Koran

Koran und Thora

Koran und Thora

Immer wieder kommt es zurzeit zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen explizit zwischen Muslimen und Juden. Es sind nicht nur die äußerlichen Zeichen eines Juden, z.B. die Kippa, sondern ebenfalls gedanklicher Hass auf sie, und gerade von Muslimen, die hier bei uns Zuflucht erhoffen. Leider bringen sie das unterschwellige Ablehnen des Judentums aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland. Es sind aber auch Deutsche, die lautstark ihre jüdischen Mitmenschen belästigen.

Der Grund ist wahrscheinlich die Auslegungen des Korans, eine Unkenntnis der Geschichte im Orient, eine uralte Abneigung, das von Generation zu Generationen weitergegeben wurde. Dabei haben Juden und Muslime außerordentlich viel gemeinsam. Jedoch meinen sie, dass ihre Religionen unähnlich seien und kaum Gemeinsamkeiten hätten. Durch die Medien wird dieses Dilemma noch gesteigert, sodass sie einander feind gegenüberstehen. Man fragt sich, wer hat davon Nutzen? Meistens diejenigen, die die Macht haben, die Zeitungen als Sensationsmacher.

Die einfachen Muslime und sicher auch Juden werden zu wenig aufgeklärt, dass sie viele religiöse Gemeinsamkeiten haben.

Die Geschehnisse der letzten Zeit haben mich auf den Gedanken für eine Verarbeitung zu dieser Khutba gebracht, um die Grundwerte beider Religionen nebeneinander zu stellen.

Die grundlegendste Gemeinsamkeit beider Religionen und dem Christentum ist ihr monotheistischer Glaube an den Einen Gott, auch wenn sie verschiedene Namen für Ihn haben. Die einen sagen Jahwe, die anderen Allah, den Einen, wiederum andere hier in Deutschland nennen Ihn Gott.

Die Juden zitieren als Teil ihres täglichen Gebetes. „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“

Der jüdische Philosoph Maimodes aus dem 13. Jahrhundert sagte: „Gott ist einer. Er ist nicht zwei oder mehr, sondern einer, vereinigt auf eine Weise, die jede Einheit in der Welt übersteigt.“

Klingt das in unseren Ohren als sehr bekannt? Im ersten Teil unserer Schahada, dem muslimischen Glaubensbekenntnis, heißt es: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.“

Allah bedeutet „der Eine“, ich nenne Ihn auch Gott.

Auf der einen Seite, der jüdischen: „Gott ist einer“- auf der anderen Seite, der islamischen: „kein Gott außer Allah“

Im ersten Vers der Sure „Al-Ikhlas“ heißt es: Sprich: „Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der Absolute…“ Und beide Religionen meinen den Einen, den Gleichen! Also dürften beide Religionen gar nicht so unüberbrückbar sein, wie man es doch immer wieder hinstellt.

So gibt es viele weitere Stellen in beiden Schriften, die ähnlich klingen, so in der hebräischen Bibel: „Gott schuf die Himmel und die Erde.“ Und nun die Aussage im Koran Sure7: 54: „Gewiss, euer Herr ist Allah, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen schuf.“

Die Thora ist bei den Juden gleichermaßen das wertvollste Buch, da sie ebenfalls von Gott stammt. Ihr Zentrum sind die 10 Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfing. In den Büchern stehen die Gebote und Lehren und das, woran die Juden glauben. Und das wird expliziert im Koran bestätigt. In der Sure 3: 3-4 können wir lesen: „Er sendet dir das Buch mit der Wahrheit in Teilen herab als Bestätigung der früheren Offenbarungen. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt vordem als Rechtleitung für die Menschen.“

Also der Koran bestätigt ganz genau, dass die Schriften der Juden und Christen ebenfalls göttlichen Ursprungs sind. Der Islam mit seinem Koran ist zwar der Höhepunkt der Herabsendungen, weist aber auch darauf hin, dass die Thora und die Evangelien derselben göttlichen Ursprungs sind. Für die damaligen (und das gilt wohl auch heute) Muslime muss das wohl ein Schock gewesen sein. Denn das setzt ja voraus, dass sie auf gleicher Ebene stehen, Jude, Christ und Muslim.

Die mündlich überlieferten Geschichten über Moses liegen zwischen dem 10. Und 6. Jahrhundert vor Chr. Man glaubt, das ein Team jüdischer Priester die 5 Bücher Mose im 5. Jh. vor Chr. zusammengestellt hat, wahrscheinlich 800 Jahre nach der Zeit, in der Mose gelebt haben könnte.

So wie Moses mit den 10 Geboten im Koran erwähnt wird, werden viele andere Propheten, die vor dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, im Koran erwähnt und verehrt. Sie stehen in einer langen Reihe, die die Botschaften von Gott zu ihrer jeweiligen Gesellschaft und in der jeweiligen Zeit gebracht hatten. Die Sure 2:136 besagt. „Wir glauben an Gott und an das, was uns herabgesandt worden ist und was Abraham, Israel, Isaak, Jakob und den Stämmen Israels herabgesandt wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied und Ihm sind wir ergeben.“

Wie oft habe ich gehört: Unser Prophet, Friede und Segen seien auf ihn, ist das Siegel, der letzte Prophet und steht deshalb an der Spitze der Propheten. Deshalb ist auch der Islam die höchste Religion, das heißt: Sie steht über alle anderen.

Nein, jeder Prophet hat seine Richtlinien, seine Sendung zu einem ganz bestimmten Volk und zu seiner ganz bestimmten Zeit bekommen. Die Zeiten und die Menschen verändern sich, deshalb muss auch die Botschaft auf dem jeweils neuesten Stand gebracht werden. Sie sind alle gleichberechtigt. Muhammad war nur der letzte in der Reihe der Propheten.

Der Islam und der Judaismus teilen sich gemeinsame Ansichten über das Jüngste Gericht und die Auferstehung. Die jüdischen Schriften sagen aus: Nach dem Tod sitzen die Seelen der Rechtschaffenen neben dem Thron der Ehre im Himmel, während der Koran in Sure 89:27-30 sagt: „O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Herrn, wohlzufrieden und mit Allahs Wohlwollen. So schließ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies.“ Das heißt: Der Muslim und der Jude glauben an das Jüngste Gericht und daran, dass seine Seele mit Gottes Erbarmen ihren Platz im Paradies finden wird.

Der muslimische Glaube ist auf 5 Säulen aufgebaut. An erster Stelle steht im Islam das Glaubensbekenntnis, was ich schon genannt habe und dass es ein ähnliches Bekenntnis in der jüdischen Religion gibt.

Ebenso ist von zentraler Bedeutung in beiden Religionen das Gebet. Wir beten 5x am Tag, die jüdischen Gläubigen 3x. Die Gebete sollen uns auf der einen Seite an die ständige Anwesenheit von Gott erinnern, bzw. wir sollen uns an Gott erinnern. In den Gebeten loben wir Gott und bitten Ihn und danken Ihm.

Unsere 3. Säule ist Zakat, die soziale Pflichtabgabe. Sie ist als Unterstützung von Bedürftigen gedacht. Sie fördert einerseits die soziale Sicherheit und das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Sie ist deshalb ein wichtiger Bestandteil jeder islamischen Gesellschaft, da sie jedem Menschen die Lebensgrundlage sichert, ohne dass sich der Empfänger jemandem verpflichtet fühlen muss. Andererseits wird diese Abgabe auch als eine Art innere Reinigung angesehen. Im Koran, Sure 2:177 steht: „…und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es selbst wertschätzen mag – für seine Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

Genauso ist die Zedaka, die Wohltätigkeit gegenüber den Bedürftigen, eine der höchsten Werte im Judentum. Im Leviticus, das ist das 3. Buch des jüdischen Tanachs, oder das 3. Buch Mose, steht: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Diese wenigen Sätze erklären sehr gut, wie die Wohltätigkeit der früheren jüdischen Gesellschaft funktionierte.

Ebenfalls ist beiden Religionen das Fasten vorgeschrieben, wenn auch mit unterschiedlicher Dauer.

In beiden Religionen bedeutet es eine innere Einkehr und Besinnung für jeden einzelnen Muslim oder Juden.

Juden fasten an Jom Kippur, d.h. am 10. Tag des siebenten Monats, dem Tag der Versöhnung. Gott fordert von seinem damals auserwählten Volk zur Einhaltung seines Gesetzes des Fastens und der Ruhe auf. Juden bekennen an diesem Tag ihre Sünden und bitten Gott um Vergebung. Sie fasten durchgehend 25 Stunden, vom Sonnenuntergang bis Einbruch der Nacht (etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang) des folgenden Tages. Bis dahin darf weder feste noch flüssige Nahrung eingenommen werden. Wir fasten im Monat Ramadan vom Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. Und ebenfalls bitten wir Gott um Vergebung und Barmherzigkeit.

Genauso legen beide Religionen Wert auf das religiöse Pilgern. Als der jüdische Tempel in Jerusalem stand, wurden sie aufgefordert, während der Wallfahrtsfeste dorthin zu pilgern. Heute erinnert in Jerusalem nur noch die Westmauer an das zerstörte Heiligtum der Juden. Heute pilgern, besser „besuchen“ die jüdischen Gläubigen nur noch ihre sogenannte Klagemauer als ein religiöser Brauch.

Die Riten der islamischen Pilgerreise stammen noch aus vorislamischer Zeit, als die Kaaba, ihr Mittelpunkt, ein polytheistischer Wallfahrtsort war. Sie wurde der islamischen Lehre nach von Abraham und seinem Sohn Ismael, der, wie ihr wisst, als Stammvater der Araber gilt, als Haus Gottes und der Menschen gebaut. Vielleicht begann damals schon die Umrundung der Kaaba?

Aber noch ein Element in beiden Religionen ist wichtig. Wir finden sie in der Basmala und an vielen Stellen im Koran: Gott, Allah ist der Barmherzigste und der Allerbarmer. Und bei den Juden heißt es im Ezodus34, 6-7: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg.“ Beide, Jude oder Muslim verlassen sich auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, auf Seine Führung durch den Koran und den hebräischen Schriften Und Gottes Beispiel folgend werden wir ebenfalls aufgefordert, zu vergeben, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu handeln, das Richtige zu tun. Und der mittelalterliche jüdische Maimonides sagte: „Es ist einem Menschen verboten, grausam zu sein und sich der Versöhnung zu verweigern. Wenn ein Mensch, der ihm ein Übel getan hat, ihn um Vergebung bittet, sollte er ihm aus vollem Herzen und willigem Geist vergeben.“

Und der Koran betont. „Allah liebt, die da Gutes tun.“

Es gibt bestimmt noch etliche Aussagen in beiden religiösen Schriften, die als übereinstimmend betrachtet werden können.

Gott hat immer wieder Propheten geschickt, zu allen Zeiten, zu unterschiedlichen Gesellschaften, aber ihre Botschaften waren dieselben, nur Zeit und Ort waren unterschiedlich, da sich ja auch die Menschen in ihrer Gesellschaft geändert haben. So ähneln sich beide Schriften und wenn man über die Aussagen von Gottes Worten nachdenkt, so haben sie sich nie geändert.

Al-Fatiha

Al-Fatiha

Wir beten 5x am Tag und jedes Mal ist die Al -Fatiha dabei. Sie begleitet uns sozusagen durch den Tag, durch das Jahr, durch unser ganzes Leben als Muslim. Sie ist also sehr wichtig. Aber es kann passieren, wenn man etwas sehr oft sagt, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt. Aus dem Grund möchte ich einfach mal genauer betrachten.

Al-Fatiha bedeutet im Arabischen: „Anfang einer Sache, Einleitung oder Vorwort“.

Sie eröffnet als erste Sure (Kapitel) nicht nur den gesamten Koran-Text, sondern wird auch im rituellen Gebet (as-Salat) am Anfang jeder Rak’a, einem Gebetsabschnitt rezitiert. Ohne die Al-Fatiha ist das rituelle Gebet ungültig.

Diese Anfangssure hat noch andere Namen, in der ihre Wichtigkeit betont wird. „Umm al-Quran“ – Mutter des Buches, „Fatiha al-Koran“ – Eröffnende des Buches, weil sie die erste Sure ist, wenn man den Koran aufschlägt. Es gibt noch viel andere Namen.

Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen mit ihm, berichtete, dass der Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sagte: „Wer ein Gebet verrichtet und dabei nicht die „Mutter des Korans“ rezitiert hat, so ist es gekürzt, unvollständig.“ Und der Prophet wiederholte dies dreimal.

Nach der überwiegenden Auffassung der Gelehrten wurden die sieben Verse der Al-Fatiha in Mekka, also vor der Hijra offenbart.

Neben dieser funktionellen Bedeutung hat die Al-Fatiha aber auch noch besondere Bedeutung. Sie berührt den Kern des Glaubens. Sie lehrt den Tauhid, den Glauben an den ‚Einen Gott‘ und legt das Verhältnis Gottes zu den Menschen in seinen Grundzügen dar. Und in ihr werden auch einige der wichtigsten einige Eigenschaften bzw. Namen Gottes genannt.

Was steht nun in der Fatiha: Als erster Vers steht die Basmala: „Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen – Bismi-llahi-r-rahmanir-rahim“.

Dieses steht am Anfang jeder Sure außer der 9. Sure. Die Gelehrten streiten darüber, ob die Basmala ein eigeständiger Vers der Suren ist oder nicht. Diejenigen Quran-Gelehrten, die meinen, die Basmala sei kein eigener Vers, führen u.a. einen Hadith an, worin der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, die Rezitation “der bedeutendsten Sure des Koran“ mit der Al-Hamdala – dem zweiten Vers also- und nicht mit der Basmala beginnt, das auch A’isha, die Ehefrau des Propheten bestätigt. Darum sagen viele Rezitatoren die Basmala leise auf, so wie ich es tue.

Der Prophetengefährte Ibn Abbas sagte in einem Hadith: „Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wusste keine Einleitung der Suren, bis ihm Bismi-llahi-r-rahmani-r-rahim“ offenbart wurde.“ Wir sehen also, wenn wir die Überlieferung ernst nehmen, dass die Basmala zu Beginn der Suren nicht als Bestandteil, sondern als eine nicht unbedingte Einleitung anzusehen ist. In der ersten Sure, der Al-Fatiha bekommt sie dennoch die Versnummer 1, sie ist ja der erste Bestandteil der gesamten, durch Verszählung gekennzeichneten Offenbarung, in den anderen ist sie als eine Einleitung zu sehen.

Die Basmala lautet: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“.

Der Name Allah gehört nur unserem Schöpfer allein; er setzt sich zusammen aus dem Artikel „Al-“ und dem arabischen Wort „llah“. Al-llah bedeutet demnach „der Gott“, dh. der alleinige Gott, neben Dem es keine anderen Götter gibt. Dieser Name „Allah“ ist nicht übersetzbar, denn er ist ein Eigenname unseres Schöpfers, der zugleich alle Attribute umfasst, die Ihm zustehen, und zu diesen 99 Attributen oder „Namen“ Allahs, die im Koran genannt werden, gehören auch „der Allerbarmer“ und „der Barmherzige“- „Ar-rahman“ und „Ar-rahim“.

Jeder der beiden Namen hat eine bestimmte Bedeutung, die ihr eigen ist. Wie unterscheiden sie sich? Beide Begriffe haben denselben Ursprung. Dennoch, alle Gelehrten sind einig, dass der Begriff ar-rahman in seiner Bedeutung Allerbarmer eine umfassendere und allgemeinere Form von Barmherzigkeit bezeichnet. Sie umfasst das ganze Diesseits und Jenseits, während die Barmherzigkeit von ar-rahim der Barmherzige sich auf das Jenseits bzw. auf einen Teil Seiner Schöpfung bezieht. Den Gläubigen wurde ja schon im Diesseits Seine Güte gewährt, an ihn und an seine Gesandten zu glauben und seinen Geboten zu folgen, während die Barmherzigkeit von ar-rahman alle anderen Anders- und Nichtgläubigen im Diesseits mit seiner Güte umfasst. Er versorgt sie ja auch und hat ihnen Verstand gegeben. Ar-rahman umfasst jedes Geschöpf, also umfassender.

Sure 33:43: Er ist es, der euch segnet, und seine Engel bitten darum für euch, dass Er euch aus den Finsternissen zum Licht führe. Und Er ist Barmherzig gegen die Gläubigen. Es bedeutet, dass Gott den Gläubigen seine Güte im Diesseits durch den Glauben an Ihn Erfolg gab, während Er im Jenseits ihnen Wohltaten erweist.

Beginnen wir mit der eigentlichen Sure, dem

2. „al-ḥamdu li-llāhi rabbi l-ʿālamīn – Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten

Es ist der aufrichtige Dank für alle unendliche Wohlgaben an die Menschen, z.B. die Versorgung. Ohne dass wir etwas dafür tun müssen, Er versorgt uns, damit wir leben können.

Ibn Abbas, ein Gefährte des Propheten sagte über alhamdu: Es ist der Dank gegenüber Allah und die Unterwerfung ihm gegenüber. Es ist die Anerkennung seiner Wohlgaben, seine Rechtleitung und dass er uns aus dem Nichts erschaffen hat.

Er ist der Besitzer der ganzen Schöpfung, der Herr aller Welten, den Welten der Dschinn und die Welten der Menschen. Er regelt alle Angelegenheiten seiner Geschöpfe. Und dafür gebührt Ihm Dank.

3. „ar-raḥmāni r-raḥīm“ – dem Allerbarmer, dem Barmherzigen.

4 „Māliki yaumi d-dīn“ – dem König (Herrscher) des Gerichts

Din bedeutet Gericht oder Abrechnung. Es ist der Tag, an dem die ganze Schöpfung zur Rechenschaft gezogen wird, so auch die Menschen. Ibn Abbas sagte: Wenn ihre Taten gut waren, dann gut für sie; wenn sie schlecht waren, dann schlecht für sie, außer jenen, denen vergeben wird, denn die Befehlsgewalt gebührt Allah allein.

Wie oft maßen wir uns an, über Leute zu urteilen. Nein, das letzte Wort hat Gott allein. (Das Gleiche kann man auch über das sagen, was man mir und anderen jetzt öfter vorgehalten hat: dass ich zu einer der 72 islamischen Strömungen gehöre, die in die Hölle kommen werden, nur eine ist die richtige. So macht man den Menschen Angst. Nein, nicht die Menschen halten Gericht über die Seele, sondern ausschließlich Gott. Und Er ist der Barmherzige.

5. „Iyyāka naʿbudu wa-iyyāka nastaʿīn“ – Dir allein dienen wir, und Dich bitten wir um Hilfe.

Wir bedürfen Gottes Hilfe. Darum bitten wir Ihn in voller Aufrichtigkeit.

6. „Ihdinā ṣ-Ṣirāṭa l-mustaqīm“ – Führe uns den geraden Weg,

Ich würde zu Gott bitten: Hilf mir dabei, auf dem richtigen Weg zu bleiben und auch standhaft zu bleiben, allen Beschwernissen oder Hindernissen zu trotzen. Natürlich mit Seiner Hilfe! Der gerade Weg bedeutet soviel wie der deutliche oder richtige Weg, auch wenn er nicht ‚gradlinig‘ verläuft.

7. „Ṣirāṭa llaḏīna anʿamta ʿalayhim ġayri l-maġḍūbi ʿalayhim wa-lā ḍ-ḍāllīn“ – den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die D(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!

Ibn Abbas meint hier wieder: den Weg derjenigen, denen Gott die Gunst unter den Engeln, den Propheten, den Wahrhaftigen, den Rechtschaffenen erwiesen hat und Seinen Gebote Folge leisten und Ihn anbeten. Damit sind die Gläubigen gemeint,

nicht wie diejenigen, die Seinen Zorn erregen aufgrund ihrer Ablehnung Ihm gegenüber. Und Ibn Abbas meint weiter: Die Ungerechten, die den geraden Weg verlassen haben und die den Zorn Allahs erregt haben.

Dschabir b. Abdullah berichtet, und es ist überliefert von Muslim, dass der Prophet sagte: „Allah sagte: ‚Ich habe das Gebet zwischen Mir und Meinem Diener in zwei Teile geteilt, und Meinem Diener wird das zuteil sein, worum er bittet.‘ Wenn der Diener sagt: ‚Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten‘, sagt Allah, der Allmächtige und Majestätische: ‚Mein Diener hat Mich gelobt.‘ Und wenn er sagt: ‚Dem Allerbarmer, dem Barmherzigen‘, sagt Allah, der Allmächtige und Majestätische: ‚Mein Diener hat mich gepriesen.‘ Und wenn er sagt: ‚Herrscher am Tage des Gerichts‘, sagt Allah: ‚Mein Diener hat Mich gerühmt,‘ und manchmal sagt Er: ‚Mein Diener hat alles auf Mich zurückgeführt.‘ Und wenn er sagt: ‚Dir allein dienen wir und Dich allein flehen wir um Hilfe an‘, sagt Er: ‚Dies ist zwischen Mir und Meinem Diener, und Meinem Diener wird das zuteil sein, worum er bittet.‘ Und wenn er sagt: ‚Leite uns auf den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst und nicht der Irrenden‘, sagt Er: ‚Dies ist für Meinen Diener, und Meinem Diener wird das zuteil sein, worum er bittet.‘

Zusammengefasst: Die Fatiha nimmt eine hervorragende Stellung im Koran ein, sie ist die Eröffnende. Sie eröffnet nicht nur den Koran, sondern auch das Gebet und beinhaltet wichtige Glaubensgrundsätze. Wir praktizieren Demut, sie stärkt den Glauben und das Wissen über Gott, es spricht das Diesseits durch unser Bitten und das Jenseits durch unsere Hoffnung an.

Die ganze Sure besteht aus zwei Teilen, sie teilt sich ein in eine Anrufung und Verehrung Gottes und es ist zugleich ein Bittgebet an Ihn. Wir rufen also Gott 17x in 5 Einheiten am Tag an und bitten Ihn jedes Mal um Vergebung und Rechtleitung.

Zum Abschluss bitte ich Gott, dass Er unsere Gebete annimmt und uns verzeiht und uns immer auf Seinen rechten Weg leitet. (Al-Fatiha)

Koran und islamische Wissenschaft

Koran und islamische Wissenschaft

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

 َفَلَا يَتَدَبَّرُونَ ٱلْقُرْءَانَ ۚ وَلَوْ كَانَ مِنْ عِندِغَيْرِ ٱللَّهِ لَوَجَدُوا۟ فِيهِ ٱخْتِلَـٰفًۭا كَثِيرًۭا

Sure 4:82 „Sie machen sich keine Gedanken über den Koran. Wäre er von einem anderen als von Allah, so würden sie darin gewiss viel Widerspruch finden.“

Sure 21:30 „Sehen die Ungläubigen denn nicht, dass die Himmel und die Erde vereint waren (als Einheit der Schöpfung), bevor Wir sie auseinander spalteten?“

Wer nachdenkt, wird unweigerlich zu dem Schluss kommen:  Dieser Vers benennt den Anfang von allem, der Schöpfung und Ursprung des Universums. Die Astrophysiker haben ein Wort dafür: der Urknall! Die Theorie der Wissenschaftler wird wohl immer eine Theorie bleiben, aber sie wird heute durch Jahrzehnte lange Forschung unterstützt. Aber vor über 1400 Jahren haben die Wüstenaraber schon diesen Vers gelesen und sich darüber Gedanken gemacht. Auch wenn sie es noch nicht vollkommen verstanden haben, sie haben es einfach akzeptiert.

Weiter gehen die Gedanken: Wieso steht so eine ungeheuerlich wichtige Wahrheit in einem Buch, die man zu der damaligen Zeit noch nicht so richtig verstehen konnte? Es ist eine Mitteilung von Gott an die Menschen, vielleicht für uns heutige Menschen? Der Koran gilt doch für alle Zeiten! Vielleicht haben diese und ähnliche Verse Anstoß gegeben für ein erstes Nachdenken, um es eines Tages zu verstehen, Anstoß für etwas Neues: das wissenschaftliche Arbeiten. Gott betont im Koran ja immer wieder: „Wollt ihr denn nicht wissen? Oder: Wollen sie denn nicht nachdenken?“

Sie schufen damit im Orient ein ganz neues Zeitalter, auf dem auch Europa Jahrhunderte später aufbaute.

Im Koran finden wir viele Verse, die sich auf Naturphänomene beziehen. Im Laufe der Zeit haben sich viel große Gelehrte mit diesen Wundern beschäftigt. Einer davon war Imam al- Ghazali. Er stellt in seinem Buch: „Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ fest: „Kurz gesagt, sind alle Wissenschaften in den Werten und Attributen Allahs eingeschlossen, und der Koran ist die Erläuterung Seines Wesens, Seiner Attribute und Seiner Werke. Es gibt keine Begrenzung der Wissenschaften, und im Koran gibt es einen Hinweis auf ihre Vereinigung.

Weiter stellt er fest: „Zu Gottes Werken gehört auch die Bestimmung des menschlichen Wissens von Sonne und Mond und ihren Stationen nach festgelegter Berechnung, wie Gott sagte: ‚Sonne und Mond bewegen sich nach einer festgelegten Berechnung.‘“

Er zitiert auch ibn Mas’ud: „Wenn man Kenntnis von den Wissenschaften der antiken Klassiker und der Neuzeitigen haben möchte, sollte man über den Koran nachdenken.“ Wie auch die Sure 6:38 feststellt: „Nichts haben Wir in dem Buche ausgelassen…“.

Shaykh Muhammad Bakhit Al-Mutî`î – ein Großmufti Angang des 20.Jh.- schreibt in seinem Buch: „Tanbih al-Uqul al-Insani“: „Wer meint, der Koran sei ein Buch zur Darlegung der (islamischen) Gesetze und zur Gesetzgebung, der geht der Wahrheit aus dem Weg. Der Koran ist die Quelle aller Wissenschaften und der menschlichen Zivilisation. Mit seinen Aussagen und Hinweisen hat der Koran Beweismaterial für Wesen und Eigenschaften aller Dinge und ihrer quantitativen und qualitativen Veränderungen und enthält alle Wissenschaften, die sich mit den äußeren Realitäten befassen, seien sie himmlisch oder irdisch.“

Aber dennoch gibt es heute muslimische Gelehrte, die sagen (Ich zitiere Mehdi Golschani (Mitglied der iranischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Obersten Rats für die Kulturrevolution im Iran): „Der Koran wurde nicht offenbart, um uns Wissenschaft und Technologie zu lehren, vielmehr ist er ein Buch der Rechtleitung. Darum liegt es außerhalb seiner Zielsetzung, von Physik und Naturwissenschaften zu sprechen. Der Koran alles enthält, was für unsere Rechtleitung und Glückseligkeit notwendig ist (sowohl in dieser Welt wie im Jenseits).“

Ich zitiere noch einmal den Vers am Anfang der Predigt: 4:82 Sie machen sich keine Gedanken über den Koran. Wäre er von einem anderen als von Allah, so würden sie darin gewiss viel Widerspruch finden.

Dieser Vers betont, dass es nur Gott sein konnte, der so ein Werk vollbringen konnte mit all seinen Wundern, die wir heute besser verstehen als zur damaligen Zeit im 7. Jahrhundert.    Mit den Worten von Zakir Naiks: Welche Schrift auch immer behauptet, eine göttliche Offenbarung zu sein, muss auch aus Kraft ihrer eigenen Vernunft und Logik akzeptabel sein. Und das stellt der Koran vollkommen unter Beweis, es sind wissenschaftliche Fakten und keine bloßen Hypotheken und Theorien. Das macht den Koran auch so einzigartig.

Albert Einstein stellte fest: Wissenschaft ist ohne Religion lahm, Religion ohne Wissenschaft blind. Wollen wir also sehen, ob Koran und Wissenschaft zusammenpasst, vereinbar oder unvereinbar ist.

Fangen wir mit dem Beginn von allem an, dem Urknall. Die Theorie dazu wird durch beobachtende und experimentelle Daten getragen. Im Koran erklärt der Vers 21:30 den Ursprung des Universums folgendermaßen: Sehen die Ungläubigen (denn) nicht, dass die Himmel und die Erde vereint waren (als eine Einheit der Schöpfung), bevor Wir sie auseinander spalteten?

Für mich gilt gerade dieser Vers als ein Wunder und es beweist, dass es einen Gott gibt, wie konnte sonst ein Buch diese echt wissenschaftliche Wahrheit beinhalten? Die Menschen vor rund 1400 Jahren konnten sich das nicht ausdenken, noch verstanden sie es. Heute wissen wir, dass eine gewaltige gasförmige Masse vor der Bildung des Universums existierte.

Betrachten wir folgenden Vers 21:33: „Und Er ist es, der die Nacht und den Tag erschuf und die Sonne und den Mond. Sie schweben, ein jedes Gestirn auf seiner Laufbahn.“

Das Verb ‚schweben‘: sabaha, im Vers yasbahun bedeutet sozusagen Bewegung eines sich bewegenden Körpers. Es bedeutet, dass das Gestirn nicht einfach nur durch den Raum fliegt, sondern dass es sich dabei auch noch bewegt, also rotiert. Noch deutlicher finden wir es in Sure 36. 40: Weder hat die Sonne den Mond einzuholen, noch eilt die Nacht dem Tage voraus; und alle schweben auf einer Umlaufbahn. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Astronomen die individuellen Umlaufbahnen der Sonne und des Mondes auf ihrer Reise durch den Raum mit ihren eigenen Rotationen präzisiert haben und nun auch die Stellungen der sichtbar gemachten der Sterne im Universum durch Instrumente.

Ein Vers, den ich jahrelang glattweg überlesen hatte, brachte mich dann doch in Erstaunen: Sure 51.47 “Und den Himmel haben Wir mit (Unserer) Kraft erbaut; und siehe, Wir weiten ihn noch aus.”

1916 formulierte Albert Einstein seine allgemeine Relativitätstheorie, die darauf hindeutete, dass sich das Universum entweder ausweitet oder zusammenzieht.  Die Bestätigung der Theorie, dass das Universum expandiert, kam 1929 vom Astronom Edwin Hubble. Als der Koran offenbart wurde, war das Wort ‚Weltraum‘ noch nicht bekannt. Die Menschen benutzten das Wort “Himmel”, um alles zu bezeichnen, was oberhalb der Erde war.  Das Wort ‚Himmel’ steht hier deshalb für Weltraum bzw. für das ganze Universum, das sich ausweitet, genau wie Hubbles Gesetz es aussagt.

Es gibt ungefähr 750 Koranverse, die sich mit Naturerscheinungen beschäftigen. Was bedeuten sie für uns? Es sind wichtige Botschaften an die Wissenschaftler und an gläubige Muslime. Sie vermitteln uns Aspekte der Natur und der ganzen Schöpfung.

Sure 10:101 „Sprich: ,Betrachtet, was in den Himmeln und auf Erden ist…‘“

Hier werden die Menschen aufgefordert, ihren Verstand zum Verständnis der Natur zu nutzen. Am besten sind da die Worte von  einem der einflussreichsten iranisch-islamischen Philosophen des letzten Jahrhunderts: Tabat Abayi:  „Der Koran lädt ein zum Nachdenken über himmlische Zeichen, die strahlenden Sterne und die Verschiedenheiten ihrer Zustände und die systematische Ordnung, die sie regiert. Er ermutigt zur Betrachtung über die Schöpfung der Erde, der Meere, der Gebirge, die Schöpfung von Pflanzen und Tieren, der Menschen und ihrer inneren Welt. Auf diese Weise lädt er dazu ein, die Wissenschaften der Natur und Mathematik und aller anderen Gebiete zu studieren, deren Kenntnis im Interesse der Menschheit liegen und der menschlichen Gesellschaft Glückseligkeit bringen. Der Koran lädt unter der Voraussetzung zu diesen Wissenszweigen ein, dass die Menschen durch diese Kenntnisse zur Wahrheit geleitet werden. Andernfalls ist ein Wissen, das der Unterhaltung dient und die Erkenntnis Gottes und der Wahrheit behindert, im Vokabular des Koran gleichbedeutend mit Unwissenheit“

Ich möchte noch einmal den Vers aus der Sura ‚Die Propheten‘ Vers 33 anklingen lassen: Und Er ist es, der die Nacht und den Tag erschuf und die Sonne und den Mond. Sie schweben, ein jedes Gestirn auf seiner Laufbahn.

Die Muslime wussten aufgrund der Aussage im Koran, dass jeder Planet seine Laufbahn hat. Durch ihre Beobachtungen und exakte Forschungen wurde die islamische Himmelskunde für Jahrhunderte zur führenden Astronomie der Welt. Die Muslime entwickelten die verschiedensten und zudem genauesten Beobachtungs- und Messgeräte und Sternkarten. Die Astronomie stellte einen wichtigen Bereich für die Muslime dar, da man zur Verrichtung des Gebets die Himmelsrichtungen kennen musste.

Gott sagt im Koran 78:6-7: Haben wir nicht die Erde zu einem Lager gemacht und die Berge zu Pflöcken? Und weiter in Sure 16:15 Und Er hat feste Berge auf der Erde gegründet, damit sie nicht mit euch wanke… 

Erst im 19. Jh. konnten Wissenschaftler beweisen, dass Berge tiefe Wurzeln unter der Erdoberfläche besitzen.   Das passendste Wort, um diese Berge zu beschreiben, ist das Wort „Pflock”, weil der Großteil des gesamten Pflockes unter der Erdoberfläche verborgen ist.  Genauso sind die Berge wichtig bei der Stabilisierung der Erdkruste. Sie verhindern das Wackeln der Erde.  Die Rolle der Berge als Stabilisatoren der Erde wurde erst im Rahmen der Platten-Tektonik in der 2. Hälfte des 20. Jh. verstanden.

Also Gott wusste schon, was das Richtige ist. Und wir wissen heute durch die Wissenschaft, dass die Erdkruste normal rund 35 km dick ist, aber z.B. ist sie unter dem Himalaya fast 70 km dick, um dieses schwere Gebirge tragen zu können.

Zusammengefasst gibt der heilige Koran uns eine wunderbare und richtige Sichtweise auf unsere Welt, unserer Erde, damit wir als Gottes Stellvertreter sie für uns nutzen können.

Islamische Wissenschaft ist Wissenschaft, die im wissenschaftlichen Geist und mit wissenschaftlicher Methodik von Muslimen getrieben wird. Wissenschaft wird erst dann islamisch sein, wenn sie von gläubigen und praktizierenden Muslimen zu Höchstleistungen erbracht werden. Ohne Bildung bzw. mangelnde Bildung und Kreativität in der muslimischen Welt wird es keinen Fortschritt geben. In der muslimischen Welt blickt man noch zu starr in die Vergangenheit. Man glaubt, wenn der Koran die Wissenschaften schon aufzeigt, weiß man schon alles. Nein, man muss auf ihrer Grundlage forschen und dabei nicht nur die Vergangenheit betrachten, sondern mit den Augen der Gegenwart und Zukunft. Aber ohne freies Denken, gepaart mit Kreativität und Spiritualität, wird es keine Zukunft in den islamischen Wissenschaften geben. Die muslimisch geprägten Länder waren einst die Blüte in den Wissenschaften, heute haben sie noch viel nachzuholen.

Und so bitte ich Gott, es uns leicht zu machen, um nach Wissen zu streben und es auch anzuwenden

Koran – unerschaffen oder erschaffen

Koran – unerschaffen oder erschaffen

Bald beginnt wieder die Zeit des Ramadans, in dem die koranische Offenbarung vor Jahrhunderten ihren Anfang hatte, von Gott zu den Menschen herniedergesandt wurde.

Der Koran ist ein Kanal der Kommunikation zwischen Gott und Mensch.

Er ist, nach der von allen Muslimen akzeptierten Meinung, die Rede Gottes, die über einen Zeitraum von 23 Jahren dem Propheten Muhammad (alaihi-s-Salatu wa-s-Salam – auf ihn seien Segen und Friede), in der arabischen Sprache geoffenbart wurde.

Was bedeutet also die ‚Rede Gottes?‘ Der Koran gibt selbst die Antwort. Sehen wir uns die Sure 18:109 an. „Sprich: Wäre das Meer Tinte für das Wort meines Herrn, wahrlich, das Meer würde versiegen, ehe die Worte meines Herrn zu Ende gingen, …“. In Sure 31:27: „Und wenn alle Bäume, die auf der Erde sind, Schreibrohre wären und der Ozean Tinte und sieben Ozeane würde sie mit Nachschub versorgen, selbst dann könnte Allas Worte nicht erschöpft werden.“ Das betont die Unendlichkeit der Worte von Gott. Und wenn die Worte nicht ausgehen, unendlich sind, dann kann der Koran nur eine bestimmte Verlautbarung des Gotteswortes sein, das bedeutet: der Koran in seinem Umfang als Text ist begrenzt.

Aber der Koran bezeichnet sich an einigen Stellen selbst als ‚Rede Gottes‘. Steht also doch der Koran und Gottes Wort auf gleicher Ebene?

Fast solange der Koran existiert, solange hat man über ihn diskutiert. Anfang des 8. Jahrhunderts verkündete al-Dschaʿd ibn Dirham zum ersten Mal für die damalige Zeit seine „ketzerischen“ Ideen von der „Erschaffenheit des Korans“ und wurde ebenso wie sein Schüler Dschahm ibn Safwān (gest. 746) hingerichtet.

Andererseits soll der Gelehrte Sufyān ath-Thaurī aus Kufa (gest. 778) seine ʿAqīda, den Glaubensgrundlagen, mit dem Glaubenssatz begonnen haben: „Der Koran ist die Rede Gottes, ungeschaffen, von ihm nahm er seinen Anfang und zu ihm kehrt er zurück.“ Wahrscheinlich war das auch die Meinung der muslimischen Bevölkerung. Also 2 Meinungen!

Im 9.Jahrhndert kam es zur sogenannten „Inquisition der Erschaffenheit des Koran“. Mit dieser Lehre stellten sich viele Gelehrte gegen die von anderen muslimischen Gelehrten vertretene Position, wonach der Koran als Rede Gottes präexistent ist, also bereits von aller Ewigkeit her existiert. Der Lehrsatz von der Erschaffenheit des Korans wurde sogar zeitweise zur Staatsdoktrin erhoben, während diejenigen, die sie ablehnten, im Rahmen der Mihna (Prüfung) verfolgt wurden.

Der abbasidische Kalif al-Ma’mūn, der zu dieser Zeit herrschte, schrieb in einem Brief an seinen Gouverneur von Bagdad „Die Menge und große Mehrheit von den Untertanen und das niedrigstehende Volk, die nicht nachdenken und überlegen, und nicht die Argumente und die Rechtleitung nutzen, die Gott zur Verfügung stellt, und nicht durch das Licht der Wissenschaft erleuchtet sind, […] stellen Gott und den Koran, den er herabgesandt hat, auf die gleiche Stufe. Sie stimmen alle darin überein, dass er anfangsewig ist, vom ersten Augenblick an existiert und Gott ihn weder erschaffen, hervorgebracht oder erzeugt hat.“

Es standen demnach zwei gegensätzliche Theorien der Natur des Koran gegenüber: entweder in der Zeit erschaffen, also eine Botschaft in der Zeit hervorgebracht und als göttliche Tat erschaffen oder als eines der göttlichen Attribute, die ja zeitlos und ewig gelten.

Was war geschehen? Es stritten sich im 9. Jahrhundert zwei Richtungen, die rationalistisch ausgerichtete Schule der Mu’taziliten und die Sunniten um Ahmad ibn Hanbal, der auf der Vorstellung bestand, dass der Koran das ewige und unerschaffene Wort Gottes sei. Das Verhältnis der Wesensattribute zum Wesen Gottes war also ein Streitpunkt zwischen den verschiedenen Schulen. Noch heute wird im sunnitischen Islam hanbalitischer Prägung die Lehre von der Erschaffenheit des Korans als häretisch, das heißt ketzerisch abgelehnt und natürlich die anderen Hauptströmungen.

Was sind nun die Handlungs- und Wesenseigenschaften?

Die Handlungsattribute werden von den Wesensattributen anhand von zwei Merkmalen differenziert.

Erstens: Die Wesensattribute sind mit dem Wesen- also Gott identisch und damit unendlich; die Handlungsattribute sind, weil sie Gegensätze zulassen, endlich. Gott hat sich die Barmherzigkeit selbst auferlegt. Meines Erachtens ist sie demnach keine Eigenschaft, die schon immer währte. Sonst bräuchten wir ja nicht um seine Barmherzigkeit bitten. Gott existierte ja, als Er sich die Barmherzigkeit auferlegt hatte.

Zweitens: Die Wesensattribute sind so ewig wie das Wesen. Sie werden einerseits mit der Wesenheit Gottes selbst als eine unteilbare Einheit definiert bzw. damit identifiziert und sind dem Wesen nicht überflüssig. Die Handlungsattribute werden von den Taten bzw. Handlungen vorausgesetzt. Mit anderen Worten: Die Wesenseigenschaften Gottes sind ewige Eigenschaften, welche nur die Wesenheit Gottes voraussetzen. Es sind Eigenschaften der Vollkommenheit, die Gott in seiner Existenz unbedingt bedarf, z.B. Eigenschaften des Lebens, des Wissens, der Allmacht, Ewigkeit.

Tateigenschaften oder Handelseigenschaften müssen existieren, um Gott beschreiben zu können. Ein Beispiel: Die Schöpfung erfüllt die Voraussetzung dafür, um Gott als Schöpfer, al-Khaliq, auszuzeichnen.

Nasr Hamid Abu Zaid schreibt in seinem Buch „Gottes Menschenwort“: Die Theorie der Mu’taziliten im 9.Jahrhundert über das Verhältnis zwischen Mensch, Sprache und dem Korantext konzentriert sich auf den Menschen als Adressaten des Textes. Sie suchten eine Brücke zwischen der Vernunft des Menschen und Gotteswort. Sie betrachteten den Text des Korans als eine von Gott erschaffene Handlung, nicht als seine ewige und wörtliche Äußerung. Sie sahen das Gotteswort also nicht als eine Wesenseinheit an, sondern als ein Attribut der Erschaffenheit, während die Hanbaliten genau das Gegenteil behaupteten. Hanbal soll sich geäußert haben: „Nichts von Gott ist erschaffen, und der Koran ist von Gott“

Mit anderen Worten: Die Mu‘taziliten vertraten die Meinung, dass der Koran zeitlich sei, also erschaffen. Er gehöre nicht zu den Attributen des ewigen göttlichen Wesens. Der Koran ist die Rede Gottes, das heißt, eine Rede ist eine Tat und keine Eigenschaft, folglich gehöre er zu den Tatattributen und nicht zu den Wesensattributen. Nach den Mu‘taziliten benötigt die Rede die Existenz eines Angesprochenen, zu der gesprochen werden kann. Würde die Rede ewig sein, müsste also Gott sich an jemanden wenden, der noch gar nicht existieren würde. Denn ein Wesensattribut ist ewig und bedarf nicht die Existenz einer Welt bzw. der Existenz eines Angesprochenen. Solche Wesenseigenschaften sind Wissen, Macht, Ewigkeit, Leben.

Die Mu‘taliziten meinten, Gott sei wissend durch sein Wesen, hörend durch sein Wesen, mächtig durch sein Wesen. Um Dinge zu wissen, zu hören, braucht Gott keine Eigenschaft, denn alles, was es zu verstehen, zu wissen, zu hören usw. gibt, weiß Gott durch sein Wesen.

Auch die Ibaditen im Maghreb übernahmen die Lehre von der Erschaffenheit des Korans, während im Oman, einem anderen Zentrum der Ibaditen noch im 12, Jahrhundert noch die Meinung über die Unerschaffenheit herrschte. Heute besteht unter den Ibaditen ein Konsens über die Erschaffenheit des Korans.

Ist nun die wohlverwahrte Tafel, oder der Thron, Gottes Stuhl ewig und zeitlos? Wenn das so wäre, würden die Wesensattribute zunehmen. Wenn aber die Tafel in der Zeit erschaffen wurde, dann kann der Text auf der Tafel nicht ewig und unerschaffen sein. So muss man davon ausgehen, dass auch der auf ihr niedergeschriebene Koran erschaffen wurde.

Wenn man sich im Gegenteil für den ewigen Koran entscheidet, so bedeutete das, dass jedes einzelne Geschehen, welches im Koran geschildert wird, vorherbestimmt war. Es bedeutet ein striktes Festhalten an der wörtlichen Bedeutung des Korantextes. Das bedeutet, Aisha musste unbedingt ihre Kette verlieren, um zu den folgenden Ereignissen zu kommen. Oder die Heuchler, die im Koran beschrieben wurden, hatten ja keine andere Wahl als zu heucheln. Das bedingt dann auch, dass sie keine Verantwortung über ihr Heucheln tragen, es ist ja vorhergesehen. Aber wir werden eines fernen Tags doch zur Verantwortung gezogen! Irgendetwas stimmt also meines Erachtens nicht mit der Ewigkeit des Korans. Der Koran ist eine Botschaft und Botschaften sind als einen Text zu betrachten, zumal die chronologische Herabsendung nicht mit der heutigen Struktur des Textes übereinstimmt.

Mohammed Arkoun, ein algerisch-französischer Philosoph und islamischer Gelehrter, 2010 gestorben, meint, die islamische Vernunft sei seit Jahrhunderten durch intellektuelle Ohnmacht, schablonenhaftes Denken und Trägheit bestimmt, die letztlich zu einer Abschaffung jeglicher Freiräume für Kritik geführt hätten. Mit seinem Buch: „Kritik an der islamischen Vernunft“, welches leider noch nicht in Deutsch gibt, verfolgt Arkoun schließlich das Ziel, den Islam mutig und kompromisslos auf alle fehlerhaften Erkenntnisse, Legenden, Parolen und Visionen zu untersuchen, ohne dabei herablassend zu sein.

Ibn Ruschds Aussage über den Koran lautet: „Der Koran ist die Wahrheit selbst, durch ein göttliches Wunder entstanden. Dass er alle Menschen gleichzeitig ansprechen kann, beweist, dass es durch ein Wunder entstanden ist. Der Koran hat eine äußerliche und symbolische Bedeutung für die Ungebildeten und eine innere verborgene Deutung für die Gebildeten.“

Auch für ihn war also der Koran geschaffen.

Muhammad Shahrur meint in seinem 1990 erschienenen Standardwerk: „Die Schrift und der Koran. Eine zeitgenössische Lesung“: „Nur Gottes Wort ist absolut.“ „Der Koran stelle das ‚Siegel der Bücher‘ dar, enthalte also die letzte und endgültige der drei Offenbarungsreligionen. Der Koran beinhalte die absolute Wahrheit Gottes. Diese könne allerdings vom Menschen nur relativ verstanden werden. Daher könne das jeweilige Koranverständnis einer bestimmten Zeit nur für diese Zeit gelten.“ Das heißt: Der erschaffene Koran lässt sich historisch, also zeitgemäß lesen und verstehen. Bei einem unerschaffenen Koran geht das nicht.

Die meisten fortschrittlichen und liberalen Islamwissenschaftler unserer Zeit im arabischen Raum wurden leider wegen ihrer Gedanken Repressalien unterworfen oder ihrer Ämter enthoben.

Und meine Meinung?

Als ich Muslima wurde, bin ich immer wieder über ein Wort gestolpert: ‚Taqwa‘, es wurde damals mit ‚Furcht‘ übersetzt.

Ich konnte das nicht begreifen: Warum soll ich Gott fürchten, wenn ich ihn liebe? Diskussionen darüber waren nicht in meinem Sinn, bis ich eine gute Erklärung bekam: Gottesbewusstsein. Ja, ich bin mir Gottes bewusst, spreche mit ihm, versuche das gut zu machen, was er von mir erwartet. Das heißt: Wenn ich im Koran lese und über das Gelesene nachdenke, mache ich mir meine eigenen Gedanken, beziehe es auf heute und auch auf mich und der Gemeinschaft. Das kann ich aber nicht, wenn ich davon ausgehe, dass der Koran unerschaffen wäre. Die Worte wären ja sinnbildlich in Stein gemeißelt. Nur nicht daran rütteln! Da kann ich nichts auf mich und auf heute beziehen. Aber Gott verlangt in vielen Versen oder Parabeln, dass ich lerne, auch aus den Begebenheiten von vor 1400 Jahren, die der Koran beschreibt, lerne und anwende. Bei historischen Inhalten von damals stelle ich mir die damalige Situation vor und sehe es auch von der heutigen Warte aus und ziehe meine Lehren daraus. Natürlich beachte ich auch verständige Kommentierungen von Gelehrten, die ich zum Verständnis des Korans heranziehe. Also ist für mich der Koran erschaffen.

Friede und Freiheit im Islam

Friede und Freiheit im Islam

Der Begriff für Frieden kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutete ursprünglich Schutz, Sicherheit. Er schließt kulturelle, strukturelle und personelle Gewalt aus. Er ist ein Prozess. Auf die menschliche Gesellschaft übertragen ist Frieden der Zustand eines vertraglichen und gesicherten Zusammenlebens von Menschen sowohl innerhalb als auch zwischen den Gesellschaften und Staaten.

Im islamischen Verständnis trägt das Wort „Islam“ in seiner Wurzel die Bedeutung „Frieden“ in sich. Die arabische Wortwurzel s-l-m steht für „wohlbehalten, in Sicherheit“, eben „in Frieden sein“. Auch das Wort Salam, Friede, ist daraus gebildet. Islam ist das Friedenmachen durch Hingabe an Gott: Ein Muslim, der sich Hingebende, findet dadurch Frieden mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung.

Salam alaikum „Friede sei mit euch!“ ist der traditionelle muslimische Friedensgruß, mit dem sich nach dem Beispiel des Propheten die Muslime überall auf der Welt begrüßen. Und man sagt, dass der Prophet Muhammad (Friede und Segen auf ihn) nicht nur Muslime so begrüßte. Als ein Gefährte ihn fragte, was im Islam am besten sei, entgegnete er: „Dass du den Armen speist und den Friedensgruß dem entbietest, den du kennst und dem, den du nicht kennst.“ Das bedeutet: alle, die dir begegnen, sollte man grüßen.

Der Friedensgruß hat auch eine rituelle Funktion: nach jedem der fünf täglichen Pflichtgebete wenden die Muslime den Kopf nach rechts und links und entbieten den Friedensgruß der ganzen Schöpfung.

Was sagt der Koran zum Thema Frieden?

Die Verse 61 und 62 der Sure 19 stehen für die Hoffnung auf ewigen Frieden: „(Sie werden in) die Gärten von Eden (eingehen), die der Barmherzige seinen Dienern im Verborgenen verhieß.  Wahrlich, Seine Verheißung wird in Erfüllung gehen. Sie hören dort kein leeres Gerede, sondern genießen nur Frieden.“

Oder in Sure 10:10 steht: „Ihr Ruf wird dort (im Paradies) sein. „Preis Dir, o Allah!“ Und ihr Gruß wird dort sein: Frieden!“ – „Salam!“

Genauso lesen wir in Sure 14: 23: „Und diejenigen, die da glauben und gute Werke tun, werden in Gärten eingeführt werden, durch die Bäche fließen, um mit der Erlaubnis ihres Herrn ewig darin zu wohnen. Ihr Gruß dort wird lauten: ‚Friede!‘“

Das Wort Salam hat somit eine weite Bedeutung. Es bedeutet Sicherheit, Gesundheit, Harmonie und Zufriedenheit.  Genauso sprechen die Engel dem Todgeweihten „Friede“ zu.

In der Sure 10:25 lädt Gott uns in Sein Haus ein: „Und Allah lädt ein zum Haus des Friedens und leitet, wen Er will zum geraden Weg. Denen, die Gutes tun, soll das Beste zuteilwerden und noch mehr.“

Wenn ich bedenke, dann bezieht sich das Wort Frieden meist auf das friedliche Paradies. Was ist aber mit dem Diesseits? Gibt es auch hier den Frieden, den sich eigentlich jeder wünscht, oder fast jeder.

Wenn ich über den Satz in Sure 22:40 nachdenke, wünscht Gott den Frieden auf Erden nicht allein nur für die Muslime. Da steht: „Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs des Öfteren genannt wird, niedergerissen worden.“

Deshalb wird klipp und klar dem Muslim verdeutlicht und ans Herz gelegt, Frieden zu schließen, sobald der Gegner auch nur entfernt dazu bereit ist: „Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch du ihm geneigt und vertrau auf Gott; siehe, Er ist der Hörende, der Wissende“ (8:61). Gott verlangt also vom Menschen, dass er seine Vernunft walten lässt und alles Mögliche unternimmt, den Frieden wiederherzustellen und auch zu erhalten.

Gott liebt alle Menschen, denn Er hat sie ja alle geschaffen. Er sagt in Sure 49:13: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr euch einander kennen möget. Der Edelste von euch ist vor Allah derjenige, der am gottesfürchtigsten ist.“ Das heißt: egal, welcher Hautfarbe du bist, welcher Nation du angehörst, wir sind eine einzige Familie. Deswegen dürfen wir uns nicht in Zwistigkeiten, Rassenkämpfe, und Religionskriege verstricken. Der Koran lehnt eigentlich mit diesen Worten die traurige Wirklichkeit heute in vielen Ländern strikt ab: den Nationalismus und Rassismus.

„Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin liegen Zeichen für die Wissenden“ (30:22).

Die Menschen haben sich auf der ganzen Erde ausgebreitet. Je nach Klima hat sich eine bestimmte Hautfarbe herausgebildet und ebenso Sprachen. Dennoch bleibt ihre grundsätzliche Einheit davon unbeeinflusst. Sie alle haben dieselben Gefühle, Wünsche. Diese Unterschiede der Hautfarben und der Sprachen sind Zeichen für Gottes Schöpferkraft und Liebe zu allen Menschen, aber keine Gründe von Abwertungen anderer Nationen oder Religionen, genauso wie für kriegerische Handlungen, Hass oder Rassismus.

„Und wenn Gott gewollt hätte, so hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch wollte Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben hat. Darum wetteifert miteinander im Guten! Zu Gott werdet ihr dereinst zurückkehren, und Er wird euch aufklären über das, worüber ihr uneins seid.“ (5:48). Das Gute hat einen Namen: Frieden und Brüderlichkeit.

Das heißt, niemand wird im Koran ausgeklammert. Gott spricht durch den Koran nicht nur die Muslime an, sondern alle Menschen, ob sie Christen, Juden sind oder einer anderen Religion oder keiner Religion angehören. Er ist für die ganze Menschheit geschrieben.  Egal, wer man ist, Gott ruft sie alle zum Wetteifern im Guten auf. Und darum öffnen wir unsere Moschee allen Menschen, die den Frieden wollen.

Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er für richtig hält.

Besonders in den letzten Jahren vor seiner Auswanderung bemühte sich der Prophet Muhammad seine Botschaft weiterzugeben. Es bedrückte ihn sehr, dass viele Menschen in Mekka ihm nicht zuhören wollten oder gar daran hinderten. Da munterte ihn Gott auf (10:99) „Und falls dein Herr wollte, bestimmt hätten alle, die auf Erden sind, geglaubt – sie alle gemeinsam. Doch willst du die Menschen zwingen, damit sie Gläubige werden?“

Hier spricht Gott zwei Punkte an: Erstens will Er sagen, es wäre für ihn eine Leichtigkeit, alle Menschen in einer Religion zu vereinen, aber das wollte er nicht. Jeder darf und soll selber entscheiden, er hat die Freiheit dazu. Und zweitens: Dieser Vers verbietet ganz offensichtlich, die Menschen zum Glauben zu zwingen. Der Vers 256 in der Baqara betont es noch deutlicher: „Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden vom unrichtigen. Wer also nicht an falsche Götter glaubt, an Allah aber glaubt, der hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt.“ Auch hier wird von Gott betont, dass der Glaube am Islam und seine Lebensweise niemandem aufgezwungen werden darf.

Ganz im Gegenteil: Im Koran 2:62 steht expliziert, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion zu leben. Da steht. „Jene, die glauben, und jene, die Juden geworden sind, und die Christen und die Sabäer – Wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und gute Werke verrichtet, denen wird bei ihrem Herrn ihr Lohn zuteilwerden, und sie werden weder sich fürchten müssen noch traurig sein.”

Das heißt für uns, dass wir andere Menschen, die keine Muslime sind, aber an Gott glauben, zu respektieren und zu achten haben. Sie haben die Freiheit, im Judentum und Christentum Gott zu suchen und sich in seinem Schutz zu begeben.

Das bedeutet, dass eines der wichtigsten und unantastbaren Menschenrechte die Glaubensfreiheit ist. Im Koran wird dieses Recht garantiert und untersagt das Aufzwingen weder durch materielle Argumente noch durch Drohungen oder Gewalt. Der Glaube ist wie ein starkes Seil, das nie zerreißen wird. Das Seil steht für Glauben an Gott. Das heißt, wer sich daran festhält, am Glauben mit seiner ganzen Glaubensfreiheit, kommt niemals vom Weg ab, der zu Gott und in sein Paradies führt.

Im ganzen Koran findet sich nicht eine einzige Stelle, die es dem Muslim verbietet, frei zu denken. Aber nur im Frieden kann er sich frei entscheiden. Das heißt mit den Worten von Abdel Hakim Ourghi: Der Ruf nach der Autonomie des Koran als Text und nach der Freiheit der Interpretation ist eine Ermutigung der Muslime zur Erneuerung der islamischen Religion sowie die Voraussetzung für eine Wiederbelebung des freien Denkens aller Muslime. Die Freiheit der Koranauslegung impliziert auch die Freiheit all jener Andersdenkenden, die ebenfalls nach einer modernen und humanistischen Lesart des Koran streben. Eine freie Interpretation ist darum bemüht, die kanonischen Quellen und deren Rezeption historisch-kritisch zu verstehen. Deshalb ist und bleibt die Freiheit des muslimischen Lesers als Exeget unantastbar.

Gott    erschuf den Menschen als seinen Statthalter auf Erden und forderte ihn auf, bei der Entwicklung und Gestaltung des Lebens auf der Erde aktiv zu sein. Dafür gab Er ihm den Verstand. Der Mensch wurde so zur Krönung der gesamten Schöpfung. Durch Botschafter sandte Gott an den Menschen immer wieder seine Offenbarung herab. Er forderte sie darin zum Nachdenken auf, so dass sie aus ihren eigenen Gedanken Schlüsse ziehen können, wobei Gott das Nachdenken als den Weg betrachtet, der zur Erkenntnis führt. Gott will also, dass der Mensch durch dieses Nachdenken für seine Anschauungen, seine Zugehörigkeit und seine Bekenntnisse Verantwortung übernimmt. Der Mensch kann sich also die Freiheit nehmen für sich selbst zu entscheiden.

Deshalb gibt es für den Menschen keine Rechtfertigung für jegliche Formen blinder Nachahmung alter, überkommener Kulte, blindem Gehorsam und egozentrischen Interessen.

Diese Verse über Frieden und Freiheit des Menschen sind doch eigentlich klar und deutlich zum Verstehen. Aber wenn ich die islamische Geschichte betrachte, war das wohl doch nicht so verständlich. Es gab immer Kampf, Kampf innerhalb der einzelnen Strömungen im Islam. Sunniten gegen Schiiten, die Sunniten verfolgten die Ismailiten, im frühen 13. Jahrhundert gerieten die Nusairier im syrischen Küstengebirge in eine immer schärfere Konkurrenz zu den nizāritischen Ismāʿīliten. Sogar während des Goldenen Zeitalters in Bagdad kämpften diejenigen, die den Koran als unerschaffen ansahen gegen diejenigen, die ihn als erschaffen hielten und steckten sich gegenseitig in die Gefängnisse. Die Mihna ‚Prüfung‘) war eine zur Zeit der abbasidischen Kalifen zwischen den Jahren von 833 bis 849 praktizierte Form der Inquisition, bei der die betreffenden Personen gezwungen wurden, sich zur Staatsdoktrin von der „Erschaffenheit des Korans“ (chalq al-qurʾān) zu bekennen und wurde erst unter dem Kalifen al-Mutawakkil beendet. Im September 834 musste sich Ibn Hanbal, der jüngste unter den Gründern der vier im sunnitischen Islam etablierten Richtungen (madhhab)  mit anderen Vertretern der ahl al-sunna am Kalifenhof erscheinen und sich der Mihna unterwerfen. Er wurde ausgepeitscht, eingekerkert. Erst unter al-Mutawakkil ʿalā Llāh (ab 847) konnte er ungestört unterrichten und öffentlich auftreten.

Es war der Frieden der jeweils herrschenden Macht. Und heute noch halten sich viele Muslime als die besseren Menschen. Denn Gott lässt es zu, weil er dem Menschen die Freiheit gab, sich zu entscheiden und zu handeln.

Für mich gelten, und sicher auch für alle hier, die Worte des tunesischen Mohamed Talbi, einer der wichtigsten und kritischsten Vordenker der arabischen Welt, der für eine zeitgemäße Leseart des Koran plädiert: Die Menschen haben denselben Atem Gottes in sich, kraft dessen sie sich zu Gott erheben und seinen Anruf in Freiheit beantworten können. Sie besitzen dadurch die gleiche Würde und die gleiche Heiligkeit, und diese Würde und Heiligkeit verleihen ihnen uneingeschränkt in gleicher Weise dasselbe Recht auf Selbst-Bestimmung hier auf Erden und im Jenseits. Aus der Sicht des Koran lässt sich also sagen, dass der Ursprung der Menschenrechte in dem liegt, was alle Menschen aufgrund des Planes Gottes und seiner Schöpfung von Natur aus sind.“

Rechtleitung im Islam

Rechtleitung im Islam

Unter der Obhut Allahs, der Göttlichen Barmherzigkeit, der göttlichen allumfassenden Gnade

Alles Lob gebührt Gott, der Göttlichen Erhabenheit, dem Oberhaupt aller Welten. Wir danken Allah für die allgegenwärtige Gnade und Gaben und wir bitten Allah um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass wir die Göttliche Gunst empfangen werden. Der Göttliche Frieden und Segen sei mit allen Menschen

„Möge Allah Dich rechtleiten!“ – das ist ein Satz, den ich oft höre oder lese, seit ich zum Islam gekommen bin. Zumeist schwingt dabei ein jovialer oder fast abfälliger Unterton mit. Ganz nach dem Motto: „Ich weiß ja, dass ich Recht habe, und möge Gott Dir klar machen, dass meine Meinung die richtige ist.“ – oder auch: „Ich weiß grade nicht weiter, also soll sich bitte Gott drum kümmern.“

Der Begriff der Rechtleitung taucht aber auch in Qur’an an vielen Stellen auf und so beschloss ich, mich im Zuge meiner Studien intensiver mit Rechtleitung zu beschäftigen.

Schnell wurde mir klar: Das ist kein Thema, das mit dem Lesen von ein paar Artikeln und ein bisschen Suche nach passenden Suren aufgearbeitet ist. Die Idee der Rechtleitung beschäftigt seit der Offenbarung an unseren Propheten Mohammed (Fsai) die islamische Theologie und Mystik. Mir wurde bewusst, dass ich mit dieser einen Khutba das Thema Rechtleitung nur grob umreißen und anschneiden könnte. Genauso wie „Barmherzigkeit“ ist „Rechtleitung“ mehr als nur ein fest definierter Begriff, sondern ein tiefer und vielfältiger Themenkomplex.

Das Substantiv „Rechtleitung“ kommt 81mal im Qur’an vor, das Verb „rechtleiten“ weitere 27mal. Hinzu kommen gute zwanzig weitere Stellen, in denen Formen der Begriffe „leiten“ und „geleitet“ verwendet wird.

Die Idee der Rechtleitung ist damit ein zentrales Thema innerhalb des Qur’an und verdient daher – meiner Meinung nach – einen entsprechenden, also einen äußerst bedeutsamen Stellenwert in der Religiösität der Muslim*innen. Darauf werde ich später noch einmal zu sprechen kommen.

Der Ausdruck „Rechtleitung“ wird verwendet für die Wiedergabe des arabischen Begriffes „hudā“ verwendet. Dieses Wort wird im Koran und in Texten der islamischen Theologie genutzt für die praktische Leitung der individuellen Lebensführung und des Gemeinwesens gemäß dem göttlichen Willen und im göttlichen Sinne. Der übliche Gegenbegriff ist „In die Irre gehen bzw. geleitet werden“ (arabisch ḍallala).

Die geoffenbarte Botschaft Gottes wird dabei als bedeutende Quelle wahrgenommen für die Inspiration der einzelnen Menschen auf deren spirituellem Weg der Weiterentwicklung.

So lesen wir in Sure 5, Verse 44 bis 46:

„Wir haben (seinerzeit den Kindern Israels) die Thora herabgesandt, die (in sich) Rechtleitung und Licht enthält… Und wir ließen hinter ihnen (d.h. den Gottesmännern der Kinder Israels) her Jesus, den Sohn der Maria, folgen, dass er bestätige, was von der Thora vor ihm da war… Und wir gaben ihm das Evangelium, das (in sich) Rechtleitung und Licht enthält… als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.“

Die Rechtleitung Gottes, die göttliche Hilfestellung, gilt also auch für die vorherigen abrahamitischen Religionen über die Verkündigungen der jeweiligen Prophet*innen.

Der Qur’an wiederum, als geoffenbarte Botschaft Allahs an Mohammed (Fsai), wird als Buch der Rechtleitung empfunden und somit auch als Quelle der Spiritualität.

Allah sagt in Sure 2, Vers 2 über den Qur’an, er

,,(…) ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“.

Damit wertet Allah die Botschaft des Qur’an als gleichwertig mit den vorangegangenen Rechtleitungen.

Aus theologischer Sicht ist der Qur‘an für „die Gottesfürchtigen“ eine Rechtleitung sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. [Auf den Begriff „Gottesfurcht“ bzw. „Gottesehrfurcht“ werde ich in einer gesonderten Khutba eingehen.]

Spannenderweise finden wir in der gleichen Sure in Vers 185 im Zuge der Erläuterung Bestimmungen zum Fasten folgendes:

„Der Monat Ramaḍān (ist es), in dem der Qurʾān als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung.“

Gott spricht hier nicht davon, die göttliche Botschaft als Rechtleitung sei nur für Muslim*innen gedacht, oder für Gottesfürchtige, oder für Gläubige, oder für Angehörige der abrahamitischen Religionen, oder nur für Männer, oder gar nur für Heterosexuelle.

Nein. Der Qur’an wurde herabgesandt „als Rechtleitung für die Menschen“.

Ich finde das bemerkenswert.

In Vers 2: ,,Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“.

In Vers 185: „Rechtleitung für die Menschen“.

Widerspricht sich das nicht?

Ich glaube nicht. Die Texte im Qur’an wurden so offenbart, dass Allah dem Propheten Mohammed (Fsai) und den seinen eine spirituelle Entwicklung ermöglichen sollten. Kernstück dieser persönlichen, moralischen Entwicklung ist die Erkenntnis. Die Erkenntnis über Wissen und Bildung. Und damit das schrittweise Verstehen der gesamten Schöpfung und seiner Verknüpfung mit Allah.

Das bedeutet: Für mich ist es logisch, dass Gott zu Beginn der Sure auf „die Gottesfürchtigen“ verweist, dann aber das Angebot der göttlichen Rechtleitung erweitert auf „die Menschen“.

So als wollte Allah uns mitteilen: „Hey, aber denkt mal drüber nach, dass mein Angebot eigentlich für alle Menschen gilt.“

Das ist inklusiv. Das betrifft auch mich. Durch diesen Teil von Allahs Botschaft bin ich nicht nur als Gläubiger, sondern als Mensch angesprochen und eingeschlossen.

Jetzt könnte man* sagen: „Das hat sich der schwule, progressiv predigende Konvertit schlau ausgedacht.“

Tatsächlich aber sind sich die Gelehrten darüber einig, dass die Verse im Einklang stehen.

Der Begriff „Rechtleitung“ bedeutet im Qur‘an nämlich zweierlei: Die Rechtleitung im Sinne von „hinweisen“ und „einen Weg zeigen“, zu dieser Art Rechtleitung sind die Gottesgesandten und deren Nachfolger in der Lage.

In Sure 13, Vers 17 sagt Allah:

,,Und jedes Volk hat einen, der es rechtleitet“

Das heißt, dass es in jedem Volk Menschen gibt, die es auf den rechten Weg hinweisen.

In Sure 42, Vers 52 sagt Allah:

,,Und du leitest ja wahrlich zu einem geraden Weg“

Allah bestätigt hiermit, dass die Gesandten sowie deren Nachfolger auf einen Weg des Glaubens leiten, also hinweisen, einladen und ermahnen.

Doch nur Gott leitet im Sinne der zweiten Bedeutung („einen Weg zeigen“) recht: Er leitet und festigt die Herzen.

In Sure 28, Vers 56 lesen wir:

,,Gewiss, du kannst nicht rechtleiten, wen du gern (rechtgeleitet sehen) möchtest. Allah aber leitet recht, wen Er will.“

In Sure 10, Vers 25 steht zudem:

,,Allah lädt zur Wohnstätte des Friedens ein und leitet, wen Er will, zu einem geraden Weg.“

Der Begriff „eines geraden Weges“ ist also das Synonym für eine Rechtleitung, eine Hilfestellung und Anleitung in Bezug auf den Glauben. Allah legt uns quasi einen Weg bereit, der – wenn wir ihn beschreiten – in eine tiefere Spiritualität und damit zu Gott führt.

Zurückblickend auf die beiden Verse in Sure 2 komme ich zusammen mit vielen traditionellen Gelehrten zu dem Ergebnis: Gott macht mit der Idee der Rechtleitung nicht nur allen Muslim*innen oder monotheistisch-abrahamitischen Gläubigen ein Angebot zur Unterstützung, sondern der gesamten Schöpfung, jedem einzelnen Menschen.

Gott eröffnet die Möglichkeit auf Rechtleitung und macht allen Menschen ein Angebot zur spirituellen Weiterentwicklung und Unterstützung.

Gleichzeitig aber verfügt der Mensch, durch Gott verliehen, über den „Freien Willen“.

Damit besteht für Menschen die Möglichkeit der Wahl: Gottes Angebot entweder anzunehmen oder auszuschlagen.

In der Theologie gibt es eine Vielzahl der Betrachtung des „taraka“, des Ausschlagens von Gottes Rechtleitung. Es gab und gibt Gelehrte, die nur das Ablehnen bestimmter Unterformen der Rechtleitung als akzeptabel betrachten; andere empfinden die Wahl-Option als universell, also für alle Aspekte der Rechtleitung möglich.

Ich möchte mich an dieser Stelle jedoch nicht den Unterformen der Rechtleitung widmen, sondern meine Gedanken zum Stellenwert der Rechtleitung in der täglichen Religiosität der Muslim*innen ausführen.

Denn mir ist eins aufgefallen: Ebenso wie „Barmherzigkeit“ ist „Rechtleitung“ ein zentrales Thema des islamischen Glaubensidee. Statt sich aber um die persönlichen Auswirkungen des göttlichen Angebots auf spirituelle Entwicklung zu kümmern, stellen viele Muslim*innen ein umfangreiches Regelsystem zu äußerem Verhalten in den Mittelpunkt ihrer täglichen Religionsausübung.

Für viele Muslim*innen ist dieses Regelsystem – abgeleitet aus Qur’an und Überlieferung – enorm bedeutsam. Für sie haben Ernährungsregeln, Bekleidungsvorschriften, Bittgebete und vieles mehr den Stellenwert, den eigentlich die Idee der Rechtleitung haben sollte. Sie leben ein Rechtssystem, während sie sich eigentlich mit den Offenbarungen Gottes beschäftigen sollten. Diese Offenbarungen nämlich waren nicht nur für die Prophet*innen gedacht, sondern für alle Menschen, mit den Gesandten als Mittler*innen. Somit müssen die Offenbarungen Gottes eine persönliche Auswirkung auf die Gläubigen und deren eigene spirituelle Entwicklung haben.

Nachdem ich mich jetzt mit der Rechtleitung näher beschäftigt habe, kann ich persönlich nicht anders, als ihr den Stellenwert einräumen, der ihr gebührt. Denn ich ganz persönlich fühle mich völlig eingeschlossen in göttliche „System“ der Barmherzigkeit, Liebe und Rechtleitung.

Gottes Wort im Koran

Gottes Wort im Koran

hr wisst: das Wort Koran bedeutet in der arabischen Sprache so viel wie Lesung, Rezitation, das Vortragen einer Botschaft von Gott. Ganz allgemein  gesagt: die grundlegende Bedeutung des Koran ist dieselbe wie die grundlegenden Botschaften der vorhergegangenen Bücher. Die darin enthaltenen Anweisungen, die dem Menschen eine Leitung, einen Weg geben, eine Rechtleitung, sind universell, für die gesamte Menschheit und für alle Zeiten. Die Sure 5:48 bestätigt es: „Wir haben das Buch mit der Wahrheit zu dir (Muhammad) herabgesandt, das bestätigt, was von der Schrift vor ihm da war und darüber Gewissheit gibt.“

Gott schreibt uns nicht vor, wo wir lesen, wie wir lesen und was wir gerade im Koran lesen. Es kann sein, dass der eine nur auf einer Übersetzung angewiesen ist, weil er kein Arabisch versteht, es kann sein, dass jemand nur zuhört. Aber ein ‚Nur-lesen‘, das sollte es nicht geben. Es ist, als wenn man gar nichts gelesen  oder gehört hat.

Das Wichtigste, was ich aus dem Koran gelernt habe ist, dass wir Menschen durch ihn, durch den Koran in Kommunikation mit Gott treten. Er ist das Bindeglied zwischen beiden.

Nun wird jemand sagen, ich kann auch ohne Koran mich an Gott wenden, ihn bitten. Nein, der Koran sagt, wer Gott ist, er spricht über  seine Eigenschaften und wie wir uns Gott nähern zum Bittgespräch. Dabei hilft uns der Koran, in diese Kommunikation  einzutreten.

Die Eigenschaft der unmittelbaren Kommunikation im Koran ist die Überbrückung der göttlichen Realität zur zeitlich bedingten Realität des menschlichen Bewusstseins.

Der Koran ist sozusagen ein Kanal der Kommunikation, in der Gott und Mensch sich begegnen, aber auf der Ebene des Menschen. Gott begibt sich auf die Stufe des Menschen und spricht mit ihm. Auf die Stufe der Engel, wie zwischen dem Engel Gabriel und dem Propheten Muhammad, und auf der Stufe Gottes, das geht nicht. Wir verstehen die Engelsprache und die Gottessprache ja nicht. Gott begibt sich deswegen auf die Ebene des Menschen und kann dann mit ihm sprechen, durch Gleichnisse, durch Mahnungen, Vorschläge, wie man sich verhalten soll. Das versteht der Mensch.

Dadurch wird der Koran  für mich zu einer tollen Sache, weil Gott durch ihn mit mir und jedem von euch in Seiner Barmherzigkeit spricht. Er warnt mich, ruft mir zu: gehe diesen Weg, mache nicht das. Er meint es gut mit mir, versucht mich, auf den richtigen Weg zu halten. Und er ruft mich zur Erinnerung an ihn.

Natürlich muss ich nicht diesen Weg gehen, muss mich nicht an seine Vorschläge halten, denn er lässt mir meine Entscheidungen, aber es sind gute Ratschläge, die ich zu meinem Gunsten beherzigen sollte.

Es ist wichtig und unerlässlich, den Koran in Hinblick auf den aktuellen Kontext auszulegen, die koranische Botschaft der Gleichnisse als spirituelle Regel des täglichen Lebens und zu allen Zeiten zu nutzen. Gleichnis bedeutet,  etwas mit einem anderen etwas zu vergleichen, das, was früher geschah, mit heute als eine neue Anregung  zu vergleichen.

Der Koran ist eine Erinnerung für die Menschen. Aber um das richtig zu erkennen, Schlussfolgerungen zu ziehen, muss man sich aufrichtig mit dem Koran beschäftigen und auf sich selbst reflektieren, also über die eigene Situation nachdenken, ohne die ein aussagekräftiges Verständnis nicht möglich ist.

Der Koran ist eine Hilfe im Leben, ein Verhaltenskodex, eine Orientierung im Verhalten zu den Menschen und zu Gott. Er ist, wie der Islamwissenschaftler Abu Zaid sagte, ‚eine Sphäre des Daseins, ein Kanal der Kommunikation, in der Gott und Mensch sich begegnen, ohne dabei eins zu werden, ohne dass also Gott vermenschlicht und der Mensch vergöttlicht würde.‘

Es bereitet mir immer wieder ein Vergnügen, wenn ich  mich mit der Sure Al-Hujutat (Die inneren Gemächer) beschäftige. (Verhalten der Mitglieder der schnell wachsenden muslimischen Gemeinschaft sowohl untereinander und auch zum Propheten)

2 Oh, die ihr glaubt, erhebt nicht eure Stimmen über die Stimme des Propheten, und sprecht nicht so laut zu ihm, wie ihr laut zueinander sprecht, auf dass (nicht) eure Werke hinfällig werden, ohne dass ihr merkt.

3 Gewiss, diejenigen, die ihre Stimmen bei Allahs Gesandtem mäßigen, das sind diejenigen, deren Herzen Allah auf die Gottesfurcht geprüft hat. Für sie wird es Vergebung und großartigen Lohn geben.

4 Gewiss, diejenigen, die dich hinter den (Wänden der) Gemächer rufen, die meisten von ihnen haben keinen Verstand.

5 Wenn sie sich gedulden würden, bis du zu ihnen herauskommst, wäre es wahrlich besser für sie. Und Allah ist Allvergebend und Barmherzig.

6 O die ihr glaubt, wenn ein Frevler zu euch mit einer Kunde kommt, dann schafft Klarheit, damit ihr (nicht einige) Leute in Unwissenheit (mit einer Anschuldigung) trefft und dann über das, was ihr getan habt, Reue empfinden werdet.

9 Und wenn zwei Gruppen von den Gläubigen miteinander kämpfen, so stiftet Frieden zwischen ihnen. Wenn die eine von ihnen gegen die andere widerrechtlich vorgeht, dann kämpft gegen diejenige, die widerrechtlich vorgeht, bis sie zu Allahs Befehl zurückkehrt. Wenn sie zurückkehrt, dann stiftet Frieden zwischen ihnen nach Gerechtigkeit und handelt dabei gerecht. Allah liebt ja die Gerechten.

10 Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren beiden Brüdern und fürchtet Allah, auf dass ihr Erbarmen finden möget.

Jeder, der dies Verse liest, stellt sich etwas darunter vor. Ich jedenfalls habe mich zuerst köstlich amüsiert, habe mir die Situation vorgestellt, die poltrigen, lauten und  stürmischen Freunde des Propheten, Abu Bakr und Oman und ihr Streit, wer recht hat.

Die Sura wurde 9 Jahre nach der Hidjra gesandt. (Offenbarungsanlass: Ein Geleit von Banu Tamin kam zum Propheten. Die beiden stritten, wer der Führer sein soll. Abu Bakr meinte: „Du möchtest mir nur widersprechen,“ – Umar: „Ich wollte dir nicht widersprechen.“)

Es beinhaltet die Beziehungen und Verhalten der Menschen zum Propheten einerseits sowie die Beziehungen untereinander, gegenseitiger Respekt und Vertrauen, der richtige Umgang mit Gerüchten und Nachrichten, Gerechtigkeit,  Wichtigkeit einer Schlichtung, Versöhnung.

Ibn Al-Arabi im 12. Jh. sagt  darüber: „Der Respekt gegenüber dem Propheten nach seinem Tode gleicht dem Respekt ihm gegenüber, als er noch lebte.“

Diese Offenbarungen  sind für mich real. Natürlich kann jeder andere Mensch anders darüber denken. Gott will mir darüber etwas sagen. Es ist also ein Gespräch zwischen mir und Gott, auch wenn es nicht verbal ist, es zeigt mir etwas gedanklich oder sogar bildlich, was ich verstehen kann.

Aber warum spricht Gott darüber? Er würde doch nichts Unnützes uns mitteilen, ist es so wichtig, dass es auch noch nach vielen Jahrhunderten mitgeteilt werden muss? Das hat doch einen Grund, warum hat Gott es für so wichtig gehalten? Es ist eine Beschreibung der Situation von damals, wichtig auch für heute! Dieses Moralverständnis gilt auch noch heute. Wenn ich heute darüber laut oder nur für mich nachdenke, werden aus diesen Gottesworten meine Worte. Sie sagen mir etwas. Dadurch werden sie lebendig.

Durch meine Gedanken, mein Nachdenken über ihren Inhalt, wofür sie stehen, werden sie lebendig. Aus Gottesworten werden durch Menschen Menschenworte, werden zu lebendigen Gedanken. Gott spricht also auf menschlicher Ebene mit uns. Die Mitteilung wird zu einem lebhaftem Gespräch zwischen Gott und mir.

Immer wieder bin ich sehr bewegt, wenn ich Gleichnisse über das Wasser und deren Beziehung zu Wissen lese: ‚Haben sie nicht gesehen, dass wir das Wasser auf das dürre Land treiben und dadurch Gewächs hervorbringen, an dem ihr Vieh und auch sie selber sich laben? Wollen sie also nicht sehen?‘ – Es bedeutet: Ja, wollen wir denn wirklich nicht sehen und verstehen, was Gott uns mit diesem Vers mitteilen möchte? Wollen wir Gott nicht dafür danken und sein Geschenk an uns auch nutzen? Dieses Wasser ist ein Zeichen von ihm. Gott meint damit: Nutzt das Wasser, auch wenn ihr Mühe damit haben werdet.  Und so ist das auch mit dem Wissen. Gott hat uns Wissen gegeben, damit wir es nutzen, das heißt für mich speziell, es euch weiterzugeben. Darum stehe ich vor euch.

Es war bestimmt für mich nicht leicht, entgegen der allgemeinen Meinung, ich als Frau hier vor euch zu stehen. Das Wissen im Koran, das Kommunizieren Gott mit dem Menschen, es hat mich total verändert. Und es hat mir Kraft gegeben, mein Wissen mit euch zu teilen, meine Khutbas zu halten.

Im Grunde ist der Koran ein Buch, gefüllt mit Wörtern, die zu Sätzen werden. Aber was für Sätze, wenn sie lebendig werden und zu einem Gespräch zwischen Gott und dem Menschen führen!

Nicht nur das: Indem wir es lesen, entstehen in unseren Gedanken und Gefühlen Freude, Trauer, Neugier, erfahren wir, wie wir uns zu verhalten haben, staunen über den Sinn der Gleichnisse. Das alles wird durch unser aktives Lesen und darüber nachzudenken lebendig.

Der Koran wird zu einem lebendigen Koran!

Damit ihr einander kennenlernt

Damit ihr einander kennenlernt

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.

(Sure 49, Vers 13)

Nicht nur Islamwissenschaftler sind mit der historisch-kritischen Methode als Werkzeug für die Analyse von Texten vertraut. Die Methode lässt sich auch auf den Koran in seiner Form als Text anwenden. Dabei ist die historisch-kritische Herangehensweise als Teil der Exegese (Auslegung, Erläuterung, Interpretation) keine Erfindung der sogenannten westlichen Welt. Bereits im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung begannen muslimische Gelehrte damit, den Kontext, in dem die einzelnen Suren und Verse offenbart wurden, schriftlich festzuhalten.

Ohne geschichtliches Hintergrundwissen gelangt man oftmals zu anderen Interpretationen, zu anderen Lesarten des Textes und erhält somit ein anderes Verständnis über die ursprüngliche Bedeutung der koranischen Suren und Verse. Manches hingegen – wie die eingangs zitierten Verse – erscheint auf den ersten Blick als klar und eindeutig, ohne dass weitere Erklärungen für ein unmittelbares Verständnis herangezogen werden müssten.

Jeder Mensch ist das Produkt seiner Eltern, einem Mann und einer Frau. Im Idealfall entwickelt sich das männliche Kind zu einem guten Sohn, zu einem guten Bruder und zu einem guten Freund sowie zu einem guten Ehemann, einem guten Vater und guten Nachbarn. Das weibliche Kind entwickelt sich dementsprechend zu einer guten Tochter und guten Schwester, zu einer guten Freundin und guten Ehefrau sowie zu einer guten Mutter und guten Nachbarin. Damit sind nur einige der vielen Rollen genannt, die sich prägend auf das Leben eines jeden Menschen auswirken.

Das Leben jeder einzelnen Person ist offensichtlich durch steten Wandel und sich wiederholende Kreisläufe geprägt. Folglich ist es angebracht, im Laufe des Lebens seine Ansichten zu ändern, beziehungsweise sie an neue Situationen anzupassen. Selbst Sterne und Steine – klassische Symbole des vermeintlich Ewigen und Unveränderlichen – verändern sich im Laufe der Zeit.

Ich habe das Privileg, dass ich zur Zeit viele Gespräche mit Besuchern unserer Moschee führen kann. Gegenüber all meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern betone ich, dass die Moschee allen offen steht. Ich betone ihnen gegenüber ebenfalls, dass alle Menschen Kinder dieser Erde sind. Das Leben aller Menschen führt von der Geburt an mehr oder weniger direkt in den Tod, mag der Weg dahin auch noch so unterschiedlich sein.

Aus meiner Sicht sind zwischenmenschliche Gespräche dann am interessantesten, wenn es darum geht, wie das Zurechtkommen mit Veränderungen individuell wahrgenommen und angegangen wird. Der Austausch und das geteilte Wissen darüber erschaffen immer wieder eine gemeinsame Basis, ermöglichen gegenseitiges Verständnis und bewirken Nachsicht im Umgang miteinander.

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.