissen um unsere individuelle Vergänglichkeit sowie um die Vergänglichkeit als Spezies, unsere Handlungen anders zu bewerten als wenn wir so tun, als wären wir unsterblich. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten stets von einem Perspektivwechsel, einem Wertewandel und einem klaren Wissen darüber, was ihnen fortan im Leben wichtig ist. Das Wissen um unser persönliches Ende oder unser Ende als Spezies stellt keine Strafe dar, sondern eine Chance, die uns  befähigt, angesichts der äußersten Vielfalt möglicher Lebensformen diejenigen für uns herauszuarbeiten, oder auszuwählen, die der Erde und ihren Bewohnern dauerhaft gerecht werden. Das Wissen um die Endlichkeit birgt die Chance der Moral. Natürlich könnten wir auch sagen, ich bin nur für mich selbst verantwortlich und nach meinem Tod können die Anderen sehen, wie sie klarkommen. Wir haben ausreichend Beispiele für diese Haltung innerhalb der Menschheit. Doch bezeichnen die meisten Menschen diese Denkweise als unmoralisch. Die göttliche Offenbarung des Koran weist uns den Weg zu moralischem Handeln.

  • Sure al zalzali –

Wenn die Erde ihr Beben erbebt

und ihre Lasten auswirft

und die Menschen fragen, was hat sie?

An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen, da ihr Herr es ihr eingegebe hat. An diesem Tag werden die Menschen einzeln hervorkommen, um ihre Werke zu sehen.

Und wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen.

 

Was passiert am Tag des jüngsten Gerichts?

Der Tag wird eingeleitet, indem der Engel Israfil zweimal in sein Horn bläst.

Mohamed erzählt uns, dass an diesem Tag die Menschen zerstreut und verwirrt sein werden, über das, was um sie herum geschieht. Ihnen wird deutlich werden, dass es der letzte Tag ist, und so werden sie zu Adam gehen, und zu ihm sagen: „Leg du Fürbitte für uns ein, bei Gott“, doch er wird antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Ibrahim, denn er ist AlKhalil, der enge Freund Gottes“. Die Menschen werden zu Ibrahim gehen und ihn bitten, für sie bei Gott Fürbitte einzulegen. Ibrahim wird ihnen antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Moses, denn mit ihm hat Allah direkt gesprochen“. So werden sie zu Moses gehen und ihn bitten, doch auch er wird sagen, dass er ihnen nicht helfen kann. „Geht zu ‘Isa, denn er ist die Seele, geschaffen von Allah und seinem Wort“. Auch Jesus wird ihnen antworten, dass er keine Befugnis dafür habe und sie stattdessen zu Mohamed schicken. Mohamed erzählt: Ich werde sagen: „Ja, ich kann“ und ich werde zu Allah gehen und ihn um Erlaubnis bitten und er wird mir Erlaubnis erteilen. Und er wird mir Worte eingeben, mit denen ich ihn preisen werde. Wörter, die ich jetzt noch nicht kenne. Dann werde ich mich vor ihm niederwerfen. Nach einer gewissen Zeit wird er sagen: „Oh Mohamed, sprich, und deine Bitte wird gewährt“ Und ich werde antworten: „Allah! Ummati Ummati“ Meine Gemeinschaft. Und er wird sagen: „Geh und bring mir jeden, in dessen Herzen Glauben im Gewicht eines Gerstenkorns ist.“ Ich werde das tun, sagt Mohamed. Doch dann werde ich zurückkehren zu Allah und mich erneut vor ihm niederwerfen, ihn preisen und ihn um die Erlaubnis zur Fürsprache bitten. Und Allah wird antworten: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt, sprich, und deine Bitte wird gewährt“. Und ich werde sagen: „Allah! Ummati Ummati!“ Meine Ummah, meine Ummah. – Das Einzige, woran Mohammed denkt, ist die menschliche Gemeinschaft. Und Allah wird antworten, geh und bring diejenigen, deren Glaube so groß ist wie eine kleine Ameise oder ein halbes Senfkorn. Mohamed erzählt: Ich werde gehen und diese Menschen holen. Und wieder werde ich mich vor Allah niederwerfen, denn noch habe ich nicht alle Menschen meiner Gemeinschaft gerettet. Und wieder wird Allah sagen: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt und sprich deine Bitte, denn sie wird erhört. Und wieder wird Mohamed sagen „Ummati Ummati“. Und Gott wird sagen, bring mir jeden, dessen Glaube auch nur so viel wiegt, wie das aller kleinste und leichteste Senfkorn, das man sich vorstellen kann.

 

Der Begriff der Umma ist ein schwieriger Begriff. Er kann uns dazu verleiten, uns als Muslime gegenüber der nicht-muslimischen Welt abzugrenzen. Aber wir sind zugleich die Umma der Muslime und die Umma der Menschheit. Die Schöpfung als Ganze ist eine Umma, zu der wir alle gehören, und für die wir alle gemeinsam verantwortlich sind. Die Menschheit atmet dieselbe Luft, trinkt dasselbe Wasser und unsere Felder werden von demselben Regen bewässert. Deine Kinder sind meine Kinder, meine Eltern, sind deine Eltern.

Allah, Ummati! Ummati!

Die Umma, das sind wir alle.

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

 

Raphael Schaller

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott. Dies ist der Anfang der fünf Bücher Moses. Am Anfang war das Wort.

Der Koran beginnt genauso. Ein berühmtes Hadith berichtet über die Erfahrung des Propheten Mohammeds in der Höhle, in die er sich schon vor seinen Offenbarungen immer wieder zurückzog, um in sich zu kehren, der Höhle von Hira. Eines Tages besuchte ihn der Engeln Jibreel, und forderte ihn, den Analphabeten, auf, zu lesen. „Iqra“, sagte Jibreel – es bedeutet sowohl zu lesen oder aus dem Gedächtnis zu rezitieren.

„Iqra!“, sagte Jibreel.

Mohamed antwortete: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest; ich bin kein Lesender.  Jibreel nahm ihn und drückte ihn, bis Mohamed es nicht mehr ertrug. Dann ließ er ihn los. Wieder sagte Jibreel zu Mohamed: „Iqra!“ Lies! Und wieder antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Ich bin kein Lesender. Jibreel packte ihn wieder und drückte ihn, bis er es nicht mehr ertragen konnte. Doch ließ er ihn dann los, um nun zum dritten Mal zu befehlen: ​​“Iqra!“ Lies! Und ein letztes Mal antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Nun ergriff Jibreel Mohammed nicht noch einmal, sondern rezitierte für ihn diese erste Offenbarung und Mohamed folgte seinem Beispiel.

بِسۡمِ ٱللهِ ٱلرَّحۡمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

ٱقۡرَأۡ بِٱسۡمِ رَبِّكَ ٱلَّذِى خَلَقَ (١) خَلَقَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مِنۡ عَلَقٍ (٢) ٱقۡرَأۡ وَرَبُّكَ ٱلۡأَكۡرَمُ (٣) ٱلَّذِى عَلَّمَ بِٱلۡقَلَمِ (٤) عَلَّمَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مَا لَمۡ يَعۡلَمۡ

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!
Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. (1) Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. (2) Lies; denn dein Herr ist Allgütig, (3) Der mit dem Stift lehrt, (4) lehrt den Menschen, was er nicht wußte.

Der Prophet lief nach Hause, wo seine Frau Khadija sah, dass er in großer Not war. In seiner Angst, er habe den Verstand verloren, bat er sie zitternd: „Bedecke mich, bedecke mich“. Khadija bedeckte ihn mit einem Umhang und sprach freundliche Worte zu ihm. Sie lobte seine Integrität, seine friedliche Natur und sein hilfsbereites Verhalten, bis er ruhig wurde und akzeptieren konnte, was mit ihm geschehen war; dass dies der göttliche Wille war, und dass er von nun an aufgerufen sein würde, nicht nur für Jibreel zu rezitieren, sondern der Menschheit weiterzugeben, was Gott ihm mitteilte. Er würde ein Botschafter Gottes sein. Was er an die Menschheit weitergeben würde, wären Worte. Nun hat Mohamed nicht nur Worte weitergegeben. Sein größtenteils sanfter, freundlicher und liebevoller Umgang mit Familie, Freunden und Feinden, seine Art zu beten, zu essen, sich zu waschen und seine Bereitschaft, alles, was er besaß, zu teilen, werden alle als die Sunna weitergegeben. Wir können sie kopieren oder nicht kopieren, wie wir es für uns selbst im Hinblick auf unser eigenes Verständnis ihres Wertes und mit Verantwortung für unser eigenes Handeln entscheiden. Aber die Offenbarungen, die er für uns hat, werden in Form von Worten weitergegeben.

Das Wort ist offenbar eine wichtige Einheit, obwohl es ja irgendwie gar nicht existiert. Zumindest nicht das gesprochene Wort. Es ist nicht greifbar. Das Wort ist ein Nomen, man schreibt es groß, doch in dem Moment wo es gesprochen wurde, ist es bereits weg. Seine Lebensdauer ist mit die Kürzeste, die wir uns von etwas vorstellen können.  Doch welch wundersames Paradox! Denn zugleich haben Wörter mit das längste Leben, was wir uns von irgendetwas vorstellen können, selbst, wenn sie nicht niedergeschrieben werden. Worte dringen in unser Gehirn und bleiben dort auf ewig gespeichert, entfalten dort eine Wirkung, die unserem ganzen Leben in die eine oder die andere Richtung weisen kann. Worte dringen in unser Herz und verursachen die wunderschönsten Gefühle, verursachen Kraft und Mut, und zugleich können sie zerstören. Dazu kommt die Fragestellung nach der Bedeutung. Kein Wort bedeutet für zwei Menschen genau dasselbe. Wörter unterliegen unserer Interpretation, und die beruht auf unseren Erfahrungen.

Daher muss den Worten in unserem täglichen Leben besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, nicht nur im gewissermaßen heiligen Moment des Gebets in der Moschee, sondern unter allen Umständen, selbst den alltäglichsten.

 

In Sure 49 lesen wir

„O ihr Gläubigen! Kein Mann darf über einen anderen spotten; vielleicht ist dieser besser als er. Keine Frau darf über eine andere spotten; vielleicht ist diese besser als sie. Verleumdet euch nicht gegenseitig! Sagt einander keine bösen Wörter und Schimpfnamen! Es gibt nichts Schlimmeres, als diesen Frevel zu begehen, nachdem man den Glauben angenommen hat. Wer nicht reumütig davon abläßt, gehört wahrhaftig zu den Ungerechten.

O ihr Gläubigen! Meidet viele Mutmaßungen, denn einige darunter sind sündhaft! Bespitzelt keinen, verleumdet einander nicht mit Nachreden! Möchte etwa jemand vom Fleisch seines toten Bruders essen? Wie ihr das verabscheut, verabscheut auch die Nachrede! Fürchtet Gott! Gott ist voller Barmherzigkeit und nimmt die Reue an.“

 

An unseren alltäglichen Worten und  Gesprächen sind oft unsere Kinder beteiligt, die zu den Verletzlichsten zählen, wenn es darum geht, Worte schlecht zu gebrauchen. Manchmal werden Kinder ja sogar geschlagen. Eine aktuelle Studie in Deutschland zeigt, dass etwa ein Viertel der Kinder geschlagen wird, 5% so stark, dass die Schläge Spuren hinterlassen. Es ist jedoch falsch zu glauben, dass Gewalt den physischen Körper einbeziehen muss. Während in einkommensschwachen Familien mit niedrigem Bildungsstand häufiger geschlagen wird, kommt es in allen Haushalten zu verbaler Gewalt, auch wenn sie sich eines besonders zivilisierten Verhaltens rühmen.

Lächerlich machen, schreien, niedermachen und dergleichen führen zu körperlichen Folgen, die sich in Form von Lispeln oder Nörgeln in der kindlichen Sprachentwicklung zeigen oder im nächtlichen Einnässen, in Aggressionen, Depressionen, oder sogar Selbstmord.

 

Nette und freundliche Worte zu hören, gibt uns hingegen das Selbstvertrauen, das wir für all unsere täglichen Begegnungen mit neuen Menschen und Situationen brauchen, den Mut, neue Dinge auszuprobieren, um zu wachsen, und die Ausdauer, um weiter zu üben, wenn uns Dinge noch schwerfallen.

Gleichzeitig profitieren Kinder, wie alle anderen, von Worten der Güte und Liebe. Wir alle gedeihen, wenn uns gesagt wird, dass wir gut darin sind, etwas zu tun. Wir tun es dann gerne noch einmal, um der Welt zu beweisen, dass wir wirklich gut darin sind, und um das Lob noch einmal zu hören. Auf diese Weise werden wir in all unseren Unternehmungen tatsächlich immer besser, bis wir den Worten, die über uns gesagt wurden, gerecht werden.

Der Prophet sprach häufig über Spott, Lästerei und Verleumdungen, und bat eindringlich, sie zu unterlassen. Wir haben es gerade aus dem Koran gehört. Unsere Zunge sei einer unserer größten Feinde, habe er gesagt. Die Gleichsetzung mit dem Kannibalismus zeigt, es ähnelt dem Töten.

Im Strafgesetzbuch steht das ähnlich. Da gibt es die Begriffe „üble Nachrede“, „Rufschädigung“, „Verleumdung“, „Beleidigung“, und im allgemeinen Sprachgebrauch sprechen wir gar von „Rufmord“, als hätte man diese Person selbst tätlich angegriffen. Die üble Nachrede nach § 186 Strafgesetzbuch (StGB) ist ein Ehrdelikt, das sich von der Beleidigung (§ 185 StGB) dadurch unterscheidet, dass nicht die Äußerung eines bestimmten negativen Werturteils unter Strafe gestellt wird, sondern das Behaupten oder Verbreiten ehrenrühriger Tatsachen. Der Begriff der Ehre ist in allen Kulturen ein Wertbegriff, er wird lediglich mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Die Missachtung der Ehre unserer Mitmenschen steht in Deutschland unter Strafe.

 

 

 

Mit der Erzählung über ein solches Ehrendelikt oder eine Verleumdung möchte ich meine Khutba heute beenden. Vielleicht sollte man die Geschichte irgendwann einfach mal unter den Teppich kehren. Doch zeigt sie uns explizit, wie leicht es ist, solchen Verleumdungen Glauben zu schenken und wie lange sie sich aufrecht zu erhalten. Die folgende Geschichte wird, ich muss es hier unbedingt sagen, sehr unterschiedlich überliefert. Auch, um welche Frau es sich handelt, variiert. In meinen Quellen geht es um Aisha – Aisha, die ich persönlich sehr verehre. Aisha hatte Mohamed sehr früh geheiratet und war sicherlich emotional besonders eng mit ihm verbunden. Sie war vielfältig im Ausleben ihres Islamverständnisses. Einerseits hat sie ihren Besitz immer wieder minimiert, indem sie ihn an Bedürftige verteilt und wenig für sich selbst übrig gelassen hat. Andererseits hat sie sich stets gebildet. Sie war eine intelligente Frau, die sich nach Mohameds Tod in Anliegen der Religion und Politik als Führungspersönlichkeit hervortat. Aisha war schamlos ehrlich mit sich selbt, was ich vielleicht an ihr am meisten schätze. In ihren Erzählungen über den Propheten Mohamed schönt sie ihr eigenes Verhalten nicht.

Die folgende Geschichte gibt uns einen Einblick in die Folgen der Verleumdungen und darin, dass auch ausgesprochen integre Menschen nicht davon verschont werden.

 

Der Skandal um Aisha, der auch der Lügenskandal, Hadith al-Ifk, genannt wird, ereignete sich im Jahre sechs n.H., kurz nach der Heirat Muhammads mit Saynab bin Dschahsch. Als Muhammad sich für die Schlacht mit den Banu al-Mustaliq vorbereitete, loste er – wie üblich vor jeder Schlacht – unter seinen Ehefrauen aus, welche er mit sich nehmen sollte. Das Los fiel auf ‘Aischa. ‘Aischa freute sich darüber, ihrem Mann für einige Tage das Geleit zu geben und mit ihm allein zu sein. Muhammad und die Muslime gewannen diese Schlacht. Auf dem Wege zurück nach Medina, während einer Rast des Heeres, entfernte sich ‘Aischa kurz nach dem Morgengrauen aus dem Lager, um einem Bedürfnis nachzukommen. Dabei verlor sie ihre Halskette. In der Suche nach ihrer Kette verspätete sie sich dermaßen, dass bei ihrer Rückkehr das Lager bereits abgebrochen und ihr Kamel mit den anderen fortgeführt worden war. Die Leute hatten in dem Glauben gehandelt, sie befinde sich bereits in dem Zelt, das auf dem Sattel ihres Kamels aufgerichtet war.

Als ‘Aischa feststellte, dass sie allein zurückgeblieben war, hoffte sie, dass der Gesandte ihr Fehlen bemerken und jemanden schicken werde, sie abzuholen. Als Nachzügler war Safuan ibn al-Mu’attal as-Salami ebenfalls zurückgeblieben.

Safuan sagte zu ihr so etwas wie: „Wahrlich, Allah gehören wir, und zu Ihm kehren wir heim. O du Frau des Gesandten Allahs, was ließ dich von dem Lager zurückbleiben? Allah erbarme sich deiner!“. Safuan fühlte sich für die Sicherheit ‘Aischas verantwortlich, deshalb führte er sein Kamel vor und lies ‘Aischa aufsteigen. Dann führte er sein Kamel zurück nach Medina. Mit großer Verspätung traf ‘Aischa in Begleitung Safuans, im hellen Licht des Tages, lange nach der Ankunft des Heeres in Medina ein.

Dies war der Anlass für böswillige Menschen und Heuchler, ‘Aischa und Safuan zu verdächtigen, sich unzüglich erhalten zu haben. Menschen verbreiteten Verleumdungen und Verdächtigungen über ‘Aischa und Safuan. Selbst innerhalb der islamischen Gemeinschaft führte dieses Gerede zu einer Art Spaltung. Warum? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Gott sei dank seid ihr beide wohl behalten? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Zum Glück war Safuan dort, und konnte Aisha unterstützen!? Mein bester Freund sagte mir schon oft in seinem nicht ganz perfekten Deutsch, wenn ich mal wieder eine Vermutung anstellen wollte: „Denk mal immer gut“. 

‘Aischa selbst kam von der Reise schwach, erschöpft und krank zurück. Aus diesem Grund hielt sie sich die meiste Zeit in ihrem Hause auf und ging fast nicht aus der Tür. Die Gerüchte und Verleumdungen breiteten sich indessen immer weiter aus. Normalerweise kümmerte sich der Gesandte, wenn ‘Aischa krank war, mehr als gewöhnlich um sie und erleichterte ihr Leben bis sie wieder gesund war. Diesmal verhielt er sich anders und kümmerte sich nur wenig um sie. ‘Aischa hatte sogar das Gefühl, dass es dem Gesandten sehr schwer falle, sie zu betreuen und nach ihrem Wohlergehen zu fragen, wie er es früher getan hatte. Da sie den Grund für das veränderte Verhalten des Gesandten ihr gegenüber nicht kannte, erhoffte sie Hilfe und Betreuung von ihrer Mutter und bat den Gesandten, zu ihrer Mutter gehen zu dürfen. Dieser erlaubte es ihr sofort. Dies zeigt, wie stark die Verleumdung in der Öffentlichkeit das Verhältnis des Gesandten zu ‘Aischa gestört hatte. Er war über diese Verleumdungen sehr betroffen und es fiel ihm schwer, zu glauben, dass es in seiner Gemeinschaft Leute gab, die solche Lügen weiterverbreiteten. Muhammad kannte ‘Aischa, aber auch Safuan, vom Grunde ihrer Seele und war deshalb sicher, dass es sich bei diesem Gerücht um nichts anders als eine Verleumdung handeln könne.

Schließlich konnte sich Muhammad nicht länger zurückhalten und entschloss sich, vor der Gemeinschaft darüber zu sprechen. Nachdem er zuvor Allah angerufen und Ihn gepriesen hatte, sprach er vor der Gemeinschaft, ohne dass ‘Aischa davon wusste: „O ihr Menschen“ Wie ist es mit einigen unter euch, die mich beleidigt haben in einer meiner Angehörigen (‘Aischa)? Sie sprechen nicht die Wahrheit; bei Allah, ich habe von ihr nur Gutes gekannt. Und sie sprechen auch Schlechtes von einem Manne (Safuan), von dem ich auch nur Gutes gekannt habe. Niemals ist er in eines meiner Häuser ohne meine Begleitung eingetreten.“

Doch eine Verleumdung kann man niemals aus dem Weg schaffen. Einmal gesagt, bleibt ein bitterer Nachgeschmack, und häufig meint man, es könne ja vielleicht doch etwas Wahres dran sein.  So entfaltet eine Verleumdung auch nach vielen Jahren noch ihre bittere Wirkung.

Welche Worte sind es denn aber, die wir verwenden sollen? Zunächst einmal, Taten sagen oft mehr als Worte. Wir sollten vielleicht gar nicht immer Wörter verwenden, sondern könnten uns stattdessen überlegen, wie wir unseren Gefühlen wortlos aber handlungsreich Ausdruck verleihen können. Und dann die schönen Worte – es freut mich, gerne, schön, das ist wunderbar, du bist wunderbar, und sicher fällt uns auch die eine oder andere gute Geschichte über unsere Mitmenschen ein. Über Aisha zum Beispiel, wie bereitwillig sie ihre Besitztümer an Bedürftige abgegeben hat. Wie tapfer sie ein schweres Leben ertragen hat. Sie hingebungsvoll sie dem Propheten gegenüber war. Über unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Ehemänner, unsere Kinder – schnell sagen wir ein schlechtes Wort. Aber, „denkt mal immer gut!“ Lasst uns gute und schöne Wörter füreinander und für unsere Handlungen finden.

In diesem Sinne Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

 

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.