Miteinander

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.

Deutsche oder Muslime?

Deutsche oder Muslime?

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“. So zitierte vor einigen Wochen eine Moscheebesucherin ein deutsches muslimisches Schulkind. Und in einem muslimischen Diskussionsforum sagte vor einigen Monaten eine der Rednerinnen: „Für mich steht der Koran über dem Grundgesetz.“ Anlässlich der Feierlichkeiten zum Dritten Oktober möchte ich diese Zitate als Ausgangspunkt meiner heutigen Khutba nehmen.

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“ (Zitat).

Ich stehe hier als Europäerin vor euch und vertrete gewissermaßen qua meiner Sozialisation die europäischen Werte. Ich bin also sozialisiert in europäischen Gesellschaftszusammenhängen, der letzten 50 Jahre.

Zugleich bin ich ganz offensichtlich wie recht viele Konvertiten und Konvertitinnen recht Orientaffin. Konvertitinnen zeigen sich gerne in unterschiedlichen Maßen arabisiert, laufen manchmal gar draußen auf der Straße in der Abaja herum, als wäre es ein selbstverständliches Kleidungsstück in Deutschland. Selbst aufgeklärte Musliminnen, die ganz deutsch aussehen und die sich von traditionellen, gar konservativen, stereotyp „arabischen“ Rollenbildern fernhalten, erkennt man häufig an kleinen orientalischen Accessoires – Ohrringen, gekauft in der Sonnenallee, selbstgefertigten orientalisch anmutenden Stickereien auf der Bluse und dergleichen. Irgend etwas mögen wir an der arabischen Welt. Wir suchen uns auch unsere Partner danach aus. Ein arabisch-muslimischer Partner kommt für so manche von uns eher in Frage als ein deutscher Mann. Die Ursachen liegen vielleicht eher im psycho-sozialen Bereich als in der Religion.

Innerlich hingezogen zu bestimmten Aspekten des arabischen Lebens, oder vielleicht nur einer orientalischen Ästhetik, treten wir gleichzeitig ein für die europäischen Grundwerte.

So vertreten wir beispielsweise mit Selbstverständlichkeit für den Wert der Meinungsfreiheit ein. Mit Blick auf die Diktaturen oder ähnlichen Regierungsformen, wie praktiziert in der Türkei, Syrien, Afghanistan, schätzen wir diesen hier im Grundgesetz verankerten Begriff der Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter.

Ein weiterer essentieller Wert, den wir hier in Deutschland wiederfinden, ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, zumindest der Weg in diese Richtung. Das heißt eigentlich, die Selbstbestimmung. Wir dürfen als Frauen arbeiten, wo und wie viel wir wollen, der Mann kann mit den Kindern zu Hause bleiben, wenn er möchte. Festgefahrene Rollenbilder sind passé.

Wir können heterosexuelle oder homosexuelle Ehen schließen, können uns geschlechtlich umdefinieren, auch umoperieren, und es wird, wenngleich nicht von allen Mitbürgern, so doch vom Gesetz her, akzeptiert und geschützt. Auch hier sind wir nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg.

Freiheit der Meinung und der Lebensgestaltung, sexuelle Selbstbestimmung und vieles mehr sind Grundwerte unserer Gesellschaft, unserer Demokratie – wir erkennen sie als Errungenschaft, die Demokratie. Zurzeit werden diese Werte wieder in Frage gestellt von Deutschen, die behaupten, es gäbe eine erstrebenswerte allein-deutsche Homogenität, oder Identität. Die sogenannte identitäre Bewegung, Nationalisten und Faschisten schreien nicht nur in Chemnitz „Deutschland den Deutschen“. Wir rufen zurück: „Nein danke“ und „wir sind mehr“- Der Integrationsmonitor vom September 2017, von der Welt veröffentlicht, berichtet: „Das Zusammenleben mit Zuwanderern wird in Deutschland überwiegend positiv wahrgenommen. Das ist das zentrale Ergebnis des Integrationsmonitors des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration der im September in Berlin vorgestellt wurde. Über 70 Prozent der Befragten empfanden Zuwanderung als Bereicherung. https://www.welt.de/politik/deutschland/article181557280/Integrationsbarometer-Mehrheit-der-Deutschen-sieht-Migration-als-Bereicherung.html

Zu behaupten, die Multikulturalität wäre gescheitert, ignoriert die vielen Momente, in denen sie zur absoluten Selbstverständlichkeit geworden ist. Das neue Deutschsein, oder einfach das Sein, der Mehrheit beinhaltet das Andere als das Eigene, das bedeutet, es ist gar nicht mehr das Andere – es ist Teil des Eigenen. Das Eigene ohne das Andere, gibt es nicht mehr für uns. Sie sind eins geworden, bedingen sich gegenseitig und machen das Leben reicher, liebenswerter, lebenswerter, froher, gesünder, ehrlicher und Vieles mehr. Die nationale Homogenität ist dabei Teil einer fiktiven Vergangenheit. Es gab niemals eine homogene Gesellschaft und inscha‘ allah wird es sie auch nie geben, denn eine homogene Kultur erreicht man, wenn überhaupt, nur durch eine Diktatur der Angst. Wir trauern den aus der deutschen Geschichte bekannten angstinduzierten gesellschaftlichen Homogenisierungsversuchen nicht nach.

Wir Konvertiten und Kovertitinnen, wir Einwanderer wir hier geborene Muslime sind Bindeglieder und repräsentieren auf vielfältige Weise zugleich das Deutsche und den Islam. Symbolisieren tun wir dies durch Namen wie Ulf Abdullah Meier, oder Sabine AlJamous. Indem wir dann das Gute aus beiden Kulturen zusammenziehen und das Schlechte aus beiden Kulturen verwerfen, lassen wir etwas Neues entstehen. So tun wir dies auch hier in der Moschee. Wir verwerfen von uns als ungünstig empfundene Traditionen und ersetzen sie durch neue, von uns als besser empfundene, ohne dabei die Religion zu verlieren. Nicht die Religion wird verworfen, sondern Aspekte turko-arabischer Traditionen, die für unsere heutige Lebenswirklichkeit sinnlos und störend geworden sind. Was für die Moschee gilt, gilt auch für die Bewegung außerhalb der Moschee – wir schaffen etwas genuin Neues. Diese Neue will nicht die Spaltung, sondern Verbindung. Wir gehören ja zusammen; konservative Mitmenschen, Progressive, solche, deren politische Meinung wir vielleicht nicht teilen mögen, religiöse Traditionalisten… alle haben genau dasselbe Recht auf Meinungsfreiheit. Wir sind eine Gemeinschaft, denn wir teilen ein Schriftstück.

Dieses gesellschaftsverbindende Schriftstück ist das Grundgesetz. Es ist ein aus der Geschichts- und Gesellschaftsreflexion gewachsenes politisches Werk der Formulierung und Wahrung menschlicher Freiheit. Durch das Grundgesetz und die Durchsetzung der hier verbrieften Rechte und Pflichten verhindern wir das sogenannte Recht des Stärkeren. Das Grundgesetz ist die rechtsphilosophische Basis der Einhaltung der Menschenwürde. Doch ist es kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Wir haben ein Grundgesetz und dennoch wurde gerade vor wenigen Wochen in Chemnitz die Menschenwürde verletzt. Der Garant für die Wahrung der Menschenwürde sind allein die Menschen selbst. Die Menschen, die diese Würde zu schätzen gelernt haben, weil ihre eigene Würde gewahrt wurde. Jeder Mensch hier in Deutschland untersteht den Pflichten des Grundgesetzes. Jeder muss seine Freiheiten beschneiden, um die Freiheiten anderer und auch seine eigenen, zu wahren.

Doch das Grundgesetz ist nicht ein Buch der Pflichten. Es ist vor allem ein Buch der Rechte. Jeder Mensch hier in Deutschland, unabhängig von seiner Staatsangehörigkeit, unabhängig von Herkunft, Sprachkenntnissen, Einstellungen, hat ein Recht auf die Erhaltung seiner Würde. Keiner darf geschlagen werden, keiner angeschrien, keiner verletzt, keiner erniedrigt, keiner darf verarmen, keiner darf vertrieben werden, und keiner soll um sich selbst oder gar um seine Kinder fürchten. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wir Muslime in Deutschland bilden ebenfalls eine Gemeinschaft. Wir stehen nicht neben der Deutschen Gesellschaft, wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt wird, sondern wir sind Teil davon, wir sind diese Gesellschaft. Alle Teile dieser Gesellschaft sind diese Gesellschaft. Die Spaltung zwischen Deutschen und Muslimen ist absurd. Wo dieser Gegensatz noch in Köpfen weiter besteht, gibt es ein Missverständnis. Muslime in der Deutschen Gesellschaft sind diese Deutsche Gesellschaft. Sie sind, wie alle anderen, das Volk. Und auch wenn manche Muslime in Deutschland noch keine Staatsangehörigkeit besitzen, sind sie gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft, und sind, wie alle anderen, die Gesellschaft. Denn Gesellschaft definiert sich nicht über den Pass, sondern über den Aufenthaltsort.

Neben dem Grundgesetz teilen wir als Muslime ein weiteres essentielles Schriftstück. Es ist der Koran. Er steht für uns an oberster Stelle unserer Religion, aber er setzt nicht das Grundgesetz außer Kraft. Auf die Sharia gehe ich in einer anderen Khutba ein. Hier sei nur gesagt, der Koran ist kein Gesetzbuch sondern ein Buch des Glaubens und der Religion. Ist das Grundgesetz die rechtsphilosophische Grundlage gesellschaftlichen Lebens, so ist der Koran die religionsphilosophische Grundlage von allem, was den Menschen und seine Umwelt betrifft. Er bildet damit für uns Muslime auch das philosophische Fundament des Grundgesetzes. Eines der wichtigsten Prinzipien, die beide vereint, ist die Gerechtigkeit auf der Basis der Gleichheit. Vor Gott sind wir alle gleich. Dies ist sowohl die Basis der 114 Suren des Korans als auch die Basis der 146 Artikel des Grundgesetzes. „Jeder Mensch“, heißt es dort; und nicht „die Wohlhabenden“ oder „die Gebildeten“. Die beiden Schriften – Grundgesetz und Koran – widersprechen sich nicht.

Koran wie Grundgesetz dienen der Wahrung von Gerechtigkeit und Würde. Aber genau wie unsere Verfassung ist auch der Koran kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Es sind die Menschen, die die Wahrung der Würde von Gottes Schöpfung garantieren. Der Koran stellt den Begriff der Würde in den Mittelpunkt und setzt den Impuls zur deren Wertschätzung. Aus der Summe aller moralischen und sozialen Grundwerte des Koran entsteht eine Haltung, die den Anderen wertschätzt und achtet, die dafür sorgt, dass keiner verarmt, keiner verhungert, keiner getötet wird, Tiere leidfrei gehalten werden, Pflanzen gewässert und Kinder geliebt.

Wo im Koran steht das?

Zuerst steht es am Anfang jeder Sure. Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. Er, Allah, ist der Barmherzige und dies ist sein absolutes Wesensmerkmal. Die Vergebung aller Sünden steht als bekannteste und am häufigsten wiederholte Eigenschaft Gottes an erster Stelle. Sie setzt den Ton des Schriftstückes und wird wieder und wieder im Koran erwähnt. Gott ist barmherzig, allvergebend und voller Gnade.

In Sure 57:9 lesen wir: Gott Er ist es, Der Seinem Diener klare Zeichen offenbart, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausbringt. Und Allah ist wahrlich mit euch Gnädig und Barmherzig.

Der Diener ist Mohammed, der Prophet. An Liebe zu seinen Mitmenschen unübertroffen sollen wir seinem Beispiel folgen.

Der Koran verbrieft die Meinungsfreiheit in der Offenbarung, dass es keinen Zwang im Glauben geben darf. Die Frauen des Propheten Mohamed stritten nachweislich mit ihm und er musste aushalten, wie sie ihm ihre Meinung deutlich kundtaten. Der Koran verbrieft die Gleichberechtigung, indem er ein Erbrecht initiiert, welches nicht nur Männer sondern auch Frauen in Betracht zieht. Ja, es ist nicht ausreichend gleichberechtigt, aber der Impuls ist gesetzt und muss nun von den nachfolgenden Menschen weiter entwickelt werden. Der Garant der Gleichberechtigung sind die Menschen.

Der Koran verbrieft die Speisung der Armen und die Mitmenschlichkeit gegenüber Kindern ohne Eltern und den Alten ohne Kinder, indem er zu deren Versorgung anhält. Auch dieser Impuls wird im Koran gesetzt. Der Garant für ein würdevolles Aufwachsen und ein würdevolles Altern sind die Menschen, die andere versorgen.

Doch brauchen wir hier gar nicht die Einzelheiten aufzuzählen. Keiner von uns kennt ja auch alle 146 Artikel des Grundgesetzes. Nichtmal fünf könnte ich aufzählen, und dennoch habe ich das Gefühl, das Grundgesetz zu kennen – denn ich kenne dessen Geist.

Auch vom Koran kenne ich nicht alle Einzelheiten. Dennoch habe ich das Gefühl ihn zu kennen und seine Botschaft zu verstehen, denn auch hier gilt, ich kenne seinen Geist. Es ist der Geist der Liebe, der Vergebung und der Unterstützung, der Geist des Lernens und des Wissens, der Geist der Freiheit und der Gerechtigkeit.

Das Grundgesetz garantiert uns die freie Ausübung der Religion und deren individuelle Auslegung. Es wird dem Geist des Islam durchaus gerecht. Die Vorstellung, unsere Gesellschaft könne vollständig durch den Koran geregelt werden, mag für einen kleinen Moment erstrebenswert erscheinen. Doch die darauf unweigerlich folgende Frage: „Nach welcher Auslegung?“, zeigt deutlich die Gefahren einer solchen vermeintlichen Errungenschaft auf. Die Trennung von Staat und Religion stellt eine positive gesellschaftliche Entwicklung dar. Das friedvolle, freiheitliche, kreative und entspannte Miteinander braucht einen Rahmen, der von allen Menschen egal welcher Religion oder Ideologie als Mindestrahmen akzeptiert wird. Nur in diesem sicheren Rahmen sind Mitmenschlichkeit und Zuwendung möglich.

Dennoch bilden wir als Muslime eine besondere Gemeinschaft. Wir haben ja bewusst unsere Religion gewählt, bzw. aufrecht erhalten. Das folgende Hadith zeigt auf fröhliche Weise den Geist der Liebe und Zuwendung im Islam. Mohamed bietet einem Mann, der nach eigenem Dafürhalten in Sünde verfallen ist, verschiedenste Möglichkeiten an, bei Gott Vergebung zu finden. Diese Möglichkeiten zeigen seine Zugewandtheit zu den Menschen, die im Koran geschrieben steht und in Mohameds Herz verankert ist, und der zu folgen wir aufgerufen sind. Der Garant der menschlichen Würde ist weder der Koran noch das Grundgesetz, wenngleich beide gemeinsam hierfür den Rahmen bieten. Der Garant des Erhalts der Würde aller Menschen sind wir Menschen.

Abu Huraira berichtete: „Während wir beim Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm, saßen, kam ein Mann zu ihm und sagte: »O Gesandter Allahs, ich gehe zugrunde!«

Der Prophet fragte: »Was ist mit dir passiert?«

Der Mann sagte: »Ich fiel über meine Frau her, während ich noch am Fasten war!«

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte dann zu ihm: »Kannst du einen Sklaven finden, den du freikaufen kannst?«

»Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du zwei Monate hintereinander fasten?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du sechzig arme Menschen speisen?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Da ging der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, für eine Weile weg. Während wir noch da warteten, kam der Prophet mit einem Kübel voll Datteln zurück und sagte:

»Wo ist der Fragende?«

Der Mann sagte: »Ich!«

Und der Prophet sagte zu ihm: »Nimm diese (Datteln) und spende sie!«

Der Mann entgegnete: »Soll ich diese, o Gesandter Allahs, einem anderen Menschen geben, der noch ärmer sein soll als ich? Ich schwöre bei Allah, dass es in der ganzen Wohngegend keine anderen Menschen gibt, die ärmer sind als meine Familie!«

Da lachte der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, dass man seine Eckzähne sehen konnte, und sagte: »Dann speise damit deine Familie!«“

Mögen wir immer gespeist sein, mit Nahrung und mit Freude.

Frauenrechte im Islam

Frauenrechte im Islam

Dass ich heute die Predigt zu Frauenrechten im Islam halten darf, ist für mich ein sehr besonderes Anliegen, weil das für mich persönlich ein sehr wichtiges und dringendes Thema ist.

Der Islam ist nämlich eine Religion, die häufig mit Gewalt in Verbindung gebracht wird. Eine spezielle Gewalt soll dabei immer eine ganz bestimmte Gruppe treffen, nämlich die Frauen. Es wird gesagt: „Der Islam unterdrückt die Frau“, „der Islam ist frauenfeindlich“, „der Islam schließt Frauen aus dem öffentlichen Leben aus“ etc. Diese Positionen werden nicht nur formuliert, diese werden tatsächlich auch in Teilen der muslimischen Community gelebt. Das sieht man vor allem daran, wenn man den Koran wortwörtlich versteht. In der Sure 4, Vers 176 findet man: „Sie fragen dich um Belehrung. Sag: „Allah belehrt euch über den Erbanteil seitlicher Verwandtschaft. Wenn ein Mann umkommt, der keine Kinder hat, aber eine Schwester, dann steht ihr die Hälfte dessen zu, was er hinterlässt.“

Bestimmte Muslime lesen den Vers und sagen „Aha! Vers spricht gegen Frau, billigt Mann erbrechtliches Privileg zu und bekommt noch durch die heilige Offenbarung eine gewisse göttliche Legitimation.“ Geht man nach einer solchen Lesart vor, hätten wir gewaltige Probleme mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Mit dieser Lesart würde man aber zudem auch vieles mehr nicht zur Kenntnis nehmen, wie z.B. eine historisch-konkrete Situation, politische und gesellschaftliche Verhältnisse usw. Lässt man dies alles außer Acht, könnte man nicht verstehen, wieso dieser Vers überhaupt offenbart wurde. In welchem Zusammenhang ist dieser Vers im alten Wüstenarabien überhaupt entstanden?

Wenn man bedenkt, dass Frauen in dieser Zeit überhaupt nichts erben durften, dann gesteht dieser Vers den Frauen doch zumindest ein Erbrecht zu. Da ist also was völlig neues entstanden! Jetzt sollte man die Frage stellen, ob diese Lebensänderung für Frauen auf überwiegende Zustimmung seitens der muslimischen Gemeinde gestoßen war? Natürlich nicht! Den Männern wurde ein ganz zentrales Privileg durch diesen Vers genommen, nämlich das alleinige Recht auf Erben. Fatima Mernissi schreibt dazu: „„Dieser kleine Vers versetzte die männliche Bevölkerung Medinas in helle Aufregung. Sie befand sich zum ersten Mal in direktem und persönlichem Konflikt mit dem muslimischen Gott. […]. Die Männer fanden, dass die neue Gesetzgebung bezüglich des Erbes einen Bereich tangierte, in den der Islam sich nicht einzumischen hatte: ihre Beziehungen zu den Frauen.“

Es waren also Männer, die auf die Barrikaden gingen und sich dagegen gewehrt haben. Wobei doch der Geist des Verses war, Frauen an mehr Rechten heranzuführen.

Wie kann es eigentlich sein, dass diese Verbesserungen der Frauensituation über die Jahrhunderte hinweg keinen weiteren gesellschaftlichen Ausdruck fand? Wie kann es sein, dass man in der Vergangenheit stehen geblieben ist und man sich nicht die Frage gestellt hat, ob man die Situation von Frauen in Richtung Verbesserung weiter entwickelt hätte? In den Gassen Medinas hat man sehr kontrovers über die Gleichheit der Geschlechter gestritten.

Einer der Wortführer für Männerprivilegien war Umar Ibn al-Khattab, der zum Stamme der Quraish gehörte und sich immer wieder mit dem Propheten (s.a.w) anlegte, was vor allem Frauenrechte betraf. Er war Frauen gegenüber sehr aufbrausend und ungeduldig und ihnen gegenüber auch sehr streng. Seiner Ansicht nach und auch vieler Gläubigen in Medina sollte sich der Islam auf das geistige und öffentliche Leben beziehen, während das Privatleben weiterhin von der vorislamischen Zeit geprägt bleiben sollte. Es war ihm nicht geheuer, dass selbst seine eigene Frau ihm widersprach und diese als Vorbild den Propheten (s.a.w.) anführte. Umar selbst geriet nicht selten in Streit mit der Frau des Propheten (s.a.w) Umm Salma, wobei jeder der beiden für ihre Geschlechtsgenossen sprachen. So gab es auf der einen Seite die Forderungen der Frauen, an mehr Rechte beteiligt zu werden und auf der anderen Seite den vehementen Widerstand der Männer um Umar. Zudem waren es auch solche Männer die Gerüchte in die Welt setzten, um beispielsweise die Frauen des Propheten (s.a.w.) in Verruf zu bringen.

So wie diese Männer, die ich eben in dem Mernissi-Zitat genannt habe, waren sie es auch, die die Deutungshoheit über den Islam in den folgenden hunderten von Jahren besaßen. Und sie haben den Frauen erzählt, wie sie zu sein haben, wie sich zu kleiden haben, welche gesellschaftliche Rolle ihnen als Frau zukommt. Wie hätte sich eigentlich der Islam entwickelt, wenn Frauen Koranauslegungen angestellt hätten. Wenn also nicht Männer den Frauen gegenüber bevormundend aufgetreten wären. Hätten sie vielleicht aus dem Koran Dinge raus gelesen und verstanden, die ihnen keine einschränkende Rolle zugewiesen hätte?

Vielleicht gebe es dann keine unterdrückerischen Verhältnissen gegen Frauen in islamischen Ländern, wie z.B. in Afghanistan. Wo Frauen dort wirklich auf den unterschiedlichsten Ebenen leiden und täglicher Gewalt ausgesetzt sind, weil sie eben Frauen sind. Aber nicht nur in islamischen Ländern, auch in Europa gibt es das Phänomen, dass wenn muslimische Frauen sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden, sie häufig von ihren Familien daran gehindert werden und dies dann am Ende sogar in Morden gipfeln kann.

Wenn man sich das alles anschaut, fragt man sich doch ernsthaft, ob das die Botschaft des Islams ist, Frauen zu unterdrücken. Wobei doch der Islam Verbesserungen für die Lebenssituation für Frauen im alten Wüstenarabien brachte. Und genau dieser Geist der Verbesserung ist schließlich verloren gegangen. Positiv gestimmt ist man aber dennoch, wenn man sieht, dass es immer wieder auch Frauen in Vergangenheit und Gegenwart gibt, die sich kritisch damit auseinandergesetzt haben. Zu nennen wäre die bereits erwähnte Fatima Mernissi oder auch Amina Wadud. Eine Frau, die ich persönlich sehr bewundere, ist Chadidscha, die erste Frau des Propheten. Sie galt in der damaligen Zeit als eine einflussreiche Händlerin, war selbständig und ergriff die Heiratsinitiative, also sprich: Sie hat um die Hand des Propheten (s.a.w) angehalten. Solche Frauen wünscht man sich doch wieder.

Warum halte ich als Mann eigentlich hier eine Predigt über Frauenrechte im Islam? Das hat zwei Gründe: Der eine Grund lautet, dass es einen identitären Diskurs gibt, der lautet, dass nur Frauen Frauen verstehen können, dass nur Männer Männer verstehen können, dass nur Schwule Schwule verstehen können usw. Mich persönlich interessiert es wenig, welches Geschlecht du hast, woher du kommst oder wen du liebst. Ich sehe dich also nicht als bloßes Geschlecht oder sonst was an, sondern ich frage dich, welche Überzeugung vertrittst du, sprich, für welche Werte trittst du ein? Haben wir eine gemeinsame Wertebasis gefunden für die wir zusammen kämpfen, ist es völlig unerheblich, woher du kommst oder wer du bist. Ich setze mich also für Geschlechtergerechtigkeit ein und sehe jeden als Verbündeten an, der sich ebenso dafür einsetzt, egal ob Mann oder Frau. Und deshalb möchte ich als Mann ein Zeichen setzen, dass auch Männer sich für Frauenrechte einsetzen können, ja auch im Islam. Das hat auch eine gewisse Tradition, wenn ich beispielsweise an Qasim Amin, einem ägyptischen Frauenrechtler aus dem 19. Jhd. und frühen 20. Jhd. erinnern darf, der sich für Frauenrechte eingesetzt hat und eine hitzige Debatte in Ägypten auslöste. Was ich damit sagen möchte, ist einfach nur, dass auch Männer Feministen sein können und ich mich in dieser Tradition auch selbst wiederfinde.

Der zweite Grund bezieht sich darauf, dass es muslimische Imame gibt, die frauenfeindliche Positionen islamisch begründen. Und leider sind es nicht wenige. Ich denke es ist an der Zeit, eigene muslimische Prediger zu zeigen und predigen zu lassen, die sich solidarisch mit Frauen erklären. Die diesen konservativen muslimischen Prediger sagen, dass auch ich als Mann zwar traditionell über Frauen Macht habe, aber ich darauf gänzlich verzichte, weil ich niemanden unter mir stehen haben möchte. Und ich denke der Geist des Korans hätte sich zu genau diesem Punkt der Gleichheit hinbewegt, wenn das Patriarchat nicht die Oberhand gewonnen hätte.

Und schließlich haben Frauen und Männer etwas, was sie gemeinsam teilen: eine Menschenwürde. Ein Philosoph aus dem 15. Jhd. Namens Pico Della Mirandola schrieb über die Menschenwürde: „Wir sind geboren worden unter der Bedingung, dass wir das sein sollen, was wir sein wollen.“

Um das zu erreichen, ist es wichtig, geschlechtergerechte Verhältnisse zu schaffen. Und das ist ein Auftrag, der sich an alle Menschen richtet.

Gemeinschaft im Islam

Gemeinschaft im Islam

Unter der Obhut Allahs, der Göttlichen Barmherzigkeit, der göttlichen allumfassenden Gnade.

Alles Lob gebührt Allah. Wir preisen Gott, wir suchen Gottes Rechtleitung und Gottes Barmherzigkeit. Und wir suchen Zuflucht bei Allah vor unserer Schwäche und vor unseren Fehlern. Wen Allah leitet, den kann niemand in die Irre führen. Und wen Gott in die Irre führt, den kann niemand auf den rechten Weg bringen. Wir bezeugen, dass es niemanden gibt, der unserer Verehrung würdig ist außer Gott, der einen Göttlichkeit, die einzig ist und die keinen neben sich hat. Und wir bezeugen, dass Mohammed der Diener und Gesandte Allahs ist.

„Die Umma ist immer für Dich da, Bruder!“, höre ich immer wieder. „Die Umma sorgt schon für Dich“, hat man mir mehrfach versprochen. Und ich habe auch gelesen: „Die Umma ist die gesamte Gemeinschaft der Muslime.“

Das ist eine tolle Vorstellung: Eine weltweite Community, bestehend aus 1,7 Milliarden Muslimen, in der die Menschen miteinander gut umgehen und füreinander sorgen. Die Idee, dass wir Muslime alle quasi Brüder und Schwestern zueinander sind, ist ungeheuer ansprechend.

Wenn es denn so wäre.

Muslime sind auch nur Menschen, und als solche gab und gibt es unter ihnen jede Menge Zwist und Auseinandersetzungen und Streit und Ärger und auch Krieg. In Dutzende und Aberdutzende einzelne Strömungen, Rechtsschulen und Gruppen haben sich die Muslime seit dem Tod des Propheten Mohammed (Friede sei auf ihm) zerstritten. Von einer einzigen Gemeinschaft, einer einzigen Umma, fehlt scheinbar jede Spur.

Wir als Gemeinde der Ibn Rushd-Goethe Moschee merken das ganz besonders. Zustimmung oder Kritik an unserem Wirken kommt aus den unterschiedlichsten Lagern und Gruppierungen, die sich teilweise auch nicht einig sind über ihre Positionen und Ansichten.

All das hat mich bewogen, mich einmal näher mit der Idee von Gemeinschaft und Gemeinschaften im Islam zu beschäftigen.

Zu Zeiten des Propheten Mohammed gab es verschiedene Vorstellungen von der „Umma“, einem Begriff, den wir üblicherweise mit „Gemeinschaft“ übersetzen.

Er bezeichnete Gruppen von Menschen, die aufgrund einer Gemeinsamkeit zusammengehörten. Der Qur’an nimmt Bezug auf verschiedene Gemeinschaften, so auch zum Beispiel die der Christen, aber auch solche der Tiere und der Dschinn.

In Medina wurde der Begriff für die Anhänger Mohammeds aus Mekka und Medina und die mit ihnen verbündeten Clan-Gruppen verwendet. Mohammed schloss nach seiner Ankunft in Medina im Jahr 622 einen Bündnisvertrag zwischen den Auswanderern aus Mekka und seinen medinensischen Unterstützern, in den dann auch verschiedene jüdische Stämme integriert wurden. Dieser „Verfassung von Medina“ wird auch gern als „Gemeindeordnung von Medina“ bezeichnet. Am Beginn dieses Vertrags wird festgestellt, dass „die Gläubigen und Muslime der Quraisch und von Yathrib (also Medina) und jene, die ihnen folgen, mit ihnen verbunden sind und zusammen mit ihnen kämpfen“ und damit, dass sie eine „einzige Umma“ (umma wāida) bilden.

Der Vertrag schloss also jüdische Clan-Gruppen ein. Der Begriff „Umma“ war daher seinerzeit kein rein religiös festgelegter. Das kam dann erst später im Laufe der islamischen Geschichte und inzwischen hat „Umma“ auf der arabischen Halbinsel sogar auch einen arabisch-nationalen Charakter unabhängig vom Islam als Weltreligion.

In Deutschland wird „die Umma“ – so mein persönlicher Eindruck – als idealisierte Gesamtgruppe muslimischer Menschen empfunden, zu der man* als Muslim*in eine Zugehörigkeit und Aufgehobenheit fühlen sollte, der man* aber auch zu Konformität verpflichtet ist. Die Regeln dieser „Umma“ werden sichtlich als die religiösen Regeln des Islam plus der traditionellen Auslegung der hier ansässigen Muslime empfunden.

Die Idee einer „Umma“ als Bürgergemeinschaft empfinde ich persönlich jedoch als viel ansprechender – auch und gerade in Hinblick auf Mohammeds Verfassung von Medina. Das Miteinander der Menschen unabhängig von Religionszugehörigkeit und kulturellen Wurzeln entspricht meiner aktuellen Lebensrealität, sowohl politisch wie gesamtgesellschaftlich. Eine Gemeinschaft, die der es um Menschen und ihre Teilhabe an der Gesellschaft geht, jenseits von Glauben und anderen Dingen. Ein diverses, plurales und demokratisches Miteinander. Ja, das ist eine schöne Vorstellung.

Dazu erfordert es die stetige Integration des einzelnen Menschen in die Gemeinschaft. Wie in einer Liebesbeziehung mögen wir also Kompromisse schließen, Meinungen austauschen und Mehrheitsentscheidungen treffen. Dabei wollen wir natürlich einander zugewandt sein, freundschaftlich und interessiert.

Aber die Realität ist anders. Genauso wie sich die ursprüngliche islamische Community in sprichwörtliche 73 Gruppierungen zerteilt hat, ist auch die Lage in der deutschen Gesellschaft in einzelne Lager und Parteien und Bewegungen getrennt. Und ebenso wie die islamische Welt ist unsere deutsche Gesellschaft in dieser Trennung eben nicht einander zugewandt, freundschaftlich und interessiert. Sondern einander abgewandt, unfreundlich, fixiert auf Kontrolle und Macht und Einfluss und die Manipulation anderer Menschen.

All dies passiert üblicherweise in Abhängigkeit von Vordenkern – Menschen, die „den Kurs angeben“ und denen dann Mitglieder einer Gruppe folgen, meist nicht hinterfragend und nicht kritisch und nicht überlegend. Sowohl in der deutschen Gesellschaft wie in der „islamischen Gemeinschaft“ herrscht weitgehend eine „Leithammelkultur“ vor. Und darin integrierte Gruppen antizipieren jeweils, dass die Gefolgschaft der Vordenker auf jeden Fall konform mit ihren jeweiligen Anführern sind, genauso denken wie sie. Und weil die Positionen der Vordenker bzw. Gruppierungen sich teilweise stark unterscheiden, kommt gar nicht die Idee auf, sich miteinander als eine Gemeinschaft zu empfinden.

Im Internet habe ich vor ein paar Tagen einen Spruch gefunden. Ich finde ihn spannend, wenn ich auch nicht weiß, von wem oder aus welcher Quelle er ursprünglich stammt.

Er lautet:

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht auf dem Weg nach Dschahannam.“

Der Begriff „Dschahannam“ ist die koranarabische Bezeichnung für die Hölle.

Der Spruch lautet also:

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht, wenn man sich auf dem Weg zur Hölle befindet.“

Im Sufismus, der mystischen Ausprägung des Islams, ist die Hölle der Ausdruck und die Manifestation der Entfernung zu Allah. Je weiter man sich von Allah entfernt, desto stärker ist man bereits zu Lebzeiten bestraft, denn die größte Strafe sei es, fern von Allah zu sein. Jene, die der Hölle sind, sind also bestraft durch ihre Gefangenschaft im eigenen Ego und der Illusion, von Allah getrennt zu sein.

Warum erzähle ich das jetzt, wo es eben doch noch um die islamische Umma und die deutsche Gesellschaft ging?

„Du kannst nicht erwarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben, wenn du ihn mit den falschen Leuten gehst. Wahre Freundschaft gibt es nicht, wenn man sich auf dem Weg fort von Allah befindet.“

Allah hat seinerzeit Mohammed inspiriert, in Medina eine Gemeinschaft größer als eine Religion zu bilden. Im Qur’an finden sich viele Verse, die das Leben dieser Gemeinschaft regeln sollten.

Wie ich in meiner letzten Predigt erwähnte, bietet Gott seine Rechtleitung allen Menschen, auch Nicht-Muslimen an.

In Sure 2, Vers 185 sagt Allah:

„Der Monat Ramaḍān (ist es), in dem der Qurʾān als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung.“

Für alle Menschen.

Für mich ist das die Aufforderung, eine gemeinsame Umma zu pflegen. Eine Gemeinschaft zu fördern, in der alle Menschen sich miteinander spirituell weiter entwickeln, unabhängig von Religionszugehörigkeiten oder politischen Ansichten.

Das klingt vielleicht ein bisschen wie Science-Fiction, oder wie die Ansichten von Hippies.

Aber das Motto der Ahmadiyya bringt es durchaus auf den Punkt:

„Liebe für Alle, Hass für Keinen.“

Der Prophet Jesus (Friede sei auf ihm) rief zur personellen Nächstenliebe auf.

Mohammed setzte diese Idee für eine Gemeinschaft um. Die Idee, eine Gruppe von Menschen anzuleiten, verträglich miteinander umzugehen, ist aus meiner Sicht ein klarer Auftrag an uns Muslime.

In Sure 21, Vers 92 sagt Allah:

„Gewiss, diese ist eure Gemeinschaft, eine einzige Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr; so dient Mir!“

In Sura 49, Verse 10 bis 12 sagt Allah:

„Die Gläubigen sind Brüder; so stiftet Frieden unter euren Brüdern und fürchtet Allah, vielleicht findet ihr Barmherzigkeit.“

„Oh die ihr glaubt, die einen sollen nicht über die anderen spotten, vielleicht sind eben diese besser als sie. Auch sollen nicht Frauen über andere Frauen (spotten), vielleicht sind eben diese besser als sie. Und beleidigt euch nicht gegenseitig durch Gesten und bewerft euch nicht gegenseitig mit (hässlichen) Beinamen. Wie schlimm ist die Bezeichnung „Frevel“ nach (der Bezeichnung) „Glaube“! Und wer nicht bereut, das sind die Ungerechten.“

„Oh die ihr glaubt, meidet viel von den Mutmaßungen; gewiss, manche Mutmaßung ist Sünde. Und sucht nicht (andere) auszukundschaften und führt nicht üble Nachrede übereinander. Möchte denn einer von euch gern das Fleisch seines Bruders, wenn er tot sei, essen? Es wäre euch doch zuwider. Fürchtet Allah. Gewiss, Allah ist Reue-Annehmend und Barmherzig.“

In Sure 2, Vers 143 sagt Allah:

„Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen über die (anderen) Menschen seiet und damit der Gesandte über euch Zeuge sei. Wir hatten die Gebetsrichtung, die du einhieltest, nur bestimmt, um zu wissen, wer dem Gesandten folgt und wer sich auf den Fersen umkehrt. Und es ist wahrlich schwer außer für diejenigen, die Allah rechtgeleitet hat. Aber Allah lässt nicht zu, dass euer Glaube verlorengeht. Allah ist zu den Menschen wahrlich Gnädig, Barmherzig.“

Und natürlich sagt Allah in Sure 5, Vers 48:

„Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist. Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt. Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.“

Liebe Gemeinde, liebe Gemeinschaft, Allah zeigt uns klar auf, was unser Auftrag ist.

Wir sollen verstehen, dass die Menschen – egal welcher Religion oder Kultur oder politischen Einstellung sie angehören – alle miteinander verbunden sind. Wir alle sind Gottes Kinder. Wir alle haben eine Verantwortung. Eine Verpflichtung gegenüber einer weltweiten Gemeinschaft, einer globalen „Umma“.

Wir sind dazu aufgefordert, unsere Umwelt und Natur gut zu behandeln. Also müssen wir aufstehen und den Leithammeln klar machen, dass die globale Erwärmung existiert und uns alle bedroht.

Wir sind dazu aufgefordert, Frieden zu schaffen, im Kleinen wie im Großen. Also müssen wir aufstehen und die Fehler der Leithammel benennen, die Krieg und Leid auf andere Menschen bringen.

Wir sind dazu aufgefordert, einander mit Respekt und ohne Hass zu begegnen. Also müssen wir aufstehen und den Leithammeln klar machen, dass Respektlosigkeit und Unfreundlichkeit kein gedeihliches Miteinander hervorbringen kann.

Das sind große Worte. Das ist überwältigend.

Aber wo das Bewusstsein ist, liegt die Verantwortung.

Wir sind als Moschee eine gemeinnützige Organisation, also darauf ausgelegt, der Gemeinschaft zu nützen und zu helfen. Für mich ist das klar eine Gemeinschaft aller Menschen.

Allah sagt in Sure 42, Vers 23:

„Das ist die frohe Botschaft, die Allah Seinen Dienern, die glauben und rechtschaffene Werke tun, verkündet. Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, es sei denn die Liebe wie zu den Verwandten. Und wer ein gutes Werk tut, dem schenken Wir dafür noch mehr Gutes. Gewiss, Allah ist Allvergebend und stets zu Dank bereit.“

Unter all dieser Rechtleitung will ich den Sinnspruch, den ich fand, also neu formulieren:

„Wir werden nicht auf dem richtigen Weg bleiben, wenn wir ihn mit den Leithammeln gehen, die nur an ihr Ego denken und nicht an die Gemeinschaft. Wahre Freundschaft gibt es, wenn man sich zusammen auf dem Weg hin zu Gott und zu gemeinsamer spiritueller Entwicklung befindet.“

Alles Lob gebührt Gott, der Göttlichen Erhabenheit, dem Oberhaupt aller Welten. Wir danken Allah für die allgegenwärtige Gnade und Gaben und wir bitten Allah um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass wir die Göttliche Gunst empfangen werden. Der Göttliche Frieden und Segen sei mit Euch allen Menschen.

Rechtleitung im Islam

Rechtleitung im Islam

Unter der Obhut Allahs, der Göttlichen Barmherzigkeit, der göttlichen allumfassenden Gnade

Alles Lob gebührt Gott, der Göttlichen Erhabenheit, dem Oberhaupt aller Welten. Wir danken Allah für die allgegenwärtige Gnade und Gaben und wir bitten Allah um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass wir die Göttliche Gunst empfangen werden. Der Göttliche Frieden und Segen sei mit allen Menschen

„Möge Allah Dich rechtleiten!“ – das ist ein Satz, den ich oft höre oder lese, seit ich zum Islam gekommen bin. Zumeist schwingt dabei ein jovialer oder fast abfälliger Unterton mit. Ganz nach dem Motto: „Ich weiß ja, dass ich Recht habe, und möge Gott Dir klar machen, dass meine Meinung die richtige ist.“ – oder auch: „Ich weiß grade nicht weiter, also soll sich bitte Gott drum kümmern.“

Der Begriff der Rechtleitung taucht aber auch in Qur’an an vielen Stellen auf und so beschloss ich, mich im Zuge meiner Studien intensiver mit Rechtleitung zu beschäftigen.

Schnell wurde mir klar: Das ist kein Thema, das mit dem Lesen von ein paar Artikeln und ein bisschen Suche nach passenden Suren aufgearbeitet ist. Die Idee der Rechtleitung beschäftigt seit der Offenbarung an unseren Propheten Mohammed (Fsai) die islamische Theologie und Mystik. Mir wurde bewusst, dass ich mit dieser einen Khutba das Thema Rechtleitung nur grob umreißen und anschneiden könnte. Genauso wie „Barmherzigkeit“ ist „Rechtleitung“ mehr als nur ein fest definierter Begriff, sondern ein tiefer und vielfältiger Themenkomplex.

Das Substantiv „Rechtleitung“ kommt 81mal im Qur’an vor, das Verb „rechtleiten“ weitere 27mal. Hinzu kommen gute zwanzig weitere Stellen, in denen Formen der Begriffe „leiten“ und „geleitet“ verwendet wird.

Die Idee der Rechtleitung ist damit ein zentrales Thema innerhalb des Qur’an und verdient daher – meiner Meinung nach – einen entsprechenden, also einen äußerst bedeutsamen Stellenwert in der Religiösität der Muslim*innen. Darauf werde ich später noch einmal zu sprechen kommen.

Der Ausdruck „Rechtleitung“ wird verwendet für die Wiedergabe des arabischen Begriffes „hudā“ verwendet. Dieses Wort wird im Koran und in Texten der islamischen Theologie genutzt für die praktische Leitung der individuellen Lebensführung und des Gemeinwesens gemäß dem göttlichen Willen und im göttlichen Sinne. Der übliche Gegenbegriff ist „In die Irre gehen bzw. geleitet werden“ (arabisch ḍallala).

Die geoffenbarte Botschaft Gottes wird dabei als bedeutende Quelle wahrgenommen für die Inspiration der einzelnen Menschen auf deren spirituellem Weg der Weiterentwicklung.

So lesen wir in Sure 5, Verse 44 bis 46:

„Wir haben (seinerzeit den Kindern Israels) die Thora herabgesandt, die (in sich) Rechtleitung und Licht enthält… Und wir ließen hinter ihnen (d.h. den Gottesmännern der Kinder Israels) her Jesus, den Sohn der Maria, folgen, dass er bestätige, was von der Thora vor ihm da war… Und wir gaben ihm das Evangelium, das (in sich) Rechtleitung und Licht enthält… als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.“

Die Rechtleitung Gottes, die göttliche Hilfestellung, gilt also auch für die vorherigen abrahamitischen Religionen über die Verkündigungen der jeweiligen Prophet*innen.

Der Qur’an wiederum, als geoffenbarte Botschaft Allahs an Mohammed (Fsai), wird als Buch der Rechtleitung empfunden und somit auch als Quelle der Spiritualität.

Allah sagt in Sure 2, Vers 2 über den Qur’an, er

,,(…) ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“.

Damit wertet Allah die Botschaft des Qur’an als gleichwertig mit den vorangegangenen Rechtleitungen.

Aus theologischer Sicht ist der Qur‘an für „die Gottesfürchtigen“ eine Rechtleitung sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. [Auf den Begriff „Gottesfurcht“ bzw. „Gottesehrfurcht“ werde ich in einer gesonderten Khutba eingehen.]

Spannenderweise finden wir in der gleichen Sure in Vers 185 im Zuge der Erläuterung Bestimmungen zum Fasten folgendes:

„Der Monat Ramaḍān (ist es), in dem der Qurʾān als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung.“

Gott spricht hier nicht davon, die göttliche Botschaft als Rechtleitung sei nur für Muslim*innen gedacht, oder für Gottesfürchtige, oder für Gläubige, oder für Angehörige der abrahamitischen Religionen, oder nur für Männer, oder gar nur für Heterosexuelle.

Nein. Der Qur’an wurde herabgesandt „als Rechtleitung für die Menschen“.

Ich finde das bemerkenswert.

In Vers 2: ,,Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“.

In Vers 185: „Rechtleitung für die Menschen“.

Widerspricht sich das nicht?

Ich glaube nicht. Die Texte im Qur’an wurden so offenbart, dass Allah dem Propheten Mohammed (Fsai) und den seinen eine spirituelle Entwicklung ermöglichen sollten. Kernstück dieser persönlichen, moralischen Entwicklung ist die Erkenntnis. Die Erkenntnis über Wissen und Bildung. Und damit das schrittweise Verstehen der gesamten Schöpfung und seiner Verknüpfung mit Allah.

Das bedeutet: Für mich ist es logisch, dass Gott zu Beginn der Sure auf „die Gottesfürchtigen“ verweist, dann aber das Angebot der göttlichen Rechtleitung erweitert auf „die Menschen“.

So als wollte Allah uns mitteilen: „Hey, aber denkt mal drüber nach, dass mein Angebot eigentlich für alle Menschen gilt.“

Das ist inklusiv. Das betrifft auch mich. Durch diesen Teil von Allahs Botschaft bin ich nicht nur als Gläubiger, sondern als Mensch angesprochen und eingeschlossen.

Jetzt könnte man* sagen: „Das hat sich der schwule, progressiv predigende Konvertit schlau ausgedacht.“

Tatsächlich aber sind sich die Gelehrten darüber einig, dass die Verse im Einklang stehen.

Der Begriff „Rechtleitung“ bedeutet im Qur‘an nämlich zweierlei: Die Rechtleitung im Sinne von „hinweisen“ und „einen Weg zeigen“, zu dieser Art Rechtleitung sind die Gottesgesandten und deren Nachfolger in der Lage.

In Sure 13, Vers 17 sagt Allah:

,,Und jedes Volk hat einen, der es rechtleitet“

Das heißt, dass es in jedem Volk Menschen gibt, die es auf den rechten Weg hinweisen.

In Sure 42, Vers 52 sagt Allah:

,,Und du leitest ja wahrlich zu einem geraden Weg“

Allah bestätigt hiermit, dass die Gesandten sowie deren Nachfolger auf einen Weg des Glaubens leiten, also hinweisen, einladen und ermahnen.

Doch nur Gott leitet im Sinne der zweiten Bedeutung („einen Weg zeigen“) recht: Er leitet und festigt die Herzen.

In Sure 28, Vers 56 lesen wir:

,,Gewiss, du kannst nicht rechtleiten, wen du gern (rechtgeleitet sehen) möchtest. Allah aber leitet recht, wen Er will.“

In Sure 10, Vers 25 steht zudem:

,,Allah lädt zur Wohnstätte des Friedens ein und leitet, wen Er will, zu einem geraden Weg.“

Der Begriff „eines geraden Weges“ ist also das Synonym für eine Rechtleitung, eine Hilfestellung und Anleitung in Bezug auf den Glauben. Allah legt uns quasi einen Weg bereit, der – wenn wir ihn beschreiten – in eine tiefere Spiritualität und damit zu Gott führt.

Zurückblickend auf die beiden Verse in Sure 2 komme ich zusammen mit vielen traditionellen Gelehrten zu dem Ergebnis: Gott macht mit der Idee der Rechtleitung nicht nur allen Muslim*innen oder monotheistisch-abrahamitischen Gläubigen ein Angebot zur Unterstützung, sondern der gesamten Schöpfung, jedem einzelnen Menschen.

Gott eröffnet die Möglichkeit auf Rechtleitung und macht allen Menschen ein Angebot zur spirituellen Weiterentwicklung und Unterstützung.

Gleichzeitig aber verfügt der Mensch, durch Gott verliehen, über den „Freien Willen“.

Damit besteht für Menschen die Möglichkeit der Wahl: Gottes Angebot entweder anzunehmen oder auszuschlagen.

In der Theologie gibt es eine Vielzahl der Betrachtung des „taraka“, des Ausschlagens von Gottes Rechtleitung. Es gab und gibt Gelehrte, die nur das Ablehnen bestimmter Unterformen der Rechtleitung als akzeptabel betrachten; andere empfinden die Wahl-Option als universell, also für alle Aspekte der Rechtleitung möglich.

Ich möchte mich an dieser Stelle jedoch nicht den Unterformen der Rechtleitung widmen, sondern meine Gedanken zum Stellenwert der Rechtleitung in der täglichen Religiosität der Muslim*innen ausführen.

Denn mir ist eins aufgefallen: Ebenso wie „Barmherzigkeit“ ist „Rechtleitung“ ein zentrales Thema des islamischen Glaubensidee. Statt sich aber um die persönlichen Auswirkungen des göttlichen Angebots auf spirituelle Entwicklung zu kümmern, stellen viele Muslim*innen ein umfangreiches Regelsystem zu äußerem Verhalten in den Mittelpunkt ihrer täglichen Religionsausübung.

Für viele Muslim*innen ist dieses Regelsystem – abgeleitet aus Qur’an und Überlieferung – enorm bedeutsam. Für sie haben Ernährungsregeln, Bekleidungsvorschriften, Bittgebete und vieles mehr den Stellenwert, den eigentlich die Idee der Rechtleitung haben sollte. Sie leben ein Rechtssystem, während sie sich eigentlich mit den Offenbarungen Gottes beschäftigen sollten. Diese Offenbarungen nämlich waren nicht nur für die Prophet*innen gedacht, sondern für alle Menschen, mit den Gesandten als Mittler*innen. Somit müssen die Offenbarungen Gottes eine persönliche Auswirkung auf die Gläubigen und deren eigene spirituelle Entwicklung haben.

Nachdem ich mich jetzt mit der Rechtleitung näher beschäftigt habe, kann ich persönlich nicht anders, als ihr den Stellenwert einräumen, der ihr gebührt. Denn ich ganz persönlich fühle mich völlig eingeschlossen in göttliche „System“ der Barmherzigkeit, Liebe und Rechtleitung.

Deutschland und der Islam

Deutschland und der Islam

(Predigt eines weiblichen Mitglieds unserer Gemeinde)

Immer wieder fällt der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Wer sich mit der Geschichte von Deutschland ein wenig beschäftigt hat, weiß, dass es so nicht stimmt. Ich möchte darum einige Beispiele in der deutschen Geschichte anbringen.

Die Geschichte der deutsch-islamischen Beziehung hat starke Wurzeln, sie reicht weit zurück bis auf das Jahr 777, als Karl der Große auf dem Reichstag zu Paderborn den Gouverneur von Barcelona und Girona, Sulaiman al-Arabi, empfängt. Sulaiman war beim Emir von Cordoba Abd ar-Rahman I. in Ungnade gefallen.  Karl schloss mit ihm einen Beistandspakt ab. Dieses Treffen gilt als eine der ersten dokumentierten Begegnung der Deutschen mit einem Abgesandten aus der Welt des Islam im damaligen Frankenland. Vierzehn Jahre später kommt es dann zu ersten intensiven Beziehungen zwischen Karl, damals noch König und dem Abbasidenkalifen Harun al-Rashid zu Bagdad.

Als ich auf der Suche nach Material war, stieß ich auf einen interessanten Artikel über die Karlspreis-Verleihung, in dem sinngemäß stand:

Karl der Große war zu seiner Zeit sehr realitätsnah. Er hat als erster Europäer zugleich Dialog mit dem Islam und Kriege gegen Muslime geführt, die nach Europa vordringen wollten. Der islamische Dialogpartner Karls des Großen war der Abbasiden-Kalif von Bagdad, Harun al-Raschid. Dieser hatte dem christlichen Herrscher Karl dem Großen 797 einen Elefanten geschenkt. Der Übermittler des Geschenks war ein Jude namens Isaak. Er begleitete auch als Dolmetscher die erste fränkische Mission nach Bagdad.

Der Herrscher aus Bagdad, Harun al-Raschid, verkörperte den Höhepunkt der Abbasiden-Dynastie im Kalifat von Bagdad, während der fränkische Kaiser nicht nur den Glanz der Karolingerzeit, also der Zeit der westgermanischen Franken repräsentierte, insbesondere als „Begründer Europas“ gefeiert wird. Sie waren beide die wichtigsten Männer ihrer Zeit, zum Ende des 8.Jahrhunderts, ebenso bedeutend wie die beiden Imperien, für die sie standen: das Abbasiden-Reich des Kalifen und das Reich der Franken.

Es hat also direkte Kontakte zwischen beiden Herrschern, zwischen Harun al-Raschid und Karl dem Großen gegeben. Die Initiative dazu ging schon vor 800 von Karl aus. Doch leider kam es nicht zu einem vermutlich angestrebten politischen Bündnis zwischen beiden.

Beide Herrscher hatten dieselben Gegner, die politisch und nicht religiös definiert waren. Auf der einen Seite stand Byzanz; zugleich Feind von Bagdad und Aachen, der Hauptsitz von Karl, beide hätten gern Konstantinopel unterworfen. Auf der anderen Seite stand das islamische Spanien, das sich unter dem Emirat des Umaiyyaden Abdulrahman I. vom Bagdad der Abbasiden territorial gelöst hatte. Als islamische Größe war das spanische al-Andalus gleichermaßen eine Bedrohung für das christlich-fränkische wie eine Herausforderung an das Abbasiden-Reich im Osten. Der Anspruch, einziger Imam aller Moslems zu sein, stellte der Herrscher des islamischen Spaniens infrage. Mit seinen Versuchen, Konstantinopel einzunehmen, scheiterte er aber ebenso wie Karl gegen Córdoba.

Beide Herrscher haben wahrscheinlich erkannt, dass sie nur gemeinsam in der Lage sein würden, ein Gegengewicht zu ihren islamischen und christlichen Feinden in Córdoba und Konstantinopel zu bilden. Da spielte die Religion keine Rolle.

Aber von da an brachten arabische Händler ihre Waren sogar über Deutsche Länder sogar bis nach Schweden, belegt durch Münzen.

—       Ich zitiere aus einem älteren Artikel: „West-Östliche Begegnungen“ aus der Islamischen Zeitung: „Im Süden Europas, dem staufisch-normannischen Sizilien, fand eine erstaunliche Symbiose zwischen den normannischen Herrschern und den ansässigen Muslimen statt, deren Krönung die Zeit Friedrichs des Zweiten von Hohenstaufen darstellte. Dieser staufisch-normannische Fürst, Erbe des deutschen Reiches und Süditaliens – von 1220 bis zu seinem Tod Kaiser des römisch-deutschen Reiches und ab 1225 führte er sogar den Titel „König von Jerusalem“ – verstand es, die Fesseln seiner christlichen Umgebung abzulegen und vorurteilslos mit den Muslimen zu leben. Seine Leibwache und Dienerschaft bestand aus in Sizilien lebenden Muslimen, die er mit ihren Familien ins süditalienische Amalfi übersiedeln ließ. Er vertraute in Fragen der Herrschaft seinen muslimischen Beratern. Seiner Freundschaft mit dem Sultan Al-Kamil und seiner Diplomatie ist es zu verdanken, dass er auf seinem vom Papst angeordneten Kreuzzug nur durch seine Diplomatie und großer Geduld Jerusalem ohne Blutvergießen einnehmen konnte. Das war natürlich ein riesiger Dorn im Auge des Papstes. Das und weitere Streitigkeiten mit dem Papst waren Ursache genug, um ihn als Schänder der christlichen Religion, als Antichrist zu verdammen. Seine Persönlichkeit und seine Politik erklären die Feindschaft der Kurie und ihren damaligen Verbündeten, den Franzosen, die nach dem Tode Friedrichs seine Familie und die staufische Herrschaft im Reich und in Sizilien auslöschten.“

Kaiser Friedrich II. hat Zeit seines Lebens sich für die islamische Toleranz und für ihre Wissenschaft begeistert, er diskutierte mit islamischen Wissenschaftlern, seine Ratgeber waren Muslime und er führte eine Hofhaltung nach arabischem Muster. Sein Leben und die Art, wie er bestattet wurde, zeugen davon, dass er insgeheim ein Muslim war. Nie hätte er sich der damaligen Welt als Muslim offenbaren können. Dennoch hat die Kirche versucht, ihn aus den Annalen der Kaiserherrschaften zu streichen. Auf seinen Zügen ins Deutsche Reich umgab er sich mit einer in seiner Umgebung fremden Kultur, die die Deutschen nicht begreifen wollten und als gefährlich einstuften, obwohl eigentlich schon die muslimische Kultur vielen Kreuzrittern durch ihre Eroberungszüge bekannt waren.

—–      Wer weiß eigentlich, dass das alte Preußen ein Erbe des Kaisers Friedrich des II. und seiner Ideen ist? Er ermächtigte seinen Freund, den 4. Hochmeister des Deutschen Ordens Sankt Marien zu Jerusalem, Hermann von Salza, über das pruzzische Territorium für alle Zeiten zu herrschen. Mit der Goldbulle von Rimini, von 1226 oder 1235 verlieh der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. dem Deutschen Orden die Herrschaft über das Kulmer Land östlich der unteren Weichsel, zwischen dem Gebiet des Herzogs von Masovien und dem Gebiet der Prußen. Der Papst bestätigte später in der Preußenbulle die Belehnung von erobertem Gebiet an den Deutschen Orden. Von Salza kannte von Palästina her die Toleranz und Friedfertigkeit der Muslime und so strahlte anfangs auf den Deutschen Orden in Preußen eine islamfreundliche und ritterliche Tendenz aus. Ein Zitat aus einem Artikel über die „Grundlage und Entwicklung des Preußischen Staatswesens“ dazu ist sehr interessant: Friedrichs Gegengabe an den Islam bestand in der Entsendung des Deutschritterordens, dieses zum Islam geneigten Ordens hinaus aus dem päpstlichen Reichs-Gebiet, zuerst nach Siebenbürgen, dann nach Preußen. Preußen wurde also zunächst als Ordensstaat gegründet infolge einer strategischen Absprache des insgeheim muslimischen Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. mit dem Sultan von Kairo. Preußen war somit seinem Wesen nach ein Außenfort des Islam im Norden und sollte zur Vormacht des deutschen Protestes gegen das imperiale Machtstreben des Römischen Kirchenchristentums werden.  Das Zusammenwirken dieser beiden Staatsmänner stellt sozusagen die geistige Wiege des Ordensstaates dar, aus dem das spätere preußische Königreich hervorging.

—–         Im Jahr 1647 wurde die erste einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung von André du Ruyer gedruckt, die auch Goethe für seine Studien nutzte und seinem West-Ost-Divan zugutekam. Aber erst die Koranübersetzung von George Sale 1734 in die englische Sprache, die auch bald in Deutsch erschien, setzte neue Maßstäbe durch ihre enge Anbindung an das Original. Sie blieb lange für Europa eine der Hauptquellen für die Kenntnis aller mit dem Koran zusammenhängenden Fragen.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der  Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

Goethe hatte ein tiefes persönliches Verhältnis zum Islam, darum gehen seine Aussagen über diese Religion in ihrer provokatorischen Gewagtheit weit über alles bisher in Deutschland Dagewesene hinaus. Aber darüber möchte ich in einer anderen Khutba sprechen. Im Namen unserer Moschee steht der Name von Goethe, ebenfalls der vom andalusischen Gelehrten Ibn Ruschd. Beide sind einer Khutba würdig.

Nur noch ein Gedicht von Goethe genehmige ich mir:

Närrisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.
Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag´ ich nicht!
Dass er das Buch der Bücher seilaub ich aus Mosleminen-Pflicht.

Die Geschichte des Islam speziell in Deutschland beginnt also nicht erst im 20. Jahrhundert, sondern schon im 18. Jahrhundert, als der König von Preußen Friedrich Wilhelm I. in Potsdam einen Saal am Langen Stall als Moschee für seine „Langen Kerls“ herrichten ließ. Er legte großen Wert darauf, dass seine „Mohammedaner“ ihren religiösen Pflichten nachgehen konnten, denn dann können sie auch ihren Soldatenpflichten gut nachkommen. Unter Friedrich dem Großen kam es zur Aufstellung geschlossener muslimischer Truppenteile in der preußischen Armee, die auch später in militärischen Handlungen für Deutschland kämpften.  Am 7. und 8. Februar 1807 erlitt Napoleons Armee bei Preußisch-Eylau die einzige Niederlage im preußisch-französischen Krieg durch diese muslimischen Einheiten. Die Tapferkeit der Truppe war nach den vorliegenden Berichten aus jener Zeit schon aus dem Grund motiviert, weil die muslimischen Soldaten „ihrem König für die Sicherung ihrer angestammten Lebensformen und die ihnen gewährte Religions- und Glaubensfreiheit danken wollten“.

Im Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland steht zu lesen:

„Im Jahre 1760 trat ein für die Geschichte des Islam in Deutschland folgenreiches Ereignis ein. In der zaristischen Armee verbreitete sich das Gerücht, der Sultankalif plane aus Freundschaft zu Preußen den „Heiligen Krieg“ gegen Russland auszurufen. Dieses Gerücht hatte unter anderem zur Folge, dass zahlreiche in der russischen Armee dienende muslimische Soldaten zu den Preußen überliefen. Auf Kabinettsorder vom 20. Januar 1762 wurde aus den Überläufern ein selbständiges ,Bosniakenkorps‘ (9. Husarenregiment ,Bosniaken‘) zu 10 Eskadronen (1.000 Mann) errichtet. In den Matrikeln dieser Truppe taucht zum ersten Mal der Name eines preußischen Heeres-lmams auf. Es handelt sich um einen Leutnant Osman, Prediger der ‚preußischen Mohammedaner‘.“

Weiter heißt es: „Kaiser Wilhelm II. hatte am 8. November 1898 am Grabe Saladin des Großen in Damaskus gegenüber dem Sultankalifen erklärt: ,Möge seine Majestät der Sultan und die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben und in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird‘. Als dann im Jahre 1914 in Wünsdorf, nahe Berlin, ein „Mohammedanisches Gefangenenlager“ angelegt wurde, löste der Kaiser sein Versprechen ein. Im Winter 1914 ließ er eine Moschee für die Gefangenen bauen, die mit einem 23 Meter hohen Minarett versehen war. Für die in der Gefangenschaft verstorbenen Muslime wurde eine Wegstunde von Zossen entfernt, in Zehrendorf, ein Soldatenfriedhof angelegt.“

Auch wenn nach dem Tod des Kaisers Friedrich dem II. alles Muslimische an Mensch und Material rigoros ausgerottet wurde, es gab immer wieder in Deutschland Muslime und mit ihnen ihre Kultur. Und Deutschland hat davon profitiert, nicht erst von den türkischen Arbeitern, die im letzten Jahrhundert ins Land gerufen wurden und jetzt einen Teil von Deutschland bilden, mitsamt ihrer muslimischen Kultur.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

Geschwisterlichkeit im Islam

Geschwisterlichkeit im Islam

Gott betont immer wieder, dass die Muslime eine Familie, eine Gemeinschaft sind, also Brüder und Schwestern.

Aber dennoch gibt es immer wieder Kämpfe zwischen ihnen: Schiiten gegen Sunniten, besonders in Iraq oder Stamm gegen Stamm, das beste Beispiel waren die Kämpfe in Jemen. Gerade das wollte der Prophet Muhammad beim allerersten Fast-Kampf kurz nach dem Einzug des Propheten in Medina zwischen den Stämmen von Medina, verhindern.

Der Anlass war: Gleich nach der Ankunft des Propheten in Medina schloss er mit den Stämmen der Aws und Khazradsch und denen der dort angestammten Judenstämmen ein Bündnis, um eine Gemeinschaft von Gläubigen zu herzustellen, ohne dabei die unterschiedlichen Religionen anzutasten. Muslime und Juden erhielten den gleichen Status, eine Charta des Zusammenlebens und des gegenseitigen Beistands. Ich würde sagen, der erste Vorläufer unserer heutigen Vereinigten Nationen. Einfach toll zu der damaligen Zeit!

Aber bald wünschten sich insgeheim die Juden, die alte Ordnung wieder herstellen zu können. Sie fürchteten um ihre Macht.  So nutzten sie eine List. Ibn Ishāq berichtet darüber.

Muḥammad ibn Isḥāq, (geboren um 704 in Medina; gest. 767 oder 768 in Bagdad) war ein muslimischer Geschichtsschreiber, der zum ersten Mal die Hadithe und Dokumente über das Leben des Propheten Mohammed in einem Buch zusammenstellte. Dieses Buch, das leider nicht mehr im Original erhalten ist, sondern nur in späteren Rezensionen, Bearbeitungen und Auszügen, ist eine der wichtigsten Quellen für die frühe Geschichte des Islam und diente als Modell für alle späteren biographischen Werke über den Propheten.

Er berichtet, dass nach Mohammeds Auswanderung ein Jude aus dem Stamm der Banu Qainuqa versuchte, den Streit zwischen den Aws und den Khazradsch neu zu beleben, indem er bei einer Versammlung, der Angehörige der beiden Stämme beiwohnten, die Erinnerung an eine frühere Schlacht heraufbeschwor. Es wurden von beiden Seiten Rezitationen vorgetragen. Bald wurden den Aws applaudiert, mal den Khazradsch. Schon bald begannen sie zu prahlen, sich gegenseitig zu beleidigen und irgendwann war es soweit: Es wurde der Ruf: „Zu den Waffen!“ laut. Und bald darauf standen sie sich auf dem Lavafeld vor Medina mit Waffen gegenüber. Sofort wurde der Prophet benachrichtigt. Er rief ihnen zu: „Allah, Allah! Wollt ihr denn handeln wie in den Tagen der Unwissenheit?“ Nur durch das schnelle Eingreifen Mohammeds, der die beiden Parteien an ihre Pflichten als Muslime erinnerte, wurde die erneute Entzweiung von Aws und Khazradsch abgewandt. Augenblicklich erkannten sie ihr Verfehlen, umarmten sich.

Um die neue Gemeinschaft zu stärken, errichtete der Prophet ein Bündnis zwischen den Helfern, also den ansässigen Muslimen und den Emigranten, einen Bruderbund. Jeder Helfer erhielt einen Emigranten als neuen Bruder, der von nun an zu seiner Familie gehörte. Durch diese Verbundenheit erhielt außerdem die Religion einen höheren Status als die eines Stammes, was damals sehr wichtig war. Die Intensivierung der inner-islamischen Beziehungen durch die sogenannte ‚Muachat‘, das heißt auf Arabisch Verbrüderung war also ein Abkommen zwischen jeweils einem Ausgewanderten aus Mekka mit oder ohne Familie und einem einheimischen Muslim. Beide Parteien verpflichteten sich, gemeinsam die Verantwortung füreinander zu tragen und sich in allen Situationen beizustehen, notfalls auch materiell und kämpferischen Beistand zu leisten. Heute würden wir sagen Integration von Flüchtlingen in ein Land.

In der Sure: ‚Al-Anbiya‘ – ‚Die Propheten‘ Vers 92 steht geschrieben, was Gott zu den Menschen sagt: „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft und ich bin euer Herr.“ Eine einzige Gemeinschaft von Menschen auf der Erde und ein einziger Herr im Himmel! Es wird die Einigkeit und Einzigartigkeit einer Gemeinschaft angesprochen.  Dann spricht Gott weiter in der Sure: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit.“ Das kann heißen: Sie spalteten sich in Religionsfragen auf. Im Laufe der Zeit entstanden verschiedene Religionsgemeinschaften und Strömungen, Konfessionen. Zugleich warnt Gott sie: „Sie alle aber werden zu Uns zurückkehren.“  Das heißt, sie werden Rechenschaft ablegen müssen für ihre Uneinigkeit, Streitereien und Kämpfen.

In Sure 49 ‚Al-Hujurat Vers 9 heißt es: Gott sagt: „Und wenn zwei Gruppen von Gläubigen sich gegenseitig bekämpfen, dann stiftet Frieden zwischen ihnen.“

Der Kommentator Yusuf Ali meint dazu und es ist auch meine Meinung: ‚Die gesamte Gemeinschaft der Muslime sollte über Gruppen- und Nationaldenken stehen. Man sollte von ihr erwarten können, gerecht zu handeln und einen solchen Streit schlichten können, denn Frieden ist besser als Streit. Wenn eine Gruppe jedoch entschlossen ist, andere anzugreifen, muss die Gemeinschaft ihre gesamte Kraft dagegensetzen.

Angesprochen sind also alle Muslime und nicht nur Muslime. Weiter heißt es im Koran: „Und wenn sich die eine gegen die andere vergeht, so kämpft gegen die, die sich vergeht, bis sie sich Allahs Gebot fügen. Doch wenn sie sich fügt, dann stiftet Frieden zwischen beiden wie es recht und billig ist. Und seid gerecht. Wahrlich, Allah liebt die, die gerecht handeln.“

Hier werden alle angesprochen, zwischen Kämpfenden zu vermitteln. Es darf kein Muslim nur zuschauen, er muss Stellung beziehen, aber mit friedlichen Mitteln.

Wir dürfen also nicht nur zuschauen, wenn sich solche Kämpfe wie in Jemen ausbreiten, sondern müssen Stellung beziehen, das Wenigste ist sich an Hilfsmaßnahmen zu beteiligen. Lieferungen von Waffen ist da der schlechteste Weg, auch wenn sie über Drittländer kommen. Sie heizen den Zwist noch mehr an.

—- So wie im Großen, so ist es auch im Kleinen, was uns und unsere Moschee betrifft. Hier kommen nur meine Ansichten zur Geltung.

Das ganze letzte halbe Jahr seit der Eröffnung unserer Moschee standen wir im Diskurs der Presse. Wir wurden öffentlich angeprangert oder hofiert, manchmal sogar namentlich. Es war nicht leicht, das immer zu ertragen, sprachen sie doch über unsere, eine liberale und demokratische Moschee.

In einem Artikel habe ich gelesen, dass eine liberale Moschee wie die unsrige für die Autorin nicht die Lösung wäre, aber es zeigt auch, dass in vielen anderen Moscheen sich Dinge ändern müssen. Die Autorin könne sich vorstellen, dass die Besucherinnen und Besucher hier etwas suchen, was sie woanders- in vielen Fällen zu Recht- vermissen.

Aber ich habe den Eindruck, dass man meist über unsere Moschee spricht wie über eine äußere, unpersönliche Erscheinung ohne Inhalt.       Man sieht oder hört den Begriff: liberale Moschee mit dem Namen „Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee“ oder schlimmer: Seyran- Ates-Moschee. Man redet mehr über den Namen und heizt sich damit auf. Er wirkt wie ein rotes Tuch auf bestimmte Leute. Sie geben damit nur Äußerlichkeiten bekannt.

Aber wer kommt wirklich zu uns hierher, hört sich uns an, spricht mit uns, sieht sich unsere Praktiken an? Ein Name kann gar nichts bedeuten, viel wichtiger ist das Innenleben, die Muslime darin, die eine Moschee erst lebendig werden lassen. Über die sprechen die wenigsten muslimischen Gruppierungen, aber umso größer ist ihr Geschrei über uns.

Nein, wir wollen uns nicht abspalten oder wollen den Islam gar neu erfinden. Ich komme wieder auf den Artikel zurück. Sinngemäß steht da: Bekannte traditionsorientierte islamische Gelehrte (sie nennt einige Namen) distanzieren sich nicht von der traditionellen Lehre, aber denken sie weiter und aktualisieren den Text neu.

Ja, ich stimme ihr vollkommen zu, auch wenn sie schreibt: Diese Stimmen, die weder Beifall heischend nach Aufklärung rufen, noch medienwirksam den Westen verdammen, sondern eine Jahrhunderte alte diskursive Tradition fortführen, gehen im hiesigen Diskurs weitgehend unter.

Nein, ich will keinen Streit und ich denke, das wollen wir alle nicht. Aber eine gute Diskussion! Wer über uns etwas wissen will oder berichten will, der sollte mit uns sprechen und nicht über uns.  Ich bzw. wir laden nicht nur die Christen ein oder jeder, der etwas wissen will, vor allen Dingen aber Muslime oder ihre Vereine.

Kommt zu uns und sprecht mit uns, so wie es die islamische Tradition verlangt, denn wie gesagt: Wir alle werden zu Ihm zurückkehren!

Spenden

Spenden

In dieser Jahreszeit wird besonders viel zu Spenden aufgerufen.

Eine Spende ist eine Hilfe, eine Unterstützung, die Förderung einer Sache oder einer Person. Sie kann freiwillig, anonym, privat, großartig, illegal, groß oder klein sein.

Spenden sind z.B. Geld, Kleidung, Medikamente, Lebensmittel, Blut, Organe, Materielles aller Art, aber auch Zeit, Liebe, Anerkennung, Wärme, Trost oder Energie. Auch eine Lebensphilosophie oder eine Vision sind Formen von Spenden.

Spenden sind Zuwendungen für religiöse, wissenschaftliche, gemeinnützige, kulturelle, wirtschaftliche, politische oder humanitäre Zwecke, u.a. an Vereine, Stiftungen, Parteien, Hilfsorganisationen oder Religionsgemeinschaften.

Wir geben, was nach unserem Ermessen, unserer Überzeugung, unserer Meinung oder unserem Glauben da oder dort am nötigsten gebraucht wird.

Für mich sind Spenden immer eine Hilfe in der Not.

Jeder kennt die Frage: „Wie kann ich darauf vertrauen, dass meine Spende in meinem Sinne an ihr Ziel kommt?“

Das ist so wie bei der Ersten Hilfe, nur wer nichts tut, handelt falsch!
Jede und Jeder kann was tun, helfen oder spenden. Privat, persönlich, direkt oder über eine Organisation oder über einen Verein.
Zur Orientierung für Spenden an Organisationen empfehle ich die DZI, das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen.

Spenden haben bei allen Religionen eine sehr große Bedeutung.
Eine wichtige Säule des Islam ist die Zakat.
Als Fundament unseres Glaubens ist die Zakat religiöse Pflicht und soziale Verantwortung. Anders als die Sadaga ist die Zakat keine freiwillige Spende.

Jede Spende ist ein einzigartiger Weg eine Brücke zwischen Arm und Reich zu bauen und Allah näher zu kommen.

Wahrlich, denjenigen die gläubig sind und gute Werke tun und Gebete verrichten und die Zakat einrichten, ist ihr Lohn von ihrem Herrn gewiss und sie brauchen keine Angst zu haben, noch werden sie traurig sein. (Sure Al-Bagara Vers 277)

Fastenzeiten sind in allen Religionen immer verbunden mit Spenden, dem Geben von Almosen.
Almosen leitet sich vom lateinischen Misereor „ich erbarme mich“ ab.

Im Ramadan, Al Mubarak, haben wir die Sadaga als freiwillige Spende und die Zakat als Pflichtspende.
Jede und jeder Fastende hat die Pflicht vor dem Fastenbrechen eine Abgabe an die Armen zu verrichten.
Ramadan, sowie das Fasten in allen Religionen, ist eine gute und wichtige Schule für das Leben; heute mehr denn je.

Hiermit und an dieser Stelle bedanken wir uns von ganzem Herzen bei allen, die unsere Moschee mit Geld, Anerkennung, Treue und Solidarität unterstützt, gefördert und aufgebaut und zukunftsfähig gemacht haben.

Ein besonderer Dank geht an unsere Gastgeber und Unterstützer, an die ev. Kirche insbesondere die Johannes Gemeinde.

Unser Dank gilt auch den Medien, die die Botschaft von Seyran weltweit bekannt machen und verbreiten und es damit ermöglicht haben, dass die Sonnenstrahlen ihre Ziele erreichen.
Unser Dank gilt den Sicherheitsbeamten, die mit Ihrem Wertvollen Einsatz für Sicherheit von Seyran und für unser aller Sicherheit sehr verantwortungsvoll sorgen.
Unser Dank gilt allen Aktiven, allen Unterstützern, allen Gläubigen aller Religionen und allen Betenden. Sie alle sind die funktionierenden und lebendigen Organe dieser Moschee.

Ich sagte: „Die Spende ist die Hilfe in der Not.“
Der Schrei der Welt, gerichtet an die Muslime, war unüberhörbar: „Tut endlich was!“
Seyran tat und tut was! Zur richtigen Zeit am richtigen Ort!
Sie spendet ihre Botschaft vom liberalen Leben und Glauben.
Es war mehr als nötig und wichtig. Die ganze Welt hat auf solch eine Botschaft sehnsüchtig gewartet.
In einer Zeit, in der der Islam zu verbluten droht, und an einem Ort, in der Weltstadt Berlin, in einer Kirche, hat Seyran eine Moschee eröffnet. Eine Heimat für alle Menschen, wo sie wertgeschätzt werden, sich begegnen und gemeinsam beten können. Und das ist sehr gut so!

Im Namen aller Menschen, weltweit, die diese Botschaft unterstützen, sie leben und lieben und sie sehnsüchtig erwarteten, ist unser Dank an das Herz, die Selle und den Geist dieser Botschaft, an Seyran Ates, gerichtet.     DANKE!

Wir verabschieden gemeinsam das besondere Jahr 2017 mit guten Gefühlen des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und der Dankbarkeit.
Uns allen wünsche ich gesegnete, stressfreie Festtage und einen guten Start in ein gesundes, friedliches und erfolgreiches Neues Jahr.
Gott sei mit Euch!

Abbas, Ibn Rushd-Goethe-Moschee,  22.12.2017

Das Miteinander

Das Miteinander

von Seyran Ates

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Gemeinde,

wie schön, dass wir wieder beisammen sind und gemeinsam das Freitagsgebet machen können.

Danke Gott, dass ich heute wieder zu euch sprechen darf.

Einige von uns sind erkrankt. Die Strapazen der letzten Wochen zeigen langsam bei jedem von uns körperliche Erschöpfung. Ihr habt alle Großartiges geleistet, viel Zeit aber noch viel mehr Liebe in unsere Moschee gesteckt. Ich weiß, dass einige von euch gerade erst wieder gesund geworden sind, und andere sich mit letzter Kraft heute hier eingefunden haben. Gott möge euch, uns allen weiterhin Kraft und Gesundheit geben. Das Licht in euch möge weiterhin so leuchten, wie ich es jedes Mal sehe, wenn ich in diesen Raum trete. Danke Gott für dieses Licht in uns.

Diese Moschee wäre nicht das, für was sie weltweit steht, wenn es euch nicht geben würde, wenn Gott uns nicht zusammengeführt hätte.

Eine Moschee lebt von ihrer Gemeinde. Ihr seid eine vorbildliche Gemeinde. All eure positiven Gefühle und Energien sind sichtbar und spürbar. Durch euer Tun seid Vorbilder, bescheiden und liebevoll. Gott möge euch alle schützen.

Wir kommen hier zusammen, um für Gott zu beten, Gott zu danken und um Gott zu bitten. Lasst uns an unsere kranken Gemeindemitglieder denken und Gott um deren baldige Gesundheit bitten.

Wir wollen auch all diejenigen in unsere Gebete einschließen, die heute in der Nachbarschaft um einen Angehörigen trauern, den sie heute zu Grabe tragen, sowie für den/die Toten/Tote beten. Möge er/sie in Frieden Ruhen.

Das Leben ist dem Tod so nahe und der Tod dem Leben. Beides ist Teil unseres Lebens.

Wir alle sind bemüht unserem Leben einen Sinn zu geben.  Wir alle sind bemüht, unser Leben nicht sinnlos zu verbringen. In Anbetracht der Tatsache, wie kurz unser Leben ist, sollten wir dieses Leben sehr viel mehr schätzen und dankbar für jede Sekunde, jede Stunde und jeden Tag sein, den wir in diesem Leben verbringen dürfen.

Umso wichtiger ist es, dass wir Rücksicht auf unsere Gesundheit und die Gesundheit unserer Liebsten und Nächsten nehmen.

Eine kleine Umarmung, eine liebevolle Geste, etwas Gutes, was man einem anderen Menschen tun kann, kann für unsere eigene Seele Balsam sein.  Denn das Gute, was wir für andere tun, wirkt immer zurück auf uns selbst.

Es ist ein Gebot Allahs zum „Guten“ anzuhalten und sich in „guten Werken“ gegenseitig zu überbieten.  Im Koran heißt es dazu:

Āl Imrān, 3/92.

„Ihr werdet die (wahre) Frömmigkeit nicht erlangen, bis ihr von dem spendet, was ihr liebt. Und was immer ihr spendet, Gott weiß es.“

Es heißt, spendet, von dem was ihr liebt. Er steht nicht geschrieben, dass es um Geld geht oder andere materielle Dinge, oder um Zeit.  Natürlich ist all das auch nicht ausgeschlossen.

Wenn hier davon die Rede ist, dass wir von etwas spenden sollen, was wir lieben, können wir davon ausgehen, dass es auch immaterielle Dinge sein können.

Der Vers kann uns dazu anhalten darüber nachzudenken, was wir lieben und ob wir bereit sind, davon zu spenden.

Weiterhin heißt es im Koran in Sure 3, Vers 114:

„Sie glauben an Gott und an den jüngsten Tag. Sie gebieten „das Rechte“ und verbieten das Verwerfliche und eilen zu den „guten Dingen“ um die Wette. Sie gehören zu den Rechtschaffenen.“

D.h. „Wetteifert miteinander um das Gute.“

Diesen Geboten zu folgen und im Wetteifer miteinander uns um das „Gute“ zu mühen wird uns Allahs Wohlgefallen und schließlich Glückseligkeit auf Erden wie im Jenseits einbringen.

Zudem gemahnte und unser Prophet

„Der beste Mensch ist derjenige, der den Menschen dienlich ist. Das beste Vermögen ist dasjenige, das im Dienste Allahs ausgegeben wird. Und der beste Weg, im Dienste Allahs auszugeben, ist es, das bereit zu stellen, was die Menschen am nötigsten haben.“

  Sahīh-i Buchārī, Hadis No: 1226.

Wer einen neuen Weg findet, ist ein Wegbereiter, selbst wenn andere später den Pfad noch einmal finden müssen; und wer seinen Zeitgenossen vorausgeht, ist ein Vorreiter, auch wenn noch Jahrhunderte vergehen, bevor er als solcher erkannt wird.

Ibu Khaldun

(Walī ad-Dīn ʿAbd ar-Raḥmān ibn Muḥammad Ibn Ḫaldūn al-Ḥaḍramī; geboren 27.05.1332 in Tunis, gestorben a, 17.03. 1406 in Kairo war Jurist, Historiker und Politiker.

Nach dem islamischen Kalender ist er am 1. Ramadān 732 geboren und am 25. Ramadān 808 gestorben.

Ibn Chalduns Betrachtungsweise von gesellschaftlichen und sozialen Konflikten machten ihn zu einem der Vorläufer einer soziologischen Denkweise).