Miteinander

Aaron Burden

Wer aufbricht, der kann hoffen

Wer aufbricht, der kann hoffen

Aaron Burden
Aaron Burden

Ihr kennt sicherlich alle die libanesische Sängerin Fairouz. Ich jedenfalls höre sie jeden Morgen, entweder aus meinem Autoradio oder aber – und viel lieber – auf dem Fahrrad. Wenn sie dann von großen Meeren und weiten Himmeln singt, dann schlägt mein Herz auch ein bisschen höher. Gerade jetzt im Frühling.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist der Frühling immer eine ganz besondere Jahreszeit. Ich genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und freue mich, dass es nun jeden Tag länger hell wird. Die Vögel singen – und wenn man genau hinhört, dann singen sie nicht nur, sie unterhalten sich. Am Sonntag bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr barfuß gelaufen und habe mich über jeden Grashalm unter meinen Fußsohlen gefreut. Es ist wie ein neuer Anfang. Der Himmel wird nicht nur weit und die Bäume grün, es werden auch viele Hoffnungen und Pläne neu geboren.

Im Gesangbuch der evangelischen Kirche gibt es einige Lieder, die immer wieder mein Herz erreichen. Kurz eingeschoben muss ich sagen, dass ich wirklich bedauere, dass wir im Islam so wenig singen. Denn auch das macht das Herz frei und glücklich. Nun, eins der Lieder, welches für mich zu dieser Jahreszeit passt, ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“. In der dritten Strophe heißt es:

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit.

Was für eine wunderbare Verheißung. Wer aufbricht, der kann hoffen. Für mich ist der Frühling so ein Moment des Aufbruchs. Die Ruhe und Behaglichkeit des Winters sind vorbei. Nun kann es – so zumindest hat man den Eindruck beim Beobachten der Natur – garnicht schnell genug damit gehen, neues entstehen zu lassen und sich zu wandeln. Nichts ist so beständig, wie dieser Wandel in der Natur. Wir alle haben ihn schon dutzendfach erlebt und doch hat es keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht weil der Frühling zart und gleichsam kraftvoll daherkommt. Man hat das Gefühl bei der Geburt einer Jahreszeit dabei zu sein.

Wer aufbricht, der kann hoffen. Und er kann vertrauen darauf, dass Gott ihn auf seinen neuen Wegen behüten und beschützen wird. Der Frühling zeigt uns, dass Neuanfänge oft belohnt werden und das diese Zeiten, in denen das Alte noch nicht ganz beendet und das neue noch nicht komplett da ist, unter einem besonderen Schutz Gottes stehen. Und in diesen Zeiten, in denen uns Geduld besonders schwer fällt, können wir in unserer Hoffnung auf Gott vertrauen.

Ich möchte an dieser Stelle den Gefährten von Mevlana Rumi, Schams-e Din zitieren:

Was ist Geduld? Geduld ist, den Dorn zu betrachten und die Rose zu sehen, die Nacht zu betrachten und das Morgengrauen zu sehen. […] Wer Gott liebt, verliert nie die Geduld, denn er weiß, dass die Mondsichel Zeit braucht, um zum Vollmond zu werden.“

Geduld lässt sich nur aufbringen, wenn es Hoffnung gibt. Und Allah zeigt uns im Frühling, dass wir ihm in unserer Hoffnung vertrauen können. Das wir uns sicher sein können, ihn auf den neuen Wegen an unserer Seite zu haben. Erst ist das Neue nur eine wage Idee, die sich dann immer mehr verwirklicht. Die Hoffnung ist es dann letztendlich, die uns von der Passivität das Wartens in die Aktivität des Neuanfangs aufbrechen lässt. Sie ist die Brücke, über die wir gehen. Der Frühling ist Allahs Versprechen an uns, dass Neuanfänge sich lohnen.

Wie bereits gesagt, ist der Frühling eine faszinierende Zeit voller Gegensätze. Neu und Alt, Aktiv und Passiv, Geduld und Hoffnung. Es sind diese Gegensätze, durch die Allah besonders begreifbar wird. So beschreibt auch der Koran die Faszination von Wandel und Gegensatz, die wir im Frühling besonders spüren.

انَ في خلقِ السموَتِ والارضِ وَاِختِلَفِ اليل والنَهَار وتَصريف الرياح والسَحاب المُسَخَر بين السماء ؤالارض لأيات لِقومِ يعقلون.

In der Schöpfung der Himmel und der Erde; im Unterschied von Tag und Nacht;…im Wechsel der Winde und der Wolken, die zwischen Himmel und Erde dienstbar gemacht sind, sind wahrlich Zeichen für Leute, die begreifen.” (Quran 2:164)

In der Tat kann man beim Beobachten der Natur in diesen Tagen vieles Begreifen. Das, was wir im Außen beobachten können, spüren wir auch innerlich. Als Menschen verfügen wir über eine große Bandbreite an Gefühlen und Emotionen – und wer die großen Höhen des Glücks erleben will, muss auch bereit sein, den Schmerz der Traurigkeit in gleichen Ausmaß zu ertragen. Es ist wie eine Schaukel. Man kann nur so weit in die eine Richtung schwingen, wie man auch in die andere schwingt.

Khalil Gibran schreibt dazu: „Wenn ihr glücklich seid, blickt tief in euer Herz, und ihr werdet erkennen, dass gerade das, was euch leiden ließ, euch jetzt Freunde schenkt. Wenn ihr bekümmert seid, blickt abermals in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor eure Freunde war.“

Zurück aber zum Frühling. In der Eingangs zitierten Strophe heißt es „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Lasst uns also den Frühling nutzen, um die Kraft und Energie des Augenblicks in uns aufzunehmen und etwas Neues zu beginnen. Viele Dinge, die uns vor ein paar Wochen noch schwer gefallen sind, fallen uns im Frühling plötzlich leicht. Wir sind ein Teil dessen, was um uns herum passiert. Vielleicht trauen wir uns in diesen Tagen etwas, was wir uns vorher nicht getraut haben. Oder wir verändern was. Dies kann ein Projekt sein, welches wir schon lange angehen wollten, oder es kann eine Verhaltensänderung sein. Vielleicht habt ihr euch den Winter über mit dem Sport treiben sehr schwer getan – dann kann ich euch sehr empfehlen, diese wunderbaren Tage zu nutzen und aufs Fahrrad zu steigen oder die Laufschuhe anzuziehen. Ich verspreche euch, nicht nur euer Körper wird es euch danken, sondern auch eure Seele.

Dieser Frühling trägt für uns Muslime einen weiteren, ganz besonderen Gegensatz in sich. Während alles sich nach draußen und im Außen orientiert, beginnt für uns in einem Monat der Ramadan. Fastenmonat und Monat der inneren Einkehr. Man ist versucht zu denken: Warum gerade jetzt? Ich bin garnicht in Stimmung für Einkehr und Rückzug. Lasst mich versuchen, diesen Gegensatz aufzulösen.

Ich habe in meiner letzten Predigt gesagt, dass Gott uns alle einzigartig geschaffen hat. Wie wunderbare Gemälde, die sich am Ende wie Puzzleteile zu einem größeren Ganzen zusammen fügen. Allah hat jede und jeden von uns genau so geschaffen, wie wir sind, um das Mosaik dieser Welt perfekt zu machen. Niemand ist falsch oder haram. Und trotzdem verbiegen und verenken wir uns, um anderen zu gefallen, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. Wir wären so gerne ein blaues Mosaiksteinchen, denn um uns herum sind alle Mosaiksteinchen blau. Wir aber sind gelb. Warum nur? Warum hat der liebe Gott uns ausgerechnet gelb gemacht? Nun, weil genau dieses gelb unter all dem blau vielleicht ein ganz wunderbares Muster erzeugt.

In vielen Seelsorge-Gesprächen, die ich in den letzten Woche geführt habe, hatte ich immer wieder den Eindruck, dass uns manchmal ein Neuanfang mit uns selbst und der Beziehung zu uns selbst sehr gut tun würde. Wir gehen manchmal sehr hart mit uns ins Gericht, verurteilen uns und sprechen mit uns selbst, wie wir es keinem anderen erlauben würden. Der Ramadan ist ein Monat, in dem die Muslime in Medina und Mekka zu Gewaltverzicht aufgerufen waren. Und während wir heute äußerliche Gewalt komplett ablehnen, sind wir mit uns selbst innerlich doch sehr rabiat. Vielleicht sollten wir im Ramadan neben all dem Verzicht auf Nahrung und Wasser auch mal versuchen, uns selbst Freundlichkeit entgegen zu bringen. Mit uns selbst zu sprechen, wie mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Wir können in uns kehren, uns selbst wahr- und ernstnehmen und dann mit der Energie und guten Laune des Frühlings einen Neuanfang in der Beziehung zu uns selbst wagen.

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land.

Nun aber, zum Abschluss dieser Predigt, möchte ich euch erstmal ein wunderbares, sonniges und gesegnetes Wochenende wünschen. Ich wünsche euch, dass ihr Zeit habt rauszugehen, Barfuss zu laufen, die Sonne auf der Haut zu spüren und die Vögel singen zu hören. Ich wünsche euch, dass ihr den Frühling mit all euren Sinnen wahrnehmen könnt und dass er euer Herz erreicht. Und ich wünsche euch, dass eure Hoffnungen und Wünsche von Allah erhört werden. Traut euch, sie auszusprechen. Er wird euch zuhören.

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Autor: Massud Reza

Håkon Sataøen

Vor einigen Wochen ging ich auf die problematische Kooperation zwischen dem Bundesland Niedersachsen und dem islamischen Dachverband DITIB ein, was die inhaltliche Ausrichtung des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Grundschulen angeht.1 Nach Verfassungsrecht leben wir in einem „föderalistischen Bundesstaat“, womit man den Bundesländern einen relativ breiten Spielraum zugesteht, was Bildungspolitik, Innenpolitik und weiteren Politikfeldern anbelangt. Selbst in politischen Kooperationsfragen sehen wir Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, dass man wunderbar am Beispiel NRW sehen kann.

Die NRW-Integrationsministerin, Serap Güler (CDU), kündigte an, dass demnächst nicht nur die herkömmlichen Islamverbänden mit am runden Tisch sitzen werden, sondern sie ebenfalls liberale und weltoffene muslimische Vereinigungen miteinbeziehen möchte. Das Argument, welches diesem bald zu realisierendem Vorhaben zugrunde gelegt wird, ist die Pluralität im Islam sichtbar zu machen. Ein Meilenstein also?

Zumindest wäre dies ein erster und wichtiger Schritt, um nicht ausschließlich ein bestimmtes (konservatives) Islamverständnis zu privilegieren und vorzuziehen. Differenzen und Interessengegensätzen der muslimischen Akteure können argumentativ in der persönlichen Auseinandersetzung begegnet werden, statt -wie bisher üblich- aus der Ferne die Kritik zu üben (oder gar persönlich jemanden zu verunglimpfen). Es ist auch deshalb seitens der Integrationsministerin Güler ein guter Vorschlag, weil der (nordrhein-westfälische) Staat endlich auch anderen, friedfertigen und liberaleren Islaminterpretationen einen Platz am runden Tisch gewährt, um Muslimen anderer theologischer Ausrichtungen zu signalisieren, dass auch ihre Interessen, Wünschen und Bedürfnisse ernstgenommen werden.

Wie allseits bekannt, gibt es im Islam keine zentrale Instanz, die den Islam nach außen hin repräsentiert. Einen Papst oder von allen Muslimen weltweit anerkannten Klerus gibt es nicht. Aus dieser Ausgangslage heraus können sich Vorteile, aber durchaus auch Nachteile ergeben. Ein wichtiger Vorteil wäre, dass keine religiöse Instanz zwischen mir und Gott existiert. Bei Glaubensfragen kann ich mich auf Gott konzentrieren und ganz individuell mit ihm kommunizieren, mich in meiner Spiritualität bewegen, ohne dass es eine zwischengeschaltete Instanz gibt. Hingegen wäre ein Manko: Im Islam gibt eben keine absolute, weltliche Autorität, dafür aber eine Fülle an muslimischen Strömungen. Konsequenterweise ist es für den Staat kein leichtes Unterfangen, sich die Ansprechpartner auszusuchen, die im Namen der Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Abgesehen von den verfassungsrechtlichen Prinzipien des deutschen Grundgesetzes, welche natürlich von allen muslimischen Ansprechpartnern bejaht und gelebt werden müssen, ist natürlich die Frage nach der Vertretung der muslimischen Majorität sehr interessant.

Ein nüchterner Blick in die vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ erhobene repräsentative Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ vom Jahre 20092 verdeutlicht, wie relativ unbekannt die Dachverbände bei den Muslimen sind. Ins Auge springt zum einen die Zahl, dass etwa nur 10% der muslimischen Befragten etwas vom „Koordinationsrat der Muslime“ gehört haben.3 Bei diesem Gremium geht es um einen Zusammenschluss der vier großen Dachverbände: DITIB, Zentral der Muslime, VIKZ sowie der Islamrat. Aber auch was die einzelnen Verbände angeht, herrscht eine mangelnde Kenntnis über sie, da nicht einmal die Hälfte der muslimischen Befragten einen Verband kannten. Die Zahlen liegen zwischen 16% – 44%.4 Immerhin gaben 37% der Personen, die die Verbände kannten, an, dass sie sich teilweise von ihnen vertreten fühlen.5 Damit man mich nicht missversteht: Dass die Mehrheit der Befragten die islamischen Dachverbände nicht kennt, ist keine Gretchenfrage. Jedoch ist ein Dreh – und Angelpunkt für mich erreicht, sobald sich die genannten Verbände als die absolute Vertretung der Muslime in Deutschland in den Medien aufplustern. Sie sind allein schon deswegen nicht legitimiert im Namen „der Muslime“ in Deutschland zu sprechen, weil die Mehrheit sie nicht als ihre Vertretung ansieht. Momentan möchten sie als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, und zwar verstanden als „Körperschaft des Öffentlichen Rechts“, was ihnen auf staatlicher Ebene wieder viele Privilegien einräumt. Wie soll das aber funktionieren, wenn doch die islamische Religionsgemeinschaft so zersplittert ist? Außerdem: Die Mehrheit kennt die Verbände gar nicht, also wie kann man dann den Anspruch erheben, im Namen der Mehrheit zu sprechen?

Im Umkehrschluss heißt es übrigens nicht, dass dafür liberale muslimische Vereinigungen die Mehrheit vertreten. Zu Vertretungen liberaler Muslimen gehören beispielsweise der Liberal Islamische Bund (LIB), das Muslimische Forum Deutschland (MFD) oder auch die Ibn Rushd Goethe Moschee (IRGM). Inzwischen befindet sich ein neuer Verband in der Gründungsphase. Dabei handelt es sich um die Muslimische Gemeinschaft NRW, maßgeblich mitgetragen vom islamischen Theologen an der Münsteraner Universität Mouhanad Khorchide. Der Name dieses Verbandes sollte aber nicht in die Irre führen, denn auch Muslime (als ordentliche Mitglieder) sowie Nichtmuslime (als außerordentliche Mitglieder) können sich außerhalb von NRW in die Vereinigung eintragen.6 Die Frage danach, was gewollt bzw. angestrebt wird, wird folgendermaßen beantwortet: „Wir wollen möglichst viele Muslime in Deutschland organisieren, um die verschiedensten Kompetenzen und konstruktiven Ideen zusammenzubringen. So wollen wir einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben der Vielfalt leisten. Der Islam hat einst Europa bereichert, wir wollen an diesen Erfahrungen anknüpfen und nach vorne schauen, mit dem Anspruch: Wir wollen als Muslime auch heute Europa bereichern.“

Dieser eine letzte wichtige Satz sollten sich allen muslimischen Akteuren zu Herzen nehmen, die ein wirkliches Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben, mit den Grundwerten des Grundgesetzes und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechten als Handlungsrahmen. Aufgrund der breiten Vielfalt im Islam und der daraus ergebenden Challenge, die vielen muslimischen Interessen zu berücksichtigen, kann das Bundesland NRW mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie eine erweiterte Kooperation ausschauen kann. Davon können sich dann so manche Bundesländer eine Scheibe von abschneiden.

2 Es gibt eine weitere Studie vom Jahre 2016 mit der gleichen Überschrift sowie von derselben Institution erhoben, jedoch geht es da primär um islamische Wohlfahrtspflege, vorschulische Kinderbetreuung und Altenpflege.

4 Ebd. S.173-174

5 Ebd. S.175

6 Die äußerst lesenswerte Gründungserklärung verlinke ich sehr gerne: https://www.mg-nrw.de/profil.html

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Autorin: Susanne Dawi

June Admiraal

Am letzten Samstag traf sich eine Gruppe von Mitgliedern unserer Moschee zum Besuch des jüdischen Museums. Es war ein interessanter Ausflug mit einer kompetenten Führung eines gemeinde Mitglieders, der nicht nur sehr viel wusste, sondern darüber hinaus eine angenehme Art hatte, wertneutral und wortgewandt zu erzählen, womit er seine besondere Eignung als Museumsführer verdeutlichte. Ich war begeistert, wie jemand diesen Beruf, der mich persönlich nie reizen würde, mit so ausgezeichneter Hingabe und derart umfassendem Wissen ausführen konnte.

In einem der Räume konnten wir Filmsequenzen über die Ausübung der drei Schriftreligionen in der so genannten „Heiligen Stadt“ anschauen. Die im Film gezeigten authentischen Gottesdienste und religiösen Lernveranstaltungen des Judentums, Christentums und Islam in Jerusalem hatten ein auffälliges gemeinsames Element: in den Haupträngen, den vorderen Reihen, den Lehrstuben, den höchsten Ämtern usw. waren ausschließlich männliche Gläubige zu sehen. Wenngleich ich es hätte wissen müssen, hatte ich es nicht so deutlich erwartet. Wir hören doch immer, dass der Islam eine so partriarchalische Religion sei, während sich der Rest der Welt, und damit auch die anderen Religionen, inzwischen die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahne geschrieben hätte. Die Bilder sagten etwas Anderes. Thorarollen werden weiterhin nur von Männern durch die Synagoge getragen, wer die Thora abschreibt, muss im Besitz dessen sein, worauf, nach Sigmund Freud, die Frauen ihren Neid richten, Unter den christlichen Geistlichen aller Denominationen gab es nicht eine einzige Stimme, die den Gottesdienst in Sopran oder Alt hätte leiten können. Die muslimischen Männer standen Schulter an Schulter zum Gebet, gerufen von männlichen Gebetsrufern, während ihre Frauen weiter hinten mit den Kindern allen möglichen anderen Tätigkeiten nachgingen.

In deutschen Kirchen jedoch sehe ich durchaus auch Frauen als Pastorinnen. In der Synagoge treffe ich sowohl auf Kantoren als auch Kantorinnen. Und zumindest in unserer Moschee ruft eine Frau zum Gebet, können Frauen vorbeten, und können sie die Khutba halten, die Predigt. Ich finde das nicht nur „schön“ sondern vollkommen „normal“. Es ist eine gute Zeit, in der Frauen in die Domäne der Religion eintauchen und sich dort für Gott und die Schöpfung engagieren können. Es ist eine gute Zeit der Rollenvielfalt, in der nun auch Männer als Erzieher arbeiten können, als Krankenpfleger, Altenpfleger, Hausmänner, oder einfach nur Väter mit Hingabe sind.

Die Vielfalt der Rollen, die uns heute hier zu leben gestattet ist, macht uns zu zufriedeneren, und damit besseren Menschen. Wer seine Berufung erkennt und lebt, arbeitet qualitativ besser und bildet sich auch in seiner Freizeit fort. Es ist common sense, dass uns das hierdurch empfundene geistige und körperliche Wohlbefinden länger gesund und kraftvoll bleiben lässt. „Salutogenese“, nach Antonovsky der ständige Prozess des Gesundbleibens, wird wirksam unter anderem durch die Erfahrung von Sinnhaftigkeit – Sinnhaftigkeit der Ereignisse und unserer Selbst. Das Empfinden von Sinnhaftigkeit stellt sich unter anderem dann ein, wenn wir Aufgaben ausführen, die wir gerne tun, die wir gut können und bei denen wir das Gefühl haben wir seien genau dafür geschaffen. Es ist erfreulich, dass uns immer häufiger Wege dahin offen stehen, auch wenn sie traditionell für das andere Geschlecht reserviert waren, auch im Bereich der Religion.

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Autorin: Susanne Dawi

Photo by Victoriano Izquierdo on Unsplash

Zurzeit besteht vielerorts der Versuch, eine umfassende Philosophie in ein paar Handlungsanweisungen zu pressen, um dies dann als „Wahrheit“ zu bezeichnen. Die Worte Kufr und Haram wedeln nur so durch die Gegend. Doch Handlungsanweisungen können keine „Wahrheit“ sein. Sie dienen stattdessen einer gewissen Alltagsstrukturierung. Das, was als „Wahrheit“ gesucht wird, liegt sozusagen darunter; es bildet das Fundament. Die Suche nach Wahrheit ist komplex und bedarf, glaube ich, der Zeit eines ganzen, langen Lebens. Hoffentlich eines schönen Lebens. Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Immer wieder hört man, es gäbe nur eine einzige Wahrheit. Diese gelte es zu finden. Es gäbe damit auch nur einen einzigen Islam, den wahren Islam. Suchen wir also.

Zunächst sollten wir uns jedoch gewahr sein: „Islam“, so wie das Wort heute verwendet wird, ist nicht diese Wahrheit, sondern erst einmal ein Wort. Allah allein kennt die Wahrheit, und diese ist derart umfassend und für den Menschen unverständlich, dass Allah den Koran in Worte gefasst hat, damit wir eine ungefähre Ahnung davon haben, was Wahrheit sein könnte. Gott hat ihn, den Koran, uns in einfacher Sprache gegeben, d.h. in einem Modus, den zu verstehen wir in der Lage sind – in menschlicher Sprache also, mit Wörtern. Die Wahrheit liegt jenseits der Worte.

Das Wort „Islam“ kommt im Koran mehrmals vor. In Sure 3:19 steht: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist der Islam“. Allerdings wurde zur Zeit Mohameds dieses Wort noch gar nicht als Religionsbezeichnung verwendet. Daher übersetzt Muhammad Asad diese Sure anders: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist des Menschen Selbstergebung in ihn“ (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018). Dies kommt, wenngleich es dem Wortlaut ferner scheint, dem inhaltlichen Sinn näher. Daneben steht im Koran auch die Form „muslim“, auf die ich mich im Folgenden konzentrieren möchte. Muslim ist jemand, der sich Gott stets und ständig gewahr ist, also jemand, der Taqwa hat, Gottesbewusstsein, und der darüber hinaus versucht, ein gutes Leben zu führen. Es handelt sich dabei um ein Wort, das sowohl als Substantiv als auch als Adjektiv gelesen werden kann. Für mich ist in den jeweiligen Kontexten die adjektivische Lesart einleuchtender. Nicht also: „Was bist du?“ „Ich bin ein Muslim, eine Muslimin“, sondern: „Wie bist du?“ „Ich bin muslim“. Als Religionsbezeichnung im engeren Sinne finde ich es relativ untauglich. Abraham war muslim. Wie war Abraham? Er war sich mit jeder Faser seines Seins und mit jedem Gedanken, jeder Handlung darüber bewusst, dass es einen einzigen Gott gibt, Allah, er vertraute auf dessen Gnade, und er wollte ein guter Mensch sein. All jene Menschen, die sich dessen so bewusst sind, dass es sie in ihrem Leben leitet, sind muslim. Auch Juden und Christen können nach dieser Vorstellung also muslim sein. Sure 21:92 sagt, nachdem über Zakharia und seinen Sohn Johannes, sowie über Maria gesprochen, also klarer Bezug auf das Christentum genommen wird: „Wahrlich (oh die ihr an mich glaubt), diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, da Ich der Erhalter von euch allen bin; betet denn mich allein an.“ Die Bezeichnung „muslim“ gilt also für alle, die diese besondere Haltung haben. Zwar steht im Koran beispielsweise, „euch wird der Tod nicht ereilen, bis ihr „musleimun“ geworden seid, was auch als Substantiv „Muslime“ übersetzt werden kann, doch steht im Vordergrund eben nicht die Gruppenzugehörigkeit zu einer religiösen Vereinigung, sondern die innere Haltung. Muhammad Asad schreibt in seinem Kommentar zu Sure 68:35: „Überall in diesem Werk habe ich die Begriffe muslim und islam in Übereinstimmung mit ihren ursprünglichen Bedeutungen übersetzt., nämlich „einer, der sich Gott ergibt (oder „ergeben hat“)“ und „die Selbstergebung des Menschen in Gott“… Man beachte, dass der „institutionalisierte“ Gebrauch dieser Worte – d.h. ihre ausschließliche Anwendung auf die Anhänger des Propheten Mohameds – eine definitiv nachqur’anische Entwicklung darstellt und daher in einer Übersetzung des Qur’an vermieden werden muss“. (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018, Seite 1086)Asad verwendet zwar hier das Wort als Substantiv, aber nicht im heutigen Sinne der Religionszugehörigkeit, sondern ebenfalls als Bezeichnung für ein Individuum mit gottergebener Haltung.

Wie kann man denn so werden, so muslim? Nun, nicht durch Geburt. Sicher sind nicht alle Menschen, deren Eltern muslim waren automatisch muslim. Dazu gehören der eigene Wille und Gottes Gnade. Nicht die Fokussierung auf Halal-Haram Regeln macht uns zu muslimischen Menschen, sondern ein Bewusstsein.

Als die Zeitgenossen Mohameds zum ersten Mal damit konfrontiert wurden, dass es eine andere Art des Zusammenlebens geben konnte als ihr Stammeswesen mit den ständigen Kämpfen (man schaue sich das Leben im damaligen Medina an), hatten sie viele Fragen dazu, wie man denn ausdrücken solle, dass man gottergeben ist. Viele Verse der Suren halfen ihnen, und gaben Antwort. In diesen Versen ging es häufig um Schutz – Schutz vor Armut und Ausbeutung. Waisen sollen geschützt werden, Frauen sollen erben können oder im Falle der Scheidung versorgt sein, Sozialsteuern sollten gezahlt werden (Zakat), Wucherzins sollte nicht erhoben werden, usw. Weiterhin ging es darum, immer daran zu denken, dass das Gute eine Gnade darstellt, keine Selbstverständlichkeit und keine eigene Errungenschaft. Allah entscheidet, wen er rechtleitet.

Das alles bedeutet aber: An erster Stelle steht damit der Wunsch muslim zu sein – dankend und ehrerbietend, gerecht in den Gedanken und Handlungen, selbstlos und unarrogant, tugendhaft, barmherzig und verantwortungsbewusst. Wer diese innere Haltung angenommen hat, wird danach streben, sie im Alltag umzusetzen. Kann man dies für sich beantworten, so ist man muslim.

Im Umkehrschluss ist man nicht muslim, wenn man andere verspottet, Schlechtes über sie spricht, ihnen gar Ungutes an den Hals wünscht, sie ausnutzt oder Gott gegenüber undankbar ist; seine Verantwortung gegenüber der Schöpfung nicht wahrnimmt und sich so vor dem Tag des jüngsten Gerichts nicht korrekt verantworten kann; denn hierdurch zeigt man eine Haltung, die mit der Liebe und Ehrerbietung gegenüber Gott nicht vereinbar ist. Dies zu erkennen brauchen wir keine Haramregeln. Als muslim macht es daher übrigens gleich in mehrfacher Hinsicht keinen Sinn, über andere Religionen herzuziehen, oder ihre Anhänger gar zu verspotten.

In Sure 2:177 lesen wir: „Wahre Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder nach Westen wendet – sondern wahrhaft fromm ist, wer an Gott glaubt und den Letzten Tag und die Egel und Offenbarung und die Propheten, und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es auch wertschätzen mag – für seine nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft; und beständig das Gebet verrichtet und die reinigenden Abgaben entrichtet; und wahrhaft fromm sind diejenigen, die ihre Versprechen halten, wann immer sie etwas versprechen und geduldig im Missgeschick sind, und in Härte und in Zeiten der Gefahr; es sind sie, die sich als wahrhaft erwiesen haben; und es sind sie, die sich Gottes bewusst sind.“

Hier wird ganz deutlich, dass Inhalt vor Form kommt. Die Gebetsrichtung, und damit die Form des Gebets, sowie auch die Form der Glaubensausübung schlechthin, treten hinter den Inhalt zurück. Im Vordergrund stehen zunächst der Glaube und dann die aus dem Glauben resultierenden Handlungen der Nächstenliebe sowie letztendlich die Geduld und Beständigkeit. Wer muslim ist, fühlt sich durch den Glauben an einen liebenden, barmherzigen Gott dazu bewegt, gleichermaßen liebevoll und barmherzig mit seinen Mitmenschen umzugehen. Daraus ergeben sich insbesondere die finanzielle Versorgung und die Befreiung aller Menschen aus der Knechtschaft. Was dies für uns in der modernen Welt bedeutet, bedarf einer ehrlichen Selbstreflexion, sowohl hinsichtlich individueller als auch gesellschaftlicher Aspekte. Auch die Partnerschaft wird natürlich davon berührt, die Erziehung der Kinder, das Verhältnis zu den Eltern, die Akzeptanz anderer Lebensweisen und vieles mehr.

Der Islam als „Religion“ ist eine Schaffung der menschlichen Gesellschaft, die das Bedürfnis zu haben scheint, Dinge in Kategorien zu pressen, um sie handhabbar zu machen. Als Religion steht der Islam mit dem Judentum und dem Christentum in enger Beziehung, aber unterscheidet sich durch bestimmte Regeln. Religion bedeutet stets ein Regelwerk im Sinne einer Hilfestellung zum gottgefälligen Leben. Dies dient vor allem der Schaffung eines Gefühls der Gruppenzugehörigkeit und der Kommunizierbarkeit von Glauben und hat viel mit Alltagshandlungen zu tun. Unter Praktizierenden der Religion „Islam“ hat im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Einigung stattgefunden, dass bestimmte Praktiken besser sind als andere (Ikhtilaf). Wie weit der Rahmen gern gesehener Handlungen gesteckt ist, ist ort- und zeitabhängig. Jedes Land hat sein eigenes Verständnis davon, welche Handlungen akzeptabel sind, und welche nicht. So sehr man auch meint, hier bestünde überkultureller Konsens, sind die Ausübungen der Religion doch auch kulturell geprägt. Darin liegt nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil wird die Religion auf diese Weise als sinnhaft empfunden, kann sie das Verhalten in allen Lebensbereichen, aber auch einfach das Lebensgefühl, positiv beeinflussen. Dadurch können kulturelle Praktiken durch die Religion hinterfragt werden und umgekehrt. Nicht der wahre Islam wird hierbei hinterfragt, sondern Ausdrucksformen der Religion, so dass ein ständiger Abgleich des Denkens und Handelns mit dem Koran stattfindet.

Wer den wahren Islam sucht, muss dies jenseits der Worte tun, mit seinem Herzen, in Dankbarkeit und Ehrfurcht. In jedem Fall ist der wahre Islam das Barmherzige, Liebevolle, Gnädige, Hoffende, Vergebende, zuzeiten sich Disziplinierende und zugleich Freiheitliebende. Gott ist der Schöpfer all dessen, was geschaffen ist. Er ist ist das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm gleich. Ihm allein dienen wir, indem wir zu ihm beten und mit seiner Schöpfung achtsam umgehen. Wer auf einen guten Weg geleitet werden möchte, wird durch Gottes Gnade darauf geführt. Er oder sie kann darum bitten, und Gott ist barmherzig und allvergebend. Die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit führt zum Erstreben einer gerechten Gesellschaft und damit zu Handlungen, die Gott und den Nächsten wertschätzen. Wer Muslim im Sinne der islamischen Religion werden möchte, spricht aus, dass er dazu gehören mag, indem er oder sie die Schahada spricht, also bezeugt, dass es nur einen einzigen Gott gibt und Mohamed sein Prophet ist. Damit werden auch die fünf Säulen des Islam anerkannt sowie die Prinzipien des Glaubens. Dies kann natürlich auch in unserer Moschee geschehen. Wenn Sie konvertieren möchten, sind Sie herzlich eingeladen, dies in der Ibn Rushd-Goethe Moschee zu tun.

Copy Cats – Genau so soll es sein

Copy Cats – Genau so soll es sein

Skeeze

Vor einigen Jahren steckte ich in der verwirrendsten und anstrengendsten Phase meines Berufslebens, dem damals zweijährigen Referendariat für den Schuldienst. Während dieser Zeit musste man in so genannten Lehrproben, oder Vorführstunden, immer wieder unter Beweis stellen, dass der eigene Unterricht auf strukturierte, innovative und humorvolle Weise zur Kompetenzerweiterung der Schülerinnen und Schüler führte. Die Vorbereitung solcher Lehrproben dauerte – man glaubt es kaum – manchmal zwei, drei, vier Wochen. Als nun mal wieder so eine Lehrprobe anstand, arbeitete ich noch die ganze davorliegende Nacht daran, verwarf, verbesserte, schrieb die Pläne neu usw., nur um am Morgen festzustellen, dass die Stunde schrecklich werden würde. Schamvoll über meine eigene Unfähigkeit rief ich meinen Seminarleiter an und sagte ihm genau das. Es täte mir leid, und ich hoffe, er sei noch nicht von zu Hause losgefahren, aber die Stunde würde nicht rund werden, und die Schüler würden sich sicherlich dabei langweilen. Die Antwort des Seminarleiters war: „Frau Dawi, danke, dass sie absagen. Genau so soll es sein.“ Der Satz bewirkte sofortige Erleichterung, und nach all den Jahren empfinde ich immernoch Dankbarkeit dafür.

Einige Monate später kam in der Schule, in der ich nun arbeitete, ein Kind mit irgendeiner ähnlichen Offenbarung auf mich zu. Ich erinnere mich nicht mehr daran, worum es dabei ging; vielleicht hatte es die Hausaufgaben schon wieder einmal vergessen, ein Referat nicht rechtzeitig vorbereitet… Das Kind erinnert sich bestimmt genauer daran. Meine Antwort war: „Danke, dass du bescheid sagst. Genau so soll es sein“.

Im selben Moment, in dem ich ihn aussprach, wusste ich, woher der Satz kam. Ja, ich hatte ihn in einer ganz ähnlichen Situation genau so selbst gehört und nun wörtlich weitergegeben. Auf Englisch nennt man das, was wir in so einem Fall sind „Copy Cats“. Das sind keine „Kopierkatzen“, sondern Menschen, die anderen etwas nachmachen, sie kopieren. In meiner derzeitigen, zweisprachigen, Schule sagen meine Schülerinnen und Schüler manchmal „Susie, she’s a copy cat“. Meine eigenen Kinder sagten dazu früher: „Nachmacher Hosenkacker“.

Menschen sind in der Tat Nachmacher, im Guten wie im Schlechten. Es lohnt sich daher, achtsam mit unseren Worten und Handlungen umzugehen. Sie tragen sich viel weiter hinaus, als wir absehen können. Man kan gerne behaupten: „Sagst du etwas zu einem einzigen Menschen, sagst du es zur ganzen Welt“; denn wird es von jedem Menschen, der es hört, nur ein einziges Mal wieder gesagt wird, so sind es bald Hunderte, die diesen Satz gesagt haben. Wer weiß, wo er ursprünglich einmal herkam. Als trüge der Wind sie mit sich fort und fort, unsere Wörter. Sie landen in den Tiroler Alpen und in der Sahara, um sich von dort wieder auf den Weg zurück zu machen, wo sie einmal hergekommen sind. So reisen und vermehren sie sich, und richten dies oder jenes an.

Sollte es da etwa keinen Unterschied machen, ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist, was wir sagen?

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Paid forward ist ein Begriff für ein ganz ähnliches Szenario.

Bei einer Fortbildung in Amsterdam saßen wir Lehrerinnen und Lehrer ewig und drei Tage in interessanten aber auch ermüdenden Seminaren. Es gab Kaffee – wenn man nicht leider sein Portemonnaie bei der Gastfamilie vergessen hätte. Während ich noch auf der Suche nach besagtem Portemonnaie in der Tasche kramte und etwas frustriert dreinschaute, kam eine fremde Frau auf mich zu und sagte mit vollkommener Selbstverständlichkeit, sie würde mich doch sehr gerne zu einer Tasse Kaffe einladen. Ich versicherte ihr dankend, dass ich ihr ebenso gerne am nächsten Tag das Geld hierfür wiedergeben würde; ihr freundlicher Blick verriet mir jedoch, dass sie darauf keinen Wert legte. Die Einladung war ihr ein Vergnügen. Mit dieser einen Tasse Kaffe sorgte sie dafür, dass in den anschließenden Wochen drei bedürftige Menschen auf der Straße und eine Kollegin Kaffee von mir bekamen. Ich hatte das ausgelegte Geld auf diese Weise zwar nicht der Frau zurück gegeben, die mir den Kaffee spendiert hatte, diese hatte ich ja nicht wieder getroffen, aber bezahlt hatte ich den Kaffee dennoch. An andere eben. Paid forward, vorwärts bezahlt, statt zurück. Man bekommt das ausgelegte, bezahlte Geld nicht zurück, aber gezahlt wird es schon– vorwärts nämlich, für andere, die dann sicherlich dasselbe tun. So reist er und vermehrt sich ganz von allein, gemeinsam mit unseren guten Worten – unser Besitz.

So wie es sich mit unseren Wörtern und unserem Besitz verhält, verhält es sich auch mit unseren Taten. Ein letztes Beispiel: Als ich mit meinem Sohn vor etwa zwanzig Jahren in Paris Urlaub machte, verließen wir die Stadt, um uns auf den Heimweg zu machen. Unser Geld hatten wir komplett ausgegeben und waren tatsächlich unterwegs mit kaum mehr als ein paar unwesentlichen Cent in der Tasche. Nicht für eine Cola hätte es gereicht, nicht für ein Stück Brot. An der Gare du Nord, dem Pariser Hauptbahnhof, stellten wir fest, dass wir zu spät gekommen waren, um mit unserem recht schweren Koffer und der großen Tasche noch rechtzeitig den Nachtzug nach Berlin zu erreichen. Damals hatten die Koffer noch keine Rollen. Man musste sie tragen und alle Koffer teilten die unangenehme Eigenschaft, mit jedem Schritt schwerer zu werden. Wir rannten so schnell es eben ging, krabbelten zur Zeitersparnis durch Absperrungen, warfen den Koffer darüber, schoben ihn darunter, stets beobachtet von Bahnhofsbeamten, die unsere Eile sahen und sich freundlicherweise jeden Kommentars enthielten. Plötzlich kam eine Frau, vielleicht 34 Jahre alt, mit ihrer etwa achtjährigen Tochter auf uns zu und sagte irgend etwas wie „vit, vit“ (schnell, schnell) nahm dann, schon wieder als wäre es vollkommen selbstverständlich, meinen Koffer und rannte mit meinem Sohn und mir zum Zug. Sie trug meinen Koffer den ganzen langen Weg, etwa zehn Minuten, bis zum Bahnsteig, den sie mühelos fand. Als wir oben am Bahnhof ankamen, pfiff der Zugfahrer zum Schließen der Türen, sah uns, und wartete noch einen Augenblick, damit wir einsteigen konnten. Wir sprangen in den Zug, letzter Wagon, letzte Tür, Koffer und Tasche wurden uns hinterhergereicht und fuhren los. Ohne diese Frau hätten mein Sohn und ich die Nacht ohne Wasser und Brot, frierend, hungrig und müde, auf einer Sitzbank des Bahnhofs verbracht. Es war alles so schnell gegangen, ich hatte mich nicht einmal bei der Frau bedanken können. Ich weiß nicht, wer sie war, und hätte keine Chance, sie zu finden. Doch habe ich so eine Ahnung, dass sie gar keinen Dank erwartete. Habe ich ihr dennoch zurückgegeben, was sie mir Gutes getan hat?

Ich glaube ja.

Denn Jahre später strandeten am Lageso in Berlin Nacht für Nacht Menschen auf der Flucht. Mit Koffern, ohne Koffern, vor allem mit Erschöpfung und Verzweiflung im Gepäck, manche nicht mehr in der Lage, auf ihre eigenen, noch ganz kleinen Kinder zu achten. Was ich dort sah, kann und darf ich nicht vergessen. Ein kleiner Exkurs: Eines der kleinen Kinder lief hinter der Mutter her wie eine Aufziehpuppe. Es war vielleicht gerade mal anderthalt, zwei Jahre alt und lief einfach. Kinder in diesem Alter werden normalerweise getragen oder sitzen in Kinderwagen. Diese Kind lief, und lief, und lief. Sein kleiner Geist war schon ausgeschaltet und es lief um zu überleben. Die Mutter hatte keine Kapazitäten mehr, weder körperlich noch seelisch, auf das Kind zu achten. Als sie schließlich in den Bus stieg, der sie zum Heim bringen sollte, konnte das kleine Kind die hohen Stufen nicht meistern. Wir hoben das Kind die Treppen hinauf und ich setzte es neben seine Mutter, zu der ich eindringlich sagte: „Das ist dein Kind“. Keiner von beiden zeigte die geringste emotionale Regung. Viele Dinge könnte ich erzählen. Nacht für Nacht fuhren wir Helfer und Helferinnen dort hin und organisierten gemeinsam Schlafplätze für viele, die sonst mit ihren Kindern ohne Wasser und Brot auf der Straße übernachtet hätten. Statt selbst zu schlafen und uns für den nächsten Arbeitstag auszuruhen fuhren wir um 1,2,3 Uhr nachts in Unterkünfte oder nahm die Menschen zu uns nach Hause, bis sie einen geeigneteren Ort fanden. Einer dieser Menschen, ein Mann aus dem Irak, wurde der Ehemann meiner Tochter. Ein anderer, ein Mann aus Syrien, ist mein liebster Freund. Ohne diesen wäre ich heute nicht hier, hätte es heute nicht diesen Adhan gegeben, nicht diese Khutba. Und dies alles, weil mir damals ein Koffer getragen wurde, wofür ich unvergessen dankbar bin.

Uns wird ein Koffer getragen, wir können uns nicht dafür bedanken, und tragen deshalb anderer Leute Koffer. Das Schicksal ruft immer nach Ausgleich. Auf jedes Bitte folgt ein Danke. Wird uns etwas gegeben, so möchten wir zurückgeben. Wenn das nicht geht, oder nicht passt, geben wir weiter. Es ist wie bei einer Waage, die stets ausgeglichen sein möchte.

Unsere Dankbarkeit manifestiert sich in Güte für andere und breitet sich aus in der Welt. Dabei sorgt das Gute für Hoffnung. Denn wenn wir selber Gutes sagen, tun, oder fühlen, können wir davon ausgehen, dass in Zeiten, in denen unsere Kinder, Partner, Eltern auf das Gute angewiesen sind, jemand da sein wird, der auch ihnen hilft. Wenn wir selber Gutes tun, gibt es die Hoffnung, dass auch uns später, wenn wir alt und müde sind, jemand die Hand reicht.

Das Gute kommt zu uns zurück, nicht, weil wir es einfordern, sondern aus einer gewissen Logik heraus. Das Gesetz der Energie sagt, dass auf der Erde immer dieselbe Menge an Energie vorhanden ist. Sie verändert lediglich ihre Form. So ist auch das Gute mal eine Geste, mal ein Wort, mal eine Handlung. Wobei ich persönlich die Erfahrung gemacht habe, dass man recht genau das erntet, was man sät.

In Sure 2:177 lesen wir

„…wahrhaft fromm ist, wer … sein Vermögen ausgibt – wie sehr er selbst es auch wertschätzen mag – für seine nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und die Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

In Sure 2:161 – 263 lesen wir

„Das Gleichnis derjenigen, die ihre Besitztümer um Gottes Willen ausgeben, ist wie das eines Kornes, aus dem sieben Ähren wachsen. In jeder Ähre hundert Körner, denn Gott gewährt vielfache Vermehrung, wem er will; und Gott ist unendlich, allwissend.

Diejenigen, die ihre Besitztümer ausgeben um Gottes willen und danach ihre Ausgaben nicht beeinträchtigen durch Betonen ihrer eigenen Wohltätigkeit und Verletzen der Gefühle der Bedürftigen, werden ihren Lohn bei ihrem Erhalter haben, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein. Ein gütiges Wort und das Verdecken eines Mangels eines anderen sind besser als eine milde Tat gefolgt von Verletzung; und Gott ist selbstgenügend, nachsichtig.“

Nicht alles, was wir hören oder erleben, ist gut. Manchmal widerfahren uns Dinge, die wir als mühselig, oder gar als schlecht oder ungerecht interpretieren. Das Dumme ist, damit verhält es sich genauso, wie mit den guten Dingen.

Auch das Schlechte trägt sich fort. Beispiele für schlechte Geschichten erzähle ich daher heute nicht. Einmal gehört, bleibt das Negative in unserem Ohr und arbeitet in unserem Gehirn. Es wartet dort nur so gespannt auf den Moment, an dem es herausspringen kann. Zeitgenössische Psychologen sagen, man solle die negativen Geschehnisse unseres Lebens nicht verdrängen, sondern fühlen, auch wenn sie weh tun, denn sie sind ja da. Außer besonders schwere Traumata übrigens, bei denen die vorübergehende, teils jahrelange Verdrängung tatsächlich notwendig sein kann, um den Alltag zu meistern. Doch es gibt ja noch viele andere negative Dinge, die um uns und mit uns geschehen. Drängt man sie weg, sind sie wie so eine kleine Drehdose in der sich ein Clown befindet. Man dreht und dreht und dreht an der kleinen Winde, und es passiert lange Zeit gar nichts. Dann plötzlich, wenn man einmal mehr dreht, springt der Clown heraus. Nach all den vielen Drehungen ist es die kleine einzige Drehung, nur die halbe manchmal, die den Clown zum Springen bringt. Alles läuft seinen guten Weg, es gibt vielleicht einen kleinen Ärger hier, ein kleines Leiden da, doch dann wird uns ein weiteres kleines Leid zugefügt, gleichsam noch einer Drehung an der kleinen Winde, und der Ärger bricht sich Bahn. Wenn wir Pech haben, vernichten wir dabei alles, was sich uns in den Weg stellt.

Was tun wir dann mit dem, das uns gesagt wurde, oder getan? Meist laufen wir zu Freunden und Verwandten, um unseren Unmut verbal zu verbreiten und meinen, das Schlechte so aus uns herauszulassen. So verbreiten wir es in unserer Umwelt, wo es sich weiter verbreitet. Was wir einmal gesagt haben, wird von hundert Anderen wieder gesagt. Statt sich aber nun wenigstens in unserem Inneren aufzulösen, bleibt es dort erhalten. Nun befindet es sich an zwei Orten zugleich – drinnen und draußen. Nein, es muss eine bessere Lösung geben, mit dem Schlechten umzugehen! Eine effektivere, sozialverträglichere.

Muslim sein (muslim als Adjektiv) bedeutet unter anderem, Mäßigung zu erlernen. Dazu gehört auch die Mäßigung des Zorns, der Selbstgerechtigkeit, oder des Stolzes. Aber wie wandelt man Schlechtes in Gutes um, oder neutralisiert es zumindest?

Meist antworte ich mit „Atmen“ – und erkläre gerne, wie genau man atmen kann, um sich zu beruhigen, seine innere Kraft wieder zu finden. Doch habe ich in einer englischsprachigen Fortbildung kürzlich einen Satz gehört, den ich hier weitergeben möchte:

„Don’t jump on that thought bus“. Spring nicht auf diesen Gedankenbus. Ich erkläre das nun doch anhand eines Beispiels.

Eine Frau sagt zu Freundinnen: „Mein Freund kommt zu jeder Verabredung unpünktlich“ und bekommt von irgend jemandem die Antwort: „Das ist doch immer so bei den Kerlen. Wenn sie unpünktlich sind, zeigt das, dass sie nicht wirklich Interesse haben“.

Das sitzt! Von diesem Moment an bemerkt die Frau nicht nur jede Unpünktlichkeit ihres Partners, sondern sie bewertet auch alle anderen seiner Handlungen danach, ob der Partner damit Interesse an ihr zeigt oder nicht. Das macht die Partnerschaft nicht gerade entspannter.

„Don’t jump on that thought bus“ – will heißen: spring nicht auf den Bus, mit dem deine Freundin da gerade unterwegs ist. Bleib bei deinem eigenen Bus. Fahre deinen eigenen Weg, und lass es einen guten Weg sein. Sätze treffen uns emotional immer dann besonders, wenn wir sowieso gerade in diesen Bus einsteigen wollte. Just in diesem Moment rast jemand an einem vorbei und hält uns dabei die Tür weit auf. Aber deshalb müssen wir noch lange nicht aufspringen. – Ja, ich sehe deinen Bus. Ich habe überlegt, ob er mich zu meinem Ziel bringt. Aber es ist der falsche Bus. Ich brauche einen anderen –

„Don’t jump on that thought bus.“

Das Leben erfordert unendlich viel Geduld. Nicht einmal die Propheten trugen stets ausreichend Geduld in sich. Zum Abschluss möchte ich die Geschichte von Moses und dem weisen Mann erzählen, in der es darum geht, dass wir nicht immer verstehen, was gut und was schlecht ist. Es ist eine allegorische Erzählung, für die wir in unserer Lebenswirklichkeit sicherlich Beispiele finden können. Die Geschichte will uns Zuversicht geben und uns helfen, geduldig zu bleiben, und nicht auf jeden Bus aufzuspringen.

Für die Leser der Khutba sage ich bereits vor der Geschichte: Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Woche; und ich wünsche uns allen, dass wir die guten von den schlechten Dingen unterscheiden können, dass wir uns dort, wo uns Unschönes begegnet, in Mäßigung üben, und dort, wo uns Gutes widerfährt, es freimütig weitergeben, so dass es sich ausbreiten kann.

Genau so soll es sein.

Nun die Geschichte aus der achtzehnten Sure des Koran.

Sure Al Khaf, die Höhle

Moses kam zu einem Mann, der im Koran als ein weiser und barmherziger Diener Gottes beschrieben wird.

Moses sagte zu ihm: „Darf ich dir folgen, auf daß du mich über das rechte Handeln belehrest, wie du gelehrt worden bist?“

Er sagte: „Du vermagst nimmer bei mir in Geduld auszuharren.

Und wie könntest du bei Dingen geduldig sein, von denen dir keine Kunde gegeben worden ist?“

Er sagte: „Du wirst mich, so Allah will, geduldig finden, und ich werde gegen keinen deiner Befehle ungehorsam sein.“

Er sagte: „Nun gut. Wenn du mir folgen willst, so frage mich nach nichts, bis ich es dir von selbst erkläre.“

So machten sich beide auf den Weg, bis sie in ein Schiff stiegen, in das er ein Loch schlug. Er (Moses) sagte: „Schlugst du ein Loch hinein, um seine Mannschaft zu ertränken? Wahrlich, du hast etwas Schreckliches begangen!“

Er sagte: „Habe ich nicht gesagt, du würdest es nimmer fertigbringen, bei mir in Geduld auszuharren?“

Er (Moses) sagte: „Stelle mich nicht meines Vergessens wegen zur Rede, und sei deswegen nicht streng mit mir.“

So zogen sie weiter, bis sie einen Jüngling trafen, den er erschlug. Er (Moses) sagte: „Hast du einen unschuldigen Menschen erschlagen, ohne daß (er) einen anderen (erschlagen hätte)? Wahrlich, du hast etwas Verabscheuliches getan!“

Er sagte: „Habe ich dir nicht gesagt, du würdest es nimmer fertigbringen, bei mir in Geduld auszuharren?“

Er (Moses) sagte: „Wenn ich dich nochmal nach etwas frage, so begleite mich nicht weiter; von mir aus wärst du dann entschuldigt.“

So zogen sie weiter, bis sie bei den Bewohnern einer Stadt ankamen und von ihnen Gastfreundschaft erbaten; diese aber weigerten sich, sie zu bewirten. Nun fanden sie dort eine Mauer, die einzustürzen drohte, und er richtete sie auf. Er (Moses) sagte: „Wenn du es gewollt hättest, hättest du einen Arbeitslohn dafür erhalten können.“

Er sagte: „Dies führt zur Trennung zwischen mir und dir. Doch will ich dir die Bedeutung von dem sagen, was du nicht in Geduld zu ertragen vermochtest.

Was das Schiff anbelangt, so gehörte es armen Leuten, die auf dem Meer arbeiteten, und ich wollte es beschädigen; denn hinter ihnen war ein König, der jedes Schiff beschlagnahmte.

Und was den Jüngling anbelangt, so waren seine Eltern Gläubige, und wir fürchteten, er könnte Schmach durch Widersetzlichkeit und Unglauben über sie bringen.

So wollten wir, daß ihr Herr ihnen zum Tausch (ein Kind) gebe, das redlicher als dieses und anhänglicher wäre.

Und was nun die Mauer anbelangt, so gehörte sie zwei Waisenknaben in der Stadt, und darunter lag ein Schatz für sie (verborgen), und ihr Vater war ein rechtschaffener Mann gewesen; so wünschte dein Herr, daß sie ihre Volljährigkeit erreichen und ihren Schatz heben mögen – als eine Barmherzigkeit deines Herrn; und ich tat es nicht aus eigenem Ermessen. Das ist die Bedeutung dessen, was du nicht in Geduld zu ertragen vermochtest.“

الله معكم

Tim Marshall

Ethik und Moral

Ethik und Moral

Tim Marshall
Tim Marshall

In unserer Gesellschaft sprechen wir oft von Ethik und Moral. Aber oft haben wir nur eine ziemlich schwammige Erklärung für beide Begriffe.

Vom griechischen Wort ethos: Gewohnheit, Sitte Brauch, stammt der Ausdruck Ethik. Aristoteles meinte damit eine eigenständige philosophische Disziplin und stellte die Ethik neben Logik, Physik und Metaphysik. Moral kommt aus dem Lateinischen mores und bedeutet so viel wie Sitten, Gewohnheiten, Charakter als Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.

Was bedeuten beide genau? Ethik und Moral sind zwei Begriffe, die oftmals gleichbedeutend verwendet werden, jedoch begrifflich voneinander unterschieden werden müssen. Moral ist ein soziales Phänomen, das auf der gemeinsamen Anerkennung von Normen und Werten gründet, die als verbindlich gesetzt werden. Genauer gesagt: Moral bezeichnet den in einer bestimmten Gruppierung, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorfindbaren Komplex an Wertvorstellungen, Normen und Regeln des menschlichen Handelns und gründet auf der gemeinsamen Anerkennung verbindlich gesetzter Normen und Werte. Ethik ist das, was zum allgemeinen Prinzip erklärt werden kann, d.h. Ethik beschäftigt sich mit der Theorie der Moral. Somit ist Ethik die Wissenschaft der Moral.

Es gibt viele Moralvorstellungen wie z.B. religiöse, politische oder gerechte Vorstellungen, die nebeneinander bestehen, die unter dem Dach der Ethik stehen. Man kann das z. B. mit einer Pflanzenvielfalt auf der Erde vergleichen, Sie alle gehören zum Oberbegriff Botanik.

Verallgemeinert ist Moral die praktische Anwendung der Ethik. Eine moralische Handlung ist somit jene Handlung, die von allen Menschen in einer bestimmten Gruppierung oder Gesellschaft als richtig oder annehmbar angesehen wird. Ethik steht somit über die Moral und sollte eigentlich für ganze Völkerschaften gelten. Aber ist es wirklich so?

Das arabische Wort akhlaq wird meistens mit islamischer Ethik übersetzt. Es bezeichnet aber eher die Lehre von den Charaktereigenschaften des Menschen.

Moral ist also ein Normensystem, das versucht, richtiges Handeln zu beschreiben und wird somit auch für alle in einer bestimmten Gesellschaft oder Gruppierung gültig z.B. auch für Religionen. Und das Normensystem kann durch Prinzipien, Werte klar definiert werden. Auch wir als kleine Moschee setzen bestimmte Werte, die uns eben zu dieser Moschee machen.

Das erste Normensystem, das aufgeschrieben wurde, waren die 10 Gebote, die Moses in Stein gehauen erhalten hatte, ein Wertekatalog, das zu einem ethischen Verhalten der Menschen damals (und auch bis heute) führen sollte.

Im Islam ist der Koran die erste Quelle für ethische Normen. Daneben werden die Handlungen des Propheten Muhammad (Friede und Gottes Segen auf ihn) als religiöse Gebote angesehen.

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte ab dem 8. Jahrhundert durch Übersetzungstätigkeiten und weiterführenden Arbeiten der Philosophen und Wissenschaftler in die islamischen Zentren wie dem Haus der Wissenschaft und später meines Erachtens mit verfeinerten Normen in das maurische Andalusien. Hier seien die beiden Philosophen Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) genannt.

Ging es in der antiken und mittelalterlichen Ethik noch darum, begründete Aussagen über das menschliche Handeln zu leisten, die sich von einem gemeinsamen Guten herleiten lassen, steht in der Neuzeit die Frage im Vordergrund, wie Konflikte gerecht geregelt werden können, die aufgrund von einer vorhandenen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Anschauungen, Meinungen oder Werte entstehen und die alle miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren, zumindest sollte es so ein. In wie vielen Ländern gilt immer noch nur eine Meinung: die der Herrschenden, alles andere wird irgendwie unterdrückt.

Da eine Religion den Menschen anspricht und Ethik, natürlich neben Glaube und Gebet, der hauptsächliche Bereich der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache jedes gläubigen Menschen.

Die Ethik des Menschen zu formen, ihr mehr Gewicht zu geben und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten – darauf kommt es in unserer Zeit an. Denn genau darauf bezieht sich der Koran. Aber auch die Hadithe enthalten oder ergänzen diese Aussagen wie z. B. der Ausspruch des Propheten: „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten, also die Moral, auch Tugend) zu vervollkommnen.“

Es kommt nicht nur darauf an, das Vorhandene durch gänzlich Neues zu ersetzen, sondern das Vorhandene zu verbessern, verfeinern und zu optimieren. Es bedeutet, an Vergessenes sich neu zu orientieren, das bestehende Gutes zu bestätigen, sich an geänderte Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine riesengroße Aufgabe zu jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation, bis heute.

Schon in der ersten Sure finden wir es: Der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg: ‚Sirat-i Mustakim‘. Da steht: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast…“ Es ist als ein Grundsatz des Lebens zu verstehen, den richtigen Weg durch richtiges Verhalten und Benehmen zu beschreiten, Er besagt aber auch, dass es dem Menschen selbst mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht ohne Gottes Führung und Gnade nicht gelingt, an sein Endziel zu gelangen.

Im Koran finden wir einige Ideale zu einem guten Verhalten:

Recht und Gerechtigkeit: Die Gemeinschaft, nicht ein Einzelner oder eine Gruppe von Machtinhabern, bestimmt den Normenkatalog des Rechts. Hieraus lässt sich Gerechtigkeit und Gleichheit ableiten.

Das Streben nach Tugend: das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

Das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe: das bedeutet Solidarität und Zusammenhalt.

Die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit: Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen

Vervollkommnung in der Verantwortung: Humanität, also die Würde und Rechte jedes Menschen anerkennen und seine geistige Vervollkommnung voranzutreiben.

Alle diese Prinzipien finden wir auch in Sure 2:213: Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins aber waren nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die gläubig sind, zur Wahrheit, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.

Oder in Sure 3:17: Die Geduldigen und die Wahrhaften und die Andachtsvollen und die Spendenden und diejenigen, die um Vergebung bitten in der Morgendämmerung.

Viele Stellen im Koran sprechen über einen „guten Charakter“, der zur Glückseligkeit und Zufriedenheit führt. Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht mit der jedem Menschen mitgegebenen Natur des Menschen, sein „Ich“. Im Islam bezeichnen wir es als Fitra und bedeutet,dass die Natur des Menschen eine dem Menschen angeborene Eigenschaft bzw. Fähigkeit ist. Für den Menschen gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen.

Die monotheistischen Religionen betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „das, was du von deinem Nachbarn erwartest, erwartet er von dir auch“ ein gemeinsames sinnvolles und vernünftiges Fundament gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale, Vernunft betreffende Basis besitzt. Oder anders gesagt: Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“.

Gott sagt im Koran über den Propheten Muhamad, Friede und Segen Gottes auf ihn,: „Wahrlich, Du bist von gewaltigem Charakter“ (Sure Al-Qalam, Vers 4).

Anas ibn Malik sagte: „Der Gesandte Allahs, hatte den besten Charakter von allen Menschen.“

Es gibt viele weitere Aussagen vom Propheten, die die Bedeutung des guten Charakters hervorheben: Sie zielen darauf hin, dass es nichts gibt, was am Jüngsten Tag schwerer in der Waage wiegt als guter Charakter. Er sagte auch: „Die besten unter euch im Islam sind die besten im Charakter, wenn sie Verständnis von Din besitzen.“ Das Wort „ad-Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und dementsprechend auch das Handeln. Es bezieht sich aber nicht nur auf das persönliche Leben eines Menschen, es erstreckt sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft als Ganzes. So ist diese Bezeichnung nicht nur auf die Lebensart einer bestimmten Gebietes beschränkt, oder auf eine bestimmten geschichtlichen Zeit, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten. Dennoch erhebt der Koran keinen Anspruch darauf, der einzige richtige Weg zu sein. Und viele ihrer Vertreter haben auch nicht das Recht dazu.

Die Kenntnis von der Moral, der Ethik und den Verhaltensweisen aller Propheten sind von großem Nutzen für uns und eine Hilfe darin, uns an ihnen ein Vorbild zu nehmen.

Zum guten Charakter zählen unter anderem Großzügigkeit, Wohltätigkeit, Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Aufrichtigkeit, Abmachungen einzuhalten, Gottesfürchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Korrektheit, Gerechtigkeit, gut zu seinen Frauen zu sein, keine üble Nachrede zu begehen, seine Zunge und seine Genitalien zu unter Kontrolle zu halten, keine rohe oder obszöne Sprache zu gebrauchen, nicht arrogant zu sein, nicht zu lügen, nicht verschwenderisch zu sein, nicht angeberisch zu sein, das zu lassen, was einen nichts angeht, den Nachbarn zu schützen, sich von Begierden zu enthalten, nicht aufbrausend zu sein.

Das angestrebte Lebensziel des Menschen ist, was sein gutes Verhalten in seinen Taten zum Ausdruck bringt und seinem Geist einen Weg weist, von dem er nicht abweicht, wenn er eine Tat ausübt, um diesem Ziel näher zu kommen. Und da es zum Wesen des Islams gehört, alle Bereiche des Lebens zu erfassen, hat dieser den Horizont des guten Verhaltens für das Leben erweitert und für jede nur erdenkbare Handlung einen positiven Wert verzeichnet, der dessen Ziel und Zweck widerspiegelt.

Im Koran legt Gott Seinen Wunsch nach der Gemeinschaft mit den Menschen schon im Diesseits als Sein Hauptanliegen dar. Aber Gott zwingt auch niemanden, in seine Gemeinschaft einzutreten. Der Mensch kann in Freiheit sich für Gott entscheiden oder dagegen. Er wird deswegen nicht zornig. Gott lädt den Menschen jedoch ein und wirbt für eine Gemeinschaft Mensch mit Gott. Gott geht es nicht darum, den Menschen mitzuteilen, was sie wann zu tun haben, wie sie gut handeln sollen, welche guten Eigenschaften sie entwickeln sollen, sondern darum, warum sie gut handeln sollen, um einen guten Charakter zu entwickeln. Er sagt nicht einfach: Tue das! Er fordert sie auf: Denk nach! Wenn du von jemandem etwas Gutes erwartet, dann musst du ihm etwas Gleichwertiges oder noch Besseres zurückgeben.

Am 14. Juli 1789 begann in Paris eine neue Ära mit der Erstürmung der Bastille. Unter der Parole Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit wurden die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft abgeschafft. Das sind ethische Prinzipien. Diese Erklärung allgemeiner Menschenrechte bilden bis heute in einer veränderten Form die Grundlage der Verfassungen der meisten Staaten und auch der Vereinten Nationen. Wenn ich jeden Einzelnen von euch nach diesen drei Schlagwörtern fragen würde, dann würde ich sicherlich einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Moralnormen erhalten. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, wo gelten sie wirklich noch, in China bei den Uiguren, in Jemen oder galten sie bei der Vertreibung der Rohingya? Darüber sollte man nachdenken.

 

Gott spricht kein Arabisch

Gott spricht kein Arabisch

In letzter Zeit wurde gestritten, ob es einen deutschen Islam gibt. Nun betont sogar der Zentralrat der Muslime und an seiner Spitze sein Vorsitzender Aiman Mazyek mit vor stolz geschwellter Brust: „Selbstverständlich gebe es einen Islam deutscher oder europäischer Prägung.“ Aber irgendwie habe ich das nicht so richtig verstanden. Warum plötzlich diese Kehrtwendung. Es fehlte mir eine echte und tiefe Begründung, wie so ein Islam deutscher Prägung aussehen könnte. Dennoch klammern sie sich hartnäckig daran, dass es nur einen ‚arabischen‘ Koran geben kann, nur in arabischer Sprache vorgetragen? Gleich vorweggenommen: „Ich trage ihn ja auch bei einem Gebet in Arabisch vor, aber dazu komme ich noch.“

Die einen sagen, weil der originale Text des Korans auf Arabisch verkündet worden ist, so ist auch dieser Wortlaut nur in Arabisch authentisch, ganz einfach! Auch wenn einiges von Nichtarabern nicht gleich verstanden oder gar nicht verstanden wird, so muss er ihn dennoch einfach so nehmen, wie er ist. Entweder lernt man Arabisch, wenn man wirklich den Koran verstehen will oder man nimmt eine Übersetzung. Basta!

Aber verstehen denn die Arabischsprechenden wirklich, was sie da lesen? Denken sie über jedes einzelne Wort und dessen Bedeutung nach, besonders in seiner historischen Bedeutung? Oder nehmen sie für sich nur die Erklärung ihrer Imame an?

Die Botschaft von Gott ist universell und für alle Menschen gültig, sie wird in Arabisch ausgedrückt, weil Gott die Sprache der Menschen berücksichtigt, zu denen Er Seine Botschafter schickt. Gott sagt sinngemäß, wie Sure 16, Vers 36 aussagt, dass Er in jede Gemeinschaft einen Gesandten mit Seiner Botschaft geschickt hat. Das bedeutet, dass jede Gemeinschaft oder Volk ihre eigene Sprache besaß und damit war auch die Botschaft in ihrer Sprache. Aber bestimmt sprachen sie kein Arabisch.

Die Botschaften, die wir kennen, waren an die Juden in Hebräisch gerichtet, die Botschaft an die Araber musste demnach in Arabisch sein. Auch wenn Gott diese letzte Botschaft an alle Menschen geschickt hat, bedeutet das nicht, dass nun alle Leute Arabisch sprechen müssen oder diese Sprache lernen müssen, um das zu verstehen, worüber Gott zu den Menschen gesprochen hat und was Seine Rede zu bedeuten hat.

Es war einfach nur die letzte Botschaft, galt aber für alle Menschen, unabhängig von Ort und für alle Zeit. Der Koran ist zwar eine historische Tatsache von göttlichem Ursprung, aber seine Interpretation kann nur menschlich sein.

Das bedeutet, es gibt eine große Vielfalt von Interpretation, denn jedes Volk würde es auf ihre Lebensumstände und in ihre Geschichte hinein beziehen. Das bedeutet für mich: Der Koran kann nur im historischen, kulturellen und auch sprachlichen Kontext entschlüsselt werden, zu jeder Zeit muss er immer wieder neu gedeutet werden. Und das Neudeuten kann nur in derjenigen Sprache geschehen, die gesprochen wird.

Abu Zaid sagt das in seinem Buch „Gottes Menschenwort“ so: ‚Der Koran, den wir lesen und interpretieren, ist keinesfalls mit dem ewigen Wort Gottes identisch. Der Koran ist seine Botschaft an die Menschen. Eine Botschaft stellt eine kommunikative Verbindung zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels eines Codes her. Die Analyse des kulturhistorischen Kontexts des Koran ist der einzige Zugang zur Entdeckung der Botschaft. Somit ist der Koran ein kulturelles Produkt. Die Menschen verstanden den Islam in ihren Lebensumständen. Und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft.‘

Und da jedes Volk seine eigene Kultur hat, benötigt es meines Erachtens sein eigenes kulturelles Verständnis, das heißt auch in seinem sprachlichen Verstehen.

Aber lassen wir noch jemand anderes sprechen: Lale Akgün.

„Es geht also darum, ‚den Geist hinter den Buchstaben zu finden‘, die allgemeinen Prinzipien. Wie die Menschen diese Prinzipien umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Für die Offenbarungen Gottes ist aber nicht eine bestimmte Sprache entscheidend, sondern es sind die inhaltlichen Botschaften. Deshalb darf keine einzige irdische Sprache ein Monopol auf die Inhalte haben. Der Koran kann, nein, er muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden. Gerade das Verbot, sich des Korans in einer anderen als der arabischen Sprache zu bedienen, erweitert die Macht derjenigen, die die Religion für sich instrumentalisieren wollen.

Aber es geht nicht nur um die Übersetzungen. Die Gläubigen sollen die Schriften offen angehen, sich mit ihnen auseinandersetzen, Fragen stellen, und, wo nötig, sich distanzieren oder annähern. Und wenn der Koran den Menschen geradezu auferlegt, den Verstand einzusetzen, dann rückt der Mensch als Träger der Vernunft in die Mitte. Es ist der Mensch, der mit seinen Entscheidungswerkzeugen, das sind Gewissen und Verstand, die Vernunft in Handlung übersetzt.“

Und nun zu meiner eigenen Auffassung: Brauche ich etwa einen Vermittler, nur weil ich nur wenig Arabisch kann? Dann habe ich keinen direkten Draht zu Gott, es steht jemand zwischen uns. Aber Gott sagt, dass Er mir näher ist als meine Halsschlagader. Und wenn es bedeutet, dass Gott seinen Platz näher als meine Halsschlagader hat, dann ist Er auch in meinem Herzen. Es bedarf also keinen Vermittler zwischen Gott und mir, niemand kann für mich sprechen. Da brauche ich wirklich niemanden als Vermittler, kein Imam, keinen Religionsvertreter. Für Seine Offenbarungen, für Seine Lehren und Gebote braucht Er keine bestimmte Sprache wie das Arabische. Und Gottes Sprache verstehe ich nicht, aber Er meine!

In der ersten Zeit meines Muslim-Daseins habe ich viele Bittgebete auf Arabisch auswendig gelernt, die vom Propheten Muhammad oder auch von irgendjemanden stammen. Aber es waren nicht meine Worte, meine Bitten, meine Gedanken. Also formuliere ich sie heute selbst in meiner Sprache und ich bin sicher, dass Gott sie versteht.

Wenn ich mit jemanden spreche, vielleicht mir dir, dann bekomme ich in der gleichen Sprache von dir eine Antwort. Wenn ich Gott etwas auf Arabisch mitteilen möchte, bekomme ich vielleicht auch auf Arabisch eine Antwort, die ich leider nicht verstehe. Was nutzt sie mir dann?

Da Gott nicht so ist wie wir, hat Er auch keine Sprache so wie wir. Er versteht uns aber in Seiner Eigenschaft und Er vermag es, in Seiner Eigenschaft uns auf Seine Art und Weise zu antworten und das gleich in unser Herz. So hat Er sich auch verständlich gemacht durch den Koran, der gespickt ist mit Historie, Allegorien, Weisheiten, Mitteilungen, Ermahnungen und auch Wissenschaft, die den Menschen aber oft unverständlich erscheinen, zumindest auf den ersten Blick nicht erkenntlich. Gott hat keine Sprache, die wir verstehen können. Er suggeriert uns in unserer Sprache, also jedem in seiner eigenen Sprache, was Er uns mitteilen will. Es würde sonst unsere Vorstellungskraft sprengen, z.B. suggeriert Er uns durch den Koran, dass Er auf einen Thron sitzt oder wie die Hölle und das Paradies aussieht. Erinnern wir uns: Der Engel Dschibril oder Gabriel hat Muhammad die ersten Worte gelehrt, in seiner Sprache. Er war aber auch nur ein Überbringer. Und weil Muhammad ein Araber war, hat er ihm die Botschaft auf Arabisch gebracht.

Gottes Worte sollen nicht nur schön klingen, Seine Worte sollen auch richtig, verständlich und rezitationsgenehm verstanden werden, auch in einer Übersetzung. Ein Beispiel ist die Sure105 „Der Elefant“. In einer Ausgabe von Ibn Rassoul steht:

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfahren ist? Hat Er nicht ihre List misslingen lassen und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen und sie dadurch wie abgefressene Saat gemacht?“

Jetzt die Übersetzung von Muhammad Asad:

„Bist du nicht gewahr, wie dein Erhalter mit dem Heer des Elefanten verfuhr? Machte Er nicht ihr listiges Planen völlig zunichte? Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen und ließ sie werden wie ein Kornfeld, dass bis auf die Stoppeln abgefressen worden ist.“

Ich stelle in beiden die Verse 3 und 4 nochmals gegenüber: 1. „… und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen …“ und nun das von Asad: „Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen …“

Da stehen auf der einen Seite ‚Vögel und brennende Steine‘ und ‚Schwärme fliegender Geschöpfe und steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ gegenüber.

Asad selbst sagt darüber: Das Wort ‚sidschill‘ hat auch eine Bedeutung von ‚etwas, das von Gott bestimmt worden ist‘. Die Wendung ‚hidschara min sidschil‘ kann für eine Metapher für ‚steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ bedeuten. Die besondere Strafe könnte wahrscheinlich ein besonders starker (steinharter) Ausbruch von Pocken oder Typhus gewesen sein, das auch Ibn Hischam und Ibn Ishaq bestätigten. Das Wort ‚ta’ir, Mehrzahl ‚tayr‘, kann jedes ‚fliegende Geschöpf‘ bedeuten, jedwede Vögel, Insekten, eben alles, was fliegt, die auch Überträger von Infektionen sein können.

Was ich damit sagen will: Ich muss mich einfach darauf verlassen, dass eine Übersetzung dem Original so nahe wie möglich kommt. Und nicht jede Übersetzung kann man auch schön rezitieren. Es liegt also noch eine enorme und wichtige Arbeit vor den Übersetzern.

Ich will deswegen aber keine bisherige Übersetzung herabwürdigen.

Ich wünsche mir einfach eine Übersetzung vielleicht von einer Gruppe von Übersetzern, der ich vertrauen kann, so dass ich einmal das Gebet nicht mehr in Arabisch, sondern um des Verstehens Willen es in Deutsch abhalten kann. Bis es soweit ist, werde ich auch weiterhin auf Arabisch rezitieren, aber vorher die Rezitation auf Deutsch vortragen.

Ich weiß, es denken so ähnlich viele Muslime, nur klingt jede Stimme einzeln. Aber nur ein Chor, wenn auch mit unterschiedlichen Stimmen – sprich Meinungen, hat etwas dagegenzusetzen gegen die noch starke orthodoxe Meinung.

Wir müssen Gott so verstehen, wie es unser Herz will und zulässt, auch ohne Sprache.

Manaar

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Autor: Massud Reza

Christian Wiediger

Erinnert man sich – nur mal den letzten Jahren – an symbolpolitische Aussagen zurück, fällt einem wieder ein, wie undifferenziert und emotional die Debatten über sie geführt wurden. Ob es um das „Wir schaffen das“ (Angela Merkel) oder auch um den Satz „Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“ geht, sofort stürzen sich darauf bestimmte Politiker, Journalisten sowie affektierte Teile der Gesellschaft, die den Sachverhalt nicht in Ruhe und differenziert betrachten wollen.

Gerade die letzte Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „gehört nicht zu Deutschland“ erhitzt einerseits jene Gemüter, die den Islam nicht als Teil Deutschlands und Europas sehen (wollen) und ihm eine historisch-kulturelle Prägung Deutschlands sowie Europas gänzlich abstreiten. Andererseits verursacht die Zustimmung bei denjenigen, dass der Islam doch zu Deutschland gehöre, große Euphorie und damit ein einhergehender unkritischer Umgang mit dieser Frage. Deshalb versteht sich mein Blogbeitrag als gesellschaftlicher und auch innermuslimischer Debattenbeitrag, einfach mal sachlich, ruhig und nüchtern miteinander zu diskutieren, fernab von Pauschalisierungen und Beschuldigungen.

Tatsächlich müsste entscheidend sein, von welchem Islam wir überhaupt sprechen? Schaut man sich die islamische Welt von Marokko bis Indonesien an, so wird schnell deutlich, dass wir uns mit verschiedenen Islamverständnissen konfrontiert sehen. Der Islam in Bahrain ist nicht derselbe, wie der in Tunesien, der Islam in Afghanistan ist nicht derselbe, wie der in der Türkei. Lässt man den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ unkritisch und unreflektiert stehen, kann jeder sein Islamverständnis darein projizieren. Dann könnte auch ein Islam dazugehören, wie er im Iran als Staatsdoktrin praktiziert wird, wo homosexuelle Menschen erhängt werden, weil sie eben homosexuell sind. Nicht nur der Iran, sondern auch anderen islamischen Ländern bieten (leider) genügend Beispiele für die Unvereinbarkeit zwischen der Religion auf der einen und Demokratie und Menschenrechten auf der anderen Seite. Im Kontrast dazu, sollte auch der andere Satz kritisch beleuchtet werden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dieser suggeriert, dass es eine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen Islam und der Demokratie in Deutschland gibt.

Welche Herausforderung stellt sich aber nun für die Bundesrepublik Deutschland aus dieser Erkenntnis? Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen in den eben aufgezählten Ländern darüber, was sie unter Islam verstehen, ergibt sich für uns als Gesamtgesellschaft folgende Frage: Welcher Islam gehört zu Deutschland, also verstanden als demokratie – und menschenrechtskonform? Ein Islamverständnis, was weder gegen Werte des Grundgesetztes noch der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte verstößt. Auch nicht ein Islamverständnis, welches in Teilen der muslimischen Community in Deutschland gelebt wird, was beispielsweise eine rigide Sexualmoral propagiert und Frauen an ihrer individuellen Freiheit und ihrer Selbstbestimmung hindert, und überhaupt ein Islam, der keinen politischen und gesellschaftlichen Machtanspruch darstellt.

Ein mit der freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland verträglicher Islam ist zum Beispiel durch eine historisch-kritische Lesart der sakralen Texte zu erreichen. Sowie es in allen heiligen Schriften Gewaltpassagen gibt, findet man sie auch in den islamischen Überlieferungen. Der Sinn dieser Texte ist aber dann schwer zu verstehen, wenn eine wortwörtliche Lesart angewandt wird, also die Übertragung der Gesellschaftsordnung aus dem 7. Jahrhundert auf das heutige 21. Jahrhundert. Man stellt sich nicht kritischen Fragen, in welchem historischen Kontext bestimmte Verse offenbart wurden, welche gesellschaftliche und auch militärische Faktoren gilt es in der (wissenschaftlichen) Retrospektive zu berücksichtigen und vieles mehr. Die gründliche Beschäftigung mit diesen Fragen würde zeigen, dass die politischen und juristischen Elementen des Islam im 7. Jahrhundert zu verorten sind, da sie an der damaligen, historisch-konkreten Zeit gebunden sind und nicht mehr ins 21. Jahrhundert mehr passen.

Argumentiert man nach diesem Konzept, schlägt einem häufig die Frage entgegen, was eigentlich dann vom Islam übrigbleibe? Das darf doch nicht wahr sein! Ist der Islam ausschließlich politisch-juristisch zu verstehen? Bietet er nicht viel mehr? Gibt es nicht sowas wie Spiritualität und soziale Seiten im Islam? Ist die sog. „Scharia“ ausschließlich als das Befolgen von (islamischen) Gesetzen zu verstehen oder nicht, wie der Islamtheologe Mouhanad Khorchide in seinem Buch Scharia. Der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik schreibt: „Der Begriff Scharia bedeutet im Arabischen der Weg zur Quelle. Auf den Islam übertragen ist Scharia der Weg zu Gott, denn Gott ist die Quelle, er ist der Anfang und das Ende […]. Welcher Weg führt aber zu Gott? Ist das wirklich ein juristischer Weg? Oder anders gefragt: Wird der Weg, den Gott für uns vorgesehen hat, um in seine Gemeinschaft zu kommen, über juristische Regelungen und Kategorien definiert? […]. Die These, die ich in diesem Zusammenhang vertrete, lautet: Nicht der juristische Weg bringt uns Menschen in die Gottesgemeinschaft, sondern der ethische und spirituelle. Damit will ich keineswegs die islamischen Gebote und Verbote über Bord werfen; ich sehe diese aber auch nicht als Selbstzweck an, sondern sie sollen im weitesten Sinne der Glückseligkeit des Menschen im Diesseits und Jenseits dienen.“

Um zu der Ausgangsfrage zurückzukommen: Gehört der Islam zu Deutschland? Dazu gibt es zwei Antworten: 1. Nein, wenn der Islam nicht friedlich gelebt und politische sowie gesellschaftliche Machtansprüche stellt. 2. Ja, wenn der Islam historisch-kritisch kontextualisiert sowie entpolitisiert wird und dem Gläubigen in puncto Spiritualität und Soziales viel Kraft gibt. Differenzierung in dieser wichtigen Frage, die nicht wenige Menschen bewegt, würde uns allen guttun.

Das Wissen und die Liebe

Das Wissen und die Liebe

Rahul Chakraborty

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Mein Name ist Susie Dawi. Seit ungefähr anderthalb Jahren bin ich ehrenamtlich in der Ibn Rushd-Goethe Moschee tätig, wo ich immer mal wieder beim Freitagsgebet die Funktion einer Imamin ausfülle. Ich rufe de Adhan, predige und leite das Gebet.

Ich begrüße all Jene, die diese Khutba hören oder lesen sehr herzlich. Möge sie uns zum Denken anregen und Einsichten vermitteln, die unser Leben für Gott, unsere Mitmenschen und uns selbst verbessern.

Hauptberuftlich arbeite ich an einer Berliner Grundschule. Seit meinem Referendariat sage ich so gut wie täglich: „Ich liebe meine Arbeit“. Natürlich gibt es auch das eine oder andere größere Problem, doch meist gehe ich in meiner Arbeit auf, lache, umarme, schaue mit strengem Blick – die meisten Tage sind spannend und glückbringend.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bin ich allerdings komplett erschöpft. Das erste was ich tue ist, mich schnellstens umzuziehen und für einen entspannenden Mittagsschlaf auf die Couch zu legen. In eine warme Decke gehüllt denke ich nur an Einatmen und Ausatmen, und sage diese Wörter auch im Inneren vor mich hin, um auf diese Weise daran zu denken, nicht nur andere, sondern auch mich selbst zu beschützen und langsam bei den anderen Wesentlichkeiten des Lebens anzukommen. Bei meinem Körper, meiner Seele, und meiner eigenen Lebenswirklichkeit außerhalb des Berufs. Nur so habe ich die Kraft, mich am nächsten Tag wieder der anstrengenden Situation zu stellen, und mich den Kindern zu widmen, die mir während des Vormittags anvertraut sind. Es ist ein klassischer Burnout Beruf, und man tut gut daran, sich immer wieder in Achtsamkeit zu üben.

Heute geht es um eine gewisse Art der Achtsamkeit. Mein Wunsch ist es, dass wir es schaffen, einen Moment neben uns zu treten und uns von außen zu betrachten, damit wir zu eigenen, freieren Bewertungen zu gelangen, und freiere, und vielleicht bessere Handlungsweisen für uns entwerfen können.

Das Thema der Khutba heißt „Wissen und Liebe“, weil diese beiden Phänomene etwas miteinander zu tun haben, auch wenn es zunächst nicht so scheint. Zu beiden Bereichen gibt es nämlich ganz bestimmte Vorstellungen, die unserem Zeitgeist unterliegen. Wir bewerten das Wissen und die Liebe auf eine Weise, die sich genauer zu betrachten lohnt.

Bismillah Alrahman Alrahim…

In Sure 96, Vers 1 bis 5 lesen wir in der Übersetzung von Muhamad Asad:

Lies im Namen deines Erhalters, der erschaffen hat – den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle! Lies, denn dein Erhalter ist der Huldreichste, der den Menschen den Gebrauch der Schreibfeder gelehrt hat – den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste!

(Für den Text in Arabischer Sprache bitte ich, den Koran zur Hand zu nehmen.)

Dies wird die erste offenbarte Sure gewesen sein, denn Mohamed, der nicht lesen konnte, wird hier aufgefordert, genau das zu tun. Und Allah stellt sich den Menschen vor als Derjenige, der sie die Schrift lehrte, eines der großen Merkmale, die uns als Menschen ausmachen. Das Erlangen von Wissen ist seitdem traditionell stark mit der Idee des Islam verwurzelt.

Wir alle wissen, was es gemeinhin bedeutet, etwas zu wissen.

Unser Wissen können wir in viele Kategorien einteilen. Es gibt zum Beispiel Faktenwissen. Davon haben wir reichlich. Wir wissen, wann der zweite WK begonnen hat. Wir wissen, dass die Moschee in der Turmstraße ist, und wir wissen, dass Äpfel zu Obst gehören. Faktenwissen heißt auch deklaratives Wissen, denn wir können es deklarieren, benennen. Daneben gibt es das prozedurale Wissen, oder die sogenannten hard skills. Es bezieht sich auf die Durchführung von Fähigkeiten; so können wir Radfahren, Rührei braten oder einen Zeitungsartikel schreiben… Auch das Wissen, wo man Wissen findet, und wie man es sich aneignen kann, ist heutzutage essenzielles Wissen. Man spricht von der Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Im Gespräch sind heute aber auch mehr und mehr sogenannte Soft skills, also Fähigkeiten, mit anderen Menschen umzugehen – dazu gehören zuhören können, auf andere eingehen, Empathie empfinden. In der Schule werden sie zunehmend als wichtiger erachtet als der Erwerb deklarativen Wissens, denn im Gegensatz zu diesem, kann es nicht schnell mal in einem Buch nachgeschlagen werden. Zuhören können muss man tatsächlich erlernen.

Wissen kann in weitere Kategorien eingeteilt werden, doch eins haben sie alle gemeinsam: Sie machen das Wissen zähl- und messbar. Wie viele Bücher hast du gelesen? Wie viele Sprachen sprichst du? In der Schule überprüfen wir anhand von Klassenarbeiten und Klausuren, ob wir zu einem Thema genug wissen und ausreichend flexibel damit umgehen können. Dafür erhalten wir eine Zensur – eine Zahl, die unser Wissen misst.

Unser Wissen ist in zähl-und messbare Einheiten organisiert, um uns bewerten zu können, denn wer mehr von diesen Einheiten in sich trägt, hat in unserer Gesellschaft einen höheren Status, und „gefühlt“ einen höheren Wert. Stirbt ein junger Mensch, so liest man manchmal in der Zeitung, er habe „viel Potenzial“ in sich getragen, womit man meint, er hätte später sicher einmal ein gebildetes, einflussreiches, und möglicherweise auch an Geld üppiges Leben geführt. In unserer Zeit, so scheint es, bewerten wir Menschen nicht nur in der Schule anhand ihrer „Potenziale“ und konkreten „Leistungen“, sondern auch noch außerhalb dieses speziellen Rahmens.

Ich glaube, durch die Zählbarkeit dessen, was wir Wissen nennen, geschieht etwas mit uns, doch damit meine ich nicht Klugheit. Manche Menschen wissen unheimlich viel, doch erscheinen sie uns nicht unbedingt klug. Manchmal mag man es kaum glauben, wie viel ein Mensch wissen kann, ohne tatsächlich klug zu sein.

Durch die Ansammlung und persönliche Verarbeitung von Wissen kann man in der Tat klug werden, doch was eben zusätzlich geschieht ist eine Art Objektifizierung. Alles wird zum Objekt, zum Ding, und damit beherrschbar. Wir sehen ein Phänomen, geben ihm einen Namen, und grenzen es auf diese Weise von allem anderen ab. Nun können wir mit dem Begriff hantieren. Wir sind der Homo Imperialis, Homo Kategoriensis… Der alles Beherrschende, Ordnende.

Im Koran finden wir diesen Gedanken in der Geschichte von Adam wieder, der von Gott geschaffen wurde, als es die Engel bereits gab. Während die Engel, so glauben wir – und hoffen, damit niemadem Unrecht zu tun – mit der alleinigen Aufgabe betraut sind, Allah zu huldigen und die an sie herangetragenen Aufgaben zu erfüllen, sind die Menschen mit Wissen und Verstand ausgestattet und mit Verantwortung für die Schöpfung betraut. Hierdurch ist der Mensch in der Lage, Entscheidungen zu treffen, und gewissermaßen auch dazu verpflichtet. In Sure AlBaqara Vers 30 lesen wir: Und Siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: „Seht, ich bin dabei, auf Erden einen einzusetzen, der sie erben wird.“ Damit ist laut Muhamad Asads Übersetzung jemand gemeint, der die Oberhoheit für die Erde haben wird. Der Text heißt weiter: Sie, also die Engel, sagten: „Willst du auf ihr einen solchen einsetzen, der darauf Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird – während wir es sind, die deinen grenzenlosen Ruhm lobpreisen und Deinen Namen heiligen?“ Gott antwortete: „Wahrlich, ich weiß, was ihr nicht wisst“. Und er lehrte Adam die Namen aller Dinge; dann brachte er sie in die Kenntnis der Engel und sagte: „Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn, was ihr sagt, wahr ist“. Worauf ihm die Engel antworteten, sie hätten kein Wissen dieser Namen und Definitionen der Dinge. Also Adam, der hier allegorisch für die Menschheit steht, hat das Wissen – er kennt all die Dinge mit ihrem Namen, d.h. er der Mensch, hat Wissen von allem. Im Anschluss sollten sich die Engel vor dem Menschen niederwerfen – vor dem Wesen also, das Entscheidungen treffen kann – gute und schlechte – und dafür zur Rechenschaft gezogen werden wird. Sie taten es, außer dem Teufel, der meinte, er sei etwas Besseres, weil er aus Feuer geschaffen wurde, und nicht wie die Menschen, aus Erde, also weil er ein geistige Wesen ist, und die Menschen ein irdisches.

Keiner wird sagen, dieses definierbare, zählbare Wissen sei unwichtig. Doch führt es eben auch dazu, dass alles definiert wird und damit eingegrenzt. Nur durch die Definitionen, so meinen wir, sprechen wir über dieselbe Sache, wenn wir dasselbe Wort benutzen. Rilke meint, dass so alle Schönheit und alles Wunder der Schöpfung vernichtet werden.

Einmal benannt mit einem Wort, stirbt die Seele des Benannten, und was bleibt, ist das starre, in seinen definitorischen Rahmen gepresste Wort.

Rilke schreibt und Xavier Naidoo hat es vertont:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Denken wir, das Benennbare, das empirisch Nachweisbare sei alles, so haben wir trotz allen Zugewinns verloren. Das uns vermeintlich Bereichernde, macht uns arm – denn die Dinge, eben noch unbenannt, würdevoll, und ihr eigenes, freies Lied singend, werden nun müde, lautlose Diener unseres Verstandes.

An dieser Stelle wird die Khutba ein wenig kompliziert, denn nun verlassen wir diesen Gedanken, lassen ihn sozusagen hängen, und wenden uns dem anderen Thema zu, der Liebe. Ich behaupte, sie ist genauso durchdrungen von dem Wunsch der Messbarkeit, und führt genauso wie unser Umgang mit dem Wissen zur Objektifizierung, nämlich des Partners. Und unserer Selbst. Das Verständnis von Liebe unterliegt demselben Zeitgeist wie das Verständnis von Wissen. Im Übrigen unterliegt auch unser Verständnis von Glauben diesem Zeitgeist.

Ich spreche hier von der partnerschaftlichen Liebe, derjenigen zwischen zwei Menschen, die sich ineinander verlieben und nun Partner sind. Bald nach den Anfängen dieser Liebe und dem ersten Entschluss, eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft zu bilden, entsteht entsprechend unserer Sozialisation der Wunsch nach Messbarkeit der Liebe in Form von erfüllten oder unerfüllten Ansprüchen. Die Ansprüche sind durchaus verschieden, die Systematik dieselbe, daher ein paar Beispiele: Wir messen die Liebe unseres Partners beispielsweise daran, wie viele Whats App Nachrichten wir von ihm oder ihr bekommen. Wir schauen wie oft er/sie uns auf Whats App eine gute Nacht wünscht – in der letzten Woche waren es fünfmal, diese Woche sind es nur dreimal, also ist seine Liebe zu mir wohl geringer geworden; er war auch diese Woche nur einmal mit mir am Abend spazieren, während wir vor zwei Monaten noch fast jeden Abend ausgegangen sind, im letzten Jahr hat er mir überschwenglich ein frohes neues Jahr gewünscht, in diesem Jahr hingegen scheint er mich komplett vergessen zu haben; und wann kommt eigentlich das mir gebührende Gold in Form von Ringen, Armreifen und Halsketten endlich in meinen Besitz? Und wie viele Kilo werden es sein? Wie oft war mein Mann diese Woche einkaufen, hat er abgewaschen, wie oft hatte meine Frau Lust, den Abend mit mir zu verbringen? Wie sehr strengt sich mein Mann, meine Frau an, eine höher bezahlte Stellung in der Firma zu erlangen, um uns mehr Spaß zu ermöglichen? Bin ich ihr total egal? Oder liebt sie mich? Heute gab es schon wieder kein Umarmungs-Icon auf Whats-App und auch keine Blumen. Wenn er mir nicht schreibt, schreib ich ihm auch nicht.

Neulich schickte mir eine liebe Freundin aufmunternd das Folgende von Made my day.com – jede Frau, immer:

„Dieser Moment, wenn er dir nicht schreibt und du ihm nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt, du ihm aber eigentlich schreiben willst, aber aus Prinzip nicht schreibst, weil er dir nicht schreibt.

Haben wir nun alles Gold gewogen, alle Whats-App Nachrichten durchgezählt, beginnen wir zu hoffen und zu wünschen – nach mehr, denn so wird es uns in die Wiege gelegt. Liebe bemessen wir nun an der Erfüllung unserer Wünsche und Hoffnungen. Erfüllt der Partner unsere Wünsche, so ist er ein guter Partner. Erfüllt er sie nicht, überlegen wir, ob er sich als Partner weiterhin eignet, denn es stehen viele andere Partner zur Verfügung. Partner, die mehr unserer Wünsche erfüllen und deshalb irgendwie besser zu uns passen; die uns jeden Abend gute Nacht wünschen, nicht nur dreimal in der Woche; die mit uns ausgehen, wann immer wir es wollen; weil, so fühlt es sich an, sie uns messbar mehr lieben; messbar bedeutet empirisch nachgewiesen, also wahr. Und in unserer zeitgenössischen Denkweise fühlt sich dann alles ganz richtig an. Die wahre Liebe ist sieben – sieben mal gute Nacht, sieben mal ich liebe dich, sieben mal wie war denn dein Tag liebster Schatz – oder „allerliebster Schatz“? Das ist auch eine Objektifizierung. Der Partner wird zu unserem Diener, unserer Dienerin, denn er/sie ist dafür verantwortlich, dass wir glücklich sind. Wir erwarten von unserem Partner entsprechende Opfer. Diese Erwartung dreht sich auch um, und wir beginnen, selbst Opfer zu bringen, für unsere Partnerschaft, und empfinden dies als freiwillig. Unsere Partnerschaft wird zu einer Opferschaft. Wir opfern freiwillig und erwarten freiwillige Opfer. Es ist aber etwas ganz anderes, ob wir den anderen lieben und mit ihm eine Opferpartnerschaft betreiben, oder ob wir den anderen dauerhaft als Subjekt wahrnehmen. Denn nur wenn wir ihn dauerhaft als Subjekt wahrnehmen, bleiben auch wir dauerhaft Subjekt. Weder sind wir dazu geschaffen, das Objekt unseres Partners zu sein, noch ist dieser das Unsere. Wer im Deutschland der Gegenwart sozialisiert ist, wird es hiermit nicht leicht haben. Die Liebe nicht an den zählbaren Dingen zu messen bedarf einiger Übung. Der Koran hilft uns dabei, wenn wir immer wieder Sure 30 Vers 20 erinnern. Dort steht, von mir ein wenig ergänzt: Und unter seinen Wundern ist dies: Er schaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art, auf dass ihr in ihnen Ruhe und Geborgenheit findet; und er ruft Zuneigung und Gnade zwischen euch hervor. Sakina, mauwade wa rahme. Darum soll es in der Liebe gehen – um das, was jenseits der Messbarkeit liegt, um das Nähren gegenseitiger Zuneigung, und Gnade. Ruhe und Geborgenheit, und Zuneigung, und Gnade. Dies liegt nicht auf der Ebene der Empirie, sondern auf der Ebene der Ehrfurcht und des Staunens.

Kehren wir zurück zu unserem ersten Thema, dem Wissen. Auch bezüglich des Wissens erinnert uns der Koran an Elemente jenseits der Zählbarkeit.

In Sure 2 Vers 3 lesen wir (übersetzt von Muhamad Asad):

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist dazu bestimmt, eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten zu sein, die an die Existenz dessen glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist (, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten.)

Jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung liegt das Unzählbare, Unmessbare, dem wir mit Ehrfurcht begegnen. Wir nennen es zum Beispiel spirituelles Wissen. Dabei geht es darum, zu wissen, dass wir nicht alleine sind, sondern eingebunden in die Schöpfung Allahs. Dass wir so wertvoll sind, wie ein Baum, tausend Jahre alt. Und so schön wie bunte Blumen auf wilden Wiesen. Schmetterlinge sind wir und Adler. Tiefseefische und gigantische Wale. Von all diesen tragen wir Menschen etwas in uns, denn wir sind Teil der Schöpfung. Dieses Wissen um die Ganzeitlichkeit dessen, was Allah erschaffen hat, stärkt uns und schenkt uns Wohlbefinden-

Und wir haben ein Fühlwissen. Das Gefühl dafür, was gut für uns ist, und was nicht. Das ist es vielleicht, was wir am meisten lernen müssen. Wann ist das, was wir zu tun wünschen gut für uns und wann nicht. Wann ist es gut für andere, aber nicht für uns. Wann ist es wert, nur für andere gut zu sein, aber nicht für uns, und wann müssen wir andere Menschen leider enttäuschen, um uns selbst gerecht zu sein? Das Gefühl für Integrität gehört zu diesem Fühlwissen – also uns selbst treu zu bleiben. Wir wachsen daran, uns immer wieder damit auseinanderzusetzen, wie wir es erreichen können, frohe und dankbare Menschen bleiben. Fröhlichkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, wie man fröhlich wird, und bleibt. Dankbarkeit ist eine Fähigkeit, der das Wissen zu Grunde liegt, dass man reich beschenkt ist von Allah und seiner Schöpfung. Ehrfurcht ist eine Haltung, der das Wissen zu Grunde liegt, dass alles endlos groß und weit ist und von unermesslicher Ästhetik und Struktur und dass die allerkleinste Ameise auf ihrem Hügel das Größte ist. Liebe ist ein Gefühl, dem das Wissen zu Grunde liegt, geliebt zu werden, von Allah und anderen Menschen.

Für den mündlichen Vortrag:

In wenigen Minuten ist es Zeit für das Freitagsgebet. Nur durch innere Achtsamkeit wird es uns gelingen, unsere Verbindung zu Allah zu fühlen und zu wissen.

Was der Nachmittagsschlaf für den Arbeitstag ist, ist das Freitagsgebet für die Woche. Ich möchte euch daher einladen, das Freitagsgebet eben so zu betrachten wie den Moment nach der Arbeit. Es ist der Moment des Ablegens aller Alltagsgedanken und Alltagsbelastungen; der Moment des Loslassens all dessen, was uns diese Woche begleitet hat und was uns in der nächsten Woche begleiten mag. Jetzt ist nicht der Moment dieser Vergangenheiten, oder irgendwelcher Vergangenheiten, noch ist es der Moment der Zukunftsgedanken, denn sie sind rein fiktiv. Keiner weiß, was die Zukunft bringen mag. Hier in der Moschee am Freitag, zur Zeit des Gebets, halten wir einen Moment inne und geben den Vergangenheiten und Zukunften keinen Raum. Wir können sie loslassen und einfach einatmen und ausatmen. In aller Ruhe. Denn wir sind da, wo wir hinwollten. Angekommen. Wir nehmen den Raum wahr, aber wir denken nicht darüber nach. Wir enthalten uns jeder Interpretation. Wir sehen die Dinge, auch die Menschen um uns herum ohne sie zu interpretieren; sie sind da, aber sie haben keine Bedeutung. Denn wir sind ganz bei uns selbst. Und fühlen eine angenehme Ruhe in uns. Eine Energie, die uns umgibt, wird fühlbar. Wir sind gekommen, unseren kleinen, zarten Faden zu Gott zu spinnen, gleichsam wie der Faden einer Spinne, der aber nur dann aus uns heraustreten kann, wenn wir ganz ruhig sind, und alles andere fallen lassen. Wir atmen ruhig, denn wir sind in diesem Moment zufrieden oder vielleicht auch glücklich. Wir sind eine von Gott gewollte Schöpfung. Nicht zufällig entstanden, sondern aus dem Wunsch Allahs heraus; wir als Menschheit und wir als Einzelne. Gefäße sind wir, gefüllt mit Dankbarkeit und Liebe, diese zu empfinden, zu genießen und weiter zu verschenken, um muslim zu sein – sich Allah friedvoll und geduldig hingebend.

Der Gebetsruf – Adhan

Der Gebetsruf – Adhan

Nouman Younas
Nouman Younas

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu

Liebe Brüder und Schwestern, ich begrüße euch sehr herzlich hier in der Moschee zum Freitagsgebet.

Unsere Moschee ist ein wenig anders eingerichtet als die meisten Moscheen. Es fehlt gewissermaßen an lauten orientalischen Schmuckstücken. Ein paar leicht orientalisch anmutende Kerzenständer sind wohl die einzigen subtilen Anzeichen dafür, dass es sich hier um einen Ort handelt, der in Verbindung mit einem anderen Raum und einer anderen Zeit steht – Zeit und Raum nämlich der Entstehung des Islam als Lebensphilosophie und als Religion. Wir leben einen „Deutschen Islam“, jedoch ist er genauso authentisch wie jeder andere, denn die Betonung liegt nicht auf Deutsch, sondern auf Islam. Manche Dinge finden hier aber immer auf Arabisch statt; eines dieser „Dinge“ ist der Adhan, der Ruf zum Gebet.

Das ich hier zum Gebet rufe, habe ich einem Zufall zu verdanken. Am Tag vor der Eröffnung unserer Moschee war ich auf Facebook unterwegs und sah, dass eine liberale Moschee eröffnet werden sollte. Ich hatte davon zuvor nichts gehört, und da ich keinen Fernseher habe und Nachrichten sehr selektiv schaue, hatte ich auch von Seyran Ates keine Kenntnis. Am nächsten Tag wollte ich mal schauen, was es denn mit dieser Moschee auf sich hatte. Mit meinem roten Kopftuch zog ich also los um kurze Zeit später an einem Ort anzukommen, der sich Moschee nannte, an dem aber kaum eine andere Frau ein Kopftuch trug – mit Abaja und Tuch war ich die am konservativsten gekleidete Frau auf dieser Feier. Das war dann wohl auch der Grund, aus dem ich schließlich gebeten wurde, zum Abendgebet zu rufen. Zunächst lehnte ich dankend ab, da ich das noch nie gemacht hatte und mir nicht einmal der Wortlaut richtig geläufig war. Natürlich hatte ich den Adhan schon tausendmal gehört, in den vielen Städten des Libanon, die ich besucht hatte, aus dem Lautsprecher des Radios meiner Freundin, und in der Moschee. Doch hatte ich nie darüber nachgedacht, in welcher Reihenfolge welche Wörter genau verwendet werden, ganz geschweige von der passenden Melodie. Ich verließ also den Raum in Richtung Garten, um mich draußen weiter zu unterhalten, doch noch bevor ich ganz aus dem Gebäude herausgetreten war, kehrte ich um. Der Gedanke, dass eine andere Person als ich nun zum Gebet rufen würde, erfüllte mich mit einem ganz unangenehmen Gefühl; ich befürchte, es war Eifersucht. Ich ging also zurück und fragte, ob ich denn noch rufen dürfte. Im Eilverfahren ging man mit mir die Wörter durch, die Anzahl der Wiederholungen und ließ mich dann allein. Ich trat nach vorn, in Richtung Mekka, und dachte: „und mit welcher Melodie??!!“ So sang ich den ersten Ton und dann kam meine eigene Melodie ganz von allein. Natürlich nicht ganz unähnlich denen, die ich zuvor gehört hatte, aber dennoch meine eigene. Sie ist seitdem ungefähr dieselbe geblieben. Ich rief also zum Abendgebet, und seit diesem Tag ist mir Gottes Gnade noch viel deutlicher bewusst als zuvor, denn das Rufen erfüllt mich immer wieder mit Freude und Zuversicht, auch wenn es manchmal besser klappt und manchmal weniger.

Es ist etwas ganz Besonderes, den Adhan zu rufen, aber erst nach und nach komme ich dahinter, was diese Besonderheit ausmacht. Nun ist es mir ein Bedürfnis, ein paar Gedanken darüber zu teilen.

Zunächst aber einige Sätze dazu, dass ich eine Muezzinin bin, also offensichtlich kein männlicher Vertreter meiner Spezies. Der eine oder andere Muslim vertritt ja nach wie vor die Meinung, ich als Frau dürfe nicht zum Gebet rufen, denn diese Aufgabe sei allein Männern vorbehalten. Diese prä-emanzipatorische Einstellung beruft sich auf ein Hadith, das ich gleich erzählen werde, beruht aber sicher nicht auf diesem, sondern auf tradierten Vorstellungen der Frau als Verführerin und ihrer Stimme als Instrument dieser Verführung. Aufgewachsen bin ich mit diesen Gedanken nicht. Als ich anfing, hier zum Gebet zu rufen, war mir gar nicht bewusst, dass ich eine Männerdomäne betrete! Ich hatte darüber tatsächlich nie nachgedacht. Irgendwann, nachdem ich schon an einigen Freitagen recht regelmäßig gerufen hatte, fragte mich jemand, ob es mir nicht seltsam vorkäme, als Frau zum Gebet zu rufen. Ich wusste beim besten Willen nicht, warum; doch langsam lernte ich, was die konservative muslimische Welt hierzu zu sagen hatte. Hier also der überlieferte Hadith von Bukhari, auch zu finden bei Muslim, auf den sich die Meinung stützt, dass nur Männer zum Gebet rufen dürfen:

Nach Al Bukhari (604) und Muslim (377) also, erzählt von Ibn Omar, standen die Muslime von Medina Freitags immer vor der Moschee, um auf das Gebet zu warten. Die Ungewissheit über den exakten Beginn des Gebets empfanden sie als unangenehm, suchten daher nach einer Möglichkeit, genauer zu wissen, wann das Gebet beginnen würde. Eines Tages nahm diese Suche konkrete Züge an, und so sagten manche von ihnen: „Lasst uns eine Glocke benutzen, wie es die Christen tun“. Andere sagten: „Nein, wir verwenden ein Horn, wie die Juden“. Omar sagte zum Propheten Mohamed: „Warum schickst du nicht einen Mann, um zum Gebet zu rufen?“ Da sagte der Prophet: „Oh Bilal, steh auf und ruf die Leute zum Gebet.“

Omar hatte also gefragt: „Warum schickst du nicht einen Mann um zum Gebet zu rufen?“ und Mohamed hatte daraufhin einen Mann ausgewählt. Er verwendete in der Tat das Wort Mann – aber stellt dies ein konstituierendes Element dar? Ich gehe davon aus, dass es üblicher war, einen Mann vorzuschlagen, einfach so, ohne große Gedanken darüber, wohin so ein kleines Wort führen könnte. Wir bedenken ja nicht alles, was wir sagen, bezüglich der Zukunftswirkung jedweden Wortes. Es wird eher der Zufall oder patriarchale Grundgedanken des Sprechers gewesen sein, die dazu führten, dass nach einem Mann gefragt wurde.

Ein besonders kluger Kopf schreibt im Internet auf der Seite Quora, dass ja mittlerweilse seit 1400 Jahren immer nur Männer zum Gebet gerufen haben, wodurch bewiesen wäre, dass dies die korrekte Praxis sei. So kann man es natürlich auch sehen.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass sich Menschen von derartigen Beweisführungen beeindrucken lassen. Zufallsäußerungen, unlogische Kausalverknüpfungen, Vermischung von kulturellem Zeitgeist und Religion werden nicht von jedem hinterfragt. Die gute Nachricht ist, dass es überhaupt kein Problem darstellt, wenn ich als Frau zum Gebet rufe, denn die Aussage des Hadiths ist meiner Ansicht nach nicht großartig relevant. Im Koran habe ich ebenfalls nichts gefunden, was dagegen spräche, als Frau zum Gebet zu rufen. Wir finden in Sure 33, Vers 32 zwar Folgendes:

“O Ehefrauen des Propheten! Ihr seid nicht wie irgendwelche von den anderen Frauen, vorausgesetzt dass ihr euch (wahrhaft) Gottes bewusst bleibt. Darum seid nicht überweich in eurer Rede, dass nicht einer, dessen Herz krank ist, bewegt würde (nach euch) zu verlangen: aber überdies sprecht auf gütige Weise.“ Dieser Vers wird herangezogen, um Frauen dazu zu bewegen, ihre Stimme nicht im Rahmen des Gottesdienstes zu erheben. Dies ist eine Anweisung an die Frauen des Propheten (!), die in der Geschichte des Islam eine besondere Rolle innehatten. Dies wird in den vorangehenden Versen 30 und 31 sehr deutlich erklärt: „O Ehefrauen des Propheten! Wenn eine von euch offenkundigen unmoralischen Verhaltens schuldig werden würde, ihr Leiden (im Jenseits) wäre das Doppelte (dessen anderer Sünden): denn das ist fürwahr leicht für Gott. Aber wenn eine von euch demütig ergeben Gott und Seinem Gesandten gehorcht und gute Taten tut, ihr werden Wir ihre Belohnung zweifach erteilen: denn Wir werden für sie eine höchst vortreffliche Versorgung (im kommenden Leben) bereitet haben.“ Ganz offensichtlich sind also diese Vers an die Frauen des Propheten gerichtet. Eine solche bin ich nicht, auch wenn ich den Propheten Mohamed besonders in mein Herz geschlossen habe. Die Frauen des Propheten hatten eine Stellung in der Gesellschaft die vor und nach ihnen niemand haben konnte. Auch rein inhaltlich muss man sich recht weit aus dem Fenster lehnen, um hieraus ein Verbot des Adhan für Frauen zu schließen. So rufe ich also wann immer es mir möglich ist, am Freitag nach der Arbeit hier in unserer Moschee zum Gebet. Als Frau, und nicht als einzige Frau der Welt. Auch Amina Wadud und Ani Zoneveld rufen zum Gebet.

Der Ruf läutet das Freitagsgebet ein. Man sammelt sich im Gebetsraum, spricht miteinander, lacht und scherzt, tauscht Fragestellungen aus und Antworten über Arbeit, Familie, Sorgen, Freuden und die Wissenschaften. Meist wird leise geredet, während man auf den Adhan wartet, den Ruf zum Gebet.

Vor dem ersten Ton gibt es im Moscheeraum meist noch das eine oder andere Geräusch. Beim ersten gesungenen Ton entsteht zunächst Geräuschlosigkeit. Die Menschen hören auf, sich zu unterhalten.

In dieser Geräuschlosigkeit erklingt nun der erste Ton, und es entfaltet sich der Ruf zum Gebet. Es ist die tonale Manifestation unserer Verbindung zu allem was ist – zu allem, was hört, und zu allem, was Schwingungen wahrnimmt, der Verbindung zu Allah und all seiner Schöpfung.

Wenngleich der Gebetsruf eine Melodie hat, ist er doch kein Lied. Er ist auch kein Gebet. Er ist ein Ruf, an die Gläubigen gerichtet, sich nun bereit zu machen, sich zu reinigen, innerlich wie äußerlich, um vor den Schöpfer aller materiellen wie nicht materiellen Dinge zu treten und ihm Ehrerbietung zu erweisen. Doch nun geschieht häufig das, was mich immer wieder ein wenig erschreckt. Die Stille, die zuvor lediglich die Abwesenheit von Geräusch war, wird nun gerade durch die Anwesenheit des tönenden Klanges zu wahrer Stille. Denn während des Adhans entsteht hin und wieder eine Stille, die mächtiger ist, als die Stille, die ihr vorangeht, obwohl es sich streng genommen nun gar nicht mehr um Stille handelt, denn es gibt ja den Klang des Adhan. Es ist dies vielleicht die Stille der Seelen, die sich im Raum ausbreitet und deren Kraft der Rufer mit einem leichten Erschrecken spürt. Möglicherweise ist es die Stille einer Macht, die, da sie gerufen wurde, nun angekommen ist, im Raum. Nicht immer stellt sich diese Stille ein – woran auch immer dies liegen mag, manchmal bleibt es bei der Geräuschlosigkeit – aber manchmal ist sie recht deutlich zu spüren. Ich glaube, diese Art Stille entsteht dann, wenn alle Seelen von innen ganz still werden und dem Ton erlauben, sie tief zu berühren. Wenn die Seele ganz im Hier und Jetzt ist, aber als vollkommene Seele, mit all ihren Erinnerungen, ihrem Schmerz, ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Der Ton resonniert gewissermaßen in den Seelen der Zuhörer und wird das Außen des Innen. Zunächst bin nur ich der Rufer, aber jede Seele wird mit mir zum Rufer und ruft Allah an, und plötzlich verliert sich mein Ich und der Rufer ist jeder – jede Seele vereint sich gleichsam in diesem Ton und ich als Person bin nur noch diejenige, die den äußeren Ton zur Verfügung stellt. Ich bin nicht der Rufer, ich bin der Ton.

Dabei glaube ich nicht, dass das mit jedem Ton möglich ist, oder mit jedem Text.

Die Töne treffen nicht zufällig auf die Seelen der hierfür Empfänglichen. Hierzu tragen ganz klar auch die gerufenen Worte bei. Nach sunnitischer Überlieferung hatte Bilal die Eingebung dieser Worte. Er war es, der sich überlegte, welche Aussagen und Aufforderungen zu rufen sinnvoll wären. Nach schiitischer Überlieferung erschienen die Worte dem Propheten Mohamed in einem Traum, überbracht vom Engel Gabriel. Ich bin geneigt, letzteres zu glauben, denn genau diese Wörter haben einen besonders intensiven emotionalen Stimmungsgehalt. Der erste Ton, der gehalten wird, ist ein Ah – ein lautes Anrufen Allahs und zugleich ein klagender Laut. Wessen Seele klagt, der hört ihn deutlich und lang und empfindet ihn möglicherweise als etwas Angenehmes, denn dieser Vokal bringt sein Inneres zum Klingen. So lange es um Allah geht, bleibt das Ah der vordringliche Vokal. Das Ah ist auch ein Laut der Bewunderung und ein Laut, den wir von uns geben, wenn wir etwas Überraschendes erfahren oder lernen. Klage und liebende Bewunderung liegen auf der Gefühlsebene eng beieinander. Klage und Bewunderung bilden einen engen Dreibund mit der Hoffnung, die im Guten liegt, das wir wünschen und nach dem wir streben. Das A ist ein offener Laut. Er öffnet das Innere des Menschen hin zum Universum.

Das erste Zeugnis des Adhan gilt dem Bezeugen des einzigen, allmächtigen Gottes. Wir tun ihm kund: „Ich bin da. Bemerke mich und höre mich an, in meiner Bewunderung deines Wesens und in meiner Liebe zu dir. Ich rufe dich, damit du mich hörst und deinen schützenden Arm um mich legst, denn ich klage dir mein Leben und bitte, dass du mich nicht verlässt. Ich kann dies nur von dir wünschen, Allah, denn nur du bist wahrhaft größer als alles in mir und alles außer mir.“ „Allahu akbar“.

Das zweite Zeugnis gilt dem Propheten Mohamed, dem Rassul; und hier wechselt der Adhan zum Uh. Im Gegensatz zum Ah, das einen ausrufenden Klang der Brust und des Herzens darstellt, ist das Uh ein einkehrender Ton des Unterleibs. Er bezieht die Seele zurück zum Inneren. Legt man die Hände zum Rufen an den Mund, so bewegen sich die Arme beim Ah ganz automatisch nach außen, lassen den Brustkorb groß und weit werden, um sich beim Uh wieder zusammen zu ziehen, und den Brustkorb zu schützen. So ergibt sich gleichermaßen ein Flügelschlag vom Ah zum Uh und dann zurück zum Ah, gleich mehrere Male, denn der Satz wird zweimal gerufen, bis der Ton letztendlich beim Ah bleibt, denn nun darf die Seele dorthin schweben, wohin sie schweben mag, in ihre eigene Welt, die sich ihr nun durch den Ton eröffnet hat. So ist der Adhan ein Hin und Her zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Ruf hinaus ins Universum und der Rückkehr zum Selbst, einem erneuten Ruf nach Gott und einer erneuten Rückkehr zum Selbst oder zu unserer Seele. Man könnte auch sagen, die Seele bewegt sich hin und her zwischen der Weite des Universums und der engen Nähe des Selbst.

Klang ist Leben, nennt Barenboim sein lesenswertes Buch. Der Klang jeder Musik, und so auch der Klang des Adhans, repräsentiert gleichsam unsere Existenz. Wir sind ein Klang, und so wie ein Klang entsteht, entsteht unser Leben – gleichsam aus dem Nichts heraus werden wir geboren. Der Klang wächst langsam heran, so wie auch wir heranwachsen, wird laut und voller Lebenskraft, um dann wieder langsam wieder leiser zu werden, zu vergehen und schließlich hier auf der Erde nur noch in der Erinnerung weiter zu leben. Wie der Klang, so sterben auch wir, verlassen diese Welt und bleiben als Gedanken oder vielleicht als Energiefelder im Diesseits zurück. Im Universum ist jedoch alles, was einmal angestoßen wurde, unendlich, so wie das Universum selbst. Einmal angestoßen, tönt der Klang, der Klang unseres Lebens, endlos weiter, unabhängig von Raum und Zeit. Vor ein paar Tagen las ich so passend im Beitext zu einem psychologischen Spiel: „In alten Mythen ist der Mensch selbst ein Gefäß, dem Gott seinen Atem eingehaucht hat – ein Gefäß, das zu klingen beginnt. Unser Wort „Person“ drückt das ebenfalls aus. Person heißt wörtlich „durchtönend“, von lateinisch sonare – tönen, klingen.Wenn die großen Zusammenhänge im einzelnen Menschen Widerhall finden, und – umgekehrt – wenn auch das Besondere eines Individuums an vielen Stellen in der Welt Resonanz findet, dann wird eine Person zur wohlklingenden, stimmigen Persönlichkeit.“ (Johannes Fiebig, „Du bist, was du vergisst“, 2018). Wir sind also ein Gefäß, das klingt, indem wir etwas von Außen aufnehmen und klingen lassen. Und zugleich lassen wir durch unseren Klang etwas von innen hinaus.

Um noch einen Moment im Bild zu bleiben – wahrscheinlich sind wir nicht ein einzelner Ton, sondern ein ganzes Geflecht von Tönen, die wir stets versuchen, zu harmonisieren. Diese Töne sind Manifestationen unserer Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken. Manche unserer Klänge verbinden sich zu wundervollen Harmonien. Andere Klänge bilden zusammen eine Kakophonie, die das ungeübte Ohr kaum zu ertragen vermag. Wir versuchen stets automatisch, unsere verschiedenen Klanganteile, die Klanganteile unserer Seele also, so miteinander zu verbinden, dass eine ansprechende Harmonie entsteht. Erlebnisse und Erfahrungen bilden so eine Klangharmonie, die unsere Identität ausmacht, welche mit jeder Erfahrung erweitert wird. Auch mit äußeren Klängen, das heißt mit anderen Menschen, versuchen wir Harmonie zu erreichen. Manche Klänge empfinden wir als zu uns unpassend und meiden sie, mit anderen verbinden wir uns ganz mühelos und freudvoll, weil sie mit unseren eigenen Klängen so gut zusammen passen. Wir sagen dann, wir sind miteinander im Einklang. Manchmal arbeiten wir unter Einsatz von Selbstdisziplin daran, dass unser Denken und unser Handeln miteinander in Einklang kommen.

Unser Prophet Mohamed war ein Warner. Als solcher, müsste er eigentlich durch einen lauten Klang verkörpert sein, den man überall hört, einer Art Warnschuss oder Trompetengetöse. Dennoch stelle ich ihn mir besonders leise vor. Der Klang des Propheten ist ein Ton, den man bei übermäßiger Geschäftigkeit nicht zu hören vermag, unübertroffen jedoch an Wärme und Liebe. Vielleicht haben wir alle so einen ganz warmen, leisen Ton in uns. Vielleicht ist das der Ton der selbstlosen Liebe. Der Ton liebender Ergebenheit, der in uns singt, wenn wir „muslim“ sind? Muslim nicht im Sinne einer Religionszugehörigkeit, sondern als Zustand. Muslim sein bedeutete dann, einen leisen Ton in sich zu tragen, der nie vergeht. Einen leisen, warmen Ton, der in unseren Gebeten zu Gott hin klingt und von ihm wahrgenommen wird. Ein Ton, ähnlich eines fein gesponnenen Fadens, der immer weiter klingt und in sich die Hoffnung trägt, und das Vergeben, die Liebe und die Gnade und das, was in den Interpretationen des Wortes „Islam“ immer als „Unterwerfung“ wiedergegeben wird, aber tatsächlich eine liebevolle, friedfertige Hingabe meint. Während alle Veränderungen, die wir von Tag zu Tag, sogar von Stunde zu Stunde, in uns spüren, unsere Klänge ändern, mal laut, mal leise, mal hart, mal weich, mal kälter, mal wärmer – so ist dieser eine, feine Ton, doch immer da – der Ton der beweist, dass wir muslim sind. Muslim, wie gesagt, als Zustand, als Sein. Diese Verbindung zu Gott besteht zwar immer, doch bekräftigen wir sie in unserem Leben stets in zwei besonderen Momenten: Wenn wir beten, und wenn wir Gutes tun.

Im Koran lesen wir:

2:2-4

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist (dazu bestimmt,) eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten (zu sein), die an (die Existenz dessen) glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten; und die an das glauben, was dir (o Prophet) von droben erteilt worden ist, wie auch an das, was vor deiner Zeit erteilt wurde: denn es sind sie, die in ihrem Innersten des kommeden Lebens gewiss sind!

2:43

…und verrichtet beständig das Gebet, und gebt aus Mildtätigkeit, und verbeugt euch im Gebet mit allen, die sich also verbeugen.

2:83

Und siehe! Wir nahmen dieses feierliche Versprechen von (euch) den Kindern Israels an: Ihr sollt keinen außer Gott anbeten; und ihr sollt Gutes tun euren Eltern und euren Verwandten und den Waisen und den Armen; und ihr sollt zu allen Leuten auf gütige Weise sprechen; und ihr sollt beständig das Gebet verrichten; und ihr sollt ausgeben aus Mildtätigkeit.

2:277

Wahrlich, jene, die Glauben erlangt haben und gute Werke tun und beständig das Gebet verrichten und aus Mildtätigkeit ausgeben – sie werden ihren Lohn bei ihrem Erhalter haben, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein.

8:2-4

Gläubige sind nur jene, deren Herzen vor Ehrfurcht erzittern, wann imer Gott genannt wird, und deren Glauben gestärkt wird, wann immer Seine Botschaften Ihnen übermittelt werden, und die iher Vertrauen auf ihren Erhalter setzen – jene, die beständig das Gebet verrichten und für andere ausgeben von dem, was Wir ihnen als Versorgung bereiten: es sind sie, die wahrhaft Gläubige sind! Für sie wird es große Würde in der Sicht ihres Erhalters geben und Vergebung der Sünden und eine höchst vortreffliche Versorgung.

In 19:31,32 lesen wir, wie der Prophet Jesus sagt: „Siehe, ich bin ein Diener Gottes. Er hat mir Offenbarung gewährt und mich zu einem Propheten gemacht und mich gesegnet gemacht, wo immer ich sein mag; und Er hat mir Gebet und Mildtätigkeit geboten, solange ich lebe, und hat mich versehen mit liebender Achtung gegenüber meiner Mutter; und Er hat mich nicht überheblich oder bar der Gnade gemacht.“

19:54,55

Und erinnere dich, durch diese göttliche Schrift, an Ismael. Siehe, er hielt immer sein Versprechen und war ein Gesandter Gottes, ein Prophet, der seinen Leuten Gebet und Mildtätigkeit zu gebieten pflegte und in der Sicht seines Erhalters Gunst fand.

22:41 sagt uns, dass Gott wohl den Betenden und Mildtätigen wohl gewahr ist .

…(wohl gewahr) jener, die selbst wenn wir sie auf Erden in sicherer Position einsetzen, weiterhin beständig das Gebet verrichten und aus Milttä geben und das Tun dessen gebieten, was recht ist, und das Tun dessen verbieten, was unrecht ist; aber bei Gott liegt das endgültige Ergebnis aller Geschehnisse.

Wenngleich es noch eine Vielzahl solcher Koranstellen gibt, ende ich mit 98:5

und überdies, ihnen wurde nichts anderes geboten, als dass sie Gott anbeten sollten, aufrichtig in ihrem Glauben an Ihn allein, sich abwendend von allem, was falsch ist, und dass sie beständig das Gebet verrichten sollten; und dass sie aus Mildtätigkeit ausgeben sollten: denn dies ist ein mit immerwahrer Triftigkeit und Klarheit versehenes Moralgesetz.

In wenigen Minuten werden wir das Freitagsgebet verrichten. Wir könnten dafür genauso gut zu Hause bleiben und da beten, wo wir es immer tun, doch kommen wir hier zusammen, um das gemeinsam zu tun. Dabei senden wir jeder einzeln einen Ton, zart wie ein Faden und zugleich kraftvoll wie ein Seil, hell wie der lichte Tag und zugleich dunkel wie die tiefste Nacht, eifersüchtig, hartherzig, unumsichtig und gnädig zugleich. Unseren eigenen Ton, der sich manchmal Bahn bricht, entgegen unseren Wünschen und unserem Verstand. Manchmal ist es die reine Pflichterfüllung, die uns bewegt, in der Moschee zu beten, denn nicht immer kann der Mensch seine spirituellen, geistigen Ideale leben, und es gibt auch solche Pflichtmenschen, die dem Spirituellen wenig abgewinnen können, aber deren Ton stark und reißfest trägt. Jeder eigene Ton verbindet sich nun mit allen anderen Tönen in diesem Raum und alle zusammen

hallen hinaus ins Universum. Das Gebet hält uns nicht einfach zusammen als Gemeinde, sondern wir sind die Verkörperung der Schöpfung als Einheit. Indem sich unsere Einzeltöne miteinander verbinden, verbinden auch wir uns miteinander. Sure 62 Vers 9 erinnert uns: Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Wenn am Tag der Gemeindeversammlung (also des Freitagsgebets) der Ruf zum Gebet ertönt, eilt zum Gedenken Gottes und lasst allen weltlichen Handel: dies ist zu eurem eigenen Wohl, wenn ihr es nur wüsstet. Und wenn das Gebet beendet ist, zerstreut euch freizügig auf Erden und sucht etwas von Gottes Huld zu erlangen; aber gedenkt Gottes oft, auf dass ihr einen glückseligen Zustand erlangen möget! Doch es kommt vor, dass wenn Leute einer Gelgenheit für weltlichen Gewinn oder eines vergänglichen Vergnügens gewahr werden, sie üerstürtzt dorthin eilen und dich stehen und predigen lassen. Sag: Das was bei Gott ist, ist weit besser als alles vergängliche Vergnügen und aller Gewinn! Und Gott ist der Beste der Versorger!“