Interreligiöser Dialog

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Autor: Massud Reza

Christian Wiediger

Erinnert man sich – nur mal den letzten Jahren – an symbolpolitische Aussagen zurück, fällt einem wieder ein, wie undifferenziert und emotional die Debatten über sie geführt wurden. Ob es um das „Wir schaffen das“ (Angela Merkel) oder auch um den Satz „Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“ geht, sofort stürzen sich darauf bestimmte Politiker, Journalisten sowie affektierte Teile der Gesellschaft, die den Sachverhalt nicht in Ruhe und differenziert betrachten wollen.

Gerade die letzte Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „gehört nicht zu Deutschland“ erhitzt einerseits jene Gemüter, die den Islam nicht als Teil Deutschlands und Europas sehen (wollen) und ihm eine historisch-kulturelle Prägung Deutschlands sowie Europas gänzlich abstreiten. Andererseits verursacht die Zustimmung bei denjenigen, dass der Islam doch zu Deutschland gehöre, große Euphorie und damit ein einhergehender unkritischer Umgang mit dieser Frage. Deshalb versteht sich mein Blogbeitrag als gesellschaftlicher und auch innermuslimischer Debattenbeitrag, einfach mal sachlich, ruhig und nüchtern miteinander zu diskutieren, fernab von Pauschalisierungen und Beschuldigungen.

Tatsächlich müsste entscheidend sein, von welchem Islam wir überhaupt sprechen? Schaut man sich die islamische Welt von Marokko bis Indonesien an, so wird schnell deutlich, dass wir uns mit verschiedenen Islamverständnissen konfrontiert sehen. Der Islam in Bahrain ist nicht derselbe, wie der in Tunesien, der Islam in Afghanistan ist nicht derselbe, wie der in der Türkei. Lässt man den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ unkritisch und unreflektiert stehen, kann jeder sein Islamverständnis darein projizieren. Dann könnte auch ein Islam dazugehören, wie er im Iran als Staatsdoktrin praktiziert wird, wo homosexuelle Menschen erhängt werden, weil sie eben homosexuell sind. Nicht nur der Iran, sondern auch anderen islamischen Ländern bieten (leider) genügend Beispiele für die Unvereinbarkeit zwischen der Religion auf der einen und Demokratie und Menschenrechten auf der anderen Seite. Im Kontrast dazu, sollte auch der andere Satz kritisch beleuchtet werden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dieser suggeriert, dass es eine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen Islam und der Demokratie in Deutschland gibt.

Welche Herausforderung stellt sich aber nun für die Bundesrepublik Deutschland aus dieser Erkenntnis? Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen in den eben aufgezählten Ländern darüber, was sie unter Islam verstehen, ergibt sich für uns als Gesamtgesellschaft folgende Frage: Welcher Islam gehört zu Deutschland, also verstanden als demokratie – und menschenrechtskonform? Ein Islamverständnis, was weder gegen Werte des Grundgesetztes noch der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte verstößt. Auch nicht ein Islamverständnis, welches in Teilen der muslimischen Community in Deutschland gelebt wird, was beispielsweise eine rigide Sexualmoral propagiert und Frauen an ihrer individuellen Freiheit und ihrer Selbstbestimmung hindert, und überhaupt ein Islam, der keinen politischen und gesellschaftlichen Machtanspruch darstellt.

Ein mit der freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland verträglicher Islam ist zum Beispiel durch eine historisch-kritische Lesart der sakralen Texte zu erreichen. Sowie es in allen heiligen Schriften Gewaltpassagen gibt, findet man sie auch in den islamischen Überlieferungen. Der Sinn dieser Texte ist aber dann schwer zu verstehen, wenn eine wortwörtliche Lesart angewandt wird, also die Übertragung der Gesellschaftsordnung aus dem 7. Jahrhundert auf das heutige 21. Jahrhundert. Man stellt sich nicht kritischen Fragen, in welchem historischen Kontext bestimmte Verse offenbart wurden, welche gesellschaftliche und auch militärische Faktoren gilt es in der (wissenschaftlichen) Retrospektive zu berücksichtigen und vieles mehr. Die gründliche Beschäftigung mit diesen Fragen würde zeigen, dass die politischen und juristischen Elementen des Islam im 7. Jahrhundert zu verorten sind, da sie an der damaligen, historisch-konkreten Zeit gebunden sind und nicht mehr ins 21. Jahrhundert mehr passen.

Argumentiert man nach diesem Konzept, schlägt einem häufig die Frage entgegen, was eigentlich dann vom Islam übrigbleibe? Das darf doch nicht wahr sein! Ist der Islam ausschließlich politisch-juristisch zu verstehen? Bietet er nicht viel mehr? Gibt es nicht sowas wie Spiritualität und soziale Seiten im Islam? Ist die sog. „Scharia“ ausschließlich als das Befolgen von (islamischen) Gesetzen zu verstehen oder nicht, wie der Islamtheologe Mouhanad Khorchide in seinem Buch Scharia. Der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik schreibt: „Der Begriff Scharia bedeutet im Arabischen der Weg zur Quelle. Auf den Islam übertragen ist Scharia der Weg zu Gott, denn Gott ist die Quelle, er ist der Anfang und das Ende […]. Welcher Weg führt aber zu Gott? Ist das wirklich ein juristischer Weg? Oder anders gefragt: Wird der Weg, den Gott für uns vorgesehen hat, um in seine Gemeinschaft zu kommen, über juristische Regelungen und Kategorien definiert? […]. Die These, die ich in diesem Zusammenhang vertrete, lautet: Nicht der juristische Weg bringt uns Menschen in die Gottesgemeinschaft, sondern der ethische und spirituelle. Damit will ich keineswegs die islamischen Gebote und Verbote über Bord werfen; ich sehe diese aber auch nicht als Selbstzweck an, sondern sie sollen im weitesten Sinne der Glückseligkeit des Menschen im Diesseits und Jenseits dienen.“

Um zu der Ausgangsfrage zurückzukommen: Gehört der Islam zu Deutschland? Dazu gibt es zwei Antworten: 1. Nein, wenn der Islam nicht friedlich gelebt und politische sowie gesellschaftliche Machtansprüche stellt. 2. Ja, wenn der Islam historisch-kritisch kontextualisiert sowie entpolitisiert wird und dem Gläubigen in puncto Spiritualität und Soziales viel Kraft gibt. Differenzierung in dieser wichtigen Frage, die nicht wenige Menschen bewegt, würde uns allen guttun.

Mut

Mut

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt: „Warum unterschreibst du deine Khutbas nicht mit deinem Namen?“ Ich war zuerst erstaunt, dann machte es mich ziemlich betroffen. Ich hatte sie absichtlich nicht mit meinem Namen gekennzeichnet. Es war für mich ein Schutz, wenn jedermann meine Predigten lesen kann. Es kann sie ja auch jemand lesen, der nicht besonders gut auf das Thema, auf diese Moschee oder auf mich zu sprechen ist und mir übel mitspielen will. Im Nachhinein überlegte ich mir: Verkrieche ich mich hinter dieser Ausrede, mache ich mich damit kleiner? Brauche ich mehr Mut?

Als ich dann später mit den Geräten in meinem Fitnessclub kämpfte und nebenbei über das Gespräch nachdachte, sah ich dort ein neues Motto an der Wand: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ich überlegte: Was hat das mit Mut zu tun? Sehr viel! Also fasste ich den Entschluss, über das Thema “Mut“ zu sprechen. Ich möchte über den Mut der Gelehrten über Jahrhunderte hinweg, über den Mut heutiger Menschen sprechen.

Was bedeutet eigentlich etymologisch Mut? Es stammt aus dem Indogermanischen und bedeutet soviel wie: sich mühen, starken Willens sein, nach etwas streben; althochdeutsch etwa: Sinn, Seele, Kraft des Denkens, Wollens.

Mut steht als Charaktereigenschaft oft nicht allein.

Mut kann eine aktiv gestaltende oder aktiv verweigernde Handlungsrichtung bedeuten. Sie befähigt jemanden, sich gegen Widerstand und Gefahren für eine als richtig erkannte Sache einzusetzen. Mut erfordert dabei eine Entschlusskraft, ein sorgfältiges Abwägen, um eine eventuelle gefahrvolle Handlung zu tun oder zu verweigern z.B. zur Durchsetzung eines Rechts, für das Meistern einer gefährlichen Situation oder ein Unrecht zu beheben. Ich denke, dazu gehört auch das Nein-Sagen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es bedeutet z. B. bei einer Sache, auch wenn sie für andere sehr bedeutend ist, mal nicht mitzumachen, weil es eine andere, wichtigere Sache zu erledigen gibt. Sich dagegenstellen, wenn man merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das bedeutet außerordentlichen Mut zu beweisen. Es könnte ja sein, dass man sich nun gegen dich stellt oder du gar als Feind betrachtet wirst, zum Beispiel beim Beistehen eines Bedrohten.

Wie oft hört man oder liest man, dass jemand wieder zusammengeschlagen wurde und Leute verdrückten sich dabei. Viel zu wenig wird in einer solchen Situation von Unbeteiligten eingegriffen. Eine verbale Aufforderung zum Beenden bedeutet das großen Mut zu haben, man könnte jetzt ja selbst angegriffen, was ja auch schon geschehen ist. Aber selbst ein Telefonanruf ist schon eine kleine Hilfe

Dabei stehen sich Mut und Angst gegenüber, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern sollten sich zu einem ausgewogenen Zusammenspiel ergänzen.

Mut und Tapferkeit: Mut beweist jemand, wenn er sich in eine gefahrvolle Situation begibt, Tapferkeit bedeutet dann, wenn er die Situation trotz Rückschläge oder ähnliches bis zum Erfolg durchhält.

Mut als Emanzipation (d.h. Selbstbestimmung, Gleichberechtigung): Der deutsche Philosoph Immanuel Kant formulierte den Leitgedanken der Aufklärung so: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Eigentlich könnte dieses Motto in jeder Gemeinschaft angewendet werden. Es handelt sich um ein sozialethisches Verhalten aufgrund von Wertüberzeugungen, wenn z.B. die Integrität einer anderen Person, die Menschenwürde oder Menschenrechte bedroht werden und ein entsprechender Eingriff durch einen mutigen Mitmenschen notwendig wird.

Mut bezeugt man z.B. gerade heute, wenn es heißt: Flüchtlingen zu helfen, nicht zusehen, wenn in einer U-Bahn eine junge Frau betatscht oder belästigt wird oder dem besten Freund mal so richtig die Meinung geigen, auch wenn er dann dich für eine Weile böse ansieht. Aber wenn du damit ihm hilfst, etwas Negatives nicht zu tun, dann war es richtig.

Mut als Lernziel: Mut aufzubringen ist dementsprechend erlernbar. Es trägt wesentlich zur Formung der Persönlichkeit, zur überzeugenden Verfolgung eigener Lebensziele auch gegen Widerstände und zu einem selbstbewussten Auftreten in Bedrohungslagen und Konfliktsituationen bei.

Mut bedeutet also, den eigenen Verstand zu gebrauchen, seine eigene Meinung zu bilden, etwas zu riskieren, auch wenn man scheitern könnte, oder einfach der Angst ins Auge zu sehen.

Mutig ist man, wenn man sich zu dem bekennt, was man denkt und nicht einfach nur still ist vor Angst, oder mitzumachen ohne nachzudenken. Es ist das, wenn man sagt: Höre auf dein Herz und tu das, was dir guttut.

Mut ist immer eine Frage der Einstellung und damit eine Frage des Selbstvertrauens. Wenn ich nicht selber darauf baue, mein Ziel zu erreichen trotz eventueller Schwierigkeiten, dann habe ich vielleicht zu wenig Vertrauen in meinen Mut. Mut ist dabei eine positive, innere Einstellung zu sich selbst und zu seinen Fähigkeiten, d.h. ich muss mich selber einschätzen können. Ich kann mir dabei selber Mut machen, indem ich mir selbst gut zurede. Das ist bestimmt schon jedem passiert, dass er sich Mut einredet: „Das schaffst du! Du kannst das!“

Im Angstzustand malt man sich vielleicht aus, was passieren könnte, wenn man sich nicht überwinden kann. Man wird also versuchen, seinen ganzen Mut zusammenzukratzen.

Man kann also erlernen, mutiger zu sein, indem man das tut, wovor man gerade Angst hat und das wiederum bedeutet, dass man Selbstvertrauen gewinnt. Wie gesagt, Selbstvertrauen ist eine Voraussetzung für Mut.

Das setzt auch das Vertrauen zu sich selbst voraus, dass man mit einem eventuellen Scheitern umgehen kann. Wie oft passiert es, dass wir vor einem Problem stehen, dass uns krank macht, weil wir es nicht lösen können. Gerade in solchen Momenten brauchen wir unbedingt Selbstvertrauen, das Problem aus der Welt schaffen zu können, vielleicht auch mit Hilfe anderer. Man muss dabei nur den Mut haben, dass Problem beim Namen zu nennen. Francois Mitterrand, der ehemalige französische Staatspräsident, sagte einmal: „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern diese Angst zu überwinden.“ Nur dann hat man den Mut, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, seine eigene Meinung zu haben, sein Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellt.

Es gibt ein allgemeingültiges Gesetz, dass sich in zahlreichen heiligen Schriften der Religionen aus aller Welt findet: „Verhalte dich anderen gegenüber, wie du selbst behandelt werden möchtest. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und auf dein fühlendes Herz zu hören.“

In verschiedenen Religionen finden wir es:

Im Judentum: „Was für dich schmerzhaft ist, füge auch deinen Mitmenschen nicht zu. Das ist das Gesetz der Thora. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

Im Christentum: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin ist das Gesetz. Wer sagt: ‚Ich liebe Gott und hasst seinen Bruder‘, der ist ein Lügner, denn, wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht!“

Im Islam: „Der ist kein wahrhafter Gläubiger, der seinem Nächsten nicht das gleiche erweist, was er sich selber gerne tut. Handle allen Menschen gegenüber so, wie du wünschst, dass sie es dir gegenüber tun, und füge anderen nichts zu, was du nicht von ihnen erleiden möchtest.“

Was hat Glaube mit Mut zu tun? Mut kann auch bedeuten, entgegen aller Zweifel und Fragen an Gott zu glauben.

Das heißt, egal, welche Religion vertreten wird, der Kern aller Religionen ist die Liebe und Verehrung des Göttlichen und die Mitmenschlichkeit – Liebe, nicht Hass. Der Unterschied ist nur, in wieweit Strömungen einer Religion Konflikte anheizen oder Brücken der Verständigung bauen.

Wird jedes Mitglied aufgefordert, blindlinks dem religiösen Gelehrten zu gehorchen oder seinen Kopf selber zu benutzen? Das Letztere erfordert Courage oder Mut.

Bis heute hat es immer wieder herausragende muslimische Wissenschaftler, Gelehrte gegeben, die die Muslime aufforderten, eigenständig zu denken. Mit aller Kraft haben die konservativen Gelehrten versucht, sie mundtot zu machen.

Ein Beispiel, das noch gar nicht so lange her ist: Nasr Hamid Abu Zaid, mein Jahrgang und gestorben 2010, war Literaturwissenschaftler der Universität Kairo, wurde wegen seiner kritischen Analysen zur Koranauslegung scharf angegriffen. Nach seiner Zwangsscheidung und Amtsenthebung ging er ins Exil in die Niederlande.

Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass Religion Privatsache sei. Das stimmt ja auch. Andererseits findet Religion aber im öffentlichen Raum statt, wir werden als Religionsvertreter wahrgenommen. Es ist ein Teil unserer Identität und sie kann unser Wirken und Handlungen mitentscheiden und wie wir unseren Mut einsetzen. Immer mehr theologische Wissenschaftler treten gegen die Unmündigkeit der Gläubigen auf, deuten den Koran neu, auf unser Zeitalter zugeschnitten. Das erfordert großen Mut, werden sie doch bedroht, verbal oder aggressiv, wie das eine Beispiel zeigt.

Keiner kann beweisen, dass es einen Gott gibt, eine Hölle, ein Paradies. Es ist oft nicht leicht, einfach zu sagen: Ja, es gibt Gott und ich glaube an Ihn, obwohl ich es nicht beweisen kann, dass es Ihn wirklich gibt.

Es gehört Mut dazu, hier in dieser Moschee als Frau das Gebet zu leiten und eine Khutba zu halten und sie mit einem Namen zu kennzeichnen.

Nochmals zurück zu dem anfangs genannten Motto: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ohne Disziplin kann man keinen Mut aufbauen, Mut bedarf Disziplin und Selbstvertrauen. Alle drei bedingen sich einander. Mein Team, das seid ihr, ihr sitzt hier und hört mir zu und diskutiert mit mir und trotzt damit dessen, was viele islamische Gelehrten über diese Moschee sagen. Das wiederum gibt mir die Kraft zum Mut. Meine Motivation ist Gottes Wort, manifestiert im Koran, den ich versuche zeitgemäß zu lesen, zu verstehen und danach zu handeln.

Gott weiß über mich am besten.

Manaar

Koran und Thora

Koran und Thora

Immer wieder kommt es zurzeit zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen explizit zwischen Muslimen und Juden. Es sind nicht nur die äußerlichen Zeichen eines Juden, z.B. die Kippa, sondern ebenfalls gedanklicher Hass auf sie, und gerade von Muslimen, die hier bei uns Zuflucht erhoffen. Leider bringen sie das unterschwellige Ablehnen des Judentums aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland. Es sind aber auch Deutsche, die lautstark ihre jüdischen Mitmenschen belästigen.

Der Grund ist wahrscheinlich die Auslegungen des Korans, eine Unkenntnis der Geschichte im Orient, eine uralte Abneigung, das von Generation zu Generationen weitergegeben wurde. Dabei haben Juden und Muslime außerordentlich viel gemeinsam. Jedoch meinen sie, dass ihre Religionen unähnlich seien und kaum Gemeinsamkeiten hätten. Durch die Medien wird dieses Dilemma noch gesteigert, sodass sie einander feind gegenüberstehen. Man fragt sich, wer hat davon Nutzen? Meistens diejenigen, die die Macht haben, die Zeitungen als Sensationsmacher.

Die einfachen Muslime und sicher auch Juden werden zu wenig aufgeklärt, dass sie viele religiöse Gemeinsamkeiten haben.

Die Geschehnisse der letzten Zeit haben mich auf den Gedanken für eine Verarbeitung zu dieser Khutba gebracht, um die Grundwerte beider Religionen nebeneinander zu stellen.

Die grundlegendste Gemeinsamkeit beider Religionen und dem Christentum ist ihr monotheistischer Glaube an den Einen Gott, auch wenn sie verschiedene Namen für Ihn haben. Die einen sagen Jahwe, die anderen Allah, den Einen, wiederum andere hier in Deutschland nennen Ihn Gott.

Die Juden zitieren als Teil ihres täglichen Gebetes. „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“

Der jüdische Philosoph Maimodes aus dem 13. Jahrhundert sagte: „Gott ist einer. Er ist nicht zwei oder mehr, sondern einer, vereinigt auf eine Weise, die jede Einheit in der Welt übersteigt.“

Klingt das in unseren Ohren als sehr bekannt? Im ersten Teil unserer Schahada, dem muslimischen Glaubensbekenntnis, heißt es: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.“

Allah bedeutet „der Eine“, ich nenne Ihn auch Gott.

Auf der einen Seite, der jüdischen: „Gott ist einer“- auf der anderen Seite, der islamischen: „kein Gott außer Allah“

Im ersten Vers der Sure „Al-Ikhlas“ heißt es: Sprich: „Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der Absolute…“ Und beide Religionen meinen den Einen, den Gleichen! Also dürften beide Religionen gar nicht so unüberbrückbar sein, wie man es doch immer wieder hinstellt.

So gibt es viele weitere Stellen in beiden Schriften, die ähnlich klingen, so in der hebräischen Bibel: „Gott schuf die Himmel und die Erde.“ Und nun die Aussage im Koran Sure7: 54: „Gewiss, euer Herr ist Allah, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen schuf.“

Die Thora ist bei den Juden gleichermaßen das wertvollste Buch, da sie ebenfalls von Gott stammt. Ihr Zentrum sind die 10 Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfing. In den Büchern stehen die Gebote und Lehren und das, woran die Juden glauben. Und das wird expliziert im Koran bestätigt. In der Sure 3: 3-4 können wir lesen: „Er sendet dir das Buch mit der Wahrheit in Teilen herab als Bestätigung der früheren Offenbarungen. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt vordem als Rechtleitung für die Menschen.“

Also der Koran bestätigt ganz genau, dass die Schriften der Juden und Christen ebenfalls göttlichen Ursprungs sind. Der Islam mit seinem Koran ist zwar der Höhepunkt der Herabsendungen, weist aber auch darauf hin, dass die Thora und die Evangelien derselben göttlichen Ursprungs sind. Für die damaligen (und das gilt wohl auch heute) Muslime muss das wohl ein Schock gewesen sein. Denn das setzt ja voraus, dass sie auf gleicher Ebene stehen, Jude, Christ und Muslim.

Die mündlich überlieferten Geschichten über Moses liegen zwischen dem 10. Und 6. Jahrhundert vor Chr. Man glaubt, das ein Team jüdischer Priester die 5 Bücher Mose im 5. Jh. vor Chr. zusammengestellt hat, wahrscheinlich 800 Jahre nach der Zeit, in der Mose gelebt haben könnte.

So wie Moses mit den 10 Geboten im Koran erwähnt wird, werden viele andere Propheten, die vor dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, im Koran erwähnt und verehrt. Sie stehen in einer langen Reihe, die die Botschaften von Gott zu ihrer jeweiligen Gesellschaft und in der jeweiligen Zeit gebracht hatten. Die Sure 2:136 besagt. „Wir glauben an Gott und an das, was uns herabgesandt worden ist und was Abraham, Israel, Isaak, Jakob und den Stämmen Israels herabgesandt wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied und Ihm sind wir ergeben.“

Wie oft habe ich gehört: Unser Prophet, Friede und Segen seien auf ihn, ist das Siegel, der letzte Prophet und steht deshalb an der Spitze der Propheten. Deshalb ist auch der Islam die höchste Religion, das heißt: Sie steht über alle anderen.

Nein, jeder Prophet hat seine Richtlinien, seine Sendung zu einem ganz bestimmten Volk und zu seiner ganz bestimmten Zeit bekommen. Die Zeiten und die Menschen verändern sich, deshalb muss auch die Botschaft auf dem jeweils neuesten Stand gebracht werden. Sie sind alle gleichberechtigt. Muhammad war nur der letzte in der Reihe der Propheten.

Der Islam und der Judaismus teilen sich gemeinsame Ansichten über das Jüngste Gericht und die Auferstehung. Die jüdischen Schriften sagen aus: Nach dem Tod sitzen die Seelen der Rechtschaffenen neben dem Thron der Ehre im Himmel, während der Koran in Sure 89:27-30 sagt: „O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Herrn, wohlzufrieden und mit Allahs Wohlwollen. So schließ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies.“ Das heißt: Der Muslim und der Jude glauben an das Jüngste Gericht und daran, dass seine Seele mit Gottes Erbarmen ihren Platz im Paradies finden wird.

Der muslimische Glaube ist auf 5 Säulen aufgebaut. An erster Stelle steht im Islam das Glaubensbekenntnis, was ich schon genannt habe und dass es ein ähnliches Bekenntnis in der jüdischen Religion gibt.

Ebenso ist von zentraler Bedeutung in beiden Religionen das Gebet. Wir beten 5x am Tag, die jüdischen Gläubigen 3x. Die Gebete sollen uns auf der einen Seite an die ständige Anwesenheit von Gott erinnern, bzw. wir sollen uns an Gott erinnern. In den Gebeten loben wir Gott und bitten Ihn und danken Ihm.

Unsere 3. Säule ist Zakat, die soziale Pflichtabgabe. Sie ist als Unterstützung von Bedürftigen gedacht. Sie fördert einerseits die soziale Sicherheit und das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Sie ist deshalb ein wichtiger Bestandteil jeder islamischen Gesellschaft, da sie jedem Menschen die Lebensgrundlage sichert, ohne dass sich der Empfänger jemandem verpflichtet fühlen muss. Andererseits wird diese Abgabe auch als eine Art innere Reinigung angesehen. Im Koran, Sure 2:177 steht: „…und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es selbst wertschätzen mag – für seine Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

Genauso ist die Zedaka, die Wohltätigkeit gegenüber den Bedürftigen, eine der höchsten Werte im Judentum. Im Leviticus, das ist das 3. Buch des jüdischen Tanachs, oder das 3. Buch Mose, steht: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Diese wenigen Sätze erklären sehr gut, wie die Wohltätigkeit der früheren jüdischen Gesellschaft funktionierte.

Ebenfalls ist beiden Religionen das Fasten vorgeschrieben, wenn auch mit unterschiedlicher Dauer.

In beiden Religionen bedeutet es eine innere Einkehr und Besinnung für jeden einzelnen Muslim oder Juden.

Juden fasten an Jom Kippur, d.h. am 10. Tag des siebenten Monats, dem Tag der Versöhnung. Gott fordert von seinem damals auserwählten Volk zur Einhaltung seines Gesetzes des Fastens und der Ruhe auf. Juden bekennen an diesem Tag ihre Sünden und bitten Gott um Vergebung. Sie fasten durchgehend 25 Stunden, vom Sonnenuntergang bis Einbruch der Nacht (etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang) des folgenden Tages. Bis dahin darf weder feste noch flüssige Nahrung eingenommen werden. Wir fasten im Monat Ramadan vom Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. Und ebenfalls bitten wir Gott um Vergebung und Barmherzigkeit.

Genauso legen beide Religionen Wert auf das religiöse Pilgern. Als der jüdische Tempel in Jerusalem stand, wurden sie aufgefordert, während der Wallfahrtsfeste dorthin zu pilgern. Heute erinnert in Jerusalem nur noch die Westmauer an das zerstörte Heiligtum der Juden. Heute pilgern, besser „besuchen“ die jüdischen Gläubigen nur noch ihre sogenannte Klagemauer als ein religiöser Brauch.

Die Riten der islamischen Pilgerreise stammen noch aus vorislamischer Zeit, als die Kaaba, ihr Mittelpunkt, ein polytheistischer Wallfahrtsort war. Sie wurde der islamischen Lehre nach von Abraham und seinem Sohn Ismael, der, wie ihr wisst, als Stammvater der Araber gilt, als Haus Gottes und der Menschen gebaut. Vielleicht begann damals schon die Umrundung der Kaaba?

Aber noch ein Element in beiden Religionen ist wichtig. Wir finden sie in der Basmala und an vielen Stellen im Koran: Gott, Allah ist der Barmherzigste und der Allerbarmer. Und bei den Juden heißt es im Ezodus34, 6-7: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg.“ Beide, Jude oder Muslim verlassen sich auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, auf Seine Führung durch den Koran und den hebräischen Schriften Und Gottes Beispiel folgend werden wir ebenfalls aufgefordert, zu vergeben, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu handeln, das Richtige zu tun. Und der mittelalterliche jüdische Maimonides sagte: „Es ist einem Menschen verboten, grausam zu sein und sich der Versöhnung zu verweigern. Wenn ein Mensch, der ihm ein Übel getan hat, ihn um Vergebung bittet, sollte er ihm aus vollem Herzen und willigem Geist vergeben.“

Und der Koran betont. „Allah liebt, die da Gutes tun.“

Es gibt bestimmt noch etliche Aussagen in beiden religiösen Schriften, die als übereinstimmend betrachtet werden können.

Gott hat immer wieder Propheten geschickt, zu allen Zeiten, zu unterschiedlichen Gesellschaften, aber ihre Botschaften waren dieselben, nur Zeit und Ort waren unterschiedlich, da sich ja auch die Menschen in ihrer Gesellschaft geändert haben. So ähneln sich beide Schriften und wenn man über die Aussagen von Gottes Worten nachdenkt, so haben sie sich nie geändert.

Goethe und der Islam

Goethe und der Islam

Immer wieder fällt der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland,“ oder so ähnlich. Wer sich mit der Geschichte von Deutschland ein wenig beschäftigt, weiß, dass es so nicht stimmt.

Als das Osmanische Reich die süddeutschen Länder angriff und 1529 vor Wien stand, im Jahr 1548 Österreich einen auf 7 Jahre begrenzten Friedensvertrag mit dem Kalifen Sulaiman II. unterschrieb und die südöstlichen europäischen Länder vom Osmanischen Reich verwaltet wurden, bestand die dringende Notwendigkeit, sich offiziell mit dem Islam zu beschäftigen. In Frankfurt siedelte sich die erste ständige osmanische Vertretung an, Reiseberichte über den Orient waren interessant geworden wie auch die Modewelt, zu Gesellschaften bekleidete man sich orientalisch.

Der Handel Ost-West blühte. Ganze muslimische Truppenteile, Geschenke osmanischer Herrscher, standen im Dienst deutscher Könige. Für sie baute der König von Preußen, Friedrich der Große, sogar eine Moschee, die erste auf deutschem Boden.

Schon seit den Kreuzzügen gab es einzelne europäische Übersetzungen des Korans durch Vertreter der Kirche, aber mehr mit dem Hintergedanken, den Islam damit zu diffamieren.

Im Jahr 1647 wurde die erste einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung von André du Ruyer gedruckt, die auch Goethe für seine Studien nutzte und seinem West-Ost-Divan zugutekam. Aber erst die Koranübersetzung von George Sale 1734 in die englische Sprache, die auch bald in Deutsch erschien, setzte neue Maßstäbe durch ihre enge Anbindung an das Original. Sie blieb lange für Europa eine der Hauptquellen für die Kenntnis aller mit dem Koran zusammenhängenden Fragen.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Einer der Hervorragendsten war Ephraim Lessing mit seiner Ringparabel. Nathan der Weise.“ Diese Parabel von den drei Ringen, die die drei Religionen darstellen, gilt als ein Schlüsseltext der Aufklärung und als akzentuierte Formulierung der neuen Toleranzidee.

Aber besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

Aber wie ist es zu seiner außerordentlich positiven Einstellung gekommen, seiner inneren Anteilnahme für diese Religion, für die Muslime und besonders für den Propheten Muhammad? Hier halte ich mich an das hervorragende Buch „Goethe und die arabische Welt“ von der Germanistin Katharina Mommsen.

Sie schreibt: Goethe hatte ein tiefes persönliches Verhältnis zum Islam, darum gehen seine Aussagen über diese Religion in ihrer provokatorischen Gewagtheit weit über alles bisher in Deutschland Dagewesene hinaus. Seine innere Beziehung kam dadurch zustande, weil ihm die Hauptlehren des Islam mit seinen eigenen Ideen und Glauben übereinstimmend erschienen. Seine „Dichtung und Wahrheit“ gibt Bericht, dass Goethe schon von Kindheit an nach einer ihm zusagenden Religion gesucht hatte, die er im Islam fand. Diese Hauptlehren waren: die Lehre von der Einheit Gottes, die Überzeugung, dass Gott sich in der Natur offenbare und dass Er durch verschiedene Abgesandte spricht, das Abweisen von „Wundern“ und die Auffassung, dass Religiosität sich in wohltätigem Wirken erweisen müsse. All diese innerlichen Übereinstimmungen schufen ein Verwandtschaftsgefühl besonderer Art, zu der er sich hingezogen fühlte.

Ich zitiere hier aus dem oben genannten Buch: „Besonders aufschlussreich für Goethes religiöse Haltung absoluter Ergebenheit in den Willen Gottes ist der autobiografische Aufsatz „Sankt Rochus-Fest zu Bingen“, der einen Bericht von der Rheinreise 1814 enthält. Hier legt Goethe in allem, was er zum Lob des christlichen Heiligen sagt, eigene religiöse Überzeugungen nieder, und diese eigene Religiosität wiederum hat erstaunliche Ähnlichkeit mit islamischer Frömmigkeit. Er bringt das Lob des heiligen Rochus in Verbindung mit einem Gedanken, der eine seiner Hauptmaximen geworden ist. Es ist der islamische Gedanke von der unbedingten Ergebenheit in den Willen Gottes, der auch Goethes Denken und Handeln bestimmte.“

Schon der junge Goethe brachte seine Bewunderung für den Propheten Muhammad in den erhaltenen Fragmenten des „Mahomed“ zum Ausdruck. Er lehnt sich in seinen Werken sogar an einzelne Suren des Korans an, zum Beispiel diente die 6. Sure als Vorlage in der Anfangs-Hymne der Fragmente der „Mahomed- Tragödie“.

In dem Preislied „Mahomeds Gesang“ wird sein Wirken als eine geniale religiöse Persönlichkeit dargestellt durch die Metapher des Stroms. Das Gleichnis dient zur Schilderung der von kleinsten Anfängen ausgehenden, dann ins Riesenhafte wachsenden geistigen Macht, ihrer Ausweitung und Entfaltung, mit dem glorreichen Abschluss der Einmündung in den Ozean, der hier zum Symbol des Gottes wird. Muhammad reißt seine „Bruderquellen“ mit sich fort und befruchtet somit Länder und Städte. Nach Goethes Vorstellung ist dieser befruchtende Fluss als ein Symbol für das Leben und Wirken des Propheten Muhammed zu sehen.

Am bekanntesten ist sicherlich Goethes „Ost-West-Divan“, der eine tiefe Einsicht in Gott und Seinen Propheten Muhammad aufweist. Er war fasziniert von der Sprache des Korans, bekannte sich mit seiner Überzeugung in seinen Gedichten, dass Gott sich in der Natur, in Seiner Schöpfung offenbare und bestätigte in seinen Gedichten im „Ost-West-Diwan“ die Einheit Gottes. Damit geht Goethes positive Einstellung weit über alles Bisherige in Deutschland hinaus.

In seinem „Ost-West-Diwan“ ehrte er die muslimischen Dichter, stellte sie in Augenhöhe mit den europäischen Dichtern.

Im West-Östlichen Diwan ist das Gedicht zu finden:

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Goethe sagte zum Ende seines Lebens: „Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche.“ (Eckermann, 11.3.1832)

Goethe hat viel Aufklärungsarbeit in seinen Gesellschaften getan. Aus Handschriften im Weimarer Archiv kann man lesen, dass er sich ab 1771/72 intensiv mit Koran-Studien beschäftigt hatte. Er las sogar der Herzogfamilie wie auch anderen Gesellschaften aus dem Koran vor. Schiller berichtete darüber später. Er studierte arabische Handbücher, Grammatiken, lernte sogar Arabisch schreiben, las Bücher über die Lebensgeschichte des Propheten Muhammad. Unter Anderem besuchte er ein Freitagsgebet von Muslimen der russischen Armee des Zaren Alexander, was im Protestantischen Gymnasium in Weimar 1814 durchgeführt wurde. In einem Brief an seinen Sohn fügte er hinzu: „Mehrere unserer religiösen Damen haben sich die Übersetzung des Korans von der Bibliothek erbeten.“

Er schreibt 1816 über sich: „Der Dichter (Goethe selbst) lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei.“ An vielen Stellen in seinem „West-Östlicher Divan“ macht er keinen Hehl daraus, dass er sich als Muslim sieht.

In zwei Gedichten des Diwans schreibt er:

Närrisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.

 Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag´ ich nicht!
Dass er das Buch der Bücher sei
Glaub ich aus Mosleminen-Pflicht.

Stets war Goethe bemüht, die verschiedenen Religionsgemeinschaften näher zu bringen. Man sollte nicht aneinander vorbeireden, sondern miteinander handeln, egal, zu welcher Religion man gehöre.

Im Portal der „Qantara“ ist von Melanie Christina Mohr zu finden: 1817 verkündet er (Goethe) den Vorschlag, religiöse Feste miteinander zu feiern und in diesem Rahmen alle Konfessionen zu vereinen. Das Fest der reinsten Humanität sollte zum Ziel haben, dass man einander nicht fragt, welcher Gemeinschaft man zugehörig ist, sondern ausschließlich, vereint im Glauben oder auch Unglauben zu Gott, die Vielfalt zelebrieren.

Die Germanistin Katharina Mommsen meint, dass Goethe über den Zeitgeist hinaus eine persönliche Neigung zum Islam verspürte, weil er mit dessen Hauptlehren wie Schicksalsergebenheit und Offenbarung Gottes in der Natur innerlich übereinstimmte. Sie zitiert den 70-jährigen Goethe, als seine Schwiegertochter schwer erkrankt: „Weiter kann ich nichts sagen, als dass ich mich auch hier im Islam zu halten suche.“ Ähnliche Zeugnisse gibt es aus allen Lebensphasen.

Für den Islamwissenschaftler Peter Anton von Arnim sind „Faust“ und „Ost-West-Diwan“ geradezu Dokumente einer Öffnung zur Welt, einer Art, Globalisierung des Denkens‘. Goethe habe sogar eine reichhaltigere Vorstellung des Islam gewonnen, als sie heutigen Muslimen vermittelt werde.

Auf einem Sommerkurs 2002 wurde von Arnim die Frage gestellt: „Die Beschäftigung mit Goethe wäre andererseits auch für die hier lebenden Muslime lehrreich?“

Er sagte: „Ich denke, Goethe gibt auch Muslimen in Deutschland die Möglichkeit, ein Islambild zu entwickeln und zu verteidigen, das ihnen vielleicht gar nicht so bekannt ist. Und zwar weil im Laufe der Jahrhunderte der Islamunterricht, die Weitergabe des Islam durch die Schriftgelehrten, immer mehr erstarrt ist und die heutigen Muslime gar nicht mehr den Zugang haben zu dem Reichtum des Erbes.

Wenn heute jemand über Flüchtlinge und deutsche Leitkultur spricht, dann würde ich ihm raten, zuerst mal die deute Geschichte und ihre Literatur besser kennenzulernen. Goethes West-östlicher Divan ist ein hervorragendes Werk des Dialogs.

Und so bitte ich Gott, den Gott der drei abrahamischen Religionen, diesen Dialog zu unterstützen und zu fördern. Amen

Verschiedene richtige Wege

Verschiedene richtige Wege

Der Ort, an dem wir uns gerade befinden, eröffnete fast auf den Tag genau vor sechs Monaten. Damit eröffnete er auch die Chance auf freiheitliche spirituelle Entwicklung. Er eröffnete Möglichkeiten für die – sowohl von innerhalb als auch außerhalb der Religion – diskriminierungsfreie Ausübung der religiösen Aufgaben und Rituale. Und er eröffnete die Gelegenheit für Freude und Erleichterung und Glück.

Seit sechs Monaten arbeiten die Mitglieder dieser Gemeinde an dem Auf- und Ausbau dieses Ortes, dieser Idee, dieser Vision. Dabei wurde aus einer kleinen Gruppe Menschen eine stetig wachsende Familie. Zusammen tun wir alles, was wir können, um die Welt ein bisschen besser und den Islam ein bisschen vielfältiger zu machen. Und es zeichnet sich ab, dass aus einem „bisschen“ bald wohl ein „erheblich“ werden wird.

Es ist wichtig zurückzublicken. Zu betrachten, was war. Zu überlegen, was passiert ist. Zu reflektieren über Vergangenes. Das Geschehene nachdenklich und vielleicht auch analytisch zu überprüfen. Das ist wichtig, denn so können wir unser bisheriges Handeln abwägen, bewerten und gegebenenfalls neu ausrichten. Nachdenken ist also wichtig.

Eine Freitagspredigt sollte aber nicht unbedingt nur zurückblicken. Sie sollte auch inspirieren für Künftiges. Sie sollte Anstöße geben für die nächste Woche. Und sie sollte uns Anhaltspunkte für die Zukunft geben, für unser zukünftiges Handeln, für unser zukünftiges Denken und für unser zukünftiges Fühlen.

Doch wenn wir heute an die Zukunft denken, dann türmt sich – aus meiner Sicht – ein schier unüberwindbarer Berg aus Problemen und Krisen und Konflikten vor uns auf. Im eigenen Land sind wir weiterhin mit hunderten, wenn nicht tausenden ultraorthodoxen Vertretern von islamischen und islamistischen Strömungen konfrontiert. Zudem hat hier in Deutschland ein vergessen geglaubter Rechtspopulismus durch eine politische Partei wieder Einzug in verschiedene Landesparlamente und nun auch den Bundestag gehalten. In Übersee regiert ein Mann, der mit seiner Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels eine Politik betreibt, die international eher zu Spannungen und weniger zu Versöhnung führt. Überall in Deutschland und speziell auch hier in Berlin erleben wir die Auswirkungen dieser politischen Entscheidung: Der ohnehin existierende Antisemitismus durch muslimische Leute manifestiert sich stärker und kräftiger als je zuvor in Form von Fahnenverbrennungen auf Demonstrationen. Und nicht zuletzt die jetzigen, die künftigen und die vielleicht möglichen Veränderungen in Saudi-Arabien führen – zumindest bei mir – mitunter zu Verwirrung, aber auch zu Sorge und Verunsicherung.

Und nicht nur die äußere Welt fordert uns heraus. Auch innerhalb unseres eigenen Lebens sind wir mit Hindernissen und Beschwernissen konfrontiert. Krankheit, Erschöpfung, Schicksalsschläge, sie alle ereilen uns alle.

Ich persönlich finde es wichtig, dass wir uns nicht zu unbedachtem Handeln provozieren lassen – speziell von den Auswirkungen der internationalen Politik und den Reaktionen der orthodox-islamischen Community, aber auch vom eigenen persönlichen Schicksal.

Die Zukunft ist ungewiss für uns. Im Gegensatz zu Gott wissen wir nicht, wohin der Weg führen wird. Wohin wird uns die Zukunft führen? Und wie sollen wir uns auf dem Weg verhalten? Wie gehen wir mit all diesen Themen um?

Ich habe also nachgedacht, wie wir – jede und jeder einzelne von uns – dazu beitragen können, dass die mitunter extremen Entwicklungen uns allen nicht schaden. Natürlich haben wir alle zu diesen Themen unterschiedliche Ansichten. Dies sind daher meine höchstpersönlichen Überlegungen.

Im Gegensatz zu Gott wissen wir nicht, wohin der Weg führen wird. Die Zukunft ist aus unserer Sicht ungewiss.

In Sure 49, al-Hugurat (Die Gemächer) erfahren wir mehr über verschiedene Eigenschaften Allahs:

In Vers 1 steht: „Gewiss, Allah ist Allhörend und Allwissend.“

In Vers 8 steht: „Allah ist Allwissend und Allweise.“

In Vers 12 steht: „Allah ist Reue-Annehmend und Barmherzig.“

In Vers 13  steht: „Allah ist Allwissend und Allkundig.“

In Vers 14 steht: „Allah ist Allvergebend und Barmherzig.“

In Vers 16 steht: „Allah weiß über alles Bescheid.“

In Vers 18 steht: „Gewiss, Allah kennt das Verborgene der Himmel und der Erde. Und Allah sieht wohl, was ihr tut.“

Gott weiß also, wohin der Weg führt.

Und wenn wir weiter im Koran forschen, dann lesen wir

in Sure 2, al-Baqara (Die Kuh):

„Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann schickte Allah die Propheten als Verkünder froher Botschaft und als Überbringer von Warnungen und sandte mit ihnen die Bücher mit der Wahrheit herab, um zwischen den Menschen über das zu richten, worüber sie uneinig waren. Doch nur diejenigen waren – aus Missgunst untereinander – darüber uneinig, denen sie gegeben wurden, nachdem die klaren Beweise zu ihnen gekommen waren. Und so hat Allah mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die glauben, zu der Wahrheit geleitet, über die sie uneinig waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.“

Da steht nicht „auf den geraden Weg“ geschrieben, sondern „auf einen geraden Weg“. Aus dem Arabischunterricht habe gelernt, dass es auch im Arabischen diese Unterscheidung gibt.

Die Aussicht auf verschiedene „gerade“ bzw. „richtige“ Wege findet sich im Koran öfter. Speziell an Stellen, an denen über die verschiedenen Botschaften Gottes zu verschiedenen Zeiten zu verschiedenen Propheten und Völkern gesprochen wird, wird immer wieder angedeutet, dass auch das Folgen dieser anderen Botschaften zu einem richtigen Weg führt.

Exemplarisch habe ich Sure 5, al-Maida (Der Tisch), Vers 66 herausgegriffen:

„Wenn sie nur die Thora und das Evangelium und das befolgten, was zu ihnen (als Offenbarung) von ihrem Herrn herabgesandt wurde, würden sie fürwahr von (den guten Dingen) über ihnen und unter ihren Füßen essen.“

Ich folgere daraus: Es gibt verschiedene richtige Wege, Gottes Botschaft gemäß zu leben und mit ihr in die Zukunft und durch die zukünftigen Ereignisse zu gehen.

Unsere Schwestern und Brüder in den anderen abrahamitischen Religionen feiern dieser Tage wichtige religiöse Feste. Im Koran finden sich viele, teils sehr klare Hinweise darauf, dass ein friedliches Miteinander auf verschiedenen Wegen durch eine – für uns – ungewisse Zukunft nicht nur möglich, sondern auch erwünscht ist.

Also ist es keine „Abscheulichkeit“, mit jüdischen Leuten Chanukka oder mit christlichen Leuten Weihnachten zu verbringen, sondern wir haben – so lese ich die Botschaft Gottes – die Aufgabe hierzu von Allah erhalten.

Gemeinsam mit den Menschen des Judentums und des Christentums können wir die Zeit ihrer Feste nutzen, um uns inspirieren zu lassen. Um Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Um Verbündete und Freunde für den Gang auf den richtigen Wegen zu finden. Die richtigen Wege, die am Ende aller Tage dann doch bei Gott enden.

In Sura 16, an-Nahl (Die Bienen), Vers 44 lesen wir:

„(Wir haben sie [gemeint sind Leute, denen Offenbarungen eingegeben wurden] gesandt) mit den klaren Beweisen und den Büchern der Weisheit. Und Wir haben zu dir [gemeint ist Mohammed, F.s.a.i.] die Ermahnung hinabgesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen offenbart worden ist, und auf dass sie nachdenken mögen.“

Den Hinweis zum Nachdenken finden wir immer wieder im Koran. Allah fordert uns auf, zu reflektieren, zu betrachten, zu überlegen. Über das ,was war, aber auch das, was sein kann oder soll.

Damit wir unser künftiges Handeln abwägen und ausrichten auf „einen richtigen Weg“. Auf unseren Weg als einen von vielen richtigen Wegen.

Durch Nachdenken und durch das Pflegen von religiöser Vielfalt werden wir also einen richtigen Weg zu Gott finden.

Und Allah, als Allhörende, Allwissende, Allweise, Barmherzige, Allvergebende Göttlichkeit wird nicht nur am Ende aller richtigen Wege sein, sondern die Menschen darauf begleiten.

Allah wird also an der Seite jener stehen, die nachdenken und Vielfalt pflegen. Und bei allen, denen wir helfen, dies zu tun. Denn es ist eine unserer Aufgaben, unserem Nächsten zu helfen, nachzudenken und die Vielfalt pflegen zu können.

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Damit ihr einander kennenlernt

Damit ihr einander kennenlernt

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.

(Sure 49, Vers 13)

Nicht nur Islamwissenschaftler sind mit der historisch-kritischen Methode als Werkzeug für die Analyse von Texten vertraut. Die Methode lässt sich auch auf den Koran in seiner Form als Text anwenden. Dabei ist die historisch-kritische Herangehensweise als Teil der Exegese (Auslegung, Erläuterung, Interpretation) keine Erfindung der sogenannten westlichen Welt. Bereits im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung begannen muslimische Gelehrte damit, den Kontext, in dem die einzelnen Suren und Verse offenbart wurden, schriftlich festzuhalten.

Ohne geschichtliches Hintergrundwissen gelangt man oftmals zu anderen Interpretationen, zu anderen Lesarten des Textes und erhält somit ein anderes Verständnis über die ursprüngliche Bedeutung der koranischen Suren und Verse. Manches hingegen – wie die eingangs zitierten Verse – erscheint auf den ersten Blick als klar und eindeutig, ohne dass weitere Erklärungen für ein unmittelbares Verständnis herangezogen werden müssten.

Jeder Mensch ist das Produkt seiner Eltern, einem Mann und einer Frau. Im Idealfall entwickelt sich das männliche Kind zu einem guten Sohn, zu einem guten Bruder und zu einem guten Freund sowie zu einem guten Ehemann, einem guten Vater und guten Nachbarn. Das weibliche Kind entwickelt sich dementsprechend zu einer guten Tochter und guten Schwester, zu einer guten Freundin und guten Ehefrau sowie zu einer guten Mutter und guten Nachbarin. Damit sind nur einige der vielen Rollen genannt, die sich prägend auf das Leben eines jeden Menschen auswirken.

Das Leben jeder einzelnen Person ist offensichtlich durch steten Wandel und sich wiederholende Kreisläufe geprägt. Folglich ist es angebracht, im Laufe des Lebens seine Ansichten zu ändern, beziehungsweise sie an neue Situationen anzupassen. Selbst Sterne und Steine – klassische Symbole des vermeintlich Ewigen und Unveränderlichen – verändern sich im Laufe der Zeit.

Ich habe das Privileg, dass ich zur Zeit viele Gespräche mit Besuchern unserer Moschee führen kann. Gegenüber all meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern betone ich, dass die Moschee allen offen steht. Ich betone ihnen gegenüber ebenfalls, dass alle Menschen Kinder dieser Erde sind. Das Leben aller Menschen führt von der Geburt an mehr oder weniger direkt in den Tod, mag der Weg dahin auch noch so unterschiedlich sein.

Aus meiner Sicht sind zwischenmenschliche Gespräche dann am interessantesten, wenn es darum geht, wie das Zurechtkommen mit Veränderungen individuell wahrgenommen und angegangen wird. Der Austausch und das geteilte Wissen darüber erschaffen immer wieder eine gemeinsame Basis, ermöglichen gegenseitiges Verständnis und bewirken Nachsicht im Umgang miteinander.

Wahrlich, oh Ihr Menschen,
Wir erschufen Euch aus einem Mann und aus einer Frau,
Und Wir machten Euch zu Völkern und Stämmen,
Damit Ihr einander kennenlernt.