Koran

Ramadan 2020

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Ramadan 2020

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Heute möchte ich euch besonders herzlich begrüßen, denn es gibt ein Fest zu feiern. Wir feiern mit euch das Eid al fitr, das Fest des Fastenbrechens. Und weil das auf Deutsch überhaupt kein schönes Wort ist, und weil man dabei außerdem den Kindern Süßes verteilt, und auch gerne selbst ein bisschen nascht, nennen wir es inzwischen auch in Deutschland „Zuckerfest“.

Ich finde das immer lustig, weil einige meiner arabisch-sprachigen Freunde Ostern das Eierfest nennen. So haben wir hier in Deutschland ein Eierfest, ein Zuckerfest, mal sehen, was noch kommt. Das geht zwar von dem religiösen Aspekt weg, der den Festen eigentlich zu Grunde liegt, aber zum kulturellen, und damit gemeinschaftsstiftenden, Aspekt hin und wirbt damit dafür, alle Menschen einer Gesellschaft daran zu beteiligen oder zumindest ihnen einen Begriff an die Hand zu geben, den sie mit den stattfindenden Tätigkeiten verbinden können. Das Zuckerfest darf erlebt werden, auch wenn man es nicht vollständig, in all seinen Einzelheiten versteht. Das Verstehen der Dinge geschieht sowieso immer bei allen Menschen auf verschiedenen Ebenen.

Das Zuckerfest ist das große Fest der Freude.

Einen Monat lang haben wir gefastet – Essen und Trinken, oder anderes, entbehrt. Wir haben uns daran erinnert, jeden Tag, dass wir ohne Essen und Trinken nicht nur hungrig und durstig sind sondern auch an anderen Dingen leiden.

Ein paar Beispiele:

Mir ist im Ramadan jeden Tag eisig kalt, oft sogar noch nach dem Essen. So kalt, dass mir am Tag die Schultern weh tun, weil ich mich so verkrampfe und ich die halbe Nacht nicht schlafen kann, weil meine Füße zu Eisblöcken erstarrt sind. Essen und Trinken hält uns warm, stabilisiert unsere gefühlte Körpertemperatur.

Im Ramadan bin ich vergesslich. Beim Verkauf meines Autos habe ich die Hälfte der Dinge im Auto gelassen, die ich unbedingt ins andere Auto mitnehmen wollte. Dinge wie das Ladekabel oder die Parkvignette, ich schaute nicht in das Fach unter dem Kofferraum, wo ich Badelatschen und Schwimmzeug gelagert hatte – alles, was mir nicht direkt ins Auge sprang, habe ich vergessen. Essen und Trinken hilft uns, uns zu erinnern.

Ein weiteres Beispiel: Ich ging zu meiner Therapeutin, die ich gerne einmal im Monat aufsuche, doch das hätte ich mir im Ramadan besser erspart, denn das Fühlen war so anstrengend, dass ich unglaublichen Hunger bekam und nur noch meinen Magen spürte, um am Ende der Sitzung völlig erschöpft nach Hause zu gehen. Essen und Trinken erlauben uns, in uns hineinzuhören, zu reflektieren, unseren Körper detailliert wahrzunehmen über Hunger und Durst hinaus und so am Wohl unserer Seele zu arbeiten.

Und auch dies geschieht ohne Essen und Trinken: Jeden Sonntag buk ich im Ramadan, und fuhr hinaus an einen See oder in einen Wald. Das ist schön, auch ohne Essen und Trinken. Doch in ein Cafe einzutreten und dort vielleicht ein Buch zu lesen, oder sich mit jemandem bei einer Tasse Tee zu unterhalten, ist viel schöner als ohne. Essen und Trinken macht unsere sozialen Kontakte froher und entspannter. Gespräche tiefgehender und unsere Handlungen beherzter.

Manche Tätigkeiten habe ich mir daher auf die Zeit nach dem Abendessen – also dem Frühstück – verschoben, andere gleich ganz auf die Zeit nach dem Ramadan.

Es gibt noch viel, viel mehr, wozu man Essen und Trinken braucht, nicht nur am Abend, um zu überleben, sondern tagsüber. Was tun die Menschen, für die immer Ramadan ist, und am Ende des Tages nur eine Schüssel Reis mit Bohnen – oder immerhin, eine Schüssel Reis mit Bohnen? Wie meistern sie ihre Beziehungen und Freundschaften? Wie schaffen sie es, in der Schule Leistung zu bringen, Verträge fehlerfrei zu gestalten und abzuschließen, gut ausgeruht in den Tag zu starten und ihre gute Laune zu bewahren ?

Der Ramadan dient ganz eindeutig dazu, uns unbedingt daran zu erinnern, dass Essen und Trinken eben nicht nur zum Vergnügen da sind, sondern essenziell unser Leben überhaupt so ermöglichen, wie wir es hier leben. Das haben wir jeden Abend aufs Neue festgestellt. Beim ersten Schluck Wasser nach dem Fasten sind wir manchmal sehr dankbar und erinnern uns an die außerordentliche Gnade, die uns erwiesen wird. Doch manchmal vergessen wir schon beim ersten Glas, wie schwer der Tag war. Gleichsam in Millisekundenschnelle sind wir wieder diejenigen, die wir vor dem gefasteten Tag waren. Deswegen ist es wichtig, dass der Ramadan immer wieder kommt und uns immer wieder daran erinnert, was uns hier auf der Erde geschenkt wird.

Die Dankbarkeit ist eine Anstrengung, ein Dshihad, in der wir uns immer wieder üben sollten. Darin sind sich religiöse und weltliche Philosopen einig.

Im Moment sprießen aus dem Boden der Buchlandschaft tausende von Büchern, die eine Art Tagebuchfunktion übernehmen, aber auf die Dankbarkeit fokussieren. Es sind Bücher, in die man schreiben soll, was an diesem Tag besonder schön war. Fünf Dinge soll man jeden Tag benennen, die einem besondere Freude bereitet haben. Das ist gar nicht so einfach. Wenn man sich darin übt, so wird gesagt, ist man nach einer Weile glücklicher. Man lernt, das Gute, Glücklichmachende, wahrzunehmen und hat so insgesamt ein erfüllteres Leben. Wer schon mal schwanger war, der weiß, dass das stimmt, zumindest, was die Wahrnehmug betrifft. Alle Frauen sind nämlich immer gleichzeitig schwanger und zwar genau dann, wenn man selber schwanger ist. Wenn ich schwanger war, und das war immerhin sieben Mal, waren immer alle Frauen schwanger. Spätestens bei der zweiten Schwangerschaft war mir aber schon klar, dass das nicht sein konnte. Es lag ganz offensichtlich an der Wahrnehmung. Vorher waren natürlich genauso viele Frauen schwanger, aber ich habe es nicht bemerkt, weil es für mich nicht relevant war.

Kürzlich kaufte ich ein Auto. Sollte es ein Ford sein? Ich sah so viele Fords in meiner Umgebung wie nie zuvor. Sollte es ein Opel Corsa werden? Den hatten scheinbar auch alle. Mein Blick schärfte sich und ich sah sie plötzlich alle, die Clios, Polos, BMWs, und je mehr sie für mich in Frage kamen, desto schneller konnte ich sie unterscheiden, schon von Weitem.

So richtet sich unsere Wahrnehmung stets danach, was wir als relevant empfinden. Wenn wir uns darauf konditionieren, das Gute relevant zu finden, und zu erkennen, so werden wir es immer besser sehen können.

Inni atainak al kawthar, fassali rabika wa anhar. Wir haben euch die Fülle gegeben, sagt Gott. Die Gottheit, die uns gibt und gibt und gibt, ist recht selbstlos. Sie bittet, dass wir beten, und dass wir hin und wieder fasten. Der Rest der wesentlichen Anforderungen des Allah, bezieht sich auf die Menschen, nicht auf Gott selbst. Wir sind gehalten, sie gut zu versorgen, alle. Dazu sollen wir unseren Besitz teilen und gastfreudlich sein. In einer Stammeswelt des 7. Jahrhunderts hieß das, genau wie heute, dem Armen nebenan etwas abzugeben und dabei nicht zu pfennigfuchsen. Doch in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts bedeutet es mehr, nämlich auch, politisch dafür zu sorgen, dass ordentlich geteilt wird. Wir sind beauftragt, ganz konkret, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Das steht im Koran und könnte deutlicher nicht geschrieben sein. Zitiere 2:267 und 274. Und in 2:277 lesen wir (zitieren).

Es kann nicht sein, dass einer Milliarden im Sockenfach bunkert und ein anderer nicht weiß, was er morgen seinen Kindern zu essen geben kann. Es kann nicht sein, dass manche Kinder mit ihren eigenen Eltern leben und andere alleine auf der Straße, statt behütet in Familien oder angemessenen Heimen. In einer globalisierten Welt kann nicht jeder alles haben, aber keiner darf nichts haben, oder – entschieden zu wenig. Das ist ein klarer Auftrag der Religion an die Muslime. Im Ramadan wird er zur Pflicht.

Eid Alfitr ist ein Tag der Freude, und er soll es für alle sein. So gebt reichlich heute. Alles was ihr geben könnt. Eure Freude, euer Lächeln, euren warmen, festen Handschlag, den Blick in die Augen. Gebt auch euer Geld mit Freude, wenn ihr könnt, und nehmt es gern und mit Freude, wenn es euch gegeben wird. Gebt euch selbst. Seid gerne stolz darauf, dass ihr diese Zeit gut überstanden habt und schämt euch nicht für eure Fehler, sondern lernt daraus. Jeder Mensch macht Fehler. Immer und überall.

Heute ist der Tag der Freude, der Tag des Gebens und der Tag der Versöhnung. Der Tag, an dem wir zu unseren Mitmenschen gehen und ihnen und uns eine zweite Chance geben, oder eine dritte, vierte. Es ist der Tag des ehrlichen Versuchs, von Neuem zu beginnen. Ein Tag des Neuananfangs in Bezug auf unsere Freunde, Beziehungen, Kinder, Ehepartner, Mitarbeiter, Mitschüler, Nachbarn, Cousins und Cousinen. Was vorher schlecht gelaufen ist, darf nun gut werden.

Religionen und ihre Riten und Ansprüche dienen dazu, uns als Menschen zu erweitern und uns allen gemeinsam ein glückliches Leben zu schenken. Sie dienen dazu, dass wir nicht unbedacht durchs Leben gehen, sondern reflektieren und wachsen, das Gute erkennen und uns daran erfreuen.

Heute ist ein Tag der Freude. Inschallah werden wir viele Tage der Freude verschenken und empfangen.

Allah hat viele Gesichter

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Allah hat viele Gesichter

      Ich möchte heute mit einigen Versen des Korans beginnen: Sure Al-An’am (Das Vieh), 6:12: Sage: „Wem gehört alles, was in den Himmeln und auf Erden ist?“ „Sage: Gott, der für Sich Selbst das Gesetz der Gnade und Barmherzigkeit gewollt hat.“ – Der Ausdruck: ‚Gott hat für Sich Selbst…‘ kommt nur 2-Mal im Koran vor (6:54), keine andere Eigenschaft Gottes bzw. sein Gesicht ist so direkt beschrieben worden.

    7 :156: Gott antwortete: „Mit meiner Strafe suche ich heim, wen Ich will – aber Meine Gnade übergreift alles.“

    Ein Hadith, überliefert von Bukhari und Muslim sagt aus: „Wahrlich, meine Gnade und Barmherzigkeit übertrifft meinen Zorn.“ Barmherzigkeit und Zorn, das sind zwei Gesichter Gottes.

     Was bedeutet eigentlich das Wort Allah und woher kommt der Name: Allah ist kein Eigenname, sondern nur das Wort für Gott, etymologisch, das heißt: Geschichte und Grundbedeutung eines Wortes, eine Zusammenziehung von al-lah für ‚der Eine Gott‘. Auch für arabische Christen und Juden ist es darum die Bezeichnung für Gott. Die Polytheisten Arabiens kannten innerhalb ihrer vielen Gottheiten einen der höchsten Götter mit dem Namen Allah. Allah wird in dieser Epoche als einen Hochgott verstanden, der auf den semitischen Gottesbegriff El zurückgeführt wird und die Rolle eines Schöpfergottes einnahm, sonst aber nicht direkt in das Geschehen der Menschen eingriff. Seine genaue Funktion ist nicht wirklich gesichert.

     Allahs Wesen lässt sich mit der Sprache des Menschen nicht festlegen, d.h. es lässt sich nicht vermenschlichen. Dennoch trägt Allah oder Gott im Koran einmal körperliche und dann wieder unkörperliche Züge, auf der einen Seite konkret, begrifflich, also immanent, und auf der anderen Seite nicht begrifflich, also transzendent, abstrakt. Die Sure 112 ist das beste Beispiel, in dem sich Gott als etwas nicht Begreifbares darbietet. „Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Absolute, Ewige. Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, und niemand ist Ihm ebenbürtig.“

     Ein anderes Beispiel, in dem Gott gleichzeitig immanent und transzendent ist.

Immanenz bedeutet in Bezug auf Gott, dass er in seiner Schöpfung, wie z. B. die Erde oder ich als seine Schöpfung, anwesend, gegenwärtig ist und sie erhält: Er ist mir näher als meine Schlagader, also ist Er in mir und um mich, also immanent, gleichzeitig aber auch abstrakt, transzendent. Transzendenz bedeutet in Bezug auf Gott, dass er als Gott alles übersteigt. Ich kann Gott mit meinen Sinnen nicht wirklich wahrnehmen, nicht in richtiger Weise von ihm oder mit ihm sprechen, weil er anders ist, sich in einer anderen Dimension befindet. Ich bin mir sicher, dass an meiner Schlagader nichts ist, was nicht zum Körper gehört. Ich stoße somit an eine Grenze, die ich aber mit meinen Gedanken überschreiten kann, um mir ein Bild zu machen.

    Etwas Abstraktes, Transzendentes kann man weder lieben noch fürchten, man kann auch nicht mit ihm sprechen. Wir brauchen also etwas, was man sich vorstellen kann, woran man sich festhalten kann, mit dem man sich unterhalten kann. Deshalb richtet sich der Koran an beides: an unsere Vorstellungskraft und an das abstrakte Denken. Ich denke, beide ergänzen sich prima.

    Gott als der Machtvolle und Gott der Barmherzige: Das sind zwei unterschiedliche Haltungen oder Gesichter Gottes, die sich scheinbar widersprechen, aber dennoch zueinanderstehen, sich zu einem Ganzen zusammenfügen.

     Es ist eigentlich bestimmend für unser Verhältnis zu Gott: Eine totale Spannung – auf der einen Seite Gott als der Mächtigste und auf der anderen Seite Gott als Erbarmer. Schon mit der 1. Botschaft an Muhammad stellt sich Gott vor: „Rezitiere im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle. Rezitiere, denn dein Herr ist allgütig. Der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste. Er hat die Macht zu erschaffen, also uns, aber dennoch gütig zu seinen Geschöpfen zu sein.

     Er berichtet darin von sich: ‚Ich bin dein Herr, denn ich habe dich und das ganze Universum erschaffen und ich bin gütig, barmherzig zu dir, denn ich lege das Wohl deiner Welt in deine Hände und dazu das nötige Wissen.‘

      Es ist eine Zurschaustellung seiner Macht und seiner Barmherzigkeit! Dieser eine Satz beinhaltet alles, was auch der Koran im Ganzen ausführt: ‚Geht nicht vom rechten Weg ab, denn eines Tages werdet ihr zur Rechenschaft gezogen.‘ Und ich könnte mir vorstellen, in diesen paar Worten befinden sich die vielen Gesichter Gottes: die Eigenschaften Gottes, von denen wir 99 Namen kennen. Nur um einige zu nennen: Da ist Gott als der Gnädige, der Sichernde, der Gebende, der Versorger, der Verzeiher, der Gewährende, der Allwissende, der Richter.

   Wenn ich heute darüber nachdenke, spüre ich in diesen ersten Worten einen starken Vorwurf von Gott: ‚Ich habe eine wohlgeordnete Welt erschaffen und euch zum Nutzen übergeben. Und was macht ihr daraus? In eurem Hochmut zerstört ihr sie, eure Grundlage für euer Leben!‘

    Aber zurück zu der Beziehung des All-Mächtigen zu dem All-Barmherzigen. Beide stehen im Zusammenhang; nur eine Seite, das geht nicht. Gott auf der einen Seite, das ist unter Anderem der Gott als der König, der Herrscher, der Allmächtige, der Stolze, der Große, der Tötende, der Mächtige. Er hat in diesen Eigenschaften die Macht zu strafen, aber ich denke gleichzeitig kann ein mächtiger Gott auch liebenswert sein. Ein Richter kann hart strafen oder milde verzeihen, um mich auf den rechten Weg zu bringen und zu halten.

     Auf der anderen Seite finde ich eine Vielzahl von Eigenschaften eines milden Gottes: der Gott des Friedens, des Erbarmens, des Versorgens, der Dankbare, der Nachsichtige, der Gerechte, der Großzügige, der Weise, der Liebevolle.

   Meist stehen sich wie gesagt diese gegensätzlichen Gesichter gegenüber: der Gott des Erschaffens und der Gott des Zerstörens.  Er erschafft ein Volk und droht ihnen aber, sie zu zerstören, wenn sie sich nicht an eine gute Handlungsweise halten. Es kommt sozusagen ein Manuskript zum Tragen, wie der Koranwissenschaftler Abu Zaid meint: ein Konzept, das den Gläubigen einen Weg weist, wie er Distanz zwischen sich und den strafenden Gott bringen und dem liebenden, verzeihenden Gott näher kommen kann.

      Der Koran zeigt uns einmal die Seite des mächtigen, des strafenden Gottes, dann wieder die eines liebenden, barmherzigen Gottes. Aber wenn wir Gott nur als den Barmherzigen sehen möchten, dann beschränken wir ihn nur auf eine Dimension. Das hieße, jeder könnte ja dann irgendwelchen Unsinn oder Schlimmeres fabrizieren. Und wenn wir Gott als einen nur strafenden Gott ansehen, dann müssten wir in Angst und Schrecken leben. Beide haben aber ihre Berechtigung. Einen Mittelweg gibt es nicht. Immer noch ist es für die Menschen angebracht, Strafen auszusprechen oder zumindest aufzuzeigen, um sie zu läutern, um das Gute in ihnen zu stützen. Am Ende wird die Barmherzigkeit siegen, also nicht der strafende, sondern der gerechte und barmherzige Gott.

     Dafür haben wir ein Wort: „taqwa“. Am Anfang meines Muslimseins habe ich das Wort taqwa nur als ‚Furcht vor Gott haben‘ erfahren, was ich aber überhaupt nicht verstehen konnte. Wie kann man einen Gott lieben, wenn man Furcht und Angst vor ihm haben sollte? Erst viel später wurde mir eins klar: taqwa bedeutet Gottesbewusstsein, oder Gottes bewusst sein, oder Gott ist in meinem Bewusstsein. Es bedeutet für mich ein Weg, wie ich dem liebenden und verzeihenden Gott näherkommen kann. Bei taqwa geht es um ethische und soziale Verantwortung, um meine und unsere Verantwortung als Mensch in einer Gesellschaft. Jetzt z. B. hatte ich die Verantwortung, so gut wie möglich mich auf diese Predigt vorzubereiten, sie gut aufzubereiten, damit ihr sie versteht und eventuell sie euch von Nutzen sein kann.

     Im Koran begegnen wir vielen Gesichtern, vielen Eigenschaften von Gott. In der 7. Sure, Vers 180 steht, dass Gott die schönsten Namen gehören. Wenn wir im Koran lesen, dann stoßen wir unweigerlich auf einen schaffenden Gott, auf einen versorgenden oder gestaltenden Gott, auf unseren Richter, auf den Gott des Friedens.  Gott oder das Göttliche hat eben viele Gesichter.

    Zeigt Gott nicht manchmal im gleichen Moment beide Seiten? Zumindest kann man es so denken. Gott kann uns seine liebende Seite zeigen, indem er uns eine Lektion erteilt. Er straft uns, weil er uns liebt. Machen wir das als Eltern nicht auch mit unseren Kindern?

    Gott ist dabei unser Vorbild, denn Er verlangt von uns auch Liebe z. B. zu den Kindern und Barmherzigkeit und manchmal auch eine Strafe aussprechend. Das heißt: Viele der schönsten Namen entstammen von Eigenschaften, die das Göttliche und das Menschliche vereinen. Sie sind wie eine Brücke, die unsere Welt zu Gott überspannt. Natürlich haben wir nicht die Macht und das Wissen Gottes, sondern nur das, was Gott uns zugesteht. Aber wir können das zu unserem Wohl nutzen und voll ausschöpfen.

    Können wir Gott oder das Göttliche überhaupt beschreiben? Mit unseren Worten stoßen wir unweigerlich an Grenzen, denn unsere Sprache ist menschlich. Da ist schon das Problem mit dem Personalpronomen, ich-mich, er-ihn, wir-uns, als ob Gott einem bestimmten Geschlecht zugehören würde. Dagegen spricht aber die schon genannte Sure 112, aus der man entnehmen kann, dass jemand, der nicht geboren wird oder wurde, auch keinem Geschlecht zugehören kann. Wir vermögen Gott nicht mit unserer menschlichen Sprache zutreffend beschreiben, noch können wir ihn mit unserem Verstand erklären. Dennoch vermögen wir ihn mit unserer Vorstellungskraft in unserem Kopf bildlich darzustellen und zu begegnen. Dazu brauchen wir keinen Raum, Zeit oder Endlichkeit. Wir können ihn mit unseren Gedanken vorstellen und mit ihm kommunizieren. Die Vorstellungskraft ist also sehr wichtig für einen Gläubigen. Unser Bild von Gott passt sich dem an, wie wir ihn persönlich erfahren, so wie wir den Koran für uns erlesbar machen.

     Wenn wir zu Gott beten, dann beten wir zu einem konkreten Gegenüber, den wir uns vorstellen können, aber dennoch wissen wir gleichzeitig, dass Gott nicht ‚so‘ ist, wie wir ihn uns vorstellen. Dennoch ist es kein Widerspruch, weil es unsere Gedanken in Bewegung hält und wir immer wieder unsere Vorstellungskraft neu definieren müssen, da wir immer wieder von Neuem durch Gott inspiriert werden.

    Mein Bild von Gott ist das eines liebevollen Schöpfers, der trotz der Warnung der Engel mich und die ganze Menschheit mit den besten Dingen ausgestattet hat, mit Wissen, Neugier und Selbstständigkeit. Mein Bild von Gott ist das eines kommunikativen Gottes, der selbst neugierig über meinen Werdegang ist, der mir hilfreich zur Seite steht und behutsam mich in die richtige Richtung schupst. Nein, es ist kein richtiges Bild, nur eine Ahnung, ein Gefühl für etwas ganz Besonderes, das ich Gott nenne und von dem ich weiß, dass er mich tagtäglich voller Liebe und Barmherzigkeit begleitet und dem ich mit Liebe und Ehrfurcht antworte.

 Manaar

Die vielen Stimmen des Koran

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Die vielen Stimmen des Koran

Gleich vorangestellt: Ich meine mit den Stimmen nicht die verschiedenen Lesarten des Korans.

     Als ich den Koran das erste Mal bewusst gelesen habe, stellte ich sehr schnell fest, dass es kein einheitliches Buch ist, sondern eine augenscheinliche Unordnung darstellt und das machte es für mich schwierig, ihn überhaupt zu lesen. Die einzelnen Suren stehen nicht in der Abfolge der Verkündigungen oder innerhalb einer Sure wechselt plötzlich das Thema. Ein Thema, ein Gedanke springt plötzlich zu einem anderen Thema oder anderem Gedanken, ohne, dass er erschöpfend behandelt wurde, taucht an anderer Stelle wieder auf. Ohne sich auf ein tieferes Eindringen einzulassen, ist es fast unmöglich, sich in einem so unübersichtlichen Text zurechtzufinden. Ebenso lassen die Überschriften keine Gliederung erkennen. Aber dennoch, diese mehr als 6200 Verse verkünden eigentlich nur das, was zusammengefasst in den 4 Versen der Sure 112 zum Ausdruck kommt: „1.Sprich:‘ Er ist Gott, der Eine, 2. Gott, der Beständige, 3. er zeugte nicht und wurde nicht gezeugt, 4. und keiner ist ihm ebenbürtig.“ Wenn man tiefer in den Koran eindringt, merkt man schnell: Alles andere leitet sich davon ab oder wird erklärt.

    Der Koran ist ein Dialog. Wir hören darin die Stimme von Gott und die der Menschen.

     Gott spricht nicht allgemein, nicht nur zu irgendeiner Person oder über irgendjemand, sondern zu einer ganz bestimmten Person oder einer bestimmten Gruppe, in einer ganz bestimmten Situation. Man merkt das schon bei der Ansprache. Da heißt es z.B. „O, die ihr glaubt!“, oder „O ihr Kinder Israels!“, „O Adam“, „O ihr Menschen!“ Meistens wird Muhammad mit „Sprich!“ angesprochen. Die Adressaten, mit denen Gott reden möchte, werden also direkt angesprochen. Aber indirekt gilt das Gesagte auch für jede andere Person, also auch wir sind damit gemeint. Wenn Gott z. B. jemand tadelt oder anspornt, so könnte dieser Tadel oder Ansporn vielleicht in einer anderen ähnlichen Situation auch mir oder euch gelten.

    Manchmal kommt in einer Ansprache an den Propheten eine Mitteilung für seine Zuhörer und Gemeinde, was andere Stimmen vorher verlauten ließen, also indem er auf vorangegangene Stimmen eingeht und das Gesagte für die neuen Zuhörer wiederholt und erklärt. Wir müssen uns das heute so vorstellen: Im Fernsehen wird jemand interviewt. Dieser Jemand antwortet dem Interviewer. Das Ganze ist natürlich für die Zuhörer gedacht.

     So ist es auch in der Sure Al -Furqan – Die Unterscheidung, Vers 7: „Sie sagen: ‚Was ist mit diesem Gesandten? Er isst und geht auf den Märkten umher. Warum ist nicht ein Engel zu ihm herabgesandt worden, dass er als Warner mit ihm sei? Oder warum wurde ihm kein Schatz übergeben, oder warum hat er keinen Garten, von dem er isst?‘ Und die Ungerechten sagen: ‚Ihr folgt nur einem Mann, der einem Zauber zum Opfer gefallen ist.‘“ Die Stimmen sind von den Mekkanern, die nicht an Muhammads Sendung glauben. Sie spotten nur über ihn. Gott fasst ihr Gesagtes für Muhammad zusammen und tröstet ihn: ‚Lass dich nicht irre machen, scher dich nicht drum, was sie sagen. Jetzt reden sie so, vielleicht denken sie später anders. Lass also nicht ab in deinem Bemühen.‘ Da aber Muhammad diesen Vers weitergibt, gilt dieser Trost allen, die den Vers vernehmen und auch für diejenigen, die den Propheten vorher geschmäht hatten.

  Meistens spricht Gott zu einer Gemeinschaft von Zuhörern. Gott als Sprecher informiert sie als Empfänger, belehrt sie, wie sie handeln oder nicht handeln sollen.

Manchmal bezeichnet er sich selbst als „Ich“ oder „Wir“.

     Man kann den Koran deshalb nicht als ein Buch verstehen, sondern muss ihn als eine Art Mitschrift einer Gemeindebildung lesen, denn am Ende steht ja nicht nur ein zusammengefasstes Buch da, sondern eine Religionsgemeinschaft, die es vorher nicht gab und die sich erst in diesem Prozess herausbilden muss.

    Wenn wir den Koran auf seine vielen kommunikativen Gestaltungen untersuchen, erkennen wir darin ermahnende Ausdrucksformen, Gesten, auf die man keine Antwort erwartet, sondern lediglich zur Verstärkung einer Aussage dient, Zitate, Wechselreden, Zwischenfragen und Zwischenrufe oder Anmerkungen, um etwas zu kommentieren.

     Normalerweise ist der Sprecher das Göttliche und der Adressat ist der Mensch. Aber es geht auch umgekehrt. Wenn wir die Eröffnungssure, die al-Fatiha rezitieren, wenden wir uns an Gott und bitten ihn und das mindestens 17 Mal an jedem Tag und das in einer Polyphonie, also viele Stimmen gleichzeitig bitten Gott.

     Wir sagen, der Koran ist „Gottes Wort“, also monophon. Dennoch ist er polyphon, denn aus ihm spricht nicht nur Gott, sondern die vielen Stimmen der ersten Generation der neuen muslimischen Gemeinde, die Stimmen, die sich bei Muhammad Rat und Auskunft holen, die Stimmen derer, die Muhammad verspotteten und angriffen und seine Gesandtschaft leugneten. Da sind die Stimmen der Mekkaner, der Medinenser und auch der Juden und Christen, wenn es z. B. heißt: „Sie fragen dich…“ Deshalb ist der Koran einzigartig: Er zitiert nicht nur die früheren Texte und Botschaften, die z. B. im „AltenTestament“ stehen, sondern auch die Antworten auf diese neue Botschaft.

     In einer Rollenrede und unterschiedlicher Sprechhaltung teilt sich Gott den Lesern oder Zuhörern mit. Er ist wie ein leidenschaftlicher und begeisterter Dramaturg, der in vielfacher Form mit uns um Anerkennung und Erkenntnis ringt. Es ist also nicht so, dass Gott uns ständig ermahnt. Er wendet sich sozusagen flexibel an uns. Das heißt für uns: jede Botschaft galt bestimmten Adressaten, die damals lebten. In diesem Licht müssen wir heute diese Verse interpretieren. Wir können das nicht so einfach übernehmen, denn unsere Zeit ist ganz anders aufgebaut. Aber deswegen müssen wir nicht davon ausgehen, dass sie für uns nicht relevant sind und ihre Bedeutung verloren haben.

    Aber auch umgedreht: Wenn die Botschaften des Korans nur für die damaligen Adressaten gegolten hätten, also vor dem Kontext ihrer Zeit nur ihren Sinn besäßen und mit der Zeit ihre Bedeutung verloren hätten, sie dementsprechend nichts mehr zu sagen hätten, dann hätte wahrscheinlich dieser Koran und die islamische Religion nicht überlebt. Indem der Koran sich an uns wendet und wir ihn heute interpretieren und die Botschaft für uns herauslesen können und Inspirationen für uns darin finden, bleibt er lebendig und kraftvoll.

    Beim Studium des Buches „Der Koran und die Zukunft des Islam“ von Abu Zaid fand ich auch das: Wir sprechen das Gebet auf Arabisch. Abu Zaid meint dazu: Das war in der Frühzeit des Islam keineswegs selbstverständlich. Wir wissen, dass sich vier Haupt-Rechtsschulen mit jeweils etwas anderen Akzenten und Methoden entwickelten. Der persische Gelehrte Abu Hanifa im 8. Jahrhundert hatte erlaubt, dass das Pflichtgebet in jeder Sprache verrichtet werden kann. Schon davor war es nicht-arabischen Muslimen erlaubt, die Suren in übersetzter Form zu sprechen, meist in Persisch. Doch im Laufe der Geschichte setzte sich der nachfolgende Rechtsgelehrte Schafi’i mit seiner Schule durch. Nur noch die Rezitation in Arabisch beim Gebet galt und wurde zum Dogma.

    Um den Inhalt der einzelnen Suren zu verstehen, müssen wir die Entstehungssituation kennen. Jüdische Stämme hatten mit den polytheistischen Stämmen zumindest bedingt durch den Handel miteinander Kontakt. Unter ihnen lebten Christen, Zoroastrier und Suchende. Die Mitteilungen, die Muhammad von Gott erhielt, gingen an eine noch nicht islamische Zuhörerschaft. Der Koran ist also als ein Reaktionsprozess auf die unterschiedlichsten Strömungen entstanden, er ist sozusagen eine Mitschrift oder ein Protokoll auf öffentliche Rezitationen mit Aussagen, Fragen, Einwürfen, Rückfragen. Der Koran macht sich durch diese Lebendigkeit und Reaktionen transparent. Das Wort Gottes oder Rede von Gott erweitert sich meines Erachtens zu einer Manifestation vom Wort Gottes. Der Koran spricht deutlich von der Thora, von den Psalmen und anderen heiligen Schriften als frühere Manifestationen von Gottes Wort. Die Bezeichnung „Volk des Buches“ bezieht sich ausdrücklich auf die vorherigen Religionen. Also Gottes Worte wandten sich schon an frühere Leute, die göttliches Wissen haben bzw. erlangen wollten. Gottes Wort gilt also unbegrenzt. Das sagt auch der Vers 109 der18. Sure aus: „Sprich: ‚Wenn das Meer Tinte für die Worte meines Herrn wäre, würde das Meer zu Ende gehen, bevor die Worte meines Herrn zu Ende gehen, auch wenn Wir (Gott) noch einmal so viel hinzubrächten.‘“ Dieser Vers sagt aus, dass das Wort Gottes nicht nur auf den Koran beschränkt ist.

   Angelika Neuwirth fasst zusammen: So betrachtet wird der Koran statt einer Sammlung von Texten verschiedener Gattungen, oder – im islamischen Verständnis- einem göttlichen Monolog, wieder als spätantike Debatte und historisches Drama erkennbar, das komplexe theologische Diskussionen abhandelt. Woraus folgt: Wenn der Koran ein Text ist, der ursprünglich nicht als geschlossenes Buch auf die Welt gekommen ist und nicht wie ein Lehr- oder Gesetzbuch behandelt sein will, müssen die Suren „als Rekurs auf die großen Fragen der Zeit“ verstanden werden, „als Antithese zu im Raum stehenden Prämissen“ und „nicht als kontextlose Rede eines isolierten Sprechers oder gar Autors.

   Und Dr Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide soll noch zu Wort kommen: Der Koran ist das Resultat von Dialog, Debatte, Argumentation Annahme und Zurückweisung. Der Koran als Diskurs kann nur auf diskursive Weise verstanden werden, das heißt, dass sowohl die individuellen Erfahrungen als auch das gesellschaftliche Umfeld des Lesers seine Verstehensweise des Koran beeinflussen.

Muhammad und die Anfänge der Offenbarungen

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Muhammad und die Anfänge der Offenbarungen

Wenn wir den Koran lesen, stoßen wir unweigerlich auf historische Gegebenheiten.

Wir stellen fest, dass sie auf Ereignisse aus dem Alten Testament zurückgreifen. Überall im alten Arabien gab es neben den Stämmen, die an viele Götter glaubten, auch jüdische und christliche Stämme, die nebeneinander lebten und in Kontakt miteinander kamen. So darf man voraussetzen, dass viele biblische Inhalte allgemein bekannt waren.

     Mir wurde in der Anfangszeit meines Muslimdaseins oft gesagt, dass Muhammad keine Praxis der sogenannten ‚Ungläubigen‘ ausübte, sich lieber absonderte. Aber das kann ich mir nicht vorstellen, denn Muhammad war in seiner Gemeinschaft bekannt und geachtet, er konnte sich bestimmt nicht den gemeinschaftlichen Aktivitäten entziehen. Sicher hat er sich später immer mehr auf den Berg Hira zurückgezogen und dort verstärkt meditiert, was aber eine Handlung mit Tradition, dementsprechend bei anderen Menschen zu jener Zeit verbreitet war. 

      Umso schlimmer muss er zu Tode erschrocken reagiert haben, als ihn eines Nachts ein Engel von Gott besuchte.

   Im Jahr 610 in Mekka erklärte Muhammad, dass das Göttliche zum ersten Mal mit ihm in Kommunikation getreten sei, dass er eine Botschaft von Gott empfangen habe und aufgefordert worden sei, diese Botschaft weiterzugeben.

    Nun, wir kennen die Situation aus Hadithen und auch der Koran selbst spricht davon. Dieses Zwiegespräch zwischen einem Boten des Göttlichen und Muhammad finden wir in den ersten 5 Versen der 96. Sure“ Al-Alaq“. In den frühen Versen wird der Überbringer nicht als ein bestimmter Engel bezeichnet, sondern einfach als Engel oder Geist ’ruh‘ bezeichnet.

    Erst später wird der Überbringer dieser Botschaft in der 2. Sure „Al-Baqara“ als Gabriel bezeichnet. Im 97. und 98. Vers heißt es: „Sprich: Wer auch immer Gabriel zum Feind nimmt- denn er hat ihn (den Koran) auf dein Herz herabkommen lassen mit der Erlaubnis Gottes als Bestätigung dessen, was vor ihm vorhanden war und als Rechtleitung und frohe Botschaft für die Gläubigen. Wer auch immer ein Feind wurde gegen Allah und Seine Engel und Seine Gesandten und Gabriel und Michael,  so ist wahrlich Allah den Ungläubigen ein Feind.“

   Aber zurück zu der ersten Bekanntschaft mit dem Engel: Das allererste Wort lautete: ‚iqra‘ und wird meist mit ‚lies‘ übersetzt. Doch es gibt noch kein Buch aus dem vorgelesen werden kann. Besser wäre ‚trage vor‘. Erst nach der 3. Aufforderung fügte Muhammad sich, als der Engel die nächsten 5 Verse vortrug: „Rezitiere im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle! Rezitiere, denn dein Herr ist allgütig. Der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste.“ Abu Zaid, ein ägyptischer Koran- und Literaturwissenschaftler, gest.2010, meint: „Neben einer Art Selbstcharakterisierung des Herrn, der hier noch nicht Gott genannt wurde, enthalten die 5 Verse keine weitere Botschaft. Der Auftrag des Engels war nur zu verkünden: Hier ist dein Herr, der dich erschaffen, der dich unterrichtet und das gesamte Universum geschaffen hat.“ Es ist, als wenn sich jemand vorstellt. Diese Verse verraten nicht, was eigentlich Mohammad vortragen soll.

     Aber was sollen sie denn bedeuten? Abu Zaid, ein Koran- und Literaturwissenschaftler, 2010 gestorben, meint: „Es geht darum, in seinem, also Gottes Namen zu rezitieren.“ Ich denke, diese Erkenntnis ist wichtig. Diese erste Offenbarung galt noch nicht Muhammad als Botschafter oder Gesandter, denn es wurde ihm noch keine Botschaft aufgetragen, die er verkünden sollte. Muhammad wird einfach nur als eine dem Allmächtigen besonders nahestehenden Person angesprochen, als Prophet.

    Muhammad war nach diesem ersten Treffen sehr verunsichert, er hatte Angst und auch Zweifel an dem, was ihm widerfuhr.   Er wandte sich deshalb an Personen, die ihm nahestanden, an Khadija und an den Vetter von ihr, dem Christen Waraqa ibn Naufal, um Beistand und Rat. Sie stärkten ihn und bestätigten ihn als Gottes Prophet.

    Manche haben ihm sicherlich zugehört und waren beeindruckt, die meisten  belächelten oder schmähten ihn wohl.   Daraufhin erhielt er eine neue Vision als eine Art Antwort auf die Reaktionen seiner Zuhörer.

    Erst ab diesem zweiten Treffen bekommt er die Bedeutung eines Gesandten, dessen Aufgabe es ist, die Menschen zu warnen und sie aufzurufen, den rechten Weg zu gehen. Diese Botschaft befindet sich in der Sure 74: „1. Der du dich zugedeckt hast, 2.  steh auf und warne, 3. und preise die Größe deines Herrn, 4. und reinige deine Kleider, 5. und entferne dich von den Götzen, 6. und poche nicht auf dein Verdienst, um mehr zu erhalten, 7. und sei geduldig, bis dein Herr sein Urteil fällt. 8. Wenn dann in das Horn gestoßen wird, 9. dann ist es an jenem Tag ein schwerer Tag, 10. Für die Ungläubigen nicht leicht.“

     Die meisten Mekkaner hatten andere Erwartungen an eine göttliche Botschaft, vielleicht mindestens durch das Erscheinen eines Engels. Das hatte aber Muhammad nicht zu bieten. Die Sure Al -Furqan – Die Unterscheidung: 25:6-7 „Sprich: ‚Er, Der das Verborgene von Himmel und Erde kennt, hat ihn (den Koran) herabgesandt. Er ist wahrlich allverzeihend, barmherzig‘. Und sie sagen: ‚Was ist mit diesem Gesandten? Er isst und geht auf den Märkten umher. Warum ist nicht ein Engel zu ihm herabgesandt worden, dass er als Warner mit ihm sei? Oder warum wurde ihm kein Schatz übergeben, oder warum hat er keinen Garten, von dem er isst?‘ Und die Ungerechten sagen: ‚Ihr folgt nur einem Mann, der einem Zauber zum Opfer gefallen ist.‘“

   Nun kann er auf die Sticheleien und ungläubigen Fragen antworten.  Geduldig wird er ihnen wohl erwidert haben: „Ich bin ein Warner, ich habe eine göttliche Botschaft erhalten, die ich euch überbringen soll: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, macht euch bereit und verneigt euch vor eurem Herrn.“ Warnung und Mahnung zum Bereuen, das ist von Anfang an die zentrale Botschaft des Koran.  

    Gott hat eine ihm nahestehende Person auserwählt und ihm einen Auftrag erteilt, die Menschen zu warnen.  

     Betrachten wir zunächst seine Umgebung, die Gesellschaft um Muhammad. Das gesellschaftliche Leben wurde durch Stammesstrukturen geregelt, die das Funktionieren einer städtischen Gemeinschaft wie zum Bespiel in Mekka garantierten.

     Vor diesem Hintergrund mag sich eine Gruppe von religiösen Einzelgängern entwickelt haben, die in den arabischen Quellen Hanifen „Gottsucher“ genannt wird. Dieser Gruppe könnte vielleicht auch Muhammed angehört haben.

     Sein Stamm der Quraischiten, er gehörte in Mekka zu den führenden politischen Gruppen, verstand sich in direkter Nachkommenschaft von Abrahams Sohn Ismael. Daraus leiteten sie die Pflicht ab, das Heiligtum der Kaaba zu beschützen.

    Innerhalb des Stammes genoss der Einzelne absoluten Schutz. In dieser Umgebung wuchs Muhammad, der mit 6 Jahren Vollwaise wurde, auf, zuerst bei seinem Großvater, später bei seinem Onkel Abu Talib, der das Oberhaupt der Sippe der Häschim war. Von dieser Situation berichtet später der Koran in der 93. Sure: Verse 6-8: „Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Unterkunft besorgt und dich abgeirrt gefunden und rechtgeleitet und bedürftig gefunden und reich gemacht?“

Zwischen den einzelnen Stämmen gab es nicht selten heftige kriegerische Auseinandersetzungen, man hatte sich aber auf eine gewisse Zeit der Waffenruhe geeinigt. Damals fanden in Mekka mehrmals im Jahr Wallfahrten statt und es gab zahlreiche Feste und Jahrmärkte. Während dieser Zeit herrschte unter den Polytheisten ein ‚Gottesfriede‘, und die Pilger konnten in dieser Zeit ungestört Handel treiben und Kontakte pflegen. Die Bewohner von Mekka profitierten wirtschaftlich von dieser Situation.

      Zunächst fand die Botschaft in Mekka wenig Anklang. Muhammads erste Anhänger waren seine Frau Chadidscha und sein junger Vetter und späterer Schwiegersohn Ali. Etliche Angehörige der unteren sozialen Schichten, Handwerker und Freigelassene äthiopischer oder byzantinischer Herkunft und Christen aus Äthiopien und auch Angehörige aus weniger einflussreiche Familien gehörten bald zu den Anhängern von Muhammad.

   Die meisten Mekkaner jedoch bestritten die Echtheit von Muhammads göttlicher Sendung. Sie warfen ihm vor, er sei bloß ein Dichter, der unter dem Einfluss von Dämonen stehe. Man lehnte den Propheten aber auch deshalb ab, weil sie wirtschaftliche Einbußen bei Abnahme des Pilgerstromes befürchteten.

    Von da an entstand ein regelrechter Offenbarungsprozess, der bis zu seinem Tod insgesamt 23 Jahre dauerte. In den Offenbarungen wird Muhammad von Gott angesprochen, widersprochen, sogar manchmal von Gott kritisiert oder Geschehnisse spiegeln sich in den Versen wider. Es ist ein kommunikativer Prozess, der auf Dialog, Argumentation, Diskussion, Auffordern und Überzeugen beruht. Er richtet sich manchmal speziell an Einzelpersonen, an kleinere Gruppen oder kommuniziert mit einem ganzen Volk, meistens aber mit Muhammad, der weitervermitteln soll.

    Es entsteht eine sehr umfassende und komplexe Form der Kommunikation zwischen Gott und dem Menschen, jedem Menschen, so auch uns heute. Vielleicht könnte es so zugegangen sein: Gott spricht durch Vermittlung des Engels zu Muhammad, der die Worte an seine Zuhörer weitergibt. Diese wiederum stellen Fragen, äußern Zweifel oder Spott, sind einfach gleichgültig oder verneinen alles. Eine weitere Offenbarung folgt vielleicht mit Antworten von Gott auf gestellte Fragen. So entsteht ein Dialog zwischen Gott und den Menschen durch Muhammad als Vermittler. Dabei richtetet sich jede Herabsendung wie schon gesagt an eine bestimmte Gruppe oder Person.

     Wenn man etwas über die Persönlichkeit des Propheten wissen will, dann geben neben dem Koran auch die Hadithe über ihn Auskunft. Man könnte ihn vielleicht so beschreiben: sehr anständig, gesellig, umgänglich, ruhig: Eigenschaften, die notwendig sind, wenn man sein Volk von etwas überzeugen will. Er war zuverlässig, vertrauenswürdig, denn man nannte ihn den al-Amin – der Zuverlässige. Alles zusammen ist ein Hinweis auf seine kommunikativen Fähigkeiten, ohne die er kein Vertrauen auf seine Persönlichkeit als Mensch und Prophet und später als Führer einer neuen Gesellschaft bekommen hätte.

    Was für eine Entwicklung seiner Persönlichkeit: Als sich die erste Offenbarung ereignete, war er zunächst ein spiritueller Suchender – es überwog noch seine eigene innere Religiosität – als Kaufmann ein nachdenkliches, dennoch praktisch denkendes und erfolgreiches Mitglied eines mekkanischen Stammes. Später kamen praktische Aufgaben und soziale Verantwortlichkeit eines Anführers einer Gemeinde hinzu. Seine tief empfundene Religiosität und soziales und politisches Geschick machten ihn zu dem Führer einer neuen Religion und Gesellschaft.

    Während der ersten Jahre in Mekka als Übermittler Gottes verstand er seinen Gottesauftrag noch nicht so, als solle er eine neue Religion gründen. Im Vordergrund stand immer noch die Gemeinsamkeit mit den beiden abrahamischen Religionen. Sie verstanden sich als ‚das Volk der Schrift‘. In vielen Versen des Koran steht geschrieben, dass Muhammad die alte Botschaft, die schon vorher an die Juden und Christen gegangen war, jetzt wieder empfangen und den Arabern zu übermitteln hat. Das können wir aus der Sure10: 94 herauslesen. „Und wenn du über das, was Wir dir hinabsandten, im Zweifel bist, dann frage diejenigen, welche die Schrift vor dir lasen. Wahrlich, zu dir ist die Wahrheit von deinem Herrn gekommen, darum sei kein Zweifler.

    Dieser Vers soll die eigenen Zweifel an seiner Aufgabe als Prophet entkräften, wenn er die Juden und Christen befragen würde, sie sozusagen als Zeugen vorhergehender Mitteilungen von Gott annehmen würde. Viele Erzählungen, Hinweise, Warnungen aus dem Alten Testament finden wir auch deshalb im Koran wieder. Dieser Vers bezeugt ein relativ stabiles Miteinanderleben dieser 3 Religionen.

    Lediglich das Miteinanderleben mit den Polytheisten wurde immer schwieriger, da die junge muslimische Gemeinschaft Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt war, bis Muhammad und seine Anhänger sich im Jahr 622, der Hidschra, ein neues Zuhause in Yathrib suchen mussten. Die jüdischen Stämme luden ihn zuerst vorrangig als Vermittler zwischen ihnen ein. Mit der Hidschra, zu Deutsch: ‚Ausreise‘, beginnt die neue muslimische Zeitrechnung. In Yathrib, das später Medina, die „Stadt des Propheten“ genannt wird, lebten neben Polytheisten und Juden auch erste Muslime.

     In Medina ändert sich auch der Charakter der Offenbarungen. Sie sprechen nun zu einer festen Gemeinde, in der öffentlich gebetet wird, in der sich ein neues Rechtssystem dieser kleinen Gemeinde immer deutlicher an den Koran anlehnt.

    Muhammad erhoffte sich nun auch Unterstützung durch die jüdischen Stämme, indem er mit ihnen einen Vertrag schloss, den wir heute ‚die Charta von Medina‘ nennen. Für ein gutes Zusammenleben so unterschiedlicher Gruppen musste allerdings zuerst eine rechtliche und verbindliche Übereinkunft, eine Gemeindeordnung, zusammengestellt werden zwischen den muslimischen ‚Auswanderern der Quraisch und 8 Stämmen aus Yathrib. Es ging vor allem darum, die Feindseligkeiten und Rivalitäten unter den Vertragspartnern zu beenden und sie gegen Bedrohungen von außen zu vereinigen. Stammeszugehörigkeit und Organisation sollen beibehalten werden, Streitfälle durch Muhammad geschlichtet werden.

     Es ging um einen Übergang von einer nach Stämmen organisierten Welt zu einem System der Rechtssicherheit. Rechtliche und praktische Hinweise finden sich an etlichen Stellen im Koran wieder.

   Im vorislamischen Arabien des 7. Jahrhunderts gab es weder einen Staat noch irgendeine Art von Rechtssystem. Die Menschen waren dem Stamm verpflichtet. Diese Stammesethik forderte absoluten Gehorsam. Wer diesen Gehorsam dem Stammesältesten bzw. der Stammesgemeinschaft verweigerte, verlor jegliches Recht auf Schutz durch diese Gemeinschaft. Es zählte also nur die Blutsverwandtschaft, nicht um Recht oder Unrecht. Durch die Charta wurde eine neue Art von Gemeinschaft, in der nicht die Blutsverwandtschaft die zentrale Rolle spielte, sondern erstmalig eine Form von Zusammenhalt auf der Grundlage bestimmter Normen und Werte, die in der Charta verankert wurden.

    Jetzt sind es Menschen, die mit dem Propheten bestimmte Überzeugungen teilten, dennoch konnten sie ihrer Religion treu bleiben. Diese neue Form einer Gemeinschaft brauchte natürlich auch rechtliche Bestimmungen, wie z.B. Sicherheit, Abgaben, Handel, Ehe, aber auch in der Religiosität. Anweisungen dafür gab der Koran.

     In den folgenden Jahren in Medina erwuchsen für Muhammad neue Verpflichtungen und Verantwortung. Neben der ersten Funktion in Mekka als Prophet und Warner, kam dann in Medina die Funktion eines Führers einer neuen religiösen Gemeinschaft und die eines militärischen Führers hinzu. Aber davon später in einer anderen Predigt.

Haiiimam

Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

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Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

Haiiimam
Haiiimam

    Koran ist voll von dem, was das Leben an sich angeht und das in vielfacher Form. Er spricht alle Lebensumstände der Pflanzen- und Tierwelt an, alle Begleitformen, alles, was erst das Leben auf Erden ermöglicht.

    Wir erfahren vom Werden und Vergehen alles Lebens und selbst vom Verändern der Erde. Gott weist an vielen Stellen im Koran daraufhin. Ja, Gott beschäftigt sich auch intensiv mit dem Menschen und zeigt ihm, wie er sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen hat. Alle Gebiete der Wissenschaften legt er ihnen dar, damit sie sie erforschen können. Und Er lässt unter anderem anklingen, was erst heute so nach und nach begriffen wird, wie z.B. die Expansion des Universums.

   Der Koran ist zu den Menschen gesandt worden und nicht nur der Koran, sondern das Alte Testament und viele andere Schriften, von denen wir kaum oder gar nichts wissen, weil die Verschriftlichung noch gar nicht so alt ist. Die frühesten schriftlichen Mitteilungen über Gott oder das, was als religiös eingestuft werden kann, stammen aus den sumerischen Gebieten, aus dem alten Ägypten oder aus dem indischen Raum.

   Aber Gott war nicht erst in dieser Zeit für die Menschen da. Funde von kleinen Skulpturen oder Höhlenmalereien aus der Steinzeit deuten auf eine frühe spirituelle Gedankenwelt mit Jenseitsvorstellungen hin, die durch kultische Rituale oder durch besonders veranlagte Menschen charakterisiert sind.  Die damaligen Menschen beobachteten sicher ihre Umwelt, ordneten vielleicht alles was sie sahen in ‚bekannt und nicht gefährlich‘ oder ‚unbekannt, nicht begreifbar, darum gefährlich‘ ein.

     Der Mensch merkt schon früh, dass er nicht alles erklären kann. Vor diesen Blitzen und Donner muss man sich in Acht nehmen, sie sind unerklärlich und deshalb muss man sich gutstellen mit ihnen.

      Und noch etwas muss ihnen aufgefallen sein, nämlich das sterbliche Sein. Wie sind sie damit umgegangen? Vielleicht verglichen sie die absterbenden Pflanzen und ihr Wiedererwachen mit ihrem eigenen Tod und dachten, dass sie irgendwo wiedererwachen, neu geboren werden. Aus dem Grund haben vielleicht die Neandertaler ihre Toten in Gräber gelegt und so in gewisser Weise das Jenseits entdeckt. Sie begannen Dinge, die sie nicht verstehen konnten, begreiflich zu machen durch Höhlenmalereien und Schnitzereien. Durch einfache rituelle Handlungen sollte etwas Überirdisches, nicht Erklärbares, nicht Sichtbares freundlich gesinnt gemacht werden. Sie bedankten sich in einer bestimmten Form, die wir heute nur erahnen können.

    Das Feuer konnte vernichten, aber es spendete auch Wärme und Sicherheit vor wilden Tieren. Und es gab ihnen in der Dunkelheit Licht. Es war für sie allmächtig. Also begannen sie es zu verehren, wie genau, das wissen wir nicht.

     Die ersten Allmächtigen oder Gottheiten waren wahrscheinlich natürliche Dinge wie die Sonne, der Mond, Wind, die Natur. Solche Dinge, Gegenstände oder Erscheinungen erachtete man als heilig. Es war kein großer Sprung, z. B. die Erneuerung der Natur, das Wachsen von Früchten einer nicht sichtbaren Person, einem Gott zuzuordnen oder einer Göttin, da manches eine Ähnlichkeit mit einer Geburt eines neuen Erdenbürgers hat.

     Aber auch wenn sie kaum etwas verstanden haben, Gott ließ sie nicht allein. Von Anfang an war Er ihr Begleiter, auch wenn sie noch nichts von ihm wussten. Im Vers 36 der Sure 16 klingt es an: „In jedem Volk erweckten Wir einen Gesandten…“Er war wahrscheinlich ein spirituell empfindsamer Mensch, der seine Gruppe anführte.

     Es entstand also die Rolle eines Vermittlers, der zwischen den Menschen und dem Angebeteten vermittelte, und der erste Vermittler war Adam selbst.

       Die früheren Menschen entwickelten verschiedene Rituale, um Gott in seinen spezifischen Eigenschaften anzubeten, als Wettergott, als Fruchtbarkeitsgöttin und sicher noch in vielen anderen Funktionen. Diese uralten Riten dienten höchstwahrscheinlich dazu, das Angstmachende, Geheimnisvolle für sie zugänglich zu machen, um diese Angst vor diesem Unbekannten zu verringern. Mit der Zeit gab die immer gleichbleibende Durchführung diesen Menschen eine gewisse Sicherheit. Aber immer war es eine uns heute durch das Alte und Neue Testament und den Koran bekannte Eigenschaft des Einen Gottes. Und egal, wo und wie die Menschen um eine gute Ernte, um gutes Wetter, bei Krankheit um Gesundheit, um eine gute Reise usw.  baten. Immer war es Gott, Allah oder wie Er in anderen Muttersprachen heute heißt, zu dem sie sich gewendet haben. Beim Anbeten des Feuers war es an-Nur, Gottes Eigenschaft als Licht, Wärme, Schutz.

    Es begann wahrscheinlich die Zeit einer spirituellen Religiosität mit Jenseitsvorstellungen, erste Mythen entstanden, vielleicht auch schon eine erste gottähnliche Vorstellung eines Bewahrers oder Beschützers der Tiere und Menschen, erste Vorstellungen einer Beschützerin der Fruchtbarkeit, eines Bewahrers des Feuers. Kultische Rituale entstanden. Wenn wir sie aber heute näher betrachten, dann sind es immer Eigenschaften des Einen Gottes, des Erschaffers, des Schöpfers, des Bewahrers, die hier angebetet werden.

     Ihr fragt euch, warum ich das erzähle? Also meine Meinung: Die Juden, Christen und auch die Muslime betrachten Gott als ihren Gott. Alles, was vorher war, das war Vielgötterei in ihren Augen. Und das muss falsch sein. Nein, ich meine, dieses Denken ist falsch. Das Gottesbewusstsein musste sich, so wie der Mensch sich erst entwickeln musste, ebenfalls erst entfalten. Selbst heute ist das noch so, meiner Meinung nach.

     Von Anfang an, als die Menschen zu denken begannen und ihre Umwelt wahrnahmen, war Gott an ihrer Seite. Auch als sie das Feuer zu nutzen begannen, war Er in ihrer Nähe. Ich denke, vielleicht sahen sie im Feuer eine Gestalt, die sie in ihrer Sprache Gott nannten, um fortan ihn zu preisen und zu danken. Und als sie die ersten Körner selbst aussäten, betrachteten sie Gott als jemand, der für die Fruchtbarkeit verantwortlich war, den man gut stimmen muss, um gute Ernten zu bekommen. Fortan ehrten sie ihn mit besonderen Ritualen. Aber wenn ich so bedenke: Es ist doch nichts anderes, als wenn ich das Lichtspiel einer Kerze bewundere und dabei an Gottes Attribut, an Gott als An-Nur denke. Nur, dass ich heute viel mehr weiß. Was ist da der Unterschied? Doch nur dachten die einen mit Furcht an den Feuergott und ich an Gottes Licht mit seiner Wärme und Liebe.

    Die Menschen konnten Gott immer nur nach ihrem jeweiligen Wissensstand betrachten, sahen ihn vielleicht als einen Baum, eine Pflanze oder Tier in einem seiner Attribute verkörpert. Und sie stellten sich ein Leben nach ihrem Tod in Gottes Welt vor.

    Im Gilgamesch, vor rund 4000 Jahren auf Tontafeln in der ersten Schrift, der Keilschrift aufgeschrieben, ist Gott für die damaligen Menschen derjenige, der das viele Wasser brachte, um die Erde zu reinigen und einen Neubeginn der Menschheit zu ermöglichen.

    Die alten Ägypter unter Echnaton sahen Gott als alleinigen Gott in Verkörperung der Sonne, die alles Leben erst ermöglichte und tagtäglich neu geboren wurde. Sie verehrten ihn als das Licht und den Neubeginn des Lebens. Die Griechen und später die Römer und Germanen gaben ihm Namen, z. B. Gott des Donners und der Blitze, des Wassers, also unter anderem zuständig für Naturgewalten, als Schöpfer, Gestalter, Bewahrer, Allmächtiger, als Vergebender und Wiedererweckender. Sie alle hatten Gott ihr Leben anvertraut und verehrten ihn. Hat sich da viel zu heute verändert? Gott war also schon immer anwesend, aber immer im Stand des Begreifens. 

     Das Religiös-Rituelle nimmt mit der Zeit eine neue Stellung ein, Kultplätze und deren Hüter entstehen. Das Rituelle wird professionell, aber immer noch fest mit dem alltäglichen Leben verankert. Es ist Teil ihres Lebens.

     Beim Schöpfungsakt des Menschen gab Gott Adam Namen ein. In der Sure Al-Baqara Vers 31 bis 33 heißt es: „Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor den Engeln und sagte: ‚Nennt mir diese Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!‘ Sie sprachen: ‚Gepriesen bist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast, wahrlich, Du bist der Allwissende, der Allweise.‘ Und Er sprach: ‚O Adam, nenne ihnen ihre Namen!‘“ Für mich muss Gott Adam und damit der ganzen Menschheit ja nicht alle Namen mit einem Mal gegeben haben, sondern nach und nach, immer seinem Wissensstand entsprechend, wie z.B. die Namen des Getreides und seine Verarbeitung, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden. Und Gott gibt uns als Stellvertreter für Adam bis heute neue Namen bekannt.

       Der Freiburger Neurobiologe Robert-Benjamin Illing ist überzeugt: Im Prinzip benötigte der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte die Religion: „Er braucht etwas, weil er mit dem Transzendenten, dem Übersinnlichen konfrontiert ist, mit großen Fragen, die ganz real sind, die aber keine offensichtlichen Antworten finden, und da muss er jetzt aktiv werden und das ist Religion im weitesten Sinne.“

     Wir unterscheiden zwischen Religiosität und Religionen. Das erste bezieht sich auf das subjektive Empfinden, eine tiefe Ehrfurcht vor einer Ordnung. Im Laufe der Entwicklung des Menschen erlangt er die Fähigkeit, sich der Vorstellung von einer Wirklichkeit im Jenseits bzw. des Transzendenten zuwenden zu können.  

     Wikipedia sagt zum Begriff Religion: Religion ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen, die Wertvorstellungen normativ beeinflussen und deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente Kräfte und damit verbundene heilige Objekte ist.

    Und deshalb denke ich, egal, was die Menschen unterschiedlicher Religionen heute anbeten, es ist immer ein Teil von Gott, eine seiner Eigenschaften. Wir Muslime kennen nur 99 Namen Seiner Eigenschaften. Aber vielleicht sind es viel mehr, die sich in anderen Religionen wiederfinden? Gott betont ja, dass er der Alleinige Gott ist. Neben Ihm gibt es keinen, nichts. Wie können da noch andere existieren? Ich denke, Gott ist für alle Menschen da, egal, wie die Religion heißt, zu der sie sich hin fühlen. Die Menschen nach Adam haben viele Wege beschritten, viele Bräuche und Rituale angenommen und Religionen daraus geformt. Aber eines Tages werden wir wieder zusammengeführt. So steht es im Koran. In Sure Al-Anbiya (Die Propheten), Vers 93 heißt es: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit. Sie alle aber werden einst zu Uns zurückkehren.“ Oder in Sure Al-Hudschurat (Die inneren Gemächer), Vers 49 steht. „O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ Gott spricht ganz allgemein von Menschen. Er allein hat sie alle erschaffen.

       Aus dem Koran wissen wir, dass Abraham die Einzigartigkeit Gottes als Erster erkennt. Es war einfach die Zeit gekommen, in der die Menschen Gott als Einzigkeit, als der Eine mit all seinen Eigenschaften erkennen sollten.

     Erstmals sah Moses Gott als einen brennenden Dornbusch, als ‚Feuer, das brennt, aber nicht verbrennt‘ und Gott offenbarte ihm seinen Namen JHWH. Gott sprach zu Moses: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“

    Später kam die christliche und unsere Religion dazu. Wir nennen ihn ‚Gott‘ und ‚Allah‘. Und Er gab uns Bücher, um Ihn besser zu verstehen und als Richtschnur für unser Handeln.

      ‚Ishvara‘, eine Kombination der Sanskrit-Wörter ish und vara, bedeutet im Deutschen etwa: „Herr mit den besten Eigenschaften“ und  ist im Hinduismus eine Bezeichnung für den jeweils höchsten, persönlichen Gott, unabhängig von einer bestimmten Glaubensrichtung. Der Hinduismus beruht auf der Vorstellung der permanenten Wiedergeburt sowie dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Spätere indische Philosophen, Denker und Heilige verstehen unter ‚Ishvara‘ einen ewigen, einzigartigen, allmächtigen und allwissenden Herrn der Welt. Sie gehen davon aus, dass er die Welt erschaffen und zweckmäßig geordnet habe, sie ebenso erhält wie auch zerstört, dass er die natürlichen und sittlichen Gesetze der Welt ins Dasein gerufen und durch Offenbarungen verkündet habe. – Kommt uns das nicht bekannt vor? Gott ist eins, auch wenn er von Menschen in verschiedenen Religionen und verschiedenen Gestalten angesprochen wird.

    Gott lebt in einer anderen Dimension, bei Ihm spielt Zeit und Ort keine Rolle und ist für Menschen unerklärbar. Da der Mensch aber einzigartig ist, kann das nur aufgrund Gottes Wirken hinzielen. Er erhob ihn auf dem Tierreich empor, gab ihm immer wieder einen Stoß zur Weiterentwicklung und ein freies Denken.

      Ein Gedanke drängt sich auf: So wie sich die Menschen den Lebensbedingungen ihrer ganz unterschiedlichen Umgebung angepasst und unterschiedliche Kulturen hervorgebracht haben, so hat sich das Bild von dem einen Gott ebenfalls sehr unterschiedlich herausgebildet und auch mit der Zeit gewandelt.  Aber egal wie ihre Offenbarungen des Glaubens erfolgte, sie beinhaltete sicher die gleichen oder zumindest ähnliche Grundsätze des Zusammenlebens, Grundsätze der Ethik und Moral. Jede Menschengruppe oder Gesellschaft hat ihre eigene Vorstellung von dem einen Schöpfer und Gestalter, so wie wir Muslime, Christen und Juden unsere Vorstellung von Gott haben. So wie wir Gott sehen oder an ihn denken, begreifen wir ihn als eine Einheit mitsamt allen Eigenschaften und auch in einer Einzeleigenschaft z. B. als Beschützer, als Barmherziger, als Licht für uns. Die frühen oder auch viele jetzige Völker beten Gott vielleicht nicht in seiner Gesamtheit an, sondern nur in einer seiner Eigenschaften.

    Die Menschheit kann nur von einem Gott geschaffen worden sein, sonst würde ein heilloses Durcheinander herrschen. Jede Menschengruppierung stellt sich Ihn in ihrer Gedankenwelt sehr differenziert, aber immer im Rahmen seiner verschiedenen Eigenschaften vor.  

        Mir ist es eigentlich egal, welchen Namen ich Gott gebe. Ich versuche einfach Gott für mich begreifbar und fassbar zu machen und damit sein Wirken auf mich und meine Umwelt zu ergründen und als seine Stellvertreterin auf unserer Erde zu wirken.

            Manaar

Jordan Wozniak

Fajr und Asr

Fajr und Asr

 

Jordan Wozniak
Jordan Wozniak

Als ich das letzte Mal im Libanon war, um meine Familie zu besuchen, war es mal wieder so weit. Zwischen Einkauf und Abendessen saßen wir im Wohnzimmer in Beirut, plötzlich verschwand der Eine oder Andere, um dann zurückzukehren, den Teppich auf den Boden zu werfen und in Windeseile zu beten. Bevor er den Kopf unten hatte, war er schon wieder oben; stand, beugte sich, richtete sich auf, beugte sich erneut, wieder ging die Stirn zu Boden, und nun richtete sich der ganze Körper auf, um sich gleich danach wieder entlang der Wirbelsäule vor irgend etwas zu verbeugen… Die Schnelligkeit des Beugens und Streckens ist in Worten nicht wiederzugeben und glich mir eher einer sportlichen Übung als einer Meditation. Wie die Wörter des Gebets darin Platz finden, ist mir immer wieder ein Rätsel.

Wer mich kennt, weiß, ich bin die Gebetsschnecke. Zwischen dem Moment, an dem ich schon die Hände kurz vor dem Boden habe, und deren tatsächlicher Berührung des Gebetsteppichs vergehen gefühlt Minuten. Mich aufzurichten dauert seine Zeit, das Niederwerfen ebenso. Die Worte spreche ich langsam aus, jede Silbe bis zum Ende. Die Gebetsgeschwindigkeit ist jedoch kein Maß der Frömmigkeit – weder so, noch so.

Zwischen Bewunderung und Irritation erinnere ich mich daran, dass ich kein Recht habe zu urteilen. Immerhin beten sie öfter als ich und stehen auch nicht selten zum Morgengebet pünktlich auf. Im Gegensatz zu mir. Alf mara wa mara – tausendundeinmal – habe ich mir vorgenommen, zum Fajr-Gebet aufzustehen und es zu seiner angemessenen Zeit zu beten, nur, um mich dann in meinem Bett noch einmal umzudrehen und mir zu sagen, dass es schöner ist, nach dem Duschen zu beten, kurz bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit begebe, nach dem Kaffee – gleich. Doch dieses Gleich ist dann zu spät, die Arbeit ruft.

Diese Aufschieberei führte dazu, dass ich wochenlang stets kurz vor dem Verlassen meiner Wohnung, nach dem Anziehen meiner Schuhe feststellte, dass ich es schon wieder einmal vergessen hatte, das Gebet. Doch nun waren die Schuhe angezogen, und so ging ich verärgert über mich selbst jeden Morgen ohne zu beten aus dem Haus. Tag für Tag.

Eines Tages hatte ich von mir selbst genug. Die Schuhe waren angezogen und ich musste gehen, doch sollte mir dies alles nicht noch einmal passieren. Also ließ ich die Schuhe einfach an. Ich betete, ohne sie mir auszuziehen, aber immerhin frisch geduscht und mit Aufrichtigkeit im Herzen. Zu meiner Überraschung fühlte es sich vollkommen normal an.

Erst später las ich, dass auch der Prophet Mohamed manchmal die Schuhe beim Gebet angelassen hatte, sofern sie rituell rein waren, also auf saubere Füße gezogen. Er pflegte zum Zeichen der rituellen Reinheit mit Wasser über sie zu streichen. So ist es sicherlich besser als gar nicht zu beten.

Ein Gebet ist für mich wie der Besuch bei Allah. Er ähnelt dem Besuch bei einer uns lieben Person. Manchmal gehen wir nur dort vorbei, damit wir nicht vergessen werden. Wir schauen kurz in den Flur und ziehen die Schuhe nicht aus.

Manchmal, besuchen wir jemanden, um der Person Ehre zu erweisen. Manchmal bleiben wir lange und trinken mit ihr Tee, reden uns alles von der Seele, oder hören endlos zu, Stunden um Stunden. Und manchmal denken wir an die Person nur von weitem, ohne den Besuch überhaupt durchzuführen.

So ist auch das Gebet mal sehr nah und intensiv, mal nur ein kurzer Gruß. Jedenfalls wird sich Allah an uns und unsere Gebete erinnern. An den, der immer schnell vorbeikam und schnell wieder ging, aber Allah, nie vergaß. An den, der nicht oft kam, aber dafür lange blieb. An den, der fahrig im Gespräch stets an etwas anderes dachte, an den Lauten, den Leisen, den Frechen, den Zaghaften, den Mutigen, den Wütenden, den Schüchternen, den Weisen, den weniger Weisen. Über jeden wird sich Allah freuen, der seiner gedenkt. In welcher Form auch immer, ob in stillem und unsichtbaren Gedenken oder im sichtbaren rituellen Gebet.

Schon Ibrahim betete zu Gott. Doch zu welchem Gott sollte er beten?

Er hatte seinen Vater und seine Freunde dabei gesehen, wie sie selbstgefertigte Götzen aus Stein anbeteten. An diese Götter wollte oder konnte er nicht länger glauben. So suchte er den, den er anbeten wollte.

Und als Ibrahim zu seinem Vater Azar sagte: “Nimmst du Götzen zu Göttern? Ich sehe dich und dein Volk in einem offenbaren Irrtum”, da zeigten Wir Ibrahim das Reich der Himmel und der Erde, auf dass er zu den Starken im Glauben zählen möge.

Ibrahim machte sich nun seine eigenen Gedanken darum, wen er anbeten wolle. Als ihn nun die Nacht überschattete, da erblickte er einen Stern. Er sagte: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: “Ich liebe nicht die Untergehenden.”

Als er den Mond sah, wie er sein Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: Wenn mein Herr mich nicht rechtleitet, werde ich gewiß unter den Verirrten sein.” Auch der Mond taugte nicht als anzubetende Gottheit.

Als er die Sonne sah, wie sie ihr Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr, das ist noch größer.” Da sie aber unterging, sagte er: “O mein Volk, ich habe nichts mit dem zu tun, was ihr (Allah) zur Seite stellt. Seht, ich habe mein Angesicht in Aufrichtigkeit zu Dem gewandt, Der die Himmel und die Erde schuf, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern. (6:74-79)

Als sich jahrhunderte später der Prophet Mohamed zum Gebet niederbeugte und seine Stirn die Erde berührte, da erfand er also nichts Neues, doch er veränderte es. In der vorislamischen Zeit betete man in Mekka zweimal am Tag, am frühen Vormittag und am Abend.

Der Prophet betete stattdessen zu Fajr und zu Asr. Fajr ist der frühe Morgen, die Zeit des Sonnenaufgangs. Asr der Nachmittag. Es sind vielleicht die beiden Wendepunkte zwischen dem Tag und der Nacht.

Bleiben wir einen Moment bei Fajr, dem Sonnenaufgang. Fajr stellt den Augenblick dar, an dem die Nacht zum Tag wird. Es ist ein spirituell dichter Moment, den man daran erkennt, dass die Welt in vollkommener Stille liegt. In dieser Stille beginnen die ersten Vögel zu zwitschern. Man hört erst einen einzigen Vogel, den ersten Ton des Morgens, ganz allein – erst nach einer Weile den Ton eines zweiten, der ihm antwortet. Dann langsam, ganz langsam, immer mehr. Der Wechsel von der Nacht zum Tag ist vollzogen.

Im Ramadan ist Fajr ein wichtiger Moment, denn nun beginnt die Zeit des Fastens bis zur Nacht. Wenngleich es nicht genau mit den Berechnungen übereinstimmt, richte ich mich im Ramadan gerne nach dem frühen Morgenvogel und stelle meinen Kaffee erst dann zur Seite, wenn sein erster kleiner Ruf erklingt. Ungeachtet des Fehlers meiner Einstellung bestehe ich darauf, mich von der Natur leiten zu lassen, statt von der Technik eines Uhrwerks.

Den Morgen mit seinem Sonnenaufgang empfinde ich besonders im Sommer wie eine orientalische Stadt im Gebirge. Es ist ganz genau wie mit den Vögeln in der Frühe.

Man steigt durch die unbewohnten Berge und denkt, die nächste Stadt sei noch ewig weit entfernt. Dann ein Haus, vielleicht zwei, drei, vereinzelt, die sich geräuschlos an die steinernen Hänge schmiegen. Man geht noch zwei, drei Schritte bergauf, da plötzlich tritt man auf ein Plateau und ist mittendrin, auf der Hauptstraße eines Bergdorfes. Um einen herum bewegt sich das reiche Leben mit allen seinen Geräuschen, Gerüchen und Farben.

Eine Pilgerin in einem asiatischen Gebirge beschreibt es so:

Nicht der Sonnenaufgang bewegte mich so sehr, auch wenn er wunderschön war. Es waren jene Augenblicke zuvor, als die Welt so still war…. Große Vögel breiteten majestätisch und vollkommen geräuschlos ihre Schwingen aus.. Eine natürliche Stille lag über allem, als ob das Leben auf der Erde dem kommenden Tag einen schweigenden Tribut zollte. Jene stille Augenblicke vor Sonnenaufgang waren voller Verheißung auf die bald einsetzende Aktivität. Ich habe nie zuvor einen solch magischen Augenblick erlebt.

In diesem Augenblick der vollkommenen Stille beten wir Salat Al-Fajr, das Morgengebet.

Über diese Zeit, just bevor der erste Vogel singt, sagte der Prophet Mohamed, es sei, sozusagen, die Zeit der Schichtübergabe. Die Engel, die die Nacht bewachen, seien noch bei uns, und die Engel des Tages seien nun ebenfalls schon angekommen. Dies ist eine Möglichkeit, die spirituelle Dichte dieser Tageszeit zu beschreiben, die Magie, die man in der Wüste des siebten Jahrhunderts sicherlich stärker spürte als heute bei uns.

Mit der Änderung der Gebetszeit von Vormittags und Abends zu Früh und Nachmittags verändert sich meiner Meinung nach viel mehr als der Zeitpunkt. Es verändert sich vor allem der Fokus. Dieser liegt jetzt nicht mehr allein auf dem Dank für das Überstehen der Nacht und auf den Bitten für den Tag, sondern er liegt vielmehr auf dem spirituellen Kontakt mit Allah und dem Kosmos. Indem wir zu Fajr beten, treten wir in einen Kontakt mit Allah ein, den wir zu anderen Zeiten des Tages möglicherweise nicht mehr erreichen können. Wir reihen uns damit ein in die Magie der Welt des frühen Morgens und nehmen die Möglichkeit wahr, eins mit der Schöpfung zu sein. Geräuschlos verrichten wir unsere Bewegungen. Stille bedeutet ja nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen. Stille ist auch die Abwesenheit von Bewegung, ein Moment der Regungslosigkeit. Aus dieser Regungslosigkeit tritt das Morgengebet in besonderer Deutlichkeit hervor. Es wird anders wahrgenommen als ein Gebet in der Geschäftigkeit des späteren Tages. Dann, später also, vermischen sich die Bewegungen mit all den anderen Bewegungen um uns herum. Doch hier am Morgen stehen die Bewegungen allein und besonders.

Heutzutage ist das nächste Gebet Dhur, das Mittagsgebet. Doch wurde dieses wahrscheinlich erst später als Pflichtgebet hinzugefügt. Mohamed betete als nächstes das Asr Gebet am Nachmittag.

Asr scheint weniger ein spiritueller Moment zu sein, als vielmehr ein Strukturgebet.

Durch die Zweiteilung des Tages anhand der beiden Gebete, strukturiert der Islam den Tag in einen Teil der Arbeit und einen Teil der sozialen Kontakte. Nach Asr ist der Arbeitstag weitgehend vorbei. In einer Zeit, in der die Menschen nicht auf elektrisches Licht zurückgreifen konnten, zumal in einer Gegend des frühabendlichen Sonnenuntergangs, war Asr eine gute Zeit, sich nur noch maiximal einen kurzen Moment der Arbeit zu widmen, um dann soziale Kontakte zu pflegen, oder jedenfalls mit den Mitmenschen in Begegnung zu treten, denn den Abend musste man vielleicht eher zu Hause verbringen. So beendet das Asr Gebet den Arbeitsteil des Tages und leitet den sozialen Teil ein, der ebenso wichtig ist.

Doch in einem Hadith lesen wir, für mich wenig überraschend, dass auch das Asr-Gebet die Zeit ist, in der sich die Engel abwechseln. Die Engel des Tages verlassen nun die Menschheit, um nun von den Engeln der Nacht abgelöst zu werden. Wieder scheint hier eine spirituelle Dichte zu bestehen, die wir aber nun am Nachmittag aufgrund des Energieflusses des Tages nicht so leicht bemerken können. Unsere Antennen sind längst nicht mehr so empfänglich für leise Geräusche und subtile Veränderungen der Atmosphäre.

Es wird erzählt, dass Mohamed sagte, Allah fragte sie, die Engel, dann, obwohl Er Selbst es doch am besten weiß: In welchem Zustand habt ihr Meine Diener verlassen?

Die Engel antworteten: Sie beteten, als wir uns entfernten. Und als wir am Nachmittag zuvor kamen, beteten sie auch!”
(Al-Bukhari und Muslim)

Wir beten, um Allah zu dienen, zu preisen.

Doch wenn wir Allah in unseren Gebeten besuchen, so tun wir das auch oft, um Antworten auf Fragen des Lebens zu finden. Ich möchte euch einladen, das auch zu tun. Am Ende des Gebets, nach Abschluss mache ich wenn ich allein bin, immer nochmal ein Sujud, bei dem ich eine Frage stelle. Ich erhebe mich erst vom Boden, wenn ich eine Antwort erhalten habe. Sie unterscheidet sich fast immer von der Antwort, die ich außerhalb des Gebetes finde. Stolz, Ärger, Rache, das ganz normale Ego verschwinden beim Gebet. Das Gebet macht mich weich und liebevoll, vergebend und freundlich, geduldig, und hoffnungsvoll. Nie spricht es von Macht, von Beherrschen, von Eifersucht oder Besserwisserei. Es ist freundlich und zuversichtlich. Deshalb ist fünfmal besser als zweimal. Doch für diejenigen unter uns, die ihre Schuhe anziehen, bevor sie daran denken, das Gebet zu verrichten, möge Gott gnädig sein, und sich über den Besuch genauso freuen, wie über den der Barfüßigen. Möge er den Schnellen ihre Hast vergeben und den Langsamen was ihnen zu vergeben ist.

Gehen wir also zum Freitagsgebet. Es ist weder Fajr noch Asr, aber es ist das Gebet der Gemeinschaft, bei dem unsere Reihen zeigen, dass wir fest zusammenstehen in der Liebe zu Allah und der Fürsorge füreinander. Allah jirhamkun.

 

Gottes Licht

Gottes Licht

 

Casey Horner

Beim Betrachten des Lichts einer Kerze dachte ich an den einen Namen Gottes: An-Nur- das Licht.  Und schon gingen die Gedanken weiter auf Reisen: Was ist Licht, nein, ich dachte nicht an das physikalische Phänomen, Licht als eine Form der elektromagnetischen Strahlung. Ja, ich dachte an Gottes Licht. Was bedeutet Gottes Licht? Spontan fiel mir ein: Wärme, Helligkeit, Liebe; was bedeutet Liebe zu Gott?  Steht da am Ende Wissen, Rechtleitung, Barmherzigkeit? Eine Frage erschließt die nächste Frage.

   Licht in der physikalischen Welt bedeutet, etwas sichtbar zu machen, es bedeutet auch Realität. Das Fehlen von Licht bedeutet Unsichtbarkeit, Dunkelheit, Unwissenheit. Aber auch der menschliche Geist empfindet Licht und Dunkelheit. Und diese Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn wir von Licht im metaphorischen Sinn sprechen, meinen wir Gottes absolute Manifestation, ein Sich-offenbaren von Dingen oder Wissen. Das bedeutet: Er allein ist die Manifestation des Lichtes, Er ist das Licht. Alles, was es in der physikalisch erklärbaren Welt gibt, hat sein Licht von ihm erst erhalten.  Ansonsten herrscht Dunkelheit.

   Ich weiß, dass es in allen Kulturen oder Religionen Lichtsymbole in unterschiedlichsten Formen gibt. Licht bedeutet in erster Linie Leben und Wärme. Wo kein Licht ist, da herrscht Finsternis. Finsternis bedeutet Kälte, Orientierungslosigkeit, Bedrohung, Tod.

   Ich dachte an einen meiner liebsten Verse aus dem Koran, an die Sure 24, Vers 35. Er trägt sogar seinen eigenen Namen: Lichtvers. Für mich ist der Vers mächtig, sprachgewaltig, voller Rätsel, Gleichnissen und Symbolik. Schon Generationen von Korangelehrten haben sich über diesen starken Vers den Kopf zerbrochen.

   Muhammad Assad beschreibt den Vers so:

   „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Das Gleichnis seines Lichtes ist das einer Nische, die eine Lampe enthält. Die Lampe ist in einem Glas eingeschlossen, das Glas leuchtend wie ein strahlender Stern: Eine Lampe, entzündet von einem gesegneten Baum, einem Olivenbaum, der weder vom Osten noch vom Westen ist,  dessen Öl ist so hell, dass es beinahe von sich aus Licht geben würde, selbst wenn das Feuer es nicht berührt hätte. Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht, wer geleitet werden will und zu diesem Zweck legt Gott den Menschen Gleichnisse vor, da Gott allein volles Wissen von allen Dingen hat.“

    Der Vers beginnt wie mit einem Paukenschlag: eine göttliche Selbstaussage: „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“ Ist überhaupt noch eine größere Steigerung möglich?

  Handelt es sich hier nur um ein Gleichnis, einen Vergleich zwischen dem Licht Gottes und dem Licht einer Lampe in einer Nische? Oder bedeutet es viel mehr?

   Oder bedeutet es: Immer, wenn es darum geht, ein umfassenderes Wissen über Gott, wie z. B. in dem Fall über An-Nur zu erlangen, müssen wir unsere Unfähigkeit und Unzulänglichkeiten erkennen, Gottes wirkliche Realität und Seine Erhabenheit wahrzunehmen. Unser Intellekt reicht nicht aus, um Gott wirklich zu begreifen, um die Natur seiner Eigenschaften und sein Wesen vollständig zu ergründen. Das Wissen des Menschen ist trotz aller Bemühungen des Begreifens doch ziemlich unzureichend, während Gott unendlich und absolut ist. Und einer dieser diffizilen und kompliziertesten Verse des Korans ist dieser Lichtvers.

    Jedes Mal, wenn ich diesen Vers rezitierte, dachte ich an mein Herz, an die Herzen der Gläubigen. Gott beschreibt das Herz der Gläubigen, indem Er das Gleichnis zum Licht benutzt. Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Sein Licht ist es, das unsere Erde und seine ganze Schöpfung erleuchtet, ohne es wäre dort nur Dunkelheit. Kein Leben könnte entstehen. Ich stelle mir eine Lampe in einer Nische vor. Sie leuchtet hell, aber wenn ich mir ein Licht in einer Kristalllampe vorstelle, erstrahlt es noch heller, wie ein strahlender Stern in der Nacht. Sein Öl stammt von einem Olivenbaum, der auch ‚gesegneter Baum‘ genannt wird. Dieser Baum steht sicher auf einer Anhöhe, an einem zentralen Ort, denn er bekommt zu jeder Tageszeit das beste Licht. Aus diesem Grund ist sein Öl rein und brennt, als würde es kein weiteres Feuer benötigen. Licht vom reinen Öl und Licht des Feuers. Und Gott bringt uns dieses Licht, um damit unsere Herzen auszufüllen, damit sie voller Licht erstrahlen.

     Aber betrachten wir diesen Vers näher: 

  „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“

     Gott in Seiner Vollkommenheit umfasst mit Seinem Licht Sein vollkommenes Werk, das Universum und erleuchtet somit auch die Himmel und die Erde. Er bringt in Seiner Schöpfung mit Seinem ewigen Licht das Leben hervor; Leben, welches Er Nahrung gibt, prüft, schützt und Hilfe angedeihen lässt. Es gibt keinen Ort, wo Sein Licht nicht erstrahlt. Aber jedes Geschöpf wie auch der Mensch kann von Seinem Licht profitieren, so weit wie sein Herz sich öffnet und das Licht annimmt.

    „Ein Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische, in der sich eine Lampe befindet, die Lampe in einem Glas, (und) das Glas ist wie ein hell leuchtender Stern.“

    Gott versucht mit dem Licht dem Menschen Sein Wesen zu erklären, indem er sein göttliches Licht mit einem künstlichen Licht, einer Lampe vergleicht.

   Das Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische. Der Mensch kann diese Lampe, die sich dort befindet, aus dieser Sicht erforschen. Ein Mensch muss in Dunkelheit seinen Weg erleuchten. Er benötigt Licht wie z.B. eine strahlende Lampe. Aber um den Weg der Wahrheit zu begehen und die Dunkelheit von Herz und Verstand zu überwinden, braucht er ein ganz besonderes Licht, eine Leuchte, ein Licht, das ihn beschützt und auf seinen Weg zur Wahrheit leuchtet. Und Wahrheit bedeutet auch Wissen. Das Wort Licht wird deshalb auch für Wissen verwendet und dementsprechend ist die Dunkelheit Unwissenheit. Und daraus resultiert Schlechtigkeit, Lüge und Lasterhaftigkeit.

    Ich könnte mir den Schirm der Leuchte als einen Schleier vorstellen, hinter der Gott sich vor Seiner Schöpfung, hier der Mensch verborgen hält. Obwohl das Glas durchsichtig ist und die Durchlässigkeit des Lichts nicht gehindert wird, ist aber dieses Glas auch eine Barriere für den Menschen, auf diese Lichtquelle zuzugreifen. Es würde ihn einfach nur schaden.

    Man kann das auch so sehen: Obwohl Gottes Licht die ganze Welt erleuchtet, kann es trotzdem nicht jeder wahrnehmen. Nur Gott allein gibt dem Menschen, wenn er will, diese Fähigkeit zu sehen. Ein Mensch ohne diese Gabe der inneren Wahrnehmung von Gottes Licht oder Wahrheit kann zwar das Sonnenlicht wahrnehmen, aber er versteht die Hinweise oder Mahnungen von Gott nicht.

    „Das Glas gleicht einem Stern, einem funkelnden.“

   Das Funkeln eines Sterns bedeutet etwas Besonderes, etwas Erleuchtendes. Wie oft betrachten wir nachts den Himmel mit seinen funkelnden Sternen? Ziehen sie uns nicht magisch an? Ein Stern kann sehr fern oder in Gedanken sehr nahe sein. Denn je näher wir seinem Licht sind, umso näher fühlen wir uns ihm, nämlich Gott. Das bedeutet aber auch, auch Gott ist uns sehr nahe.

    „Angezündet von einem Baum, einem gesegneten. Einem Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich, dessen Öl leuchtet beinahe, ohne dass es berührt hätte das Feuer.

   Ein Ölbaum, der auf einem vorteilhaften, erhabenen Platz steht. Er nimmt daher eine besondere Stellung ein, die immerwährend von Licht erhellt wird. Meines Erachtens soll hier keine Himmelsrichtung angezeigt werden, aus der tagsüber das Licht kommt. Vielleicht ist damit kein besonderer Ort gemeint, sondern es könnte jeder einzelne Ölbaum gemeint sein, egal wo er steht. Jeder Ölbaum könnte das gesegnete Öl spenden. Oder es könnte aber auch ein Ort sein, zu dem wir keinen Zugang haben, für uns unerreichbar. Es wäre dann ein Ort der Unendlichkeit, der Ewigkeit. Gott existiert ewig und so strahlt sein Licht auch ewiglich, ohne, dass es irgendeinen Anzünder, ein Feuer braucht. Und das Licht, das in dem Gleichnis vom Öl hervorgebracht wird, das ist Seine Essenz, das Wesen Gottes. Aber alles, was wir von Gott wissen, steht im Koran: Wir kennen nur die Namen Gottes- die im Koran beigelegten Attribute- und erfahren von seinem Handeln mit den Menschen. Gott ist der einzige Gott, transzendent und existent, allmächtig und allgegenwärtig, unveränderlich und unvergänglich, ewig und unerschaffen, allwissend und unumschränkt in seiner Herrschaft. Die Sure 112 sagt über ihn aus: „Er ist Gott, ein Einziger, Gott der Ewige! Er zeugt nicht, und er wurde nicht gezeugt! Und es gibt niemand, der ihm gleicht!“

    „Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht wen Er will.“

Licht über Licht ist immerwährendes Licht, Gottes Licht ist absolut und hat keine Grenzen. Gott als Allerbarmer, als ar-Rahman wendet sich allen Menschen zu. Wer sich aber von Gottes Licht leiten lässt, dem gewährt er Führung zur inneren Zufriedenheit.

    „Und Gott legt Gleichnisse für die Menschen vor, und Gott ist sich aller Dinge bewusst.“

   Gott versucht mit Allegorien oder Gleichnissen, dem Menschen sein Wesen bildlich zu erklären, was der Mensch aber nur intuitiv, gefühlsmäßig erfassen kann. Gottes Licht erleuchtet die ganze Welt, aber nicht jeder vermag es wahrzunehmen. Gott ist es, der uns zu seinem Licht führt. Ich denke, der Vers ist eigentlich eine Botschaft an alle Menschen, sich zu besinnen, warum es Licht gibt. Denn Licht bedeutet auch Leben. Erst durch das Licht kann der Mensch existieren. Wir werden durch dieses Gleichnis angehalten und es gilt gleichzeitig als eine Einladung, über unser Leben und

über Gott und seine Zeichen nachzudenken.  

     Möge Gott eure innere Sonne immer strahlen lassen. Möge eure Seele Sein Licht empfangen und wieder demutsvoll zurückstrahlen und möge euer Licht gute Taten für die Menschen bewirken und eure Seele und Herz zur Ruhe kommen.

 

Manaar

 

 

 

 

 

 

Bobby Burch

Noah

Eine Khutba über den Propheten Noah

Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Seid herzlich begrüßt zum heutigen Freitagsgebet.

Bobby Burch
Bobby Burch

In meiner letzten Khutba ging es darum, woher die Sure Al-Baqara ihren Namen hat, und ich sprach in diesem Zusammenhang insbesondere über die Kinder Israel und den Propheten Moussa. Dies brachte mich auf die Idee, heute über einen weiteren Propheten zu sprechen. Heute geht es um Nuh, also Noah.

Als die Menschheit bereits eine lange Zeit auf der Erde weilte, wurde sie wohl recht selbstsicher in ihrem Tun und muss recht wohlhabend gewesen sein, denn Allah entsandte seinen ersten Propheten nach Adam. Noah gehört zu den großen, oder bekanntesten, von ihnen. Die weiteren sind Ibrahim, Moussa, Issa und Mohamed. Abraham, Mose, Jesus und Mohamed. Aber warum werden überhaupt Propheten zu uns gesandt?

Im Laufe der Menschheitsgeschichte sandte Allah immer dann Propheten zu uns, wenn wir uns als Menschen an bestimmten Regeln vergingen oder wesentlichen Irrtümern erlagen. Der erste Irrtum ist die Annahme, keinen Gott zu brauchen, selbst Schöpfer unseres Glücks sowie unseres Reichtums zu sein. Dazu gehört auch, aus Überheblichkeit die Armen nicht am eigenen Einkommen zu beteiligen, sondern in selbstgefälliger Manier unsere Besitztümer als rechtmäßiges, uns frei zur Verfügung stehendes Eigentum zu betrachten. Die Reichhaltigkeit unserer Speisen beispielsweise nicht darauf zurückzuführen, dass wir durch Allahs Barmherzigkeit und Liebe versorgt werden, sondern in undankbarer Weise davon auszugehen, dass sie uns mit größerer Selbstverständlichkeit zustehen als anderen.

Ein weiterer Irrtum, der immer mal wieder Propheten auf den Plan ruft, sind unterdrückerische Praktiken, auch z.B. im Bereich der Sexualität. Hierzu gehört, Menschen zu benutzen, statt in einvernehmlicher Weise mit ihnen zu verkehren. Den Propheten geht es um die Anerkennung der Menschen mit ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit statt Ausbeutung. Ausschweifungen und Unterdrückung, also das Fehlen der Wertschätzung des Anderen, oder der Schöpfung insgesamt, sind Verhaltensweisen, sind sozusagen Exzesse, die zur Religion der Mitte nur wenig passen. Dankbarkeit, Wertschätzung und Gerechtigkeit werden angemahnt.

Offensichtlich ist es ein weiterer Fehler, Allah andere Götter zur Seite zu stellen. Mit scheinbar unbarmherziger Strenge weist Allah uns zurecht, wenn wir Götzen verehren. Uns ist inzwischen längst klar, dass damit in der heutigen Welt weniger die selbstgemeißelten Steingötterchen vergangener Jahrhunderte gemeint sind, als vielmehr unsere Vergötterung aller möglichen Dinge. Die Vergötterung unserer materiellen Statussymbole, unseres Aussehens, unserer Kinder, unserer Ansichten, unserer Selbst. Es ist erstaunlich, dass nicht jetzt gerade jemand unterwegs ist, uns als Prophet oder Prophetin zu begegnen und auf unseren recht mächtigen Egozentrismus zu verweisen.

So waren also die Leute in der Zeit von Noah uns hier und heute nicht sehr unähnlich, aber uns vielleicht in ihrer Überheblichkeit und Intoleranz noch weit voraus. Allah sandte Noah zu ihnen, damit er ihnen erkläre, dass sie vor einer drohenden Vernichtung errettet werden könnten, wenn sie abließen von der Verherrlichung und Heiligung ihrer selbst ernannten Götter. Shirk ist das arabische Wort dafür, andere Götter neben Gott zu stellen. Ich möchte noch einen Moment bei diesem Gedanken verweilen, bevor ich in der Geschichte weitergehe, weil ich ihn befremdlich finde. Es hört sich so ganz nach einem patriarchalischen, eifersüchtigen Gott an, der keinen anderen Gott neben sich duldet. In meiner eigenen Auseinandersetzung  kann ich dem Konzept der Absolutheit des Monotheismus, dann Sinn entnehmen, wenn es darauf verweisen will, dass es viele Namen für Gott gibt und viele unterschiedliche Ansichten über ihn, doch es immer dasselbe Wesen oder Wesenhafte ist, auf das wir uns beziehen. Die Deutung des strengen Gebots des Monotheismus hat sich also in den Jahrhunderten verändert. Ging es früher darum, keine selbstgebauten Götzen anzubeten, geht es heute zum Einen darum, das Selbst und das Materielle nicht zu vergöttern, zum Anderen um die Erkenntnis, dass alle Menschen, die an einen Gott glauben, darin geeint sind, denn es gibt nur diesen einen. Ist er Energie und wir tragen diese Energie in uns, sind wir alle vom göttlichen durchdrungen. „Alle“ heißt dann, dass kein Grund zur Überheblichkeit besteht.

Vordergründig sieht es so aus, als schicke Allah Propheten und Engel als Boten von Vernichtungsszenarien und Höllenfeuer. Doch ist dies, so glaube ich, unsere kulturelle und gewissermaßen selbstgewählte Perspektive oder selektive Wahrnehmung oder Lesart. Doch dazu später mehr. Nun zur Geschichte.

950 Jahre lang sprach Noah zu dem Volk bei dem er lebte, dass es sich dem einen Gott zuwenden solle. Es solle ablassen von seinem arroganten Gehabe und von der Vorstellung, ein Recht auf Reichtum zu haben. Es solle ablassen von der Vernachlässigung der Armen und solle Gott keine Götter zugesellen. Es solle mit gleichem Maß messen und sich in Wertschätzung üben.

950 Jahre, eine Zahl, über deren mystische Bedeutung wir nur spekulieren können, bat Noah die Menschen um Einsicht. Doch sie verspotteten ihn und sprachen: „Wenn Allah uns einen Botschafter schicken wollte, hätte er einen Engel geschickt. Du bist nur ein einfacher Mensch“. Und sie sahen, dass die Armen Noah folgten und an ihn glaubten. Daher spotteten sie noch mehr und sagten, siehst du nicht, dass dir nur die Armen folgen? So ist deine Botschaft für uns einflussreiche Menschen bedeutungslos. Wir sind uns selbst genug und brauchen deinen Gott nicht. Auch Noahs Ehefrau war von ihrer Eigenmächtigkeit überzeugt, sowie auch einer seiner Söhne.

Nach 950 Jahren endlich sprach Allah zu Noah, er habe die Menschheit nun lange genug gewarnt. Allah würde eine große Flut schicken, die die gesamte Erde bedecken würde und Noah solle ein Schiff bauen, um sich und seine Familie zu retten. Noah hatte vier Söhne. Sem, Ham, Yapeth und Yam. Einer von ihnen, wahrscheinlich Yam, sagte: „Mir wird schon nichts passieren. Wenn eine Flut kommt, steige ich auf einen hohen Berg“.

Noah bat ihn, später auch mit einzusteigen, doch er lehnte es von vorneherein ab und änderte bis zum Ende nicht seine Meinung.

Allah sagte auch, Noah solle von jedem Tier auf der Erde ein männliches und ein weibliches Exemplar mit auf das Schiff nehmen, damit sie später die Erde wieder bevölkern könnten.

Das Volk lachte derweil über ihn: „Noah baut ein Schiff auf einem Berg! Sirt najar ja nuh fakarnak nebi“ Bist du ein Schreiner geworden, oh Noah? Wir dachten du seist ein Prophet?“ Als Noah das Schiff endlich fertiggestellt hatte, sprach er: Vers 41. „Steigt ein in dieses Schiff. Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern. Siehe mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend. Ein Gnadenspender“. Und so begann es zu regnen und die schwarzen Wolken brachen bis die Wasser des Himmels und das Wasser auf der Erde zusammentrafen und die Fluten hoch schlugen.

Inmitten dieser Fluten sieht Noah seinen Sohn auf einem hohen Berg stehen und noch einmal ruft er ihn,  in das Schiff zu steigen. Irkab ja bunnaya. Irkab.

Er ruft nicht „Sohn“ oder „Kind“, sondern er verwendet die Koseform des Wortes Ibni – also Sohn – nämlilch bunnaya. Eigentlich heißt es „Söhnchen“, doch weil dies in der deutschen Sprache eher ein kleines Kind konnotiert, wird bunnaya im Allgemeinen mit „mein geliebter Sohn“ übersetzt. Der Vater sieht sein eigenes Kind von den Fluten überwältigt und ruft in größtem Schmerz: ya bunnaya, irkab ma’ana wa la takun ma’ alkafirun!

Vorlesen aus dem Koran 11:41 bis 45

So sagte er zu seinen Anhängern: Steigt ein in dieses Schiff! Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern! Siehe, mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend, ein Gnadenspender!

Und es trieb dahin mit ihnen in Wellen, die wie Berge waren. In diesem Moment rief Noah aus zu seinem Sohn von sich, der sich ferngehalten hatte: O mein lieber Sohn! Steige ein mit uns, und bleibe nicht mit jenen, die die Wahrheit leugnen! Aber der Sohn antwortete: Ich werde mich zu einem Berg begeben, der mich vor den Wassern schützen wird.

Noah sagte: Heute gibt es keinen Schutz für irgend jemanden vor Gottes Urteil, außer für jene, die seine Barmherzigkeit verdient haben.

Und eine Welle erhob sich zwischen ihnen und der Sohn war unter jenen, die ertränkt wurden.

Und das Wort wurde gesprochen: O Erde, verschlinge deine Wasser! Und o Himmel, beende deinen Regen.

Und die Wasser sanken in die Erde, und der Wille Gottes war geschehen, und die Arche kam auf dem Berg Dschudi zum Halten.

Und das Wort wurde gesprochen: Hinweg mit den Leuten, die Übles tun!

Und Noah rief aus zu seinem Erhalter und sagte: Oh mein Erhalter! Wahrlich mein Sohn gehörte zu meiner Familie, und wahrlich, dein Versprechen wird immer wahr, und du bist der Gerechteste aller Richter. ….

Vers 48: Daraufhin wurde das Wort gesprochen: Oh Noah! Steige aus in Frieden von Uns und mit unseren Segnungen über dich und über die Leute, die mit dir sind, und die Rechtschaffenen, die von dir abstammen werden und von jenen, die mit dir sind.

Als Noah also lange auf dem Wasser getrieben ist, beginnt er, jeden Tag eine Taube auszuschicken. Eines Tages kommt sie zurück und hat einen Olivenzweig im Schnabel. Da weiß er, dass die Fluten sich senken. Wieder und wieder entlässt er die Taube. Und als sie eines Tages mit Erde an den Füßen zurückkehrt, verlassen die Geretteten endlich das Schiff. Sie lassen sich nieder, um die Erde zu bevölkern.

Die Geschichte Noahs lässt sich lesen, gebrauchen und missbrauchen als Geschichte über den unbedingten Gehorsam gegenüber einem unbarmherzigen Gott, der darauf aus ist, uns zu strafen und letztlich zu vernichten, wenn wir nicht genau das tun, was er erwartet. Die Geschichte reiht sich ein in die von Ibrahim, der seine Frau Hagar in die Wüste bringt, gottergeben bereit ist, seinen Sohn zu opfern, oder die von Yunis, der seine Zeit im Wal verbringt, statt gleich nach Ninive zu gehen, wie es ihm befohlen wurde, oder Hud, der nicht lange nach Noah zu dem militanten Stamm der Aad kommt. So birgt die Geschichte als eine über den unbedingten Gehorsam eine immense Gefahr, doch genau diese Lesart scheint unvermeidlich. Das liegt aber eben nicht daran, dass die Geschichte Noahs Gehorsam und Strafe so stark betont, sondern daran, dass wir gewohnt sind, sie so zu verstehen. Unser Lesen ist immer kulturelles Lesen, d.h. wir lesen die Geschichte so, weil wir in unserer realen Welt genau dieses Muster finden. Jeder kennt es – von zu Hause, aus der Schule, von überall. Wenn du nicht gehorchst, musst du auf dein Zimmer gehen, werden dir Privilegien entzogen. Wenn du nicht machst, was Mama sagt, ist sie traurig, und du hast ein schlechtes Gewissen. Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, bekommst du schlechte Zensuren, wird nichts aus dir, wirst du in den Anforderungen des Lebens ertrinken. Dies sind unsere verinnerlichten Philosophien. Beim Lesen der Geschichte von Noah erkennen wir unseren Alltag wieder und sie erscheint uns als stimmig. Doch bringt unsere Realität überhaupt erst diese Deutung hervor, und diese Deutung schafft wiederum unsere Realität.

Was sich wie logische Stimmigkeit anfühlt ist damit eigentlich eine Tautologie, d.h. die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz. Ein Teufelskreis.

Es gibt aber doch noch andere Deutungen. Noahs Arche wird oft als riesiges rundes Schiff dargestellt. Das menschliche Unterbewusstsein hat diese keineswegs selbstverständliche Form sehr passend ausgewählt und hier nämlich ganz richtig festgestellt, dass es sich metaphorisch um einen riesigen Uterus handeln kann. Die Arche ist der mythologische Bauch der Schöpfung, in den stets ein männliches und ein weibliches Teil eintreten, Sperma und Ei sozusagen, um aus diesem Bauch letztlich eine neue und gute Schöpfung hervorzubringen. So wie die Frau das Kind gebiert, gebiert die Arche die Schöpfung. Es ist eine gute Schöpfung, denn alles Schlechte wird zurückgelassen.

Dabei ist es auch bemerkenswert, dass von allen Tieren je ein Männlein und ein Weiblein eintreten, außer von den Menschen. Hier kann jeder dabei sein, der gerne möchte. Gott hat zwar alles vorbestimmt, doch wird hier zugleich unser eigener Wille betont, so zu handeln, wie wir es gerne möchten. Wer eintreten mag, ist herzlich willkommen. Während die  zurückbleibenden Tiere verenden, egal ob sie Gutes oder Schlechtes getan haben, wird der Mensch nur dann zurückgelassen, wenn er nicht einsteigen mag. Möchte er jedoch einsteigen, so steht ihm dies jederzeit frei, ohne einen Blick auf die Vergangenheit. Die Arche kann damit gedeutet werden als Befreiungssymbol, Symbol der Möglichkeit steter Erneuerung jedes Einzelnen. Wenn du magst, steig ein. Ändere jederzeit dein Leben, gebäre dich neu.

Ich möchte noch eine andere kurze Deutung anfügen, eine, die wir auch in unserer Realität wiederfinden. Als ich bereits meine ersten vier Kinder bekommen hatte, ging ich zurück zur Schule, machte mein Abitur. Anschließend studierte ich an der FU, bekam währenddessen zwei weitere Kinder, und so zog sich die ganze Bildungszeit über gut 15 Jahre hin. So gut wie ausnahmslos jeder machte sich damals über mich lustig und meinte, ich würde pensioniert werden, bevor ich überhaupt zu arbeiten begänne. Kein Mensch glaubte daran, dass ich irgendwann in meinem Beruf arbeiten würde. Als schließlich alle Prüfungen bestanden waren, begann ich zu arbeiten – in meinem Beruf. Und das tue ich noch heute. Wie Noah, der seine Arche baute, weil er es wollte, arbeitete ich beständig an meiner Qualifikation, weil ich es wollte. Ungeachtet des Spotts, der in meinem Fall zum Glück nicht wirklich boshaft war.

Seyran arbeitet an etwas, was noch viel mehr Spott – auch boshaften Spott – erntet und bleibt dennoch dabei. Sie ist von ihrer Mission überzeugt. Keiner muss einsteigen, aber wer möchte, ist willkommen.

Vielleicht hat jeder seine Arche und baut daran, und die Geschichte sagt uns, am Ende sind wir glücklich. Am Ende der manchmal mühseligen Arbeit sehen wir Land mit Olivenzweigen , und unsere ausgesandten Tauben haben Matsch an ihren kleinen Füßchen – wir können an Land gehen. Die Geschichte Noahs ist keine Geschichte über den Gehorsam, sondern eine Geschichte über die selbstverantwortliche, freudvolle, manchmal mühselige  Gestaltung unserer eigenen Welt, ungeachtet der Bewertungen anderer. Noahs ist nicht die Geschichte von Gehorsam, sie ist vielmehr eine Geschichte über  Empowerment und Selbstverwirklichung. Und wer einsteigen möchte, ist willkommen.

Sure 103:1-3  Al-Asr – Das Ringen mit der Zeit

Sure 103:1-3  Al-Asr – Das Ringen mit der Zeit

 

NeONBRAND

wa-‘l-°asri (1)  

 inna ‘l-insâna la-fî chusrin (2)  

 illâ ‘lladhîna âmanû wa-°amilû ‘s-sâlihâti 

     wa-tawâsau bi-‘l-haqqi wa-tawâsau bi-‘s-sabri (3)  

Dr. Ghassan El Masri von der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in Potsdam sagt kurz und bündig dazu: „Durch die unnachgiebige Hingabe an Wahrheit und Geduld, die Beständigkeit im Glauben und gute Werke entgeht der Mensch seiner Verlorenheit – so wird es im Koran von einem barmherzigen Gott gesagt.“

    Die meisten Übersetzungen klingen so: „Bei der Zeit! Der Mensch ist in Verlorenheit, ausgenommen diejenigen, die glauben, gute Werke verrichten, einander empfehlen, sich an die Wahrheit, an das Recht zu halten, und Geduld üben.“

    Muhammad Asad übersetzt die Verse so: „Betrachte das Verfliegen der Zeit! Wahrlich der Mensch verliert bestimmt sich selbst, (wörtlich: Der Mensch ist in einem Zustand von Verlust, außer jenen…) außer er sei von jenen, die Glauben erlangen und gute Werke tun und einander zum Festhalten an der Wahrheit mahnen und einander zu Geduld in Widrigkeiten mahnen.“

     Im Zentrum dieser frühen kurzen Sure steht das Ringen des Menschen mit der Voraussetzung für Zeit, ihre Auswirkung auf den Menschen sowie der Einfluss des Menschen darauf. Sie hat damit die ganze detaillierte Ausführung des Koran vorweggenommen.

    In vorislamischer Zeit und danach verstanden die Menschen die Zeit als eine stille und passive Kraft, die dennoch unaufhörlich rastlos und unerbittlich war.

     Asad schreibt über die Zeit: „Der Begriff ‚asr‘ bedeutet ‚Zeit‘, die messbar ist und aus einer Folge von Abschnitten besteht im Unterschied zu ‚dahr‘, was unbegrenzte Zeit, ohne Anfang und Ende, d.h. absolute Zeit bedeutet. Daher auch die Bedeutung vom Vergehen der Zeit; Zeit, die niemals zurückgeholt werden kann.“

   Diese frühe mekkanische Sure enthält eine vollständige Lebensanweisung für die Menschen aus islamischer Sicht. Sie legt in klarer und überaus knapper Form die grundlegenden Glaubensbegriffe dar, nämlich Glaube oder Nichtglaube und gutes oder schlechtes Tun und charakterisiert damit die islamische Gesellschaft, indem sie die wichtigsten Eigenschaften der Muslime beschreibt.

     Der Koran umschließt den ganzen Verhaltenskodex, ausführlich veranschaulicht durch Gleichnisse, Geschichtshinweise, Wissen über die Schöpfung und seinen Schöpfer.

     Alles, was Gott dem Menschen als Richtschnur auf den Weg gegeben hat, sind in diesen drei kurzen Versen beinhaltet. Der Inhalt des Korans wird mit diesen drei Zeilen auf gedrängtester Weise mit Leben ausgefüllt.

     Nur Gott kann so etwas in solch einer Knappheit beschreiben. Sie beschreiben, dass es nur einen für die Menschen lohnenden, vertrauenswürdigenden Pfad gibt, alles andere führt zum Verlust und ins Verderben.

    Welcher Verlust? Der Verlust seiner Tage oder Zeit eines Menschen? Oder der Verlust einer ganzen Periode, das Verschwinden einer ganzen Gesellschaft in die Tiefe ihrer Geschichte? Oder der Verlust seiner guten Eigenschaften?

     Hasan al-Basrî, ein bekannter Korangelehrter und Prediger, geboren 642 n. Chr. in Medina und gestorben 728 n. Chr. in Basra, Iraq sagte dazu: „Oh Sohn Adams, du bist nichts als deine Tage, mit jedem Tag, den du verlierst, geht ein Teil von dir verloren.“  

   Aber diesem Zeitkonzept hält eine Ausnahme dagegen: Ausgenommen diejenigen!   

  Diejenigen, das sind die, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihr eigenes Los bestimmen, etwas Gutes tun und glauben an den, der das gute Handeln annimmt, der die Zeit in den Händen hat und bildlich gesprochen: nämlich den Anfang und ihr Ende.

   Und dieses Glauben bedeutet Anerkennung der Herrschaft Gottes, der über den Lauf ihrer Zeit, gefüllt mit guten Taten herrscht.

   Die guten Taten, also den für den Menschen lohnenden Pfad, beschreibt der Koran als Werke, die in Wahrheit vom Herzen kommen und von Gott und der Gesellschaft angenommen werden. Dieses ‚Glauben und gute Werke tun‘ dürfen aber niemals nur eine einmalige Sache sein, sie muss zur positiven Haltung und Lebensführung in einer Gemeinschaft führen und wachsen, die füreinander da ist, auf der Basis von Wahrheit und Recht. Dabei spielt die Geduld eine zeitbezogene Stellung, in der der Mensch im Laufe der Zeit Freude und Leid widerfahren kann, denn er ist nicht fehlerlos. Aber er kann sich in den Schutz der Gesellschaft stellen und in Gottes Obhut, da er ja an Ihn glaubt. Und Gott lässt keinen Gläubigen in Stich.

    Zusammengefasst kann man sagen: Der Mensch entgeht seiner unvermeidlichen Verlorenheit durch seine verlässliche Hingabe zur Wahrheit und Geduld, durch beständiges Glauben an Gott und seinen guten Handlungen in Gottes Sinn.

    Schauen wir uns jeden einzelnen Vers an:

 1:  wa-‘l-°asri – „Bei der Zeit,“

     Zeit hat verschiedene, zum Teil auch gegenteilige Bedeutungen:  Zeit, Zeitalter, Tageszeit, wie auch Morgen, Nachmittag, Abend. Da verschiedene andere Suren mit einem Schwur beginnen, insbesondere die frühmekkanischen Suren mit Tageszeiten, kann man annehmen, dass wa-l-‘asr eine bestimmte Tageszeit oder Gebetszeit darstellt. Überliefert ist hier der Schwur: „Beim Nachmittag“.

   2:   inna ‘l-insâna la-fî chusrin „Der Mensch befindet sich im Verlust.“

    Man könnte annehmen, dass hier der Verlust der Glückseligkeit im Jenseits gemeint ist. Der Mensch steht auf der negativen Seite durch sein Verhalten und Handeln. Chassara bedeutet so viel wie Verlust oder Schaden zufügen. Man schädigt sich also selbst.

     Es ist eigentlich eine grundsätzliche Aussage über den Menschen. Parallelen gibt es zu dieser Aussage in Sure 70:19-21. Übersetzung von Muhammad Asad: „Wahrlich, der Mensch ist mit einer ruhelosen Veranlagung geboren, (damit meint Asad: eine fruchtbare Leistung, also positiver Charakter, ebenso wie chronische Unzufriedenheit als negativer Charakter). In der Regel, wann immer ihn Missgeschick anrührt, ist er mit Selbstmitleid angefüllt, und wann immer ihm gutes Geschick zukommt, enthält er es selbstsüchtig anderen vor.

    Es gibt noch viele weitere Stellen im Koran mit Aussagen über den Menschen, so auch in Sure 100:6-8,  Al-´Adiyat- Die Streitrosse: „Wahrlich, seinem Erhalter gegenüber ist der Mensch höchst undankbar –  und davon, siehe, gibt er selbst fürwahr Zeugnis: denn, wahrlich, der Liebe zum Reichtum ist er höchst leidenschaftlich hingegeben.“

    Aber weiter in unserer Sure, Vers 3:

 illâ ‘lladhîna âmanû wa-°amilû ‘s-sâlihâti wa-tawâsau bi-‘l-haqqi wa-tawâsau bi-‘s-sabri – „außer er sei von jenen, die Glauben erlangen und gute Werke tun und einander zum Festhalten an der Wahrheit mahnen und einander zu Geduld in Widrigkeiten mahnen.“

    Man nimmt an, dass der 3. Vers vermutlich ein Nachtrag aus spätmekkanischer Zeit sei, der hinzugefügt wurde, um festzustellen, dass mit dem 2. Vers nicht die Gläubigen gemeint sind. Schon die Überlänge passt nicht zu dem Schema der kurzen frühmekkanischen Suren. Sie vermittelt den Eindruck, als wenn die Menschen im Allgemeinen schlecht sind. Der Nachtrag soll einfach feststellen: Die Gläubigen sind anders, sie glauben und tun Gutes und spornen sich gegenseitig zur Wahrhaftigkeit und zur Geduld an.

   Gott übermittelt in dieser Sure eine Botschaft und hält diese Botschaft stets im Blick. Mehr noch: Von Anfang an schwört er auf die Zeit. Ein ganz bestimmtes Thema wird hier in dieser Sure von Gott behandelt: Gott schwört weder auf die Sonne noch auf den Mond und auch nicht auf die Sterne. Er schwört auf die Zeit oder Zeitspanne. Die Zeit ist Ihm also etwas sehr Wichtiges, um darauf zu schwören. Sie gibt uns Kenntnis in das, was vor uns liegt was erst unser Leben ausmacht. 

     Im ganzen Koran wird der Mensch von Gott anschaulich gemahnt durch Parabeln, Gleichnissen. Er zeigt an, wie der Mensch sich zu verhalten hat, um ins Paradies zu kommen, berichtet von der Ordnung von Naturgesetzen und alles von Ihm Geschaffene. Auch der Mensch gehört dazu, er ist sozusagen die Krone von Gottes Schaffenskraft.

    Seine Worte, der Koran, stellen Seine Barmherzigkeit dem Geschöpf gegenüber dar. Und mit der Sure 103 – „Bei der Zeit!“ kann man alles auf einen Nenner bringen: Der Mensch hat ein selbstgemachtes ‚Defizit‘, ausgenommen sind nur die Menschen, die glauben und Gutes tun.

   Und letztendlich ist es auch der Grund, weshalb ich hier vor euch stehe und predige. Glaubt mir, das ist gar nicht so leicht, vor euch zu stehen und euch mehr oder weniger zu belehren. Aber ich werde durch Gott und durch den Koran angehalten, nach der Wahrheit und Wissen zu suchen und es geduldig weiterzugeben.

Manaar

Doruk Yemenici

Al Baqara

Al Baqara

 

Doruk Yemenici
Doruk Yemenici

Seit diesem Schuljahr habe ich die Dritte. Das heißt ich bin Klassenlehrerin der dritten Klasse einer Berliner Grundschule. Wir Lehrerinnen sagen nicht: „Ich arbeite als Lehrerin“, wir sagen: „Ich bin Lehrerin“. Es ist eine freundliche Geste des Berliner Senats, uns für das zu bezahlen, was wir sind. Andere Angestellte werden für das bezahlt, was sie tun.

Um ihr Wohlbefinden bemüht, frage ich meine Drittklässler am Ende jeden Schultages, was ihnen denn heute am besten gefallen habe. Natürlich kommt immer wieder: Die Pause, das Mittagessen, aber auch die Deutschstunde oder die Mathestunde, und das selbst, wenn der Stoff hart erarbeitet oder geduldig geübt werden musste. Kinder lernen gerne. Wenn man ihnen in der Schule nichts Vernünftiges zum Lernen anbietet, werden sie unruhig und gehen einem mächtig auf die Nerven.

Dabei hat jeder seine eigenen Vorlieben und Talente. Werde ich gefragt, was früher mein Lieblingsfach war, so sage ich immer „Englisch“. Unsere Lehrerin gab uns damals englische Namen, ich hieß leider Susan, aber immerhin nicht Susanne, und wir schlüpften in die Rolle englischer Kinder der 1970er Jahre. Es machte unendlich Spaß. Heute arbeite ich an einer Deutsch-Amerikanischen Schule, und das ist sicher kein Zufall. Meine Liebe zum Fach Englisch hat sich auf den Beruf ganz direkt ausgewirkt.

Mein anderes Lieblingsfach, und das hatte ich bis Mittwochabend vollkommen vergessen, war der Religionsunterricht. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ja nun hier in der Moschee genau das tue, wozu mein Lieblingsfach Englisch in der weltlichen Welt geführt hat. Ich bin Imamin. Ich arbeite hier nicht als Imamin, sondern ich bin eine. Das hatte ich nicht miteinander in Verbindung gebracht. Die eigene Lebensgeschichte mag für uns selbst nicht immer von großem Interesse sein, doch lohnt es sich vielleicht, sie hin und wieder zu betrachten, um ihr Freude oder Sinnhaftigkeit zu entnehmen.

 

Seit Oktober bieten wir in der Moschee einmal im Monat ein Freitagsgebet auf Englisch an. Die Integration verschiedener Lebensbereiche oder Kulturanteile unserer Selbst trägt dazu bei, uns als integre und vollständige Persönlichkeiten zu empfinden. Das führt zu einer kraftvollen Selbstverortung in der Gesellschaft. Brüche hingegen, also abgebrochene Existenzanteile, durch Flucht oder durch Nichtbestehen von Prüfungen oder durch die Scheidung sind für uns auch deshalb schwierig, weil dadurch Lebensabschnitte als sinnlos empfunden werden, als falsche Wege, die man gewählt hat, oder die man gegen seinen Willen wählen musste. Der Moment, in dem man seine geschichtlichen Anteile miteinander sinnvoll verbinden kann, führt zum einem effektiven Selbstkonstrukt, also dem Aufbau einer integren Identität. Man muss nur aufpassen, dass man dann nicht auf Neues verzichtet, weil es nicht zu einem zu passen scheint. Selbsterweiterung ist ein nicht weniger wertvolles Ziel.

 

Im Religionsunterricht meiner Kindheit hörten wir gern die Geschichten des alten Testaments. Es waren interessante und oft mystische Geschichten, zu denen wir Bilder malten von Ähren und Kühen, und wunderbaren biblischen Gestalten in gestreiften Umhängen. Oft schaute ich während des Unterrichts aus dem Fenster und fand, beim Religionsunterrichts war das Wetter immer schön. Ich erinnere mich sogar an einen speziellen Tag, an dem die Wärme der Sonne auf meinen Tisch im Klassenraum schien und ich das Gefühl hatte, direkt mit dem Kosmos und seiner liebenden Wärme verbunden zu sein. Damals war ich nicht älter als sieben, acht Jahre alt. Meine Liebe zu Gott wurde maßgeblich durch die Atmosphäre geprägt, die beim Hören von Geschichten an warmen Sommertagen entsteht, von Lehrerinnen in geblühmten Kleidern, und vom erlaubten Eintauchen in leicht geführte Welten der Fantasien.

Dass wir Menschen Geschichten lieben, habe ich schon in mehr als einer Khutba gesagt. Wir finden uns darin manchmal wieder, und freuen uns darüber. Aber manchmal bleiben sie ganz weit entfernt von unserer Wirklichkeit, und dennoch sind sie faszinierend und wundervoll.  Es liegt nicht nur an ihrem Inhalt, dass Geschichten etwas mit unserer Seele tun, sondern ebenso an der Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer. Diese Interaktion empfinden wir oft als wertvoll. Heute erzähle ich euch eine Geschichte. Wir finden sie in Sure Al Baqara, der  längsten Sure des Korans.

Als die Bani Israel vierzig Jahre mit dem Propheten Moussa in der Wüste umherirrten, wurde eines Tages ein Mann getötet. Die Menschen standen um ihn herum und fragten sich, wer ihn wohl getötet habe. Sie sprachen: „Gehen wir zu Moussa, er spricht direkt mit Gott. Lass ihn Gott fragen, was wir tun sollen.“

So wandte sich Moussa an Gott und fragte: „Was sollen wir tun? Wie können wir wissen, wer diesen Mann getötet hat und warum er getötet wurde?“ Und als er zu den Bani Israel zurückkehrte sagte er ihnen: „Gott gebietet euch, eine Kuh zu schlachten“.  Doch sie waren mit seiner Antwort nicht zufrieden. Statt eine Kuh zu finden und zu schlachten, gingen sie erneut zu Moussa und erklärten ihm, dass es viele Kühe gäbe, er solle sich bitte noch einmal an Gott wenden, und genauer sagen, welche Art Kuh sie schlachten sollten.

Wieder kehrte sich Moussa zu Allah, und als er zurückkam sagte er: „Die Kuh soll nicht zu alt sein und nicht zu jung. Also geht nun, findet eine passende Kuh und schlachtet sie“.

Doch immernoch waren die Bani Israel unzufrieden und sprachen: „Von denen, die nicht zu jung sind und nicht zu alt gibt es viele. Wende dich an Allah und sag uns: Welche Farbe soll die Kuh haben?“.

Als Moussa von Allah zu den Bani Israel zurückkehrte sprach er, sie solle gelb sein. Ein schönes Gelb solle sie haben, ein Gelb, dass das Auge erfreut. Doch selbst dies war noch nicht genug für die Bani Israel. So machte es Allah nicht leicht für sie und wollte nun eine Kuh, die weder zum Bearbeiten des Ackers genutzt wurde noch zur Bewässerung der Felder. Eine makellose Kuh sollte es sein.

Endlich waren die Bani Israel zufrieden. Sie gingen, um genau diese Kuh zu finden und fanden sie auch, die einzige Kuh, die so aussah, wie Gott es von ihnen verlangte.

Die Kuh hatte einen Besitzer. Sie gehörte einem Waisenjungen, genauer, einem Halbwaisen. Als dessen Vater starb, gab er sein Kind und seine Frau in die Obhut Allahs und betete, dass Allah sie beschützen möge. Zu seiner Frau sagte er: „Ich habe nur dieses Kalb für unser Kind, doch ich traue den Menschen nicht. Schicke das Kälbchen in den Wald.

Dort blieb es. Immer, wenn ihm jemand zu nahe kam, lief es fort. So konnte es von niemandem genommen werden.

 

Als der Junge ein gewisses Alter erreicht hatte, sagte seine Mutter, er solle in den Wald gehen, um die Kuh zu holen. Wie sollte er das bewerkstelligen? War sie doch allen anderen Menschen stets davongelaufen? Doch als er den Wald betrat, lief die Kuh direkt zu ihm. Er war es, zu dem sie gehörte.

 

Zur selben Zeit aber suchten die Bani Israel eine Kuh, die genau so aussah wie diese, die einzige. Sie fanden den Jungen und baten ihn um die Kuh. Als der Junge sah, wie wichtig ihnen genau diese Kuh war, bot er an, sie ihnen zu verkaufen. Der Preis der Kuh war ihr Gewicht in Gold.

Die Bani Israel zahlten den Preis, denn es war ein Gebot Gottes, genau so eine Kuh zu schlachten. Anschließend sprach Moussa zu ihnen, sie sollen der Kuh ein Stück Fleisch entnehmen und den getöteten Mann damit berühren. Dieser Teil der Geschichte ist kontrovers, und es gibt eine alternative Deutung, nach der es nicht um die Berührung mit dem Fleisch geht, sondern um das kollektive Bemühen. Doch dies soll nicht Thema meiner Khutba sein.

Für einen kurzen Moment wurde der Mann wieder lebendig, um zu erzählen, wer ihn getötet hatte. Er stand auf und sagte, es sei sein Neffe, der nicht länger auf sein Erbe habe warten wollen und ihn daher erschlagen hatte. Dann verstarb der Mann entgültig.

Die Geschichte endet hier und überlässt uns einen Mythos von der Wiederbelebung eines Menschen durch das Schlachten eines Tieres. Doch halte ich diesen Aspekt der Geschichte für weniger wichtig. Wichtiger scheint mir, dass es ein Mythos von Moussa ist, und dieser von Allah genaue Bedingungen bezüglich des Schlachttieres empfängt.

Kinder hören Geschichten einfach so. Wir Erwachsene wünschen uns, einen Sinn dahinter zu finden, der uns gleichsam ermöglicht, Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Wir suchen die Moral der Geschichte, damit sie uns den Weg weisen kann. Meine persönliche Deutung ist diese:

Allah hat eine einfache Anleitung gegeben. Eine Kuh sollte gefunden werden. Der zu begehende Weg war einfach. Findet eine Kuh und schlachtet sie.

So sind die meisten Aufgaben Allahs einfach. Es ist das Große Ganze, was zählt, nicht die Kleinigkeiten. Ob die Kuh jung war oder alt, ob sie groß war oder klein, all dies war Allah nicht wichtig. Er benannte es erst, als die Menschen darum baten, bzw. mehr noch: als sie darauf bestanden. Allah wäre mit jeder Kuh zufrieden gewesen. Werden wir in unserem Alltag zu penibel in unseren Fragen und Haltungen, so erfüllen wir nur einen Selbstzweck. Es würde durchaus reichen, die Dinge einfach so zu tun, wie sie uns nicht zu schwer fallen.

Sure Al Baqara erzählt in vielen Versen, dass Juden, Christen und Muslime gleichermaßen von Allah geliebt werden. Dass keiner sagen solle, die eigene Religion sei besser als die eines anderen. Es geht um das Große Ganze, nicht um Kleinigkeiten. Ja, wenn wir möchten, gibt uns Allah genaue Anweisungen, aber sie sind nicht besser oder schlechter als andere Anweisungen, nicht einmal besser als gar keine Anweisungen. Diese Freiheit wird uns manchmal von Schwestern und Brüdern abgesprochen, die wünschten, wir würden unerhebliche Details auf das Niveau wesentlicher Glaubenssätze erheben. Doch ist der Islam viel einfacher als Mancher glaubt.

 

Der Islam ist der Weg der Mitte, und zwar der Mitte in zwei Aspekten. Zum einen ist es der Weg der Mitte zwischen dem sehr orthopraktischen Weg der Juden, deren antiker Alltag geprägt war von strengen, nicht immer einsichtigen Regeln und dem andererseits vollkommen vergeistlichten Weg der Christen, die Regeln, außer den zehn Geboten, nur noch sehr geringen Wert beimessen. Das muslimisch angemessene Verhalten liegt also zwischen der besonderen Fokussierung auf externe Regeln und dem Aufgeben aller Regeln.

Zugleich ist der Islam die Religion der Mitte im Sinne einer Abkehr von jeder Härte. Dies stellt eines der Hauptthemen der Sure dar. Im Folgenden verlese ich eine Sammlung von Versen darüber, dass die Härte stets von uns genommen wird, wenn es um die Einhaltung von Regeln geht.

 

In Vers 185 lesen wir über das Fasten im Ramadan:

Darum, wer immer von euch diesen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten; aber wer krak ist oder auf einer Reise , soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet.

187

Es ist euch erlaubt, während der Nacht vor dem Fasten am Tag zu euren Ehefrauen einzugehe: sie sind wie ein Gewand für euch, und ihr seid wie ein Gewand für sie. Gott ist gewahr, dass ihr euch selbst dieses Rechts beraubt haben würdet, und so hat er sich euch in seiner Barmherzigkeit zugewandt und diese Härte von euch hinweggenommen.

178

Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt, gerechte Vergeltung ist für euch verordnet in Fällen der Tötung… Und wenn einem Schuldigen etwas von seiner Schuld erlassen wird, soll dieses Erlassen mit Fairness befolgt werden und die Entschädigung soll seinem Mitmenschen auf gefällige Weise geleistet werden. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und ein Akt seiner Gnade.

139

Sag zu den Juden und den Christen: Streitet ihr mit uns über Gott? Er ist doch unser Erhalter ebenso wie euer Erhalter – und uns werden unsere Taten angerechnet werden und euch eure Taten; und ihm allein widmen wir uns.

136

Sagt wir glauben an Gott und an das, was uns von droben erteilt worden ist, und das, was Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und ihren Nachkommen erteilt worde ist, und das, was Moses und Jesus gewährt worden ist, und das, was allen anderen Propheten von ihrem Erhalter gewährt worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnem und Ihm, also Gott, ergeben wir uns.

143

Und also haben wir gewollt, dass ihr eine Gemeinschaft des Mittelweges seid, auf dass ihr mit eurem Leben  Zeugnis für die Wahrheit vor aller Menschheit geben möget.

 

Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die sich Geschichten erzählt. Eine Gemeinschaft, die sich umeinander kümmert und sich umeinander bemüht, damit möglichst viele unserer Geschichten fröhliche Geschichten sind. Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die Andere akzeptiert und mit ihnen in einen freundlichen Dialog tritt, aus Interesse am Anderen und der eigenen Entwicklung des Denkens und Verstehens. Eine Gemeinschaft des Mittelweges verliert sich nicht in Details sondern weiß um das Große Ganze, beim Verrichten aller Tätigkeiten des Alltags und der Religion  und verliert dabei nie aus den Augen, was es bedeutet, Muslim zu sein – sich vor Gott zu verneigen, physisch und metaphysisch.

 

Die Sure Al Baqara endet mit den Versen 284 bis 286

Gott gehört alles, was in den Himmeln ist, und alles, was auf Erden ist. Und ob ihr offenlegt, was in eurem Geist ist, oder es verbert, Gott wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen; und dann wird er vergeben, wem er will. Und er wird strafen, wen er will; denn Gott hat die Macht, alles zu wollen.

Der Gesandte und die Gläubigen mit ihm glauben an das, was ihm von droben erteilt worden ist von seinem Erhalter. Sie alle glauben an Gott und seine Engel und seine Offenbarungen und seine Gesandten, ohne einen Unterschied zwische irgendeinem Seiner Gesandten zu machen und sie sagen: Wir haben gehört und wir geben acht. Gewähre uns deine Vergebung oh unser Erhalter, denn bei dir ist aller Reisen Ende!

286

Gott belastet keinen Menschen mit mehr, als er gut zu tragen vermag. Zu seinen Gunsten wird sein, was immer er Gutes tut, und gegen ihn, was immer Übles er tut.

Oh unsser Erhalter! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder unwissentlich Unrecht tun. Oh unser Erhalter, erlege uns nicht eine solche Last auf, wie du sie jenen auferlegt hast, die vor uns lebten. Oh unser Erhalter, lasse uns nicht Lasten tragen, die wir zu tragen keine Kraft haben. Und tilge du unsere Sünden, und gewähre uns Vergebung, und erteile uns deine Barmherzigkeit.

Im Gebet wenden wir uns nun zu Allah in Dankbarkeit und denken an die Worte: Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Dies ist auch ein Vorbild für uns im Umgang mit Anderen. Nicht mehr zu erwarten, als jemand frei und von sich aus anbieten kann, ist der Erwartung großer Leistungen vorzuziehen. Wenn wir uns ein Beispiel am Koran nehmen möchten, können wir es unseren Mitmenschen ein wenig leichter machen, indem wir unsere Erwartungen niedrig halten und dann all das wertschätzen, was uns von Herzen gegeben oder an uns herangetragen wird. Gnade, Barmherzigkeit, Vergebund und Erleichterung sind Beziehungswörter – Wörter der Beziehung zwischen Gott und den Menschen und Wörter der Beziehungen zwischen den Menschen untereinander. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung.