Islamische Geschichte

Der Monat Hidscha

Der Monat Hidscha

5.12.1439

Im Namen Gottes des Allerbarmers des Barmherzigen

Ich suche Zuflucht bei Gott, vor den Einflüsterungen des Teufels.

Alles Lob und aller Dank gebühren alleine Gott, dem Einen, der Niemanden neben sich hat.

Nur IHM unterwerfe ich mich und nur IHN bitte ich um Hilfe!

Gott segne Muhammad und die Familie Muhammads!

Friede sei mit Euch liebe Geschwister im Islam und Werte Gäste. Herzlich willkommen bei uns in der Ibn-Ruhsd-Goethe-Moschee inmitten der Johannes Kirche.

Mein Herr, weite mir meine Brust, und mache mir meine Angelegenheit leicht. Und löse den Knoten von meiner Zunge, so dass sie meine Worte verstehen.“(Koran Sure 20, Verse 25-28)

O die ihr glaubt, wenn der Ruf zum Gebet am Freitag erschallt, dann eilet zum Gedenken Allahs und lasset den Handel ruhen. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet.“(Koran, Sure 62:9)

Heute ist nach dem islamischen Kalender der 5. Dhul-Hidscha 1439.Da wir hier in Europa leben, wo nach dem Christlichen Sonnenkalender gerechnet und gelebt wird, vergisst man als Muslim sehr schnell das islamische Datum, deshalb habe ich bewusst einmal dieses Datum ausgesprochen.

Dhul-Hidscha ist der 12. und letzte Monat des islamischen Jahres. Er gehört zu den heiligen islamischen Monaten und bedeutet „Monat der Pilgerfahrt (Hadsch)“, da die Pilgerfahrt der Muslime in diesem Monat vollzogen wird. Ich werde im zweiten Teil meiner Predigt näher auf diesen Monat eingehen.

Nun die Hadsch ist nur ein Ereignis im Monat Dhul Hidscha. Da ich den Islam von der schiitischen Seite aus kennenlernte, möchte ich hier noch einige andere Ereignisse vorzeigen, die in diesem heiligen Monat geschahen, damit ich mein Wissen weitergebe.

01.Dhul Hidscha/ Fatimas (a.) Hochzeit mit Ali(a.),dem späteren 4. Kalifen und Cousin unseres Propheten Muhammad(s.)

Fatima hatte sich ihren Ehemann selber ausgesucht, denn unser Prophet(s.) wollte es seiner Tochter selber überlassen, wen sie zum Ehemann möchte, also ist es keine Sunna unseres Propheten(s.), das die Eltern bestimmen, wen die Kinder zu heiraten haben und dass die Kinder noch in diesem Jahrhundert zwangsverheiratet werden müssen, bei vielen mit der Begründung , das es Sunna sei., also weil das unser Prophet(s.) so vorgelebt hätte oder es im Koran steht.

07.Dhul Hidscha/ Martyrium(gestorben wegen seines Glaubens) von Imam Baqir (a.).

Er ist der fünfte Imam der Schiitten und der Urenkel des Propheten Muhammad(s.).Ein direkter Nachfahre von ihm. Er ist der Sohn und Nachfolger von Imam Zain-ul-Abidin (a.), dem Sohn des Imam Hussain(a.). Seine Mutter ist Umm Abdullah, eine Tochter von Imam Hasans (a.),dem Enkelsohn des Propheten(s.). Nach vielen Jahren von Schwierigkeiten, Kummer und Arbeit für den Islam, wurde er im Alter von 57 Jahren, durch den Befehl Heshams vergiftet. Die männlichen Nachfahren des Prophten (s.) wurden fast alle ermordet. Vielleicht halte ich einmal mit Gottes Hilfe eine Khutba über die Ahl ul Bait(a.), die Familie des Propheten Muhammad(s.)

09.Dhul Hidscha

denken wir auch an das Martyrium von Muslim ibn Aqil. In der islamischen Geschichte ist er bekannt dafür, wie er als Botschafter seines Cousins Imam Hussain (a.) in Kufa zum Märtyrer wurde. Seine beiden Söhne Muhammad und Ibrahim(8 und 10 Jahre alt),die er mit nach Kufa brachte wurden nach seiner Hinrichtung dann am 22.Dhul Hidscha auch getötet.

15.Dhul Hidscha/ Geburtstag von Ali al-Naqi (a.),

dem 10. Imam der Zwölf Imame (a.). der Schiitten. Er wurde auch al-Hadi gerufen. Er war ein Nachfahre unseres Propheten Muhammad(s.).Er blieb in Medina bis zum 30. Lebensjahr. Dann wurde er vom Abbasiden-Kalifen Al-Mutawakkil nach Samarra gerufen. Dort stellte man ihn bis zu seiner Ermordung in seinem Haus unter Arrest. Nach schiitischen Berichten wurde er durch eine Intrige des abbasidischen Kalifen Al-Mu’tazz vergiftet und in Samarra begraben.

16. Ableben Zainabs – nach anderen Überlieferungenam 15. Radschab

Zainab (a.) (bzw. Zainab) war die Tochter von Imam Ali (a.) und Fatima (a.) und die Schwester von Imam Hasan (a.) und Imam Husain (a.). Sie war die bedeutsame Heldin von Aschura. Der Grundstein ihrer Erziehung wurde vom Propheten Muhammad (s.) selbst und von ihrer Mutter Fatima (a.) gelegt. Auch ihr Vater Imam Ali (a.) hat später besondere Sorgfalt bei ihrer Erziehung aufgewendet, so dass sie zur Zeit seines Kalifats in Medina und Kufa wie auch lange über sein Ableben hinaus als bekannte Lehrerin wirkte, die nicht nur in der Auslegung des Heiligen Qur’an und der Überlieferungen versiert war, sondern auch in Rechtsfragen als Autorität anerkannt wurde; in diesem Zusammenhang wurde sie auch als „Stellvertreterin des Imam“ bezeichnet.

17.Dhul Hidscha Geburtstag des Prophetensohnes Ibrahim

Ibrahim ibn Muhammad war ein Sohn von Prophet Muhammad (s.) und Maria al-Qibtiyya, der sehr früh verstarb.

18.Dhul Hidscha,

Das Fest von Ghadir ist der feierliche Gedenktag anlässlich der historischen Ereignisse in Ghadir Chum am 18. Dhul-Hidscha im Jahr 10 n.d.H. Ghadir Chum ist ein Ort auf ca. halber Strecke zwischen Mekka und Medina. Der Ort erlangte in der islamischen Geschichte Bekanntheit durch das sehr wichtige Ereignis bei der Rückkehr des Propheten Muhammad (s.) von der Abschiedspilgerfahrt, bei dem er Imam Ali (a.) zu seinem Nachfolger erklärte.

Lasst uns nun eine kurze Zeit Gottes gedenken, bevor ich die Predigt weiterhalte.

Wahrlich, das erste Haus, das für die Menschheit gegründet wurde, ist das zu Bakka – überreich an Segen und zur Richtschnur für alle Völker. In ihm sind deutliche Zeichen. Die Stätte Abrahams – und wer sie betritt, hat Frieden. Und Wallfahrt zu diesem Haus – wer nur immer einen Weg dahin finden kann – ist den Menschen eine Pflicht vor Allah. Wer aber ablehnt (möge bedenken), dass Allah sicherlich unabhängig ist von allen Geschöpfen.(Koran Sure 3:96,97)“

Dieses Jahr findet die Hadsch voraussichtlich vom 19. August bis zum 24. August statt. Jedes Jahr nehmen über zwei Millionen Muslime aus aller Welt an der Wallfahrt nach Mekka zum Hause Gottes, der Kaba teil. Um die Stadt erstreckt sich ein heiliger Bezirk, der von Nichtmuslimen nicht betreten werden darf. Neben der Hadsch, also der großen Pilgerfahrt, die an feste Daten gebunden ist, können Muslime auch rund um das Jahr eine kleine Pilgerfahrt namens Umra machen. Sofern es gesundheitlich und finanziell machbar ist, muss jeder Muslim mindestens einmal im Leben nach Mekka zur heiligsten Stadt der islamischen Welt reisen und die Riten der Wallfahrt vollziehen. Gott der Allmächtige rief mich 2011 zu seinem Haus und 2012 vollzog ich meine Hadsch. Nur IHM alleine verdanke ich es, dass ich jetzt hier stehe. Die Riten der Wallfahrt dauern sechs Tage, wobei sie nach dem islamischen Kalender immer am achten Tag des Pilgermonats Dhu l-hiddscha beginnen und am 13. des Monats enden. Die Hadsch sollte alleine für und mit dem Gedenken an Allah, unseren Gott vollzogen werden. Sie beginnt schon mit der Absicht zum pilgern. Übrigens gehört die Pilgerfahrt zu den fünf Säulen des Islam und zu den Zweigen der Religion (Usul ud Din) Alle Riten der Pilgerfahrt spiegeln das menschliche Streben nach Vervollkommnung wider und sind direkt oder indirekt auf Abraham (a.) zurück zu führen.

Am 08.Dhul Hidscha /Tag von Tarwiya,

einen Tag vor dem Tag von Arafat und zwei Tage vor dem Opferfest [id-ul-adha] und ist ein heiliger Tag während der Pilgerfahrt [hadsch].

Er gilt traditionell als der Tag, an dem Reiseproviant gesammelt und die Wasserbehältnisse gefüllt wurden, um am nächsten Tag zum Berg Arafat aufzubrechen. Es ist der letzte Tag, an dem die Riten der Wallfahrt [umrah] vollzogen werden als Voraussetzung für die Abreise zum Berg Arafat und Vollzug der Pilgerfahrt [hadsch].

09.Dhul Hidscha/ Tag von Arafat,

Es ist ein heiliger Tag während der Hadsch vor dem Opferfest,das am nächsten Tag stattfindet.

An diesem Tag verweilen die Pilger von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang am Berge Arafat entweder in Zelten, wenn sie Unterkünfte haben oder ganz arme Menschen sitzen in der prallen Sonne und beten. Nach Sonnenuntergang müssen alle Pilger Arafat wieder verlassen. Von Arafat aus, kehrt man in Etappen wieder zur Kaaba zurück. An diesem Ort – dem am meisten entfernten Ort zu Mekka während der Riten der Pilgerfahrt, beginnt die Rückkehr zum Haus Gottes Baitullah.. Es ist der Ort, an dem sich Adam (a.) und Eva (a.), nachdem sie voneinander getrennt waren, hier wieder erkannten. (Arafa heißt erkennen,der Stamm des Wortes Arafat) Die unvollständige Seele wird vervollständigt und begibt sich dann auf den stufenweisen Rückweg in die Heimat Mekka. Auf dem Weg wird dann ebenfalls in Stufen der Weihezustand abgelegt. Der Tag von Arafat gehört zu den empfohlenen Fastentagen. Am

10. Dhul Hidscha/Opferfest [id-ul-adha]

-ist eines der wichtigsten Feste des Islams. An dem Festtag wird der Opferbereitschaft Abrahams (a.) gedacht.

Der Name des Festes leitet sich vom arabischen Wort „Opfern“ (dhahha) ab und wird auch als „das Grosse Fest“ (id-ul-kabir) bezeichnet. Ein anderes Wort für „Opfer“, das auch im Heiligen Koran vorkommt, ist „qurban“. Mit „qurban“ wird etwas bezeichnet, das man opfert(freiwillig gibt), um ALLAHs Wohlgefallen zu erlangen und Seine Nähe zu erreichen.

Das Fest bezieht seinen Namen aus der Opferung eines Opfertieres durch die Pilger in Mina in Gedenken an Abraham (a.), der statt seinem ältesten Sohn Ismael (a.) ein Opfertier schlachten durfte. Abraham (a.) und Ismael (a.) hatten die göttliche Probe bestanden und waren gemeinsam bereit, dass Abraham (a.) seinen Sohn Ismael (a.) opfert, wie es Abraham (a.) im Traum offenbart wurde. Als ALLAH seine Bereitschaft sah, gebot Er ihm Einhalt, indem sein Messer stumpf wurde, Abraham (a.) und Ismael (a.) opferten daraufhin voller Dankbarkeit einen Widder oder Lamm, das aufgetaucht war. Dies fand nach manchen Überlieferungen an dem Ort statt, an dem heute der Felsendom steht. Vgl. dazu Heiliger Koran 22:37. So musste auch Jakob (a.) im Herzen seinen geliebten Sohn Josef (a.) opfern, bevor er ihn zurückerhalten durfte. Die Befreiung von der irdischen Liebe ermöglicht die Zuwendung zur Quelle aller Liebe. Entsprechend wird zuweilen die Redewendung verwendet: „Opfere Deinen Ismail“, falls jemand an etwas irdischem so stark hängt, dass es ihn von der Liebe zu ALLAH ablenkt. Das ist nur möglich, indem man die Steinigung des Satan [schaitan] im Herzen praktiziert. Symbolisch erfolgt dies am Tag des Opferfestes durch das Bewerfen des Felsen. Daraufhin schlachten die Pilger ein Opfertier.

Und wenn das Gebet beendet ist, dann zerstreut euch im Land und trachtet nach Allahs Gnadenfülle und gedenket Allahs häufig, auf dass ihr Erfolg habt.“(Koran Sure 62:10)

Vergessen wir nicht, dass wir alle, egal welcher Religion wir angehören, Geschöpfe Gottes sind von IHM kommen wir und zu IHM kehren wir zurück. Rücken wir zusammen für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit auf der ganzen Welt!

Wir sind hier eine noch sehr kleine Gemeinde, aber mit Gottes Hilfe wachsen wir!

Alles Lob und aller Dank gebühren nur Gott alleine!

Gott segne Seine Diener und schenke uns allen Sein Licht!

Einen gesegneten Freitag für alle!

Herausragende Frauen im Islam

Herausragende Frauen im Islam

Bismillahir/Rahmanir/Rahim
Im Namen Allâhs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Al salam alykum wa rahmatullah wa barakatuh –
Der Friede sei mit euch, die Barmherzigkeit Allâhs und Sein Segen!

Sure al-‚Alaq (Das Sich Anklammernde/die Keimzelle), Aya 1-5:

  1. Lies! Im Namen deines Herrn, Der erschuf –
  2. Erschuf den Menschen aus einem sich Anklammernden.
  3. Lies! Denn dein Herr ist gütig,
  4. Der durch die (Schreib-)Feder gelehrt hat –
  5. Den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.

Ein Ausspruch des Propheten Muhammad (Gott segne ihn und schenke ihm Heil), lautete: „Das Streben nach Wissen ist Pflicht für muslimische Männer und muslimische Frauen.“ Aber wenn wir in unseren Bücherregalen nach einem islamischen Buch sehen, finden wir unter anderem Hadith-Werke von Bukhari und Muslim, einige Werke von Ghazali, Ibn Arabi, etliche Werke über die Sira des Propheten, aber alles von Männern geschrieben. Wenn wir von den Sahabia sprechen, dann fallen uns ganz schnell Namen ein wie: Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali, alles Männernamen. Fast zaghaft sagen wir dann noch Khadidscha, `Aischa Fatima, – als Ehefrauen und Tochter. Wo sind die Frauen, die die islamische Welt mitgeprägt haben, die Sahabiat?

Ja, es gab sie! Ihre Namen und ihre Bedeutungen sind nur in den vergangenen Jahrhunderten bis auf einige wenige vergessen worden, besonders in den letzten beiden Jahrhunderten, in denen die Männerherrschaft dominierte und die Frauen fast namenlos blieben.

Gott als der Schöpfer erschuf Männer und Frauen als ebenbürtige Wesen aus einer Seele. „O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, Der euch erschaffen hat aus einem einzigen Wesen; und aus ihm erschuf Er seine Gattin, und aus den beiden ließ Er viele Männer und Frauen entstehen. (…) . Wahrlich, Allah wacht über euch.“ (4:1)

Begeben wir uns also auf den Weg in die Geschichte, erkunden wir, wie Frauen nach Wissen strebten und als bedeutende Gelehrtinnen wirkten. Ich möchte sie heute anlässlich des gestrigen Internationalen Frauentages ehren.

Laut Bukhari sagte der Prophet- salla Allahu 3alayhi wa salam): „Wer auch immer mit der Absicht, nach Wissen zu streben, einem Weg folgt, dem wird Allâh den Weg ins Paradies erleichtern.“

Der Qur’an und die Hadithe (die überlieferten Aussagen des Propheten) ermutigten Frauen wie Männer, nach Wissen zu suchen. Auch die Frauen haben wesentliche Beiträge zur Erziehung und auf vielen anderen Gebieten geleistet. Die erste und wichtigste unter ihnen war ‘Aischa, eine der Ehefrauen des Propheten und die Frau mit dem meisten Wissen in den ersten Jahrzehnten des Beginns der islamischen Zeit. ‘Aischa verfügte über einen außerordentlichen Verstand und ein hervorragendes Gedächtnis. Sie gilt unter den sunnitischen Muslimen als eine der verlässlichsten Quellen und als erste Lehrerin für Hadithe. Sie hatte Wissen vom Koran, den Anteilen des Erbrechts, den erlaubten und verbotenen Dingen, Dichtung, Literatur, Arabische Geschichte, Abstammungslehre und Medizin im Allgemeinen.

Die erste Madrassa (Schule) für Frauen mit einer Lehrerin wurde im Haus von ‘Aisha gegründet. Auch Männer konnten an ihrem Unterricht teilnehmen.

Sowohl Männer als auch Frauen nahmen also an ihrem Unterricht teil.

Sie kannte den gesamten Koran auswendig und war Zeugin vieler Ereignisse der frühen Geschichte des Islam, die sie weitergab. Dank ihrer Überlieferungen wissen wir viele Details aus dem privaten sowie öffentlichem Leben des Propheten, es gibt über 2000 Ahadith (Aussprüche, Anweisungen und Handlungen des Propheten.

Als der Prophet starb, war `Aisha war erst 18 Jahre alt, galt jedoch bereits als religiöse Gelehrtin. Über die nächsten vier Jahrzehnte bis zu ihrem Tod, wurde sie von Muslimen konsultiert wegen ihres beträchtlichen Wissens und Verständnisses des Qur’an, der islamischen Rechtsprechung (Fiqh), der islamischen Lehren und Traditionen (Sunnah). Dank ihr gab es also schon eine Reihe von weiblichen Gelehrtinnen.

Zum Beispiel war ‘Aischas Schülerin und enge Freundin, Amra bint ‘Abdurahman eine herausragende Gelehrte, deren Lehrmeinungen diejenigen anderer ‘Ulama‘- Gelehrte überragten. Sie gilt als erste Quelle bei drei Rechtsfragen: das Verbot der Öffnung von Gräbern, die Untersagung des Verkaufs unreifer Früchte sowie die Auswirkungen von beschädigter Ernten beim Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Das waren damals wichtige Punkte.

In den Überlieferungsketten des Ahadith gehörten auch Frauen, wenn auch nicht viele.

Dennoch haben sie sich große Verdienste im Tradierungswesen der Ḥadiṯhwissenschaft erworben.

z.B. die Hadithgelehrte Shuhda bint Abi Nasr Ahmad al-Ibari (gest. 1178) wird als eine der besten Gelehrten ihrer Zeit bezeichnet. Sie unterrichtete unter anderem die Hadithwerke von Bukhari und hatte eine große Anzahl von Schülern in Bagdad. Sie war unter den Namen “al-Katiba” (die Schreiberin) aufgrund ihrer Kalligrafiekünste bekannt. Shuhda wird bei Ibn Khallikan folgendermaßen beschrieben: „Shuhda gehörte zu der Art Gelehrter, die auch über eine sehr gute Handschrift verfügten. Viele Leute “hörten” und lernten von ihr. Sie hatte deshalb eine große Anhängerschaft und ihr Publikum bestand aus Jungen und Alten. Sie wurde sehr bekannt und ihre Berühmtheit sprach sich weit herum.”

Der Gelehrte al-ʿAsqalānī (1449) beschreibt in seinem biographischen Werk für das vierzehnte Jahrhundert die Biographie von 170 Gelehrtinnen, unter anderem auch von Zaynab bint al- Kamāl (1339), die in Damaskus unter der mamlukischen Dynastie lebte und in ihren späteren Lebensjahren eine große Anerkennung als Lehrerin in der Ḥadithwissenschaft genoss. Aufgrund ihrer zahlreichen Lehrdiplome (ijazas), wurde ihr der Titel ‚musnidat ad-dunya‘ zugeschrieben.

Nafisa bint al-Hasan (762-824) ist die Großenkelin des Propheten und die Tochter von al-Hasan ibn ‘Ali Sie kannte den Koran auswendig und kannte sich auch im Kommentieren des Korans (Tafsir) aus und auch in rechtlichen Fragen. Sie wuchs in Medina auf und zog später, nach ihrer Eheschließung mit Ishaq ibn Ja’far, nach Fustat , dem Vorläufer von Kairo. Sie hielt öffentlichen Unterricht, an dem auch Imam ash-Shafi’i und verschiedene zu der Zeit berühmten Gelehrten teilnahmen. In seinem letzten Willen verfügte ash-Shafi’i, dass seine Totenbahre auf dem Weg zum Friedhof an ihrem Haus innehielt. Er war Begründer einer der vier – heute bestehenden – Rechtsschulen des Islam. In Kairo habe ich ihre Moschee besucht, sie wird noch heute in Ägypten als Volksheilige des Islam verehrt.

Aisha bint ‘Ali (1259-1336) war eine hanbalitische Gelehrte aus Kairo. Sie lernte zunächst von ihrem Großvater und erhielt später auch Lehrlizenzen (Ijaza) von anderen Gelehrten aus Syrien und Ägypten. Außer dem Koran studierte sie Kalligrafie, Geschichte, Sira, Poesie und Recht. Unter ihren Studenten waren Ibn Hajar al-Asqalani, der sie für ihre ausgezeichnete Schrift rühmte und al-Maqrizi, der sie für ihren Verstand, ihr Gedächtnis und ihren Intellekt hoch lobte.

Eine wichtige Rechtsgelehrtin war Fatima bint Abbas b. Abu l-Fath (1314) dar, die selbst von dem berühmten und widersprüchlichen Theologen Ibn Taimiya aufgrund ihres Intellekts bewundert wurde. Ferner beschreibt sie der bekannte Gelehrte Ibn Rağab als die ‚Einzigartigste ihrer Zeit‘.

Eine der ersten bedeutenden Frauengestalten im Tasawwuf war Rabi’a Al-Adawijja (713-801). Tasawwuf ist eine Sammelbezeichnung für Strömungen, die asketische Tendenzen und eine spirituelle Orientierung aufweisen, die oft mit dem Wort Mystik bezeichnet wird. Im umfassenderen Sinn bedeutet Tasawwuf die Vervollkommnung von Iman (Glaube an Gott -Seine Engel, Seine Bücher, Seine Propheten, und an den Letzten Tag, und an die Göttliche Vorsehung) und Islam (Bezeugung, dass es keine Gottheit gibt außer Gott), die durch Ihsan (Zustand, als ob du Gott sähest, und wenn du Ihn auch nicht siehst, so sieht Er doch dich) ­erlangt wird. Rabi’as Ausgangspunkt war weder die Furcht vor der Hölle, noch der Wunsch nach dem ­Paradies, sondern nur die Liebe. „Allah ist Allah“, sagte sie, „und dafür liebe ich Allah (…) nicht wegen irgendwelcher Gaben, sondern um Seiner Selbst willen.“ Es gibt einige wundervolle Geschichten über Rabi’a und ihren Zeitgenossen, den berühmten Gelehrten und Schaikh Al-Hasan Al-Basri. Er sagte über sie: „Ich verbrachte eine ganze Nacht und einen Tag mit Rabi’a – über den Weg und die Wahrheit sprechend – und es kam mir niemals in den Sinn, dass ich ein Mann war, noch kam es ihr in den Sinn, dass sie eine Frau war; und am Ende, als ich sie anschaute, sah ich mich selbst als spirituell bankrott und Rabi’a als wahrhaft aufrichtig.“

Die islamische Geschichte zeigt, dass die frühen muslimischen Gesellschaften weibliche Gelehrten als religiöse Autoritäten respektierten und ihnen Qualifikation und die Kompetenz der Unterweisungen zusprachen. Ihre Unterweisungen wurden in Häusern und Moscheen durchgeführt, in Bereichen wie Geschichte, Logik, Literatur, Ethik und Philosophie. In staatliche oder offizielle Ämter wurden sie allerdings weniger eingebunden.

Die vielen starken Frauen in der islamischen Geschichte sind vergessen. Hiermit wollte ich sie und die vielen Namenlosen ehren.

Wenn ich an heutige großartige Frauenpersönlichkeiten denke, dann steht das pakistanische Mädchen Malala an erster Stelle.

Mit 11 Jahren schrieb sie heimlich einen Blog bei der BBC. Sie informierte darüber, was in ihrer Region geschah, seit die Taliban an die Macht gekommen waren. Ein Journalist interviewte Malala im Fernsehen. Dadurch wurde sie bekannt. Mit ihren Ansichten über das Schulrecht für Mädchen machte Malala sich Feinde in ihrer Heimat. Malala wurde im Oktober 2012 in ihrer Heimatstadt Mingora im Schulbus von zwei Taliban-Mitgliedern in Kopf und Schulter geschossen. Sie überlebte den Angriff knapp, wurde anschließend in einem Krankenhaus in Birmingham behandelt. Die Familie hatte Angst, nach Pakistan zurückzukehren, nachdem die Taliban Drohungen ausgesprochen hatten. Sie setzte sich vor allem für das Recht von Mädchen auf Bildung ein. 2014 wurde ihr der Friedensnobelpreis zuerkannt.

Anfangs waren die Pakistaner im ganzen Land schockiert und beteten für ihre Heilung, die Politiker im Lande lamentierten laut gegen ihre brutalen Attentäter. Doch diese erste Solidarität mit der damals 15-Jährigen verblasste schnell, während sich das Land gleichzeitig radikalisierte.

Inzwischen ist Malala für viele Pakistaner nicht mehr eine der ihren, der Unrecht geschah, und die unterstützt und beschützt werden muss, sondern eine Verräterin, eine Abtrünnige, eine, die Schmutz und Schande über die Heimat bringt. Die einen nennen sie Agentin des Westens, die anderen halten sie für eine politische Schachfigur, die dafür ausgenutzt wird, Pakistan und den gesamten Islam in Misskredit zu bringen.

 Fatima Grimm war eine der ersten Konvertitin in Deutschland. Sie war eine unabhängige deutsche Muslimin, gebildet, wortgewandt und mitfühlend, voller Verständnis für das Unverständnis der Anderen, nie belehrend, nie abweisend. Sie  nahm die Menschen, wie sie sie waren, war nie dogmatisch, sondern begegnete jedem freundlich und wertschätzend. Sie wurde meine beste muslimische Freundin, beriet mich beim Schreiben eines meiner Bücher. Ihr wahrscheinlich größtes Vermächtnis ist die Übersetzung des Korans mit ausführlichen Kommentaren. Dies ist die erste deutsche Übersetzung, die gemeinsam von sunnitischen und schiitischen Muslimen erarbeitet und herausgegeben wurde. Dieses Werk gehört zu einem neuen Kapitel der deutschen Koranrezeption. Fatima Grimm hat den deutschen Muslimen Wissen und Worte zu ihren religiösen Schriften gegeben. Am 6. Mai 2013 ist Fatima Grimm im Alter von 78 Jahren gestorben. Sie ist ein großer Verlust für die deutsche muslimische Gemeinschaft – Von Gott kommen wir und zu ihm kehren wir zurück. Möge Er mit ihr zufrieden sein.

Halima Krausen – ein Vorbild für deutsche Muslime

Sie ist eine, die es in Deutschland sogar in religiöse Ämter schaffte, sie zählt weltweit zu den wenigen Imaminnen, sie ist Imamin an der Moschee zur Schönen Aussicht in Hamburg. In Hamburg betreut sie die deutsche Gemeinde der Moschee an der Außenalster. Halima Krausen wollte sich keiner Konfession oder Gruppe zuordnen lassen. Ihr war vor allem das eigenständige Denken wichtig.

Sie sagte, dass die Vernunft eine Gabe Gottes sei. Sie ermögliche es dem Menschen, Zusammenhänge zu erkennen, sich selber einzuordnen in ein Gesamtes und Schlussfolgerungen zu ziehen, vor allem, wenn es um ethisches Verhalten geht. Und damit ist nicht einfach der Verstand gemeint, sondern unter Vernunft versteht sie auch etwas Ganzheitliches.

       Von ihrem Vorgänger, Imam Mehdi Razvi, hat sie auch Ihre Lehrbefugnis erhalten. Es war ein großartiger Schritt, als sie nach seinem Tod 2013 seine Nachfolge antrat – als erste Imamin Deutschlands.

Seit 2014 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg und der Akademie der Weltreligionen tätig.

Es gibt heute viele muslimische Frauen in Deutschland, die still und ohne Aufsehen erregend für einen liberalen Islam arbeiten. Die beiden Genannten habe ich stellvertretend für sie ausgewählt.

Friedrich II

Friedrich II

Das Geschlecht der Staufer hat das europäische Mittelalter entscheidend geprägt. Es sind vor allem zwei Staufer, die dem Jahrhundert zwischen 1150 und 1250 ihren Stempel aufgedrückt haben: Kaiser Barbarossa und sein Enkel Friedrich II.

Wer war er? Erbe zweier Mächte: ein Hohenstaufer und Normanne, zweimal zum König ausgerufen, heiliger römischer Kaiser deutscher Nation, als Kaiser wieder in seinen letzten Jahren abgesetzt.

Der Mönch Matthäus von Paris (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts,  Geschichtsschreiber im Benediktinerkloster St. Albans unweit von London, sagt von ihm: er sei zum „stupor mundi et immutator mirabilis“ geworden- „zum Staunen der Welt und wundersamen Veränderer“. Aber stupor mundi bedeutet auch nach mittelalterlichem Verständnis, Betroffenheit und Erschrecken über den, der das Bestehende zu verändern versucht.

Von kirchlicher Seite beschimpft man ihn als Antichrist.

Sein Vater war der deutsche Kaiser Heinrich VI., sein Großvater Friedrich I. Barbarossa. Seine Mutter brachte das normannische Erbe mit Süditalien und Sizilien mit. Schon die Vorfahren mütterlicherseits waren sehr islamfreundlich.

Durch interne Konflikte konnte im 11. Jahrhundert der normannischen Herzog Roger I.  das Land Sizilien erobern. Er und auch seine Nachfolger erkannten die Religion und Gesetzgebung der einheimischen Muslimen an, gewährte ihnen sogar Schutz. Sie förderten die arabische Dichtung und Wissenschaften. Vom König Roger II. (1101-1154) sagte man sogar heimlich, dass er ein muslimischer Sultan mit einer Krone sei. Er verwandelte Sizilien zu einer Brücke für den Tranfer der islamischen Kultur und Gesellschaft nach Europa. Er ließ Münzen mit lateinischer, griechischer und arabischer Schrift prägen.

      Friedrich wurde im Jahr 1194 in Jesi in der Nähe von Ancona zur Welt. Sein Vater war Kaiser Heinrich VI. und die Mutter war die Tochter von König Roger II. König von Sizilien und Süditalien.

Friedrich bekam also von Geburt an eine große Machtstellung mit auf den Weg; denn angenommen, er als Thronfolger in Sizilien würde durch Wahl wie sein Vater auch deutscher König oder gar mit Krönung durch den Papst Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, dann waren die welt- und besonders kirchenpolitischen Folgen dieser Verbindung nicht absehbar und gaben zu Befürchtungen Anlass, weil sich dann ganz Italien in staufischer Hand befinden würde. Deshalb setzte Heinrich bereits 1196 Friedrichs Wahl als 2-Jähriger mit den Mitteln des Normannenschatzes zum deutschen König durch. Doch schon ein Jahr später starb Heinrich, und der Anspruch seines Sohnes wurde von den Fürsten im Reich angegriffen.

Seine Mutter hatte nur ein Ziel: Sizilien als normannisches Königreich beizubehalten, seine Unabhängigkeit zu sichern und ihrem Sohn die sizilianische Erbfolge zu sichern. Der Unterstützung des Papstes konnte sie gewiss sein. So wurde der erst Dreijährige zum König von Sizilien gekrönt. 1198 starb auch Kaiserin Konstanze und setzte laut Testament den Papst zum Verweser des sizilianischen Königreiches ein.

Bis zum zwölften Lebensjahr war der elternlos heranwachsende Friedrich nur ein Objekt in den Händen derer, die im eigenen Interesse in Sizilien die Macht ausübten.

Der Papst hatte ein Interesse, das Land als päpstliches Lehen zu behalten, hat aber nicht viel für den Jungen getan. Man weiß nicht, unter welchen Bedingungen Friedrich aufwuchs, wie viele Lehrer er hatte, fest steht aber, dass er sich eine außergewöhnliche Fülle an Wissen angeeignet hatte. Im Umgang mit den einfachen Leuten lernte er die Lebensgewohnheiten, Bräuche und Sprachen der Sizilianer, Normannen, Muslimen, Griechen, Juden und Deutschen. Er las alles, von Abenteuerbüchern bis zu den antiken und arabischen Klassikern, beschäftigte sich mit Naturwissenschaften und Sternenkunde. Es gibt Berichte, dass er geübt sei in der Handhabung jeglicher Waffen und ein guter Reiter war.

Die ihn kannten bewundern seine Frühreife, den Scharfsinn und die rasche Auffassungsgabe des Jungen, tadeln aber sein ungehöriges und rüdes Benehmen.

Elementare christliche Kenntnisse mag er von päpstlichen Legaten bekommen haben, aber es gilt als sicher, dass er auch arabisch-islamische Lehrer hatte, ein Kadi, den er auf seinen späteren Kreuzzug erwähnt hatte. Was später Christen zum Ärgernis wurde, nämlich seine Vertrautheit mit der arabischen Geisteswelt, seine Sympathie für den Islam, Vorliebe bestimmter naturwissenschaftlichen Disziplinen und für die Philosophie wird wie ein Markenzeichen für ihn werden. Er sagte über sich in der blumigen orientalischen Rhetorik: „Ehe ich die Pflichten des Regierens auf mich nahm, strebte ich den Wissenschaften nach und atmete ihre balsamischen Düfte.“

Mit der Absicht, seine Stellung im Reich zu festigen, ging er nach Deutschland, gründete zahlreiche neue Städte auf kirchlichem Territorium, erntete darum den Unmut der Kirche. Zugleich gestand er dem Papst größere Territorialrechte in Mittelitalien zu, verzichtete auf das Recht, bei der Bischofswahl mitzuwirken, wodurch die Kirche vom Staat unabhängig wurde.

Am 22. November 1220 salbte Papst Honorius III. Friedrich II. in Rom zum Kaiser.
Nachdem Friedrich nach 8 Jahren in Deutschland wieder in Süditalien angekommen war, änderte er seine Strategie. Friedrich wollte seine Herrschaft nicht auf Gewalt aufbauen, sondern auf das Recht. Mit den „Assisen con Capua“ (Gesetze) ließ er einen allgemeinen Frieden ausrufen. Seine absolute Autorität verbürgte den Schutz aller Untertanen. Wo bisher die einzelnen Feudalherren mehr oder weniger willkürlich Recht sprachen, sollte die von Friedrich eingesetzten Justitiare die Rechtsprechung übernehmen. Darüber hinaus erklärte er alle Schenkungen und Privilegien für ungültig, die seit 1189 erteilt worden waren. Alle übrigen Privilegien mussten durch die königliche Kanzlei neu bestätigt werden. Der Papst Honorius III., der sich immer noch als Lehnsherr Siziliens sah, protestierte gegen dieses Vorgehen Friedrichs, konnte sich aber nichts ändern.

Während seiner Abwesenheit hatten räuberische Sarazenen im Bergland Burgen und Dörfer gegründet und bedrohten sogar die größeren Städte. Es dauerte lange, bis er sie unter Kontrolle hatte und begann ein ungewöhnliches Experiment: Die 16000 Sarazenen, wie man damals die Muslime nannte, wurden nicht getötet, sondern mitsamt ihren Familien auf das Festland umgesiedelt.

Die Ansiedlung von „Ungläubigen“ sollte bald die schärfste Missbilligung der Kirche hervorrufen. In kurzer Zeit wurde aus dem wüsten Flecken ein blühendes Gemeinwesen, sie errichteten Moscheen mit Minarette, lernten und lehrten in eigenen Koranschulen. Mit ihren Produkten belieferten sie die Küche des Kaisers. Sie durften ihre Religion ausüben, entfalteten ein islamisches kulturelles Leben, und sie stellten die treu ergebene Leibgarde und bevorzugte Diener des Kaisers. — Wie geht das ohne ein innerliches Glaubensbekenntnis vor sich!!!

Als seine Frau starb, heiratete er 1225 die Erbin des Königreiches Jerusalem Isabella von Brienne, denn es sicherte ihm Ansprüche auf die Krone von Jerusalem.

Auch der Papst hatte ein großes Machtinteresse an diese Verbindung, betraf es doch das „Heilige Land“. Aber dennoch wurde der Konflikt zwischen Friedrich und dem Papst immer stärker. Friedrich erklärte mehrere päpstliche Territorien zu Reichslehen und war mit sizilianischen Truppen in Oberitalien aktiv geworden. Auch versuchte er, die Kirche in Sizilien unter seine Kontrolle zu bringen und auch das Recht der Besetzung der 150 Bistümer im Königreich an sich zu ziehen, was ihm aber nicht gelang.

Die darauffolgenden Auseinandersetzungen wurden immer schärfer und fielen mit dem Streit über den Kreuzzug zusammen, den er versprochen hatte, der schließlich zur Exkommunikation Friedrichs führte.

1228 fand der Kreuzzug dennoch statt, nun jedoch gegen den Willen des Papstes, der den Bann nicht aufgehoben hatte. Der Zwist zwischen Kaiser und Papst spaltete das christliche Lager mit der Folge, dass ganze Gruppen des Kreuzfahrerheeres gegen den Kaiser intrigierten und alles darauf anlegten, um den Misserfolg des gebannten Kaisers herbeizuführen.

Friedrich pflegte schon lange gute Beziehungen zum Sultan Malik al-Kamil von Ägypten.

Der Sultan beauftragte den Emir Fahr-ed-Din, der dem Kaiser in tiefer Bewunderung, ja persönlicher Freundschaft verbunden war, mit Verhandlungen betreffs Jerusalem, die schließlich zum Erfolg führten.

Mit kluger Diplomatie hatten die beiden Verhandlungsführer des Sultans und des Kaisers, Fahr-ed-Din und Thomas von Aquin, Graf von Acerra, auch er war des Arabischen mächtig, den Frieden vorbereitet. Am 18. Febr. 1229 war es erreicht: Der Sultan stimmte zu, dass die heiligen Stätten der Christenheit, Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, dazu der Zugangsweg und wichtige Hafenstädte den Christen übergeben wurden. Lediglich in Jerusalem blieb der auch den Muslimen heilige Haram-esch-Scharif-Bezirk mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee vorbehalten, doch mit Zutrittsrecht der Christen zum Gebet.

Sowohl auf christlicher als auch auf muslimischer Seite stieß das Abkommen auf breite Ablehnung. Der lateinische Patriarch Gerold von Jerusalem verhängte ein Interdikt (Verbot kirchlicher Handlungen) über ganz Jerusalem, für den Fall, dass Friedrich II. die Stadt betreten würde.

Davon ließ der Kaiser sich nicht abhalten und am 17. März 1229 betrat er die Stadt Jerusalem, wo er sich am nächsten Tag in der Grabeskirche selbst zum König von Jerusalem krönte, da der Patriarch sich weigerte, dies zu tun.

Was viele Kreuzfahrer mit Gewalt nicht schaffen konnten, was unzählige Menschenleben kostete, das erreichte Friedrich II. auf eine Weise ohne einen einzigen Schwertstich auf dem Verhandlungsweg: den freien Zugang aller christlichen Pilger zu den heiligen Städten in Palästina.

Nach seiner Rückkehr aus Palästina musste er die päpstlichen Truppen bekämpfen, die in das sizilianische Regnum eingefallen waren. Noch während der Kämpfe nahm Hermann von Salza vom Deutschen Ritterorden Vermittlungsgespräche mit dem Papst auf, um die Lösung des Banns zu erreichen. Zugeständnisse, unter anderem die Freiheit kirchlicher Wahlen, die Wiedereinsetzung von kirchlichen Amtsträgern lösten dann den Bann.

In den nachfolgenden Jahren machte er das Königreich Sizilien in kurzer Zeit zum kulturellen und geistigen Mittelpunkt der abendländischen Welt. Er umgab sich mit einem muslimisch-arabischen Hofstaat, beteiligte sich selbst an wissenschaftlichen Forschungen, beschäftigte sich mit Philosophie und Dichtkunst und schrieb später ein beachtliches Buch über die Falkenjagd, welches man noch heute als Handbuch für die Falknerei benutzen kann.

Im Jahre 1224 gründete er die Universität in Neapel, die heutige Università Federico II., die die Aufgabe hatte, Beamte für den Staat auszubilden. 1226 erfolgte die Gründung der Universität für Apotheker in Salerno, die zusätzlich die Aufsicht über das Medizin- und Arzneiwesen übernahm.

1231 veröffentliche der Kaiser die „Konstitutionen von Melfi“ den Versuch einer umfassenden Gesetzgebung, die alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens umfasste. Unter anderen enthielt die Gesetzessammlung erste Anordnungen des Umweltschutzes(!), Vorschriften über Studiengänge, Anordnungen für Ärzte und noch vieles mehr.

Eine der bedeutendsten Errungenschaften war die Einführung des Dezimalsystems, das Rechnen mit der Null. Bis dahin benutzte man ein umständliches Zahlensystem. Weitere Verdienste erwarb sich der Kaiser durch die Wiederentdeckung der Schriften der antiken Philosophen und Dichter, die Entwicklung und Einführung eines neuen Vermessungssystems.

Aus Deutschland kamen besorgniserregende Nachrichten. So zog er mit seinem ganzen Hofstaat in großer Pracht über die Alpen. Ihm folgten Wagen, beladen mit Gold, Silber und Seide, mit vielen Kamelen und Dromedaren, mit Affen und Leoparden und Sarazenen, die sein Gold und seine Schätze bewachten….“ (Ebersbacher Chronik)

Aber bald musste er zurück. Kämpfe mit aufrührerischen Städten in Italien und fortwährende  Auseinandersetzungen mit dem Papst verlangten seine Anwesenheit in Italien. In bösen Wortgefechten bezichtigten sich Kaiser und Papst gegenseitig als Antichrist und Verderber der Christenheit.

Sie waren so verbissen in ihre Streitigkeiten, dass sie nicht auf den Mongoleneinfall reagierten. Sie kamen nicht die in arge Bedrängnis geratenen Deutschen und Polen zu Hilfe. Vom Papst und dem eigenen Kaiser im Stich gelassen, organisierten die deutschen Fürsten unter dem 9jährigen König Konrad IV. die Verteidigung und konnten, begünstigt durch innerasiatische Ereignisse bei den Mongolen, die Bedrohung abwenden.

Es ging also auch ohne Papst und Kaiser. Die psychologische Wirkung dieser Erkenntnis dürfte nicht leicht zu überschätzen sein. Die spätere Entwicklung in Deutschland zum territorialen Fürstenstaat nahm hier in der äußersten Not ihren praktischen Anfang.

Die Auseinandersetzung mit der Kurie erreichte ihren Höhepunkt mit der erneuten Bannung und Absetzung des Kaisers durch den Papst auf dem Konzil zu Lyon. Bettelmönche der Franziskaner zogen gegen den Kaiser predigend durch die Lande. Eine Verschwörung gegen sein Leben konnte in letzter Minute aufgedeckt werden.

Im Sommer 1250 zog er in Richtung Lyon, wo der Papst residierte, um dort die Aufhebung des Bannes zu erreichen. Aber unterwegs erkrankte er und wurde ins Castel Fiorentino gebracht. Am Morgen, dem 13. Dezember 1250, zog man ihm die graue Kutte der Zisterzienser Mönche an. Kurz nach dem Diktat seines Testamentes starb er.

Man meinte damals, dass er durch das Anziehen des Mönchskleides der Zisterzienser seine Reue zum Christentum bekunden wollte.

Tarik Erich Knapp geht in einem Artikel davon aus: „Sieht man nur genauer zu, dann zeigt sich dieser vermeintliche Beweis letztendlicher Christlichkeit des Kaisers als viel stärkerer Beweis seines Muslimtums. Denn mit dem grauen Gewand der Zisterzienser zog sich der Nichtmönch Friedrich lediglich die Robe der bekennenden Muwahiden –Sufis an. Die Mönchskutte des sterbenden Kaisers war also zugleich sein letztes, wortloses Bekenntnis zum Islam.

In seinem Sarkophag sah man ihn nach einer Öffnung im Jahre 1781 in arabische Seidengewänder gekleidet, bestickt mit den kaiserlichen Adlern, ein leinenes Untergewand, besetzt mit kufischen Lettern, die ihn ausdrücklich als Sultan huldigen. Neben ihm lagen die Krone und die Weltkugel, ohne das sonst übliche Kreuz.  Seine engsten Bediensteten haben ihn so nach seiner Aufbahrung in sein Grab gelegt, wie er war, als Muslim.

Friedrich erweckte schon zu Lebzeiten das Staunen, wenn nicht gar Grauen seiner Zeitgenossen. Sie nannten ihn „Wunder und Wandler der Welt“.

Deutschland und der Islam

Deutschland und der Islam

(Predigt eines weiblichen Mitglieds unserer Gemeinde)

Immer wieder fällt der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Wer sich mit der Geschichte von Deutschland ein wenig beschäftigt hat, weiß, dass es so nicht stimmt. Ich möchte darum einige Beispiele in der deutschen Geschichte anbringen.

Die Geschichte der deutsch-islamischen Beziehung hat starke Wurzeln, sie reicht weit zurück bis auf das Jahr 777, als Karl der Große auf dem Reichstag zu Paderborn den Gouverneur von Barcelona und Girona, Sulaiman al-Arabi, empfängt. Sulaiman war beim Emir von Cordoba Abd ar-Rahman I. in Ungnade gefallen.  Karl schloss mit ihm einen Beistandspakt ab. Dieses Treffen gilt als eine der ersten dokumentierten Begegnung der Deutschen mit einem Abgesandten aus der Welt des Islam im damaligen Frankenland. Vierzehn Jahre später kommt es dann zu ersten intensiven Beziehungen zwischen Karl, damals noch König und dem Abbasidenkalifen Harun al-Rashid zu Bagdad.

Als ich auf der Suche nach Material war, stieß ich auf einen interessanten Artikel über die Karlspreis-Verleihung, in dem sinngemäß stand:

Karl der Große war zu seiner Zeit sehr realitätsnah. Er hat als erster Europäer zugleich Dialog mit dem Islam und Kriege gegen Muslime geführt, die nach Europa vordringen wollten. Der islamische Dialogpartner Karls des Großen war der Abbasiden-Kalif von Bagdad, Harun al-Raschid. Dieser hatte dem christlichen Herrscher Karl dem Großen 797 einen Elefanten geschenkt. Der Übermittler des Geschenks war ein Jude namens Isaak. Er begleitete auch als Dolmetscher die erste fränkische Mission nach Bagdad.

Der Herrscher aus Bagdad, Harun al-Raschid, verkörperte den Höhepunkt der Abbasiden-Dynastie im Kalifat von Bagdad, während der fränkische Kaiser nicht nur den Glanz der Karolingerzeit, also der Zeit der westgermanischen Franken repräsentierte, insbesondere als „Begründer Europas“ gefeiert wird. Sie waren beide die wichtigsten Männer ihrer Zeit, zum Ende des 8.Jahrhunderts, ebenso bedeutend wie die beiden Imperien, für die sie standen: das Abbasiden-Reich des Kalifen und das Reich der Franken.

Es hat also direkte Kontakte zwischen beiden Herrschern, zwischen Harun al-Raschid und Karl dem Großen gegeben. Die Initiative dazu ging schon vor 800 von Karl aus. Doch leider kam es nicht zu einem vermutlich angestrebten politischen Bündnis zwischen beiden.

Beide Herrscher hatten dieselben Gegner, die politisch und nicht religiös definiert waren. Auf der einen Seite stand Byzanz; zugleich Feind von Bagdad und Aachen, der Hauptsitz von Karl, beide hätten gern Konstantinopel unterworfen. Auf der anderen Seite stand das islamische Spanien, das sich unter dem Emirat des Umaiyyaden Abdulrahman I. vom Bagdad der Abbasiden territorial gelöst hatte. Als islamische Größe war das spanische al-Andalus gleichermaßen eine Bedrohung für das christlich-fränkische wie eine Herausforderung an das Abbasiden-Reich im Osten. Der Anspruch, einziger Imam aller Moslems zu sein, stellte der Herrscher des islamischen Spaniens infrage. Mit seinen Versuchen, Konstantinopel einzunehmen, scheiterte er aber ebenso wie Karl gegen Córdoba.

Beide Herrscher haben wahrscheinlich erkannt, dass sie nur gemeinsam in der Lage sein würden, ein Gegengewicht zu ihren islamischen und christlichen Feinden in Córdoba und Konstantinopel zu bilden. Da spielte die Religion keine Rolle.

Aber von da an brachten arabische Händler ihre Waren sogar über Deutsche Länder sogar bis nach Schweden, belegt durch Münzen.

—       Ich zitiere aus einem älteren Artikel: „West-Östliche Begegnungen“ aus der Islamischen Zeitung: „Im Süden Europas, dem staufisch-normannischen Sizilien, fand eine erstaunliche Symbiose zwischen den normannischen Herrschern und den ansässigen Muslimen statt, deren Krönung die Zeit Friedrichs des Zweiten von Hohenstaufen darstellte. Dieser staufisch-normannische Fürst, Erbe des deutschen Reiches und Süditaliens – von 1220 bis zu seinem Tod Kaiser des römisch-deutschen Reiches und ab 1225 führte er sogar den Titel „König von Jerusalem“ – verstand es, die Fesseln seiner christlichen Umgebung abzulegen und vorurteilslos mit den Muslimen zu leben. Seine Leibwache und Dienerschaft bestand aus in Sizilien lebenden Muslimen, die er mit ihren Familien ins süditalienische Amalfi übersiedeln ließ. Er vertraute in Fragen der Herrschaft seinen muslimischen Beratern. Seiner Freundschaft mit dem Sultan Al-Kamil und seiner Diplomatie ist es zu verdanken, dass er auf seinem vom Papst angeordneten Kreuzzug nur durch seine Diplomatie und großer Geduld Jerusalem ohne Blutvergießen einnehmen konnte. Das war natürlich ein riesiger Dorn im Auge des Papstes. Das und weitere Streitigkeiten mit dem Papst waren Ursache genug, um ihn als Schänder der christlichen Religion, als Antichrist zu verdammen. Seine Persönlichkeit und seine Politik erklären die Feindschaft der Kurie und ihren damaligen Verbündeten, den Franzosen, die nach dem Tode Friedrichs seine Familie und die staufische Herrschaft im Reich und in Sizilien auslöschten.“

Kaiser Friedrich II. hat Zeit seines Lebens sich für die islamische Toleranz und für ihre Wissenschaft begeistert, er diskutierte mit islamischen Wissenschaftlern, seine Ratgeber waren Muslime und er führte eine Hofhaltung nach arabischem Muster. Sein Leben und die Art, wie er bestattet wurde, zeugen davon, dass er insgeheim ein Muslim war. Nie hätte er sich der damaligen Welt als Muslim offenbaren können. Dennoch hat die Kirche versucht, ihn aus den Annalen der Kaiserherrschaften zu streichen. Auf seinen Zügen ins Deutsche Reich umgab er sich mit einer in seiner Umgebung fremden Kultur, die die Deutschen nicht begreifen wollten und als gefährlich einstuften, obwohl eigentlich schon die muslimische Kultur vielen Kreuzrittern durch ihre Eroberungszüge bekannt waren.

—–      Wer weiß eigentlich, dass das alte Preußen ein Erbe des Kaisers Friedrich des II. und seiner Ideen ist? Er ermächtigte seinen Freund, den 4. Hochmeister des Deutschen Ordens Sankt Marien zu Jerusalem, Hermann von Salza, über das pruzzische Territorium für alle Zeiten zu herrschen. Mit der Goldbulle von Rimini, von 1226 oder 1235 verlieh der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. dem Deutschen Orden die Herrschaft über das Kulmer Land östlich der unteren Weichsel, zwischen dem Gebiet des Herzogs von Masovien und dem Gebiet der Prußen. Der Papst bestätigte später in der Preußenbulle die Belehnung von erobertem Gebiet an den Deutschen Orden. Von Salza kannte von Palästina her die Toleranz und Friedfertigkeit der Muslime und so strahlte anfangs auf den Deutschen Orden in Preußen eine islamfreundliche und ritterliche Tendenz aus. Ein Zitat aus einem Artikel über die „Grundlage und Entwicklung des Preußischen Staatswesens“ dazu ist sehr interessant: Friedrichs Gegengabe an den Islam bestand in der Entsendung des Deutschritterordens, dieses zum Islam geneigten Ordens hinaus aus dem päpstlichen Reichs-Gebiet, zuerst nach Siebenbürgen, dann nach Preußen. Preußen wurde also zunächst als Ordensstaat gegründet infolge einer strategischen Absprache des insgeheim muslimischen Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. mit dem Sultan von Kairo. Preußen war somit seinem Wesen nach ein Außenfort des Islam im Norden und sollte zur Vormacht des deutschen Protestes gegen das imperiale Machtstreben des Römischen Kirchenchristentums werden.  Das Zusammenwirken dieser beiden Staatsmänner stellt sozusagen die geistige Wiege des Ordensstaates dar, aus dem das spätere preußische Königreich hervorging.

—–         Im Jahr 1647 wurde die erste einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung von André du Ruyer gedruckt, die auch Goethe für seine Studien nutzte und seinem West-Ost-Divan zugutekam. Aber erst die Koranübersetzung von George Sale 1734 in die englische Sprache, die auch bald in Deutsch erschien, setzte neue Maßstäbe durch ihre enge Anbindung an das Original. Sie blieb lange für Europa eine der Hauptquellen für die Kenntnis aller mit dem Koran zusammenhängenden Fragen.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der  Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

Goethe hatte ein tiefes persönliches Verhältnis zum Islam, darum gehen seine Aussagen über diese Religion in ihrer provokatorischen Gewagtheit weit über alles bisher in Deutschland Dagewesene hinaus. Aber darüber möchte ich in einer anderen Khutba sprechen. Im Namen unserer Moschee steht der Name von Goethe, ebenfalls der vom andalusischen Gelehrten Ibn Ruschd. Beide sind einer Khutba würdig.

Nur noch ein Gedicht von Goethe genehmige ich mir:

Närrisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.
Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag´ ich nicht!
Dass er das Buch der Bücher seilaub ich aus Mosleminen-Pflicht.

Die Geschichte des Islam speziell in Deutschland beginnt also nicht erst im 20. Jahrhundert, sondern schon im 18. Jahrhundert, als der König von Preußen Friedrich Wilhelm I. in Potsdam einen Saal am Langen Stall als Moschee für seine „Langen Kerls“ herrichten ließ. Er legte großen Wert darauf, dass seine „Mohammedaner“ ihren religiösen Pflichten nachgehen konnten, denn dann können sie auch ihren Soldatenpflichten gut nachkommen. Unter Friedrich dem Großen kam es zur Aufstellung geschlossener muslimischer Truppenteile in der preußischen Armee, die auch später in militärischen Handlungen für Deutschland kämpften.  Am 7. und 8. Februar 1807 erlitt Napoleons Armee bei Preußisch-Eylau die einzige Niederlage im preußisch-französischen Krieg durch diese muslimischen Einheiten. Die Tapferkeit der Truppe war nach den vorliegenden Berichten aus jener Zeit schon aus dem Grund motiviert, weil die muslimischen Soldaten „ihrem König für die Sicherung ihrer angestammten Lebensformen und die ihnen gewährte Religions- und Glaubensfreiheit danken wollten“.

Im Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland steht zu lesen:

„Im Jahre 1760 trat ein für die Geschichte des Islam in Deutschland folgenreiches Ereignis ein. In der zaristischen Armee verbreitete sich das Gerücht, der Sultankalif plane aus Freundschaft zu Preußen den „Heiligen Krieg“ gegen Russland auszurufen. Dieses Gerücht hatte unter anderem zur Folge, dass zahlreiche in der russischen Armee dienende muslimische Soldaten zu den Preußen überliefen. Auf Kabinettsorder vom 20. Januar 1762 wurde aus den Überläufern ein selbständiges ,Bosniakenkorps‘ (9. Husarenregiment ,Bosniaken‘) zu 10 Eskadronen (1.000 Mann) errichtet. In den Matrikeln dieser Truppe taucht zum ersten Mal der Name eines preußischen Heeres-lmams auf. Es handelt sich um einen Leutnant Osman, Prediger der ‚preußischen Mohammedaner‘.“

Weiter heißt es: „Kaiser Wilhelm II. hatte am 8. November 1898 am Grabe Saladin des Großen in Damaskus gegenüber dem Sultankalifen erklärt: ,Möge seine Majestät der Sultan und die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben und in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird‘. Als dann im Jahre 1914 in Wünsdorf, nahe Berlin, ein „Mohammedanisches Gefangenenlager“ angelegt wurde, löste der Kaiser sein Versprechen ein. Im Winter 1914 ließ er eine Moschee für die Gefangenen bauen, die mit einem 23 Meter hohen Minarett versehen war. Für die in der Gefangenschaft verstorbenen Muslime wurde eine Wegstunde von Zossen entfernt, in Zehrendorf, ein Soldatenfriedhof angelegt.“

Auch wenn nach dem Tod des Kaisers Friedrich dem II. alles Muslimische an Mensch und Material rigoros ausgerottet wurde, es gab immer wieder in Deutschland Muslime und mit ihnen ihre Kultur. Und Deutschland hat davon profitiert, nicht erst von den türkischen Arbeitern, die im letzten Jahrhundert ins Land gerufen wurden und jetzt einen Teil von Deutschland bilden, mitsamt ihrer muslimischen Kultur.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

Reformbewegungen im Islam

Reformbewegungen im Islam

In Diskussionen fällt immer wieder die Bezeichnung: liberaler Islam, liberale Moschee.

Es bedeutet für unsere Moschee, dass wir auf der Grundlage von Demokratie und Menschenrechten unseren Islam leben wollen, das heißt: wir interpretieren und hinterfragen den Koran und die Sunna, auf unsere Zeit zugeschnitten.

Viele muslimische Gelehrte sagen heute : Wenn der Islam überleben soll und wenn er einen Universalitätsanspruch hat, dann muss sich die Auslegung des Korans und seine Anwendung nach den Umständen von Zeit und Ort richten.

Diese Gedanken gibt es nicht erst seit heute. Sie zogen sich mit Unterbrechungen durch die ganze Zeit des Islam hindurch. In den ersten Jahrhunderten blühte die Debattenkultur. Zu den wichtigsten Methoden der muslimischen Rechtsgelehrten zählte damals der sogenannte Idschtihad. Er steht für selbstständiges Denken und Schlussfolgern.

Da ist z.B. die theologische Strömung der Mu’taziliten, die bis heute noch in Misskredit bei den orthodoxen Gelehrten stehen.

Ihren Höhepunkt hatte sie im 9.Jahrhundert. Angeregt durch das Studium der Übersetzungen der griechischen Philosophen haben verschiedene Aspekte dieser Philosophen Eingang in die islamische Theologie gefunden. Die Themen der Mu’tazila waren die Gerechtigkeit Gottes und Seine Einheit. In Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes folgerten die Mu’taziliten, dass der Mensch ungeachtet der Allmacht und dem Allwissen Gottes einen freien Willen ohne Einschränkung besitzen. Sonst wäre das Gericht Gottes nicht möglich. In Bezug auf die Einheit Gottes setzten sie voraus, dass Gottes Attribute keine unabhängige oder substantielle Existenz hätten, sondern seien Teil Seines Wesens. Nach der Islamwissenschaftlerin Silvia Horsch vertraten sie den Standpunkt, der Koran sei in der Zeit erschaffen worden und nicht das ewig existierende Wort Gottes (das also schon vor der Zeit der Herabsendung vorhanden war). Was wie Haarspalterei erscheint, hatte ein nicht zu unterschätzendes politisches Einbeziehen: Wenn der Koran, der die Lebensform, Normen und Werte der islamischen Gemeinschaft bestimmt, als ’nicht ewig‘ gilt, d.h. der Koran ist erschaffen, erscheint es eher gerechtfertigt und möglich, bestimmte politische Interessen unter Umgehung der koranischen Vorschriften durchzusetzen.

Als jedoch al-Mutawakkil (847-861) den Thron bestieg, wurde ihr Einfluss wieder zurückgedrängt. Ibn Hanbal, der die Lehre von der Erschaffenheit des Koran trotz Verfolgung und Gefängnis konsequent abgelehnt hatte, wurde aus dem Gefängnis entlassen und entschädigt. Die theologische Diskussion wurde von nun an von den Traditionalisten bestimmt und ab dem 12./13 Jh. wurde  das freie Forschen immer mehr eingeschränkt. Der Idschtihad verlor seine Bedeutung. An seiner Stelle kamen die Interpretationen der orthodoxen Gelehrten, bis heute.

Ein wichtiger Wegbereiter für die Entstehung einer solchen Moschee wie die unsere war der Philosoph und Arzt Muhammad Ibn Ruschd, 1126 in Cordoba geboren. Im christlichen Europa war er unter dem Namen Averroes bekannt. In Andalusien zur damaligen Zeit blühte eine debattier- und wissenschaftsfreudige Kultur. Ibn Ruschd war einer der großen Klassiker der Philosophe und Wissenschaftsgeschichte. Er vermittelte zwischen griechischer und arabischer und lateinischer Kultur, also er transportierte das wissenschaftliche Weltbild von Aristotoles  in seine Zeit und entfachte mit seiner Kommentierung eine große Diskussion. Es ging um Logik, um politische Theologie. Er begriff die Vernunft als ein Gebot des Glaubens. Für ihn war Vernunft und Religion kein Widerspruch. Er war der Meinung, dass die Religionen Teil der Welt ist und durch sie erforscht werden kann. Der Koran erfordert eine vernünftige Auseinandersetzung.

Für ihn war der Koran-Vers 59:2 eindeutig: „Denkt nach, die ihr Einsicht habt!“ Ibn Ruschd sieht in der Aufforderung an die Muslime, über ihren Glauben nachzudenken und die bestmögliche Beweislage für ihr Denken zu finden, eindeutig in der Philosophie und zumal in der aristotelischen Beweisführung gegeben. In der Logik sah er die Möglichkeit, aus dem Denken heraus zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen.

Er attackiert sogar al-Ghazali, der in einer Schrift die Philosophen angreift, da sie Unglauben auf Grund von drei Dingen lehrten:

  1. Die Urewigkeit der Welt
  2. Das Wissen Gottes um die Einzeldinge nur auf allgemeine Weise
  3. Die mögliche Auferstehung des Menschen nur mit der Seele, nicht aber dem Leibe

Ibn Ruschd antwortete auf diese drei Punkte folgendermaßen:

  1. Der Koransagt nirgends, dass die Welt aus dem Nichts geschaffen und in der Zeit entstanden sein soll. In den sechs Tagen der Schöpfung schwebte Gottes Thron dem Koran nach sogar „über dem Wasser“, woher davon auszugehen ist, dass die Welt schon existiert haben könnte.
  2. Die Philosophen behaupten gar nicht, dass Gott kein Wissen um die Einzeldinge hätte. Sie betonen aber, dass es anders sei als das Wissen der Menschen und dass die Menschen also gar nicht wissen könnten, was Gott alles weiß. Ihr Wissen entstehe Schritt für Schritt, während Gottes Wissen von Ewigkeit her alle Dinge umfasse und daher eine Voraussetzung dafür sei, dass die Einzeldinge nacheinander entstehen.
  3. Auch leugnen die Philosophen die Auferstehung nicht und lehren nichts, was im Widerspruch zum Koran stünde. Also dürfe niemand aufgrund einer „anderen“ Interpretation des Unglaubens bezichtigt werden.

Die Philosophie des Averroes  strahlte bis in das christliche Europa  und beeinflusste die gesamte mittelalterliche christliche Theologie, bis seine Schriften auf dem 5. Laterankonzil 1513 unter Papst Leo X. kirchenamtlich verboten wurde.             Er starb verbannt 1198 in Marrakesch

Im 19./ Anfang 20.Jh. gab es mehrere reformistische Vordenker, z.B. der libanesische Raschid Rida, 1865-1935. Er trat für die Bewahrung der eigenen Identität ein. Er gab die Zeitschrift „Al-Manar“ (Der Leuchtturm) heraus. Die Zeitschrift enthielt Analysen der Situation der damaligen muslimischen Welt und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, weswegen der Westen dem Orient überlegen war. Seine Argumente bezogen sich auf die Erneuerung des Islam und auf die Stagnation durch die Ulama, die den Fortschritt der islamischen Welt verhinderten. Als eine wichtige Rechtsquelle galt für ihn das Prinzip der ‚maslaha‘, der Nützlichkeit für die islamische Gemeinschaft und Gemeinwohl.

Dschamal ad-Din al-Afghani   1838 in Asadabad, Iran † 1897 in Istanbul),

Al-Afghānī gilt als einer der bedeutendsten muslimischen Denker und Philosophen der Moderne. Zwei zentrale Themen lassen sich in seiner Ideologie wiederfinden: Islamische Einheit, und der Ruf nach einem reformierten und modernisierten Islam, der sich westliche Technologie und Wissenschaft zu eigen macht, und sich damit gegen westliche politische und wirtschaftliche Abhängigkeit wehrt. Seine Ideen sind: Befreiung aller muslimischen Gebiete vom Kolonialismus und der Fremdherrschaft, Rückkehr zu den reinsten Quellen aus der ersten Zeit des Islams, Aneignung der Technologie und der sozialen Institutionen des Westens in gezielter Auswahl und die Einheit aller Muslime in einem islamischen Staat.

Er gilt als liberaler Reformtheologe und Modernist, aber auch als einer der geistigen Begründer des Politischen Islams und der Salafismus-Bewegung des späten 19. und 20. Jahrhunderts, die eine Rückbesinnung auf den wahren, unverfälschten Islam forderte.

Nazr Hamid Abu Zaid

geb. 10. Juli 1943 in Qufaha bei Tanta, Ägypten; gest. 5. Juli 2010 in Kairo) war ein ägyptischer Koran- und Literaturwissenschaftler, der in seinen Büchern eine neue Koranhermeneutik, ein sinngemäßes Auslegen forderte. Der Koran entstand laut seiner Meinung nach nicht in einer einseitigen Offenbarung, sondern in einem Dialog zwischen Gott und dem Menschen – war also auf die Zeit und die Umgebung Muhammads zugeschnitten. Dabei ist es der Mensch selbst, der den Worten Gottes überhaupt erst eine Bedeutung verleiht. Er widerspricht damit, dass der Koran schon immer im Himmel existierte. Der Koran spricht erst, wenn er gelesen und darüber nachgedacht wird. Jeder Leser versteht ihn darum in seiner Zeit. Jede Interpretation bringt große Freiräume, was früher gedacht wurde, muss heute nicht identisch sein. Darum muss der Inhalt des Koran immer auf die Zeit des Interpreten übertragen werden.

Jeder seiner Zeit fortschrittlicher Denker stellt ein Baustein dar bis hin zu einer neuen, liberalen und humanistischen Denkweise im Islam, deren Ergebnis unsere liberale Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee ist.

Wir versuchen den Koran nicht wörtlich zu verstehen, sondern aus ihm Grundsätze herauszulesen und sie auf das Heute zu übertragen.

Im Koran finden wir viele Prinzipien, die die Würde des Menschen und seine Statthalterschaft durch Gott betonen. Wir lesen von Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt.

z.B. 17:70  „Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet- eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben“.

21:92  „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft“

16:12 „Und Er hat für euch die Nacht und den Tag dienstbar gemacht und die Sonne und den Mond. Und die Sterne sind auf Seinem Befehl dienstbar. Wahrlich, darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben“.

49:9  „Und wenn zwei Parteien der Gläubigen miteinander streiten, dann stiftet Frieden zwischen ihnen“, …. weiter heißt es: „…lasst nicht eine Schar über die andere spotten“,  „ … fügt keine üble Nachrede übereinander“.

13:19   „Ist denn etwa einer, der erkennt, dass die von Deinem Herrn herabgesandte Offenbarung die Wahrheit ist, gleich einem, der blind ist? – (Doch) Nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen.“

Der Koran ruft die Gläubigen in diesen und weiteren Versen aktiv dazu auf, ihren Verstand zu benutzen. Das ist insofern interessant, als dass insbesondere konservativere Strömungen seit Jahrhunderten den menschlichen Verstand aus religiösen Angelegenheiten am liebsten verbannen würden.

Unsere Moschee ist sozusagen die Erbin des Gedankengutes dieser fortschrittlichen Denker im Islam. Wir bauen auf ihnen auf. Und ich muss sagen: Ich bin stolz, dieser Moschee anzugehören.

Der Islam hat Europa geprägt

Der Islam hat Europa geprägt

In unserem Sprachgebrauch gibt es viele Wörter, denen man es nicht ansieht, dass ihr Ursprung arabisch ist. Möchten Sie einen Caffee trinken, dazu Zucker, oder lieber aus einer Karaffe Limonade? Alkohol gibt es bei uns nicht. Möchten Sie dazu Aprikosen, oder lieber Orangen? Kittel, Jacke,  Mütze, Matratze, Koffer, das alles hat einen arabischen Ursprung, abgesehen von den meisten Gewürzen oder Arzneien.

Die uralten Handelsstraßen aus der Antike blühten auch noch im frühen Mittelalter, Gewürze aus Indien, Arabien für die feine Küche, für die Kirchen und Klöster der Weihrauch.

Aber mit dem Erstarken der islamischen Länder verbot der Papst in Rom diesen Handel. Kein Zucker, kein Pfeffer, kein Weihrauch in deutschen Landen! Erst im 10.Jahrhundert bricht Venedig diese Blockade. Kein kaiserliches oder päpstliches Machtwort kann 991 den Dogen von Venedig mehr bremsen, er nimmt den Schiffsverkehr mit den arabischen Mittelmeerländern wieder auf. Und auch bald sind die Handelswege bis nach Frankreich wieder offen. Und mit den arabischen Spezereien wächst der Reichtum. Der Wohlstand im Abendland wächst gleichsam aus den arabischen Pfeffersäcken heraus.  Mit ihnen wächst der Komfort und Luxus und das Geld bekommt seine immense Macht und Bedeutung.

Durch den Orienthandel werden jetzt neue Waren bis in die letzte Ecke von Europa gebracht: Baumwolle aus Syrien, aus dem  arabischen Sizilien und Ägypten. Nach arabischem Muster werden sie in neuen Gewerben und Handwerken zu Kitteln,  Jacken, Joppen verarbeitet. Mit Baumwolle, Seide und den daraus gemachten Stoffen werden einfache Handwerker zur mächtigsten Finanzmacht des Mittelalters: die bekanntesten die Fugger.

Jetzt komme ich auf die arabische Leistungen in Naturwissenschaft und Kultur und deren Ausstrahlung zu sprechen

Ich möchte als erstes kurz den Begriff arabisch- islamische Wissenschaft nach meiner Sichtweite  knapp erklären:

Islamische Wissenschaft bedeutet, dass für sie vor allem in arabischer Sprache und im Kontext der islamischen Zivilisation geforscht wurde. Dabei waren Wissenschaftler unterschiedlicher Religionen und ethnischer Zugehörigkeit beteiligt. Sie war islamisch, weil sie den neuen und wachsenden Bedürfnissen der islamischen Zivilisation verpflichtet war. Herausragende Gelehrte waren der Arzt Hunayn ibn Ishaq (Christ), der sabische Astrologe und Mathematiker Thabit ibn Qurra, der Philosoph Al-Kindi, die Banu Musa Brüder (drei aus Persien stammende Mathematiker), Al-Chwarizmi (Mathematiker, Perser), der Philosoph, Arzt und Übersetzer Sahlal-Tabari (Jude), der Mediziner Ishaq ibn Amran (Jude), der Astronom Masha’allah (Jude).Man beschäftigte sich bei den Forschungen ausschließlich in arabischer Sprache, die jedoch nicht unbedingt auch die Muttersprache der Wissenschaftler war.

Gerade zu Beginn der Abbasidenherrschaft dominierte eine besonders rationalistische Strömung innerhalb des Islam, die Mutazila, die innerhalb gewisser

Grenzen auch einen kritische Auslegung des Koran gestattete. All dies begünstigte offenbar eine Atmosphäre, in der die Wissenschaft gedeihen konnte.

Über fünf Jahrhunderte hindurch – genauer gesagt vom 8. bis zum 13. Jahrhundert – war die Geschichte der Weltzivilisation die Geschichte des Islam.  In dieser  entscheidenden Zeitperiode befähigte das Zusammentreffen mit der islamischen Zivilisation Europa dazu, seine Fähigkeiten in allen wissenschaftlichen Bereichen, speziell in Philosophie, Medizin, Astronomie, Chemie, Mathematik und angewandte Mechanik zu entwickeln. Eine große Errungenschaft der muslimischen Gelehrten im Mittelalter war es, die Schätze der antiken griechischen Philosophie und Wissenschaft für die Nachwelt zu bewahren.

     Der kulturelle Einfluss des Islam auf Europa war hauptsächlich  eine Folge der Besetzung Spaniens und Siziliens durch Muslime, aber auch durch die Kreuzritter selbst, die die islamische Kultur kennenlernten und sich zunutze machten.

1.Weg: Spanien

       Die Eroberung Spaniens begann im Jahr 711 n.Ch. mit einem Erkundungstrupp und markierte einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Das Reich der Westgoten in Spanien war bereits innerlich verfault und brach rasch zusammen. Die Araber bauten nahezu sehr schnell fast auf der gesamten Halbinsel ihre Macht aus. Die neue Lebensweise fasste schnell Fuß.

Es gab überall Bäder, viele Bibliotheken entstanden, am öffentlichen Leben nahmen neben Araber auch hier die Juden und Christen teil.  Sie übernahmen die arabische Sprache, gaben ihren Kinder arabische Namen. Kleidung und Sitte  wurde arabisch. Sie identifizierten sich, außer in religiösen Dingen so stark mit der neuen Kultur, dass man sie Mozaraber nannte. Der Bischof Alvar  beklagte 854, dass die jungen Christen so verzaubert seinen von der arabischen Dichtung, dass sie kein Latein mehr lernten, sondern nur noch Arabisch.

Macht und Wohlstand des islamischen Spanien erreichten ihren allgemein anerkannten Höhepunkt in der Regierungszeit ‚Abd ar-Rahmans III. (912-961), Kunst und Kultur blühten auf. Das umajjadische Spanien erkannte zwar die Abbasiden – Khalifen in Baghdad nicht an, aber es blieb in kultureller Tuchfühlung. Wichtige Bücher fanden ihren Weg aus dem Osten in den Westen, aber auch die Gelehrten in Spanien leisteten bedeutende Beiträge zur arabischen Literatur und Bildung. Um das Jahr 1000 zerfiel aber der Umajjaden- Staat in rund 30 unabhängige lokale Fürstentümer. Trotzdem erlebten Kunst und Wissenschaft infolge der Rivalitäten der einzelnen Herrscher eine Hochblüte.

Die Universitäten und Wissenschaftszentren wirkten dabei wie ein Magnet auch für europäische Studenten, die mit den arabisch-islamischen Wissenschaften Bekanntschaft schlossen und das Wissen mit nach Europa nahmen. Die arabischen Hochschulen in Cordoba, Sevilla, Granada, Valencia und Toledo wurden von vielen christlichen Gelehrten besucht. Große christliche Denker dieser Zeit wie z.B. der Mönch Gerhard von Cremosa, Thomas von Aquin, Gerbert von Aurillac, entwickelten ihre intellektuellen Fertigkeiten und ihre Argumentationskunst in diesen Bildungszentren. Gerbert kommt um 970 in Cordoba mit der arabischen Wissenschaft in Berührung, er studiert dort eifrig Mathematik und Sternenkunde, kommt dann nach Rom und wird später Ratgeber am kaiserlichen Hof und dann als Silvester II. Papst.

1080 wurde Toledo von den Christen erobert. Dennoch ließ Erzbischof Raimund von Toledo im 12.-13. Jahrhundert die vorher in die arabische Sprache übersetzten wissenschaftlichen Arbeiten nun in das Lateinische übersetzen. 1142 ließ sogar der Abt von Cluny den Koran übersetzen. Thematisch bildeten Astronomie, Physik, Alchemie und Mathematik den Schwerpunkt, aber auch Spiele und orientalische Literatur sowie Werke zur Kenntnis der islamischen Religion wurden übersetzt.

Mit dem Sturz des Königreiches Granada 1492 verlor der Islam sein letztes Bollwerk auf europäischem Boden. Aber seine Kultur und Wissenschaft haben schon längst zu dieser Zeit in Europa Fuß gefasst.

2. Weg: Sizilien

Von der Anziehungskraft der arabischen Kultur auf die Christen zeugt auch das Leben am sizilianischen Königshof. Man pflegte arabische Dichtung, und auf dem Weg über die Volkspoesie, die aus ihr entstanden ist, mag sie die frühitalienische Dichtung beeinflusst haben.

     im Laufe des  9. Jahrhunderts erobern die  Aghlabiden, aus Tunesien kommend Sizilien. Bald wurde die Insel eine Fatimiden- Provinz. Das Land blühte auf und die islamische Kultur schlug tiefe Wurzeln. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts besiegten die Normannen die Byzantiner in Süditalien und errichteten ein normannisches Fürstentum. Kurz darauf konnten sie auch in Sizilien ihr Königreich errichten, aber dennoch blieb in vielem die Insel ein Teil der islamischen Welt. Die islamische Kunst und Wissenschaft wurde sogar durch die Normannen gefördert, insbesondere durch den Kaiser Friedrich II., der selbst wissenschaftlich tätig war und arabische Schriften übersetzen ließ und Umgang mit arabischen Wissenschaftlern pflegte und später sogar ganz friedlich König von Jerusalem wurde.

Über den Hof des Kaisers Friedrich II. kam die neue Rechenart mit der Null von Muhammad ibn Mussa al-Chwarismi nach Europa. Al-Chwarismi erfand das Rechnen mit Dezimalzahlen. Er beschrieb das Dividieren, erstellte Tabellen mit der Sinus-Funktion. Er erfand die Formeln für die Berechnung der Fläche des Kreises, des Halbkreises, der Kugel, der Pyramide und des Kegels; Er berechnete die Konstante Pi (  = 3 1/7 ).

Mit dem Tod Friedrichs wird alles Arabische ausgemerzt.

3.Weg: durch Kreuzzüge

Die Bedeutung der Kreuzfahrerzeit für den Westen ist nicht zu unterschätzen. Wurden doch die eher rohen und „barbarischen“ europäischen Ritter mit einer Lebensweise konfrontiert, die sich sehr von der ihnen gewohnten abhob. Ein gewisser höfischer Luxus und „feinere“ Umgangsformen kamen aus dem Orient in den Westen. Auch die Kriegskunst erhielt neue Impulse. So profitierten in gewissem Maße selbst die eigentlich Unterlegenen (die Christen) von diesem Abenteuer.

     Nichts hat das gesellschaftliche Leben in Europa so stark geprägt wie die islamische Kultur und Kunst. Mit der Rückkehr der Kreuzritter aus dem Orient entsteht ein neues Zeitalter: das Hochmittelalter mit ihrem Minnesang, der Ritterlichkeit, der Frauenverehrung in Lied und Lyrik. Durch fahrende Sänger aus Andalusien wird im 11. Jahrhundert das Abendland mit der arabischen Musik bekannt, die die Troubadoure ihren Frauen auf den neuen Instrumenten aus Arabien, der Laute und  Gitarre vorspielen und singen. Selbst die Tonsilben, die Notenlinien  und die Reimform haben ihren Ursprung im Arabischen. In Italien findet sich die arabische Liedform in geistlichen Liedern wieder, z.B. in den Liedern des Franz von Assisi. Später entwickelt sich daraus das weltliche Madrigal.

In der Architektur findet die Arabeske Eingang. Der Spitzbogen, in der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo dekorativ verwendet, wird nach seiner Wanderung über Spanien und Sizilien ins Abendland zum konstruktiven Element der entstehenden Gotik. Das Minarett wird Vorbild für den christlichen Glockenturm.

Die heimkehrenden Kreuzritter übernehmen für ihre Burgen wehrtechnische Errungenschaften der Araber, z. B der Wehrerker. Die „Pechnase“, eine Art Balkon mit offenen Bodenspalten, durch die heißes Öl gegossen werden kann, wird sehr schnell nachgebaut. Seit dem 14. Jahrhundert trägt jede Burg in Europa über den gemauerten Wehrgängen eine Krone von Zinnen.

Ende der islamischen Kultur in Südeuropa

1492 fand nicht nur die arabische Herrschaft über Spanien wie zuvor in Sizilien ein Ende, es endete die großartigste  und lebendigste Kultur im Mittelalter, es endete die fortschrittlichste Zivilisation eines vorbildlich verwalteten Landes, der Wohlstand seiner Bevölkerung mit seiner geistigen und gesellschaftlichen Blüte. Es versank in den Wogen des religiösen Fanatismus. Alles, was Arabisch war, ob Sprache, das Spielen der arabischen Instrumente, selbst das Tragen der Namen wurde bestraft. Die Schätze der arabischen Wissenschaft und Kultur  aus Bibliotheken, aus Privateigentum brannte auf riesigen Scheiterhaufen. Durch Massenaustreibungen der Muslime und Juden war bald das einst blühende Andalusien entvölkert.

Die Schriften, die gerettet wurden, verschwanden hinter  kirchlichen Mauern und mit der Zeit vergessen, und bei denen, die ins Lateinische übersetzt wurden, wurden die Verfasser nicht mehr genannt oder erhielten einen fremden, irreführenden Namen. Erst viele Jahrhunderte später und noch heute entdeckt man ihren Ursprung.

In den Jahrhunderten später vergaß man immer mehr, dass ein bedeutender Teil dieser Kultur islamisch war. Er hat sich unbewusst bis in die heutige Zeit gehalten.

Die Ausformung des europäischen geistigen Lebens im Mittelalter war ganz wesentlich das Resultat der blühenden islamischen Zivilisation. Erst nach und nach erkennen die heutigen Wissenschaftler die Ausstrahlung der arabischen Kultur auf Europa und sie sehen die Errungenschaften ihrer Wissenschaft als deren Erbe an und begreifen so langsam die damalige Größe des Islam.

Und somit bin ich wieder bei meiner anfänglichen Behauptung: der Islam hat erst unser heutiges Europa geprägt und wir sollten stolz darauf sein, Erben einer so wunderbaren geistig-wissenschaftlich geprägten Kultur zu sein.

Haus der Weisheit

Haus der Weisheit

Es gibt Dinge, über die man immer wieder sprechen kann, sei es über islamisches Wissen, über die islamische Lebensweise, über die islamische Geschichte, weil sie immer wieder von einer anderen Warte oder Blickpunkt aus gesehen werden kann. Man kann sie also immer wieder neu interpretieren. Ich glaube, deshalb bleibt zum Beispiel die islamische Geschichte so interessant. Immer wieder erfährt man etwas Neues oder Bekanntes wird von einer ganz anderen Seite dargestellt.

Bleiben wir bei der islamischen Geschichte. Sie ist für uns sehr wichtig- und eigentlich auch für den Rest der Welt.

Ihr werdet bald merken, dass sie mein Steckenpferd ist. Warum? Weil ich mir vorgenommen habe, den Muslimen und Interessierten unsere Geschichte näher zu bringen. Viele kennen sie einfach zu wenig. Ich möchte damit einfach erreichen, dass man  stolz auf seine Geschichte und deren Menschen ist. Diesen Stolz haben wir verloren. Wer darauf stolz ist, ist selbstbewusster, hat einen besseren Halt in der Gesellschaft, erlebt seine Umwelt ganz anders als ein Unwissender. Und auch die Umwelt reagiert ganz anders auf ihn. Das möchte ich erreichen.

Dazu betone ich es immer wieder: Wissen hat bei Allah einen sehr hohen Stellenwert.

Um die religiösen Pflichten, die im Koran beschrieben werden,  richtig durchführen zu können, wurden die frühen Muslime gezwungen, sich wissenschaftlich zu rüsten: die Bewegungen der Sterne müssen berechnet werden, um sich auf der Reise zu orientieren. Die Zeit und der Ort zum Gebet müssen genau bestimmt werden.

An vielen Stellen im Koran wurden die Menschen aufgefordert, nach Wissen  zu suchen. Sie wurden angeregt, ihre Umwelt zu beobachten und zu studieren, um die eindeutigen Zeichen der Schöpfung darin zu erkennen. Viele Verse aus dem Koran beschreiben Vorgänge aus der Natur, die von der Schöpfung des Universums bis hin zur Befruchtung der Eizelle durch das Spermium reichen.

Mit der Expansion nach Irak, Syrien, Ägypten waren dem arabischen Bereich große geistige Zentren zugefallen, etwas  später kamen die griechischen und indischen Zentren hinzu, Handelsbeziehungen entstanden bis hin zum westlichen China. Überall dort sammelten sich Jahrtausende alte Erfahrungen alter Zivilisationen, die jetzt im Arabischen einen neuen Ausdruck erfuhren.  Es begann eine regelrechte Erstürmung der Bücher, die man dort fand, die auch sogleich übersetzt wurden. ja, der Kalif Harun Ar-Raschid ließ sich sogar den Tribut in Form von Büchern auszahlen. Im Jahr 801 traf eine Gesandtschaft von ihm in der Residenz von Karl dem Großen in Italien ein.

Im Jahr 825 wurde das Haus der Weisheit ‚Bayt al-Hikma‘, vom Abbasiden-Kalifen al-Maʾmūn in Bagdad gegründet. Heute würden wir dieses Haus als eine Art Akademie bezeichnen. Es gehörten wissenschaftliche Bibliotheken dazu, ein Observatorium und viele Übersetzer- und Schreibstuben und ein großes Krankenhaus mit Apotheke.

Es wurden regelrechte Übersetzerakademien gegründet. Nahezu alle wichtigen Schriften der mesopotamischen, ägyptischen, indischen persischen und hellenistischen Welt wurden übersetzt. Sie arbeiteten in Gruppen und wurden von einem Experten überwacht und von Abschreibern unterstützt. Ihre Arbeiten wurden also  auf Genauigkeit kontrolliert. Im Haus der Weisheit arbeiteten zeitweise rund 90 Wissenschaftler und mit ihnen Übersetzer und Schreiber an wissenschaftlichen Übersetzungen, Al-Maʾmūn schickte dafür einen Gelehrten seines Hofs nach Byzanz und bat den Kaiser, ihm mathematische Werke (u. a. die des Euklid) zu übergeben. Im Haus wurden alle Werke der Antike übersetzt, die aufzufinden waren, u.a. die Werke der Griechen, z.B. von Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus oder Archimedes, ebenfalls von dem Inder  Brahmagupta, geb. 598  eine astronomische Schrift, in der es auch Vorschriften für das Rechnen mit den 9 Zahlzeichen und mit der reinen Null als ein Fehlzeichen gab. Darauf komme ich noch.

Trotz der engen Verbindung der Schriften mit älteren Traditionen, anderen Ländern, in denen das griechische Wissen vorherrschte, betonen heutige Historiker mit Recht die Originalität der wissenschaftlichen Arbeiten, die in Bagdad durchgeführt wurden. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde die Wissenschaft in einem internationalen Rahmen betrieben, und das Arabische war ihre verbindende Ausdruckssprache.

Als ‚die Blütezeit des Islam‘ wird in der heutigen populärwissenschaftlichen Literatur die unter den Abbasiden (749 n. Chr. – 1258 n. Chr.) entwickelte Zivilisation in den islamisch beherrschten Gebieten bezeichnet. Ein Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Forschung entstand in wenigen Jahrzehnten in der im Jahr 762 gegründeten Stadt Bagdad. Es entstand die Basis unserer heutigen Wissenschaften: Chemie, Physik, Medizin mit ihren Krankenhäusern und Apotheken, Mathematik und Mechanik, Astronomie und Astrologie, auch wenn es vorher schon viele Ansatzpunkte und Erkenntnisse gab. Es wurden Wissenschaften daraus.

In Bagdad arbeiteten nach Aussagen des Historikers Ibn al-Qifti in der Epoche des Aufbaus des Hauses neben Muslimen 37 Christen, 8 Sabäer und 9 Juden. Sie waren aufgrund ihrer Fachkenntnisse sowie Sprachkenntnisse wichtig für den Aufbau des Hauses. Viele Wissenschaftler, die wir heute noch namentlich kennen, arbeiteten im Laufe der Jahrzehnte dort:

Hunain ibn Ishāq al-ʿIbādī (808-873) war ein christlicher Gelehrter, Übersetzer und Arzt. Seine Übersetzungen zeichnen sich durch ihre hohe Qualität aus. Insbesondere sind seine Übersetzungen von Galens Werken aus dem Griechischen so hervorragend gewesen, dass sie noch jahrhundertelang benutzt wurden, zumal die griechischen Originale verloren gingen. Später wurde er auf den Posten des Chefarztes am Hofe des Kalifen al-Mutawakkil berufen; eine Position, die er bis zu seinem Lebensende innehatte;  Hunayn ibn Ishāq war auch Autor von etwa 100 eigenen Büchern, insbesondere zu erwähnen sind die Bücher über Augenheilkunde und das Griechisch-Syrische Wörterbuch. Sein Buch über Steine gehört zu den ältesten erhaltenen Chemie-Büchern und die älteste arabische Handschrift über Mineralogie. Es werden rund 70 Mineralien beschrieben und die Gewinnung von Metallen beschrieben (Gold, Silber, Blei, Kupfer, Herstellung von Messing, Quecksilber). Er benennt Quecksilber und Grünspan als Gifte.

       Thabit ibn Qurra: Er war ein sabischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Magier, Physiker, Mediziner und Philosoph. Er war maßgeblich an der Entwicklung der islamischen Astronomie beteiligt, insbesondere an der Mathematisierung von Theorie und Auswertung der Beobachtungen. Nikolaus Kopernikus übernahm den Wert des siderischen Jahres von 365 Tagen 6 Stunden 9 Minuten und 12 Sekunden (Abweichung 2 Sek.) aus ibn Qurras Buch: „Über das Sonnenjahr“. Sein Kitab fi’l-qarastun wurde von Gerhard von Cremona, ein Gelehrter und bedeutender Übersetzer arabischer naturkundlicher und medizinischer Schriften ins Lateinische  übersetzt und es diente im mittelalterlichen Europa als Lehrbuch der Mechanik.

Einer der ersten in Bagdad war  der Philosoph Abū Yaʿqūb ibn Ishāq al-Kindī, * um 800 in Kufa; † 873 in Bagdad), er war ein arabisch-irakischer Philosoph, Wissenschaftler, Mathematiker, Arzt. In Europa war er als Philosoph bekannt. Er kümmerte sich besonders um die Übersetzungen von Aristoteles, Platon und auch Sokrates. Er meinte: „Wir sollten uns nicht schämen, Wahrheit anzuerkennen und sie aufzunehmen, von welcher Quelle sie auch kommt, auch wenn sie von früheren Generationen und fremden Völkern zu uns gebracht wird“. Seine Abhandlung „Über den Intellekt“ wurde über Jahrhunderte von arabischen und lateinischen Wissenschaftlern sehr geschätzt.

Abu Dschaʿfar Muhammad ibn Musa al-Chwārizmi( latinisiert Algorismi  *um 780; † um 850, war ein  UniversalgelehrterMathematikerAstronom und Geograph. Er stammte  aus dem iranischen Choresmien, verbrachte jedoch den größten Teil seines Lebens in Bagdad im „Haus der Weisheit. Von seinem Namen leitet sich der Begriff Algorithmus und Algebra ab. Er entwickelte unsere heutige Rechenweise mit der indischen Null. Er übersetzte das Buch von dem Inder Brahmagupta, Die Rolle der Null in die Rechenarten zu übernehmen, war ein großer Kampf in den Kanzleien, aber man verstand sehr schnell den Nutzen.

Dass sich die Wissenschaft so schnell und gut entwickeln konnte, dafür gab es von meiner Seite aus 2 Punkte:

  1. Die Herrscher waren selbst kulturell und wissenschaftlich orientiert
  2. das Mittel Papier: preiswertes Papier als Grundlage für das viele Kopieren und Vervielfältigen von Schriften, kein Pergament mehr. Die Gründung des Hauses der Wissenschaft wurde durch die Entwicklung der Papierherstellung im arabischen Raum begünstigt. Die erste Papiermühle entstand in Bagdad 794. Auf dem Suq al-Warraqin, dem Papiermarkt, gab es rund 100 Papiergeschäfte, von denen manches, von Lehrern und Schriftstellern, Wissenschaftlern betrieben, ein eigenes kleines Wissenschafts- und Literaturzentrum war.

In Spanien entstand die erste Papiermühle 1144, in Deutschland im Jahr 1390 und kurz darauf in einigen anderen europäischen Ländern .

Bücher zu besitzen wurde zu einer Leidenschaft. Jede Moschee besaß seine eigene Bücherei, jedes damalige Hospital bräuchte sich heute nicht zu schämen, denn es besaß die neuesten medizinischen Schriften. Selbst Privatleute besaßen Tausende an Büchern.

Man baute Bewässerungsanlagen, Krankenhäuser, um in den Großstädten Seuchen zu verhindern, neue und bessere Heilmittel wurden ausprobiert. Sie nahmen das Wissen der alten Griechen, der Perser, der Ägypter, der Inder und bauten darauf auf, erweiterten es und erfanden Neues.

Bagdad wurde im Jahre 1258 nach kurzer Belagerung von den Mongolen erobert, das Haus der Weisheit dabei zusammen mit allen anderen Bibliotheken zerstört. Heute weiß man nicht, wie dieses Zentrum ausgesehen hatte und wo es stand. Es entwickelten sich neue Zentren des Wissens in Indien und im usbekischem Raum um Samarkand.

Diese Zeit war geprägt von Toleranz, Anerkennung von Leistungen der Wissenschaftler, egal welchem Volk oder Religion angehörten. Sie konnten unter toleranten und wissbegierigen Herrschern friedlich miteinander forschen.

Wir, in unserer Moschee wollen zwar keine neue Wissenschaft begründen, aber wir wollen uns ebenfalls in Toleranz üben, jeden einzelnen akzeptieren, egal,   welche islamische Strömung er praktiziert, sowie respektvoller Umgang mit Vertretern anderer Religionen.

Mit dem Wissen um diese zur damaligen Zeit fortschrittliche Einrichtung sind wir aufgefordert, ihnen nachzueifern in einer demokratischen Zeit.

Ich möchte keine Verklärung dieser Epoche, denn auch sie hatte ihre Macken. Aber wir können daraus lernen, dass aus gegenseitigem Respekt und Toleranz, egal zu welcher Religion, Gemeinsamkeiten, Gleichheit und Frieden  entstehen kann.