Islamische Geschichte

Zeit vor dem Islam

Zeit vor dem Islam

 

Heute möchte ich euch auf eine gedankliche Reise in die Zeit des Vorislam begleiten, um zu erfahren, wer eigentlich die Leute waren, an die Gott sich durch den Koran gewendet hat.

     Seit der Neuzeit und der Aufklärung setzt ein kritisches Denken in vielen Wissensbereichen ein, so auch über religiöses Wissen. Kritisches Denken bedeutet Unterscheidung, was Geschichten, mündliche Überlieferungen oder was belegbare Dokumente, philologische oder archäologische Untersuchungen, also überprüfbare Daten an Wissensinhalte übermitteln. Auch die Frage, wie der Islam entstanden ist, wird heute zunehmend stärker erforscht und diskutiert. Viele oft widersprüchliche Thesen wurden aufgestellt.

     Aber warum das alles? Gibt es nicht eine ziemlich konkrete Vorstellung der Entstehungsgeschichte des Islam? Wie viele Bücher und Geschichten wurden über den Propheten und der Entstehung des Islam geschrieben und das sogar ins Detail gehend und sehr überzeugend. Und so lehrt man es auch bis heute.   

    Aus dem Koran wissen wir, dass es immer wieder Propheten gab, die eine Botschaften für ihr Volk brachten oder sie bestätigten, um ihr Volk zum Besseren aufzurufen. Und so sicher auch unser Prophet Muhammad. Aber wie geschah es und wer waren neben dem Propheten die eigentlichen Adressaten?

    Aber woher will man das alles wissen, es klafft doch eine Lücke von einigen Jahrhunderten an überlieferten Dokumenten über diese Zeit der Geschichte von Arabien, besonders von der neuen islamischen Seite. Nur einiges ist von christlicher und jüdischer Geschichte bekannt.

    Aber gerade in dieser dunklen Zeit wurde Muhammad geboren und liegt der Anfang einer neuen Religion. Wie können wir da wissen, wie Muhammad die Verse des späteren Koran erhalten hat, wie war die Zeit und Situation und wer waren seine Zuhörer?  Sind die Geschichten um den Propheten ausgedacht oder nur annähernd mündlich weitergegeben und warum? Es gibt fast nichts Schriftliches aus dieser Zeit. Einige beschriebene Knochen habe ich im Museum in Kairo gesehen. Und das könnte vieles bedeuten, denn die Buchstaben waren noch nicht eindeutig. Man konnte bestimmte Laute noch nicht den entsprechenden Buchstaben zuordnen.   Allenfalls stützt man sich heute auf einige wenige Informationen, die in Pahlavi, der Schrift der Sassaniden, in der griechischen Schrift der Christen, in der hebräischen Schrift der Juden verfasst wurden. Die Zeit von 570 bis Mitte, Ende des 8. Jahrhunderts liegt im Dunkeln.

     Einer der ersten, der Daten gesammelt hatte, von denen auch nur noch Abschriften existieren, war Ibn Ishaq, gestorben 768, also auch kein Zeitgenosse.

     Al-Buchārī, gestorben im Jahr 870, also runde 240 Jahre nach dem Tod des Propheten, soll an seinem Ṣaḥīḥ 16 Jahre gearbeitet haben. Angeblich suchte er aus 600.000 Hadithen rund 2.800 nach den strengsten Kriterien der Traditionskritik aus. Haben da wirklich nur 16 Jahre gereicht, um im ganzen Land bei den Verkehrsmöglichkeiten damals 600.000 Hadithe aufzuspüren und erst einmal aufzuschreiben? Ein Unding! Und wie viele Generationen an Überlieferern liegen dazwischen, 6, 8, bis sie aufgeschrieben wurden?

     Was ich heute als Widersprüchlichkeit empfinde, ist, dass mir früher suggeriert wurde, dass Arabien hauptsächlich von Polytheisten besiedelt war mit Orten sesshafter jüdischer Stämme und einigen Christen. So habe ich es zumindest verstanden.   Aber warum spricht der Koran dann immer wieder Juden und Christen an und greift auf ihre religiösen Schriften zurück?

     Ich glaube, um das alles besser einzuordnen, muss man die Zeit davor stärker in Augenschein nehmen, um eine Grundlage und Verständnis überhaupt zu bekommen.

   Dennoch: Der Schmelztiegel, in dem eine neue Religion geformt wurde, ist auch heute noch schwer zu erfassen. Man muss sich vor unkritischer Übernahme späterer muslimischer Traditionen hüten, aber auch vor einer gänzlichen Ablehnung. Das trifft genauso für eine komplette Bezugnahme jüdischer und christlicher Schriften über die Entstehung des Islam zu.

   Auch aus dem Koran allein ist dieser Zeitraum nicht erklärbar, denn er beruht ja auf den Diskurs zwischen Gott und seine verschiedenen Zuhörer, auf Frage und Antwort, eben für diese Zeit geltend.

     Genauso herrscht Unsicherheit, über den Text des Koran, wie er schriftlich fixiert und verbreitet wurde. Bis heute wird gelehrt, dass der Koran unter dem Kalifen Uthman zusammengestellt wurde. Und vor nicht langer Zeit hat man in Sanaa frühe Pergamente gefunden, was diese Version infrage stellen könnte. Und auch die Inschriften im Felsendom in Jerusalem, der zwischen 687 und 691 errichtet wurde und lange Zeit als die ältesten Zitate von Koranversen galten, stimmen nicht mit der kanonischen und heute bestimmenden Textfassung überein.

     Werfen wir einen Blick in die Geschichte, in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor 570 wechselten in Arabien sich christliche und jüdische Herrschaften ab.

     Besonders der Westen der Halbinsel war Teil eines großen Macht- und Handelsnetzes. So rivalisierten das christliche byzantinische Reich, das sassanidische Perserreich und im Süden das christliche Äthiopien um die Beherrschung des Landes.

   Jüdische Siedler, die aus Jerusalem vertrieben wurden, gründeten um Jathrib große Gemeinschaften. Wahrscheinlich erst einige Jahrzehnte vor Muhammads Geburt nahm der Stamm der Quräisch Mekka in Besitz.

    Die Äthiopier   hatten im Südwesten Himyar, das Gebiet des heutigen Jemen, erobert und später christianisiert. In der neueren Forschung wird nach ihrem Abzug nicht bezweifelt, dass sich die himyarischen Stämme seit dem späten 4. Jahrhundert dann zum Judentum bekannt hatten.

    Um 525 eroberte der äthiopische Negus mit Aufmunterung durch den byzantinischen Kaiser den Süden zurück und setzte dort Stellvertreter ein. Das Land wurde wieder christianisiert.

    Einer der Stellvertreter war Abraha. Er hat sich auf einer Inschriftenstele aus dem Jahr 547 am Staudamm von Marib verewigt.  Um seine Bedeutung der Welt zu zeigen, berief er eine große Konferenz ein. Es kamen unter anderem Gesandte der beiden Großreiche, Christen aus Konstantinopel und Perser aus Ktesiphon, belegt durch einen Brief vom persischen Schah Chosrau an den byzantinischen Kaiser Mauritios, in dem er von den „beiden Augen der Welt“ sprach.  Er führte verschiedene militärische Feldzüge durch. Inschriften aus Bi‘r Murayghan in Zentralarabien berichten von mehreren Feldzügen.  Bei einem dieser Vorstöße in den Hedschas kam er um 552 der Stadt Mekka ziemlich nahe. Dieser nördliche Vorstoß könnte man als Warnzeichen an die Perser sehen, dass Zentralarabien ihm gehören würde. Inwieweit das Geschehen, was die Sure 105 „Der Elefant“ beschreibt zutrifft, kann nicht genau gesagt werden. Sie lautet: „Sahst du denn nicht, was dein Herr den Leuten des Elefanten antat? Ließ er nicht ihre List das Ziel verfehlen und sandten auf sie nieder Vogelscharen, die sie mit Steinen aus gebranntem Ton bewarfen?“

    Vielleicht gab es auch einfach nur einen heftigen Sturm, der Steine mit sich trug? Aber naheliegend ist, dass dieser Feldzug seine Absicht verdeutlichte, den Wallfahrtsort Mekka mit seiner Kaaba zu schwächen und die Pilgerzüge zu seiner Kirche umzuleiten. Abarahas wundervolle Kirche in Sanaa war als neuer Wallfahrtsort gedacht. Es ging ja neben dem religiösen Einfluss um die wirtschaftliche Macht.  Auf die Pilgerzüge weist auch die darauffolgende Sure „Die Quraisch“ hin, die höchstwahrscheinlich mit der vorangegangenen Sure eine Einheit bildete. Sie erwähnt die Winter- und Sommerreisen mit der Garantie einer sicheren Reise und Aufenthalt. „Beim Brauch der Quraisch, ihrem Brauch der Karawanenreisen im Winter und im Sommer. So sollen sie dem Herrn des Hauses dienen, der sie mit Nahrung versorgt und ihnen Sicherheit vor Furcht gewährt hat.“

     Durch Abraha erstarkte das Christentum im südlichen Teil von Arabien wieder,

    Später, um 570 wandten sich die Himyariten an das sassanidische Perserreich   und baten um Unterstützung bei der Vertreibung der Äthiopier. In den Jahren darauf eroberten die Perser den Süden und machten es zu einer persischen Provinz. Um 620 hatte das sassanidische Reich der Perser die ganze östliche Seite entlang dem Persischen Golf und das südwestliche Jemen unter ihrer Kontrolle. Das Ende dieser Religionsmisere war: Der letzte Statthalter in Jemen wurde 628 Muslim.

    Mit diesen Ausführungen wollte ich eigentlich nur zeigen, dass die unterschiedlichen Religionen ziemlich stark präsent waren. Es gab also viel mehr Christen, als man mir weiß gemacht hatte. Es haben sich  beide ersten abrahamischen Religionen etabliert.

    Trotz dieses Hin und Her wurde nicht nur Warenaustausch auf der Handelsroute, die das ganze Arabien durchquerte betrieben, sondern es kam ebenfalls zum kulturellen, sozialen und religiösen Austausch zwischen Süden und Norden, und Mekka war mittendrin.

  Man müsste eigentlich annehmen, dass die einzelnen Stämme in ganz Arabien Kenntnisse der unterschiedlichen Religionen, der Christen, Juden und den Zoroastriern hatten. Die polytheistischen Araber waren sicherlich mit diesen Religionen gut vertraut. 

    In Mekka trafen sich diese Vertreter und sprachen sicherlich auch über ihre Religionen. Es herrschte gewiss reger Austausch an Informationen und Diskussionen, auch über religiöses Wissen. Warum sollten diese Menschen nicht ihre Runden um die Kaaba vollzogen haben, wie es die Polytheisten der Stämme in und um Mekka taten und wie es damals Brauch war?

   Und das alles spiegelt sich im Koran wider. Diese Menschen dieser unterschiedlichen Religionen waren Muhammads Zuhörer. Vielleicht nahmen sie auf ihren Handelsreisen Teile der Gottesübermittlungen an Muhammad als geistiges Gepäck mit?  Wer dort blieb oder wohnte, dessen Frage ist vielleicht von Gott im Koran beantwortet worden.

      Dennoch, die Zeit des Propheten Muhammad und die Entstehung des Islam liegt immer noch wie hinter einem dunklen Schleier. Langsam erst beginnt durch eine neue und kritische Aufarbeitung und Auseinandersetzung der islamischen Geschichte sich dieser Nebel zu lichten. Vieles wird wohl für immer im Dunkel versunken sein.

Und heute ist die Zeit gekommen, diese Geschichte mit neuen, anderen Augen zu sehen.

Manaar

Muhammad und die Anfänge der Offenbarungen

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Muhammad und die Anfänge der Offenbarungen

Wenn wir den Koran lesen, stoßen wir unweigerlich auf historische Gegebenheiten.

Wir stellen fest, dass sie auf Ereignisse aus dem Alten Testament zurückgreifen. Überall im alten Arabien gab es neben den Stämmen, die an viele Götter glaubten, auch jüdische und christliche Stämme, die nebeneinander lebten und in Kontakt miteinander kamen. So darf man voraussetzen, dass viele biblische Inhalte allgemein bekannt waren.

     Mir wurde in der Anfangszeit meines Muslimdaseins oft gesagt, dass Muhammad keine Praxis der sogenannten ‚Ungläubigen‘ ausübte, sich lieber absonderte. Aber das kann ich mir nicht vorstellen, denn Muhammad war in seiner Gemeinschaft bekannt und geachtet, er konnte sich bestimmt nicht den gemeinschaftlichen Aktivitäten entziehen. Sicher hat er sich später immer mehr auf den Berg Hira zurückgezogen und dort verstärkt meditiert, was aber eine Handlung mit Tradition, dementsprechend bei anderen Menschen zu jener Zeit verbreitet war. 

      Umso schlimmer muss er zu Tode erschrocken reagiert haben, als ihn eines Nachts ein Engel von Gott besuchte.

   Im Jahr 610 in Mekka erklärte Muhammad, dass das Göttliche zum ersten Mal mit ihm in Kommunikation getreten sei, dass er eine Botschaft von Gott empfangen habe und aufgefordert worden sei, diese Botschaft weiterzugeben.

    Nun, wir kennen die Situation aus Hadithen und auch der Koran selbst spricht davon. Dieses Zwiegespräch zwischen einem Boten des Göttlichen und Muhammad finden wir in den ersten 5 Versen der 96. Sure“ Al-Alaq“. In den frühen Versen wird der Überbringer nicht als ein bestimmter Engel bezeichnet, sondern einfach als Engel oder Geist ’ruh‘ bezeichnet.

    Erst später wird der Überbringer dieser Botschaft in der 2. Sure „Al-Baqara“ als Gabriel bezeichnet. Im 97. und 98. Vers heißt es: „Sprich: Wer auch immer Gabriel zum Feind nimmt- denn er hat ihn (den Koran) auf dein Herz herabkommen lassen mit der Erlaubnis Gottes als Bestätigung dessen, was vor ihm vorhanden war und als Rechtleitung und frohe Botschaft für die Gläubigen. Wer auch immer ein Feind wurde gegen Allah und Seine Engel und Seine Gesandten und Gabriel und Michael,  so ist wahrlich Allah den Ungläubigen ein Feind.“

   Aber zurück zu der ersten Bekanntschaft mit dem Engel: Das allererste Wort lautete: ‚iqra‘ und wird meist mit ‚lies‘ übersetzt. Doch es gibt noch kein Buch aus dem vorgelesen werden kann. Besser wäre ‚trage vor‘. Erst nach der 3. Aufforderung fügte Muhammad sich, als der Engel die nächsten 5 Verse vortrug: „Rezitiere im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle! Rezitiere, denn dein Herr ist allgütig. Der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste.“ Abu Zaid, ein ägyptischer Koran- und Literaturwissenschaftler, gest.2010, meint: „Neben einer Art Selbstcharakterisierung des Herrn, der hier noch nicht Gott genannt wurde, enthalten die 5 Verse keine weitere Botschaft. Der Auftrag des Engels war nur zu verkünden: Hier ist dein Herr, der dich erschaffen, der dich unterrichtet und das gesamte Universum geschaffen hat.“ Es ist, als wenn sich jemand vorstellt. Diese Verse verraten nicht, was eigentlich Mohammad vortragen soll.

     Aber was sollen sie denn bedeuten? Abu Zaid, ein Koran- und Literaturwissenschaftler, 2010 gestorben, meint: „Es geht darum, in seinem, also Gottes Namen zu rezitieren.“ Ich denke, diese Erkenntnis ist wichtig. Diese erste Offenbarung galt noch nicht Muhammad als Botschafter oder Gesandter, denn es wurde ihm noch keine Botschaft aufgetragen, die er verkünden sollte. Muhammad wird einfach nur als eine dem Allmächtigen besonders nahestehenden Person angesprochen, als Prophet.

    Muhammad war nach diesem ersten Treffen sehr verunsichert, er hatte Angst und auch Zweifel an dem, was ihm widerfuhr.   Er wandte sich deshalb an Personen, die ihm nahestanden, an Khadija und an den Vetter von ihr, dem Christen Waraqa ibn Naufal, um Beistand und Rat. Sie stärkten ihn und bestätigten ihn als Gottes Prophet.

    Manche haben ihm sicherlich zugehört und waren beeindruckt, die meisten  belächelten oder schmähten ihn wohl.   Daraufhin erhielt er eine neue Vision als eine Art Antwort auf die Reaktionen seiner Zuhörer.

    Erst ab diesem zweiten Treffen bekommt er die Bedeutung eines Gesandten, dessen Aufgabe es ist, die Menschen zu warnen und sie aufzurufen, den rechten Weg zu gehen. Diese Botschaft befindet sich in der Sure 74: „1. Der du dich zugedeckt hast, 2.  steh auf und warne, 3. und preise die Größe deines Herrn, 4. und reinige deine Kleider, 5. und entferne dich von den Götzen, 6. und poche nicht auf dein Verdienst, um mehr zu erhalten, 7. und sei geduldig, bis dein Herr sein Urteil fällt. 8. Wenn dann in das Horn gestoßen wird, 9. dann ist es an jenem Tag ein schwerer Tag, 10. Für die Ungläubigen nicht leicht.“

     Die meisten Mekkaner hatten andere Erwartungen an eine göttliche Botschaft, vielleicht mindestens durch das Erscheinen eines Engels. Das hatte aber Muhammad nicht zu bieten. Die Sure Al -Furqan – Die Unterscheidung: 25:6-7 „Sprich: ‚Er, Der das Verborgene von Himmel und Erde kennt, hat ihn (den Koran) herabgesandt. Er ist wahrlich allverzeihend, barmherzig‘. Und sie sagen: ‚Was ist mit diesem Gesandten? Er isst und geht auf den Märkten umher. Warum ist nicht ein Engel zu ihm herabgesandt worden, dass er als Warner mit ihm sei? Oder warum wurde ihm kein Schatz übergeben, oder warum hat er keinen Garten, von dem er isst?‘ Und die Ungerechten sagen: ‚Ihr folgt nur einem Mann, der einem Zauber zum Opfer gefallen ist.‘“

   Nun kann er auf die Sticheleien und ungläubigen Fragen antworten.  Geduldig wird er ihnen wohl erwidert haben: „Ich bin ein Warner, ich habe eine göttliche Botschaft erhalten, die ich euch überbringen soll: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, macht euch bereit und verneigt euch vor eurem Herrn.“ Warnung und Mahnung zum Bereuen, das ist von Anfang an die zentrale Botschaft des Koran.  

    Gott hat eine ihm nahestehende Person auserwählt und ihm einen Auftrag erteilt, die Menschen zu warnen.  

     Betrachten wir zunächst seine Umgebung, die Gesellschaft um Muhammad. Das gesellschaftliche Leben wurde durch Stammesstrukturen geregelt, die das Funktionieren einer städtischen Gemeinschaft wie zum Bespiel in Mekka garantierten.

     Vor diesem Hintergrund mag sich eine Gruppe von religiösen Einzelgängern entwickelt haben, die in den arabischen Quellen Hanifen „Gottsucher“ genannt wird. Dieser Gruppe könnte vielleicht auch Muhammed angehört haben.

     Sein Stamm der Quraischiten, er gehörte in Mekka zu den führenden politischen Gruppen, verstand sich in direkter Nachkommenschaft von Abrahams Sohn Ismael. Daraus leiteten sie die Pflicht ab, das Heiligtum der Kaaba zu beschützen.

    Innerhalb des Stammes genoss der Einzelne absoluten Schutz. In dieser Umgebung wuchs Muhammad, der mit 6 Jahren Vollwaise wurde, auf, zuerst bei seinem Großvater, später bei seinem Onkel Abu Talib, der das Oberhaupt der Sippe der Häschim war. Von dieser Situation berichtet später der Koran in der 93. Sure: Verse 6-8: „Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Unterkunft besorgt und dich abgeirrt gefunden und rechtgeleitet und bedürftig gefunden und reich gemacht?“

Zwischen den einzelnen Stämmen gab es nicht selten heftige kriegerische Auseinandersetzungen, man hatte sich aber auf eine gewisse Zeit der Waffenruhe geeinigt. Damals fanden in Mekka mehrmals im Jahr Wallfahrten statt und es gab zahlreiche Feste und Jahrmärkte. Während dieser Zeit herrschte unter den Polytheisten ein ‚Gottesfriede‘, und die Pilger konnten in dieser Zeit ungestört Handel treiben und Kontakte pflegen. Die Bewohner von Mekka profitierten wirtschaftlich von dieser Situation.

      Zunächst fand die Botschaft in Mekka wenig Anklang. Muhammads erste Anhänger waren seine Frau Chadidscha und sein junger Vetter und späterer Schwiegersohn Ali. Etliche Angehörige der unteren sozialen Schichten, Handwerker und Freigelassene äthiopischer oder byzantinischer Herkunft und Christen aus Äthiopien und auch Angehörige aus weniger einflussreiche Familien gehörten bald zu den Anhängern von Muhammad.

   Die meisten Mekkaner jedoch bestritten die Echtheit von Muhammads göttlicher Sendung. Sie warfen ihm vor, er sei bloß ein Dichter, der unter dem Einfluss von Dämonen stehe. Man lehnte den Propheten aber auch deshalb ab, weil sie wirtschaftliche Einbußen bei Abnahme des Pilgerstromes befürchteten.

    Von da an entstand ein regelrechter Offenbarungsprozess, der bis zu seinem Tod insgesamt 23 Jahre dauerte. In den Offenbarungen wird Muhammad von Gott angesprochen, widersprochen, sogar manchmal von Gott kritisiert oder Geschehnisse spiegeln sich in den Versen wider. Es ist ein kommunikativer Prozess, der auf Dialog, Argumentation, Diskussion, Auffordern und Überzeugen beruht. Er richtet sich manchmal speziell an Einzelpersonen, an kleinere Gruppen oder kommuniziert mit einem ganzen Volk, meistens aber mit Muhammad, der weitervermitteln soll.

    Es entsteht eine sehr umfassende und komplexe Form der Kommunikation zwischen Gott und dem Menschen, jedem Menschen, so auch uns heute. Vielleicht könnte es so zugegangen sein: Gott spricht durch Vermittlung des Engels zu Muhammad, der die Worte an seine Zuhörer weitergibt. Diese wiederum stellen Fragen, äußern Zweifel oder Spott, sind einfach gleichgültig oder verneinen alles. Eine weitere Offenbarung folgt vielleicht mit Antworten von Gott auf gestellte Fragen. So entsteht ein Dialog zwischen Gott und den Menschen durch Muhammad als Vermittler. Dabei richtetet sich jede Herabsendung wie schon gesagt an eine bestimmte Gruppe oder Person.

     Wenn man etwas über die Persönlichkeit des Propheten wissen will, dann geben neben dem Koran auch die Hadithe über ihn Auskunft. Man könnte ihn vielleicht so beschreiben: sehr anständig, gesellig, umgänglich, ruhig: Eigenschaften, die notwendig sind, wenn man sein Volk von etwas überzeugen will. Er war zuverlässig, vertrauenswürdig, denn man nannte ihn den al-Amin – der Zuverlässige. Alles zusammen ist ein Hinweis auf seine kommunikativen Fähigkeiten, ohne die er kein Vertrauen auf seine Persönlichkeit als Mensch und Prophet und später als Führer einer neuen Gesellschaft bekommen hätte.

    Was für eine Entwicklung seiner Persönlichkeit: Als sich die erste Offenbarung ereignete, war er zunächst ein spiritueller Suchender – es überwog noch seine eigene innere Religiosität – als Kaufmann ein nachdenkliches, dennoch praktisch denkendes und erfolgreiches Mitglied eines mekkanischen Stammes. Später kamen praktische Aufgaben und soziale Verantwortlichkeit eines Anführers einer Gemeinde hinzu. Seine tief empfundene Religiosität und soziales und politisches Geschick machten ihn zu dem Führer einer neuen Religion und Gesellschaft.

    Während der ersten Jahre in Mekka als Übermittler Gottes verstand er seinen Gottesauftrag noch nicht so, als solle er eine neue Religion gründen. Im Vordergrund stand immer noch die Gemeinsamkeit mit den beiden abrahamischen Religionen. Sie verstanden sich als ‚das Volk der Schrift‘. In vielen Versen des Koran steht geschrieben, dass Muhammad die alte Botschaft, die schon vorher an die Juden und Christen gegangen war, jetzt wieder empfangen und den Arabern zu übermitteln hat. Das können wir aus der Sure10: 94 herauslesen. „Und wenn du über das, was Wir dir hinabsandten, im Zweifel bist, dann frage diejenigen, welche die Schrift vor dir lasen. Wahrlich, zu dir ist die Wahrheit von deinem Herrn gekommen, darum sei kein Zweifler.

    Dieser Vers soll die eigenen Zweifel an seiner Aufgabe als Prophet entkräften, wenn er die Juden und Christen befragen würde, sie sozusagen als Zeugen vorhergehender Mitteilungen von Gott annehmen würde. Viele Erzählungen, Hinweise, Warnungen aus dem Alten Testament finden wir auch deshalb im Koran wieder. Dieser Vers bezeugt ein relativ stabiles Miteinanderleben dieser 3 Religionen.

    Lediglich das Miteinanderleben mit den Polytheisten wurde immer schwieriger, da die junge muslimische Gemeinschaft Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt war, bis Muhammad und seine Anhänger sich im Jahr 622, der Hidschra, ein neues Zuhause in Yathrib suchen mussten. Die jüdischen Stämme luden ihn zuerst vorrangig als Vermittler zwischen ihnen ein. Mit der Hidschra, zu Deutsch: ‚Ausreise‘, beginnt die neue muslimische Zeitrechnung. In Yathrib, das später Medina, die „Stadt des Propheten“ genannt wird, lebten neben Polytheisten und Juden auch erste Muslime.

     In Medina ändert sich auch der Charakter der Offenbarungen. Sie sprechen nun zu einer festen Gemeinde, in der öffentlich gebetet wird, in der sich ein neues Rechtssystem dieser kleinen Gemeinde immer deutlicher an den Koran anlehnt.

    Muhammad erhoffte sich nun auch Unterstützung durch die jüdischen Stämme, indem er mit ihnen einen Vertrag schloss, den wir heute ‚die Charta von Medina‘ nennen. Für ein gutes Zusammenleben so unterschiedlicher Gruppen musste allerdings zuerst eine rechtliche und verbindliche Übereinkunft, eine Gemeindeordnung, zusammengestellt werden zwischen den muslimischen ‚Auswanderern der Quraisch und 8 Stämmen aus Yathrib. Es ging vor allem darum, die Feindseligkeiten und Rivalitäten unter den Vertragspartnern zu beenden und sie gegen Bedrohungen von außen zu vereinigen. Stammeszugehörigkeit und Organisation sollen beibehalten werden, Streitfälle durch Muhammad geschlichtet werden.

     Es ging um einen Übergang von einer nach Stämmen organisierten Welt zu einem System der Rechtssicherheit. Rechtliche und praktische Hinweise finden sich an etlichen Stellen im Koran wieder.

   Im vorislamischen Arabien des 7. Jahrhunderts gab es weder einen Staat noch irgendeine Art von Rechtssystem. Die Menschen waren dem Stamm verpflichtet. Diese Stammesethik forderte absoluten Gehorsam. Wer diesen Gehorsam dem Stammesältesten bzw. der Stammesgemeinschaft verweigerte, verlor jegliches Recht auf Schutz durch diese Gemeinschaft. Es zählte also nur die Blutsverwandtschaft, nicht um Recht oder Unrecht. Durch die Charta wurde eine neue Art von Gemeinschaft, in der nicht die Blutsverwandtschaft die zentrale Rolle spielte, sondern erstmalig eine Form von Zusammenhalt auf der Grundlage bestimmter Normen und Werte, die in der Charta verankert wurden.

    Jetzt sind es Menschen, die mit dem Propheten bestimmte Überzeugungen teilten, dennoch konnten sie ihrer Religion treu bleiben. Diese neue Form einer Gemeinschaft brauchte natürlich auch rechtliche Bestimmungen, wie z.B. Sicherheit, Abgaben, Handel, Ehe, aber auch in der Religiosität. Anweisungen dafür gab der Koran.

     In den folgenden Jahren in Medina erwuchsen für Muhammad neue Verpflichtungen und Verantwortung. Neben der ersten Funktion in Mekka als Prophet und Warner, kam dann in Medina die Funktion eines Führers einer neuen religiösen Gemeinschaft und die eines militärischen Führers hinzu. Aber davon später in einer anderen Predigt.

Marius Badstuber

Eine Khutba über das Wohnen?

Eine Khutba über das Wohnen?

Marius Badstuber
Marius Badstuber

Als ich vor nicht allzu langer Zeit mit meinem Partner am Fluss spazieren ging, war die Stimmung zwischen uns recht eisig. Um uns einander etwas näher zu bringen fragte ich ihn, worüber ich denn meine nächste Khutba halten könne. „Keine Ahnung“, antwortete er gelangweilt. Also schauten wir auf die Häuser entlang des Ufers, und ich schlug etwas scherzhaft vor, eine Khutba über das Wohnen zu schreiben, worauf er sagte, das sei ganz und gar keine gute Idee. Es würde Menschen nur stressen, weil sie vielleicht in ungüstigen Bedingungen wohnen, oder gar keinen angemessenen Wohnraum hätten.
„Gerade deshalb“, dachte ich mir, „wäre eine Khutba über das Wohnen nicht so uninteressant“. Das Wohnen in geschütztem Wohnraum ist zwar ein Menschenrecht, aber im deutschen Grundgesetz nicht als Recht auf eine Wohnung verankert, sondern lediglich, aber immerhin, als Recht auf ein Dach über dem Kopf in irgend einer Art Unterkunft. Das kann natürlich auch ein Mehrbettzimmer in einer Notunterkunft sein. Ich dachte darüber nach, dass Wohnraum mehr heißt, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Wohnraum ist ein geschützter Ort, an dem man ganz man selbst sein kann. Hier kann man singen, tanzen, komische Dinge tun, ohne dass es jemanden etwas anzugehen habe. Wohnraum ist auch der Ort, an dem man nach der Arbeit mit seinem Partner, seiner Partnerin, zusammenkommt, um sich auszuruhen und sich gegenseitig Geborgenheit und Sicherheit, Liebe, Freude und Mitgefühl zu schenken.

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُمْ مِنْ أَنْفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُمْ مَوَدَّةً وَرَحْمَةً ۚ إِنَّ فِي ذَٰلِكَ لَآيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُون

 

Und es gehört zu Seinen Zeichen, daß Er euch aus euch selbst Partnerwesen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Geborgenheit findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.

Am Ende unseres Spaziergangs war die eisige Mauer zwischen mir und meinem Freund nicht verschwunden, sondern manifestierte sich als permanente Trennungsmauer. Er sagte mir, dass sich meine Wünsche nach einer festen Beziehung nicht erfüllen würden – und zwar weder jetzt noch in Zukunft. Ich ging nach Hause, verkroch mich unter der Bettdecke und wollte an nichts denken, am allerwenigsten an eine Khutba. Ich wusste überhaupt nichts mit mir oder der Welt anzufangen.

Doch schon am nächsten Tag regte sich ein kleines, fast unhörbares Stimmchen in meiner Brust. Es sprach: Sei du selbst. Und es flüsterte ganz leise: Du hast dich in der Partnerschaft vollkommen verloren. Erinnere dich an deine eigenen Wünsche und Ziele.
Die leise Stimme sagte auch, dass es eine wertvolle und vertraute gemeinsame Zeit war, die ich nicht als vergangen abtun sollte, sondern in mir wertvoll halten solle, als schönste der Erinnerungen. Und nicht zuletzt flüsterte die Stimme, dass dieses Geschehen vielleicht eine Sühne darstellt, für Schmerzen, die ich anderen unabsichtlich, oder gar absichtlich, zugefügt hatte. All diese kleinen Töne wollten gehört werden, und Beachtung finden. Und während ich an meinem heißen Tee nippte, forderten sie mich auf, ich selbst zu sein, sprachen von Freiheit und Freude an selbstgewählten Zielen. Leicht gesagt: Sei du selbst. Wer war das, ich selbst?

Eine Khutba musste geschrieben werden, und in meinem Kopf war ein unbändiges Durcheinander. „Wohnen“, beschloss ich, war ein fantastisches Thema für eine Khutba. Ein vollkommen emotionsloses, faktisches Thema über den Wohnraum des Propheten und seiner Frauen nach der Hidschra in Medina bot sich in diesem emotionsgeladenen Moment geradezu an, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und mein Leben zu meistern. Nun dann….

Wohnen
Als der Prophet Mohamed von Mekkah nach Medina zog, benötigte er Wohnraum für sich und seine Familie. Die immer zahlreicher werdenden Ehefrauen wollten untergebracht werden. So baute er eine Wohnanlage mit einem Innenhof, der eine Gebetsstelle enthielt und um den herum die kleinen Wohnräume seiner Gattinen lagen. Für ein wenig Privatsphäre sorgten lediglich ein paar Vorhänge, anstelle von Türen. Hier lebte Mohamed sein polygames Leben und wurde nach Möglichkeit jeder seiner Frauen gerecht, indem er reihum die Nacht mit ihnen verbrachte. Diesen Ehemann mit neun Frauen zu teilen, hieß, dass man sich auf jeden neunten Tag freuen dufte und auf die sich anschließende Nacht. Es war eines der größten Geschenke, den eigenen Tag an eine der anderen Frauen abzugeben. Sauda z.B., die Mohamed heiratete, als sie verwitwet und schon älter war, entschloss eines Tages, all ihre zukünftigen Tage an Aisha abzugeben, um dem Propheten etwas Gutes zu tun. Doch normalerweise achteten die Frauen eifersüchtig darauf, dass der Prophet ihren Tag in ihrem Wohnraum mit ihnen verbrachte. Ich bemerkte an dieser Stelle wie Ihr, dass ich mich von der Thematik des Wohnraums innerlich bereits entfernt hatte, um weit weniger die räumlichen Gegebenheiten zu betrachten, als das Leben der Gattinen des Propheten. Mein gedanklicher Weg führte mich in ihre Räume hinein, und so kam ich zu Hafsa, der Frau des Propheten und bat sie um ihre Freundschaft, die sie mir gewährte, als sie mir ihre Geschichte erzählte, die mich tröstete in meinem Schmerz, so wie zuvor Aishas Geschichte mich getröstet hatte, in meiner Eifersucht, und Khadijas Geschichte die meine Freude verstärkt hatte, in einer Zeit, als mein Leben besonders fröhlich war.
Hafsa, Tochter von Omar Ibn Al-Chattab und dessen erster Frau Zainab bint Ma’zun, war eine junge Frau unter 18, als sie Khunais heiratet. Dieser starb jedoch nach der Schlacht von Badr und ließ Hafsa im Alter von nicht mehr als 20 Jahren als Witwe zurück. Hafsas Vater Omar wollte sie erneut verheiraten, daher ging er zu Othman und fragte ihn, ob er Hafsa heiraten wolle. Othman war dafür bekannt, gerade eine Frau zu suchen, doch wandt er sich und sagte, er sei gerade nicht an einer Heirat interessiert. Omar ging nun zu Abu Bakr, um ihm dieselbe Frage zu stellen, doch dieser schwieg, was Omar veranlasste, sich beim Propheten über die beiden Sahaba zu beschweren. Doch kaum hatte er seinen Ärger kommuniziert, erfuhr er den Grund: Der Prophet selbst wollte Hafsa heiraten und sowohl Othman als auch Abu Bakr hatten davon gewusst, wollten es aber nicht preisgeben. So zog Hafsa in den Haushalt des Propheten Mohameds ein, und die Freude ihres Vaters war groß.
Hafsa, Ehefrau des Propheten Mohameds hat mir ihre Geschichten erzählt, damit ich die Stimmen in meiner Brust besser hören konnte. Denn ihre Stimmen sprachen ganz ähnliche Wörter wie meine.

Hafsa und Aisha – die Geschichte vom Fasten
Hafsa und Aisha hatten schon einige Zeit nicht mehr genug zu essen gehabt. Das war üblich im Hause des Propheten. Es musste mit sehr wenig ausgekommen werden. An etwa dem fünften Tag beschlossen Aisha und Hafsa nun auch noch, zu fasten. Als jedoch mitten am Tag ein Mann mit einer üppigen, schmackhaften Mahlzeit zu ihnen kam, konnten sie sich nicht zurückhalten. Sie brachen ihr Fasten und aßen davon, nur um gleich darauf zu bemerken, wie sie sich dafür schämten. Als der Prophet nach Hause kam, rannte Hafsa auf ihn zu und erzählte ihm sofort, was vorgefallen war, worauf Aisha sprach: Sie ist ihres Vaters Tochter.
Hafsas Vater Omar war nicht gerade für seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit bekannt. Als patriarchalische Führungspersönlichkeit hatte er wenig Neigung, sich zurückzuhalten, sondern tat seine Meinung gerne und lauthals kund. Zur Illustration: Als er eines Tages einen Streit mit seiner Frau hatte, schrie er sie an, doch zu seinem Entsetzen schrie sie schamlos zurück. „Du wagst es, mir laut zu widersprechen?“, schimpfte er. Da antwortete seine Frau: „Selbst die Frauen des Propheten tun das“.
Sofort vergaß Omar, dass er in einen Streit verwickelt war. Hafsa, seine Tochter, war eine dieser Frauen. Er lief zum Haus des Propheten, suchte seine Tochter auf, und fragte sie, ob dies wahr sei. Sie antwortete, ja es sei wahr, und manchmal sprechen wir den ganzen Tag lang nicht mit Mohamed.
Empört wies sie ihr Vater darauf hin, dass es schönere Frauen gäbe, die sich so etwas vielleicht leisten könnten, Frauen, die in der Gunst des Propheten höher standen. Aber Hafsa solle bitte gehorsam schweigen.
Es war dieser Charakter, den Aisha meinte, als sie Hafsa als Tochter ihres Vaters bezeichnete. Dabei bezog sie sich sicherlich nicht auf den Ärger, sondern die freimütige Äußerung dessen, was in ihrem Herzen wohnte.

Der Name Hafsa bedeutet „kleine Löwin“. Manchmal macht es Spaß, im „Urban Dictionary“ nach Informationen zu schauen – für den Namen Hafsa steht Folgendes. Mit Sicherheit speist es sich aus der eben gehörten Geschichte und einer weiteren, die ich gleich erzählen werde. Nicht ganz ernst nehmen bitte, was nun zunächst folgt. Das Urban Dictionary schreibt:
Hafsa ist ein arabischer Name. Er bedeutet Kleine Löwin. Menschen mit diesem Namen sind mutig und stark. Sie haben eine scharfe Intelligenz. Freundschaft bedeutet ihnen alles. Eigentlich sind sie freundich und höflich bis man sie ärgert oder verletzt. Sie kümmern sich nicht darum, was andere Leute über sie denken. Ihre Persönlichkeit ist manchmal recht verwirrend, was sie Aufmerksamkeit erregen lässt. Hafsas sind humorvoll und haben einen guten Geschmack, was die Mode betrifft. Außerdem sind sie normalerweise ziemlich attraktiv und hübsch. (eigene Übersetzung)
So viel zum Urban Dictionary.
Wie Aisha sagte: Hafsa war ein Kind ihres Vaters, und Aisha meinte genau dieses: Eine mutige starke Frau mit ihrer eigenen Meinung, die sie kundtat, auch wenn man sie bat, zu schweigen. Was hier noch fehlt ist ihre unerschrockene Ehrlichkeit bezüglich ihrer eigenen Handlungen und Gefühle. Als ich diese Geschichte von Hafsa hörte, bewunderte ich ihren Mut, sofort die Wahrheit zu sagen, ungeachtet jeglicher Konsequenzen. Die Stimme in mir wurde etwas lauter, sie flüsterte einen leisen Ton von Freiheit und Verlust – beides zugleich. Beides gab es auch in Hafsas Leben.

Die Geschichte von Hafsa und Mariah
Eines Tages, es war Hafsas Tag mit dem Propheten, bat sie ihren Mann, ihre Mutter besuchen zu dürfen. Warum sie ausgerechnet an jenem Tag gehen wollte, der doch ihr besonderer Tag mit dem Propheten war, wissen wir nicht. Jedenfalls ging sie fort, kam aber vorzeitig zurück, so dass sie unerwartet in ihr Wohnquartier eintrat. Dort traute sie kaum ihren Augen. Sie fand Mohamed, manche sagen, in einer wenig schönen Situation, mit Mariah Al-Qibtije, Mariah, der Koptin, die er vom Abessinischen Oberhaupt als Sklavin geschenkt bekommen hatte. Mariah war bei den Ehefrauen des Propheten nicht besonders beliebt. Man sagt sie sei jung und sehr schön gewesen, was die Eifersucht der Anderen erregt hätte.
Hafsa fand nun Mohamed und Mariah an ihrem Tag, in ihrem Raum, in dieser fragwürdigen Situation und machte ihrem Ärger Luft – laut und ungehalten. Solange, bis der Prophet keinen anderen Ausweg sah, sie zu beruhigen, als ihr zu versprechen, sich nie wieder mit Mariah in eine solche Situation zu begeben. Hafsa war zufrieden. Nun bat Mohamed Hafsa, dies alles niemandem zu erzählen und Hafsa versprach es ihm.
Dann ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles.

Natürlich ging Hafsa zu Aisha und erzählte ihr alles. Erstens war Aisha ihre engste Vertraute. Und zweitens hatte Hafsa einen Triumph zu feiern, der ihre hohe Position unter den Ehefrauen unter Beweis stellte. Was Aisha nicht geschafft hatte, nämlich Mariah aus dem Hause des Propheten zu verbannen, hatte nun Hafsa erreicht.
Doch war ihr Mut wohl zu weit gegangen, denn nun offenbarte Allah seinem geliebten Propheten die Sure 66, in der wir die Frage lesen, warum hast du, Mohamed, für Haram erklärt, was wir (Allah) für dich Halal gemacht haben. Dies wird sich auf Mariah beziehen. Mohamed wusste, dass Hafsa zu Aisha gegangen war, und ihr Versprechen gebrochen hatte. Er sprach die Scheidung aus. Wie wichtig das Private zwischen zwei Partnern ist, zeigt sich an dieser Stelle unmissverständlich. Die Scheidung folgt dem Bruch des Versprechens, dem Ausplaudern des Geheimen, dem, was die beiden Partner jenseits der Gesellschaft miteinander verbindet. Wir lernen hier etwas Essenzielles, das in unserer heutigen Gesellschaft meines Erachtens nach vollkommen vergessen wird. Nur durch die absolute Sicherheit, dass Vertrautes nicht nach außen getragen wird, kann Vertrauen entstehen. Vertrauen aber ist unerlässlich für jede Partnerschaft. Nur eine Ehe mit einer solchen absoluten Vertrautheit ist der Ort, an dem Mauwade wa Rahme tatsächlich wirksam werden. Diese Vertrautheit ist es vor allem Anderen, was eine Partnerschaft ausmacht und Li taskunuh ilaiha bedeutet genau dies. Hafsa erhielt ihre strenge Strafe für den Bruch des Vertrauens ihres Ehemannes.
Als diese Nachricht bei Omar ankam, war er entsetzt. Innerhalb weniger Stunden wusste ganz Medina, dass Hafsa von Mohamed geschieden war. Sie sagte ihrem Vater, dass Mohamed sehr wohl noch Gefühle für sie hatte, und es einen anderen Grund für die Scheidung gab. Und in der Tat, Mohamed harrte die reguläre Wartezeit von knapp drei Monaten aus, um sie dann zurück zur Frau zu nehmen. Er sagte, Jibreel habe ihn dazu veranlasst.

Hierin liegt meiner Meinung nach ein großer Trost für uns, wenn wir verlassen werden. Der Trost liegt darin, dass Hafsa zurückgenommen wurde. Auch wenn das bei uns nicht der Fall ist. Aber mit dieser Hoffnung zu leben wird uns helfen, über die erste Zeit der Trennung hinwegzukommen. Wir stellen uns zunächst vielleicht vor, dass alles wieder so werden wird, wie es war. Doch dann, ganz langsam, gewöhnen wir uns an die tatsächlichen Gegebenheiten und stellen nach und nach immer deutlicher fest, dass es nicht mehr so werden kann und auch nicht mehr so werden sollte. Stück für Stück, Tag für Tag, finden wir zu uns selbst zurück als Mensch außerhalb dieser Partnerschaft oder auch Freundschaft. Die Zeit des Hoffens auf eine Rückkehr hat den Zweck des emotionalen Überlebens, so lange die Trauer besonders groß ist. Zuerst sah ich Hafsa als eine Frau, die geschieden war, und dann wieder zurückging. Dann begann ich Hafsa als eine Frau zu sehen, die ungachtet aller Kosten, immer sie selbst geblieben ist. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn sie für immer vom Propheten getrennt geblieben wäre. Ihr emotionaler Impuls entsprach ihrer authentischen Art und Weise, ihre Erfahrungen zu bewerten und ihre eigene Würde zu verteidigen. Hafsa, die Ehefrau des Propheten, würde sich immer wieder entscheiden, ihre Meinung kundzutun, statt zu schweigen.
Hafsa lebte mit dem Propheten Mohamed bis er starb. Sie war es, die den Koran zweimal besaß – einmal in ihrem Herzen, und einmal in Form beschriebener Blätter. Sie war eine intelligente Frau, die lesen und schreiben konnte, eine Gelehrte, die betete und fastete. Hafsa wurde geschätzt und geehrt von ihrem Ehemann, den Sahaba und den Gläubigen, Männern und Frauen, bis heute.

Eine Frau, die so deutlich ausspricht, was gesagt werden muss, ohne Rücksicht auf Verluste, erinnert mich, dass mir meine kleinen Stimmchen nicht vorschlagen, ich selbst zu sein, sondern es von mir erwarten. Man selbst zu sein, ist Ikhlas – Aufrichtigkeit – und es fühlt sich gut an, auch wenn es nicht immer zu schönen Situationen führt. Die Vereinigung des Planes, auf der einen Seite, den Allah für uns ausgesucht hat, und die Verwirklichung unserer Vorstellungen auf der anderen Seite bringt besondere Freude. Natürlich können wir nie hundertprozentig wissen, was der Plan war. Aber wir haben doch einen deutlichen inneren Kompass, der uns sagt, was uns gut tut. Das ist wahrscheinlich das Richtige, und ich persönlich denke, es fühlt sich richtig an, und froh, weil es kongruent ist mit dem, was für uns ausgesucht wurde, weil es unsere Persönlichkeit integer und stimmig werden lässt. Andere Menschen – Menschen, die schöner, intelligenter, und besser waren als ich, hatten Dramen durchzustehen, die ihnen von Allah zugeteilt wurden und werden. Sie haben sie mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Es hat wenig Sinn, darum zu bitten, von solcherlei Schicksalsschlägen verschont zu werden. Das können wir allenfalls im Paradies erwarten. Aber lernen können wir immer. Und uns Trost suchen im Koran und in den Geschichten. Besonders vielleicht von den Personen aus dem Hause des Propheten Mohameds. Es lohnt sich ihre Freundschaft zu suchen.

michal-grosicki

Die Welt des Buches

Die Welt des Buches

 

michal-grosicki
michal-grosicki

In meinen Predigten rede ich oft von Lernen, nachdenken, lesen.

Wenn ich unterwegs bin in Straßenbahnen, S- und U-Bahnen freue ich mich immer, wenn ich während der Fahrt lesende Leute sehe. Auch wenn es manchmal nur banale Literatur ist, um die Wartezeit zu überbrücken.  Sie sind das Lesen gewöhnt und greifen dann auch zu Materialien, die zum Nachdenken anregen. Jemand, der nicht gern liest, der weiß nicht, was ihm da eigentlich entgeht. Ich spreche nicht von Comicheften, sie sind zwar interessant und fantasieanregend, aber das war es auch.

     Man kann sich total mit einem Buch entspannen, in eine andere Welt hineinschlüpfen, sich mit den Helden des Buches identifizieren, man wird so in einen Bann gezogen, dass noch lange nach dem Lesen die Gedanken über das Gelesene kreisen, man darüber nachdenkt. Man vergisst die Welt um sich und man wird mit ihnen verändert das geistige Niveau eines Menschen steigert sich enorm, denn es bleibt nicht beim Nur-Lesen, sondern man reflektiert, lernt Neues, denkt darüber nach, sein geistiger Horizont wird erweitert, man beginnt vielleicht zu forschen. Das Buch eröffnet vollkommen neue Dimensionen.

    So muss es auch vor mehr als 1000 Jahre, ungefähr seit Mitte des achten nachchristlichen Jahrhunderts, in den islamischen Ländern gewesen sein. Ich möchte einfach an diese Zeit des Lernens, des Übersetzens, der Wissenserweiterung erinnern. Vor allem, weil die Nachwelt, also auch heute, davon profitiert. Sie ist wichtig, weil dieses Wissens- und Forschungsmaterial auch die Grundlagen für unser heutiges Forschen und Wissen gibt.

      Schon innerhalb eines Jahrhunderts nach der Offenbarung hat sich eine hochentwickelte, bestens organisierte Buchbranche entwickelt. Und das nicht nur in den bedeutenden Zentren des Islam, ich denke, jede größere Stadt hatte ihre Moschee und eine Schule mit Bibliothek.

     Aber für ein gutes Buch braucht man nicht nur ein Manuskript. Mit dem Forschen entwickelte sich gleichzeitig eine regelrechte Buchproduktion. Es musste zuerst kopiert werden, also entstanden viele Schreib- und Kopierstuben, zudem wurden die Bücher oft noch illustriert. Die einzelnen Blätter mussten gebunden werden, sie bekamen kompliziert hergestellte Buchdeckel und schließlich mussten sie publiziert und verkauft werden. Alles zusammen eine mühsame Herstellung. Aber eins fehlt in der ganzen Darstellung: das Papier. Hunderte von Papiermühlen entstanden im 8. Jh. dank einer fernöstlichen Erfindung, die das benötigte Papier aus Lumpen herstellten.

      Dass nicht nur in den bedeutenden Städten Schreibstuben und die nachfolgenden handwerklichen Betriebe vorhanden waren, spricht dafür, dass in afrikanischen Zentren noch heute viele solcher Bücher zu finden sind. Sie sind heute besonders kostbar, denn sie offenbaren die hohe Kultur der damaligen Zeit, eine faszinierende bibliophile Kultur.

Vergleichsweise erst nach der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jh. begann im christlichen Europa allmählich die Buchproduktion und damit auch das Bibliothekswesen eine stärkere Rolle zu spielen. In der muslimischen Welt hingegen gab es damals im 8.Jh. bereits große Bibliotheken, die zum Teil Hunderttausende Bände enthielten. Das spanische Kalifat besaß etwa 70 öffentliche Bibliotheken. Und natürlich gab es auch viele höchst umfangreiche private Sammlungen. So soll ein Arzt von Sultan Salah Ad-Din im 12. Jh.  rund 10.000 Handschriften besessen haben. 

    Begonnen hatte alles mit dem „Haus der Weisheit“ in Bagdad, als dort eine Bibliothek eröffnet wurde, in der viele der hervorragendsten Wissenschaftler aus dem ganzen islamischen Reich arbeiteten, egal welcher Religion sie angehörten. Ich habe es schon oft erzählt, dass sie sich Bücher und Manuskripte der alten Griechen, der Inder besorgten, diese übersetzen ließen und sie überarbeiteten mit ihren eigenen neuen Erkenntnissen. Viele dieser Wissenschaftler besaßen selbst Schreibstuben, in denen die neuen Werke kopiert wurden. Diese Kopien wurden dann zu Vorlagen für neue Kopien, um den neu entstandenen Wissensdurst zu stillen.

     In speziellen Ausstellungen kann man heute noch Kalligrafien oder Illustrationen bewundern. Sie zeigen alle Facetten der damaligen Buchkunst. Die Produktion solcher bebilderten Bücher oder Korane konnten sich wegen der hohen Kosten fast nur die herrschaftlichen Manufakturen erlauben. Sie waren oft eine finanzielle Investition, dienten als Statussymbol und wurden als herrschaftliche Geschenke weitergereicht.

     Die Herstellung war sehr vielfältig. Sobald ein Förderer ein bestimmtes Projekt ausgewählt hat, kümmerte sich der Leiter einer Manufaktur für alle Arbeiten bis zum fertigen Produkt. Er entwarf die Seiten, entschied darüber, welche Teile des Textes bebildert wurde und wählte dafür bestimmte Schreiber und Künstler aus. Zuerst wurde ein bestimmtes Papier mit speziellen Zutaten ausgesucht, manches Papier wurde bei seiner Herstellung gleich eingefärbt, andere mit Goldpuder besprenkelt oder marmoriert. Man konnte sogar schon Papier mit Musterung herstellen oder ihre Oberfläche besonders weich und aufnahmefähig für Tinte machen. Die Schreiber bereiteten ihre Tinte und Schreibfedern selbst her und pressten Hilfslinien in das Papier, bevor sie den Text kopierten. Stellen für die Illustrationen ließen sie aus. Oft gab es mehrere Illustratoren an einem Werk. Der eine war für Porträts zuständig, ein anderer lieferte beste Schlachtenszenen, während ein dritter am besten Landschaftsminiaturen malen konnte, oder mehrere arbeiteten zusammen an einer Darstellung. Als Farbe benutzte man mineralische Quellen: Gold, Silber, gemahlene Lapislazuli für das königliche Blau, Malachit für Grün, Rubin für Zinnoberrot. Diese Pigmente wurden mit einem Trägermittel aus Eiklar oder Kleister, was es glänzend machte, nach dem 16. Jh. mit Gummi arabicum, auf das Papier aufgetragen. Nachdem die Bilder fertig waren, kamen Ausschmückungen des Textes hinzu, dazu gehörten Kapitelanfänge, bunte Rahmen oder Linierung. Dann wurde jedes Papier mit einem Stein poliert. Schließlich mussten die einzelnen Seiten vernäht und gebunden werden. Die Deckel wurden mit dem Rücken verbunden. Also ein Haufen Arbeit, bis so ein Buch fertig war, eben eine richtige Kostbarkeit schon damals, die natürlich nicht in eine öffentliche Bibliothek gehörte.

   In der ganzen muslimischen Welt waren öffentlich zugängliche Bibliotheken verbreitet. Es gab wohl keine Moschee oder Madrassa ohne eine Sammlung von Büchern, die den Lesern oder den Studenten zur Verfügung standen. In Bagdad gab es vor dem Mongolen-Einfall 36 öffentliche Bibliotheken und über 100 Buchhändler die meistenteils die Bücher selbst herstellten, indem sie Kopisten beschäftigten, die sie von Hand vervielfältigten. Ich habe noch nicht die öffentlichen Büchereien in Berlin gezählt, aber ich denke, für Bagdad waren das sehr viele.

    Der Kalif von Cordoba ließ durch Agenten im ganzen Orient nach neuen Büchern Ausschau halten. Der fatimitische Kalif Al-Asis in Kairo soll mit seiner Bibliothek die  schönste und umfangreichste von allen besessen haben mit 1 600 000 Bänden, allein davon 6500 mathematische und 18 000 philosophische Schriften. Der Ehrgeiz war natürlich groß, so dass die Hofbeamten nacheiferten, sicher um gut dazustehen.

     Der beste und originalste Nacheiferer war der Kaiser Friedrich II., er ließ sich auf seinen Reisen von seiner beachtlichen Bibliothek begleiten, natürlich stilgerecht auf Kamelrücken.

    Man kann sich gut vorstellen, dass diese umfangreichen Bibliotheken Armeen von Schreibern benötigten. Das heißt: Bildung war großgeschrieben, nicht nur, um die Bücher alle zu lesen, nein, man musste sie ja auch studieren, um dann anschließend darüber zu diskutieren, nachzudenken. Große Diskussionsrunden waren sehr beliebt und fanden öffentlich statt. Und jeder konnte mitreden, es gab keine Religionsschranken.

     Und heute? Alle, die anders denken als vorgegeben, werden kritisiert, ihnen den Mund verboten, schikaniert und mit der Hölle bedroht. Selbst ich als kleines Licht wurde schon in die Hölle gewünscht. Aber ich bin trotzdem noch hier.

    Aber wie erfuhr man, dass jemand wieder ein Manuskript fertig hatte? Es gab ja noch keine Büchermesse wie heute. In der Islamischen Zeitung habe ich gelesen: Der Ort der intellektuellen Aktivitäten war die Moschee so wie auch Vorstellung und Verbreitung neuer Studien. Man traf sich dort, um den Berichten der Wissenschaftler und Autoren zu lauschen, wenn sie die Ergebnisse ihrer Studien vorstellten. Der Autor erstellte zuerst aus seinen Aufzeichnungen ein Originalmanuskript, genannt Asl. Dann wurde das Buch vom Autor in der Moschee vorgetragen und die Kopisten konnten erst dann den Text niederschreiben. So war der übliche Vorgang: erst das Vortragen und dann kopieren. Die Themen waren breit gefächert: Literatur und Poesie, Geschichte, Biographien, Mathematik, Astronomie, Philosophie, Medizin, Reiseberichte.

   In der Kalligrafie setzte sich ab dem 10. Jh. eine neue Strömung durch. Die Kursivschrift wurde zwar schon in Alltagsgebrauch benutzt, nun erhielt sie eine Aufwertung. Von Ibn al-Bawwab ist ein auf das Jahr 1000 datierter Koran erhalten. Eine sorgfältige Kursivschrift wechselte sich harmonisch mitkostbaren Illuminationen ab. Die Krursivschrift erlaubte kleinere Ausführungen der Buchstaben und konnte schneller geschrieben werden. So wurden die Bücher auch kleiner, schneller und billiger und größere Mengen.konnten produziert werden.

     Viele Muslime vermachten nach ihrem Tod ihre ganze Bibliothek ihrer Moschee als Stiftung. So entstand zur Moschee gehörend oft eine riesige Bibliothek, in der dann auch studiert wurde. Große Bibliotheken und Lehranstalten wie die von Cordoba oder Toledo zogen auch viele Christen an, die in diesen Einrichtungen studierten.

     Man konnte sich auch Bücher ausleihen, was wie heute auch ordentlich geregelt war: Sorgsames Umgehen, keine Anmerkungen oder Korrekturen hineinschreiben, eventuelle Schreibfehler dem Bibliothekar melden und zu einem bestimmten Zeitpunkt das geliehene Material zurückgeben.

    Die meisten der islamischen oder in Arabisch geschriebenen Texte wurden leider nach der Eroberung durch die Christen vernichtet oder einfach geraubt. Oder man entfernte einfach den Namen des Autors, so dass man später nicht mehr wusste, wer für das Werk geforscht hatte. So war es auch in Bagdad. Alles Verschriftlichte wurde durch die Mongoleneinfälle vernichtet. Welch ein gro0er Verlust. Umso wertvoller sind die erhalten gebliebenen Dokumente der Bibliothek der Universität von Kairouan in Tunesien. Sie geht bis in die aghlabidische Zeit zurück und verfügt über eine besonders große Zahl sehr früher Dokumente, die auf Pergament geschrieben wurden. Sie ist heute die größte Pergamentsammlung der Welt.

    Aber auch noch heute findet man in den muslimischen Ländern, meistens in afrikanischen Ländern, Stände von Buchhändlern oder Privatpersonen, die über sehr alte Korane oder andere Werke verfügen.

      Ich wollte euch heute mal ein bisschen Einblick in das kulturelle Leben und Wirken vor rund 1000 Jahren geben.

    Eine Buchvorstellung muss sehr interessant gewesen sein. Ich kann mir das lebhaft vorstellen: Der Autor trägt seine Erforschung zum Beispiel in Philosophie vor. Vielleicht sind die Zuhörer zuerst erstaunt oder entrüstet? Fragen werden gestellt, es entsteht eine rege und vielleicht lebhafte Diskussion, ein Hin und Her von Meinungen, ein Streitgespräch. Jeder will zu Wort kommen. Erst wenn seine Arbeit anerkannt wird, kann er hoffen, dass sie auch als Buch angenommen wird.

   Manche Bücher haben bis heute überlebt, die auch in vielen Sprachen Eingang gefunden haben, so auch ins Deutsche. Erinnert euch an mein kurzes Vortragen der Erlebnisse von Ibn Dschubair aus seinem „Tagebuch eines Mekkapilgers“, aus dem 12. Jh., bekannt sind altarabischen Fabeln, das biografische Lexikon von Ibn Challikan, oder  Teile einer Kosmografie von Al-Qazwini: „Die Wunder des Himmels und der Erde“ oder die „Alltagsnotizen eines ägyptischen Bürgers“ von Ibn Iyas, der große ägyptische Ereignisse seiner Zeit und viele Episoden aus dem Alltagsleben in Kairo Anfang des 16. Jh. aufschrieb. Sie alle geben uns Kenntnis vom Leben der damaligen Menschen.

     Ich möchte jetzt einen Sprung in die heutige Zeit machen, nach Malaysia. Im ganzen Land stehen beachtliche, wirkungsmächtige Moscheebauten, ich habe sie wirklich bewundert, ein ganzer Komplex Moschee, Bibliothek, viele Räume für Unterricht und Versammlungen aller Art und Feiern. Leider war meine Gruppe in Kulua Lumpur nicht im Museum für Islamische Kunst. Aber ich habe in der Islamischen Zeitung jetzt darüber gelesen. Dort steht: ‚In zwölf Galerien werden Modelle von weltbekannten Moscheen, wunderschöne antike Koranexemplare, ­Keramiken mit islamischer Kalligrafie, Stoffe, Schmuck und vieles andere ausgestellt. Besonders beeindruckend ist die Sammlung der antiken Koran­exemplare aus verschiedenen Teilen der islamischen Welt, von Spanien, Nord-und Westafrika, über das Persische Reich bis nach China, Malaysia, und Indonesien. Der Besucher ist verwundert über die Schönheit, die Verzierungen und die die Seele berührenden Geheimnisse der beschriebenen Seiten. Einige der Manuskripte sind auf das 7. und 8. Jahrhundert nach Christus datiert. Das bedeutet, es sind einige der ersten Manuskripte mit Versen aus dem Qur’an. Diese Manuskripte zu sehen berührt das Herz enorm, denn es ist ein klarer und greifbarer Beweis für die historischen Wurzeln der islamischen Zivilisation. Die handgeschriebenen und verzierten Seiten stellen eine ganz klare Verbindung zu den Muslimen der früheren Generationen her und ihre Liebe und Hingabe zum Islam dringt zu dem Besucher und umwebt sein Herz.‘

       Mit dem Wissen über das Leben der Muslime vor etlichen Jahrhunderten können wir sie vielleicht besser verstehen, das Geschehen dieser Zeit besser beurteilen. Und sie letztendlich bewundern, weil sie das Fundament einer Kultur geschaffen haben, auf dem wir heute aufbauen.

 

     

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Hochzeit bild von Beatriz Pérez Moya

Mohamed und Khadija

Mohamed und Khadija

 

Beatriz Pérez Moya

Wir Muslime haben sicher alle die eine oder andere Lieblingsgeschichte aus dem Koran oder den anderen Überlieferungen. Die Geschichte von Moses vielleicht, wie er in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil trieb und gerettet wurde. Oder die Geschichte von Abraham, wie er Gott wieder und wieder bat, die Stadt Sodom zu verschonen, weil dort Lot mit seiner Familie wohnte. Oder die Geschichte der Khadija, die eine reiche und kluge Kauffrau war und bereits zweimal verwitwet, als sie den 25 jährigen Mohamed kennenlernte. Sollte ich mal einen muslimischen Namen annehmen, so wird es Khadija sein. Von Anfang an habe ich mich in sie verliebt und ihre wunderbare Liebe zum Propheten Mohamed geschätzt. Ich freue mich darauf, sie inscha’allah im Paradies kennenzulernen und sie um ihre Freundschaft zu bitten. Khadija war die erste Frau Mohameds, und so geht es heute um das Thema Ehe. Für alle, die damit nichts anfangen können, geht es um Partnerschaft und um jede Freundschaft mit einem Menschen, an dem uns besonders viel liegt.

Als die wohlhabende Kauffrau Khadija eines Tages eine Handelskarawane nach Damaskus schicken wollte, suchte sie für deren Führung einen besonders vertrauenswürdigen Mann. Sie hörte von einem jungen Mann namens Mohamed, der sich durch seine Aufrichtigkeit und Freundlichkeit einen edlen Namen gemacht hatte, und bot ihm die Führung der Karawane unter Begleitung des Sklaven Maisara an. Mohamed nahm Khadijas Angebot an und machte sich bald darauf mit Maisara auf den Weg.

Als sie in Busra im Süden Syriens ankamen, ließ Mohamed sich im Schatten eines Baumes in der Nähe eines Klosters nieder, das einem Mönch namens Nestor gehörte. Es ist überliefert, dass dieser Mönch den Sklaven Maisara fragte: „Wer ist dieser Mann unter diesem Baum?“, und Maisara antwortete: „Er gehört zum Stamm Quraisch zu den Leuten der Kaaba“. Da sagte der Mönch: „Unter diesem Baum haben bisher nur Propheten gesessen“ (siehe Ibn Kathir und auch Hischam/ zitiert aus: Muhammad, Jotiar Bamarni, Schreibfeder Verlag 2010).

Auf dem Markt muss Mohamed seine Waren besonders passend für die jeweiligen Käufer ausgewählt haben, sicher hatte er einen besonders guten Geschmack; so merkte Maisara bald, dass Mohamed sich von anderen Händlern in vielerlei Hinsicht unterschied. Natürlich beschäftigten ihn auch die Worte des Mönchen Nestor. Als Maisara nach der langen Reise zu Khadija zurückkam, erzählte er neben den Worten Nestors noch von einer anderen Beobachtung: „Du hast mich mit ihm geschickt, damit ich ihm diene. Dabei hat er mir gedient. Wenn ich krank war, pflegte er mich, wenn ich traurig war, tröstete er mich!“ – so sprach Maisara. Und die Überlieferung erzählt auch, dass immer wenn Mohamed in der stechenden Sonne saß, zwei Engel kamen, um ihm Schatten zu spenden. Auch dies ist Teil von Maisaras Bericht.

Als nun Mohamed zu Khadija zurückkam mag diese von seinem Verhandlungsgeschick beeindruckt gewesen sein, doch darin hat sie sich nicht verliebt, denke ich. Denn als unabhängige Frau konnte sie sich erlauben, sich aus anderen Gründen zu verlieben. Vielleicht liebte sie seine freundlichen Augen, sein Lächeln, oder das ehrliche Gesicht, mit dem er ihr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Auch Mohamed verliebte sich in sie.

Khadija sagte zu ihm: „Ich schätze dich wegen deiner Beliebtheit in deiner Familie, wegen der Schönheit deines Charakters und deiner Ehrlichkeit“. Dann bot sie ihm die Ehe an; und wieder stimmte Mohamed einem Angebot Khadijas zu. Mohamed schenkte Khadija 20 Kamele als Brautgabe. Bei seiner Hochzeit war er 25 Jahre alt, Khadija war 40 Jahre alt.

Ihr erstes gemeinsames Kind war Qasim, der jedoch nach seinem zweiten Lebensjahr starb. Daher wird Mohamed auch manchmal Abu Qasim genannt. Danach folgten vier Töchter: Zeinab, Ruqqaya, Umm Kulthum und Fahtma. Der letzte Sohn Abdullah starb ebenfalls noch als Kind. Mohamed und Khadija hatten einen großen Haushalt zu versorgen. Neben den Beiden und ihren Kindern lebten dort mit ihnen Baraka, die inzwischen befreite Dienerin seiner Mutter und Zaid, ein Sklavenjunge, den Mohamed frei gelassen hatte, und der auf eigenen Wunsch von Mohamed adoptiert worden war, sowie auch Ali Ibn Abu Talib; denn Abu Talib hatte Schwierigkeiten, seine große Familie zu ernähren und ging daher auf Mohameds Vorschlag ein seine Söhne Ali und Abbas in andere Haushalte ziehen zu lassen. Ali ging zu Mohamed.

Es wird bis heute als gesichertes Wissen angesehen, dass der Prophet Mohamed niemanden so liebte, wie Khadija. Aisha sagte mehr als einmal, wie eifersüchtig sie auf Khadija sei, obwohl er auch sie sehr liebte, weil der Prophet noch lange nach Khadijas Tod immer wieder vor allen Menschen ihrer liebevoll gedachte. Niemals durfte jemand die leiseste Kritik an ihr äußern, sagt uns Aisha. Er war ihr sein ganzes Leben lang in Dankbarkeit und Liebe verbunden.

Als der Prophet die erste Offenbarung hatte, kam er zitternd und verwirrt zu seiner Frau Khadija, die ihn in ein Tuch wickelte und ihm gut zusprach. Sie glaubte ihm alles, was er sagte, egal, wie seltsam es sich anhörte, und wurde die erste Gläubige Muslimin.

Sunna, ihr lieben Schwestern und Brüder, heißt nicht, die Arme beim Gebet so oder so zu verschränken. Sunna heißt, diese Ehe als Vorbild zu nehmen für die eigene Ehe oder Partnerschaft und den Partner so lieb und teuer zu schätzen wie es Mohamed mit Khadija getan hat und umgekehrt. Im Koran Sure Al Rum 20 Vers 21 lesen wir: „Und unter Seinen Wundern ist dies: Er erschaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art auf dass ihr ihnen zuneigen möget, und Er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch hervor: hierin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken!“

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِّتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِّقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

And of His signs is that He created for you from yourselves mates that you may find tranquillity in them; and He placed between you affection and mercy. Indeed in that are signs for a people who give thought.

وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً

Geborgenheit, Zuneigung oder Liebe, Vergebung oder Gnade.

Das passt nun gar nicht zu dem vielzitierten Gewaltvers, in dem angeblich steht, dass ein Ehemann seine Frau unter bestimmten Bedingungen schlagen darf. Was machen wir mit diesem Vers, den ich an dieser Stelle nicht zitieren werde und den Nichtmuslime besser zu kennen scheinen als Muslime? Arabisch muttersprachliche Muslime sagen mir über den „Gewaltvers“ immer wieder, sie verstehen diesen Vers nicht – die Wörter sind ganz und gar uneindeutig. So lassen wir ihn also beiseite, denn vielleicht erklärt er sich erst nach unserer Zeit und bedeutet etwas ganz anderes als wir heute vermuten. Uns reicht doch das, was wir gelesen und verstanden haben. Wir wissen aus dem Koran und aus zahllosen Hadithen, dass Mohamed ein Prophet der Liebe und Vergebung ist, und dass Allah für unsere Beziehungen sagt: wa jala beinakum Mauwade wa Rahme.

Mohamed und Khadija gingen auf eine Lebensreise. Doch Khadijas Reise endete vor Mohameds und so hatte er ein zweites Leben. Er, der mit Khadija monogam gelebt hatte, heiratete nun viele Frauen gleichzeitig und wurde zum gesellschaftlichen Führer. Seine Liebe zu Khadija blieb ungebrochen.

Zeit für Bittgebete

Hier in der Moschee schließen wir viele Ehen. Es kommen vor allem Menschen, die in anderen Moscheen nicht heiraten dürfen oder möchten. Manch einem sind die anderen Moscheen schlicht zu konservativ. Andere werden dort gar nicht erst verheiratet, weil der Mann nicht Muslim ist, oder weil es sich um gleichgeschlechtliche Liebe handelt. Wer hier heiratet kommt auch schonmal aus den USA angereist, aus Österreich oder aus Hannover.

Als ich meinen muslimischen Mann heiratete, bin ich, so glaube ich, auch zum Islam konvertiert. Sicher bin ich mir da nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich damals während der Eheschließung sagte. Ich sprach kein Wort Arabisch und wiederholte einfach das verbale Rauschen, das mir der Scheich vorsprach, und es war mir vollkommen egal, welche Bedeutung es hatte. Geheiratet habe ich mit meinem Herzen, nicht mit meinen Worten.

Doch so ganz richtig ist das nicht, und nicht jedem ist es so egal, wie es mir damals war, was er oder sie da sagt. Eheleute möchten nicht einfach ihre Religion verleumden, und so tun als wären sie Muslime, während sie eigentlich Christen sind, Juden, Atheisten, oder anderes. Es ist ein Akt der Lüge zur Eheschließung in einer Moschee. Wir verzichten hier in dieser Moschee auf diese Lüge und verheiraten diejenigen Menschen, die sich lieben, bzw. die heiraten möchten. Das allein zählt, wenn sich zwei Menschen entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Gerade der oben zitierte Vers gibt uns hier Argumentationshilfe, denn Partnerwesen, auf Arabisch Zauwajan, ist weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Ein Partnerwesen kann jeder andere Mensch sein. Viel wichtiger ist es, wie man den gemeinsamen Weg gestaltet.

Mohamed und Khadija haben sich vereinigt, doch blieb Khadija weiterhin Kauffrau und konnte ihren Mann immer wieder als eigenständige Frau beeindrucken. Und Mohamed empfing immer wieder Offenbarungen, die ihn als einzigartigen Menschen auszeichneten. So banden sich die Beiden aneinander und lebten dennoch in Freiheit.

Der Dichter Rumi schreibt: „Binde zwei Vögel zusammen – sie haben nun vier Flügel, aber keiner von ihnen kann fliegen“. Der so genannte Bund der Ehe bedeutet Gemeinsamkeit, aber nicht unter Aufgabe der Freiheit. Die Freiheit bleibt unser Grundrecht außerhalb jeder Beziehung und innerhalb jeder Beziehung. Freiheit braucht Vertrauen; und Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dem anderen und sich selbst gegenüber. Möglicherweise ist dies der schwierigste Aspekt einer Partnerschaft.

Khalil Gibran schreibt

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen

sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer

Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von

euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben

Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der

anderen.

All dies bedeutet, dass wir unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben

sollten, denn in dieser Einzigartigkeit wurden wir geschaffen, und

in diese Einzigartigkeit hat sich unser Partner verliebt.

In ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ schreibt Bronnie Ware gleich bei Grund 1: Ein großer Anteil der Sterbenden, die sie begleitete sagten Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Unter den Frauen, die dies sagten waren besonders viele, die mit der Eheschließung auch ihre eigenen Bedürfnisse hinter Schloss und Riegel ablegten stattdessen die Bedürfnisse ihres Ehemannes zu den Eigenen machten. Sie bereuten es am Lebensende bitterlich, denn sie hatten ihre Gott-gegebenen oder natürlichen Rechte und Quellen der Freude unnötig aufgegeben. Sie sehnten sich nach Verwirklichung ihrer Selbst, für die es nun zu spät war.

Zugleich ist die Partnerschaft aber durchaus auch der Weg vom Ich zum Du.

Der Dichter Nizar Qabbani schreibt:

„Ich werfe meinen Passport ins Meer, und nenne Dich mein Land.

Ich werfe meine Wörterbücher ins Feuer, und nenne dich meine Sprache.“

Beide Aspekte – die Wahrung der Freiheit auf der einen Seite und die vollkommene Vereinigung auf der anderen – finden sich in einer gelungenen Partnerschaft. Zu meinen, nun wäre dann wohl alles geregelt und jede Partnerschaft müsse super funktionieren, hat mit „Mensch sein“ allerdings wenig zu tun. Dort, wo es mal hapert und man nicht weiterkommt mit all seiner Zuneigung und Vergebung, wo es gerade nur noch bergab und rückwärts läuft, kann man zum Beispiel hier in der Moschee um Seelsorge bitten. Diesen Schritt sollte man sich nicht zu lange überlegen. Es lohnt sich, mit anderen zu sprechen, die diesbezüglich ein wenig Bildung genossen haben oder die einen an Stellen weiter verweisen können, an denen wirklich Unterstützung stattfindet.

Mohamed und Khadija sind ein Beispiel für eine Beziehung, in der Freiheit und Gemeinsamkeit eine gute Balance hatten. Ich wünsche uns allen in dieser Woche glückliche Erfahrungen mit den Menschen, die uns begleiten.

Abraham

Abraham: Khalil – Freund Allahs und von ihm behütet

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Heute geht es um Abraham, doch nicht ganz auf direktem Weg; denn schon immer möchte ich über unsere kleine Gebetsteppiche sprechen, die wir jeden Freitag, und natürlich auch sonst, zum Beten auslegen. Über diesen Teppich möchte ich sprechen, da er von besonderer Schönheit ist. In taghellem Beige als Untergrund wird er umrandet von zartem Grün, der Farbe der Hoffnung, in die unsere Tage eingerahmt sind. In diese Hoffnung hineingesetzt sind eine Art goldener Punkte – es sind die teuren Momente des Glücks, verbunden mit goldenen Fäden, denn sie ziehen sich durch unser ganzes Leben, immer wiederkehrend, überraschend, ohne Muster, und doch verlässlich. Ohne diese goldenen Punkte wäre der Teppich auch schön – ruhig, gelassen, und seinen Zweck als Gebetsteppich in angemessener Qualität durchaus erfüllend, doch wäre er zugleich von deutlich geringerer Helligkeit und Freude. Jeder dieser goldenen Punkte symbolisiert für mich ein Lachen des Herzens. Wir wünschten uns mehr von diesen Glücksmomenten, doch dann wäre der gesamte Teppich golden. Das Grün würde verschwinden und das taghelle Beige; und der Untergrund auf dem wir stehen verlöre sein Motiv in Gänze.

Was ist sein Motiv?

In der Mitte des Teppichs befindet sich ein Tor, gleich dem Tor einer Moschee. Tore laden dazu ein, sie zu durchschreiten, um Räume zu betreten. Meist befinden sich darin Menschen, mit denen wir Kontakt aufnehmen. Doch ungleich den anderen Toren, die wir kennengelernt haben, liegt hinter diesem Tor nichts anderes als das Licht. Ein einladendes Licht, oder eine Art freundlichen Nebels, der uns einlädt einzutauchen und Dinge zu erkennen, die dahinter verborgen liegen.

Viele Male bin ich während des Gebets oder einer stillen Meditation durch dieses Tor hindurchgetreten und habe reiche Welten vorgefunden. Einmal war ich dort und fand einen imaginären Dschungel. In diesem Dschungel schwebte ich als Adler, um mich schließlich auf einem kargen Felsen in meinem Horst niederzulassen und zu betrachten, was um mich herum geschah. Ich verwandelte mich in eine Schildkröte, um nun auf dem feuchten, kalten Boden unter schattenspendenden Blättern langsam nichts anderes zu tun als zu sein. Mein Inneres öffnete sich für die Liebe zur eigenen Existenz und füllte mich mit Sehnsucht nach Geborgenheit und Ruhe. Das Paradies ist ein Dschungel. Es wird keine Jungfrauen dort geben und keine seidenen Kissen, sondern einen dunklen feuchten Erdboden unter schattenspendenden Blättern, und ich werde eine Schildkröte sein.

Ein anderes Mal ging ich durch das Tor hindurch und fand mich wieder in den Gemächern der Frauen des Propheten Mohammeds. Es war finstere Nacht, der Innenhof nur ein wenig erleuchtet durch funkelnde Sterne, doch es waren kaum Schatten zu sehen. Ich sah mich im Zimmer von Aisha und fand sie eifersüchtig so tun als ob sie schliefe, um zu beobachten, wohin ihr Ehemann gehen würde, der mitten in der Nacht aufgestanden war, um sich an einen geheimen Ort zu begeben. Ich sah ihn im Dunkel der Nacht verschwinden und wurde gewahr, wie sich Aisha einen Umhang überwarf, um ihm zu folgen. Sie sah ihn zu einem Friedhof gehen und beten. Wie sehr muss sie ihn geliebt haben in diesem Moment und sich selbst geschämt. Als er sich umwandte um nach Hause zurückzukehren, wandte auch sie sich um und lief schnell immer ein paar Meter vor ihm her, hoffend, dass er sie nicht erkennen möge. Sein Schritt wurde schneller, und so musste auch ihrer schneller werden, bis sie rannte, so dass sie schließlich nur einen kurzen Moment vor ihrem Mann zu Hause ankam. Sie warf den Umhang ab und legte sich so hin, wie Mohammed sie verlassen hatte. Vergeblich tat sie nun erneut als ob sie schliefe. Als Mohamed das Zimmer betrat fragte er die herftig atmende, erschöpfte Aisha, ob sie wisse, wer denn wohl die Gestalt gewesen sein mochte, die den ganzen Weg vor ihm her gelaufen war und immer wenn er schneller lief, auch schneller gelaufen sei. Gut dass es dunkel war. So konnte er nicht sehen, wie tief sie errötete. Mohamed hat seine Frau für ihr Verhalten nicht zur Rede gestellt, denn er war ein liebevoller und verständnisvoller Mensch, und sicher wusste er, wie sehr wir solcherlei Vertrauensbeweise in der Partnerschaft immer wieder brauchen. Als ich mir diese Geschichte in der Welt des Gebetsteppichs vorstellte, war ich Aisha, die Eifersüchtige, und ich liebte sie, und liebte den Propheten Mohamed, weil wir Menschen Geschichten lieben, in denen wir uns wiederfinden.

Heute gehe ich durch dieses Licht des Teppichs und lade euch ein, mit mir zu kommen and diese Schnittstelle zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Realität und Fantasie. Wir gehen hinein und finden dort eine Frau mit einem kleinen Kind. Sie ist Sklavin, das Kind der gemeinsame Sohn ihrer und ihres Herrn, gezeugt auf Geheiß der freien Frau des Mannes. Gerade setzt sie sich auf ein sich niederkniendes Kamel. Nun reicht ihr ihr Mann das Kind, einen kleinen Jungen namens Ismael. Dann steigt er selbst dazu. Während der Vater weiß, wohin die Reise gehen soll, haben Mutter und Kind nichts als ihr Vertrauen. Wie fühlte es sich an, nicht zu wissen, wohin man getragen wird? Was las die Frau im Gesicht ihres Herrn, in seinen Gesten? Als Proviant für die Reise, die nicht lang dauern und zugleich die Ewigkeit der Menschheitsgeschichte überdauern würde, hat der Vater einen Wasserschlauch und ein paar Datteln eingepackt. So reitet nun die Famile in die Wüste.

Dort angekommen steigen sie ab, und Abraham bleibt noch einen Moment stehen, wirft dann einen Blick auf Hagar und den kleinen, geliebten Sohn, um sich nun umzuwenden und sie zu verlassen.

Welch abscheulicher Moment des Schicksals. „Wohin gehst du, Abraham?“, fragt Hagar, sich gewahr werdend, was hier mit ihr und ihrem Kind geschieht. Du bist doch nicht gekommen, uns hier allein zu lassen?

Die Geschichte erzählt nichts davon, wie sich ihr Magen zusammenzog und ihr Herz verkrampfte als sie ihren Herrn gehen sah. Wie sie dachte „Großer Gott“ und verzweifelt, in unbeschreiblicher Angst, allein die nächtliche Kälte der Wüste erwartete, und den grausamen Tod durch einen Schakal oder durch Durst. Wer würde zuerst sterben? Sie oder das Kind? Über all das ist uns nichts bekannt, denn wir lesen die Geschichte so, wie wir Geschichtsbücher lesen. In manchen Geschichtsbüchern werden auf hundert Seiten ganze Zivilisationen abgehandelt, die auf- und untergegangen sind. Ich mag Geschichtsbücher nicht. Ich mag Teppiche. In Geschichtsbüchern liest man über Grausamkeiten, als währen sie Kollateralschäden. Wird jemand zur Verantwortung gezogen, so bleibt der Text sachlich und macht damit alles zur Sache, auch die Menschen, um die es darin geht. Ich mag keine Geschichtsbücher – sie handeln von Kriegen und ihren Kriegstreibern, von Patriarchen und Führern und vergessen die Menschen, die dahinter stehen. Teppiche sind mir lieber. Die uns einladen, Verantwortung zu übernehmen, indem wir genau hinschauen. Es ist kein Zufall, dass die Literaturdidaktik der deutschen Nachkriegszeit die Vorstellungskraft als wichtiges Lernziel definiert. Die Vorstellungskraft macht nicht nur das Leseerlebnis reicher, sondern Literaturdidaktik ist immer auch Lebensdidaktik; und ohne Vorstellungskraft und die Fähigkeit, Gelesenes oder Erlebtes mit uns selbst zu verbinden, treffen wir ganz andere Entscheidungen im privaten wie im politischen Bereich. Doch zurück zum Text. Wir sind durchaus fähig, uns vorzustellen, was Hagar in diesem Moment gefühlt hat. Aber was Abraham fühlte, was ihn dazu trieb, sich der Prüfung Gottes zu stellen und das ihm scheinbar Gebotene zu erfüllen, das fällt mir im Moment noch schwer zu verstehen. Diese Geschichte zu würdigen gelingt mir derzeit nur durch einen Perspektivwechsel – indem ich nämlich nicht mit Abraham zurückkehre, sondern bei Hagar in der Wüste bleibe.

Menschen möchten nicht sterben. Und sie übernehmen Verantwortung für ihre Kinder. Daher begann Hagar nach Wasser zu suchen. Zwischen den Bergen Safa und Marwa lief sie sieben mal hin und her, um dort Wasser zu finden. Sie kletterte auf Steine, um Ausschau nach einer Karawane zu halten. Als sie sich umblickte, sah sie eine Gestalt bei Ismael stehen. Es war der Engel Gabriel. Er stampfte mit seiner Verse neben dem Kind auf die Erde, und Wasser begann zu fließen. Nach anderen Überlieferungen war es das Kind selbst, das mit seiner Verse auf die Erde stampfte. Jedenfalls entsprang das Wasser, mit dem nun Hagar ihre Schläuche füllte, durch ein Wunder.

Bald danach zog eine Karawane des Stammes von Jurham nicht weit von Hagar und Ismaels Ort vorbei. Die Karawanenführer sahen Vögel über einer Stelle kreisen, wo sonst keine Vögel zu sehen waren und schlossen daraus, dass es dort Wasser geben würde, obwohl das bisher nicht der Fall gewesen war, weshalb ihre Route eben normalerweise nicht dort entlang geführt hatte. Sie folgten den Vögeln, um die neue Wasserstelle aufzusuchen. So fanden sie Hagar und Ismael und nahmen sie auf.

Abraham indessen war zu Hause bei seiner Frau Sarah und ihrem gemeinsamen Sohn Isaak, in dem Zelt, zu dem die Engel gekommen waren, um dem Kinderlosen im hohen Alter Nachkommen zu prophezeihen.

Abraham ist der Prophet, dessen Name nach Mohamed am häufigsten im Koran erwähnt wird. 69 Mal wird sein Name genannt und jedes einzelne Mal mit Lob bedacht.

Geboren wurde Abraham in Ur, einer Stadt in Chaldäa, ungefähr 200 Meilen von Baghdad entfernt, eine der so genannten ersten menschlichen Hochkulturen in Mesopotamien, also dem heutigen Irak. Man möchte meinen, Abraham wäre bei seiner Geburt mindestens 60 Jahre alt gewesen. Doch auch dieser Mensch war einmal ein Säugling, von einer Mutter gestillt, und sicher auch von einem Vater gemaßregelt, von verwandten Frauen und Männern in den Tugenden unterwiesen, die für seine Zeit galten. In Sure 3, Vers 67 lesen wir: Abraham war weder ein Jude, noch ein Christ, sondern er war einer, der sich von allem abwandte, was falsch ist, da er sich Gott ergeben hatte“. „Sich Gott ergeben“ heißt auf Arabisch „muslim“ sein, doch war er nicht Muslim im Sinne der Religionsbezeichnung sondern im Sinne eines Zustandes – ein Mensch eben, der sich Gott ergeben, oder hingegeben, hatte. Aus dieser Stadt Ur in Chaldäa kam übrigens auch Lot, der Sohn von Abrahams Bruder.

In Ur, in der viele Götter angebetet wurden, hatte Abraham seine erste religiöse Erkenntnis. Dabei ging es um die Praxis der Götzenanbetung. Er muss damals ein junger Mann gewesen sein. Vielleicht liebevoll kümmernd, vielleicht pubertierend aufmüpfig, sprach er zu seinem Vater (6:74-75): „Nimmst du Götzenbilder als Götter? Wahrlich ich sehe, dass du und dein Volk offensichtlich irregegangen sind! Und so gaben wir Abraham seine erste Einsicht in Gottes mächtige Herrschaft über die Himmel und die Erde.“

Abrahams Vater Azar, auch bekannt unter dem Namen Terah, betete in der Tat Götzen an, wie es eben damals üblich war. Er antwortete seinem Sohn, wenn dieser nicht seinerseits von der Kritik am Götzenglaube ablasse und dem Vater gehorche, müsse er ihn steinigen, denn dies war die Strafe für abtrünnige Söhne. Doch statt nachzugeben ging Abraham nun auch noch zu seinen Freunden und bat sie ebenfalls, ihren Glauben zu verändern. Diese wollten jedoch an der Anbetung der Götzen festhalten. Schließlich sei es die Religion der Väter.

Als es nun eines Tages ein Fest gab, an dem alle Menschen in Abrahams Umgebung teilnahmen, entschloss sich Abraham, stattdessen zu den Götzenfiguren seiner Freunde zu gehen und zerstörte sie alle – alle, bis auf den obersten Götzen, den er vollständig stehen ließ.

Als die Freunde zurückkehrten wussten sie sofort, dass Abraham für diese Tat verantwortlich sein musste. Sie stellten ihn zur Rede, doch er verneinte seine Schuld – es müsse der Chefgötze selbst gewesen sein, der dies vollzogen hätte, schlug er vor. Die Freunde sagten: „Wie könnte dieses Gebilde aus Stein, das wir selbst gebaut haben, so etwas vollziehen? Du siehst doch, Abraham, dass sie nur aus Stein sind und nichts erreichen können. Worauf Abraham antwortete: „Wenn euer Gott dies nicht kann, dann kann er euch sicherlich auch nicht helfen, wenn ihr in Not seid und ihn braucht!“ Von Anfang an hatte Abraham also Vertrauen in einen Gott, der den Menschen in der Not beiseite stehen würde. Vielleicht sah er in diesem Licht auch Hagar, als er sie in der Wüste zurück ließ. Denn beim Verlassen sagt er zu ihr: „Ich lasse dich in der Hand Allahs“.

Doch wer war dieser Allah, dieser höchste Gott?, fragte sich Abraham. Eines Nachts ging er daher hinaus und erblickte einen Stern. Er rief aus: „Dies ist mein Erhalter!“ – aber als er unterging, sagte er: „Ich liebe nicht die Dinge, die untergehen“.

Dann, als er den Mond aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter!“ Aber als er unterging sagte er: „Fürwahr, wenn mein Erhalter mich nicht rechtleitet, werde ich ganz gewiss einer von den Leuten werden, die irregehen“.

Dann, als er die Sonne aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter! Dies ist das Größte von allen!“Aber als auch sie unterging, rief er aus: „Oh mein Volk! Siehe, fern sei es von mir, etwas anderem neben Gott, wie ihr es tut, Göttlichkeit zuzuschreiben!“

Es folgte eine unschöne Zeit für Abraham in der Mitte einer Gesellschaft, die sich nicht von ihm überzeugen ließ, sondern sein Leben bedrohte, so dass er letztlich beschloss, seinen Vater und die Stadt Ur zu verlassen. Er bat Gott um Vergebung und Segen für seinen Vater und zog fort, „denn siehe, Abraham war höchst nachsichtig, höchst weichherzig, wieder und wieder willens, sich Gott zuzuwenden“ (11:75).

Abraham lebte längst mit seiner Frau Sahra zusammen und seiner Sklavin Hagar, als eines Tages drei fremde Männer zu seinem Zelt kamen. Das Gebot der Gastfreundschaft verlangte es vom Gastgeber, eine Mahlzeit zu bringen; von den Gästen verlangte es, diese Speisen anzunehmen. Doch die Gäste rührten das ihnen vorgesetzte Mahl nicht an. Es mussten Boten des Himmels sein, die zu Abraham und Sahra gekommen waren. Dennoch nahm Sahra ihre Botschaft nicht ganz ernst, die hieß, dass sie in ihrem fortgeschrittenen Alter einen Nachkommen Abrahams zeugen solle. Sowohl im Buch Genesis, dem ersten Buch Mose, als auch im Koran, ist überliefert, dass sie lachte. Dann verabschiedeten sich die Boten. Auf dem Weg hinaus schauten sie von einem Berg hinab in die Stadt Sodom, in der auch Lot mit seiner Familie lebte.

29:31 Und so, als Unsere himmlichen Boten zu Abraham mit der frohen Kunde von der Geburt von Isaak kamen, sagten sie auch: „Siehe, wir sind im Begriff, das Vok jenes Landes zu vernichten, denn seine Leute sind wahrhaft Übeltäter“. Und als Abraham ausrief: „Aber Lot lebt dort!“ – antworteten sie: „Wir wissen sehr wohl, wer dort ist. Ganz gewiss werden wir ihn und seinen Haushalt retten – alle bis auf seine Frau: Sie wird fürwahr unter jenen sein, die zurückbleiben“. Im Buch Genesis, dem ersten Buch Moses, lesen wir, was wir im Koran nicht finden, nämlich, dass Abraham bei den Engeln interveniert. „Aber“, sagt er, „wenn nur 50 Menschen in Sodom rechtschaffen sind, wird Gott dann Sodom verschonen?“ Gott – oder die Engel – das wird im Zusammenhang nicht ganz deutlich – sagt „Ja, für 50 gute Menschen wird Sodom verschont“. Durch diese Antwort ermutigt, fragt Abraham nun weiter, wie es denn mit 40 Menschen wäre. Auch für 40 gute Menschen soll die Stadt verschont werden. Abraham fragt bis zur Zahl Zehn. Da endet das Gespräch. Was wäre wohl die Antwort gewesen, wenn Abraham weiter gefragt hätte? Wenn es nur neun, acht, sieben,…einen einzigen guten Menschen in der Stadt geben würde?

Nachdem die Engel das Zelt Abraham und Sahras verlassen hatten, überlegte Sahra, wie es denn sein könne, dass sie einen Nachfolger haben würde. Wir lernen aus der jüdisch-christlichen Tradition, dass sie es war, die daher Abraham vorschlug, ein Kind mit der Sklavin Hagar zu zeugen. Dies war damals nicht unüblich, aber wir Frauen von heute wissen, dass das keine gute Idee für den Hausfrieden war.

Die Geschichte beweist es. Ismael, der Sohn Hagars wird geboren und erfreut sich der Liebe seines Vaters. Doch bald wird auch Sahra schwanger und bekommt Isaak. Die jüdisch-christliche Tradition sagt, dass Sahra aus Eifersucht zu Abraham sagt, er solle Hagar und Ismael in die Wüste schicken. Die Muslimische Tradition spricht von einer Prüfung, vor die Abraham gestellt wird. Eine Prüfung vielleicht, ob er Gott gehorcht, auch wenn es seinen Vorstellungen von Liebe und Gerechtigkeit widerspricht. Abraham möchte Hagar und Ismael nicht verstoßen, und dennoch willigt er schließlich ein. Er bringt sie in die Wüste, wohl wissend, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Abraham, der Liebevolle. Abraham der Gütige, der muslim ist und taqua hat – mehr als jeder andere seiner Zeit. Religionspädagogen aus meiner Kindheit deklarierten Abrahams Ergebenheit als Tugend. Abraham war muslim und hatte Iman (Glauben) und Taqua (Gottesbewusstsein) – dass dies fast zu einem Mord geführt hätte, war ihnen einerlei.

Doch nun wird es interessant, denn an dieser Stelle interveniert Gott, offensichtlich um genau das zu verhindern. Denn Abraham war ihm wohl in der Tat lieb und teuer. Offensichtlich wollte er nicht, dass dieser geliebte Abraham eine Schuld auf sich lud, deren Vergebung nicht leicht sein würde. So rettete Gott Hagar und Ismael und rettete zugleich Abraham.

Noch ein weiteres Mal war Abraham so gottesfürchtig, dass er einem Traum nachgab, der vermeintlich von Gott selbst zu ihm gekommen war; dem Traum nämlich, seinen eigenen Sohn zu opfern, ihn wie ein Tier in den Wald zu bringen, zu fesseln und auf einen Stein zu legen, um nun mit einem frisch geschärften Messer seine Kehle zu durchtrennen. Doch auch hier wird Abraham von Gott davor bewahrt, einen Mord zu begehen.

Ja, er war in der Tat ein Mann, den Gott liebte, denn Abraham war in seinem Herzen mildtätig und liebevoll. Und vielleicht bewahrte in Gott deshalb davor, große Sünden zu begehen.

Setzen wir uns einen Moment zu ihm, Abraham, und fragen uns, was wir aus seiner Geschichte lernen sollen. Trinken wir eine Tasse Tee mit unserem uralten Propheten und sagen: Abraham, wir können die Deutungen der alten Patriarchen nicht länger akzeptieren. Deine Bereitschaft, andere Menschen zu töten, um damit Gott zu gehorchen, sehen wir kritisch und wenden uns davon ab. Wir sehen Organisationen wie den IS, die Morde an Menschen durch den Koran rechtfertigen und vielleicht sogar deine Geschichte als Grundlage verwenden. Sie sagen, wir haben göttliche Eingebungen und hören darauf, wenn sie ihre Schwerter schwingen, um Unschuldige zu töten. Wir sehen White Supremacists, die meinen, Christen zu sein, und Eingebungen haben, Muslime zu töten, um Gott zu dienen. Wir sehen Politiker, die Kriege führen, weil sie göttliche Eingebungen zu haben glauben. Wir sehen Muslime, Christen und Juden, die andere töten, weil sie meinen, Gott stünde auf ihrer Seite und gäbe ihnen das Recht dazu. Dies alles auf der Grundlage von Geschichten wie der von Abraham! Wie deuten wir diese Geschichte?

Vielleicht antwortet Abraham: Aus meiner Geschichte lernt ihr, dass auch Propheten Menschen sind. Ihr lernt auch, dass es immer ein Fehler ist, andere zu töten oder auch nur zu verletzen. Gott beweist es in meiner Geschichte, denn als ich Leid zufügen wollte, hat mich Gott daran gehindert. Gott wird nicht jeden daran hindern, anderen leid zuzufügen, aber a meinem Beispiel erkennt man die Unrichtigkeit solcher gefühlten Offenbarungen.

Dann würde Abraham vielleicht noch sagen, aus meiner Geschichte lernt ihr, dass man Lesarten historisch anpassen muss, um religiösen Texten weiterhin Sinn zu entnehmen.

Abraham sagt vielleich: „Ich bin Khalil, der Freund Gottes, und deshalb war ich überglücklich, dass Hagar und Ismael überlebt haben. Es wird von mir gesagt, dass ich sie nach ihrem Überleben in der Wüste noch lange immer wieder besuchte.“

Diejenigen Männer und Frauen, die Unterschiede zwischen Rängen vornehmen oder Hierarchien erfinden, lernen, dass alle Frauen gleichwertig sind, egal ob arm oder reich.

Diejenigen unter den Lesern, die koranische Texte als Mythen lesen, finden in der Verstoßung und der Opferung der eigenen Söhne vielleicht psychologische Deutungsvarianten. Im Dickicht unseres Unterbewusstseins opfern wir vielleicht auf dem Stein, gefesselt und gebunden, unseren Hang zum Diesseits. In die Wüste schicken wir vielleicht nicht die Menschen selbst, sondern unsere Vergötterung der Menschen um uns herum, die wir wertschätzen und lieben, aber nicht anbeten sollen. Es gibt viele Deutungsmöglichkeiten. Je mehr wir unsere Vorstellungskraft aktivieren, desto mehr spricht der Text zu uns selbst und ermöglicht uns fruchtbare individuelle Auseinandersetzungen.

Diejenigen Menschen auf der Welt, die Abrahams oder ähnliche Geschichten als Blaupause für das Quälen ihrer Mitmenschen verwenden wollen, sind jedenfalls im Unrecht. Leid zuzufügen ist niemals unser Recht.

Duaa:

Allah, wir danken dir für die Geschichten, die zu uns herabgesandt wurden; Geschichten, in denen du dich uns offenbarst, und wir uns wiederfinden, damit wir wissen was es heißt, Mensch zu sein und andere wie uns selbst zu verstehen, oder zu würdigen. Wir beten dir zum Dank und bitten dich um Kraft, zu erdulden, zu hoffen, zu lieben und zu lachen.

Und Gott weiß es am besten.

Orient und Okzident

Orient und Okzident

 

Heute wissen wir, dass die islamischen Wissenschaften im Mittelalter Europa inspiriert hat, so dass Europa auf den Stand gelangen konnte, wo wir heute stehen.

Heute wissen wir, dass die Vereinigung griechischer Wissenschaft mit dem indischen und persischen Wissen die Grundlage für die arabische Wissenschaft und Gelehrsamkeit in der Zeit zwischen dem 8.bis 12. Jahrhundert, den Goldenen Jahren, gebildet hat.

Was war passiert? Der Kalif al-Mamun war ein welt-aufgeschlossener Herrscher, er gründete im Jahre 832 eine Art „Akademie,“ das „Haus der Weisheit“, in dem ungefähr 90 Sprachgelehrte, Wissenschaftler und Philologen an wissenschaftliche Übersetzungen arbeiteten. Besonders die Werke der alten Griechen waren gefragt. Am Anfang stand das Übersetzen, besonders im philosophischen Bereich. Aber es blieb nicht nur das reine Übersetzen. Die arabischen Wissenschaftler schreiben Kommentare, fingen an, auf diesen Grundlagen Neues zu erforschen, besonders in den exakten mathematischen, astronomischen und geometrischen und Wissenschaften wie Medizin, Naturwissenschaften. Es begann ein schöpferisches, in Europa unerreichtes „Goldenes“ Zeitalter der Weltklasse.

Herauszuheben ist beispielsweise die Algebra, das Operieren mit Buchstaben statt mit Ziffern, die Entdeckung des Blutkreislaufs… und ebenso wichtig das friedliche Zusammenarbeiten aller ansässigen Religionen.

Das Bedürfnis, die islamische Theologie wissenschaftlich zu begründen und auszubauen, führte schnell zu einer Aufarbeitung und Neubewertung der griechischen Philosophie und zur Herausbildung einer arabischen Weltanschauung. Die wichtigsten Wissenschaftler waren Al-Kindi, Al-Farabi, Avicenna genannt Ibn Sina, Averroes, genannt Ibn Ruschd und auch Al-Gazali. Al-Ghazali führte die aristotelische Logik in die islamische Rechtswissenschaft und Theologie ein.

Es herrschte eine Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Strömungen der Religionen. Zu den wichtigsten Methoden der muslimischen Rechtsgelehrten zählte damals der sogenannte Idschtihad. Er steht für ein selbständiges Denken und Schlussfolgern. Es entstand die theologische Strömung der Mu‘tazila. Die Themen der Mu’tazila standen für Gerechtigkeit Gottes und Seine Einheit. In Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes folgerten sie, dass der Mensch ungeachtet der Allmacht und dem Allwissen Gottes einen freien Willen ohne Einschränkung besitzen. Sonst wäre das Gericht Gottes nicht möglich bzw. der Mensch nicht für seine Taten verantwortlich. Sie vertraten den Standpunkt, der Koran sei in der Zeit geschaffen worden und nicht das ewige existierende Wort Gottes. Es war damals ein nicht zu unterschätzendes politisches Spiel mit dem Feuer: Wenn der Koran, der die Lebensform, Normen und Werte der islamischen Gemeinschaft bestimmt, als ‚nicht ewig‘ gilt, d.h. der Koran ist erschaffen, erscheint es eher gerechtfertigt und möglich, bestimmte politische Interessen unter Umgehung der koranischen Vorschriften durchzusetzen. Das war natürlich den Gegnern unter Führung von Ibn Hanbal ein Greul.

Ibn Hanbal war einer der bedeutendsten Vertreter des traditionalistischen sunnitischen Islam. Seine Schule hat einen tiefgreifenden Einfluss, der fast jeden Bereich des orthodoxen sunnitischen Denkens betrifft, auf der sich auch heute noch der orthodoxe Islam in Saudi-Arabien stützt.

Damals hatte die Wissenschaft ihre größten Förderer in den Herrschern der Zeit, den Abbasiden-Kalifen. Erst unter dem Kalifen al-Mutawakkil ʿalā Llāh (ab 847) wurden die Mu’taziliten verfolgt und es brach eine neue Zeit an, eine Zeit der Stagnation, ein Stillstand im Denken und Forschen. Sie verabschiedete sich von allem Fortschritt in eine dunkle Zeit! Der letzte Schlag kam durch den Einfall der Mongolen im Jahr 1258. Es trat eine Beschränkung der Meinungsfreiheit, Intoleranz und ein ablehnender Konservatismus ein.

Aber dennoch: Ohne die wissenschaftliche Aufbereitung und Weiterforschung kein ein Aufblühen im westlichen Teil von Europa, keine Universitäten, keine Renaissance, keine Wissenschaft in unserer heutigen Form. Die ganze Welt profitiert noch heute von diesen Gelehrten im islamischen Osten.

Aber was wäre geschehen, wenn dieses Aufblühen der Wissenschaften nicht gewesen wäre? Wenn dieser lockere Umgang mit anderen Religionen nicht stattgefunden hätte? Wenn man sich auf die Forderung Gottes nachzudenken, die im Koran nachlesbar stand, nicht eingelassen hätte, nicht nachgedacht und verwirklicht hätte? Wenn schon gleich am Anfang ein Ibn Hanbal mit seiner lähmenden Strenggläubigkeit stand und wissenschaftliches Denken gar nicht erst zum Zuge käme? Wo stünden wir heute?

Wie ging es weiter?

Das Aufblühen der Wissenschaft verschob sich in den Osten nach Zentralasien, in das alte Persien, nach Indien, Usbekistan. Die großen Städte Buchara und Samarkand blühten im 15. Jahrhundert auf, besonders gefördert durch einer der Enkel des Eroberers Timur Lenk. Im dortigen Observatorium, das der Herrscher Ulug’bek errichtet hat, errechneten Ulug’bek und seine Mitarbeiter das Sternenjahr zu 365 Tagen, 6 Stunden, 10 Minuten und 8 Sekunden, womit sie vom heute gültigen Wert lediglich 58 Sekunden abwichen. Leider wurde dieses Zentrum islamischer Gelehrsamkeit ab dem Ende des 17. Jahrhunderts als Kornspeicher genutzt und zerfiel mit der Zeit mehr und mehr. Welch ein Verlust!

Aber noch wichtiger war Andalusien als Transfer des Wissens. Einige Jahrhunderte lang lebten Christen, Muslime und Juden in Spanien friedlich zusammen.

Toledo gehörte zum Emirat von Granada. Besonders dort herrschte ein Nebeneinander verschiedener Kulturen, Religionen und Sprachen. Es entstanden dort Übersetzerschulen, in denen arabische Dokumente und wissenschaftliche Arbeiten in das Lateinische übersetzt wurden. Von dort aus gelangte das übersetzte Wissen weiter nach Europa.

Es ist wie ein kleiner Kreislauf: 529 u.Z. wird die griechische Akademie in Athen geschlossen, die Araber übersetzen und verarbeiten ihre wissenschaftliche Arbeiten, in Andalusien werden die Werke der alten Griechen wieder übersetzt, nun ins Lateinische und kommt so wieder mitsamt dem neuen Wissen der Gelehrten in den islamischen Ländern nach Europa.

Erst mit der Erfindung der Differential- und Integralrechnung, also der Infinitesimalrechnung, das Rechnen mit unendlich kleinen Zahlen, durch die Europäer Newton und Leibniz kam nach der Geometrie durch die Griechen und nach der Algebra durch die Araber der dritte große Schub in die Mathematik, von der wir heute noch zehren. Also ein Flugzeug bauen ohne Geometrie, Algebra und Infinitesimalrechnung, das geht nicht!

Aber erst durch die Erfindung des Buchdrucks um 1450 machte das christliche Europa den großen Schritt zur Renaissance und nicht zu vergessen, das Herstellen von Papier durch Papiermühlen, die es schon einige Jahrhunderte vorher in arabischen Ländern gab.

Egal wo, vorher mussten alle wissenschaftlichen Arbeiten vielfach kopiert werden, um von anderen Gelehrten überprüft und diskutiert zu werden. Auch wenn es in den wissenschaftlichen Zentren große Schreibbüros gab, immer konnte nur eine kleine Gruppe von Konsumenten Nutzen daraus ziehen. So fand das Wissen kaum Eingang in öffentlichen islamischen Schulen. Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg trug wesentlich zur immer stärkeren Differenzierung des christlichen mit dem islamischen Kulturkreis bei.

Also mit Gutenbergs Druckmaschine und dem Bau von Papiermühlen verschwand in Europa das mühevolle Kopieren. Jetzt stand dem schnelleren Verbreiten von Nachrichten und auch wissenschaftlichen Abhandlungen nichts mehr im Weg und die Wissenschaft nahm einen ungeahnten Aufschwung. Ich will daran erinnern: Die Gutenberg-Bibel entstand zwischen 1452 und 1454 auf Latein. 1534 folgte dann der Druck der Lutherbibel auf Deutsch. Und man kann sagen: Ohne eine deutsche Lutherbibel hätte es sicherlich keine Reformation gegeben.

Aber wie stand es mit dem Koran? Wie lange dauert es, einen Koran per Hand zu kopieren? Es muss natürlich gesagt werden, dass das Arabische eine ziemlich komplizierte Schriftsprache ist, da sie kursiv angelegt ist, also besser geeignet für Kalligrafie als zum Druck.

Aber nicht nur das: Das im Jahr 2017 erschienene Buch „Islam in der Krise“ beschrieb Michael Blume die folgenschwere Fehlentscheidung des Jahres 1485: Kaufleute in Konstantinopel baten den osmanischen Sultan Bayazid II. um die Erlaubnis, eine Druckerpresse aus Europa einrichten zu dürfen. Aber die islamischen Schrift- und Rechtsgelehrten brachten Argumente dagegen an. Sie meinten, dass es ihr über Jahrhunderte hart erworbenes Privileg war, die geheiligten, arabischen Schriftzeichen (auch für persische und osmanische Schriften) verantwortungsvoll zu Papier bringen zu dürfen. Ihr frommes und verantwortungsvolles Handwerk würde durch diese Maschine der Christen entwertet! Und mehr noch: Würde die Einführung der Druckerpresse nicht Tür und Tor für allerhand Schund und aufrührerische Texte öffnen? Warum sollte der Sultan die Grundfesten seines Reiches erschüttern, das sich doch erkennbar gegen die weniger wissenden und zerstrittenen Christen immer weiter durchsetzen würde.

Bayazid II. verbot also 1485 den Buchdruck arabischer Schriftzeichen im gesamten Osmanischen Reich.

Das Ergebnis war: 1717 wurde die Schulpflicht in Preußen eingeführt. Ab 1835 gab es in Sachsen die Allgemeine Schulpflicht. Um 1800 konnten bereits die Hälfte der Briten und Deutschen lesen und schreiben, im Osmanischen Reich weiterhin nicht einmal 5%. Als Napoleon bei seinem Einmarsch in Ägypten eine Druckerpresse mitgebrachte, zerstörte ein ägyptischer Mob auch diese, da sie doch von den weisen, islamischen Vorfahren einst verboten worden war. Auf das Drucken des Korans stand ja die Todesstrafe. Erst 1874 durfte der Koran in Istanbul auf Arabisch gedruckt werden.

Jahrhunderte lang schien die arabische Welt von der modernen Wissenschaft abgekoppelt zu sein. Im 20. Jahrhundert spielten akademische Forschung nur eine untergeordnete Stellung. Wer nach Wissen strebte, der ging ins christliche Ausland.

Mittlerweile investieren viele arabische Staaten – nicht nur am ölreichen Golf – wieder deutlich mehr in Wissenschaft und Forschung. Bis sie europäischen Ländern im großen Stil auf diesem Gebiet Konkurrenz machen, wird es allerdings wohl noch eine Weile dauern.

Es gab in der jüngsten Vergangenheit einige Fortschritte: Pakistan investierte verstärkt in die Wissenschaft und konnte dadurch wesentlich mehr Fachkräfte ausbilden und die Anzahl der veröffentlichten wissenschaftlichen Aufsätze in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends um 40 Prozent steigern. Auch die Türkei, Jordanien und der Iran legten kräftig zu.

Aber dennoch erleben die islamischen Staaten keinen kontinuierlichen intellektuellen Vorwärtsruck, viele junge Leute verlassen nach ihrem Studium ihre Heimatländer, um im Westen erfolgreich zu forschen oder gehen zum Studium gleich ins Ausland und bleiben dort. Nach einer Studie des Gulf Center for Strategic Studies in Kairo wandern jährlich die Hälfte der Studienabgänger in Medizin aus, ebenso 23 Prozent der Ingenieure. Es fehlt an ausreichend Forschungsstellen, eine angemessene Vergütung und Absicherung, aber besonders wichtig eine freie Ausübung und Forschung ohne Bevormundung durch Theologen.

Es galt doch schon einmal, dass man auf der Grundlage des Koran forschen konnte, dass es Meinungsfreiheit gab und dass gleichermaßen Juden, Christen, Feueranbeter und Muslime Seite an Seite forschten und auf einer annehmbaren Diskussionsebene über ihre Forschungsergebnisse diskutierten.

Bis heute hat in fast der ganzen islamischen Welt kaum eine selbstkritische Debatte über die Gründe des eigenen Niedergangs stattgefunden. Es ist einfach, eine Schuld dem Westen anzuhängen.

Wie dem auch sei: Wenn es gelingen soll, die wissenschaftliche Forschung auch in allen islamischen Ländern wirklich voran zu bringen, kann sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Stärkung der Lebensqualität aller ihrer Bürger leisten und dient gleichzeitig zum Aufbau von Stabilität und Vertrauen, auch in die islamische Religion und damit zur Friedensförderung.

O Gott, gib den Menschen Einsicht in dein wundervolles Erschaffen, gib uns im Diesseits Gutes und im Jenseits Gutes.

Joseph Karl Stieler [Public domain]

Goethes Begegnung mit dem Islam – Der Dialogversuch zwischen Orient und Okzident

Goethes Begegnung mit dem Islam – Der Dialogversuch zwischen Orient und Okzident

Joseph Karl Stieler [Public domain]

In der heutigen Predigt geht es um den großen deutschen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe und seinem Verhältnis zum Islam. Es gibt nicht wenige Leute, die sich die Frage stellen, was hat denn ein Goethe überhaupt mit dem Islam zu tun? Ist Goethe nicht ein Dichter und Denker, der sich nur mit deutschen, europäischen, christlichen und jüdischen Werken beschäftigt hat? Und spricht man über seine Werke, fallen einem direkt ein: „Faust“, „Wanderers Nachtlied“ oder auch „Die Leiden des jungen Werthers“. Ein weiteres Werk von ihm sollte mindestens genauso beachtet werden und zwar der „West-östliche Divan“, da er ein Riesenpotential fürs friedliche Miteinander birgt.

Wie entstanden überhaupt seine Werke? Impulse und Inspirationen, um dadurch eigene Schriften zu kreieren, bekam er vor allem durch die Korrespondenz mit vielen seiner Zeitgenossen. Wichtige Denker wären hier z.B. Friedrich Schiller, Johann Gottfried von Herder oder auch Christoph Martin Wieland. Diese Menschen starben aber nach und nach, und Goethe, der sich aus seiner Trauer um seine verlorenen Freunden langsam wieder erholte, nahm sich aus anderen Schriftstücken Anregungen fürs eigene produktive Schaffen. Diese Anregungen bekam er aus dem Orient und aus dem Islam, die auch zum Entstehen des Divans beigetragen haben.

Aufschlussreiche Erkenntnisse bieten die Bücher der renommierten Literaturwissenschaftlerin Katharina Mommsen: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. Goethe und die Weltkulturen“ oder auch die vielen Briefwechseln Goethes sowie sein autobiographisches Werk „Dichtung und Wahrheit“ und selbstverständlich sein grandioser West-östlicher Divan.

Was bedeutet überhaupt Divan? Das ist kein unwichtiger Begriff! Divan bedeutet sowas wie Versammlung und manche würden auch Verbindung sagen. Was Goethe also in seinem West-östlichen Divan verbinden, zusammenführen und in einer friedlichen Versammlung vereinigen wollte, waren die Gesellschaften des Orients und Okzidents. Wie intensiv sich Goethe mit dem West-östlichen Divan beschäftigte, zeigen Aussagen von ihm in seiner autobiographischen Schrift „Dichtung und Wahrheit“ für das Jahre 1815: „[…] denn wäre dieser Trieb aufgehalten, abgelenkt worden, ich hätte den Weg zu diesem Paradiese nie wieder zu finden gewußt.“

Goethe schreibt in einem sehr wichtigen Divan-Gedicht: „Gottes ist der Orient. Gottes ist der Okzident. Nord – und südliches Gelände. Ruht im Frieden seiner Hände.“ Klingt nicht nur schön, sondern hat eine ganz klare Message, wie Mommsen drauf hinweist, dass der Orient weder den Orientalen, noch der Okzident den Okzidentalen gehöre, sondern diese Gebiete gehören Gott. Und was möchte Gott in diesen Gebieten? Im letzten Teil findet sich dessen Intention, nämlich Frieden. Die Herabsendung der heiligen Schriften sollte also ein friedliches Miteinander schaffen, fernab von jeglichem (ethnischem oder religiösem) Nationalismus im Orient und Okzident. Daran anschließen kann man auch sagen, dass der Koran ebenso eine Annäherung der Menschen befürwortet, da es in der Sure 49, Vers 13 heißt: „O ihr Menschen, wir haben euch ja von einem männlichen und weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von Euch. Gewiss, Allah ist allkundig und allwissend.“ Das friedliche Miteinander war ein Moment im Koran, was Goethe ebenfalls nicht verborgen blieb. Die Anfangsstelle des Gedichts findet sich in der al-Baqara, also in der 2. Sure (Goethes Lieblingssure), Vers 115, wo begonnen wird: „Allah gehört der Osten und der Westen; wohin ihr euch auch immer wendet, dort ist Allahs Angesicht. Allah ist allumfassend und allwissend.“ Das Gedicht von Goethe zeigt sehr aussagekräftig, die Kombination aus koranischen und goethischen Textstellen.

Goethes erste Begegnung mit Muslimen fand im Jahre 1813 statt. Es waren baschkirische Soldaten, die in der deutschen Stadt Weimar nach Räumlichkeiten fragten, um ihr Freitagsgebet praktizieren zu können. Goethe besaß eine große Aufgeschlossenheit gegenüber außereuropäischen Kulturen. Er begegnete ihnen nicht direkt mit Misstrauen und Ablehnung, was typische Haltungen für viele seiner Zeitgenossen waren. Goethe selbst schaute stattdessen neugierig auf die verschiedenen Gesellschaften auf den Globus. Aus einem Briefwechsel mit seinem Freund Heinrich von Trebra schreibt Goethe am 05. Januar 1814 über seine Begegnung mit den Muslimen: „Da ich von Weissagungen rede, so muß ich bemerken, daß zu unserer Zeit Dinge geschehen, welche man keinem Propheten auszusprechen erlaubt hätte. Wer dürfte wohl vor einigen Jahren verkünden, daß in dem Hörsaale unseres protestantischen Gymnasiums mahometanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Korans würden hergemurmelt werden, und doch ist es geschehen, wir haben der baschkirischen Andacht beigewohnt, ihren Mulla geschaut, und ihren Prinzen im Theater bewillkommt.“

Und wisst ihr, an welchem Tag die Muslime ihr Freitagsgebet verrichtet haben? Das Ganze wurde festgehalten am 24. Dezember 1813. Und was ist das Besondere an diesem Tag? Natürlich geht es da um Weihnachten! Goethe hatte gesehen, dass auf der einen Seite Muslime friedlich ihr Freitagsgebet im protestantischen Gymnasium hielten und wenige hundert Meter weiter, Christen ihre Weihnachtsfeier in der Kirche zelebrierten. Dieses Bild, wie jede Religionsgemeinschaft in ihrer Spiritualität ganz friedlich in sich gekehrt war, hinterließ bei Goethe einen tiefen Eindruck. Tatsächlich blieb es aber nicht bei der einfachen Teilnahme am muslimischen Gottesdienst. Goethe fasste Mut zusammen und bat die Muslimen zu sich in seinem Haus, um sich miteinander auszutauschen. Ich komme auf diese Begegnung gleich zurück.

Im West-östlichen Divan finden sich auch viele weitere Stellen, die ihre Anregungen aus dem Koran schöpfen. Womit fängt das erste Gedicht im Divan eigentlich an? Es ist das Hegire-Gedicht. Und welche Bedeutung hat Hegire? Es ist das französische Wort für Hedschra und dieser Begriff wiederum ist arabisch und bedeutet Flucht. Im islamischen Kontext beschreibt man damit in der Regel die Flucht des Propheten (s.a.w.) aus Mekka, als er die Mekkaner nicht für die islamische Religion überzeugen konnte, woraufhin er nach Medina floh. Und was genau sagt Goethe in diesem Gedicht an einer Stelle: „Nord und West und Süd zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern, flüchte du im reinen Osten, Patriarchenluft zu kosten.“ Goethe hat sich in diesem Hegire bzw. Hedschra Gedicht mit der Flucht auseinandergesetzt. Die Flucht also in den Osten, als die Gebiete der anderen Himmelsrichtungen zerstört wurden. Goethe machte sich deshalb imaginär auf in den Osten, worin er beglückende Momente erlebte.

Interessant ist hier halt, dass er in diesem Gedicht ein zentrales Motiv des Islams, also die Hedschra, angefangen im Jahre 622, wo auch die islamische Zeitrechnung begann, an einem ganz bestimmten Tag datierte. Und welcher Tag war das wohl? Es war der 24. Dezember 1814, also ein Jahr nach seiner Begegnung mit Muslimen und genau der Tag, der Heiligabend, als die christliche Zeitrechnung mit der Geburt Jesus Christus stattfand. In diesem Gedicht verbirgt sich somit der Gedanke des Beginns der islamischen und indirekt der der christlichen Zeitrechnung, etwas was er im West-östlichen Divan würdigt. In einem Brief erwähnt Goethe auch, dass er für seinen Divan ein breites Lesepublikum finden möchte und gleichzeitig bittet er seinen Brieffreund, er solle niemandem über sein Dichtwerk erzählen, da er einigen seiner Zeitgenossen nicht traute. Es ist auch kein Zufall, dass Goethe in seinem Werk: „West-östlicher Divan“ ein Kapitel mit der Überschrift: „Noten und Abhandlungen zum Divan“ verfasste und darin schreibt er: „Nun wünscht ich aber, daß nichts den ersten guten Eindruck des gegenwärtigen Büchleins hindern möge. Ich entschließe mich daher, zu erläutern, zu erklären, nachzuweisen, und zwar bloß in der Absicht, daß ein unmittelbares Verständnis Lesern daraus erwachse, die mit dem Osten wenig oder nicht bekannt sind.“ Er wusste daher, dass viele Zeitgenossen seinen Divan schon alleine deswegen nicht verstehen können, weil es sich um eine Verbindung von west-östlichen Gedanken handelt und seine Zeitgenossen eher deutschnational oder eurozentristisch dachten. Mit 23 Jahren setzte sich Goethe auch mit dem islamischen Religionsgründer Mohammed (s.a.w.) auseinander. Er fing an ein Dramenstück über ihn zu schreiben, wobei es jedoch nur wenige Auszüge noch davon gibt. Der Titel des Stücks lautet: „Mahomets Gesang“ und auch die wenigen Zeilen davon sind es wert gelesen zu werden.

In einem weiteren Briefwechsel bezog er sich vorher sehr positiv auf den Dichter Hafis. Bemerkenswert ist es ja auch, dass Goethe den persischen Dichter Mohammed Schem-seddin Hafis als seinen Zwilling bezeichnete, was außergewöhnlich ist für den Umstand, dass zwischen Goethe und Hafis nicht nur geographische, sondern auch eine zeitliche Distanz von ca. 400 Jahren liegen. Hafis ist auch der Titel für jemanden, der den Koran auswendig kann und dies konnte eben Mohammed Schem-seddin Hafis, der ebenfalls Koranlehrer war. Hafis stand vor allem für einen sufischen Islam. Goethe selbst schrieb: „Und mag die ganze Welt versinken, Hafis mit dir, mit dir allein, Will ich wetteifern! Lust und Pein, Sei uns den Zwillingen gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, Das soll mein Stolz, mein Leben seyn.“

Heutzutage stellen sich ja einige die Frage, ob er denn Muslim gewesen sei? Oft wird diese Frage mit dem Hinweis bejaht, dass er es doch (angeblich) selbst schreibe. In der Tat können manche Textstellen bei ihm dazu verleiten, zu glauben, er wäre Muslim.

Ich sehe das nicht so! Und das möchte ich an einem Beispiel zeigen. Goethe schreibt im „West-östlichen Divan“ im Buch der Sprüche: „Närrisch, daß jeder in seinem Fall, Seine besondere Meinung preis‘t! Wenn Islam Gott ergeben heißt, In Islam leben und sterben wir alle.“ Ich zitiere hierzu wörtlich Katharina Mommsen, die diese Stelle sehr treffend auf den Punkt bringt: „Dieses Bekenntnis zum Islam hat man Goethe in Deutschland öfter verargt, dabei besagt der Spruch doch eigentlich nur, daß das Wort „Islam“ Ergebenheit in den Willen Gottes bedeutet und der Mensch sich einzig Gott als der allerhöchsten Instanz ergeben sollte, was schließlich für alle Menschen Gültigkeit hat, unerachtet der Religion, die dem einzelnen durch Geburt und Lebensumstände zugefallen ist.“

Um nochmal auf den Koran zusprechen zu kommen: Goethe befasste sich während seines Straßburger Studiums sehr früh mit dem Koran, da war er etwa 22 Jahre alt. Derjenige, der ihn dazu motivierte, sich mit der koranischen Schrift auseinanderzusetzen, war der bereits erwähnte Johann Gottfried von Herder. Und was empfand Goethe in seiner Beschäftigung mit dem Koran? Einerseits war er begeistert, aber andererseits und das gehört auch dazu, gab es Stellen, die ihm missfielen. Goethe merkte in den „Noten und Abhandlungen zum West-Östlichen Divan“ im Unterkapitel „Mahomet“ kritisch an, dass der Prophet sich dem Mittel der Gewalt bediente. Und dasselbe gilt auch für den Koran, wo er einerseits schöne Passagen fand, aber ihm auch andere, nicht friedvolle Textstellen auffielen.

Die Kritik, die Goethe auch am Islam hatte, heißt nicht in letzter Konsequenz, dass er ein Islam-Gegner war, das stünde ja völlig im Widerspruch zu seinen Lobpreisungen über den Islam. Vielmehr sollten wir für uns die Lehre ziehen, dass auch wir einen kritischen Geist beibehalten und historisch-kritisch an die islamischen Schriften herangehen sollten. Hat uns Goethe eigentlich etwas für die Gegenwart zu sagen? Er lebte doch vor über 200 Jahren. Ist er überhaupt aktuell? Diese Frage kann ich ganz klar mit Ja beantworten und zwar deswegen, weil hoffentlich ersichtlich wurde, wie sehr Goethe um einen Dialog zwischen Orient und Okzident poetisch kämpfte und viele Gemeinsamkeiten erkannte. Diejenigen, die heute die Parolen rufen: „Deutschland den Deutschen“ und auch „Guck mal, was wir Deutsche für Dichter und Denker hervorgebracht haben“, denen würde ich zurufen: Ja, schaut euch oder noch besser liest euch mal in die Werke „eurer“ Dichter und Denker durch. Liest was sie schrieben und erkennt, dass beispielsweise ein großer Dichter und Denker wie Goethe euren Nationalismus aufs Schärfste verurteilen würde. Ihr könnt euch von eurer politischen Haltung ganz pauschal auf deutsche Dichter und Denker positiv beziehen, während sie doch eure politische Haltung ablehnten, was Goethe meisterlich mit seinem West-östlichen Divan und seiner sonstigen Aufgeschlossenheit gegenüber außereuropäischen Kulturen unter Beweis stellte. Die zweite Frage für unsere Gegenwart, die ich mir stellte, lautete: Wie würde Goethe eigentlich reagieren, wenn er wüsste, dass es heute ein muslimisches Gotteshaus gibt, nämlich diese Moschee, die seinen Namen trägt? Angesichts dessen, dass in dieser Moschee sämtliche muslimische Strömungen, wie z.B. Sunniten, Schiiten, Sufis und andere hier friedlich unter einem Dach beisammen kommen, dass diese Moschee sich im stetigen interreligiösen Dialog mit z.B. dem Christentum und dem Judentum befindet und man es hier mit herzlichen und offenen Gemeindemitgliedern zu tun hat, ich glaube, dass Goethe für diese Moschee Freudensprünge gemacht hätte.

Silar [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī – kurz Rumi genannt

Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī – kurz Rumi genannt

Silar [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia CommonsVor Kurzem las ich einige Gedichte von Rumi, die mich sehr berührten. Ich fand sie wirklich schön und habe mich daraufhin etwas mehr mit dem Dichter befasst.

Rumi war einer der größten persisch-sprachigen Dichter des Mittelalters. Er wurde 1207 in Balch (heutiges Afghanistan) geboren, wanderte mit seiner Familie aus, um der mongolischen Invasion zu entgehen und ließ sich in Konya, Türkei, nieder. Dort starb er 1273.

Er erhielt den arabischen Beinamen Maulānā (türkische Schreibweise: Mevlânâ), „unser Herr/Meister“. Nach ihm ist der Mevlevi-Derwisch-Orden benannt, der Orden der tanzenden Derwische.

Rumi stammt aus einer hochangesehenen Familie: Sein Vater ein angesehener Theologe, die Mutter soll die Tochter eines Chorezm-Schahs gewesen sein. Der Seldschuken-Sultan, der in der Stadt Konya residierte, bot dem Vater einen Lehrstuhl an der Madrasa (Universität) von Konya an. Dschalal ad-Din studierte dort unter seinem Vater islamische Wissenschaften, reiste später nach Spanien, wo er auch dem berühmtn Sufi-Meister ibn Arabi begegnet sein soll. Als Gelehrter erlangte Maulana Dschalal ad-Din Rumi große Berühmtheit, wie auch als Dichter.

1244 lernte er den Derwisch Schams-e Tabrizi kennen. Die Freundschaft mit diesem Mann inspirierten ihn zum Schreiben seiner bis heute oft zitierten Verse.

Nach seinem Tod wurde Rumi in einem Mausoleum beigesetzt, das dem Maulawi-Orden ebenfalls als Versammlungsort (Tekke) diente. Dieses Mausoleum ist seitdem das Wahrzeichen von Konya und dient bis in die heutige Zeit als Wallfahrtsort gläubiger Muslime und der Anhänger Rumis.

Die Lehre Rumis basierte darauf, dass er die Liebe als die Hauptkraft des Universums ansah, das Universum als ein harmonisches Ganzes, in dem jeder Teil mit allen anderen Teilen in einer Liebes-Beziehung steht, die wiederum einzig und allein auf Gott gerichtet ist und nur durch seine Liebe überhaupt Bestand haben kann. Der Mensch als Teil dieses harmonischen Ganzen, kann die Harmonie mit sich selbst und dem Universum nur erreichen, wenn er lernt, Gott zu lieben. Seine Liebe zu Gott wird den Menschen dazu befähigen, nicht nur seine Mitmenschen, sondern alles von Gott Geschaffene zu lieben. Diese Lehre setzte er wunderbar in Poesie um.

Ungefähr 25000 und 35000 Verszeilen und viele kurze Verse hat er uns hinterlassen.

Auch Goethe hat sich in seinen “Abhandlungen zum West-östlichen Diwan” mit Rumi befasst.

Ich möchte ein Gedicht aus Rumis “Divan-e Schams” vortragen:

Das ist die Liebe,

himmelwärts zu fliegen,

In jedem Nu die Schleier zu besiegen,

Im ersten Hauch den Atem anzuhalten,

Im letzten dann den Fuß zurückzuhalten,

Die Welt als Unsichtbares zu betrachten,

Das eigne Seh’n als Sehen nicht zu achten.

In seinen Werken fließen Geschichten, Lehrgedichte und Märchen sowie Parabeln und Sinnsprüche zusammen und verbinden die Ontologie, (Beschäftigung mit dem Grundsätzlichsten des Seins), also die Ontologie der Liebe mit der Theologie des Friedens. Seine Werke greifen zentrale Aspekte aus seinem Denken, wie Vernunft, Ästhetik und Liebe sowie Dichtkunst auf.

Majid M. Naini, Professor für Informatik an mehreren Universitäten auf der ganzen Welt, beschäftigt sich mit Mystik und Sufismus und Dichtkunst, sagt über Rumi: „Das Leben und die Transformation von Rumi sind ein wahres Zeugnis und ein Beweis dafür, dass Menschen aller Religionen und Hintergründe in Frieden und Harmonie zusammenleben können. Rumis Visionen, Worte und das Leben lehren uns, wie wir inneren Frieden erreichen können und das Glück, damit wir endlich den anhaltenden Strom von Feindseligkeit und Hass aufhalten und einen echten globalen Frieden und Harmonie erreichen können.“

Für ihn war Freundschaft, Akzeptanz des Anderen wichtig und er drückte das mit den Worten aus:

Komm! Komm! Wer du auch bist!

Wenn du auch Götzendiener oder Feueranbeter bist.

Komm wieder! Dies ist die Tür der Hoffnung, nicht der Hoffnungslosigkeit.

Auch wenn du tausendmal dein Versprechen gebrochen hast.

Komm! Komm wieder!

Ich glaube, das könnte man auch an die Tür zu unserer Moschee anhängen.

Zu seinen schönsten metaphorischen Gedichten gehört folgender Vers:

Wachse, du Korn und werde Ährenfeld,

Dann lass dich mäh’n am Tag der Sense gern,

Und werd im Feuerofen Brot der Welt –

Verlass die Erde freudig, werde Stern.

Immer wieder beschäftigte sich Rumi mit Gott, hier ein sehr bekanntes:

Ich suchte am Kreuz der Christen, doch da war Er nicht;

Ich ging in den Tempel der Hindus und in die alten Pagoden,

doch nirgends fand ich eine Spur von Ihm.

Ich suchte auf Bergen und Tälern, doch

Weder in der Höhe noch in den Niederungen fand ich Ihn.

Ich ging zur Ka’ba nach Mekka, doch auch dort war Er nicht.

Ich fragte die Gelehrten und Philosophen,

doch Er war jenseits ihres Begreifens.

Da schaute ich in mein Herz, und dort,

an Seinem Wohnort, sah ich Ihn;

an keinem anderen Ort war Er zu finden.

Zum Schluss noch ein Gedicht, in dem er sich mit seinem Leitgedanken- der Liebe- auseinandersetzt.

Ich sage dir, warum das Weltmeer seine Wogen schlägt:

Es tanzt die Welt im Glanze eines Edelsteins – der Liebe.

Ich sage dir, aus welchem Stoff der Mensch geformt ist:

Er tönt nach Liebe, eingehaucht von Gottes schöpferischem Atem.

Ich sage dir, warum die Himmel ohne Ende kreisen:

Weil Gottes Thron sie mit dem Widerschein der Liebe füllt.

Ich sage dir, warum die Morgenwinde wehen:

Um ständig frisch den Rosenhain der Liebe aufzublättern.

Ich sage dir, warum die Nacht sich einen Schleier umlegt:

Sie will der Liebe diese Welt als Brautzelt weihen.

Ich kann dir alle Rätsel dieser Schöpfung lösen!

Denn aller Rätsel Lösungswort ist eines: Liebe!

Rumi ist mit seinen Gedichten ein Brückenbauer zwischen den Religionen, zwischen Christen, Juden und Muslimen findet. Er stärkt das Gottvertrauen im Menschen, er ermutigt uns, den Menschen als Spiegelbild Gottes zu betrachten, egal welcher Religion er angehört.

Rumis Worte besagen: „Wo die Liebe ist, gibt es kein Ich.“

Manaar