Koran

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Samara Doole

Wasser

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Ihm, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.
Das, worüber ich heute sprechen möchte, ist Nahrungsmittel, Lebensraum, Verkehrsweg, Energiequelle, Kraft und Baumeister zugleich. Ich spreche von

Wasser

 

Samara Doole
Samara Doole

Wasser ist all das und es ist kein Wunder, dass das Wasser nicht nur im Islam eine sehr hohe Stellung einnimmt, sondern eigentlich in fast allen Weltreligionen. Es steht für das Ursymbol des Lebens, ein Geschenk der Götter oder des Einen Gottes. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen, Dürre und Hochwasser, also ein zu wenig und zu viel.
Im hinduistischen Glauben ist Wasser unsterblich, denn es transportiert die Seelen der Toten zum Sitz des ewigen Lebens. Ein Bad im heiligen Wasser, dem Ganges, spült alle Sünden des Gläubigen hinweg. Aus dem Grund wird auch die Asche des Verstorbenen in den Fluss gestreut, in dem dessen Seele zum Ort der Erlösung gelangt.
Ebenfalls ist in der buddhistischen Lehre das Wasser Sinnbild für den Strom des Lebens, in dem die Seele der Erlösung entgegenfließt.
In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments war die ganze Erde von Wasser bedeckt, dann trennte Gott das Wasser und Land und schuf das Meer und die Erde. So zieht sich durch das gesamte alte und neue Testament das Bild des Wassers als Ursprung des Lebens. Im Judentum tauchte man sich vollständig im Wasser unter, um rituell gereinigt zu sein, während im Christentum ein kleiner Wasserguss reicht.
Da, wo die drei abrahamischen Religionen entstanden, in den Wüsten- und Trockenzonen Arabiens war man sich der ungeheuren Wichtigkeit des Wassers und seinen Konsequenzen sehr bewusst. Schon seit Urzeiten bedeutete dort Wasser Leben für die Viehzüchter wie für die Ackerbauern. Wasser war also schon immer ein Grund für Besorgtheit, denn Wasser verkörpert eine gesunde Tier- und Pflanzenwelt, also Nahrung.
Wasser hatte Einfluss auf das Miteinanderleben, auf Umgangsformen der Bewohner. Jeder Wüstenbewohner war angewiesen auf Gastlichkeit, denn jeder kann in die Lage versetzt werden, einmal das Wasser selbst seines ärgsten Feindes in Anspruch nehmen zu müssen. Da ist es nicht verwunderlich, dass schon im Islam beizeiten das Anrecht auf Wasser als ein Menschenrecht festgelegt wurde. Das können wir in einem Hadith im Sahih Muslim Nr. 157 nachlesen: ‚Abu Huraira, (Allahs Wohlgefallen auf ihn) berichtete, dass der Gesandte Allahs (Allahs Frieden und Segen auf ihm) sagte: ‚Drei werden von Allah am Tage der Auferstehung nicht angesprochen, nicht angeschaut und nicht geläutert. Und diese haben eine schwere Strafe zu erwarten: Ein Mann, der sich in der Wüste befindet und Überschuss an Wasser hat, sich aber weigert, einem Reisenden davon utrinken zu lassen.‘
Wasser spielte darum auch eine große Rolle in der arabischen Literatur und Poesie, ja sogar in der Architektur.
Neben dem Wasser zur menschlichen und tierischen Versorgung brauchte man es auch zur rituellen Reinigung. Darum verpflichtet der Islam, wie die anderen Religionen, die auf dem Boden der arabischen Wüste entstanden waren, die Menschen, alles Mögliche für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserreserven zu tun. Darum ist das Thema Wasser und seine Bewahrung und Nutzung von großer Wichtigkeit, mehr noch: der verantwortliche Umgang mit sauberem Wasser ist ein Schöpfungsauftrag, ein Auftrag von Gott, als Er den Menschen als Seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt hatte.
Für sie gab es Gewissheit, dass das Wasser göttlichen Ursprung war. Und so lesen wir auch an vielen Stellen im Koran über die herausragende Stellung des Wassers für die Erde mit ihren Pflanzen und Lebewesen und auch für die Vorstellung des Paradieses. Als ich in Granada die Alhambra besuchte, stellte ich mir dieses Bild, was ich da sah als ein Sinnbild des Paradieses auf Erden vor. Auch ihre Erbauer sahen das Wasser auf eine hohe Stufe, vergleichsweise wie das Wasser im Paradies.
Wasser ist das Abbild für das Reine im Allgemeine und im Speziellen, wie in der Religion: Waschungen mit reinem Wasser dient der inneren und äußeren Reinigung und gilt für jeden Gläubigen als Teil des Gebetes, eine der 5 Säulen des Islam.
Wasser ist für alle Lebewesen das wichtigste Element, ohne eine genügende Wasserversorgung würde zum Beispiel der Mensch innerhalb weniger Tage sterben.
Besser gesagt: vom Wasser hängt alles Leben ab. Und das sagt auch der Koran in Sure 21:30 aus: „Und Wir haben aus dem Wasser alles Lebendige gemacht.“ Dieser kurze Vers weist auf die Existenz Gottes hin, auf Seine Macht und Einzigartigkeit. Und damit fordert Gott uns zum Nachzudenken auf. Er liefert uns den Regen, also das Wasser, aber Er könnte uns es auch vorenthalten, nur Er hat die Macht darüber. Das beweist auch die Sure 27:60: „Nein – wer ist es, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und für euch lebengebendes Wasser vom Himmel herabsendet? Denn dadurch lassen Wir Gärten von leuchtender Schönheit wachsen- während es nicht in eurer Macht ist, (auch nur einen einzigen) ihrer Bäume wachsen zu lassen! Könnte es eine göttliche Macht neben Gott geben? Nein, sie (die so denken) sind Leute, die (vom Pfad der Vernunft) abweichen. Gott weist uns darauf hin, wer das Universum mit all seiner Ordnung, Schönheit und Herrlichkeit geschaffen hat, nicht irgendeiner neben Ihm, sondern nur Er allein.
Und mit dieser Realität, die niemand leugnen kann, hat Er das nötige Mittel, damit überhaupt Leben auf Seine geschaffene Erde existieren kann, das Wasser, uns und den Pflanzen und Tieren gegeben. Denn wenn Er sagt: ‚für euch‘ bedeutet das für alle Menschen. Wasser darf kein Eigentum sein, es ist für alle da und muss zugänglich für jeden gemacht werden. Gleichzeitig weist Er nochmals darauf hin, dass nur Er die Macht hat, Leben zu geben und wachsen zu lassen.

Wasser ist in seiner Reinheit eine Gnade von Gott und wir als Seine Stellvertreter sind aufgerufen, nein, besser noch verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, hängt doch von seiner Reinheit alles Leben ab. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus? Über Jahrhunderte wurde es immer mehr kontaminiert. Durch Abwässer, Müll und Abfall wurde es in den Städten seit dem Mittelalter verseucht, später kam der Abfall der Industrie hinzu, heute sind es giftige Chemikalien und Plastik, das dem Wasser arg zusetzt. Selbst das Regenwasser, das eigentlich das sauberste Wasser sein sollte, ist durch Luftverschmutzung verunreinigt. Und davon trinken die Menschen und Tiere.
Selbst die Feuchtigkeit der Ackerböden ist nicht mehr rein, so dass die Pflanzen das Unreine speichern und wir dann dieses Gift mit der Nahrung verzehren. Auf der ganzen Erde sind die Flüsse, Meere und Seen keine brauchbaren Nahrungsquellen mehr, für viele Millionen Menschen gibt es keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und das verschmutzte Wasser ist verantwortlich für die Verbreitung von gefährlichen Krankheiten.
Gott betont, dass Er diese Verderbnis nicht liebt, das heißt, nicht das Verderbnis als Ergebnis, sondern diese Menschen, die unachtsam und ohne Bedacht mit Gottes Gut umgehen. Er sagt in Sure al-Baqara, Vers 205: „Aber immer, wenn er (dieser Mensch) obsiegt, geht er auf der Erde umher und verbreitet Verderbnis und vernichtet Ackerland und Nachkommenschaft. Und Gott liebt nicht Verderbnis.“
Auf Wasser ist unser ganzes, tägliche Leben ausgerichtet, nicht nur zum Trinken, sondern als Grundlage für unsere Nahrung. Das stellt Gott in Sure:80 (Al-Abara. Er runzelte die Stirn), Verse 24-32: „So soll der Mensch (die Ursprünge) seiner Nahrung betrachten: (wie es kommt), dass Wir Wasser herabgießen ,es in Fülle herabgießend, und dann spalten Wir die Erde(mit neuem Wachstum) sie auseinanderspaltend, und daraufhin lassen Wir aus ihr Korn wachsen, und Rebstöcke und essbare Pflanzen und Olivenbäume und Dattelpflanzen, und Gärten mit dichtem Blattwerk, und Früchte und Kräuter für euch und euer Vieh zum Nutzen.“
Aber nicht nur für äußere Sauberkeit, sondern es dient zu inneren Sauberkeit des Herzens. Abu Huraira (r) berichtet von einem Ausspruch des Propheten (überliefert von Buchari): „Das Gebet desjenigen, der die Gebetswaschung nötig hat, wird solange nicht angenommen, bis er die Gebetswaschung vollzogen hat.“
Ich könnte noch viele Verse vortragen, dafür würde aber eine Khutba nicht reichen. Aber noch ein Hadith halte ich für sehr wichtig.
Mit Beginn der Khutba hatte ich betont, dass Wasser für das Ursymbol des Lebens steht. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen.
Stellt euch eine Quelle hoch oben im Gebirge vor, mehrere Quellen schließen sich zusammen, immer mehr Wasser strömt zusammen bis es ein breiter Fluss wird, der dann ins Meer fließt. So verhält sich auch das Wissen. Unsere angeborene Neugierde nimmt immer mehr Wissen auf wie ein breiter Fluss, das heißt, wenn wir es zulassen und nicht irgendwann faul auf Wissen reagieren und nur zuhören, was ein Prediger sagt, ohne nachzudenken. So gibt es ein Hadith im Sahih Muslim, welches Wasser mit Wissen vergleicht:
„Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf einem Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere dort weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrt es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“
Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter. Ansonsten taugt das Wissen nicht, wenn ich es nur für mich behalte.
Ich möchte das Wissen mit einem Krug Wasser vergleichen, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem mehr, wie das versickernde Wasser.
Und noch etwas möchte ich feststellen: Der Koran selbst ist wie das Wasser. Man liest darin und taucht gleichzeitig tief in ihm hinein. Der Koran in das Wort von Gott, ein Ozean an Mittelungen, Mahnungen, Parabeln, Wissen. So stelle ich mir Gott selbst als einen unendlichen Ozean vor. Wenn wir in ihm eintauchen, umfängt das Wasser uns liebevoll und reinigt unsere Seele.
So kann man sagen, Gott sendet das Wasser vom Himmel, Er sendet es herab, wie Er den Koran herabgesandt hat, um uns zu reinigen und zu verbessern.

Samuel Scrimshaw Beitragsbild

Die Seele aus islamischer Sicht

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.

Die Seele aus islamischer Sicht

 

Samuel Scrimshaw BeitragsbildHeute möchte ich über unsere Seele sprechen. Ich fand das Thema interessant, aber tat mich dennoch schwer, denn ich habe erkannt, dass unsere Persönlichkeit weit mehr ist als unser materieller Körper. Aber das ‚weit mehr‘ ist schwer zu erfassen.
In Suratu-l-`Isra, 17:85 steht: „Und sie befragen dich über die Seele. Sprich: ‚Die Seele ist eine Angelegenheit meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.‘“ Muhammad Asad übersetzt den Vers so: „Und sie werden dich nach der Natur der göttlichen Eingebung fragen. Sag: diese Eingebung kommt auf Geheiß meines Erhalters; und ihr könnt ihre Natur nicht verstehen, da euch sehr wenig wahres Wissen gewährt worden ist.“ Asad meint dazu: Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass sich dieses auf die Offenbarung des Koran bezieht, wenn man den vorherigen und folgenden Vers mit einbezieht, andere verstehen darunter die Seele des Menschen. Für noch andere steht der Begriff ‚ruh‘ für Seele oder Geist und sehen darin den Engel, der die Offenbarung bringt.
Ich denke, es geht vor allem um einen harmonischen Zustand der Seele, auch wenn wir nicht viel darüber wissen. Aus theologischer Sicht ist das Wesen der Seele geheimnisvoll und normaler menschlicher Erkenntnis weitgehend nicht begreifbar. Wir können sie nicht wirklich beschreiben oder sehen, so wie wir Gott nicht definieren können und nur das von Ihm wissen, was Er im Koran über sich erzählt. Aber eins steht fest, jeder von uns trägt eine Winzigkeit vom Hauch Gottes in sich, die Seele. Aber dazu komme ich noch.
Suratu-z-Zumar, 39:41 besagt: „Allah nimmt die Seelen (al-anfus, Plural von an-Nafs) hinweg, wenn die Menschen sterben, und die derer, die noch nicht sterben, während sie schlafen. Dann hält Er die zurück, für die Er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen für eine bestimmt Frist zurück. Hierin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken“. Das bedeutet, im Tod geben wir unser physisches Leben auf, aber unsere Seele stirbt nicht, sie kehrt in eine andere Existenzebene, zu Gott zurück, also jenseits unseres physischen Daseins, während sie nach dem Schlaf in unser Dasein zurückkehrt. Kurz gesagt: Gott hält unser Leben und den Tod in Seiner Hand. Wir merken spätestens hier, dass das Wort Seele im Normalgebrauch mehrere Bedeutungen hat.
Wie oft sagt man, wenn man über etwas nachdenkt und man zu keinem richtigen Ergebnis kommt: „Schlaf darüber!“ Oder: „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Unsere Seele geht dann zurück zu Gott. Vielleicht gibt uns Gott dann Hinweise? Manchmal wachen wir mit einem Alptraum auf, vielleicht sind diese Alpträume ja schon eine Bestrafung von Gott, und manchmal sind wir frisch und munter, mit einem guten Gefühl, die richtige Entscheidung treffen zu können. Wer weiß, wurden wir vielleicht belohnt? Hält Gott bei unserem Schlaf schon ein Gericht über unsere Seele? Bestraft oder belohnt Er uns, lässt Er uns unser Gewissen überprüfen?
Ich denke, Gott hält hier schon Gericht, nicht erst, wenn es uns nicht mehr gibt. Denn während unseres Schlafs hat Gott die Gelegenheit, zu richten, unserer Seele Lob oder Tadel nach dem Erwachen mit auf den Weg zu geben. Ansonsten lohnt sich doch nicht ein Belohnen im Paradies oder Bestrafen in der Hölle. Nach dem Tod ist es zu spät, um uns zu verbessern.
Ich habe meine Denkweise in meiner Khutba „Das Diesseits und das Jenseits“ schon einmal dargelegt. Und die Brücke am Tag des Jüngsten Gerichts? Für mich könnte für die Seele die Überquerung der Brücke den Übergang vom Wachsein in den Schlaf bedeuten. Wir wachen auf, nachdem sich unsere Seele einer Rechenschaft vor Gott für diese kurze Zeit stellen musste. Und das täglich, damit sich unsere Seele zum Guten wandeln kann. Nur so greift Gottes Barmherzigkeit zur Stärkung unserer Seele, was nicht ausschließt den Gang über die Brücke nach unserem endgültigen Tod.
Ghazali, gest.1111 in Tus, Iran, hielt die Seele für eine unkörperliche, rein spirituelle Substanz, die aber über Wissen und Wahrnehmung verfügt.
Der Mystiker Rumi war überzeugt, dass der Mensch zwei Dimensionen habe: Die eine ist die physische Ebene, die zur Natur gehört und die zweite ist die verborgene Welt als Teil der absoluten Wahrheit. Beide Ebenen passen sich einander an und ergänzen sich.
Aber was ist nun die Seele? Wo befindet sie sich, was passiert mit ihr?
Das Wort rūḥ, das ursprünglich „Atem“ oder „Wind“ bedeutet, wird religiös zum Hauch, Geist, den Gott Adam einbläst und ihm damit Leben einhaucht.
Der Mensch besteht aus Körper, Geist oder Seele, alles gehört zusammen und macht als Ganzes den Menschen aus.
Eigentlich hat im normalen Sprachgebrauch das Wort „Seele“ zwei Bedeutungen:
– Zum ersten gehört die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Erinnern, Phantasieren, Überlegen, Denken eines Menschen ausmacht; also die „menschliche Seele,” unser Ego, das Ich. Sie ist sterblich.
– Andererseits ist sie ebenso ein körperloser Teil des Menschen, der nach religiösem Glauben unsterblich ist, nach dem Tode weiterlebt. Sie ist „die unsterbliche Seele”. Beide aber sind immateriell.
Eine kurze Zusammenfassung: Es gibt also zwei grundlegende Bereiche des Menschen, einen materiell-physikalischen und einen immateriell-metaphysischen Bereich. Nach islamischer Auffassung gibt es aber im immateriellen Bereich neben der Seele oder Geist noch das Ego des Menschen, dem ‚Ich‘, arabisch an-nafs. Es ist zwar immateriell, aber in besonderer Weise an den Körper gebunden, also an die Materie. Das heißt: Der Mensch besteht aus
– dem Körper, arabisch: al-dschassad,
– dem Ego, das „Ich“, arabisch: an-nafs,
– dem Geist oder Seele arabisch: ar-ruh.
Den Körper kann man also als das ‚Haus von Ego und Seele‘ bezeichnen. Wenn der Körper stirbt, stirbt auch mit ihm sein Ego, (an-nafs), sein Ich. Die Aufgabe eines Muslims soll darin bestehen, im Diesseits im Rahmen des dschihadu-n-nafs, der Anstrengung im Bereich des Egos, seinen Nafs zu erziehen und in ein an Gott gerichtetes Seelenleben zu bringen. Deshalb meine ich, dass schon im Schlaf Gott über uns das Gericht hält, damit wir unseren Nafs erziehen können, daraus ergibt sich für mich: Das Paradies und die Hölle befinden sich im Diesseits.
Im Koran werden drei Stufen des sterblichen nafs erwähnt, manche Gelehrte zählen 7 Stufen: die niedrigste ist an-nafs al- ammara, die über das Böse herrscht, an zweiter Stelle kommt an-nafs al-lawwama, welches sich selbst reumütig tadelt. Man könnte sagen: Es ist unser Gewissen, dass unser Handeln kontrolliert. Und an höchster Stelle steht an-nafs al-mutma`inna, welches seine Ruhe gefunden hat. Dazu steht im Koran in Sure 39:70: „Und jeder Seele (nafs) wird voll zurückerstattet, was sie im Erdenleben getan hat.“ Das heißt, selbst wenn das Nafs stirbt, unsere Taten werden am Gerichtstag gewertet.
Im heutigen Konsum- Zeitalter ist der Körper mit dessen Bedürfnissen, Verlangen und Begierden, die sein Ego zufrieden stellen und ihn zu seiner Selbstentfaltung und Selbstbewusstsein fördern sollen, in den Vordergrund gerückt. Unser Ego schließt ein An-sich-selber-denken, an sein berufliches Vorwärtskommen, am Geldkonsum ein, kümmert sich weniger um die übrige Gesellschaft. Wir sind zu einer Ich-Gesellschaft, weniger zu einer Wir-Gesellschaft geworden. Geist und Seele spielen dabei weniger eine Rolle.

Der Geist, ar-ruh, ist der einzige Bereich, der ewig ist und der beim Tod des Menschen auch sein Ego überdauert. Er gehört zum immateriellen Bereich und damit wichtigster Teil des Menschen aus religiöser Sicht.
Meine Frage an euch: Wenn wir unseren Körper betrachten, wo werden wir die Seele, unseren Geist ansiedeln? Natürlich im Herzen!
Das Zentrum unseres Geistes, unserer Seele ist im Islam das Herz (arab. al-qalb) mit den immateriellen Betrachtungsweisen unserer Gefühlswelt, Emotionen, Empfinden, Gemüt und dazu gehört auch unser Gewissen, Bewusstsein wie zum Beispiel unser Verantwortungsbewusstsein, Moral, unsere innere Stimme.
Unser Herz hat also zwei Seiten oder Bestimmungen: das materielle Herz als unser zentrales Organ des Körpers; ohne diese Pumpe geht gar nichts. Das immaterielle Herz ist das Zentrum unseres Geistes bzw. unserer Seele und damit das wichtigste Element unseres Seins, unserer Wirklichkeit.
In Sura al-A’raf, Nr.7:179 können wir in der Übersetzung von Asad lesen: „Wir haben wahrlich viele der unsichtbaren Wesen und Menschen für die Hölle bestimmt, die Herzen haben, mit denen sie nicht die Wahrheit zu erfassen vermögen, und Augen, mit denen sie nicht zu sehen vermögen, und Ohren, mit denen sie nicht zu hören vermögen. Sie sind wie Vieh – nein, sie sind sich noch weniger des rechten Weges bewusst: Es sind sie, die die wahrhaft Achtlosen sind.“ Er meint damit: Tiere leben nach ihrem Instinkt, aber diese Menschen sind sich der Möglichkeit oder einer Notwendigkeit einer moralischen Wahl nicht bewusst oder wollen es nicht verstehen.
Oder in Sura al- Hadsch, Nr. 22:46: „Sind sie denn niemals auf der Erde herumgereist, um ihr Herz Weisheit erlangen und ihre Ohren hören zu lassen? Doch, wahrlich, es sind nicht ihre Augen, die blind geworden sind – sondern blind geworden sind ihre Herzen, die in ihren Brüsten sind.“ Diese Aussage ist wirklich eindeutig, zum Herz gesellt sich der Verstand, die Vernunft, al-`aql
Herz und Verstand stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Und zum Verstand gehört das Gewissen (arab: al-widschdan) dazu.
Die islamischen Gelehrten ordnen dem Gewissen drei Kategorien zu: das Gedächtnis (arab. adh-dhihn), das Gefühl (arab: al-hiss) und der Wille (arab: al-irada). Aber wie schon gesagt, alle drei stehen in einem besonderen Zusammenspiel mit dem Intellekt (ar: al-`aql), der Vernunft und dem Herzen als das Zentrum des Geistes.
Zum besseren Verständnis: Das Zentrum des Geistes ist das immaterielle Herz (al-qalb). Es beinhaltet den Geist oder Seele (ar-ruh), den Intellekt, die Vernunft (al-`aql) und als dritter Partner das Gewissen (al-widschdan) mit dem Gedächtnis, den Gefühlen und dem Willen.
Besonders das Zusammenspiel von al-`Aql und al-widschdan, Vernunft und Gewissen, spielt im islamischen Kontext eine große Rolle. Das Gedächtnis als eine Kategorie des Gewissens bedeutet Wissenserwerb, besonders das Wissen um Gott. Die Gefühle, eine weitere Kategorie, stehen für die Liebe zu Gott, also das Gottesgedenken und der Wille, als letzte Kategorie, bedeutet Dienst an Gott, also Gottesdienst. Alle zusammen führen zu einem guten Iman, dem Glauben und Taqwa, dem Gottesbewusstsein.
Die Seele oder der Geist soll sich nach den konservativen Predigern ganz auf das Jenseits richten, auf Gott. Aber was ist mit dem Diesseits? Sollen wir den Frohsinn, der Freude wie auch der Traurigkeit, Glück und Kummer, Entspannung und Anspannung, alles das, was das Leben auf der Erde eigentlich ausmacht, in die zweiten Reihe stellen? Nehmen wir aus der 38. Sure as-Sad die beiden Verse 71 und 72: „Denn siehe, dein Erhalter sagte zu den Engeln: ‚Siehe, Ich bin dabei, einen Menschen aus Ton zu erschaffen; und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von Meinem Geiste eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.‘“ Gott ehrte ihn damit vor den Engeln trotz ihrer Einwendungen. Er beschenkte Adam und damit der ganzen Menschheit mit dem Einhauchen Seines Geistes. Natürlich gebührt die Anbetung nur Gott allein, aber diese Niederwerfung der Engel vor Adam war ein Zeichen der Ehre und des Respekts.
Gott hat uns durch Adam von Seinem Geist eingehaucht, damit wir uns im Diesseits an Ihn erinnern und uns Seiner immer bewusst sind, also Gottesbewusstsein. Aber zugleich gab Er den Menschen die Freiheit, selbstständig zu denken und zu handeln, im Guten wie im Schlechten, die Freiheit, Seiner zu erinnern oder auch nicht.
Ich meine, damit stehen wir höher als die Engel, die nur das tun, wofür sie geschaffen wurden.
Aber noch etwas Wichtiges hat Gott uns mit dem Einhauchen der Seele mitgegeben, die Neugier, die den Menschen vorwärtstreibt und ihn erst zum Menschen werden ließ.


رَبَّنَا لَا تُزِغْ قُلُوبَنَا بَعْدَ إِذْ هَدَيْتَنَا وَهَبْ
لَنَا مِن لَّدُنكَ رَحْمَةً ۚ إِنَّكَ أَنتَ الْوَهَّابُ

 

Unser Herr, lass unsere Herzen sich nicht von Dir abkehren, nachdem Du uns rechtgeleitet hast. Und schenke uns Barmherzigkeit von Dir, denn Du bist ja wahrlich der unablässig Gebende. (al-`Imran:8)

Yannic Läderach

Dehnen und kräftigen

Dehnen und kräftigen

Autorin: Susanne Dawi

Yannic Läderach
Yannic Läderach
Regelmäßig findet in unserer Moschee Yoga statt. Die Daten stehen auf unserer Facebookseite, und wir laden herzlich dazu ein. Praktiziert wird eine Form, die vor allem auf angenehme Dehnungen fokussiert, und zu leichter Steigerung der Muskelkraft führt, wenn man regelmäßig teilnimmt. Die Stimme der Yogalehrerin reflektiert ihre innere Ausgeglichenheit. Sie ist sanft und freundlich. So freundlich, dass schon Sekunden nach Beginn der Yogastunde aller Stress von mir abfällt. Mehr noch, alle schlechten Gedanken, die ich im Laufe der letzten Tage in mir angesammelt habe, was ich so zu dieser und zu jener Person noch zu sagen hätte, wie ich mich noch zu diesem oder jenem Streit am Arbeitsplatz positionieren wollte, lösen sich auf in bedingungslosem Verständnis für die natürliche Andersartigkeit aller Menschen und deren individuelle Versuche, mit den Anforderungen des Lebens zurecht zu kommen.
Der schönste Moment sind für mich die fünfzehn Minuten Entspannung am Ende der 90 minütigen Einheit. Hier leiten wir unser Bewusstsein zu jedem einzelnen Teil unseres Körpers und werden aufgefordert, ihm unsere Liebe zu geben . „Nimm dein Handgelenk bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe. Nimm deinen Arm bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe… deine Augen, deine Stirn…. Bedanke dich bei ihnen, dass sie ihre Aufgaben so gut erfüllen… Bedanke dich bei deinem Körper, dass er heute morgen aufgestanden ist. Bedanke dich bei dir, dass du heute hergekommen bist.“ Ich, das ist meine Seele, bedanke mich bei meinem Körper. Gut, dass da im Raum kein Spiegel ist, der mir meinen Körper zeigt. Geflissentlich halte ich meine Augen geschlossen, um ganz bei mir selbst zu sein, und mich nicht von weltlichen Idealen ablenken zu lassen. Davon vielleicht, dass die Schülerin neben mir die Beine vorhin viel besser verschränken konnte als ich und der Schüler auf der anderen Seite überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Balance hatte. Wenn ich dann ganz mit mir im Einklang bin und Liebe für mich empfinde, fühle ich plötzlich mit einer noch viel größeren Intensität Liebe für andere. Sie manifestieren sich in meinem Inneren in Form von Bildern oder Gefühlen. Meinem Partner, der sich schon wieder nicht gemeldet hat, obwohl er genau weiß, dass ich das brauche, sagt meine innere Stimme: „Ich weiß, dass du an mich denkst, aber dich nicht gezwungen fühlen möchtest. Es ist alles gut, und ich bin ganz zufrieden. Ich hoffe es geht dir gut.“ Und meine ganze Liebe und Wärme wandert zu ihm, um ihn zu umhüllen. Meine Tochter, die sich manchmal in Negativspiralen und Weltverachtung verfängt, sehe ich plötzlich mit Bewunderung über Manuskripten sitzen und Gedanken nachvollziehen, die ich niemals verstehen könnte. Auch sie wird in meinem Inneren ganz von meiner Wärme und Liebe umhüllt. Und die Menschen, die weiter entfernt von mir sind, lass ich dort, wo sie sind – weiter entfernt. So können sie sein, wer oder wie sie sein wollen, ohne mir zu schaden.
Das Ganze funktioniert genau bis drei Minuten nach dem Ende der Yogastunde. Dann rolle ich die Matte ein und mit ihr all das Verständnis und die Güte, die gerade noch in meinem Herzen wohnten und so fest verankert schienen. Das Ego des Menschen ist wahrhaft ein starkes Stück!

Alle Religionen zielen darauf ab, das Ego auf einen gesellschaftsverträglichen Weg zu leiten. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Teile. Vergib! Spende, besuche, bedanke dich, bleib bescheiden…..
Unsere muslimischen Gebete haben einen ähnlichen Effekt, wie eine Yogastunde. Auch beim Beten werde ich ruhig und gütig. Beim Niederwerfen, wenn meine Stirn den Boden berührt, wird mein Herz liebevoll und freundlich. Wenn ich dann nach den wenigen Minuten des Gebets meinen Teppich einrolle, passiert leider häufig genau dasselbe wie beim Einrollen der Yogamatte – die Liebe, Güte und Freundlichkeit werden mit eingerollt. Aber hin und wieder hält das Ganze zum Glück auch etwas länger vor.

Als Muslime versuchen wir, das Gefühl des Gebets beizubehalten und unsere Güte auch weiterzugeben, wenn uns gerade nicht danach ist. Dabei bietet uns jeder Tag eine neue Möglichkeit der Übung – sowohl der Dehnung als auch der Entwicklung stärkerer Kraft. Langsam dehnen wir unsere Geduld aus und langsam erweitern wir unsere Kraft, das Gute in jedem Moment zu bemerken, zu lieben, und zu bewahren; zuerst nur ab und zu, dann länger, und kraftvoller, bis wir inschallah tatsächlich bessere Menschen werden, vielleicht von einem Gebet, bis zum nächsten. Sie folgen zum Glück recht schnell aufeinander. In diesem Sinne Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Sura Al Ikhlas

Sura Al Ikhlas

 

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Sag Er ist Allah der Einzige. Allah, von dem alle Schöpfung kommt und zu dem sich alle Schöpfung hinwendet. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Die Sure AlIkhlas ist sehr kurz und erscheint damit ganz am Ende des Korans. In der Zählung ist sie die 112. von 114 Suren insgesamt. Mit Sicherheit ist sie allein schon deshalb die am häufigsten im Gebet zitierte Sure nach Al Fatiha. Sie hat eine eher trockene Art, ihr Inhalt ist matter of fact – eine reine Beschreibung dessen, was Gott ist. Ihr Wert scheint wenig spirituell und sie leitet uns nicht gerade offensichtlich auf einen humaneren, ethisch höheren Pfad, auf den wir uns als Muslime zu begeben versuchen. Darüber hinaus scheint sie darauf zu pochen mal wieder den Propheten Issa nicht als Gottes Sohn zu klassifizieren, sondern als Menschen, um sich damit vom Christentum abzugrenzen. Gott zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Der Überlieferung nach wurde sie dem Propheten Mohamed offenbart, als dieser von Andersgläubigen gebeten wurde, seinen Gott zu beschreiben. „Wie ist er denn, dein Gott?“, wollten sie wissen. Mohamed hätte viel sagen können – barmherzig, ewig vergebend, schöpfend, vom Menschen das Gute erwartend; er sieht alle Menschen als gleich an und gibt selbst den unterdrückten Sklaven und Frauen Freiheit und Recht, er ist nicht männlich und nicht weiblich, ein Gott der Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade. Was hätte der Prophet sagen sollen? Oder waren die Fragenden darauf aus, die Abstammungslinie zu erfahren? Nun, es gab keine.

Zitternd fiel der Prophet zu Boden und erhielt diese Offenbarung Allahs. Sag Allah ist der Einzige. …

Einige Zeit später sagte der Prophet eines Tages zu seinen Begleitern: „Kommt heute in die Moschee, ich werde für euch ein Drittel des Korans rezitieren“. Er begann mit Sure Al Ikhlas. Als er sie beendet hatte, wandte Mohamed der Moschee den Rücken zu und machte sich auf den Heimweg. Die verwirrten Sahaba fragten sich, ob ihr Prophet wohl vergesslich geworden war, oder ob sie sich verhört hatten. Hatte er nicht ein Drittel des Korans versprochen? Also gingen sie zu ihm und baten ihn um Aufklärung, worauf er antwortet: „Al Ikhlas ist ein Drittel des Korans“. Nach einer anderen Überlieferung bezieht sich dieses Drittel auf eine Art Belohnung – jedenfalls scheint Al Ikhlas eine ausgesprochen wichtige Sure zu sein.

Wenn man Allah liebt, ist sie schön. Allah ist einzigartig, und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Kind. Es ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Partner. Er ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. Der Einzigartige, an den ich mich wende, wenn ich etwas brauche – alsamad, der mich genau kennt, da er mich geschaffen hat – und den ich liebe, weil er einzigartig ist; und der für mich einzigartig ist, weil ich ihn liebe.

Ihn? Schon das erste Wort nach „Sprich“ ist das männliche Personalpronomen huwa / er. Es evoziert in uns das Bild eines Wesens, das mit huwa beschrieben werden kann, und dies ist männlich. In Verbindung mit dem anderen Wesen, was als huwa beschrieben wird, dem Mann nämlich, entsteht in uns die Vorstellung einer männlichen Göttlichkeit. Wir sprechen von der Herrschaft Allahs. Schon das Wort Herrschaft verweist auf die Problematik. Herrschaft beinhaltet nicht nur „Herr“, sondern geht auch einher mit einer Hierarchie, und so ersinnen wir uns eine solche, die von islamischen Gelehrten jahrhundertelang unhinterfragt akzeptiert und tradiert wurde. In dieser Hierarchie ist Gott an oberster Stelle, darunter steht der Mann, und unter ihm befindet sich die Frau. Dabei wissen alle Gelehrten, dass Gott alle Menschen gleich geschaffen hat und dies gerade das Besondere am Islam ist; und dass wir außerdem keinen Mittler brauchen, um mit Gott zu kommunizieren – keine Engel, keine Propheten und schon gar nicht unsere Männer, so lieb und teuer sie uns auch sind. Die Beziehung Frau-Mann-Gott ist viel angemessener dargestellt als Dreieck, mit Mann und Frau auf einer Ebene und Gott als obere Spitze. So kann jeder mit jedem direkt kommunizieren und es gibt keinen Zwischenschritt zwischen der Frau und Gott.

Wörter evozieren Bilder in unserer Vorstellung, das ist reichlich erforscht; sie wirken sogar direkt auf unser Gehirn und verändern es. Das ständige Lesen und Hören von Gott als „Er“ bewirkt letztlich, dass wir ihn uns eher als Mann als als Frau vorstellen und „ihm“damit ein natürliches Geschlecht zuweisen, womit in unserer Vorstellung die stereotypischen männlichen Charaktereigenschaften einhergehen. Ein strafender Gott, der uns dann annimmt, wenn wir bereuen, der zwar barmherzig, aber vor allem streng ist, kommt uns daher vollkommen normal vor, denn so werden Männer in Hollywood, in der Werbung, und in unseren Geschichten beschrieben. Nur mit Mühe befreien wir uns von diesen Vorstellungen – vor allem durch Kopfarbeit. Wörter wirken aber schneller als der Verstand sie verarbeitet. Sie wirken direkter und beeinflussen uns subtil aber zuverlässig.

Neben den stereotypen männlichen Attributen gibt es stereotyp weibliche. Es fällt uns schwerer, sie auf Gott anzuwenden, obwohl dies genau so selbstverständlich sein sollte.

Heute möchte ich Sure Al Ikhlas daher einmal anders lesen, nämlich als weibliche Sure. Um dann zu erkennen, dass Allah weder männlich noch weiblich ist, sondern alle Elemente in sich vereint. Lesen wir also Al Ikhlas weiblich und elaborieren dabei ein bisschen die wenigen Worte, und machen sie zu einem Fließtext. Wir sind nicht aufgefordert, uns ein Bild von Gott zu machen. Doch Worte ändern Gefühle. Wer mag, kann die Augen schließen und einmal hören, wie sich unsere Gedanken anhören, wenn wir statt der stereotyp männlichen eine stereotyp weibliche Gottesvorstellung in uns aufrufen. Warum stereotyp? Weil es zur Aufrichtigkeit gehört, zuzugeben, dass wir automatisch und unbewusst, genau solche Eigenschaften mit Mann oder Frau verbinden. Aktivieren wir im zweiten Schritt unser Gehirn, wachsen wir natürlich, oder hoffentlich, über diese ersten stereotypen Annahmen hinaus.
Die folgende Übung ist keine Veränderung des Koran. Sie dient stattdessen dazu, uns darin zu trainieren, Allah in seinem-ihrem vollständigen Wesen zu kennen und zu lieben. Das weibliche braucht einfach ein bisschen mehr Übung.

Sure Al Ikhlas weiblich gelesen

Sprich: Sag sie ist die einzige. Das heißt sie ist die einzige und einheitliche Göttin. Es gibt keine andere Göttin und sie besteht nicht aus mehreren Anteilen, sondern ist ein einheitliches Wesen. Sie ist Alsamad, das heißt diejenige, von der alles abstammt und zu der wir uns zurückwenden, wenn wir etwas brauchen, die ewig Zuhörende, die jedes Wort vernimmt und es genau anhört. Sie ist die Göttin, die dir bis zum Ende zuhört und sich dabei mit lächelnder Wärme zu dir wendet, dich ermutigend, weiter zu reden, und alles zu sagen, was dir auf der Seele liegt. Sie hört deine Wörter und weiß zugleich, was in deinem Herzen ist, kennt jede Freude, jede Trauer, jeden Wunsch, jedes Spiel.
Versuchst du, ehrlich zu sein, so freut sie sich über deine Aufrichtigkeit. Gelingt es dir nicht, so gibt sie dir zaghafte Hinweise darauf, dass du noch etwas genauer denken und auf deine Gefühle achten solltest, um aufrichtig zu sein. Sie ist die, die dich im Gebet verneigen sieht, und du bist für sie wie eine Blume, die sich streckt und neigt, streckt und neigt. Sie liebt dich, diese Gottheit und liebt deine Weiblichkeit, auch, und gerade, wenn du ein Mann bist; liebt deine Freude, deine Liebe, deine Gnade, die Wärme, die du weitergibst. Wenn du beim Sujud dein Gesicht auf die Erde legst, legt sie ihre Wärme und Freundlichkeit über dich wie einen schützenden Mantel. Du kannst dir von ihr wünschen, dass sie diesen Mantel aus Wärme, Freundlichkeit und Zuversicht auch über andere legt. Nicht wünschen kannst du dir ihren Zorn. Verneige dich lange, damit sie dir auch ihre wundervollen, weisen und liebevollen Gedanken, Bilder und Gefühle schicken kann. Beeile dich nicht im Gebet, die Gottheit ist langsam in der Vergabe ihrer Huld. Gib dir Zeit zur genauen und intensiven Wahrnehmung.

Sie zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Diese ist die einzige Gottheit; die nicht geschaffen wurde. Sie war von Anfang an da, sie war der Anfang und zugleich gibt es keinen Anfang, denn Anfang ist etwas, vor dem nichts da war, doch das Nichts gibt es nicht. Sie war also da und hat alles geschaffen und begleitet. In diesem Allen der Schöpferin bist du jetzt in diesem Moment das Wichtigste, und zugleich ist jeder Andere das Wichtigste. Sie ist allein für dich da und zugleich allein für jeden Anderen. Sie ist Alrahman Alrahim. Rahme bedeutet Gebärmutter, doch ist dies figurativ. Sie ist keiner Gebärmutter entsprungen, und sie hat keine Gebärmutter, aus der etwas entspringen würde. Sie ist nicht die heilige Jungfrau Maria geworden, sondern sie hat in ihr etwas geschaffen. Sie ist nicht Amina bint Wahb, die den Propheten Mohamed geboren hat, sondern hat ihn in ihr geschaffen. Sie ist einzigartig, barmherzig, gnädig und liebend.

Sure Al Ikhlas ist immanent verbunden mit dem Gebet, in dem sie so häufig rezitiert wird. Doch ihr Titel passt nicht wirklich zu ihrem Inhalt. Al Ikhlas bedeutet „die Aufrichtigkeit“. Dies ist ein gedankliches Konzept, das der Ehrlichkeit nahekommt. Doch in der zitierten Sure scheint es eher um Integrität zu gehen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität, bilden ein enges Begriffsgeflecht. Im Englischen könnte man unterscheiden zwischen „honesty“ und „sincerity“. Während sich „honesty“ eher auf die Handlungsebene bezieht, geht es bei „sincerity“ darüber hinaus um eine innere Haltung, die auch eine Wertschätzung beinhaltet. Ein Arabisch-Englisches Wörterbuch beschreibt das Wort Ikhlas als „sincerity, purity or isolation“.

Zurück zum Deutschen: Um aufrichtig zu sein, müssen wir ehrlich sein. Ehrlichkeit bezieht sich auf konkrete Verhaltensweisen – Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sei ehrlich! Hast du den Hund gefüttert? Sag mal ehrlich. Die Aufrichtigkeit hingegen geht darüber hinaus und verlangt von uns eine vollkommene Offenheit. Aufrichtig sein heißt, sich aufzurichten, und vor allen Menschen, inklusive sich selbst, für das einzustehen, was man für wahr, richtig und gut hält; für unsere Werte klar einzustehen und sie aufrecht zu benennen. Aufrichtigkeit beinhaltet, uns nicht selbst zu belügen, sondern die Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Der aufrichtige Mensch ist integer, d.h. er hält sich auch dann an die von ihm proklamierten Werte, wenn keiner hinschaut oder zuhört. Der aufrechte Mensch kann von sich sagen, dass er/sie eins ist mit der Schöpfung, mit Gott und mit sich selbst. Jeder Mensch ist erschaffen, doch zugleich in seiner Art vollkommen einzigartig. Die Aufrichtigkeit ist eins der größten Ziele unserer Charakterbildung. Vor allem uns selbst gegenüber. Nur durch diese, erkennen und verstehen wir unsere eigenen Beweggründe und können für unsere Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Fragen wie: „Warum helfe ich dieser Person? Weil ich es gerne tue, oder weil ich einen Dank dafür erwarte?“ gehören zur Übung der Aufrichtigkeit, denn „Ikhlas“ kommt von „akh-la-sa“, und bedeutet, eine Handlung auszuführen mit der ausschließlichen Absicht, Gott zu erfreuen, ohne die Erwartung eines Dankes also oder einer Gegenleistung ( ohne „niya“). Durch aufrichtige Antworten an uns selbst kommen wir hinter unsere wahren Beweggründe und lernen der/die zu sein, der/die wir wirklich sind. Wir werden integre Personen, deren Werte nach innen reflektieren und nach außen strahlen. So leitet uns Sure Al Ikhlas eben doch auf einen humaneren und ethisch höheren Pfad. Sie ist in der Tat ein Drittel des Korans – Im Bund mit Allah und Mohamed sind wir der dritte Teil, ohne den es keinen Koran gäbe, denn nur wir sind der Teil der Schöpfung, der ihn braucht. Und nur durch unsere Aufrichtigkeit sind wir wir selbst, einzigartig.

Wir versammeln uns nun zum Freitagsgebet um uns zu verneigen und unsere Ehrerbietung zu erweisen. Dabei empfangen wir Kraft und Trost, Freude und Zuversicht, und inschallah auch Antworten auf die tiefsten und aufrichtigsten Fragen unserer Herzen.

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

 

Autorin: Susanne Dawi

Nun ist schon mehr als eine Woche des Monats Ramadan vergangen. Die Zeit vergeht schnell, und in diesem Jahr ist das Wetter für die Fastenden freundlich. Der Himmel ist immer wieder mal wunderbar blau, doch die Hitze der letzten Jahre bleibt uns erspart. Es ist recht kühl – sogar ein wenig zu kühl vielleicht.

Wir Muslime wissen, warum wir fasten. „Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget. Fasten während einer bestimmten Anzahl von Tagen. Aber wer immer von euch krank ist oder auf einer Reise, soll statt dessen die gleiche Azahl von anderen Tagen fasten, und in solchen Fällen obliegt es jenen, die es sich leisten können, ein Opfer durch Speisung eines Bedürftigen zu bringen. Und wer immer mehr Gutes tut, als er zu tun verpflichtet ist, tut sich damit selbst Gutes, denn zu fasten ist euch selbst Gutes zu tun – wenn ihr es nur wüsstet.

Muhammad Asad, der Übersetzer, den ich hier für Sure 2:183-184 bemüht habe, schreibt in seinem Kommentar:

„Das heißt während der 29 oder 30 Tage des Ramadan, des neunten Monats

des islamischen Mondkalenders. Es besteht aus völliger Enthaltung von Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergeang. Wie der Quran darlegt, war die Praxis des Fastens zu allen Zeiten der Religionsgeschichte des Menschen weit verbreitet. Die außergewähnliche Strenge und lange Dauer des islamischen Fastens…erfüllt zusätzlich zum allgemeinen Ziel der spirituellen Reinigung einen dreifachen Zweck:

  1. des Beginns der quranischen Offenbarung zu gedenken, der im Monat Ramadan etwa 13 Jahre vor dem Auszug des Propheten nach Medina stattfand
  2. eine anspruchsvolle Übung der Selbstbeherrschung zu bieten
  3. jedermann durch seine oder ihre eigene Erfahrung erkennen zu lassen, was es heißt, hungrig oder durstig zu sein, und damit ein echtes Verständnis für die Bedürfnisse der Armen zu entwickeln.“

Ich bin seit etwa 20 Jahren immer wieder überrascht, was passiert, wenn man den ganzen Tag fastet. Jedes Jahr muss ich wie viele andere auf Grund meiner Arbeit entscheiden, ob es wichtiger ist, morgens vor Sonnenaufgang noch schnell etwas zu essen und trinken, oder lieber zu schlafen, damit mir bei der Arbeit nicht die Augen zufallen.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass meine Füße im kältesten Winter nicht so kalt werden wie an Fastentagen im Hochsommer.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass das Hirn zum korrekten Funktionieren Wasser und Brot braucht. So bin ich gestern auf dem Weg zu meiner Mutter in die falsche Ubahn gestiegen und habe es erst nach etwa fünf Stationen bemerkt. Mein unterversorgtes Hirn blieb von Berliner Straße bis Yorckstraße vollkommen zufrieden obwohl es in die andere Richtung zum Adenauerplatz wollte.

Und in diesem Jahr kommt die Erkenntnis hinzu, dass ich ohne Essen und Trinken nicht kreativ sein kann. Wo ich sonst so gerne schreibe, schiebe ich es nun bis nach dem Essen auf, damit ich überhaupt ein paar Ideen zu Papier bekomme.

Wer hätte das gedacht?! Wir essen und trinken natürlich in erster Linie zum Lebenserhalt. Aber darüber hinaus hält es uns warm, bringt uns an die richtigen Orte und sorgt auch noch dafür, dass wir schöne Worte finden.

Das Finden schöner Worte und das Verbreiten von Liebe und Respekt ist zu jeder Zeit eine Aufgabe für uns Muslime. In dieser Zeit der Spaltung (die leidige Kopftuchdebatte zeigt es) ist es gut, wenn wir uns daran halten, miteinander freundlich, wohlwollend und gutherzig umzugehen, unabhängig von unseren Meinungen zu Einzelthemen. Was auch immer die Meinung zu den zahlreichen „Islamthemen“ sein mag (Fasten in der Schule, Kopftuch, weibliche Imame usw.) wir sollten versuchen, respektvoll und wertschätzend miteinander zu kommunizieren, uns zu vergeben und zu unterstützen und uns gegenseitig zu achten. Meinungen zu bestimmten Themen muss man dazu vielleicht kurzzeitig in einer mentalen Kiste fest verschließen, um über das sprechen zu können, was einen sonst noch so bewegt und einen mit dem Anderen verbindet. Die Kiste kann man dann in besonders dafür geeigneten Situationen hin und wieder öffnen und den Inhalt diskutieren. Hetzerei von allen Seiten, Gemeinheiten, Respektlosigkeit und Verunglimpfungen zu vermeiden ist mit Sicherheit im Sinne des Qur’ans, der uns den Weg zu Wertschätzung, Frieden und Vergebung aufzeigt.

Ich wünsche uns allen einen wunderschönen, freundlichen und friedlichen Ramadan!

Jon Tyson

Muttertag

Muttertag

Jon Tyson
Jon Tyson

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In zwei Tagen ist in Deutschland Muttertag. Wenn ich heute über Mütter spreche, meine ich nicht nur leibliche Mütter, sondern auch Adoptivmütter, Ziehmütter, liebevolle Begleitermütter…

Nichts ist so schön wie Mutter zu sein. Außer vielleicht, Oma zu sein. Während ich das schreibe, schaue ich ein Video von meiner Enkeltochter an, die von ihrem Papa, meinem Schwiegersohn, auf einem alten Stück Pappe durch die Wohnung gezogen wird, und lacht. Es gibt nichts, was einen mehr erfreut, als dieses Lachen. Ein kleines Kind, ein Jahr alt, schafft es mit seinem so netten kleinen Lachen meinen ganzen schweren, mühseligen Tag von jetzt auf gleich in Honig zu verwandeln. Nichts anderes auf der Welt kann so etwas leisten. Kein Geld, keine Speise, kein Getränk, kein Besitz. Einfach nichts. Nur das Lachen dieses Kindes.

Neulich war ich bei meiner anderen Tochter. Da saß dieses kleine Baby im Wohnzimmer auf dem Teppich – die beiden Kinder meiner Töchter sind gleichzeitig geboren – saß also dieses kleine Baby auf der Erde und streckte mir die Ärmchen entgegen, um mich zu umarmen und lächelte dabei. Ich konnte meine Schuhe gar nicht schnell genug ausziehen. Wie unendlich herzlich ist so ein kleines Kind. Als ich den Kleinen endlich auf dem Arm hielt, schob er sein Köpfchen gegen meine Stirn und lachte.

Während ich schreibe, sitzt auch meine Tochter Fahtma mir gegenüber in der Küche, wir trinken Tee und scherzen über ihre letzten Alpträume. Letzte Woche wurde sie 19 Jahre alt. Sie hat einen großartigen Humor und mit niemandem kann ich lachen wie mit ihr. Nichts und niemand ist mir so vertraut, wie meine Kinder. Für niemanden bin ich so vertraut, wie für sie. Sie kennen mich in und auswendig, lesen meine Gefühle bevor ich mir derer selbst gewahr bin. Ich habe in meinem Leben eine Million toller, guter, schöner Dinge getan, ich bin Gummitwist gesprungen, habe geschrieben, gesungen, bin geritten, habe Menschen geholfen, aber nichts von dem ist auch nur ein Stäubchen wert, wenn ich es in Relation dazu setze, Mutter zu sein. Niemand hat mich so glücklich gemacht, wie meine Kinder. Zu unseren Liebsten sagen wir t’obrini und je älter ich werde, desto mehr verstehe ich den Sinn dahinter. Du wirst mich beerdigen. Ein Satz der die ganze Ehre und den ganzen Schmerz des Mutter-Kind-Verhältnisses beinhaltet.

Dabei ist die Rolle der Mutter überhaupt nicht immer so toll und es gibt darin nicht nur unangeneheme Momente, sondern ganze unangenehme Wochen und Monate, oder mehr noch, negative Grundaspekte. Als Orna Donath vor wenigen Jahren ihr Buch „Regretting Motherhood“ schrieb, gab es regelrechte Shitstorms auf Mütter, und zwar von gebildeten Frauen. Das Buch ist die Verarbeitung einer Studie, bei der Mütter über ihre Mutterschaft befragt wurden. Einige gaben scheinbar paradoxe Statements ab, vor allem dass sie ihre Kinder liebten, aber das Muttersein nicht. Sie liebten ihre Kinder, würden sich aber nicht noch einmal für die Mutterschaft entscheiden. Die Reaktionen auf diese ehrlichen Aussagen reichten vom süffisanten „selber schuld, hätte ja Karriere machen können“ zu „die (gemeint sind die Mütter) schieben ihren Kinderwagen mit der Kaffeetasse in der Hand zum Spielplatz, sitzen den ganzen Tag in der Sonne, und jammern dann auch noch rum“. Eine Zeit-Online Reporterin schrieb, den Müttern gegenüber in höchstem Maße herablassend, Kinder seien jetzt wohl „Wellness-Schädlinge“. Im Zeitalter des Feminismus brauchen wir scheinbar keine Männer, um uns Frauen herunterzumachen. Wir können das jetzt ganz allein.

Wenn ich daran denke, wie meine Mutterschaft war, habe ich zwei vollkommen konträre Erinnerungen – eine helle, leichte, lustige, die ich oben beschrieben habe, und eine sehr dunkle, depressive, die geprägt ist vom Gefühl der Einsamkeit, der intellektuellen Dauerunterforderung, Einkaufsstress und dem Wunsch danach, meinen eigenen Gedanken einmal in Ruhe nachzugehen. Das war damals, als die Kinder klein waren, kaum möglich. Ich habe sechs Kinder. Die ersten vier sind innerhalb von fünfeinhalb Jahren geboren. Ständig zerrte jemand an mir, wollte etwas, und zwar sofort, jetzt. Manchmal schloss ich mich im Badezimmer ein, um einen kurzen ruhigen Moment zu haben.

Damals lebte ich das traditionelle Mutterbild, dessen Blütezeit in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts liegt. Es wird aber heute noch immer in konservativen Bevölkerungsgruppen vertreten. Mutterschaft wird als Lebenserfüllung gesehen. Aus ihr würden Frauen angeblich eine tiefe Befriedigung gewinnen, und darüber hinaus seien sie von Natur aus liebevoll, fürsorglich und aufopferungsbereit. (vgl. hierzu Martin R. Textor in https://www.ipzf.de/pflege4.html). Dass diese Rolle zugleich durch extreme Unfreiheit gekennzeichnet ist, wird übersehen, denn hierzu gehört die Abhängigkeit von einem Versorger und das Opfern der eigenen Lebenszeit zur Erfüllung der Bedürfnisse anderer. Der Vater und das Kind sind in diesem Szenario frei. Die Mutter zwar nicht, aber angeblich belastet sie das nicht, da sie ja als Frau quasi genetisch dazu bereit ist, sich zu opfern. Dass wir Mütter uns negative Gefühle wie Zorn oder Depressionen und Einsamkeit nicht eingestehen dürfen, hat sich, wie man an den Reaktionen zu Regretting Motherhood sieht, nicht geändert.

Hilary Clintons Buch „It takes a village to raise a child“ hat schon den richtigen Titel. Ein Kind großzuziehen braucht in der Tat viele Menschen, viele Helfer, die sich sorgen, unterstützen; aber es braucht nicht nur das ganze Dorf, sondern die Erziehung wird ja vom Dorf, respektive der Gesellschaft, mit übernommen. Es ist kein Geheimnis, dass Mütter nicht die einzigen Personen sind, die Einfluss auf ihre heranwachsenden Kinder haben. Drogenkonsum in der Umgebung des Kindes, ungezügelte Sexualität, schlechte Sprache, Mobbing, die Schule mit ihren guten und schlechten LehrerInnen— es gibt Vieles, worum sich Mütter sorgen. Wenn dann beim Heranwachsen etwas schief geht, waren es aber nicht die anderen, sondern die Gesellschaft schaut auf die Mutter, und auch diese lastet es sich selber an. Vor einigen Jahren las ich in der Zeitung, dass ein Kind im Schwimmbad ertrunken sei. Die Journalisten fragten: „Wo war die Mutter?“ Zu meiner Empörung fragte keine einzige Zeitung: „Wo war der Vater?“ Einige Zeit später fiel ein Kind aus dem Fenster eines oberen Stockwerkes und überlebte den Sturz nicht. Man las: „Die Mutter war kurz aus dem Haus gegangen, um den Müll zu entsorgen“. Und wieder einmal – wo war der Vater? Teile unserer Gesellschaft gehen immernoch davon aus, dass als letzte Instanz die Mutter dafür zuständig ist, für das Kind Sorge zu tragen. Und zwar 24 Stunden am Tag, auch während es sich in der Obhut anderer befindet. Die gesellschaftliche Entwicklung führt zwar längst woanders hin, doch bleibt dieses Bild weiterhin kraftvoll.

Neben der Gesellschaft hatten und haben (?) auch die Kinder große Erwartungen an die Mutter. Selbst wenn sie ihre Väter oft mehr lieben, sind die Erwartungen an die Mutter größer. Zwischen Mutter und Kind besteht möglicherweise immernoch die distanzlosere Verbindung.

Als meine Tochter Ruth ungefähr 15 Jahre alt war, sagte sie zu mir: „Mama, zu dir bin ich am gemeinsten, dabei liebe ich dich am meisten“. Ich mochte diesen Satz, denn es gehört zur Pubertät dazu, dass man öfter mal gemein ist. Das Ziel der Gemeinheit ist die Person, bei der man darauf vertrauen kann, dass sie die Gemeinheit nicht zurückzahlt. Die liebende und geliebte Mutter wird dies vielleicht am wenigsten tun.

Es ist schon komisch, dass man diejenigen Menschen, die einem den meisten Schlaf rauben, die man wickelt und bis zur Erschöpfung füttert und herumschleppt, und die als Teenager auch noch gemein zu einem sind, am meisten liebt. Die Nabelschnur wird wohl nur körperlich zertrennt. Auf seelisch-emotionaler Ebene bleibt sie erhalten.

Zugleich leben wir in einer Zeit, in der der Umbruch der Rollenverteilung bereits vollzogen ist und auch Männer einen Anspruch auf eine emotionale Nabelschnur erheben. Wenn die AfD im Sinne der oben beschriebenen konservatien Mutterrolle behauptet: „Der ideale Betreuungsplatz für das Kleinkind ist auf Mamas Schoß“, dann melden sich heute glücklicherweise Väter laut zu Wort und klagen ihr Recht auf Kinderbetreuung und auf Anerkennung der damit einhergehenden Rolle ein. In meiner Schule habe ich einige Eltern, die aus gleichgeschlechtlichen Paaren bestehen. Gerade diese Woche habe ich zwei Papas gefragt, wie wir das denn mit dem gebastelten Muttertagsgeschenk regeln wollen, wenn das Kind zwei Väter hat. Sie meinten ganz pragmatisch, wir heben das Muttertagsgeschenk für später auf und am Vatertag bekommen dann beide Papas ein Geschenke. Schöne Idee! Zwischen diesen Vätern und ihren Kindern gibt es auch eine Art Nabelschnur. Mit zunehmendem Selbstverständnis der Übernahme traditionell mütterlicher Rollen durch Väter, werden solche figurativen Nabelschnüre wachsen und genauso wirksam sein, wie die der Mütter.

Zurück zu den Frauen. Wie gehen sie mit ihrer Mutterrolle um? Ich möchte hierzu von einer Studie berichten, über die mir vor vielen Jahren meine Tochter erzählte. Fragt man Frauen im Alter von ungefähr 50 Jahren, ob sie bei einem fiktiven zweiten Lebensdurchgang, also, wenn sie noch einmal in ihrer Geschichte zurückgehen würden, statt Mutter zu sein lieber Karriere gemacht hätten, sagen die meisten Frauen ja, und das, obwohl sie bis dahin gar nicht so unzufrieden mit ihrer Mutterrolle waren. Es scheint, dass Frauen im Alter von 50 Jahren ihre Mutterschaft bereuen. Doch dies ist ein Trugschluss. Fragt man nämlich Frauen im selben Alter, die eine gute berufliche Karriere gemacht haben, ob sie stattdessen lieber Mutter geworden wären, wird dies von etwa der gleichen Anzahl bejaht. Das bedeutet, im Rückblick wünscht man sich einfach das Andere. In unserer Gesellschaft sind beide Identitätsvisionen gleichstark – Mutter sein und gesellschaftlich wirken. Ich glaube, das war schon immer so. Die Rolle der Frau in der Geschichte zeigt glaube ich nicht, dass sich Frauen von sozio-politisch unbeteiligten Wesen zu Partizipatorinnen in Politik und Gesellschaft entwickelten. Für mich sieht es vielmehrs so aus, als gäbe es global gesehen immer mal Bewegungen zu mehr Partizipation und solche zu weniger.

Im Moment empfinden zumindest in Europa, vielleicht weltweit, Frauen aller bildungsnahen Schichten die gesellschaftliche Teilhabe als wichtig, ja notwendig, zur inneren Zufriedenheit. Kaum jemand mag einfach „nur“ zu Hause sein, kochen, backen und mit den Kindern Lego bauen. Frauen wollen gesellschaftlich wirken, sie empfinden sich als politisch, und sie suchen nach Anerkennung, weil das zum Wohlbefinden beiträgt. Ich kann das nur bestätigen. Als mein viertes Kind, Maria, ein Jahr alt war und die ersten Schritte machte, breitete ich meine Arme aus, damit sie zu mir liefe. Sie löste sich von ihrem Halt, einem Stuhl bei der Großmutter, lief in meine Richtung, doch auf halbem Wege wendete sie, um nun in die andere Richtung zurückzulaufen.

Verdutzt schaute ich ihr nach und mir wurde schlagartig klar, dass mich dieses Kind wie alle anderen, irgendwann nicht mehr so brauchen würde, wie in diesen frühen Jahren. Das Kind würde seine eigenen Wege gehen, und ich – ja, ich würde dann alleine sein, ohne meine Kinder und zugleich ohne einen anderen Lebensinhalt. In dem Moment entschloss ich mich, nicht nur für das Wohl dieses Kindes zu sorgen, sondern mich auch um meine eigene Entwicklung zu kümmern, das hieß für mich, um meine Bildung, damit ich später, wenn das Kind seine eigenen Wege geht, eine Aufgabe hätte. Ich ging zurück zur Schule, holte das Abitur nach und studierte. Während des Studiums wurde man immer wieder in Seminaren aufgefordert, sich vorzustellen. Weil es andere auch so machten, erwähnte ich in den Anfangssemestern auch immer, dass ich bereits vier Kinder hatte. Später waren es dann sechs. Die Reaktionen waren oft so aversiv, dass ich es mir abgewöhnte, in der Uni über meine Kinder zu sprechen; es gefährdete ernsthaft meinen Prüfungserfolg. Es gab immer wieder Frauen, die Karriere gemacht hatten, dafür ihren Kinderwunsch zurückgestellt hatten, aber damit im Nachhinein darüber traurig waren. Unter den Frauen gab es auf „6 Kinder“ tatsächlich überwiegend zwei Reaktionen: Entweder meinten sie, das wäre unheimlich toll und bewundernswert, oder sie reagierten mit Eifersucht. Auf eine „mittlere Reaktion“, ein neutrales Registrieren der Information gab es selten.

Mein Studium hat meine Kinder belastet. Sie wurden oft als Letzte aus dem Kindergarten abgeholt und werfen mir das immernoch vor. Wieder wird hier die Mutter in die größere Verantwortung genommen. Doch ich freue mich, dass ich die Chance hatte. Leicht war es allerdings nicht, denn Phase zwei meiner Mutterschaft illustriert auch die von MartinTextor als zweites Rollenbild dargestellte Systematik. (Das erste Rollenbild war das Konservative.) Textor schreibt: „Dieses Idealbild [der Karrieremutter]wird ebenfalls von Medien und feministischen Gruppierungen verbreitet: Frauen sollen – und könnten – attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Und zwar gleichzeitig. Als “Beziehungsexpertinnen” sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung zu kurz kommt. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Das Bild der glücklichen Supermutter ist genauso utopisch wie das Bild der glücklichen konservativen Mutter. Denn wo die eine einsam, ohne Anerkennung und Freiheit, und intellektuell unterfordert bleibt, lebt die andere in Dauerstress und Überlastung. Wenn wir das als Freiheit definieren, dann ist das Kopftuch auch eine Definition von Freiheit.

Ich glaube aber, heute versuchen Mütter und Väter das in Deutschland irgendwie anders zu wuppen. Im progressiven Deutschland – nicht dem, der AfDler oder Reichsbürger, die uns die erste Lüge verkaufen wollen – geht irgendwie alles, Mutter mit Karriere, Väter ohne Mütter, Frauen ohne Kinder, Mütter ohne Väter…. Man hat die Qual der Wahl, aber immerhin gibt es eine! Es hat etwas Erfrischendes, in dieser Zeit zu leben. Als ich meine ersten Kinder bekam, war es kaum denkbar, dass Väter ihre Babys in Babybjörns tragen, heute sehe ich es überall. Die Väter sind die neuen Mütter.

Zum Muttertag gehören auch dunkle Seiten.

Mein bester Freund und engster Vertrauter ist aus Syrien. Wir sprechen oft über Frauenrollen und Mütter. Ich fragte ihn: „Feiert man bei euch auch Muttertag?“ Er antwortete, dass man früher immer gefeiert hätte, doch heute feiert man ihn nicht mehr, weil so viele Kinder keine Mutter mehr haben, und vielleicht mehr noch, weil so viele Mütter keine Kinder mehr haben. Die syrischen Mütter, deren Kinder noch am Leben sind, wollen den Muttertag nicht mehr feiern, denn er ist für die anderen Mütter ein Trauertag. Mütter sind mit anderen Müttern solidarisch, sie leiden mit ihnen und wissen, dass es nichts Schlimmeres gibt, als das eigene Kind an Krieg oder Krankheit oder durch einen Unfall zu verlieren. Kein Bild scheint mir schlimmer als das der Mutter, die ihr Kind leiden sieht, wie das christliche Bild der Maria, Mutter von Jesus, die zusieht, wie ihr Sohn ans Kreuz genagelt wird.

In diesen Tagen fällt es mir schwer, mich von der folgenden Geschichte zu lösen. Sie verfolgt mich gewissermaßen seit Tagen. „Verfolgt“, weil es keine schöne Geschichte ist, sondern weil sie den ganzen Schmerz symbolisiert, den es beinhaltet, Mutter zu sein.

Auf Grund der schrecklichen Nazi Aufmärsche am 1.Mai dieses Jahres in Plauen und anderen Städten erreichte mich vor ein paar Tagen ein Video von Überlebenden des Holocausts. Die Sprecher erzählten über ihre Erlebnisse in der Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Einer der Sprecher erzählte, dass er eines Tages draußen auf dem Platz einen Galgen sah. Er war dort aufgebaut worden. Vor diesem Galgen stand ein Junge, der hingerichtet werden sollte. Kurz vor seiner Hinrichtung murmelte er ein Wort, das in fast allen Sprachen gleich ist. Er sprach es ganz leise, und doch haben es alle Anwesenden gehört: „Mama“.

Das Kind sprach nicht dieses Wort, weil seine Mutter eine biologische oder gesellschaftliche Funktion erfüllt hat. Was ist das, „Mama“ – was ist eine Mutter? Ist es die Summe aus wickeln, füttern, nachts am Bett sitzen, bei den Hausaufgaben helfen, Frühstück ans Bett bringen, Geschichten vorlesen, beim Bafögantrag helfen, die Studentenwohnung finanzieren, Wäsche waschen, schimpfen, lachen, weinen? Die Summe aus all dem? Offensichtlich nicht. Mutter zu sein bedeutet etwas, das sich der Beschreibung entzieht. Man kann es nicht in Worte fassen. Mutter sein ist keine Rolle, es ist ein Wesenszustand. Ja, eine Mutter ist eine Frau, wir bestehen heute darauf, und sagen, wir möchten nicht auf die Mutterrolle reduziert sein. Aber das ist nur die gesellschaftliche Ebene. Auf einer anderen Ebene sind wir Mütter. Es ist unser Wesen, unsere Identität. Wir haben keine Wahl, sie anzunehmen oder zu lassen. Mit der Geburt unseres Kindes werden wir etwas Anderes, ob wir diesem gerecht werden oder nicht, und wie auch immer wir das gestalten wollen oder können. Die Mutterschaft, wie auch die Vaterschaft, ist ein schützenswerter Aspekt der Gesellschaftsgestaltung, um unseren Kindern die Erfüllung aller lebenserhaltenden, also auch emotionalen, Bedürfnisse zu sichern. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft mit vielen Müttern eine andere ist, als eine Gesellschaft, die sich ausschließlich am eigenen Vorankommen orientiert. Heute ist ein guter Tag, dies zu bedenken.

„Allah, wir Mütter danken Dir für unsere Kinder. Wir Menschen alle danken Dir für alle Kinder. Wir danken Dir für die vielen Momente der Freude, die wir mit ihnen erleben dürfen und wir bitten, dass wir gute Mütter, Eltern, sind. Wir bitten dich, Allah, behüte unsere Kinder vor dem Bösen der Welt. Wir bitten, dass sie immer satt sind und warm; dass sie ein Heim haben, in dem sie in Frieden leben können, ohne zu frieren, dass sie nachts sorgenfrei schlafen und sich am Tag der Sonne und des Lebens erfreuen können und dass sie als Kinder und als Erwachsene geliebt werden.

Wir danken für unsere Eltern, am heutigen Tag besonders für unsere Mütter, und für die, die uns zusätzlich, oder an ihrer Stelle, wie Mütter waren und sind. Behüte uns Allah, und vergib uns, denn du bist der Allvergebende, Barmherzige. Zu Dir allein wenden wir uns und dich allein bitten wir um Hilfe.“

Iqra! – Lies und rezitiere!

Iqra! – Lies und rezitiere!

Sure 96.1-5: Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf.

E erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen,

lies, denn dein Herr ist Allgütig,

Der mit dem Schreibrohr lehrt,

lehrt den Menschen, was er nicht wusste.

Es gibt unzählige Gründe, sich mit Lernen zu beschäftigen. Es ist etwas, was dem Menschen sein ganzes Leben begleitet. Und seit meiner ersten Khutba hier begleitet mich das Thema in vielen Facetten.

Es steht hier die Frage: Lerne ich um zu leben oder lebe ich um zu lernen? Ich denke beides trifft sich irgendwo. Ich musste lernen, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, heute ist mein Lebensinhalt das Lernen, das Endziel ist also nicht meine finanzielle Sicherheit, sondern das Lernen und Reflektieren an sich.

Die Aufforderung zum Lernen ist im Koran nicht zu übersehen. So kommt die Wortwurzel für „das Lesen“ q-r-a im Koran 88 Mal vor. Als Muhammad sich in die Höhle am Berg Hira zurückzog, um zu meditieren, kam die allererste Offenbarung und Aufforderung an ihn, die lautete: „Iqra’“.

Gewöhnlicherweise übertragen die meisten Koranübersetzer und –exegeten das Wort „Iqra´“ ins Deutsche mit „Lies“. An dieser Übersetzung ist zunächst einmal nichts auszusetzen, denn die linguistische Betrachtung des Wortes Iqra´ – abstammend vom Verb „qar´a“ (er las) – gibt klar Aufschluss, dass es sich bei der Aufforderung „Iqra´“ um einen Befehl zum Lesen handelt, also „Lies!“

Doch wenn wir tiefer graben, finden wir im Koran drei unterschiedliche Begriffe für den Vorgang des Lesens. 1. qira’ah قراءات, 2. Tartiil ترتيل, 3. Tilawah تلاوة.

Oberflächlich könnte man alle drei Begriffe mit dem Vorgang des Lesens begreifen. Aber wenn man tiefer sieht, dann stellt man fest, dass sie bedeutende Unterschiede beinhalten.

Beginnen wir mit dem 3. Begriff „tilawa“. Die sprachliche Bedeutung entspricht dem „Vorleben, Vorlesen“. In der Sure Asch-Schams (91:1-2) nimmt beispielsweise das Verb „talâ“ ausgehend von „Tilâwah“ die Bedeutung von „aufeinander folgen, nachfolgen, folgen“ an: „Bei der Sonne und bei dessen Leuchten und beim (ihm) folgenden Mond…“ In diesem Vers erschließt sich uns eine sehr tiefe und aussagekräftige Botschaft des Wortes „Tilâwah“.

Das Leuchten des Mondes ist kein eigenständiges Leuchten, sondern eine Reflexion des Sonnenlichtes. Erst durch die Sonne erhält der Mond seine Helligkeit und wirft dieses Licht auf die Erde.

„Tilâwah“ ist nicht nur das „Lesen“ an sich, sondern auch das „Befolgen“ der koranischen Gebote. So erhellt der Koran den Menschen und gibt anschließend durch das Vorleben und Vorlesen dieses Licht weiter.

„Tartil“, die nächste Art der Lesung bedeutet so viel wie ‚die langsame Lesung‘. Wir finden das Wort in der Sure 25:32: „Und diejenigen, die ungläubig sind, würden sprechen: ‚Wäre nur der ganze Koran ihm auf einmal herabgesandt worden.‘ Wir taten dies, um dadurch dein Herz zu festigen. Und wir haben ihn dir nach und nach wohlgeordnet vorgetragen.‘“ Tartil bedeutet hier eine Zusammensetzung von Bestandteilen in einer bestimmten Ordnung. Muhammad Asad bemerkt dazu: „Der Koran selbst gibt den Grund dafür, dass er langsam und allmählich offenbart wurde. Wenn der Begriff ‚Tartil‘ auf die Rezitation des Koran angewendet wird, bezieht er sich auf einen langsamen und deutlichen Vortrag. Es bedeutet, dass man die Verse nicht nur mit der Zunge und dem Verstand liest wie beim ‚Tilawah‘, sondern durch das langsame Lesen auch mit dem Herzen.“

„Qira’ah“, die dritte Art der „Lesung“, umschreibt eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache. Es ist ‚das Forschen, Studieren, Erkunden‘ der Verse.

Wenn wir diese Unterteilung beachten, ergibt der Befehl „Iqra!“ ein deutliches Ausmaß, nicht nur „Lies!“ sondern „Erforsche, Lerne, Erkunde!“ „Qira’ah“ umschreibt also eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache.

Also, das erste Wort war „Iqra!“ und bedeutet demnach nicht nur „Lies“ sondern auch „Studiere, forsche!“ Für mich bedeutet es: Nicht das Gebet oder das Fasten, sondern das Hören und Studieren, Beobachten, Forschen, Denken steht an erster Stelle! Dazu passt, dass die Offenbarungen mündlich gesandt wurden, durch den Engel Gabriel zum Propheten, der die Offenbarung weitergegeben hat. Es gab keinen Text zum Lesen, zumindest nicht am Anfang. Man konnte den Text nur hören, anschließend darüber diskutieren, also sich damit beschäftigen, das heißt lernen, um das zu begreifen, was Gott mitgeteilt hatte: Demut, Glaube an Gott, unser Verhalten gegenüber dem Einzelnen und der Gemeinschaft, usw.

Aber was ist gemeint nun mit „Lies!“ Und was soll gelesen werden. Da steht: „Lies, im Namen deines Herrn.“ Es folgt nichts Genaues, Gott erläutert in den nachfolgenden Versen nicht, was genau gelesen werden soll. Aber dennoch gibt es im ganzen Koran Hinweise darauf, denn Gott betont immer wieder: Haben sie keinen Verstand, wollen sie nicht begreifen?

Das heißt also: Lies nicht nur im Koran, sonders lies und denke nach, was dir die Welt zu sagen hat. Steht nicht im Koran in Sure 51:20-21: „Und auf Erden sind Zeichen für Jene, die fest im Glauben sind und auch in ihnen selbst sind Zeichen. Seht ihr denn nicht?“

Diese ersten Verse sind an keinen besonderen Menschen gerichtet, denn Gott wusste, dass der Prophet nicht lesen kann und es steht auch kein Name da. Aber das, was gelesen werden soll oder gesagt werden soll ist so wichtig, weil es an alle Menschen, an die gesamte Menschheit gerichtet ist. Muhammad vertrat genau in diesem Moment die ganze Menschheit.

Man könnte auch sagen, es sei ein erster Dialog zwischen dem, der „Lies!“ sagt, also Gott durch Jibril, und an den Er sich wendet, dem Menschen, dem Er mitteilt, wie Er ihn erschaffen hat. Und wie läuft der Dialog ab? Indem Er für ihn speziell durch die Schreibfeder mittels Schreiben das Wissen festhält.

Sie sind Wegzeichen, die man lesen soll und auf die auf Gott mit all seiner Allmacht, Güte, Barmherzigkeit und Einzigartigkeit hinzeigen. Eigentlich könnte vor jedem Wort ein „Lies!“ stehen, als ein Aufruf zum Erkunden, zum Studieren. Der ganze Koran ist voll von solchen Aufrufen. Schon der 2. Vers der allerersten Sendung: „Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen“ berichtet von Seiner höchsten und besten Schöpfung, an die Er sich auch zuwendet, nämlich dem Menschen. Der 3. Vers betont noch einmal die Wichtigkeit des Lebens und berichtet vom Urheber des Erschaffer des Menschen: „Lies! Denn Dein Herr ist Allgütig.“ Vers 4: „Der mit der Schreibfeder lehrt,“ eine Schreibfeder als ein geschaffenes Ding, ein Instrument, das Wissen aufzeichnet.

Das Studium dieser Zeichen, dieser Aufrufe führen weiter zu „Iman,“ zur Überzeugung an die Einheit und Existenz Gottes. Zum Beispiel finden wir diese Bestätigung in Sure 41: 53: „Wir werden ihnen Unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen, damit ihnen deutlich gemacht wird, dass es die Wahrheit ist.“

Die Aufforderung von Gott an die Menschen, den Koran und eigentlich seine ganze Schöpfung zu lesen, zu beobachten, nachzuforschen, sollte für alle eine Aufforderung sein, in allen Bereichen der Wissenshaft oder Theologie zu forschen und durch ihre Ergebnisse den Wahrheitsgehalt des Korans zu bestätigen. So wird durch Lernen, Lesen und Begreifen von Gottes Schöpfung durch die Wissenschaft ebenfalls Dienst an Gott (Ibadah) gemacht wie auch durch das Studium des Korans.

Iqra befiehlt uns, die Zeichen zu lesen, die Gott in Seiner Schöpfung gesetzt hat, die Bedeutung Seiner Schöpfung zu begreifen, indem wir unsere Erfahrung und unseren Verstand einsetzen. Gleichzeitig versichert uns Iqra, wenn wir lesen wollen, dass wir auch tatsächlich in Gottes Schöpfung lesen können, dass die Schöpfung unserem Verstand zugänglich ist. Je besser wir lernen, in ihr zu lesen, desto besser werden wir verstehen, dass die erschaffene Welt ein einziges Universum ist, und die Erde mit all seiner Schönheit und Harmonie, dessen Stellvertreter wir sind, ein Teil davon ist. Aber nur die Menschheit kann lesen, was geschrieben steht. Deshalb sagt uns der Koran, wir sollen „lesen, studieren“ und nicht nur sehen. Wir müssen die Schöpfung kennen und nicht nur erfahren oder etwas als gegeben anzunehmen, ohne darüber nachzudenken.

Iqra ist somit ein allgemein gültiger Befehl, der für jeden von uns eine Tür zum Islam öffnet. Iqra verlangt von jedem von uns, dass wir als Menschen in unserem Denken, Gefühlen und in unseren Handlungen nach dem Guten streben sollen. Iqra erlegt dem Menschen eine Verantwortung und innere und äußere Versuchungen und Kämpfe auf, aber sie gibt auch die Chance, für sich Wissen und Würde zu erwerben.

Alles Erschaffene, ob belebt oder nicht belebt, ist wie ein Buch in einer Bibliothek des Universums, in dem wir forschen können über das Geschaffene und dem Erschaffendem, es kann aktiv ‚gelesen‘ werden.

Wie groß und wichtig doch so ein kleines Wort sein kann! Es gibt uns das Recht und die Pflicht als Einzige in der ganzen Gottesschöpfung nicht nur eine Daseinsberechtigung zu haben oder etwas anzuschauen, sondern sie auch genau zu betrachten und verstehen zu lernen.

Und ich denke, Gott wird es demjenigen, der das wirklich will, leicht machen.

Manaar

Hochzeit bild von Beatriz Pérez Moya

Mohamed und Khadija

Mohamed und Khadija

 

Beatriz Pérez Moya

Wir Muslime haben sicher alle die eine oder andere Lieblingsgeschichte aus dem Koran oder den anderen Überlieferungen. Die Geschichte von Moses vielleicht, wie er in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil trieb und gerettet wurde. Oder die Geschichte von Abraham, wie er Gott wieder und wieder bat, die Stadt Sodom zu verschonen, weil dort Lot mit seiner Familie wohnte. Oder die Geschichte der Khadija, die eine reiche und kluge Kauffrau war und bereits zweimal verwitwet, als sie den 25 jährigen Mohamed kennenlernte. Sollte ich mal einen muslimischen Namen annehmen, so wird es Khadija sein. Von Anfang an habe ich mich in sie verliebt und ihre wunderbare Liebe zum Propheten Mohamed geschätzt. Ich freue mich darauf, sie inscha’allah im Paradies kennenzulernen und sie um ihre Freundschaft zu bitten. Khadija war die erste Frau Mohameds, und so geht es heute um das Thema Ehe. Für alle, die damit nichts anfangen können, geht es um Partnerschaft und um jede Freundschaft mit einem Menschen, an dem uns besonders viel liegt.

Als die wohlhabende Kauffrau Khadija eines Tages eine Handelskarawane nach Damaskus schicken wollte, suchte sie für deren Führung einen besonders vertrauenswürdigen Mann. Sie hörte von einem jungen Mann namens Mohamed, der sich durch seine Aufrichtigkeit und Freundlichkeit einen edlen Namen gemacht hatte, und bot ihm die Führung der Karawane unter Begleitung des Sklaven Maisara an. Mohamed nahm Khadijas Angebot an und machte sich bald darauf mit Maisara auf den Weg.

Als sie in Busra im Süden Syriens ankamen, ließ Mohamed sich im Schatten eines Baumes in der Nähe eines Klosters nieder, das einem Mönch namens Nestor gehörte. Es ist überliefert, dass dieser Mönch den Sklaven Maisara fragte: „Wer ist dieser Mann unter diesem Baum?“, und Maisara antwortete: „Er gehört zum Stamm Quraisch zu den Leuten der Kaaba“. Da sagte der Mönch: „Unter diesem Baum haben bisher nur Propheten gesessen“ (siehe Ibn Kathir und auch Hischam/ zitiert aus: Muhammad, Jotiar Bamarni, Schreibfeder Verlag 2010).

Auf dem Markt muss Mohamed seine Waren besonders passend für die jeweiligen Käufer ausgewählt haben, sicher hatte er einen besonders guten Geschmack; so merkte Maisara bald, dass Mohamed sich von anderen Händlern in vielerlei Hinsicht unterschied. Natürlich beschäftigten ihn auch die Worte des Mönchen Nestor. Als Maisara nach der langen Reise zu Khadija zurückkam, erzählte er neben den Worten Nestors noch von einer anderen Beobachtung: „Du hast mich mit ihm geschickt, damit ich ihm diene. Dabei hat er mir gedient. Wenn ich krank war, pflegte er mich, wenn ich traurig war, tröstete er mich!“ – so sprach Maisara. Und die Überlieferung erzählt auch, dass immer wenn Mohamed in der stechenden Sonne saß, zwei Engel kamen, um ihm Schatten zu spenden. Auch dies ist Teil von Maisaras Bericht.

Als nun Mohamed zu Khadija zurückkam mag diese von seinem Verhandlungsgeschick beeindruckt gewesen sein, doch darin hat sie sich nicht verliebt, denke ich. Denn als unabhängige Frau konnte sie sich erlauben, sich aus anderen Gründen zu verlieben. Vielleicht liebte sie seine freundlichen Augen, sein Lächeln, oder das ehrliche Gesicht, mit dem er ihr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Auch Mohamed verliebte sich in sie.

Khadija sagte zu ihm: „Ich schätze dich wegen deiner Beliebtheit in deiner Familie, wegen der Schönheit deines Charakters und deiner Ehrlichkeit“. Dann bot sie ihm die Ehe an; und wieder stimmte Mohamed einem Angebot Khadijas zu. Mohamed schenkte Khadija 20 Kamele als Brautgabe. Bei seiner Hochzeit war er 25 Jahre alt, Khadija war 40 Jahre alt.

Ihr erstes gemeinsames Kind war Qasim, der jedoch nach seinem zweiten Lebensjahr starb. Daher wird Mohamed auch manchmal Abu Qasim genannt. Danach folgten vier Töchter: Zeinab, Ruqqaya, Umm Kulthum und Fahtma. Der letzte Sohn Abdullah starb ebenfalls noch als Kind. Mohamed und Khadija hatten einen großen Haushalt zu versorgen. Neben den Beiden und ihren Kindern lebten dort mit ihnen Baraka, die inzwischen befreite Dienerin seiner Mutter und Zaid, ein Sklavenjunge, den Mohamed frei gelassen hatte, und der auf eigenen Wunsch von Mohamed adoptiert worden war, sowie auch Ali Ibn Abu Talib; denn Abu Talib hatte Schwierigkeiten, seine große Familie zu ernähren und ging daher auf Mohameds Vorschlag ein seine Söhne Ali und Abbas in andere Haushalte ziehen zu lassen. Ali ging zu Mohamed.

Es wird bis heute als gesichertes Wissen angesehen, dass der Prophet Mohamed niemanden so liebte, wie Khadija. Aisha sagte mehr als einmal, wie eifersüchtig sie auf Khadija sei, obwohl er auch sie sehr liebte, weil der Prophet noch lange nach Khadijas Tod immer wieder vor allen Menschen ihrer liebevoll gedachte. Niemals durfte jemand die leiseste Kritik an ihr äußern, sagt uns Aisha. Er war ihr sein ganzes Leben lang in Dankbarkeit und Liebe verbunden.

Als der Prophet die erste Offenbarung hatte, kam er zitternd und verwirrt zu seiner Frau Khadija, die ihn in ein Tuch wickelte und ihm gut zusprach. Sie glaubte ihm alles, was er sagte, egal, wie seltsam es sich anhörte, und wurde die erste Gläubige Muslimin.

Sunna, ihr lieben Schwestern und Brüder, heißt nicht, die Arme beim Gebet so oder so zu verschränken. Sunna heißt, diese Ehe als Vorbild zu nehmen für die eigene Ehe oder Partnerschaft und den Partner so lieb und teuer zu schätzen wie es Mohamed mit Khadija getan hat und umgekehrt. Im Koran Sure Al Rum 20 Vers 21 lesen wir: „Und unter Seinen Wundern ist dies: Er erschaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art auf dass ihr ihnen zuneigen möget, und Er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch hervor: hierin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken!“

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِّتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِّقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

And of His signs is that He created for you from yourselves mates that you may find tranquillity in them; and He placed between you affection and mercy. Indeed in that are signs for a people who give thought.

وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً

Geborgenheit, Zuneigung oder Liebe, Vergebung oder Gnade.

Das passt nun gar nicht zu dem vielzitierten Gewaltvers, in dem angeblich steht, dass ein Ehemann seine Frau unter bestimmten Bedingungen schlagen darf. Was machen wir mit diesem Vers, den ich an dieser Stelle nicht zitieren werde und den Nichtmuslime besser zu kennen scheinen als Muslime? Arabisch muttersprachliche Muslime sagen mir über den „Gewaltvers“ immer wieder, sie verstehen diesen Vers nicht – die Wörter sind ganz und gar uneindeutig. So lassen wir ihn also beiseite, denn vielleicht erklärt er sich erst nach unserer Zeit und bedeutet etwas ganz anderes als wir heute vermuten. Uns reicht doch das, was wir gelesen und verstanden haben. Wir wissen aus dem Koran und aus zahllosen Hadithen, dass Mohamed ein Prophet der Liebe und Vergebung ist, und dass Allah für unsere Beziehungen sagt: wa jala beinakum Mauwade wa Rahme.

Mohamed und Khadija gingen auf eine Lebensreise. Doch Khadijas Reise endete vor Mohameds und so hatte er ein zweites Leben. Er, der mit Khadija monogam gelebt hatte, heiratete nun viele Frauen gleichzeitig und wurde zum gesellschaftlichen Führer. Seine Liebe zu Khadija blieb ungebrochen.

Zeit für Bittgebete

Hier in der Moschee schließen wir viele Ehen. Es kommen vor allem Menschen, die in anderen Moscheen nicht heiraten dürfen oder möchten. Manch einem sind die anderen Moscheen schlicht zu konservativ. Andere werden dort gar nicht erst verheiratet, weil der Mann nicht Muslim ist, oder weil es sich um gleichgeschlechtliche Liebe handelt. Wer hier heiratet kommt auch schonmal aus den USA angereist, aus Österreich oder aus Hannover.

Als ich meinen muslimischen Mann heiratete, bin ich, so glaube ich, auch zum Islam konvertiert. Sicher bin ich mir da nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich damals während der Eheschließung sagte. Ich sprach kein Wort Arabisch und wiederholte einfach das verbale Rauschen, das mir der Scheich vorsprach, und es war mir vollkommen egal, welche Bedeutung es hatte. Geheiratet habe ich mit meinem Herzen, nicht mit meinen Worten.

Doch so ganz richtig ist das nicht, und nicht jedem ist es so egal, wie es mir damals war, was er oder sie da sagt. Eheleute möchten nicht einfach ihre Religion verleumden, und so tun als wären sie Muslime, während sie eigentlich Christen sind, Juden, Atheisten, oder anderes. Es ist ein Akt der Lüge zur Eheschließung in einer Moschee. Wir verzichten hier in dieser Moschee auf diese Lüge und verheiraten diejenigen Menschen, die sich lieben, bzw. die heiraten möchten. Das allein zählt, wenn sich zwei Menschen entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Gerade der oben zitierte Vers gibt uns hier Argumentationshilfe, denn Partnerwesen, auf Arabisch Zauwajan, ist weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Ein Partnerwesen kann jeder andere Mensch sein. Viel wichtiger ist es, wie man den gemeinsamen Weg gestaltet.

Mohamed und Khadija haben sich vereinigt, doch blieb Khadija weiterhin Kauffrau und konnte ihren Mann immer wieder als eigenständige Frau beeindrucken. Und Mohamed empfing immer wieder Offenbarungen, die ihn als einzigartigen Menschen auszeichneten. So banden sich die Beiden aneinander und lebten dennoch in Freiheit.

Der Dichter Rumi schreibt: „Binde zwei Vögel zusammen – sie haben nun vier Flügel, aber keiner von ihnen kann fliegen“. Der so genannte Bund der Ehe bedeutet Gemeinsamkeit, aber nicht unter Aufgabe der Freiheit. Die Freiheit bleibt unser Grundrecht außerhalb jeder Beziehung und innerhalb jeder Beziehung. Freiheit braucht Vertrauen; und Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dem anderen und sich selbst gegenüber. Möglicherweise ist dies der schwierigste Aspekt einer Partnerschaft.

Khalil Gibran schreibt

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen

sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer

Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von

euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben

Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der

anderen.

All dies bedeutet, dass wir unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben

sollten, denn in dieser Einzigartigkeit wurden wir geschaffen, und

in diese Einzigartigkeit hat sich unser Partner verliebt.

In ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ schreibt Bronnie Ware gleich bei Grund 1: Ein großer Anteil der Sterbenden, die sie begleitete sagten Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Unter den Frauen, die dies sagten waren besonders viele, die mit der Eheschließung auch ihre eigenen Bedürfnisse hinter Schloss und Riegel ablegten stattdessen die Bedürfnisse ihres Ehemannes zu den Eigenen machten. Sie bereuten es am Lebensende bitterlich, denn sie hatten ihre Gott-gegebenen oder natürlichen Rechte und Quellen der Freude unnötig aufgegeben. Sie sehnten sich nach Verwirklichung ihrer Selbst, für die es nun zu spät war.

Zugleich ist die Partnerschaft aber durchaus auch der Weg vom Ich zum Du.

Der Dichter Nizar Qabbani schreibt:

„Ich werfe meinen Passport ins Meer, und nenne Dich mein Land.

Ich werfe meine Wörterbücher ins Feuer, und nenne dich meine Sprache.“

Beide Aspekte – die Wahrung der Freiheit auf der einen Seite und die vollkommene Vereinigung auf der anderen – finden sich in einer gelungenen Partnerschaft. Zu meinen, nun wäre dann wohl alles geregelt und jede Partnerschaft müsse super funktionieren, hat mit „Mensch sein“ allerdings wenig zu tun. Dort, wo es mal hapert und man nicht weiterkommt mit all seiner Zuneigung und Vergebung, wo es gerade nur noch bergab und rückwärts läuft, kann man zum Beispiel hier in der Moschee um Seelsorge bitten. Diesen Schritt sollte man sich nicht zu lange überlegen. Es lohnt sich, mit anderen zu sprechen, die diesbezüglich ein wenig Bildung genossen haben oder die einen an Stellen weiter verweisen können, an denen wirklich Unterstützung stattfindet.

Mohamed und Khadija sind ein Beispiel für eine Beziehung, in der Freiheit und Gemeinsamkeit eine gute Balance hatten. Ich wünsche uns allen in dieser Woche glückliche Erfahrungen mit den Menschen, die uns begleiten.