Koran

Bobby Burch

Noah

 

Eine Khutba über den Propheten Noah

 

Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Seid herzlich begrüßt zum heutigen Freitagsgebet.

Bobby Burch
Bobby Burch

In meiner letzten Khutba ging es darum, woher die Sure Al-Baqara ihren Namen hat, und ich sprach in diesem Zusammenhang insbesondere über die Kinder Israel und den Propheten Moussa. Dies brachte mich auf die Idee, heute über einen weiteren Propheten zu sprechen. Heute geht es um Nuh, also Noah.

 

Als die Menschheit bereits eine lange Zeit auf der Erde weilte, wurde sie wohl recht selbstsicher in ihrem Tun und muss recht wohlhabend gewesen sein, denn Allah entsandte seinen ersten Propheten nach Adam. Noah gehört zu den großen, oder bekanntesten, von ihnen. Die weiteren sind Ibrahim, Moussa, Issa und Mohamed. Abraham, Mose, Jesus und Mohamed. Aber warum werden überhaupt Propheten zu uns gesandt?

 

Im Laufe der Menschheitsgeschichte sandte Allah immer dann Propheten zu uns, wenn wir uns als Menschen an bestimmten Regeln vergingen oder wesentlichen Irrtümern erlagen. Der erste Irrtum ist die Annahme, keinen Gott zu brauchen, selbst Schöpfer unseres Glücks sowie unseres Reichtums zu sein. Dazu gehört auch, aus Überheblichkeit die Armen nicht am eigenen Einkommen zu beteiligen, sondern in selbstgefälliger Manier unsere Besitztümer als rechtmäßiges, uns frei zur Verfügung stehendes Eigentum zu betrachten. Die Reichhaltigkeit unserer Speisen beispielsweise nicht darauf zurückzuführen, dass wir durch Allahs Barmherzigkeit und Liebe versorgt werden, sondern in undankbarer Weise davon auszugehen, dass sie uns mit größerer Selbstverständlichkeit zustehen als anderen.

Ein weiterer Irrtum, der immer mal wieder Propheten auf den Plan ruft, sind unterdrückerische Praktiken, auch z.B. im Bereich der Sexualität. Hierzu gehört, Menschen zu benutzen, statt in einvernehmlicher Weise mit ihnen zu verkehren. Den Propheten geht es um die Anerkennung der Menschen mit ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit statt Ausbeutung. Ausschweifungen und Unterdrückung, also das Fehlen der Wertschätzung des Anderen, oder der Schöpfung insgesamt, sind Verhaltensweisen, sind sozusagen Exzesse, die zur Religion der Mitte nur wenig passen. Dankbarkeit, Wertschätzung und Gerechtigkeit werden angemahnt.

 

Offensichtlich ist es ein weiterer Fehler, Allah andere Götter zur Seite zu stellen. Mit scheinbar unbarmherziger Strenge weist Allah uns zurecht, wenn wir Götzen verehren. Uns ist inzwischen längst klar, dass damit in der heutigen Welt weniger die selbstgemeißelten Steingötterchen vergangener Jahrhunderte gemeint sind, als vielmehr unsere Vergötterung aller möglichen Dinge. Die Vergötterung unserer materiellen Statussymbole, unseres Aussehens, unserer Kinder, unserer Ansichten, unserer Selbst. Es ist erstaunlich, dass nicht jetzt gerade jemand unterwegs ist, uns als Prophet oder Prophetin zu begegnen und auf unseren recht mächtigen Egozentrismus zu verweisen.

 

So waren also die Leute in der Zeit von Noah uns hier und heute nicht sehr unähnlich, aber uns vielleicht in ihrer Überheblichkeit und Intoleranz noch weit voraus. Allah sandte Noah zu ihnen, damit er ihnen erkläre, dass sie vor einer drohenden Vernichtung errettet werden könnten, wenn sie abließen von der Verherrlichung und Heiligung ihrer selbst ernannten Götter. Shirk ist das arabische Wort dafür, andere Götter neben Gott zu stellen. Ich möchte noch einen Moment bei diesem Gedanken verweilen, bevor ich in der Geschichte weitergehe, weil ich ihn befremdlich finde. Es hört sich so ganz nach einem patriarchalischen, eifersüchtigen Gott an, der keinen anderen Gott neben sich duldet. In meiner eigenen Auseinandersetzung  kann ich dem Konzept der Absolutheit des Monotheismus, dann Sinn entnehmen, wenn es darauf verweisen will, dass es viele Namen für Gott gibt und viele unterschiedliche Ansichten über ihn, doch es immer dasselbe Wesen oder Wesenhafte ist, auf das wir uns beziehen. Die Deutung des strengen Gebots des Monotheismus hat sich also in den Jahrhunderten verändert. Ging es früher darum, keine selbstgebauten Götzen anzubeten, geht es heute zum Einen darum, das Selbst und das Materielle nicht zu vergöttern, zum Anderen um die Erkenntnis, dass alle Menschen, die an einen Gott glauben, darin geeint sind, denn es gibt nur diesen einen. Ist er Energie und wir tragen diese Energie in uns, sind wir alle vom göttlichen durchdrungen. „Alle“ heißt dann, dass kein Grund zur Überheblichkeit besteht.

 

Vordergründig sieht es so aus, als schicke Allah Propheten und Engel als Boten von Vernichtungsszenarien und Höllenfeuer. Doch ist dies, so glaube ich, unsere kulturelle und gewissermaßen selbstgewählte Perspektive oder selektive Wahrnehmung oder Lesart. Doch dazu später mehr. Nun zur Geschichte.

 

950 Jahre lang sprach Noah zu dem Volk bei dem er lebte, dass es sich dem einen Gott zuwenden solle. Es solle ablassen von seinem arroganten Gehabe und von der Vorstellung, ein Recht auf Reichtum zu haben. Es solle ablassen von der Vernachlässigung der Armen und solle Gott keine Götter zugesellen. Es solle mit gleichem Maß messen und sich in Wertschätzung üben.

 

950 Jahre, eine Zahl, über deren mystische Bedeutung wir nur spekulieren können, bat Noah die Menschen um Einsicht. Doch sie verspotteten ihn und sprachen: „Wenn Allah uns einen Botschafter schicken wollte, hätte er einen Engel geschickt. Du bist nur ein einfacher Mensch“. Und sie sahen, dass die Armen Noah folgten und an ihn glaubten. Daher spotteten sie noch mehr und sagten, siehst du nicht, dass dir nur die Armen folgen? So ist deine Botschaft für uns einflussreiche Menschen bedeutungslos. Wir sind uns selbst genug und brauchen deinen Gott nicht. Auch Noahs Ehefrau war von ihrer Eigenmächtigkeit überzeugt, sowie auch einer seiner Söhne.

 

Nach 950 Jahren endlich sprach Allah zu Noah, er habe die Menschheit nun lange genug gewarnt. Allah würde eine große Flut schicken, die die gesamte Erde bedecken würde und Noah solle ein Schiff bauen, um sich und seine Familie zu retten. Noah hatte vier Söhne. Sem, Ham, Yapeth und Yam. Einer von ihnen, wahrscheinlich Yam, sagte: „Mir wird schon nichts passieren. Wenn eine Flut kommt, steige ich auf einen hohen Berg“.

 

Noah bat ihn, später auch mit einzusteigen, doch er lehnte es von vorneherein ab und änderte bis zum Ende nicht seine Meinung.

 

Allah sagte auch, Noah solle von jedem Tier auf der Erde ein männliches und ein weibliches Exemplar mit auf das Schiff nehmen, damit sie später die Erde wieder bevölkern könnten.

 

Das Volk lachte derweil über ihn: „Noah baut ein Schiff auf einem Berg! Sirt najar ja nuh fakarnak nebi“ Bist du ein Schreiner geworden, oh Noah? Wir dachten du seist ein Prophet?“ Als Noah das Schiff endlich fertiggestellt hatte, sprach er: Vers 41. „Steigt ein in dieses Schiff. Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern. Siehe mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend. Ein Gnadenspender“. Und so begann es zu regnen und die schwarzen Wolken brachen bis die Wasser des Himmels und das Wasser auf der Erde zusammentrafen und die Fluten hoch schlugen.

Inmitten dieser Fluten sieht Noah seinen Sohn auf einem hohen Berg stehen und noch einmal ruft er ihn,  in das Schiff zu steigen. Irkab ja bunnaya. Irkab.

Er ruft nicht „Sohn“ oder „Kind“, sondern er verwendet die Koseform des Wortes Ibni – also Sohn – nämlilch bunnaya. Eigentlich heißt es „Söhnchen“, doch weil dies in der deutschen Sprache eher ein kleines Kind konnotiert, wird bunnaya im Allgemeinen mit „mein geliebter Sohn“ übersetzt. Der Vater sieht sein eigenes Kind von den Fluten überwältigt und ruft in größtem Schmerz: ya bunnaya, irkab ma’ana wa la takun ma’ alkafirun!

 

Vorlesen aus dem Koran 11:41 bis 45

So sagte er zu seinen Anhängern: Steigt ein in dieses Schiff! Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern! Siehe, mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend, ein Gnadenspender!

Und es trieb dahin mit ihnen in Wellen, die wie Berge waren. In diesem Moment rief Noah aus zu seinem Sohn von sich, der sich ferngehalten hatte: O mein lieber Sohn! Steige ein mit uns, und bleibe nicht mit jenen, die die Wahrheit leugnen! Aber der Sohn antwortete: Ich werde mich zu einem Berg begeben, der mich vor den Wassern schützen wird.

Noah sagte: Heute gibt es keinen Schutz für irgend jemanden vor Gottes Urteil, außer für jene, die seine Barmherzigkeit verdient haben.

Und eine Welle erhob sich zwischen ihnen und der Sohn war unter jenen, die ertränkt wurden.

Und das Wort wurde gesprochen: O Erde, verschlinge deine Wasser! Und o Himmel, beende deinen Regen.

Und die Wasser sanken in die Erde, und der Wille Gottes war geschehen, und die Arche kam auf dem Berg Dschudi zum Halten.

Und das Wort wurde gesprochen: Hinweg mit den Leuten, die Übles tun!

Und Noah rief aus zu seinem Erhalter und sagte: Oh mein Erhalter! Wahrlich mein Sohn gehörte zu meiner Familie, und wahrlich, dein Versprechen wird immer wahr, und du bist der Gerechteste aller Richter. ….

 

Vers 48: Daraufhin wurde das Wort gesprochen: Oh Noah! Steige aus in Frieden von Uns und mit unseren Segnungen über dich und über die Leute, die mit dir sind, und die Rechtschaffenen, die von dir abstammen werden und von jenen, die mit dir sind.

 

Als Noah also lange auf dem Wasser getrieben ist, beginnt er, jeden Tag eine Taube auszuschicken. Eines Tages kommt sie zurück und hat einen Olivenzweig im Schnabel. Da weiß er, dass die Fluten sich senken. Wieder und wieder entlässt er die Taube. Und als sie eines Tages mit Erde an den Füßen zurückkehrt, verlassen die Geretteten endlich das Schiff. Sie lassen sich nieder, um die Erde zu bevölkern.

 

Die Geschichte Noahs lässt sich lesen, gebrauchen und missbrauchen als Geschichte über den unbedingten Gehorsam gegenüber einem unbarmherzigen Gott, der darauf aus ist, uns zu strafen und letztlich zu vernichten, wenn wir nicht genau das tun, was er erwartet. Die Geschichte reiht sich ein in die von Ibrahim, der seine Frau Hagar in die Wüste bringt, gottergeben bereit ist, seinen Sohn zu opfern, oder die von Yunis, der seine Zeit im Wal verbringt, statt gleich nach Ninive zu gehen, wie es ihm befohlen wurde, oder Hud, der nicht lange nach Noah zu dem militanten Stamm der Aad kommt. So birgt die Geschichte als eine über den unbedingten Gehorsam eine immense Gefahr, doch genau diese Lesart scheint unvermeidlich. Das liegt aber eben nicht daran, dass die Geschichte Noahs Gehorsam und Strafe so stark betont, sondern daran, dass wir gewohnt sind, sie so zu verstehen. Unser Lesen ist immer kulturelles Lesen, d.h. wir lesen die Geschichte so, weil wir in unserer realen Welt genau dieses Muster finden. Jeder kennt es – von zu Hause, aus der Schule, von überall. Wenn du nicht gehorchst, musst du auf dein Zimmer gehen, werden dir Privilegien entzogen. Wenn du nicht machst, was Mama sagt, ist sie traurig, und du hast ein schlechtes Gewissen. Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, bekommst du schlechte Zensuren, wird nichts aus dir, wirst du in den Anforderungen des Lebens ertrinken. Dies sind unsere verinnerlichten Philosophien. Beim Lesen der Geschichte von Noah erkennen wir unseren Alltag wieder und sie erscheint uns als stimmig. Doch bringt unsere Realität überhaupt erst diese Deutung hervor, und diese Deutung schafft wiederum unsere Realität.

Was sich wie logische Stimmigkeit anfühlt ist damit eigentlich eine Tautologie, d.h. die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz. Ein Teufelskreis.

 

Es gibt aber doch noch andere Deutungen. Noahs Arche wird oft als riesiges rundes Schiff dargestellt. Das menschliche Unterbewusstsein hat diese keineswegs selbstverständliche Form sehr passend ausgewählt und hier nämlich ganz richtig festgestellt, dass es sich metaphorisch um einen riesigen Uterus handeln kann. Die Arche ist der mythologische Bauch der Schöpfung, in den stets ein männliches und ein weibliches Teil eintreten, Sperma und Ei sozusagen, um aus diesem Bauch letztlich eine neue und gute Schöpfung hervorzubringen. So wie die Frau das Kind gebiert, gebiert die Arche die Schöpfung. Es ist eine gute Schöpfung, denn alles Schlechte wird zurückgelassen.

Dabei ist es auch bemerkenswert, dass von allen Tieren je ein Männlein und ein Weiblein eintreten, außer von den Menschen. Hier kann jeder dabei sein, der gerne möchte. Gott hat zwar alles vorbestimmt, doch wird hier zugleich unser eigener Wille betont, so zu handeln, wie wir es gerne möchten. Wer eintreten mag, ist herzlich willkommen. Während die  zurückbleibenden Tiere verenden, egal ob sie Gutes oder Schlechtes getan haben, wird der Mensch nur dann zurückgelassen, wenn er nicht einsteigen mag. Möchte er jedoch einsteigen, so steht ihm dies jederzeit frei, ohne einen Blick auf die Vergangenheit. Die Arche kann damit gedeutet werden als Befreiungssymbol, Symbol der Möglichkeit steter Erneuerung jedes Einzelnen. Wenn du magst, steig ein. Ändere jederzeit dein Leben, gebäre dich neu.

Ich möchte noch eine andere kurze Deutung anfügen, eine, die wir auch in unserer Realität wiederfinden. Als ich bereits meine ersten vier Kinder bekommen hatte, ging ich zurück zur Schule, machte mein Abitur. Anschließend studierte ich an der FU, bekam währenddessen zwei weitere Kinder, und so zog sich die ganze Bildungszeit über gut 15 Jahre hin. So gut wie ausnahmslos jeder machte sich damals über mich lustig und meinte, ich würde pensioniert werden, bevor ich überhaupt zu arbeiten begänne. Kein Mensch glaubte daran, dass ich irgendwann in meinem Beruf arbeiten würde. Als schließlich alle Prüfungen bestanden waren, begann ich zu arbeiten – in meinem Beruf. Und das tue ich noch heute. Wie Noah, der seine Arche baute, weil er es wollte, arbeitete ich beständig an meiner Qualifikation, weil ich es wollte. Ungeachtet des Spotts, der in meinem Fall zum Glück nicht wirklich boshaft war.

Seyran arbeitet an etwas, was noch viel mehr Spott – auch boshaften Spott – erntet und bleibt dennoch dabei. Sie ist von ihrer Mission überzeugt. Keiner muss einsteigen, aber wer möchte, ist willkommen.

Vielleicht hat jeder seine Arche und baut daran, und die Geschichte sagt uns, am Ende sind wir glücklich. Am Ende der manchmal mühseligen Arbeit sehen wir Land mit Olivenzweigen , und unsere ausgesandten Tauben haben Matsch an ihren kleinen Füßchen – wir können an Land gehen. Die Geschichte Noahs ist keine Geschichte über den Gehorsam, sondern eine Geschichte über die selbstverantwortliche, freudvolle, manchmal mühselige  Gestaltung unserer eigenen Welt, ungeachtet der Bewertungen anderer. Noahs ist nicht die Geschichte von Gehorsam, sie ist vielmehr eine Geschichte über  Empowerment und Selbstverwirklichung. Und wer einsteigen möchte, ist willkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sure 103:1-3  Al-Asr – Das Ringen mit der Zeit

Sure 103:1-3  Al-Asr – Das Ringen mit der Zeit

 

NeONBRAND

wa-‘l-°asri (1)  

 inna ‘l-insâna la-fî chusrin (2)  

 illâ ‘lladhîna âmanû wa-°amilû ‘s-sâlihâti 

     wa-tawâsau bi-‘l-haqqi wa-tawâsau bi-‘s-sabri (3)  

Dr. Ghassan El Masri von der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in Potsdam sagt kurz und bündig dazu: „Durch die unnachgiebige Hingabe an Wahrheit und Geduld, die Beständigkeit im Glauben und gute Werke entgeht der Mensch seiner Verlorenheit – so wird es im Koran von einem barmherzigen Gott gesagt.“

    Die meisten Übersetzungen klingen so: „Bei der Zeit! Der Mensch ist in Verlorenheit, ausgenommen diejenigen, die glauben, gute Werke verrichten, einander empfehlen, sich an die Wahrheit, an das Recht zu halten, und Geduld üben.“

    Muhammad Asad übersetzt die Verse so: „Betrachte das Verfliegen der Zeit! Wahrlich der Mensch verliert bestimmt sich selbst, (wörtlich: Der Mensch ist in einem Zustand von Verlust, außer jenen…) außer er sei von jenen, die Glauben erlangen und gute Werke tun und einander zum Festhalten an der Wahrheit mahnen und einander zu Geduld in Widrigkeiten mahnen.“

     Im Zentrum dieser frühen kurzen Sure steht das Ringen des Menschen mit der Voraussetzung für Zeit, ihre Auswirkung auf den Menschen sowie der Einfluss des Menschen darauf. Sie hat damit die ganze detaillierte Ausführung des Koran vorweggenommen.

    In vorislamischer Zeit und danach verstanden die Menschen die Zeit als eine stille und passive Kraft, die dennoch unaufhörlich rastlos und unerbittlich war.

     Asad schreibt über die Zeit: „Der Begriff ‚asr‘ bedeutet ‚Zeit‘, die messbar ist und aus einer Folge von Abschnitten besteht im Unterschied zu ‚dahr‘, was unbegrenzte Zeit, ohne Anfang und Ende, d.h. absolute Zeit bedeutet. Daher auch die Bedeutung vom Vergehen der Zeit; Zeit, die niemals zurückgeholt werden kann.“

   Diese frühe mekkanische Sure enthält eine vollständige Lebensanweisung für die Menschen aus islamischer Sicht. Sie legt in klarer und überaus knapper Form die grundlegenden Glaubensbegriffe dar, nämlich Glaube oder Nichtglaube und gutes oder schlechtes Tun und charakterisiert damit die islamische Gesellschaft, indem sie die wichtigsten Eigenschaften der Muslime beschreibt.

     Der Koran umschließt den ganzen Verhaltenskodex, ausführlich veranschaulicht durch Gleichnisse, Geschichtshinweise, Wissen über die Schöpfung und seinen Schöpfer.

     Alles, was Gott dem Menschen als Richtschnur auf den Weg gegeben hat, sind in diesen drei kurzen Versen beinhaltet. Der Inhalt des Korans wird mit diesen drei Zeilen auf gedrängtester Weise mit Leben ausgefüllt.

     Nur Gott kann so etwas in solch einer Knappheit beschreiben. Sie beschreiben, dass es nur einen für die Menschen lohnenden, vertrauenswürdigenden Pfad gibt, alles andere führt zum Verlust und ins Verderben.

    Welcher Verlust? Der Verlust seiner Tage oder Zeit eines Menschen? Oder der Verlust einer ganzen Periode, das Verschwinden einer ganzen Gesellschaft in die Tiefe ihrer Geschichte? Oder der Verlust seiner guten Eigenschaften?

     Hasan al-Basrî, ein bekannter Korangelehrter und Prediger, geboren 642 n. Chr. in Medina und gestorben 728 n. Chr. in Basra, Iraq sagte dazu: „Oh Sohn Adams, du bist nichts als deine Tage, mit jedem Tag, den du verlierst, geht ein Teil von dir verloren.“  

   Aber diesem Zeitkonzept hält eine Ausnahme dagegen: Ausgenommen diejenigen!   

  Diejenigen, das sind die, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihr eigenes Los bestimmen, etwas Gutes tun und glauben an den, der das gute Handeln annimmt, der die Zeit in den Händen hat und bildlich gesprochen: nämlich den Anfang und ihr Ende.

   Und dieses Glauben bedeutet Anerkennung der Herrschaft Gottes, der über den Lauf ihrer Zeit, gefüllt mit guten Taten herrscht.

   Die guten Taten, also den für den Menschen lohnenden Pfad, beschreibt der Koran als Werke, die in Wahrheit vom Herzen kommen und von Gott und der Gesellschaft angenommen werden. Dieses ‚Glauben und gute Werke tun‘ dürfen aber niemals nur eine einmalige Sache sein, sie muss zur positiven Haltung und Lebensführung in einer Gemeinschaft führen und wachsen, die füreinander da ist, auf der Basis von Wahrheit und Recht. Dabei spielt die Geduld eine zeitbezogene Stellung, in der der Mensch im Laufe der Zeit Freude und Leid widerfahren kann, denn er ist nicht fehlerlos. Aber er kann sich in den Schutz der Gesellschaft stellen und in Gottes Obhut, da er ja an Ihn glaubt. Und Gott lässt keinen Gläubigen in Stich.

    Zusammengefasst kann man sagen: Der Mensch entgeht seiner unvermeidlichen Verlorenheit durch seine verlässliche Hingabe zur Wahrheit und Geduld, durch beständiges Glauben an Gott und seinen guten Handlungen in Gottes Sinn.

    Schauen wir uns jeden einzelnen Vers an:

 1:  wa-‘l-°asri – „Bei der Zeit,“

     Zeit hat verschiedene, zum Teil auch gegenteilige Bedeutungen:  Zeit, Zeitalter, Tageszeit, wie auch Morgen, Nachmittag, Abend. Da verschiedene andere Suren mit einem Schwur beginnen, insbesondere die frühmekkanischen Suren mit Tageszeiten, kann man annehmen, dass wa-l-‘asr eine bestimmte Tageszeit oder Gebetszeit darstellt. Überliefert ist hier der Schwur: „Beim Nachmittag“.

   2:   inna ‘l-insâna la-fî chusrin „Der Mensch befindet sich im Verlust.“

    Man könnte annehmen, dass hier der Verlust der Glückseligkeit im Jenseits gemeint ist. Der Mensch steht auf der negativen Seite durch sein Verhalten und Handeln. Chassara bedeutet so viel wie Verlust oder Schaden zufügen. Man schädigt sich also selbst.

     Es ist eigentlich eine grundsätzliche Aussage über den Menschen. Parallelen gibt es zu dieser Aussage in Sure 70:19-21. Übersetzung von Muhammad Asad: „Wahrlich, der Mensch ist mit einer ruhelosen Veranlagung geboren, (damit meint Asad: eine fruchtbare Leistung, also positiver Charakter, ebenso wie chronische Unzufriedenheit als negativer Charakter). In der Regel, wann immer ihn Missgeschick anrührt, ist er mit Selbstmitleid angefüllt, und wann immer ihm gutes Geschick zukommt, enthält er es selbstsüchtig anderen vor.

    Es gibt noch viele weitere Stellen im Koran mit Aussagen über den Menschen, so auch in Sure 100:6-8,  Al-´Adiyat- Die Streitrosse: „Wahrlich, seinem Erhalter gegenüber ist der Mensch höchst undankbar –  und davon, siehe, gibt er selbst fürwahr Zeugnis: denn, wahrlich, der Liebe zum Reichtum ist er höchst leidenschaftlich hingegeben.“

    Aber weiter in unserer Sure, Vers 3:

 illâ ‘lladhîna âmanû wa-°amilû ‘s-sâlihâti wa-tawâsau bi-‘l-haqqi wa-tawâsau bi-‘s-sabri – „außer er sei von jenen, die Glauben erlangen und gute Werke tun und einander zum Festhalten an der Wahrheit mahnen und einander zu Geduld in Widrigkeiten mahnen.“

    Man nimmt an, dass der 3. Vers vermutlich ein Nachtrag aus spätmekkanischer Zeit sei, der hinzugefügt wurde, um festzustellen, dass mit dem 2. Vers nicht die Gläubigen gemeint sind. Schon die Überlänge passt nicht zu dem Schema der kurzen frühmekkanischen Suren. Sie vermittelt den Eindruck, als wenn die Menschen im Allgemeinen schlecht sind. Der Nachtrag soll einfach feststellen: Die Gläubigen sind anders, sie glauben und tun Gutes und spornen sich gegenseitig zur Wahrhaftigkeit und zur Geduld an.

   Gott übermittelt in dieser Sure eine Botschaft und hält diese Botschaft stets im Blick. Mehr noch: Von Anfang an schwört er auf die Zeit. Ein ganz bestimmtes Thema wird hier in dieser Sure von Gott behandelt: Gott schwört weder auf die Sonne noch auf den Mond und auch nicht auf die Sterne. Er schwört auf die Zeit oder Zeitspanne. Die Zeit ist Ihm also etwas sehr Wichtiges, um darauf zu schwören. Sie gibt uns Kenntnis in das, was vor uns liegt was erst unser Leben ausmacht. 

     Im ganzen Koran wird der Mensch von Gott anschaulich gemahnt durch Parabeln, Gleichnissen. Er zeigt an, wie der Mensch sich zu verhalten hat, um ins Paradies zu kommen, berichtet von der Ordnung von Naturgesetzen und alles von Ihm Geschaffene. Auch der Mensch gehört dazu, er ist sozusagen die Krone von Gottes Schaffenskraft.

    Seine Worte, der Koran, stellen Seine Barmherzigkeit dem Geschöpf gegenüber dar. Und mit der Sure 103 – „Bei der Zeit!“ kann man alles auf einen Nenner bringen: Der Mensch hat ein selbstgemachtes ‚Defizit‘, ausgenommen sind nur die Menschen, die glauben und Gutes tun.

   Und letztendlich ist es auch der Grund, weshalb ich hier vor euch stehe und predige. Glaubt mir, das ist gar nicht so leicht, vor euch zu stehen und euch mehr oder weniger zu belehren. Aber ich werde durch Gott und durch den Koran angehalten, nach der Wahrheit und Wissen zu suchen und es geduldig weiterzugeben.

Manaar

Doruk Yemenici

Al Baqara

Al Baqara

 

Doruk Yemenici
Doruk Yemenici

Seit diesem Schuljahr habe ich die Dritte. Das heißt ich bin Klassenlehrerin der dritten Klasse einer Berliner Grundschule. Wir Lehrerinnen sagen nicht: „Ich arbeite als Lehrerin“, wir sagen: „Ich bin Lehrerin“. Es ist eine freundliche Geste des Berliner Senats, uns für das zu bezahlen, was wir sind. Andere Angestellte werden für das bezahlt, was sie tun.

Um ihr Wohlbefinden bemüht, frage ich meine Drittklässler am Ende jeden Schultages, was ihnen denn heute am besten gefallen habe. Natürlich kommt immer wieder: Die Pause, das Mittagessen, aber auch die Deutschstunde oder die Mathestunde, und das selbst, wenn der Stoff hart erarbeitet oder geduldig geübt werden musste. Kinder lernen gerne. Wenn man ihnen in der Schule nichts Vernünftiges zum Lernen anbietet, werden sie unruhig und gehen einem mächtig auf die Nerven.

Dabei hat jeder seine eigenen Vorlieben und Talente. Werde ich gefragt, was früher mein Lieblingsfach war, so sage ich immer „Englisch“. Unsere Lehrerin gab uns damals englische Namen, ich hieß leider Susan, aber immerhin nicht Susanne, und wir schlüpften in die Rolle englischer Kinder der 1970er Jahre. Es machte unendlich Spaß. Heute arbeite ich an einer Deutsch-Amerikanischen Schule, und das ist sicher kein Zufall. Meine Liebe zum Fach Englisch hat sich auf den Beruf ganz direkt ausgewirkt.

Mein anderes Lieblingsfach, und das hatte ich bis Mittwochabend vollkommen vergessen, war der Religionsunterricht. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ja nun hier in der Moschee genau das tue, wozu mein Lieblingsfach Englisch in der weltlichen Welt geführt hat. Ich bin Imamin. Ich arbeite hier nicht als Imamin, sondern ich bin eine. Das hatte ich nicht miteinander in Verbindung gebracht. Die eigene Lebensgeschichte mag für uns selbst nicht immer von großem Interesse sein, doch lohnt es sich vielleicht, sie hin und wieder zu betrachten, um ihr Freude oder Sinnhaftigkeit zu entnehmen.

 

Seit Oktober bieten wir in der Moschee einmal im Monat ein Freitagsgebet auf Englisch an. Die Integration verschiedener Lebensbereiche oder Kulturanteile unserer Selbst trägt dazu bei, uns als integre und vollständige Persönlichkeiten zu empfinden. Das führt zu einer kraftvollen Selbstverortung in der Gesellschaft. Brüche hingegen, also abgebrochene Existenzanteile, durch Flucht oder durch Nichtbestehen von Prüfungen oder durch die Scheidung sind für uns auch deshalb schwierig, weil dadurch Lebensabschnitte als sinnlos empfunden werden, als falsche Wege, die man gewählt hat, oder die man gegen seinen Willen wählen musste. Der Moment, in dem man seine geschichtlichen Anteile miteinander sinnvoll verbinden kann, führt zum einem effektiven Selbstkonstrukt, also dem Aufbau einer integren Identität. Man muss nur aufpassen, dass man dann nicht auf Neues verzichtet, weil es nicht zu einem zu passen scheint. Selbsterweiterung ist ein nicht weniger wertvolles Ziel.

 

Im Religionsunterricht meiner Kindheit hörten wir gern die Geschichten des alten Testaments. Es waren interessante und oft mystische Geschichten, zu denen wir Bilder malten von Ähren und Kühen, und wunderbaren biblischen Gestalten in gestreiften Umhängen. Oft schaute ich während des Unterrichts aus dem Fenster und fand, beim Religionsunterrichts war das Wetter immer schön. Ich erinnere mich sogar an einen speziellen Tag, an dem die Wärme der Sonne auf meinen Tisch im Klassenraum schien und ich das Gefühl hatte, direkt mit dem Kosmos und seiner liebenden Wärme verbunden zu sein. Damals war ich nicht älter als sieben, acht Jahre alt. Meine Liebe zu Gott wurde maßgeblich durch die Atmosphäre geprägt, die beim Hören von Geschichten an warmen Sommertagen entsteht, von Lehrerinnen in geblühmten Kleidern, und vom erlaubten Eintauchen in leicht geführte Welten der Fantasien.

Dass wir Menschen Geschichten lieben, habe ich schon in mehr als einer Khutba gesagt. Wir finden uns darin manchmal wieder, und freuen uns darüber. Aber manchmal bleiben sie ganz weit entfernt von unserer Wirklichkeit, und dennoch sind sie faszinierend und wundervoll.  Es liegt nicht nur an ihrem Inhalt, dass Geschichten etwas mit unserer Seele tun, sondern ebenso an der Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer. Diese Interaktion empfinden wir oft als wertvoll. Heute erzähle ich euch eine Geschichte. Wir finden sie in Sure Al Baqara, der  längsten Sure des Korans.

Als die Bani Israel vierzig Jahre mit dem Propheten Moussa in der Wüste umherirrten, wurde eines Tages ein Mann getötet. Die Menschen standen um ihn herum und fragten sich, wer ihn wohl getötet habe. Sie sprachen: „Gehen wir zu Moussa, er spricht direkt mit Gott. Lass ihn Gott fragen, was wir tun sollen.“

So wandte sich Moussa an Gott und fragte: „Was sollen wir tun? Wie können wir wissen, wer diesen Mann getötet hat und warum er getötet wurde?“ Und als er zu den Bani Israel zurückkehrte sagte er ihnen: „Gott gebietet euch, eine Kuh zu schlachten“.  Doch sie waren mit seiner Antwort nicht zufrieden. Statt eine Kuh zu finden und zu schlachten, gingen sie erneut zu Moussa und erklärten ihm, dass es viele Kühe gäbe, er solle sich bitte noch einmal an Gott wenden, und genauer sagen, welche Art Kuh sie schlachten sollten.

Wieder kehrte sich Moussa zu Allah, und als er zurückkam sagte er: „Die Kuh soll nicht zu alt sein und nicht zu jung. Also geht nun, findet eine passende Kuh und schlachtet sie“.

Doch immernoch waren die Bani Israel unzufrieden und sprachen: „Von denen, die nicht zu jung sind und nicht zu alt gibt es viele. Wende dich an Allah und sag uns: Welche Farbe soll die Kuh haben?“.

Als Moussa von Allah zu den Bani Israel zurückkehrte sprach er, sie solle gelb sein. Ein schönes Gelb solle sie haben, ein Gelb, dass das Auge erfreut. Doch selbst dies war noch nicht genug für die Bani Israel. So machte es Allah nicht leicht für sie und wollte nun eine Kuh, die weder zum Bearbeiten des Ackers genutzt wurde noch zur Bewässerung der Felder. Eine makellose Kuh sollte es sein.

Endlich waren die Bani Israel zufrieden. Sie gingen, um genau diese Kuh zu finden und fanden sie auch, die einzige Kuh, die so aussah, wie Gott es von ihnen verlangte.

Die Kuh hatte einen Besitzer. Sie gehörte einem Waisenjungen, genauer, einem Halbwaisen. Als dessen Vater starb, gab er sein Kind und seine Frau in die Obhut Allahs und betete, dass Allah sie beschützen möge. Zu seiner Frau sagte er: „Ich habe nur dieses Kalb für unser Kind, doch ich traue den Menschen nicht. Schicke das Kälbchen in den Wald.

Dort blieb es. Immer, wenn ihm jemand zu nahe kam, lief es fort. So konnte es von niemandem genommen werden.

 

Als der Junge ein gewisses Alter erreicht hatte, sagte seine Mutter, er solle in den Wald gehen, um die Kuh zu holen. Wie sollte er das bewerkstelligen? War sie doch allen anderen Menschen stets davongelaufen? Doch als er den Wald betrat, lief die Kuh direkt zu ihm. Er war es, zu dem sie gehörte.

 

Zur selben Zeit aber suchten die Bani Israel eine Kuh, die genau so aussah wie diese, die einzige. Sie fanden den Jungen und baten ihn um die Kuh. Als der Junge sah, wie wichtig ihnen genau diese Kuh war, bot er an, sie ihnen zu verkaufen. Der Preis der Kuh war ihr Gewicht in Gold.

Die Bani Israel zahlten den Preis, denn es war ein Gebot Gottes, genau so eine Kuh zu schlachten. Anschließend sprach Moussa zu ihnen, sie sollen der Kuh ein Stück Fleisch entnehmen und den getöteten Mann damit berühren. Dieser Teil der Geschichte ist kontrovers, und es gibt eine alternative Deutung, nach der es nicht um die Berührung mit dem Fleisch geht, sondern um das kollektive Bemühen. Doch dies soll nicht Thema meiner Khutba sein.

Für einen kurzen Moment wurde der Mann wieder lebendig, um zu erzählen, wer ihn getötet hatte. Er stand auf und sagte, es sei sein Neffe, der nicht länger auf sein Erbe habe warten wollen und ihn daher erschlagen hatte. Dann verstarb der Mann entgültig.

Die Geschichte endet hier und überlässt uns einen Mythos von der Wiederbelebung eines Menschen durch das Schlachten eines Tieres. Doch halte ich diesen Aspekt der Geschichte für weniger wichtig. Wichtiger scheint mir, dass es ein Mythos von Moussa ist, und dieser von Allah genaue Bedingungen bezüglich des Schlachttieres empfängt.

Kinder hören Geschichten einfach so. Wir Erwachsene wünschen uns, einen Sinn dahinter zu finden, der uns gleichsam ermöglicht, Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Wir suchen die Moral der Geschichte, damit sie uns den Weg weisen kann. Meine persönliche Deutung ist diese:

Allah hat eine einfache Anleitung gegeben. Eine Kuh sollte gefunden werden. Der zu begehende Weg war einfach. Findet eine Kuh und schlachtet sie.

So sind die meisten Aufgaben Allahs einfach. Es ist das Große Ganze, was zählt, nicht die Kleinigkeiten. Ob die Kuh jung war oder alt, ob sie groß war oder klein, all dies war Allah nicht wichtig. Er benannte es erst, als die Menschen darum baten, bzw. mehr noch: als sie darauf bestanden. Allah wäre mit jeder Kuh zufrieden gewesen. Werden wir in unserem Alltag zu penibel in unseren Fragen und Haltungen, so erfüllen wir nur einen Selbstzweck. Es würde durchaus reichen, die Dinge einfach so zu tun, wie sie uns nicht zu schwer fallen.

Sure Al Baqara erzählt in vielen Versen, dass Juden, Christen und Muslime gleichermaßen von Allah geliebt werden. Dass keiner sagen solle, die eigene Religion sei besser als die eines anderen. Es geht um das Große Ganze, nicht um Kleinigkeiten. Ja, wenn wir möchten, gibt uns Allah genaue Anweisungen, aber sie sind nicht besser oder schlechter als andere Anweisungen, nicht einmal besser als gar keine Anweisungen. Diese Freiheit wird uns manchmal von Schwestern und Brüdern abgesprochen, die wünschten, wir würden unerhebliche Details auf das Niveau wesentlicher Glaubenssätze erheben. Doch ist der Islam viel einfacher als Mancher glaubt.

 

Der Islam ist der Weg der Mitte, und zwar der Mitte in zwei Aspekten. Zum einen ist es der Weg der Mitte zwischen dem sehr orthopraktischen Weg der Juden, deren antiker Alltag geprägt war von strengen, nicht immer einsichtigen Regeln und dem andererseits vollkommen vergeistlichten Weg der Christen, die Regeln, außer den zehn Geboten, nur noch sehr geringen Wert beimessen. Das muslimisch angemessene Verhalten liegt also zwischen der besonderen Fokussierung auf externe Regeln und dem Aufgeben aller Regeln.

Zugleich ist der Islam die Religion der Mitte im Sinne einer Abkehr von jeder Härte. Dies stellt eines der Hauptthemen der Sure dar. Im Folgenden verlese ich eine Sammlung von Versen darüber, dass die Härte stets von uns genommen wird, wenn es um die Einhaltung von Regeln geht.

 

In Vers 185 lesen wir über das Fasten im Ramadan:

Darum, wer immer von euch diesen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten; aber wer krak ist oder auf einer Reise , soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet.

187

Es ist euch erlaubt, während der Nacht vor dem Fasten am Tag zu euren Ehefrauen einzugehe: sie sind wie ein Gewand für euch, und ihr seid wie ein Gewand für sie. Gott ist gewahr, dass ihr euch selbst dieses Rechts beraubt haben würdet, und so hat er sich euch in seiner Barmherzigkeit zugewandt und diese Härte von euch hinweggenommen.

178

Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt, gerechte Vergeltung ist für euch verordnet in Fällen der Tötung… Und wenn einem Schuldigen etwas von seiner Schuld erlassen wird, soll dieses Erlassen mit Fairness befolgt werden und die Entschädigung soll seinem Mitmenschen auf gefällige Weise geleistet werden. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und ein Akt seiner Gnade.

139

Sag zu den Juden und den Christen: Streitet ihr mit uns über Gott? Er ist doch unser Erhalter ebenso wie euer Erhalter – und uns werden unsere Taten angerechnet werden und euch eure Taten; und ihm allein widmen wir uns.

136

Sagt wir glauben an Gott und an das, was uns von droben erteilt worden ist, und das, was Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und ihren Nachkommen erteilt worde ist, und das, was Moses und Jesus gewährt worden ist, und das, was allen anderen Propheten von ihrem Erhalter gewährt worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnem und Ihm, also Gott, ergeben wir uns.

143

Und also haben wir gewollt, dass ihr eine Gemeinschaft des Mittelweges seid, auf dass ihr mit eurem Leben  Zeugnis für die Wahrheit vor aller Menschheit geben möget.

 

Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die sich Geschichten erzählt. Eine Gemeinschaft, die sich umeinander kümmert und sich umeinander bemüht, damit möglichst viele unserer Geschichten fröhliche Geschichten sind. Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die Andere akzeptiert und mit ihnen in einen freundlichen Dialog tritt, aus Interesse am Anderen und der eigenen Entwicklung des Denkens und Verstehens. Eine Gemeinschaft des Mittelweges verliert sich nicht in Details sondern weiß um das Große Ganze, beim Verrichten aller Tätigkeiten des Alltags und der Religion  und verliert dabei nie aus den Augen, was es bedeutet, Muslim zu sein – sich vor Gott zu verneigen, physisch und metaphysisch.

 

Die Sure Al Baqara endet mit den Versen 284 bis 286

Gott gehört alles, was in den Himmeln ist, und alles, was auf Erden ist. Und ob ihr offenlegt, was in eurem Geist ist, oder es verbert, Gott wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen; und dann wird er vergeben, wem er will. Und er wird strafen, wen er will; denn Gott hat die Macht, alles zu wollen.

Der Gesandte und die Gläubigen mit ihm glauben an das, was ihm von droben erteilt worden ist von seinem Erhalter. Sie alle glauben an Gott und seine Engel und seine Offenbarungen und seine Gesandten, ohne einen Unterschied zwische irgendeinem Seiner Gesandten zu machen und sie sagen: Wir haben gehört und wir geben acht. Gewähre uns deine Vergebung oh unser Erhalter, denn bei dir ist aller Reisen Ende!

286

Gott belastet keinen Menschen mit mehr, als er gut zu tragen vermag. Zu seinen Gunsten wird sein, was immer er Gutes tut, und gegen ihn, was immer Übles er tut.

Oh unsser Erhalter! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder unwissentlich Unrecht tun. Oh unser Erhalter, erlege uns nicht eine solche Last auf, wie du sie jenen auferlegt hast, die vor uns lebten. Oh unser Erhalter, lasse uns nicht Lasten tragen, die wir zu tragen keine Kraft haben. Und tilge du unsere Sünden, und gewähre uns Vergebung, und erteile uns deine Barmherzigkeit.

Im Gebet wenden wir uns nun zu Allah in Dankbarkeit und denken an die Worte: Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Dies ist auch ein Vorbild für uns im Umgang mit Anderen. Nicht mehr zu erwarten, als jemand frei und von sich aus anbieten kann, ist der Erwartung großer Leistungen vorzuziehen. Wenn wir uns ein Beispiel am Koran nehmen möchten, können wir es unseren Mitmenschen ein wenig leichter machen, indem wir unsere Erwartungen niedrig halten und dann all das wertschätzen, was uns von Herzen gegeben oder an uns herangetragen wird. Gnade, Barmherzigkeit, Vergebund und Erleichterung sind Beziehungswörter – Wörter der Beziehung zwischen Gott und den Menschen und Wörter der Beziehungen zwischen den Menschen untereinander. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung.

Marius Badstuber

Eine Khutba über das Wohnen?

Eine Khutba über das Wohnen?

Marius Badstuber
Marius Badstuber

Als ich vor nicht allzu langer Zeit mit meinem Partner am Fluss spazieren ging, war die Stimmung zwischen uns recht eisig. Um uns einander etwas näher zu bringen fragte ich ihn, worüber ich denn meine nächste Khutba halten könne. „Keine Ahnung“, antwortete er gelangweilt. Also schauten wir auf die Häuser entlang des Ufers, und ich schlug etwas scherzhaft vor, eine Khutba über das Wohnen zu schreiben, worauf er sagte, das sei ganz und gar keine gute Idee. Es würde Menschen nur stressen, weil sie vielleicht in ungüstigen Bedingungen wohnen, oder gar keinen angemessenen Wohnraum hätten.
„Gerade deshalb“, dachte ich mir, „wäre eine Khutba über das Wohnen nicht so uninteressant“. Das Wohnen in geschütztem Wohnraum ist zwar ein Menschenrecht, aber im deutschen Grundgesetz nicht als Recht auf eine Wohnung verankert, sondern lediglich, aber immerhin, als Recht auf ein Dach über dem Kopf in irgend einer Art Unterkunft. Das kann natürlich auch ein Mehrbettzimmer in einer Notunterkunft sein. Ich dachte darüber nach, dass Wohnraum mehr heißt, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Wohnraum ist ein geschützter Ort, an dem man ganz man selbst sein kann. Hier kann man singen, tanzen, komische Dinge tun, ohne dass es jemanden etwas anzugehen habe. Wohnraum ist auch der Ort, an dem man nach der Arbeit mit seinem Partner, seiner Partnerin, zusammenkommt, um sich auszuruhen und sich gegenseitig Geborgenheit und Sicherheit, Liebe, Freude und Mitgefühl zu schenken.

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُمْ مِنْ أَنْفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُمْ مَوَدَّةً وَرَحْمَةً ۚ إِنَّ فِي ذَٰلِكَ لَآيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُون

 

Und es gehört zu Seinen Zeichen, daß Er euch aus euch selbst Partnerwesen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.

Am Ende unseres Spaziergangs war die eisige Mauer zwischen mir und meinem Freund nicht verschwunden, sondern manifestierte sich als permanente Trennungsmauer. Er sagte mir, dass sich meine Wünsche nach einer festen Beziehung nicht erfüllen würden – und zwar weder jetzt noch in Zukunft. Ich ging nach Hause, verkroch mich unter der Bettdecke und wollte an nichts denken, am allerwenigsten an eine Khutba. Ich wusste überhaupt nichts mit mir oder der Welt anzufangen.

Doch schon am nächsten Tag regte sich ein kleines, fast unhörbares Stimmchen in meiner Brust. Es sprach: Sei du selbst. Und es flüsterte ganz leise: Du hast dich in der Partnerschaft vollkommen verloren. Erinnere dich an deine eigenen Wünsche und Ziele.
Die leise Stimme sagte auch, dass es eine wertvolle und vertraute gemeinsame Zeit war, die ich nicht als vergangen abtun sollte, sondern in mir wertvoll halten solle, als schönste der Erinnerungen. Und nicht zuletzt flüsterte die Stimme, dass dieses Geschehen vielleicht eine Sühne darstellt, für Schmerzen, die ich anderen unabsichtlich, oder gar absichtlich, zugefügt hatte. All diese kleinen Töne wollten gehört werden, und Beachtung finden. Und während ich an meinem heißen Tee nippte, forderten sie mich auf, ich selbst zu sein, sprachen von Freiheit und Freude an selbstgewählten Zielen. Leicht gesagt: Sei du selbst. Wer war das, ich selbst?

Eine Khutba musste geschrieben werden, und in meinem Kopf war ein unbändiges Durcheinander. „Wohnen“, beschloss ich, war ein fantastisches Thema für eine Khutba. Ein vollkommen emotionsloses, faktisches Thema über den Wohnraum des Propheten und seiner Frauen nach der Hidschra in Medina bot sich in diesem emotionsgeladenen Moment geradezu an, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und mein Leben zu meistern. Nun dann….

Wohnen
Als der Prophet Mohamed von Mekkah nach Medina zog, benötigte er Wohnraum für sich und seine Familie. Die immer zahlreicher werdenden Ehefrauen wollten untergebracht werden. So baute er eine Wohnanlage mit einem Innenhof, der eine Gebetsstelle enthielt und um den herum die kleinen Wohnräume seiner Gattinen lagen. Für ein wenig Privatsphäre sorgten lediglich ein paar Vorhänge, anstelle von Türen. Hier lebte Mohamed sein polygames Leben und wurde nach Möglichkeit jeder seiner Frauen gerecht, indem er reihum die Nacht mit ihnen verbrachte. Diesen Ehemann mit neun Frauen zu teilen, hieß, dass man sich auf jeden neunten Tag freuen dufte und auf die sich anschließende Nacht. Es war eines der größten Geschenke, den eigenen Tag an eine der anderen Frauen abzugeben. Sauda z.B., die Mohamed heiratete, als sie verwitwet und schon älter war, entschloss eines Tages, all ihre zukünftigen Tage an Aisha abzugeben, um dem Propheten etwas Gutes zu tun. Doch normalerweise achteten die Frauen eifersüchtig darauf, dass der Prophet ihren Tag in ihrem Wohnraum mit ihnen verbrachte. Ich bemerkte an dieser Stelle wie Ihr, dass ich mich von der Thematik des Wohnraums innerlich bereits entfernt hatte, um weit weniger die räumlichen Gegebenheiten zu betrachten, als das Leben der Gattinen des Propheten. Mein gedanklicher Weg führte mich in ihre Räume hinein, und so kam ich zu Hafsa, der Frau des Propheten und bat sie um ihre Freundschaft, die sie mir gewährte, als sie mir ihre Geschichte erzählte, die mich tröstete in meinem Schmerz, so wie zuvor Aishas Geschichte mich getröstet hatte, in meiner Eifersucht, und Khadijas Geschichte die meine Freude verstärkt hatte, in einer Zeit, als mein Leben besonders fröhlich war.
Hafsa, Tochter von Omar Ibn Al-Chattab und dessen erster Frau Zainab bint Ma’zun, war eine junge Frau unter 18, als sie Khunais heiratet. Dieser starb jedoch nach der Schlacht von Badr und ließ Hafsa im Alter von nicht mehr als 20 Jahren als Witwe zurück. Hafsas Vater Omar wollte sie erneut verheiraten, daher ging er zu Othman und fragte ihn, ob er Hafsa heiraten wolle. Othman war dafür bekannt, gerade eine Frau zu suchen, doch wandt er sich und sagte, er sei gerade nicht an einer Heirat interessiert. Omar ging nun zu Abu Bakr, um ihm dieselbe Frage zu stellen, doch dieser schwieg, was Omar veranlasste, sich beim Propheten über die beiden Sahaba zu beschweren. Doch kaum hatte er seinen Ärger kommuniziert, erfuhr er den Grund: Der Prophet selbst wollte Hafsa heiraten und sowohl Othman als auch Abu Bakr hatten davon gewusst, wollten es aber nicht preisgeben. So zog Hafsa in den Haushalt des Propheten Mohameds ein, und die Freude ihres Vaters war groß.
Hafsa, Ehefrau des Propheten Mohameds hat mir ihre Geschichten erzählt, damit ich die Stimmen in meiner Brust besser hören konnte. Denn ihre Stimmen sprachen ganz ähnliche Wörter wie meine.

Hafsa und Aisha – die Geschichte vom Fasten
Hafsa und Aisha hatten schon einige Zeit nicht mehr genug zu essen gehabt. Das war üblich im Hause des Propheten. Es musste mit sehr wenig ausgekommen werden. An etwa dem fünften Tag beschlossen Aisha und Hafsa nun auch noch, zu fasten. Als jedoch mitten am Tag ein Mann mit einer üppigen, schmackhaften Mahlzeit zu ihnen kam, konnten sie sich nicht zurückhalten. Sie brachen ihr Fasten und aßen davon, nur um gleich darauf zu bemerken, wie sie sich dafür schämten. Als der Prophet nach Hause kam, rannte Hafsa auf ihn zu und erzählte ihm sofort, was vorgefallen war, worauf Aisha sprach: Sie ist ihres Vaters Tochter.
Hafsas Vater Omar war nicht gerade für seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit bekannt. Als patriarchalische Führungspersönlichkeit hatte er wenig Neigung, sich zurückzuhalten, sondern tat seine Meinung gerne und lauthals kund. Zur Illustration: Als er eines Tages einen Streit mit seiner Frau hatte, schrie er sie an, doch zu seinem Entsetzen schrie sie schamlos zurück. „Du wagst es, mir laut zu widersprechen?“, schimpfte er. Da antwortete seine Frau: „Selbst die Frauen des Propheten tun das“.
Sofort vergaß Omar, dass er in einen Streit verwickelt war. Hafsa, seine Tochter, war eine dieser Frauen. Er lief zum Haus des Propheten, suchte seine Tochter auf, und fragte sie, ob dies wahr sei. Sie antwortete, ja es sei wahr, und manchmal sprechen wir den ganzen Tag lang nicht mit Mohamed.
Empört wies sie ihr Vater darauf hin, dass es schönere Frauen gäbe, die sich so etwas vielleicht leisten könnten, Frauen, die in der Gunst des Propheten höher standen. Aber Hafsa solle bitte gehorsam schweigen.
Es war dieser Charakter, den Aisha meinte, als sie Hafsa als Tochter ihres Vaters bezeichnete. Dabei bezog sie sich sicherlich nicht auf den Ärger, sondern die freimütige Äußerung dessen, was in ihrem Herzen wohnte.

Der Name Hafsa bedeutet „kleine Löwin“. Manchmal macht es Spaß, im „Urban Dictionary“ nach Informationen zu schauen – für den Namen Hafsa steht Folgendes. Mit Sicherheit speist es sich aus der eben gehörten Geschichte und einer weiteren, die ich gleich erzählen werde. Nicht ganz ernst nehmen bitte, was nun zunächst folgt. Das Urban Dictionary schreibt:
Hafsa ist ein arabischer Name. Er bedeutet Kleine Löwin. Menschen mit diesem Namen sind mutig und stark. Sie haben eine scharfe Intelligenz. Freundschaft bedeutet ihnen alles. Eigentlich sind sie freundich und höflich bis man sie ärgert oder verletzt. Sie kümmern sich nicht darum, was andere Leute über sie denken. Ihre Persönlichkeit ist manchmal recht verwirrend, was sie Aufmerksamkeit erregen lässt. Hafsas sind humorvoll und haben einen guten Geschmack, was die Mode betrifft. Außerdem sind sie normalerweise ziemlich attraktiv und hübsch. (eigene Übersetzung)
So viel zum Urban Dictionary.
Wie Aisha sagte: Hafsa war ein Kind ihres Vaters, und Aisha meinte genau dieses: Eine mutige starke Frau mit ihrer eigenen Meinung, die sie kundtat, auch wenn man sie bat, zu schweigen. Was hier noch fehlt ist ihre unerschrockene Ehrlichkeit bezüglich ihrer eigenen Handlungen und Gefühle. Als ich diese Geschichte von Hafsa hörte, bewunderte ich ihren Mut, sofort die Wahrheit zu sagen, ungeachtet jeglicher Konsequenzen. Die Stimme in mir wurde etwas lauter, sie flüsterte einen leisen Ton von Freiheit und Verlust – beides zugleich. Beides gab es auch in Hafsas Leben.

Die Geschichte von Hafsa und Mariah
Eines Tages, es war Hafsas Tag mit dem Propheten, bat sie ihren Mann, ihre Mutter besuchen zu dürfen. Warum sie ausgerechnet an jenem Tag gehen wollte, der doch ihr besonderer Tag mit dem Propheten war, wissen wir nicht. Jedenfalls ging sie fort, kam aber vorzeitig zurück, so dass sie unerwartet in ihr Wohnquartier eintrat. Dort traute sie kaum ihren Augen. Sie fand Mohamed, manche sagen, in einer wenig schönen Situation, mit Mariah Al-Qibtije, Mariah, der Koptin, die er vom Abessinischen Oberhaupt als Sklavin geschenkt bekommen hatte. Mariah war bei den Ehefrauen des Propheten nicht besonders beliebt. Man sagt sie sei jung und sehr schön gewesen, was die Eifersucht der Anderen erregt hätte.
Hafsa fand nun Mohamed und Mariah an ihrem Tag, in ihrem Raum, in dieser fragwürdigen Situation und machte ihrem Ärger Luft – laut und ungehalten. Solange, bis der Prophet keinen anderen Ausweg sah, sie zu beruhigen, als ihr zu versprechen, sich nie wieder mit Mariah in eine solche Situation zu begeben. Hafsa war zufrieden. Nun bat Mohamed Hafsa, dies alles niemandem zu erzählen und Hafsa versprach es ihm.
Dann ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles.

Natürlich ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles. Erstens war Aisha ihre engste Vertraute. Und zweitens hatte Hafsa einen Triumph zu feiern, der ihre hohe Position unter den Ehefrauen unter Beweis stellte. Was Aisha nicht geschafft hatte, nämlich Mariah aus dem Hause des Propheten zu verbannen, hatte nun Hafsa erreicht.
Doch war ihr Mut wohl zu weit gegangen, denn nun offenbarte Allah seinem geliebten Propheten die Sure 66, in der wir die Frage lesen, warum hast du, Mohamed, für Haram erklärt, was wir (Allah) für dich Halal gemacht haben. Dies wird sich auf Mariah beziehen. Mohamed wusste, dass Hafsa zu Aisha gegangen war, und ihr Versprechen gebrochen hatte. Er sprach die Scheidung aus. Wie wichtig das Private zwischen zwei Partnern ist, zeigt sich an dieser Stelle unmissverständlich. Die Scheidung folgt dem Bruch des Versprechens, dem Ausplaudern des Geheimen, dem, was die beiden Partner jenseits der Gesellschaft miteinander verbindet. Wir lernen hier etwas Essenzielles, das in unserer heutigen Gesellschaft meines Erachtens nach vollkommen vergessen wird. Nur durch die absolute Sicherheit, dass Vertrautes nicht nach außen getragen wird, kann Vertrauen entstehen. Vertrauen aber ist unerlässlich für jede Partnerschaft. Nur eine Ehe mit einer solchen absoluten Vertrautheit ist der Ort, an dem Mauwade wa Rahme tatsächlich wirksam werden. Diese Vertrautheit ist es vor allem Anderen, was eine Partnerschaft ausmacht und Li taskunuh ilaiha bedeutet genau dies. Hafsa erhielt ihre strenge Strafe für den Bruch des Vertrauens ihres Ehemannes.
Als diese Nachricht bei Omar ankam, war er entsetzt. Innerhalb weniger Stunden wusste ganz Medina, dass Hafsa von Mohamed geschieden war. Sie sagte ihrem Vater, dass Mohamed sehr wohl noch Gefühle für sie hatte, und es einen anderen Grund für die Scheidung gab. Und in der Tat, Mohamed harrte die reguläre Wartezeit von knapp drei Monaten aus, um sie dann zurück zur Frau zu nehmen. Er sagte, Jibreel habe ihn dazu veranlasst.

Hierin liegt meiner Meinung nach ein großer Trost für uns, wenn wir verlassen werden. Der Trost liegt darin, dass Hafsa zurückgenommen wurde. Auch wenn das bei uns nicht der Fall ist. Aber mit dieser Hoffnung zu leben wird uns helfen, über die erste Zeit der Trennung hinwegzukommen. Wir stellen uns zunächst vielleicht vor, dass alles wieder so werden wird, wie es war. Doch dann, ganz langsam, gewöhnen wir uns an die tatsächlichen Gegebenheiten und stellen nach und nach immer deutlicher fest, dass es nicht mehr so werden kann und auch nicht mehr so werden sollte. Stück für Stück, Tag für Tag, finden wir zu uns selbst zurück als Mensch außerhalb dieser Partnerschaft oder auch Freundschaft. Die Zeit des Hoffens auf eine Rückkehr hat den Zweck des emotionalen Überlebens, so lange die Trauer besonders groß ist. Zuerst sah ich Hafsa als eine Frau, die geschieden war, und dann wieder zurückging. Dann begann ich Hafsa als eine Frau zu sehen, die ungachtet aller Kosten, immer sie selbst geblieben ist. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn sie für immer vom Propheten getrennt geblieben wäre. Ihr emotionaler Impuls entsprach ihrer authentischen Art und Weise, ihre Erfahrungen zu bewerten und ihre eigene Würde zu verteidigen. Hafsa, die Ehefrau des Propheten, würde sich immer wieder entscheiden, ihre Meinung kundzutun, statt zu schweigen.
Hafsa lebte mit dem Propheten Mohamed bis er starb. Sie war es, die den Koran zweimal besaß – einmal in ihrem Herzen, und einmal in Form beschriebener Blätter. Sie war eine intelligente Frau, die lesen und schreiben konnte, eine Gelehrte, die betete und fastete. Hafsa wurde geschätzt und geehrt von ihrem Ehemann, den Sahaba und den Gläubigen, Männern und Frauen, bis heute.

Eine Frau, die so deutlich ausspricht, was gesagt werden muss, ohne Rücksicht auf Verluste, erinnert mich, dass mir meine kleinen Stimmchen nicht vorschlagen, ich selbst zu sein, sondern es von mir erwarten. Man selbst zu sein, ist Ikhlas – Aufrichtigkeit – und es fühlt sich gut an, auch wenn es nicht immer zu schönen Situationen führt. Die Vereinigung des Planes, auf der einen Seite, den Allah für uns ausgesucht hat, und die Verwirklichung unserer Vorstellungen auf der anderen Seite bringt besondere Freude. Natürlich können wir nie hundertprozentig wissen, was der Plan war. Aber wir haben doch einen deutlichen inneren Kompass, der uns sagt, was uns gut tut. Das ist wahrscheinlich das Richtige, und ich persönlich denke, es fühlt sich richtig an, und froh, weil es kongruent ist mit dem, was für uns ausgesucht wurde, weil es unsere Persönlichkeit integer und stimmig werden lässt. Andere Menschen – Menschen, die schöner, intelligenter, und besser waren als ich, hatten Dramen durchzustehen, die ihnen von Allah zugeteilt wurden und werden. Sie haben sie mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Es hat wenig Sinn, darum zu bitten, von solcherlei Schicksalsschlägen verschont zu werden. Das können wir allenfalls im Paradies erwarten. Aber lernen können wir immer. Und uns Trost suchen im Koran und in den Geschichten. Besonders vielleicht von den Personen aus dem Hause des Propheten Mohameds. Es lohnt sich ihre Freundschaft zu suchen.

michal-grosicki

Die Welt des Buches

Die Welt des Buches

 

michal-grosicki
michal-grosicki

In meinen Predigten rede ich oft von Lernen, nachdenken, lesen.

Wenn ich unterwegs bin in Straßenbahnen, S- und U-Bahnen freue ich mich immer, wenn ich während der Fahrt lesende Leute sehe. Auch wenn es manchmal nur banale Literatur ist, um die Wartezeit zu überbrücken.  Sie sind das Lesen gewöhnt und greifen dann auch zu Materialien, die zum Nachdenken anregen. Jemand, der nicht gern liest, der weiß nicht, was ihm da eigentlich entgeht. Ich spreche nicht von Comicheften, sie sind zwar interessant und fantasieanregend, aber das war es auch.

     Man kann sich total mit einem Buch entspannen, in eine andere Welt hineinschlüpfen, sich mit den Helden des Buches identifizieren, man wird so in einen Bann gezogen, dass noch lange nach dem Lesen die Gedanken über das Gelesene kreisen, man darüber nachdenkt. Man vergisst die Welt um sich und man wird mit ihnen verändert das geistige Niveau eines Menschen steigert sich enorm, denn es bleibt nicht beim Nur-Lesen, sondern man reflektiert, lernt Neues, denkt darüber nach, sein geistiger Horizont wird erweitert, man beginnt vielleicht zu forschen. Das Buch eröffnet vollkommen neue Dimensionen.

    So muss es auch vor mehr als 1000 Jahre, ungefähr seit Mitte des achten nachchristlichen Jahrhunderts, in den islamischen Ländern gewesen sein. Ich möchte einfach an diese Zeit des Lernens, des Übersetzens, der Wissenserweiterung erinnern. Vor allem, weil die Nachwelt, also auch heute, davon profitiert. Sie ist wichtig, weil dieses Wissens- und Forschungsmaterial auch die Grundlagen für unser heutiges Forschen und Wissen gibt.

      Schon innerhalb eines Jahrhunderts nach der Offenbarung hat sich eine hochentwickelte, bestens organisierte Buchbranche entwickelt. Und das nicht nur in den bedeutenden Zentren des Islam, ich denke, jede größere Stadt hatte ihre Moschee und eine Schule mit Bibliothek.

     Aber für ein gutes Buch braucht man nicht nur ein Manuskript. Mit dem Forschen entwickelte sich gleichzeitig eine regelrechte Buchproduktion. Es musste zuerst kopiert werden, also entstanden viele Schreib- und Kopierstuben, zudem wurden die Bücher oft noch illustriert. Die einzelnen Blätter mussten gebunden werden, sie bekamen kompliziert hergestellte Buchdeckel und schließlich mussten sie publiziert und verkauft werden. Alles zusammen eine mühsame Herstellung. Aber eins fehlt in der ganzen Darstellung: das Papier. Hunderte von Papiermühlen entstanden im 8. Jh. dank einer fernöstlichen Erfindung, die das benötigte Papier aus Lumpen herstellten.

      Dass nicht nur in den bedeutenden Städten Schreibstuben und die nachfolgenden handwerklichen Betriebe vorhanden waren, spricht dafür, dass in afrikanischen Zentren noch heute viele solcher Bücher zu finden sind. Sie sind heute besonders kostbar, denn sie offenbaren die hohe Kultur der damaligen Zeit, eine faszinierende bibliophile Kultur.

Vergleichsweise erst nach der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jh. begann im christlichen Europa allmählich die Buchproduktion und damit auch das Bibliothekswesen eine stärkere Rolle zu spielen. In der muslimischen Welt hingegen gab es damals im 8.Jh. bereits große Bibliotheken, die zum Teil Hunderttausende Bände enthielten. Das spanische Kalifat besaß etwa 70 öffentliche Bibliotheken. Und natürlich gab es auch viele höchst umfangreiche private Sammlungen. So soll ein Arzt von Sultan Salah Ad-Din im 12. Jh.  rund 10.000 Handschriften besessen haben. 

    Begonnen hatte alles mit dem „Haus der Weisheit“ in Bagdad, als dort eine Bibliothek eröffnet wurde, in der viele der hervorragendsten Wissenschaftler aus dem ganzen islamischen Reich arbeiteten, egal welcher Religion sie angehörten. Ich habe es schon oft erzählt, dass sie sich Bücher und Manuskripte der alten Griechen, der Inder besorgten, diese übersetzen ließen und sie überarbeiteten mit ihren eigenen neuen Erkenntnissen. Viele dieser Wissenschaftler besaßen selbst Schreibstuben, in denen die neuen Werke kopiert wurden. Diese Kopien wurden dann zu Vorlagen für neue Kopien, um den neu entstandenen Wissensdurst zu stillen.

     In speziellen Ausstellungen kann man heute noch Kalligrafien oder Illustrationen bewundern. Sie zeigen alle Facetten der damaligen Buchkunst. Die Produktion solcher bebilderten Bücher oder Korane konnten sich wegen der hohen Kosten fast nur die herrschaftlichen Manufakturen erlauben. Sie waren oft eine finanzielle Investition, dienten als Statussymbol und wurden als herrschaftliche Geschenke weitergereicht.

     Die Herstellung war sehr vielfältig. Sobald ein Förderer ein bestimmtes Projekt ausgewählt hat, kümmerte sich der Leiter einer Manufaktur für alle Arbeiten bis zum fertigen Produkt. Er entwarf die Seiten, entschied darüber, welche Teile des Textes bebildert wurde und wählte dafür bestimmte Schreiber und Künstler aus. Zuerst wurde ein bestimmtes Papier mit speziellen Zutaten ausgesucht, manches Papier wurde bei seiner Herstellung gleich eingefärbt, andere mit Goldpuder besprenkelt oder marmoriert. Man konnte sogar schon Papier mit Musterung herstellen oder ihre Oberfläche besonders weich und aufnahmefähig für Tinte machen. Die Schreiber bereiteten ihre Tinte und Schreibfedern selbst her und pressten Hilfslinien in das Papier, bevor sie den Text kopierten. Stellen für die Illustrationen ließen sie aus. Oft gab es mehrere Illustratoren an einem Werk. Der eine war für Porträts zuständig, ein anderer lieferte beste Schlachtenszenen, während ein dritter am besten Landschaftsminiaturen malen konnte, oder mehrere arbeiteten zusammen an einer Darstellung. Als Farbe benutzte man mineralische Quellen: Gold, Silber, gemahlene Lapislazuli für das königliche Blau, Malachit für Grün, Rubin für Zinnoberrot. Diese Pigmente wurden mit einem Trägermittel aus Eiklar oder Kleister, was es glänzend machte, nach dem 16. Jh. mit Gummi arabicum, auf das Papier aufgetragen. Nachdem die Bilder fertig waren, kamen Ausschmückungen des Textes hinzu, dazu gehörten Kapitelanfänge, bunte Rahmen oder Linierung. Dann wurde jedes Papier mit einem Stein poliert. Schließlich mussten die einzelnen Seiten vernäht und gebunden werden. Die Deckel wurden mit dem Rücken verbunden. Also ein Haufen Arbeit, bis so ein Buch fertig war, eben eine richtige Kostbarkeit schon damals, die natürlich nicht in eine öffentliche Bibliothek gehörte.

   In der ganzen muslimischen Welt waren öffentlich zugängliche Bibliotheken verbreitet. Es gab wohl keine Moschee oder Madrassa ohne eine Sammlung von Büchern, die den Lesern oder den Studenten zur Verfügung standen. In Bagdad gab es vor dem Mongolen-Einfall 36 öffentliche Bibliotheken und über 100 Buchhändler die meistenteils die Bücher selbst herstellten, indem sie Kopisten beschäftigten, die sie von Hand vervielfältigten. Ich habe noch nicht die öffentlichen Büchereien in Berlin gezählt, aber ich denke, für Bagdad waren das sehr viele.

    Der Kalif von Cordoba ließ durch Agenten im ganzen Orient nach neuen Büchern Ausschau halten. Der fatimitische Kalif Al-Asis in Kairo soll mit seiner Bibliothek die  schönste und umfangreichste von allen besessen haben mit 1 600 000 Bänden, allein davon 6500 mathematische und 18 000 philosophische Schriften. Der Ehrgeiz war natürlich groß, so dass die Hofbeamten nacheiferten, sicher um gut dazustehen.

     Der beste und originalste Nacheiferer war der Kaiser Friedrich II., er ließ sich auf seinen Reisen von seiner beachtlichen Bibliothek begleiten, natürlich stilgerecht auf Kamelrücken.

    Man kann sich gut vorstellen, dass diese umfangreichen Bibliotheken Armeen von Schreibern benötigten. Das heißt: Bildung war großgeschrieben, nicht nur, um die Bücher alle zu lesen, nein, man musste sie ja auch studieren, um dann anschließend darüber zu diskutieren, nachzudenken. Große Diskussionsrunden waren sehr beliebt und fanden öffentlich statt. Und jeder konnte mitreden, es gab keine Religionsschranken.

     Und heute? Alle, die anders denken als vorgegeben, werden kritisiert, ihnen den Mund verboten, schikaniert und mit der Hölle bedroht. Selbst ich als kleines Licht wurde schon in die Hölle gewünscht. Aber ich bin trotzdem noch hier.

    Aber wie erfuhr man, dass jemand wieder ein Manuskript fertig hatte? Es gab ja noch keine Büchermesse wie heute. In der Islamischen Zeitung habe ich gelesen: Der Ort der intellektuellen Aktivitäten war die Moschee so wie auch Vorstellung und Verbreitung neuer Studien. Man traf sich dort, um den Berichten der Wissenschaftler und Autoren zu lauschen, wenn sie die Ergebnisse ihrer Studien vorstellten. Der Autor erstellte zuerst aus seinen Aufzeichnungen ein Originalmanuskript, genannt Asl. Dann wurde das Buch vom Autor in der Moschee vorgetragen und die Kopisten konnten erst dann den Text niederschreiben. So war der übliche Vorgang: erst das Vortragen und dann kopieren. Die Themen waren breit gefächert: Literatur und Poesie, Geschichte, Biographien, Mathematik, Astronomie, Philosophie, Medizin, Reiseberichte.

   In der Kalligrafie setzte sich ab dem 10. Jh. eine neue Strömung durch. Die Kursivschrift wurde zwar schon in Alltagsgebrauch benutzt, nun erhielt sie eine Aufwertung. Von Ibn al-Bawwab ist ein auf das Jahr 1000 datierter Koran erhalten. Eine sorgfältige Kursivschrift wechselte sich harmonisch mitkostbaren Illuminationen ab. Die Krursivschrift erlaubte kleinere Ausführungen der Buchstaben und konnte schneller geschrieben werden. So wurden die Bücher auch kleiner, schneller und billiger und größere Mengen.konnten produziert werden.

     Viele Muslime vermachten nach ihrem Tod ihre ganze Bibliothek ihrer Moschee als Stiftung. So entstand zur Moschee gehörend oft eine riesige Bibliothek, in der dann auch studiert wurde. Große Bibliotheken und Lehranstalten wie die von Cordoba oder Toledo zogen auch viele Christen an, die in diesen Einrichtungen studierten.

     Man konnte sich auch Bücher ausleihen, was wie heute auch ordentlich geregelt war: Sorgsames Umgehen, keine Anmerkungen oder Korrekturen hineinschreiben, eventuelle Schreibfehler dem Bibliothekar melden und zu einem bestimmten Zeitpunkt das geliehene Material zurückgeben.

    Die meisten der islamischen oder in Arabisch geschriebenen Texte wurden leider nach der Eroberung durch die Christen vernichtet oder einfach geraubt. Oder man entfernte einfach den Namen des Autors, so dass man später nicht mehr wusste, wer für das Werk geforscht hatte. So war es auch in Bagdad. Alles Verschriftlichte wurde durch die Mongoleneinfälle vernichtet. Welch ein gro0er Verlust. Umso wertvoller sind die erhalten gebliebenen Dokumente der Bibliothek der Universität von Kairouan in Tunesien. Sie geht bis in die aghlabidische Zeit zurück und verfügt über eine besonders große Zahl sehr früher Dokumente, die auf Pergament geschrieben wurden. Sie ist heute die größte Pergamentsammlung der Welt.

    Aber auch noch heute findet man in den muslimischen Ländern, meistens in afrikanischen Ländern, Stände von Buchhändlern oder Privatpersonen, die über sehr alte Korane oder andere Werke verfügen.

      Ich wollte euch heute mal ein bisschen Einblick in das kulturelle Leben und Wirken vor rund 1000 Jahren geben.

    Eine Buchvorstellung muss sehr interessant gewesen sein. Ich kann mir das lebhaft vorstellen: Der Autor trägt seine Erforschung zum Beispiel in Philosophie vor. Vielleicht sind die Zuhörer zuerst erstaunt oder entrüstet? Fragen werden gestellt, es entsteht eine rege und vielleicht lebhafte Diskussion, ein Hin und Her von Meinungen, ein Streitgespräch. Jeder will zu Wort kommen. Erst wenn seine Arbeit anerkannt wird, kann er hoffen, dass sie auch als Buch angenommen wird.

   Manche Bücher haben bis heute überlebt, die auch in vielen Sprachen Eingang gefunden haben, so auch ins Deutsche. Erinnert euch an mein kurzes Vortragen der Erlebnisse von Ibn Dschubair aus seinem „Tagebuch eines Mekkapilgers“, aus dem 12. Jh., bekannt sind altarabischen Fabeln, das biografische Lexikon von Ibn Challikan, oder  Teile einer Kosmografie von Al-Qazwini: „Die Wunder des Himmels und der Erde“ oder die „Alltagsnotizen eines ägyptischen Bürgers“ von Ibn Iyas, der große ägyptische Ereignisse seiner Zeit und viele Episoden aus dem Alltagsleben in Kairo Anfang des 16. Jh. aufschrieb. Sie alle geben uns Kenntnis vom Leben der damaligen Menschen.

     Ich möchte jetzt einen Sprung in die heutige Zeit machen, nach Malaysia. Im ganzen Land stehen beachtliche, wirkungsmächtige Moscheebauten, ich habe sie wirklich bewundert, ein ganzer Komplex Moschee, Bibliothek, viele Räume für Unterricht und Versammlungen aller Art und Feiern. Leider war meine Gruppe in Kulua Lumpur nicht im Museum für Islamische Kunst. Aber ich habe in der Islamischen Zeitung jetzt darüber gelesen. Dort steht: ‚In zwölf Galerien werden Modelle von weltbekannten Moscheen, wunderschöne antike Koranexemplare, ­Keramiken mit islamischer Kalligrafie, Stoffe, Schmuck und vieles andere ausgestellt. Besonders beeindruckend ist die Sammlung der antiken Koran­exemplare aus verschiedenen Teilen der islamischen Welt, von Spanien, Nord-und Westafrika, über das Persische Reich bis nach China, Malaysia, und Indonesien. Der Besucher ist verwundert über die Schönheit, die Verzierungen und die die Seele berührenden Geheimnisse der beschriebenen Seiten. Einige der Manuskripte sind auf das 7. und 8. Jahrhundert nach Christus datiert. Das bedeutet, es sind einige der ersten Manuskripte mit Versen aus dem Qur’an. Diese Manuskripte zu sehen berührt das Herz enorm, denn es ist ein klarer und greifbarer Beweis für die historischen Wurzeln der islamischen Zivilisation. Die handgeschriebenen und verzierten Seiten stellen eine ganz klare Verbindung zu den Muslimen der früheren Generationen her und ihre Liebe und Hingabe zum Islam dringt zu dem Besucher und umwebt sein Herz.‘

       Mit dem Wissen über das Leben der Muslime vor etlichen Jahrhunderten können wir sie vielleicht besser verstehen, das Geschehen dieser Zeit besser beurteilen. Und sie letztendlich bewundern, weil sie das Fundament einer Kultur geschaffen haben, auf dem wir heute aufbauen.

 

     

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jeremy Thomas

Sure Al Asr – Trost zu Zeiten des Verlustes

Sure Al Asr – Trost zu Zeiten des Verlustes

Jeremy Thomas
Jeremy Thomas

Al Asr auf Arabisch und Deutsch rezitieren.

Vor einiger Zeit offenbarte sich mir die Sure AlAsr in ihrer unendlichen Schönheit. Warum sage ich, sie offenbarte sich mir, wenn sie längst dem Propheten Mohamed offenbart wurde? Was ich damit meine ist, dass ich sie zum hundertsten Mal las, als sie sich plötzlich veränderte. Genauer gesagt, ich hörte sie gesprochen von einer Frau, und das Hören hat immer einen anderen Effekt als das Lesen. Sie wurde für mich bedeutsam und klar. Man könnte auch sagen, sie erschloss sich mir, doch das sieht irgendwie so aus, als hätte ich ihre wahre Bedeutung erkannt, während ich eigentlich eher glaube, sie hat für mich eine ihrer vielen Bedeutungen entfaltet. Wer das Spiel SchnippSchnapp kennt, kann sich vorstellen, was ich damit meine. Da faltet man ein quadratisches Papier so und so, wurstelt dann Daumen und Zeigefinger in die Falten, um das Ganze dann hin und her zu öffnen und zu schließen. In die Falten schreibt man Zahlen, die das Gegenüber dann aussuchen darf, und hinter jeder Zahl verbirgt sich ein mehr oder minder geistreicher Satz, z.B. „Du bist ein Huhn“. So hat sich mir die Sure Al Asr entfaltet, aber eben nur der Teil, den ich in diesem Moment meines Lebens gerade begreifen kann. So ist es immer mit allen Ayat, also Zeichen, oder Versen, des Korans. Gott allein kennt die ganze Wahrheit. Eine Offenbarung ist es, weil mir etwas Göttliches gezeigt wurde, was ich zuvor nicht bewusst wahrgenommen hatte, und das ist der Trost, den diese Sure bietet und die Hoffnung auf die sie verweist, indem Gott sagt: „Ich weiß“.

In den deutschen Übersetzungen wird schon der Titel recht unterschiedlich wiedergegeben. Manche übersetzen ihn mit „Der Nachmittag“, andere mit der ebenso alltagsgeläufigen Übersetzung „Das Zeitalter“. Im Leo Online Wörterbuch finden wir auch „die Ära, die Periode“ und als Verb „auspressen, wringen, entsaften“. Alle Übersetzungen haben gemeinsam, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der vergänglich ist. Eine Art vertrocknen der Zeit, ein Auswringen des Lebens. Eine Art Frist.

Den Titel AlAsr lese ich mit Ehrfurcht, denn die Menschheit hat von Allah in der Tat eine Frist bekommen, als Ganze und jeder Einzelne, während der sie die Erde beleben darf und gehalten ist, sich um sie zu kümmern. Auch die Planeten haben eine Frist erhalten. Wir lesen (13:2) Gott ist es, der die Himmel erhoben hat, ohne irgendwelche Stützen, die ihr sehen könntet und der auf dem Thron seiner Allmächtigkeit sitzt. Und er ist es, der die Sonne und den Mond seinen Gesetzen dienstbar gemacht hat. Jedes seine Bahn für eine von Allah gesetzte Frist ziehend. Er lenkt alles, was existiert.

(11:6) Und es gibt kein lebendes Geschöpf auf Erden, das für seine Versorgung nicht von Gott abhängt; und Er kennt seine Zeitfrist auf Erden und seine Ruhestatt nach dem Tod. All dies ist in Seiner klaren Bestimmung niedergelegt. (16:61)Wenn nun Gott die Menschen unmittelbar für all das Übel, was sie auf Erden tun, zur Rechenschaft ziehen würde: Er würde nicht ein einziges lebendes Geschöpf auf ihrer Oberfläche übriglassen. Doch er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer von ihm gesetzten Frist.

Das Wort Frist bedeutet etwas Endliches, Vergängliches. Es ist dem Wort Asr inhaltlich nah verwandt. Möglicherweise befindet sich die Menschheit in Bezug auf diese Frist bereits am Nachmittag. Fi’l Asr. Al Asr bedeutet also „Der Nachmittag“, es bedeutet „das Zeitalter“ und es ist der Name des Gebets, welches wir am Nachmittag ausführen, wenn wir uns nach der Arbeit ausgewrungen und müde fühlen. Miteinander verbunden sind alle Übersetzungen durch ein Gefühl, das sie in sich tragen, welches ich auch mitVergänglichkeit beschreibe, mit dem Zur-Neige-Gehen eines Zeitraumes, an den sich ein anderer anschließt. Nach der Steinzeit kommt die Eisenzeit. Nach den Dinosauriern kommt die Menschenzeit. Nach den Menschen…

Ehrfürchtig lese ich Al Asr auch im Gedanken an meine eigene Zeit auf der Erde. Mein Zenit ist längst überschritten, auch ich befinde mich am Nachmittag meines Lebens. Es ist ein schöner Zeitpunkt. Der Frühherbst ist schon überschritten und meine Blätter beginnen, sich bunt zu färben. In vielfältiger Farbenpracht strahlen sie mein inneres hinaus in die Welt, und ich fühle mich an manchen Tagen bunt und golden, doch hin und wieder holt mich die Melancholie ein und ein dunkler Ton der Trauer legt sich über mein Herz, ob all der Dinge, die ich im Leben hätte tun wollen. Vielleicht habe ich klein gelebt. Freundlich, liebevoll, meinen Zweck stets erfüllend, aber alles in allem recht klein. Wayne Dyer bezeichnet den Nachmittag unseres Lebens als die Zeit in der alles bedeutsam wird. Ich gebe ihm Recht. Während wir am Mittag unseres Lebens sehr damit beschäftigt sind, unser Leben aufzubauen und für unser finanzielles Auskommen zu sorgen, unsere Kinder zu bekommen und großzuziehen, unsere Beziehungen aufzubauen, ist der Nachmittag von anderen Aspekten geprägt, insbesondere von der Suche nach der Bedeutung und von der Suche nach einer spirituellen Einheit mit der Schöpfung. Sure Al Asr hat mich gefunden, in dieser Zeit der Ehrfurcht vor der Endlichkeit allen Seins und zugleich der Freude an dessen Unendlichkeit, denn alles was vergeht bleibt erhalten, wandelt nur die Form, war auch zuvor schon irgendwie da, nahm einen Körper an, und wird später wieder zu Erde und noch später zu Staub, um sich dann vielleicht im Ganzen des Universums aufzulösen. Was Körper ist, was Geist, was sich auflöst und was bleibt, darüber können wir nur spekulieren. Die von Gott offenbarten Worte, niedergeschrieben im Koran, erfüllen uns mit Zuversicht.

Wa alasr. Inna al insan lafi khusr. Bei der Endlichkeit der Zeit. Wahrlich die Menschheit ist in großem Verlust.

Bewegend ist an dieser Sure neben ihrem Inhalt ihre Tonalität. Durch die Auswahl ihrer Laute erreicht sie eine beeindruckende Einigkeit zwischen Stimmung und Inhalt. Die Hauptvokale a und u verbreiten eine bedachte Ruhe. Das s in Asr ist ein dunkles s. Gefolgt vom r entsteht ein Wort ohne viel Aufwand. Asr – es ist kaum mehr als ein Flüstern. Noch ruhiger und minimalistischer ist Khusr. Das u ist kaum ein Laut, das s und das folgende r sind zu müde, sich zu öffen. Um Khusr auszusprechen, braucht man kaum seinen Mund zu bewegen. Man kann es nicht rufen, schon gar nicht schreien; es sagt sich leise und voller Empathie. Leiser geht ein Wort nicht zu sagen. Allah zeigt uns seine Zuneigung und Gnade in diesem Wort des Trostes. Denn der Satz inna al insan lafi khusr beweist, dass Allah sehr wohl weiß und anerkennt, dass wir unter unseren Verlusten leiden. Doch will Allah trösten. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen, heißt, das Leid des anderen wahrzunehmen, um dann Zuversicht zu bieten. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Wie alles andere, so ist auch der Schmerz vergänglich.

Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Ist das denn so? Als Kind des kritischen Umgangs mit Literatur frage ich mich natürlich nach dem Wahrheitsgehalt dessen, was mir da als faktisch zu lesen gegeben wird. Wahrlich, die Menschheit ist in großem Verlust. – Ja, das kann ich bestätigen. Wir können unser ganzes Leben als einen einzigen Verlust deuten, wenn wir es so wollten, doch das wäre ungesund, denn das halb leere Glas ist immer zugleich halb voll. Aber selbstverständlich gibt es Zeiten, in denen uns ein Verlust aus der Bahn wirft. Jeder kennt das, ohne dass ich Beispiele dafür benennen muss. Aber dann folgt: „außer jenen, die glauben und Gutes tun und andere darin bestärken, das Richtige zu tun und Geduld zu haben“.

Der Prophet Ayoub (Hiob) ist beispielhaft für das Erleben von Verlusten. Doch wenn wir glauben und gute Werke tun geschieht etwas ganz Eigenartiges: Wir schaffen Hoffnung. – Gutes zu tun, anderen zu helfen, sie zu unterstützen, ihnen zuzuhören, schafft Hoffnung. Es ist ganz einfach: Wenn wir Hoffnung geben, bedeutet das: Es gibt Menschen, die Hoffnung geben, Menschen die helfen, die unterstützen. Damit können wir auch selbst hoffen, dass in Zeiten von Not oder Verlust auch unseren Liebsten oder vielleicht uns selbst in der Not geholfen wird. Auch dann wird es jemanden geben, der gerne die eigene Hilfe anbietet. Hoffnung ist das Gegenteil von Verlust. Denn Hoffnung ist die Vorstellung, dass es später besser wird, dass das Gefühl des Verlusts vergeht. In dieser Vorstellung liegt die Überwindung des Verlusts. Die Hoffnung ist eine Vorstellung und jede Vorstellung ist eine mentale Realität. Indem sie eine mentale Realität ist, reagiert unser Körper auf die Hoffnung in einer Weise, die uns aus dem Gefühl der Trauer austreten lässt und uns stabilisiert. Das Gefühl der Hoffnung manifestiert sich in unserer Vorstellung als Bild eines gesunden und glücklichen Ichs in einer gesunden und glücklichen Gemeinschaft. Vorstellungen streben, wenn wir es zulassen, zu ihrer realen Umsetzung. So erleben wir den Verlust zwar immernoch als schmerzlich, doch verliert er durch das Gegenbild der Hoffnung seine absolute Zerstörungskraft unserer Seele. Wir fallen in dasselbe Loch wie alle anderen, doch fallen wir nicht so hart, denn in diesem Loch gibt es ein stark gewobenes Netz, das uns auffängt. Diese Hoffnung ist Amal, und zugleich Iman. Hoffnung und zugleich Glaube. Wir drehen unser Gesicht zum Ausgang und sehen das warme Licht der Sonne, während wir uns daran erinnern, dass wir geliebt werden und uns daran erinnern, wie reichhaltig wir versorgt sind. Die Hoffnung beinhaltet die Dankbarkeit für das, was wir haben und bewegt die Waage, Lateinisch Libra, die durch den Verlust in eine schiefe Lage gebracht wurde, wieder in Richtung ihres Equilibriums. Diejenigen, die an Allah glauben, an seine Gnade und Barmherzigkeit, die Gutes tun, verbreiten Hoffnung und schaffen damit Hoffnung für sich selbst. Diejenigen, die andere erinnern, nach gutem Recht zu handeln und geduldig zu sein, verbreiten Stabilität und Würde und schaffen damit einen sinnvollen Überlebensmodus für Momente des Verlusts, für sich selbst, und andere.

Und woran sollen wir uns gegenseitig erinnern? Daran, das Rechte zu tun und geduldig zu sein. Menschen, die unserer Moschee nicht angehören, meinen vielleicht, Rechtschaffenheit würde in einer liberalen Moschee möglicherweise missverstanden. Doch bei aller kritischen Auseinandersetzung mit der wörtlichen Auslegung des Korans gibt es doch eindeutige Anweisungen, denen wir alle zustimmen, wenn wir Muslime sind. Sie bilden den Kern unserer Religion. Daran erinnern wir uns gegenseitig nicht mit dem erhobenem Zeigefinger, sondern durch unser gelebtes Beispiel.

Der erste Teil dessen, worin wir einig sind, ist die Einzigkeit und Einzigartigkeit Gottes, wie auch immer sich jede und jeder Einzelne Allah vorstellt. Sei es als Energie, die alles umfasst und alles durchdringt und die im Äußeren, wie im Inneren unserer Selbst wirkt, sei es in einer anderen Art der Gestalt. Es gibt keinen Gott außer Gott. Wir sind uns einig, dass Mohammed Allahs liebender und warmherziger Prophet war, der uns den Koran anhand seiner eigenen Handlungen erklärt.  Als mitfühlender, sich stets selbst zurücknehmender Mensch, verkörpert er ein hohes Ideal, ohne je zu erwarten, dass wir uns selbst so anstrengen wie er. Wir sind uns einig, dass unser Körper und unsere Seele so wie die unserer Mitmenschen wertvoll sind und wir sie schützen sollen, so wie wir aus Verantwortung für die Schöpfung stets nach unseren Mitteln friedfertig denken und handeln. Dazu gehört das Konzept von Saddaqa – also das ständige Abgeben unseres Eigentums oder Wohlstands an Bedürftige. Es ist eines der absoluten, jeder Hinterfragung oder Kritik widerstehenden Kernkonzepte des Islam – neben der Einzigkeit Gottes DAS Kernkonzept schlechthin.  Zu den Kernkonzepten des Islam gehört Gottes Barmherzigkeit, und der Aufschub, den sie uns gewährt – die Frist, die wir haben, um hier Gutes zu tun. Wir werden gebeten, uns gegenseitig daran zu erinnern. Wa tawassou bil haqq wa tawassou bil sabr.

Die Vergänglichkeit, die ich mit der Sure Al Asr in Verbindung bringe, ist auch Thema weltlicher literarischer Auseinandersetzungen. Eines meiner Lieblingsgedichte über die Vergänglichkeit schrieb Emily Dickinson. Es heißt This Quiet Dust – dieser geräuschlose Staub.  Ich stelle mir die Dichterin vor, wie sie gedankenverloren durch ein großes, altes Sommerhaus geht und im Licht der späten Sonnenstrahlen die Staubpartikel in der Luft betrachtet, auf den Stühlen, den Tischen, den Schränken und dabei das Summen der Bienen und Hummeln wie von weither zu ihr hereindringt. Sie schreibt sinngemäß: Dieser stille Staub war Männer und Frauen und Jungen und Mädchen, war Lachen und Können und Seufzen, und Röcke mit Rüschen. Dieser still daliegende Ort war einst ein Haus behändten Sommers, wo Blumen und Bienen ihren Lebenszyklus froh verbrachten, und es verging, wie diese.

This quiet dust

This quiet dust was gentlemen and ladies
And lads and girls;
Was laughter and ability and sighing,
And frocks and curls;

This passive place a summer’s nimble mansion,
Where bloom and bees
Fulfilled their oriental circuit,
Then ceased like these.

Wie Al Asr spendet auch dieses Gedicht Trost; denn in dieses Sommerhaus kommt jemand, der den Staub sieht und weiß, was er einmal war. Wir vergehen und bleiben zugleich für immer erhalten.

Als ich mich mit AlAsr befasste, fand ich, die Sure gehört eng zusammen mit  93 und 94 und 108, Al Duha, Al Scharh und AlKawthar. Die hellen Morgenstunden, Das Öffnen des Herzens und Die Fülle. Manche von ihnen werden als Trostsuren bezeichnet.

Zum Abschluss möchte ich Sure 93 und 94 rezitieren.

Sure 93, AlDuha

„Betrachte die hellen Morgenstunden und die Nacht wenn sie still und finster wird. Dein Erhalter hat dich nicht verlassen, noch verachtet er dich. Denn fürwahr, das kommende Leben wird besser für dich sein als dieser frühere Teil. Und fürwahr, beizeiten wird dein Erhalter dir gewähren was dein Herz begehrt und du wirst wohlzufrieden sein. Hat er dich nicht als Waise gefunden und dir Schutz gegeben? Und dich auf deinem Weg verirrt gefunden und dich auf einen guten Weg gebracht? Und dich in Bedürftigkeit gefunden und dir Genüge gegeben?

Deshalb sollst du der Waise niemals Unrecht tun. Und den, der deine Hilfe sucht, sollst du niemals schelten. Und von den Segnungen deines Erhalters sollst du immer sprechen.“

Sure 94 Asch-Scharh

Haben wir nicht dein Herz geöffnet und von dir die Last genommen, die so schwer auf deinem Rücken lastete? Und haben wir nicht dich an Würde erhöht? Und siehe, mit jeder Härte kommt Erleichterung. Wahrlich. Mit jeder Härte kommt Erleichterung. Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe Standhaft. Und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter.

Wa AlAsr – ina al Insan lafi khusr

Ila alladhina aminu wa amilu as-salihati

wa tawassou bil haqq, wa tawassou bil sabr.

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Samara Doole

Wasser

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Ihm, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.
Das, worüber ich heute sprechen möchte, ist Nahrungsmittel, Lebensraum, Verkehrsweg, Energiequelle, Kraft und Baumeister zugleich. Ich spreche von

Wasser

 

Samara Doole
Samara Doole

Wasser ist all das und es ist kein Wunder, dass das Wasser nicht nur im Islam eine sehr hohe Stellung einnimmt, sondern eigentlich in fast allen Weltreligionen. Es steht für das Ursymbol des Lebens, ein Geschenk der Götter oder des Einen Gottes. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen, Dürre und Hochwasser, also ein zu wenig und zu viel.
Im hinduistischen Glauben ist Wasser unsterblich, denn es transportiert die Seelen der Toten zum Sitz des ewigen Lebens. Ein Bad im heiligen Wasser, dem Ganges, spült alle Sünden des Gläubigen hinweg. Aus dem Grund wird auch die Asche des Verstorbenen in den Fluss gestreut, in dem dessen Seele zum Ort der Erlösung gelangt.
Ebenfalls ist in der buddhistischen Lehre das Wasser Sinnbild für den Strom des Lebens, in dem die Seele der Erlösung entgegenfließt.
In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments war die ganze Erde von Wasser bedeckt, dann trennte Gott das Wasser und Land und schuf das Meer und die Erde. So zieht sich durch das gesamte alte und neue Testament das Bild des Wassers als Ursprung des Lebens. Im Judentum tauchte man sich vollständig im Wasser unter, um rituell gereinigt zu sein, während im Christentum ein kleiner Wasserguss reicht.
Da, wo die drei abrahamischen Religionen entstanden, in den Wüsten- und Trockenzonen Arabiens war man sich der ungeheuren Wichtigkeit des Wassers und seinen Konsequenzen sehr bewusst. Schon seit Urzeiten bedeutete dort Wasser Leben für die Viehzüchter wie für die Ackerbauern. Wasser war also schon immer ein Grund für Besorgtheit, denn Wasser verkörpert eine gesunde Tier- und Pflanzenwelt, also Nahrung.
Wasser hatte Einfluss auf das Miteinanderleben, auf Umgangsformen der Bewohner. Jeder Wüstenbewohner war angewiesen auf Gastlichkeit, denn jeder kann in die Lage versetzt werden, einmal das Wasser selbst seines ärgsten Feindes in Anspruch nehmen zu müssen. Da ist es nicht verwunderlich, dass schon im Islam beizeiten das Anrecht auf Wasser als ein Menschenrecht festgelegt wurde. Das können wir in einem Hadith im Sahih Muslim Nr. 157 nachlesen: ‚Abu Huraira, (Allahs Wohlgefallen auf ihn) berichtete, dass der Gesandte Allahs (Allahs Frieden und Segen auf ihm) sagte: ‚Drei werden von Allah am Tage der Auferstehung nicht angesprochen, nicht angeschaut und nicht geläutert. Und diese haben eine schwere Strafe zu erwarten: Ein Mann, der sich in der Wüste befindet und Überschuss an Wasser hat, sich aber weigert, einem Reisenden davon utrinken zu lassen.‘
Wasser spielte darum auch eine große Rolle in der arabischen Literatur und Poesie, ja sogar in der Architektur.
Neben dem Wasser zur menschlichen und tierischen Versorgung brauchte man es auch zur rituellen Reinigung. Darum verpflichtet der Islam, wie die anderen Religionen, die auf dem Boden der arabischen Wüste entstanden waren, die Menschen, alles Mögliche für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserreserven zu tun. Darum ist das Thema Wasser und seine Bewahrung und Nutzung von großer Wichtigkeit, mehr noch: der verantwortliche Umgang mit sauberem Wasser ist ein Schöpfungsauftrag, ein Auftrag von Gott, als Er den Menschen als Seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt hatte.
Für sie gab es Gewissheit, dass das Wasser göttlichen Ursprung war. Und so lesen wir auch an vielen Stellen im Koran über die herausragende Stellung des Wassers für die Erde mit ihren Pflanzen und Lebewesen und auch für die Vorstellung des Paradieses. Als ich in Granada die Alhambra besuchte, stellte ich mir dieses Bild, was ich da sah als ein Sinnbild des Paradieses auf Erden vor. Auch ihre Erbauer sahen das Wasser auf eine hohe Stufe, vergleichsweise wie das Wasser im Paradies.
Wasser ist das Abbild für das Reine im Allgemeine und im Speziellen, wie in der Religion: Waschungen mit reinem Wasser dient der inneren und äußeren Reinigung und gilt für jeden Gläubigen als Teil des Gebetes, eine der 5 Säulen des Islam.
Wasser ist für alle Lebewesen das wichtigste Element, ohne eine genügende Wasserversorgung würde zum Beispiel der Mensch innerhalb weniger Tage sterben.
Besser gesagt: vom Wasser hängt alles Leben ab. Und das sagt auch der Koran in Sure 21:30 aus: „Und Wir haben aus dem Wasser alles Lebendige gemacht.“ Dieser kurze Vers weist auf die Existenz Gottes hin, auf Seine Macht und Einzigartigkeit. Und damit fordert Gott uns zum Nachzudenken auf. Er liefert uns den Regen, also das Wasser, aber Er könnte uns es auch vorenthalten, nur Er hat die Macht darüber. Das beweist auch die Sure 27:60: „Nein – wer ist es, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und für euch lebengebendes Wasser vom Himmel herabsendet? Denn dadurch lassen Wir Gärten von leuchtender Schönheit wachsen- während es nicht in eurer Macht ist, (auch nur einen einzigen) ihrer Bäume wachsen zu lassen! Könnte es eine göttliche Macht neben Gott geben? Nein, sie (die so denken) sind Leute, die (vom Pfad der Vernunft) abweichen. Gott weist uns darauf hin, wer das Universum mit all seiner Ordnung, Schönheit und Herrlichkeit geschaffen hat, nicht irgendeiner neben Ihm, sondern nur Er allein.
Und mit dieser Realität, die niemand leugnen kann, hat Er das nötige Mittel, damit überhaupt Leben auf Seine geschaffene Erde existieren kann, das Wasser, uns und den Pflanzen und Tieren gegeben. Denn wenn Er sagt: ‚für euch‘ bedeutet das für alle Menschen. Wasser darf kein Eigentum sein, es ist für alle da und muss zugänglich für jeden gemacht werden. Gleichzeitig weist Er nochmals darauf hin, dass nur Er die Macht hat, Leben zu geben und wachsen zu lassen.

Wasser ist in seiner Reinheit eine Gnade von Gott und wir als Seine Stellvertreter sind aufgerufen, nein, besser noch verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, hängt doch von seiner Reinheit alles Leben ab. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus? Über Jahrhunderte wurde es immer mehr kontaminiert. Durch Abwässer, Müll und Abfall wurde es in den Städten seit dem Mittelalter verseucht, später kam der Abfall der Industrie hinzu, heute sind es giftige Chemikalien und Plastik, das dem Wasser arg zusetzt. Selbst das Regenwasser, das eigentlich das sauberste Wasser sein sollte, ist durch Luftverschmutzung verunreinigt. Und davon trinken die Menschen und Tiere.
Selbst die Feuchtigkeit der Ackerböden ist nicht mehr rein, so dass die Pflanzen das Unreine speichern und wir dann dieses Gift mit der Nahrung verzehren. Auf der ganzen Erde sind die Flüsse, Meere und Seen keine brauchbaren Nahrungsquellen mehr, für viele Millionen Menschen gibt es keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und das verschmutzte Wasser ist verantwortlich für die Verbreitung von gefährlichen Krankheiten.
Gott betont, dass Er diese Verderbnis nicht liebt, das heißt, nicht das Verderbnis als Ergebnis, sondern diese Menschen, die unachtsam und ohne Bedacht mit Gottes Gut umgehen. Er sagt in Sure al-Baqara, Vers 205: „Aber immer, wenn er (dieser Mensch) obsiegt, geht er auf der Erde umher und verbreitet Verderbnis und vernichtet Ackerland und Nachkommenschaft. Und Gott liebt nicht Verderbnis.“
Auf Wasser ist unser ganzes, tägliche Leben ausgerichtet, nicht nur zum Trinken, sondern als Grundlage für unsere Nahrung. Das stellt Gott in Sure:80 (Al-Abara. Er runzelte die Stirn), Verse 24-32: „So soll der Mensch (die Ursprünge) seiner Nahrung betrachten: (wie es kommt), dass Wir Wasser herabgießen ,es in Fülle herabgießend, und dann spalten Wir die Erde(mit neuem Wachstum) sie auseinanderspaltend, und daraufhin lassen Wir aus ihr Korn wachsen, und Rebstöcke und essbare Pflanzen und Olivenbäume und Dattelpflanzen, und Gärten mit dichtem Blattwerk, und Früchte und Kräuter für euch und euer Vieh zum Nutzen.“
Aber nicht nur für äußere Sauberkeit, sondern es dient zu inneren Sauberkeit des Herzens. Abu Huraira (r) berichtet von einem Ausspruch des Propheten (überliefert von Buchari): „Das Gebet desjenigen, der die Gebetswaschung nötig hat, wird solange nicht angenommen, bis er die Gebetswaschung vollzogen hat.“
Ich könnte noch viele Verse vortragen, dafür würde aber eine Khutba nicht reichen. Aber noch ein Hadith halte ich für sehr wichtig.
Mit Beginn der Khutba hatte ich betont, dass Wasser für das Ursymbol des Lebens steht. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen.
Stellt euch eine Quelle hoch oben im Gebirge vor, mehrere Quellen schließen sich zusammen, immer mehr Wasser strömt zusammen bis es ein breiter Fluss wird, der dann ins Meer fließt. So verhält sich auch das Wissen. Unsere angeborene Neugierde nimmt immer mehr Wissen auf wie ein breiter Fluss, das heißt, wenn wir es zulassen und nicht irgendwann faul auf Wissen reagieren und nur zuhören, was ein Prediger sagt, ohne nachzudenken. So gibt es ein Hadith im Sahih Muslim, welches Wasser mit Wissen vergleicht:
„Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf einem Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere dort weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrt es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“
Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter. Ansonsten taugt das Wissen nicht, wenn ich es nur für mich behalte.
Ich möchte das Wissen mit einem Krug Wasser vergleichen, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem mehr, wie das versickernde Wasser.
Und noch etwas möchte ich feststellen: Der Koran selbst ist wie das Wasser. Man liest darin und taucht gleichzeitig tief in ihm hinein. Der Koran in das Wort von Gott, ein Ozean an Mittelungen, Mahnungen, Parabeln, Wissen. So stelle ich mir Gott selbst als einen unendlichen Ozean vor. Wenn wir in ihm eintauchen, umfängt das Wasser uns liebevoll und reinigt unsere Seele.
So kann man sagen, Gott sendet das Wasser vom Himmel, Er sendet es herab, wie Er den Koran herabgesandt hat, um uns zu reinigen und zu verbessern.

Samuel Scrimshaw Beitragsbild

Die Seele aus islamischer Sicht

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.

Die Seele aus islamischer Sicht

 

Samuel Scrimshaw BeitragsbildHeute möchte ich über unsere Seele sprechen. Ich fand das Thema interessant, aber tat mich dennoch schwer, denn ich habe erkannt, dass unsere Persönlichkeit weit mehr ist als unser materieller Körper. Aber das ‚weit mehr‘ ist schwer zu erfassen.
In Suratu-l-`Isra, 17:85 steht: „Und sie befragen dich über die Seele. Sprich: ‚Die Seele ist eine Angelegenheit meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.‘“ Muhammad Asad übersetzt den Vers so: „Und sie werden dich nach der Natur der göttlichen Eingebung fragen. Sag: diese Eingebung kommt auf Geheiß meines Erhalters; und ihr könnt ihre Natur nicht verstehen, da euch sehr wenig wahres Wissen gewährt worden ist.“ Asad meint dazu: Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass sich dieses auf die Offenbarung des Koran bezieht, wenn man den vorherigen und folgenden Vers mit einbezieht, andere verstehen darunter die Seele des Menschen. Für noch andere steht der Begriff ‚ruh‘ für Seele oder Geist und sehen darin den Engel, der die Offenbarung bringt.
Ich denke, es geht vor allem um einen harmonischen Zustand der Seele, auch wenn wir nicht viel darüber wissen. Aus theologischer Sicht ist das Wesen der Seele geheimnisvoll und normaler menschlicher Erkenntnis weitgehend nicht begreifbar. Wir können sie nicht wirklich beschreiben oder sehen, so wie wir Gott nicht definieren können und nur das von Ihm wissen, was Er im Koran über sich erzählt. Aber eins steht fest, jeder von uns trägt eine Winzigkeit vom Hauch Gottes in sich, die Seele. Aber dazu komme ich noch.
Suratu-z-Zumar, 39:41 besagt: „Allah nimmt die Seelen (al-anfus, Plural von an-Nafs) hinweg, wenn die Menschen sterben, und die derer, die noch nicht sterben, während sie schlafen. Dann hält Er die zurück, für die Er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen für eine bestimmt Frist zurück. Hierin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken“. Das bedeutet, im Tod geben wir unser physisches Leben auf, aber unsere Seele stirbt nicht, sie kehrt in eine andere Existenzebene, zu Gott zurück, also jenseits unseres physischen Daseins, während sie nach dem Schlaf in unser Dasein zurückkehrt. Kurz gesagt: Gott hält unser Leben und den Tod in Seiner Hand. Wir merken spätestens hier, dass das Wort Seele im Normalgebrauch mehrere Bedeutungen hat.
Wie oft sagt man, wenn man über etwas nachdenkt und man zu keinem richtigen Ergebnis kommt: „Schlaf darüber!“ Oder: „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Unsere Seele geht dann zurück zu Gott. Vielleicht gibt uns Gott dann Hinweise? Manchmal wachen wir mit einem Alptraum auf, vielleicht sind diese Alpträume ja schon eine Bestrafung von Gott, und manchmal sind wir frisch und munter, mit einem guten Gefühl, die richtige Entscheidung treffen zu können. Wer weiß, wurden wir vielleicht belohnt? Hält Gott bei unserem Schlaf schon ein Gericht über unsere Seele? Bestraft oder belohnt Er uns, lässt Er uns unser Gewissen überprüfen?
Ich denke, Gott hält hier schon Gericht, nicht erst, wenn es uns nicht mehr gibt. Denn während unseres Schlafs hat Gott die Gelegenheit, zu richten, unserer Seele Lob oder Tadel nach dem Erwachen mit auf den Weg zu geben. Ansonsten lohnt sich doch nicht ein Belohnen im Paradies oder Bestrafen in der Hölle. Nach dem Tod ist es zu spät, um uns zu verbessern.
Ich habe meine Denkweise in meiner Khutba „Das Diesseits und das Jenseits“ schon einmal dargelegt. Und die Brücke am Tag des Jüngsten Gerichts? Für mich könnte für die Seele die Überquerung der Brücke den Übergang vom Wachsein in den Schlaf bedeuten. Wir wachen auf, nachdem sich unsere Seele einer Rechenschaft vor Gott für diese kurze Zeit stellen musste. Und das täglich, damit sich unsere Seele zum Guten wandeln kann. Nur so greift Gottes Barmherzigkeit zur Stärkung unserer Seele, was nicht ausschließt den Gang über die Brücke nach unserem endgültigen Tod.
Ghazali, gest.1111 in Tus, Iran, hielt die Seele für eine unkörperliche, rein spirituelle Substanz, die aber über Wissen und Wahrnehmung verfügt.
Der Mystiker Rumi war überzeugt, dass der Mensch zwei Dimensionen habe: Die eine ist die physische Ebene, die zur Natur gehört und die zweite ist die verborgene Welt als Teil der absoluten Wahrheit. Beide Ebenen passen sich einander an und ergänzen sich.
Aber was ist nun die Seele? Wo befindet sie sich, was passiert mit ihr?
Das Wort rūḥ, das ursprünglich „Atem“ oder „Wind“ bedeutet, wird religiös zum Hauch, Geist, den Gott Adam einbläst und ihm damit Leben einhaucht.
Der Mensch besteht aus Körper, Geist oder Seele, alles gehört zusammen und macht als Ganzes den Menschen aus.
Eigentlich hat im normalen Sprachgebrauch das Wort „Seele“ zwei Bedeutungen:
– Zum ersten gehört die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Erinnern, Phantasieren, Überlegen, Denken eines Menschen ausmacht; also die „menschliche Seele,” unser Ego, das Ich. Sie ist sterblich.
– Andererseits ist sie ebenso ein körperloser Teil des Menschen, der nach religiösem Glauben unsterblich ist, nach dem Tode weiterlebt. Sie ist „die unsterbliche Seele”. Beide aber sind immateriell.
Eine kurze Zusammenfassung: Es gibt also zwei grundlegende Bereiche des Menschen, einen materiell-physikalischen und einen immateriell-metaphysischen Bereich. Nach islamischer Auffassung gibt es aber im immateriellen Bereich neben der Seele oder Geist noch das Ego des Menschen, dem ‚Ich‘, arabisch an-nafs. Es ist zwar immateriell, aber in besonderer Weise an den Körper gebunden, also an die Materie. Das heißt: Der Mensch besteht aus
– dem Körper, arabisch: al-dschassad,
– dem Ego, das „Ich“, arabisch: an-nafs,
– dem Geist oder Seele arabisch: ar-ruh.
Den Körper kann man also als das ‚Haus von Ego und Seele‘ bezeichnen. Wenn der Körper stirbt, stirbt auch mit ihm sein Ego, (an-nafs), sein Ich. Die Aufgabe eines Muslims soll darin bestehen, im Diesseits im Rahmen des dschihadu-n-nafs, der Anstrengung im Bereich des Egos, seinen Nafs zu erziehen und in ein an Gott gerichtetes Seelenleben zu bringen. Deshalb meine ich, dass schon im Schlaf Gott über uns das Gericht hält, damit wir unseren Nafs erziehen können, daraus ergibt sich für mich: Das Paradies und die Hölle befinden sich im Diesseits.
Im Koran werden drei Stufen des sterblichen nafs erwähnt, manche Gelehrte zählen 7 Stufen: die niedrigste ist an-nafs al- ammara, die über das Böse herrscht, an zweiter Stelle kommt an-nafs al-lawwama, welches sich selbst reumütig tadelt. Man könnte sagen: Es ist unser Gewissen, dass unser Handeln kontrolliert. Und an höchster Stelle steht an-nafs al-mutma`inna, welches seine Ruhe gefunden hat. Dazu steht im Koran in Sure 39:70: „Und jeder Seele (nafs) wird voll zurückerstattet, was sie im Erdenleben getan hat.“ Das heißt, selbst wenn das Nafs stirbt, unsere Taten werden am Gerichtstag gewertet.
Im heutigen Konsum- Zeitalter ist der Körper mit dessen Bedürfnissen, Verlangen und Begierden, die sein Ego zufrieden stellen und ihn zu seiner Selbstentfaltung und Selbstbewusstsein fördern sollen, in den Vordergrund gerückt. Unser Ego schließt ein An-sich-selber-denken, an sein berufliches Vorwärtskommen, am Geldkonsum ein, kümmert sich weniger um die übrige Gesellschaft. Wir sind zu einer Ich-Gesellschaft, weniger zu einer Wir-Gesellschaft geworden. Geist und Seele spielen dabei weniger eine Rolle.

Der Geist, ar-ruh, ist der einzige Bereich, der ewig ist und der beim Tod des Menschen auch sein Ego überdauert. Er gehört zum immateriellen Bereich und damit wichtigster Teil des Menschen aus religiöser Sicht.
Meine Frage an euch: Wenn wir unseren Körper betrachten, wo werden wir die Seele, unseren Geist ansiedeln? Natürlich im Herzen!
Das Zentrum unseres Geistes, unserer Seele ist im Islam das Herz (arab. al-qalb) mit den immateriellen Betrachtungsweisen unserer Gefühlswelt, Emotionen, Empfinden, Gemüt und dazu gehört auch unser Gewissen, Bewusstsein wie zum Beispiel unser Verantwortungsbewusstsein, Moral, unsere innere Stimme.
Unser Herz hat also zwei Seiten oder Bestimmungen: das materielle Herz als unser zentrales Organ des Körpers; ohne diese Pumpe geht gar nichts. Das immaterielle Herz ist das Zentrum unseres Geistes bzw. unserer Seele und damit das wichtigste Element unseres Seins, unserer Wirklichkeit.
In Sura al-A’raf, Nr.7:179 können wir in der Übersetzung von Asad lesen: „Wir haben wahrlich viele der unsichtbaren Wesen und Menschen für die Hölle bestimmt, die Herzen haben, mit denen sie nicht die Wahrheit zu erfassen vermögen, und Augen, mit denen sie nicht zu sehen vermögen, und Ohren, mit denen sie nicht zu hören vermögen. Sie sind wie Vieh – nein, sie sind sich noch weniger des rechten Weges bewusst: Es sind sie, die die wahrhaft Achtlosen sind.“ Er meint damit: Tiere leben nach ihrem Instinkt, aber diese Menschen sind sich der Möglichkeit oder einer Notwendigkeit einer moralischen Wahl nicht bewusst oder wollen es nicht verstehen.
Oder in Sura al- Hadsch, Nr. 22:46: „Sind sie denn niemals auf der Erde herumgereist, um ihr Herz Weisheit erlangen und ihre Ohren hören zu lassen? Doch, wahrlich, es sind nicht ihre Augen, die blind geworden sind – sondern blind geworden sind ihre Herzen, die in ihren Brüsten sind.“ Diese Aussage ist wirklich eindeutig, zum Herz gesellt sich der Verstand, die Vernunft, al-`aql
Herz und Verstand stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Und zum Verstand gehört das Gewissen (arab: al-widschdan) dazu.
Die islamischen Gelehrten ordnen dem Gewissen drei Kategorien zu: das Gedächtnis (arab. adh-dhihn), das Gefühl (arab: al-hiss) und der Wille (arab: al-irada). Aber wie schon gesagt, alle drei stehen in einem besonderen Zusammenspiel mit dem Intellekt (ar: al-`aql), der Vernunft und dem Herzen als das Zentrum des Geistes.
Zum besseren Verständnis: Das Zentrum des Geistes ist das immaterielle Herz (al-qalb). Es beinhaltet den Geist oder Seele (ar-ruh), den Intellekt, die Vernunft (al-`aql) und als dritter Partner das Gewissen (al-widschdan) mit dem Gedächtnis, den Gefühlen und dem Willen.
Besonders das Zusammenspiel von al-`Aql und al-widschdan, Vernunft und Gewissen, spielt im islamischen Kontext eine große Rolle. Das Gedächtnis als eine Kategorie des Gewissens bedeutet Wissenserwerb, besonders das Wissen um Gott. Die Gefühle, eine weitere Kategorie, stehen für die Liebe zu Gott, also das Gottesgedenken und der Wille, als letzte Kategorie, bedeutet Dienst an Gott, also Gottesdienst. Alle zusammen führen zu einem guten Iman, dem Glauben und Taqwa, dem Gottesbewusstsein.
Die Seele oder der Geist soll sich nach den konservativen Predigern ganz auf das Jenseits richten, auf Gott. Aber was ist mit dem Diesseits? Sollen wir den Frohsinn, der Freude wie auch der Traurigkeit, Glück und Kummer, Entspannung und Anspannung, alles das, was das Leben auf der Erde eigentlich ausmacht, in die zweiten Reihe stellen? Nehmen wir aus der 38. Sure as-Sad die beiden Verse 71 und 72: „Denn siehe, dein Erhalter sagte zu den Engeln: ‚Siehe, Ich bin dabei, einen Menschen aus Ton zu erschaffen; und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von Meinem Geiste eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.‘“ Gott ehrte ihn damit vor den Engeln trotz ihrer Einwendungen. Er beschenkte Adam und damit der ganzen Menschheit mit dem Einhauchen Seines Geistes. Natürlich gebührt die Anbetung nur Gott allein, aber diese Niederwerfung der Engel vor Adam war ein Zeichen der Ehre und des Respekts.
Gott hat uns durch Adam von Seinem Geist eingehaucht, damit wir uns im Diesseits an Ihn erinnern und uns Seiner immer bewusst sind, also Gottesbewusstsein. Aber zugleich gab Er den Menschen die Freiheit, selbstständig zu denken und zu handeln, im Guten wie im Schlechten, die Freiheit, Seiner zu erinnern oder auch nicht.
Ich meine, damit stehen wir höher als die Engel, die nur das tun, wofür sie geschaffen wurden.
Aber noch etwas Wichtiges hat Gott uns mit dem Einhauchen der Seele mitgegeben, die Neugier, die den Menschen vorwärtstreibt und ihn erst zum Menschen werden ließ.


رَبَّنَا لَا تُزِغْ قُلُوبَنَا بَعْدَ إِذْ هَدَيْتَنَا وَهَبْ
لَنَا مِن لَّدُنكَ رَحْمَةً ۚ إِنَّكَ أَنتَ الْوَهَّابُ

 

Unser Herr, lass unsere Herzen sich nicht von Dir abkehren, nachdem Du uns rechtgeleitet hast. Und schenke uns Barmherzigkeit von Dir, denn Du bist ja wahrlich der unablässig Gebende. (al-`Imran:8)

Yannic Läderach

Dehnen und kräftigen

Dehnen und kräftigen

Autorin: Susanne Dawi

Yannic Läderach
Yannic Läderach
Regelmäßig findet in unserer Moschee Yoga statt. Die Daten stehen auf unserer Facebookseite, und wir laden herzlich dazu ein. Praktiziert wird eine Form, die vor allem auf angenehme Dehnungen fokussiert, und zu leichter Steigerung der Muskelkraft führt, wenn man regelmäßig teilnimmt. Die Stimme der Yogalehrerin reflektiert ihre innere Ausgeglichenheit. Sie ist sanft und freundlich. So freundlich, dass schon Sekunden nach Beginn der Yogastunde aller Stress von mir abfällt. Mehr noch, alle schlechten Gedanken, die ich im Laufe der letzten Tage in mir angesammelt habe, was ich so zu dieser und zu jener Person noch zu sagen hätte, wie ich mich noch zu diesem oder jenem Streit am Arbeitsplatz positionieren wollte, lösen sich auf in bedingungslosem Verständnis für die natürliche Andersartigkeit aller Menschen und deren individuelle Versuche, mit den Anforderungen des Lebens zurecht zu kommen.
Der schönste Moment sind für mich die fünfzehn Minuten Entspannung am Ende der 90 minütigen Einheit. Hier leiten wir unser Bewusstsein zu jedem einzelnen Teil unseres Körpers und werden aufgefordert, ihm unsere Liebe zu geben . „Nimm dein Handgelenk bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe. Nimm deinen Arm bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe… deine Augen, deine Stirn…. Bedanke dich bei ihnen, dass sie ihre Aufgaben so gut erfüllen… Bedanke dich bei deinem Körper, dass er heute morgen aufgestanden ist. Bedanke dich bei dir, dass du heute hergekommen bist.“ Ich, das ist meine Seele, bedanke mich bei meinem Körper. Gut, dass da im Raum kein Spiegel ist, der mir meinen Körper zeigt. Geflissentlich halte ich meine Augen geschlossen, um ganz bei mir selbst zu sein, und mich nicht von weltlichen Idealen ablenken zu lassen. Davon vielleicht, dass die Schülerin neben mir die Beine vorhin viel besser verschränken konnte als ich und der Schüler auf der anderen Seite überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Balance hatte. Wenn ich dann ganz mit mir im Einklang bin und Liebe für mich empfinde, fühle ich plötzlich mit einer noch viel größeren Intensität Liebe für andere. Sie manifestieren sich in meinem Inneren in Form von Bildern oder Gefühlen. Meinem Partner, der sich schon wieder nicht gemeldet hat, obwohl er genau weiß, dass ich das brauche, sagt meine innere Stimme: „Ich weiß, dass du an mich denkst, aber dich nicht gezwungen fühlen möchtest. Es ist alles gut, und ich bin ganz zufrieden. Ich hoffe es geht dir gut.“ Und meine ganze Liebe und Wärme wandert zu ihm, um ihn zu umhüllen. Meine Tochter, die sich manchmal in Negativspiralen und Weltverachtung verfängt, sehe ich plötzlich mit Bewunderung über Manuskripten sitzen und Gedanken nachvollziehen, die ich niemals verstehen könnte. Auch sie wird in meinem Inneren ganz von meiner Wärme und Liebe umhüllt. Und die Menschen, die weiter entfernt von mir sind, lass ich dort, wo sie sind – weiter entfernt. So können sie sein, wer oder wie sie sein wollen, ohne mir zu schaden.
Das Ganze funktioniert genau bis drei Minuten nach dem Ende der Yogastunde. Dann rolle ich die Matte ein und mit ihr all das Verständnis und die Güte, die gerade noch in meinem Herzen wohnten und so fest verankert schienen. Das Ego des Menschen ist wahrhaft ein starkes Stück!

Alle Religionen zielen darauf ab, das Ego auf einen gesellschaftsverträglichen Weg zu leiten. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Teile. Vergib! Spende, besuche, bedanke dich, bleib bescheiden…..
Unsere muslimischen Gebete haben einen ähnlichen Effekt, wie eine Yogastunde. Auch beim Beten werde ich ruhig und gütig. Beim Niederwerfen, wenn meine Stirn den Boden berührt, wird mein Herz liebevoll und freundlich. Wenn ich dann nach den wenigen Minuten des Gebets meinen Teppich einrolle, passiert leider häufig genau dasselbe wie beim Einrollen der Yogamatte – die Liebe, Güte und Freundlichkeit werden mit eingerollt. Aber hin und wieder hält das Ganze zum Glück auch etwas länger vor.

Als Muslime versuchen wir, das Gefühl des Gebets beizubehalten und unsere Güte auch weiterzugeben, wenn uns gerade nicht danach ist. Dabei bietet uns jeder Tag eine neue Möglichkeit der Übung – sowohl der Dehnung als auch der Entwicklung stärkerer Kraft. Langsam dehnen wir unsere Geduld aus und langsam erweitern wir unsere Kraft, das Gute in jedem Moment zu bemerken, zu lieben, und zu bewahren; zuerst nur ab und zu, dann länger, und kraftvoller, bis wir inschallah tatsächlich bessere Menschen werden, vielleicht von einem Gebet, bis zum nächsten. Sie folgen zum Glück recht schnell aufeinander. In diesem Sinne Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.