Miteinander

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Tim Marshall

Trost

Trost

Autorin: Susanne Dawi

Tim Marshall
Tim Marshall
Als ich eines Tages die Sure AlKawthar genauer studierte, um eine Khutba darüber zu schreiben, empfand ich sie als irgendwie gegensätzlich und zugleich sehr ähnlich wie die Sure AlAsr, die mich in letzter Zeit besonders bewegt. Zu Al Kawthar gibt es also demnächst auf unserer Seite eine Khutba, und über AlAsr schreibe ich den heutigen Blogtext. Unterschiedlich ist, dass AlKawthar von der Fülle berichtet, die uns gegeben wurde, während AlAsr über den Verlust spricht. Gerichtet sind beide Suren insbesondere an den Propheten Mohamed, aber ihre Worte sind auch für jeden von uns bedeutsam.

Schon im Beginn dieser Sure schwingt eine vielleicht traurige Ernsthaftigkeit. „Wa AlAsr“ ; ein „Ach“ des Herzens über die Vergänglichkeit. Al Asr heißt so Einiges, z.B. „der Nachmittag“, oder „das Zeitalter“. Gemeinsam habe diese Vorstellungen, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der irgendwann zuende geht, und dessen Zenit möglicherweise bereits überschritten ist. Mein eigenes Gefühl, wenn ich diesen ersten Satz lese, sagt so etwas wie: „Ach, alle Zeit vergeht, und nun ist unsere Welt und insbesondere dein eigenes Leben, schon an seinem Nachmittag angekommen. Deine Frist neigt sich dem Ende.“ Daher übersetze ich „AlAsr“ am liebsten mit „Die Frist“. Wir empfinden Ehrfurcht vor der Frist, während der die Menschen die Welt bewohnen dürfen und noch mehr Ehrfurcht vor der Endlichkeit unseres eigenen Lebens. Während uns das Leben einerseits oft reich beschenkt, nimmt es uns auch Vieles. „Wahrlich die Menschheit befindet sich in großem Verlust.“ Verlust ist ein Gefühl der Trauer. Dabei muss es sich gar nicht um den Verlust von Objekten oder Lebewesen handeln, sondern kann auch ein Verlust der Hoffnung sein, ein Verlust des Glücks oder ein Gefühl von Einsamkeit. Verlust heißt, dass man sein Glück verloren hat, oder seine Lieben, oder einen Traum nicht leben kann, den man zu leben gehofft hatte. Vieles klassifiziert sich als Verlust, und wer gerade trauert, erfreut sich nicht an der Vielfalt, sondern nimmt deren Abwesenheit schmerzlich wahr.

Doch schon der nächste Satz der Sure ist ein tröstender. Niemals sollen wir in unserer Trauer verharren. Diese Botschaft sendet uns Gott an vielen Stellen. So beginnt der nächste Satz mit „Außer“ und beschreibt diejenigen Menschen, die keinen Verlust haben werden; es sind die, welche glauben und gute Werke tun und sich gegenseitig darin unterstützen, das Recht (auch Gesetz) zu beachten und sich zur Geduld anhalten.

Schon von der Tonalität der Sure ist sie wunderschön. Sie möchte langsam gesprochen werden und ihre Töne sind dunkel. Ihre Hauptvokale sind a und u, das s in Asr ist ein schweres s, das s in khusr wird gefolgt vom r wie auch in sabr, was dem Wort Ernsthaftigkeit verleiht. Khusr und Sabr zeigen in diesem Zusammenhang eine ergreifende Einheit von Ton und Inhalt, durch die wir beim Rezitieren in eine Stimmung versetzt werden, die als eine Mischung aus Trauer und Zuversicht beschrieben werden kann. So bietet diese Sure Trost. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in dem wunderbaren Satz in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Natürlich haben die Glaubenden, Tröstenden, auch Verluste – auch ihnen sterben die Eltern, auch sie werden krank oder unglücklich. Doch um mit dem Schmerz zurecht zu kommen helfen uns die Liebe zu Allah und zu den Menschen, unsere Geduld und unsere guten Werke.

Als ich vor einigen Jahren nachts am LAGESO Berlins so genannte „Flüchtlingshilfe“ betrieb und die ersten neu ankommenden Syrer, Afghanen, Iraker und viele Andere mit weiteren Helfern in teils recht „kreative Unterkünfte“ (Theatersäle, Restaurantzimmer, Probenräume…) brachte, damit keiner auf der Straße schlafen müsse, fragte mich jemand, warum ich das täte. Abgesehen davon, dass ich mir diese Frage selbst nie gestellt hatte (es ist eben ein Gefühl, aus dem heraus man handelt), fand ich später eine möglicherweise taugliche Antwort: Wenn wir anderen Menschen helfen, dann wird vielleicht auch später unseren Kindern geholfen, wenn sie in eine schlimme Lage kommen, oder unseren Eltern, oder denen, die wir lieben. Wenn wir aber niemandem helfen, dann gibt es keine Hoffnung, dass später jemandem geholfen wird. Selbst zu helfen bedeutet, Hoffnung überhaupt erst zu ermöglichen. Diejenigen unter Ihnen, die gute Werke tun, schaffen für sich selbst und andere Hoffnung. Hoffnung, die uns aufrecht hält in Zeiten des Verlusts.

Bei der Frist
Wahrlich die Menschen sind in großem Verlust.
Außer denjenigen die glauben und Gutes tun
Und andere bestärken, richtig zu handeln und sie darin bestärken, geduldig zu sein.

Alexander Sinn

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Heute ist Märchenstunde in der Moschee. Doch wenn ich hier aus zwei Märchen zitiere, aus 1001 Nacht nämlich und aus dem Froschkönig der Grimmschen Sammlungen, dann dient das der Illustration dessen, was man Würde nennt, Karama al Insan, und was den ersten Artikel unseres Grundgesetzes ausmacht. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heißt, sie hat gefälligst respektiert zu werden. Egal, wie praktisch es anderweitig wäre, und wie nett man es sich einrichten könnte, wenn sie nicht so wichtig wäre. Alles muss hinter das Einhalten der menschlichen Würde zurücktreten. Dazu gehört auch unser Sprachgebrauch. Und zwar unserer eigenen Würde sowie der Würde unseres Gegenübers. Würde und Zwang stehen sich diametral gegenüber. Das bedeutet, ihr Wesenselement ist die Freiheit. In einer freien Gesellschaft die Freiheit zu predigen mag obsolet erscheinen, doch stelle ich immer wieder bei mir selber fest, wie schnell ich bereit bin, die Freiheit anderer einzuschränken, wenn es um die Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse geht.

Würde ist eines der interessantesten Wörter meines Lebens. Um ihre Würde zu wahren, heiratete meine Großmutter nicht den Offizier, den sie nicht liebte, wenngleich ihre drei unehelichen Kinder im Krieg dadurch weiter hungern mussten. Sie hat ihren Kindern dadurch viel abverlangt; und dennoch darf man ihr keinen Vorwurf machen, denn sie empfand die Heirat mit diesem Mann als eine Verletzung ihrer Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie steht nicht zur Debatte, doch können wir sie leicht verwechseln mit dem Stolz. Nicht immer, wenn unser Stolz verletzt wird, geht es um Würde.
Die gelebte Würde des Menschen soll unantastbar sein, doch tatsächlich wird sie ständig und überall verletzt, von der Würde der Tiere ganz zu schweigen. Wenn ich im Folgenden die Würde der Frauen in den Mittelpunkt stelle, dann bedeutet das nicht, dass die Würde von Männern nicht verletzt wird. Männer werden geschlagen, sie werden gefoltert, genauso vergewaltigt wie Frauen und verheiratet mit Frauen, die sie nicht lieben können. Homosexuelle Männer werden zu Heterosexualität gezwungen, oder dazu, sich zu verdingen, statt einem Beruf ihrer Wahl nachzugehen. Am schlimmsten, Männer müssen in Armeen Kriegsdienste leisten, für Diktatoren töten und sich töten lassen, fliehen und es wird von ihnen verlangt, während Frauen und Kinder gerettet werden, mit dem Boot unterzugehen.

Die folgenden Geschichten handeln von Frauen, die sich ihrer Würde bewusst sind. Ich möchte sie erzählen, um uns daran zu erinnern, dass wir frei sind, in unseren Entscheidungen, um also daran zu erinnern, dass Würde immer mit Freiheit, auch Entscheidungsfreiheit, verbunden ist. Ein Sprichwort sagt: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Meine Mutter lehrte mich stattdessen: „Wer A gesagt hat, muss noch lange nicht B sagen.“ Auch Brecht sagt dies, doch hatte sie ihn nicht gelesen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.
Egal, was man versprochen haben mag – wenn man merkt, dass es ein Fehler war, ist es nie zu spät, sich davon zu distanzieren. Selbst, wer geheiratet hat, muss nicht bei seinem Partner bleiben. Im Quran lesen wir an vielen Stellen, dass wer auseinandergeht, dies in Frieden und mit vergebendem Herzen tun soll. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen. Wir sind frei, jederzeit auf unser Leben zu schauen um es zu bewerten und unsere Entscheidungen neu zu treffen, selbst wenn wir damit andere enttäuschen. Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt stehen dabei im Mittelpunkt, unsere, und die der Anderen.

Im Koran steht das Wort Würde nicht. Jedenfalls nicht in der Form Karama. Dort steht auch nicht das Wort Freiheit als Horrie. Doch ist er voll mit dem Gedanken des freien Willens, der die Grundlage dafür bildet, dass wir am Ende unserer Frist für unsere guten Absichten und Handlungen belohnt werden. In 2:30 können wir lesen: Und dein Erhalter sagte zu den Engeln: Seht, ich bin dabei auf Erden einen Khalifa einzusetzen, einen, der sich um sie kümmern wird, sie pflegt und ihre Belange regelt. Da sagten die Engel: Willst du einen solchen einsetzen, der Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird, während wir es sind, die dich Tag und Nacht preisen? – Während die Engel als einzige Option den Gehorsam haben, und Gott Tag und Nacht preisen, haben wir Menschen die Freiheit Sinnvolles, oder weniger Sinnvolles zu tun.

Und was ist mit der Gerechtigkeit? Prägnant verbildlicht uns im Quran das Symbol der Waage die Gerechtigkeit als ein Wesensmerkmal Allahs und zugleich als anzustrebende Maxime unseres Charakters. Auch hier geht es nicht um Worte, sondern um das Handeln, nämlich nicht mit zweierlei Maß zu messen. In 83, Verse 1-5 sagt uns Allah: Wehe jenen, die gekürztes Maß geben. Jene, die, wenn sie von anderen Leuten ihren gebührenden Anteil erhalten, verlangen, dass er voll gegeben werde – aber wenn sie auszumessen oder auszuwiegen haben, was immer sie anderen schulden, weniger geben, als gebührend ist.
Auch Rechte kann man auf die Waagschale legen. Nach dem eben genannten Vers müssen sie ausgeglichen sein, damit es in der Welt rechtens zugeht. Alle Menschen haben dieselben unveräußerlichen Rechte. Für Kinder und Jugendliche, sowie für manche Erwachsene, wird die Freiheit eingeschränkt zu Gunsten des Schutzes. Dann wird vorsichtig formuliert, wo der Schutz wichtiger ist als die Möglichkeit der freien Entscheidung. Doch stets bilden Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt den Ausgangspunkt jeglichen angemessenen menschlichen Miteinanders.
Über die Freiheit als zentrales Element der Würde erzählen die beiden Märchen.

Die Frau mit dem Federkleid
Eigentlich heißt die Geschichte Hassan Al Basri, doch passender finde ich diesen Titel, der anerkennt, dass die Frau gleichermaßen Protagonistin ist, wie der Mann.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – wo diese mysteriöse Insel Wakwak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ ( Ich habe zitiert aus Mernissis Buch Harem, S. 11-12)
In der Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende. Doch nun geht die Frau freiwillig mit ihm. Aber vielleicht bleiben sie ja lieber auf Wakwak, weil es dort viel schöner ist. Vielleicht sucht Hassan vergeblich und findet seine Frau nie wieder. Jedenfalls weiß die Frau mit dem Federkleid, dass es Unrecht ist, sie zu etwas zu zwingen.
Ihre Freiheit brauchte Mut. Als die Frau mit dem Federkleid ihre Kinder an sich drückte und losflog, war es weder gewiss, dass sie gesund ankommen würden, noch gab es eine Garantie, dass das Leben auf Wakwak glücklicher verlaufen würde als bisher. Doch besteht sie auf der Freiheit zur Selbstbestimmung.
Nur durch die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie sie es möchte, ist auch ihre Würde gewahrt. Ihre eigene Freiheit und Würde ist untrennbar verbunden mit der ihres Mannes, denn erst durch ihre Flucht wird er vom Gefängniswärter zum Geliebten. Durch ihr Insistieren, ein freier und würdevoller Mensch zu sein, wird auch er zu einem solchen.

Genau dasselbe passiert beim Märchen mit dem Froschkönig. Ich werde es ein bisschen abkürzen. Als eines Tages eine Königstochter mit ihrem goldenen Ball am Brunnen spielte, fiel der Ball in den Brunnen hinein. Sie war traurig und jammerte herum, da brachte ihr ein Frosch den goldenen Ball aus den Tiefen des Brunnens herauf. Dafür musste sie ihm versprechen, dass er am Abend zu ihr durfte. Am Abend kommt der Frosch tatsächlich zum Essen ins Schloss. Immer mehr will der Frosch von der Königstochter. Sie lässt ihn neben sich am Tisch sitzen, lässt ihn von ihrem Teller essen, von ihrem Becher trinken, doch empfindet ihn dabei als aufdringlich und übergriffig. Nach dem Abendessen folgt er ihr bis ins Schlafgemach. Als er schließlich gar zu ihr ins Bett krabbeln möchte, reicht es ihr, denn hier steht ein Gefühl der inneren Würde endgültig auf dem Spiel. Als er erneut insistiert, hebt sie ihn kurzer Hand vom Boden auf und wirft ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Durch diesen Akt der Selbstbehauptung rettet sie nicht vor allem ihre Keuschheit, sondern ihre Würde. Sie nimmt in ihr Bett, wen sie will, nicht jeden dahergelaufenen Frosch, egal, was sie ihm zuvor versprochen haben mag. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen… In dem Moment, wo sie ihn an die Wand wirft, um ihre eigene Würde zu wahren, indem sie sich nicht zwingen lässt, etwas zu tun, was sie nicht tun möchte, wird aus dem Frosch ein König. Er wird nicht nur Mensch, sondern darüber hinaus ein Mensch ganz besonderer Art, an Reichtum und Schönheit nicht zu überbieten, ein König unter den Menschen. Als die Königstochter nicht von Mitleid geleitet, oder an vorangegangene Versprechungen gebunden war, sondern die Verletzung ihrer ureigensten Würde fürchtete, und diese intuitiv über alles andere stellte, wandte sich ihr Schicksal zum allerbesten.

Im politisch-mondänen Bereich ist es nicht anders. Ich übertrage unsere Geschichten von Fröschen und Federkleidern kurz auf die Politik, und führe uns ins heutige Syrien, dann ins Amerika des frühen 19. Jahrhunderts und schließlich zurück ins zeitgenössische Deutschland.
Immer wieder frage ich Syrer, warum sie die Revolution gemacht haben und bekomme als Antwort: „Wir wollen Freiheit und Würde“. Beide sind im Privaten wie im Öffentlichen zentrale Werte. Dafür haben inzwischen viele ihr Leben gelassen, doch bleibt das Ziel erhalten.
Im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts gab es neben grausamen Sklavenhaltern tatsächlich auch solche, die ihre Sklaven relativ gut versorgten und mit ihnen ein fast brüderliches Verhältnis pflegten. Doch bei der Abschaffung der Sklaverei um 1865 beanspruchten alle Sklaven ihre Freiheit. Zur Überraschung der Master, die gut zu ihren Sklaven gewesen waren, zogen auch diese die Freiheit der Sicherheit und Versorgung vor. In der Freiheit gab es Würdeverletzungen bis hin zu Lynchmorden. Doch eine Rückkehr in die Sklaverei war für niemanden eine Option.
In der deutschen Gegenwart beruht unsere Freiheit, die wir als eng verbunden sehen mit unseren finanziellen Möglichkeiten, auf der Armut anderer. Ob wir Kakao kaufen oder Kaffee, Fleisch oder Kleidung – überall werden die Güter unter Missachtung der Würde ihrer Hersteller gefertigt, sei es Mensch, Tier oder Erde. Wir sprechen von Fair Trade und definieren damit das, was der Normalzustand sein sollte, als gute Tat. Eine wahrhaft perfide Verdrehung der Verantwortlichkeiten. Das Andere, der reale Status Quo, sollte Unfair Trade heißen.
Stellen wir uns einmal den folgenden Dialog in einem Cafe vor:
„Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“
„Möchten Sie einen fair gehandelten Kaffee, oder einen unfair gehandelten?“
„Einen unfair gehandelten bitte!“
Dies ist die von uns verdrängte Realität, und so ist eine Khutba über Freiheit und Würde in unserem vermeintlich freiheitlichen Land eben doch nicht obsolet.

Doch ich möchte uns noch einmal zurückführen zur Geschichte der Frau mit dem Federkleid und mit diesem Bild enden. Auch in unserem privaten Bereich kommt es immer wieder zu Würdeverletzungen. Ich möchte behaupten, fast immer dort, wo unsere Würde nicht gewahrt wird, wurde irgendwann zuvor die Würde dieser anderen Person nicht gewahrt oder gar massiv verletzt. Manche Würdeverletzungen entstehen zwar aus Arroganz des Verletzers, doch meist kommt das alles nicht aus dem Nichts, sondern ist Glied einer Kette von Verletzungen. Jemand wird verletzt, und gibt diese Verletzung weiter. Das bedeutet nicht, dass wir nun freimütig oder aus Mitleid anderen gestatten dürfen, unsere Würde zu verletzen, um diese Kette zu brechen. So endet sie ja nicht. Aber es bedeutet, nicht selbst der Ausgangspunkt dieser Kette zu sein. Und es bedeutet, einen sorgsamen Umgang mit uns selbst und mit anderen zu pflegen. Selbst kleine Gesten können verletzen. Den anderen, die andere, so zu akzeptieren, wie sie sind, gehört zur Wahrung ihrer Würde.

Kurz noch einmal zurück zu unserer Partnerschaft, die ja Thema der beiden Märchen ist. Ist unser Partner, unsere Partnerin tatsächlich in unserer Beziehung ein freier Mensch? Wayne Dyer, ein amerikanischer Motivationssprecher und Taoist rät uns zum ultimativen Partnerfreiheitstest. Wenn wir Folgendes sagen können, ist die Freiheit gewahrt.
Ich lasse dich frei, du selbst zu sein, deine eigenen Gedanken zu denken und deinem eigenen Geschmack nachzugehen, deinen Eingebungen zu folgen und dich so zu verhalten, wie du es für richtig hältst. Du bist frei, die Person zu sein, die du sein möchtest.
Auch umgekehrt gilt es:
Ich nehme mir die Freiheit, ich selbst zu sein, meine eigenen Gedanken zu denken und meinem eigenen Geschmack nachzugehen und meinen Eingebungen zu folgen sowie mich so zu verhalten, wie ich es für richtig halte. Ich nehme mir die Freiheit, die Person zu sein, die ich sein möchte.

Wir kommen nun zusammen zum Gebet. Wir bitten um Vergebung für die Momente, in denen wir die Würde anderer verletzt haben und um Heilung, wo unsere eigene Würde verletzt wurde, damit wir unseren Mitmenschen begegnen können wie die Frau mit dem Federkleid ihrem Ehemann oder die Königstochter dem Frosch – mit einem sicheren Gefühl dafür, wann es sich lohnt, auf unserem eigenen Recht zu bestehen und wann wir uns zurücknehmen sollten, um dem Anderen den Vortritt zu lassen, damit auch dessen Würde gewahrt wird.

Sura Al Ikhlas

Sura Al Ikhlas

 

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Sag Er ist Allah der Einzige. Allah, von dem alle Schöpfung kommt und zu dem sich alle Schöpfung hinwendet. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Die Sure AlIkhlas ist sehr kurz und erscheint damit ganz am Ende des Korans. In der Zählung ist sie die 112. von 114 Suren insgesamt. Mit Sicherheit ist sie allein schon deshalb die am häufigsten im Gebet zitierte Sure nach Al Fatiha. Sie hat eine eher trockene Art, ihr Inhalt ist matter of fact – eine reine Beschreibung dessen, was Gott ist. Ihr Wert scheint wenig spirituell und sie leitet uns nicht gerade offensichtlich auf einen humaneren, ethisch höheren Pfad, auf den wir uns als Muslime zu begeben versuchen. Darüber hinaus scheint sie darauf zu pochen mal wieder den Propheten Issa nicht als Gottes Sohn zu klassifizieren, sondern als Menschen, um sich damit vom Christentum abzugrenzen. Gott zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Der Überlieferung nach wurde sie dem Propheten Mohamed offenbart, als dieser von Andersgläubigen gebeten wurde, seinen Gott zu beschreiben. „Wie ist er denn, dein Gott?“, wollten sie wissen. Mohamed hätte viel sagen können – barmherzig, ewig vergebend, schöpfend, vom Menschen das Gute erwartend; er sieht alle Menschen als gleich an und gibt selbst den unterdrückten Sklaven und Frauen Freiheit und Recht, er ist nicht männlich und nicht weiblich, ein Gott der Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade. Was hätte der Prophet sagen sollen? Oder waren die Fragenden darauf aus, die Abstammungslinie zu erfahren? Nun, es gab keine.

Zitternd fiel der Prophet zu Boden und erhielt diese Offenbarung Allahs. Sag Allah ist der Einzige. …

Einige Zeit später sagte der Prophet eines Tages zu seinen Begleitern: „Kommt heute in die Moschee, ich werde für euch ein Drittel des Korans rezitieren“. Er begann mit Sure Al Ikhlas. Als er sie beendet hatte, wandte Mohamed der Moschee den Rücken zu und machte sich auf den Heimweg. Die verwirrten Sahaba fragten sich, ob ihr Prophet wohl vergesslich geworden war, oder ob sie sich verhört hatten. Hatte er nicht ein Drittel des Korans versprochen? Also gingen sie zu ihm und baten ihn um Aufklärung, worauf er antwortet: „Al Ikhlas ist ein Drittel des Korans“. Nach einer anderen Überlieferung bezieht sich dieses Drittel auf eine Art Belohnung – jedenfalls scheint Al Ikhlas eine ausgesprochen wichtige Sure zu sein.

Wenn man Allah liebt, ist sie schön. Allah ist einzigartig, und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Kind. Es ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Partner. Er ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. Der Einzigartige, an den ich mich wende, wenn ich etwas brauche – alsamad, der mich genau kennt, da er mich geschaffen hat – und den ich liebe, weil er einzigartig ist; und der für mich einzigartig ist, weil ich ihn liebe.

Ihn? Schon das erste Wort nach „Sprich“ ist das männliche Personalpronomen huwa / er. Es evoziert in uns das Bild eines Wesens, das mit huwa beschrieben werden kann, und dies ist männlich. In Verbindung mit dem anderen Wesen, was als huwa beschrieben wird, dem Mann nämlich, entsteht in uns die Vorstellung einer männlichen Göttlichkeit. Wir sprechen von der Herrschaft Allahs. Schon das Wort Herrschaft verweist auf die Problematik. Herrschaft beinhaltet nicht nur „Herr“, sondern geht auch einher mit einer Hierarchie, und so ersinnen wir uns eine solche, die von islamischen Gelehrten jahrhundertelang unhinterfragt akzeptiert und tradiert wurde. In dieser Hierarchie ist Gott an oberster Stelle, darunter steht der Mann, und unter ihm befindet sich die Frau. Dabei wissen alle Gelehrten, dass Gott alle Menschen gleich geschaffen hat und dies gerade das Besondere am Islam ist; und dass wir außerdem keinen Mittler brauchen, um mit Gott zu kommunizieren – keine Engel, keine Propheten und schon gar nicht unsere Männer, so lieb und teuer sie uns auch sind. Die Beziehung Frau-Mann-Gott ist viel angemessener dargestellt als Dreieck, mit Mann und Frau auf einer Ebene und Gott als obere Spitze. So kann jeder mit jedem direkt kommunizieren und es gibt keinen Zwischenschritt zwischen der Frau und Gott.

Wörter evozieren Bilder in unserer Vorstellung, das ist reichlich erforscht; sie wirken sogar direkt auf unser Gehirn und verändern es. Das ständige Lesen und Hören von Gott als „Er“ bewirkt letztlich, dass wir ihn uns eher als Mann als als Frau vorstellen und „ihm“damit ein natürliches Geschlecht zuweisen, womit in unserer Vorstellung die stereotypischen männlichen Charaktereigenschaften einhergehen. Ein strafender Gott, der uns dann annimmt, wenn wir bereuen, der zwar barmherzig, aber vor allem streng ist, kommt uns daher vollkommen normal vor, denn so werden Männer in Hollywood, in der Werbung, und in unseren Geschichten beschrieben. Nur mit Mühe befreien wir uns von diesen Vorstellungen – vor allem durch Kopfarbeit. Wörter wirken aber schneller als der Verstand sie verarbeitet. Sie wirken direkter und beeinflussen uns subtil aber zuverlässig.

Neben den stereotypen männlichen Attributen gibt es stereotyp weibliche. Es fällt uns schwerer, sie auf Gott anzuwenden, obwohl dies genau so selbstverständlich sein sollte.

Heute möchte ich Sure Al Ikhlas daher einmal anders lesen, nämlich als weibliche Sure. Um dann zu erkennen, dass Allah weder männlich noch weiblich ist, sondern alle Elemente in sich vereint. Lesen wir also Al Ikhlas weiblich und elaborieren dabei ein bisschen die wenigen Worte, und machen sie zu einem Fließtext. Wir sind nicht aufgefordert, uns ein Bild von Gott zu machen. Doch Worte ändern Gefühle. Wer mag, kann die Augen schließen und einmal hören, wie sich unsere Gedanken anhören, wenn wir statt der stereotyp männlichen eine stereotyp weibliche Gottesvorstellung in uns aufrufen. Warum stereotyp? Weil es zur Aufrichtigkeit gehört, zuzugeben, dass wir automatisch und unbewusst, genau solche Eigenschaften mit Mann oder Frau verbinden. Aktivieren wir im zweiten Schritt unser Gehirn, wachsen wir natürlich, oder hoffentlich, über diese ersten stereotypen Annahmen hinaus.
Die folgende Übung ist keine Veränderung des Koran. Sie dient stattdessen dazu, uns darin zu trainieren, Allah in seinem-ihrem vollständigen Wesen zu kennen und zu lieben. Das weibliche braucht einfach ein bisschen mehr Übung.

Sure Al Ikhlas weiblich gelesen

Sprich: Sag sie ist die einzige. Das heißt sie ist die einzige und einheitliche Göttin. Es gibt keine andere Göttin und sie besteht nicht aus mehreren Anteilen, sondern ist ein einheitliches Wesen. Sie ist Alsamad, das heißt diejenige, von der alles abstammt und zu der wir uns zurückwenden, wenn wir etwas brauchen, die ewig Zuhörende, die jedes Wort vernimmt und es genau anhört. Sie ist die Göttin, die dir bis zum Ende zuhört und sich dabei mit lächelnder Wärme zu dir wendet, dich ermutigend, weiter zu reden, und alles zu sagen, was dir auf der Seele liegt. Sie hört deine Wörter und weiß zugleich, was in deinem Herzen ist, kennt jede Freude, jede Trauer, jeden Wunsch, jedes Spiel.
Versuchst du, ehrlich zu sein, so freut sie sich über deine Aufrichtigkeit. Gelingt es dir nicht, so gibt sie dir zaghafte Hinweise darauf, dass du noch etwas genauer denken und auf deine Gefühle achten solltest, um aufrichtig zu sein. Sie ist die, die dich im Gebet verneigen sieht, und du bist für sie wie eine Blume, die sich streckt und neigt, streckt und neigt. Sie liebt dich, diese Gottheit und liebt deine Weiblichkeit, auch, und gerade, wenn du ein Mann bist; liebt deine Freude, deine Liebe, deine Gnade, die Wärme, die du weitergibst. Wenn du beim Sujud dein Gesicht auf die Erde legst, legt sie ihre Wärme und Freundlichkeit über dich wie einen schützenden Mantel. Du kannst dir von ihr wünschen, dass sie diesen Mantel aus Wärme, Freundlichkeit und Zuversicht auch über andere legt. Nicht wünschen kannst du dir ihren Zorn. Verneige dich lange, damit sie dir auch ihre wundervollen, weisen und liebevollen Gedanken, Bilder und Gefühle schicken kann. Beeile dich nicht im Gebet, die Gottheit ist langsam in der Vergabe ihrer Huld. Gib dir Zeit zur genauen und intensiven Wahrnehmung.

Sie zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Diese ist die einzige Gottheit; die nicht geschaffen wurde. Sie war von Anfang an da, sie war der Anfang und zugleich gibt es keinen Anfang, denn Anfang ist etwas, vor dem nichts da war, doch das Nichts gibt es nicht. Sie war also da und hat alles geschaffen und begleitet. In diesem Allen der Schöpferin bist du jetzt in diesem Moment das Wichtigste, und zugleich ist jeder Andere das Wichtigste. Sie ist allein für dich da und zugleich allein für jeden Anderen. Sie ist Alrahman Alrahim. Rahme bedeutet Gebärmutter, doch ist dies figurativ. Sie ist keiner Gebärmutter entsprungen, und sie hat keine Gebärmutter, aus der etwas entspringen würde. Sie ist nicht die heilige Jungfrau Maria geworden, sondern sie hat in ihr etwas geschaffen. Sie ist nicht Amina bint Wahb, die den Propheten Mohamed geboren hat, sondern hat ihn in ihr geschaffen. Sie ist einzigartig, barmherzig, gnädig und liebend.

Sure Al Ikhlas ist immanent verbunden mit dem Gebet, in dem sie so häufig rezitiert wird. Doch ihr Titel passt nicht wirklich zu ihrem Inhalt. Al Ikhlas bedeutet „die Aufrichtigkeit“. Dies ist ein gedankliches Konzept, das der Ehrlichkeit nahekommt. Doch in der zitierten Sure scheint es eher um Integrität zu gehen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität, bilden ein enges Begriffsgeflecht. Im Englischen könnte man unterscheiden zwischen „honesty“ und „sincerity“. Während sich „honesty“ eher auf die Handlungsebene bezieht, geht es bei „sincerity“ darüber hinaus um eine innere Haltung, die auch eine Wertschätzung beinhaltet. Ein Arabisch-Englisches Wörterbuch beschreibt das Wort Ikhlas als „sincerity, purity or isolation“.

Zurück zum Deutschen: Um aufrichtig zu sein, müssen wir ehrlich sein. Ehrlichkeit bezieht sich auf konkrete Verhaltensweisen – Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sei ehrlich! Hast du den Hund gefüttert? Sag mal ehrlich. Die Aufrichtigkeit hingegen geht darüber hinaus und verlangt von uns eine vollkommene Offenheit. Aufrichtig sein heißt, sich aufzurichten, und vor allen Menschen, inklusive sich selbst, für das einzustehen, was man für wahr, richtig und gut hält; für unsere Werte klar einzustehen und sie aufrecht zu benennen. Aufrichtigkeit beinhaltet, uns nicht selbst zu belügen, sondern die Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Der aufrichtige Mensch ist integer, d.h. er hält sich auch dann an die von ihm proklamierten Werte, wenn keiner hinschaut oder zuhört. Der aufrechte Mensch kann von sich sagen, dass er/sie eins ist mit der Schöpfung, mit Gott und mit sich selbst. Jeder Mensch ist erschaffen, doch zugleich in seiner Art vollkommen einzigartig. Die Aufrichtigkeit ist eins der größten Ziele unserer Charakterbildung. Vor allem uns selbst gegenüber. Nur durch diese, erkennen und verstehen wir unsere eigenen Beweggründe und können für unsere Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Fragen wie: „Warum helfe ich dieser Person? Weil ich es gerne tue, oder weil ich einen Dank dafür erwarte?“ gehören zur Übung der Aufrichtigkeit, denn „Ikhlas“ kommt von „akh-la-sa“, und bedeutet, eine Handlung auszuführen mit der ausschließlichen Absicht, Gott zu erfreuen, ohne die Erwartung eines Dankes also oder einer Gegenleistung ( ohne „niya“). Durch aufrichtige Antworten an uns selbst kommen wir hinter unsere wahren Beweggründe und lernen der/die zu sein, der/die wir wirklich sind. Wir werden integre Personen, deren Werte nach innen reflektieren und nach außen strahlen. So leitet uns Sure Al Ikhlas eben doch auf einen humaneren und ethisch höheren Pfad. Sie ist in der Tat ein Drittel des Korans – Im Bund mit Allah und Mohamed sind wir der dritte Teil, ohne den es keinen Koran gäbe, denn nur wir sind der Teil der Schöpfung, der ihn braucht. Und nur durch unsere Aufrichtigkeit sind wir wir selbst, einzigartig.

Wir versammeln uns nun zum Freitagsgebet um uns zu verneigen und unsere Ehrerbietung zu erweisen. Dabei empfangen wir Kraft und Trost, Freude und Zuversicht, und inschallah auch Antworten auf die tiefsten und aufrichtigsten Fragen unserer Herzen.

Jonas Verstuyft

Nacht

Nacht

 

Jonas Verstuyft
Jonas Verstuyft

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Ich begrüße euch herzlich zum heutigen Freitagsgebet. Mögen unsere Herzen stets laut genug sprechen, um uns auf die richtigen Wege zu führen, und wir unsere Tage in Liebe und Freude verbringen.

Sure AlZalzal (Koran/Arabisch)

Wenn die Erde ihr Beben erbebt. Und sich aufspaltet. Und die Menschen fragen, was hat sie? An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen. Gleich verstreuten Motten werden die Menschen auseinanderlaufen und jeder wird sehen, was er oder sie getan hat. Wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen. Es wird kein schöner Tag sein, denn wie sehr wir uns auch über das Gute freuen werden, das Anschauen all unserer schlechten Taten wird uns quälen. Wahrscheinlich werden wir uns fühlen wie unsere Opfer und uns ob unserer Taten, und mehr noch unserer Motive, unendlich schämen.  Lasst uns in unserer noch verbleibenden Zeit viel Gutes tun, damit wir das Ende ertragen können. An diesem Tag der Offenbarung wird die Erde ihre Nachrichten erzählen. Jede Qual, jedes freudvolle Lachen, das sie gesammelt hat, wird sie bezeugen.

Im Koran ist nicht nur die Erde personifiziert, sondern das ganze Weltall – der Mond, die Sonne, die Planeten. Sie alle leisten ihre Arbeit nach Maßgabe der ihnen vorbestimmten und zugetragenen Aufgabe. Sie kreisen umeinander, jeder nach seiner vorgegebenen Bahn, so lange wie Allah ihnen ihre Frist hierfür gesetzt hat. Die Sonne, die uns den Tag bringt, ist dafür geschaffen, das, was wir sehen können, durch ihre Erleuchtung sichtbar zu machen. Die Nacht dient dazu, es zu bedecken. Zu unserem astrologischen Wissen der Neuzeit passt das nicht ganz. Wir wissen, dass nicht die Sonne auf- und untergeht, sondern die Erde sich um sie und um sich selber dreht. Das Aufgehen der Sonne im Osten und ihr Untergehen im Westen sind aus dieser wissenschaftlichen Sicht eine Fehlformulierung, doch ist der aus unserer Perspektive gewählte Ausdruck des Aufgangs und des Untergangs durchaus angemessen, denn dies entspricht unserer tatsächlichen Wahrnehmung. Diese menschliche Wahrnehmung ist natürlich nicht weniger real als die Perspektive der Wissenschaft. Kein Mensch sagt, die Erde ist jetzt in der Position, in der die Sonne beginnt, auf unseren Ort zu scheinen. Alle sagen stattdessen: Die Sonne geht auf. Es ist Tag. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf, es ist Nacht. Somit personifizieren wir auch in der deutschen Sprache Sonne und Mond.

Nach unserer wissenschaftlichen Vorstellung wird die Sonne genau so lange scheinen, bis die chemischen Reaktionen, die zum Brennen führen, nicht mehr stattfinden können. Nach islamischer Vorstellung scheint sie genau so lange, wie Gott das will. Sie tut dies, weil es ihre Aufgabe ist, im Sinne einer aktiven, und gewissermaßen auch willentlichen, Aktivität. Die Vorstellung, die Sonne sei gleich einer willentlich handelnden Person und auf der anderen Seite die Vorstellung, dass das Sonnenlicht und die Wärme durch chemische Reaktionen bedingt sind, die irgendwann natürlich zu Ende gehen, schließen sich nicht gegenseitig aus. Hat Gott die chemischen Reaktionen so geschaffen, wie sie sind, hat er-sie-es damit auch festgelegt, wann es damit zu Ende geht. Beim Lesen des Koran stellt sich jedoch manchmal bei mir das Gefühl ein, die Erde wäre eine Akteurin.

Die Personifizierung der Planeten ist dem Islam zueigen. Dadurch, dass sie wie Menschen beschrieben werden, die aber keinen freien Willen haben, sind sie uns zugleich ähnlich und unähnlich. Indem sie wie Lebewesen erscheinen, haben wir als Menschen eine große Verantwortung, sie gut zu behandeln, so nämlich, wie unsere Brüder und Schwestern. Sie sind nicht einfach Materie, sondern, wie wir, beseelte Materie – Bruder Mond und Schwester Sonne, die wir als Muslime lieben und ehren, wie auch die Erde. Nicht anbeten, aber ihnen Respekt bezeugen. Sind die Planeten von Gott als beseelte Wesen geschaffen, so wie wir Menschen, wie alle Pflanzen und Tiere und letztlich jede Materie, so ergibt sich für uns Muslime daraus ein Weltbild universeller Erschaffenheit. Alles um uns herum ist lebendige Schöpfung Gottes, alles unterliegt dem göttlichen Willen und trägt den göttlichen Geist. Dem Menschen als möglicherweise einzigem vernunftbegabten Wesen obliegt der Schutz der Schöpfung, um damit Gottes Willen anzuerkennen und auszuführen; den Willen des einzigen Gottes, der als einziger zeugt, ohne gezeugt worden zu sein.

Nicht nur ist die Sonne personifiziert, sondern auch der Tag. Im Koran ist er der Aufdeckende, der potenziell Sichtbares durch seine Helligkeit in Erscheinung treten lässt. Er wird abgelöst durch die Nacht, die durch das Ausbreiten ihrer Dunkelheit alles Sichtbare in der Unsichtbarkeit verschwinden lässt.

In dieser Unsichtbarkeit verschwinden auch viele der Untaten der Menschen. Die Nacht ist für die Ausführung all jener Verbrechen, die nicht von Zeugen beobachtet werden sollen, viel besser geeignet als der Tag. Doch ist sie nicht nur der Bedecker der Verbrechen. Durch die Dunkelheit können wir nicht arbeiten und müssen, oder dürfen, ruhen. Während die Nacht meines Wissens nach in den anderen Religionen keine besondere Bedeutung hat, ist sie im Koran assoziativ mächtiger und schöner. Wir Muslime lieben den Mond. Wir rechnen unsere Monate nach seinem Erscheinen und nennen unsere Liebsten, Ya Qamari (du mein Mond). Die Mondsichel ist Teil der Fahne mehrerer islamisch geprägter Länder. Im Ramadan schauen wir sehr genau, wann die feine Sichel am Himmel erscheint, um mit dem Fasten zu beginnen und es nach möglichst genau einem Lunarmonat zu beenden. In der Wüste ohne ihre Straßenlaternen oder sonstige künstliche Lichter sind der Mond und die Sterne Garanten erhöhter Sicherheit und der Möglichkeit, den Weg nach Hause zu finden; ganz so wie es für Schiffe auf den Meeren galt, bevor Radarsysteme erfunden wurden. Der Mond und die Sterne dienen damit unserer Orientierung in Zeit und Raum. Im Laufe der Geschichte lernten die Menschen, sich an Fixpunkten im Weltall zu orientieren, die man von überall auf der Welt sehen kann – das wird astronomische Navigation genannt. Dabei verlässt man sich auf die Gestirne am Himmel. Anhand des Sonnenstandes konnten die Seefahrer beispielsweise die Himmelsrichtungen ablesen. Denn wo die Sonne aufgeht, ist Osten, ihr Mittagsstand weist in Richtung Süden, und im Westen geht sie unter. Wer nach Norden wollte, dem half in der Nacht der Polarstern, der sich genau im Norden befindet. Soweit ich weiß, müssen Seeleute auch heute noch diese alten Methoden lernen, sei es als historisches, sei es als Notfallwissen, falls die elektronische Technik versagt.

Tatsächlich bietet uns die Sonne aber mit ihrem wie auch immer hellen Licht lediglich die Möglichkeit, den Blick bis zum nächsten Hindernis schweifen zu lassen und uns so in relativ eng begrenzten Räumen visuell zu orientieren. Dem hingegen bietet uns die Nacht mit ihren leuchtenden Sternen und dem Mond eine sehr viel weitreichendere Orientierungsmöglichkeit. Die Nacht ist damit nicht nur die Bedeckerin menschlicher Taten und ein Moment der Ruhe, sondern auch der Zeitpunkt der uns unsere Richtung weisen kann.

Einen großen Teil der Nacht verbringen wir mit Schlafen und nutzen die Orientierungsmöglichkeiten von Mond und Sternen nicht. Wir schlafen und ruhen damit von der Arbeit des Tages. In der Mitte der Nacht, etwa zwischen zwei und vier Uhr morgens, entgiftet unser Körper. Wenn wir in dieser Zeit arbeiten, statt zu schlafen, hat dies ungünstige gesundheitliche Folgen für uns, weil die Entgiftung nicht einfach zu anderer Zeit stattfindet, sondern eben gar nicht nicht oder unzureichend. Am Tag zu schlafen ist aus vielen Gründen nicht so erholsam wie der Schlaf in der Nacht. Doch selbst wenn wir schlafen, dient uns die Nacht zur Orientierung; denn im Schlaf spricht unsere eigene Seele zu uns und durch unsere Seele letztendlich Gott. Unbewusstes und Halbbewusstes formen sich zu bildhaften, in Metaphern symbolhaft gekleideten Geschichten, die uns mit Sphären unserer Selbst in Verbindung bringen, zu denen wir sonst keinen Zugang hätten. Besonders vielleicht der Monat Ramadan, wo wir durch die Rhythmusveränderung anders schlafen als in den anderen Monaten, und damit auch oft intensiver träumen, bietet uns die Möglichkeit durch Beachtung und Reflexion unserer Träume zu Erkenntnissen zu gelangen, die sich uns sonst entziehen. Sind wir aufmerksame Beobachter und entwickeln eine gewisse individuelle Deutungskompetenz der uns eigenen, doch zugleich kulturell geprägten, Traumsymbolik, so kann uns dies helfen, uns in der Partnerschaft, der Elternschaft, dem Beruf oder anderen Gebieten unseres Lebens zu orientieren. Nicht alle Träume sind dazu geeignet, doch lohnt sich häufig die Beschäftigung mit ihnen.

So bietet die Nacht Orientierung sowohl für die Reisen mit Schiffen und Flugzeugen als auch für die inneren Reisen unserer Seele. In ihrer Entlastung von den Tätigkeiten, die uns der Tag abverlangt, in der Ruhe ihrer Enthaltung von sozialen Beziehungen, und in der bewussten Hinwendung zu unserem Inneren sowie beim Träumen schenkt uns die Nacht die Möglichkeit, über unsere inneren und äußeren Lebensumstände nachzudenken, ohne beim Pragmatismus ankommen zu müssen. Dass sich am nächsten Tag oft alles wieder ganz anders darstellt als in der Nacht gedacht, ist der Beweis, dass wir als denkende Wesen geschaffen wurden, die Entscheidungen auf verschiedenen Grundlagen treffen können – pragmatischen, moralischen, emotionalen und so weiter.

Die Orientierungshilfe der Nacht wird ergänzt durch ein Orientierungsorgan, das ebenso im Dunkeln liegt. Tief in unserem Inneren liegt unser Herz. Einer meiner Lieblingssänger, Hermann van Veen, singt: „Hörst du denn nicht den Trommler, der da heimlich in dir schlägt; der dich bei aller Gegenwehr auch in Feindeslager trägt. Hör auf ihn, er sagt dir was! Wenn er sich nicht mehr regt, ist das ein Zeichen dafür, dass sich gar nichts mehr bewegt.“ Das wichtigste Lebensorgan, unser Herz, bietet uns Orientierung aus der Dunkelheit des Körpers heraus.

Unser Herz bietet uns Orientierung und Umorientierung, ein Hin und Her der Möglichkeiten, die uns manchmal zerreißen. Es zieht uns zu altruistischem Verhalten, um dann wieder festzustellen, dass wir uns dabei selbst aufgeben und verlieren, wenn wir nicht auf uns aufpassen. Es zieht uns manchmal zu Verhaltensweisen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können, weil sie uns nicht gut zu tun scheinen, oder in der Tat nicht guttun. Doch ihm zuzuhören ist wertvoll, denn sein Orientierungspotenzial ist unbestritten. Lernen wir, unserem Herzen zuzuhören, können wir im Anschluss immer noch mit dem Verstand abwägen, wie wir uns verhalten wollen. Aber nur wenn wir den Mut haben, unser Herz anzuhören, ist dies eine ehrliche Auseinandersetzung.

 

Alle unsere Gedanken entstehen auf Grund von Empfindungen, dies werden im Gehirn bewertet. Die Amygdala, also der Teil des Gehirns, der für die emotionale Bewertung von Ereignissen zuständig ist, ist sozusagen das unterbewusste Herz des Gehirns. Alle Ereignisse die wir je erleben, passieren diesen emotionalen Filter und werden bewertet, d.h. können mit Worten wie Furcht oder Freude oder Langerweile beschrieben werden. Ich bin sicher, die Amygdala, zu Deutsch der Mandelkern, steht in direkter Verbindung mit dem Herzen, das, wie wir sagen, vor Freude hüpft, oder uns vor Aufregung oder Angst bis zum Hals schlagen kann. All unsere Orientierungen, die in der Dunkelheit stattfinden, sind möglicherweise wertvoller als die Orientierungen des helllichten Tages. Denn während wir am Tag beim Einschlagen falscher Wege von A nach B einfach einen Umweg gehen können, sind die im Dunkel der Nacht und im Dunkel des Inneren getroffenen Entscheidungen oft viel wesentlicher und weitreichender. Und sie brauchen oft viel mehr Mut, der uns angesichts des Tageslichts manchmal schnell wieder verlässt.

Im Ramadan ist, bzw. war, die Nacht eine besondere Zeit. Nicht nur weil wir da essen durften. Wir fasten ja nicht, um nachts zu essen, sondern um am Tag zu fasten. Doch machen wir, wenn es uns möglich ist, einen Mittagsschlaf, und so wird in dem heiligen Monat manches Mal die Nacht ausgedehnter als sonst. Wenn wir in der Nacht essen und trinken, als wäre es Tag, verliert sich jedoch die Besonderheit der Nacht. Durch das Bewegen in belebten und beleuchteten Orten entflieht uns die Möglichkeit der stillen Reflexion. Nacht ist nur dann Nacht, wenn sie in Dunkelheit und Ruhe verbracht wird. Dann ist sie ein wunderbarer und reicher Teil unseres Lebens. Unsere Tage, die manchmal allein dazu dienen, das so genannte Tagwerk zu tun, Aufgaben zu bearbeiten oder Dinge erledigen, vor deren Anstrengungen und sozialen Verpflichtungen wir manchmal zurückschrecken mögen, können wir zwar auch nutzen, um uns mit der Schöpfung und dem Schöpfer in Verbindung zu bringen. Doch die Nacht hat ihren besonderen Charme und für manche von uns, ist sie der schönere Teil des Tages. In meinen Teenager Jahren tat ich, was mir meine Tochter neulich auch von sich erzählte, und was ich heute noch gerne mag: Ich stellte mir den Wecker auf 2 Uhr nachts, um mindestens ein paar Minuten der Nacht wach zu liegen, und die Nacht als solche wahrzunehmen. Mit diesem kleinen Trick verlieh ich ihr die Existenz und räumte ihr einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Heute dient mir die Nacht auch der Zärtlichkeit und einer anderen Form des Gemeinsamseins, als die des Tages. Sheherazade erzählt dem grausamen König ihre Geschichten in der Nacht, bevor er einschläft. Diese vertrauteste aller Arten des Erzählens im Dunkeln kennen viele von uns. Durch die Dunkelheit und die Abwesenheit aller Ablenkung entsteht eine Atmosphäre, die an Intimität nicht zu übertreffen ist und unsere liebevollen Worte dringen ohne Umwege direkt in die Seele des anderen ein. Unsere Kinder, die tagsüber längst ihre eigenen Wege gehen und uns nicht mehr zu brauchen scheinen, kommen nachts zu uns, um neben uns zu liegen und nicht allein zu schlafen.

 

Rilke schreibt:

 

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

 

Der Monat Ramadan ist nun vorbei. Die Nächte sind wieder das, was sie zuvor waren, Zeit zum Ruhen und Schlafen und zum Austausch liebender Zärtlichkeit.  Ich wünsche uns allen die Nächte wie wir sie brauchen und auch hin und wieder reflektierte Nächte, in denen wir uns orientieren und unser Leben auf einen guten Kurs bringen können. Einen muslimischen Kurs, was bedeutet einen Kurs der Nächstenliebe, der Hinwendung zum Guten, der gekonnten Zurückstellung eigener Wünsche, ohne des Selbstverlusts.

Es ist ein Kurs des freudvollen Gebens und des Findens weiser und liebevoller Wörter, der Wertschätzung und der Geduld und Kraft und eines mutigen und gütigen Herzens.

 

Wir wenden uns nun zum Gebet in Hingabe an Allah, mit Dank für alles, was uns gegeben ist. Es ist viel. Wir vertrauen darauf, dass jede Stelle, an der wir uns befinden, die richtige ist, und wir uns stets auf dem uns zugewiesenen Weg befinden, auf dem wir geleitet werden in Liebe und Barmherzigkeit.

 

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar

Alexander Sinn

Weibliche Geschichten

Weibliche Geschichten

Autorin: Susanne Dawi

Alexander Sinn
Alexander Sinn

Neulich hielt ich in der Moschee einen Vortrag über die marokkanische Soziologin und Islamwissenschaftlerin Fatima Mernissi. Besonders ihre Bücher „Harem“ und „Der politische Harem“ fand ich sehr lesenswert, obwohl ich mich bisher immer geweigert hatte, Bücher mit dem Wort Harem im Titel zu lesen, ob der dahinter vermuteten Stereotypen über den Orient, gegen die man sich so häufig zur Wehr setzen muss. Anlässlich des Vortrags kam ich um die Bücher mit besagtem Wort also nicht herum. Mernissi liest sich interessant und flüssig – sehr zu empfehlen, wenn man sich für die Schnittstelle zwischen Religion und Gesellschaft interessiert, und ich möchte fast sagen, das sollte man derzeit unbedingt.
Für den heutigen Blogtext möchte ich eine Geschichte herausgreifen, die sie aus 1001 Nacht zitiert. Durch zwei kleine, wie Mernissi sagt „subversive“ Veränderungen, die ihre Großmutter beim Erzählen stets vornahm, wird sie von einer „männlichen“ zu einer „weiblichen“ Geschichte.
Die erste Veränderung betrifft den Titel. Er heißt eigentlich „Hassan AlBasri“, doch Großmutter Yasmina leitet geschickt die Fokussierung vom männlichen Protagonisten zum weiblichen über, denn sie nennt die Geschichte „Die Frau mit dem Federkleid“.
Die zweite Veränderung betrifft das Ende der Geschichte. Dazu später mehr.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – , wo diese mysteriöse Insel Wak Wak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ (Harem, S. 11-12)
Die Großmutter Yasmina hatte sich also zuerst einmal den Titel vorgenommen und damit die Frau zur Protagonistin gemacht. Ich zitiere weiter: „Die zweite subversive Veränderung…. war, dass Yasminas mündliche Version kein Happy End hatte. In der Geschichte meiner Großmutter gelang es Hassan nicht, Frau und Kinder zurückzugewinnen. Lange suchte er nach der Insel seiner geflügelten Frau, konnte sie aber nicht wiederfinden. In der von Männern verfassten Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende.
Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, bin ich am Ende überrascht; denn in meiner Erinnerung findet Hassan seine Frau und lebt daraufhin bei ihr. Es gibt also drei mögliche Endungen und jede hat ihre Bedeutung über die Geschichte hinaus.
Dass die gefiederte Frau zu ihrem Mann zurückkehrt, ist das Ende, das ich am wenigsten mag; hieße es doch, sich der möglichen Unterdrückung erneut, und diesmal freiwillig, auszusetzen. Dass ihr Mann aus der Flucht seiner geliebten, aber gefangenen Frau etwas gelernt hätte, ging ja aus der Geschichte nicht hervor. So empfinde ich aus meiner weiblichen Empowerment-Logik mein selbst-erinnertes Ende am sinnvollsten, dass er nämlich bei ihr bleibt, ohne jedoch nun seinerseits der Gefangene zu sein.
Geschichten schriftlich zu überliefern heißt, in einem gewissen Maße auch ihre Deutungen festzuschreiben. Mit mündlichen Überlieferungen können wir spielen. Wir verändern sie absichtlich oder aus Versehen, wobei uns unsere Erinnerungspsychologie einen Streich spielt. Das sollten wir nebenbei bemerkt auch nicht vergessen, wenn wir über Hadithe sprechen.
Welches Ende gefällt Ihnen am besten? Dass die gefiederte Ehefrau mit den Kindern zu Hassan zurückkehrt? Dass Hassan seine Frau niemals findet? Oder dass Hassan seine Frau und die Kinder findet, um dann bei ihnen zu bleiben? Welche Version der Geschichte erzählen Sie Ihren Kindern oder Ihrem Lebenspartner? Welche Version würden Sie gerne leben? Welche leben Sie tatsächlich? Und: Heißt Ihre Geschichte „Hassan Al-Basri“ oder heißt sie „Die Frau mit dem Federkleid“?
Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag!
Ihre Susie Dawi

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

 

Autorin: Susanne Dawi

Nun ist schon mehr als eine Woche des Monats Ramadan vergangen. Die Zeit vergeht schnell, und in diesem Jahr ist das Wetter für die Fastenden freundlich. Der Himmel ist immer wieder mal wunderbar blau, doch die Hitze der letzten Jahre bleibt uns erspart. Es ist recht kühl – sogar ein wenig zu kühl vielleicht.

Wir Muslime wissen, warum wir fasten. „Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget. Fasten während einer bestimmten Anzahl von Tagen. Aber wer immer von euch krank ist oder auf einer Reise, soll statt dessen die gleiche Azahl von anderen Tagen fasten, und in solchen Fällen obliegt es jenen, die es sich leisten können, ein Opfer durch Speisung eines Bedürftigen zu bringen. Und wer immer mehr Gutes tut, als er zu tun verpflichtet ist, tut sich damit selbst Gutes, denn zu fasten ist euch selbst Gutes zu tun – wenn ihr es nur wüsstet.

Muhammad Asad, der Übersetzer, den ich hier für Sure 2:183-184 bemüht habe, schreibt in seinem Kommentar:

„Das heißt während der 29 oder 30 Tage des Ramadan, des neunten Monats

des islamischen Mondkalenders. Es besteht aus völliger Enthaltung von Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergeang. Wie der Quran darlegt, war die Praxis des Fastens zu allen Zeiten der Religionsgeschichte des Menschen weit verbreitet. Die außergewähnliche Strenge und lange Dauer des islamischen Fastens…erfüllt zusätzlich zum allgemeinen Ziel der spirituellen Reinigung einen dreifachen Zweck:

  1. des Beginns der quranischen Offenbarung zu gedenken, der im Monat Ramadan etwa 13 Jahre vor dem Auszug des Propheten nach Medina stattfand
  2. eine anspruchsvolle Übung der Selbstbeherrschung zu bieten
  3. jedermann durch seine oder ihre eigene Erfahrung erkennen zu lassen, was es heißt, hungrig oder durstig zu sein, und damit ein echtes Verständnis für die Bedürfnisse der Armen zu entwickeln.“

Ich bin seit etwa 20 Jahren immer wieder überrascht, was passiert, wenn man den ganzen Tag fastet. Jedes Jahr muss ich wie viele andere auf Grund meiner Arbeit entscheiden, ob es wichtiger ist, morgens vor Sonnenaufgang noch schnell etwas zu essen und trinken, oder lieber zu schlafen, damit mir bei der Arbeit nicht die Augen zufallen.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass meine Füße im kältesten Winter nicht so kalt werden wie an Fastentagen im Hochsommer.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass das Hirn zum korrekten Funktionieren Wasser und Brot braucht. So bin ich gestern auf dem Weg zu meiner Mutter in die falsche Ubahn gestiegen und habe es erst nach etwa fünf Stationen bemerkt. Mein unterversorgtes Hirn blieb von Berliner Straße bis Yorckstraße vollkommen zufrieden obwohl es in die andere Richtung zum Adenauerplatz wollte.

Und in diesem Jahr kommt die Erkenntnis hinzu, dass ich ohne Essen und Trinken nicht kreativ sein kann. Wo ich sonst so gerne schreibe, schiebe ich es nun bis nach dem Essen auf, damit ich überhaupt ein paar Ideen zu Papier bekomme.

Wer hätte das gedacht?! Wir essen und trinken natürlich in erster Linie zum Lebenserhalt. Aber darüber hinaus hält es uns warm, bringt uns an die richtigen Orte und sorgt auch noch dafür, dass wir schöne Worte finden.

Das Finden schöner Worte und das Verbreiten von Liebe und Respekt ist zu jeder Zeit eine Aufgabe für uns Muslime. In dieser Zeit der Spaltung (die leidige Kopftuchdebatte zeigt es) ist es gut, wenn wir uns daran halten, miteinander freundlich, wohlwollend und gutherzig umzugehen, unabhängig von unseren Meinungen zu Einzelthemen. Was auch immer die Meinung zu den zahlreichen „Islamthemen“ sein mag (Fasten in der Schule, Kopftuch, weibliche Imame usw.) wir sollten versuchen, respektvoll und wertschätzend miteinander zu kommunizieren, uns zu vergeben und zu unterstützen und uns gegenseitig zu achten. Meinungen zu bestimmten Themen muss man dazu vielleicht kurzzeitig in einer mentalen Kiste fest verschließen, um über das sprechen zu können, was einen sonst noch so bewegt und einen mit dem Anderen verbindet. Die Kiste kann man dann in besonders dafür geeigneten Situationen hin und wieder öffnen und den Inhalt diskutieren. Hetzerei von allen Seiten, Gemeinheiten, Respektlosigkeit und Verunglimpfungen zu vermeiden ist mit Sicherheit im Sinne des Qur’ans, der uns den Weg zu Wertschätzung, Frieden und Vergebung aufzeigt.

Ich wünsche uns allen einen wunderschönen, freundlichen und friedlichen Ramadan!

Jon Tyson

Muttertag

Muttertag

Jon Tyson
Jon Tyson

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In zwei Tagen ist in Deutschland Muttertag. Wenn ich heute über Mütter spreche, meine ich nicht nur leibliche Mütter, sondern auch Adoptivmütter, Ziehmütter, liebevolle Begleitermütter…

Nichts ist so schön wie Mutter zu sein. Außer vielleicht, Oma zu sein. Während ich das schreibe, schaue ich ein Video von meiner Enkeltochter an, die von ihrem Papa, meinem Schwiegersohn, auf einem alten Stück Pappe durch die Wohnung gezogen wird, und lacht. Es gibt nichts, was einen mehr erfreut, als dieses Lachen. Ein kleines Kind, ein Jahr alt, schafft es mit seinem so netten kleinen Lachen meinen ganzen schweren, mühseligen Tag von jetzt auf gleich in Honig zu verwandeln. Nichts anderes auf der Welt kann so etwas leisten. Kein Geld, keine Speise, kein Getränk, kein Besitz. Einfach nichts. Nur das Lachen dieses Kindes.

Neulich war ich bei meiner anderen Tochter. Da saß dieses kleine Baby im Wohnzimmer auf dem Teppich – die beiden Kinder meiner Töchter sind gleichzeitig geboren – saß also dieses kleine Baby auf der Erde und streckte mir die Ärmchen entgegen, um mich zu umarmen und lächelte dabei. Ich konnte meine Schuhe gar nicht schnell genug ausziehen. Wie unendlich herzlich ist so ein kleines Kind. Als ich den Kleinen endlich auf dem Arm hielt, schob er sein Köpfchen gegen meine Stirn und lachte.

Während ich schreibe, sitzt auch meine Tochter Fahtma mir gegenüber in der Küche, wir trinken Tee und scherzen über ihre letzten Alpträume. Letzte Woche wurde sie 19 Jahre alt. Sie hat einen großartigen Humor und mit niemandem kann ich lachen wie mit ihr. Nichts und niemand ist mir so vertraut, wie meine Kinder. Für niemanden bin ich so vertraut, wie für sie. Sie kennen mich in und auswendig, lesen meine Gefühle bevor ich mir derer selbst gewahr bin. Ich habe in meinem Leben eine Million toller, guter, schöner Dinge getan, ich bin Gummitwist gesprungen, habe geschrieben, gesungen, bin geritten, habe Menschen geholfen, aber nichts von dem ist auch nur ein Stäubchen wert, wenn ich es in Relation dazu setze, Mutter zu sein. Niemand hat mich so glücklich gemacht, wie meine Kinder. Zu unseren Liebsten sagen wir t’obrini und je älter ich werde, desto mehr verstehe ich den Sinn dahinter. Du wirst mich beerdigen. Ein Satz der die ganze Ehre und den ganzen Schmerz des Mutter-Kind-Verhältnisses beinhaltet.

Dabei ist die Rolle der Mutter überhaupt nicht immer so toll und es gibt darin nicht nur unangeneheme Momente, sondern ganze unangenehme Wochen und Monate, oder mehr noch, negative Grundaspekte. Als Orna Donath vor wenigen Jahren ihr Buch „Regretting Motherhood“ schrieb, gab es regelrechte Shitstorms auf Mütter, und zwar von gebildeten Frauen. Das Buch ist die Verarbeitung einer Studie, bei der Mütter über ihre Mutterschaft befragt wurden. Einige gaben scheinbar paradoxe Statements ab, vor allem dass sie ihre Kinder liebten, aber das Muttersein nicht. Sie liebten ihre Kinder, würden sich aber nicht noch einmal für die Mutterschaft entscheiden. Die Reaktionen auf diese ehrlichen Aussagen reichten vom süffisanten „selber schuld, hätte ja Karriere machen können“ zu „die (gemeint sind die Mütter) schieben ihren Kinderwagen mit der Kaffeetasse in der Hand zum Spielplatz, sitzen den ganzen Tag in der Sonne, und jammern dann auch noch rum“. Eine Zeit-Online Reporterin schrieb, den Müttern gegenüber in höchstem Maße herablassend, Kinder seien jetzt wohl „Wellness-Schädlinge“. Im Zeitalter des Feminismus brauchen wir scheinbar keine Männer, um uns Frauen herunterzumachen. Wir können das jetzt ganz allein.

Wenn ich daran denke, wie meine Mutterschaft war, habe ich zwei vollkommen konträre Erinnerungen – eine helle, leichte, lustige, die ich oben beschrieben habe, und eine sehr dunkle, depressive, die geprägt ist vom Gefühl der Einsamkeit, der intellektuellen Dauerunterforderung, Einkaufsstress und dem Wunsch danach, meinen eigenen Gedanken einmal in Ruhe nachzugehen. Das war damals, als die Kinder klein waren, kaum möglich. Ich habe sechs Kinder. Die ersten vier sind innerhalb von fünfeinhalb Jahren geboren. Ständig zerrte jemand an mir, wollte etwas, und zwar sofort, jetzt. Manchmal schloss ich mich im Badezimmer ein, um einen kurzen ruhigen Moment zu haben.

Damals lebte ich das traditionelle Mutterbild, dessen Blütezeit in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts liegt. Es wird aber heute noch immer in konservativen Bevölkerungsgruppen vertreten. Mutterschaft wird als Lebenserfüllung gesehen. Aus ihr würden Frauen angeblich eine tiefe Befriedigung gewinnen, und darüber hinaus seien sie von Natur aus liebevoll, fürsorglich und aufopferungsbereit. (vgl. hierzu Martin R. Textor in https://www.ipzf.de/pflege4.html). Dass diese Rolle zugleich durch extreme Unfreiheit gekennzeichnet ist, wird übersehen, denn hierzu gehört die Abhängigkeit von einem Versorger und das Opfern der eigenen Lebenszeit zur Erfüllung der Bedürfnisse anderer. Der Vater und das Kind sind in diesem Szenario frei. Die Mutter zwar nicht, aber angeblich belastet sie das nicht, da sie ja als Frau quasi genetisch dazu bereit ist, sich zu opfern. Dass wir Mütter uns negative Gefühle wie Zorn oder Depressionen und Einsamkeit nicht eingestehen dürfen, hat sich, wie man an den Reaktionen zu Regretting Motherhood sieht, nicht geändert.

Hilary Clintons Buch „It takes a village to raise a child“ hat schon den richtigen Titel. Ein Kind großzuziehen braucht in der Tat viele Menschen, viele Helfer, die sich sorgen, unterstützen; aber es braucht nicht nur das ganze Dorf, sondern die Erziehung wird ja vom Dorf, respektive der Gesellschaft, mit übernommen. Es ist kein Geheimnis, dass Mütter nicht die einzigen Personen sind, die Einfluss auf ihre heranwachsenden Kinder haben. Drogenkonsum in der Umgebung des Kindes, ungezügelte Sexualität, schlechte Sprache, Mobbing, die Schule mit ihren guten und schlechten LehrerInnen— es gibt Vieles, worum sich Mütter sorgen. Wenn dann beim Heranwachsen etwas schief geht, waren es aber nicht die anderen, sondern die Gesellschaft schaut auf die Mutter, und auch diese lastet es sich selber an. Vor einigen Jahren las ich in der Zeitung, dass ein Kind im Schwimmbad ertrunken sei. Die Journalisten fragten: „Wo war die Mutter?“ Zu meiner Empörung fragte keine einzige Zeitung: „Wo war der Vater?“ Einige Zeit später fiel ein Kind aus dem Fenster eines oberen Stockwerkes und überlebte den Sturz nicht. Man las: „Die Mutter war kurz aus dem Haus gegangen, um den Müll zu entsorgen“. Und wieder einmal – wo war der Vater? Teile unserer Gesellschaft gehen immernoch davon aus, dass als letzte Instanz die Mutter dafür zuständig ist, für das Kind Sorge zu tragen. Und zwar 24 Stunden am Tag, auch während es sich in der Obhut anderer befindet. Die gesellschaftliche Entwicklung führt zwar längst woanders hin, doch bleibt dieses Bild weiterhin kraftvoll.

Neben der Gesellschaft hatten und haben (?) auch die Kinder große Erwartungen an die Mutter. Selbst wenn sie ihre Väter oft mehr lieben, sind die Erwartungen an die Mutter größer. Zwischen Mutter und Kind besteht möglicherweise immernoch die distanzlosere Verbindung.

Als meine Tochter Ruth ungefähr 15 Jahre alt war, sagte sie zu mir: „Mama, zu dir bin ich am gemeinsten, dabei liebe ich dich am meisten“. Ich mochte diesen Satz, denn es gehört zur Pubertät dazu, dass man öfter mal gemein ist. Das Ziel der Gemeinheit ist die Person, bei der man darauf vertrauen kann, dass sie die Gemeinheit nicht zurückzahlt. Die liebende und geliebte Mutter wird dies vielleicht am wenigsten tun.

Es ist schon komisch, dass man diejenigen Menschen, die einem den meisten Schlaf rauben, die man wickelt und bis zur Erschöpfung füttert und herumschleppt, und die als Teenager auch noch gemein zu einem sind, am meisten liebt. Die Nabelschnur wird wohl nur körperlich zertrennt. Auf seelisch-emotionaler Ebene bleibt sie erhalten.

Zugleich leben wir in einer Zeit, in der der Umbruch der Rollenverteilung bereits vollzogen ist und auch Männer einen Anspruch auf eine emotionale Nabelschnur erheben. Wenn die AfD im Sinne der oben beschriebenen konservatien Mutterrolle behauptet: „Der ideale Betreuungsplatz für das Kleinkind ist auf Mamas Schoß“, dann melden sich heute glücklicherweise Väter laut zu Wort und klagen ihr Recht auf Kinderbetreuung und auf Anerkennung der damit einhergehenden Rolle ein. In meiner Schule habe ich einige Eltern, die aus gleichgeschlechtlichen Paaren bestehen. Gerade diese Woche habe ich zwei Papas gefragt, wie wir das denn mit dem gebastelten Muttertagsgeschenk regeln wollen, wenn das Kind zwei Väter hat. Sie meinten ganz pragmatisch, wir heben das Muttertagsgeschenk für später auf und am Vatertag bekommen dann beide Papas ein Geschenke. Schöne Idee! Zwischen diesen Vätern und ihren Kindern gibt es auch eine Art Nabelschnur. Mit zunehmendem Selbstverständnis der Übernahme traditionell mütterlicher Rollen durch Väter, werden solche figurativen Nabelschnüre wachsen und genauso wirksam sein, wie die der Mütter.

Zurück zu den Frauen. Wie gehen sie mit ihrer Mutterrolle um? Ich möchte hierzu von einer Studie berichten, über die mir vor vielen Jahren meine Tochter erzählte. Fragt man Frauen im Alter von ungefähr 50 Jahren, ob sie bei einem fiktiven zweiten Lebensdurchgang, also, wenn sie noch einmal in ihrer Geschichte zurückgehen würden, statt Mutter zu sein lieber Karriere gemacht hätten, sagen die meisten Frauen ja, und das, obwohl sie bis dahin gar nicht so unzufrieden mit ihrer Mutterrolle waren. Es scheint, dass Frauen im Alter von 50 Jahren ihre Mutterschaft bereuen. Doch dies ist ein Trugschluss. Fragt man nämlich Frauen im selben Alter, die eine gute berufliche Karriere gemacht haben, ob sie stattdessen lieber Mutter geworden wären, wird dies von etwa der gleichen Anzahl bejaht. Das bedeutet, im Rückblick wünscht man sich einfach das Andere. In unserer Gesellschaft sind beide Identitätsvisionen gleichstark – Mutter sein und gesellschaftlich wirken. Ich glaube, das war schon immer so. Die Rolle der Frau in der Geschichte zeigt glaube ich nicht, dass sich Frauen von sozio-politisch unbeteiligten Wesen zu Partizipatorinnen in Politik und Gesellschaft entwickelten. Für mich sieht es vielmehrs so aus, als gäbe es global gesehen immer mal Bewegungen zu mehr Partizipation und solche zu weniger.

Im Moment empfinden zumindest in Europa, vielleicht weltweit, Frauen aller bildungsnahen Schichten die gesellschaftliche Teilhabe als wichtig, ja notwendig, zur inneren Zufriedenheit. Kaum jemand mag einfach „nur“ zu Hause sein, kochen, backen und mit den Kindern Lego bauen. Frauen wollen gesellschaftlich wirken, sie empfinden sich als politisch, und sie suchen nach Anerkennung, weil das zum Wohlbefinden beiträgt. Ich kann das nur bestätigen. Als mein viertes Kind, Maria, ein Jahr alt war und die ersten Schritte machte, breitete ich meine Arme aus, damit sie zu mir liefe. Sie löste sich von ihrem Halt, einem Stuhl bei der Großmutter, lief in meine Richtung, doch auf halbem Wege wendete sie, um nun in die andere Richtung zurückzulaufen.

Verdutzt schaute ich ihr nach und mir wurde schlagartig klar, dass mich dieses Kind wie alle anderen, irgendwann nicht mehr so brauchen würde, wie in diesen frühen Jahren. Das Kind würde seine eigenen Wege gehen, und ich – ja, ich würde dann alleine sein, ohne meine Kinder und zugleich ohne einen anderen Lebensinhalt. In dem Moment entschloss ich mich, nicht nur für das Wohl dieses Kindes zu sorgen, sondern mich auch um meine eigene Entwicklung zu kümmern, das hieß für mich, um meine Bildung, damit ich später, wenn das Kind seine eigenen Wege geht, eine Aufgabe hätte. Ich ging zurück zur Schule, holte das Abitur nach und studierte. Während des Studiums wurde man immer wieder in Seminaren aufgefordert, sich vorzustellen. Weil es andere auch so machten, erwähnte ich in den Anfangssemestern auch immer, dass ich bereits vier Kinder hatte. Später waren es dann sechs. Die Reaktionen waren oft so aversiv, dass ich es mir abgewöhnte, in der Uni über meine Kinder zu sprechen; es gefährdete ernsthaft meinen Prüfungserfolg. Es gab immer wieder Frauen, die Karriere gemacht hatten, dafür ihren Kinderwunsch zurückgestellt hatten, aber damit im Nachhinein darüber traurig waren. Unter den Frauen gab es auf „6 Kinder“ tatsächlich überwiegend zwei Reaktionen: Entweder meinten sie, das wäre unheimlich toll und bewundernswert, oder sie reagierten mit Eifersucht. Auf eine „mittlere Reaktion“, ein neutrales Registrieren der Information gab es selten.

Mein Studium hat meine Kinder belastet. Sie wurden oft als Letzte aus dem Kindergarten abgeholt und werfen mir das immernoch vor. Wieder wird hier die Mutter in die größere Verantwortung genommen. Doch ich freue mich, dass ich die Chance hatte. Leicht war es allerdings nicht, denn Phase zwei meiner Mutterschaft illustriert auch die von MartinTextor als zweites Rollenbild dargestellte Systematik. (Das erste Rollenbild war das Konservative.) Textor schreibt: „Dieses Idealbild [der Karrieremutter]wird ebenfalls von Medien und feministischen Gruppierungen verbreitet: Frauen sollen – und könnten – attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Und zwar gleichzeitig. Als “Beziehungsexpertinnen” sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung zu kurz kommt. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Das Bild der glücklichen Supermutter ist genauso utopisch wie das Bild der glücklichen konservativen Mutter. Denn wo die eine einsam, ohne Anerkennung und Freiheit, und intellektuell unterfordert bleibt, lebt die andere in Dauerstress und Überlastung. Wenn wir das als Freiheit definieren, dann ist das Kopftuch auch eine Definition von Freiheit.

Ich glaube aber, heute versuchen Mütter und Väter das in Deutschland irgendwie anders zu wuppen. Im progressiven Deutschland – nicht dem, der AfDler oder Reichsbürger, die uns die erste Lüge verkaufen wollen – geht irgendwie alles, Mutter mit Karriere, Väter ohne Mütter, Frauen ohne Kinder, Mütter ohne Väter…. Man hat die Qual der Wahl, aber immerhin gibt es eine! Es hat etwas Erfrischendes, in dieser Zeit zu leben. Als ich meine ersten Kinder bekam, war es kaum denkbar, dass Väter ihre Babys in Babybjörns tragen, heute sehe ich es überall. Die Väter sind die neuen Mütter.

Zum Muttertag gehören auch dunkle Seiten.

Mein bester Freund und engster Vertrauter ist aus Syrien. Wir sprechen oft über Frauenrollen und Mütter. Ich fragte ihn: „Feiert man bei euch auch Muttertag?“ Er antwortete, dass man früher immer gefeiert hätte, doch heute feiert man ihn nicht mehr, weil so viele Kinder keine Mutter mehr haben, und vielleicht mehr noch, weil so viele Mütter keine Kinder mehr haben. Die syrischen Mütter, deren Kinder noch am Leben sind, wollen den Muttertag nicht mehr feiern, denn er ist für die anderen Mütter ein Trauertag. Mütter sind mit anderen Müttern solidarisch, sie leiden mit ihnen und wissen, dass es nichts Schlimmeres gibt, als das eigene Kind an Krieg oder Krankheit oder durch einen Unfall zu verlieren. Kein Bild scheint mir schlimmer als das der Mutter, die ihr Kind leiden sieht, wie das christliche Bild der Maria, Mutter von Jesus, die zusieht, wie ihr Sohn ans Kreuz genagelt wird.

In diesen Tagen fällt es mir schwer, mich von der folgenden Geschichte zu lösen. Sie verfolgt mich gewissermaßen seit Tagen. „Verfolgt“, weil es keine schöne Geschichte ist, sondern weil sie den ganzen Schmerz symbolisiert, den es beinhaltet, Mutter zu sein.

Auf Grund der schrecklichen Nazi Aufmärsche am 1.Mai dieses Jahres in Plauen und anderen Städten erreichte mich vor ein paar Tagen ein Video von Überlebenden des Holocausts. Die Sprecher erzählten über ihre Erlebnisse in der Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Einer der Sprecher erzählte, dass er eines Tages draußen auf dem Platz einen Galgen sah. Er war dort aufgebaut worden. Vor diesem Galgen stand ein Junge, der hingerichtet werden sollte. Kurz vor seiner Hinrichtung murmelte er ein Wort, das in fast allen Sprachen gleich ist. Er sprach es ganz leise, und doch haben es alle Anwesenden gehört: „Mama“.

Das Kind sprach nicht dieses Wort, weil seine Mutter eine biologische oder gesellschaftliche Funktion erfüllt hat. Was ist das, „Mama“ – was ist eine Mutter? Ist es die Summe aus wickeln, füttern, nachts am Bett sitzen, bei den Hausaufgaben helfen, Frühstück ans Bett bringen, Geschichten vorlesen, beim Bafögantrag helfen, die Studentenwohnung finanzieren, Wäsche waschen, schimpfen, lachen, weinen? Die Summe aus all dem? Offensichtlich nicht. Mutter zu sein bedeutet etwas, das sich der Beschreibung entzieht. Man kann es nicht in Worte fassen. Mutter sein ist keine Rolle, es ist ein Wesenszustand. Ja, eine Mutter ist eine Frau, wir bestehen heute darauf, und sagen, wir möchten nicht auf die Mutterrolle reduziert sein. Aber das ist nur die gesellschaftliche Ebene. Auf einer anderen Ebene sind wir Mütter. Es ist unser Wesen, unsere Identität. Wir haben keine Wahl, sie anzunehmen oder zu lassen. Mit der Geburt unseres Kindes werden wir etwas Anderes, ob wir diesem gerecht werden oder nicht, und wie auch immer wir das gestalten wollen oder können. Die Mutterschaft, wie auch die Vaterschaft, ist ein schützenswerter Aspekt der Gesellschaftsgestaltung, um unseren Kindern die Erfüllung aller lebenserhaltenden, also auch emotionalen, Bedürfnisse zu sichern. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft mit vielen Müttern eine andere ist, als eine Gesellschaft, die sich ausschließlich am eigenen Vorankommen orientiert. Heute ist ein guter Tag, dies zu bedenken.

„Allah, wir Mütter danken Dir für unsere Kinder. Wir Menschen alle danken Dir für alle Kinder. Wir danken Dir für die vielen Momente der Freude, die wir mit ihnen erleben dürfen und wir bitten, dass wir gute Mütter, Eltern, sind. Wir bitten dich, Allah, behüte unsere Kinder vor dem Bösen der Welt. Wir bitten, dass sie immer satt sind und warm; dass sie ein Heim haben, in dem sie in Frieden leben können, ohne zu frieren, dass sie nachts sorgenfrei schlafen und sich am Tag der Sonne und des Lebens erfreuen können und dass sie als Kinder und als Erwachsene geliebt werden.

Wir danken für unsere Eltern, am heutigen Tag besonders für unsere Mütter, und für die, die uns zusätzlich, oder an ihrer Stelle, wie Mütter waren und sind. Behüte uns Allah, und vergib uns, denn du bist der Allvergebende, Barmherzige. Zu Dir allein wenden wir uns und dich allein bitten wir um Hilfe.“

Hochzeit bild von Beatriz Pérez Moya

Mohamed und Khadija

Mohamed und Khadija

 

Beatriz Pérez Moya

Wir Muslime haben sicher alle die eine oder andere Lieblingsgeschichte aus dem Koran oder den anderen Überlieferungen. Die Geschichte von Moses vielleicht, wie er in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil trieb und gerettet wurde. Oder die Geschichte von Abraham, wie er Gott wieder und wieder bat, die Stadt Sodom zu verschonen, weil dort Lot mit seiner Familie wohnte. Oder die Geschichte der Khadija, die eine reiche und kluge Kauffrau war und bereits zweimal verwitwet, als sie den 25 jährigen Mohamed kennenlernte. Sollte ich mal einen muslimischen Namen annehmen, so wird es Khadija sein. Von Anfang an habe ich mich in sie verliebt und ihre wunderbare Liebe zum Propheten Mohamed geschätzt. Ich freue mich darauf, sie inscha’allah im Paradies kennenzulernen und sie um ihre Freundschaft zu bitten. Khadija war die erste Frau Mohameds, und so geht es heute um das Thema Ehe. Für alle, die damit nichts anfangen können, geht es um Partnerschaft und um jede Freundschaft mit einem Menschen, an dem uns besonders viel liegt.

Als die wohlhabende Kauffrau Khadija eines Tages eine Handelskarawane nach Damaskus schicken wollte, suchte sie für deren Führung einen besonders vertrauenswürdigen Mann. Sie hörte von einem jungen Mann namens Mohamed, der sich durch seine Aufrichtigkeit und Freundlichkeit einen edlen Namen gemacht hatte, und bot ihm die Führung der Karawane unter Begleitung des Sklaven Maisara an. Mohamed nahm Khadijas Angebot an und machte sich bald darauf mit Maisara auf den Weg.

Als sie in Busra im Süden Syriens ankamen, ließ Mohamed sich im Schatten eines Baumes in der Nähe eines Klosters nieder, das einem Mönch namens Nestor gehörte. Es ist überliefert, dass dieser Mönch den Sklaven Maisara fragte: „Wer ist dieser Mann unter diesem Baum?“, und Maisara antwortete: „Er gehört zum Stamm Quraisch zu den Leuten der Kaaba“. Da sagte der Mönch: „Unter diesem Baum haben bisher nur Propheten gesessen“ (siehe Ibn Kathir und auch Hischam/ zitiert aus: Muhammad, Jotiar Bamarni, Schreibfeder Verlag 2010).

Auf dem Markt muss Mohamed seine Waren besonders passend für die jeweiligen Käufer ausgewählt haben, sicher hatte er einen besonders guten Geschmack; so merkte Maisara bald, dass Mohamed sich von anderen Händlern in vielerlei Hinsicht unterschied. Natürlich beschäftigten ihn auch die Worte des Mönchen Nestor. Als Maisara nach der langen Reise zu Khadija zurückkam, erzählte er neben den Worten Nestors noch von einer anderen Beobachtung: „Du hast mich mit ihm geschickt, damit ich ihm diene. Dabei hat er mir gedient. Wenn ich krank war, pflegte er mich, wenn ich traurig war, tröstete er mich!“ – so sprach Maisara. Und die Überlieferung erzählt auch, dass immer wenn Mohamed in der stechenden Sonne saß, zwei Engel kamen, um ihm Schatten zu spenden. Auch dies ist Teil von Maisaras Bericht.

Als nun Mohamed zu Khadija zurückkam mag diese von seinem Verhandlungsgeschick beeindruckt gewesen sein, doch darin hat sie sich nicht verliebt, denke ich. Denn als unabhängige Frau konnte sie sich erlauben, sich aus anderen Gründen zu verlieben. Vielleicht liebte sie seine freundlichen Augen, sein Lächeln, oder das ehrliche Gesicht, mit dem er ihr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Auch Mohamed verliebte sich in sie.

Khadija sagte zu ihm: „Ich schätze dich wegen deiner Beliebtheit in deiner Familie, wegen der Schönheit deines Charakters und deiner Ehrlichkeit“. Dann bot sie ihm die Ehe an; und wieder stimmte Mohamed einem Angebot Khadijas zu. Mohamed schenkte Khadija 20 Kamele als Brautgabe. Bei seiner Hochzeit war er 25 Jahre alt, Khadija war 40 Jahre alt.

Ihr erstes gemeinsames Kind war Qasim, der jedoch nach seinem zweiten Lebensjahr starb. Daher wird Mohamed auch manchmal Abu Qasim genannt. Danach folgten vier Töchter: Zeinab, Ruqqaya, Umm Kulthum und Fahtma. Der letzte Sohn Abdullah starb ebenfalls noch als Kind. Mohamed und Khadija hatten einen großen Haushalt zu versorgen. Neben den Beiden und ihren Kindern lebten dort mit ihnen Baraka, die inzwischen befreite Dienerin seiner Mutter und Zaid, ein Sklavenjunge, den Mohamed frei gelassen hatte, und der auf eigenen Wunsch von Mohamed adoptiert worden war, sowie auch Ali Ibn Abu Talib; denn Abu Talib hatte Schwierigkeiten, seine große Familie zu ernähren und ging daher auf Mohameds Vorschlag ein seine Söhne Ali und Abbas in andere Haushalte ziehen zu lassen. Ali ging zu Mohamed.

Es wird bis heute als gesichertes Wissen angesehen, dass der Prophet Mohamed niemanden so liebte, wie Khadija. Aisha sagte mehr als einmal, wie eifersüchtig sie auf Khadija sei, obwohl er auch sie sehr liebte, weil der Prophet noch lange nach Khadijas Tod immer wieder vor allen Menschen ihrer liebevoll gedachte. Niemals durfte jemand die leiseste Kritik an ihr äußern, sagt uns Aisha. Er war ihr sein ganzes Leben lang in Dankbarkeit und Liebe verbunden.

Als der Prophet die erste Offenbarung hatte, kam er zitternd und verwirrt zu seiner Frau Khadija, die ihn in ein Tuch wickelte und ihm gut zusprach. Sie glaubte ihm alles, was er sagte, egal, wie seltsam es sich anhörte, und wurde die erste Gläubige Muslimin.

Sunna, ihr lieben Schwestern und Brüder, heißt nicht, die Arme beim Gebet so oder so zu verschränken. Sunna heißt, diese Ehe als Vorbild zu nehmen für die eigene Ehe oder Partnerschaft und den Partner so lieb und teuer zu schätzen wie es Mohamed mit Khadija getan hat und umgekehrt. Im Koran Sure Al Rum 20 Vers 21 lesen wir: „Und unter Seinen Wundern ist dies: Er erschaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art auf dass ihr ihnen zuneigen möget, und Er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch hervor: hierin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken!“

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِّتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِّقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

And of His signs is that He created for you from yourselves mates that you may find tranquillity in them; and He placed between you affection and mercy. Indeed in that are signs for a people who give thought.

وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً

Geborgenheit, Zuneigung oder Liebe, Vergebung oder Gnade.

Das passt nun gar nicht zu dem vielzitierten Gewaltvers, in dem angeblich steht, dass ein Ehemann seine Frau unter bestimmten Bedingungen schlagen darf. Was machen wir mit diesem Vers, den ich an dieser Stelle nicht zitieren werde und den Nichtmuslime besser zu kennen scheinen als Muslime? Arabisch muttersprachliche Muslime sagen mir über den „Gewaltvers“ immer wieder, sie verstehen diesen Vers nicht – die Wörter sind ganz und gar uneindeutig. So lassen wir ihn also beiseite, denn vielleicht erklärt er sich erst nach unserer Zeit und bedeutet etwas ganz anderes als wir heute vermuten. Uns reicht doch das, was wir gelesen und verstanden haben. Wir wissen aus dem Koran und aus zahllosen Hadithen, dass Mohamed ein Prophet der Liebe und Vergebung ist, und dass Allah für unsere Beziehungen sagt: wa jala beinakum Mauwade wa Rahme.

Mohamed und Khadija gingen auf eine Lebensreise. Doch Khadijas Reise endete vor Mohameds und so hatte er ein zweites Leben. Er, der mit Khadija monogam gelebt hatte, heiratete nun viele Frauen gleichzeitig und wurde zum gesellschaftlichen Führer. Seine Liebe zu Khadija blieb ungebrochen.

Zeit für Bittgebete

Hier in der Moschee schließen wir viele Ehen. Es kommen vor allem Menschen, die in anderen Moscheen nicht heiraten dürfen oder möchten. Manch einem sind die anderen Moscheen schlicht zu konservativ. Andere werden dort gar nicht erst verheiratet, weil der Mann nicht Muslim ist, oder weil es sich um gleichgeschlechtliche Liebe handelt. Wer hier heiratet kommt auch schonmal aus den USA angereist, aus Österreich oder aus Hannover.

Als ich meinen muslimischen Mann heiratete, bin ich, so glaube ich, auch zum Islam konvertiert. Sicher bin ich mir da nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich damals während der Eheschließung sagte. Ich sprach kein Wort Arabisch und wiederholte einfach das verbale Rauschen, das mir der Scheich vorsprach, und es war mir vollkommen egal, welche Bedeutung es hatte. Geheiratet habe ich mit meinem Herzen, nicht mit meinen Worten.

Doch so ganz richtig ist das nicht, und nicht jedem ist es so egal, wie es mir damals war, was er oder sie da sagt. Eheleute möchten nicht einfach ihre Religion verleumden, und so tun als wären sie Muslime, während sie eigentlich Christen sind, Juden, Atheisten, oder anderes. Es ist ein Akt der Lüge zur Eheschließung in einer Moschee. Wir verzichten hier in dieser Moschee auf diese Lüge und verheiraten diejenigen Menschen, die sich lieben, bzw. die heiraten möchten. Das allein zählt, wenn sich zwei Menschen entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Gerade der oben zitierte Vers gibt uns hier Argumentationshilfe, denn Partnerwesen, auf Arabisch Zauwajan, ist weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Ein Partnerwesen kann jeder andere Mensch sein. Viel wichtiger ist es, wie man den gemeinsamen Weg gestaltet.

Mohamed und Khadija haben sich vereinigt, doch blieb Khadija weiterhin Kauffrau und konnte ihren Mann immer wieder als eigenständige Frau beeindrucken. Und Mohamed empfing immer wieder Offenbarungen, die ihn als einzigartigen Menschen auszeichneten. So banden sich die Beiden aneinander und lebten dennoch in Freiheit.

Der Dichter Rumi schreibt: „Binde zwei Vögel zusammen – sie haben nun vier Flügel, aber keiner von ihnen kann fliegen“. Der so genannte Bund der Ehe bedeutet Gemeinsamkeit, aber nicht unter Aufgabe der Freiheit. Die Freiheit bleibt unser Grundrecht außerhalb jeder Beziehung und innerhalb jeder Beziehung. Freiheit braucht Vertrauen; und Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dem anderen und sich selbst gegenüber. Möglicherweise ist dies der schwierigste Aspekt einer Partnerschaft.

Khalil Gibran schreibt

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen

sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer

Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von

euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben

Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der

anderen.

All dies bedeutet, dass wir unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben

sollten, denn in dieser Einzigartigkeit wurden wir geschaffen, und

in diese Einzigartigkeit hat sich unser Partner verliebt.

In ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ schreibt Bronnie Ware gleich bei Grund 1: Ein großer Anteil der Sterbenden, die sie begleitete sagten Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Unter den Frauen, die dies sagten waren besonders viele, die mit der Eheschließung auch ihre eigenen Bedürfnisse hinter Schloss und Riegel ablegten stattdessen die Bedürfnisse ihres Ehemannes zu den Eigenen machten. Sie bereuten es am Lebensende bitterlich, denn sie hatten ihre Gott-gegebenen oder natürlichen Rechte und Quellen der Freude unnötig aufgegeben. Sie sehnten sich nach Verwirklichung ihrer Selbst, für die es nun zu spät war.

Zugleich ist die Partnerschaft aber durchaus auch der Weg vom Ich zum Du.

Der Dichter Nizar Qabbani schreibt:

„Ich werfe meinen Passport ins Meer, und nenne Dich mein Land.

Ich werfe meine Wörterbücher ins Feuer, und nenne dich meine Sprache.“

Beide Aspekte – die Wahrung der Freiheit auf der einen Seite und die vollkommene Vereinigung auf der anderen – finden sich in einer gelungenen Partnerschaft. Zu meinen, nun wäre dann wohl alles geregelt und jede Partnerschaft müsse super funktionieren, hat mit „Mensch sein“ allerdings wenig zu tun. Dort, wo es mal hapert und man nicht weiterkommt mit all seiner Zuneigung und Vergebung, wo es gerade nur noch bergab und rückwärts läuft, kann man zum Beispiel hier in der Moschee um Seelsorge bitten. Diesen Schritt sollte man sich nicht zu lange überlegen. Es lohnt sich, mit anderen zu sprechen, die diesbezüglich ein wenig Bildung genossen haben oder die einen an Stellen weiter verweisen können, an denen wirklich Unterstützung stattfindet.

Mohamed und Khadija sind ein Beispiel für eine Beziehung, in der Freiheit und Gemeinsamkeit eine gute Balance hatten. Ich wünsche uns allen in dieser Woche glückliche Erfahrungen mit den Menschen, die uns begleiten.