Koran

Koran – unerschaffen oder erschaffen

Koran – unerschaffen oder erschaffen

Bald beginnt wieder die Zeit des Ramadans, in dem die koranische Offenbarung vor Jahrhunderten ihren Anfang hatte, von Gott zu den Menschen herniedergesandt wurde.

Der Koran ist ein Kanal der Kommunikation zwischen Gott und Mensch.

Er ist, nach der von allen Muslimen akzeptierten Meinung, die Rede Gottes, die über einen Zeitraum von 23 Jahren dem Propheten Muhammad (alaihi-s-Salatu wa-s-Salam – auf ihn seien Segen und Friede), in der arabischen Sprache geoffenbart wurde.

Was bedeutet also die ‚Rede Gottes?‘ Der Koran gibt selbst die Antwort. Sehen wir uns die Sure 18:109 an. „Sprich: Wäre das Meer Tinte für das Wort meines Herrn, wahrlich, das Meer würde versiegen, ehe die Worte meines Herrn zu Ende gingen, …“. In Sure 31:27: „Und wenn alle Bäume, die auf der Erde sind, Schreibrohre wären und der Ozean Tinte und sieben Ozeane würde sie mit Nachschub versorgen, selbst dann könnte Allas Worte nicht erschöpft werden.“ Das betont die Unendlichkeit der Worte von Gott. Und wenn die Worte nicht ausgehen, unendlich sind, dann kann der Koran nur eine bestimmte Verlautbarung des Gotteswortes sein, das bedeutet: der Koran in seinem Umfang als Text ist begrenzt.

Aber der Koran bezeichnet sich an einigen Stellen selbst als ‚Rede Gottes‘. Steht also doch der Koran und Gottes Wort auf gleicher Ebene?

Fast solange der Koran existiert, solange hat man über ihn diskutiert. Anfang des 8. Jahrhunderts verkündete al-Dschaʿd ibn Dirham zum ersten Mal für die damalige Zeit seine „ketzerischen“ Ideen von der „Erschaffenheit des Korans“ und wurde ebenso wie sein Schüler Dschahm ibn Safwān (gest. 746) hingerichtet.

Andererseits soll der Gelehrte Sufyān ath-Thaurī aus Kufa (gest. 778) seine ʿAqīda, den Glaubensgrundlagen, mit dem Glaubenssatz begonnen haben: „Der Koran ist die Rede Gottes, ungeschaffen, von ihm nahm er seinen Anfang und zu ihm kehrt er zurück.“ Wahrscheinlich war das auch die Meinung der muslimischen Bevölkerung. Also 2 Meinungen!

Im 9.Jahrhndert kam es zur sogenannten „Inquisition der Erschaffenheit des Koran“. Mit dieser Lehre stellten sich viele Gelehrte gegen die von anderen muslimischen Gelehrten vertretene Position, wonach der Koran als Rede Gottes präexistent ist, also bereits von aller Ewigkeit her existiert. Der Lehrsatz von der Erschaffenheit des Korans wurde sogar zeitweise zur Staatsdoktrin erhoben, während diejenigen, die sie ablehnten, im Rahmen der Mihna (Prüfung) verfolgt wurden.

Der abbasidische Kalif al-Ma’mūn, der zu dieser Zeit herrschte, schrieb in einem Brief an seinen Gouverneur von Bagdad „Die Menge und große Mehrheit von den Untertanen und das niedrigstehende Volk, die nicht nachdenken und überlegen, und nicht die Argumente und die Rechtleitung nutzen, die Gott zur Verfügung stellt, und nicht durch das Licht der Wissenschaft erleuchtet sind, […] stellen Gott und den Koran, den er herabgesandt hat, auf die gleiche Stufe. Sie stimmen alle darin überein, dass er anfangsewig ist, vom ersten Augenblick an existiert und Gott ihn weder erschaffen, hervorgebracht oder erzeugt hat.“

Es standen demnach zwei gegensätzliche Theorien der Natur des Koran gegenüber: entweder in der Zeit erschaffen, also eine Botschaft in der Zeit hervorgebracht und als göttliche Tat erschaffen oder als eines der göttlichen Attribute, die ja zeitlos und ewig gelten.

Was war geschehen? Es stritten sich im 9. Jahrhundert zwei Richtungen, die rationalistisch ausgerichtete Schule der Mu’taziliten und die Sunniten um Ahmad ibn Hanbal, der auf der Vorstellung bestand, dass der Koran das ewige und unerschaffene Wort Gottes sei. Das Verhältnis der Wesensattribute zum Wesen Gottes war also ein Streitpunkt zwischen den verschiedenen Schulen. Noch heute wird im sunnitischen Islam hanbalitischer Prägung die Lehre von der Erschaffenheit des Korans als häretisch, das heißt ketzerisch abgelehnt und natürlich die anderen Hauptströmungen.

Was sind nun die Handlungs- und Wesenseigenschaften?

Die Handlungsattribute werden von den Wesensattributen anhand von zwei Merkmalen differenziert.

Erstens: Die Wesensattribute sind mit dem Wesen- also Gott identisch und damit unendlich; die Handlungsattribute sind, weil sie Gegensätze zulassen, endlich. Gott hat sich die Barmherzigkeit selbst auferlegt. Meines Erachtens ist sie demnach keine Eigenschaft, die schon immer währte. Sonst bräuchten wir ja nicht um seine Barmherzigkeit bitten. Gott existierte ja, als Er sich die Barmherzigkeit auferlegt hatte.

Zweitens: Die Wesensattribute sind so ewig wie das Wesen. Sie werden einerseits mit der Wesenheit Gottes selbst als eine unteilbare Einheit definiert bzw. damit identifiziert und sind dem Wesen nicht überflüssig. Die Handlungsattribute werden von den Taten bzw. Handlungen vorausgesetzt. Mit anderen Worten: Die Wesenseigenschaften Gottes sind ewige Eigenschaften, welche nur die Wesenheit Gottes voraussetzen. Es sind Eigenschaften der Vollkommenheit, die Gott in seiner Existenz unbedingt bedarf, z.B. Eigenschaften des Lebens, des Wissens, der Allmacht, Ewigkeit.

Tateigenschaften oder Handelseigenschaften müssen existieren, um Gott beschreiben zu können. Ein Beispiel: Die Schöpfung erfüllt die Voraussetzung dafür, um Gott als Schöpfer, al-Khaliq, auszuzeichnen.

Nasr Hamid Abu Zaid schreibt in seinem Buch „Gottes Menschenwort“: Die Theorie der Mu’taziliten im 9.Jahrhundert über das Verhältnis zwischen Mensch, Sprache und dem Korantext konzentriert sich auf den Menschen als Adressaten des Textes. Sie suchten eine Brücke zwischen der Vernunft des Menschen und Gotteswort. Sie betrachteten den Text des Korans als eine von Gott erschaffene Handlung, nicht als seine ewige und wörtliche Äußerung. Sie sahen das Gotteswort also nicht als eine Wesenseinheit an, sondern als ein Attribut der Erschaffenheit, während die Hanbaliten genau das Gegenteil behaupteten. Hanbal soll sich geäußert haben: „Nichts von Gott ist erschaffen, und der Koran ist von Gott“

Mit anderen Worten: Die Mu‘taziliten vertraten die Meinung, dass der Koran zeitlich sei, also erschaffen. Er gehöre nicht zu den Attributen des ewigen göttlichen Wesens. Der Koran ist die Rede Gottes, das heißt, eine Rede ist eine Tat und keine Eigenschaft, folglich gehöre er zu den Tatattributen und nicht zu den Wesensattributen. Nach den Mu‘taziliten benötigt die Rede die Existenz eines Angesprochenen, zu der gesprochen werden kann. Würde die Rede ewig sein, müsste also Gott sich an jemanden wenden, der noch gar nicht existieren würde. Denn ein Wesensattribut ist ewig und bedarf nicht die Existenz einer Welt bzw. der Existenz eines Angesprochenen. Solche Wesenseigenschaften sind Wissen, Macht, Ewigkeit, Leben.

Die Mu‘taliziten meinten, Gott sei wissend durch sein Wesen, hörend durch sein Wesen, mächtig durch sein Wesen. Um Dinge zu wissen, zu hören, braucht Gott keine Eigenschaft, denn alles, was es zu verstehen, zu wissen, zu hören usw. gibt, weiß Gott durch sein Wesen.

Auch die Ibaditen im Maghreb übernahmen die Lehre von der Erschaffenheit des Korans, während im Oman, einem anderen Zentrum der Ibaditen noch im 12, Jahrhundert noch die Meinung über die Unerschaffenheit herrschte. Heute besteht unter den Ibaditen ein Konsens über die Erschaffenheit des Korans.

Ist nun die wohlverwahrte Tafel, oder der Thron, Gottes Stuhl ewig und zeitlos? Wenn das so wäre, würden die Wesensattribute zunehmen. Wenn aber die Tafel in der Zeit erschaffen wurde, dann kann der Text auf der Tafel nicht ewig und unerschaffen sein. So muss man davon ausgehen, dass auch der auf ihr niedergeschriebene Koran erschaffen wurde.

Wenn man sich im Gegenteil für den ewigen Koran entscheidet, so bedeutete das, dass jedes einzelne Geschehen, welches im Koran geschildert wird, vorherbestimmt war. Es bedeutet ein striktes Festhalten an der wörtlichen Bedeutung des Korantextes. Das bedeutet, Aisha musste unbedingt ihre Kette verlieren, um zu den folgenden Ereignissen zu kommen. Oder die Heuchler, die im Koran beschrieben wurden, hatten ja keine andere Wahl als zu heucheln. Das bedingt dann auch, dass sie keine Verantwortung über ihr Heucheln tragen, es ist ja vorhergesehen. Aber wir werden eines fernen Tags doch zur Verantwortung gezogen! Irgendetwas stimmt also meines Erachtens nicht mit der Ewigkeit des Korans. Der Koran ist eine Botschaft und Botschaften sind als einen Text zu betrachten, zumal die chronologische Herabsendung nicht mit der heutigen Struktur des Textes übereinstimmt.

Mohammed Arkoun, ein algerisch-französischer Philosoph und islamischer Gelehrter, 2010 gestorben, meint, die islamische Vernunft sei seit Jahrhunderten durch intellektuelle Ohnmacht, schablonenhaftes Denken und Trägheit bestimmt, die letztlich zu einer Abschaffung jeglicher Freiräume für Kritik geführt hätten. Mit seinem Buch: „Kritik an der islamischen Vernunft“, welches leider noch nicht in Deutsch gibt, verfolgt Arkoun schließlich das Ziel, den Islam mutig und kompromisslos auf alle fehlerhaften Erkenntnisse, Legenden, Parolen und Visionen zu untersuchen, ohne dabei herablassend zu sein.

Ibn Ruschds Aussage über den Koran lautet: „Der Koran ist die Wahrheit selbst, durch ein göttliches Wunder entstanden. Dass er alle Menschen gleichzeitig ansprechen kann, beweist, dass es durch ein Wunder entstanden ist. Der Koran hat eine äußerliche und symbolische Bedeutung für die Ungebildeten und eine innere verborgene Deutung für die Gebildeten.“

Auch für ihn war also der Koran geschaffen.

Muhammad Shahrur meint in seinem 1990 erschienenen Standardwerk: „Die Schrift und der Koran. Eine zeitgenössische Lesung“: „Nur Gottes Wort ist absolut.“ „Der Koran stelle das ‚Siegel der Bücher‘ dar, enthalte also die letzte und endgültige der drei Offenbarungsreligionen. Der Koran beinhalte die absolute Wahrheit Gottes. Diese könne allerdings vom Menschen nur relativ verstanden werden. Daher könne das jeweilige Koranverständnis einer bestimmten Zeit nur für diese Zeit gelten.“ Das heißt: Der erschaffene Koran lässt sich historisch, also zeitgemäß lesen und verstehen. Bei einem unerschaffenen Koran geht das nicht.

Die meisten fortschrittlichen und liberalen Islamwissenschaftler unserer Zeit im arabischen Raum wurden leider wegen ihrer Gedanken Repressalien unterworfen oder ihrer Ämter enthoben.

Und meine Meinung?

Als ich Muslima wurde, bin ich immer wieder über ein Wort gestolpert: ‚Taqwa‘, es wurde damals mit ‚Furcht‘ übersetzt.

Ich konnte das nicht begreifen: Warum soll ich Gott fürchten, wenn ich ihn liebe? Diskussionen darüber waren nicht in meinem Sinn, bis ich eine gute Erklärung bekam: Gottesbewusstsein. Ja, ich bin mir Gottes bewusst, spreche mit ihm, versuche das gut zu machen, was er von mir erwartet. Das heißt: Wenn ich im Koran lese und über das Gelesene nachdenke, mache ich mir meine eigenen Gedanken, beziehe es auf heute und auch auf mich und der Gemeinschaft. Das kann ich aber nicht, wenn ich davon ausgehe, dass der Koran unerschaffen wäre. Die Worte wären ja sinnbildlich in Stein gemeißelt. Nur nicht daran rütteln! Da kann ich nichts auf mich und auf heute beziehen. Aber Gott verlangt in vielen Versen oder Parabeln, dass ich lerne, auch aus den Begebenheiten von vor 1400 Jahren, die der Koran beschreibt, lerne und anwende. Bei historischen Inhalten von damals stelle ich mir die damalige Situation vor und sehe es auch von der heutigen Warte aus und ziehe meine Lehren daraus. Natürlich beachte ich auch verständige Kommentierungen von Gelehrten, die ich zum Verständnis des Korans heranziehe. Also ist für mich der Koran erschaffen.

Friede und Freiheit im Islam

Friede und Freiheit im Islam

Der Begriff für Frieden kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutete ursprünglich Schutz, Sicherheit. Er schließt kulturelle, strukturelle und personelle Gewalt aus. Er ist ein Prozess. Auf die menschliche Gesellschaft übertragen ist Frieden der Zustand eines vertraglichen und gesicherten Zusammenlebens von Menschen sowohl innerhalb als auch zwischen den Gesellschaften und Staaten.

Im islamischen Verständnis trägt das Wort „Islam“ in seiner Wurzel die Bedeutung „Frieden“ in sich. Die arabische Wortwurzel s-l-m steht für „wohlbehalten, in Sicherheit“, eben „in Frieden sein“. Auch das Wort Salam, Friede, ist daraus gebildet. Islam ist das Friedenmachen durch Hingabe an Gott: Ein Muslim, der sich Hingebende, findet dadurch Frieden mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung.

Salam alaikum „Friede sei mit euch!“ ist der traditionelle muslimische Friedensgruß, mit dem sich nach dem Beispiel des Propheten die Muslime überall auf der Welt begrüßen. Und man sagt, dass der Prophet Muhammad (Friede und Segen auf ihn) nicht nur Muslime so begrüßte. Als ein Gefährte ihn fragte, was im Islam am besten sei, entgegnete er: „Dass du den Armen speist und den Friedensgruß dem entbietest, den du kennst und dem, den du nicht kennst.“ Das bedeutet: alle, die dir begegnen, sollte man grüßen.

Der Friedensgruß hat auch eine rituelle Funktion: nach jedem der fünf täglichen Pflichtgebete wenden die Muslime den Kopf nach rechts und links und entbieten den Friedensgruß der ganzen Schöpfung.

Was sagt der Koran zum Thema Frieden?

Die Verse 61 und 62 der Sure 19 stehen für die Hoffnung auf ewigen Frieden: „(Sie werden in) die Gärten von Eden (eingehen), die der Barmherzige seinen Dienern im Verborgenen verhieß.  Wahrlich, Seine Verheißung wird in Erfüllung gehen. Sie hören dort kein leeres Gerede, sondern genießen nur Frieden.“

Oder in Sure 10:10 steht: „Ihr Ruf wird dort (im Paradies) sein. „Preis Dir, o Allah!“ Und ihr Gruß wird dort sein: Frieden!“ – „Salam!“

Genauso lesen wir in Sure 14: 23: „Und diejenigen, die da glauben und gute Werke tun, werden in Gärten eingeführt werden, durch die Bäche fließen, um mit der Erlaubnis ihres Herrn ewig darin zu wohnen. Ihr Gruß dort wird lauten: ‚Friede!‘“

Das Wort Salam hat somit eine weite Bedeutung. Es bedeutet Sicherheit, Gesundheit, Harmonie und Zufriedenheit.  Genauso sprechen die Engel dem Todgeweihten „Friede“ zu.

In der Sure 10:25 lädt Gott uns in Sein Haus ein: „Und Allah lädt ein zum Haus des Friedens und leitet, wen Er will zum geraden Weg. Denen, die Gutes tun, soll das Beste zuteilwerden und noch mehr.“

Wenn ich bedenke, dann bezieht sich das Wort Frieden meist auf das friedliche Paradies. Was ist aber mit dem Diesseits? Gibt es auch hier den Frieden, den sich eigentlich jeder wünscht, oder fast jeder.

Wenn ich über den Satz in Sure 22:40 nachdenke, wünscht Gott den Frieden auf Erden nicht allein nur für die Muslime. Da steht: „Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs des Öfteren genannt wird, niedergerissen worden.“

Deshalb wird klipp und klar dem Muslim verdeutlicht und ans Herz gelegt, Frieden zu schließen, sobald der Gegner auch nur entfernt dazu bereit ist: „Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch du ihm geneigt und vertrau auf Gott; siehe, Er ist der Hörende, der Wissende“ (8:61). Gott verlangt also vom Menschen, dass er seine Vernunft walten lässt und alles Mögliche unternimmt, den Frieden wiederherzustellen und auch zu erhalten.

Gott liebt alle Menschen, denn Er hat sie ja alle geschaffen. Er sagt in Sure 49:13: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr euch einander kennen möget. Der Edelste von euch ist vor Allah derjenige, der am gottesfürchtigsten ist.“ Das heißt: egal, welcher Hautfarbe du bist, welcher Nation du angehörst, wir sind eine einzige Familie. Deswegen dürfen wir uns nicht in Zwistigkeiten, Rassenkämpfe, und Religionskriege verstricken. Der Koran lehnt eigentlich mit diesen Worten die traurige Wirklichkeit heute in vielen Ländern strikt ab: den Nationalismus und Rassismus.

„Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin liegen Zeichen für die Wissenden“ (30:22).

Die Menschen haben sich auf der ganzen Erde ausgebreitet. Je nach Klima hat sich eine bestimmte Hautfarbe herausgebildet und ebenso Sprachen. Dennoch bleibt ihre grundsätzliche Einheit davon unbeeinflusst. Sie alle haben dieselben Gefühle, Wünsche. Diese Unterschiede der Hautfarben und der Sprachen sind Zeichen für Gottes Schöpferkraft und Liebe zu allen Menschen, aber keine Gründe von Abwertungen anderer Nationen oder Religionen, genauso wie für kriegerische Handlungen, Hass oder Rassismus.

„Und wenn Gott gewollt hätte, so hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch wollte Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben hat. Darum wetteifert miteinander im Guten! Zu Gott werdet ihr dereinst zurückkehren, und Er wird euch aufklären über das, worüber ihr uneins seid.“ (5:48). Das Gute hat einen Namen: Frieden und Brüderlichkeit.

Das heißt, niemand wird im Koran ausgeklammert. Gott spricht durch den Koran nicht nur die Muslime an, sondern alle Menschen, ob sie Christen, Juden sind oder einer anderen Religion oder keiner Religion angehören. Er ist für die ganze Menschheit geschrieben.  Egal, wer man ist, Gott ruft sie alle zum Wetteifern im Guten auf. Und darum öffnen wir unsere Moschee allen Menschen, die den Frieden wollen.

Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er für richtig hält.

Besonders in den letzten Jahren vor seiner Auswanderung bemühte sich der Prophet Muhammad seine Botschaft weiterzugeben. Es bedrückte ihn sehr, dass viele Menschen in Mekka ihm nicht zuhören wollten oder gar daran hinderten. Da munterte ihn Gott auf (10:99) „Und falls dein Herr wollte, bestimmt hätten alle, die auf Erden sind, geglaubt – sie alle gemeinsam. Doch willst du die Menschen zwingen, damit sie Gläubige werden?“

Hier spricht Gott zwei Punkte an: Erstens will Er sagen, es wäre für ihn eine Leichtigkeit, alle Menschen in einer Religion zu vereinen, aber das wollte er nicht. Jeder darf und soll selber entscheiden, er hat die Freiheit dazu. Und zweitens: Dieser Vers verbietet ganz offensichtlich, die Menschen zum Glauben zu zwingen. Der Vers 256 in der Baqara betont es noch deutlicher: „Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden vom unrichtigen. Wer also nicht an falsche Götter glaubt, an Allah aber glaubt, der hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt.“ Auch hier wird von Gott betont, dass der Glaube am Islam und seine Lebensweise niemandem aufgezwungen werden darf.

Ganz im Gegenteil: Im Koran 2:62 steht expliziert, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion zu leben. Da steht. „Jene, die glauben, und jene, die Juden geworden sind, und die Christen und die Sabäer – Wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und gute Werke verrichtet, denen wird bei ihrem Herrn ihr Lohn zuteilwerden, und sie werden weder sich fürchten müssen noch traurig sein.”

Das heißt für uns, dass wir andere Menschen, die keine Muslime sind, aber an Gott glauben, zu respektieren und zu achten haben. Sie haben die Freiheit, im Judentum und Christentum Gott zu suchen und sich in seinem Schutz zu begeben.

Das bedeutet, dass eines der wichtigsten und unantastbaren Menschenrechte die Glaubensfreiheit ist. Im Koran wird dieses Recht garantiert und untersagt das Aufzwingen weder durch materielle Argumente noch durch Drohungen oder Gewalt. Der Glaube ist wie ein starkes Seil, das nie zerreißen wird. Das Seil steht für Glauben an Gott. Das heißt, wer sich daran festhält, am Glauben mit seiner ganzen Glaubensfreiheit, kommt niemals vom Weg ab, der zu Gott und in sein Paradies führt.

Im ganzen Koran findet sich nicht eine einzige Stelle, die es dem Muslim verbietet, frei zu denken. Aber nur im Frieden kann er sich frei entscheiden. Das heißt mit den Worten von Abdel Hakim Ourghi: Der Ruf nach der Autonomie des Koran als Text und nach der Freiheit der Interpretation ist eine Ermutigung der Muslime zur Erneuerung der islamischen Religion sowie die Voraussetzung für eine Wiederbelebung des freien Denkens aller Muslime. Die Freiheit der Koranauslegung impliziert auch die Freiheit all jener Andersdenkenden, die ebenfalls nach einer modernen und humanistischen Lesart des Koran streben. Eine freie Interpretation ist darum bemüht, die kanonischen Quellen und deren Rezeption historisch-kritisch zu verstehen. Deshalb ist und bleibt die Freiheit des muslimischen Lesers als Exeget unantastbar.

Gott    erschuf den Menschen als seinen Statthalter auf Erden und forderte ihn auf, bei der Entwicklung und Gestaltung des Lebens auf der Erde aktiv zu sein. Dafür gab Er ihm den Verstand. Der Mensch wurde so zur Krönung der gesamten Schöpfung. Durch Botschafter sandte Gott an den Menschen immer wieder seine Offenbarung herab. Er forderte sie darin zum Nachdenken auf, so dass sie aus ihren eigenen Gedanken Schlüsse ziehen können, wobei Gott das Nachdenken als den Weg betrachtet, der zur Erkenntnis führt. Gott will also, dass der Mensch durch dieses Nachdenken für seine Anschauungen, seine Zugehörigkeit und seine Bekenntnisse Verantwortung übernimmt. Der Mensch kann sich also die Freiheit nehmen für sich selbst zu entscheiden.

Deshalb gibt es für den Menschen keine Rechtfertigung für jegliche Formen blinder Nachahmung alter, überkommener Kulte, blindem Gehorsam und egozentrischen Interessen.

Diese Verse über Frieden und Freiheit des Menschen sind doch eigentlich klar und deutlich zum Verstehen. Aber wenn ich die islamische Geschichte betrachte, war das wohl doch nicht so verständlich. Es gab immer Kampf, Kampf innerhalb der einzelnen Strömungen im Islam. Sunniten gegen Schiiten, die Sunniten verfolgten die Ismailiten, im frühen 13. Jahrhundert gerieten die Nusairier im syrischen Küstengebirge in eine immer schärfere Konkurrenz zu den nizāritischen Ismāʿīliten. Sogar während des Goldenen Zeitalters in Bagdad kämpften diejenigen, die den Koran als unerschaffen ansahen gegen diejenigen, die ihn als erschaffen hielten und steckten sich gegenseitig in die Gefängnisse. Die Mihna ‚Prüfung‘) war eine zur Zeit der abbasidischen Kalifen zwischen den Jahren von 833 bis 849 praktizierte Form der Inquisition, bei der die betreffenden Personen gezwungen wurden, sich zur Staatsdoktrin von der „Erschaffenheit des Korans“ (chalq al-qurʾān) zu bekennen und wurde erst unter dem Kalifen al-Mutawakkil beendet. Im September 834 musste sich Ibn Hanbal, der jüngste unter den Gründern der vier im sunnitischen Islam etablierten Richtungen (madhhab)  mit anderen Vertretern der ahl al-sunna am Kalifenhof erscheinen und sich der Mihna unterwerfen. Er wurde ausgepeitscht, eingekerkert. Erst unter al-Mutawakkil ʿalā Llāh (ab 847) konnte er ungestört unterrichten und öffentlich auftreten.

Es war der Frieden der jeweils herrschenden Macht. Und heute noch halten sich viele Muslime als die besseren Menschen. Denn Gott lässt es zu, weil er dem Menschen die Freiheit gab, sich zu entscheiden und zu handeln.

Für mich gelten, und sicher auch für alle hier, die Worte des tunesischen Mohamed Talbi, einer der wichtigsten und kritischsten Vordenker der arabischen Welt, der für eine zeitgemäße Leseart des Koran plädiert: Die Menschen haben denselben Atem Gottes in sich, kraft dessen sie sich zu Gott erheben und seinen Anruf in Freiheit beantworten können. Sie besitzen dadurch die gleiche Würde und die gleiche Heiligkeit, und diese Würde und Heiligkeit verleihen ihnen uneingeschränkt in gleicher Weise dasselbe Recht auf Selbst-Bestimmung hier auf Erden und im Jenseits. Aus der Sicht des Koran lässt sich also sagen, dass der Ursprung der Menschenrechte in dem liegt, was alle Menschen aufgrund des Planes Gottes und seiner Schöpfung von Natur aus sind.“

Rechtleitung im Islam

Rechtleitung im Islam

Unter der Obhut Allahs, der Göttlichen Barmherzigkeit, der göttlichen allumfassenden Gnade

Alles Lob gebührt Gott, der Göttlichen Erhabenheit, dem Oberhaupt aller Welten. Wir danken Allah für die allgegenwärtige Gnade und Gaben und wir bitten Allah um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass wir die Göttliche Gunst empfangen werden. Der Göttliche Frieden und Segen sei mit allen Menschen

„Möge Allah Dich rechtleiten!“ – das ist ein Satz, den ich oft höre oder lese, seit ich zum Islam gekommen bin. Zumeist schwingt dabei ein jovialer oder fast abfälliger Unterton mit. Ganz nach dem Motto: „Ich weiß ja, dass ich Recht habe, und möge Gott Dir klar machen, dass meine Meinung die richtige ist.“ – oder auch: „Ich weiß grade nicht weiter, also soll sich bitte Gott drum kümmern.“

Der Begriff der Rechtleitung taucht aber auch in Qur’an an vielen Stellen auf und so beschloss ich, mich im Zuge meiner Studien intensiver mit Rechtleitung zu beschäftigen.

Schnell wurde mir klar: Das ist kein Thema, das mit dem Lesen von ein paar Artikeln und ein bisschen Suche nach passenden Suren aufgearbeitet ist. Die Idee der Rechtleitung beschäftigt seit der Offenbarung an unseren Propheten Mohammed (Fsai) die islamische Theologie und Mystik. Mir wurde bewusst, dass ich mit dieser einen Khutba das Thema Rechtleitung nur grob umreißen und anschneiden könnte. Genauso wie „Barmherzigkeit“ ist „Rechtleitung“ mehr als nur ein fest definierter Begriff, sondern ein tiefer und vielfältiger Themenkomplex.

Das Substantiv „Rechtleitung“ kommt 81mal im Qur’an vor, das Verb „rechtleiten“ weitere 27mal. Hinzu kommen gute zwanzig weitere Stellen, in denen Formen der Begriffe „leiten“ und „geleitet“ verwendet wird.

Die Idee der Rechtleitung ist damit ein zentrales Thema innerhalb des Qur’an und verdient daher – meiner Meinung nach – einen entsprechenden, also einen äußerst bedeutsamen Stellenwert in der Religiösität der Muslim*innen. Darauf werde ich später noch einmal zu sprechen kommen.

Der Ausdruck „Rechtleitung“ wird verwendet für die Wiedergabe des arabischen Begriffes „hudā“ verwendet. Dieses Wort wird im Koran und in Texten der islamischen Theologie genutzt für die praktische Leitung der individuellen Lebensführung und des Gemeinwesens gemäß dem göttlichen Willen und im göttlichen Sinne. Der übliche Gegenbegriff ist „In die Irre gehen bzw. geleitet werden“ (arabisch ḍallala).

Die geoffenbarte Botschaft Gottes wird dabei als bedeutende Quelle wahrgenommen für die Inspiration der einzelnen Menschen auf deren spirituellem Weg der Weiterentwicklung.

So lesen wir in Sure 5, Verse 44 bis 46:

„Wir haben (seinerzeit den Kindern Israels) die Thora herabgesandt, die (in sich) Rechtleitung und Licht enthält… Und wir ließen hinter ihnen (d.h. den Gottesmännern der Kinder Israels) her Jesus, den Sohn der Maria, folgen, dass er bestätige, was von der Thora vor ihm da war… Und wir gaben ihm das Evangelium, das (in sich) Rechtleitung und Licht enthält… als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.“

Die Rechtleitung Gottes, die göttliche Hilfestellung, gilt also auch für die vorherigen abrahamitischen Religionen über die Verkündigungen der jeweiligen Prophet*innen.

Der Qur’an wiederum, als geoffenbarte Botschaft Allahs an Mohammed (Fsai), wird als Buch der Rechtleitung empfunden und somit auch als Quelle der Spiritualität.

Allah sagt in Sure 2, Vers 2 über den Qur’an, er

,,(…) ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“.

Damit wertet Allah die Botschaft des Qur’an als gleichwertig mit den vorangegangenen Rechtleitungen.

Aus theologischer Sicht ist der Qur‘an für „die Gottesfürchtigen“ eine Rechtleitung sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. [Auf den Begriff „Gottesfurcht“ bzw. „Gottesehrfurcht“ werde ich in einer gesonderten Khutba eingehen.]

Spannenderweise finden wir in der gleichen Sure in Vers 185 im Zuge der Erläuterung Bestimmungen zum Fasten folgendes:

„Der Monat Ramaḍān (ist es), in dem der Qurʾān als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung.“

Gott spricht hier nicht davon, die göttliche Botschaft als Rechtleitung sei nur für Muslim*innen gedacht, oder für Gottesfürchtige, oder für Gläubige, oder für Angehörige der abrahamitischen Religionen, oder nur für Männer, oder gar nur für Heterosexuelle.

Nein. Der Qur’an wurde herabgesandt „als Rechtleitung für die Menschen“.

Ich finde das bemerkenswert.

In Vers 2: ,,Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“.

In Vers 185: „Rechtleitung für die Menschen“.

Widerspricht sich das nicht?

Ich glaube nicht. Die Texte im Qur’an wurden so offenbart, dass Allah dem Propheten Mohammed (Fsai) und den seinen eine spirituelle Entwicklung ermöglichen sollten. Kernstück dieser persönlichen, moralischen Entwicklung ist die Erkenntnis. Die Erkenntnis über Wissen und Bildung. Und damit das schrittweise Verstehen der gesamten Schöpfung und seiner Verknüpfung mit Allah.

Das bedeutet: Für mich ist es logisch, dass Gott zu Beginn der Sure auf „die Gottesfürchtigen“ verweist, dann aber das Angebot der göttlichen Rechtleitung erweitert auf „die Menschen“.

So als wollte Allah uns mitteilen: „Hey, aber denkt mal drüber nach, dass mein Angebot eigentlich für alle Menschen gilt.“

Das ist inklusiv. Das betrifft auch mich. Durch diesen Teil von Allahs Botschaft bin ich nicht nur als Gläubiger, sondern als Mensch angesprochen und eingeschlossen.

Jetzt könnte man* sagen: „Das hat sich der schwule, progressiv predigende Konvertit schlau ausgedacht.“

Tatsächlich aber sind sich die Gelehrten darüber einig, dass die Verse im Einklang stehen.

Der Begriff „Rechtleitung“ bedeutet im Qur‘an nämlich zweierlei: Die Rechtleitung im Sinne von „hinweisen“ und „einen Weg zeigen“, zu dieser Art Rechtleitung sind die Gottesgesandten und deren Nachfolger in der Lage.

In Sure 13, Vers 17 sagt Allah:

,,Und jedes Volk hat einen, der es rechtleitet“

Das heißt, dass es in jedem Volk Menschen gibt, die es auf den rechten Weg hinweisen.

In Sure 42, Vers 52 sagt Allah:

,,Und du leitest ja wahrlich zu einem geraden Weg“

Allah bestätigt hiermit, dass die Gesandten sowie deren Nachfolger auf einen Weg des Glaubens leiten, also hinweisen, einladen und ermahnen.

Doch nur Gott leitet im Sinne der zweiten Bedeutung („einen Weg zeigen“) recht: Er leitet und festigt die Herzen.

In Sure 28, Vers 56 lesen wir:

,,Gewiss, du kannst nicht rechtleiten, wen du gern (rechtgeleitet sehen) möchtest. Allah aber leitet recht, wen Er will.“

In Sure 10, Vers 25 steht zudem:

,,Allah lädt zur Wohnstätte des Friedens ein und leitet, wen Er will, zu einem geraden Weg.“

Der Begriff „eines geraden Weges“ ist also das Synonym für eine Rechtleitung, eine Hilfestellung und Anleitung in Bezug auf den Glauben. Allah legt uns quasi einen Weg bereit, der – wenn wir ihn beschreiten – in eine tiefere Spiritualität und damit zu Gott führt.

Zurückblickend auf die beiden Verse in Sure 2 komme ich zusammen mit vielen traditionellen Gelehrten zu dem Ergebnis: Gott macht mit der Idee der Rechtleitung nicht nur allen Muslim*innen oder monotheistisch-abrahamitischen Gläubigen ein Angebot zur Unterstützung, sondern der gesamten Schöpfung, jedem einzelnen Menschen.

Gott eröffnet die Möglichkeit auf Rechtleitung und macht allen Menschen ein Angebot zur spirituellen Weiterentwicklung und Unterstützung.

Gleichzeitig aber verfügt der Mensch, durch Gott verliehen, über den „Freien Willen“.

Damit besteht für Menschen die Möglichkeit der Wahl: Gottes Angebot entweder anzunehmen oder auszuschlagen.

In der Theologie gibt es eine Vielzahl der Betrachtung des „taraka“, des Ausschlagens von Gottes Rechtleitung. Es gab und gibt Gelehrte, die nur das Ablehnen bestimmter Unterformen der Rechtleitung als akzeptabel betrachten; andere empfinden die Wahl-Option als universell, also für alle Aspekte der Rechtleitung möglich.

Ich möchte mich an dieser Stelle jedoch nicht den Unterformen der Rechtleitung widmen, sondern meine Gedanken zum Stellenwert der Rechtleitung in der täglichen Religiosität der Muslim*innen ausführen.

Denn mir ist eins aufgefallen: Ebenso wie „Barmherzigkeit“ ist „Rechtleitung“ ein zentrales Thema des islamischen Glaubensidee. Statt sich aber um die persönlichen Auswirkungen des göttlichen Angebots auf spirituelle Entwicklung zu kümmern, stellen viele Muslim*innen ein umfangreiches Regelsystem zu äußerem Verhalten in den Mittelpunkt ihrer täglichen Religionsausübung.

Für viele Muslim*innen ist dieses Regelsystem – abgeleitet aus Qur’an und Überlieferung – enorm bedeutsam. Für sie haben Ernährungsregeln, Bekleidungsvorschriften, Bittgebete und vieles mehr den Stellenwert, den eigentlich die Idee der Rechtleitung haben sollte. Sie leben ein Rechtssystem, während sie sich eigentlich mit den Offenbarungen Gottes beschäftigen sollten. Diese Offenbarungen nämlich waren nicht nur für die Prophet*innen gedacht, sondern für alle Menschen, mit den Gesandten als Mittler*innen. Somit müssen die Offenbarungen Gottes eine persönliche Auswirkung auf die Gläubigen und deren eigene spirituelle Entwicklung haben.

Nachdem ich mich jetzt mit der Rechtleitung näher beschäftigt habe, kann ich persönlich nicht anders, als ihr den Stellenwert einräumen, der ihr gebührt. Denn ich ganz persönlich fühle mich völlig eingeschlossen in göttliche „System“ der Barmherzigkeit, Liebe und Rechtleitung.

Gottes Wort im Koran

Gottes Wort im Koran

hr wisst: das Wort Koran bedeutet in der arabischen Sprache so viel wie Lesung, Rezitation, das Vortragen einer Botschaft von Gott. Ganz allgemein  gesagt: die grundlegende Bedeutung des Koran ist dieselbe wie die grundlegenden Botschaften der vorhergegangenen Bücher. Die darin enthaltenen Anweisungen, die dem Menschen eine Leitung, einen Weg geben, eine Rechtleitung, sind universell, für die gesamte Menschheit und für alle Zeiten. Die Sure 5:48 bestätigt es: „Wir haben das Buch mit der Wahrheit zu dir (Muhammad) herabgesandt, das bestätigt, was von der Schrift vor ihm da war und darüber Gewissheit gibt.“

Gott schreibt uns nicht vor, wo wir lesen, wie wir lesen und was wir gerade im Koran lesen. Es kann sein, dass der eine nur auf einer Übersetzung angewiesen ist, weil er kein Arabisch versteht, es kann sein, dass jemand nur zuhört. Aber ein ‚Nur-lesen‘, das sollte es nicht geben. Es ist, als wenn man gar nichts gelesen  oder gehört hat.

Das Wichtigste, was ich aus dem Koran gelernt habe ist, dass wir Menschen durch ihn, durch den Koran in Kommunikation mit Gott treten. Er ist das Bindeglied zwischen beiden.

Nun wird jemand sagen, ich kann auch ohne Koran mich an Gott wenden, ihn bitten. Nein, der Koran sagt, wer Gott ist, er spricht über  seine Eigenschaften und wie wir uns Gott nähern zum Bittgespräch. Dabei hilft uns der Koran, in diese Kommunikation  einzutreten.

Die Eigenschaft der unmittelbaren Kommunikation im Koran ist die Überbrückung der göttlichen Realität zur zeitlich bedingten Realität des menschlichen Bewusstseins.

Der Koran ist sozusagen ein Kanal der Kommunikation, in der Gott und Mensch sich begegnen, aber auf der Ebene des Menschen. Gott begibt sich auf die Stufe des Menschen und spricht mit ihm. Auf die Stufe der Engel, wie zwischen dem Engel Gabriel und dem Propheten Muhammad, und auf der Stufe Gottes, das geht nicht. Wir verstehen die Engelsprache und die Gottessprache ja nicht. Gott begibt sich deswegen auf die Ebene des Menschen und kann dann mit ihm sprechen, durch Gleichnisse, durch Mahnungen, Vorschläge, wie man sich verhalten soll. Das versteht der Mensch.

Dadurch wird der Koran  für mich zu einer tollen Sache, weil Gott durch ihn mit mir und jedem von euch in Seiner Barmherzigkeit spricht. Er warnt mich, ruft mir zu: gehe diesen Weg, mache nicht das. Er meint es gut mit mir, versucht mich, auf den richtigen Weg zu halten. Und er ruft mich zur Erinnerung an ihn.

Natürlich muss ich nicht diesen Weg gehen, muss mich nicht an seine Vorschläge halten, denn er lässt mir meine Entscheidungen, aber es sind gute Ratschläge, die ich zu meinem Gunsten beherzigen sollte.

Es ist wichtig und unerlässlich, den Koran in Hinblick auf den aktuellen Kontext auszulegen, die koranische Botschaft der Gleichnisse als spirituelle Regel des täglichen Lebens und zu allen Zeiten zu nutzen. Gleichnis bedeutet,  etwas mit einem anderen etwas zu vergleichen, das, was früher geschah, mit heute als eine neue Anregung  zu vergleichen.

Der Koran ist eine Erinnerung für die Menschen. Aber um das richtig zu erkennen, Schlussfolgerungen zu ziehen, muss man sich aufrichtig mit dem Koran beschäftigen und auf sich selbst reflektieren, also über die eigene Situation nachdenken, ohne die ein aussagekräftiges Verständnis nicht möglich ist.

Der Koran ist eine Hilfe im Leben, ein Verhaltenskodex, eine Orientierung im Verhalten zu den Menschen und zu Gott. Er ist, wie der Islamwissenschaftler Abu Zaid sagte, ‚eine Sphäre des Daseins, ein Kanal der Kommunikation, in der Gott und Mensch sich begegnen, ohne dabei eins zu werden, ohne dass also Gott vermenschlicht und der Mensch vergöttlicht würde.‘

Es bereitet mir immer wieder ein Vergnügen, wenn ich  mich mit der Sure Al-Hujutat (Die inneren Gemächer) beschäftige. (Verhalten der Mitglieder der schnell wachsenden muslimischen Gemeinschaft sowohl untereinander und auch zum Propheten)

2 Oh, die ihr glaubt, erhebt nicht eure Stimmen über die Stimme des Propheten, und sprecht nicht so laut zu ihm, wie ihr laut zueinander sprecht, auf dass (nicht) eure Werke hinfällig werden, ohne dass ihr merkt.

3 Gewiss, diejenigen, die ihre Stimmen bei Allahs Gesandtem mäßigen, das sind diejenigen, deren Herzen Allah auf die Gottesfurcht geprüft hat. Für sie wird es Vergebung und großartigen Lohn geben.

4 Gewiss, diejenigen, die dich hinter den (Wänden der) Gemächer rufen, die meisten von ihnen haben keinen Verstand.

5 Wenn sie sich gedulden würden, bis du zu ihnen herauskommst, wäre es wahrlich besser für sie. Und Allah ist Allvergebend und Barmherzig.

6 O die ihr glaubt, wenn ein Frevler zu euch mit einer Kunde kommt, dann schafft Klarheit, damit ihr (nicht einige) Leute in Unwissenheit (mit einer Anschuldigung) trefft und dann über das, was ihr getan habt, Reue empfinden werdet.

9 Und wenn zwei Gruppen von den Gläubigen miteinander kämpfen, so stiftet Frieden zwischen ihnen. Wenn die eine von ihnen gegen die andere widerrechtlich vorgeht, dann kämpft gegen diejenige, die widerrechtlich vorgeht, bis sie zu Allahs Befehl zurückkehrt. Wenn sie zurückkehrt, dann stiftet Frieden zwischen ihnen nach Gerechtigkeit und handelt dabei gerecht. Allah liebt ja die Gerechten.

10 Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren beiden Brüdern und fürchtet Allah, auf dass ihr Erbarmen finden möget.

Jeder, der dies Verse liest, stellt sich etwas darunter vor. Ich jedenfalls habe mich zuerst köstlich amüsiert, habe mir die Situation vorgestellt, die poltrigen, lauten und  stürmischen Freunde des Propheten, Abu Bakr und Oman und ihr Streit, wer recht hat.

Die Sura wurde 9 Jahre nach der Hidjra gesandt. (Offenbarungsanlass: Ein Geleit von Banu Tamin kam zum Propheten. Die beiden stritten, wer der Führer sein soll. Abu Bakr meinte: „Du möchtest mir nur widersprechen,“ – Umar: „Ich wollte dir nicht widersprechen.“)

Es beinhaltet die Beziehungen und Verhalten der Menschen zum Propheten einerseits sowie die Beziehungen untereinander, gegenseitiger Respekt und Vertrauen, der richtige Umgang mit Gerüchten und Nachrichten, Gerechtigkeit,  Wichtigkeit einer Schlichtung, Versöhnung.

Ibn Al-Arabi im 12. Jh. sagt  darüber: „Der Respekt gegenüber dem Propheten nach seinem Tode gleicht dem Respekt ihm gegenüber, als er noch lebte.“

Diese Offenbarungen  sind für mich real. Natürlich kann jeder andere Mensch anders darüber denken. Gott will mir darüber etwas sagen. Es ist also ein Gespräch zwischen mir und Gott, auch wenn es nicht verbal ist, es zeigt mir etwas gedanklich oder sogar bildlich, was ich verstehen kann.

Aber warum spricht Gott darüber? Er würde doch nichts Unnützes uns mitteilen, ist es so wichtig, dass es auch noch nach vielen Jahrhunderten mitgeteilt werden muss? Das hat doch einen Grund, warum hat Gott es für so wichtig gehalten? Es ist eine Beschreibung der Situation von damals, wichtig auch für heute! Dieses Moralverständnis gilt auch noch heute. Wenn ich heute darüber laut oder nur für mich nachdenke, werden aus diesen Gottesworten meine Worte. Sie sagen mir etwas. Dadurch werden sie lebendig.

Durch meine Gedanken, mein Nachdenken über ihren Inhalt, wofür sie stehen, werden sie lebendig. Aus Gottesworten werden durch Menschen Menschenworte, werden zu lebendigen Gedanken. Gott spricht also auf menschlicher Ebene mit uns. Die Mitteilung wird zu einem lebhaftem Gespräch zwischen Gott und mir.

Immer wieder bin ich sehr bewegt, wenn ich Gleichnisse über das Wasser und deren Beziehung zu Wissen lese: ‚Haben sie nicht gesehen, dass wir das Wasser auf das dürre Land treiben und dadurch Gewächs hervorbringen, an dem ihr Vieh und auch sie selber sich laben? Wollen sie also nicht sehen?‘ – Es bedeutet: Ja, wollen wir denn wirklich nicht sehen und verstehen, was Gott uns mit diesem Vers mitteilen möchte? Wollen wir Gott nicht dafür danken und sein Geschenk an uns auch nutzen? Dieses Wasser ist ein Zeichen von ihm. Gott meint damit: Nutzt das Wasser, auch wenn ihr Mühe damit haben werdet.  Und so ist das auch mit dem Wissen. Gott hat uns Wissen gegeben, damit wir es nutzen, das heißt für mich speziell, es euch weiterzugeben. Darum stehe ich vor euch.

Es war bestimmt für mich nicht leicht, entgegen der allgemeinen Meinung, ich als Frau hier vor euch zu stehen. Das Wissen im Koran, das Kommunizieren Gott mit dem Menschen, es hat mich total verändert. Und es hat mir Kraft gegeben, mein Wissen mit euch zu teilen, meine Khutbas zu halten.

Im Grunde ist der Koran ein Buch, gefüllt mit Wörtern, die zu Sätzen werden. Aber was für Sätze, wenn sie lebendig werden und zu einem Gespräch zwischen Gott und dem Menschen führen!

Nicht nur das: Indem wir es lesen, entstehen in unseren Gedanken und Gefühlen Freude, Trauer, Neugier, erfahren wir, wie wir uns zu verhalten haben, staunen über den Sinn der Gleichnisse. Das alles wird durch unser aktives Lesen und darüber nachzudenken lebendig.

Der Koran wird zu einem lebendigen Koran!

Damit ihr einander kennenlernt

Damit ihr einander kennenlernt

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.

(Sure 49, Vers 13)

Nicht nur Islamwissenschaftler sind mit der historisch-kritischen Methode als Werkzeug für die Analyse von Texten vertraut. Die Methode lässt sich auch auf den Koran in seiner Form als Text anwenden. Dabei ist die historisch-kritische Herangehensweise als Teil der Exegese (Auslegung, Erläuterung, Interpretation) keine Erfindung der sogenannten westlichen Welt. Bereits im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung begannen muslimische Gelehrte damit, den Kontext, in dem die einzelnen Suren und Verse offenbart wurden, schriftlich festzuhalten.

Ohne geschichtliches Hintergrundwissen gelangt man oftmals zu anderen Interpretationen, zu anderen Lesarten des Textes und erhält somit ein anderes Verständnis über die ursprüngliche Bedeutung der koranischen Suren und Verse. Manches hingegen – wie die eingangs zitierten Verse – erscheint auf den ersten Blick als klar und eindeutig, ohne dass weitere Erklärungen für ein unmittelbares Verständnis herangezogen werden müssten.

Jeder Mensch ist das Produkt seiner Eltern, einem Mann und einer Frau. Im Idealfall entwickelt sich das männliche Kind zu einem guten Sohn, zu einem guten Bruder und zu einem guten Freund sowie zu einem guten Ehemann, einem guten Vater und guten Nachbarn. Das weibliche Kind entwickelt sich dementsprechend zu einer guten Tochter und guten Schwester, zu einer guten Freundin und guten Ehefrau sowie zu einer guten Mutter und guten Nachbarin. Damit sind nur einige der vielen Rollen genannt, die sich prägend auf das Leben eines jeden Menschen auswirken.

Das Leben jeder einzelnen Person ist offensichtlich durch steten Wandel und sich wiederholende Kreisläufe geprägt. Folglich ist es angebracht, im Laufe des Lebens seine Ansichten zu ändern, beziehungsweise sie an neue Situationen anzupassen. Selbst Sterne und Steine – klassische Symbole des vermeintlich Ewigen und Unveränderlichen – verändern sich im Laufe der Zeit.

Ich habe das Privileg, dass ich zur Zeit viele Gespräche mit Besuchern unserer Moschee führen kann. Gegenüber all meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern betone ich, dass die Moschee allen offen steht. Ich betone ihnen gegenüber ebenfalls, dass alle Menschen Kinder dieser Erde sind. Das Leben aller Menschen führt von der Geburt an mehr oder weniger direkt in den Tod, mag der Weg dahin auch noch so unterschiedlich sein.

Aus meiner Sicht sind zwischenmenschliche Gespräche dann am interessantesten, wenn es darum geht, wie das Zurechtkommen mit Veränderungen individuell wahrgenommen und angegangen wird. Der Austausch und das geteilte Wissen darüber erschaffen immer wieder eine gemeinsame Basis, ermöglichen gegenseitiges Verständnis und bewirken Nachsicht im Umgang miteinander.

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.