Miteinander

Haiiimam

Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

 

Haiiimam
Haiiimam

    Koran ist voll von dem, was das Leben an sich angeht und das in vielfacher Form. Er spricht alle Lebensumstände der Pflanzen- und Tierwelt an, alle Begleitformen, alles, was erst das Leben auf Erden ermöglicht.

    Wir erfahren vom Werden und Vergehen alles Lebens und selbst vom Verändern der Erde. Gott weist an vielen Stellen im Koran daraufhin. Ja, Gott beschäftigt sich auch intensiv mit dem Menschen und zeigt ihm, wie er sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen hat. Alle Gebiete der Wissenschaften legt er ihnen dar, damit sie sie erforschen können. Und Er lässt unter anderem anklingen, was erst heute so nach und nach begriffen wird, wie z.B. die Expansion des Universums.

   Der Koran ist zu den Menschen gesandt worden und nicht nur der Koran, sondern das Alte Testament und viele andere Schriften, von denen wir kaum oder gar nichts wissen, weil die Verschriftlichung noch gar nicht so alt ist. Die frühesten schriftlichen Mitteilungen über Gott oder das, was als religiös eingestuft werden kann, stammen aus den sumerischen Gebieten, aus dem alten Ägypten oder aus dem indischen Raum.

   Aber Gott war nicht erst in dieser Zeit für die Menschen da. Funde von kleinen Skulpturen oder Höhlenmalereien aus der Steinzeit deuten auf eine frühe spirituelle Gedankenwelt mit Jenseitsvorstellungen hin, die durch kultische Rituale oder durch besonders veranlagte Menschen charakterisiert sind.  Die damaligen Menschen beobachteten sicher ihre Umwelt, ordneten vielleicht alles was sie sahen in ‚bekannt und nicht gefährlich‘ oder ‚unbekannt, nicht begreifbar, darum gefährlich‘ ein.

     Der Mensch merkt schon früh, dass er nicht alles erklären kann. Vor diesen Blitzen und Donner muss man sich in Acht nehmen, sie sind unerklärlich und deshalb muss man sich gutstellen mit ihnen.

      Und noch etwas muss ihnen aufgefallen sein, nämlich das sterbliche Sein. Wie sind sie damit umgegangen? Vielleicht verglichen sie die absterbenden Pflanzen und ihr Wiedererwachen mit ihrem eigenen Tod und dachten, dass sie irgendwo wiedererwachen, neu geboren werden. Aus dem Grund haben vielleicht die Neandertaler ihre Toten in Gräber gelegt und so in gewisser Weise das Jenseits entdeckt. Sie begannen Dinge, die sie nicht verstehen konnten, begreiflich zu machen durch Höhlenmalereien und Schnitzereien. Durch einfache rituelle Handlungen sollte etwas Überirdisches, nicht Erklärbares, nicht Sichtbares freundlich gesinnt gemacht werden. Sie bedankten sich in einer bestimmten Form, die wir heute nur erahnen können.

    Das Feuer konnte vernichten, aber es spendete auch Wärme und Sicherheit vor wilden Tieren. Und es gab ihnen in der Dunkelheit Licht. Es war für sie allmächtig. Also begannen sie es zu verehren, wie genau, das wissen wir nicht.

     Die ersten Allmächtigen oder Gottheiten waren wahrscheinlich natürliche Dinge wie die Sonne, der Mond, Wind, die Natur. Solche Dinge, Gegenstände oder Erscheinungen erachtete man als heilig. Es war kein großer Sprung, z. B. die Erneuerung der Natur, das Wachsen von Früchten einer nicht sichtbaren Person, einem Gott zuzuordnen oder einer Göttin, da manches eine Ähnlichkeit mit einer Geburt eines neuen Erdenbürgers hat.

     Aber auch wenn sie kaum etwas verstanden haben, Gott ließ sie nicht allein. Von Anfang an war Er ihr Begleiter, auch wenn sie noch nichts von ihm wussten. Im Vers 36 der Sure 16 klingt es an: „In jedem Volk erweckten Wir einen Gesandten…“Er war wahrscheinlich ein spirituell empfindsamer Mensch, der seine Gruppe anführte.

     Es entstand also die Rolle eines Vermittlers, der zwischen den Menschen und dem Angebeteten vermittelte, und der erste Vermittler war Adam selbst.

       Die früheren Menschen entwickelten verschiedene Rituale, um Gott in seinen spezifischen Eigenschaften anzubeten, als Wettergott, als Fruchtbarkeitsgöttin und sicher noch in vielen anderen Funktionen. Diese uralten Riten dienten höchstwahrscheinlich dazu, das Angstmachende, Geheimnisvolle für sie zugänglich zu machen, um diese Angst vor diesem Unbekannten zu verringern. Mit der Zeit gab die immer gleichbleibende Durchführung diesen Menschen eine gewisse Sicherheit. Aber immer war es eine uns heute durch das Alte und Neue Testament und den Koran bekannte Eigenschaft des Einen Gottes. Und egal, wo und wie die Menschen um eine gute Ernte, um gutes Wetter, bei Krankheit um Gesundheit, um eine gute Reise usw.  baten. Immer war es Gott, Allah oder wie Er in anderen Muttersprachen heute heißt, zu dem sie sich gewendet haben. Beim Anbeten des Feuers war es an-Nur, Gottes Eigenschaft als Licht, Wärme, Schutz.

    Es begann wahrscheinlich die Zeit einer spirituellen Religiosität mit Jenseitsvorstellungen, erste Mythen entstanden, vielleicht auch schon eine erste gottähnliche Vorstellung eines Bewahrers oder Beschützers der Tiere und Menschen, erste Vorstellungen einer Beschützerin der Fruchtbarkeit, eines Bewahrers des Feuers. Kultische Rituale entstanden. Wenn wir sie aber heute näher betrachten, dann sind es immer Eigenschaften des Einen Gottes, des Erschaffers, des Schöpfers, des Bewahrers, die hier angebetet werden.

     Ihr fragt euch, warum ich das erzähle? Also meine Meinung: Die Juden, Christen und auch die Muslime betrachten Gott als ihren Gott. Alles, was vorher war, das war Vielgötterei in ihren Augen. Und das muss falsch sein. Nein, ich meine, dieses Denken ist falsch. Das Gottesbewusstsein musste sich, so wie der Mensch sich erst entwickeln musste, ebenfalls erst entfalten. Selbst heute ist das noch so, meiner Meinung nach.

     Von Anfang an, als die Menschen zu denken begannen und ihre Umwelt wahrnahmen, war Gott an ihrer Seite. Auch als sie das Feuer zu nutzen begannen, war Er in ihrer Nähe. Ich denke, vielleicht sahen sie im Feuer eine Gestalt, die sie in ihrer Sprache Gott nannten, um fortan ihn zu preisen und zu danken. Und als sie die ersten Körner selbst aussäten, betrachteten sie Gott als jemand, der für die Fruchtbarkeit verantwortlich war, den man gut stimmen muss, um gute Ernten zu bekommen. Fortan ehrten sie ihn mit besonderen Ritualen. Aber wenn ich so bedenke: Es ist doch nichts anderes, als wenn ich das Lichtspiel einer Kerze bewundere und dabei an Gottes Attribut, an Gott als An-Nur denke. Nur, dass ich heute viel mehr weiß. Was ist da der Unterschied? Doch nur dachten die einen mit Furcht an den Feuergott und ich an Gottes Licht mit seiner Wärme und Liebe.

    Die Menschen konnten Gott immer nur nach ihrem jeweiligen Wissensstand betrachten, sahen ihn vielleicht als einen Baum, eine Pflanze oder Tier in einem seiner Attribute verkörpert. Und sie stellten sich ein Leben nach ihrem Tod in Gottes Welt vor.

    Im Gilgamesch, vor rund 4000 Jahren auf Tontafeln in der ersten Schrift, der Keilschrift aufgeschrieben, ist Gott für die damaligen Menschen derjenige, der das viele Wasser brachte, um die Erde zu reinigen und einen Neubeginn der Menschheit zu ermöglichen.

    Die alten Ägypter unter Echnaton sahen Gott als alleinigen Gott in Verkörperung der Sonne, die alles Leben erst ermöglichte und tagtäglich neu geboren wurde. Sie verehrten ihn als das Licht und den Neubeginn des Lebens. Die Griechen und später die Römer und Germanen gaben ihm Namen, z. B. Gott des Donners und der Blitze, des Wassers, also unter anderem zuständig für Naturgewalten, als Schöpfer, Gestalter, Bewahrer, Allmächtiger, als Vergebender und Wiedererweckender. Sie alle hatten Gott ihr Leben anvertraut und verehrten ihn. Hat sich da viel zu heute verändert? Gott war also schon immer anwesend, aber immer im Stand des Begreifens. 

     Das Religiös-Rituelle nimmt mit der Zeit eine neue Stellung ein, Kultplätze und deren Hüter entstehen. Das Rituelle wird professionell, aber immer noch fest mit dem alltäglichen Leben verankert. Es ist Teil ihres Lebens.

     Beim Schöpfungsakt des Menschen gab Gott Adam Namen ein. In der Sure Al-Baqara Vers 31 bis 33 heißt es: „Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor den Engeln und sagte: ‚Nennt mir diese Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!‘ Sie sprachen: ‚Gepriesen bist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast, wahrlich, Du bist der Allwissende, der Allweise.‘ Und Er sprach: ‚O Adam, nenne ihnen ihre Namen!‘“ Für mich muss Gott Adam und damit der ganzen Menschheit ja nicht alle Namen mit einem Mal gegeben haben, sondern nach und nach, immer seinem Wissensstand entsprechend, wie z.B. die Namen des Getreides und seine Verarbeitung, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden. Und Gott gibt uns als Stellvertreter für Adam bis heute neue Namen bekannt.

       Der Freiburger Neurobiologe Robert-Benjamin Illing ist überzeugt: Im Prinzip benötigte der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte die Religion: „Er braucht etwas, weil er mit dem Transzendenten, dem Übersinnlichen konfrontiert ist, mit großen Fragen, die ganz real sind, die aber keine offensichtlichen Antworten finden, und da muss er jetzt aktiv werden und das ist Religion im weitesten Sinne.“

     Wir unterscheiden zwischen Religiosität und Religionen. Das erste bezieht sich auf das subjektive Empfinden, eine tiefe Ehrfurcht vor einer Ordnung. Im Laufe der Entwicklung des Menschen erlangt er die Fähigkeit, sich der Vorstellung von einer Wirklichkeit im Jenseits bzw. des Transzendenten zuwenden zu können.  

     Wikipedia sagt zum Begriff Religion: Religion ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen, die Wertvorstellungen normativ beeinflussen und deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente Kräfte und damit verbundene heilige Objekte ist.

    Und deshalb denke ich, egal, was die Menschen unterschiedlicher Religionen heute anbeten, es ist immer ein Teil von Gott, eine seiner Eigenschaften. Wir Muslime kennen nur 99 Namen Seiner Eigenschaften. Aber vielleicht sind es viel mehr, die sich in anderen Religionen wiederfinden? Gott betont ja, dass er der Alleinige Gott ist. Neben Ihm gibt es keinen, nichts. Wie können da noch andere existieren? Ich denke, Gott ist für alle Menschen da, egal, wie die Religion heißt, zu der sie sich hin fühlen. Die Menschen nach Adam haben viele Wege beschritten, viele Bräuche und Rituale angenommen und Religionen daraus geformt. Aber eines Tages werden wir wieder zusammengeführt. So steht es im Koran. In Sure Al-Anbiya (Die Propheten), Vers 93 heißt es: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit. Sie alle aber werden einst zu Uns zurückkehren.“ Oder in Sure Al-Hudschurat (Die inneren Gemächer), Vers 49 steht. „O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ Gott spricht ganz allgemein von Menschen. Er allein hat sie alle erschaffen.

       Aus dem Koran wissen wir, dass Abraham die Einzigartigkeit Gottes als Erster erkennt. Es war einfach die Zeit gekommen, in der die Menschen Gott als Einzigkeit, als der Eine mit all seinen Eigenschaften erkennen sollten.

     Erstmals sah Moses Gott als einen brennenden Dornbusch, als ‚Feuer, das brennt, aber nicht verbrennt‘ und Gott offenbarte ihm seinen Namen JHWH. Gott sprach zu Moses: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“

    Später kam die christliche und unsere Religion dazu. Wir nennen ihn ‚Gott‘ und ‚Allah‘. Und Er gab uns Bücher, um Ihn besser zu verstehen und als Richtschnur für unser Handeln.

      ‚Ishvara‘, eine Kombination der Sanskrit-Wörter ish und vara, bedeutet im Deutschen etwa: „Herr mit den besten Eigenschaften“ und  ist im Hinduismus eine Bezeichnung für den jeweils höchsten, persönlichen Gott, unabhängig von einer bestimmten Glaubensrichtung. Der Hinduismus beruht auf der Vorstellung der permanenten Wiedergeburt sowie dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Spätere indische Philosophen, Denker und Heilige verstehen unter ‚Ishvara‘ einen ewigen, einzigartigen, allmächtigen und allwissenden Herrn der Welt. Sie gehen davon aus, dass er die Welt erschaffen und zweckmäßig geordnet habe, sie ebenso erhält wie auch zerstört, dass er die natürlichen und sittlichen Gesetze der Welt ins Dasein gerufen und durch Offenbarungen verkündet habe. – Kommt uns das nicht bekannt vor? Gott ist eins, auch wenn er von Menschen in verschiedenen Religionen und verschiedenen Gestalten angesprochen wird.

    Gott lebt in einer anderen Dimension, bei Ihm spielt Zeit und Ort keine Rolle und ist für Menschen unerklärbar. Da der Mensch aber einzigartig ist, kann das nur aufgrund Gottes Wirken hinzielen. Er erhob ihn auf dem Tierreich empor, gab ihm immer wieder einen Stoß zur Weiterentwicklung und ein freies Denken.

      Ein Gedanke drängt sich auf: So wie sich die Menschen den Lebensbedingungen ihrer ganz unterschiedlichen Umgebung angepasst und unterschiedliche Kulturen hervorgebracht haben, so hat sich das Bild von dem einen Gott ebenfalls sehr unterschiedlich herausgebildet und auch mit der Zeit gewandelt.  Aber egal wie ihre Offenbarungen des Glaubens erfolgte, sie beinhaltete sicher die gleichen oder zumindest ähnliche Grundsätze des Zusammenlebens, Grundsätze der Ethik und Moral. Jede Menschengruppe oder Gesellschaft hat ihre eigene Vorstellung von dem einen Schöpfer und Gestalter, so wie wir Muslime, Christen und Juden unsere Vorstellung von Gott haben. So wie wir Gott sehen oder an ihn denken, begreifen wir ihn als eine Einheit mitsamt allen Eigenschaften und auch in einer Einzeleigenschaft z. B. als Beschützer, als Barmherziger, als Licht für uns. Die frühen oder auch viele jetzige Völker beten Gott vielleicht nicht in seiner Gesamtheit an, sondern nur in einer seiner Eigenschaften.

    Die Menschheit kann nur von einem Gott geschaffen worden sein, sonst würde ein heilloses Durcheinander herrschen. Jede Menschengruppierung stellt sich Ihn in ihrer Gedankenwelt sehr differenziert, aber immer im Rahmen seiner verschiedenen Eigenschaften vor.  

        Mir ist es eigentlich egal, welchen Namen ich Gott gebe. Ich versuche einfach Gott für mich begreifbar und fassbar zu machen und damit sein Wirken auf mich und meine Umwelt zu ergründen und als seine Stellvertreterin auf unserer Erde zu wirken.

            Manaar

 

Mohamed Nohassi

Freiheit und Ehre

Freiheit und Ehre

 

Mohamed Nohassi
Mohamed Nohassi

Asalamu alaikum wa rahumatullah wa barakatuhu. Liebe Gemeinde, liebe Gäste, seid alle herzlich gegrüßt zum heutigen Freitagsgebet. Im Anschluss an die Khutba und das Gebet wird es einen Vortrag von Tamara geben, anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Hatun Sürücü, die einem so genannten Ehrenmord zum Opfer fiel, bzw. einem durch und durch unehrenhaften Komplott ihrer Familie. Tamara kannte Hatun, denn sie war eine Freundin ihrer Schwester.

Zunächst gibt es jedoch wie immer die Khutba und das Gebet.

Noch einmal, seid alle herzlich willkommen in der Ibn Rushd-Goethe Moschee. Unser Boden ist ein Teppich; doch zugleich ist er ein Acker, den es zu bearbeiten gilt. Der Nährboden auf dem wir hier sitzen, stehen, uns niederwerfen, birgt die Saat für Frieden und Liebe, Vergebung und Zuversicht.

Meine Khutba heißt nach einem Satz, den ich vor kurzem irgendwo hörte: Unsere Freiheit ist unsere Ehre

Sie beginnt recht persönlich, bleibt es aber nicht, und sie verweist an einer Stelle auf das Märchen vom Froschkönig, das ihr hoffentlich kennt.

Auch ich bin eine Frau. Und damit möchte ich beginnen. Mit meiner recht alltäglichen, weiblichen Erfahrung.

Über Jahre war ich in einer Beziehung gefangen. Tagein, Tagaus, später im Stunden- letztlich im Minutentakt spürte ich die überaus warme Liebe meines Partners abwechseln mit seinem ebenso überaus vollkommenen Rückzug aus der Beziehung. Er strafte mich mit Nichtachtung, um mich dann, wieder so zu lieben, wie kein anderer. Unsere emotionale Nähe war unbeschreiblich, und die Erfüllung im Beisammensein ließ mich die Welt vergessen.

Dann wieder der Rückzug, das Verlassen, ein auf eine psychische Störung hindeutendes Verhalten, das ich lange brauchte, einzuordnen und noch länger, hinter mir zu lassen. Jahre um Jahre dachte ich, das Problem läge allein bei mir. Mich darauszuwinden brauchte viele Anläufe.

Eines Tages hüllte sich mal wieder alles um mich herum in ein undurchdringliches Dunkel, und mein Körper schmerzte, ob der Schweigsamkeit. – Doch plötzlich änderte sich etwas. Kein Mensch der Welt, so kam es mir in den Sinn, habe das Recht, mir so etwas anzutun. Ich besann mich plötzlich mehr denn je zuvor auf meine Verantwortung für mich selbst und nahm den Mut zusammen, der von außen so lächerlich klein zu sein scheint, doch für mich war er riesig.

Bei einem nächtlichen Spaziergang unter dem klaren Sternenhimmel eines kalten Januartages, entschloss ich mich, den Frosch an die Wand zu werfen.

Ich wusste, dies würde eine von zwei Folgen haben. Entweder der Frosch starb (starb also gewissermaßen für mich), oder der Frosch würde erlöst, denn möglicherweise war ja ich diejenige, die ihn in seinem unwürdigen Zustand gehalten hatte!

Die Erlösung hätte ebenso zwei mögliche Folgen. Entweder würde er als erlöster Prinz fröhlich auf seinem Pferd von dannen reiten, hin zu seiner neu auserwählten Prinzessin, oder er würde mich zu seiner Prinzessin machen. Breitbeinig, die Füße fest im Boden verankert, stand ich unter dem Firmament der Rummelsburger Bucht, den Frosch in der Hand – und warf.

Natürlich nur in Gedanken; die Frösche hielten glücklicherweise Winterschlaf. Konkret bedeutete dies einen freiwilligen inneren Abschied von einem Menschen, den ich sehr, sehr liebte. Doch was auch geschehen würde, ich wollte nun damit zufrieden sein und sogar glücklich. Den Weg dahin übergab ich dem Schicksal.

In dieser Nacht träumte ich einen Traum. Nicht irgendeinen, sondern einen wie wir ihn vielleicht alle kennen. Einen Traum, der das tiefe Wissen unseres Unbewussten in Bilder übersetzt, die wir verstehen können. Ein Traum, der daraus entsteht, dass Allah, das Alles, in uns wohnt und Teil von uns ist und wir in Allah wohnen und Teil von Allah sind. Als Teile eines gemeinsamen Wesens als Teile des Alles, haben wir ein Wissen dieses Alles, das tief in uns zu Hause ist.

Im Traum stand ich vor meinem Vogelkäfig, dessen Türchen sich plötzlich ganz von alleine öffnete. Heraus flogen alle drei Wellensittiche. Die beiden gelb-grünen Weibchen und der dicke, blaue Hahn.

In ihrer neuen Freiheit flogen sie hoch durch das Wohnzimmer. Ich fühlte den Luftzug, verursacht durch das Schwirren ihrer Flügelchen. Und als ich meinen Finger wie ein Zweiglein hochhielt, landeten sie darauf und ich spürte im Traum ihre kleinen Krallen, wie sie sich an meinem Finger festhielten.

Der dicke blaue Hahn flog auch. Endlich kam auch er zu mir und setzte sich in meine geöffnete Hand. Doch war er nun nicht mehr der saubere Vogel, als der er ausgeflogen war. Vielmehr war er jetzt bis zur Unkenntlichkeit in Staub gehüllt. Genau genommen, bestand er nur noch aus Staub. Lange betrachtete ich das Staubwölkchen. Dann begann ich, es zu waschen und zu trocknen.

Doch welch eine Überraschung! Es war gar nicht mein dicker, blauer Sittich! Es war ein wunderschöner, schwarz glänzender, recht großer Vogel mit leuchtend blauen Flügeln, der ganz still da saß und sich betrachten ließ.

Damit ließ ich mir Zeit, wusste ich doch nicht, ob es möglicherweise doch der Sittich war, der sich beim Waschen verändert hatte, oder ob es ein gänzlich anderer Vogel war. Hatte ich meinen Sittich zuvor dermaßen verkannt? War ich dieser schwarze Vogel? War es mein Partner? Gar jemand anders? Oder einfach ein Symbol?

Beim Erwachen aus diesem Traum entfuhr mir ein Lachen. Ich fragte mich, welchen Vogel mir das Schicksal denn nun schicken würde und freute mich darauf. Doch genauso wichtig wie die Identität des Sittichs war in meinem Traum, dass dies alles nur deshalb geschehen konnte, weil sich der Käfig geöffnet hatte. Erst da konnte die Seele, versinnbildlicht in den Vögeln, frei fliegen und erst dann ihre verlorene Selbstbestimmung wieder erlangen. In ihrer Freiheit konnte die Seele ihre kleinen Schwingen ausbreiten und sich in die Lüfte heben. Die zuvor gefangene Seele, die nichts als trauern und lethargisch vor sich hinschauen konnte, schaute nun verantwortungsvoll in die Welt. Ihre Freiheit gereichte ihr zur Ehre.

Das herausragende Gefühl des Traumes war nicht Frohsinn, war nicht Errungenschaft, sondern war das Gefühl der Rechtmäßigkeit des freien Seins. Das Gefühl tief empfundenen Glücks, ob der Möglichkeit zu tun, wofür man geschaffen wurde. Zu fliegen, zu schwirren, zu landen, sich hier und da an der Sicherheit festzukrallen, um dann wieder abzuheben ins Ungewisse.

Die Freiheit, darauf kann man sich als Muslim und Muslimin getrost berufen, ist ein Geburtsrecht. Ohne diese menschliche Freiheit wäre das ganze Gerede von Himmel und Hölle, vom jüngsten Tag, von Lohn und Strafe, von hättest du und würdest du, hinfällig. Nur wer frei ist, Schlechtes zu tun, kann belohnt werden, wenn er es unterlässt. Nur wer frei ist, Gutes zu tun, kann dafür belohnt werden, dass er sich dafür entscheidet. Dieser Lohn liegt jedem einzelnen von uns für allein seine eigenen Taten bereit. Da kann niemand für einen anderen belohnt werden, niemand für einen anderen bestraft.

Auch geburtsrechtlich verankert ist des Menschen Würde. Selbst Gefangene erhalten eine Decke zum Schutz gegen die Kälte der Nacht. Wo die Würde verletzt wird, gibt es einen Aufschrei in den Herzen vieler Menschen, wenn der auch nicht immer gehört wird, wo Interessen Mächtiger die Würde Ohnmächtiger mit ihren Füßen treten. Zur Würde gehört vielerlei Verschiedenes, doch irgendwie Selbstverständliches, und dennoch muss man es immer wieder verteidigen, so zum Beispiel, dass man seine Notdurft angemessen verrichten darf. Dazu gehört so Banales wie, dass man beim Sprechen angeschaut wird, und auch die körperliche und damit auch sexuelle, Unversehrtheit gehört dazu. Die Würde und die Freiheit sind Geburtsrechte. Es ist ein liebender Gott, der seine Geschöpfe mit dem Recht auf Würde und Freiheit ausstattet.

Die Ehre hingegen ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das zwar in jeder Gesellschaft vorhanden ist, doch mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird. Bei den Einen ist jemand ehrenhaft, wenn er der Menschheit Gutes tut, bei den Anderen, wenn er seinen gesellschaftlichen Rang durch die Anhäufung von Besitz erhöht. Bei wieder anderen hat Ehre leider etwas mit Vaterland und Selbstvergötterung zu tun. Der Begriff der Ehre ist ganz anders als der der Freiheit und Würde. Viel komplizierter und sogar gefährlich. Hatun Sürücü. wuchs auf inerhalb zweier Begriffe von Ehre, die keine Schnittstelle haben außer dem Gefühl der Verletzbarkeit. Unser Ehrbegriff hat mit diesem ganz bestimmten, traditionellen, Begriff der Familienehre, den wir hier erinnern, keine Gemeinsamkeit.

Ich liebe andere Kulturen. Ich liebe es, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch gibt es Momente, da ist eine derartige Bewunderung des Anderen nicht angemessen. In dieser Tradition der Ehre werden Mädchen lebendig begraben – von ihren eigenen Vätern; erschossen mit ihren Liebhabern von ihren Brüdern; gefangen gehalten von ihren Schwestern unter der Komplizenschaft ihrer Mütter, die ihnen den letzten Schutz verweigern, doch selbst Gefangene sind. Nicht zu Zeiten des Propheten Mohameds, sondern heute, geschehen solche Furchtbarkeiten, die man sich nicht vorstellen mag.

In der Lunge eines Mädchens wurde Erde gefunden. Sie wurde bei lebendigem Leib begraben. Wer tut so etwas und nennt es ehrenhaft?

Die Positionierung der Ehre über der persönlichen Freiheit opfert Menschen auch wenn sie sie nicht körperlich tötet. Das glücklose Verharren in einer lieblosen Ehe ist auch ein Tod. Das Verweigern lebensfroher Erfahrungen verwandelt unsere Herzen in Steine. Das Verbot der Liebe und des Lachens ist ein kalter Kerker.

Deshalb achten wir aufeinander. Schauen einander an, hören einander zu und hören genau hin, ohne zu richten, denn wir sind nicht einander Richter. Und wenn wir messen, so messen wir mit demselben Maß; für uns und für andere.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Wir allein sind die Entscheidungsträger über uns selbst. Und besonders ehrenhaft sei der, der Almosen gibt, der betet und fastet, wie er kann, und der nicht über andere urteilt, sondern ihnen Liebe und Verständnis entgegenbringt. Dies ist dann besonders wertvoll, oder vielleicht vor Gott nur dann wertvoll, wenn es nicht aus Zwang geschieht, sondern freiwillig, und aus Liebe.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Unverstellt und ehrlich, der Welt glücklich entgegentretend, denn wer traurig ist, verbreitet Trauer, und wer glücklich ist, verbreitet Glück. Gefangenschaft verbreiten nur, die selbst gefangen sind; und wer frei ist, verbreitet Freiheit.

Und so wie die Flügel des schwarzen Vogels – Symbol seiner Freiheit- erst dann in ihrem leuchtenden Blau erstrahlen konnten, als sich der Käfig geöffnet hatte, so erstrahlen auch wir Menschen dann, wenn sich unsere Käfige öffnen und wir frei sind, zu tun, was wir ganz persönlich, für uns allein, für richtig, gut und verantwortbar halten.

Möge Allahs Segen uns allen Liebe, Glück und Freiheit schenken.

Sowieso wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Wo es immer wieder um Ehre geht, messen so genannte Familienoberhäupter doch fast immer mit zweierlei Maß. Doch diese Kritik verschwindet hinter der größeren: Niemals ist ein Mord zu rechtfertigen. Wer die Möglichkeit einer solchen Handlungsweise rechtfertigt, umgeht jedes Rechtssystem, jede gesellschaftliche Ordnung. Da werden zur Wahrung der Familienehre die ehrlosesten Handlungen begangen, die man sich vorstellen kann. Da wird die Freiheit, sein Leben selbst zu gestalten, mit dem Tod bestraft.

Doch lasst uns nicht irritieren. Die Freiheit ist ein Geburtsrecht.

Jordan Wozniak

Fajr und Asr

Fajr und Asr

 

Jordan Wozniak
Jordan Wozniak

Als ich das letzte Mal im Libanon war, um meine Familie zu besuchen, war es mal wieder so weit. Zwischen Einkauf und Abendessen saßen wir im Wohnzimmer in Beirut, plötzlich verschwand der Eine oder Andere, um dann zurückzukehren, den Teppich auf den Boden zu werfen und in Windeseile zu beten. Bevor er den Kopf unten hatte, war er schon wieder oben; stand, beugte sich, richtete sich auf, beugte sich erneut, wieder ging die Stirn zu Boden, und nun richtete sich der ganze Körper auf, um sich gleich danach wieder entlang der Wirbelsäule vor irgend etwas zu verbeugen… Die Schnelligkeit des Beugens und Streckens ist in Worten nicht wiederzugeben und glich mir eher einer sportlichen Übung als einer Meditation. Wie die Wörter des Gebets darin Platz finden, ist mir immer wieder ein Rätsel.

Wer mich kennt, weiß, ich bin die Gebetsschnecke. Zwischen dem Moment, an dem ich schon die Hände kurz vor dem Boden habe, und deren tatsächlicher Berührung des Gebetsteppichs vergehen gefühlt Minuten. Mich aufzurichten dauert seine Zeit, das Niederwerfen ebenso. Die Worte spreche ich langsam aus, jede Silbe bis zum Ende. Die Gebetsgeschwindigkeit ist jedoch kein Maß der Frömmigkeit – weder so, noch so.

Zwischen Bewunderung und Irritation erinnere ich mich daran, dass ich kein Recht habe zu urteilen. Immerhin beten sie öfter als ich und stehen auch nicht selten zum Morgengebet pünktlich auf. Im Gegensatz zu mir. Alf mara wa mara – tausendundeinmal – habe ich mir vorgenommen, zum Fajr-Gebet aufzustehen und es zu seiner angemessenen Zeit zu beten, nur, um mich dann in meinem Bett noch einmal umzudrehen und mir zu sagen, dass es schöner ist, nach dem Duschen zu beten, kurz bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit begebe, nach dem Kaffee – gleich. Doch dieses Gleich ist dann zu spät, die Arbeit ruft.

Diese Aufschieberei führte dazu, dass ich wochenlang stets kurz vor dem Verlassen meiner Wohnung, nach dem Anziehen meiner Schuhe feststellte, dass ich es schon wieder einmal vergessen hatte, das Gebet. Doch nun waren die Schuhe angezogen, und so ging ich verärgert über mich selbst jeden Morgen ohne zu beten aus dem Haus. Tag für Tag.

Eines Tages hatte ich von mir selbst genug. Die Schuhe waren angezogen und ich musste gehen, doch sollte mir dies alles nicht noch einmal passieren. Also ließ ich die Schuhe einfach an. Ich betete, ohne sie mir auszuziehen, aber immerhin frisch geduscht und mit Aufrichtigkeit im Herzen. Zu meiner Überraschung fühlte es sich vollkommen normal an.

Erst später las ich, dass auch der Prophet Mohamed manchmal die Schuhe beim Gebet angelassen hatte, sofern sie rituell rein waren, also auf saubere Füße gezogen. Er pflegte zum Zeichen der rituellen Reinheit mit Wasser über sie zu streichen. So ist es sicherlich besser als gar nicht zu beten.

Ein Gebet ist für mich wie der Besuch bei Allah. Er ähnelt dem Besuch bei einer uns lieben Person. Manchmal gehen wir nur dort vorbei, damit wir nicht vergessen werden. Wir schauen kurz in den Flur und ziehen die Schuhe nicht aus.

Manchmal, besuchen wir jemanden, um der Person Ehre zu erweisen. Manchmal bleiben wir lange und trinken mit ihr Tee, reden uns alles von der Seele, oder hören endlos zu, Stunden um Stunden. Und manchmal denken wir an die Person nur von weitem, ohne den Besuch überhaupt durchzuführen.

So ist auch das Gebet mal sehr nah und intensiv, mal nur ein kurzer Gruß. Jedenfalls wird sich Allah an uns und unsere Gebete erinnern. An den, der immer schnell vorbeikam und schnell wieder ging, aber Allah, nie vergaß. An den, der nicht oft kam, aber dafür lange blieb. An den, der fahrig im Gespräch stets an etwas anderes dachte, an den Lauten, den Leisen, den Frechen, den Zaghaften, den Mutigen, den Wütenden, den Schüchternen, den Weisen, den weniger Weisen. Über jeden wird sich Allah freuen, der seiner gedenkt. In welcher Form auch immer, ob in stillem und unsichtbaren Gedenken oder im sichtbaren rituellen Gebet.

Schon Ibrahim betete zu Gott. Doch zu welchem Gott sollte er beten?

Er hatte seinen Vater und seine Freunde dabei gesehen, wie sie selbstgefertigte Götzen aus Stein anbeteten. An diese Götter wollte oder konnte er nicht länger glauben. So suchte er den, den er anbeten wollte.

Und als Ibrahim zu seinem Vater Azar sagte: “Nimmst du Götzen zu Göttern? Ich sehe dich und dein Volk in einem offenbaren Irrtum”, da zeigten Wir Ibrahim das Reich der Himmel und der Erde, auf dass er zu den Starken im Glauben zählen möge.

Ibrahim machte sich nun seine eigenen Gedanken darum, wen er anbeten wolle. Als ihn nun die Nacht überschattete, da erblickte er einen Stern. Er sagte: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: “Ich liebe nicht die Untergehenden.”

Als er den Mond sah, wie er sein Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: Wenn mein Herr mich nicht rechtleitet, werde ich gewiß unter den Verirrten sein.” Auch der Mond taugte nicht als anzubetende Gottheit.

Als er die Sonne sah, wie sie ihr Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr, das ist noch größer.” Da sie aber unterging, sagte er: “O mein Volk, ich habe nichts mit dem zu tun, was ihr (Allah) zur Seite stellt. Seht, ich habe mein Angesicht in Aufrichtigkeit zu Dem gewandt, Der die Himmel und die Erde schuf, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern. (6:74-79)

Als sich jahrhunderte später der Prophet Mohamed zum Gebet niederbeugte und seine Stirn die Erde berührte, da erfand er also nichts Neues, doch er veränderte es. In der vorislamischen Zeit betete man in Mekka zweimal am Tag, am frühen Vormittag und am Abend.

Der Prophet betete stattdessen zu Fajr und zu Asr. Fajr ist der frühe Morgen, die Zeit des Sonnenaufgangs. Asr der Nachmittag. Es sind vielleicht die beiden Wendepunkte zwischen dem Tag und der Nacht.

Bleiben wir einen Moment bei Fajr, dem Sonnenaufgang. Fajr stellt den Augenblick dar, an dem die Nacht zum Tag wird. Es ist ein spirituell dichter Moment, den man daran erkennt, dass die Welt in vollkommener Stille liegt. In dieser Stille beginnen die ersten Vögel zu zwitschern. Man hört erst einen einzigen Vogel, den ersten Ton des Morgens, ganz allein – erst nach einer Weile den Ton eines zweiten, der ihm antwortet. Dann langsam, ganz langsam, immer mehr. Der Wechsel von der Nacht zum Tag ist vollzogen.

Im Ramadan ist Fajr ein wichtiger Moment, denn nun beginnt die Zeit des Fastens bis zur Nacht. Wenngleich es nicht genau mit den Berechnungen übereinstimmt, richte ich mich im Ramadan gerne nach dem frühen Morgenvogel und stelle meinen Kaffee erst dann zur Seite, wenn sein erster kleiner Ruf erklingt. Ungeachtet des Fehlers meiner Einstellung bestehe ich darauf, mich von der Natur leiten zu lassen, statt von der Technik eines Uhrwerks.

Den Morgen mit seinem Sonnenaufgang empfinde ich besonders im Sommer wie eine orientalische Stadt im Gebirge. Es ist ganz genau wie mit den Vögeln in der Frühe.

Man steigt durch die unbewohnten Berge und denkt, die nächste Stadt sei noch ewig weit entfernt. Dann ein Haus, vielleicht zwei, drei, vereinzelt, die sich geräuschlos an die steinernen Hänge schmiegen. Man geht noch zwei, drei Schritte bergauf, da plötzlich tritt man auf ein Plateau und ist mittendrin, auf der Hauptstraße eines Bergdorfes. Um einen herum bewegt sich das reiche Leben mit allen seinen Geräuschen, Gerüchen und Farben.

Eine Pilgerin in einem asiatischen Gebirge beschreibt es so:

Nicht der Sonnenaufgang bewegte mich so sehr, auch wenn er wunderschön war. Es waren jene Augenblicke zuvor, als die Welt so still war…. Große Vögel breiteten majestätisch und vollkommen geräuschlos ihre Schwingen aus.. Eine natürliche Stille lag über allem, als ob das Leben auf der Erde dem kommenden Tag einen schweigenden Tribut zollte. Jene stille Augenblicke vor Sonnenaufgang waren voller Verheißung auf die bald einsetzende Aktivität. Ich habe nie zuvor einen solch magischen Augenblick erlebt.

In diesem Augenblick der vollkommenen Stille beten wir Salat Al-Fajr, das Morgengebet.

Über diese Zeit, just bevor der erste Vogel singt, sagte der Prophet Mohamed, es sei, sozusagen, die Zeit der Schichtübergabe. Die Engel, die die Nacht bewachen, seien noch bei uns, und die Engel des Tages seien nun ebenfalls schon angekommen. Dies ist eine Möglichkeit, die spirituelle Dichte dieser Tageszeit zu beschreiben, die Magie, die man in der Wüste des siebten Jahrhunderts sicherlich stärker spürte als heute bei uns.

Mit der Änderung der Gebetszeit von Vormittags und Abends zu Früh und Nachmittags verändert sich meiner Meinung nach viel mehr als der Zeitpunkt. Es verändert sich vor allem der Fokus. Dieser liegt jetzt nicht mehr allein auf dem Dank für das Überstehen der Nacht und auf den Bitten für den Tag, sondern er liegt vielmehr auf dem spirituellen Kontakt mit Allah und dem Kosmos. Indem wir zu Fajr beten, treten wir in einen Kontakt mit Allah ein, den wir zu anderen Zeiten des Tages möglicherweise nicht mehr erreichen können. Wir reihen uns damit ein in die Magie der Welt des frühen Morgens und nehmen die Möglichkeit wahr, eins mit der Schöpfung zu sein. Geräuschlos verrichten wir unsere Bewegungen. Stille bedeutet ja nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen. Stille ist auch die Abwesenheit von Bewegung, ein Moment der Regungslosigkeit. Aus dieser Regungslosigkeit tritt das Morgengebet in besonderer Deutlichkeit hervor. Es wird anders wahrgenommen als ein Gebet in der Geschäftigkeit des späteren Tages. Dann, später also, vermischen sich die Bewegungen mit all den anderen Bewegungen um uns herum. Doch hier am Morgen stehen die Bewegungen allein und besonders.

Heutzutage ist das nächste Gebet Dhur, das Mittagsgebet. Doch wurde dieses wahrscheinlich erst später als Pflichtgebet hinzugefügt. Mohamed betete als nächstes das Asr Gebet am Nachmittag.

Asr scheint weniger ein spiritueller Moment zu sein, als vielmehr ein Strukturgebet.

Durch die Zweiteilung des Tages anhand der beiden Gebete, strukturiert der Islam den Tag in einen Teil der Arbeit und einen Teil der sozialen Kontakte. Nach Asr ist der Arbeitstag weitgehend vorbei. In einer Zeit, in der die Menschen nicht auf elektrisches Licht zurückgreifen konnten, zumal in einer Gegend des frühabendlichen Sonnenuntergangs, war Asr eine gute Zeit, sich nur noch maiximal einen kurzen Moment der Arbeit zu widmen, um dann soziale Kontakte zu pflegen, oder jedenfalls mit den Mitmenschen in Begegnung zu treten, denn den Abend musste man vielleicht eher zu Hause verbringen. So beendet das Asr Gebet den Arbeitsteil des Tages und leitet den sozialen Teil ein, der ebenso wichtig ist.

Doch in einem Hadith lesen wir, für mich wenig überraschend, dass auch das Asr-Gebet die Zeit ist, in der sich die Engel abwechseln. Die Engel des Tages verlassen nun die Menschheit, um nun von den Engeln der Nacht abgelöst zu werden. Wieder scheint hier eine spirituelle Dichte zu bestehen, die wir aber nun am Nachmittag aufgrund des Energieflusses des Tages nicht so leicht bemerken können. Unsere Antennen sind längst nicht mehr so empfänglich für leise Geräusche und subtile Veränderungen der Atmosphäre.

Es wird erzählt, dass Mohamed sagte, Allah fragte sie, die Engel, dann, obwohl Er Selbst es doch am besten weiß: In welchem Zustand habt ihr Meine Diener verlassen?

Die Engel antworteten: Sie beteten, als wir uns entfernten. Und als wir am Nachmittag zuvor kamen, beteten sie auch!”
(Al-Bukhari und Muslim)

Wir beten, um Allah zu dienen, zu preisen.

Doch wenn wir Allah in unseren Gebeten besuchen, so tun wir das auch oft, um Antworten auf Fragen des Lebens zu finden. Ich möchte euch einladen, das auch zu tun. Am Ende des Gebets, nach Abschluss mache ich wenn ich allein bin, immer nochmal ein Sujud, bei dem ich eine Frage stelle. Ich erhebe mich erst vom Boden, wenn ich eine Antwort erhalten habe. Sie unterscheidet sich fast immer von der Antwort, die ich außerhalb des Gebetes finde. Stolz, Ärger, Rache, das ganz normale Ego verschwinden beim Gebet. Das Gebet macht mich weich und liebevoll, vergebend und freundlich, geduldig, und hoffnungsvoll. Nie spricht es von Macht, von Beherrschen, von Eifersucht oder Besserwisserei. Es ist freundlich und zuversichtlich. Deshalb ist fünfmal besser als zweimal. Doch für diejenigen unter uns, die ihre Schuhe anziehen, bevor sie daran denken, das Gebet zu verrichten, möge Gott gnädig sein, und sich über den Besuch genauso freuen, wie über den der Barfüßigen. Möge er den Schnellen ihre Hast vergeben und den Langsamen was ihnen zu vergeben ist.

Gehen wir also zum Freitagsgebet. Es ist weder Fajr noch Asr, aber es ist das Gebet der Gemeinschaft, bei dem unsere Reihen zeigen, dass wir fest zusammenstehen in der Liebe zu Allah und der Fürsorge füreinander. Allah jirhamkun.

 

Kelly Sikkema

2020

2020

Kelly Sikkema
Kelly Sikkema

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

A’udhu bilahi min asshaitan alragim, bismillah arrahman arrahim.

Al Fatiha – Arabisch

„Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Meister des Gerichtstages.
Dir dienen wir und dich allein bitten wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“

Seid herzlichst gegrüßt in der Ibn Rushd-Goethe Moschee, dem Ort von Frieden und Liebe.

Das neue Jahr ist schon wieder ganz zur Gewohnheit geworden. Alle guten Vorsätze sind wie immer über Bord gegangen, oder werden demnächst verworfen. Zu Neujahr schrieb jemand: Ich habe mir diesmal keine neuen Vorsätze genommen. Ich habe einfach die alten nochmal genommen, sie waren noch völlig unbenutzt.

Da es meine erste Khutba dieses Jahr ist, wünsche ich euch ein frohes neues Jahr, oder vielmehr ein gutes Jahr. Möge es Frieden unter den Menschen bringen und die Würde aller Lebewesen in den Vordergrund stellen – vor Geld, Bequemlichkeit und Appetit. Die Khutba handelt davon, dass es gesund ist, Dinge fertigzustellen, oder abzuschließen.

Dieses Jahr hat einen besonders schönen Namen. 20 20, oder Zweitausendundzwanzig, hört sich nach etwas sehr Rundem an, irgendwie vollständig. Ich habe das Gefühl, dieses Jahr werden viele Dinge zu ihrem guten Abschluss gebracht. Alles, oder jedenfalls Vieles, was so im ungeraden 2019 oder zuvor begonnen hatte, werden wir durch gute Entscheidungen oder fleißiges Handwerk fertigstellen. In mir entsteht das Bild eines Teppichs, der gewebt wird. Es ist der Teppich unseres Lebens. Die Fäden dieses Teppichs, die wir gleichsam an einem Ende angeknotet haben, werden wir in diesem Jahr auch am anderen Ende verknoten, oder verweben, so das wieder neue und neue Reihen bunter und reicher Muster entstehen, auf die wir zurückblicken können. Dieses Jahr wird voller schöner Farben sein.

Mein Leben ist ein bunter Teppich, überwiegend in dunklen Tönen gehalten. Schrill ist er nicht. Das dunkle Blau des Abendhimmels dominiert, teils geht es über in ein tiefes Schwarz der Mitternacht. Aber an manchen Stellen scheint mein Teppich im strahlenden Rosa der frühen Morgenstunden und an anderen Stellen gar in leuchtendem Rot. Der gesamte Teppich ist durchwirkt von einem feinen Faden aus Gold – den Wert jeden Moments des Lebens bestätigend. Den Wert all dessen, was geschehen ist, und all derer die mir besonders lieb sind. Auch den Wert meiner Selbst. Freude steckt darin, aus vielen Tagen und Nächten, Langeweile, Trauer, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Lust und Vertrauen. Stetig, Jahr für Jahr weben wir unseren Teppich in unseren eigenen Farben, der ganz eigenen Dicke des Fadens und dem ganz eigenen Gefühl. Ist er eher kratzig, eher weich, eher hell, oder dunkel, gestreift, durchmustert? Auch 2020 weben wir weiter. Faden um Faden ziehen wir langsam bis zum Ende der Reihe hindurch, bis der Teppich in allen Farben des Lebens gewebt ist und wir ihn unseren Kindern und unseren Liebsten als Erbe hinterlassen.

Warum 2020 für mich als etwas Besonderes erscheint, weiß ich nicht genau, aber es begann schon gleich am ersten Januar.

Es wird an der 20 liegen. Es ist die Zahl all unserer Finger zweimal – oder die Zahl all unserer Finger und Zehen zusammen.

Das Zehnersystem ist uns aus unserer Körperwahrnehmung sehr präsent. Wir haben uns auch daran gewöhnt, unsere Mathematik auf dem Zehnersystem aufzubauen – Zehn Einer werden gebündelt zu einem Zehner. Zehn Zehner werden gebündelt zu einem Hunderter, zehn Hunderter zu einem Tausender, usw. 20 ist zweimal 10 und damit das doppelte Bündel. Eine Art doppelter Vollständigkeit. Etwas zu vervollständigen, zu beenden, zu erreichen, empfinden wir als angenehm.

An sich ist die Zahl 2020 natürlich willkürlich und für jeden von uns sind es andere Jahre, die Besonderheiten in sich tragen. Jahre können persönliche Bezugspunkte darstellen. Traditionell finden wir unser Geburtsjahr recht wichtig. Es dient nicht nur dem Staat, der es in unserem Pass verankert, sondern auch uns selbst als Referenzpunkt. Unser Alter empfiehlt – oder befiehlt – uns, wie wir uns zu verhalten haben, wie zu reden, wie uns zu kleiden. Und so ist das Geburtsjahr das Jahr der Freiheit, in dem wir uns beginnen als Mensch zu entfalten und zugleich das Jahr der Einschränkung, denn von nun an sind wir mit Leib und Seele den Gesetzen der Gesellschaften unterworfen, in denen wir leben.

Jahre können auch gemeinschaftliche Bezugspunkte darstellen und so die Gemeinschaftsbildung unterstützen. Vor vielen hundert Jahren versuchte der militärische Führer Abraha, die Kaaba zu zerstören, doch einer seiner Militärelefanten weigerte sich, die Stadt Mekka zu betreten. Vielleicht hatte er eine Kraft wahrgenommen, die über die Befehlskraft seines menschlichen Besitzers hinausging und war ihrer Anweisung gleichsam eigenmächtig gefolgt. Im Jahr des Elefanten ist der Prophet Mohamed, Friede sei auf ihm, geboren, und überbrachte uns die Botschaft von Barmherzigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Als ich zum ersten Mal über die Zahl 2020 nachdachte, hatte ich also dieses Gefühl der Vollständigkeit. Ich stellte mir vor, wie ich die Karten eines Kartenspiels in der Hand hielt – alle vier Zehner bei mir, Kreuz, Pik, Herz, Karo. Jeder Zehner stand für den Abschluss von etwas, das ich irgendwann begonnen hatte, für das Fertigstellen. Vor meinem inneren Auge warf ich die Karten nacheinander kraftvoll auf den Tisch.

Kreuz Zehn – Kinder bekommen – komplett.

Pik Zehn – Eine Arbeitsstelle gesichert – komplett.

Karo Zehn – Eine Wohnung – komplett.

Herz Zehn – Eine Partnerschaft – komplett.

Naja – die Liste kann irritieren, weil wir diese Dinge vielleicht gar nicht haben. Aber irgend etwas hat jeder geschafft, oder erreicht, oder vollbracht. Oder man kann auch sagen, zum Abschluss gebracht. Was hast du vollbracht?

Hat deine Wohnung in jedem Zimmer ein Licht? Großartig! Hast du dafür gesorgt, dass du von irgendwo Geld für deinen Lebensunterhalt bekommst? Gut gemacht! Hast du die Möglichkeit, dir ab und zu eine Tasse Tee zu kochen und vielleicht sogar einen Freund dazu einzuladen? Dann ist dein Heim eines von Licht und Freude.

Hier geht es nicht um das höchste Level dessen was erreichbar ist, sondern um das Gefühl etwas erreicht zu haben, worauf man mit Freude zurückblicken kann. Die scheinbar unwichtigen Dinge sind die Grundlage der Meisterung unseres Lebens, sind ausreichend und echte Errungenschaften. Der Schritt vom Zimmer zur Villa ist unerheblich. Wir wissen, dass sehr reiche Leute mit sehr großen Häusern oft ausgesprochen unglücklich sind. Oder: Mobilität beispielsweise ist hilfreich. Aber der Porsche ist es nicht. Seien wir also einen Moment dankbar für alles, was wir erreicht haben.

Dazu gehört natürlich keineswegs nur Materielles. Auch Wissensinseln oder Bachelor Degrees, oder Kursinhalte. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass man tatsächlich etwas gelernt hat – es innerhalb des fließenden Lebens auch Momente errungener Bildungsabschlüsse gibt. Dabei sind es wie in allen Bereichen wieder nicht ausschließlich die großen Niveaustufen, die uns umtreiben müssen. Hast du dein MSA abgeschlossen? Sehr gut! Vielleicht hast du die Vergangenheitsform des Präteritums in der deutschen Sprache in den Grundzügen verstanden. Oder du hast gelernt, wie man Blut abnimmt, oder du kannst jetzt den Berliner BVG Plan lesen.

Dinge abzuschließen wirkt in unserem Leben salutogenetisch. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren von Aaron Antonovsky geprägt und bedeutet, so viel wie „der Gesundheit zuträglich“. Während sich also die Pathogenese damit beschäftigt, wie Krankheiten entstehen, fragt sich die Salutogenese, wie Gesundheit entsteht und was sie aufrecht erhält. Der Gesundheit zuträglich ist neben gesunder Ernährung und Bewegung vor

allem das Gefühl der Kohärenz, also der Empfindung des eigenen Lebens als sinnhaft und als zusammenhängend. Wenn wir die Dinge zu einem guten Abschluss bringen, zu einem guten Ende, an dem wir uns selbst in einem würdevollen Licht betrachten können, so tut uns dies gut, es trägt zur Gesundheit bei.

Vor Jahren las ich in einer Zeitung, dass eine ca. 80 jährige Frau einen Löffel an eine Fluggesellschaft geschickt hat. Sie hatte ihn mehr als zwanzig Jahre zuvor bei einem Flug unauffällig mitgehen lassen. Jedes Mal, wenn sie den Löffel sah, erinnerte sie sich an diesen schamvollen Moment in ihrem Leben. Indem sie den Löffel zurückschickte, konnte sie die Schamhaftigkeit zum Abschluss bringen, war nicht mehr Sklavin ihrer Scham, sondern Handelnde. Handlungsfähigkeit und das Empfinden von Sinn gehen Hand in Hand. Die Sachen regeln, zu einem guten Abschluss bringen, gibt uns Kraft und Sinn.

Manche Dinge lassen sich nur schwer zum Abschluss bringen. Wenn jemand stirbt oder uns verlässt, finden wir manchmal keinen guten Weg aus der Trauer des Verlusts. Besonders schmerzlich ist es, wenn man sich das letzte Mal im Streit getrennt hat, oder man sich noch etwas sagen wollte. Doch wir brauchen den Abschluss, damit wir zurückkommen, zu einem gesunden Leben der Selbstbestimmung. Ein Psychologe schlug kürzlich vor, dass man auch solche Erlebnisse zum Abschluss bringen könne. Das Brennen eines Teelichtes, an einen schönen Ort im Raum gestellt, nehmen wir uns als Zeit mit dieser Person. Ist sie verstorben, so wird sie uns vielleicht jenseits ihrer vergangenen Körperlichkeit als Essenz ihrer Selbst besuchen, also als das, was wir Seele nennen. Ist die Flamme erloschen, so verabschieden wir uns von unserem Schmerz. Nicht von unseren Gedanken an die Person, aber von dem Schmerz der Trauer. Mit dem Erlöschen der Kerze ergibt sich ein Abschluss, den wir brauchen, um weiter voranzugehen und unser Leben zu meistern.

Das Abschließen also, und die Erfahrung von Sinn, sind wichtig für uns. Sinnhaftigkeit bedarf unumgänglich der Zuneigung anderer Lebewesen. Ohne eine Gesellschaft, die bereit ist, uns mit Zuneigung aufzunehmen, uns unsere Fehler immer wieder zu vergeben und uns als wertvollen und wunderbaren Teil der Schöpfung wahrzunehmen, können wir nicht gesund sein. Nicht unsere Seele und nicht unser Körper, in dem sie wohnt. So möchte ich die Khutba abschließen mit den Worten des Propheten Mohameds, der uns erinnert, dass unser Leben einen guten Sinn erhält, wenn wir gut zu anderen sind, denn so weben wir einen Teppich bester Güte.

Allah sagt: Und meine Barmherzigkeit umfasst alle Dinge (7:156), und wir lesen auch: Gott hat sich selbst die Barmherzigkeit vorgeschrieben (6:54). Der Prophet Mohamed asws erzählte

„Gott, der Hohe und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: O Kind Adams, ich bin krank gewesen, und du hast mich nicht besucht. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dich besuchen, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener krank war, und du hast ihn nicht besucht. Hättest du ihn besucht, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu essen gebeten, und du hast mir nichts zu essen gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu essen geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener dich um etwas zu essen gebeten hat, und du hast ihm nichts zu essen gegeben. Hättest du ihm zu essen gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast mir nicht zu trinken gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu trinken geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Mein Diener hat dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast ihm nicht zu trinken gegeben. Hättest du ihm zu trinken gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden.

Weben wir unseren Teppich! Gestalten wir unser Jahr! Mit viel Freude und Genuss, Hoffnung und Frieden und der Versorgung all Jener, die uns brauchen!

Ich wünsche euch ein wundervolles Neues Jahr Zweitausendundzwanzig!

وعنه قال قال رسول الله صَلّى اللهُ عَلَيْهِ وسَلَّم : إنَّ الله عزَّ وجل يَقُولُ يَوْمَ القيَامَة : « يَا ابْنَ آدَمَ مَرضْتُ فَلَم تَعُدْني ، قال : ياربِّ كَيْفَ أعُودُكَ وأنْتَ رَبُّ العَالَمين ؟ قال : أمَا عَلْمتَ أنَّ عَبْدي فُلاَناًَ مَرِضَ فَلَمْ تَعُدْهُ ، أمَا عَلمتَ أنَّك لو عُدْته لوجدتني عنده ؟ يا ابن آدم اطعمتك فلم تطعمني ، قال : يا رب كيف أطعمك وأنت رب العالمين ، قال : أما علمت أنه استطعمك عبدي فلان فلم تطعمه أما علمت أنك لو أطعمته لوجدت ذلك عندي ؟ يا ابن آدم استسقيتك فلم تسقني ، قال : يارب كيف اسقيك وأنت رب العالمين ؟ قال : استسقاك عبدي فلان فلم تسقه ، أما علمت أنك لو سقيته لو جدت ذلك عندي ؟ » رواه مسلم .

[ رياض الصالحين ؛ رقم الحديث ٨٩٦ ؛ رقم الكتاب ٧ ؛ رقم الباب ١٤٤ ]

Gottes Licht

Gottes Licht

 

Casey Horner

Beim Betrachten des Lichts einer Kerze dachte ich an den einen Namen Gottes: An-Nur- das Licht.  Und schon gingen die Gedanken weiter auf Reisen: Was ist Licht, nein, ich dachte nicht an das physikalische Phänomen, Licht als eine Form der elektromagnetischen Strahlung. Ja, ich dachte an Gottes Licht. Was bedeutet Gottes Licht? Spontan fiel mir ein: Wärme, Helligkeit, Liebe; was bedeutet Liebe zu Gott?  Steht da am Ende Wissen, Rechtleitung, Barmherzigkeit? Eine Frage erschließt die nächste Frage.

   Licht in der physikalischen Welt bedeutet, etwas sichtbar zu machen, es bedeutet auch Realität. Das Fehlen von Licht bedeutet Unsichtbarkeit, Dunkelheit, Unwissenheit. Aber auch der menschliche Geist empfindet Licht und Dunkelheit. Und diese Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn wir von Licht im metaphorischen Sinn sprechen, meinen wir Gottes absolute Manifestation, ein Sich-offenbaren von Dingen oder Wissen. Das bedeutet: Er allein ist die Manifestation des Lichtes, Er ist das Licht. Alles, was es in der physikalisch erklärbaren Welt gibt, hat sein Licht von ihm erst erhalten.  Ansonsten herrscht Dunkelheit.

   Ich weiß, dass es in allen Kulturen oder Religionen Lichtsymbole in unterschiedlichsten Formen gibt. Licht bedeutet in erster Linie Leben und Wärme. Wo kein Licht ist, da herrscht Finsternis. Finsternis bedeutet Kälte, Orientierungslosigkeit, Bedrohung, Tod.

   Ich dachte an einen meiner liebsten Verse aus dem Koran, an die Sure 24, Vers 35. Er trägt sogar seinen eigenen Namen: Lichtvers. Für mich ist der Vers mächtig, sprachgewaltig, voller Rätsel, Gleichnissen und Symbolik. Schon Generationen von Korangelehrten haben sich über diesen starken Vers den Kopf zerbrochen.

   Muhammad Assad beschreibt den Vers so:

   „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Das Gleichnis seines Lichtes ist das einer Nische, die eine Lampe enthält. Die Lampe ist in einem Glas eingeschlossen, das Glas leuchtend wie ein strahlender Stern: Eine Lampe, entzündet von einem gesegneten Baum, einem Olivenbaum, der weder vom Osten noch vom Westen ist,  dessen Öl ist so hell, dass es beinahe von sich aus Licht geben würde, selbst wenn das Feuer es nicht berührt hätte. Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht, wer geleitet werden will und zu diesem Zweck legt Gott den Menschen Gleichnisse vor, da Gott allein volles Wissen von allen Dingen hat.“

    Der Vers beginnt wie mit einem Paukenschlag: eine göttliche Selbstaussage: „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“ Ist überhaupt noch eine größere Steigerung möglich?

  Handelt es sich hier nur um ein Gleichnis, einen Vergleich zwischen dem Licht Gottes und dem Licht einer Lampe in einer Nische? Oder bedeutet es viel mehr?

   Oder bedeutet es: Immer, wenn es darum geht, ein umfassenderes Wissen über Gott, wie z. B. in dem Fall über An-Nur zu erlangen, müssen wir unsere Unfähigkeit und Unzulänglichkeiten erkennen, Gottes wirkliche Realität und Seine Erhabenheit wahrzunehmen. Unser Intellekt reicht nicht aus, um Gott wirklich zu begreifen, um die Natur seiner Eigenschaften und sein Wesen vollständig zu ergründen. Das Wissen des Menschen ist trotz aller Bemühungen des Begreifens doch ziemlich unzureichend, während Gott unendlich und absolut ist. Und einer dieser diffizilen und kompliziertesten Verse des Korans ist dieser Lichtvers.

    Jedes Mal, wenn ich diesen Vers rezitierte, dachte ich an mein Herz, an die Herzen der Gläubigen. Gott beschreibt das Herz der Gläubigen, indem Er das Gleichnis zum Licht benutzt. Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Sein Licht ist es, das unsere Erde und seine ganze Schöpfung erleuchtet, ohne es wäre dort nur Dunkelheit. Kein Leben könnte entstehen. Ich stelle mir eine Lampe in einer Nische vor. Sie leuchtet hell, aber wenn ich mir ein Licht in einer Kristalllampe vorstelle, erstrahlt es noch heller, wie ein strahlender Stern in der Nacht. Sein Öl stammt von einem Olivenbaum, der auch ‚gesegneter Baum‘ genannt wird. Dieser Baum steht sicher auf einer Anhöhe, an einem zentralen Ort, denn er bekommt zu jeder Tageszeit das beste Licht. Aus diesem Grund ist sein Öl rein und brennt, als würde es kein weiteres Feuer benötigen. Licht vom reinen Öl und Licht des Feuers. Und Gott bringt uns dieses Licht, um damit unsere Herzen auszufüllen, damit sie voller Licht erstrahlen.

     Aber betrachten wir diesen Vers näher: 

  „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“

     Gott in Seiner Vollkommenheit umfasst mit Seinem Licht Sein vollkommenes Werk, das Universum und erleuchtet somit auch die Himmel und die Erde. Er bringt in Seiner Schöpfung mit Seinem ewigen Licht das Leben hervor; Leben, welches Er Nahrung gibt, prüft, schützt und Hilfe angedeihen lässt. Es gibt keinen Ort, wo Sein Licht nicht erstrahlt. Aber jedes Geschöpf wie auch der Mensch kann von Seinem Licht profitieren, so weit wie sein Herz sich öffnet und das Licht annimmt.

    „Ein Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische, in der sich eine Lampe befindet, die Lampe in einem Glas, (und) das Glas ist wie ein hell leuchtender Stern.“

    Gott versucht mit dem Licht dem Menschen Sein Wesen zu erklären, indem er sein göttliches Licht mit einem künstlichen Licht, einer Lampe vergleicht.

   Das Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische. Der Mensch kann diese Lampe, die sich dort befindet, aus dieser Sicht erforschen. Ein Mensch muss in Dunkelheit seinen Weg erleuchten. Er benötigt Licht wie z.B. eine strahlende Lampe. Aber um den Weg der Wahrheit zu begehen und die Dunkelheit von Herz und Verstand zu überwinden, braucht er ein ganz besonderes Licht, eine Leuchte, ein Licht, das ihn beschützt und auf seinen Weg zur Wahrheit leuchtet. Und Wahrheit bedeutet auch Wissen. Das Wort Licht wird deshalb auch für Wissen verwendet und dementsprechend ist die Dunkelheit Unwissenheit. Und daraus resultiert Schlechtigkeit, Lüge und Lasterhaftigkeit.

    Ich könnte mir den Schirm der Leuchte als einen Schleier vorstellen, hinter der Gott sich vor Seiner Schöpfung, hier der Mensch verborgen hält. Obwohl das Glas durchsichtig ist und die Durchlässigkeit des Lichts nicht gehindert wird, ist aber dieses Glas auch eine Barriere für den Menschen, auf diese Lichtquelle zuzugreifen. Es würde ihn einfach nur schaden.

    Man kann das auch so sehen: Obwohl Gottes Licht die ganze Welt erleuchtet, kann es trotzdem nicht jeder wahrnehmen. Nur Gott allein gibt dem Menschen, wenn er will, diese Fähigkeit zu sehen. Ein Mensch ohne diese Gabe der inneren Wahrnehmung von Gottes Licht oder Wahrheit kann zwar das Sonnenlicht wahrnehmen, aber er versteht die Hinweise oder Mahnungen von Gott nicht.

    „Das Glas gleicht einem Stern, einem funkelnden.“

   Das Funkeln eines Sterns bedeutet etwas Besonderes, etwas Erleuchtendes. Wie oft betrachten wir nachts den Himmel mit seinen funkelnden Sternen? Ziehen sie uns nicht magisch an? Ein Stern kann sehr fern oder in Gedanken sehr nahe sein. Denn je näher wir seinem Licht sind, umso näher fühlen wir uns ihm, nämlich Gott. Das bedeutet aber auch, auch Gott ist uns sehr nahe.

    „Angezündet von einem Baum, einem gesegneten. Einem Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich, dessen Öl leuchtet beinahe, ohne dass es berührt hätte das Feuer.

   Ein Ölbaum, der auf einem vorteilhaften, erhabenen Platz steht. Er nimmt daher eine besondere Stellung ein, die immerwährend von Licht erhellt wird. Meines Erachtens soll hier keine Himmelsrichtung angezeigt werden, aus der tagsüber das Licht kommt. Vielleicht ist damit kein besonderer Ort gemeint, sondern es könnte jeder einzelne Ölbaum gemeint sein, egal wo er steht. Jeder Ölbaum könnte das gesegnete Öl spenden. Oder es könnte aber auch ein Ort sein, zu dem wir keinen Zugang haben, für uns unerreichbar. Es wäre dann ein Ort der Unendlichkeit, der Ewigkeit. Gott existiert ewig und so strahlt sein Licht auch ewiglich, ohne, dass es irgendeinen Anzünder, ein Feuer braucht. Und das Licht, das in dem Gleichnis vom Öl hervorgebracht wird, das ist Seine Essenz, das Wesen Gottes. Aber alles, was wir von Gott wissen, steht im Koran: Wir kennen nur die Namen Gottes- die im Koran beigelegten Attribute- und erfahren von seinem Handeln mit den Menschen. Gott ist der einzige Gott, transzendent und existent, allmächtig und allgegenwärtig, unveränderlich und unvergänglich, ewig und unerschaffen, allwissend und unumschränkt in seiner Herrschaft. Die Sure 112 sagt über ihn aus: „Er ist Gott, ein Einziger, Gott der Ewige! Er zeugt nicht, und er wurde nicht gezeugt! Und es gibt niemand, der ihm gleicht!“

    „Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht wen Er will.“

Licht über Licht ist immerwährendes Licht, Gottes Licht ist absolut und hat keine Grenzen. Gott als Allerbarmer, als ar-Rahman wendet sich allen Menschen zu. Wer sich aber von Gottes Licht leiten lässt, dem gewährt er Führung zur inneren Zufriedenheit.

    „Und Gott legt Gleichnisse für die Menschen vor, und Gott ist sich aller Dinge bewusst.“

   Gott versucht mit Allegorien oder Gleichnissen, dem Menschen sein Wesen bildlich zu erklären, was der Mensch aber nur intuitiv, gefühlsmäßig erfassen kann. Gottes Licht erleuchtet die ganze Welt, aber nicht jeder vermag es wahrzunehmen. Gott ist es, der uns zu seinem Licht führt. Ich denke, der Vers ist eigentlich eine Botschaft an alle Menschen, sich zu besinnen, warum es Licht gibt. Denn Licht bedeutet auch Leben. Erst durch das Licht kann der Mensch existieren. Wir werden durch dieses Gleichnis angehalten und es gilt gleichzeitig als eine Einladung, über unser Leben und

über Gott und seine Zeichen nachzudenken.  

     Möge Gott eure innere Sonne immer strahlen lassen. Möge eure Seele Sein Licht empfangen und wieder demutsvoll zurückstrahlen und möge euer Licht gute Taten für die Menschen bewirken und eure Seele und Herz zur Ruhe kommen.

 

Manaar

 

 

 

 

 

 

Karsten Würth

Aufrichtigkeit im Islam

Aufrichtigkeit im Islam

Karsten Würth
Karsten Würth

Aufrichtigkeit oder aufrichtig sein ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen zu stehen und den eigenen Gefühlen sowie der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Worten und Handlung Ausdruck zu geben. Aufrichtig zu sein bedeutet aber auch, anderen Menschen wie sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Sie ist eine Charaktereigenschaft eines Menschen, der ohne jede List und Falschheit redet und handelt, dessen Tun und Reden mit seiner Haltung und Einstellung vollkommen übereinstimmt und der ohne versteckte Nebengedanken oder unaufrichtige Absichten handelt.

    Eine gute Kommunikation, das aufrichtige Gespräch, welches Wahrheiten vermittelt, zählt zu den Notwendigkeiten einer intakten Gesellschaft. Man spricht miteinander, teilt sich gegenseitig seine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen und Besorgnisse mit.

    Aufrichtigkeit bedeutet auch Ehrlichkeit. Ehrlich zu sein gegenüber anderen; das zu denken, was du tust und das zu sagen, was du tust, und letztlich das zu tun, was du denkst. Aufrichtiges Bemühen ist etwas total Wichtiges, aber sehr anstrengend und nicht immer leicht.

    Aufrichtig ist jener, der Denken, Sprechen und Handlung in Übereinstimmung bringt.

Wenn man nichts zu verheimlichen hat und nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, der steht aufrecht zu seinen Überzeugungen, er braucht sich dann auch nicht klein zu machen, und aufrecht zu denken, sagen und handeln hat auch etwas mit Mut zu tun und mit dem Herzen.

     Aufrichtig sein beschreibt auch das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Sollte man sich dennoch einmal irren, so sagt man die Wahrheit über das, was man glaubt und denkt. Und Wahrheit und Ehrlichkeit bedeutet, andere nicht zu belügen, auch sich selbst nicht. Aber wer seine eigene Unvollkommenheit eingesteht und den Mut hat, sich selbst, so wie er ist, anzunehmen, der ist gleichfalls aufrichtig.

    Aber sind wir wirklich immer ehrlich? Können wir uns zum Beispiel anderen mitteilen, wie wir uns in Wirklichkeit fühlen, was wir fühlen und was wir brauchen? In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit oft als verletzend und unhöflich angesehen. Meistens ist es uns doch unmöglich, ungefiltert die echte Wahrheit auszudrücken.

     Z.B. wenn jemand mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich bestimmt nicht ungeschminkt, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle. Ich weiß ja nicht, wie es ankommt oder wie mein Gegenüber reagiert. Sicher sage ich: „Danke, mir geht es relativ gut!“ Aber bin ich dann wirklich aufrichtig und ist es die Wahrheit? Wer bringt den Mut schon auf zu sagen: „Naja, ich würde jetzt lieber zu Hause sein und mich ausruhen. Oder das Gespräch mit dir strengt mich ziemlich an.“ Das wäre aber Aufrichtigkeit. Es geht darum, sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben und nicht verletzend mit Worten zu sein. Das kann man aber meistens nur zu Menschen sagen, die man gut kennt.

     Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, kommunizieren wir Aufrichtigkeit mit den Gefühlen. Ein aufrichtiger Mensch genießt deshalb das Vertrauen seiner Umwelt, man muss nicht seine Worte überprüfen. Der Aufrichtige hält sich an sein Versprechen und hütet das, was man ihm anvertraut, denn er ist ehrlich und somit zuverlässig in Wort und Tat. Durch Aufrichtigkeit wird Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt. Denn das Gros aller Kontroversen und zwischenmenschlichen Problemen entsteht dadurch, dass man zueinander nicht ganz ehrlich und aufrichtig ist.

    Im islamischen Sinn steht für Aufrichtigkeit das Wort: al-Ikhlas. Al-Ikhlas heißt auch die 112. Sure, die wir am meisten rezitieren: „Er ist der einzige Gott. Der unwandelbare Gott. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Und niemand ist ihm gleich.“ Es ist die Erklärung von Gottes Vollkommenheit. Die Tatsache, dass Gott einer und einzig in jeder Hinsicht ist, ohne Anfang und ohne Ende, gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte, so gibt es auch kein Gegenteiliges, es gibt nur die eine Wahrheit, so wie er sich selbst darstellt.

     Ikhlas bedeutet auch, etwas in Reinheit zu bringen, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, das Herz zu reinigen, Ehrerbietung, etwas ohne Vorteil und Gewinn zu erhoffen und zu bestreben, ohne Vortäuschung und Heuchelei, mit innerer Liebe und Verbundenheit, uns in unseren Taten und Gebeten vor Angeberei zu hüten, in unseren Andachten und in unserer Ergebenheit vor Gott uns vor Heuchelei und das Herz verderbenden Sachen fernzuhalten.

   Es heißt in Sure Al-Bakara:139: „Wir haben unsere Werke, und ihr habt euere Werke (zu verantworten), und Ihm sind wir aufrichtig ergeben.“ Für uns bedeutet das: Mit Aufrichtigkeit in der Absicht unsere Gottesdienste durchzuführen. Gott fordert uns direkt auf, in Aufrichtigkeit verantwortlich für unsere Werke, sprich Taten zu sein, um uns zu belohnen.

    Wenn wir aufrichtig sind, werden wir von schlechten Taten abgehalten, wie z. B. der Prophet Yusuf, als er von der Frau seines Gebieters bedrängt wurde. In Sure Yusuf:24 können wir lesen: „Doch sie begehrte ihn. Und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht ein Zeichen von seinem Herrn gesehen hätte. Dies (geschah), um Schlechtigkeit und Schändlichkeit von ihm abzuwehren. Er war ja einer Unserer aufrichtigen Diener.“ Aufrichtigkeit bedeutet hier: Anstrengung, um sich selbst vor einer Sünde abzuhalten, ansonsten würde er sich selbst belügen, nicht aufrichtig sein. Darum sollten wir in unseren Worten und Taten, in unseren Beziehungen und zu uns selbst unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit bewahren.

    Wie schon gesagt ist Aufrichtigkeit ein Wesenszug des Charakters, nicht nur in der Religion, sondern ein ethischer Grundbestandteil. Er erweckt in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, und somit allen Menschen wird in Sure Al-Hud:112 aufgetragen, sich im Glauben, in Wort und Tat niemals von diesem Wesenszug zu entfernen. Da steht: „Verfolge denn den rechten Kurs, wie dir von Gott geboten worden ist, zusammen mit allen, die sich mit dir zu Ihm gewendet haben und keiner von euch soll sich auf anmaßende Weisebenehmen: denn wahrlich, Er sieht alles, was ihr tut.“ Verfolge den rechten Weg bedeutet: Sei aufrichtig!

Gott als Ar-Rahman wendet sich hier nicht nur an Muslime, sondern an die gesamte Menschheit, nicht über die Grenzen der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit hinauszugehen.

   Alle Propheten führten ein höchst aufrichtiges Leben und luden alle Menschen, die sie erreichen konnten, zu solch einer Lebensführung ein, für die sie selbst Vorbilder darstellten. Der Prophet Muhammad antwortete einmal einem Gefährten, der um einen Ratschlag bat: „Sag: ‚Ich glaube an Allah‘ und sei aufrichtig.“ Dieses Hadith finden wir bei Muslim.  Hier wird auf die Wichtigkeit der Aufrichtigkeit im Glauben hingewiesen. In einer anderen Überlieferung sagte Muhammad: „Entfernt euch nicht von der Aufrichtigkeit. Denn die Aufrichtigkeit führt den Menschen zum Guten und das Gute führt ins Paradies. Hütet euch vor der Lüge, denn die Lüge führt den Menschen zur Sünde und die Sünde führt in die Hölle.“  Das ist zu finden bei Buchari.

    Wenn ein Mensch in Wort und Tat seinen Mitmenschen und auch sich selbst gegenüber stets aufrichtig bleibt, pflegt und festigt er das Vertrauen in sich selbst und zu seinen Mitmenschen, zu der Gesellschaft. Und wo Vertrauen ist, dort entsteht Freundschaft, Zuneigung und Respekt. Menschen, die Teil einer solchen Gesellschaft sind, haben ein besseres Wohlbefinden und ein gutes Gefühl für Sicherheit.

    Amin ist ein arabischer Name mit der Bedeutung „gewissenhaft“ oder „vertrauenswürdig“, und ich denke, da könnten wir auch aufrichtig dazu sagen. Schon bevor Muhammad Gottes Gesandter wurde, genoss er unter den Leuten in Mekka großen Respekt und Beliebtheit aufgrund seiner Tüchtigkeit, Wahrheitsgetreue und Vertrauenswürdigkeit. Die Mekkaner ließen ihre Wertsachen bei ihm aufbewahren, sie waren dort so sicher wie in einer heutigen Bank. Sie nannten ihn „al-Amin- der Vertrauenswürdige.“ Kann man noch aufrichtiger und vertrauenswürdiger sein als er?

     Aufrichtig sein ist wohl die wichtigste Handlung des Herzens und der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Handlungen und auf dieser Grundlage wird Gott unsere Taten entweder annehmen oder ablehnen.

   Und so bitte ich Gott, unsere aufrichtigen und ehrlichen Bemühungen anzunehmen.

Manaar

Tim Marshall

Toleranz

Toleranz 

 

Tim Marshall
Tim Marshall

Ich möchte heute über Toleranz sprechen. Wir begegnen heutzutage ständig Leuten aus anderen, uns fremden Kulturkreisen, manchen mit offenem Herzen oder abweisend, misstrauisch. Aber allzu oft wissen wir nicht, wie wir ihnen begegnen sollen, unterschwellige Angst oder Scheu oder unmissverständliche Geringschätzung und Unfreundlichkeit ist unser unsichtbarer Begleiter.

Es heißt, wir sollen tolerant sein. Aber was bedeutet eigentlich Toleranz?

    Die Erklärung ist leicht, aber die Ausführung?

    Toleranz bedeutet allgemein, wenn ich etwas gelten oder jemanden gewähren lasse, wie z.B.  eine Duldung anderer Meinungen oder Weltanschauung, Handlungsweisen und Sitten. Es ist damit aber keine Gleichberechtigung gemeint, so wie es heute oft verstanden wird.

     Das Verb tolerieren kommt aus dem lateinischen Wort ‚tolerare‘   und bedeutet so viel wie erdulden, ertragen, duldsam sein, großzügig sein. Das Gegenteil ist die Intoleranz, also keine andere Meinung oder eine Weltanschauung wird gelten gelassen.

   Ein einfaches Beispiel: Ich unterhalte mich mit jemanden, der ein miserables Benehmen zeigt, aber er hat interessante Ideen. Nun muss ich mich entscheiden, gehe ich weg, weil mir echt sein Benehmen auf den Geist geht oder übersehe ich seine Manieren, also ich toleriere sie, und lasse mich von seiner Begeisterung anstecken.

    Wir finden beide Begriffe vor allem im Zusammenhang mit dem Umgang und der Regelung von Konflikten in sozialen Systemen. Da ist besonders der gegenseitige Respekt des Einzelnen oder einer Gruppe gegenüber einem anderen oder einer Gruppe sowie deren Meinung gefragt. So kann im politischen und gesellschaftlichen Bereich Toleranz auch als eine Antwort einer feststehenden Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber anderen Gruppierungen mit abweichenden Überzeugungen gelten, die sich in die herrschende Gesellschaft nicht so leicht  integrieren lassen. Insofern schützt die Toleranz einerseits die bestehende Gesellschaft, da man die fremden Auffassungen zwar zur Kenntnis nimmt, aber sie nicht unbedingt übernehmen muss. Andererseits schützt die Toleranz aber auch die Meinungen oder Werte der Mitglieder der anderen Gruppierung vor Repression oder Ausgrenzung und gilt insofern als eine Grundbedingung für Humanität. So ist Toleranz auch die Vorbedingung einer friedlichen Auseinandersetzung um miteinander ringende Wahrheitsansprüche.

     So die Theorie. Ein anderes simples Beispiel: Beim Teetrinken frage ich mein Gegenüber: „Wie trinkst du am liebsten deinen Tee?“ „Sehr stark und mit vieeeel Zucker.“ „Igitt“, rufe ich entsetzt aus, „da schmeckt doch der ganze Tee nicht mehr!“ „Na und? Mir aber!“ Ich schüttele entsetzt meinen Kopf und denke dabei an mein großes Schubfach mit vielen unterschiedlichen Teesorten. Der Gedanke, ihn für so viel Geschmacklosigkeit auszulachen, kommt mir zum Glück nicht. Schulterzuckend stelle ich fest: „Ich muss ja nicht deinen Tee trinken. Du trinkst deinen Tee und ich meinen.“

     Ich komme später noch auf eine ähnliche Formulierung.

   Ich toleriere also den Geschmack meines Gegenübers und er auch, denn ich zwinge ihn nicht, so zu trinken wie ich meinen Tee trinke.  Ihr kennt sicher viele ähnliche Beispiele.

   Zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte in Europa die Renaissance durch den entstehenden Humanismus und auch durch die Reformation eine Entwicklung in Gang, die zur Entstehung einer neuen Toleranzidee führte. Luther verfasste Schriften, in denen er von einer weltlichen Obrigkeit ausging, der Anfang einer Trennung vom Weltlichen und Geistlichem, also von Staat und Kirche.  Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 begründete die Menschenrechte: Gleichheit, Recht auf Leben und Freiheit, einschließlich der Religionsfreiheit. Das Bekenntnis zur Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz setzte historisch ebenfalls den Glauben an die Gleichheit der Menschen vor Gott voraus. Im Zeitalter der Aufklärung wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen. Der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird auch über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder. Der Philosoph Voltaire sprach sich in seiner Schrift aus dem Jahr 1763 über die ‚Abhandlung über den Toleranzgedanken‘, über eine uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit aus. So gilt in Lessings 1779 veröffentlichtes Drama „Nathan der Weise“ die Ringparabel als eine zeitgenössische Formulierung des Toleranzgedankens, bezogen auf die drei großen monotheistischen Religionen. Das bedeutet Toleranz eines jeden Menschen hinsichtlich seiner Religion und Meinung.

      Und heute? Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck fasst das ganz prima zusammen: Toleranz meint keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken und Tun anderer, sie bedeutet auch nicht Nachgiebigkeit und Akzeptanz anderer Meinungen. Die Betonung liegt auf dem friedlichen und respektvollen Zusammenleben der Menschen mit ihren Unterschieden. Tolerant wird aber erst erforderlich bei einem Zusammenleben, das wegen der Unterschiede nicht als bereichernd, sondern sogar als belastend empfunden werden kann, also trotz der Unterschiede. Es ist nicht selbstverständlich, Toleranz zu üben und sie muss im Zusammenleben erst erlernt werden.

     Er meint: Die Fähigkeit und Bereitschaft, das Anderssein des anderen ist zu akzeptieren und auszuhalten. Toleranz lässt das andere und den anderen leben. Ohne Toleranz hätte sich die Menschheit aufgrund ununterbrochener Kämpfe längst selbst vernichtet.

   Es gibt unterschiedliche Arten von Toleranz:

      Toleranz bei Differenzen: Toleranz wird erst dann erforderlich, wenn jemandem eine Differenz gegenüber dem anderen erkennbar stört. Toleranz ist dann nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit zu setzen. König Friedrich II. von Preußen hat das kleine Sprichwort geprägt: „Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden.“

     Toleranz als Zumutung: Das Gebot von Toleranz fordert von allen Seiten auf, zu ertragen, zu erdulden, zu respektieren, aber nicht gutzuheißen. Wir alle sind aufgefordert, z.B. die Geschlechtsidentität (z.B. während der Arbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit) des anderen anzuerkennen. Muslime sind in einer Demokratie angehalten, ebenso die Religionsfreiheit oder Lebensweisen anderer anzuerkennen.

    Toleranz als Duldung kann z.B. in einem muslimischen Land die Duldung von nichtmuslimischen Bürgern sein. Dabei sind sie aber immer abhängig vom Grad der Duldung. Auch in einer Demokratie gibt es Toleranz als Duldung, z. B. ein Oben-Unten-Verhältnis, Chef und Arbeiter, Direktor und Untergebener. Der eine legt fest, der andere muss die Anweisung dulden. Wie Gauck feststellt, bedeutet die Gleichberechtigung der Akteure nämlich nicht, dass Inhalte, Ziele und Urteile als gleichwertig erachtet werden. Beispiele dafür sind: Katholiken bzw. viele Leute halten die Abtreibung für eine schwere Sünde, sie müssen sie aber hinnehmen. Die muslimischen Gäste in unserer Moschee müssen hinnehmen, dass ich als Frau predige und vorbete, da wir in einer Moschee sind, deren Mitglieder das gutheißen, also als richtig erachten, auch wenn der Gast darin eine Missbilligung sieht. Toleranz als Duldung muss nicht beleidigend sein. Beleidigend wird Missbilligung erst dann, wenn hässliche Worte fallen.

   Toleranz als Koexistenz: Diejenigen Personen oder Gruppierungen, die toleriert werden, verdanken dies meist ihrer eigenen Stärke, die ihr Gegner nicht bekämpfen kann, oder durch politische Einsicht, die sie zur friedlichen Kooperation zwingt, etwa während der Zeit von Nichtangriffspakten.

     Für Diskriminierungen jeglicher Art darf es keinerlei Toleranz geben. Aber Toleranz ist erlernbar und sie muss von jedem Einzelnen, von jeder Gesellschaft immer wieder neu erworben werden, da sie ja immer wieder durch ‚Andere‘ konfrontiert werden und sie darauf reagieren müssen. Aber sie gibt auch die Chance, durch das ‚Neue‘ sich auf

     Nun will ich eine Brücke schlagen zur Sure 109, „al-Kafirun“- „Die Ungläubigen“.

Viele muslimische Gruppen weisen mit dieser Sure darauf hin, dass der Islam keine religiöse Toleranz kennt.

„Sprich: Oh ihr Ungläubigen!

Ich verehre nicht, was ihr verehrt,

Noch verehrt ihr, was ich verehre.

Und ich werde nicht verehren, was ihr verehrt,

Noch werdet ihr verehren, was ich verehre.

Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

    Die Sure richtet sich an Ungläubige und sie ist an die Mekkaner gerichtet. Aber dennoch will ich anmerken, dass ich die Bezeichnung ‚Ungläubige‘ nicht ganz für richtig erachte, denn sie glaubten ja ebenfalls, wenn auch an viele Götter, unter anderem an den Einen, an Allah. In dieser Sure, die mit der Aufforderung „Sprich“ beginnt, legt Gott seinem Propheten Mohammad die Worte in den Mund, die er an seine mekkanischen Landsleute richten soll. Ihnen soll einfach nur deutlich klargemacht werden, dass Mohammad einen anderen Glauben hat als sie, mehr nicht, keine Abwertung, nur eine Feststellung. Der letzte Vers leitet daraus die Forderung ab: „Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

       Es geht hier nicht um irgendwelche Religionsfreiheit, sondern lediglich um Mohammeds eigene Religion.  Er predigte eine neue Religion, den Islam, der auf einem strikten Monotheismus beruhte. Deswegen waren die vielgläubigen Mekkaner darüber empört und begannen Mohammed anzufeinden. Dagegen verwahrt er sich in dieser Sure und besteht auf das Recht auf seinen eigenen Glauben. Muhammad musste zu diesem Zeitpunkt noch die Vielgläubigen bis zu einem Zeitpunkt dulden, aber er konnte mahnen.

    Mir gefällt die Übersetzung von Muhammad Asad besser:      

 Sag!: Oh ihr, die ihr die Wahrheit leugnet!

 Ich bete nicht an, was ihr anbetet.

Und ihr betet auch nicht das an, was ich anbete.

Und ich werde nicht das anbeten, was ihr angebetet habt,

und ihr werdet auch nicht das anbeten, was ich anbete.

Für euch euer Moralgesetz, und für mich meines.“

     Ich kann die Sure auch so sehen: Es gibt unter den Zuhörern auch Christen wie du Hans. Sie glauben an die Dreifaltigkeit. Für mich ist Jesus nur ein verehrter Prophet. Du denkst so und ich so, aber ich kann deinen Glauben tolerieren und du kannst meinen Glauben tolerieren, denn wir beide glauben an den einen Gott. Unsere Handlungen sind das letzte Indiz und deswegen kann ich dich sogar akzeptieren, das Höchste der Toleranz. Das soll schon ein Hinweis auf meine nächste Predigt sein.

   Zusammengefasst: Heute stoßen immer wieder fremde Kulturen und mit ihnen die damit verbundenen Unterschiede, unbekannte Gewohnheiten oder Sitten, verschiedene Meinungen oder politische Ausrichtungen aufeinander. Da ist unbedingt Toleranz gefragt, das Hinnehmen dieser anderen Überzeugungen, Verhaltensweisen, Vorlieben oder gerade in aktuellen Zusammenhängen auch Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Ein tolerantes Verhalten zeigt sich dadurch, dass jeder nachsichtig, respektvoll und freundlich behandelt wird oder seine Religion frei ausleben lässt.

Man kann ein anderes Verhalten vielleicht nicht ganz nachvollziehen oder verstehen, doch anstatt den anderen eines Besseren belehren zu   wollen oder diesen gar zu verspotten oder zu verachten, kann man die Unterschiede hinnehmen und dulden.

    Übrigens, mir gefällt, was der Islamwissenschaftler Milad Karimi festgestellt hat: Wir Deutschen sind ein bequemes Volk geworden, waren zufrieden mit unserem Glück, Frieden und Freiheit. Plötzlich wurden wir aus unserem Dornröschenschlaf herausgerissen durch Flüchtlinge, die mit einem Mal vor unserer Haustür standen. So richtig konnten wir nichts mit ihnen anfangen, die einen hießen sie willkommen, die anderen wollten sie lieber wieder loswerden. Aber ob wir es wollten oder nicht, alle mussten ihre Komfortzone verlassen und sich mit fremden Einflüssen auseinandersetzen. Und das bedeutet für unser Land eine große Chance in vielerlei Hinsicht.

Manaar

                                                                                                                 

Bobby Burch

Noah

 

Eine Khutba über den Propheten Noah

 

Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Seid herzlich begrüßt zum heutigen Freitagsgebet.

Bobby Burch
Bobby Burch

In meiner letzten Khutba ging es darum, woher die Sure Al-Baqara ihren Namen hat, und ich sprach in diesem Zusammenhang insbesondere über die Kinder Israel und den Propheten Moussa. Dies brachte mich auf die Idee, heute über einen weiteren Propheten zu sprechen. Heute geht es um Nuh, also Noah.

 

Als die Menschheit bereits eine lange Zeit auf der Erde weilte, wurde sie wohl recht selbstsicher in ihrem Tun und muss recht wohlhabend gewesen sein, denn Allah entsandte seinen ersten Propheten nach Adam. Noah gehört zu den großen, oder bekanntesten, von ihnen. Die weiteren sind Ibrahim, Moussa, Issa und Mohamed. Abraham, Mose, Jesus und Mohamed. Aber warum werden überhaupt Propheten zu uns gesandt?

 

Im Laufe der Menschheitsgeschichte sandte Allah immer dann Propheten zu uns, wenn wir uns als Menschen an bestimmten Regeln vergingen oder wesentlichen Irrtümern erlagen. Der erste Irrtum ist die Annahme, keinen Gott zu brauchen, selbst Schöpfer unseres Glücks sowie unseres Reichtums zu sein. Dazu gehört auch, aus Überheblichkeit die Armen nicht am eigenen Einkommen zu beteiligen, sondern in selbstgefälliger Manier unsere Besitztümer als rechtmäßiges, uns frei zur Verfügung stehendes Eigentum zu betrachten. Die Reichhaltigkeit unserer Speisen beispielsweise nicht darauf zurückzuführen, dass wir durch Allahs Barmherzigkeit und Liebe versorgt werden, sondern in undankbarer Weise davon auszugehen, dass sie uns mit größerer Selbstverständlichkeit zustehen als anderen.

Ein weiterer Irrtum, der immer mal wieder Propheten auf den Plan ruft, sind unterdrückerische Praktiken, auch z.B. im Bereich der Sexualität. Hierzu gehört, Menschen zu benutzen, statt in einvernehmlicher Weise mit ihnen zu verkehren. Den Propheten geht es um die Anerkennung der Menschen mit ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit statt Ausbeutung. Ausschweifungen und Unterdrückung, also das Fehlen der Wertschätzung des Anderen, oder der Schöpfung insgesamt, sind Verhaltensweisen, sind sozusagen Exzesse, die zur Religion der Mitte nur wenig passen. Dankbarkeit, Wertschätzung und Gerechtigkeit werden angemahnt.

 

Offensichtlich ist es ein weiterer Fehler, Allah andere Götter zur Seite zu stellen. Mit scheinbar unbarmherziger Strenge weist Allah uns zurecht, wenn wir Götzen verehren. Uns ist inzwischen längst klar, dass damit in der heutigen Welt weniger die selbstgemeißelten Steingötterchen vergangener Jahrhunderte gemeint sind, als vielmehr unsere Vergötterung aller möglichen Dinge. Die Vergötterung unserer materiellen Statussymbole, unseres Aussehens, unserer Kinder, unserer Ansichten, unserer Selbst. Es ist erstaunlich, dass nicht jetzt gerade jemand unterwegs ist, uns als Prophet oder Prophetin zu begegnen und auf unseren recht mächtigen Egozentrismus zu verweisen.

 

So waren also die Leute in der Zeit von Noah uns hier und heute nicht sehr unähnlich, aber uns vielleicht in ihrer Überheblichkeit und Intoleranz noch weit voraus. Allah sandte Noah zu ihnen, damit er ihnen erkläre, dass sie vor einer drohenden Vernichtung errettet werden könnten, wenn sie abließen von der Verherrlichung und Heiligung ihrer selbst ernannten Götter. Shirk ist das arabische Wort dafür, andere Götter neben Gott zu stellen. Ich möchte noch einen Moment bei diesem Gedanken verweilen, bevor ich in der Geschichte weitergehe, weil ich ihn befremdlich finde. Es hört sich so ganz nach einem patriarchalischen, eifersüchtigen Gott an, der keinen anderen Gott neben sich duldet. In meiner eigenen Auseinandersetzung  kann ich dem Konzept der Absolutheit des Monotheismus, dann Sinn entnehmen, wenn es darauf verweisen will, dass es viele Namen für Gott gibt und viele unterschiedliche Ansichten über ihn, doch es immer dasselbe Wesen oder Wesenhafte ist, auf das wir uns beziehen. Die Deutung des strengen Gebots des Monotheismus hat sich also in den Jahrhunderten verändert. Ging es früher darum, keine selbstgebauten Götzen anzubeten, geht es heute zum Einen darum, das Selbst und das Materielle nicht zu vergöttern, zum Anderen um die Erkenntnis, dass alle Menschen, die an einen Gott glauben, darin geeint sind, denn es gibt nur diesen einen. Ist er Energie und wir tragen diese Energie in uns, sind wir alle vom göttlichen durchdrungen. „Alle“ heißt dann, dass kein Grund zur Überheblichkeit besteht.

 

Vordergründig sieht es so aus, als schicke Allah Propheten und Engel als Boten von Vernichtungsszenarien und Höllenfeuer. Doch ist dies, so glaube ich, unsere kulturelle und gewissermaßen selbstgewählte Perspektive oder selektive Wahrnehmung oder Lesart. Doch dazu später mehr. Nun zur Geschichte.

 

950 Jahre lang sprach Noah zu dem Volk bei dem er lebte, dass es sich dem einen Gott zuwenden solle. Es solle ablassen von seinem arroganten Gehabe und von der Vorstellung, ein Recht auf Reichtum zu haben. Es solle ablassen von der Vernachlässigung der Armen und solle Gott keine Götter zugesellen. Es solle mit gleichem Maß messen und sich in Wertschätzung üben.

 

950 Jahre, eine Zahl, über deren mystische Bedeutung wir nur spekulieren können, bat Noah die Menschen um Einsicht. Doch sie verspotteten ihn und sprachen: „Wenn Allah uns einen Botschafter schicken wollte, hätte er einen Engel geschickt. Du bist nur ein einfacher Mensch“. Und sie sahen, dass die Armen Noah folgten und an ihn glaubten. Daher spotteten sie noch mehr und sagten, siehst du nicht, dass dir nur die Armen folgen? So ist deine Botschaft für uns einflussreiche Menschen bedeutungslos. Wir sind uns selbst genug und brauchen deinen Gott nicht. Auch Noahs Ehefrau war von ihrer Eigenmächtigkeit überzeugt, sowie auch einer seiner Söhne.

 

Nach 950 Jahren endlich sprach Allah zu Noah, er habe die Menschheit nun lange genug gewarnt. Allah würde eine große Flut schicken, die die gesamte Erde bedecken würde und Noah solle ein Schiff bauen, um sich und seine Familie zu retten. Noah hatte vier Söhne. Sem, Ham, Yapeth und Yam. Einer von ihnen, wahrscheinlich Yam, sagte: „Mir wird schon nichts passieren. Wenn eine Flut kommt, steige ich auf einen hohen Berg“.

 

Noah bat ihn, später auch mit einzusteigen, doch er lehnte es von vorneherein ab und änderte bis zum Ende nicht seine Meinung.

 

Allah sagte auch, Noah solle von jedem Tier auf der Erde ein männliches und ein weibliches Exemplar mit auf das Schiff nehmen, damit sie später die Erde wieder bevölkern könnten.

 

Das Volk lachte derweil über ihn: „Noah baut ein Schiff auf einem Berg! Sirt najar ja nuh fakarnak nebi“ Bist du ein Schreiner geworden, oh Noah? Wir dachten du seist ein Prophet?“ Als Noah das Schiff endlich fertiggestellt hatte, sprach er: Vers 41. „Steigt ein in dieses Schiff. Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern. Siehe mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend. Ein Gnadenspender“. Und so begann es zu regnen und die schwarzen Wolken brachen bis die Wasser des Himmels und das Wasser auf der Erde zusammentrafen und die Fluten hoch schlugen.

Inmitten dieser Fluten sieht Noah seinen Sohn auf einem hohen Berg stehen und noch einmal ruft er ihn,  in das Schiff zu steigen. Irkab ja bunnaya. Irkab.

Er ruft nicht „Sohn“ oder „Kind“, sondern er verwendet die Koseform des Wortes Ibni – also Sohn – nämlilch bunnaya. Eigentlich heißt es „Söhnchen“, doch weil dies in der deutschen Sprache eher ein kleines Kind konnotiert, wird bunnaya im Allgemeinen mit „mein geliebter Sohn“ übersetzt. Der Vater sieht sein eigenes Kind von den Fluten überwältigt und ruft in größtem Schmerz: ya bunnaya, irkab ma’ana wa la takun ma’ alkafirun!

 

Vorlesen aus dem Koran 11:41 bis 45

So sagte er zu seinen Anhängern: Steigt ein in dieses Schiff! Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern! Siehe, mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend, ein Gnadenspender!

Und es trieb dahin mit ihnen in Wellen, die wie Berge waren. In diesem Moment rief Noah aus zu seinem Sohn von sich, der sich ferngehalten hatte: O mein lieber Sohn! Steige ein mit uns, und bleibe nicht mit jenen, die die Wahrheit leugnen! Aber der Sohn antwortete: Ich werde mich zu einem Berg begeben, der mich vor den Wassern schützen wird.

Noah sagte: Heute gibt es keinen Schutz für irgend jemanden vor Gottes Urteil, außer für jene, die seine Barmherzigkeit verdient haben.

Und eine Welle erhob sich zwischen ihnen und der Sohn war unter jenen, die ertränkt wurden.

Und das Wort wurde gesprochen: O Erde, verschlinge deine Wasser! Und o Himmel, beende deinen Regen.

Und die Wasser sanken in die Erde, und der Wille Gottes war geschehen, und die Arche kam auf dem Berg Dschudi zum Halten.

Und das Wort wurde gesprochen: Hinweg mit den Leuten, die Übles tun!

Und Noah rief aus zu seinem Erhalter und sagte: Oh mein Erhalter! Wahrlich mein Sohn gehörte zu meiner Familie, und wahrlich, dein Versprechen wird immer wahr, und du bist der Gerechteste aller Richter. ….

 

Vers 48: Daraufhin wurde das Wort gesprochen: Oh Noah! Steige aus in Frieden von Uns und mit unseren Segnungen über dich und über die Leute, die mit dir sind, und die Rechtschaffenen, die von dir abstammen werden und von jenen, die mit dir sind.

 

Als Noah also lange auf dem Wasser getrieben ist, beginnt er, jeden Tag eine Taube auszuschicken. Eines Tages kommt sie zurück und hat einen Olivenzweig im Schnabel. Da weiß er, dass die Fluten sich senken. Wieder und wieder entlässt er die Taube. Und als sie eines Tages mit Erde an den Füßen zurückkehrt, verlassen die Geretteten endlich das Schiff. Sie lassen sich nieder, um die Erde zu bevölkern.

 

Die Geschichte Noahs lässt sich lesen, gebrauchen und missbrauchen als Geschichte über den unbedingten Gehorsam gegenüber einem unbarmherzigen Gott, der darauf aus ist, uns zu strafen und letztlich zu vernichten, wenn wir nicht genau das tun, was er erwartet. Die Geschichte reiht sich ein in die von Ibrahim, der seine Frau Hagar in die Wüste bringt, gottergeben bereit ist, seinen Sohn zu opfern, oder die von Yunis, der seine Zeit im Wal verbringt, statt gleich nach Ninive zu gehen, wie es ihm befohlen wurde, oder Hud, der nicht lange nach Noah zu dem militanten Stamm der Aad kommt. So birgt die Geschichte als eine über den unbedingten Gehorsam eine immense Gefahr, doch genau diese Lesart scheint unvermeidlich. Das liegt aber eben nicht daran, dass die Geschichte Noahs Gehorsam und Strafe so stark betont, sondern daran, dass wir gewohnt sind, sie so zu verstehen. Unser Lesen ist immer kulturelles Lesen, d.h. wir lesen die Geschichte so, weil wir in unserer realen Welt genau dieses Muster finden. Jeder kennt es – von zu Hause, aus der Schule, von überall. Wenn du nicht gehorchst, musst du auf dein Zimmer gehen, werden dir Privilegien entzogen. Wenn du nicht machst, was Mama sagt, ist sie traurig, und du hast ein schlechtes Gewissen. Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, bekommst du schlechte Zensuren, wird nichts aus dir, wirst du in den Anforderungen des Lebens ertrinken. Dies sind unsere verinnerlichten Philosophien. Beim Lesen der Geschichte von Noah erkennen wir unseren Alltag wieder und sie erscheint uns als stimmig. Doch bringt unsere Realität überhaupt erst diese Deutung hervor, und diese Deutung schafft wiederum unsere Realität.

Was sich wie logische Stimmigkeit anfühlt ist damit eigentlich eine Tautologie, d.h. die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz. Ein Teufelskreis.

 

Es gibt aber doch noch andere Deutungen. Noahs Arche wird oft als riesiges rundes Schiff dargestellt. Das menschliche Unterbewusstsein hat diese keineswegs selbstverständliche Form sehr passend ausgewählt und hier nämlich ganz richtig festgestellt, dass es sich metaphorisch um einen riesigen Uterus handeln kann. Die Arche ist der mythologische Bauch der Schöpfung, in den stets ein männliches und ein weibliches Teil eintreten, Sperma und Ei sozusagen, um aus diesem Bauch letztlich eine neue und gute Schöpfung hervorzubringen. So wie die Frau das Kind gebiert, gebiert die Arche die Schöpfung. Es ist eine gute Schöpfung, denn alles Schlechte wird zurückgelassen.

Dabei ist es auch bemerkenswert, dass von allen Tieren je ein Männlein und ein Weiblein eintreten, außer von den Menschen. Hier kann jeder dabei sein, der gerne möchte. Gott hat zwar alles vorbestimmt, doch wird hier zugleich unser eigener Wille betont, so zu handeln, wie wir es gerne möchten. Wer eintreten mag, ist herzlich willkommen. Während die  zurückbleibenden Tiere verenden, egal ob sie Gutes oder Schlechtes getan haben, wird der Mensch nur dann zurückgelassen, wenn er nicht einsteigen mag. Möchte er jedoch einsteigen, so steht ihm dies jederzeit frei, ohne einen Blick auf die Vergangenheit. Die Arche kann damit gedeutet werden als Befreiungssymbol, Symbol der Möglichkeit steter Erneuerung jedes Einzelnen. Wenn du magst, steig ein. Ändere jederzeit dein Leben, gebäre dich neu.

Ich möchte noch eine andere kurze Deutung anfügen, eine, die wir auch in unserer Realität wiederfinden. Als ich bereits meine ersten vier Kinder bekommen hatte, ging ich zurück zur Schule, machte mein Abitur. Anschließend studierte ich an der FU, bekam währenddessen zwei weitere Kinder, und so zog sich die ganze Bildungszeit über gut 15 Jahre hin. So gut wie ausnahmslos jeder machte sich damals über mich lustig und meinte, ich würde pensioniert werden, bevor ich überhaupt zu arbeiten begänne. Kein Mensch glaubte daran, dass ich irgendwann in meinem Beruf arbeiten würde. Als schließlich alle Prüfungen bestanden waren, begann ich zu arbeiten – in meinem Beruf. Und das tue ich noch heute. Wie Noah, der seine Arche baute, weil er es wollte, arbeitete ich beständig an meiner Qualifikation, weil ich es wollte. Ungeachtet des Spotts, der in meinem Fall zum Glück nicht wirklich boshaft war.

Seyran arbeitet an etwas, was noch viel mehr Spott – auch boshaften Spott – erntet und bleibt dennoch dabei. Sie ist von ihrer Mission überzeugt. Keiner muss einsteigen, aber wer möchte, ist willkommen.

Vielleicht hat jeder seine Arche und baut daran, und die Geschichte sagt uns, am Ende sind wir glücklich. Am Ende der manchmal mühseligen Arbeit sehen wir Land mit Olivenzweigen , und unsere ausgesandten Tauben haben Matsch an ihren kleinen Füßchen – wir können an Land gehen. Die Geschichte Noahs ist keine Geschichte über den Gehorsam, sondern eine Geschichte über die selbstverantwortliche, freudvolle, manchmal mühselige  Gestaltung unserer eigenen Welt, ungeachtet der Bewertungen anderer. Noahs ist nicht die Geschichte von Gehorsam, sie ist vielmehr eine Geschichte über  Empowerment und Selbstverwirklichung. Und wer einsteigen möchte, ist willkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doruk Yemenici

Al Baqara

Al Baqara

 

Doruk Yemenici
Doruk Yemenici

Seit diesem Schuljahr habe ich die Dritte. Das heißt ich bin Klassenlehrerin der dritten Klasse einer Berliner Grundschule. Wir Lehrerinnen sagen nicht: „Ich arbeite als Lehrerin“, wir sagen: „Ich bin Lehrerin“. Es ist eine freundliche Geste des Berliner Senats, uns für das zu bezahlen, was wir sind. Andere Angestellte werden für das bezahlt, was sie tun.

Um ihr Wohlbefinden bemüht, frage ich meine Drittklässler am Ende jeden Schultages, was ihnen denn heute am besten gefallen habe. Natürlich kommt immer wieder: Die Pause, das Mittagessen, aber auch die Deutschstunde oder die Mathestunde, und das selbst, wenn der Stoff hart erarbeitet oder geduldig geübt werden musste. Kinder lernen gerne. Wenn man ihnen in der Schule nichts Vernünftiges zum Lernen anbietet, werden sie unruhig und gehen einem mächtig auf die Nerven.

Dabei hat jeder seine eigenen Vorlieben und Talente. Werde ich gefragt, was früher mein Lieblingsfach war, so sage ich immer „Englisch“. Unsere Lehrerin gab uns damals englische Namen, ich hieß leider Susan, aber immerhin nicht Susanne, und wir schlüpften in die Rolle englischer Kinder der 1970er Jahre. Es machte unendlich Spaß. Heute arbeite ich an einer Deutsch-Amerikanischen Schule, und das ist sicher kein Zufall. Meine Liebe zum Fach Englisch hat sich auf den Beruf ganz direkt ausgewirkt.

Mein anderes Lieblingsfach, und das hatte ich bis Mittwochabend vollkommen vergessen, war der Religionsunterricht. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ja nun hier in der Moschee genau das tue, wozu mein Lieblingsfach Englisch in der weltlichen Welt geführt hat. Ich bin Imamin. Ich arbeite hier nicht als Imamin, sondern ich bin eine. Das hatte ich nicht miteinander in Verbindung gebracht. Die eigene Lebensgeschichte mag für uns selbst nicht immer von großem Interesse sein, doch lohnt es sich vielleicht, sie hin und wieder zu betrachten, um ihr Freude oder Sinnhaftigkeit zu entnehmen.

 

Seit Oktober bieten wir in der Moschee einmal im Monat ein Freitagsgebet auf Englisch an. Die Integration verschiedener Lebensbereiche oder Kulturanteile unserer Selbst trägt dazu bei, uns als integre und vollständige Persönlichkeiten zu empfinden. Das führt zu einer kraftvollen Selbstverortung in der Gesellschaft. Brüche hingegen, also abgebrochene Existenzanteile, durch Flucht oder durch Nichtbestehen von Prüfungen oder durch die Scheidung sind für uns auch deshalb schwierig, weil dadurch Lebensabschnitte als sinnlos empfunden werden, als falsche Wege, die man gewählt hat, oder die man gegen seinen Willen wählen musste. Der Moment, in dem man seine geschichtlichen Anteile miteinander sinnvoll verbinden kann, führt zum einem effektiven Selbstkonstrukt, also dem Aufbau einer integren Identität. Man muss nur aufpassen, dass man dann nicht auf Neues verzichtet, weil es nicht zu einem zu passen scheint. Selbsterweiterung ist ein nicht weniger wertvolles Ziel.

 

Im Religionsunterricht meiner Kindheit hörten wir gern die Geschichten des alten Testaments. Es waren interessante und oft mystische Geschichten, zu denen wir Bilder malten von Ähren und Kühen, und wunderbaren biblischen Gestalten in gestreiften Umhängen. Oft schaute ich während des Unterrichts aus dem Fenster und fand, beim Religionsunterrichts war das Wetter immer schön. Ich erinnere mich sogar an einen speziellen Tag, an dem die Wärme der Sonne auf meinen Tisch im Klassenraum schien und ich das Gefühl hatte, direkt mit dem Kosmos und seiner liebenden Wärme verbunden zu sein. Damals war ich nicht älter als sieben, acht Jahre alt. Meine Liebe zu Gott wurde maßgeblich durch die Atmosphäre geprägt, die beim Hören von Geschichten an warmen Sommertagen entsteht, von Lehrerinnen in geblühmten Kleidern, und vom erlaubten Eintauchen in leicht geführte Welten der Fantasien.

Dass wir Menschen Geschichten lieben, habe ich schon in mehr als einer Khutba gesagt. Wir finden uns darin manchmal wieder, und freuen uns darüber. Aber manchmal bleiben sie ganz weit entfernt von unserer Wirklichkeit, und dennoch sind sie faszinierend und wundervoll.  Es liegt nicht nur an ihrem Inhalt, dass Geschichten etwas mit unserer Seele tun, sondern ebenso an der Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer. Diese Interaktion empfinden wir oft als wertvoll. Heute erzähle ich euch eine Geschichte. Wir finden sie in Sure Al Baqara, der  längsten Sure des Korans.

Als die Bani Israel vierzig Jahre mit dem Propheten Moussa in der Wüste umherirrten, wurde eines Tages ein Mann getötet. Die Menschen standen um ihn herum und fragten sich, wer ihn wohl getötet habe. Sie sprachen: „Gehen wir zu Moussa, er spricht direkt mit Gott. Lass ihn Gott fragen, was wir tun sollen.“

So wandte sich Moussa an Gott und fragte: „Was sollen wir tun? Wie können wir wissen, wer diesen Mann getötet hat und warum er getötet wurde?“ Und als er zu den Bani Israel zurückkehrte sagte er ihnen: „Gott gebietet euch, eine Kuh zu schlachten“.  Doch sie waren mit seiner Antwort nicht zufrieden. Statt eine Kuh zu finden und zu schlachten, gingen sie erneut zu Moussa und erklärten ihm, dass es viele Kühe gäbe, er solle sich bitte noch einmal an Gott wenden, und genauer sagen, welche Art Kuh sie schlachten sollten.

Wieder kehrte sich Moussa zu Allah, und als er zurückkam sagte er: „Die Kuh soll nicht zu alt sein und nicht zu jung. Also geht nun, findet eine passende Kuh und schlachtet sie“.

Doch immernoch waren die Bani Israel unzufrieden und sprachen: „Von denen, die nicht zu jung sind und nicht zu alt gibt es viele. Wende dich an Allah und sag uns: Welche Farbe soll die Kuh haben?“.

Als Moussa von Allah zu den Bani Israel zurückkehrte sprach er, sie solle gelb sein. Ein schönes Gelb solle sie haben, ein Gelb, dass das Auge erfreut. Doch selbst dies war noch nicht genug für die Bani Israel. So machte es Allah nicht leicht für sie und wollte nun eine Kuh, die weder zum Bearbeiten des Ackers genutzt wurde noch zur Bewässerung der Felder. Eine makellose Kuh sollte es sein.

Endlich waren die Bani Israel zufrieden. Sie gingen, um genau diese Kuh zu finden und fanden sie auch, die einzige Kuh, die so aussah, wie Gott es von ihnen verlangte.

Die Kuh hatte einen Besitzer. Sie gehörte einem Waisenjungen, genauer, einem Halbwaisen. Als dessen Vater starb, gab er sein Kind und seine Frau in die Obhut Allahs und betete, dass Allah sie beschützen möge. Zu seiner Frau sagte er: „Ich habe nur dieses Kalb für unser Kind, doch ich traue den Menschen nicht. Schicke das Kälbchen in den Wald.

Dort blieb es. Immer, wenn ihm jemand zu nahe kam, lief es fort. So konnte es von niemandem genommen werden.

 

Als der Junge ein gewisses Alter erreicht hatte, sagte seine Mutter, er solle in den Wald gehen, um die Kuh zu holen. Wie sollte er das bewerkstelligen? War sie doch allen anderen Menschen stets davongelaufen? Doch als er den Wald betrat, lief die Kuh direkt zu ihm. Er war es, zu dem sie gehörte.

 

Zur selben Zeit aber suchten die Bani Israel eine Kuh, die genau so aussah wie diese, die einzige. Sie fanden den Jungen und baten ihn um die Kuh. Als der Junge sah, wie wichtig ihnen genau diese Kuh war, bot er an, sie ihnen zu verkaufen. Der Preis der Kuh war ihr Gewicht in Gold.

Die Bani Israel zahlten den Preis, denn es war ein Gebot Gottes, genau so eine Kuh zu schlachten. Anschließend sprach Moussa zu ihnen, sie sollen der Kuh ein Stück Fleisch entnehmen und den getöteten Mann damit berühren. Dieser Teil der Geschichte ist kontrovers, und es gibt eine alternative Deutung, nach der es nicht um die Berührung mit dem Fleisch geht, sondern um das kollektive Bemühen. Doch dies soll nicht Thema meiner Khutba sein.

Für einen kurzen Moment wurde der Mann wieder lebendig, um zu erzählen, wer ihn getötet hatte. Er stand auf und sagte, es sei sein Neffe, der nicht länger auf sein Erbe habe warten wollen und ihn daher erschlagen hatte. Dann verstarb der Mann entgültig.

Die Geschichte endet hier und überlässt uns einen Mythos von der Wiederbelebung eines Menschen durch das Schlachten eines Tieres. Doch halte ich diesen Aspekt der Geschichte für weniger wichtig. Wichtiger scheint mir, dass es ein Mythos von Moussa ist, und dieser von Allah genaue Bedingungen bezüglich des Schlachttieres empfängt.

Kinder hören Geschichten einfach so. Wir Erwachsene wünschen uns, einen Sinn dahinter zu finden, der uns gleichsam ermöglicht, Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Wir suchen die Moral der Geschichte, damit sie uns den Weg weisen kann. Meine persönliche Deutung ist diese:

Allah hat eine einfache Anleitung gegeben. Eine Kuh sollte gefunden werden. Der zu begehende Weg war einfach. Findet eine Kuh und schlachtet sie.

So sind die meisten Aufgaben Allahs einfach. Es ist das Große Ganze, was zählt, nicht die Kleinigkeiten. Ob die Kuh jung war oder alt, ob sie groß war oder klein, all dies war Allah nicht wichtig. Er benannte es erst, als die Menschen darum baten, bzw. mehr noch: als sie darauf bestanden. Allah wäre mit jeder Kuh zufrieden gewesen. Werden wir in unserem Alltag zu penibel in unseren Fragen und Haltungen, so erfüllen wir nur einen Selbstzweck. Es würde durchaus reichen, die Dinge einfach so zu tun, wie sie uns nicht zu schwer fallen.

Sure Al Baqara erzählt in vielen Versen, dass Juden, Christen und Muslime gleichermaßen von Allah geliebt werden. Dass keiner sagen solle, die eigene Religion sei besser als die eines anderen. Es geht um das Große Ganze, nicht um Kleinigkeiten. Ja, wenn wir möchten, gibt uns Allah genaue Anweisungen, aber sie sind nicht besser oder schlechter als andere Anweisungen, nicht einmal besser als gar keine Anweisungen. Diese Freiheit wird uns manchmal von Schwestern und Brüdern abgesprochen, die wünschten, wir würden unerhebliche Details auf das Niveau wesentlicher Glaubenssätze erheben. Doch ist der Islam viel einfacher als Mancher glaubt.

 

Der Islam ist der Weg der Mitte, und zwar der Mitte in zwei Aspekten. Zum einen ist es der Weg der Mitte zwischen dem sehr orthopraktischen Weg der Juden, deren antiker Alltag geprägt war von strengen, nicht immer einsichtigen Regeln und dem andererseits vollkommen vergeistlichten Weg der Christen, die Regeln, außer den zehn Geboten, nur noch sehr geringen Wert beimessen. Das muslimisch angemessene Verhalten liegt also zwischen der besonderen Fokussierung auf externe Regeln und dem Aufgeben aller Regeln.

Zugleich ist der Islam die Religion der Mitte im Sinne einer Abkehr von jeder Härte. Dies stellt eines der Hauptthemen der Sure dar. Im Folgenden verlese ich eine Sammlung von Versen darüber, dass die Härte stets von uns genommen wird, wenn es um die Einhaltung von Regeln geht.

 

In Vers 185 lesen wir über das Fasten im Ramadan:

Darum, wer immer von euch diesen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten; aber wer krak ist oder auf einer Reise , soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet.

187

Es ist euch erlaubt, während der Nacht vor dem Fasten am Tag zu euren Ehefrauen einzugehe: sie sind wie ein Gewand für euch, und ihr seid wie ein Gewand für sie. Gott ist gewahr, dass ihr euch selbst dieses Rechts beraubt haben würdet, und so hat er sich euch in seiner Barmherzigkeit zugewandt und diese Härte von euch hinweggenommen.

178

Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt, gerechte Vergeltung ist für euch verordnet in Fällen der Tötung… Und wenn einem Schuldigen etwas von seiner Schuld erlassen wird, soll dieses Erlassen mit Fairness befolgt werden und die Entschädigung soll seinem Mitmenschen auf gefällige Weise geleistet werden. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und ein Akt seiner Gnade.

139

Sag zu den Juden und den Christen: Streitet ihr mit uns über Gott? Er ist doch unser Erhalter ebenso wie euer Erhalter – und uns werden unsere Taten angerechnet werden und euch eure Taten; und ihm allein widmen wir uns.

136

Sagt wir glauben an Gott und an das, was uns von droben erteilt worden ist, und das, was Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und ihren Nachkommen erteilt worde ist, und das, was Moses und Jesus gewährt worden ist, und das, was allen anderen Propheten von ihrem Erhalter gewährt worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnem und Ihm, also Gott, ergeben wir uns.

143

Und also haben wir gewollt, dass ihr eine Gemeinschaft des Mittelweges seid, auf dass ihr mit eurem Leben  Zeugnis für die Wahrheit vor aller Menschheit geben möget.

 

Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die sich Geschichten erzählt. Eine Gemeinschaft, die sich umeinander kümmert und sich umeinander bemüht, damit möglichst viele unserer Geschichten fröhliche Geschichten sind. Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die Andere akzeptiert und mit ihnen in einen freundlichen Dialog tritt, aus Interesse am Anderen und der eigenen Entwicklung des Denkens und Verstehens. Eine Gemeinschaft des Mittelweges verliert sich nicht in Details sondern weiß um das Große Ganze, beim Verrichten aller Tätigkeiten des Alltags und der Religion  und verliert dabei nie aus den Augen, was es bedeutet, Muslim zu sein – sich vor Gott zu verneigen, physisch und metaphysisch.

 

Die Sure Al Baqara endet mit den Versen 284 bis 286

Gott gehört alles, was in den Himmeln ist, und alles, was auf Erden ist. Und ob ihr offenlegt, was in eurem Geist ist, oder es verbert, Gott wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen; und dann wird er vergeben, wem er will. Und er wird strafen, wen er will; denn Gott hat die Macht, alles zu wollen.

Der Gesandte und die Gläubigen mit ihm glauben an das, was ihm von droben erteilt worden ist von seinem Erhalter. Sie alle glauben an Gott und seine Engel und seine Offenbarungen und seine Gesandten, ohne einen Unterschied zwische irgendeinem Seiner Gesandten zu machen und sie sagen: Wir haben gehört und wir geben acht. Gewähre uns deine Vergebung oh unser Erhalter, denn bei dir ist aller Reisen Ende!

286

Gott belastet keinen Menschen mit mehr, als er gut zu tragen vermag. Zu seinen Gunsten wird sein, was immer er Gutes tut, und gegen ihn, was immer Übles er tut.

Oh unsser Erhalter! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder unwissentlich Unrecht tun. Oh unser Erhalter, erlege uns nicht eine solche Last auf, wie du sie jenen auferlegt hast, die vor uns lebten. Oh unser Erhalter, lasse uns nicht Lasten tragen, die wir zu tragen keine Kraft haben. Und tilge du unsere Sünden, und gewähre uns Vergebung, und erteile uns deine Barmherzigkeit.

Im Gebet wenden wir uns nun zu Allah in Dankbarkeit und denken an die Worte: Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Dies ist auch ein Vorbild für uns im Umgang mit Anderen. Nicht mehr zu erwarten, als jemand frei und von sich aus anbieten kann, ist der Erwartung großer Leistungen vorzuziehen. Wenn wir uns ein Beispiel am Koran nehmen möchten, können wir es unseren Mitmenschen ein wenig leichter machen, indem wir unsere Erwartungen niedrig halten und dann all das wertschätzen, was uns von Herzen gegeben oder an uns herangetragen wird. Gnade, Barmherzigkeit, Vergebund und Erleichterung sind Beziehungswörter – Wörter der Beziehung zwischen Gott und den Menschen und Wörter der Beziehungen zwischen den Menschen untereinander. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung.

Marius Badstuber

Eine Khutba über das Wohnen?

Eine Khutba über das Wohnen?

Marius Badstuber
Marius Badstuber

Als ich vor nicht allzu langer Zeit mit meinem Partner am Fluss spazieren ging, war die Stimmung zwischen uns recht eisig. Um uns einander etwas näher zu bringen fragte ich ihn, worüber ich denn meine nächste Khutba halten könne. „Keine Ahnung“, antwortete er gelangweilt. Also schauten wir auf die Häuser entlang des Ufers, und ich schlug etwas scherzhaft vor, eine Khutba über das Wohnen zu schreiben, worauf er sagte, das sei ganz und gar keine gute Idee. Es würde Menschen nur stressen, weil sie vielleicht in ungüstigen Bedingungen wohnen, oder gar keinen angemessenen Wohnraum hätten.
„Gerade deshalb“, dachte ich mir, „wäre eine Khutba über das Wohnen nicht so uninteressant“. Das Wohnen in geschütztem Wohnraum ist zwar ein Menschenrecht, aber im deutschen Grundgesetz nicht als Recht auf eine Wohnung verankert, sondern lediglich, aber immerhin, als Recht auf ein Dach über dem Kopf in irgend einer Art Unterkunft. Das kann natürlich auch ein Mehrbettzimmer in einer Notunterkunft sein. Ich dachte darüber nach, dass Wohnraum mehr heißt, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Wohnraum ist ein geschützter Ort, an dem man ganz man selbst sein kann. Hier kann man singen, tanzen, komische Dinge tun, ohne dass es jemanden etwas anzugehen habe. Wohnraum ist auch der Ort, an dem man nach der Arbeit mit seinem Partner, seiner Partnerin, zusammenkommt, um sich auszuruhen und sich gegenseitig Geborgenheit und Sicherheit, Liebe, Freude und Mitgefühl zu schenken.

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُمْ مِنْ أَنْفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُمْ مَوَدَّةً وَرَحْمَةً ۚ إِنَّ فِي ذَٰلِكَ لَآيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُون

 

Und es gehört zu Seinen Zeichen, daß Er euch aus euch selbst Partnerwesen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.

Am Ende unseres Spaziergangs war die eisige Mauer zwischen mir und meinem Freund nicht verschwunden, sondern manifestierte sich als permanente Trennungsmauer. Er sagte mir, dass sich meine Wünsche nach einer festen Beziehung nicht erfüllen würden – und zwar weder jetzt noch in Zukunft. Ich ging nach Hause, verkroch mich unter der Bettdecke und wollte an nichts denken, am allerwenigsten an eine Khutba. Ich wusste überhaupt nichts mit mir oder der Welt anzufangen.

Doch schon am nächsten Tag regte sich ein kleines, fast unhörbares Stimmchen in meiner Brust. Es sprach: Sei du selbst. Und es flüsterte ganz leise: Du hast dich in der Partnerschaft vollkommen verloren. Erinnere dich an deine eigenen Wünsche und Ziele.
Die leise Stimme sagte auch, dass es eine wertvolle und vertraute gemeinsame Zeit war, die ich nicht als vergangen abtun sollte, sondern in mir wertvoll halten solle, als schönste der Erinnerungen. Und nicht zuletzt flüsterte die Stimme, dass dieses Geschehen vielleicht eine Sühne darstellt, für Schmerzen, die ich anderen unabsichtlich, oder gar absichtlich, zugefügt hatte. All diese kleinen Töne wollten gehört werden, und Beachtung finden. Und während ich an meinem heißen Tee nippte, forderten sie mich auf, ich selbst zu sein, sprachen von Freiheit und Freude an selbstgewählten Zielen. Leicht gesagt: Sei du selbst. Wer war das, ich selbst?

Eine Khutba musste geschrieben werden, und in meinem Kopf war ein unbändiges Durcheinander. „Wohnen“, beschloss ich, war ein fantastisches Thema für eine Khutba. Ein vollkommen emotionsloses, faktisches Thema über den Wohnraum des Propheten und seiner Frauen nach der Hidschra in Medina bot sich in diesem emotionsgeladenen Moment geradezu an, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und mein Leben zu meistern. Nun dann….

Wohnen
Als der Prophet Mohamed von Mekkah nach Medina zog, benötigte er Wohnraum für sich und seine Familie. Die immer zahlreicher werdenden Ehefrauen wollten untergebracht werden. So baute er eine Wohnanlage mit einem Innenhof, der eine Gebetsstelle enthielt und um den herum die kleinen Wohnräume seiner Gattinen lagen. Für ein wenig Privatsphäre sorgten lediglich ein paar Vorhänge, anstelle von Türen. Hier lebte Mohamed sein polygames Leben und wurde nach Möglichkeit jeder seiner Frauen gerecht, indem er reihum die Nacht mit ihnen verbrachte. Diesen Ehemann mit neun Frauen zu teilen, hieß, dass man sich auf jeden neunten Tag freuen dufte und auf die sich anschließende Nacht. Es war eines der größten Geschenke, den eigenen Tag an eine der anderen Frauen abzugeben. Sauda z.B., die Mohamed heiratete, als sie verwitwet und schon älter war, entschloss eines Tages, all ihre zukünftigen Tage an Aisha abzugeben, um dem Propheten etwas Gutes zu tun. Doch normalerweise achteten die Frauen eifersüchtig darauf, dass der Prophet ihren Tag in ihrem Wohnraum mit ihnen verbrachte. Ich bemerkte an dieser Stelle wie Ihr, dass ich mich von der Thematik des Wohnraums innerlich bereits entfernt hatte, um weit weniger die räumlichen Gegebenheiten zu betrachten, als das Leben der Gattinen des Propheten. Mein gedanklicher Weg führte mich in ihre Räume hinein, und so kam ich zu Hafsa, der Frau des Propheten und bat sie um ihre Freundschaft, die sie mir gewährte, als sie mir ihre Geschichte erzählte, die mich tröstete in meinem Schmerz, so wie zuvor Aishas Geschichte mich getröstet hatte, in meiner Eifersucht, und Khadijas Geschichte die meine Freude verstärkt hatte, in einer Zeit, als mein Leben besonders fröhlich war.
Hafsa, Tochter von Omar Ibn Al-Chattab und dessen erster Frau Zainab bint Ma’zun, war eine junge Frau unter 18, als sie Khunais heiratet. Dieser starb jedoch nach der Schlacht von Badr und ließ Hafsa im Alter von nicht mehr als 20 Jahren als Witwe zurück. Hafsas Vater Omar wollte sie erneut verheiraten, daher ging er zu Othman und fragte ihn, ob er Hafsa heiraten wolle. Othman war dafür bekannt, gerade eine Frau zu suchen, doch wandt er sich und sagte, er sei gerade nicht an einer Heirat interessiert. Omar ging nun zu Abu Bakr, um ihm dieselbe Frage zu stellen, doch dieser schwieg, was Omar veranlasste, sich beim Propheten über die beiden Sahaba zu beschweren. Doch kaum hatte er seinen Ärger kommuniziert, erfuhr er den Grund: Der Prophet selbst wollte Hafsa heiraten und sowohl Othman als auch Abu Bakr hatten davon gewusst, wollten es aber nicht preisgeben. So zog Hafsa in den Haushalt des Propheten Mohameds ein, und die Freude ihres Vaters war groß.
Hafsa, Ehefrau des Propheten Mohameds hat mir ihre Geschichten erzählt, damit ich die Stimmen in meiner Brust besser hören konnte. Denn ihre Stimmen sprachen ganz ähnliche Wörter wie meine.

Hafsa und Aisha – die Geschichte vom Fasten
Hafsa und Aisha hatten schon einige Zeit nicht mehr genug zu essen gehabt. Das war üblich im Hause des Propheten. Es musste mit sehr wenig ausgekommen werden. An etwa dem fünften Tag beschlossen Aisha und Hafsa nun auch noch, zu fasten. Als jedoch mitten am Tag ein Mann mit einer üppigen, schmackhaften Mahlzeit zu ihnen kam, konnten sie sich nicht zurückhalten. Sie brachen ihr Fasten und aßen davon, nur um gleich darauf zu bemerken, wie sie sich dafür schämten. Als der Prophet nach Hause kam, rannte Hafsa auf ihn zu und erzählte ihm sofort, was vorgefallen war, worauf Aisha sprach: Sie ist ihres Vaters Tochter.
Hafsas Vater Omar war nicht gerade für seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit bekannt. Als patriarchalische Führungspersönlichkeit hatte er wenig Neigung, sich zurückzuhalten, sondern tat seine Meinung gerne und lauthals kund. Zur Illustration: Als er eines Tages einen Streit mit seiner Frau hatte, schrie er sie an, doch zu seinem Entsetzen schrie sie schamlos zurück. „Du wagst es, mir laut zu widersprechen?“, schimpfte er. Da antwortete seine Frau: „Selbst die Frauen des Propheten tun das“.
Sofort vergaß Omar, dass er in einen Streit verwickelt war. Hafsa, seine Tochter, war eine dieser Frauen. Er lief zum Haus des Propheten, suchte seine Tochter auf, und fragte sie, ob dies wahr sei. Sie antwortete, ja es sei wahr, und manchmal sprechen wir den ganzen Tag lang nicht mit Mohamed.
Empört wies sie ihr Vater darauf hin, dass es schönere Frauen gäbe, die sich so etwas vielleicht leisten könnten, Frauen, die in der Gunst des Propheten höher standen. Aber Hafsa solle bitte gehorsam schweigen.
Es war dieser Charakter, den Aisha meinte, als sie Hafsa als Tochter ihres Vaters bezeichnete. Dabei bezog sie sich sicherlich nicht auf den Ärger, sondern die freimütige Äußerung dessen, was in ihrem Herzen wohnte.

Der Name Hafsa bedeutet „kleine Löwin“. Manchmal macht es Spaß, im „Urban Dictionary“ nach Informationen zu schauen – für den Namen Hafsa steht Folgendes. Mit Sicherheit speist es sich aus der eben gehörten Geschichte und einer weiteren, die ich gleich erzählen werde. Nicht ganz ernst nehmen bitte, was nun zunächst folgt. Das Urban Dictionary schreibt:
Hafsa ist ein arabischer Name. Er bedeutet Kleine Löwin. Menschen mit diesem Namen sind mutig und stark. Sie haben eine scharfe Intelligenz. Freundschaft bedeutet ihnen alles. Eigentlich sind sie freundich und höflich bis man sie ärgert oder verletzt. Sie kümmern sich nicht darum, was andere Leute über sie denken. Ihre Persönlichkeit ist manchmal recht verwirrend, was sie Aufmerksamkeit erregen lässt. Hafsas sind humorvoll und haben einen guten Geschmack, was die Mode betrifft. Außerdem sind sie normalerweise ziemlich attraktiv und hübsch. (eigene Übersetzung)
So viel zum Urban Dictionary.
Wie Aisha sagte: Hafsa war ein Kind ihres Vaters, und Aisha meinte genau dieses: Eine mutige starke Frau mit ihrer eigenen Meinung, die sie kundtat, auch wenn man sie bat, zu schweigen. Was hier noch fehlt ist ihre unerschrockene Ehrlichkeit bezüglich ihrer eigenen Handlungen und Gefühle. Als ich diese Geschichte von Hafsa hörte, bewunderte ich ihren Mut, sofort die Wahrheit zu sagen, ungeachtet jeglicher Konsequenzen. Die Stimme in mir wurde etwas lauter, sie flüsterte einen leisen Ton von Freiheit und Verlust – beides zugleich. Beides gab es auch in Hafsas Leben.

Die Geschichte von Hafsa und Mariah
Eines Tages, es war Hafsas Tag mit dem Propheten, bat sie ihren Mann, ihre Mutter besuchen zu dürfen. Warum sie ausgerechnet an jenem Tag gehen wollte, der doch ihr besonderer Tag mit dem Propheten war, wissen wir nicht. Jedenfalls ging sie fort, kam aber vorzeitig zurück, so dass sie unerwartet in ihr Wohnquartier eintrat. Dort traute sie kaum ihren Augen. Sie fand Mohamed, manche sagen, in einer wenig schönen Situation, mit Mariah Al-Qibtije, Mariah, der Koptin, die er vom Abessinischen Oberhaupt als Sklavin geschenkt bekommen hatte. Mariah war bei den Ehefrauen des Propheten nicht besonders beliebt. Man sagt sie sei jung und sehr schön gewesen, was die Eifersucht der Anderen erregt hätte.
Hafsa fand nun Mohamed und Mariah an ihrem Tag, in ihrem Raum, in dieser fragwürdigen Situation und machte ihrem Ärger Luft – laut und ungehalten. Solange, bis der Prophet keinen anderen Ausweg sah, sie zu beruhigen, als ihr zu versprechen, sich nie wieder mit Mariah in eine solche Situation zu begeben. Hafsa war zufrieden. Nun bat Mohamed Hafsa, dies alles niemandem zu erzählen und Hafsa versprach es ihm.
Dann ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles.

Natürlich ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles. Erstens war Aisha ihre engste Vertraute. Und zweitens hatte Hafsa einen Triumph zu feiern, der ihre hohe Position unter den Ehefrauen unter Beweis stellte. Was Aisha nicht geschafft hatte, nämlich Mariah aus dem Hause des Propheten zu verbannen, hatte nun Hafsa erreicht.
Doch war ihr Mut wohl zu weit gegangen, denn nun offenbarte Allah seinem geliebten Propheten die Sure 66, in der wir die Frage lesen, warum hast du, Mohamed, für Haram erklärt, was wir (Allah) für dich Halal gemacht haben. Dies wird sich auf Mariah beziehen. Mohamed wusste, dass Hafsa zu Aisha gegangen war, und ihr Versprechen gebrochen hatte. Er sprach die Scheidung aus. Wie wichtig das Private zwischen zwei Partnern ist, zeigt sich an dieser Stelle unmissverständlich. Die Scheidung folgt dem Bruch des Versprechens, dem Ausplaudern des Geheimen, dem, was die beiden Partner jenseits der Gesellschaft miteinander verbindet. Wir lernen hier etwas Essenzielles, das in unserer heutigen Gesellschaft meines Erachtens nach vollkommen vergessen wird. Nur durch die absolute Sicherheit, dass Vertrautes nicht nach außen getragen wird, kann Vertrauen entstehen. Vertrauen aber ist unerlässlich für jede Partnerschaft. Nur eine Ehe mit einer solchen absoluten Vertrautheit ist der Ort, an dem Mauwade wa Rahme tatsächlich wirksam werden. Diese Vertrautheit ist es vor allem Anderen, was eine Partnerschaft ausmacht und Li taskunuh ilaiha bedeutet genau dies. Hafsa erhielt ihre strenge Strafe für den Bruch des Vertrauens ihres Ehemannes.
Als diese Nachricht bei Omar ankam, war er entsetzt. Innerhalb weniger Stunden wusste ganz Medina, dass Hafsa von Mohamed geschieden war. Sie sagte ihrem Vater, dass Mohamed sehr wohl noch Gefühle für sie hatte, und es einen anderen Grund für die Scheidung gab. Und in der Tat, Mohamed harrte die reguläre Wartezeit von knapp drei Monaten aus, um sie dann zurück zur Frau zu nehmen. Er sagte, Jibreel habe ihn dazu veranlasst.

Hierin liegt meiner Meinung nach ein großer Trost für uns, wenn wir verlassen werden. Der Trost liegt darin, dass Hafsa zurückgenommen wurde. Auch wenn das bei uns nicht der Fall ist. Aber mit dieser Hoffnung zu leben wird uns helfen, über die erste Zeit der Trennung hinwegzukommen. Wir stellen uns zunächst vielleicht vor, dass alles wieder so werden wird, wie es war. Doch dann, ganz langsam, gewöhnen wir uns an die tatsächlichen Gegebenheiten und stellen nach und nach immer deutlicher fest, dass es nicht mehr so werden kann und auch nicht mehr so werden sollte. Stück für Stück, Tag für Tag, finden wir zu uns selbst zurück als Mensch außerhalb dieser Partnerschaft oder auch Freundschaft. Die Zeit des Hoffens auf eine Rückkehr hat den Zweck des emotionalen Überlebens, so lange die Trauer besonders groß ist. Zuerst sah ich Hafsa als eine Frau, die geschieden war, und dann wieder zurückging. Dann begann ich Hafsa als eine Frau zu sehen, die ungachtet aller Kosten, immer sie selbst geblieben ist. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn sie für immer vom Propheten getrennt geblieben wäre. Ihr emotionaler Impuls entsprach ihrer authentischen Art und Weise, ihre Erfahrungen zu bewerten und ihre eigene Würde zu verteidigen. Hafsa, die Ehefrau des Propheten, würde sich immer wieder entscheiden, ihre Meinung kundzutun, statt zu schweigen.
Hafsa lebte mit dem Propheten Mohamed bis er starb. Sie war es, die den Koran zweimal besaß – einmal in ihrem Herzen, und einmal in Form beschriebener Blätter. Sie war eine intelligente Frau, die lesen und schreiben konnte, eine Gelehrte, die betete und fastete. Hafsa wurde geschätzt und geehrt von ihrem Ehemann, den Sahaba und den Gläubigen, Männern und Frauen, bis heute.

Eine Frau, die so deutlich ausspricht, was gesagt werden muss, ohne Rücksicht auf Verluste, erinnert mich, dass mir meine kleinen Stimmchen nicht vorschlagen, ich selbst zu sein, sondern es von mir erwarten. Man selbst zu sein, ist Ikhlas – Aufrichtigkeit – und es fühlt sich gut an, auch wenn es nicht immer zu schönen Situationen führt. Die Vereinigung des Planes, auf der einen Seite, den Allah für uns ausgesucht hat, und die Verwirklichung unserer Vorstellungen auf der anderen Seite bringt besondere Freude. Natürlich können wir nie hundertprozentig wissen, was der Plan war. Aber wir haben doch einen deutlichen inneren Kompass, der uns sagt, was uns gut tut. Das ist wahrscheinlich das Richtige, und ich persönlich denke, es fühlt sich richtig an, und froh, weil es kongruent ist mit dem, was für uns ausgesucht wurde, weil es unsere Persönlichkeit integer und stimmig werden lässt. Andere Menschen – Menschen, die schöner, intelligenter, und besser waren als ich, hatten Dramen durchzustehen, die ihnen von Allah zugeteilt wurden und werden. Sie haben sie mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Es hat wenig Sinn, darum zu bitten, von solcherlei Schicksalsschlägen verschont zu werden. Das können wir allenfalls im Paradies erwarten. Aber lernen können wir immer. Und uns Trost suchen im Koran und in den Geschichten. Besonders vielleicht von den Personen aus dem Hause des Propheten Mohameds. Es lohnt sich ihre Freundschaft zu suchen.