Miteinander

Marius Badstuber

Eine Khutba über das Wohnen?

Eine Khutba über das Wohnen?

Marius Badstuber
Marius Badstuber

Als ich vor nicht allzu langer Zeit mit meinem Partner am Fluss spazieren ging, war die Stimmung zwischen uns recht eisig. Um uns einander etwas näher zu bringen fragte ich ihn, worüber ich denn meine nächste Khutba halten könne. „Keine Ahnung“, antwortete er gelangweilt. Also schauten wir auf die Häuser entlang des Ufers, und ich schlug etwas scherzhaft vor, eine Khutba über das Wohnen zu schreiben, worauf er sagte, das sei ganz und gar keine gute Idee. Es würde Menschen nur stressen, weil sie vielleicht in ungüstigen Bedingungen wohnen, oder gar keinen angemessenen Wohnraum hätten.
„Gerade deshalb“, dachte ich mir, „wäre eine Khutba über das Wohnen nicht so uninteressant“. Das Wohnen in geschütztem Wohnraum ist zwar ein Menschenrecht, aber im deutschen Grundgesetz nicht als Recht auf eine Wohnung verankert, sondern lediglich, aber immerhin, als Recht auf ein Dach über dem Kopf in irgend einer Art Unterkunft. Das kann natürlich auch ein Mehrbettzimmer in einer Notunterkunft sein. Ich dachte darüber nach, dass Wohnraum mehr heißt, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Wohnraum ist ein geschützter Ort, an dem man ganz man selbst sein kann. Hier kann man singen, tanzen, komische Dinge tun, ohne dass es jemanden etwas anzugehen habe. Wohnraum ist auch der Ort, an dem man nach der Arbeit mit seinem Partner, seiner Partnerin, zusammenkommt, um sich auszuruhen und sich gegenseitig Geborgenheit und Sicherheit, Liebe, Freude und Mitgefühl zu schenken.

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُمْ مِنْ أَنْفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُمْ مَوَدَّةً وَرَحْمَةً ۚ إِنَّ فِي ذَٰلِكَ لَآيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُون

 

Und es gehört zu Seinen Zeichen, daß Er euch aus euch selbst Partnerwesen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.

Am Ende unseres Spaziergangs war die eisige Mauer zwischen mir und meinem Freund nicht verschwunden, sondern manifestierte sich als permanente Trennungsmauer. Er sagte mir, dass sich meine Wünsche nach einer festen Beziehung nicht erfüllen würden – und zwar weder jetzt noch in Zukunft. Ich ging nach Hause, verkroch mich unter der Bettdecke und wollte an nichts denken, am allerwenigsten an eine Khutba. Ich wusste überhaupt nichts mit mir oder der Welt anzufangen.

Doch schon am nächsten Tag regte sich ein kleines, fast unhörbares Stimmchen in meiner Brust. Es sprach: Sei du selbst. Und es flüsterte ganz leise: Du hast dich in der Partnerschaft vollkommen verloren. Erinnere dich an deine eigenen Wünsche und Ziele.
Die leise Stimme sagte auch, dass es eine wertvolle und vertraute gemeinsame Zeit war, die ich nicht als vergangen abtun sollte, sondern in mir wertvoll halten solle, als schönste der Erinnerungen. Und nicht zuletzt flüsterte die Stimme, dass dieses Geschehen vielleicht eine Sühne darstellt, für Schmerzen, die ich anderen unabsichtlich, oder gar absichtlich, zugefügt hatte. All diese kleinen Töne wollten gehört werden, und Beachtung finden. Und während ich an meinem heißen Tee nippte, forderten sie mich auf, ich selbst zu sein, sprachen von Freiheit und Freude an selbstgewählten Zielen. Leicht gesagt: Sei du selbst. Wer war das, ich selbst?

Eine Khutba musste geschrieben werden, und in meinem Kopf war ein unbändiges Durcheinander. „Wohnen“, beschloss ich, war ein fantastisches Thema für eine Khutba. Ein vollkommen emotionsloses, faktisches Thema über den Wohnraum des Propheten und seiner Frauen nach der Hidschra in Medina bot sich in diesem emotionsgeladenen Moment geradezu an, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und mein Leben zu meistern. Nun dann….

Wohnen
Als der Prophet Mohamed von Mekkah nach Medina zog, benötigte er Wohnraum für sich und seine Familie. Die immer zahlreicher werdenden Ehefrauen wollten untergebracht werden. So baute er eine Wohnanlage mit einem Innenhof, der eine Gebetsstelle enthielt und um den herum die kleinen Wohnräume seiner Gattinen lagen. Für ein wenig Privatsphäre sorgten lediglich ein paar Vorhänge, anstelle von Türen. Hier lebte Mohamed sein polygames Leben und wurde nach Möglichkeit jeder seiner Frauen gerecht, indem er reihum die Nacht mit ihnen verbrachte. Diesen Ehemann mit neun Frauen zu teilen, hieß, dass man sich auf jeden neunten Tag freuen dufte und auf die sich anschließende Nacht. Es war eines der größten Geschenke, den eigenen Tag an eine der anderen Frauen abzugeben. Sauda z.B., die Mohamed heiratete, als sie verwitwet und schon älter war, entschloss eines Tages, all ihre zukünftigen Tage an Aisha abzugeben, um dem Propheten etwas Gutes zu tun. Doch normalerweise achteten die Frauen eifersüchtig darauf, dass der Prophet ihren Tag in ihrem Wohnraum mit ihnen verbrachte. Ich bemerkte an dieser Stelle wie Ihr, dass ich mich von der Thematik des Wohnraums innerlich bereits entfernt hatte, um weit weniger die räumlichen Gegebenheiten zu betrachten, als das Leben der Gattinen des Propheten. Mein gedanklicher Weg führte mich in ihre Räume hinein, und so kam ich zu Hafsa, der Frau des Propheten und bat sie um ihre Freundschaft, die sie mir gewährte, als sie mir ihre Geschichte erzählte, die mich tröstete in meinem Schmerz, so wie zuvor Aishas Geschichte mich getröstet hatte, in meiner Eifersucht, und Khadijas Geschichte die meine Freude verstärkt hatte, in einer Zeit, als mein Leben besonders fröhlich war.
Hafsa, Tochter von Omar Ibn Al-Chattab und dessen erster Frau Zainab bint Ma’zun, war eine junge Frau unter 18, als sie Khunais heiratet. Dieser starb jedoch nach der Schlacht von Badr und ließ Hafsa im Alter von nicht mehr als 20 Jahren als Witwe zurück. Hafsas Vater Omar wollte sie erneut verheiraten, daher ging er zu Othman und fragte ihn, ob er Hafsa heiraten wolle. Othman war dafür bekannt, gerade eine Frau zu suchen, doch wandt er sich und sagte, er sei gerade nicht an einer Heirat interessiert. Omar ging nun zu Abu Bakr, um ihm dieselbe Frage zu stellen, doch dieser schwieg, was Omar veranlasste, sich beim Propheten über die beiden Sahaba zu beschweren. Doch kaum hatte er seinen Ärger kommuniziert, erfuhr er den Grund: Der Prophet selbst wollte Hafsa heiraten und sowohl Othman als auch Abu Bakr hatten davon gewusst, wollten es aber nicht preisgeben. So zog Hafsa in den Haushalt des Propheten Mohameds ein, und die Freude ihres Vaters war groß.
Hafsa, Ehefrau des Propheten Mohameds hat mir ihre Geschichten erzählt, damit ich die Stimmen in meiner Brust besser hören konnte. Denn ihre Stimmen sprachen ganz ähnliche Wörter wie meine.

Hafsa und Aisha – die Geschichte vom Fasten
Hafsa und Aisha hatten schon einige Zeit nicht mehr genug zu essen gehabt. Das war üblich im Hause des Propheten. Es musste mit sehr wenig ausgekommen werden. An etwa dem fünften Tag beschlossen Aisha und Hafsa nun auch noch, zu fasten. Als jedoch mitten am Tag ein Mann mit einer üppigen, schmackhaften Mahlzeit zu ihnen kam, konnten sie sich nicht zurückhalten. Sie brachen ihr Fasten und aßen davon, nur um gleich darauf zu bemerken, wie sie sich dafür schämten. Als der Prophet nach Hause kam, rannte Hafsa auf ihn zu und erzählte ihm sofort, was vorgefallen war, worauf Aisha sprach: Sie ist ihres Vaters Tochter.
Hafsas Vater Omar war nicht gerade für seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit bekannt. Als patriarchalische Führungspersönlichkeit hatte er wenig Neigung, sich zurückzuhalten, sondern tat seine Meinung gerne und lauthals kund. Zur Illustration: Als er eines Tages einen Streit mit seiner Frau hatte, schrie er sie an, doch zu seinem Entsetzen schrie sie schamlos zurück. „Du wagst es, mir laut zu widersprechen?“, schimpfte er. Da antwortete seine Frau: „Selbst die Frauen des Propheten tun das“.
Sofort vergaß Omar, dass er in einen Streit verwickelt war. Hafsa, seine Tochter, war eine dieser Frauen. Er lief zum Haus des Propheten, suchte seine Tochter auf, und fragte sie, ob dies wahr sei. Sie antwortete, ja es sei wahr, und manchmal sprechen wir den ganzen Tag lang nicht mit Mohamed.
Empört wies sie ihr Vater darauf hin, dass es schönere Frauen gäbe, die sich so etwas vielleicht leisten könnten, Frauen, die in der Gunst des Propheten höher standen. Aber Hafsa solle bitte gehorsam schweigen.
Es war dieser Charakter, den Aisha meinte, als sie Hafsa als Tochter ihres Vaters bezeichnete. Dabei bezog sie sich sicherlich nicht auf den Ärger, sondern die freimütige Äußerung dessen, was in ihrem Herzen wohnte.

Der Name Hafsa bedeutet „kleine Löwin“. Manchmal macht es Spaß, im „Urban Dictionary“ nach Informationen zu schauen – für den Namen Hafsa steht Folgendes. Mit Sicherheit speist es sich aus der eben gehörten Geschichte und einer weiteren, die ich gleich erzählen werde. Nicht ganz ernst nehmen bitte, was nun zunächst folgt. Das Urban Dictionary schreibt:
Hafsa ist ein arabischer Name. Er bedeutet Kleine Löwin. Menschen mit diesem Namen sind mutig und stark. Sie haben eine scharfe Intelligenz. Freundschaft bedeutet ihnen alles. Eigentlich sind sie freundich und höflich bis man sie ärgert oder verletzt. Sie kümmern sich nicht darum, was andere Leute über sie denken. Ihre Persönlichkeit ist manchmal recht verwirrend, was sie Aufmerksamkeit erregen lässt. Hafsas sind humorvoll und haben einen guten Geschmack, was die Mode betrifft. Außerdem sind sie normalerweise ziemlich attraktiv und hübsch. (eigene Übersetzung)
So viel zum Urban Dictionary.
Wie Aisha sagte: Hafsa war ein Kind ihres Vaters, und Aisha meinte genau dieses: Eine mutige starke Frau mit ihrer eigenen Meinung, die sie kundtat, auch wenn man sie bat, zu schweigen. Was hier noch fehlt ist ihre unerschrockene Ehrlichkeit bezüglich ihrer eigenen Handlungen und Gefühle. Als ich diese Geschichte von Hafsa hörte, bewunderte ich ihren Mut, sofort die Wahrheit zu sagen, ungeachtet jeglicher Konsequenzen. Die Stimme in mir wurde etwas lauter, sie flüsterte einen leisen Ton von Freiheit und Verlust – beides zugleich. Beides gab es auch in Hafsas Leben.

Die Geschichte von Hafsa und Mariah
Eines Tages, es war Hafsas Tag mit dem Propheten, bat sie ihren Mann, ihre Mutter besuchen zu dürfen. Warum sie ausgerechnet an jenem Tag gehen wollte, der doch ihr besonderer Tag mit dem Propheten war, wissen wir nicht. Jedenfalls ging sie fort, kam aber vorzeitig zurück, so dass sie unerwartet in ihr Wohnquartier eintrat. Dort traute sie kaum ihren Augen. Sie fand Mohamed, manche sagen, in einer wenig schönen Situation, mit Mariah Al-Qibtije, Mariah, der Koptin, die er vom Abessinischen Oberhaupt als Sklavin geschenkt bekommen hatte. Mariah war bei den Ehefrauen des Propheten nicht besonders beliebt. Man sagt sie sei jung und sehr schön gewesen, was die Eifersucht der Anderen erregt hätte.
Hafsa fand nun Mohamed und Mariah an ihrem Tag, in ihrem Raum, in dieser fragwürdigen Situation und machte ihrem Ärger Luft – laut und ungehalten. Solange, bis der Prophet keinen anderen Ausweg sah, sie zu beruhigen, als ihr zu versprechen, sich nie wieder mit Mariah in eine solche Situation zu begeben. Hafsa war zufrieden. Nun bat Mohamed Hafsa, dies alles niemandem zu erzählen und Hafsa versprach es ihm.
Dann ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles.

Natürlich ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles. Erstens war Aisha ihre engste Vertraute. Und zweitens hatte Hafsa einen Triumph zu feiern, der ihre hohe Position unter den Ehefrauen unter Beweis stellte. Was Aisha nicht geschafft hatte, nämlich Mariah aus dem Hause des Propheten zu verbannen, hatte nun Hafsa erreicht.
Doch war ihr Mut wohl zu weit gegangen, denn nun offenbarte Allah seinem geliebten Propheten die Sure 66, in der wir die Frage lesen, warum hast du, Mohamed, für Haram erklärt, was wir (Allah) für dich Halal gemacht haben. Dies wird sich auf Mariah beziehen. Mohamed wusste, dass Hafsa zu Aisha gegangen war, und ihr Versprechen gebrochen hatte. Er sprach die Scheidung aus. Wie wichtig das Private zwischen zwei Partnern ist, zeigt sich an dieser Stelle unmissverständlich. Die Scheidung folgt dem Bruch des Versprechens, dem Ausplaudern des Geheimen, dem, was die beiden Partner jenseits der Gesellschaft miteinander verbindet. Wir lernen hier etwas Essenzielles, das in unserer heutigen Gesellschaft meines Erachtens nach vollkommen vergessen wird. Nur durch die absolute Sicherheit, dass Vertrautes nicht nach außen getragen wird, kann Vertrauen entstehen. Vertrauen aber ist unerlässlich für jede Partnerschaft. Nur eine Ehe mit einer solchen absoluten Vertrautheit ist der Ort, an dem Mauwade wa Rahme tatsächlich wirksam werden. Diese Vertrautheit ist es vor allem Anderen, was eine Partnerschaft ausmacht und Li taskunuh ilaiha bedeutet genau dies. Hafsa erhielt ihre strenge Strafe für den Bruch des Vertrauens ihres Ehemannes.
Als diese Nachricht bei Omar ankam, war er entsetzt. Innerhalb weniger Stunden wusste ganz Medina, dass Hafsa von Mohamed geschieden war. Sie sagte ihrem Vater, dass Mohamed sehr wohl noch Gefühle für sie hatte, und es einen anderen Grund für die Scheidung gab. Und in der Tat, Mohamed harrte die reguläre Wartezeit von knapp drei Monaten aus, um sie dann zurück zur Frau zu nehmen. Er sagte, Jibreel habe ihn dazu veranlasst.

Hierin liegt meiner Meinung nach ein großer Trost für uns, wenn wir verlassen werden. Der Trost liegt darin, dass Hafsa zurückgenommen wurde. Auch wenn das bei uns nicht der Fall ist. Aber mit dieser Hoffnung zu leben wird uns helfen, über die erste Zeit der Trennung hinwegzukommen. Wir stellen uns zunächst vielleicht vor, dass alles wieder so werden wird, wie es war. Doch dann, ganz langsam, gewöhnen wir uns an die tatsächlichen Gegebenheiten und stellen nach und nach immer deutlicher fest, dass es nicht mehr so werden kann und auch nicht mehr so werden sollte. Stück für Stück, Tag für Tag, finden wir zu uns selbst zurück als Mensch außerhalb dieser Partnerschaft oder auch Freundschaft. Die Zeit des Hoffens auf eine Rückkehr hat den Zweck des emotionalen Überlebens, so lange die Trauer besonders groß ist. Zuerst sah ich Hafsa als eine Frau, die geschieden war, und dann wieder zurückging. Dann begann ich Hafsa als eine Frau zu sehen, die ungachtet aller Kosten, immer sie selbst geblieben ist. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn sie für immer vom Propheten getrennt geblieben wäre. Ihr emotionaler Impuls entsprach ihrer authentischen Art und Weise, ihre Erfahrungen zu bewerten und ihre eigene Würde zu verteidigen. Hafsa, die Ehefrau des Propheten, würde sich immer wieder entscheiden, ihre Meinung kundzutun, statt zu schweigen.
Hafsa lebte mit dem Propheten Mohamed bis er starb. Sie war es, die den Koran zweimal besaß – einmal in ihrem Herzen, und einmal in Form beschriebener Blätter. Sie war eine intelligente Frau, die lesen und schreiben konnte, eine Gelehrte, die betete und fastete. Hafsa wurde geschätzt und geehrt von ihrem Ehemann, den Sahaba und den Gläubigen, Männern und Frauen, bis heute.

Eine Frau, die so deutlich ausspricht, was gesagt werden muss, ohne Rücksicht auf Verluste, erinnert mich, dass mir meine kleinen Stimmchen nicht vorschlagen, ich selbst zu sein, sondern es von mir erwarten. Man selbst zu sein, ist Ikhlas – Aufrichtigkeit – und es fühlt sich gut an, auch wenn es nicht immer zu schönen Situationen führt. Die Vereinigung des Planes, auf der einen Seite, den Allah für uns ausgesucht hat, und die Verwirklichung unserer Vorstellungen auf der anderen Seite bringt besondere Freude. Natürlich können wir nie hundertprozentig wissen, was der Plan war. Aber wir haben doch einen deutlichen inneren Kompass, der uns sagt, was uns gut tut. Das ist wahrscheinlich das Richtige, und ich persönlich denke, es fühlt sich richtig an, und froh, weil es kongruent ist mit dem, was für uns ausgesucht wurde, weil es unsere Persönlichkeit integer und stimmig werden lässt. Andere Menschen – Menschen, die schöner, intelligenter, und besser waren als ich, hatten Dramen durchzustehen, die ihnen von Allah zugeteilt wurden und werden. Sie haben sie mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Es hat wenig Sinn, darum zu bitten, von solcherlei Schicksalsschlägen verschont zu werden. Das können wir allenfalls im Paradies erwarten. Aber lernen können wir immer. Und uns Trost suchen im Koran und in den Geschichten. Besonders vielleicht von den Personen aus dem Hause des Propheten Mohameds. Es lohnt sich ihre Freundschaft zu suchen.

victoriano izquierdo

Gottes Nähe zu dem Menschen

Beziehung Gott und Mensch oder Gottes Nähe zu dem Menschen

 

victoriano izquierdo
victoriano izquierdo

So wie jeder Gläubige, so denke ich wenigstens, habe ich mir immer wieder Gedanken über meine Beziehung zu Gott gemacht. Nein, ich zweifle nicht an Gott, Aber manchmal zweifle ich an die Beziehung Gott und Mensch, Wenn ich gebrechliche Menschen sehe, dann denke ich im ersten Moment: Gott, warum hilfst du nicht diesen Menschen?  Bei Naturkatastrophen, wenn ich im Fernsehen Menschen und Tiere sterben sehe, ist mein erster Gedanke: O Gott, hilf doch! Es ist für mich schwer begreiflich, dass Gott nicht eingreift. Und oft höre ich die Frage: Gott hat mich so viel erdulden lassen und es hat sich nichts geändert, obwohl ich Ihn darum gebeten habe. Hat Er wirklich nicht geholfen?

    Nein, ich weiß es besser: Gott lässt dieses alles geschehen, denn Er hat uns, die ganze Menschheit, verantwortlich gemacht, die Erde mit ihrer ganzen Natur und all ihren Geschöpfen zu schützen. Und aus dem Grund greift Er nicht ein. Oder doch? Ich denke – nein, ich weiß es, Er lässt uns in unserem Unglück nicht allein. Vielleicht mildert Er das Unglück, vielleicht hätte es uns schlimmer getroffen, oder Er hilft, wenn es angebracht ist durch uns selbst, wir merken es nur nicht.

    Wenn Gott uns ständig behüten würde, wären wir wie Kleinkinder, unselbständig, unmündig, nicht frei. Gott wollte aber freie Menschen als Partner, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, auch mal Fehler machen. Auch wenn wir mal auf hohe Mauern und tiefe Abgründe stoßen, wir müssen sie überwinden. Schon die Neugier, was hinter der hohen Mauer ist, treibt uns voran, ansonsten ist der Mensch kein Mensch und wir würden noch immer auf Bäumen hangeln.

   Ihr kennt die Überlieferung des Propheten Muhammad, als er auf die Frage antwortet über den Zusammenhang von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“: „Binde es an und vertraue auf Allah.“ Für mich steht außer Frage: Gott wird helfen, vielleicht nicht gleich, aber Er wird.

    In einem Hadith berichtet Abu Huraira: Der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – hat gesagt: „Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung dem Menschen vorhalten: „O Kind Adams! Ich erkrankte, doch Du besuchtest Mich nicht!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dich besuchen können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du denn nicht erfahren, dass mein Diener Soundso krank war, und du ihn nicht besuchtest? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihn besucht hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden! O Kind Adams! Ich bat Dich um etwas zu essen, doch Mir gabst du nichts zu essen!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir etwas zu essen geben können. wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du etwa nicht gewusst, dass Mein Diener Soundso dich um etwas zu essen bat? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm etwas zu essen gegeben hättest, du sicherlich dafür Meine Belohnung erhalten hättest! O Kind Adams! Ich bat dich, Mir (Wasser) zum Trinken zu geben, aber du gabst mir nichts zu trinken!” Er wird sagen: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir zu trinken geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Mein Diener Soundso bat dich um Wasser, doch du gabst ihm nichts zu trinken! Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm zu trinken gegeben hättest, du deinen Lohn dafür bei Mir gefunden hättest?” Dies ist überliefert bei Muslim in Riyadhu s-Salihin: Hadith-Nr. 897, Buch 7, Kapitel 144.  Diese Verse bedeuten mehr als nur Seelsorge. Ich fasse das als mehr als eine Pflicht auf, sondern als eine freiwillige Hilfe, die aus dem Herzen kommt. So wie Gott sich um uns kümmert, so sollten wir uns um unsere Mitmenschen kümmern.

     Dieser Hadith steht für ein Lehrer-Schüler-Verhältnis: Gott als Lehrer zeigt uns, wie wir uns zu verhalten haben, Er legt uns diese Verhaltensweise ans Herz, mehr noch, Er macht es uns zu einer Gewissenssache, uns nicht nur um unsere eigenen Bedürfnisse zu kümmern, sonders um die der ganzen Gesellschaft, um die Natur und um alle Geschöpfe.

      Da stellt sich mir die Frage: Was bedeutet eigentlich ein Mensch zu sein? Was erhebt ihn aus der Tierwelt hinaus? Ich denke, Menschsein, das ist vor allem die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Also der Mensch besitzt die Fähigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit zu zeigen, was uns erst zum Menschen macht, was unser Bewusstsein prägt, unsere Ethik, unser Zusammenleben, Hilfe zu leisten. Ich glaube, diese Fähigkeit entwickelt sich vor allem durch die Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Es ist eine Dreiecksverbindung: Beziehung Gott zum einzelnen Menschen, Mensch zur Gemeinschaft, also untereinander und Gottesbeziehung zur Gemeinschaft.

     Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist eigentlich sehr eng, nicht einmal ein Stück Papier passt dazwischen. Gott sagt durch den Koran, dass Er uns näher ist als unsere Schlagader. Wir lesen in Sure 50:16: „Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen, was er in seinem Innern hegt; und Wir sind ihm näher als (seine) Halsschlagader…“ Diese Worte veranschaulichen die unmittelbare, sehr enge Nähe von Gott und Mensch. Es ist die Nähe Seiner Begleitung, Seines Schutzes, Seiner Registrierung aller Handlungen eines jeden Menschen, Seiner Hilfe und Seiner Nähe zu jedem einzelnen Menschen, ob er es will oder nicht. Deshalb brauchen wir auch keine Zwischenstationen zwischen Ihm und uns, keine Funktionäre oder Instanzen, die für uns sprechen wollen und sich manchmal so verhalten, als wenn sie den Islam für sich gepachtet hätten. Nein! Der Islam ist eigentlich eine sehr intime Religion, sehr privat.

   Denken wir einmal über den Vers 115 in Sure 2, Al-Baqara, nach: „Und Gottes ist der Osten und der Westen; und wohin immer ihr euch wendet, dort ist Gottes Antlitz. Siehe, Gott ist unendlich, allwissend.“  Egal, wohin wir schauen oder gehen, immer ist auch Gott dort zu finden.

     Unsere Religiosität dürfen wir nicht territorial begrenzen und wir als Muslime haben auch nicht das Recht, Religiosität nur für uns zu pachten. Der Osten und der Westen gelten nicht nur für das Abend- und Morgenland, sondern rings um uns, ob Mann oder Frau, ob mit dunkler oder heller Hautfarbe, jeder kann die Nähe zu Gott in sich spüren, wenn er es denn will und sich aufnahmefähig macht. Gott ist allumfassend und allgegenwärtig. Er ist nicht nur für besonders weise oder wissende Personen da, sondern für jede einzelne Person und nicht nur manchmal, wenn es uns gefällt, an Ihn zu denken, sondern immer und ewig.

      Gott hat uns von Anfang an seine Zusicherung gegeben, dass wir in den Genuss Seiner Barmherzigkeit kommen und unter Seiner Gnade leben. Das ist wahrhaftig eine besondere Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Als Gegenleistung verlangt Er von uns Barmherzigkeit unter uns Menschen. Und Barmherzigkeit schließt Hilfe, Akzeptanz, Mitgefühl und Liebe zu den Mitmenschen ein.

   Ich habe schon einmal erzählt: Wenn ich aufwache, ist meine erste Regung an Gott zu denken und ich begrüße Ihn, sage einfach: „Guten Morgen ya Allah!“ Das Erstaunliche ist dann immer für mich, dass ich beginne zu lächeln und ein gutes, manchmal überschwängliches Gefühl stellt sich ein, das mich noch lange begleitet. Es ist zu einem Ritual geworden, welches ich nicht mehr missen möchte. Ich fühle dann die Nähe zu Gott, es gibt mir Ruhe und Geborgenheit. Und wenn mir im Laufe des Tages mal eine Laus über die Leber läuft, dann denke ich an dieses Gefühl und mir geht es gleich besser. Und ich denke, es kann sich jeder irgendwelche guten Punkte oder Momente setzen, an die man sich dann halten kann, um mal durchzuatmen und zu sich zu kommen.

    Diese Nähe zeugt eigentlich von der Liebe Gottes zu den Menschen. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass und wie sehr Gott uns liebt und wir müssen uns das immer wieder vor Augen halten. Es besteht immer die Gefahr, dass die Beziehung zwischen dem Menschen und Gott zur Gewohnheit wird. Man kann sich daran gewöhnen, Gott anzubeten. Das Gebet wird einfach nur zur Routine. Darum ist dieses Innehalten, so wie ich es gerade erzählt habe, sehr wichtig. Und ich wünsche jedem von euch, dass er die Nähe und Liebe Gottes spürt, um dann gelassener durch den Tag zu gehen.

    Gott ist wie ein Seil, an dem wir Halt finden, welches uns auch eine Richtung vorgibt, eine Orientierung.    

Und mit dem Vers 2 aus der Sure at-Talaq möchte ich diese Predigt schließen:

     „Und dem, der Allah ehrfürchtig (und aufrichtig) anbetet, verschafft Er einen Ausweg und versorgt ihn in der Art und Weise, mit der er nicht rechnet. Und wer auf Allah vertraut, für den ist Er sein Genüge.“

Manaar

Nikola Jovanovic

Gedanken zum Klima

Gedanken zum Klima

 

Nikola Jovanovic
Nikola Jovanovic

Ummati Ummati! Allahs Liebe und Vergebung am Jaum AlQiama, dem Tag des jüngsten Gerichts.

Letzten Freitag gab es in Berlin und in vielen anderen Städten der Erde Demonstrationen ohne Gleichen. Die Angst vor der Klimakatastrophe treibt die Menschen zusammen und hinaus auf die Straßen. Millionen von Menschen fürchten, dass wir die Erde so zerstört haben, dass unsere Kinder nicht an den natürlichen Alterungsprozessen sterben werden, sondern auf der Suche nach Nahrung und Wasser verzweifeln werden. Die Erderwärmung um 2 Grad scheint kaum aufhaltbar. Die um sich greifende Dürre in unseren fruchtbaren Gegenden wird, so fürchten wir, in unserem jetzt noch reichen und grünen Land zu genau den Bildern führen, die ich im Alter von sechs Jahren über die Hungersnot in Äthiopien sah. Hungernde Kleinkinder mit aufgequollenen Bäuchen, die apathisch in der Wüste saßen, kraftlos der Pein der Fliegen ausgesetzt, die in ihren Augen krabbelten. Furchtbare Bilder, die mich nie verlassen haben. Meine eigenen Kindern wollen keine Kinder bekommen, weil sie es nicht verantworten können, sie diesem Leid auszusetzen. Der Mensch ist dabei, die Erde zu zerstören. War es vor zweihundert Jahren noch üblich, mit der Pferdekutsche zu reisen und entsprechend nicht sehr weit zu kommen oder sehr lange unterwegs zu sein, werden die Autos sogar im aufgeklärten Deutschland, das sich für moralisch vorbildlich hält, immer noch größer und größer. Statt seltener, oder überhaupt gar nicht mehr mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen, halten wir daran fest, denn die Flugpreise sind weiterhin lächerlich billig, trotz der miserablen Ökobilanz oder des schlechten ökologischen Fußabdrucks, den wir Einzelne dadurch hinterlassen. Der Einzelne das sind wir. Der Mensch ist geflissentlich dabei, das Leben zu vernichten und hört nicht einmal jetzt damit auf, im Angesicht der Veränderungen in der Arktis, der Messergebnisse, der neuen Erfahrungen und dem lauten Aufschrei der Wissenschaftler überall in der Welt. Wir leben gut und sind nicht bereit, diese Lebensqualität aufzugeben, wissen auch gar nicht, wie. Wir beschäftigen uns damit, Strohhalme aus Naturstoffen zu nutzen und man suggeriert uns, dass wir auf diese Weise etwas verändern könnten. Zugleich fliegen die Manager und Managerinnen der großen Firmen weiterhin kreuz und quer durch die Atmosphäre, zerstören damit eben diese.  Kreuzfahrten zur Erholung führen von Südamerika bis in die norwegischen Fjorde, wo ich sie gesehen habe, verunreinigen Meere und Flüsse. Statt ein bisschen wandern zu gehen, setzt man sich in so ein Unikum und tut so als gehöre einem die Welt. Die Kleinen, zum Beispiel die Kinder meiner Schule, wollen keine Pappbecher mehr verwenden, während ihre Eltern in der Politik und Wirtschaft Augen und Ohren verschließen, egal wie die Bürger zappeln und schreien. Gleichzeitig gehen auch die Eltern auf Friday for Future Demonstrationen. Es fehlt die kreative Vision. Unsere politische Demokratie hat der wirtschaftlichen Diktatur nichts entgegenzusetzen. Diktaturen lassen sich nur sehr schwer vom Sockel heben. Besonders, wenn man auf ihrer guten Seite steht, hat man wenig Interesse an Veränderung. So ist es auch in diesem Fall. Wir schauen auf andere Länder und deren Diktaturen, wollen bei ihnen demokratische Politiklandschaften etablieren und schrecken hierfür nicht einmal vor Gewalt zurück, dabei schaffen wir es nicht kaum im eigenen Zimmer, die Wirtschaftsdiktatur erfolgreich mit dem Besen hinauszukehren, denn deren Ansichten haben sich in unseren Köpfen fest etabliert, und alles Andere ist mit Furcht verbunden. Furcht vor allen Dinge vor dem Verlust von Eigentum und vor dem Verlust der Meinungs- und Handlungsfreiheit.

 

Als Reaktion auf die Friday for Future Demonstrationen bekam ich in meiner Schule einen Brief der Schulleitung, wie mit Fehlzeiten der Schülerinnen und Schüler umzugehen sei. Das Fehlen zum Demonstrieren werde nicht entschuldigt, es  müsse ab fünf einzelnen Tagen dem Senat gemeldet werden. Wenn man also fünf mal am Freitag während der Schulzeit demonstriert hat, wird eine Schulversäumnisanzeige gestellt und das Jugendamt eingeschaltet. Möglicherweise sieht der Senat auf Grund der politischen Brisanz von den daran anschließenden Sanktionen ab, doch kann die Schulversäumnis auch mit hohen Bußgeldern geahndet werden. Über die Teilnahme von Kindern an Demonstrationen kann man sich selbstverständlich trefflich streiten – ich persönlich bin kein großer Fan davon – aber nach Deeskalationspolitik und Ernstnehmen durchaus berechtigter Ängste und Forderungen sieht das nicht aus. Besonders für junge Leute der ersten Generation also, die massive persönliche Folgen des Klimawandels befürchten, ist das ein inakzeptables Feedback der Regierung. Wir bekommen hier nicht die Botschaft von Gemeinsamkeit der Generationen zum Durchsetzen lebensnotwendiger, moralisch hochwertiger Ziele; auch nicht die Botschaft von der Anerkennung bürgerlichen Engagements; sondern die Botschaft des Schweigens. Das Schweigen aber gehört zur Systematik der Diktatur. Unsere demokratischen Regierungen schweigen unter dem Diktat der Wirtschaft.

Ich bin keine Politikerin und an dieser Stelle vielleicht angreifbar. Aber ich stehe hier als Imamin und weiß, dass der Islam uns anhält, mit der Schöpfung Allahs ordnungsgemäß umzugehen. Dem Klimawandel jetzt mutig entgegenzutreten um die Erde zu schützen, entspräche diesem Gebot.  Ordnungsgemäß bedeutet, nach der Maxime zu handeln, dass uns diese Schöpfung nicht gehört und dass sie gerecht geteilt werden muss. Nicht nur einmal spricht der Koran über die Waage, das Maß, und erinnert uns, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Gerechtigkeit, also auch das gerechte Teilen der Ressourcen, gehören zu den inhärenten Merkmalen des Islam. Doch wir messen mit zweierlei Maß. Seit Jahren laufen Menschen in manchen Bereichen der Erde jährlich weiter und weiter, um Wasser zu holen. Wir messen ihre schweren Schritte mit leichtem Maß. Unseren eigenen Schritten legen wir ein schweres Maß an. Wir versuchen, sie zu vermeiden, indem wir uns anderer Transportmittel bedienen.

„Und er hat das richtige Abwiegen zum Gebot gemacht. Auf das ihr euch in der Waage nicht vergeht. So setzt das Gewicht in gerechter Weise, und betrügt nicht beim Wiegen. Und er hat die Erde für die Geschöpfe bereitet.“ (55)

Diese Geschöpfe sind ja keineswegs nur wir. Jeder Vogel, jedes Insekt gehören dazu. Mohamed sagte, nicht einmal Ameisen darf man töten, jedenfalls keine großen, denn sie verursachen keinen Schaden. Das Töten kleiner Tiere, die uns direkt Schaden verursachen, ist uns erlaubt. Allerdings darf man sie niemals mit Feuer töten. Es geht hier um die Schöpfung Allahs, nicht um unsere freie Verfügbarkeit.

 

Der Prophet der Gnade sprach: Während ein Mann auf seinem Weg war, verspürte er Durst. Er ging zu einem Brunnen, stieg hinab und trank davon. Als er nach oben zurückkehrte, sah er einen Hund, der Schlamm fraß, um seinen außerordentlichen Durst zu stillen. Der Mann sagte sich: „Dieser Hund leidet am selben Leid an dem auch ich gelitten habe“. So kletterte er erneut in den Brunnen hinab, füllte seinen Schuh mit Wasser, klemmte ihn zwischen seine Zähne und brachte das Wasser hinauf, wo er es dem Hund zum Trinken gab. Gott belohnte ihn für diese gute Tat. Die umstehenden Menschen fragten Mohamed, ob es denn lohnenswert sei, den Tieren zu dienen. Mohamed sprach: „Ja, es gibt eine Belohnung für den Dienst an jedem Lebewesen“.

 

Auch diese Geschichte erzählen wir uns:

Eines Tages betrat der Prophet den Garten eines Bewohners von Medina. Ein Kamel sah den Propheten und begann zu weinen. Der Prophet streichelte seinen Kopf und redete freundlich mit dem Kamel. Als Mohamed es zu seinem Besitzer zurück brachte, sprach Mohamed zu ihm: „Fürchtest du nicht Allah in Bezug auf dieses Tier, das dir Allah anvertraut hat? Es sagte mir, dass du es nicht ausreichend ernährst und mit schweren Lasten belädtst, die es ermüden.“

 

Ein weiteres Mal nahm jemand ein Ei aus einem Vogelnest. Die Vogelmutter flog trauernd zu Mohamed. Dieser fand die Person und bat sie, das Ei zurück zu legen, aus Gnade für den Vogel.

 

„Der keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten“. Dies ist vielleicht der harscheste Satz, der dem Propheten zugeschrieben wird. Wer keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten.

Wer aber Gnade zeigt, der wird auch am Tag des jüngsten Gerichtes Gnade erfahren. Sogar im Moment des Schlachtens sollen wir uns angemessen und nach den Möglichkeiten der Situation barmherzig verhalten. Es gibt ja auch ein Kriegsrecht, das trotz aller Grausamkeiten noch greift, wenn ein schon wahrhaft schreckliches Maß der Gewalt noch überschritten wird. Das Wort Kriegsverbrechen ist zwar eigentlich redundant, da jede Kriegshandlung gewissermaßen ein Verbrechen ist, doch gibt es selbst hier noch Moralgesetze, die wir einhalten sollen, um uns nicht vollkommen an der Schöpfung zu vergehen. Und Zur Gnade beim Schlachten gehört nach unserem heutigen Verständnis, es möglichst selten zu tun, am besten gar nicht. Aber das war zur Zeit von Mohamed kein Thema. Ohne Massentierhaltung und unter den einfachen Lebensbedingungen hatte der Verzehr von Fleisch mit Sicherheit vollkommen andere Dimensionen als heute. Zur Gnade beim Schlachten gehört seit Mohamed die Verwendung eines Messers unübertroffener Schärfe, um dem Tier so wenig Schmerz wie möglich zuzufügen. Darüber hinaus darf das Tier nicht wahrnehmen, wie andere Tiere geschlachtet werden, oder gar dabei zuschauen.

Wir Menschen dürfen Tiere töten, die beispielsweise an Tollwut erkrankt sind, oder deren Krankheiten ihnen großes Leid verursachen. Doch niemals dürfen wir leichtfertig, aus Spiel, Aggression oder um unser Leben billig zu erleichtern der Schöpfung ein Leid zufügen. Keiner Pflanze, keinem Tier, keinem Menschen, und nicht der Erde, die im Koran personifiziert ist und damit als Ganze unter die Fürsorgepflicht des Menschen fällt.

Wir werden am Ende unserer Menschenzeit mit unseren Taten konfrontiert werden.

Von diesem Tag, den wir als Jaum AlQiama bezeichnen, gibt es allegorische Beschreibungen. Auf Deutsch nennt man ihn „den jüngsten Tag“, oder den „Tag des jüngsten Gerichts“, wobei mit „jüngstem“ „das letzte“ gemeint ist. Man bezieht sich dabei auf den finalen Moment der menschlichen Existenz auf der Erde, so wie wir diese Existenz bis heute kennen und erleben.

Ich sage hier nicht, dass der Klimawandel den Untergang der Menschheit einleitet, wenngleich dies natürlich möglich ist. Was ich aber sehr wohl sage ist, dass wir geneigt sind, im Wissen um unsere individuelle Vergänglichkeit sowie um die Vergänglichkeit als Spezies, unsere Handlungen anders zu bewerten als wenn wir so tun, als wären wir unsterblich. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten stets von einem Perspektivwechsel, einem Wertewandel und einem klaren Wissen darüber, was ihnen fortan im Leben wichtig ist. Das Wissen um unser persönliches Ende oder unser Ende als Spezies stellt keine Strafe dar, sondern eine Chance, die uns  befähigt, angesichts der äußersten Vielfalt möglicher Lebensformen diejenigen für uns herauszuarbeiten, oder auszuwählen, die der Erde und ihren Bewohnern dauerhaft gerecht werden. Das Wissen um die Endlichkeit birgt die Chance der Moral. Natürlich könnten wir auch sagen, ich bin nur für mich selbst verantwortlich und nach meinem Tod können die Anderen sehen, wie sie klarkommen. Wir haben ausreichend Beispiele für diese Haltung innerhalb der Menschheit. Doch bezeichnen die meisten Menschen diese Denkweise als unmoralisch. Die göttliche Offenbarung des Koran weist uns den Weg zu moralischem Handeln.

  • Sure al zalzali –

Wenn die Erde ihr Beben erbebt

und ihre Lasten auswirft

und die Menschen fragen, was hat sie?

An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen, da ihr Herr es ihr eingegebe hat. An diesem Tag werden die Menschen einzeln hervorkommen, um ihre Werke zu sehen.

Und wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen.

 

Was passiert am Tag des jüngsten Gerichts?

Der Tag wird eingeleitet, indem der Engel Israfil zweimal in sein Horn bläst.

Mohamed erzählt uns, dass an diesem Tag die Menschen zerstreut und verwirrt sein werden, über das, was um sie herum geschieht. Ihnen wird deutlich werden, dass es der letzte Tag ist, und so werden sie zu Adam gehen, und zu ihm sagen: „Leg du Fürbitte für uns ein, bei Gott“, doch er wird antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Ibrahim, denn er ist AlKhalil, der enge Freund Gottes“. Die Menschen werden zu Ibrahim gehen und ihn bitten, für sie bei Gott Fürbitte einzulegen. Ibrahim wird ihnen antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Moses, denn mit ihm hat Allah direkt gesprochen“. So werden sie zu Moses gehen und ihn bitten, doch auch er wird sagen, dass er ihnen nicht helfen kann. „Geht zu ‘Isa, denn er ist die Seele, geschaffen von Allah und seinem Wort“. Auch Jesus wird ihnen antworten, dass er keine Befugnis dafür habe und sie stattdessen zu Mohamed schicken. Mohamed erzählt: Ich werde sagen: „Ja, ich kann“ und ich werde zu Allah gehen und ihn um Erlaubnis bitten und er wird mir Erlaubnis erteilen. Und er wird mir Worte eingeben, mit denen ich ihn preisen werde. Wörter, die ich jetzt noch nicht kenne. Dann werde ich mich vor ihm niederwerfen. Nach einer gewissen Zeit wird er sagen: „Oh Mohamed, sprich, und deine Bitte wird gewährt“ Und ich werde antworten: „Allah! Ummati Ummati“ Meine Gemeinschaft. Und er wird sagen: „Geh und bring mir jeden, in dessen Herzen Glauben im Gewicht eines Gerstenkorns ist.“ Ich werde das tun, sagt Mohamed. Doch dann werde ich zurückkehren zu Allah und mich erneut vor ihm niederwerfen, ihn preisen und ihn um die Erlaubnis zur Fürsprache bitten. Und Allah wird antworten: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt, sprich, und deine Bitte wird gewährt“. Und ich werde sagen: „Allah! Ummati Ummati!“ Meine Ummah, meine Ummah. – Das Einzige, woran Mohammed denkt, ist die menschliche Gemeinschaft. Und Allah wird antworten, geh und bring diejenigen, deren Glaube so groß ist wie eine kleine Ameise oder ein halbes Senfkorn. Mohamed erzählt: Ich werde gehen und diese Menschen holen. Und wieder werde ich mich vor Allah niederwerfen, denn noch habe ich nicht alle Menschen meiner Gemeinschaft gerettet. Und wieder wird Allah sagen: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt und sprich deine Bitte, denn sie wird erhört. Und wieder wird Mohamed sagen „Ummati Ummati“. Und Gott wird sagen, bring mir jeden, dessen Glaube auch nur so viel wiegt, wie das aller kleinste und leichteste Senfkorn, das man sich vorstellen kann.

 

Der Begriff der Umma ist ein schwieriger Begriff. Er kann uns dazu verleiten, uns als Muslime gegenüber der nicht-muslimischen Welt abzugrenzen. Aber wir sind zugleich die Umma der Muslime und die Umma der Menschheit. Die Schöpfung als Ganze ist eine Umma, zu der wir alle gehören, und für die wir alle gemeinsam verantwortlich sind. Die Menschheit atmet dieselbe Luft, trinkt dasselbe Wasser und unsere Felder werden von demselben Regen bewässert. Deine Kinder sind meine Kinder, meine Eltern, sind deine Eltern.

Allah, Ummati! Ummati!

Die Umma, das sind wir alle.

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

 

Raphael Schaller

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott. Dies ist der Anfang der fünf Bücher Moses. Am Anfang war das Wort.

Der Koran beginnt genauso. Ein berühmtes Hadith berichtet über die Erfahrung des Propheten Mohammeds in der Höhle, in die er sich schon vor seinen Offenbarungen immer wieder zurückzog, um in sich zu kehren, der Höhle von Hira. Eines Tages besuchte ihn der Engeln Jibreel, und forderte ihn, den Analphabeten, auf, zu lesen. „Iqra“, sagte Jibreel – es bedeutet sowohl zu lesen oder aus dem Gedächtnis zu rezitieren.

„Iqra!“, sagte Jibreel.

Mohamed antwortete: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest; ich bin kein Lesender.  Jibreel nahm ihn und drückte ihn, bis Mohamed es nicht mehr ertrug. Dann ließ er ihn los. Wieder sagte Jibreel zu Mohamed: „Iqra!“ Lies! Und wieder antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Ich bin kein Lesender. Jibreel packte ihn wieder und drückte ihn, bis er es nicht mehr ertragen konnte. Doch ließ er ihn dann los, um nun zum dritten Mal zu befehlen: ​​“Iqra!“ Lies! Und ein letztes Mal antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Nun ergriff Jibreel Mohammed nicht noch einmal, sondern rezitierte für ihn diese erste Offenbarung und Mohamed folgte seinem Beispiel.

بِسۡمِ ٱللهِ ٱلرَّحۡمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

ٱقۡرَأۡ بِٱسۡمِ رَبِّكَ ٱلَّذِى خَلَقَ (١) خَلَقَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مِنۡ عَلَقٍ (٢) ٱقۡرَأۡ وَرَبُّكَ ٱلۡأَكۡرَمُ (٣) ٱلَّذِى عَلَّمَ بِٱلۡقَلَمِ (٤) عَلَّمَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مَا لَمۡ يَعۡلَمۡ

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!
Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. (1) Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. (2) Lies; denn dein Herr ist Allgütig, (3) Der mit dem Stift lehrt, (4) lehrt den Menschen, was er nicht wußte.

Der Prophet lief nach Hause, wo seine Frau Khadija sah, dass er in großer Not war. In seiner Angst, er habe den Verstand verloren, bat er sie zitternd: „Bedecke mich, bedecke mich“. Khadija bedeckte ihn mit einem Umhang und sprach freundliche Worte zu ihm. Sie lobte seine Integrität, seine friedliche Natur und sein hilfsbereites Verhalten, bis er ruhig wurde und akzeptieren konnte, was mit ihm geschehen war; dass dies der göttliche Wille war, und dass er von nun an aufgerufen sein würde, nicht nur für Jibreel zu rezitieren, sondern der Menschheit weiterzugeben, was Gott ihm mitteilte. Er würde ein Botschafter Gottes sein. Was er an die Menschheit weitergeben würde, wären Worte. Nun hat Mohamed nicht nur Worte weitergegeben. Sein größtenteils sanfter, freundlicher und liebevoller Umgang mit Familie, Freunden und Feinden, seine Art zu beten, zu essen, sich zu waschen und seine Bereitschaft, alles, was er besaß, zu teilen, werden alle als die Sunna weitergegeben. Wir können sie kopieren oder nicht kopieren, wie wir es für uns selbst im Hinblick auf unser eigenes Verständnis ihres Wertes und mit Verantwortung für unser eigenes Handeln entscheiden. Aber die Offenbarungen, die er für uns hat, werden in Form von Worten weitergegeben.

Das Wort ist offenbar eine wichtige Einheit, obwohl es ja irgendwie gar nicht existiert. Zumindest nicht das gesprochene Wort. Es ist nicht greifbar. Das Wort ist ein Nomen, man schreibt es groß, doch in dem Moment wo es gesprochen wurde, ist es bereits weg. Seine Lebensdauer ist mit die Kürzeste, die wir uns von etwas vorstellen können.  Doch welch wundersames Paradox! Denn zugleich haben Wörter mit das längste Leben, was wir uns von irgendetwas vorstellen können, selbst, wenn sie nicht niedergeschrieben werden. Worte dringen in unser Gehirn und bleiben dort auf ewig gespeichert, entfalten dort eine Wirkung, die unserem ganzen Leben in die eine oder die andere Richtung weisen kann. Worte dringen in unser Herz und verursachen die wunderschönsten Gefühle, verursachen Kraft und Mut, und zugleich können sie zerstören. Dazu kommt die Fragestellung nach der Bedeutung. Kein Wort bedeutet für zwei Menschen genau dasselbe. Wörter unterliegen unserer Interpretation, und die beruht auf unseren Erfahrungen.

Daher muss den Worten in unserem täglichen Leben besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, nicht nur im gewissermaßen heiligen Moment des Gebets in der Moschee, sondern unter allen Umständen, selbst den alltäglichsten.

 

In Sure 49 lesen wir

„O ihr Gläubigen! Kein Mann darf über einen anderen spotten; vielleicht ist dieser besser als er. Keine Frau darf über eine andere spotten; vielleicht ist diese besser als sie. Verleumdet euch nicht gegenseitig! Sagt einander keine bösen Wörter und Schimpfnamen! Es gibt nichts Schlimmeres, als diesen Frevel zu begehen, nachdem man den Glauben angenommen hat. Wer nicht reumütig davon abläßt, gehört wahrhaftig zu den Ungerechten.

O ihr Gläubigen! Meidet viele Mutmaßungen, denn einige darunter sind sündhaft! Bespitzelt keinen, verleumdet einander nicht mit Nachreden! Möchte etwa jemand vom Fleisch seines toten Bruders essen? Wie ihr das verabscheut, verabscheut auch die Nachrede! Fürchtet Gott! Gott ist voller Barmherzigkeit und nimmt die Reue an.“

 

An unseren alltäglichen Worten und  Gesprächen sind oft unsere Kinder beteiligt, die zu den Verletzlichsten zählen, wenn es darum geht, Worte schlecht zu gebrauchen. Manchmal werden Kinder ja sogar geschlagen. Eine aktuelle Studie in Deutschland zeigt, dass etwa ein Viertel der Kinder geschlagen wird, 5% so stark, dass die Schläge Spuren hinterlassen. Es ist jedoch falsch zu glauben, dass Gewalt den physischen Körper einbeziehen muss. Während in einkommensschwachen Familien mit niedrigem Bildungsstand häufiger geschlagen wird, kommt es in allen Haushalten zu verbaler Gewalt, auch wenn sie sich eines besonders zivilisierten Verhaltens rühmen.

Lächerlich machen, schreien, niedermachen und dergleichen führen zu körperlichen Folgen, die sich in Form von Lispeln oder Nörgeln in der kindlichen Sprachentwicklung zeigen oder im nächtlichen Einnässen, in Aggressionen, Depressionen, oder sogar Selbstmord.

 

Nette und freundliche Worte zu hören, gibt uns hingegen das Selbstvertrauen, das wir für all unsere täglichen Begegnungen mit neuen Menschen und Situationen brauchen, den Mut, neue Dinge auszuprobieren, um zu wachsen, und die Ausdauer, um weiter zu üben, wenn uns Dinge noch schwerfallen.

Gleichzeitig profitieren Kinder, wie alle anderen, von Worten der Güte und Liebe. Wir alle gedeihen, wenn uns gesagt wird, dass wir gut darin sind, etwas zu tun. Wir tun es dann gerne noch einmal, um der Welt zu beweisen, dass wir wirklich gut darin sind, und um das Lob noch einmal zu hören. Auf diese Weise werden wir in all unseren Unternehmungen tatsächlich immer besser, bis wir den Worten, die über uns gesagt wurden, gerecht werden.

Der Prophet sprach häufig über Spott, Lästerei und Verleumdungen, und bat eindringlich, sie zu unterlassen. Wir haben es gerade aus dem Koran gehört. Unsere Zunge sei einer unserer größten Feinde, habe er gesagt. Die Gleichsetzung mit dem Kannibalismus zeigt, es ähnelt dem Töten.

Im Strafgesetzbuch steht das ähnlich. Da gibt es die Begriffe „üble Nachrede“, „Rufschädigung“, „Verleumdung“, „Beleidigung“, und im allgemeinen Sprachgebrauch sprechen wir gar von „Rufmord“, als hätte man diese Person selbst tätlich angegriffen. Die üble Nachrede nach § 186 Strafgesetzbuch (StGB) ist ein Ehrdelikt, das sich von der Beleidigung (§ 185 StGB) dadurch unterscheidet, dass nicht die Äußerung eines bestimmten negativen Werturteils unter Strafe gestellt wird, sondern das Behaupten oder Verbreiten ehrenrühriger Tatsachen. Der Begriff der Ehre ist in allen Kulturen ein Wertbegriff, er wird lediglich mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Die Missachtung der Ehre unserer Mitmenschen steht in Deutschland unter Strafe.

 

 

 

Mit der Erzählung über ein solches Ehrendelikt oder eine Verleumdung möchte ich meine Khutba heute beenden. Vielleicht sollte man die Geschichte irgendwann einfach mal unter den Teppich kehren. Doch zeigt sie uns explizit, wie leicht es ist, solchen Verleumdungen Glauben zu schenken und wie lange sie sich aufrecht zu erhalten. Die folgende Geschichte wird, ich muss es hier unbedingt sagen, sehr unterschiedlich überliefert. Auch, um welche Frau es sich handelt, variiert. In meinen Quellen geht es um Aisha – Aisha, die ich persönlich sehr verehre. Aisha hatte Mohamed sehr früh geheiratet und war sicherlich emotional besonders eng mit ihm verbunden. Sie war vielfältig im Ausleben ihres Islamverständnisses. Einerseits hat sie ihren Besitz immer wieder minimiert, indem sie ihn an Bedürftige verteilt und wenig für sich selbst übrig gelassen hat. Andererseits hat sie sich stets gebildet. Sie war eine intelligente Frau, die sich nach Mohameds Tod in Anliegen der Religion und Politik als Führungspersönlichkeit hervortat. Aisha war schamlos ehrlich mit sich selbt, was ich vielleicht an ihr am meisten schätze. In ihren Erzählungen über den Propheten Mohamed schönt sie ihr eigenes Verhalten nicht.

Die folgende Geschichte gibt uns einen Einblick in die Folgen der Verleumdungen und darin, dass auch ausgesprochen integre Menschen nicht davon verschont werden.

 

Der Skandal um Aisha, der auch der Lügenskandal, Hadith al-Ifk, genannt wird, ereignete sich im Jahre sechs n.H., kurz nach der Heirat Muhammads mit Saynab bin Dschahsch. Als Muhammad sich für die Schlacht mit den Banu al-Mustaliq vorbereitete, loste er – wie üblich vor jeder Schlacht – unter seinen Ehefrauen aus, welche er mit sich nehmen sollte. Das Los fiel auf ‘Aischa. ‘Aischa freute sich darüber, ihrem Mann für einige Tage das Geleit zu geben und mit ihm allein zu sein. Muhammad und die Muslime gewannen diese Schlacht. Auf dem Wege zurück nach Medina, während einer Rast des Heeres, entfernte sich ‘Aischa kurz nach dem Morgengrauen aus dem Lager, um einem Bedürfnis nachzukommen. Dabei verlor sie ihre Halskette. In der Suche nach ihrer Kette verspätete sie sich dermaßen, dass bei ihrer Rückkehr das Lager bereits abgebrochen und ihr Kamel mit den anderen fortgeführt worden war. Die Leute hatten in dem Glauben gehandelt, sie befinde sich bereits in dem Zelt, das auf dem Sattel ihres Kamels aufgerichtet war.

Als ‘Aischa feststellte, dass sie allein zurückgeblieben war, hoffte sie, dass der Gesandte ihr Fehlen bemerken und jemanden schicken werde, sie abzuholen. Als Nachzügler war Safuan ibn al-Mu’attal as-Salami ebenfalls zurückgeblieben.

Safuan sagte zu ihr so etwas wie: „Wahrlich, Allah gehören wir, und zu Ihm kehren wir heim. O du Frau des Gesandten Allahs, was ließ dich von dem Lager zurückbleiben? Allah erbarme sich deiner!“. Safuan fühlte sich für die Sicherheit ‘Aischas verantwortlich, deshalb führte er sein Kamel vor und lies ‘Aischa aufsteigen. Dann führte er sein Kamel zurück nach Medina. Mit großer Verspätung traf ‘Aischa in Begleitung Safuans, im hellen Licht des Tages, lange nach der Ankunft des Heeres in Medina ein.

Dies war der Anlass für böswillige Menschen und Heuchler, ‘Aischa und Safuan zu verdächtigen, sich unzüglich erhalten zu haben. Menschen verbreiteten Verleumdungen und Verdächtigungen über ‘Aischa und Safuan. Selbst innerhalb der islamischen Gemeinschaft führte dieses Gerede zu einer Art Spaltung. Warum? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Gott sei dank seid ihr beide wohl behalten? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Zum Glück war Safuan dort, und konnte Aisha unterstützen!? Mein bester Freund sagte mir schon oft in seinem nicht ganz perfekten Deutsch, wenn ich mal wieder eine Vermutung anstellen wollte: „Denk mal immer gut“. 

‘Aischa selbst kam von der Reise schwach, erschöpft und krank zurück. Aus diesem Grund hielt sie sich die meiste Zeit in ihrem Hause auf und ging fast nicht aus der Tür. Die Gerüchte und Verleumdungen breiteten sich indessen immer weiter aus. Normalerweise kümmerte sich der Gesandte, wenn ‘Aischa krank war, mehr als gewöhnlich um sie und erleichterte ihr Leben bis sie wieder gesund war. Diesmal verhielt er sich anders und kümmerte sich nur wenig um sie. ‘Aischa hatte sogar das Gefühl, dass es dem Gesandten sehr schwer falle, sie zu betreuen und nach ihrem Wohlergehen zu fragen, wie er es früher getan hatte. Da sie den Grund für das veränderte Verhalten des Gesandten ihr gegenüber nicht kannte, erhoffte sie Hilfe und Betreuung von ihrer Mutter und bat den Gesandten, zu ihrer Mutter gehen zu dürfen. Dieser erlaubte es ihr sofort. Dies zeigt, wie stark die Verleumdung in der Öffentlichkeit das Verhältnis des Gesandten zu ‘Aischa gestört hatte. Er war über diese Verleumdungen sehr betroffen und es fiel ihm schwer, zu glauben, dass es in seiner Gemeinschaft Leute gab, die solche Lügen weiterverbreiteten. Muhammad kannte ‘Aischa, aber auch Safuan, vom Grunde ihrer Seele und war deshalb sicher, dass es sich bei diesem Gerücht um nichts anders als eine Verleumdung handeln könne.

Schließlich konnte sich Muhammad nicht länger zurückhalten und entschloss sich, vor der Gemeinschaft darüber zu sprechen. Nachdem er zuvor Allah angerufen und Ihn gepriesen hatte, sprach er vor der Gemeinschaft, ohne dass ‘Aischa davon wusste: „O ihr Menschen“ Wie ist es mit einigen unter euch, die mich beleidigt haben in einer meiner Angehörigen (‘Aischa)? Sie sprechen nicht die Wahrheit; bei Allah, ich habe von ihr nur Gutes gekannt. Und sie sprechen auch Schlechtes von einem Manne (Safuan), von dem ich auch nur Gutes gekannt habe. Niemals ist er in eines meiner Häuser ohne meine Begleitung eingetreten.“

Doch eine Verleumdung kann man niemals aus dem Weg schaffen. Einmal gesagt, bleibt ein bitterer Nachgeschmack, und häufig meint man, es könne ja vielleicht doch etwas Wahres dran sein.  So entfaltet eine Verleumdung auch nach vielen Jahren noch ihre bittere Wirkung.

Welche Worte sind es denn aber, die wir verwenden sollen? Zunächst einmal, Taten sagen oft mehr als Worte. Wir sollten vielleicht gar nicht immer Wörter verwenden, sondern könnten uns stattdessen überlegen, wie wir unseren Gefühlen wortlos aber handlungsreich Ausdruck verleihen können. Und dann die schönen Worte – es freut mich, gerne, schön, das ist wunderbar, du bist wunderbar, und sicher fällt uns auch die eine oder andere gute Geschichte über unsere Mitmenschen ein. Über Aisha zum Beispiel, wie bereitwillig sie ihre Besitztümer an Bedürftige abgegeben hat. Wie tapfer sie ein schweres Leben ertragen hat. Sie hingebungsvoll sie dem Propheten gegenüber war. Über unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Ehemänner, unsere Kinder – schnell sagen wir ein schlechtes Wort. Aber, „denkt mal immer gut!“ Lasst uns gute und schöne Wörter füreinander und für unsere Handlungen finden.

In diesem Sinne Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

 

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Tim Marshall

Trost

Trost

Autorin: Susanne Dawi

Tim Marshall
Tim Marshall
Als ich eines Tages die Sure AlKawthar genauer studierte, um eine Khutba darüber zu schreiben, empfand ich sie als irgendwie gegensätzlich und zugleich sehr ähnlich wie die Sure AlAsr, die mich in letzter Zeit besonders bewegt. Zu Al Kawthar gibt es also demnächst auf unserer Seite eine Khutba, und über AlAsr schreibe ich den heutigen Blogtext. Unterschiedlich ist, dass AlKawthar von der Fülle berichtet, die uns gegeben wurde, während AlAsr über den Verlust spricht. Gerichtet sind beide Suren insbesondere an den Propheten Mohamed, aber ihre Worte sind auch für jeden von uns bedeutsam.

Schon im Beginn dieser Sure schwingt eine vielleicht traurige Ernsthaftigkeit. „Wa AlAsr“ ; ein „Ach“ des Herzens über die Vergänglichkeit. Al Asr heißt so Einiges, z.B. „der Nachmittag“, oder „das Zeitalter“. Gemeinsam habe diese Vorstellungen, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der irgendwann zuende geht, und dessen Zenit möglicherweise bereits überschritten ist. Mein eigenes Gefühl, wenn ich diesen ersten Satz lese, sagt so etwas wie: „Ach, alle Zeit vergeht, und nun ist unsere Welt und insbesondere dein eigenes Leben, schon an seinem Nachmittag angekommen. Deine Frist neigt sich dem Ende.“ Daher übersetze ich „AlAsr“ am liebsten mit „Die Frist“. Wir empfinden Ehrfurcht vor der Frist, während der die Menschen die Welt bewohnen dürfen und noch mehr Ehrfurcht vor der Endlichkeit unseres eigenen Lebens. Während uns das Leben einerseits oft reich beschenkt, nimmt es uns auch Vieles. „Wahrlich die Menschheit befindet sich in großem Verlust.“ Verlust ist ein Gefühl der Trauer. Dabei muss es sich gar nicht um den Verlust von Objekten oder Lebewesen handeln, sondern kann auch ein Verlust der Hoffnung sein, ein Verlust des Glücks oder ein Gefühl von Einsamkeit. Verlust heißt, dass man sein Glück verloren hat, oder seine Lieben, oder einen Traum nicht leben kann, den man zu leben gehofft hatte. Vieles klassifiziert sich als Verlust, und wer gerade trauert, erfreut sich nicht an der Vielfalt, sondern nimmt deren Abwesenheit schmerzlich wahr.

Doch schon der nächste Satz der Sure ist ein tröstender. Niemals sollen wir in unserer Trauer verharren. Diese Botschaft sendet uns Gott an vielen Stellen. So beginnt der nächste Satz mit „Außer“ und beschreibt diejenigen Menschen, die keinen Verlust haben werden; es sind die, welche glauben und gute Werke tun und sich gegenseitig darin unterstützen, das Recht (auch Gesetz) zu beachten und sich zur Geduld anhalten.

Schon von der Tonalität der Sure ist sie wunderschön. Sie möchte langsam gesprochen werden und ihre Töne sind dunkel. Ihre Hauptvokale sind a und u, das s in Asr ist ein schweres s, das s in khusr wird gefolgt vom r wie auch in sabr, was dem Wort Ernsthaftigkeit verleiht. Khusr und Sabr zeigen in diesem Zusammenhang eine ergreifende Einheit von Ton und Inhalt, durch die wir beim Rezitieren in eine Stimmung versetzt werden, die als eine Mischung aus Trauer und Zuversicht beschrieben werden kann. So bietet diese Sure Trost. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in dem wunderbaren Satz in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Natürlich haben die Glaubenden, Tröstenden, auch Verluste – auch ihnen sterben die Eltern, auch sie werden krank oder unglücklich. Doch um mit dem Schmerz zurecht zu kommen helfen uns die Liebe zu Allah und zu den Menschen, unsere Geduld und unsere guten Werke.

Als ich vor einigen Jahren nachts am LAGESO Berlins so genannte „Flüchtlingshilfe“ betrieb und die ersten neu ankommenden Syrer, Afghanen, Iraker und viele Andere mit weiteren Helfern in teils recht „kreative Unterkünfte“ (Theatersäle, Restaurantzimmer, Probenräume…) brachte, damit keiner auf der Straße schlafen müsse, fragte mich jemand, warum ich das täte. Abgesehen davon, dass ich mir diese Frage selbst nie gestellt hatte (es ist eben ein Gefühl, aus dem heraus man handelt), fand ich später eine möglicherweise taugliche Antwort: Wenn wir anderen Menschen helfen, dann wird vielleicht auch später unseren Kindern geholfen, wenn sie in eine schlimme Lage kommen, oder unseren Eltern, oder denen, die wir lieben. Wenn wir aber niemandem helfen, dann gibt es keine Hoffnung, dass später jemandem geholfen wird. Selbst zu helfen bedeutet, Hoffnung überhaupt erst zu ermöglichen. Diejenigen unter Ihnen, die gute Werke tun, schaffen für sich selbst und andere Hoffnung. Hoffnung, die uns aufrecht hält in Zeiten des Verlusts.

Bei der Frist
Wahrlich die Menschen sind in großem Verlust.
Außer denjenigen die glauben und Gutes tun
Und andere bestärken, richtig zu handeln und sie darin bestärken, geduldig zu sein.

Alexander Sinn

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Heute ist Märchenstunde in der Moschee. Doch wenn ich hier aus zwei Märchen zitiere, aus 1001 Nacht nämlich und aus dem Froschkönig der Grimmschen Sammlungen, dann dient das der Illustration dessen, was man Würde nennt, Karama al Insan, und was den ersten Artikel unseres Grundgesetzes ausmacht. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heißt, sie hat gefälligst respektiert zu werden. Egal, wie praktisch es anderweitig wäre, und wie nett man es sich einrichten könnte, wenn sie nicht so wichtig wäre. Alles muss hinter das Einhalten der menschlichen Würde zurücktreten. Dazu gehört auch unser Sprachgebrauch. Und zwar unserer eigenen Würde sowie der Würde unseres Gegenübers. Würde und Zwang stehen sich diametral gegenüber. Das bedeutet, ihr Wesenselement ist die Freiheit. In einer freien Gesellschaft die Freiheit zu predigen mag obsolet erscheinen, doch stelle ich immer wieder bei mir selber fest, wie schnell ich bereit bin, die Freiheit anderer einzuschränken, wenn es um die Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse geht.

Würde ist eines der interessantesten Wörter meines Lebens. Um ihre Würde zu wahren, heiratete meine Großmutter nicht den Offizier, den sie nicht liebte, wenngleich ihre drei unehelichen Kinder im Krieg dadurch weiter hungern mussten. Sie hat ihren Kindern dadurch viel abverlangt; und dennoch darf man ihr keinen Vorwurf machen, denn sie empfand die Heirat mit diesem Mann als eine Verletzung ihrer Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie steht nicht zur Debatte, doch können wir sie leicht verwechseln mit dem Stolz. Nicht immer, wenn unser Stolz verletzt wird, geht es um Würde.
Die gelebte Würde des Menschen soll unantastbar sein, doch tatsächlich wird sie ständig und überall verletzt, von der Würde der Tiere ganz zu schweigen. Wenn ich im Folgenden die Würde der Frauen in den Mittelpunkt stelle, dann bedeutet das nicht, dass die Würde von Männern nicht verletzt wird. Männer werden geschlagen, sie werden gefoltert, genauso vergewaltigt wie Frauen und verheiratet mit Frauen, die sie nicht lieben können. Homosexuelle Männer werden zu Heterosexualität gezwungen, oder dazu, sich zu verdingen, statt einem Beruf ihrer Wahl nachzugehen. Am schlimmsten, Männer müssen in Armeen Kriegsdienste leisten, für Diktatoren töten und sich töten lassen, fliehen und es wird von ihnen verlangt, während Frauen und Kinder gerettet werden, mit dem Boot unterzugehen.

Die folgenden Geschichten handeln von Frauen, die sich ihrer Würde bewusst sind. Ich möchte sie erzählen, um uns daran zu erinnern, dass wir frei sind, in unseren Entscheidungen, um also daran zu erinnern, dass Würde immer mit Freiheit, auch Entscheidungsfreiheit, verbunden ist. Ein Sprichwort sagt: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Meine Mutter lehrte mich stattdessen: „Wer A gesagt hat, muss noch lange nicht B sagen.“ Auch Brecht sagt dies, doch hatte sie ihn nicht gelesen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.
Egal, was man versprochen haben mag – wenn man merkt, dass es ein Fehler war, ist es nie zu spät, sich davon zu distanzieren. Selbst, wer geheiratet hat, muss nicht bei seinem Partner bleiben. Im Quran lesen wir an vielen Stellen, dass wer auseinandergeht, dies in Frieden und mit vergebendem Herzen tun soll. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen. Wir sind frei, jederzeit auf unser Leben zu schauen um es zu bewerten und unsere Entscheidungen neu zu treffen, selbst wenn wir damit andere enttäuschen. Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt stehen dabei im Mittelpunkt, unsere, und die der Anderen.

Im Koran steht das Wort Würde nicht. Jedenfalls nicht in der Form Karama. Dort steht auch nicht das Wort Freiheit als Horrie. Doch ist er voll mit dem Gedanken des freien Willens, der die Grundlage dafür bildet, dass wir am Ende unserer Frist für unsere guten Absichten und Handlungen belohnt werden. In 2:30 können wir lesen: Und dein Erhalter sagte zu den Engeln: Seht, ich bin dabei auf Erden einen Khalifa einzusetzen, einen, der sich um sie kümmern wird, sie pflegt und ihre Belange regelt. Da sagten die Engel: Willst du einen solchen einsetzen, der Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird, während wir es sind, die dich Tag und Nacht preisen? – Während die Engel als einzige Option den Gehorsam haben, und Gott Tag und Nacht preisen, haben wir Menschen die Freiheit Sinnvolles, oder weniger Sinnvolles zu tun.

Und was ist mit der Gerechtigkeit? Prägnant verbildlicht uns im Quran das Symbol der Waage die Gerechtigkeit als ein Wesensmerkmal Allahs und zugleich als anzustrebende Maxime unseres Charakters. Auch hier geht es nicht um Worte, sondern um das Handeln, nämlich nicht mit zweierlei Maß zu messen. In 83, Verse 1-5 sagt uns Allah: Wehe jenen, die gekürztes Maß geben. Jene, die, wenn sie von anderen Leuten ihren gebührenden Anteil erhalten, verlangen, dass er voll gegeben werde – aber wenn sie auszumessen oder auszuwiegen haben, was immer sie anderen schulden, weniger geben, als gebührend ist.
Auch Rechte kann man auf die Waagschale legen. Nach dem eben genannten Vers müssen sie ausgeglichen sein, damit es in der Welt rechtens zugeht. Alle Menschen haben dieselben unveräußerlichen Rechte. Für Kinder und Jugendliche, sowie für manche Erwachsene, wird die Freiheit eingeschränkt zu Gunsten des Schutzes. Dann wird vorsichtig formuliert, wo der Schutz wichtiger ist als die Möglichkeit der freien Entscheidung. Doch stets bilden Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt den Ausgangspunkt jeglichen angemessenen menschlichen Miteinanders.
Über die Freiheit als zentrales Element der Würde erzählen die beiden Märchen.

Die Frau mit dem Federkleid
Eigentlich heißt die Geschichte Hassan Al Basri, doch passender finde ich diesen Titel, der anerkennt, dass die Frau gleichermaßen Protagonistin ist, wie der Mann.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – wo diese mysteriöse Insel Wakwak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ ( Ich habe zitiert aus Mernissis Buch Harem, S. 11-12)
In der Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende. Doch nun geht die Frau freiwillig mit ihm. Aber vielleicht bleiben sie ja lieber auf Wakwak, weil es dort viel schöner ist. Vielleicht sucht Hassan vergeblich und findet seine Frau nie wieder. Jedenfalls weiß die Frau mit dem Federkleid, dass es Unrecht ist, sie zu etwas zu zwingen.
Ihre Freiheit brauchte Mut. Als die Frau mit dem Federkleid ihre Kinder an sich drückte und losflog, war es weder gewiss, dass sie gesund ankommen würden, noch gab es eine Garantie, dass das Leben auf Wakwak glücklicher verlaufen würde als bisher. Doch besteht sie auf der Freiheit zur Selbstbestimmung.
Nur durch die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie sie es möchte, ist auch ihre Würde gewahrt. Ihre eigene Freiheit und Würde ist untrennbar verbunden mit der ihres Mannes, denn erst durch ihre Flucht wird er vom Gefängniswärter zum Geliebten. Durch ihr Insistieren, ein freier und würdevoller Mensch zu sein, wird auch er zu einem solchen.

Genau dasselbe passiert beim Märchen mit dem Froschkönig. Ich werde es ein bisschen abkürzen. Als eines Tages eine Königstochter mit ihrem goldenen Ball am Brunnen spielte, fiel der Ball in den Brunnen hinein. Sie war traurig und jammerte herum, da brachte ihr ein Frosch den goldenen Ball aus den Tiefen des Brunnens herauf. Dafür musste sie ihm versprechen, dass er am Abend zu ihr durfte. Am Abend kommt der Frosch tatsächlich zum Essen ins Schloss. Immer mehr will der Frosch von der Königstochter. Sie lässt ihn neben sich am Tisch sitzen, lässt ihn von ihrem Teller essen, von ihrem Becher trinken, doch empfindet ihn dabei als aufdringlich und übergriffig. Nach dem Abendessen folgt er ihr bis ins Schlafgemach. Als er schließlich gar zu ihr ins Bett krabbeln möchte, reicht es ihr, denn hier steht ein Gefühl der inneren Würde endgültig auf dem Spiel. Als er erneut insistiert, hebt sie ihn kurzer Hand vom Boden auf und wirft ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Durch diesen Akt der Selbstbehauptung rettet sie nicht vor allem ihre Keuschheit, sondern ihre Würde. Sie nimmt in ihr Bett, wen sie will, nicht jeden dahergelaufenen Frosch, egal, was sie ihm zuvor versprochen haben mag. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen… In dem Moment, wo sie ihn an die Wand wirft, um ihre eigene Würde zu wahren, indem sie sich nicht zwingen lässt, etwas zu tun, was sie nicht tun möchte, wird aus dem Frosch ein König. Er wird nicht nur Mensch, sondern darüber hinaus ein Mensch ganz besonderer Art, an Reichtum und Schönheit nicht zu überbieten, ein König unter den Menschen. Als die Königstochter nicht von Mitleid geleitet, oder an vorangegangene Versprechungen gebunden war, sondern die Verletzung ihrer ureigensten Würde fürchtete, und diese intuitiv über alles andere stellte, wandte sich ihr Schicksal zum allerbesten.

Im politisch-mondänen Bereich ist es nicht anders. Ich übertrage unsere Geschichten von Fröschen und Federkleidern kurz auf die Politik, und führe uns ins heutige Syrien, dann ins Amerika des frühen 19. Jahrhunderts und schließlich zurück ins zeitgenössische Deutschland.
Immer wieder frage ich Syrer, warum sie die Revolution gemacht haben und bekomme als Antwort: „Wir wollen Freiheit und Würde“. Beide sind im Privaten wie im Öffentlichen zentrale Werte. Dafür haben inzwischen viele ihr Leben gelassen, doch bleibt das Ziel erhalten.
Im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts gab es neben grausamen Sklavenhaltern tatsächlich auch solche, die ihre Sklaven relativ gut versorgten und mit ihnen ein fast brüderliches Verhältnis pflegten. Doch bei der Abschaffung der Sklaverei um 1865 beanspruchten alle Sklaven ihre Freiheit. Zur Überraschung der Master, die gut zu ihren Sklaven gewesen waren, zogen auch diese die Freiheit der Sicherheit und Versorgung vor. In der Freiheit gab es Würdeverletzungen bis hin zu Lynchmorden. Doch eine Rückkehr in die Sklaverei war für niemanden eine Option.
In der deutschen Gegenwart beruht unsere Freiheit, die wir als eng verbunden sehen mit unseren finanziellen Möglichkeiten, auf der Armut anderer. Ob wir Kakao kaufen oder Kaffee, Fleisch oder Kleidung – überall werden die Güter unter Missachtung der Würde ihrer Hersteller gefertigt, sei es Mensch, Tier oder Erde. Wir sprechen von Fair Trade und definieren damit das, was der Normalzustand sein sollte, als gute Tat. Eine wahrhaft perfide Verdrehung der Verantwortlichkeiten. Das Andere, der reale Status Quo, sollte Unfair Trade heißen.
Stellen wir uns einmal den folgenden Dialog in einem Cafe vor:
„Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“
„Möchten Sie einen fair gehandelten Kaffee, oder einen unfair gehandelten?“
„Einen unfair gehandelten bitte!“
Dies ist die von uns verdrängte Realität, und so ist eine Khutba über Freiheit und Würde in unserem vermeintlich freiheitlichen Land eben doch nicht obsolet.

Doch ich möchte uns noch einmal zurückführen zur Geschichte der Frau mit dem Federkleid und mit diesem Bild enden. Auch in unserem privaten Bereich kommt es immer wieder zu Würdeverletzungen. Ich möchte behaupten, fast immer dort, wo unsere Würde nicht gewahrt wird, wurde irgendwann zuvor die Würde dieser anderen Person nicht gewahrt oder gar massiv verletzt. Manche Würdeverletzungen entstehen zwar aus Arroganz des Verletzers, doch meist kommt das alles nicht aus dem Nichts, sondern ist Glied einer Kette von Verletzungen. Jemand wird verletzt, und gibt diese Verletzung weiter. Das bedeutet nicht, dass wir nun freimütig oder aus Mitleid anderen gestatten dürfen, unsere Würde zu verletzen, um diese Kette zu brechen. So endet sie ja nicht. Aber es bedeutet, nicht selbst der Ausgangspunkt dieser Kette zu sein. Und es bedeutet, einen sorgsamen Umgang mit uns selbst und mit anderen zu pflegen. Selbst kleine Gesten können verletzen. Den anderen, die andere, so zu akzeptieren, wie sie sind, gehört zur Wahrung ihrer Würde.

Kurz noch einmal zurück zu unserer Partnerschaft, die ja Thema der beiden Märchen ist. Ist unser Partner, unsere Partnerin tatsächlich in unserer Beziehung ein freier Mensch? Wayne Dyer, ein amerikanischer Motivationssprecher und Taoist rät uns zum ultimativen Partnerfreiheitstest. Wenn wir Folgendes sagen können, ist die Freiheit gewahrt.
Ich lasse dich frei, du selbst zu sein, deine eigenen Gedanken zu denken und deinem eigenen Geschmack nachzugehen, deinen Eingebungen zu folgen und dich so zu verhalten, wie du es für richtig hältst. Du bist frei, die Person zu sein, die du sein möchtest.
Auch umgekehrt gilt es:
Ich nehme mir die Freiheit, ich selbst zu sein, meine eigenen Gedanken zu denken und meinem eigenen Geschmack nachzugehen und meinen Eingebungen zu folgen sowie mich so zu verhalten, wie ich es für richtig halte. Ich nehme mir die Freiheit, die Person zu sein, die ich sein möchte.

Wir kommen nun zusammen zum Gebet. Wir bitten um Vergebung für die Momente, in denen wir die Würde anderer verletzt haben und um Heilung, wo unsere eigene Würde verletzt wurde, damit wir unseren Mitmenschen begegnen können wie die Frau mit dem Federkleid ihrem Ehemann oder die Königstochter dem Frosch – mit einem sicheren Gefühl dafür, wann es sich lohnt, auf unserem eigenen Recht zu bestehen und wann wir uns zurücknehmen sollten, um dem Anderen den Vortritt zu lassen, damit auch dessen Würde gewahrt wird.

Sura Al Ikhlas

Sura Al Ikhlas

 

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Sag Er ist Allah der Einzige. Allah, von dem alle Schöpfung kommt und zu dem sich alle Schöpfung hinwendet. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Die Sure AlIkhlas ist sehr kurz und erscheint damit ganz am Ende des Korans. In der Zählung ist sie die 112. von 114 Suren insgesamt. Mit Sicherheit ist sie allein schon deshalb die am häufigsten im Gebet zitierte Sure nach Al Fatiha. Sie hat eine eher trockene Art, ihr Inhalt ist matter of fact – eine reine Beschreibung dessen, was Gott ist. Ihr Wert scheint wenig spirituell und sie leitet uns nicht gerade offensichtlich auf einen humaneren, ethisch höheren Pfad, auf den wir uns als Muslime zu begeben versuchen. Darüber hinaus scheint sie darauf zu pochen mal wieder den Propheten Issa nicht als Gottes Sohn zu klassifizieren, sondern als Menschen, um sich damit vom Christentum abzugrenzen. Gott zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Der Überlieferung nach wurde sie dem Propheten Mohamed offenbart, als dieser von Andersgläubigen gebeten wurde, seinen Gott zu beschreiben. „Wie ist er denn, dein Gott?“, wollten sie wissen. Mohamed hätte viel sagen können – barmherzig, ewig vergebend, schöpfend, vom Menschen das Gute erwartend; er sieht alle Menschen als gleich an und gibt selbst den unterdrückten Sklaven und Frauen Freiheit und Recht, er ist nicht männlich und nicht weiblich, ein Gott der Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade. Was hätte der Prophet sagen sollen? Oder waren die Fragenden darauf aus, die Abstammungslinie zu erfahren? Nun, es gab keine.

Zitternd fiel der Prophet zu Boden und erhielt diese Offenbarung Allahs. Sag Allah ist der Einzige. …

Einige Zeit später sagte der Prophet eines Tages zu seinen Begleitern: „Kommt heute in die Moschee, ich werde für euch ein Drittel des Korans rezitieren“. Er begann mit Sure Al Ikhlas. Als er sie beendet hatte, wandte Mohamed der Moschee den Rücken zu und machte sich auf den Heimweg. Die verwirrten Sahaba fragten sich, ob ihr Prophet wohl vergesslich geworden war, oder ob sie sich verhört hatten. Hatte er nicht ein Drittel des Korans versprochen? Also gingen sie zu ihm und baten ihn um Aufklärung, worauf er antwortet: „Al Ikhlas ist ein Drittel des Korans“. Nach einer anderen Überlieferung bezieht sich dieses Drittel auf eine Art Belohnung – jedenfalls scheint Al Ikhlas eine ausgesprochen wichtige Sure zu sein.

Wenn man Allah liebt, ist sie schön. Allah ist einzigartig, und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Kind. Es ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Partner. Er ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. Der Einzigartige, an den ich mich wende, wenn ich etwas brauche – alsamad, der mich genau kennt, da er mich geschaffen hat – und den ich liebe, weil er einzigartig ist; und der für mich einzigartig ist, weil ich ihn liebe.

Ihn? Schon das erste Wort nach „Sprich“ ist das männliche Personalpronomen huwa / er. Es evoziert in uns das Bild eines Wesens, das mit huwa beschrieben werden kann, und dies ist männlich. In Verbindung mit dem anderen Wesen, was als huwa beschrieben wird, dem Mann nämlich, entsteht in uns die Vorstellung einer männlichen Göttlichkeit. Wir sprechen von der Herrschaft Allahs. Schon das Wort Herrschaft verweist auf die Problematik. Herrschaft beinhaltet nicht nur „Herr“, sondern geht auch einher mit einer Hierarchie, und so ersinnen wir uns eine solche, die von islamischen Gelehrten jahrhundertelang unhinterfragt akzeptiert und tradiert wurde. In dieser Hierarchie ist Gott an oberster Stelle, darunter steht der Mann, und unter ihm befindet sich die Frau. Dabei wissen alle Gelehrten, dass Gott alle Menschen gleich geschaffen hat und dies gerade das Besondere am Islam ist; und dass wir außerdem keinen Mittler brauchen, um mit Gott zu kommunizieren – keine Engel, keine Propheten und schon gar nicht unsere Männer, so lieb und teuer sie uns auch sind. Die Beziehung Frau-Mann-Gott ist viel angemessener dargestellt als Dreieck, mit Mann und Frau auf einer Ebene und Gott als obere Spitze. So kann jeder mit jedem direkt kommunizieren und es gibt keinen Zwischenschritt zwischen der Frau und Gott.

Wörter evozieren Bilder in unserer Vorstellung, das ist reichlich erforscht; sie wirken sogar direkt auf unser Gehirn und verändern es. Das ständige Lesen und Hören von Gott als „Er“ bewirkt letztlich, dass wir ihn uns eher als Mann als als Frau vorstellen und „ihm“damit ein natürliches Geschlecht zuweisen, womit in unserer Vorstellung die stereotypischen männlichen Charaktereigenschaften einhergehen. Ein strafender Gott, der uns dann annimmt, wenn wir bereuen, der zwar barmherzig, aber vor allem streng ist, kommt uns daher vollkommen normal vor, denn so werden Männer in Hollywood, in der Werbung, und in unseren Geschichten beschrieben. Nur mit Mühe befreien wir uns von diesen Vorstellungen – vor allem durch Kopfarbeit. Wörter wirken aber schneller als der Verstand sie verarbeitet. Sie wirken direkter und beeinflussen uns subtil aber zuverlässig.

Neben den stereotypen männlichen Attributen gibt es stereotyp weibliche. Es fällt uns schwerer, sie auf Gott anzuwenden, obwohl dies genau so selbstverständlich sein sollte.

Heute möchte ich Sure Al Ikhlas daher einmal anders lesen, nämlich als weibliche Sure. Um dann zu erkennen, dass Allah weder männlich noch weiblich ist, sondern alle Elemente in sich vereint. Lesen wir also Al Ikhlas weiblich und elaborieren dabei ein bisschen die wenigen Worte, und machen sie zu einem Fließtext. Wir sind nicht aufgefordert, uns ein Bild von Gott zu machen. Doch Worte ändern Gefühle. Wer mag, kann die Augen schließen und einmal hören, wie sich unsere Gedanken anhören, wenn wir statt der stereotyp männlichen eine stereotyp weibliche Gottesvorstellung in uns aufrufen. Warum stereotyp? Weil es zur Aufrichtigkeit gehört, zuzugeben, dass wir automatisch und unbewusst, genau solche Eigenschaften mit Mann oder Frau verbinden. Aktivieren wir im zweiten Schritt unser Gehirn, wachsen wir natürlich, oder hoffentlich, über diese ersten stereotypen Annahmen hinaus.
Die folgende Übung ist keine Veränderung des Koran. Sie dient stattdessen dazu, uns darin zu trainieren, Allah in seinem-ihrem vollständigen Wesen zu kennen und zu lieben. Das weibliche braucht einfach ein bisschen mehr Übung.

Sure Al Ikhlas weiblich gelesen

Sprich: Sag sie ist die einzige. Das heißt sie ist die einzige und einheitliche Göttin. Es gibt keine andere Göttin und sie besteht nicht aus mehreren Anteilen, sondern ist ein einheitliches Wesen. Sie ist Alsamad, das heißt diejenige, von der alles abstammt und zu der wir uns zurückwenden, wenn wir etwas brauchen, die ewig Zuhörende, die jedes Wort vernimmt und es genau anhört. Sie ist die Göttin, die dir bis zum Ende zuhört und sich dabei mit lächelnder Wärme zu dir wendet, dich ermutigend, weiter zu reden, und alles zu sagen, was dir auf der Seele liegt. Sie hört deine Wörter und weiß zugleich, was in deinem Herzen ist, kennt jede Freude, jede Trauer, jeden Wunsch, jedes Spiel.
Versuchst du, ehrlich zu sein, so freut sie sich über deine Aufrichtigkeit. Gelingt es dir nicht, so gibt sie dir zaghafte Hinweise darauf, dass du noch etwas genauer denken und auf deine Gefühle achten solltest, um aufrichtig zu sein. Sie ist die, die dich im Gebet verneigen sieht, und du bist für sie wie eine Blume, die sich streckt und neigt, streckt und neigt. Sie liebt dich, diese Gottheit und liebt deine Weiblichkeit, auch, und gerade, wenn du ein Mann bist; liebt deine Freude, deine Liebe, deine Gnade, die Wärme, die du weitergibst. Wenn du beim Sujud dein Gesicht auf die Erde legst, legt sie ihre Wärme und Freundlichkeit über dich wie einen schützenden Mantel. Du kannst dir von ihr wünschen, dass sie diesen Mantel aus Wärme, Freundlichkeit und Zuversicht auch über andere legt. Nicht wünschen kannst du dir ihren Zorn. Verneige dich lange, damit sie dir auch ihre wundervollen, weisen und liebevollen Gedanken, Bilder und Gefühle schicken kann. Beeile dich nicht im Gebet, die Gottheit ist langsam in der Vergabe ihrer Huld. Gib dir Zeit zur genauen und intensiven Wahrnehmung.

Sie zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Diese ist die einzige Gottheit; die nicht geschaffen wurde. Sie war von Anfang an da, sie war der Anfang und zugleich gibt es keinen Anfang, denn Anfang ist etwas, vor dem nichts da war, doch das Nichts gibt es nicht. Sie war also da und hat alles geschaffen und begleitet. In diesem Allen der Schöpferin bist du jetzt in diesem Moment das Wichtigste, und zugleich ist jeder Andere das Wichtigste. Sie ist allein für dich da und zugleich allein für jeden Anderen. Sie ist Alrahman Alrahim. Rahme bedeutet Gebärmutter, doch ist dies figurativ. Sie ist keiner Gebärmutter entsprungen, und sie hat keine Gebärmutter, aus der etwas entspringen würde. Sie ist nicht die heilige Jungfrau Maria geworden, sondern sie hat in ihr etwas geschaffen. Sie ist nicht Amina bint Wahb, die den Propheten Mohamed geboren hat, sondern hat ihn in ihr geschaffen. Sie ist einzigartig, barmherzig, gnädig und liebend.

Sure Al Ikhlas ist immanent verbunden mit dem Gebet, in dem sie so häufig rezitiert wird. Doch ihr Titel passt nicht wirklich zu ihrem Inhalt. Al Ikhlas bedeutet „die Aufrichtigkeit“. Dies ist ein gedankliches Konzept, das der Ehrlichkeit nahekommt. Doch in der zitierten Sure scheint es eher um Integrität zu gehen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität, bilden ein enges Begriffsgeflecht. Im Englischen könnte man unterscheiden zwischen „honesty“ und „sincerity“. Während sich „honesty“ eher auf die Handlungsebene bezieht, geht es bei „sincerity“ darüber hinaus um eine innere Haltung, die auch eine Wertschätzung beinhaltet. Ein Arabisch-Englisches Wörterbuch beschreibt das Wort Ikhlas als „sincerity, purity or isolation“.

Zurück zum Deutschen: Um aufrichtig zu sein, müssen wir ehrlich sein. Ehrlichkeit bezieht sich auf konkrete Verhaltensweisen – Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sei ehrlich! Hast du den Hund gefüttert? Sag mal ehrlich. Die Aufrichtigkeit hingegen geht darüber hinaus und verlangt von uns eine vollkommene Offenheit. Aufrichtig sein heißt, sich aufzurichten, und vor allen Menschen, inklusive sich selbst, für das einzustehen, was man für wahr, richtig und gut hält; für unsere Werte klar einzustehen und sie aufrecht zu benennen. Aufrichtigkeit beinhaltet, uns nicht selbst zu belügen, sondern die Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Der aufrichtige Mensch ist integer, d.h. er hält sich auch dann an die von ihm proklamierten Werte, wenn keiner hinschaut oder zuhört. Der aufrechte Mensch kann von sich sagen, dass er/sie eins ist mit der Schöpfung, mit Gott und mit sich selbst. Jeder Mensch ist erschaffen, doch zugleich in seiner Art vollkommen einzigartig. Die Aufrichtigkeit ist eins der größten Ziele unserer Charakterbildung. Vor allem uns selbst gegenüber. Nur durch diese, erkennen und verstehen wir unsere eigenen Beweggründe und können für unsere Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Fragen wie: „Warum helfe ich dieser Person? Weil ich es gerne tue, oder weil ich einen Dank dafür erwarte?“ gehören zur Übung der Aufrichtigkeit, denn „Ikhlas“ kommt von „akh-la-sa“, und bedeutet, eine Handlung auszuführen mit der ausschließlichen Absicht, Gott zu erfreuen, ohne die Erwartung eines Dankes also oder einer Gegenleistung ( ohne „niya“). Durch aufrichtige Antworten an uns selbst kommen wir hinter unsere wahren Beweggründe und lernen der/die zu sein, der/die wir wirklich sind. Wir werden integre Personen, deren Werte nach innen reflektieren und nach außen strahlen. So leitet uns Sure Al Ikhlas eben doch auf einen humaneren und ethisch höheren Pfad. Sie ist in der Tat ein Drittel des Korans – Im Bund mit Allah und Mohamed sind wir der dritte Teil, ohne den es keinen Koran gäbe, denn nur wir sind der Teil der Schöpfung, der ihn braucht. Und nur durch unsere Aufrichtigkeit sind wir wir selbst, einzigartig.

Wir versammeln uns nun zum Freitagsgebet um uns zu verneigen und unsere Ehrerbietung zu erweisen. Dabei empfangen wir Kraft und Trost, Freude und Zuversicht, und inschallah auch Antworten auf die tiefsten und aufrichtigsten Fragen unserer Herzen.

Jonas Verstuyft

Nacht

Nacht

 

Jonas Verstuyft
Jonas Verstuyft

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Ich begrüße euch herzlich zum heutigen Freitagsgebet. Mögen unsere Herzen stets laut genug sprechen, um uns auf die richtigen Wege zu führen, und wir unsere Tage in Liebe und Freude verbringen.

Sure AlZalzal (Koran/Arabisch)

Wenn die Erde ihr Beben erbebt. Und sich aufspaltet. Und die Menschen fragen, was hat sie? An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen. Gleich verstreuten Motten werden die Menschen auseinanderlaufen und jeder wird sehen, was er oder sie getan hat. Wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen. Es wird kein schöner Tag sein, denn wie sehr wir uns auch über das Gute freuen werden, das Anschauen all unserer schlechten Taten wird uns quälen. Wahrscheinlich werden wir uns fühlen wie unsere Opfer und uns ob unserer Taten, und mehr noch unserer Motive, unendlich schämen.  Lasst uns in unserer noch verbleibenden Zeit viel Gutes tun, damit wir das Ende ertragen können. An diesem Tag der Offenbarung wird die Erde ihre Nachrichten erzählen. Jede Qual, jedes freudvolle Lachen, das sie gesammelt hat, wird sie bezeugen.

Im Koran ist nicht nur die Erde personifiziert, sondern das ganze Weltall – der Mond, die Sonne, die Planeten. Sie alle leisten ihre Arbeit nach Maßgabe der ihnen vorbestimmten und zugetragenen Aufgabe. Sie kreisen umeinander, jeder nach seiner vorgegebenen Bahn, so lange wie Allah ihnen ihre Frist hierfür gesetzt hat. Die Sonne, die uns den Tag bringt, ist dafür geschaffen, das, was wir sehen können, durch ihre Erleuchtung sichtbar zu machen. Die Nacht dient dazu, es zu bedecken. Zu unserem astrologischen Wissen der Neuzeit passt das nicht ganz. Wir wissen, dass nicht die Sonne auf- und untergeht, sondern die Erde sich um sie und um sich selber dreht. Das Aufgehen der Sonne im Osten und ihr Untergehen im Westen sind aus dieser wissenschaftlichen Sicht eine Fehlformulierung, doch ist der aus unserer Perspektive gewählte Ausdruck des Aufgangs und des Untergangs durchaus angemessen, denn dies entspricht unserer tatsächlichen Wahrnehmung. Diese menschliche Wahrnehmung ist natürlich nicht weniger real als die Perspektive der Wissenschaft. Kein Mensch sagt, die Erde ist jetzt in der Position, in der die Sonne beginnt, auf unseren Ort zu scheinen. Alle sagen stattdessen: Die Sonne geht auf. Es ist Tag. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf, es ist Nacht. Somit personifizieren wir auch in der deutschen Sprache Sonne und Mond.

Nach unserer wissenschaftlichen Vorstellung wird die Sonne genau so lange scheinen, bis die chemischen Reaktionen, die zum Brennen führen, nicht mehr stattfinden können. Nach islamischer Vorstellung scheint sie genau so lange, wie Gott das will. Sie tut dies, weil es ihre Aufgabe ist, im Sinne einer aktiven, und gewissermaßen auch willentlichen, Aktivität. Die Vorstellung, die Sonne sei gleich einer willentlich handelnden Person und auf der anderen Seite die Vorstellung, dass das Sonnenlicht und die Wärme durch chemische Reaktionen bedingt sind, die irgendwann natürlich zu Ende gehen, schließen sich nicht gegenseitig aus. Hat Gott die chemischen Reaktionen so geschaffen, wie sie sind, hat er-sie-es damit auch festgelegt, wann es damit zu Ende geht. Beim Lesen des Koran stellt sich jedoch manchmal bei mir das Gefühl ein, die Erde wäre eine Akteurin.

Die Personifizierung der Planeten ist dem Islam zueigen. Dadurch, dass sie wie Menschen beschrieben werden, die aber keinen freien Willen haben, sind sie uns zugleich ähnlich und unähnlich. Indem sie wie Lebewesen erscheinen, haben wir als Menschen eine große Verantwortung, sie gut zu behandeln, so nämlich, wie unsere Brüder und Schwestern. Sie sind nicht einfach Materie, sondern, wie wir, beseelte Materie – Bruder Mond und Schwester Sonne, die wir als Muslime lieben und ehren, wie auch die Erde. Nicht anbeten, aber ihnen Respekt bezeugen. Sind die Planeten von Gott als beseelte Wesen geschaffen, so wie wir Menschen, wie alle Pflanzen und Tiere und letztlich jede Materie, so ergibt sich für uns Muslime daraus ein Weltbild universeller Erschaffenheit. Alles um uns herum ist lebendige Schöpfung Gottes, alles unterliegt dem göttlichen Willen und trägt den göttlichen Geist. Dem Menschen als möglicherweise einzigem vernunftbegabten Wesen obliegt der Schutz der Schöpfung, um damit Gottes Willen anzuerkennen und auszuführen; den Willen des einzigen Gottes, der als einziger zeugt, ohne gezeugt worden zu sein.

Nicht nur ist die Sonne personifiziert, sondern auch der Tag. Im Koran ist er der Aufdeckende, der potenziell Sichtbares durch seine Helligkeit in Erscheinung treten lässt. Er wird abgelöst durch die Nacht, die durch das Ausbreiten ihrer Dunkelheit alles Sichtbare in der Unsichtbarkeit verschwinden lässt.

In dieser Unsichtbarkeit verschwinden auch viele der Untaten der Menschen. Die Nacht ist für die Ausführung all jener Verbrechen, die nicht von Zeugen beobachtet werden sollen, viel besser geeignet als der Tag. Doch ist sie nicht nur der Bedecker der Verbrechen. Durch die Dunkelheit können wir nicht arbeiten und müssen, oder dürfen, ruhen. Während die Nacht meines Wissens nach in den anderen Religionen keine besondere Bedeutung hat, ist sie im Koran assoziativ mächtiger und schöner. Wir Muslime lieben den Mond. Wir rechnen unsere Monate nach seinem Erscheinen und nennen unsere Liebsten, Ya Qamari (du mein Mond). Die Mondsichel ist Teil der Fahne mehrerer islamisch geprägter Länder. Im Ramadan schauen wir sehr genau, wann die feine Sichel am Himmel erscheint, um mit dem Fasten zu beginnen und es nach möglichst genau einem Lunarmonat zu beenden. In der Wüste ohne ihre Straßenlaternen oder sonstige künstliche Lichter sind der Mond und die Sterne Garanten erhöhter Sicherheit und der Möglichkeit, den Weg nach Hause zu finden; ganz so wie es für Schiffe auf den Meeren galt, bevor Radarsysteme erfunden wurden. Der Mond und die Sterne dienen damit unserer Orientierung in Zeit und Raum. Im Laufe der Geschichte lernten die Menschen, sich an Fixpunkten im Weltall zu orientieren, die man von überall auf der Welt sehen kann – das wird astronomische Navigation genannt. Dabei verlässt man sich auf die Gestirne am Himmel. Anhand des Sonnenstandes konnten die Seefahrer beispielsweise die Himmelsrichtungen ablesen. Denn wo die Sonne aufgeht, ist Osten, ihr Mittagsstand weist in Richtung Süden, und im Westen geht sie unter. Wer nach Norden wollte, dem half in der Nacht der Polarstern, der sich genau im Norden befindet. Soweit ich weiß, müssen Seeleute auch heute noch diese alten Methoden lernen, sei es als historisches, sei es als Notfallwissen, falls die elektronische Technik versagt.

Tatsächlich bietet uns die Sonne aber mit ihrem wie auch immer hellen Licht lediglich die Möglichkeit, den Blick bis zum nächsten Hindernis schweifen zu lassen und uns so in relativ eng begrenzten Räumen visuell zu orientieren. Dem hingegen bietet uns die Nacht mit ihren leuchtenden Sternen und dem Mond eine sehr viel weitreichendere Orientierungsmöglichkeit. Die Nacht ist damit nicht nur die Bedeckerin menschlicher Taten und ein Moment der Ruhe, sondern auch der Zeitpunkt der uns unsere Richtung weisen kann.

Einen großen Teil der Nacht verbringen wir mit Schlafen und nutzen die Orientierungsmöglichkeiten von Mond und Sternen nicht. Wir schlafen und ruhen damit von der Arbeit des Tages. In der Mitte der Nacht, etwa zwischen zwei und vier Uhr morgens, entgiftet unser Körper. Wenn wir in dieser Zeit arbeiten, statt zu schlafen, hat dies ungünstige gesundheitliche Folgen für uns, weil die Entgiftung nicht einfach zu anderer Zeit stattfindet, sondern eben gar nicht nicht oder unzureichend. Am Tag zu schlafen ist aus vielen Gründen nicht so erholsam wie der Schlaf in der Nacht. Doch selbst wenn wir schlafen, dient uns die Nacht zur Orientierung; denn im Schlaf spricht unsere eigene Seele zu uns und durch unsere Seele letztendlich Gott. Unbewusstes und Halbbewusstes formen sich zu bildhaften, in Metaphern symbolhaft gekleideten Geschichten, die uns mit Sphären unserer Selbst in Verbindung bringen, zu denen wir sonst keinen Zugang hätten. Besonders vielleicht der Monat Ramadan, wo wir durch die Rhythmusveränderung anders schlafen als in den anderen Monaten, und damit auch oft intensiver träumen, bietet uns die Möglichkeit durch Beachtung und Reflexion unserer Träume zu Erkenntnissen zu gelangen, die sich uns sonst entziehen. Sind wir aufmerksame Beobachter und entwickeln eine gewisse individuelle Deutungskompetenz der uns eigenen, doch zugleich kulturell geprägten, Traumsymbolik, so kann uns dies helfen, uns in der Partnerschaft, der Elternschaft, dem Beruf oder anderen Gebieten unseres Lebens zu orientieren. Nicht alle Träume sind dazu geeignet, doch lohnt sich häufig die Beschäftigung mit ihnen.

So bietet die Nacht Orientierung sowohl für die Reisen mit Schiffen und Flugzeugen als auch für die inneren Reisen unserer Seele. In ihrer Entlastung von den Tätigkeiten, die uns der Tag abverlangt, in der Ruhe ihrer Enthaltung von sozialen Beziehungen, und in der bewussten Hinwendung zu unserem Inneren sowie beim Träumen schenkt uns die Nacht die Möglichkeit, über unsere inneren und äußeren Lebensumstände nachzudenken, ohne beim Pragmatismus ankommen zu müssen. Dass sich am nächsten Tag oft alles wieder ganz anders darstellt als in der Nacht gedacht, ist der Beweis, dass wir als denkende Wesen geschaffen wurden, die Entscheidungen auf verschiedenen Grundlagen treffen können – pragmatischen, moralischen, emotionalen und so weiter.

Die Orientierungshilfe der Nacht wird ergänzt durch ein Orientierungsorgan, das ebenso im Dunkeln liegt. Tief in unserem Inneren liegt unser Herz. Einer meiner Lieblingssänger, Hermann van Veen, singt: „Hörst du denn nicht den Trommler, der da heimlich in dir schlägt; der dich bei aller Gegenwehr auch in Feindeslager trägt. Hör auf ihn, er sagt dir was! Wenn er sich nicht mehr regt, ist das ein Zeichen dafür, dass sich gar nichts mehr bewegt.“ Das wichtigste Lebensorgan, unser Herz, bietet uns Orientierung aus der Dunkelheit des Körpers heraus.

Unser Herz bietet uns Orientierung und Umorientierung, ein Hin und Her der Möglichkeiten, die uns manchmal zerreißen. Es zieht uns zu altruistischem Verhalten, um dann wieder festzustellen, dass wir uns dabei selbst aufgeben und verlieren, wenn wir nicht auf uns aufpassen. Es zieht uns manchmal zu Verhaltensweisen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können, weil sie uns nicht gut zu tun scheinen, oder in der Tat nicht guttun. Doch ihm zuzuhören ist wertvoll, denn sein Orientierungspotenzial ist unbestritten. Lernen wir, unserem Herzen zuzuhören, können wir im Anschluss immer noch mit dem Verstand abwägen, wie wir uns verhalten wollen. Aber nur wenn wir den Mut haben, unser Herz anzuhören, ist dies eine ehrliche Auseinandersetzung.

 

Alle unsere Gedanken entstehen auf Grund von Empfindungen, dies werden im Gehirn bewertet. Die Amygdala, also der Teil des Gehirns, der für die emotionale Bewertung von Ereignissen zuständig ist, ist sozusagen das unterbewusste Herz des Gehirns. Alle Ereignisse die wir je erleben, passieren diesen emotionalen Filter und werden bewertet, d.h. können mit Worten wie Furcht oder Freude oder Langerweile beschrieben werden. Ich bin sicher, die Amygdala, zu Deutsch der Mandelkern, steht in direkter Verbindung mit dem Herzen, das, wie wir sagen, vor Freude hüpft, oder uns vor Aufregung oder Angst bis zum Hals schlagen kann. All unsere Orientierungen, die in der Dunkelheit stattfinden, sind möglicherweise wertvoller als die Orientierungen des helllichten Tages. Denn während wir am Tag beim Einschlagen falscher Wege von A nach B einfach einen Umweg gehen können, sind die im Dunkel der Nacht und im Dunkel des Inneren getroffenen Entscheidungen oft viel wesentlicher und weitreichender. Und sie brauchen oft viel mehr Mut, der uns angesichts des Tageslichts manchmal schnell wieder verlässt.

Im Ramadan ist, bzw. war, die Nacht eine besondere Zeit. Nicht nur weil wir da essen durften. Wir fasten ja nicht, um nachts zu essen, sondern um am Tag zu fasten. Doch machen wir, wenn es uns möglich ist, einen Mittagsschlaf, und so wird in dem heiligen Monat manches Mal die Nacht ausgedehnter als sonst. Wenn wir in der Nacht essen und trinken, als wäre es Tag, verliert sich jedoch die Besonderheit der Nacht. Durch das Bewegen in belebten und beleuchteten Orten entflieht uns die Möglichkeit der stillen Reflexion. Nacht ist nur dann Nacht, wenn sie in Dunkelheit und Ruhe verbracht wird. Dann ist sie ein wunderbarer und reicher Teil unseres Lebens. Unsere Tage, die manchmal allein dazu dienen, das so genannte Tagwerk zu tun, Aufgaben zu bearbeiten oder Dinge erledigen, vor deren Anstrengungen und sozialen Verpflichtungen wir manchmal zurückschrecken mögen, können wir zwar auch nutzen, um uns mit der Schöpfung und dem Schöpfer in Verbindung zu bringen. Doch die Nacht hat ihren besonderen Charme und für manche von uns, ist sie der schönere Teil des Tages. In meinen Teenager Jahren tat ich, was mir meine Tochter neulich auch von sich erzählte, und was ich heute noch gerne mag: Ich stellte mir den Wecker auf 2 Uhr nachts, um mindestens ein paar Minuten der Nacht wach zu liegen, und die Nacht als solche wahrzunehmen. Mit diesem kleinen Trick verlieh ich ihr die Existenz und räumte ihr einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Heute dient mir die Nacht auch der Zärtlichkeit und einer anderen Form des Gemeinsamseins, als die des Tages. Sheherazade erzählt dem grausamen König ihre Geschichten in der Nacht, bevor er einschläft. Diese vertrauteste aller Arten des Erzählens im Dunkeln kennen viele von uns. Durch die Dunkelheit und die Abwesenheit aller Ablenkung entsteht eine Atmosphäre, die an Intimität nicht zu übertreffen ist und unsere liebevollen Worte dringen ohne Umwege direkt in die Seele des anderen ein. Unsere Kinder, die tagsüber längst ihre eigenen Wege gehen und uns nicht mehr zu brauchen scheinen, kommen nachts zu uns, um neben uns zu liegen und nicht allein zu schlafen.

 

Rilke schreibt:

 

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

 

Der Monat Ramadan ist nun vorbei. Die Nächte sind wieder das, was sie zuvor waren, Zeit zum Ruhen und Schlafen und zum Austausch liebender Zärtlichkeit.  Ich wünsche uns allen die Nächte wie wir sie brauchen und auch hin und wieder reflektierte Nächte, in denen wir uns orientieren und unser Leben auf einen guten Kurs bringen können. Einen muslimischen Kurs, was bedeutet einen Kurs der Nächstenliebe, der Hinwendung zum Guten, der gekonnten Zurückstellung eigener Wünsche, ohne des Selbstverlusts.

Es ist ein Kurs des freudvollen Gebens und des Findens weiser und liebevoller Wörter, der Wertschätzung und der Geduld und Kraft und eines mutigen und gütigen Herzens.

 

Wir wenden uns nun zum Gebet in Hingabe an Allah, mit Dank für alles, was uns gegeben ist. Es ist viel. Wir vertrauen darauf, dass jede Stelle, an der wir uns befinden, die richtige ist, und wir uns stets auf dem uns zugewiesenen Weg befinden, auf dem wir geleitet werden in Liebe und Barmherzigkeit.

 

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar