Menschenrechte

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In Afghanistan: Appeasement-Politik auf Kosten von Frauen(-rechten)?

In Afghanistan: Appeasement-Politik auf Kosten von Frauen(-rechten)?

 

Autor: Massud Reza

1966666Diese Woche möchte ich den Blick auf die Friedensgespräche in Afghanistan richten und auf die Problematik, die sich daraus ergibt. Es finden politische Verhandlungen zwischen Delegationen der Taliban sowie den USA im katarischen Doha statt. Eine weitere Delegation von Taliban-Männern nahm bereits Gespräche mit Vertretern des afghanischen Ex-Präsidenten Hamid Karzai auf. Diese finden in Russland statt. Die Taliban möchte nicht mit der afghanischen Regierung direkt reden, da sie diese als Marionette der USA betrachten. Daher sagen sie, dass sie mit dem Marionettenspieler direkt verhandeln wollen, statt mit der Marionette.

Gespräche und Verhandlungen zu führen sind grundsätzlich gut! Gerade für eine Gesellschaft, für die seit mehreren Jahrzehnten der Alltag aus Hunger, Elend, Flucht, Krieg, Selbstmordattentate und viele weitere grausame Dinge besteht. Die Flucht aus dem Land verwundert angesichts dieser schrecklichen Vorkommnisse nicht. Deshalb können die Gespräche doch dazu beitragen, ein Ende des Leids in Afghanistan herbeizuführen. Ist daher in naher Zukunft ein Frieden in Afghanistan absehbar? Wird der Krieg am Hindukusch endlich ein Ende finden? Wie hoch wird der Preis für den Frieden letztlich sein? Vor allem letztere Frage brennt mir unter den Nägeln, da in politischen Verhandlungen natürlich Forderungen von allen politischen Beteiligten gestellt werden. Eine scheußliche Forderung, die ein wirkliches Unding und auch ein Rollback für die afghanische Gesellschaft in toto bedeuten würde, wäre die Eliminierung der Frauenrechten.

Florierende Entwicklungen sind immerhin festzustellen, dass seit dem Sturz der Taliban immer mehr Mädchen an Bildung teilnehmen und somit Schulen sowie Universitäten besuchen können. Nicht wenige Frauen wollen nach ihrer akademischen Ausbildung als Rechtsanwältin tätig werden und zwar nicht nur, weil sie Spaß daran haben, Auseinandersetzungen auf der Rechtsebene auszutragen, sondern weil sie wissen, dass rechtsstaatliche Mechanismen gerade für sie als Frauen von essentieller Bedeutung sind. Ein Land, in dem Frauenrechte massiv mit Füßen niedergestampft werden, Frauen vor Gerichten oftmals kein Glauben geschenkt wird sowie viele weitere Punkte, macht das Ganze aus einer menschenrechtlichen Perspektive plausibel, wenn jene Frauen sich ins afghanische Rechtsgeschehen einmischen und mit Hilfe von NGO’s und möglichem internationalem Druck, zu ihren Rechten gelangen. Zudem zeigen sich auch im Alltagsleben Freiheiten, die man nicht über Bord werfen möchte. Ein Beispiel hierzu wäre die afghanische Fußballspielerin, Madina Azizi, die eine große Leidenschaft für Fußball hegt. Nicht nur für sie, auch für viele weitere Mädchen ist Fußball ein besonderer, freudiger Sport. Die 23-Jährige bietet Trainingsstunden für junge afghanische Mädchen an, die gerne Fußball spielen möchten. Das Ganze kann man unter dem Aspekt zusammenfassen, dass es sich hierbei um ein Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen handelt, da Fußball traditionell als eine männlich-dominierte Sportart wahrgenommen wird. 

Während vor 100 Jahren das aktive sowie passive Frauenwahlrecht in Deutschland erkämpft wurde, partizipieren seit dem Sturz der Taliban auch wieder afghanische Frauen am politischen Tagesgeschäft, indem sie wieder wählen gehen und gewählt werden, um ihre Interessen in der Politik zur Geltung zu bringen. Denn Tatsache ist eben auch, dass auf der Verfassungsebene die Gleichheit von Männern und Frauen festgeschrieben steht. In der Politikwissenschaft würde man hier aber nach der Verfassungsnorm und der Verfassungswirklichkeit fragen, also wie viel ist von dem, was in der Verfassung verankert ist, auch in der afghanischen Gesellschaft ein fester Bestandteil der sozialen Realität? Ins Auge fallen eklatante Menschenrechtsverletzungen, nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen andere gesellschaftliche Gruppierungen.

Allen Problemen und Rückschlägen zum Trotz: Eine Aufhebung der eben skizzierten Frauenrechten würde sowohl weitere repressive als auch regressive Ausmaßen für die afghanische Gesellschaft bedeuten. Und genau das möchte letztlich die Taliban erreichen, die Frauenrechten unter dem Vorbehalt der Scharia setzen. Alles andere sei kultur – bzw. gottlos. Frauenrechten nur nach dem Islamverständnis der Taliban zu gewähren, ist katastrophal und selbstverständlich nicht hinnehmbar für die überwältigende Mehrheit der afghanischen Frauen. Abermalig werden sie am Ende das erleiden, was sie bereits unter der Herrschaft der Taliban erleben mussten: Beschränkungen sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, keine Schulbildung, keine politischen Beteiligungen, rigorose Kleidervorschriften, Malträtierungen in den unterschiedlichsten Varianten.

Die afghanische Ratsversammlung, Loja Dschirga, ist allen Ernstes den Taliban, aus meiner Sicht, geradezu demütig entgegengekommen. In leidenschaftlichen Reden plädierten bestimmte Redner dafür, über 170 Talibankämpfer aus den Gefängnissen freilassen und sie von der internationalen Terrorliste streichen lassen. Auch Frauenrechte kamen zur Sprache, wobei gegenüber der Taliban (nicht nur, aber auch) wohlwollende Worte gefunden wurden: Aufgrund von „berechtigten“ Interessen der Taliban sollen Frauenrechten zurückgenommen werden. Ob die Taliban diesen Punkt mit viel Häme und Spott aufnahmen?

Viele Frauen haben daher zurecht die Befürchtung, was eigentlich passiert, wenn die Friedensverhandlungen tatsächlich erfolgsversprechend verlaufen. Aber für wen erfolgsversprechend? Wer wird seine Forderungen maximal durchsetzen können? Und natürlich zu welchem Preis? Anscheinend wird unbeachtet, dass die Taliban weiterhin einen radikalislamischen Gottesstaat auf afghanischem Boden anstrebt. Bereits jetzt kann sie sich als mächtiger Gesprächspartner politisch behaupten, schließlich entscheidet sie darüber, wer am Verhandlungstisch sitzt und wer nicht.

Wie ich bereits ausführte, finde ich es immer gut, wenn miteinander geredet statt aufeinander geschossen wird. Die meisten Menschen in Afghanistan sind kriegsmüde und vermutlich auch die alliierten Truppen. Mit dem IS ist eine weitere Terrororganisation auf die politische Bühne aufgetaucht, die eine gefährliche und ebenso barbarische Ideologie verfolgt. Man muss sogar sagen, dass es in der ideologischen Observanz marginale Differenzen zwischen IS und Taliban gibt, auch wenn sie sich gegenseitig bekriegen. Meine Position zu den Verhandlungen aber lautet, dass kein fauler Kompromiss zuungunsten der Frauen geschlossen werden darf. Während wohlgesonnene Worte für die unnachgiebige Taliban seitens vieler afghanischer Diplomaten gefunden werden, antworten diese hingegen weiterhin darauf mit brutalen Anschlägen und Terror.

Man muss Druck auf die Taliban aufbauen, sich mit Vehemenz für Frauenrechte einsetzen und zeigen, dass man auch Werte hat, zu denen man steht und sie nicht einer menschenverachtenden-islamistischen Ideologie zum Fraß hinwirft. Hier können die USA und Deutschland wichtige Rollen einnehmen und sich dafür einsetzen, dass die Interessen von Frauen nicht unter den Tisch fallen. Unmissverständlich deutlich machen, dass zu den unverhandelbaren Grundvoraussetzungen eines dauerhaften Friedens auch die Frauenrechte gehören. In letzter Konsequenz ist ein Frieden, ohne all den Frauen, ein anrüchiger und zugleich verdorbener Frieden. Es kann nicht sein, dass der Ball bei der Taliban liegt und sie darüber entscheidet, wann und mit wem weitergespielt wird oder eben auch nicht. Der frühere britische Premierminister, Winston Churchill, sagte über Appeasement in der Politik folgendes: „An Appeaser is one who feeds a Crocodile, hoping it will eat him last.“ Daher ist Appeasement gerade gegenüber solchen islamistisch-dschihadistischen Gruppen ein völlig kontraproduktiver Weg. Mit Sicherheit wäre Krieg zu führen, genauso falsch, da nach über einem Jahrzehnt diese Militärstrategie völlig versagte, das Land weiterhin im Chaos verfällt, was man an den steigenden afghanischen Flüchtlingszahlen weltweit sieht. Deshalb ist nur zu hoffen, dass die Verhandlungen am Tisch weiterhin Bestand haben und nicht abgebrochen werden.

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Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.

Tim Marshall

Ethik und Moral

Ethik und Moral

Tim Marshall
Tim Marshall

In unserer Gesellschaft sprechen wir oft von Ethik und Moral. Aber oft haben wir nur eine ziemlich schwammige Erklärung für beide Begriffe.

Vom griechischen Wort ethos: Gewohnheit, Sitte Brauch, stammt der Ausdruck Ethik. Aristoteles meinte damit eine eigenständige philosophische Disziplin und stellte die Ethik neben Logik, Physik und Metaphysik. Moral kommt aus dem Lateinischen mores und bedeutet so viel wie Sitten, Gewohnheiten, Charakter als Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.

Was bedeuten beide genau? Ethik und Moral sind zwei Begriffe, die oftmals gleichbedeutend verwendet werden, jedoch begrifflich voneinander unterschieden werden müssen. Moral ist ein soziales Phänomen, das auf der gemeinsamen Anerkennung von Normen und Werten gründet, die als verbindlich gesetzt werden. Genauer gesagt: Moral bezeichnet den in einer bestimmten Gruppierung, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorfindbaren Komplex an Wertvorstellungen, Normen und Regeln des menschlichen Handelns und gründet auf der gemeinsamen Anerkennung verbindlich gesetzter Normen und Werte. Ethik ist das, was zum allgemeinen Prinzip erklärt werden kann, d.h. Ethik beschäftigt sich mit der Theorie der Moral. Somit ist Ethik die Wissenschaft der Moral.

Es gibt viele Moralvorstellungen wie z.B. religiöse, politische oder gerechte Vorstellungen, die nebeneinander bestehen, die unter dem Dach der Ethik stehen. Man kann das z. B. mit einer Pflanzenvielfalt auf der Erde vergleichen, Sie alle gehören zum Oberbegriff Botanik.

Verallgemeinert ist Moral die praktische Anwendung der Ethik. Eine moralische Handlung ist somit jene Handlung, die von allen Menschen in einer bestimmten Gruppierung oder Gesellschaft als richtig oder annehmbar angesehen wird. Ethik steht somit über die Moral und sollte eigentlich für ganze Völkerschaften gelten. Aber ist es wirklich so?

Das arabische Wort akhlaq wird meistens mit islamischer Ethik übersetzt. Es bezeichnet aber eher die Lehre von den Charaktereigenschaften des Menschen.

Moral ist also ein Normensystem, das versucht, richtiges Handeln zu beschreiben und wird somit auch für alle in einer bestimmten Gesellschaft oder Gruppierung gültig z.B. auch für Religionen. Und das Normensystem kann durch Prinzipien, Werte klar definiert werden. Auch wir als kleine Moschee setzen bestimmte Werte, die uns eben zu dieser Moschee machen.

Das erste Normensystem, das aufgeschrieben wurde, waren die 10 Gebote, die Moses in Stein gehauen erhalten hatte, ein Wertekatalog, das zu einem ethischen Verhalten der Menschen damals (und auch bis heute) führen sollte.

Im Islam ist der Koran die erste Quelle für ethische Normen. Daneben werden die Handlungen des Propheten Muhammad (Friede und Gottes Segen auf ihn) als religiöse Gebote angesehen.

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte ab dem 8. Jahrhundert durch Übersetzungstätigkeiten und weiterführenden Arbeiten der Philosophen und Wissenschaftler in die islamischen Zentren wie dem Haus der Wissenschaft und später meines Erachtens mit verfeinerten Normen in das maurische Andalusien. Hier seien die beiden Philosophen Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) genannt.

Ging es in der antiken und mittelalterlichen Ethik noch darum, begründete Aussagen über das menschliche Handeln zu leisten, die sich von einem gemeinsamen Guten herleiten lassen, steht in der Neuzeit die Frage im Vordergrund, wie Konflikte gerecht geregelt werden können, die aufgrund von einer vorhandenen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Anschauungen, Meinungen oder Werte entstehen und die alle miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren, zumindest sollte es so ein. In wie vielen Ländern gilt immer noch nur eine Meinung: die der Herrschenden, alles andere wird irgendwie unterdrückt.

Da eine Religion den Menschen anspricht und Ethik, natürlich neben Glaube und Gebet, der hauptsächliche Bereich der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache jedes gläubigen Menschen.

Die Ethik des Menschen zu formen, ihr mehr Gewicht zu geben und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten – darauf kommt es in unserer Zeit an. Denn genau darauf bezieht sich der Koran. Aber auch die Hadithe enthalten oder ergänzen diese Aussagen wie z. B. der Ausspruch des Propheten: „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten, also die Moral, auch Tugend) zu vervollkommnen.“

Es kommt nicht nur darauf an, das Vorhandene durch gänzlich Neues zu ersetzen, sondern das Vorhandene zu verbessern, verfeinern und zu optimieren. Es bedeutet, an Vergessenes sich neu zu orientieren, das bestehende Gutes zu bestätigen, sich an geänderte Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine riesengroße Aufgabe zu jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation, bis heute.

Schon in der ersten Sure finden wir es: Der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg: ‚Sirat-i Mustakim‘. Da steht: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast…“ Es ist als ein Grundsatz des Lebens zu verstehen, den richtigen Weg durch richtiges Verhalten und Benehmen zu beschreiten, Er besagt aber auch, dass es dem Menschen selbst mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht ohne Gottes Führung und Gnade nicht gelingt, an sein Endziel zu gelangen.

Im Koran finden wir einige Ideale zu einem guten Verhalten:

Recht und Gerechtigkeit: Die Gemeinschaft, nicht ein Einzelner oder eine Gruppe von Machtinhabern, bestimmt den Normenkatalog des Rechts. Hieraus lässt sich Gerechtigkeit und Gleichheit ableiten.

Das Streben nach Tugend: das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

Das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe: das bedeutet Solidarität und Zusammenhalt.

Die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit: Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen

Vervollkommnung in der Verantwortung: Humanität, also die Würde und Rechte jedes Menschen anerkennen und seine geistige Vervollkommnung voranzutreiben.

Alle diese Prinzipien finden wir auch in Sure 2:213: Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins aber waren nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die gläubig sind, zur Wahrheit, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.

Oder in Sure 3:17: Die Geduldigen und die Wahrhaften und die Andachtsvollen und die Spendenden und diejenigen, die um Vergebung bitten in der Morgendämmerung.

Viele Stellen im Koran sprechen über einen „guten Charakter”, der zur Glückseligkeit und Zufriedenheit führt. Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht mit der jedem Menschen mitgegebenen Natur des Menschen, sein „Ich“. Im Islam bezeichnen wir es als Fitra und bedeutet,dass die Natur des Menschen eine dem Menschen angeborene Eigenschaft bzw. Fähigkeit ist. Für den Menschen gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen.

Die monotheistischen Religionen betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „das, was du von deinem Nachbarn erwartest, erwartet er von dir auch“ ein gemeinsames sinnvolles und vernünftiges Fundament gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale, Vernunft betreffende Basis besitzt. Oder anders gesagt: Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“.

Gott sagt im Koran über den Propheten Muhamad, Friede und Segen Gottes auf ihn,: „Wahrlich, Du bist von gewaltigem Charakter“ (Sure Al-Qalam, Vers 4).

Anas ibn Malik sagte: „Der Gesandte Allahs, hatte den besten Charakter von allen Menschen.“

Es gibt viele weitere Aussagen vom Propheten, die die Bedeutung des guten Charakters hervorheben: Sie zielen darauf hin, dass es nichts gibt, was am Jüngsten Tag schwerer in der Waage wiegt als guter Charakter. Er sagte auch: „Die besten unter euch im Islam sind die besten im Charakter, wenn sie Verständnis von Din besitzen.“ Das Wort „ad-Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und dementsprechend auch das Handeln. Es bezieht sich aber nicht nur auf das persönliche Leben eines Menschen, es erstreckt sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft als Ganzes. So ist diese Bezeichnung nicht nur auf die Lebensart einer bestimmten Gebietes beschränkt, oder auf eine bestimmten geschichtlichen Zeit, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten. Dennoch erhebt der Koran keinen Anspruch darauf, der einzige richtige Weg zu sein. Und viele ihrer Vertreter haben auch nicht das Recht dazu.

Die Kenntnis von der Moral, der Ethik und den Verhaltensweisen aller Propheten sind von großem Nutzen für uns und eine Hilfe darin, uns an ihnen ein Vorbild zu nehmen.

Zum guten Charakter zählen unter anderem Großzügigkeit, Wohltätigkeit, Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Aufrichtigkeit, Abmachungen einzuhalten, Gottesfürchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Korrektheit, Gerechtigkeit, gut zu seinen Frauen zu sein, keine üble Nachrede zu begehen, seine Zunge und seine Genitalien zu unter Kontrolle zu halten, keine rohe oder obszöne Sprache zu gebrauchen, nicht arrogant zu sein, nicht zu lügen, nicht verschwenderisch zu sein, nicht angeberisch zu sein, das zu lassen, was einen nichts angeht, den Nachbarn zu schützen, sich von Begierden zu enthalten, nicht aufbrausend zu sein.

Das angestrebte Lebensziel des Menschen ist, was sein gutes Verhalten in seinen Taten zum Ausdruck bringt und seinem Geist einen Weg weist, von dem er nicht abweicht, wenn er eine Tat ausübt, um diesem Ziel näher zu kommen. Und da es zum Wesen des Islams gehört, alle Bereiche des Lebens zu erfassen, hat dieser den Horizont des guten Verhaltens für das Leben erweitert und für jede nur erdenkbare Handlung einen positiven Wert verzeichnet, der dessen Ziel und Zweck widerspiegelt.

Im Koran legt Gott Seinen Wunsch nach der Gemeinschaft mit den Menschen schon im Diesseits als Sein Hauptanliegen dar. Aber Gott zwingt auch niemanden, in seine Gemeinschaft einzutreten. Der Mensch kann in Freiheit sich für Gott entscheiden oder dagegen. Er wird deswegen nicht zornig. Gott lädt den Menschen jedoch ein und wirbt für eine Gemeinschaft Mensch mit Gott. Gott geht es nicht darum, den Menschen mitzuteilen, was sie wann zu tun haben, wie sie gut handeln sollen, welche guten Eigenschaften sie entwickeln sollen, sondern darum, warum sie gut handeln sollen, um einen guten Charakter zu entwickeln. Er sagt nicht einfach: Tue das! Er fordert sie auf: Denk nach! Wenn du von jemandem etwas Gutes erwartet, dann musst du ihm etwas Gleichwertiges oder noch Besseres zurückgeben.

Am 14. Juli 1789 begann in Paris eine neue Ära mit der Erstürmung der Bastille. Unter der Parole Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit wurden die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft abgeschafft. Das sind ethische Prinzipien. Diese Erklärung allgemeiner Menschenrechte bilden bis heute in einer veränderten Form die Grundlage der Verfassungen der meisten Staaten und auch der Vereinten Nationen. Wenn ich jeden Einzelnen von euch nach diesen drei Schlagwörtern fragen würde, dann würde ich sicherlich einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Moralnormen erhalten. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, wo gelten sie wirklich noch, in China bei den Uiguren, in Jemen oder galten sie bei der Vertreibung der Rohingya? Darüber sollte man nachdenken.

 

Frauenrechte im Islam

Frauenrechte im Islam

Dass ich heute die Predigt zu Frauenrechten im Islam halten darf, ist für mich ein sehr besonderes Anliegen, weil das für mich persönlich ein sehr wichtiges und dringendes Thema ist.

Der Islam ist nämlich eine Religion, die häufig mit Gewalt in Verbindung gebracht wird. Eine spezielle Gewalt soll dabei immer eine ganz bestimmte Gruppe treffen, nämlich die Frauen. Es wird gesagt: „Der Islam unterdrückt die Frau“, „der Islam ist frauenfeindlich“, „der Islam schließt Frauen aus dem öffentlichen Leben aus“ etc. Diese Positionen werden nicht nur formuliert, diese werden tatsächlich auch in Teilen der muslimischen Community gelebt. Das sieht man vor allem daran, wenn man den Koran wortwörtlich versteht. In der Sure 4, Vers 176 findet man: „Sie fragen dich um Belehrung. Sag: „Allah belehrt euch über den Erbanteil seitlicher Verwandtschaft. Wenn ein Mann umkommt, der keine Kinder hat, aber eine Schwester, dann steht ihr die Hälfte dessen zu, was er hinterlässt.“

Bestimmte Muslime lesen den Vers und sagen „Aha! Vers spricht gegen Frau, billigt Mann erbrechtliches Privileg zu und bekommt noch durch die heilige Offenbarung eine gewisse göttliche Legitimation.“ Geht man nach einer solchen Lesart vor, hätten wir gewaltige Probleme mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Mit dieser Lesart würde man aber zudem auch vieles mehr nicht zur Kenntnis nehmen, wie z.B. eine historisch-konkrete Situation, politische und gesellschaftliche Verhältnisse usw. Lässt man dies alles außer Acht, könnte man nicht verstehen, wieso dieser Vers überhaupt offenbart wurde. In welchem Zusammenhang ist dieser Vers im alten Wüstenarabien überhaupt entstanden?

Wenn man bedenkt, dass Frauen in dieser Zeit überhaupt nichts erben durften, dann gesteht dieser Vers den Frauen doch zumindest ein Erbrecht zu. Da ist also was völlig neues entstanden! Jetzt sollte man die Frage stellen, ob diese Lebensänderung für Frauen auf überwiegende Zustimmung seitens der muslimischen Gemeinde gestoßen war? Natürlich nicht! Den Männern wurde ein ganz zentrales Privileg durch diesen Vers genommen, nämlich das alleinige Recht auf Erben. Fatima Mernissi schreibt dazu: „„Dieser kleine Vers versetzte die männliche Bevölkerung Medinas in helle Aufregung. Sie befand sich zum ersten Mal in direktem und persönlichem Konflikt mit dem muslimischen Gott. […]. Die Männer fanden, dass die neue Gesetzgebung bezüglich des Erbes einen Bereich tangierte, in den der Islam sich nicht einzumischen hatte: ihre Beziehungen zu den Frauen.“

Es waren also Männer, die auf die Barrikaden gingen und sich dagegen gewehrt haben. Wobei doch der Geist des Verses war, Frauen an mehr Rechten heranzuführen.

Wie kann es eigentlich sein, dass diese Verbesserungen der Frauensituation über die Jahrhunderte hinweg keinen weiteren gesellschaftlichen Ausdruck fand? Wie kann es sein, dass man in der Vergangenheit stehen geblieben ist und man sich nicht die Frage gestellt hat, ob man die Situation von Frauen in Richtung Verbesserung weiter entwickelt hätte? In den Gassen Medinas hat man sehr kontrovers über die Gleichheit der Geschlechter gestritten.

Einer der Wortführer für Männerprivilegien war Umar Ibn al-Khattab, der zum Stamme der Quraish gehörte und sich immer wieder mit dem Propheten (s.a.w) anlegte, was vor allem Frauenrechte betraf. Er war Frauen gegenüber sehr aufbrausend und ungeduldig und ihnen gegenüber auch sehr streng. Seiner Ansicht nach und auch vieler Gläubigen in Medina sollte sich der Islam auf das geistige und öffentliche Leben beziehen, während das Privatleben weiterhin von der vorislamischen Zeit geprägt bleiben sollte. Es war ihm nicht geheuer, dass selbst seine eigene Frau ihm widersprach und diese als Vorbild den Propheten (s.a.w.) anführte. Umar selbst geriet nicht selten in Streit mit der Frau des Propheten (s.a.w) Umm Salma, wobei jeder der beiden für ihre Geschlechtsgenossen sprachen. So gab es auf der einen Seite die Forderungen der Frauen, an mehr Rechte beteiligt zu werden und auf der anderen Seite den vehementen Widerstand der Männer um Umar. Zudem waren es auch solche Männer die Gerüchte in die Welt setzten, um beispielsweise die Frauen des Propheten (s.a.w.) in Verruf zu bringen.

So wie diese Männer, die ich eben in dem Mernissi-Zitat genannt habe, waren sie es auch, die die Deutungshoheit über den Islam in den folgenden hunderten von Jahren besaßen. Und sie haben den Frauen erzählt, wie sie zu sein haben, wie sich zu kleiden haben, welche gesellschaftliche Rolle ihnen als Frau zukommt. Wie hätte sich eigentlich der Islam entwickelt, wenn Frauen Koranauslegungen angestellt hätten. Wenn also nicht Männer den Frauen gegenüber bevormundend aufgetreten wären. Hätten sie vielleicht aus dem Koran Dinge raus gelesen und verstanden, die ihnen keine einschränkende Rolle zugewiesen hätte?

Vielleicht gebe es dann keine unterdrückerischen Verhältnissen gegen Frauen in islamischen Ländern, wie z.B. in Afghanistan. Wo Frauen dort wirklich auf den unterschiedlichsten Ebenen leiden und täglicher Gewalt ausgesetzt sind, weil sie eben Frauen sind. Aber nicht nur in islamischen Ländern, auch in Europa gibt es das Phänomen, dass wenn muslimische Frauen sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden, sie häufig von ihren Familien daran gehindert werden und dies dann am Ende sogar in Morden gipfeln kann.

Wenn man sich das alles anschaut, fragt man sich doch ernsthaft, ob das die Botschaft des Islams ist, Frauen zu unterdrücken. Wobei doch der Islam Verbesserungen für die Lebenssituation für Frauen im alten Wüstenarabien brachte. Und genau dieser Geist der Verbesserung ist schließlich verloren gegangen. Positiv gestimmt ist man aber dennoch, wenn man sieht, dass es immer wieder auch Frauen in Vergangenheit und Gegenwart gibt, die sich kritisch damit auseinandergesetzt haben. Zu nennen wäre die bereits erwähnte Fatima Mernissi oder auch Amina Wadud. Eine Frau, die ich persönlich sehr bewundere, ist Chadidscha, die erste Frau des Propheten. Sie galt in der damaligen Zeit als eine einflussreiche Händlerin, war selbständig und ergriff die Heiratsinitiative, also sprich: Sie hat um die Hand des Propheten (s.a.w) angehalten. Solche Frauen wünscht man sich doch wieder.

Warum halte ich als Mann eigentlich hier eine Predigt über Frauenrechte im Islam? Das hat zwei Gründe: Der eine Grund lautet, dass es einen identitären Diskurs gibt, der lautet, dass nur Frauen Frauen verstehen können, dass nur Männer Männer verstehen können, dass nur Schwule Schwule verstehen können usw. Mich persönlich interessiert es wenig, welches Geschlecht du hast, woher du kommst oder wen du liebst. Ich sehe dich also nicht als bloßes Geschlecht oder sonst was an, sondern ich frage dich, welche Überzeugung vertrittst du, sprich, für welche Werte trittst du ein? Haben wir eine gemeinsame Wertebasis gefunden für die wir zusammen kämpfen, ist es völlig unerheblich, woher du kommst oder wer du bist. Ich setze mich also für Geschlechtergerechtigkeit ein und sehe jeden als Verbündeten an, der sich ebenso dafür einsetzt, egal ob Mann oder Frau. Und deshalb möchte ich als Mann ein Zeichen setzen, dass auch Männer sich für Frauenrechte einsetzen können, ja auch im Islam. Das hat auch eine gewisse Tradition, wenn ich beispielsweise an Qasim Amin, einem ägyptischen Frauenrechtler aus dem 19. Jhd. und frühen 20. Jhd. erinnern darf, der sich für Frauenrechte eingesetzt hat und eine hitzige Debatte in Ägypten auslöste. Was ich damit sagen möchte, ist einfach nur, dass auch Männer Feministen sein können und ich mich in dieser Tradition auch selbst wiederfinde.

Der zweite Grund bezieht sich darauf, dass es muslimische Imame gibt, die frauenfeindliche Positionen islamisch begründen. Und leider sind es nicht wenige. Ich denke es ist an der Zeit, eigene muslimische Prediger zu zeigen und predigen zu lassen, die sich solidarisch mit Frauen erklären. Die diesen konservativen muslimischen Prediger sagen, dass auch ich als Mann zwar traditionell über Frauen Macht habe, aber ich darauf gänzlich verzichte, weil ich niemanden unter mir stehen haben möchte. Und ich denke der Geist des Korans hätte sich zu genau diesem Punkt der Gleichheit hinbewegt, wenn das Patriarchat nicht die Oberhand gewonnen hätte.

Und schließlich haben Frauen und Männer etwas, was sie gemeinsam teilen: eine Menschenwürde. Ein Philosoph aus dem 15. Jhd. Namens Pico Della Mirandola schrieb über die Menschenwürde: „Wir sind geboren worden unter der Bedingung, dass wir das sein sollen, was wir sein wollen.“

Um das zu erreichen, ist es wichtig, geschlechtergerechte Verhältnisse zu schaffen. Und das ist ein Auftrag, der sich an alle Menschen richtet.

Menschenrechte im Islam

Menschenrechte im Islam

In der Zeitschrift „Berliner Woche“, die jede und jeder in Berlin kostenlos in seinem Briefkasten vorfindet, habe ich am Mittwoch einen Artikel über Seyran Ates gelesen. Sie schreibt unter anderem: „ Wir hoffen, dass unter dem Dachverband der säkularen Muslime noch mehr liberale Moscheen in ganz Europa entstehen“

Wie oft stoßen wir auf Worte wie säkular, liberal. Dazu fehlen eigentlich nur noch die Wörter demokratisch  und humanistisch.

Mir sind sie oft schwammisch, was sie genau bedeuten, kann ich auf der Stelle nicht exakt erklären. Deshalb habe ich mich schlau gemacht, was sie bedeuten und wie sie zum Islam stehen.

 Demokratie: die Regierungsform, bei der eine gewählte Volksvertretung die politische Macht ausübt,  das Wichtigste in einer Demokratie ist die Würde des Menschen

Ein humanistisches Menschenbild in einer Demokratie sieht in jedem Menschen eine eigenständige, in sich wertvolle Persönlichkeit und respektiert die Verschiedenartigkeit verschiedener Menschen.

 Die Würde des Menschen ist unantastbar, seine Persönlichkeit und seine Lebensweise müssen respektiert werden.

Der Mensch hat die Fähigkeit sich zu bilden und zu entwickeln, er hat das Recht seine Talente, Potentiale und Kompetenzen zu entfalten und zu vervollkommnen.

Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich kreativ entfalten können.

 Ein humanistisches Menschenbild besagt; dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Freiheit hat, das Leben und alle Entscheidungen die dieses Leben beeinflussen, selbst bestimmen zu können. Es geht weiter davon aus, dass der Mensch einzigartig und von Grund auf gut ist. Es besagt, dass der Mensch befähigt und bestrebt ist, Entscheidungen in seinem Leben selbst zu treffen und sein Leben auf moralischer und ethischer Ebene selbst zu bestimmen. Auch auf finanzieller, sozialer, körperlicher, geistiger und seelischer Ebene sollten Entscheidungen selbst getroffen werden können.

 Liberalismus: ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche politische Positionen

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Ansätzen die hohe Wertschätzung individueller Freiheit und Selbstverantwortung. Jeder Mensch soll leben wie er möchte, solange er nicht die Freiheit anderer tangiert bzw. verletzt. Demokratie wird als Mittel angesehen, die Freiheit der Bürger zu schützen. Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit werden als Voraussetzung der Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung angesehen.

Wir sehen also: Liberalismus steht in enger Beziehung zum Humanismus.

Ich habe einen Aufsatz über Menschenrechte, Religion und Demokratie von Dr. Razavi Rad gelesen und fand ihn bemerkenswert

Er schreibt über den Rang und die Stellung des Menschen aus koranischer Sicht :

Der Mensch wird als bestes Geschöpf des ganzen Universums anerkannt. Bei Gott sind die Würde und Rechte jedes einzelnen Menschen unantastbar, ungeachtet, welcher Religion, Rasse, Kultur, Hautfarbe usw. er angehört. Die Menschen sind wie die Glieder eines Körpers, weil sie alle einen gemeinsamen Schöpfungsursprung haben, einen gemeinsamen Vorfahren, Adam.

17:70: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über das Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet – eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben.“

Das bedeutet: in Bezug auf das begriffliche Denken  stehen wir höher als die Engel, deshalb sollten sie sich auch vor Adam, stellvertretend für die ganze Menschheit werfen. Das heißt auch: er ist in der Lage, die Wahrheit des Universums herauszustellen und in allen Bereichen des Lebens seine Kenntnisse zu erweitern.

Im Vers: 95:4  steht: „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen“, oder  Muhammad Asad übersetzt das so: „Wahrlich, Wir erschaffen den Menschen in bester Gestaltung“.

Ich denke, hier werden ungeachtet seiner natürlichen Beschaffenheit, seiner Vorzüge und Nachteile jeder Mensch mit der Fähigkeit zum bestmöglichen Gebrauch seiner angeborenen Eigenschaften und in seiner Umgebung ausgestattet. Hier wird insbesondere die Moral und Ethik angesprochen. Jeder Mensch hat seine Würde, wenn er die Rechte des anderes respektiert. Also die Grundprinzipien des Islam sind nichts anderes als die Einladung zur Menschlichkeit und die Achtung und der Stellung des Menschen, jeder Mensch muss würdig behandelt werden, auch wenn er nicht so denkt wie ich.  Das ist ein islamisches wie auch humanistisches Menschenbild.

Eines der Rechte des Menschen ist die Gedankenfreiheit. Ich hatte letzten Freitag von Neugier als erste Etappe beim Wissenserwerb gesprochen, er ist ein angeborener Trieb des Menschen, von Allah verliehen,  der ihn antreibt in seiner Wissbegier und der Suche nach der Wahrheit. Dieses Denken, Überlegen, Reflektieren, Schlüsse ziehen, Handeln ist eine besondere Fähigkeit und Merkmal des Menschen.

8:22/23 : „Wahrlich, als die schlimmsten Tiere gelten bei Allah die tauben und stummen, die keinen Verstand haben. Und hätte Allah etwas Gutes in ihnen erkannt, hätte er gewiss sie hörend gemacht. Und wenn Er sie hörend macht, so werden sie sich in Widerwillen wegwenden.“

Immer wieder lädt Allah den Menschen zum Nachdenken ein. Sie sind manifestiert in rund 300 Versen des Koran. Leider  übersehen wohl einige Muslime diese Aufforderungen.

Sie sehen nur ihren Imam, halten sich an seine Worte fest, die sicher gut sind,  anstatt an Allahs Aufforderung zum Nachdenken. Ein Imam ist auch nur ein Mensch und Menschen machen Fehler. Statt dessen sollten sie über das Gesagte kritisch nachdenken und reflektieren.

Ich denke schon, dass es viele Gläubige gibt, die nachdenken, sicher sogar eine eigene Meinung besitzen, aber nicht ihre Wertschätzung und Stellung in der Gemeinde aufgeben wollen.

Aber das ist es, was eine liberale und demokratische Gemeinde braucht.

Und weil wir hier, die versammelt sind nachdenken, sich kritisch mit den Werten, kritisch mit den islamischen Schriften, ja sich kritisch sogar mit dem Koran auseinandersetzen wollen, deshalb feindet man uns an und arbeitet  daraufhin, unsere Moschee in Diskretion zu bringen.

Wir sind offen und jeder, der seine Meinung vortragen möchte, ist eingeladen.