Miteinander

Erinnerungen

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Erinnerungen

Jon Tyson

In meiner heutigen Khutba geht es eigentlich darum, wie wir den Koran lesen. Aber der Weg zur Antwort führte mich über den Umweg der Erinnerungen. Auf diesen Weg – oder Umweg – möchte ich euch gerne mitnehmen.

Nun ist er endlich vorbei, der Winter, und sogar die Eisheiligen sind vorüber. Auch der Ramadan, unser selbst gewählter Winter, ist vorbei und fast vergessen. Als Erinnerung bleiben die Geschenke, die wir unseren Kindern machten, um am Ende des Monats ein frohes Fest zu feiern.

Die kahle Welt hat sich in ein Blütenmeer verwandelt. Wie schön es ist, wenn die Magnolien blühen, die Kirsch- und Mandelbäume, und der Kastanienbaum vor meinem Fenster den Schaulustigen den Blick auf mein Wohnzimmer verweigert.

Mein Weg zur Arbeit führt durch eine Prachtallee, deren Weiß und Rosa der Obstbäume auch der noch so trübsinnigen, gelangweilten oder empörten Seele Freude und Ruhe verleiht. Das Schönheitsspektakel dauert leider selten länger als ein paar Tage, denn dann kommt ein wilder Regenguss, und die in der Blüte des Jahres stehenden Bäume werden kahlgeschüttelt. Glücklicherweise bleibt ein sattes Grün und es sind ja nicht nur die Bäume bunt, sondern auch die in den Gärten und an des Wegrändern blühenden Büsche und Blumen. Farbe als Erinnerung –

Farbe ist ein wunderbarer Aspekt unseres menschlichen Daseins. Wer wie ich seine Kindheit in den 1970er Jahren verbracht hat, der weiß, wovon ich spreche. Die Tapete meiner frühen Lebensjahre kann sich kein Spätgeborener vorstellen. Zumindest nicht die Tapete des Badezimmers in Verbindung mit der Tapete des Wohnzimmers, Kinderzimmers usw. Ein zartes Blütenmeer ist nichts gegen die Kakophonie aus orange und lila, braun, rot und rosa, die sich da in unserer Wohnung abspielte. Als ich vor einigen Jahren bei Ikea einkaufte, sah ich genau dieselben Gläser, die wir früher zu Hause hatten. Ein komisches Gefühl entsteht wenn das passiert. Ganz tief sitzt die Erinnerung, und man sucht nach dem Gefühl, das sie verbreitet und nach den Situationen, in denen es schon einmal aufgetaucht ist. Ganz tief in sein Inneres wird man getrieben, von so einem kleinen visuellen Reiz.

Farben sind in der Tat etwas Wunderbares. Sie bleiben uns tief in der Erinnerung erhalten. Als Kind bekam ich zweimal derart besondere Stifte geschenkt, dass ich heute noch von der Erinnerung zehre. Womit ich meine, dass beim Malen und Kombinieren der Farben ein Gefühl entstand, das ich als aufregend, abenteuerlich, spannend, oder einfach wohlig wahrnahm. Sehe ich heute diese Farben, überkommt mich das, was man ein Flashback nennt. Ganz unzusammenhängend mit der Situation, allein auf Grund der Farbe, stellt sich die früher erlebte Befindlichkeit wieder ein. Hoffen wir, dass es eine gute war! Rosa und Orange sind zwei Farben meiner Wachsmalstifte, die ich gerne kombiniert habe. Sie finden sich wieder im eiskalten Himmel eines Januarmorgens, wenn sich unserer Teil der Erde sehnsüchtig der Sonne zuwendet. Das Rot-Orange des Himmels ist ein unglaubliches Geschenk der Schöpfung an den, der es empfangen mag. Grün, eine Art helles Olivgrün, kombiniert mit orange, war die Farbe meiner Filzstifte, die zuvor in keiner Filzerpackung vorhanden waren. Ich liebt sie, und noch heute male ich gerne mit diesen Stiften, ein kleines Mandala zum Ausmalen vielleicht – einfach nur so, zur Entspannung.

Und sehe ich eine blaue Klarsichtfolie, so katapultiert mich mein Sehnerv komplett und gleichsam zeitlos in die erste Klasse meiner Schulzeit, als meine Fibel in ebenso eine blaue Folie eingschlagen war. Mit dieser Fibel lernte ich lesen, und empfand es, klein wie ich war, als das Beste des Lebens, neben Gummitwist und Rollerfahren.

Die Erinnerung an etwas Schönes macht unser Leben über die Vergangenheit hinaus auch im Moment der Gegenwart schön und erfüllt. Altes, „lange Heres“ wird zu Gegenwärtigem und bereichert uns jetzt, in diesem Moment.

Erinnerungen holen uns dabei willkürlich ein – nicht nur die traumatischen, von denen ich ein andermal reden mag, sondern auch die schönen, wunderbaren. Ich denke, es sind besonders die Erinnerungen aus der Kindheit, die uns schnell und stark bewegen, geradezu überfallen, und sofort in den Bauch ziehen, um dort fröhlich oder ängstlich zu rumoren. Sie sind so besonders stark, weil sie neu sind, nie Erlebtes darstellen, und sich ganz tief in unseren Geist und Körper einnisten.

Die olfaktorischen Erinnerungen, also die Gerüche, sind machmal noch stärker und wirken subtiler, zum Teil auch gänzlich unbemerkt. Der Geruch des Putzmittels aus dem ersten Kindergarten, vielleicht aus dem Krankenhaus, in dem wir geboren wurden, macht etwas mit uns, oft ohne dass wir das aufziehende Gefühl überhaupt benennen können. Eine tiefe Erinnerung des vegetativen Nervensystems, ohne Kopf sozusagen.

Die Erforschung der Erinnerungen ist Teil verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, zum Beispiel der Medizin oder der Psychologie oder auch der Linguistik, wo ich ihr begegnet bin und gelernt habe, meine Erinnerungen zwar zu genießen, aber ihnen nie über den Weg zu trauen.

Es ist gefährlich, eine Khutba über ein Thema zu schreiben, das man studiert hat, denn eine Khutba ist keine wissenschaftliche Hausarbeit. Und auch wenn diese Khutba vorgetragen wird, so ist sie kein Vortrag sondern eine Anregung, das eigene Leben um eine neue Perspektive zu erweitern.

Erinnerungen, auf diesen einen Aspekt möchte ich mich beziehen, sind zustandsabhängig. Ich finde, hierin liegt ein nützliches Wissen für uns. Zustandsabhängig bedeutet, dass unser gegenwärtiger Zustand beeinflusst, wie wir uns an Vergangenes erinnern. Geht es uns heute schlecht, erinnern wir uns an die schlechten Dinge in unserem Leben. Geht es uns gut, erinnern wir uns an die guten. Dies konnte ich neulich am eigenen Leib erfahren, als ich mit Mo spazieren ging.

Mein Leben lang fand ich meine Kindheit schrecklich. Ich war ja immer alleine, meine Mutter im Schichtdienst des Fernmeldeamtes, mein Vater kein besonders zuverlässiger Musiker. Die Scheidung meiner Eltern hatte mich verletzt und ich fühlte mich meine ganze Kindheit hindurch einsam. Das war bisher die ehrliche und wahrhafte Erinnerung an meine Kindheit. Ein einsames, allein gelassenes, viel zu kleines Kind mit viel zu viel Verantwortung und entschieden zu wenig Zuneigung.

Bei besagtem Spaziergang sagte Mo also: „Erzähl mir von deiner Kindheit.“ Gerade wollte ich das wieder einmal so dahin erzählen, wie es immer gestimmt hatte, da bemerkte ich, dass es sich nicht erzählen lassen wollte. Ich begann zu erzählen, langweilte mich plötzlich selbst, stocherte noch ein wenig wahllos in der Erinnerung herum, und sagte dann: „Weißt du Mo, ich hab heute keine Lust darüber zu sprechen. Es langweilt mich ganz fürchterlich.“

Was war geschehen? Die Geschichte, die ich eigentlich hatte erzählen wollen, verblasste immer mehr und mehr, bis sie im Nebel der Erinnerung vollständig verschwand. Ihr Verschwinden konnte ich vor meinem inneren Auge regelrecht wahrnehmen. Und da, plötzlich, formten sich aus dem Nebel heraus neue Bilder. Bilder des Pflückens von Gänseblümchen. Das Gefühl von Kniewelle auf der Reckstange im Wilmersdorfer Volkspark, oder das Gefühl von Schönheit auf dem Weg zur Geburtstagsfeier meines Freundes Klaus. Damals war ich ungefähr sechs. Und ungefähr sechs Jahre alt war für mich zuvor einer der Höhepunkt meiner Einsamkeit gewesen. Nun wurde es zu einem Höhepunkt der Leichtigkeit und Lebensfreude.

Es war dieselbe Kindheit derselben Person, doch in der Menge all dessen woran man sich erinnern konnte, traten die traurigen Ereignisse zurück, um den guten und frohen Erinnerungen Platz zu machen. Und der Grund? Nun, die tatsächlichen Geschehnisse konnte ich ja nicht verändert haben. Was sich aber verändert hatte, in den letzten Monaten, war mein Jetzt-Zustand. Ich war lange unglücklich gewesen. Das war nun offensichtlich vorbei. Und der Glückszustand der Gegenwart übertrug sich auf die Erinnerung. Er machte mein Leben nachträglich schön.

Es wirkt in beide Richtungen. Schöne Erinnerungen bewirken gegenwärtige Glücksgefühle und eine glückliche Gegenwart verursacht glückliche Erinnerungen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch die gegenwärtige Wahrnehmung durch Glücksgefühle verändert wird und wir die Dinge anders hören, anders sehen, anders riechen und auch anders lesen,wenn wir glücklich sind.

In der Tat hatte ich lange Jahre den Koran als Straf und Höllenbuch gelesen. Plötzlich jedoch las ich die Sure 55 – AlRahman – und fand die liebevolle Zuneigung Gottes zu all seiner Schöpfung und besonders zum Menschen darin verbildlicht. Anderen Tags las ich ihn jedoch wieder als Buch der Höllenstrafe. Wie konnte das sein? Gab es nun einen Islam, oder zwei? Richtig, der Koran ist der Koran, aber die Magie eines jeden guten Buches liegt darin, dass es mit jedem Leser etwas Anderes macht. Es gibt Menschen, die den Koran nutzen um andere zu töten und andere die in ihm nichts als Liebe und Barmherzigkeit finden.

Was wir im Koran finden, welche der Verse wir wahrnehmen, hängt davon ab, wie wir uns fühlen. Ich möchte behaupten, dass jemand, der zu Hause viel Strafe erfährt, vielleicht am ehesten geneigt ist, die Strafaspekte des Korans zu bemerken. Jemand, der in einem liebevollen und barmherzigen Umfeld aufwächst, wird hingegen zu allererst die Gnade Gottes herauslesen. Alles stimmt, alles geht. Es hängt eben davon ab, in welchem Zustand sich der Leser, die Leserin, befindet.

Es gibt ihn nicht, den einen Koran. Jeder liest ihn anders. Wer heute Wut verspürt, weil er vom Vater geschlagen wird, sich die Mutter mit dem Schläger verbindet, weil er nicht bekommt, was er wirklich braucht, weil es niemanden interessiert – wer also wütend ist, wird die Wut lesen, die durchaus im Koran zu finden ist. Wer aber liebt und wer heute glücklich ist, liest ihn als Buch des liebevollen Verständnisses und sieht Mohamed als einen lachenden Herrscher, voller Freude und Hingabe. Dieser Leser sieht Freiheit in der Hingabe, nicht Unterwürfigkeit. Dieser Leser liest über die vielen Geschenke und die Gnade, nicht über die Bestrafung im Feuer der Hölle.

Im Umkehrschluss hieße das: Viele Muslime sind nicht Teil einer glücklichen Gemeinschaft. Sie lachen und sie haben Spaß, aber in ihnen drin ist eine Verunsicherung, eine Angst, eine Wut auf die Eltern vielleicht, die sie schützen sollen, eine Wut oder Angst, keinen guten Weg zu finden, weil die so genannte Mehrheitsgesellschaft ihn versperrt usw.

Wer den Koran als Höllenbuch lesen, mag einmal tief in sich hineinhören, ob da vielleicht eine Wut wohnt, oder eine Angst, oder ein ganz allgemeines Unglück.

Schöne Gefühle kann man nicht erzwingen, auch keine schönen Erinnerungen oder schönen Lesarten. Doch eine Perspektive eröffnen sie allemal, denn man kann versuchen, sie zu verstehen. Das führt zu Selbstakzeptanz und damit zu mehr Vertrauen und ultimativ auch zu mehr Glück. Der Wesenskern liegt im Hier und Jetzt. Das muss glücklich sein, dann wird auch die Erinnerung gut und alles, was wir lesen, wenn es denn gute Elemente hat.

Ich wünsche euch ein wundervolles Gebet und alles Gute.

Einen kurzen Einblick dazu möchte ich geben. Narrativitätsforscher zeigten beispielsweise einer Reihe von Probanden einen Film über zwei Kinder, die aus einem Birnbaum Birnen pflückten, und dann damit fort liefen. Fast alle Probanden sagten später, es sei ein Apfelbaum gewesen. Viele Einzelheiten des Films wurden von ihnen falsch erzählt, falsch erinnert. Die Bilder im Kopf hatten die Bilder des Filmes überschrieben. Schon während uns eine Geschichte erzählt wird, entsprechen die Bilder im Kopf oft nicht dem, was wir hören, sondern dem, was wir zu hören erwarten. Trauen wir also unseren Erinnerungen nicht zu sehr. Wir können sie trotzdem genießen.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Erinnerung ist, dass sie Wörter braucht. Im zweiten Weltkrieg verließen viele Juden Deutschland, um in Amerika zu leben bzw. zu überleben. Die literarische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des zweiten Weltkriegs setzte aber nicht unmittelbar nach Kriegsende ein. Die Erinnerungswelle setzte dann ein, als Worte gefunden waren, die man sich kollektiv erarbeitet hatte, um so eine Erinnerung zu schaffen, die von allen verstanden und nachvollzogen werden konnte und so identitätsstiftend wirkte. Wörter wie Holocaust, oder Vernichtung mussten erst geprägt oder auf die Situation bezogen werden, und trugen dann eine Konnotation mit sich, die von allen Kommunikationspartnern einigermaßen einheitlich verstanden werden konnten. Wenn man heute Holocaust sagt, sind Begriffe wie Vernichtung, Verfolgung, Qual, Unterdrückung, Genozid, Rassissmus, Diktatur und viele mehr implizit, aber darüber hinaus denkt man sofort an die Vernichtung der Juden während des so genannten Dritten Reiches. Ein Volk, hier zum Beispiel die amerikanischen Juden des 20. Jahrhunderts, kann sich eine Erinnerungskultur nur schaffen, indem sie Worte dafür findet.

Als Muslime versuchen wir auch immer wieder, gemeinschaftsstiftende Erinnerungskultur aufzubauen. Wir nennen uns eine Umma und sind von uns selbst enttäuscht, wenn wir es im Ramadan nicht schaffen, am selben Tag die Fastenzeit einzuläuten und sind stolz darauf, wenn wir wie in diesem Jahr alle am selben Tag das Fasten beenden. Dann spielen wir, dass wir eine Umma sind, weil dieser Begriff zu Beginn des Islam geprägt wurde und heute noch wichtig scheint. Wir versuchen,

Ramadan 2020

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Ramadan 2020

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Heute möchte ich euch besonders herzlich begrüßen, denn es gibt ein Fest zu feiern. Wir feiern mit euch das Eid al fitr, das Fest des Fastenbrechens. Und weil das auf Deutsch überhaupt kein schönes Wort ist, und weil man dabei außerdem den Kindern Süßes verteilt, und auch gerne selbst ein bisschen nascht, nennen wir es inzwischen auch in Deutschland „Zuckerfest“.

Ich finde das immer lustig, weil einige meiner arabisch-sprachigen Freunde Ostern das Eierfest nennen. So haben wir hier in Deutschland ein Eierfest, ein Zuckerfest, mal sehen, was noch kommt. Das geht zwar von dem religiösen Aspekt weg, der den Festen eigentlich zu Grunde liegt, aber zum kulturellen, und damit gemeinschaftsstiftenden, Aspekt hin und wirbt damit dafür, alle Menschen einer Gesellschaft daran zu beteiligen oder zumindest ihnen einen Begriff an die Hand zu geben, den sie mit den stattfindenden Tätigkeiten verbinden können. Das Zuckerfest darf erlebt werden, auch wenn man es nicht vollständig, in all seinen Einzelheiten versteht. Das Verstehen der Dinge geschieht sowieso immer bei allen Menschen auf verschiedenen Ebenen.

Das Zuckerfest ist das große Fest der Freude.

Einen Monat lang haben wir gefastet – Essen und Trinken, oder anderes, entbehrt. Wir haben uns daran erinnert, jeden Tag, dass wir ohne Essen und Trinken nicht nur hungrig und durstig sind sondern auch an anderen Dingen leiden.

Ein paar Beispiele:

Mir ist im Ramadan jeden Tag eisig kalt, oft sogar noch nach dem Essen. So kalt, dass mir am Tag die Schultern weh tun, weil ich mich so verkrampfe und ich die halbe Nacht nicht schlafen kann, weil meine Füße zu Eisblöcken erstarrt sind. Essen und Trinken hält uns warm, stabilisiert unsere gefühlte Körpertemperatur.

Im Ramadan bin ich vergesslich. Beim Verkauf meines Autos habe ich die Hälfte der Dinge im Auto gelassen, die ich unbedingt ins andere Auto mitnehmen wollte. Dinge wie das Ladekabel oder die Parkvignette, ich schaute nicht in das Fach unter dem Kofferraum, wo ich Badelatschen und Schwimmzeug gelagert hatte – alles, was mir nicht direkt ins Auge sprang, habe ich vergessen. Essen und Trinken hilft uns, uns zu erinnern.

Ein weiteres Beispiel: Ich ging zu meiner Therapeutin, die ich gerne einmal im Monat aufsuche, doch das hätte ich mir im Ramadan besser erspart, denn das Fühlen war so anstrengend, dass ich unglaublichen Hunger bekam und nur noch meinen Magen spürte, um am Ende der Sitzung völlig erschöpft nach Hause zu gehen. Essen und Trinken erlauben uns, in uns hineinzuhören, zu reflektieren, unseren Körper detailliert wahrzunehmen über Hunger und Durst hinaus und so am Wohl unserer Seele zu arbeiten.

Und auch dies geschieht ohne Essen und Trinken: Jeden Sonntag buk ich im Ramadan, und fuhr hinaus an einen See oder in einen Wald. Das ist schön, auch ohne Essen und Trinken. Doch in ein Cafe einzutreten und dort vielleicht ein Buch zu lesen, oder sich mit jemandem bei einer Tasse Tee zu unterhalten, ist viel schöner als ohne. Essen und Trinken macht unsere sozialen Kontakte froher und entspannter. Gespräche tiefgehender und unsere Handlungen beherzter.

Manche Tätigkeiten habe ich mir daher auf die Zeit nach dem Abendessen – also dem Frühstück – verschoben, andere gleich ganz auf die Zeit nach dem Ramadan.

Es gibt noch viel, viel mehr, wozu man Essen und Trinken braucht, nicht nur am Abend, um zu überleben, sondern tagsüber. Was tun die Menschen, für die immer Ramadan ist, und am Ende des Tages nur eine Schüssel Reis mit Bohnen – oder immerhin, eine Schüssel Reis mit Bohnen? Wie meistern sie ihre Beziehungen und Freundschaften? Wie schaffen sie es, in der Schule Leistung zu bringen, Verträge fehlerfrei zu gestalten und abzuschließen, gut ausgeruht in den Tag zu starten und ihre gute Laune zu bewahren ?

Der Ramadan dient ganz eindeutig dazu, uns unbedingt daran zu erinnern, dass Essen und Trinken eben nicht nur zum Vergnügen da sind, sondern essenziell unser Leben überhaupt so ermöglichen, wie wir es hier leben. Das haben wir jeden Abend aufs Neue festgestellt. Beim ersten Schluck Wasser nach dem Fasten sind wir manchmal sehr dankbar und erinnern uns an die außerordentliche Gnade, die uns erwiesen wird. Doch manchmal vergessen wir schon beim ersten Glas, wie schwer der Tag war. Gleichsam in Millisekundenschnelle sind wir wieder diejenigen, die wir vor dem gefasteten Tag waren. Deswegen ist es wichtig, dass der Ramadan immer wieder kommt und uns immer wieder daran erinnert, was uns hier auf der Erde geschenkt wird.

Die Dankbarkeit ist eine Anstrengung, ein Dshihad, in der wir uns immer wieder üben sollten. Darin sind sich religiöse und weltliche Philosopen einig.

Im Moment sprießen aus dem Boden der Buchlandschaft tausende von Büchern, die eine Art Tagebuchfunktion übernehmen, aber auf die Dankbarkeit fokussieren. Es sind Bücher, in die man schreiben soll, was an diesem Tag besonder schön war. Fünf Dinge soll man jeden Tag benennen, die einem besondere Freude bereitet haben. Das ist gar nicht so einfach. Wenn man sich darin übt, so wird gesagt, ist man nach einer Weile glücklicher. Man lernt, das Gute, Glücklichmachende, wahrzunehmen und hat so insgesamt ein erfüllteres Leben. Wer schon mal schwanger war, der weiß, dass das stimmt, zumindest, was die Wahrnehmug betrifft. Alle Frauen sind nämlich immer gleichzeitig schwanger und zwar genau dann, wenn man selber schwanger ist. Wenn ich schwanger war, und das war immerhin sieben Mal, waren immer alle Frauen schwanger. Spätestens bei der zweiten Schwangerschaft war mir aber schon klar, dass das nicht sein konnte. Es lag ganz offensichtlich an der Wahrnehmung. Vorher waren natürlich genauso viele Frauen schwanger, aber ich habe es nicht bemerkt, weil es für mich nicht relevant war.

Kürzlich kaufte ich ein Auto. Sollte es ein Ford sein? Ich sah so viele Fords in meiner Umgebung wie nie zuvor. Sollte es ein Opel Corsa werden? Den hatten scheinbar auch alle. Mein Blick schärfte sich und ich sah sie plötzlich alle, die Clios, Polos, BMWs, und je mehr sie für mich in Frage kamen, desto schneller konnte ich sie unterscheiden, schon von Weitem.

So richtet sich unsere Wahrnehmung stets danach, was wir als relevant empfinden. Wenn wir uns darauf konditionieren, das Gute relevant zu finden, und zu erkennen, so werden wir es immer besser sehen können.

Inni atainak al kawthar, fassali rabika wa anhar. Wir haben euch die Fülle gegeben, sagt Gott. Die Gottheit, die uns gibt und gibt und gibt, ist recht selbstlos. Sie bittet, dass wir beten, und dass wir hin und wieder fasten. Der Rest der wesentlichen Anforderungen des Allah, bezieht sich auf die Menschen, nicht auf Gott selbst. Wir sind gehalten, sie gut zu versorgen, alle. Dazu sollen wir unseren Besitz teilen und gastfreudlich sein. In einer Stammeswelt des 7. Jahrhunderts hieß das, genau wie heute, dem Armen nebenan etwas abzugeben und dabei nicht zu pfennigfuchsen. Doch in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts bedeutet es mehr, nämlich auch, politisch dafür zu sorgen, dass ordentlich geteilt wird. Wir sind beauftragt, ganz konkret, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Das steht im Koran und könnte deutlicher nicht geschrieben sein. Zitiere 2:267 und 274. Und in 2:277 lesen wir (zitieren).

Es kann nicht sein, dass einer Milliarden im Sockenfach bunkert und ein anderer nicht weiß, was er morgen seinen Kindern zu essen geben kann. Es kann nicht sein, dass manche Kinder mit ihren eigenen Eltern leben und andere alleine auf der Straße, statt behütet in Familien oder angemessenen Heimen. In einer globalisierten Welt kann nicht jeder alles haben, aber keiner darf nichts haben, oder – entschieden zu wenig. Das ist ein klarer Auftrag der Religion an die Muslime. Im Ramadan wird er zur Pflicht.

Eid Alfitr ist ein Tag der Freude, und er soll es für alle sein. So gebt reichlich heute. Alles was ihr geben könnt. Eure Freude, euer Lächeln, euren warmen, festen Handschlag, den Blick in die Augen. Gebt auch euer Geld mit Freude, wenn ihr könnt, und nehmt es gern und mit Freude, wenn es euch gegeben wird. Gebt euch selbst. Seid gerne stolz darauf, dass ihr diese Zeit gut überstanden habt und schämt euch nicht für eure Fehler, sondern lernt daraus. Jeder Mensch macht Fehler. Immer und überall.

Heute ist der Tag der Freude, der Tag des Gebens und der Tag der Versöhnung. Der Tag, an dem wir zu unseren Mitmenschen gehen und ihnen und uns eine zweite Chance geben, oder eine dritte, vierte. Es ist der Tag des ehrlichen Versuchs, von Neuem zu beginnen. Ein Tag des Neuananfangs in Bezug auf unsere Freunde, Beziehungen, Kinder, Ehepartner, Mitarbeiter, Mitschüler, Nachbarn, Cousins und Cousinen. Was vorher schlecht gelaufen ist, darf nun gut werden.

Religionen und ihre Riten und Ansprüche dienen dazu, uns als Menschen zu erweitern und uns allen gemeinsam ein glückliches Leben zu schenken. Sie dienen dazu, dass wir nicht unbedacht durchs Leben gehen, sondern reflektieren und wachsen, das Gute erkennen und uns daran erfreuen.

Heute ist ein Tag der Freude. Inschallah werden wir viele Tage der Freude verschenken und empfangen.

Tim Marshall

 Die neue Gemeinschaft

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 Die neue Gemeinschaft

Wenn ich heute von meiner Kindheit erzähle, muss ich beachten, dass nicht das Kind erzählt, sondern ich mit meinen vielen Jahren. Das damals Erlebte rekonstruiere ich und interpretiere es aus meiner heutigen Sicht. Es ist keine exakte Wiedergabe, sondern eine neue, die sich mit der Zeit immer wieder ganz leicht wandeln kann.

Letztlich habe ich ein Gebilde zusammengebastelt, so wie ich es mir gern vorstelle.

       Und so ist es auch mit unserer Religion. Wir betrachten die ersten Muslime von unserem heutigen Blick aus, oft als fertige Muslime mit einer neuen Religion. Aber das war ganz und gar nicht so. Es fällt uns schwer, die Jahrhunderte einer Entwicklung zu überbrücken und Muhammads Zuhörer so zu sehen, wie sie waren. Die erste Gemeinde, die sich gerade erst zusammengefunden hat, das waren Menschen, die in Mekka, später in Jathrib, dem neuen Medina wohnten, Gottsuchende, Juden, unterschiedliche Strömungen von Christen, Vielgläubige. Sie alle hatten einen speziellen religiösen Hintergrund und standen sicher fest in ihrem Glauben. Ihr Glaube war oft durch ihre Stammeszugehörigkeit fest etabliert. Aber sie waren offen und neugierig. Diesen Gesichtspunkt müssen wir viel mehr beachten, wenn wir über die ersten Gemeindemitglieder dieser neuen religiösen Strömung und die langzeitliche Herabsendung des Koran sprechen und um den Inhalt des Koran mit seinem Dialog zwischen Gott und den Menschen und ihrer Geschichte besser zu verstehen.

    In Arabien gab es keinen Staat mit einem Rechtsystem, sondern es lebten dort viele Stämme mit jeweils eigener Stammesethik. Mehrere Stämme oder einzelne Clans bewohnten gemeinsam einen Marktflecken, in der es nicht immer friedlich zuging. Das Recht der stärkeren Gruppierung oder Clan bestimmte mehr oder weniger das Leben innerhalb eines Stammes oder einer Ortschaft.

     Wir dürfen nicht vergessen, dass es keine Menschen gab und gibt, dessen Persönlichkeit sich nicht weiterentwickelt. Auch Muhammad war keine unveränderliche Persönlichkeit. Dessen Lebensumstände werden sich drastisch verändern.

     Stellt euch vor: Da kommt jemand daher, vielleicht auf dem Markt als Zentrum der Begegnung, der von sich behauptet: „Mich schickt Gott zu euch!“ Er habe eine Botschaft übermittelt bekommen, in der es hieß: Er sei als ein Warner mit einer göttlichen Botschaft zu den Menschen gesandt worden. Die Botschaft würde lauten: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, macht euch bereit und verneigt euch vor eurem Herrn.

      Wie könnten da die Menschen reagiert haben! Stellt es euch einfach mal vor! Sie würden untereinander tuscheln, ihn für verrückt halten, den Kopf schütteln. Andere überlegen vielleicht: Meint er den einen von unseren Göttern, Allah? Hat er sich das jetzt nur ausgedacht oder schickt Allah wirklich diesen Mann und warum?

    Viele gehen empört weg, andere kommen näher und hören sich das an, was Muhammad zu sagen hat. Sie werden vielleicht zuerst über das Gehörte erstaunt, dann nachdenklich sein und schließlich Muhammad bestürmen, er solle doch mehr erzählen: Warum hat Gott ihn und keinen anderen gewählt und was soll das Ganze eigentlich bedeuten! Anfangs werden sie die neuen Verse aus der Sicht ihrer eigenen religiösen Strömung oder Religion betrachten, Schlüsse daraus ziehen. Vielleicht denkt ein Jude: Steht das nicht so ähnlich, nur mit anderen Worten, in unserem Alten Testament? Oder: Das, was Muhammad berichtet über Isa, Jesus, kenne ich doch schon! Und so findet sich vieles, was in den alten, religiösen Büchern steht, im Koran wieder. All das, was die Menschen damals berührte, was Teil ihres Lebens und ihrer Situation im Alltag und im Besonderen war, findet in den Worten Gottes Beachtung. Es spiegelt ihr Leben und ihre Fragen auf besondere Situationen wider. Und viele Fragen von uns heute strahlen zurück und geben auch uns Antwort.

    Warum ich so genau auf die Situation von damals eingehe? Ich möchte euch einfach sensibilisieren. Stellt euch vor: Ihr kommt in eine neugegründete Gruppe, da ist vielleicht ein Biologe, ein Geologe, ein Vulkanologe. Sie haben aber ein Thema mit einem Ziel, eine Aufgabe. So ungefähr könnte auch die neue religiöse Zusammensetzung der ersten Gruppe, der ersten Gemeinschaft gewesen sein. Wir sagen heute Team mit Mitgliedern, die alle unterschiedliche Hintergründe und Voraussetzungen mitbringen. Es war auf alle Fälle nicht leicht, daraus eine Gruppe mit fast übereinstimmender Denkweise zu bilden. Das passierte wohl erst lange nach dem Tode des Propheten.  

    Das Neue daran war die Bildung einer Gemeinschaft, die nicht auf der Grundlage der Blutsverwandtschaft, sondern auf der Grundlage bestimmter miteinander geteilter Werte beruhte. Im Hinterkopf herrschte sicher noch ihre vorherige religiöse Gesinnung, aber langsam teilten sie bestimmte Überzeugungen miteinander.

      Gott ladet also alle Menschen ein, egal welcher religiöser Strömung sie angehören. Sicher werden es mit der Zeit immer mehr, die kommen, um zuzuhören, Fragen zu stellen und langsam zu begreifen. Es sind diejenigen, auf deren Fragen Gott in eine der nächsten Sendung auf ihre Fragen Antwort gibt. So entsteht ein Dialog zwischen den ersten Gemeindemitgliedern um den Propheten Muhammad und Gott. Es ist aber noch nicht der Islam, so wie wir ihn heute kennen.

    Gott bezeichnete Ibrahim als einen Hanif. Hanif bedeutet: ‚Gott ergeben sein, dem einzigen Gott nichts beigesellen‘. Ich würde sagen: Sie waren Gott-Gläubige. Der koranische Ausdruck ‚ḥanīf‘ hat etwa die Bedeutung: ‚Nicht zu den Heiden zu gehören‘. Die Sure 3:95 sagt darüber: „Sag: Gott hat die Wahrheit gesagt. Darum folgt der Religion Abrahams, eines Hanifen – er war kein Heide.“

     Ich denke, viele dieser Hanifen, die zu Muhammad kamen, gehörten diesem Monotheismus an, der nicht mehr mit dem Christentum noch mit dem Judentum identisch war. Und sie grenzten sich folglich auch vom Heidentum, dem Polytheismus, mit dem Vielgötterglauben vieler Stämme in Mekka und in ganz Arabien ab.

    Übrigens: Der Koran spricht nicht ein einziges Mal in einer Anrede zu einem Muslim, sondern zu Gläubigen, zu Frauen, zu Einzelpersonen. Wenn über den Islam bzw. über einen Muslim gesprochen wird, dann im Sinne des Ergebens und Glauben an den Einzigen. Ein Beispiel in Sure 2: 112: „Doch wer sich Allah ergibt und Gutes tut, der hat seinen Lohn bei seinem Herrn und diese werden weder Angst haben noch werden sie traurig sein.“ Muhammad Assad sagt dazu: Dieser im Koran mehrfach wiederholte Ausdruck (sich Gott ergeben) stellt eine vollkommene Definition des ‚Islam‘ dar, das von dem Wurzelverb aslama (er ergab sich) abgeleitet ist und ‚Selbstergebung in Gott‘ bedeutet. Und genau in diese Sinne werden die Begriffe ‚Islam‘ und ‚Muslim‘ im Koran verwendet. Wer Gott sich ergibt ist ein Muslim.

     Hier noch eine andere Sicht auf eine andere Zeit: Die Sure 10:84 sagt aus: Und Moses sprach: “O mein Volk, habt ihr an Allah geglaubt, so vertraut nun auf Ihn, wenn ihr euch (Ihm) wirklich ergeben (Muslimin) habt.” Moses wandte sich bei dem Treffen mit dem Pharao an die Israeliten, also an sein Volk und wahrscheinlich auch an die Ägypter: Wenn ihr wirklich an Gott glaubt und ihm ergeben seid, dann also könnt ihr ihm auch vertrauen.

      Muhammad hatte eigentlich sicher gar nicht vor, eine neue Religion zu bilden. Er wollte nur eine neue Qualität im Glauben, eine neue und bessere Stufe. Er fühlte sich bestimmt nicht als Religionsstifter. Er behauptete ja immer nur ein Warner zu sein. Und so steht es auch im Koran.

     Der neue Glauben an den Einen Gott veränderte die Menschen, so dass aus Christen, Juden usw. erst mit der Zeit Muslime wurden. Das heißt, der Koran, der an die damaligen Menschen gesandt wurde, ist an Menschen gesandt, die vorher ganz anders glaubten. Erst als sie sich ethisch und religiös annäherten, wurden sie zu einer festen Gemeinschaft und der Islam entstand. So müssen wir es heute betrachten.

    Viele Probleme, die es damals gab und auf die der Koran damals Antwort gab, gibt es auch heute noch. Darum können wir heute den Koran noch anwenden, aber nur aus unserer heutigen Sicht und darum ist auch der Koran lebendig geblieben.

 Er griff Fragen auf, die die Menschen aller religiösen Sichtweisen betraf. Es betraf Dinge, die seiner eigenen religiösen Gedankenwelt entsprangen.

    Der Koran hat somit eine irdische Geschichte. Viel Neues stürmte auf die Menschen damals ein, woran sie vorher nicht gedacht haben mögen, zumindest in dieser Art und Weise nicht. Und jeder hatte andere Fragen. Und der Koran bzw. Gott gab ihren die Antwort.

    Gott richtete sich an alle Menschen, die damals in Arabien lebten, an die christlichen Einsiedler, an all die Gott Suchenden. Und auch heute noch wird jeder Mensch im Koran angesprochen.

Manaar

Die vielen Stimmen des Koran

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Die vielen Stimmen des Koran

Gleich vorangestellt: Ich meine mit den Stimmen nicht die verschiedenen Lesarten des Korans.

     Als ich den Koran das erste Mal bewusst gelesen habe, stellte ich sehr schnell fest, dass es kein einheitliches Buch ist, sondern eine augenscheinliche Unordnung darstellt und das machte es für mich schwierig, ihn überhaupt zu lesen. Die einzelnen Suren stehen nicht in der Abfolge der Verkündigungen oder innerhalb einer Sure wechselt plötzlich das Thema. Ein Thema, ein Gedanke springt plötzlich zu einem anderen Thema oder anderem Gedanken, ohne, dass er erschöpfend behandelt wurde, taucht an anderer Stelle wieder auf. Ohne sich auf ein tieferes Eindringen einzulassen, ist es fast unmöglich, sich in einem so unübersichtlichen Text zurechtzufinden. Ebenso lassen die Überschriften keine Gliederung erkennen. Aber dennoch, diese mehr als 6200 Verse verkünden eigentlich nur das, was zusammengefasst in den 4 Versen der Sure 112 zum Ausdruck kommt: „1.Sprich:‘ Er ist Gott, der Eine, 2. Gott, der Beständige, 3. er zeugte nicht und wurde nicht gezeugt, 4. und keiner ist ihm ebenbürtig.“ Wenn man tiefer in den Koran eindringt, merkt man schnell: Alles andere leitet sich davon ab oder wird erklärt.

    Der Koran ist ein Dialog. Wir hören darin die Stimme von Gott und die der Menschen.

     Gott spricht nicht allgemein, nicht nur zu irgendeiner Person oder über irgendjemand, sondern zu einer ganz bestimmten Person oder einer bestimmten Gruppe, in einer ganz bestimmten Situation. Man merkt das schon bei der Ansprache. Da heißt es z.B. „O, die ihr glaubt!“, oder „O ihr Kinder Israels!“, „O Adam“, „O ihr Menschen!“ Meistens wird Muhammad mit „Sprich!“ angesprochen. Die Adressaten, mit denen Gott reden möchte, werden also direkt angesprochen. Aber indirekt gilt das Gesagte auch für jede andere Person, also auch wir sind damit gemeint. Wenn Gott z. B. jemand tadelt oder anspornt, so könnte dieser Tadel oder Ansporn vielleicht in einer anderen ähnlichen Situation auch mir oder euch gelten.

    Manchmal kommt in einer Ansprache an den Propheten eine Mitteilung für seine Zuhörer und Gemeinde, was andere Stimmen vorher verlauten ließen, also indem er auf vorangegangene Stimmen eingeht und das Gesagte für die neuen Zuhörer wiederholt und erklärt. Wir müssen uns das heute so vorstellen: Im Fernsehen wird jemand interviewt. Dieser Jemand antwortet dem Interviewer. Das Ganze ist natürlich für die Zuhörer gedacht.

     So ist es auch in der Sure Al -Furqan – Die Unterscheidung, Vers 7: „Sie sagen: ‚Was ist mit diesem Gesandten? Er isst und geht auf den Märkten umher. Warum ist nicht ein Engel zu ihm herabgesandt worden, dass er als Warner mit ihm sei? Oder warum wurde ihm kein Schatz übergeben, oder warum hat er keinen Garten, von dem er isst?‘ Und die Ungerechten sagen: ‚Ihr folgt nur einem Mann, der einem Zauber zum Opfer gefallen ist.‘“ Die Stimmen sind von den Mekkanern, die nicht an Muhammads Sendung glauben. Sie spotten nur über ihn. Gott fasst ihr Gesagtes für Muhammad zusammen und tröstet ihn: ‚Lass dich nicht irre machen, scher dich nicht drum, was sie sagen. Jetzt reden sie so, vielleicht denken sie später anders. Lass also nicht ab in deinem Bemühen.‘ Da aber Muhammad diesen Vers weitergibt, gilt dieser Trost allen, die den Vers vernehmen und auch für diejenigen, die den Propheten vorher geschmäht hatten.

  Meistens spricht Gott zu einer Gemeinschaft von Zuhörern. Gott als Sprecher informiert sie als Empfänger, belehrt sie, wie sie handeln oder nicht handeln sollen.

Manchmal bezeichnet er sich selbst als „Ich“ oder „Wir“.

     Man kann den Koran deshalb nicht als ein Buch verstehen, sondern muss ihn als eine Art Mitschrift einer Gemeindebildung lesen, denn am Ende steht ja nicht nur ein zusammengefasstes Buch da, sondern eine Religionsgemeinschaft, die es vorher nicht gab und die sich erst in diesem Prozess herausbilden muss.

    Wenn wir den Koran auf seine vielen kommunikativen Gestaltungen untersuchen, erkennen wir darin ermahnende Ausdrucksformen, Gesten, auf die man keine Antwort erwartet, sondern lediglich zur Verstärkung einer Aussage dient, Zitate, Wechselreden, Zwischenfragen und Zwischenrufe oder Anmerkungen, um etwas zu kommentieren.

     Normalerweise ist der Sprecher das Göttliche und der Adressat ist der Mensch. Aber es geht auch umgekehrt. Wenn wir die Eröffnungssure, die al-Fatiha rezitieren, wenden wir uns an Gott und bitten ihn und das mindestens 17 Mal an jedem Tag und das in einer Polyphonie, also viele Stimmen gleichzeitig bitten Gott.

     Wir sagen, der Koran ist „Gottes Wort“, also monophon. Dennoch ist er polyphon, denn aus ihm spricht nicht nur Gott, sondern die vielen Stimmen der ersten Generation der neuen muslimischen Gemeinde, die Stimmen, die sich bei Muhammad Rat und Auskunft holen, die Stimmen derer, die Muhammad verspotteten und angriffen und seine Gesandtschaft leugneten. Da sind die Stimmen der Mekkaner, der Medinenser und auch der Juden und Christen, wenn es z. B. heißt: „Sie fragen dich…“ Deshalb ist der Koran einzigartig: Er zitiert nicht nur die früheren Texte und Botschaften, die z. B. im „AltenTestament“ stehen, sondern auch die Antworten auf diese neue Botschaft.

     In einer Rollenrede und unterschiedlicher Sprechhaltung teilt sich Gott den Lesern oder Zuhörern mit. Er ist wie ein leidenschaftlicher und begeisterter Dramaturg, der in vielfacher Form mit uns um Anerkennung und Erkenntnis ringt. Es ist also nicht so, dass Gott uns ständig ermahnt. Er wendet sich sozusagen flexibel an uns. Das heißt für uns: jede Botschaft galt bestimmten Adressaten, die damals lebten. In diesem Licht müssen wir heute diese Verse interpretieren. Wir können das nicht so einfach übernehmen, denn unsere Zeit ist ganz anders aufgebaut. Aber deswegen müssen wir nicht davon ausgehen, dass sie für uns nicht relevant sind und ihre Bedeutung verloren haben.

    Aber auch umgedreht: Wenn die Botschaften des Korans nur für die damaligen Adressaten gegolten hätten, also vor dem Kontext ihrer Zeit nur ihren Sinn besäßen und mit der Zeit ihre Bedeutung verloren hätten, sie dementsprechend nichts mehr zu sagen hätten, dann hätte wahrscheinlich dieser Koran und die islamische Religion nicht überlebt. Indem der Koran sich an uns wendet und wir ihn heute interpretieren und die Botschaft für uns herauslesen können und Inspirationen für uns darin finden, bleibt er lebendig und kraftvoll.

    Beim Studium des Buches „Der Koran und die Zukunft des Islam“ von Abu Zaid fand ich auch das: Wir sprechen das Gebet auf Arabisch. Abu Zaid meint dazu: Das war in der Frühzeit des Islam keineswegs selbstverständlich. Wir wissen, dass sich vier Haupt-Rechtsschulen mit jeweils etwas anderen Akzenten und Methoden entwickelten. Der persische Gelehrte Abu Hanifa im 8. Jahrhundert hatte erlaubt, dass das Pflichtgebet in jeder Sprache verrichtet werden kann. Schon davor war es nicht-arabischen Muslimen erlaubt, die Suren in übersetzter Form zu sprechen, meist in Persisch. Doch im Laufe der Geschichte setzte sich der nachfolgende Rechtsgelehrte Schafi’i mit seiner Schule durch. Nur noch die Rezitation in Arabisch beim Gebet galt und wurde zum Dogma.

    Um den Inhalt der einzelnen Suren zu verstehen, müssen wir die Entstehungssituation kennen. Jüdische Stämme hatten mit den polytheistischen Stämmen zumindest bedingt durch den Handel miteinander Kontakt. Unter ihnen lebten Christen, Zoroastrier und Suchende. Die Mitteilungen, die Muhammad von Gott erhielt, gingen an eine noch nicht islamische Zuhörerschaft. Der Koran ist also als ein Reaktionsprozess auf die unterschiedlichsten Strömungen entstanden, er ist sozusagen eine Mitschrift oder ein Protokoll auf öffentliche Rezitationen mit Aussagen, Fragen, Einwürfen, Rückfragen. Der Koran macht sich durch diese Lebendigkeit und Reaktionen transparent. Das Wort Gottes oder Rede von Gott erweitert sich meines Erachtens zu einer Manifestation vom Wort Gottes. Der Koran spricht deutlich von der Thora, von den Psalmen und anderen heiligen Schriften als frühere Manifestationen von Gottes Wort. Die Bezeichnung „Volk des Buches“ bezieht sich ausdrücklich auf die vorherigen Religionen. Also Gottes Worte wandten sich schon an frühere Leute, die göttliches Wissen haben bzw. erlangen wollten. Gottes Wort gilt also unbegrenzt. Das sagt auch der Vers 109 der18. Sure aus: „Sprich: ‚Wenn das Meer Tinte für die Worte meines Herrn wäre, würde das Meer zu Ende gehen, bevor die Worte meines Herrn zu Ende gehen, auch wenn Wir (Gott) noch einmal so viel hinzubrächten.‘“ Dieser Vers sagt aus, dass das Wort Gottes nicht nur auf den Koran beschränkt ist.

   Angelika Neuwirth fasst zusammen: So betrachtet wird der Koran statt einer Sammlung von Texten verschiedener Gattungen, oder – im islamischen Verständnis- einem göttlichen Monolog, wieder als spätantike Debatte und historisches Drama erkennbar, das komplexe theologische Diskussionen abhandelt. Woraus folgt: Wenn der Koran ein Text ist, der ursprünglich nicht als geschlossenes Buch auf die Welt gekommen ist und nicht wie ein Lehr- oder Gesetzbuch behandelt sein will, müssen die Suren „als Rekurs auf die großen Fragen der Zeit“ verstanden werden, „als Antithese zu im Raum stehenden Prämissen“ und „nicht als kontextlose Rede eines isolierten Sprechers oder gar Autors.

   Und Dr Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide soll noch zu Wort kommen: Der Koran ist das Resultat von Dialog, Debatte, Argumentation Annahme und Zurückweisung. Der Koran als Diskurs kann nur auf diskursive Weise verstanden werden, das heißt, dass sowohl die individuellen Erfahrungen als auch das gesellschaftliche Umfeld des Lesers seine Verstehensweise des Koran beeinflussen.

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Verstehen statt verteidigen

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In einem Gespräch mit einer Muslimin, die sagte: „Ich müsste mehr über die Geschichte des Islams wissen,“ gab ich ihr Recht. Wie kann man über den Koran sprechen, wenn man nur wenig über die Entstehung, Hintergrund und Bedeutung der einzelnen Verse weiß. Ich dachte bei mir: Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Muslime sich auf die Aussagen ihrer Imame oder Theologen stützen und nicht selbst nachdenken. Weil sie einfach nicht viel über ihre Geschichte, über den Werdegang des Islam und der islamischen Kultur kennen oder auch kaum allgemein etwas über diese Zeit.

    So griff ich nach dem Buch von Nasr Hamid Abu Zaid „Der Koran und die Zukunft des Islam“ und vertiefte mich darin, mit dem Ergebnis, dass ich erstaunt feststellte, selbst noch Wissenslücken zu besitzen. Dieses 7. Jahrhundert ist mir doch noch sehr fremd. Und ich denke, es geht euch genauso wie mir. Darum werde ich dieses Buch als Grundlage für einige Khutbas nehmen.

    Der Koran enthält die Botschaft, die Gott seinem Propheten Muhammad hat übermittelt lassen, um die Menschen dieser arabischen Halbinsel, die zu dieser Zeit mehrheitlich dem Polytheismus anhingen, vom Glauben an den Einen Gott zu überzeugen und überzutreten. Muhammad war deshalb der Letzte einer langen Reihe von Propheten, die mit Adam begann, über Moses, Abraham, Jesus, die eigentlich im Grunde alle die gleiche Botschaft  erhielten, nämlich den Aufruf zum Glauben an den Einen Gott und die Einhaltung bestimmter ethischer Ziele.

    Ich gebe zu, der Koran ist kein leichtes Lesebuch, aber um ihn verstehen zu können, müssen wir uns bewusst machen: Er enthält Gottes Wort, bleibt aber ein historischer Text aus einer ganz bestimmten Zeit, die wir Europäer uns nur schwer vorstellen können. Er spricht Ereignisse und Verhaltensweisen dieser Zeit an. Abu Zaid sagt dazu: „Er wurde gesprochen, verkündet, niedergeschrieben in einer bestimmten historischen Situation, vor dem gedanklichen Hintergrund und in der Sprache jener Zeit. Sprache ist nichts Göttliches. Sprache ist ein menschliches Produkt, und jede Sprache trägt in sich die Kultur der jeweiligen Gesellschaft, ihre Begriffe, Konzeptionen und ihre Werte. Erst ein Verstehen auf der Basis umfassenden historischen und philologischen Wissens setzt uns in den Stand, den koranischen Text richtig zu interpretieren, somit den überhistorischen Kern seiner Botschaft zu erfassen und dann zu entscheiden, was er für uns Gläubige heute bedeutet.“

   Machen wir uns also etwas mehr vertraut mit der damaligen Geschichte.

   Wir müssen immer den Islam als Religion als das Ergebnis des Interpretierens und des Handelns realer Menschen betrachten. Die Menschen unterschiedlicher, früherer Zeiten und unterschiedlichster Kulturräume haben das vor uns getan und kamen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen.

    In den eroberten Ländern trafen die muslimischen Araber auf andere Religionen und deren Vertreter, neben Christen, Juden, mit denen sie oft zusammenlebten, auf Zoroastrier und allen möglichen Sekten und Strömungen.   Sie lernten von ihnen und transformierten und nahmen diese Ergebnisse für sich auf, z.B. deren Ökonomie und Verwaltung und auch sicherlich Elemente ihres Glaubens. Denn diese Menschen wurden teilweise Muslime und nahmen so ihre Kultur mit in die für sie neue Religion.

    Die Eroberer zerstörten also kaum die Kultur der besetzten Länder, sonst hätten wir heute wohl nicht die Pyramiden bewundern können oder die alten Buddha-Statuen im afghanischen Bamyan, die erst 2001 von den Taliban zerstört wurden. Sie haben also etliche vorgefundenen kulturellen Werte und religiösen Vorstellungen und Ideen in ihre eigene Kultur aufgenommen und weiterentwickelt. Sie sind in die verschiedenen Traditionen der islamischen Kultur verankert. Und nur mit diesen Menschen konnten sie das entstehende riesige Reich verwalten. Sie blieben ja in der Minderzahl in den besetzten Ländern. Wenn sie alles zerstört hätten, würden sie sich als Feinde gegenübergestanden haben, aber so konnte sich ziemlich schnell ein islamischer Staat entwickeln. Und erst die jeweiligen lokalen Kulturen in den verschiedenen Gebieten, in denen der Islam sich ausformen konnte, haben erst ihn zu dem werden lassen, als den er uns heute begegnet. Das bedeutet, der Islam ist ein Menschenwerk, das, was die Menschen aus ihm gemacht haben und an dessen Geschichte man die Muslime messen muss.

    Aber man darf nicht ihre transzendente Seite vergessen. Gott hat sich von Anfang an durch ausgewählte Personen, den Propheten mitgeteilt und sich in menschlicher Sprache geäußert. Dabei wurden zu unterschiedlichen Zeitabschnitten und den verschiedensten theologischen Strömungen und Schulen unterschiedlichste Dinge, Gegebenheiten hervorgehoben und nach ihrem Wissensstand ausgelegt. Immer wieder wurde so der Islam verändert, wurden unterschiedliche Auslegungen entwickelt, Traditionen neu begründet, unterschiedliche Praktiken befolgt. Neue Strömungen entstanden wie die Theologie, Logik, Philosophie, die Mystik, der Rationalismus und viele andere Strömungen. Es entstanden die Theorien der Mu’taziliten die den Koran als erschaffen ansahen und ihre Gegenspieler unter Ahmad ibn Hanbal, die den Koran als unerschaffen betrachteten.

   Fazit: Der Islam war stets dynamisch, den Situationen und Zeiten angepasst, niemals starr, wie es heute manchmal so aussieht.

     Es gab und gibt soziale Gruppen, die dämonisiert wurden bzw. werden, diskreditiert, so wie unsere Moschee oder andere liberale Personen heute, in Kommunikationssituationen gedrängt, in denen sie sich oft nur wortreich verteidigen und rechtfertigen können. Abu Zaid schreibt dazu: „Es gibt bestimmte Verse im Koran und bestimmte Regeln im islamischen Recht, die im Widerspruch zu modernen Überzeugungen stehen. Aber es gibt eine Erklärung für diese Stellen. Und erklären ist etwas anderes als sich rechtfertigen zu müssen. Dieser Unterschied ist entscheidend im politischen Diskurs.“ Und mit diesen Gedanken steht Abu Zaid nicht allein. Wir in unserer Moschee lassen uns nicht vorschreiben, wie wir den unseren Islam leben und gestalten und was wir zu sagen haben.

    Weiter meint Abu Zaid: „In einem Text des Korans findet man vielfältige Bedeutungen. Das Spiel der Sprache erlaubt Offenheit, was zunächst einmal nichts Negatives, sondern vielmehr eine Chance bedeutet. Wenn man sich allerdings auf den Versuch einer Rechtfertigung einlässt, verhält man sich wie ein spitzfindiger Rechtsanwalt, der einen Gesetzestext mit einer vorgegebenen Absicht studiert. Man schiebt den Text hin und her und versucht, das Passende zu finden.“ Diese Passage konnte ich euch einfach nicht vorenthalten, denn ich fand sie wirklich passend für heutige Diskussionen.     

    So versuche ich es ebenfalls. Nicht in die Ecke drängen lassen, sondern nachdenken, andere Erkenntnisse von Wissenden zu Rate nehmen, nicht nachlassen, nach neuem Wissen zu suchen. So hat sich mein Verständnis des Islam gebildet. Unter bestimmten Bedingungen, Gegebenheiten und mit der Zeit hat es sich auch verändert. Man darf sich nicht verschließen, man muss stets offen sein für neue Interpretationen, denn sonst bleibt man nur in ein neues Dogma hängen, eine Festlegung eines bestimmten Islam.

    Gehen wir zurück in das Arabien vor dem Beginn des Islam. Ich hatte schon erläutert, dass wir nicht nur die islamische Religion als historisches Phänomen verstehen sollen, sondern auch den Koran selbst in seinen zeitlich historischen Hintergrund einbetten und alle seine Verse vor diesem Hintergrund für ein korrektes Verständnis lesen müssen, um vom Wortlaut des historischen Textes auf den Kern der nach wie vor gültigen Botschaft zu schließen.

   Stellen wir uns das damalige Arabien vor, im Norden begrenzt von zwei Großreichen, dem Oströmischen Imperium mit Syrien, Palästina und Ägypten und dem Persischen Reich der Sassaniden. Durch Arabien verliefen zwei weltweite Handelswege, die auch etliche wirtschaftliche Zentren wie Mekka reich machten. Aber auch die große Schar der Pilger, die die alte Kaaba als religiöses Zentrum von Arabien aufsuchten, trug zum Wohlstand der Stadt bei. Beide nördliche Reiche und auch räuberische Araber schauten begehrlich nach diesen Reichtümern.

    Einige arabische Stämme waren zum Judentum oder Christentum konvertiert, die Masse aber waren Polytheisten, die zu bestimmten Zeiten zur Kaaba pilgerten. Die Pilgerreise, der Hadsch, war also schon früher eine religiöse Angelegenheit, nicht erst in der islamischen Zeit. Er war schon lange vorher eine Kombination von ökonomischer und religiöser Angelegenheit.  Reichtum machte begehrlich, ständig gab es Spannungen zwischen ganzen Stämmen. Arabien war ja kein festes Reich. Es gab kein staatliches Gebilde. Die Menschen wurden durch Blutsverwandtschaft in Stämmen und Clans gebunden und zusammengehalten. Schutz und Sicherheit gab es also nur durch die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Ich glaube, die größte Bestrafung war wohl, aus einem Stamm ausgeschlossen zu werden. Man wurde dadurch vogelfrei.

     Und eins wird heute kaum benannt: Es war eine Sklavenhaltergesellschaft. Leider verbot auch später der Koran nicht das Halten und Missbrauchen von Sklaven, sondern nur eine Duldung wurde ausgesprochen.

     Ständig feindeten sich die Stämme an und es gab immer wieder Kämpfe unter ihnen. So hatte man 3 Friedensmonate festgelegt, in denen es verboten war zu kämpfen. Diese 3 Friedens-Monate, Radschab, Schaban, Ramadan, wie schon der Hadsch waren also vorislamische Institutionen.

    Das zu wissen ist wichtig bei dem Verstehen des Islam: Wir müssen uns den Islam als Antwort, als Gottes Antwort, auf eine von gesellschaftlichen Problemen motivierte Suche vorstellen, als eine realistische Lösung und Ergebnis für bestimmte historische und politische Probleme. Ich denke, das ist auch der Grund, warum Gott genau zu dieser Zeit und diesem Ort einen Propheten, nämlich Muhammad, sandte.

     Das Interessante ist nun, dass der Koran selbst Hinweise auf damalige Geschehnisse aus der vorislamischen Zeit gibt. Die Sure al- Fil, Nr.105 stellt fest: „1. Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den Leuten des Elefanten gehandelt hat? 2. Hat Er nicht ihre List ins Leere gehen lassen 3. und Vögel in Schwärmen über sie gesandt, 4. Die sie mit Steinen aus übereinander geschichtetem Ton bewarfen, 5. Und sie somit gleich abgefressenen Halmen gemacht?“

    Der Anlass ist auch eine außerkoranisch belegte Tatsache: Die Polytheisten haben ihre Stadt ihrem Herrn, ihrem Gott Allah zum Beschützen überlassen und sich versteckt. Im Jahr 570 zog ein abessinisches Heer mit Elefanten unter dem Christen Abraha nach Mekka, um das Heiligtum zu zerstören, in der Hoffnung, dass seine eigene Kathedrale in Sana’a zum Mittelpunkt der Pilgerroute werden würde.

    In der Sure kommt zum Ausdruck, dass die Bewohner von Mekka Gott für ihre Hilfe danken müssten, denn Er hat die Stadt für sie gerettet.

   Wenn Gott nicht eingegriffen hätte, dann würde Mekka vielleicht christlich geworden und der Islam würde erst gar nicht als Religion entstehen!

     Wir können uns den Koran als eine spezifische Art einer Sammlung von Erzählungen vorstellen, die historische Hinweise auf Geschehnisse und Gottes Einwirkungen darauf aufzeigen. So erzählt auch die frühmekkanische Sure Ar-Rum – die Byzantiner, Nr. 30: 2-5 von einem Geschehen, dass erst später geschehen sollte. Die Byzantiner, die meist Zoroastrier waren, werden besiegt werden, aber später nach ihrer Niederlage selbst siegen. Sie würden sich also freuen, dass die Christen über Ungläubige, ich ziehe vor, das Wort ‚Andersgläubige‘ zu gebrauchen, gesiegt hatten. Das zeigt eigentlich, wie stark in der Frühzeit, bei den ersten Muslimen noch das Verständnis, gemeinsam mit den Juden und Christen zu den „Völkern der Schrift“ zu gehören, anders als man heute denkt. In einer der nächsten Predigten werde ich noch darauf zurückkommen.

    Wie ich schon gesagt habe, auf der ganzen arabischen Halbinsel gab es christliche und jüdische Stämme und man kann davon ausgehen, dass viele biblische Texte allgemein den polytheistischen und nun auch den neuen Muslimen bekannt waren. Dementsprechend waren gewiss auch historische Ereignisse aus dem Alten Testaments bekannt. Zumal war seine erste Frau Chadidscha mit einem Christen namens Waraqa ibn Naufal verwandt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Muhammad bei ihm das nötige Wissen geholt haben könnte, um sich der Zuverlässigkeit seiner Visionen zu vergewissern und nachzufragen. Er war ja auch derjenige, der Muhammad als den von Gott Auserwählten erkannte und ihn darin bestärkte.

     Wir müssen uns den Koran als Antwort auf eine von gesellschaftlichen Problemen motivierte Suche vorstellen. Der Koran ist Gottes Antwort an die Menschen jeglicher Zeit. Er hat sich an die Polytheisten und ihren Lebensumständen und Situationen gerichtet, an die ersten Muslime, indem er ihnen neue Richtlinien für ihr Zusammenleben gab und an die heutigen Muslime, indem der Koran sie auffordert, über ihn nachzudenken und danach zu handeln. Der sich entwickelnde Islam brachte somit eine vollkommen neue gesellschaftliche Ordnung auf der Grundlage einer religiösen Schrift, des Korans.

    Der Koran bleibt in jeder Zeit gemäß seiner Gesellschaftssituationen immer aktuell.

Noch zum Schluss ein letztes Zitat von Nasr Hamid Abu Zaid: „Warum hat uns Gott ein Hirn gegeben, wenn wir es nicht benutzen.“

Manaar

Unsere Stimme, unser Handeln

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Unsere Stimme, unser Handeln

Meine heutige Khutba handelt von userer Stimme.

Beginnen möchte ich mit einem Rätsel. Wer sie kennt, der weiß, dass sie unbedingt Beine haben wollte. So ging sie zur Meereshexe und ließ sich von ihr einen Trunk geben, der ihren Fischschwanz in Beine verwandeln würde. Dafür musste sie ihre wunderschöne Stimme an die Meereshexe abgeben. Sie wollte Beine, um ihrem geliebten Prinzen nahe zu sein, ein Mensch zu sein, wie er.

Es ist die kleine Meerjungfrau, aus dem Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans-Christian Andersen.

Die kleine Meerjungfrau hatte einen wunderschönen Prinzen gerettet, dessen Schiff im Sturm dem Untergang geweiht war. Der Prinz, im Meer treibend, wäre ertrunken, wenn sie ihn nicht an den nahen Strand gezogen und in den warmen Sand gelegt hätte. Dort hatte sie ihm mit ihrer wunderschönen Stimme ein Lied gesungen, um dann im Meer zu verschwinden. Doch der Anblick dieses Menschen ließ sie nicht mehr los. Daher also ging sie zur Meerhexe.

Der Handel der kleinen Meerjungfrau mit der Hexe war kein guter. Nachdem der Tausch von Stimme gegen Beine stattgefunden hatte, sollte sich die Meerjungfrau zu den Menschen begeben, um dort den Prinzen aufzusuchen. Wenn der Prinz sich nun in die kleine Meerjungfrau verlieben würde, wäre alles gut. Verliebte er sich jedoch nicht, so hätte sie nach drei Tagen alles verloren. Sie würde zu Meeresschaum werden.

Dass Ganze musste ihr ohne Stimme gelingen. Allein durch ihre Schönheit und ihre Liebe zu ihm sollte er in ihren Bann verfallen. „Halt!!!“ will ich schreien. Nicht die Stimme!“

Die Geschichte bietet sich an, die homoerotischen Neigungen Andersens zu betrachten und zu würdigen, denn sie führten zu dieser Dichtung über Sehnsucht und unerfüllte Liebe. Doch heute möchte ich über etwas anderes sprechen, was ich auch in dieser Geschichte lese.

Was die kleine Meerjungfrau nämlich abgab, um die Akzeptanz der menschlichen Welt zu erlangen, und für immer unter den Menschen leben zu können, war ein elementares Merkmal ihrer Selbst. Die Stimme abzugeben hieß gleichermaßen, ihr Inneres einzuschließen und sich auf ihr äußeres Erscheinungsbild zu reduzieren. Sie war nun unfähig, ihr Inneres nach außen zu tragen oder im Gespräch auf den anderen einzugehen. Wenn sie auch die Kunst der Augensprache perfekt beherrscht haben mochte, das freundliche, liebevolle Anschauen, das lustige Zwinkern vielleicht, oder den interessierten Blick, darüber hinaus vielleicht auch die ganze Körpersprache, so konnte sie doch dem anderen kein Gesprächspartner sein. Und damit gelang es ihr in den drei Tagen auch nicht, ihren Geliebten von ihrer Liebe zu überzeugen und seine Gegenliebe zu bewirken. Der Prinz wählte diejenige Frau zu seiner Gemahlin, die mit ihm sprach; und das war eine andere.

Bewegt, berührt, wurde er durch das gesprochene Wort. Die Auseinandersetzung, das Wissen intelligenten Zuhörens, das sich manifestiert in gezielten Nachfragen, Stellungnahmen und Meinungsäußerungen waren wertvoller für ihn als das hübsche Aussehen seiner Frau. So starb die kleine Meerjungfrau nach drei Tagen an ihrer unerfüllten Liebe, denn, so scheint es mir, niemand gibt ungestraft seine Stimme ab.

Auch in einem anderen Märchen geht es um die Stimme. Shehrazade rettete gar ihr Leben, weil sie dem Prinzen mit ihrer Stimme Geschichten erzählt. Diese beschenkten den Zuhörer mit sinnhaft empfundenen Momenten der Zweisamkeit. Sinnhaftigkeit ergibt sich, wenn man sich als Mensch wahrgenommen und wertgeschätzt fühlt. Wenn jemand die Zeit aufwendet, mit uns zu sein, und uns Geschichten erzählt, in denen wir uns wieder finden, oder die uns erfreuen. Die Mischung aus menschlicher Nähe und dem gesprochenen Wort genießen wir vielleicht deshalb so, weil Körper, Seele und Geist, also unser ganzes Ich, gleichermaßen angesprochen werden.

Wer seine Stimme freiwillig abgibt, scheint mir ein Narr, eine Närrin zu sein. Uns obliegt doch quasi ihre Nutzung, wann immer wir gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wollen. Wer Gesellschaft gestalten will, muss reden, muss seine Stimme hörbar werden lassen.

Gestern gab es auch in Berlin Kundgebungen wegen der faschistisch motivierten Morde in Hanau. Hier waren unsere Stimmen wichtig- sich auszudrücken und „dagegen“ zu sprechen. Gegen die Nazis, gegen die Gewalt, gegen Rassismus und Diskriminierungen aller Art.

Doch während wir geflissentlich unsere Trauer kundgeben, waren es schon wieder nur Wörter. Unerwartet bemerkte ich, dass in meiner Interpretation der kleinen Meerjungfrau ein Fehler steckte. Nein, keiner sollte seine oder ihre Stimme freiwillig abgeben. Schon gar nicht Frauen, für deren Hörbarmachung jahrhundertelang gekämpft wurde. Doch zugleich suggeriert das Sprechen, das Sagen von etwas, dass man damit, also mit dem Sagen, etwas getan hat. Doch wenn man beispielsweise sagt, Nazis sind schrecklich, man müsse nun wirklich dringend etwas dagegen tun, fühlt es sich zwar so an, als hätte man schon etwas getan. Hat man aber nicht. Man hat einfach nur etwas gesagt. Ohne Frage, eine Sprachhandlung hat eine Wirkung. Aber bleibt sie die einzige Handlung, so nutzt sie wenig.

Der Koran wurde uns durch die Stimme des Propheten Mohameds offenbart. Es war sicherlich eine schöne Stimme, sehr weich und freundlich. Denn es ist überliefert, dass die Menschen bei seiner Rezitation des Korans zu weinen begannen und den Islam annahmen. Ein erheblicher Anteil der Muslime hat aber noch eine weitere Quelle der Handlungsanleitung. Die Sunna – also das Verhalten des Propheten Mohameds. Sein Verhalten ist das notwendige Korrektiv zur Auslegung von Koranversen, die gegen die Menschlichkeit zu sprechen scheinen. Mohamed war ein Freud der Menschen, ein Meister der Diplomatie, ein liebender Ehemann, ein demütiger, sein Gebet verrichtender und ständig mit anderen teilender Mensch der Vergebung und Gnade. Das Wissen, was wir über seine Handlungen haben, relativiert die manchmal harschen Verse des Koran gegenüber so genannten Ungläubigen, oder denen, die Gott etwas zur Seite stellen. Nicht nur durch seine Worte ist er unser Bruder, sondern vor allem durch seine Handlungen, die unseren eigenen trotz des großen Zeitunterschieds ganz ähnlich sind.

Die Sprache allein reicht nicht aus, um Gutes zu tun. Es erfordert Handlungen, und die können durchaus an vielen Stellen im Koran gelesen werden, wenn man sich Mühe gibt. Man muss das nicht tun, aber ich schlage vor, die Herausforderung dieser kleinen Aufgabe anzunehmen und zu probieren, möglichst viele Dinge, also Gefühle, Bedürfnisse, Freuden und anderes, nicht durch Worte auszudrücken, sondern durch den Körper mit seiner Gestik und Mimik.

Man muss recht kreativ sein, um sich so verständlich zu machen, doch wird der Effekt mit sicherheit zu spüren sein und uns auch wieder positiv berühren.

Viele Wünsche werden aber auch nicht erfüllt werden, weil sie keiner bemerkt.

Aber in der Liebe wird es zärtlicher zugehen, romantischer auch, und man wird vieles sehr oft zeigen müssen, bevor man das Gefühl hat, wirklich verstanden zu werden. Die kleine Meerjungfrau hätte es fast geschafft. Doch sie hatte wirklich wenig Zeit, und außerdem ist es ja nur eine Geschichte. Ihr habt viel mehr Zeit, jemanden von eurer Zuneigung zu überzeugen oder von anderen Gefühlen.

Vor einigen Wochen hatte ich so eine non-verbale Kommunikation der angenehmen Art. Während ich am Tisch im Rosettensaal saß, begann Lea plötzlich, meine Schultern zu massieren. Es war weder Valentinstag noch Weihnachten, es war nicht mein Geburtstag und nicht Ramadan. Doch Lea massierte ein bisschen und ich genoss den Moment unsagbar. Es war wunderschön und ich fühlte mich sehr wohl. Nicht lange danach gab ich die Massage an den nächsten Menschen weiter, dem ich meine Wertschätzung mitteilen wollte.

Wer ohne Worte (und ohne Geschenke) sagen möchte: „Ich liebe dich“, muss kreativ werden. Wer sagen möchte, dass er oder sie mehr Zeit mit jemandem verbringen möchte, muss lange überlegen, wie er das vermittelt. Wer mal mit jemandem zusammen essen möchte, muss es selber kochen und anbieten. Ich denke, es kann viel Gutes dabei herauskommen, auf seine Stimme zu verzichten und sich auf das Handeln zu konzentrieren. Mit ziemlicher Sicherheit wird der zwischenmenschliche Austausch etwas missverständlicher, aber zugleich spannender und von Zuwendung geprägt.

Auf diese Weise wird vielleicht etwas Schönes, was wir immer wieder tun, zur Sunna für andere.

Unsere Religion basiert auf einer Stimme. Auf einer Stimme, die uns eine Offenbarung in menschlicher Sprache mitgeteilt hat, gefasst in ein Buch, damit wir seine Geschichten immer wieder lesen können, auch wenn die Stimme der Offenbarung längst verstummt ist.

Doch mit welcher Stimme lesen wir dieses Buch? Die Imame der Gegenwart wählen, so scheint es mir, meist eine Stimme der Macht. Eine laute, eindringliche Stimme, die uns daran erinnern soll, dass Allah ein strafender Gott ist, dem nichts entgeht – nicht einmal die unausgeführte schlechte Absicht entgeht diesem Gott, der alles sieht und hört, was um uns und in uns ist. In diesen Stimmen der Imame liegt der Ausdruck göttlicher Kraft und Macht. Sie vermännlichen meinen Gott, der in meiner Fantasie gar keine Stimme hat, aber wenn ich Allah eine Stimme zuordnen sollte, so wäre sie keineswegs machtvoll und laut, sondern vielmehr weich und freundlich, gütig und annehmend.

Die Stimme und ihre Worte sind ein Wesensmerkmal des Menschen. Uns obliegt es geradezu, unsere Stimme zu nutzen, denn sie ist Äußerung unserer Verantwortung. Dazu gehört meiner Meinung nach auch, sich selbst zu schaffen.

Man kann das durchaus auch geplant versuchen. Also planen, wie man sein möchte, und gezielt darauf hin zu arbeiten. Dazu können wir Fragen für uns beantworten.

Die Leitfrage lautet: Welcher Mensch möchte ich sein?

  1. Was können Sie dazu tun, dieser Mensch zu werden?
  2. Welche Kämpfe haben Sie bereits durchgefochten, um dieser Mensch zu werden?
  3. Welche inneren „Dämonen“ mussten Sie bekämpfen? Welche stehen Ihnen noch bevor?
  4. Was möchten Sie selbst an sich verändern?
  5. Welche Träume haben Sie sich selbst nicht gegönnt oder nicht entwickelt?
  6. Wie soll Ihr Leben in fünf Jahren aussehen?
  7. Was ist die Geschichte des Menschen, der Sie werden möchten?
Haiiimam

Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

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Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

Haiiimam
Haiiimam

    Koran ist voll von dem, was das Leben an sich angeht und das in vielfacher Form. Er spricht alle Lebensumstände der Pflanzen- und Tierwelt an, alle Begleitformen, alles, was erst das Leben auf Erden ermöglicht.

    Wir erfahren vom Werden und Vergehen alles Lebens und selbst vom Verändern der Erde. Gott weist an vielen Stellen im Koran daraufhin. Ja, Gott beschäftigt sich auch intensiv mit dem Menschen und zeigt ihm, wie er sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen hat. Alle Gebiete der Wissenschaften legt er ihnen dar, damit sie sie erforschen können. Und Er lässt unter anderem anklingen, was erst heute so nach und nach begriffen wird, wie z.B. die Expansion des Universums.

   Der Koran ist zu den Menschen gesandt worden und nicht nur der Koran, sondern das Alte Testament und viele andere Schriften, von denen wir kaum oder gar nichts wissen, weil die Verschriftlichung noch gar nicht so alt ist. Die frühesten schriftlichen Mitteilungen über Gott oder das, was als religiös eingestuft werden kann, stammen aus den sumerischen Gebieten, aus dem alten Ägypten oder aus dem indischen Raum.

   Aber Gott war nicht erst in dieser Zeit für die Menschen da. Funde von kleinen Skulpturen oder Höhlenmalereien aus der Steinzeit deuten auf eine frühe spirituelle Gedankenwelt mit Jenseitsvorstellungen hin, die durch kultische Rituale oder durch besonders veranlagte Menschen charakterisiert sind.  Die damaligen Menschen beobachteten sicher ihre Umwelt, ordneten vielleicht alles was sie sahen in ‚bekannt und nicht gefährlich‘ oder ‚unbekannt, nicht begreifbar, darum gefährlich‘ ein.

     Der Mensch merkt schon früh, dass er nicht alles erklären kann. Vor diesen Blitzen und Donner muss man sich in Acht nehmen, sie sind unerklärlich und deshalb muss man sich gutstellen mit ihnen.

      Und noch etwas muss ihnen aufgefallen sein, nämlich das sterbliche Sein. Wie sind sie damit umgegangen? Vielleicht verglichen sie die absterbenden Pflanzen und ihr Wiedererwachen mit ihrem eigenen Tod und dachten, dass sie irgendwo wiedererwachen, neu geboren werden. Aus dem Grund haben vielleicht die Neandertaler ihre Toten in Gräber gelegt und so in gewisser Weise das Jenseits entdeckt. Sie begannen Dinge, die sie nicht verstehen konnten, begreiflich zu machen durch Höhlenmalereien und Schnitzereien. Durch einfache rituelle Handlungen sollte etwas Überirdisches, nicht Erklärbares, nicht Sichtbares freundlich gesinnt gemacht werden. Sie bedankten sich in einer bestimmten Form, die wir heute nur erahnen können.

    Das Feuer konnte vernichten, aber es spendete auch Wärme und Sicherheit vor wilden Tieren. Und es gab ihnen in der Dunkelheit Licht. Es war für sie allmächtig. Also begannen sie es zu verehren, wie genau, das wissen wir nicht.

     Die ersten Allmächtigen oder Gottheiten waren wahrscheinlich natürliche Dinge wie die Sonne, der Mond, Wind, die Natur. Solche Dinge, Gegenstände oder Erscheinungen erachtete man als heilig. Es war kein großer Sprung, z. B. die Erneuerung der Natur, das Wachsen von Früchten einer nicht sichtbaren Person, einem Gott zuzuordnen oder einer Göttin, da manches eine Ähnlichkeit mit einer Geburt eines neuen Erdenbürgers hat.

     Aber auch wenn sie kaum etwas verstanden haben, Gott ließ sie nicht allein. Von Anfang an war Er ihr Begleiter, auch wenn sie noch nichts von ihm wussten. Im Vers 36 der Sure 16 klingt es an: „In jedem Volk erweckten Wir einen Gesandten…“Er war wahrscheinlich ein spirituell empfindsamer Mensch, der seine Gruppe anführte.

     Es entstand also die Rolle eines Vermittlers, der zwischen den Menschen und dem Angebeteten vermittelte, und der erste Vermittler war Adam selbst.

       Die früheren Menschen entwickelten verschiedene Rituale, um Gott in seinen spezifischen Eigenschaften anzubeten, als Wettergott, als Fruchtbarkeitsgöttin und sicher noch in vielen anderen Funktionen. Diese uralten Riten dienten höchstwahrscheinlich dazu, das Angstmachende, Geheimnisvolle für sie zugänglich zu machen, um diese Angst vor diesem Unbekannten zu verringern. Mit der Zeit gab die immer gleichbleibende Durchführung diesen Menschen eine gewisse Sicherheit. Aber immer war es eine uns heute durch das Alte und Neue Testament und den Koran bekannte Eigenschaft des Einen Gottes. Und egal, wo und wie die Menschen um eine gute Ernte, um gutes Wetter, bei Krankheit um Gesundheit, um eine gute Reise usw.  baten. Immer war es Gott, Allah oder wie Er in anderen Muttersprachen heute heißt, zu dem sie sich gewendet haben. Beim Anbeten des Feuers war es an-Nur, Gottes Eigenschaft als Licht, Wärme, Schutz.

    Es begann wahrscheinlich die Zeit einer spirituellen Religiosität mit Jenseitsvorstellungen, erste Mythen entstanden, vielleicht auch schon eine erste gottähnliche Vorstellung eines Bewahrers oder Beschützers der Tiere und Menschen, erste Vorstellungen einer Beschützerin der Fruchtbarkeit, eines Bewahrers des Feuers. Kultische Rituale entstanden. Wenn wir sie aber heute näher betrachten, dann sind es immer Eigenschaften des Einen Gottes, des Erschaffers, des Schöpfers, des Bewahrers, die hier angebetet werden.

     Ihr fragt euch, warum ich das erzähle? Also meine Meinung: Die Juden, Christen und auch die Muslime betrachten Gott als ihren Gott. Alles, was vorher war, das war Vielgötterei in ihren Augen. Und das muss falsch sein. Nein, ich meine, dieses Denken ist falsch. Das Gottesbewusstsein musste sich, so wie der Mensch sich erst entwickeln musste, ebenfalls erst entfalten. Selbst heute ist das noch so, meiner Meinung nach.

     Von Anfang an, als die Menschen zu denken begannen und ihre Umwelt wahrnahmen, war Gott an ihrer Seite. Auch als sie das Feuer zu nutzen begannen, war Er in ihrer Nähe. Ich denke, vielleicht sahen sie im Feuer eine Gestalt, die sie in ihrer Sprache Gott nannten, um fortan ihn zu preisen und zu danken. Und als sie die ersten Körner selbst aussäten, betrachteten sie Gott als jemand, der für die Fruchtbarkeit verantwortlich war, den man gut stimmen muss, um gute Ernten zu bekommen. Fortan ehrten sie ihn mit besonderen Ritualen. Aber wenn ich so bedenke: Es ist doch nichts anderes, als wenn ich das Lichtspiel einer Kerze bewundere und dabei an Gottes Attribut, an Gott als An-Nur denke. Nur, dass ich heute viel mehr weiß. Was ist da der Unterschied? Doch nur dachten die einen mit Furcht an den Feuergott und ich an Gottes Licht mit seiner Wärme und Liebe.

    Die Menschen konnten Gott immer nur nach ihrem jeweiligen Wissensstand betrachten, sahen ihn vielleicht als einen Baum, eine Pflanze oder Tier in einem seiner Attribute verkörpert. Und sie stellten sich ein Leben nach ihrem Tod in Gottes Welt vor.

    Im Gilgamesch, vor rund 4000 Jahren auf Tontafeln in der ersten Schrift, der Keilschrift aufgeschrieben, ist Gott für die damaligen Menschen derjenige, der das viele Wasser brachte, um die Erde zu reinigen und einen Neubeginn der Menschheit zu ermöglichen.

    Die alten Ägypter unter Echnaton sahen Gott als alleinigen Gott in Verkörperung der Sonne, die alles Leben erst ermöglichte und tagtäglich neu geboren wurde. Sie verehrten ihn als das Licht und den Neubeginn des Lebens. Die Griechen und später die Römer und Germanen gaben ihm Namen, z. B. Gott des Donners und der Blitze, des Wassers, also unter anderem zuständig für Naturgewalten, als Schöpfer, Gestalter, Bewahrer, Allmächtiger, als Vergebender und Wiedererweckender. Sie alle hatten Gott ihr Leben anvertraut und verehrten ihn. Hat sich da viel zu heute verändert? Gott war also schon immer anwesend, aber immer im Stand des Begreifens. 

     Das Religiös-Rituelle nimmt mit der Zeit eine neue Stellung ein, Kultplätze und deren Hüter entstehen. Das Rituelle wird professionell, aber immer noch fest mit dem alltäglichen Leben verankert. Es ist Teil ihres Lebens.

     Beim Schöpfungsakt des Menschen gab Gott Adam Namen ein. In der Sure Al-Baqara Vers 31 bis 33 heißt es: „Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor den Engeln und sagte: ‚Nennt mir diese Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!‘ Sie sprachen: ‚Gepriesen bist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast, wahrlich, Du bist der Allwissende, der Allweise.‘ Und Er sprach: ‚O Adam, nenne ihnen ihre Namen!‘“ Für mich muss Gott Adam und damit der ganzen Menschheit ja nicht alle Namen mit einem Mal gegeben haben, sondern nach und nach, immer seinem Wissensstand entsprechend, wie z.B. die Namen des Getreides und seine Verarbeitung, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden. Und Gott gibt uns als Stellvertreter für Adam bis heute neue Namen bekannt.

       Der Freiburger Neurobiologe Robert-Benjamin Illing ist überzeugt: Im Prinzip benötigte der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte die Religion: „Er braucht etwas, weil er mit dem Transzendenten, dem Übersinnlichen konfrontiert ist, mit großen Fragen, die ganz real sind, die aber keine offensichtlichen Antworten finden, und da muss er jetzt aktiv werden und das ist Religion im weitesten Sinne.“

     Wir unterscheiden zwischen Religiosität und Religionen. Das erste bezieht sich auf das subjektive Empfinden, eine tiefe Ehrfurcht vor einer Ordnung. Im Laufe der Entwicklung des Menschen erlangt er die Fähigkeit, sich der Vorstellung von einer Wirklichkeit im Jenseits bzw. des Transzendenten zuwenden zu können.  

     Wikipedia sagt zum Begriff Religion: Religion ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen, die Wertvorstellungen normativ beeinflussen und deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente Kräfte und damit verbundene heilige Objekte ist.

    Und deshalb denke ich, egal, was die Menschen unterschiedlicher Religionen heute anbeten, es ist immer ein Teil von Gott, eine seiner Eigenschaften. Wir Muslime kennen nur 99 Namen Seiner Eigenschaften. Aber vielleicht sind es viel mehr, die sich in anderen Religionen wiederfinden? Gott betont ja, dass er der Alleinige Gott ist. Neben Ihm gibt es keinen, nichts. Wie können da noch andere existieren? Ich denke, Gott ist für alle Menschen da, egal, wie die Religion heißt, zu der sie sich hin fühlen. Die Menschen nach Adam haben viele Wege beschritten, viele Bräuche und Rituale angenommen und Religionen daraus geformt. Aber eines Tages werden wir wieder zusammengeführt. So steht es im Koran. In Sure Al-Anbiya (Die Propheten), Vers 93 heißt es: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit. Sie alle aber werden einst zu Uns zurückkehren.“ Oder in Sure Al-Hudschurat (Die inneren Gemächer), Vers 49 steht. „O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ Gott spricht ganz allgemein von Menschen. Er allein hat sie alle erschaffen.

       Aus dem Koran wissen wir, dass Abraham die Einzigartigkeit Gottes als Erster erkennt. Es war einfach die Zeit gekommen, in der die Menschen Gott als Einzigkeit, als der Eine mit all seinen Eigenschaften erkennen sollten.

     Erstmals sah Moses Gott als einen brennenden Dornbusch, als ‚Feuer, das brennt, aber nicht verbrennt‘ und Gott offenbarte ihm seinen Namen JHWH. Gott sprach zu Moses: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“

    Später kam die christliche und unsere Religion dazu. Wir nennen ihn ‚Gott‘ und ‚Allah‘. Und Er gab uns Bücher, um Ihn besser zu verstehen und als Richtschnur für unser Handeln.

      ‚Ishvara‘, eine Kombination der Sanskrit-Wörter ish und vara, bedeutet im Deutschen etwa: „Herr mit den besten Eigenschaften“ und  ist im Hinduismus eine Bezeichnung für den jeweils höchsten, persönlichen Gott, unabhängig von einer bestimmten Glaubensrichtung. Der Hinduismus beruht auf der Vorstellung der permanenten Wiedergeburt sowie dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Spätere indische Philosophen, Denker und Heilige verstehen unter ‚Ishvara‘ einen ewigen, einzigartigen, allmächtigen und allwissenden Herrn der Welt. Sie gehen davon aus, dass er die Welt erschaffen und zweckmäßig geordnet habe, sie ebenso erhält wie auch zerstört, dass er die natürlichen und sittlichen Gesetze der Welt ins Dasein gerufen und durch Offenbarungen verkündet habe. – Kommt uns das nicht bekannt vor? Gott ist eins, auch wenn er von Menschen in verschiedenen Religionen und verschiedenen Gestalten angesprochen wird.

    Gott lebt in einer anderen Dimension, bei Ihm spielt Zeit und Ort keine Rolle und ist für Menschen unerklärbar. Da der Mensch aber einzigartig ist, kann das nur aufgrund Gottes Wirken hinzielen. Er erhob ihn auf dem Tierreich empor, gab ihm immer wieder einen Stoß zur Weiterentwicklung und ein freies Denken.

      Ein Gedanke drängt sich auf: So wie sich die Menschen den Lebensbedingungen ihrer ganz unterschiedlichen Umgebung angepasst und unterschiedliche Kulturen hervorgebracht haben, so hat sich das Bild von dem einen Gott ebenfalls sehr unterschiedlich herausgebildet und auch mit der Zeit gewandelt.  Aber egal wie ihre Offenbarungen des Glaubens erfolgte, sie beinhaltete sicher die gleichen oder zumindest ähnliche Grundsätze des Zusammenlebens, Grundsätze der Ethik und Moral. Jede Menschengruppe oder Gesellschaft hat ihre eigene Vorstellung von dem einen Schöpfer und Gestalter, so wie wir Muslime, Christen und Juden unsere Vorstellung von Gott haben. So wie wir Gott sehen oder an ihn denken, begreifen wir ihn als eine Einheit mitsamt allen Eigenschaften und auch in einer Einzeleigenschaft z. B. als Beschützer, als Barmherziger, als Licht für uns. Die frühen oder auch viele jetzige Völker beten Gott vielleicht nicht in seiner Gesamtheit an, sondern nur in einer seiner Eigenschaften.

    Die Menschheit kann nur von einem Gott geschaffen worden sein, sonst würde ein heilloses Durcheinander herrschen. Jede Menschengruppierung stellt sich Ihn in ihrer Gedankenwelt sehr differenziert, aber immer im Rahmen seiner verschiedenen Eigenschaften vor.  

        Mir ist es eigentlich egal, welchen Namen ich Gott gebe. Ich versuche einfach Gott für mich begreifbar und fassbar zu machen und damit sein Wirken auf mich und meine Umwelt zu ergründen und als seine Stellvertreterin auf unserer Erde zu wirken.

            Manaar

Mohamed Nohassi

Freiheit und Ehre

Freiheit und Ehre

 

Mohamed Nohassi
Mohamed Nohassi

Asalamu alaikum wa rahumatullah wa barakatuhu. Liebe Gemeinde, liebe Gäste, seid alle herzlich gegrüßt zum heutigen Freitagsgebet. Im Anschluss an die Khutba und das Gebet wird es einen Vortrag von Tamara geben, anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Hatun Sürücü, die einem so genannten Ehrenmord zum Opfer fiel, bzw. einem durch und durch unehrenhaften Komplott ihrer Familie. Tamara kannte Hatun, denn sie war eine Freundin ihrer Schwester.

Zunächst gibt es jedoch wie immer die Khutba und das Gebet.

Noch einmal, seid alle herzlich willkommen in der Ibn Rushd-Goethe Moschee. Unser Boden ist ein Teppich; doch zugleich ist er ein Acker, den es zu bearbeiten gilt. Der Nährboden auf dem wir hier sitzen, stehen, uns niederwerfen, birgt die Saat für Frieden und Liebe, Vergebung und Zuversicht.

Meine Khutba heißt nach einem Satz, den ich vor kurzem irgendwo hörte: Unsere Freiheit ist unsere Ehre

Sie beginnt recht persönlich, bleibt es aber nicht, und sie verweist an einer Stelle auf das Märchen vom Froschkönig, das ihr hoffentlich kennt.

Auch ich bin eine Frau. Und damit möchte ich beginnen. Mit meiner recht alltäglichen, weiblichen Erfahrung.

Über Jahre war ich in einer Beziehung gefangen. Tagein, Tagaus, später im Stunden- letztlich im Minutentakt spürte ich die überaus warme Liebe meines Partners abwechseln mit seinem ebenso überaus vollkommenen Rückzug aus der Beziehung. Er strafte mich mit Nichtachtung, um mich dann, wieder so zu lieben, wie kein anderer. Unsere emotionale Nähe war unbeschreiblich, und die Erfüllung im Beisammensein ließ mich die Welt vergessen.

Dann wieder der Rückzug, das Verlassen, ein auf eine psychische Störung hindeutendes Verhalten, das ich lange brauchte, einzuordnen und noch länger, hinter mir zu lassen. Jahre um Jahre dachte ich, das Problem läge allein bei mir. Mich darauszuwinden brauchte viele Anläufe.

Eines Tages hüllte sich mal wieder alles um mich herum in ein undurchdringliches Dunkel, und mein Körper schmerzte, ob der Schweigsamkeit. – Doch plötzlich änderte sich etwas. Kein Mensch der Welt, so kam es mir in den Sinn, habe das Recht, mir so etwas anzutun. Ich besann mich plötzlich mehr denn je zuvor auf meine Verantwortung für mich selbst und nahm den Mut zusammen, der von außen so lächerlich klein zu sein scheint, doch für mich war er riesig.

Bei einem nächtlichen Spaziergang unter dem klaren Sternenhimmel eines kalten Januartages, entschloss ich mich, den Frosch an die Wand zu werfen.

Ich wusste, dies würde eine von zwei Folgen haben. Entweder der Frosch starb (starb also gewissermaßen für mich), oder der Frosch würde erlöst, denn möglicherweise war ja ich diejenige, die ihn in seinem unwürdigen Zustand gehalten hatte!

Die Erlösung hätte ebenso zwei mögliche Folgen. Entweder würde er als erlöster Prinz fröhlich auf seinem Pferd von dannen reiten, hin zu seiner neu auserwählten Prinzessin, oder er würde mich zu seiner Prinzessin machen. Breitbeinig, die Füße fest im Boden verankert, stand ich unter dem Firmament der Rummelsburger Bucht, den Frosch in der Hand – und warf.

Natürlich nur in Gedanken; die Frösche hielten glücklicherweise Winterschlaf. Konkret bedeutete dies einen freiwilligen inneren Abschied von einem Menschen, den ich sehr, sehr liebte. Doch was auch geschehen würde, ich wollte nun damit zufrieden sein und sogar glücklich. Den Weg dahin übergab ich dem Schicksal.

In dieser Nacht träumte ich einen Traum. Nicht irgendeinen, sondern einen wie wir ihn vielleicht alle kennen. Einen Traum, der das tiefe Wissen unseres Unbewussten in Bilder übersetzt, die wir verstehen können. Ein Traum, der daraus entsteht, dass Allah, das Alles, in uns wohnt und Teil von uns ist und wir in Allah wohnen und Teil von Allah sind. Als Teile eines gemeinsamen Wesens als Teile des Alles, haben wir ein Wissen dieses Alles, das tief in uns zu Hause ist.

Im Traum stand ich vor meinem Vogelkäfig, dessen Türchen sich plötzlich ganz von alleine öffnete. Heraus flogen alle drei Wellensittiche. Die beiden gelb-grünen Weibchen und der dicke, blaue Hahn.

In ihrer neuen Freiheit flogen sie hoch durch das Wohnzimmer. Ich fühlte den Luftzug, verursacht durch das Schwirren ihrer Flügelchen. Und als ich meinen Finger wie ein Zweiglein hochhielt, landeten sie darauf und ich spürte im Traum ihre kleinen Krallen, wie sie sich an meinem Finger festhielten.

Der dicke blaue Hahn flog auch. Endlich kam auch er zu mir und setzte sich in meine geöffnete Hand. Doch war er nun nicht mehr der saubere Vogel, als der er ausgeflogen war. Vielmehr war er jetzt bis zur Unkenntlichkeit in Staub gehüllt. Genau genommen, bestand er nur noch aus Staub. Lange betrachtete ich das Staubwölkchen. Dann begann ich, es zu waschen und zu trocknen.

Doch welch eine Überraschung! Es war gar nicht mein dicker, blauer Sittich! Es war ein wunderschöner, schwarz glänzender, recht großer Vogel mit leuchtend blauen Flügeln, der ganz still da saß und sich betrachten ließ.

Damit ließ ich mir Zeit, wusste ich doch nicht, ob es möglicherweise doch der Sittich war, der sich beim Waschen verändert hatte, oder ob es ein gänzlich anderer Vogel war. Hatte ich meinen Sittich zuvor dermaßen verkannt? War ich dieser schwarze Vogel? War es mein Partner? Gar jemand anders? Oder einfach ein Symbol?

Beim Erwachen aus diesem Traum entfuhr mir ein Lachen. Ich fragte mich, welchen Vogel mir das Schicksal denn nun schicken würde und freute mich darauf. Doch genauso wichtig wie die Identität des Sittichs war in meinem Traum, dass dies alles nur deshalb geschehen konnte, weil sich der Käfig geöffnet hatte. Erst da konnte die Seele, versinnbildlicht in den Vögeln, frei fliegen und erst dann ihre verlorene Selbstbestimmung wieder erlangen. In ihrer Freiheit konnte die Seele ihre kleinen Schwingen ausbreiten und sich in die Lüfte heben. Die zuvor gefangene Seele, die nichts als trauern und lethargisch vor sich hinschauen konnte, schaute nun verantwortungsvoll in die Welt. Ihre Freiheit gereichte ihr zur Ehre.

Das herausragende Gefühl des Traumes war nicht Frohsinn, war nicht Errungenschaft, sondern war das Gefühl der Rechtmäßigkeit des freien Seins. Das Gefühl tief empfundenen Glücks, ob der Möglichkeit zu tun, wofür man geschaffen wurde. Zu fliegen, zu schwirren, zu landen, sich hier und da an der Sicherheit festzukrallen, um dann wieder abzuheben ins Ungewisse.

Die Freiheit, darauf kann man sich als Muslim und Muslimin getrost berufen, ist ein Geburtsrecht. Ohne diese menschliche Freiheit wäre das ganze Gerede von Himmel und Hölle, vom jüngsten Tag, von Lohn und Strafe, von hättest du und würdest du, hinfällig. Nur wer frei ist, Schlechtes zu tun, kann belohnt werden, wenn er es unterlässt. Nur wer frei ist, Gutes zu tun, kann dafür belohnt werden, dass er sich dafür entscheidet. Dieser Lohn liegt jedem einzelnen von uns für allein seine eigenen Taten bereit. Da kann niemand für einen anderen belohnt werden, niemand für einen anderen bestraft.

Auch geburtsrechtlich verankert ist des Menschen Würde. Selbst Gefangene erhalten eine Decke zum Schutz gegen die Kälte der Nacht. Wo die Würde verletzt wird, gibt es einen Aufschrei in den Herzen vieler Menschen, wenn der auch nicht immer gehört wird, wo Interessen Mächtiger die Würde Ohnmächtiger mit ihren Füßen treten. Zur Würde gehört vielerlei Verschiedenes, doch irgendwie Selbstverständliches, und dennoch muss man es immer wieder verteidigen, so zum Beispiel, dass man seine Notdurft angemessen verrichten darf. Dazu gehört so Banales wie, dass man beim Sprechen angeschaut wird, und auch die körperliche und damit auch sexuelle, Unversehrtheit gehört dazu. Die Würde und die Freiheit sind Geburtsrechte. Es ist ein liebender Gott, der seine Geschöpfe mit dem Recht auf Würde und Freiheit ausstattet.

Die Ehre hingegen ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das zwar in jeder Gesellschaft vorhanden ist, doch mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird. Bei den Einen ist jemand ehrenhaft, wenn er der Menschheit Gutes tut, bei den Anderen, wenn er seinen gesellschaftlichen Rang durch die Anhäufung von Besitz erhöht. Bei wieder anderen hat Ehre leider etwas mit Vaterland und Selbstvergötterung zu tun. Der Begriff der Ehre ist ganz anders als der der Freiheit und Würde. Viel komplizierter und sogar gefährlich. Hatun Sürücü. wuchs auf inerhalb zweier Begriffe von Ehre, die keine Schnittstelle haben außer dem Gefühl der Verletzbarkeit. Unser Ehrbegriff hat mit diesem ganz bestimmten, traditionellen, Begriff der Familienehre, den wir hier erinnern, keine Gemeinsamkeit.

Ich liebe andere Kulturen. Ich liebe es, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch gibt es Momente, da ist eine derartige Bewunderung des Anderen nicht angemessen. In dieser Tradition der Ehre werden Mädchen lebendig begraben – von ihren eigenen Vätern; erschossen mit ihren Liebhabern von ihren Brüdern; gefangen gehalten von ihren Schwestern unter der Komplizenschaft ihrer Mütter, die ihnen den letzten Schutz verweigern, doch selbst Gefangene sind. Nicht zu Zeiten des Propheten Mohameds, sondern heute, geschehen solche Furchtbarkeiten, die man sich nicht vorstellen mag.

In der Lunge eines Mädchens wurde Erde gefunden. Sie wurde bei lebendigem Leib begraben. Wer tut so etwas und nennt es ehrenhaft?

Die Positionierung der Ehre über der persönlichen Freiheit opfert Menschen auch wenn sie sie nicht körperlich tötet. Das glücklose Verharren in einer lieblosen Ehe ist auch ein Tod. Das Verweigern lebensfroher Erfahrungen verwandelt unsere Herzen in Steine. Das Verbot der Liebe und des Lachens ist ein kalter Kerker.

Deshalb achten wir aufeinander. Schauen einander an, hören einander zu und hören genau hin, ohne zu richten, denn wir sind nicht einander Richter. Und wenn wir messen, so messen wir mit demselben Maß; für uns und für andere.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Wir allein sind die Entscheidungsträger über uns selbst. Und besonders ehrenhaft sei der, der Almosen gibt, der betet und fastet, wie er kann, und der nicht über andere urteilt, sondern ihnen Liebe und Verständnis entgegenbringt. Dies ist dann besonders wertvoll, oder vielleicht vor Gott nur dann wertvoll, wenn es nicht aus Zwang geschieht, sondern freiwillig, und aus Liebe.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Unverstellt und ehrlich, der Welt glücklich entgegentretend, denn wer traurig ist, verbreitet Trauer, und wer glücklich ist, verbreitet Glück. Gefangenschaft verbreiten nur, die selbst gefangen sind; und wer frei ist, verbreitet Freiheit.

Und so wie die Flügel des schwarzen Vogels – Symbol seiner Freiheit- erst dann in ihrem leuchtenden Blau erstrahlen konnten, als sich der Käfig geöffnet hatte, so erstrahlen auch wir Menschen dann, wenn sich unsere Käfige öffnen und wir frei sind, zu tun, was wir ganz persönlich, für uns allein, für richtig, gut und verantwortbar halten.

Möge Allahs Segen uns allen Liebe, Glück und Freiheit schenken.

Sowieso wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Wo es immer wieder um Ehre geht, messen so genannte Familienoberhäupter doch fast immer mit zweierlei Maß. Doch diese Kritik verschwindet hinter der größeren: Niemals ist ein Mord zu rechtfertigen. Wer die Möglichkeit einer solchen Handlungsweise rechtfertigt, umgeht jedes Rechtssystem, jede gesellschaftliche Ordnung. Da werden zur Wahrung der Familienehre die ehrlosesten Handlungen begangen, die man sich vorstellen kann. Da wird die Freiheit, sein Leben selbst zu gestalten, mit dem Tod bestraft.

Doch lasst uns nicht irritieren. Die Freiheit ist ein Geburtsrecht.

Jordan Wozniak

Fajr und Asr

Fajr und Asr

 

Jordan Wozniak
Jordan Wozniak

Als ich das letzte Mal im Libanon war, um meine Familie zu besuchen, war es mal wieder so weit. Zwischen Einkauf und Abendessen saßen wir im Wohnzimmer in Beirut, plötzlich verschwand der Eine oder Andere, um dann zurückzukehren, den Teppich auf den Boden zu werfen und in Windeseile zu beten. Bevor er den Kopf unten hatte, war er schon wieder oben; stand, beugte sich, richtete sich auf, beugte sich erneut, wieder ging die Stirn zu Boden, und nun richtete sich der ganze Körper auf, um sich gleich danach wieder entlang der Wirbelsäule vor irgend etwas zu verbeugen… Die Schnelligkeit des Beugens und Streckens ist in Worten nicht wiederzugeben und glich mir eher einer sportlichen Übung als einer Meditation. Wie die Wörter des Gebets darin Platz finden, ist mir immer wieder ein Rätsel.

Wer mich kennt, weiß, ich bin die Gebetsschnecke. Zwischen dem Moment, an dem ich schon die Hände kurz vor dem Boden habe, und deren tatsächlicher Berührung des Gebetsteppichs vergehen gefühlt Minuten. Mich aufzurichten dauert seine Zeit, das Niederwerfen ebenso. Die Worte spreche ich langsam aus, jede Silbe bis zum Ende. Die Gebetsgeschwindigkeit ist jedoch kein Maß der Frömmigkeit – weder so, noch so.

Zwischen Bewunderung und Irritation erinnere ich mich daran, dass ich kein Recht habe zu urteilen. Immerhin beten sie öfter als ich und stehen auch nicht selten zum Morgengebet pünktlich auf. Im Gegensatz zu mir. Alf mara wa mara – tausendundeinmal – habe ich mir vorgenommen, zum Fajr-Gebet aufzustehen und es zu seiner angemessenen Zeit zu beten, nur, um mich dann in meinem Bett noch einmal umzudrehen und mir zu sagen, dass es schöner ist, nach dem Duschen zu beten, kurz bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit begebe, nach dem Kaffee – gleich. Doch dieses Gleich ist dann zu spät, die Arbeit ruft.

Diese Aufschieberei führte dazu, dass ich wochenlang stets kurz vor dem Verlassen meiner Wohnung, nach dem Anziehen meiner Schuhe feststellte, dass ich es schon wieder einmal vergessen hatte, das Gebet. Doch nun waren die Schuhe angezogen, und so ging ich verärgert über mich selbst jeden Morgen ohne zu beten aus dem Haus. Tag für Tag.

Eines Tages hatte ich von mir selbst genug. Die Schuhe waren angezogen und ich musste gehen, doch sollte mir dies alles nicht noch einmal passieren. Also ließ ich die Schuhe einfach an. Ich betete, ohne sie mir auszuziehen, aber immerhin frisch geduscht und mit Aufrichtigkeit im Herzen. Zu meiner Überraschung fühlte es sich vollkommen normal an.

Erst später las ich, dass auch der Prophet Mohamed manchmal die Schuhe beim Gebet angelassen hatte, sofern sie rituell rein waren, also auf saubere Füße gezogen. Er pflegte zum Zeichen der rituellen Reinheit mit Wasser über sie zu streichen. So ist es sicherlich besser als gar nicht zu beten.

Ein Gebet ist für mich wie der Besuch bei Allah. Er ähnelt dem Besuch bei einer uns lieben Person. Manchmal gehen wir nur dort vorbei, damit wir nicht vergessen werden. Wir schauen kurz in den Flur und ziehen die Schuhe nicht aus.

Manchmal, besuchen wir jemanden, um der Person Ehre zu erweisen. Manchmal bleiben wir lange und trinken mit ihr Tee, reden uns alles von der Seele, oder hören endlos zu, Stunden um Stunden. Und manchmal denken wir an die Person nur von weitem, ohne den Besuch überhaupt durchzuführen.

So ist auch das Gebet mal sehr nah und intensiv, mal nur ein kurzer Gruß. Jedenfalls wird sich Allah an uns und unsere Gebete erinnern. An den, der immer schnell vorbeikam und schnell wieder ging, aber Allah, nie vergaß. An den, der nicht oft kam, aber dafür lange blieb. An den, der fahrig im Gespräch stets an etwas anderes dachte, an den Lauten, den Leisen, den Frechen, den Zaghaften, den Mutigen, den Wütenden, den Schüchternen, den Weisen, den weniger Weisen. Über jeden wird sich Allah freuen, der seiner gedenkt. In welcher Form auch immer, ob in stillem und unsichtbaren Gedenken oder im sichtbaren rituellen Gebet.

Schon Ibrahim betete zu Gott. Doch zu welchem Gott sollte er beten?

Er hatte seinen Vater und seine Freunde dabei gesehen, wie sie selbstgefertigte Götzen aus Stein anbeteten. An diese Götter wollte oder konnte er nicht länger glauben. So suchte er den, den er anbeten wollte.

Und als Ibrahim zu seinem Vater Azar sagte: “Nimmst du Götzen zu Göttern? Ich sehe dich und dein Volk in einem offenbaren Irrtum”, da zeigten Wir Ibrahim das Reich der Himmel und der Erde, auf dass er zu den Starken im Glauben zählen möge.

Ibrahim machte sich nun seine eigenen Gedanken darum, wen er anbeten wolle. Als ihn nun die Nacht überschattete, da erblickte er einen Stern. Er sagte: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: “Ich liebe nicht die Untergehenden.”

Als er den Mond sah, wie er sein Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: Wenn mein Herr mich nicht rechtleitet, werde ich gewiß unter den Verirrten sein.” Auch der Mond taugte nicht als anzubetende Gottheit.

Als er die Sonne sah, wie sie ihr Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr, das ist noch größer.” Da sie aber unterging, sagte er: “O mein Volk, ich habe nichts mit dem zu tun, was ihr (Allah) zur Seite stellt. Seht, ich habe mein Angesicht in Aufrichtigkeit zu Dem gewandt, Der die Himmel und die Erde schuf, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern. (6:74-79)

Als sich jahrhunderte später der Prophet Mohamed zum Gebet niederbeugte und seine Stirn die Erde berührte, da erfand er also nichts Neues, doch er veränderte es. In der vorislamischen Zeit betete man in Mekka zweimal am Tag, am frühen Vormittag und am Abend.

Der Prophet betete stattdessen zu Fajr und zu Asr. Fajr ist der frühe Morgen, die Zeit des Sonnenaufgangs. Asr der Nachmittag. Es sind vielleicht die beiden Wendepunkte zwischen dem Tag und der Nacht.

Bleiben wir einen Moment bei Fajr, dem Sonnenaufgang. Fajr stellt den Augenblick dar, an dem die Nacht zum Tag wird. Es ist ein spirituell dichter Moment, den man daran erkennt, dass die Welt in vollkommener Stille liegt. In dieser Stille beginnen die ersten Vögel zu zwitschern. Man hört erst einen einzigen Vogel, den ersten Ton des Morgens, ganz allein – erst nach einer Weile den Ton eines zweiten, der ihm antwortet. Dann langsam, ganz langsam, immer mehr. Der Wechsel von der Nacht zum Tag ist vollzogen.

Im Ramadan ist Fajr ein wichtiger Moment, denn nun beginnt die Zeit des Fastens bis zur Nacht. Wenngleich es nicht genau mit den Berechnungen übereinstimmt, richte ich mich im Ramadan gerne nach dem frühen Morgenvogel und stelle meinen Kaffee erst dann zur Seite, wenn sein erster kleiner Ruf erklingt. Ungeachtet des Fehlers meiner Einstellung bestehe ich darauf, mich von der Natur leiten zu lassen, statt von der Technik eines Uhrwerks.

Den Morgen mit seinem Sonnenaufgang empfinde ich besonders im Sommer wie eine orientalische Stadt im Gebirge. Es ist ganz genau wie mit den Vögeln in der Frühe.

Man steigt durch die unbewohnten Berge und denkt, die nächste Stadt sei noch ewig weit entfernt. Dann ein Haus, vielleicht zwei, drei, vereinzelt, die sich geräuschlos an die steinernen Hänge schmiegen. Man geht noch zwei, drei Schritte bergauf, da plötzlich tritt man auf ein Plateau und ist mittendrin, auf der Hauptstraße eines Bergdorfes. Um einen herum bewegt sich das reiche Leben mit allen seinen Geräuschen, Gerüchen und Farben.

Eine Pilgerin in einem asiatischen Gebirge beschreibt es so:

Nicht der Sonnenaufgang bewegte mich so sehr, auch wenn er wunderschön war. Es waren jene Augenblicke zuvor, als die Welt so still war…. Große Vögel breiteten majestätisch und vollkommen geräuschlos ihre Schwingen aus.. Eine natürliche Stille lag über allem, als ob das Leben auf der Erde dem kommenden Tag einen schweigenden Tribut zollte. Jene stille Augenblicke vor Sonnenaufgang waren voller Verheißung auf die bald einsetzende Aktivität. Ich habe nie zuvor einen solch magischen Augenblick erlebt.

In diesem Augenblick der vollkommenen Stille beten wir Salat Al-Fajr, das Morgengebet.

Über diese Zeit, just bevor der erste Vogel singt, sagte der Prophet Mohamed, es sei, sozusagen, die Zeit der Schichtübergabe. Die Engel, die die Nacht bewachen, seien noch bei uns, und die Engel des Tages seien nun ebenfalls schon angekommen. Dies ist eine Möglichkeit, die spirituelle Dichte dieser Tageszeit zu beschreiben, die Magie, die man in der Wüste des siebten Jahrhunderts sicherlich stärker spürte als heute bei uns.

Mit der Änderung der Gebetszeit von Vormittags und Abends zu Früh und Nachmittags verändert sich meiner Meinung nach viel mehr als der Zeitpunkt. Es verändert sich vor allem der Fokus. Dieser liegt jetzt nicht mehr allein auf dem Dank für das Überstehen der Nacht und auf den Bitten für den Tag, sondern er liegt vielmehr auf dem spirituellen Kontakt mit Allah und dem Kosmos. Indem wir zu Fajr beten, treten wir in einen Kontakt mit Allah ein, den wir zu anderen Zeiten des Tages möglicherweise nicht mehr erreichen können. Wir reihen uns damit ein in die Magie der Welt des frühen Morgens und nehmen die Möglichkeit wahr, eins mit der Schöpfung zu sein. Geräuschlos verrichten wir unsere Bewegungen. Stille bedeutet ja nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen. Stille ist auch die Abwesenheit von Bewegung, ein Moment der Regungslosigkeit. Aus dieser Regungslosigkeit tritt das Morgengebet in besonderer Deutlichkeit hervor. Es wird anders wahrgenommen als ein Gebet in der Geschäftigkeit des späteren Tages. Dann, später also, vermischen sich die Bewegungen mit all den anderen Bewegungen um uns herum. Doch hier am Morgen stehen die Bewegungen allein und besonders.

Heutzutage ist das nächste Gebet Dhur, das Mittagsgebet. Doch wurde dieses wahrscheinlich erst später als Pflichtgebet hinzugefügt. Mohamed betete als nächstes das Asr Gebet am Nachmittag.

Asr scheint weniger ein spiritueller Moment zu sein, als vielmehr ein Strukturgebet.

Durch die Zweiteilung des Tages anhand der beiden Gebete, strukturiert der Islam den Tag in einen Teil der Arbeit und einen Teil der sozialen Kontakte. Nach Asr ist der Arbeitstag weitgehend vorbei. In einer Zeit, in der die Menschen nicht auf elektrisches Licht zurückgreifen konnten, zumal in einer Gegend des frühabendlichen Sonnenuntergangs, war Asr eine gute Zeit, sich nur noch maiximal einen kurzen Moment der Arbeit zu widmen, um dann soziale Kontakte zu pflegen, oder jedenfalls mit den Mitmenschen in Begegnung zu treten, denn den Abend musste man vielleicht eher zu Hause verbringen. So beendet das Asr Gebet den Arbeitsteil des Tages und leitet den sozialen Teil ein, der ebenso wichtig ist.

Doch in einem Hadith lesen wir, für mich wenig überraschend, dass auch das Asr-Gebet die Zeit ist, in der sich die Engel abwechseln. Die Engel des Tages verlassen nun die Menschheit, um nun von den Engeln der Nacht abgelöst zu werden. Wieder scheint hier eine spirituelle Dichte zu bestehen, die wir aber nun am Nachmittag aufgrund des Energieflusses des Tages nicht so leicht bemerken können. Unsere Antennen sind längst nicht mehr so empfänglich für leise Geräusche und subtile Veränderungen der Atmosphäre.

Es wird erzählt, dass Mohamed sagte, Allah fragte sie, die Engel, dann, obwohl Er Selbst es doch am besten weiß: In welchem Zustand habt ihr Meine Diener verlassen?

Die Engel antworteten: Sie beteten, als wir uns entfernten. Und als wir am Nachmittag zuvor kamen, beteten sie auch!”
(Al-Bukhari und Muslim)

Wir beten, um Allah zu dienen, zu preisen.

Doch wenn wir Allah in unseren Gebeten besuchen, so tun wir das auch oft, um Antworten auf Fragen des Lebens zu finden. Ich möchte euch einladen, das auch zu tun. Am Ende des Gebets, nach Abschluss mache ich wenn ich allein bin, immer nochmal ein Sujud, bei dem ich eine Frage stelle. Ich erhebe mich erst vom Boden, wenn ich eine Antwort erhalten habe. Sie unterscheidet sich fast immer von der Antwort, die ich außerhalb des Gebetes finde. Stolz, Ärger, Rache, das ganz normale Ego verschwinden beim Gebet. Das Gebet macht mich weich und liebevoll, vergebend und freundlich, geduldig, und hoffnungsvoll. Nie spricht es von Macht, von Beherrschen, von Eifersucht oder Besserwisserei. Es ist freundlich und zuversichtlich. Deshalb ist fünfmal besser als zweimal. Doch für diejenigen unter uns, die ihre Schuhe anziehen, bevor sie daran denken, das Gebet zu verrichten, möge Gott gnädig sein, und sich über den Besuch genauso freuen, wie über den der Barfüßigen. Möge er den Schnellen ihre Hast vergeben und den Langsamen was ihnen zu vergeben ist.

Gehen wir also zum Freitagsgebet. Es ist weder Fajr noch Asr, aber es ist das Gebet der Gemeinschaft, bei dem unsere Reihen zeigen, dass wir fest zusammenstehen in der Liebe zu Allah und der Fürsorge füreinander. Allah jirhamkun.

 

Kelly Sikkema

2020

2020

Kelly Sikkema
Kelly Sikkema

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

A’udhu bilahi min asshaitan alragim, bismillah arrahman arrahim.

„Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Meister des Gerichtstages.
Dir dienen wir und dich allein bitten wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“

Seid herzlichst gegrüßt in der Ibn Rushd-Goethe Moschee, dem Ort von Frieden und Liebe.

Das neue Jahr ist schon wieder ganz zur Gewohnheit geworden. Alle guten Vorsätze sind wie immer über Bord gegangen, oder werden demnächst verworfen. Zu Neujahr schrieb jemand: Ich habe mir diesmal keine neuen Vorsätze genommen. Ich habe einfach die alten nochmal genommen, sie waren noch völlig unbenutzt.

Da es meine erste Khutba dieses Jahr ist, wünsche ich euch ein frohes neues Jahr, oder vielmehr ein gutes Jahr. Möge es Frieden unter den Menschen bringen und die Würde aller Lebewesen in den Vordergrund stellen – vor Geld, Bequemlichkeit und Appetit. Die Khutba handelt davon, dass es gesund ist, Dinge fertigzustellen, oder abzuschließen.

Dieses Jahr hat einen besonders schönen Namen. 20 20, oder Zweitausendundzwanzig, hört sich nach etwas sehr Rundem an, irgendwie vollständig. Ich habe das Gefühl, dieses Jahr werden viele Dinge zu ihrem guten Abschluss gebracht. Alles, oder jedenfalls Vieles, was so im ungeraden 2019 oder zuvor begonnen hatte, werden wir durch gute Entscheidungen oder fleißiges Handwerk fertigstellen. In mir entsteht das Bild eines Teppichs, der gewebt wird. Es ist der Teppich unseres Lebens. Die Fäden dieses Teppichs, die wir gleichsam an einem Ende angeknotet haben, werden wir in diesem Jahr auch am anderen Ende verknoten, oder verweben, so das wieder neue und neue Reihen bunter und reicher Muster entstehen, auf die wir zurückblicken können. Dieses Jahr wird voller schöner Farben sein.

Mein Leben ist ein bunter Teppich, überwiegend in dunklen Tönen gehalten. Schrill ist er nicht. Das dunkle Blau des Abendhimmels dominiert, teils geht es über in ein tiefes Schwarz der Mitternacht. Aber an manchen Stellen scheint mein Teppich im strahlenden Rosa der frühen Morgenstunden und an anderen Stellen gar in leuchtendem Rot. Der gesamte Teppich ist durchwirkt von einem feinen Faden aus Gold – den Wert jeden Moments des Lebens bestätigend. Den Wert all dessen, was geschehen ist, und all derer die mir besonders lieb sind. Auch den Wert meiner Selbst. Freude steckt darin, aus vielen Tagen und Nächten, Langeweile, Trauer, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Lust und Vertrauen. Stetig, Jahr für Jahr weben wir unseren Teppich in unseren eigenen Farben, der ganz eigenen Dicke des Fadens und dem ganz eigenen Gefühl. Ist er eher kratzig, eher weich, eher hell, oder dunkel, gestreift, durchmustert? Auch 2020 weben wir weiter. Faden um Faden ziehen wir langsam bis zum Ende der Reihe hindurch, bis der Teppich in allen Farben des Lebens gewebt ist und wir ihn unseren Kindern und unseren Liebsten als Erbe hinterlassen.

Warum 2020 für mich als etwas Besonderes erscheint, weiß ich nicht genau, aber es begann schon gleich am ersten Januar.

Es wird an der 20 liegen. Es ist die Zahl all unserer Finger zweimal – oder die Zahl all unserer Finger und Zehen zusammen.

Das Zehnersystem ist uns aus unserer Körperwahrnehmung sehr präsent. Wir haben uns auch daran gewöhnt, unsere Mathematik auf dem Zehnersystem aufzubauen – Zehn Einer werden gebündelt zu einem Zehner. Zehn Zehner werden gebündelt zu einem Hunderter, zehn Hunderter zu einem Tausender, usw. 20 ist zweimal 10 und damit das doppelte Bündel. Eine Art doppelter Vollständigkeit. Etwas zu vervollständigen, zu beenden, zu erreichen, empfinden wir als angenehm.

An sich ist die Zahl 2020 natürlich willkürlich und für jeden von uns sind es andere Jahre, die Besonderheiten in sich tragen. Jahre können persönliche Bezugspunkte darstellen. Traditionell finden wir unser Geburtsjahr recht wichtig. Es dient nicht nur dem Staat, der es in unserem Pass verankert, sondern auch uns selbst als Referenzpunkt. Unser Alter empfiehlt – oder befiehlt – uns, wie wir uns zu verhalten haben, wie zu reden, wie uns zu kleiden. Und so ist das Geburtsjahr das Jahr der Freiheit, in dem wir uns beginnen als Mensch zu entfalten und zugleich das Jahr der Einschränkung, denn von nun an sind wir mit Leib und Seele den Gesetzen der Gesellschaften unterworfen, in denen wir leben.

Jahre können auch gemeinschaftliche Bezugspunkte darstellen und so die Gemeinschaftsbildung unterstützen. Vor vielen hundert Jahren versuchte der militärische Führer Abraha, die Kaaba zu zerstören, doch einer seiner Militärelefanten weigerte sich, die Stadt Mekka zu betreten. Vielleicht hatte er eine Kraft wahrgenommen, die über die Befehlskraft seines menschlichen Besitzers hinausging und war ihrer Anweisung gleichsam eigenmächtig gefolgt. Im Jahr des Elefanten ist der Prophet Mohamed, Friede sei auf ihm, geboren, und überbrachte uns die Botschaft von Barmherzigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Als ich zum ersten Mal über die Zahl 2020 nachdachte, hatte ich also dieses Gefühl der Vollständigkeit. Ich stellte mir vor, wie ich die Karten eines Kartenspiels in der Hand hielt – alle vier Zehner bei mir, Kreuz, Pik, Herz, Karo. Jeder Zehner stand für den Abschluss von etwas, das ich irgendwann begonnen hatte, für das Fertigstellen. Vor meinem inneren Auge warf ich die Karten nacheinander kraftvoll auf den Tisch.

Kreuz Zehn – Kinder bekommen – komplett.

Pik Zehn – Eine Arbeitsstelle gesichert – komplett.

Karo Zehn – Eine Wohnung – komplett.

Herz Zehn – Eine Partnerschaft – komplett.

Naja – die Liste kann irritieren, weil wir diese Dinge vielleicht gar nicht haben. Aber irgend etwas hat jeder geschafft, oder erreicht, oder vollbracht. Oder man kann auch sagen, zum Abschluss gebracht. Was hast du vollbracht?

Hat deine Wohnung in jedem Zimmer ein Licht? Großartig! Hast du dafür gesorgt, dass du von irgendwo Geld für deinen Lebensunterhalt bekommst? Gut gemacht! Hast du die Möglichkeit, dir ab und zu eine Tasse Tee zu kochen und vielleicht sogar einen Freund dazu einzuladen? Dann ist dein Heim eines von Licht und Freude.

Hier geht es nicht um das höchste Level dessen was erreichbar ist, sondern um das Gefühl etwas erreicht zu haben, worauf man mit Freude zurückblicken kann. Die scheinbar unwichtigen Dinge sind die Grundlage der Meisterung unseres Lebens, sind ausreichend und echte Errungenschaften. Der Schritt vom Zimmer zur Villa ist unerheblich. Wir wissen, dass sehr reiche Leute mit sehr großen Häusern oft ausgesprochen unglücklich sind. Oder: Mobilität beispielsweise ist hilfreich. Aber der Porsche ist es nicht. Seien wir also einen Moment dankbar für alles, was wir erreicht haben.

Dazu gehört natürlich keineswegs nur Materielles. Auch Wissensinseln oder Bachelor Degrees, oder Kursinhalte. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass man tatsächlich etwas gelernt hat – es innerhalb des fließenden Lebens auch Momente errungener Bildungsabschlüsse gibt. Dabei sind es wie in allen Bereichen wieder nicht ausschließlich die großen Niveaustufen, die uns umtreiben müssen. Hast du dein MSA abgeschlossen? Sehr gut! Vielleicht hast du die Vergangenheitsform des Präteritums in der deutschen Sprache in den Grundzügen verstanden. Oder du hast gelernt, wie man Blut abnimmt, oder du kannst jetzt den Berliner BVG Plan lesen.

Dinge abzuschließen wirkt in unserem Leben salutogenetisch. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren von Aaron Antonovsky geprägt und bedeutet, so viel wie „der Gesundheit zuträglich“. Während sich also die Pathogenese damit beschäftigt, wie Krankheiten entstehen, fragt sich die Salutogenese, wie Gesundheit entsteht und was sie aufrecht erhält. Der Gesundheit zuträglich ist neben gesunder Ernährung und Bewegung vor

allem das Gefühl der Kohärenz, also der Empfindung des eigenen Lebens als sinnhaft und als zusammenhängend. Wenn wir die Dinge zu einem guten Abschluss bringen, zu einem guten Ende, an dem wir uns selbst in einem würdevollen Licht betrachten können, so tut uns dies gut, es trägt zur Gesundheit bei.

Vor Jahren las ich in einer Zeitung, dass eine ca. 80 jährige Frau einen Löffel an eine Fluggesellschaft geschickt hat. Sie hatte ihn mehr als zwanzig Jahre zuvor bei einem Flug unauffällig mitgehen lassen. Jedes Mal, wenn sie den Löffel sah, erinnerte sie sich an diesen schamvollen Moment in ihrem Leben. Indem sie den Löffel zurückschickte, konnte sie die Schamhaftigkeit zum Abschluss bringen, war nicht mehr Sklavin ihrer Scham, sondern Handelnde. Handlungsfähigkeit und das Empfinden von Sinn gehen Hand in Hand. Die Sachen regeln, zu einem guten Abschluss bringen, gibt uns Kraft und Sinn.

Manche Dinge lassen sich nur schwer zum Abschluss bringen. Wenn jemand stirbt oder uns verlässt, finden wir manchmal keinen guten Weg aus der Trauer des Verlusts. Besonders schmerzlich ist es, wenn man sich das letzte Mal im Streit getrennt hat, oder man sich noch etwas sagen wollte. Doch wir brauchen den Abschluss, damit wir zurückkommen, zu einem gesunden Leben der Selbstbestimmung. Ein Psychologe schlug kürzlich vor, dass man auch solche Erlebnisse zum Abschluss bringen könne. Das Brennen eines Teelichtes, an einen schönen Ort im Raum gestellt, nehmen wir uns als Zeit mit dieser Person. Ist sie verstorben, so wird sie uns vielleicht jenseits ihrer vergangenen Körperlichkeit als Essenz ihrer Selbst besuchen, also als das, was wir Seele nennen. Ist die Flamme erloschen, so verabschieden wir uns von unserem Schmerz. Nicht von unseren Gedanken an die Person, aber von dem Schmerz der Trauer. Mit dem Erlöschen der Kerze ergibt sich ein Abschluss, den wir brauchen, um weiter voranzugehen und unser Leben zu meistern.

Das Abschließen also, und die Erfahrung von Sinn, sind wichtig für uns. Sinnhaftigkeit bedarf unumgänglich der Zuneigung anderer Lebewesen. Ohne eine Gesellschaft, die bereit ist, uns mit Zuneigung aufzunehmen, uns unsere Fehler immer wieder zu vergeben und uns als wertvollen und wunderbaren Teil der Schöpfung wahrzunehmen, können wir nicht gesund sein. Nicht unsere Seele und nicht unser Körper, in dem sie wohnt. So möchte ich die Khutba abschließen mit den Worten des Propheten Mohameds, der uns erinnert, dass unser Leben einen guten Sinn erhält, wenn wir gut zu anderen sind, denn so weben wir einen Teppich bester Güte.

Allah sagt: Und meine Barmherzigkeit umfasst alle Dinge (7:156), und wir lesen auch: Gott hat sich selbst die Barmherzigkeit vorgeschrieben (6:54). Der Prophet Mohamed asws erzählte

„Gott, der Hohe und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: O Kind Adams, ich bin krank gewesen, und du hast mich nicht besucht. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dich besuchen, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener krank war, und du hast ihn nicht besucht. Hättest du ihn besucht, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu essen gebeten, und du hast mir nichts zu essen gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu essen geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener dich um etwas zu essen gebeten hat, und du hast ihm nichts zu essen gegeben. Hättest du ihm zu essen gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast mir nicht zu trinken gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu trinken geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Mein Diener hat dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast ihm nicht zu trinken gegeben. Hättest du ihm zu trinken gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden.

Weben wir unseren Teppich! Gestalten wir unser Jahr! Mit viel Freude und Genuss, Hoffnung und Frieden und der Versorgung all Jener, die uns brauchen!

Ich wünsche euch ein wundervolles Neues Jahr Zweitausendundzwanzig!

وعنه قال قال رسول الله صَلّى اللهُ عَلَيْهِ وسَلَّم : إنَّ الله عزَّ وجل يَقُولُ يَوْمَ القيَامَة : « يَا ابْنَ آدَمَ مَرضْتُ فَلَم تَعُدْني ، قال : ياربِّ كَيْفَ أعُودُكَ وأنْتَ رَبُّ العَالَمين ؟ قال : أمَا عَلْمتَ أنَّ عَبْدي فُلاَناًَ مَرِضَ فَلَمْ تَعُدْهُ ، أمَا عَلمتَ أنَّك لو عُدْته لوجدتني عنده ؟ يا ابن آدم اطعمتك فلم تطعمني ، قال : يا رب كيف أطعمك وأنت رب العالمين ، قال : أما علمت أنه استطعمك عبدي فلان فلم تطعمه أما علمت أنك لو أطعمته لوجدت ذلك عندي ؟ يا ابن آدم استسقيتك فلم تسقني ، قال : يارب كيف اسقيك وأنت رب العالمين ؟ قال : استسقاك عبدي فلان فلم تسقه ، أما علمت أنك لو سقيته لو جدت ذلك عندي ؟ » رواه مسلم .

[ رياض الصالحين ؛ رقم الحديث ٨٩٦ ؛ رقم الكتاب ٧ ؛ رقم الباب ١٤٤ ]