Glauben

Tim Marshall

Ethik und Moral

Ethik und Moral

Tim Marshall
Tim Marshall

In unserer Gesellschaft sprechen wir oft von Ethik und Moral. Aber oft haben wir nur eine ziemlich schwammige Erklärung für beide Begriffe.

Vom griechischen Wort ethos: Gewohnheit, Sitte Brauch, stammt der Ausdruck Ethik. Aristoteles meinte damit eine eigenständige philosophische Disziplin und stellte die Ethik neben Logik, Physik und Metaphysik. Moral kommt aus dem Lateinischen mores und bedeutet so viel wie Sitten, Gewohnheiten, Charakter als Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.

Was bedeuten beide genau? Ethik und Moral sind zwei Begriffe, die oftmals gleichbedeutend verwendet werden, jedoch begrifflich voneinander unterschieden werden müssen. Moral ist ein soziales Phänomen, das auf der gemeinsamen Anerkennung von Normen und Werten gründet, die als verbindlich gesetzt werden. Genauer gesagt: Moral bezeichnet den in einer bestimmten Gruppierung, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorfindbaren Komplex an Wertvorstellungen, Normen und Regeln des menschlichen Handelns und gründet auf der gemeinsamen Anerkennung verbindlich gesetzter Normen und Werte. Ethik ist das, was zum allgemeinen Prinzip erklärt werden kann, d.h. Ethik beschäftigt sich mit der Theorie der Moral. Somit ist Ethik die Wissenschaft der Moral.

Es gibt viele Moralvorstellungen wie z.B. religiöse, politische oder gerechte Vorstellungen, die nebeneinander bestehen, die unter dem Dach der Ethik stehen. Man kann das z. B. mit einer Pflanzenvielfalt auf der Erde vergleichen, Sie alle gehören zum Oberbegriff Botanik.

Verallgemeinert ist Moral die praktische Anwendung der Ethik. Eine moralische Handlung ist somit jene Handlung, die von allen Menschen in einer bestimmten Gruppierung oder Gesellschaft als richtig oder annehmbar angesehen wird. Ethik steht somit über die Moral und sollte eigentlich für ganze Völkerschaften gelten. Aber ist es wirklich so?

Das arabische Wort akhlaq wird meistens mit islamischer Ethik übersetzt. Es bezeichnet aber eher die Lehre von den Charaktereigenschaften des Menschen.

Moral ist also ein Normensystem, das versucht, richtiges Handeln zu beschreiben und wird somit auch für alle in einer bestimmten Gesellschaft oder Gruppierung gültig z.B. auch für Religionen. Und das Normensystem kann durch Prinzipien, Werte klar definiert werden. Auch wir als kleine Moschee setzen bestimmte Werte, die uns eben zu dieser Moschee machen.

Das erste Normensystem, das aufgeschrieben wurde, waren die 10 Gebote, die Moses in Stein gehauen erhalten hatte, ein Wertekatalog, das zu einem ethischen Verhalten der Menschen damals (und auch bis heute) führen sollte.

Im Islam ist der Koran die erste Quelle für ethische Normen. Daneben werden die Handlungen des Propheten Muhammad (Friede und Gottes Segen auf ihn) als religiöse Gebote angesehen.

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte ab dem 8. Jahrhundert durch Übersetzungstätigkeiten und weiterführenden Arbeiten der Philosophen und Wissenschaftler in die islamischen Zentren wie dem Haus der Wissenschaft und später meines Erachtens mit verfeinerten Normen in das maurische Andalusien. Hier seien die beiden Philosophen Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) genannt.

Ging es in der antiken und mittelalterlichen Ethik noch darum, begründete Aussagen über das menschliche Handeln zu leisten, die sich von einem gemeinsamen Guten herleiten lassen, steht in der Neuzeit die Frage im Vordergrund, wie Konflikte gerecht geregelt werden können, die aufgrund von einer vorhandenen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Anschauungen, Meinungen oder Werte entstehen und die alle miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren, zumindest sollte es so ein. In wie vielen Ländern gilt immer noch nur eine Meinung: die der Herrschenden, alles andere wird irgendwie unterdrückt.

Da eine Religion den Menschen anspricht und Ethik, natürlich neben Glaube und Gebet, der hauptsächliche Bereich der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache jedes gläubigen Menschen.

Die Ethik des Menschen zu formen, ihr mehr Gewicht zu geben und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten – darauf kommt es in unserer Zeit an. Denn genau darauf bezieht sich der Koran. Aber auch die Hadithe enthalten oder ergänzen diese Aussagen wie z. B. der Ausspruch des Propheten: „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten, also die Moral, auch Tugend) zu vervollkommnen.“

Es kommt nicht nur darauf an, das Vorhandene durch gänzlich Neues zu ersetzen, sondern das Vorhandene zu verbessern, verfeinern und zu optimieren. Es bedeutet, an Vergessenes sich neu zu orientieren, das bestehende Gutes zu bestätigen, sich an geänderte Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine riesengroße Aufgabe zu jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation, bis heute.

Schon in der ersten Sure finden wir es: Der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg: ‚Sirat-i Mustakim‘. Da steht: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast…“ Es ist als ein Grundsatz des Lebens zu verstehen, den richtigen Weg durch richtiges Verhalten und Benehmen zu beschreiten, Er besagt aber auch, dass es dem Menschen selbst mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht ohne Gottes Führung und Gnade nicht gelingt, an sein Endziel zu gelangen.

Im Koran finden wir einige Ideale zu einem guten Verhalten:

Recht und Gerechtigkeit: Die Gemeinschaft, nicht ein Einzelner oder eine Gruppe von Machtinhabern, bestimmt den Normenkatalog des Rechts. Hieraus lässt sich Gerechtigkeit und Gleichheit ableiten.

Das Streben nach Tugend: das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

Das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe: das bedeutet Solidarität und Zusammenhalt.

Die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit: Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen

Vervollkommnung in der Verantwortung: Humanität, also die Würde und Rechte jedes Menschen anerkennen und seine geistige Vervollkommnung voranzutreiben.

Alle diese Prinzipien finden wir auch in Sure 2:213: Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins aber waren nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die gläubig sind, zur Wahrheit, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.

Oder in Sure 3:17: Die Geduldigen und die Wahrhaften und die Andachtsvollen und die Spendenden und diejenigen, die um Vergebung bitten in der Morgendämmerung.

Viele Stellen im Koran sprechen über einen „guten Charakter“, der zur Glückseligkeit und Zufriedenheit führt. Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht mit der jedem Menschen mitgegebenen Natur des Menschen, sein „Ich“. Im Islam bezeichnen wir es als Fitra und bedeutet,dass die Natur des Menschen eine dem Menschen angeborene Eigenschaft bzw. Fähigkeit ist. Für den Menschen gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen.

Die monotheistischen Religionen betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „das, was du von deinem Nachbarn erwartest, erwartet er von dir auch“ ein gemeinsames sinnvolles und vernünftiges Fundament gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale, Vernunft betreffende Basis besitzt. Oder anders gesagt: Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“.

Gott sagt im Koran über den Propheten Muhamad, Friede und Segen Gottes auf ihn,: „Wahrlich, Du bist von gewaltigem Charakter“ (Sure Al-Qalam, Vers 4).

Anas ibn Malik sagte: „Der Gesandte Allahs, hatte den besten Charakter von allen Menschen.“

Es gibt viele weitere Aussagen vom Propheten, die die Bedeutung des guten Charakters hervorheben: Sie zielen darauf hin, dass es nichts gibt, was am Jüngsten Tag schwerer in der Waage wiegt als guter Charakter. Er sagte auch: „Die besten unter euch im Islam sind die besten im Charakter, wenn sie Verständnis von Din besitzen.“ Das Wort „ad-Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und dementsprechend auch das Handeln. Es bezieht sich aber nicht nur auf das persönliche Leben eines Menschen, es erstreckt sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft als Ganzes. So ist diese Bezeichnung nicht nur auf die Lebensart einer bestimmten Gebietes beschränkt, oder auf eine bestimmten geschichtlichen Zeit, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten. Dennoch erhebt der Koran keinen Anspruch darauf, der einzige richtige Weg zu sein. Und viele ihrer Vertreter haben auch nicht das Recht dazu.

Die Kenntnis von der Moral, der Ethik und den Verhaltensweisen aller Propheten sind von großem Nutzen für uns und eine Hilfe darin, uns an ihnen ein Vorbild zu nehmen.

Zum guten Charakter zählen unter anderem Großzügigkeit, Wohltätigkeit, Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Aufrichtigkeit, Abmachungen einzuhalten, Gottesfürchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Korrektheit, Gerechtigkeit, gut zu seinen Frauen zu sein, keine üble Nachrede zu begehen, seine Zunge und seine Genitalien zu unter Kontrolle zu halten, keine rohe oder obszöne Sprache zu gebrauchen, nicht arrogant zu sein, nicht zu lügen, nicht verschwenderisch zu sein, nicht angeberisch zu sein, das zu lassen, was einen nichts angeht, den Nachbarn zu schützen, sich von Begierden zu enthalten, nicht aufbrausend zu sein.

Das angestrebte Lebensziel des Menschen ist, was sein gutes Verhalten in seinen Taten zum Ausdruck bringt und seinem Geist einen Weg weist, von dem er nicht abweicht, wenn er eine Tat ausübt, um diesem Ziel näher zu kommen. Und da es zum Wesen des Islams gehört, alle Bereiche des Lebens zu erfassen, hat dieser den Horizont des guten Verhaltens für das Leben erweitert und für jede nur erdenkbare Handlung einen positiven Wert verzeichnet, der dessen Ziel und Zweck widerspiegelt.

Im Koran legt Gott Seinen Wunsch nach der Gemeinschaft mit den Menschen schon im Diesseits als Sein Hauptanliegen dar. Aber Gott zwingt auch niemanden, in seine Gemeinschaft einzutreten. Der Mensch kann in Freiheit sich für Gott entscheiden oder dagegen. Er wird deswegen nicht zornig. Gott lädt den Menschen jedoch ein und wirbt für eine Gemeinschaft Mensch mit Gott. Gott geht es nicht darum, den Menschen mitzuteilen, was sie wann zu tun haben, wie sie gut handeln sollen, welche guten Eigenschaften sie entwickeln sollen, sondern darum, warum sie gut handeln sollen, um einen guten Charakter zu entwickeln. Er sagt nicht einfach: Tue das! Er fordert sie auf: Denk nach! Wenn du von jemandem etwas Gutes erwartet, dann musst du ihm etwas Gleichwertiges oder noch Besseres zurückgeben.

Am 14. Juli 1789 begann in Paris eine neue Ära mit der Erstürmung der Bastille. Unter der Parole Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit wurden die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft abgeschafft. Das sind ethische Prinzipien. Diese Erklärung allgemeiner Menschenrechte bilden bis heute in einer veränderten Form die Grundlage der Verfassungen der meisten Staaten und auch der Vereinten Nationen. Wenn ich jeden Einzelnen von euch nach diesen drei Schlagwörtern fragen würde, dann würde ich sicherlich einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Moralnormen erhalten. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, wo gelten sie wirklich noch, in China bei den Uiguren, in Jemen oder galten sie bei der Vertreibung der Rohingya? Darüber sollte man nachdenken.

 

Die fünf Säulen des Islam

Die fünf Säulen des Islam

Autorin: Susanne Dawi

طفاف ابوماجدالسويدي

Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohamed ist sein Prophet.

Gott ist der, die, das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm,ihr gleich. Er,sie ist den Menschen nicht ähnlich und hat kein Geschlecht. Die Wahrheit Gottes ist für die Menschen unfassbar, daher hat Gott den Koran herabgesandt, so dass wir ein wenig von der Wahrheit verstehen und sie in unserem Alltag umsetzen können. (siehe Artikel: Der wahre Islam)

Mohamed ist ein Prophet Gottes, wie viele vor ihm. Sie alle werden von den Muslimen anerkannt, und ihre Bücher sind weiterhin heilig. Mohamed ist kein Heiliger, er darf von den Menschen nicht angebetet oder zu einem Gott stilisiert werden. Er ist lediglich ein Botschafter Gottes. An ihn wurden jedoch besondere Anforderungen gestellt, so musste er selbstlos und Gott ergeben (muslim) sein. Mohamed hat stets darauf geachtet, anderen hilfreich zur Seite zu stehen und auch denjenigen Wertschätzung entgegen zu bringen, die wenig von ihm hielten. Sklaven, Waisenkinder, Arme, Reisende und überhaupt alle besonders Bedürftigen Menschen lagen ihm sehr am Herzen. Er liebte seine Frauen innig und äußerte sich, so die Überlieferungen, gegen jede Gewaltanwendung oder Unterdrückung von Frauen. Mohamed war in erster Ehe mit Khadija verheiratet, die Zeit ihre Lebens seine einzige Frau war. Sie war die erste Person, die von der ersten Offenbarung erfuhr und an ihn glaubte. Einige Zeit nach Khadijas Tod heiratete Mohamed erneut und lebte polygam. Die Offenbarungen erreichten ihn bis zu seinem Tod in unregelmäßigen Abständen.

Das Gebet

Das Gebet ist die zweite Säule des Islam. Es besteht weitgehend Einigung darüber, wie es ausgeführt werden soll. Fünfmal am Tag wird gebetet, am besten zur korrekten Zeit; falls dies nicht möglich ist,, könen aber die fehlenden Gebete zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Tages nachgeholt werden. Im Alltag ist das fünfmalige Beten eine Herausforderung, der man nicht immer nachzugehen schafft. Die Gebetzzeiten variieren je nach Sonnenstand von Tag zu Tag. Die fünf Gebete heißen Fajr, Dhur, Asr, Maghrib und Ischa, also Morgengrauen, Mittag, Nachmittag, Sonnenuntergang und Nacht. Sie unterscheiden sich in der Länge, nicht aber im Ablauf.

Vor dem Gebet findet die rituelle Waschung statt, die Gesicht, Kopf, Hände und Füße umfasst; im Verlauf gibt es wechselnde Körperhaltungen, zu denen auch das Verbeugen und das Niederwerfen gehören; der Gebetstext ist überwiegend festgelegt. Das Gesicht des Betenden richtet sich nach Mekka, allerdings steht im Koran (2:177), dass sich wahre Frömmigkeit nicht durch das Einhalten der Gebetsrichtung auszeichnet, sondern durch den Glauben und die mildtätigen Handlungen sowie die Geduld in Zeiten der Härte. Das Gebet bildet eine der Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit Allah, und es gibt dem/der Betenden ein Gefühl von Frieden, Sicherheit und Struktur im Alltag.

Die Abgaben / Zakat

Die gerechte Versorgung aller Menschen ist ein wesentlicher Aspekt des Islam und bildet dessen dritte Säule. Da jegliche Versorgung von Allah kommt, sind auch die monetären Segnungen gleichmäßig zu verteilen. Dazu gibt jeder Muslim, der dazu in der Lage ist, einen Teil seines Einkommens zurück an die menschliche Gemeinschaft. Dieser Akt des Teilens dient sowohl der Nächstenliebe als auch der Selbstreinigung und dem Wachstum der Seele. Es ist besser, direkt nach der Ernte zu teilen, d.h. in moderner Terminologie zu Monatsanfang, wenn das Geld gerade aufs Konto gekommen ist, statt am Ende, wo man schon alles für sich selbst ausgegeben haben könnte. Das Spenden wird im Koran sehr häufig genannt und als essenzielle muslimische Handlung definiert.

Die vierte Säule des Islam ist das Fasten im Monat Ramadan, der als ganzer Monat vollständig durchgefastet wird, wenn man gesund und kräftig genug dazu ist. Das bedeutet, dass von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken wird. Auch Geschlechtsverkehr ist in dieser Zeit untersagt und viele Menschen versuchen, das Rauchen zu unterlassen. Das Fasten dient dem Erlernen des Mitgefühls mit den Armen dieser Welt, für die das Essen und Trinken nicht selbstverständlich sind. Unser Hunger und Durst führt nicht nur zu dem Gefühl von Entbehrung, sondern manchmal auch zu anderen Erscheinungen wie Müdigkeit, Kälte, Gereiztheit, Ermattung, usw. so dass wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln, was es bedeutet, keinen einfachen oder geregelten Zugang zu Nahrung zu haben. Wer nicht ernten kann, hat keine Kraft zu säen, kann wieder nicht ernten und wieder nicht säen. Das Fasten initiiert Mitleid und Hilfsbereitschaft und trägt somit zum Aufbau einer gerechten und lebenswerten Welt bei. Die Fastenzeit soll sich aber nicht nur durch das Entbehren von Essen und Trinken vom regulären Alltag abheben sondern auch durch eine innere Einkehr und ein Zurückfinden zur Spiritualität. Es ist eine Zeit des Innehaltens und der seelischen wie körperlichen Reinigung. Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Wer meint, abends schlemmen zu können, irrt meist, denn wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat, ist man am Abend schnell gesättigt. Oft steht viel auf dem Tisch doch es wird wenig gegessen, besonders unter der Woche. Abnehmen tut man dennoch nicht, weil man nach dem Mahl gleich schlafen geht, sofern man am nächsten Tag bei der Arbeit wieder fit sein möchte.

Der Monat Ramadan ist eine intensive Zeit, auch weil man sich zum Essen gerne mit der Familie oder Freunden trifft. Trotz der Entbehrungen freut man sich als Muslim auf den Ramadan. Manche sagen, er ist ein willkommener Gast, aber wie mit jedem Gast ist es auch schön, wenn er wieder geht. Da sich der islamische Kalender, und damit auch der Ramadan, nach dem Mond richtet, verschiebt er sich jedes Jahr ca. zehn Tage „nach vorne“.

Die letzte Säule des Islam ist die Pilgerreise nach Mekka. Wer sie unternimmt, kommt als Hajj oder Hajji zurück und hat damit einen gewissen sozialen Status innerhalb der muslimischen Gemeinschaft erlangt. Doch dies soll nicht Sinn der Pilgerreise sein. Vielmehr wird sie von vielen Menschen als innere Bereicherung erlebt. Man reinigt sich und kleidet sich dort in einfache weiße Tücher. Durch diesen symbolischen Akt wird der Alltag vollkommen zurückgelassen und der Pilgernde in eine Art reinen und unschuldigen Urzustand versetzt, der anlässlich unseres Wissens über alle unserer Verfehlungen im Laufe unseres Lebens sehr mächtig und berührend ist. Heute werden die Reisen von besonderen Reisebüros organisiert, man kann aber auch allein nach Mekka reisen. Um nach Mekka pilgern zu dürfen muss man für die dortigen Behörden nachweisen, dass man muslimischen Glaubens ist. Wenn man die Reise zu einer anderen Zeit als dem dafür vorgesehenen Monat, so heißt sie Umrah.

Der Gebetsruf – Adhan

Der Gebetsruf – Adhan

Nouman Younas
Nouman Younas

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu

Liebe Brüder und Schwestern, ich begrüße euch sehr herzlich hier in der Moschee zum Freitagsgebet.

Unsere Moschee ist ein wenig anders eingerichtet als die meisten Moscheen. Es fehlt gewissermaßen an lauten orientalischen Schmuckstücken. Ein paar leicht orientalisch anmutende Kerzenständer sind wohl die einzigen subtilen Anzeichen dafür, dass es sich hier um einen Ort handelt, der in Verbindung mit einem anderen Raum und einer anderen Zeit steht – Zeit und Raum nämlich der Entstehung des Islam als Lebensphilosophie und als Religion. Wir leben einen „Deutschen Islam“, jedoch ist er genauso authentisch wie jeder andere, denn die Betonung liegt nicht auf Deutsch, sondern auf Islam. Manche Dinge finden hier aber immer auf Arabisch statt; eines dieser „Dinge“ ist der Adhan, der Ruf zum Gebet.

Das ich hier zum Gebet rufe, habe ich einem Zufall zu verdanken. Am Tag vor der Eröffnung unserer Moschee war ich auf Facebook unterwegs und sah, dass eine liberale Moschee eröffnet werden sollte. Ich hatte davon zuvor nichts gehört, und da ich keinen Fernseher habe und Nachrichten sehr selektiv schaue, hatte ich auch von Seyran Ates keine Kenntnis. Am nächsten Tag wollte ich mal schauen, was es denn mit dieser Moschee auf sich hatte. Mit meinem roten Kopftuch zog ich also los um kurze Zeit später an einem Ort anzukommen, der sich Moschee nannte, an dem aber kaum eine andere Frau ein Kopftuch trug – mit Abaja und Tuch war ich die am konservativsten gekleidete Frau auf dieser Feier. Das war dann wohl auch der Grund, aus dem ich schließlich gebeten wurde, zum Abendgebet zu rufen. Zunächst lehnte ich dankend ab, da ich das noch nie gemacht hatte und mir nicht einmal der Wortlaut richtig geläufig war. Natürlich hatte ich den Adhan schon tausendmal gehört, in den vielen Städten des Libanon, die ich besucht hatte, aus dem Lautsprecher des Radios meiner Freundin, und in der Moschee. Doch hatte ich nie darüber nachgedacht, in welcher Reihenfolge welche Wörter genau verwendet werden, ganz geschweige von der passenden Melodie. Ich verließ also den Raum in Richtung Garten, um mich draußen weiter zu unterhalten, doch noch bevor ich ganz aus dem Gebäude herausgetreten war, kehrte ich um. Der Gedanke, dass eine andere Person als ich nun zum Gebet rufen würde, erfüllte mich mit einem ganz unangenehmen Gefühl; ich befürchte, es war Eifersucht. Ich ging also zurück und fragte, ob ich denn noch rufen dürfte. Im Eilverfahren ging man mit mir die Wörter durch, die Anzahl der Wiederholungen und ließ mich dann allein. Ich trat nach vorn, in Richtung Mekka, und dachte: „und mit welcher Melodie??!!“ So sang ich den ersten Ton und dann kam meine eigene Melodie ganz von allein. Natürlich nicht ganz unähnlich denen, die ich zuvor gehört hatte, aber dennoch meine eigene. Sie ist seitdem ungefähr dieselbe geblieben. Ich rief also zum Abendgebet, und seit diesem Tag ist mir Gottes Gnade noch viel deutlicher bewusst als zuvor, denn das Rufen erfüllt mich immer wieder mit Freude und Zuversicht, auch wenn es manchmal besser klappt und manchmal weniger.

Es ist etwas ganz Besonderes, den Adhan zu rufen, aber erst nach und nach komme ich dahinter, was diese Besonderheit ausmacht. Nun ist es mir ein Bedürfnis, ein paar Gedanken darüber zu teilen.

Zunächst aber einige Sätze dazu, dass ich eine Muezzinin bin, also offensichtlich kein männlicher Vertreter meiner Spezies. Der eine oder andere Muslim vertritt ja nach wie vor die Meinung, ich als Frau dürfe nicht zum Gebet rufen, denn diese Aufgabe sei allein Männern vorbehalten. Diese prä-emanzipatorische Einstellung beruft sich auf ein Hadith, das ich gleich erzählen werde, beruht aber sicher nicht auf diesem, sondern auf tradierten Vorstellungen der Frau als Verführerin und ihrer Stimme als Instrument dieser Verführung. Aufgewachsen bin ich mit diesen Gedanken nicht. Als ich anfing, hier zum Gebet zu rufen, war mir gar nicht bewusst, dass ich eine Männerdomäne betrete! Ich hatte darüber tatsächlich nie nachgedacht. Irgendwann, nachdem ich schon an einigen Freitagen recht regelmäßig gerufen hatte, fragte mich jemand, ob es mir nicht seltsam vorkäme, als Frau zum Gebet zu rufen. Ich wusste beim besten Willen nicht, warum; doch langsam lernte ich, was die konservative muslimische Welt hierzu zu sagen hatte. Hier also der überlieferte Hadith von Bukhari, auch zu finden bei Muslim, auf den sich die Meinung stützt, dass nur Männer zum Gebet rufen dürfen:

Nach Al Bukhari (604) und Muslim (377) also, erzählt von Ibn Omar, standen die Muslime von Medina Freitags immer vor der Moschee, um auf das Gebet zu warten. Die Ungewissheit über den exakten Beginn des Gebets empfanden sie als unangenehm, suchten daher nach einer Möglichkeit, genauer zu wissen, wann das Gebet beginnen würde. Eines Tages nahm diese Suche konkrete Züge an, und so sagten manche von ihnen: „Lasst uns eine Glocke benutzen, wie es die Christen tun“. Andere sagten: „Nein, wir verwenden ein Horn, wie die Juden“. Omar sagte zum Propheten Mohamed: „Warum schickst du nicht einen Mann, um zum Gebet zu rufen?“ Da sagte der Prophet: „Oh Bilal, steh auf und ruf die Leute zum Gebet.“

Omar hatte also gefragt: „Warum schickst du nicht einen Mann um zum Gebet zu rufen?“ und Mohamed hatte daraufhin einen Mann ausgewählt. Er verwendete in der Tat das Wort Mann – aber stellt dies ein konstituierendes Element dar? Ich gehe davon aus, dass es üblicher war, einen Mann vorzuschlagen, einfach so, ohne große Gedanken darüber, wohin so ein kleines Wort führen könnte. Wir bedenken ja nicht alles, was wir sagen, bezüglich der Zukunftswirkung jedweden Wortes. Es wird eher der Zufall oder patriarchale Grundgedanken des Sprechers gewesen sein, die dazu führten, dass nach einem Mann gefragt wurde.

Ein besonders kluger Kopf schreibt im Internet auf der Seite Quora, dass ja mittlerweilse seit 1400 Jahren immer nur Männer zum Gebet gerufen haben, wodurch bewiesen wäre, dass dies die korrekte Praxis sei. So kann man es natürlich auch sehen.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass sich Menschen von derartigen Beweisführungen beeindrucken lassen. Zufallsäußerungen, unlogische Kausalverknüpfungen, Vermischung von kulturellem Zeitgeist und Religion werden nicht von jedem hinterfragt. Die gute Nachricht ist, dass es überhaupt kein Problem darstellt, wenn ich als Frau zum Gebet rufe, denn die Aussage des Hadiths ist meiner Ansicht nach nicht großartig relevant. Im Koran habe ich ebenfalls nichts gefunden, was dagegen spräche, als Frau zum Gebet zu rufen. Wir finden in Sure 33, Vers 32 zwar Folgendes:

“O Ehefrauen des Propheten! Ihr seid nicht wie irgendwelche von den anderen Frauen, vorausgesetzt dass ihr euch (wahrhaft) Gottes bewusst bleibt. Darum seid nicht überweich in eurer Rede, dass nicht einer, dessen Herz krank ist, bewegt würde (nach euch) zu verlangen: aber überdies sprecht auf gütige Weise.“ Dieser Vers wird herangezogen, um Frauen dazu zu bewegen, ihre Stimme nicht im Rahmen des Gottesdienstes zu erheben. Dies ist eine Anweisung an die Frauen des Propheten (!), die in der Geschichte des Islam eine besondere Rolle innehatten. Dies wird in den vorangehenden Versen 30 und 31 sehr deutlich erklärt: „O Ehefrauen des Propheten! Wenn eine von euch offenkundigen unmoralischen Verhaltens schuldig werden würde, ihr Leiden (im Jenseits) wäre das Doppelte (dessen anderer Sünden): denn das ist fürwahr leicht für Gott. Aber wenn eine von euch demütig ergeben Gott und Seinem Gesandten gehorcht und gute Taten tut, ihr werden Wir ihre Belohnung zweifach erteilen: denn Wir werden für sie eine höchst vortreffliche Versorgung (im kommenden Leben) bereitet haben.“ Ganz offensichtlich sind also diese Vers an die Frauen des Propheten gerichtet. Eine solche bin ich nicht, auch wenn ich den Propheten Mohamed besonders in mein Herz geschlossen habe. Die Frauen des Propheten hatten eine Stellung in der Gesellschaft die vor und nach ihnen niemand haben konnte. Auch rein inhaltlich muss man sich recht weit aus dem Fenster lehnen, um hieraus ein Verbot des Adhan für Frauen zu schließen. So rufe ich also wann immer es mir möglich ist, am Freitag nach der Arbeit hier in unserer Moschee zum Gebet. Als Frau, und nicht als einzige Frau der Welt. Auch Amina Wadud und Ani Zoneveld rufen zum Gebet.

Der Ruf läutet das Freitagsgebet ein. Man sammelt sich im Gebetsraum, spricht miteinander, lacht und scherzt, tauscht Fragestellungen aus und Antworten über Arbeit, Familie, Sorgen, Freuden und die Wissenschaften. Meist wird leise geredet, während man auf den Adhan wartet, den Ruf zum Gebet.

Vor dem ersten Ton gibt es im Moscheeraum meist noch das eine oder andere Geräusch. Beim ersten gesungenen Ton entsteht zunächst Geräuschlosigkeit. Die Menschen hören auf, sich zu unterhalten.

In dieser Geräuschlosigkeit erklingt nun der erste Ton, und es entfaltet sich der Ruf zum Gebet. Es ist die tonale Manifestation unserer Verbindung zu allem was ist – zu allem, was hört, und zu allem, was Schwingungen wahrnimmt, der Verbindung zu Allah und all seiner Schöpfung.

Wenngleich der Gebetsruf eine Melodie hat, ist er doch kein Lied. Er ist auch kein Gebet. Er ist ein Ruf, an die Gläubigen gerichtet, sich nun bereit zu machen, sich zu reinigen, innerlich wie äußerlich, um vor den Schöpfer aller materiellen wie nicht materiellen Dinge zu treten und ihm Ehrerbietung zu erweisen. Doch nun geschieht häufig das, was mich immer wieder ein wenig erschreckt. Die Stille, die zuvor lediglich die Abwesenheit von Geräusch war, wird nun gerade durch die Anwesenheit des tönenden Klanges zu wahrer Stille. Denn während des Adhans entsteht hin und wieder eine Stille, die mächtiger ist, als die Stille, die ihr vorangeht, obwohl es sich streng genommen nun gar nicht mehr um Stille handelt, denn es gibt ja den Klang des Adhan. Es ist dies vielleicht die Stille der Seelen, die sich im Raum ausbreitet und deren Kraft der Rufer mit einem leichten Erschrecken spürt. Möglicherweise ist es die Stille einer Macht, die, da sie gerufen wurde, nun angekommen ist, im Raum. Nicht immer stellt sich diese Stille ein – woran auch immer dies liegen mag, manchmal bleibt es bei der Geräuschlosigkeit – aber manchmal ist sie recht deutlich zu spüren. Ich glaube, diese Art Stille entsteht dann, wenn alle Seelen von innen ganz still werden und dem Ton erlauben, sie tief zu berühren. Wenn die Seele ganz im Hier und Jetzt ist, aber als vollkommene Seele, mit all ihren Erinnerungen, ihrem Schmerz, ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Der Ton resonniert gewissermaßen in den Seelen der Zuhörer und wird das Außen des Innen. Zunächst bin nur ich der Rufer, aber jede Seele wird mit mir zum Rufer und ruft Allah an, und plötzlich verliert sich mein Ich und der Rufer ist jeder – jede Seele vereint sich gleichsam in diesem Ton und ich als Person bin nur noch diejenige, die den äußeren Ton zur Verfügung stellt. Ich bin nicht der Rufer, ich bin der Ton.

Dabei glaube ich nicht, dass das mit jedem Ton möglich ist, oder mit jedem Text.

Die Töne treffen nicht zufällig auf die Seelen der hierfür Empfänglichen. Hierzu tragen ganz klar auch die gerufenen Worte bei. Nach sunnitischer Überlieferung hatte Bilal die Eingebung dieser Worte. Er war es, der sich überlegte, welche Aussagen und Aufforderungen zu rufen sinnvoll wären. Nach schiitischer Überlieferung erschienen die Worte dem Propheten Mohamed in einem Traum, überbracht vom Engel Gabriel. Ich bin geneigt, letzteres zu glauben, denn genau diese Wörter haben einen besonders intensiven emotionalen Stimmungsgehalt. Der erste Ton, der gehalten wird, ist ein Ah – ein lautes Anrufen Allahs und zugleich ein klagender Laut. Wessen Seele klagt, der hört ihn deutlich und lang und empfindet ihn möglicherweise als etwas Angenehmes, denn dieser Vokal bringt sein Inneres zum Klingen. So lange es um Allah geht, bleibt das Ah der vordringliche Vokal. Das Ah ist auch ein Laut der Bewunderung und ein Laut, den wir von uns geben, wenn wir etwas Überraschendes erfahren oder lernen. Klage und liebende Bewunderung liegen auf der Gefühlsebene eng beieinander. Klage und Bewunderung bilden einen engen Dreibund mit der Hoffnung, die im Guten liegt, das wir wünschen und nach dem wir streben. Das A ist ein offener Laut. Er öffnet das Innere des Menschen hin zum Universum.

Das erste Zeugnis des Adhan gilt dem Bezeugen des einzigen, allmächtigen Gottes. Wir tun ihm kund: „Ich bin da. Bemerke mich und höre mich an, in meiner Bewunderung deines Wesens und in meiner Liebe zu dir. Ich rufe dich, damit du mich hörst und deinen schützenden Arm um mich legst, denn ich klage dir mein Leben und bitte, dass du mich nicht verlässt. Ich kann dies nur von dir wünschen, Allah, denn nur du bist wahrhaft größer als alles in mir und alles außer mir.“ „Allahu akbar“.

Das zweite Zeugnis gilt dem Propheten Mohamed, dem Rassul; und hier wechselt der Adhan zum Uh. Im Gegensatz zum Ah, das einen ausrufenden Klang der Brust und des Herzens darstellt, ist das Uh ein einkehrender Ton des Unterleibs. Er bezieht die Seele zurück zum Inneren. Legt man die Hände zum Rufen an den Mund, so bewegen sich die Arme beim Ah ganz automatisch nach außen, lassen den Brustkorb groß und weit werden, um sich beim Uh wieder zusammen zu ziehen, und den Brustkorb zu schützen. So ergibt sich gleichermaßen ein Flügelschlag vom Ah zum Uh und dann zurück zum Ah, gleich mehrere Male, denn der Satz wird zweimal gerufen, bis der Ton letztendlich beim Ah bleibt, denn nun darf die Seele dorthin schweben, wohin sie schweben mag, in ihre eigene Welt, die sich ihr nun durch den Ton eröffnet hat. So ist der Adhan ein Hin und Her zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Ruf hinaus ins Universum und der Rückkehr zum Selbst, einem erneuten Ruf nach Gott und einer erneuten Rückkehr zum Selbst oder zu unserer Seele. Man könnte auch sagen, die Seele bewegt sich hin und her zwischen der Weite des Universums und der engen Nähe des Selbst.

Klang ist Leben, nennt Barenboim sein lesenswertes Buch. Der Klang jeder Musik, und so auch der Klang des Adhans, repräsentiert gleichsam unsere Existenz. Wir sind ein Klang, und so wie ein Klang entsteht, entsteht unser Leben – gleichsam aus dem Nichts heraus werden wir geboren. Der Klang wächst langsam heran, so wie auch wir heranwachsen, wird laut und voller Lebenskraft, um dann wieder langsam wieder leiser zu werden, zu vergehen und schließlich hier auf der Erde nur noch in der Erinnerung weiter zu leben. Wie der Klang, so sterben auch wir, verlassen diese Welt und bleiben als Gedanken oder vielleicht als Energiefelder im Diesseits zurück. Im Universum ist jedoch alles, was einmal angestoßen wurde, unendlich, so wie das Universum selbst. Einmal angestoßen, tönt der Klang, der Klang unseres Lebens, endlos weiter, unabhängig von Raum und Zeit. Vor ein paar Tagen las ich so passend im Beitext zu einem psychologischen Spiel: „In alten Mythen ist der Mensch selbst ein Gefäß, dem Gott seinen Atem eingehaucht hat – ein Gefäß, das zu klingen beginnt. Unser Wort „Person“ drückt das ebenfalls aus. Person heißt wörtlich „durchtönend“, von lateinisch sonare – tönen, klingen.Wenn die großen Zusammenhänge im einzelnen Menschen Widerhall finden, und – umgekehrt – wenn auch das Besondere eines Individuums an vielen Stellen in der Welt Resonanz findet, dann wird eine Person zur wohlklingenden, stimmigen Persönlichkeit.“ (Johannes Fiebig, „Du bist, was du vergisst“, 2018). Wir sind also ein Gefäß, das klingt, indem wir etwas von Außen aufnehmen und klingen lassen. Und zugleich lassen wir durch unseren Klang etwas von innen hinaus.

Um noch einen Moment im Bild zu bleiben – wahrscheinlich sind wir nicht ein einzelner Ton, sondern ein ganzes Geflecht von Tönen, die wir stets versuchen, zu harmonisieren. Diese Töne sind Manifestationen unserer Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken. Manche unserer Klänge verbinden sich zu wundervollen Harmonien. Andere Klänge bilden zusammen eine Kakophonie, die das ungeübte Ohr kaum zu ertragen vermag. Wir versuchen stets automatisch, unsere verschiedenen Klanganteile, die Klanganteile unserer Seele also, so miteinander zu verbinden, dass eine ansprechende Harmonie entsteht. Erlebnisse und Erfahrungen bilden so eine Klangharmonie, die unsere Identität ausmacht, welche mit jeder Erfahrung erweitert wird. Auch mit äußeren Klängen, das heißt mit anderen Menschen, versuchen wir Harmonie zu erreichen. Manche Klänge empfinden wir als zu uns unpassend und meiden sie, mit anderen verbinden wir uns ganz mühelos und freudvoll, weil sie mit unseren eigenen Klängen so gut zusammen passen. Wir sagen dann, wir sind miteinander im Einklang. Manchmal arbeiten wir unter Einsatz von Selbstdisziplin daran, dass unser Denken und unser Handeln miteinander in Einklang kommen.

Unser Prophet Mohamed war ein Warner. Als solcher, müsste er eigentlich durch einen lauten Klang verkörpert sein, den man überall hört, einer Art Warnschuss oder Trompetengetöse. Dennoch stelle ich ihn mir besonders leise vor. Der Klang des Propheten ist ein Ton, den man bei übermäßiger Geschäftigkeit nicht zu hören vermag, unübertroffen jedoch an Wärme und Liebe. Vielleicht haben wir alle so einen ganz warmen, leisen Ton in uns. Vielleicht ist das der Ton der selbstlosen Liebe. Der Ton liebender Ergebenheit, der in uns singt, wenn wir „muslim“ sind? Muslim nicht im Sinne einer Religionszugehörigkeit, sondern als Zustand. Muslim sein bedeutete dann, einen leisen Ton in sich zu tragen, der nie vergeht. Einen leisen, warmen Ton, der in unseren Gebeten zu Gott hin klingt und von ihm wahrgenommen wird. Ein Ton, ähnlich eines fein gesponnenen Fadens, der immer weiter klingt und in sich die Hoffnung trägt, und das Vergeben, die Liebe und die Gnade und das, was in den Interpretationen des Wortes „Islam“ immer als „Unterwerfung“ wiedergegeben wird, aber tatsächlich eine liebevolle, friedfertige Hingabe meint. Während alle Veränderungen, die wir von Tag zu Tag, sogar von Stunde zu Stunde, in uns spüren, unsere Klänge ändern, mal laut, mal leise, mal hart, mal weich, mal kälter, mal wärmer – so ist dieser eine, feine Ton, doch immer da – der Ton der beweist, dass wir muslim sind. Muslim, wie gesagt, als Zustand, als Sein. Diese Verbindung zu Gott besteht zwar immer, doch bekräftigen wir sie in unserem Leben stets in zwei besonderen Momenten: Wenn wir beten, und wenn wir Gutes tun.

Im Koran lesen wir:

2:2-4

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist (dazu bestimmt,) eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten (zu sein), die an (die Existenz dessen) glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten; und die an das glauben, was dir (o Prophet) von droben erteilt worden ist, wie auch an das, was vor deiner Zeit erteilt wurde: denn es sind sie, die in ihrem Innersten des kommeden Lebens gewiss sind!

2:43

…und verrichtet beständig das Gebet, und gebt aus Mildtätigkeit, und verbeugt euch im Gebet mit allen, die sich also verbeugen.

2:83

Und siehe! Wir nahmen dieses feierliche Versprechen von (euch) den Kindern Israels an: Ihr sollt keinen außer Gott anbeten; und ihr sollt Gutes tun euren Eltern und euren Verwandten und den Waisen und den Armen; und ihr sollt zu allen Leuten auf gütige Weise sprechen; und ihr sollt beständig das Gebet verrichten; und ihr sollt ausgeben aus Mildtätigkeit.

2:277

Wahrlich, jene, die Glauben erlangt haben und gute Werke tun und beständig das Gebet verrichten und aus Mildtätigkeit ausgeben – sie werden ihren Lohn bei ihrem Erhalter haben, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein.

8:2-4

Gläubige sind nur jene, deren Herzen vor Ehrfurcht erzittern, wann imer Gott genannt wird, und deren Glauben gestärkt wird, wann immer Seine Botschaften Ihnen übermittelt werden, und die iher Vertrauen auf ihren Erhalter setzen – jene, die beständig das Gebet verrichten und für andere ausgeben von dem, was Wir ihnen als Versorgung bereiten: es sind sie, die wahrhaft Gläubige sind! Für sie wird es große Würde in der Sicht ihres Erhalters geben und Vergebung der Sünden und eine höchst vortreffliche Versorgung.

In 19:31,32 lesen wir, wie der Prophet Jesus sagt: „Siehe, ich bin ein Diener Gottes. Er hat mir Offenbarung gewährt und mich zu einem Propheten gemacht und mich gesegnet gemacht, wo immer ich sein mag; und Er hat mir Gebet und Mildtätigkeit geboten, solange ich lebe, und hat mich versehen mit liebender Achtung gegenüber meiner Mutter; und Er hat mich nicht überheblich oder bar der Gnade gemacht.“

19:54,55

Und erinnere dich, durch diese göttliche Schrift, an Ismael. Siehe, er hielt immer sein Versprechen und war ein Gesandter Gottes, ein Prophet, der seinen Leuten Gebet und Mildtätigkeit zu gebieten pflegte und in der Sicht seines Erhalters Gunst fand.

22:41 sagt uns, dass Gott wohl den Betenden und Mildtätigen wohl gewahr ist .

…(wohl gewahr) jener, die selbst wenn wir sie auf Erden in sicherer Position einsetzen, weiterhin beständig das Gebet verrichten und aus Milttä geben und das Tun dessen gebieten, was recht ist, und das Tun dessen verbieten, was unrecht ist; aber bei Gott liegt das endgültige Ergebnis aller Geschehnisse.

Wenngleich es noch eine Vielzahl solcher Koranstellen gibt, ende ich mit 98:5

und überdies, ihnen wurde nichts anderes geboten, als dass sie Gott anbeten sollten, aufrichtig in ihrem Glauben an Ihn allein, sich abwendend von allem, was falsch ist, und dass sie beständig das Gebet verrichten sollten; und dass sie aus Mildtätigkeit ausgeben sollten: denn dies ist ein mit immerwahrer Triftigkeit und Klarheit versehenes Moralgesetz.

In wenigen Minuten werden wir das Freitagsgebet verrichten. Wir könnten dafür genauso gut zu Hause bleiben und da beten, wo wir es immer tun, doch kommen wir hier zusammen, um das gemeinsam zu tun. Dabei senden wir jeder einzeln einen Ton, zart wie ein Faden und zugleich kraftvoll wie ein Seil, hell wie der lichte Tag und zugleich dunkel wie die tiefste Nacht, eifersüchtig, hartherzig, unumsichtig und gnädig zugleich. Unseren eigenen Ton, der sich manchmal Bahn bricht, entgegen unseren Wünschen und unserem Verstand. Manchmal ist es die reine Pflichterfüllung, die uns bewegt, in der Moschee zu beten, denn nicht immer kann der Mensch seine spirituellen, geistigen Ideale leben, und es gibt auch solche Pflichtmenschen, die dem Spirituellen wenig abgewinnen können, aber deren Ton stark und reißfest trägt. Jeder eigene Ton verbindet sich nun mit allen anderen Tönen in diesem Raum und alle zusammen

hallen hinaus ins Universum. Das Gebet hält uns nicht einfach zusammen als Gemeinde, sondern wir sind die Verkörperung der Schöpfung als Einheit. Indem sich unsere Einzeltöne miteinander verbinden, verbinden auch wir uns miteinander. Sure 62 Vers 9 erinnert uns: Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Wenn am Tag der Gemeindeversammlung (also des Freitagsgebets) der Ruf zum Gebet ertönt, eilt zum Gedenken Gottes und lasst allen weltlichen Handel: dies ist zu eurem eigenen Wohl, wenn ihr es nur wüsstet. Und wenn das Gebet beendet ist, zerstreut euch freizügig auf Erden und sucht etwas von Gottes Huld zu erlangen; aber gedenkt Gottes oft, auf dass ihr einen glückseligen Zustand erlangen möget! Doch es kommt vor, dass wenn Leute einer Gelgenheit für weltlichen Gewinn oder eines vergänglichen Vergnügens gewahr werden, sie üerstürtzt dorthin eilen und dich stehen und predigen lassen. Sag: Das was bei Gott ist, ist weit besser als alles vergängliche Vergnügen und aller Gewinn! Und Gott ist der Beste der Versorger!“

Mawlid al Nabawi: a beatifull sunnah is Istikharah Prayer

Mawlid al Nabawi: a beatifull sunnah is Istikharah Prayer

What is Istikharah?

Istikharah is a du’a made in conjunction with non-obligatory prayer; it is a voluntary prayer that Prophet Mohammad ASWS recommended to anybody wanting to do something but feeling hesitant about doing it. It is seeking guidance in order to make the right decision. It is reported that Prophet Muhammad ASWS would have tough his companions to make Istikharah just as he would have tough them verses from the Quran. One should pray two units of non-obligatory (voluntary) prayer and then say the du’a of Istikharah.

Du’a of Istikharah

O Allah, I ask You to show me what is best, through Your knowledge, and I ask You to empower me, through Your power, and I beg You to grant me Your tremendous favour, for You have power, while I am without power, and You have knowledge, while I am without knowledge, and You are the One who knows all things unseen. O Allah, if You know that this matter (mention the thing to be decided) is good for me in my religion and in my life and for my welfare in the life to come, then ordain it for me and make it easy for me, and then bless me in it. And if You know that this matter is bad for me in my religion and in my life and for my welfare in the life to come, then distance it from me, and distance me from it, and ordain for me what is good wherever it may be, and help me to be content with it”.

Allahumma innee astakheeru-ka bi-’ilmik wa astaqdiru-ka bi-qudratik wa as-alu-ka min fadlikal-‘azeem fa-inna-ka taqdiru wa laa aqdir wa ta’lamu wa laa a’lam wa Anta ‘Allamul-ghuyoob. Allahumma in kunta ta’lamu anna hadhal-amr khairul-lee fee deenee wa ma’aashee wa ‘aaqibati amree faqdur-hu lee wa yassir-hu lee thumma baarik lee feeh. Wa in kunta ta’lamu anna hadhal-amra sharrul-lee fee deenee wa ma’aashee wa ‘aaqibati amree fasrifhu ‘annee wasrifnee ‘anh waqdur liyal-khayra haythu kaan thumma ardhinee bih.

When to recite the du’a of Istikharah

It is recommanded in our tradition to recite the du’a of Istikharah either before or after the tasleem. Some scholars recommend before, because Prophet Muhammad himself ASWS used to make a lot of du’a before the tasleem.

When to pray Istikharah

Islamic scholars agree that Istikharah is suggested when a person does not know the right decision to make. If one is unsure about whether or not his or her or their possible actions would bring about good in both this world and the hereafter. If a person is hesitating, not knowing if “it” is the right thing to do then Istikharah is the du’a that may set his mind at ease. It is the du’a that acknowledges Allah as the only strength and only power in this world. His / Her/ Its guidance is necessary to ensure that human beings follow the straight and correct path that leads to a blissful life everlasting.

For instance, if a person wants to find out the right time to do something, such as whether or not to do voluntary Hajj this year, or to propose marriage to a particular person, then it is acceptable and recommended that he or she prays Istikharah. Understand carefully that

Istikharah is for matters that are considered either recommended or permissible. It is for cases in which there is a conflict. Should I give to this charity or the other? Should I apply for this halal job or another? One should prays Istikharah concerning the thing he or she or they think is more likely to be better and then go ahead with doing it.

It is recommended, before praying Istikharah, to consult someone whom you know is sincere, caring and has experience, and who is trustworthy with regard to his or her or their religious commitment and knowledge.

Alhamdouli Allah – Alla praises ought to be addressed to Allah.

Oua Allahou a’lam – Allah is The omniscient.

Some common mistakes concerning Istikharah are generally as follow:

Believing that there is a set number of times to pray Istikharah.

There is no set time period for praying Istikharahand it is permissible to repeat it more than once.

Believing in the need for a dream.

Some people believe that after praying Istikharah they should experience a dream or feeling of ease. This is not correct. Even without such a thing, if a person makes a decision it should be hoped, due to the sincere du’a of Istikharah, that this will be the best decision.

Believing that the du’a was not answered.

If a person does not succeed in a decision he takes after praying Istikharah this does not mean that the du’a did not bring about what was best. Often it is a case of Allah knowing what is best while we human beings do not. If we take particular note of the words of the

du’a we will notice we are not only asking Allah for what is best but also asking Him / Her / It to remove from us, things of no benefit to us, either in this life or in the hereafter.

After praying Istikharah if Allah makes things easy for you then this is a sign that the thing you decided is good for you and if obstacles come in the way and things become difficult then this is an indication that Allah is pushing you away from a bad decision. Finally, Istikharah is not prayed for matters that are considered obligatory acts of worship or legal citizen duties. And let’s not orget that egocentrism and hatred or discriminations are not part of the good deeds Allah has implemented into the Quran’ic ethics, since the last sermon of the Prophet Muhammad ASWS was the following one, according to the tradition:

O People, just as you regard this month, this day, this city as Sacred, so regard the life and property of every Muslim as a sacred trust. Return the goods entrusted to you to their rightful owners. Hurt no one so that no one may hurt you. Remember that you will indeed meet your Lord, and that He will indeed reckon your deeds. God has forbidden you to take usury (interest), therefore all interest obligation shall henceforth be waived. Your capital, however, is yours to keep. You will neither inflict nor suffer any inequity. God has Judged that there shall be no interest, and that all the interest due to Al-Abbas ibn Abd’el Muttalib shall henceforth be waived…

Beware of Satan, for the safety of your religion. He has lost all hope that he will ever be able to lead you astray in big things, so beware of following him in small things.

O People, it is true that you have certain rights with regard to your women, but they also have rights over you. Remember that you have taken them as your wives only under a trust from God and with His permission. If they abide by your right then to them belongs the right to be fed and clothed in kindness. Do treat your women well and be kind to them for they are your partners and committed helpers. And it is your right that they do not make friends with any one of whom you do not approve, as well as never to be unchaste.

O People, listen to me in earnest, worship God, perform your five daily prayers, fast during the month of Ramadan, and offer Zakat.Perform Hajj if you have the means.

All mankind is from Adam and Eve. An Arab has no superiority over a non-Arab, nor does a non-Arab have any superiority over an Arab; a white has no superiority over a black, nor does a black have any superiority over a white; [none have superiority over another] except by piety and good action. Learn that every Muslim is a brother to every Muslim and that the Muslims constitute one brotherhood. Nothing shall be legitimate to a Muslim which belongs to a fellow Muslim unless it was given freely and willingly. Do not, therefore, do injustice to yourselves.

Remember, one day you will appear before God and answer for your deeds. So beware, do not stray from the path of righteousness after I am gone. 

O People, no prophet or apostle will come after me, and no new faith will be born. Reason well, therefore, O people, and understand words which I convey to you. I leave behind me two things, the Quran and my example, the Sunnah, and if you follow these you will never go astray.

All those who listen to me shall pass on my words to others and those to others again; and it may be that the last ones understand my words better than those who listen to me directly. Be my witness, O God, that I have conveyed your message to your people.“

Thus the beloved Prophet completed his Final Sermon, and upon it, near the summit of Arafat, the revelation came down:

„…This day have I perfected your religion for you, completed My Grace upon you, and have chosen Islam for you as your religion…“ (Quran 5:3)

Even today the Last Sermon of Prophet Muhammad is passed to every Muslim in every corner of the world through all possible means of communication. Muslims are reminded about it in mosques and in lectures. Indeed the meanings found in this sermon are indeed astounding, touching upon some of the most important rights God has over humanity, and humanity has over each other. Though the Prophet’s soul has left this world, his words are still living in our hearts. And may Allah be present in each and every decision we make in our everyday earthly life.  Ameen.

Salam ‘aalaykoum, koumou ili al-salat – let’s stand up to pray.

By: Imam & Dr. Ludovic-Mohamed ZAHED

Zusammenspiel von Glaube und Wissen

Wege der Erkenntnis – Zusammenspiel von Glaube und Wissen

In vielen Zusammenhängen benutzen wir die beiden Wörter: Glaube und Wissen.
Aber in welchem Verhältnis stehen beide zueinander?
In der Antike wurde die Wissenschaft bzw. das Wissen als die bestimmende Erkenntnisform gegenüber dem Glauben angesehen, weil sie durch ihren Forscherdrang zur Verbesserung der menschlichen Lebensform beitrug.
Aber wo blieb da der Glaube, wurde er zu geringgeschätzt? Gehört denn nicht nur die Forschung zum Leben, sondern auch die Bedingungen, ein Wertebewusstsein dazu? Die Menschen würden doch sonst nur zu menschlichen Maschinen herabgewürdigt.
Nun stellen sich die Fragen: Was ist Glaube und was Wissen? Ist es wichtig, sie zu unterscheiden und kann Glaube und Wissen in Einklang gebracht werden?
Schon seit der Antike beschäftigten sich die Menschen mit der Frage, wie die Erde aufgebaut ist, warum wir auf der Erde sind, was der Sinn des Lebens, unsere Daseinsberechtigung ist. Es entstanden die verschiedensten Religionen, Philosophien, Denkrichtungen, Weltanschauungen. Sie alle versuchten Fragen zu klären und zu definieren, was eigentlich Glauben und Wissen ist und ob es einen Unterschied oder ein Zusammenspiel gibt.

Wissen bedeutet Bewusstsein von Regeln, Fakten, Erkenntnissen. Wissen wird als eine nachweisbar wahre Meinung oder Feststellung dokumentiert und muss sich dementsprechend von Glauben und Überzeugungen unterscheiden. Der Inhalt von Wissen kann richtig oder falsch sein, erkennbar durch wissenschaftliche Experimente und Überprüfbarkeit. Der Gegenstand des Wissens muss wahr sein, also kein gedachter Gegenstand.
Sokrates hat festgestellt, dass der Mensch weiß, dass er nichts weiß.
Das arabische Wort für Wissen ist ‚ilm‘. Im islamischen Mittelalter wurde Wissen von vielen muslimischen Gelehrten unterschiedlich interpretiert, z.B. „Das Entstehen der Vorstellung einer Sache“, „Das Begreifen eines Begriffs unabhängig davon, ob es gewiss ist oder nicht“, oder „Erkennen einer Sache, dessen Wahrheit gewiss ist.“ Der islamische Philosoph und Gelehrte Farabi im 10.Jh. behauptet, dass es drei Quellen von Wissen gibt: Vernunft und die 5 Sinne des Menschen, Beobachtung und Instinkt.
Avicenna, bekannt als Ibn Sina, gestorben im Jahr 1037, ein Universalwissenschaftler bringt das Wissen aus Sicht ihres Wesens und ihrer Form in drei Kategorien: Naturwissenschaften, Metaphysik, Logik und höheres Wissen und Wissen, was zwischen den ersten beiden steht.
Al-Ghazali, ein persischer islamischer Theologe, Philosoph und Mystiker und zählt bis heute zu den bedeutendsten religiösen Denkern des Islams, unterteilt Wissen in zwei Kategorien: praktisches Wissen und religiöses Wissen, d.h. Wissen durch Lesen und Denken und Wissen durch göttliche Inspiration, wir sagen dazu: wahy.
Viele Koranverse weisen auf den hohen Stellenwert von Wissen hin und immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der Wissenserwerb erstrebenswert ist, z.B. in der Sure Al-Anbiya, 7: „So fragt doch die Wissenden“ oder in Taha, 114: „Sprich: ‚Mein Herr, mehre mein Wissen.‘“
Das heißt, ausgehend von den religiösen Quellen sollte der Mensch stets Wissen erwerben, zum Nutzen für ihn selbst und für seine Umwelt, seine Gesellschaft. Wissen ist also auch in der Religion nötig, um es in der religiösen Praxis anwenden zu können.

Was ist nun Glaube und was ist der Unterschied zum Wissen?
In der Umgangssprache wird „glauben“ meist im Sinne von „vermuten, erwarten meinen“ gebraucht. Nach religiösem Verständnis bedeutet es „vertrauen auf etwas oder auf jemandem, sich verlassen auf jemanden, offensein auf Offenbarung, auf Eingebung. Es ist mehr eine Herzensangelegenheit. Es ist ein Verständnis von Gott. Die erste Säule des Islam lautet: „Es gibt keinen Gott außer Gott“ Lā ilāha illā ʾllāh لا إله إلا الله. Es ist der erste Teil des Glaubensbekenntnisses und kommt in dieser Form im Koran an zwei Stellen vor: in Sure 37:35 und in Sure 47:19. Die weiteren Säulen sprechen über das tägliche rituellen Gebet, geben Kunde über die soziale Spende, über das Fasten während des Ramadan und über die Wallfahrt nach Mekka. Es wird überliefert, dass eines Tages der Engel Jibril (Gabriel)dem Propheten Muhammad und seinen Gefährten in Menschenform erschien und den Propheten fragte: „Was ist der Glaube?“ Der Prophet erklärte sinngemäß: „Glaube (Iman) ist, dass du an Gott glaubst, dass du an die Engel glaubst, dass du an die offenbarten Schriften glaubst, dass du an die Vorherbestimmung glaubst, dass du an den Jüngsten Tag glaubst.“

In der philosophischen Erkenntnistheorie wird Wissen oft mit Glauben konfrontiert. Zu glauben, dass etwas ist oder existiert, kann manchmal auf eine Unsicherheit, auf eine Zweifelhaftigkeit hinweisen. Das Wissen dagegen bedeutet Sicherheit, Unzweifelhaftigkeit. In Bezug auf Religion bedeutet also Wissen Gewissenhaftigkeit und Glaube Vermutung.
Wissen kann auch eine persönliche Bedeutung haben. Wenn ich mich z.B. gedanklich mit wichtigen Fragen beschäftige, kann ich zu einem persönlichen Ergebnis kommen, von dem ich glaube, es sei richtig. Für mich kann es dadurch verbindlich werden. Ich akzeptiere das neue Wissen, eine andere Person muss es jedoch nicht.
Glaube steht in einer fortwährenden Beziehung zu unserem Unterbewusstsein, in dem Gefühle, Wünsche, Vorstellungen, Ideen verarbeitet werden und dann in unser Bewusstsein gelangen.
Aber erst durch die Beziehung zum islamischen Glauben erhält Wissen einen besonderen Stellenwert, denn ohne religiöses Wissen kann kein Glaube entstehen. Erst durch Wissen kann man eine Überzeugung entwickeln und dann an etwas glauben. Durch das Studium des Korans und der Hadithe erlangt man Wissen und zu Überzeugungen, die dann den Glauben stärkt.
Das Verhältnis von Glauben und Wissen unterliegt ständiger Veränderungen, sowohl individuell oder auch generell, bedingt durch Widersprüche, neues Wissen, Neigungen, sogar ein anderes Verstehen oder persönliche Erfahrungen.
Bis in die heutige Zeit versuchen die Religionsgelehrten, ihre Anhängerschaft, Gemeinden, ganze Strömungen zu disziplinieren, zu einem Verhalten zu einem Befolgen einer Richtung zu leiten, ihre eigene Gedanken zu steuern, bzw. Meinungen aufzuzwingen, um vorteilhafte gesellschaftliche Wirkungen zu erzielen. Es war nicht die Frage, was geglaubt wurde, sondern dass man nicht in Konflikt mit dem Gesamtinteresse der Gesellschaft bzw. mit der Obrigkeit geriet.
Oft hören wir von muslimischen Gelehrten am Ende ihres Vortrages oder am Ende ihrer Schrift die Worte: „Gott weiß es am besten.“ Es bedeutet nicht nur Bescheidenheit, sondern kann auch Pluralität Raum, also ein Nebeneinander, eine Koexistenz von verschiedenen Strömungen geben. Daher ist es möglich, dass völlig verschiedene Meinungen zu einem gleichen Thema nebeneinander existieren können. So war es im islamischen Mittelalter und auch heute. Da begegneten sich Christen, Juden, Muslime auf Augenhöhe bei der Arbeit, beim Forschen, im täglichen Leben und in freundschaftlichen Streitgesprächen.

Der Koran spricht in sehr vielen Versen davon, dass nur Gott der einzig Wissende ist. Nur Er hat das absolute Wissen über Dinge und Vorgängen. Von Ihm haben die Menschen Auffassungsvermögen und Verstand erhalten. Propheten sandte Er nur aus Barmherzigkeit und mit einem kleinen Teil Seines Wissens in Form von Botschaften wie die Thora, dem Alten und Neuen Testament und dem Koran. Dennoch, Gott hat den Menschen viele Möglichkeiten geboten, um Seine Barmherzigkeit und Sein Wohlgefallen zu erlangen. Wissen ist eindeutig, aber wir erhalten nur eingeschränktes Wissen, dafür haben wir den Glauben.

Betrachten wir die Zeit der Goldenen Jahre in der islamischen Welt. Der Glaube und der Koran und die Hadithe waren die ersten Quellen und Ausgangspunkt von weltlichen Wissenschaften. Um in der richtigen Zeit beten zu können, musste man sich mit der genauen Zeitmessung beschäftigen. Das erforderte Wissen in der Mathematik, in Astronomie. Das Gebet musste in die richtige Richtung erfolgen, also entwickelte sich die Geografik. Die Almosensteuer und die Erbverteilung musste berechnet werden, also vertieften die Wissenschaftler ihre mathematischen Kenntnisse.

Die muslimische Welt versuchte also die Welt zu erforschen und den Rahmen dazu gab die Religion selbst, um die Auslegungen des Korans zu befolgen.

Zum Glück konnte man sich auf vorhandenes Wissen stützen, das der Griechen oder der Perser oder Inder, was weiterentwickelt wurde. Man kann sogar sagen, dass als Nebenprodukt die wichtigsten Impulse zum Empfang des griechischen Rationalismus durch Muslime zurück nach Europa gebracht wurde. In Europa hatte man die griechische Philosophie vergessen und erst durch ihre Aufarbeitung in der islamischen Welt konnte es zurück nach Europa gelangen und begründete dort die Renaissance, ihre Wiedergeburt.

Wir sehen, dass Glaube und Wissen nicht dasselbe sind, aber sie widersprechen sich nicht, können sogar gut miteinander auskommen.
Normalerweise erziehen Eltern ihre Kinder in ihrem eigenen Glauben, denn er hat für sie eine Bedeutung und soll auch bei den Kindern verbindlich nachstrahlen. Somit strahlt dadurch ihr Glaube über die Subjektivität der Eltern hinaus. Es kann deshalb nicht dem Gläubigen egal sein, nur in seinem Kämmerlein seinen Glauben zu leben, sondern durch die Beziehung zu den Menschen bei der Arbeit, im täglichen Leben, wirkt es sich auch auf diese anderen Menschen aus, auf seine Umwelt. Das heißt, der Glaube kann weder subjektiv noch privat sein. Er liegt zwar in der individuellen Entscheidung und bedarf einer grundrechtlichen Sicherheit. Aber in seinem Geltungsanspruch wird der ganz private Glaube öffentlich, weil der Gläubige sich nicht nur vor Gott beweisen möchte, sondern auch vor seinem Nachbarn, vor seinen Mitmenschen. Wenn man das also weiterverfolgt, kann es dem Gläubigen nicht egal sein, was sein Glaube, sein Bekenntnis in der Gesellschaft bedeutet, insbesondere in der heutigen Gesellschaft, sogar hier in dieser Moschee. Aber wenn die Gesellschaft dem Glauben die nötige Aufmerksamkeit schenkt, muss der Glaube sich einer kritischen Prüfung gefallen lassen, so wie jetzt der Islam in Europa. Wir können uns also nicht in ein Mauseloch verkriechen und nicht nur eventuelles Unliebsames erdulden, sondern auch Stellung beziehen, mit anderen Gläubigen sozusagen an einem Strang ziehen.
Nun: Ich habe mich bemüht, aber Gott weiß es am besten.g

Licht und Dunkelheit

Licht und Dunkelheit

Der Friede und die Gnade Gottes seien mit Euch!

In zwei Tagen, am 11.November, findet wieder einmal, wie in jedem Jahr, das Laternenfest statt, und das ist schon immer mein Lieblingsfest. Schon als Kind fand ich es wunderschön und bewegend. Kinder im Kindergartenalter und in den frühen Grundschuljahren laufen mit ihren leuchtenden Laternen durch die Straßen der Stadt, in einem Monat, der von Dunkelheit geprägt ist.

Auch ich war einige Jahre lang so ein Laternenkind. Einmal, ich war ungefähr sechs Jahre alt, zündete ich meine Laterne für den Heimweg von der Nachmittagsbetreuung an, und lief allein mit dem brennenden Lichtchen nach Hause. Natürlich hatte ich sie selbst gebastelt. Mit schwarzem Tonpapier und ausgeschnittenen, mit Pergamentpapier hinterklebten, Sonne, Mond und Sterne. Das Dunkel des Abends gab ein seltsames Gefühl von Freiheit. Sturm und Nieselregen ließen mich angenehm frösteln. Schon immer liebe ich den Sturm und den Regen und erinnere mich an viele solcher Spaziergänge in meiner Kindheit. Als Kind war ich viel allein, und Wind und Regen waren meine liebsten Freunde. Meine ganze kindliche, innere Trauer spiegelte sich im Regen, er spiegelte und spiegelt auch heute noch immer wieder mein inneres Gefühl oder repräsentiert es, so dass ich das Innere und das Äußere als stimmig empfinde. Aus der Stimmigkeit des Inneren und des Äußeren ergibt sich ein Zustand seelischen Wohlseins. Gleichsam verhält es sich mit dem Sturm. Der innere Sturm der Gefühle wird Wirklichkeit im tatsächlichen Sturm das Außen. Auch heute noch fühle ich mich bei Wind und Regen am meisten mit mir selbst in Einklang.

An besagten stürmischen Abend erinnere ich mich jedoch noch aus einem anderen Grund. Es war so windig, dass meine Laterne hin und her schwankte, bis sie schließlich Feuer fing.  Die Laterne fiel auf den Bürgersteig; und mit meinen olivgrünen Turnschuhen trat ich darauf, um das kleine Feuer zu löschen. Aus der Narrativitätstheorie wissen wir, dass uns die Erinnerungen oft täuschen. Wahrscheinlicher ist, dass der Wind das Kerzenlichtchen ausgeblasen hat, und die Laterne nicht wirklich brannte. Doch weiß ich noch genau, wie sie aussah, meine Laterne, und wie ich mich über sie gefreut hatte.

Weil nun also in zwei Tagen das Laternenfest gefeiert wird, möchte ich heute darüber sprechen. Über das Licht – und über die Dunkelheit, denn auch für ein dunkles Gedenken ist heute der Tag.

Durch die Straßen auf und nieder, leuchten die Laternen wieder.

Rote, gelbe, grüne, blaue,

lieber Martin komm und schaue!

Wer ist Martin? Martin von Tours, später der heilige Martin, war es, der durch sein Handeln den Anlass zum Feiern des Laternenfestes gab.

Martin war ein römischer Soldat, der im vierten Jahrhundert in Frankreich diente. Als er eines kalten Wintertags in seinem roten Umhang über einen Marktplatz ritt, sah er einen Bettler auf dem eisigen Boden sitzen. Martin zog die Zügel an, hielt inne und stieg von seinem Pferd. Schnell zog er sein Schwert aus der Scheide und schnitt den warmen Umhang in zwei Teile. Einen Teil behielt er für sich selbst. Den anderen  gab er dem Bettler; doch als ihm dieser danken wollte, war Martin schon wieder auf sein Pferd gestiegen und davon geritten.

Die Geschichte geht noch weiter, doch der Rest ist für uns hier heute unerheblich. Im Angedenken an diesen Martin basteln die Kinder also überall in Deutschland Laternen und ziehen durch die Straßen ihrer Stadt. Sie bringen Kekse und Bretzeln mit sich, die sie mit anderen, fremden Kindern und Erwachsenen teilen.

Eine ganze Nation von Kindern gedenkt eines Menschen, weil er seinen Mantel geteilt hat; gedenkt ihm mit einem kleinen, unter Mühe und Aufwand mit ihren noch unbeholfenen Händchen hergestellten Lichtlein, um zu zeigen, dass dieser Mensch Licht in unsere Welt gebracht hat, indem er etwas Gutes tat.

Ich liebe dieses Fest in seiner einfachen Aussagekraft.Ohne das Austeilen von Geschenken, ist es kaum kommerzialisierbar, und ist nicht mehr als ein Spaziergang durch den dunklen Abend des Herbstes, mit einem kleinen Lied. Das Laternelaufen birgt ein Geheimnis, denn wie bei Sturm und Regen verbindet sich auch hier das Innere mit dem Äußeren. Das Licht unseres Herzens oder unserer Seele wird sichtbar in dieser kleinen Laterne. Die Liebe, die in uns wohnt, einfach so, scheinbar vollkommen ohne Anlass, wird repräsentiert durch dieses kleine Licht. Das Licht ist gleichermaßen die Liebe und die Mitmenschlichkeit; die Laterne eine Realisierung der Metapher. Das Fest vermittelt eine Vision von Welt, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen verständlich ist. Die Welt wird besser, oder erträglicher, wenn wir Gutes tun. Dann scheint, oder leuchtet, unser Inneres nach außen und wir werden irgendwie ganz. Und wieder entsteht durch die Einheit des Innen und des Außen ein Gefühl von Wohlsein. Dazu brauchen wir vielleicht keine Religion. Wir wissen, was „Gutes tun“ heißt. Hierfür sind wir mit Spiegelneuronen ausgestattet. Doch weil sie ausgeschaltet werden können, verschüttet unter erlebten Boshaftigkeiten oder gar Grausamkeiten, hat Gott uns nochmal vorsichtshalber in all seinen Schriften gesagt, was wir tun sollten, damit die Welt eine bessere wird. Hierfür gibt es besonders im Koran klare Anweisungen. Das ist sozusagen eine seiner Stärken. In der Bibel steht, wir sollen unseren Nächsten lieben. Im Koran steht noch einmal ganz genau, was dazu gehört. Dies führte allerdings unter manchen von uns Muslimen zu einer Art Missverständnis, das es zu bedenken gilt, oder zu einer Art Unzulänglichkeit.

Im Koran steht genau aufgelistet, was wir tun sollen, damit die Welt eine bessere wird; nämlich beispielsweise, dass und wie wir die Waisenkinder versorgen sollen und die Eltern, wenn sie alt sind. Dort steht etwas von Morgengabe, um Frauen nach der Scheidung versorgt zu sehen.

Dort steht, dass wir Zakat entrichten müssen, um von dem zurück zu geben, was uns gegeben wurde, dass wir Opfer bringen sollen, Schafe oder Geld, damit andere nicht hungern, und dass wir fasten sollen, um uns zu reinigen, und beten.

Auf diese Weise bringt man die Ressourcen an die richtigen Stellen.  Alle diese Tätigkeiten sind wichtig und ehrenhaft, bringen Licht in die Welt, und dürfen nicht gering geschätzt werden. Sie sind im Koran als Anweisungen formuliert, für diejenigen Menschen, die sich Gläubige nennen und die hoffen, nach dem Tod ins Paradies zu kommen, an einen guten Ort, frei von Unrecht und Leid.

Vielleicht kennen wir solche Menschen, die alles richtig machen; die alles zahlen, mit ihrem Geld, und die großen, wichtigen Gebote erfüllen. Man sieht, wie gut sie sind und kann quantitativ nachweisen, wie sie die Welt verbessern. Und dennoch gibt es hier noch eine Kleinigkeit hinzuzufügen.

Die folgende Geschichte mag uns beim Reflektieren helfen:

Als eines Tages ein rechtschaffener Mann, der nur Gutes getan und alle Gebote stets erfüllt hatte, verstarb und nun vor Gott stand, fragte ihn dieser, auf welcher Bemessungsgrundlage er in den Himmel kommen wolle – auf der Grundlage seiner unendlich vielen guten Taten, oder auf der Grundlage von Gottes Gnade. Der Mann überlegte nicht lange, denn er hatte in der Tat so viel Gutes getan, dass ihm der Weg ins Paradies sicher sein musste. So sagte er, „auf der Grundlage meiner Taten“. Dies war ein Fehler. Er kam, so erzählt uns die Geschichte, nicht ins Paradies.

Das Missverständnis ist dies, dass die ganzen guten Taten ausreichen könnten; doch die Menschheit braucht mehr.  Diese „Mehr“ verbirgt sich in der Martinsgeschichte gewissermaßen in der Geschwindigkeit. Martin hatte nämlich seinen Entschluss so schnell gefasst und seine Handlung so prompt ausgeführt, dass sie praktisch eins waren – Entschlussfassung und Handlung. Wir erinnern uns. Er ritt davon, bevor sich der Bettler bei ihm bedanken konnte.  Der Abstand zwischen Entschlussfassung und -ausführung, ist ein Indikator für die Wucht unserer Empfindungen, dafür, wie stark wir innerlich bewegt sind. Martin hatte es offensichtlich nicht ertragen, den armen Menschen dort sitzen zu sehen und war von Mitleid dermaßen überwältigt worden, dass er intuitiv Gutes tun wollte, oder vielleicht musste, unbedacht aller möglichen Konsequenzen. Das hat mit dem Erfüllen rational durchdachter Anweisungen aus göttlichen Schriften nur bedingt zu tun. Er ging nämlich nicht los, um für den Bettler einen Mantel zu kaufen. Er ging nicht nach Hause, holte drei Goldstücke und gab sie dem Bettler. Er sammelte nicht in einer Spendenaktion für die Armen, und er gab nicht seinen ganzen Umhang, um sich anschließend einen neuen zu besorgen. Um nicht missverstanden zu werden – dies alles wären auch gute Entscheidungen gewesen. Doch Martins Entscheidung war nicht rational, sondern geprägt von einem innigen, spontanen, drängenden Gefühl der Liebe zu einem anderen Menschen. Wir nennen es auch Barmherzigkeit, Rahme. Und auch hierzu sind wir angehalten. Dies ist ein Abbild der Liebe Gottes zu uns. Auf diese Weise wird sie vollständig, die Erfüllung der Anweisungen. Manchmal tritt dieses Gefühl der Mitmenschlichkeit zurück hinter die Regeln und Anleitungen. Dann ist es gut, diese dennoch zu erfüllen. Gleichsam ohne Empfindungen, aber mit dem Wissen, dass man etwas Gutes bewirkt. Doch manchmal fühlen wir uns direkt gerührt. Es ist ein gutes Gefühl, und wir sollten es nähren. Wird es im Alltagsgeschehen verschüttet, verschwindet unter Arbeit, Einkäufen und Erledigungen, dann brauchen wir Ruhe und Zeit, damit es wieder seinen Weg an unsere innere Oberfläche findet, das Gefühl der Liebe für unseren Nächsten.

Das Gegenteil von Licht und Helligkeit ist die Dunkelheit. Das Gegenteil inniger Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gnade sind der Hass und die Verachtung. Heute, am 9. November, denken wir an die  Reichspogromnacht. Bei all dem zerbrochenen Glas, dessen kristallene Splitter durch den trügerischen Sonnenschein der folgenden Tage vielleicht gefunkelt haben mögen, ist es eine Nacht furchtbarer Dunkelheit. All die kleinen Lichter, die die Welt erleuchteten, mussten sich nun versteckten und viele von ihnen erloschen ganz. In vielen Herzen erlosch das vielleicht wertvollste Licht der Hoffnung.

Vor Jahren sah ich einen Dokumentarfilm, zusammengeschnitten aus real gefilmten Begebenheiten der 1940er Jahre im Warschauer Ghetto zeigt zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Sie waren so klein, sie hätten mit ihren Lichtchen singend durch die Straßen laufen sollen. Sie hatten keine Angehörigen, keinen einzigen. Während sie allein auf dem kalten Bürgersteig saßen, hofften sie auf eine Kleinigkeit zu essen. Doch im ganzen Ghetto gab es kaum ein Stück Brot. Keiner gab ihnen etwas. Nach einer Weile fiel der kleine Junge um und starb. Er fiel einfach um.  Das Mädchen blieb regungslos sitzen. Ich stellte mir vor, wie es am Abend alleine nach Hause gehen und niemanden mehr vorfinden würde, der es versorgen könnte. In der Dunkelheit der Nacht würde es sich selbst beweinen und mit sich die ganze Welt aller verlassenen Kinder und all derer, die einmal Kinder waren, würde all jene beweinen, die hungrig ins Bett gingen, oder deren Angst vor der Dunkelheit im Inneren der Menschen ins Unermessliche stieg.

Das Dunkel umfasst uns manchmal persönlich in Form einer kleinen Dunkelheit im Alltag unseres behüteten Daseins – aber unter Umständen auch vollkommen und groß, gleichsam ohne Ausweg und gänzlich ohne Hoffnung auf ein baldiges Licht. Immer ist sie schrecklich. Doch die Ausweglosigkeit ist wohl das Schlimmste.

Zu jeder Zeit braucht Gottes Schöpfung ein Licht. Wir sind aufgefordert, dieses Licht zu sein; das in uns wohnende Licht scheinen zu lassen durch unsere Mitmenschlichkeit.

Versorgt die Waisenkinder! Im Koran steht es immer wieder. Es steht stellvertretend für alles Gute, was man an denen tut, für die es nötig ist.

In Sure 4:6 lesen wir exemplarisch

„Und prüft die Waisen, bis sie das Heiratsalter erreicht haben. Und wenn ihr an ihnen Besonnenheit feststellt, so händigt ihnen ihren Besitz aus. Und verzehrt ihn nicht maßlos, ihrem Erwachsenwerden zuvorkommend. Wer reich ist, der soll sich enthalten; und wer arm ist, der soll in rechtlicher Weise davo zehren. Und wenn ihr ihnen dann ihren Besitz aushändigt, so nehmt Zeugen vor ihnen. Doch Allah genügt als Abrechner.“

In 89:17-20 spricht Gott über Menschen, die sich nicht an seine Gebote hielten:

„Keineswegs! Vielmehr behandelt ihr die Waise nicht freigiebig und haltet euch nicht gegenseitig zur Speisung des Armen an, und ihr verzehrt das Erbe, ja ihr verzehrt es ganz und gar!“ Gemeint ist wohl das Erbe der Waisen, das sie brauchen, um zu überleben.

Die Botschaft, wie wir Licht in die Welt bringen, ist deutlich formuliert.

Als Sankt Martin am Abend des Geschehens nach Hause kam, hatte er einen Traum. Im Traum erschien ihm Jesus mit Martins rotem Umhang und sagte zu ihm: „Was du dem Bettler getan hast, hast du mir getan“.

Für Christen und Muslime gilt hier das Gleiche.

Bei Muslim ist überliefert:

Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: „O Sohn Adams, Ich war krank, und Du hast mich nicht besucht.“
(Der Mensch) wird antworten: „O Herr, wie kann ich Dich besuchen, wo Du (doch) der Herr der Welten bist!“
(Allah) wird sagen: „Wusstest du nicht, dass einer meiner Knechte krank war, und du hast ihn nicht besucht? Wusstest du nicht, dass wenn du ihn besucht hättest, du Mich bei ihm gefunden hättest?” [Muslim]

Man könnte auch sagen, wusstest du nicht, dass ich in jedem Menschen stecke? Und das damit auch meine Liebe in jedem Menschen steckt? In denen, die versorgt werden und in denen, die versorgen.

Die Kinder singen

„ Lasst von uns euch sagen, du sollst ein Lichtlein tragen.“

Wir tragen in unseren Herzen ein Licht. Es möchte nicht dort eingesperrt sein, sondern hinaus in die Welt. Noch einmal: Wenn es scheint, ergibt sich durch die Einheit von Innen und Außen ein Zustand des Wohlseins – für uns selbst,  und für die Anderen. Möge auch der folgende Vers uns Wohlbefinden schenken und uns erinnern, dass wir nicht allein sind, sondern eingebunden in eine wunderbare Schöpfung, deren Teil zu sein uns mit Verantwortung betraut und mit Freude versorgt: Sure 24 (Al Nur), vers 35

„Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne dass das Feuer es berührt hätte. Licht über

Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und Gott weiß über alle Dinge Bescheid.“

Mut

Mut

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt: „Warum unterschreibst du deine Khutbas nicht mit deinem Namen?“ Ich war zuerst erstaunt, dann machte es mich ziemlich betroffen. Ich hatte sie absichtlich nicht mit meinem Namen gekennzeichnet. Es war für mich ein Schutz, wenn jedermann meine Predigten lesen kann. Es kann sie ja auch jemand lesen, der nicht besonders gut auf das Thema, auf diese Moschee oder auf mich zu sprechen ist und mir übel mitspielen will. Im Nachhinein überlegte ich mir: Verkrieche ich mich hinter dieser Ausrede, mache ich mich damit kleiner? Brauche ich mehr Mut?

Als ich dann später mit den Geräten in meinem Fitnessclub kämpfte und nebenbei über das Gespräch nachdachte, sah ich dort ein neues Motto an der Wand: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ich überlegte: Was hat das mit Mut zu tun? Sehr viel! Also fasste ich den Entschluss, über das Thema “Mut“ zu sprechen. Ich möchte über den Mut der Gelehrten über Jahrhunderte hinweg, über den Mut heutiger Menschen sprechen.

Was bedeutet eigentlich etymologisch Mut? Es stammt aus dem Indogermanischen und bedeutet soviel wie: sich mühen, starken Willens sein, nach etwas streben; althochdeutsch etwa: Sinn, Seele, Kraft des Denkens, Wollens.

Mut steht als Charaktereigenschaft oft nicht allein.

Mut kann eine aktiv gestaltende oder aktiv verweigernde Handlungsrichtung bedeuten. Sie befähigt jemanden, sich gegen Widerstand und Gefahren für eine als richtig erkannte Sache einzusetzen. Mut erfordert dabei eine Entschlusskraft, ein sorgfältiges Abwägen, um eine eventuelle gefahrvolle Handlung zu tun oder zu verweigern z.B. zur Durchsetzung eines Rechts, für das Meistern einer gefährlichen Situation oder ein Unrecht zu beheben. Ich denke, dazu gehört auch das Nein-Sagen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es bedeutet z. B. bei einer Sache, auch wenn sie für andere sehr bedeutend ist, mal nicht mitzumachen, weil es eine andere, wichtigere Sache zu erledigen gibt. Sich dagegenstellen, wenn man merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das bedeutet außerordentlichen Mut zu beweisen. Es könnte ja sein, dass man sich nun gegen dich stellt oder du gar als Feind betrachtet wirst, zum Beispiel beim Beistehen eines Bedrohten.

Wie oft hört man oder liest man, dass jemand wieder zusammengeschlagen wurde und Leute verdrückten sich dabei. Viel zu wenig wird in einer solchen Situation von Unbeteiligten eingegriffen. Eine verbale Aufforderung zum Beenden bedeutet das großen Mut zu haben, man könnte jetzt ja selbst angegriffen, was ja auch schon geschehen ist. Aber selbst ein Telefonanruf ist schon eine kleine Hilfe

Dabei stehen sich Mut und Angst gegenüber, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern sollten sich zu einem ausgewogenen Zusammenspiel ergänzen.

Mut und Tapferkeit: Mut beweist jemand, wenn er sich in eine gefahrvolle Situation begibt, Tapferkeit bedeutet dann, wenn er die Situation trotz Rückschläge oder ähnliches bis zum Erfolg durchhält.

Mut als Emanzipation (d.h. Selbstbestimmung, Gleichberechtigung): Der deutsche Philosoph Immanuel Kant formulierte den Leitgedanken der Aufklärung so: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Eigentlich könnte dieses Motto in jeder Gemeinschaft angewendet werden. Es handelt sich um ein sozialethisches Verhalten aufgrund von Wertüberzeugungen, wenn z.B. die Integrität einer anderen Person, die Menschenwürde oder Menschenrechte bedroht werden und ein entsprechender Eingriff durch einen mutigen Mitmenschen notwendig wird.

Mut bezeugt man z.B. gerade heute, wenn es heißt: Flüchtlingen zu helfen, nicht zusehen, wenn in einer U-Bahn eine junge Frau betatscht oder belästigt wird oder dem besten Freund mal so richtig die Meinung geigen, auch wenn er dann dich für eine Weile böse ansieht. Aber wenn du damit ihm hilfst, etwas Negatives nicht zu tun, dann war es richtig.

Mut als Lernziel: Mut aufzubringen ist dementsprechend erlernbar. Es trägt wesentlich zur Formung der Persönlichkeit, zur überzeugenden Verfolgung eigener Lebensziele auch gegen Widerstände und zu einem selbstbewussten Auftreten in Bedrohungslagen und Konfliktsituationen bei.

Mut bedeutet also, den eigenen Verstand zu gebrauchen, seine eigene Meinung zu bilden, etwas zu riskieren, auch wenn man scheitern könnte, oder einfach der Angst ins Auge zu sehen.

Mutig ist man, wenn man sich zu dem bekennt, was man denkt und nicht einfach nur still ist vor Angst, oder mitzumachen ohne nachzudenken. Es ist das, wenn man sagt: Höre auf dein Herz und tu das, was dir guttut.

Mut ist immer eine Frage der Einstellung und damit eine Frage des Selbstvertrauens. Wenn ich nicht selber darauf baue, mein Ziel zu erreichen trotz eventueller Schwierigkeiten, dann habe ich vielleicht zu wenig Vertrauen in meinen Mut. Mut ist dabei eine positive, innere Einstellung zu sich selbst und zu seinen Fähigkeiten, d.h. ich muss mich selber einschätzen können. Ich kann mir dabei selber Mut machen, indem ich mir selbst gut zurede. Das ist bestimmt schon jedem passiert, dass er sich Mut einredet: „Das schaffst du! Du kannst das!“

Im Angstzustand malt man sich vielleicht aus, was passieren könnte, wenn man sich nicht überwinden kann. Man wird also versuchen, seinen ganzen Mut zusammenzukratzen.

Man kann also erlernen, mutiger zu sein, indem man das tut, wovor man gerade Angst hat und das wiederum bedeutet, dass man Selbstvertrauen gewinnt. Wie gesagt, Selbstvertrauen ist eine Voraussetzung für Mut.

Das setzt auch das Vertrauen zu sich selbst voraus, dass man mit einem eventuellen Scheitern umgehen kann. Wie oft passiert es, dass wir vor einem Problem stehen, dass uns krank macht, weil wir es nicht lösen können. Gerade in solchen Momenten brauchen wir unbedingt Selbstvertrauen, das Problem aus der Welt schaffen zu können, vielleicht auch mit Hilfe anderer. Man muss dabei nur den Mut haben, dass Problem beim Namen zu nennen. Francois Mitterrand, der ehemalige französische Staatspräsident, sagte einmal: „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern diese Angst zu überwinden.“ Nur dann hat man den Mut, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, seine eigene Meinung zu haben, sein Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellt.

Es gibt ein allgemeingültiges Gesetz, dass sich in zahlreichen heiligen Schriften der Religionen aus aller Welt findet: „Verhalte dich anderen gegenüber, wie du selbst behandelt werden möchtest. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und auf dein fühlendes Herz zu hören.“

In verschiedenen Religionen finden wir es:

Im Judentum: „Was für dich schmerzhaft ist, füge auch deinen Mitmenschen nicht zu. Das ist das Gesetz der Thora. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

Im Christentum: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin ist das Gesetz. Wer sagt: ‚Ich liebe Gott und hasst seinen Bruder‘, der ist ein Lügner, denn, wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht!“

Im Islam: „Der ist kein wahrhafter Gläubiger, der seinem Nächsten nicht das gleiche erweist, was er sich selber gerne tut. Handle allen Menschen gegenüber so, wie du wünschst, dass sie es dir gegenüber tun, und füge anderen nichts zu, was du nicht von ihnen erleiden möchtest.“

Was hat Glaube mit Mut zu tun? Mut kann auch bedeuten, entgegen aller Zweifel und Fragen an Gott zu glauben.

Das heißt, egal, welche Religion vertreten wird, der Kern aller Religionen ist die Liebe und Verehrung des Göttlichen und die Mitmenschlichkeit – Liebe, nicht Hass. Der Unterschied ist nur, in wieweit Strömungen einer Religion Konflikte anheizen oder Brücken der Verständigung bauen.

Wird jedes Mitglied aufgefordert, blindlinks dem religiösen Gelehrten zu gehorchen oder seinen Kopf selber zu benutzen? Das Letztere erfordert Courage oder Mut.

Bis heute hat es immer wieder herausragende muslimische Wissenschaftler, Gelehrte gegeben, die die Muslime aufforderten, eigenständig zu denken. Mit aller Kraft haben die konservativen Gelehrten versucht, sie mundtot zu machen.

Ein Beispiel, das noch gar nicht so lange her ist: Nasr Hamid Abu Zaid, mein Jahrgang und gestorben 2010, war Literaturwissenschaftler der Universität Kairo, wurde wegen seiner kritischen Analysen zur Koranauslegung scharf angegriffen. Nach seiner Zwangsscheidung und Amtsenthebung ging er ins Exil in die Niederlande.

Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass Religion Privatsache sei. Das stimmt ja auch. Andererseits findet Religion aber im öffentlichen Raum statt, wir werden als Religionsvertreter wahrgenommen. Es ist ein Teil unserer Identität und sie kann unser Wirken und Handlungen mitentscheiden und wie wir unseren Mut einsetzen. Immer mehr theologische Wissenschaftler treten gegen die Unmündigkeit der Gläubigen auf, deuten den Koran neu, auf unser Zeitalter zugeschnitten. Das erfordert großen Mut, werden sie doch bedroht, verbal oder aggressiv, wie das eine Beispiel zeigt.

Keiner kann beweisen, dass es einen Gott gibt, eine Hölle, ein Paradies. Es ist oft nicht leicht, einfach zu sagen: Ja, es gibt Gott und ich glaube an Ihn, obwohl ich es nicht beweisen kann, dass es Ihn wirklich gibt.

Es gehört Mut dazu, hier in dieser Moschee als Frau das Gebet zu leiten und eine Khutba zu halten und sie mit einem Namen zu kennzeichnen.

Nochmals zurück zu dem anfangs genannten Motto: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ohne Disziplin kann man keinen Mut aufbauen, Mut bedarf Disziplin und Selbstvertrauen. Alle drei bedingen sich einander. Mein Team, das seid ihr, ihr sitzt hier und hört mir zu und diskutiert mit mir und trotzt damit dessen, was viele islamische Gelehrten über diese Moschee sagen. Das wiederum gibt mir die Kraft zum Mut. Meine Motivation ist Gottes Wort, manifestiert im Koran, den ich versuche zeitgemäß zu lesen, zu verstehen und danach zu handeln.

Gott weiß über mich am besten.

Manaar

Taqwa

Taqwa

Was ist eigentlich deine Religion?

Eine Khutba zum Begriff Taqwa

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In meiner heutigen Khutba geht es um den Begriff Taqwa. Er wird im Koran 285 Mal erwähnt (z.B. in den Suren 92:5-6 und 49:13) und gilt als ein zentraler Begriff.

„Siehe, der gilt bei Gott als edelster von euch, der am meisten Taqwa hat“.

Sura Laila AlQadr

Wir sandten ihn herab in der Nacht des Schicksals. Und was lehrt dich wissen, was die Nacht des Schicksals ist? Die Nacht des Schicksals ist besser als 1000 Monate. In ihr steigen die Engel und der Geist herab nach dem Gebot ihres Herrn, jeder mit seinem Anliegen. Friede währt bis zum Beginn der Morgenröte.

Er, der Koran, ist der Beginn unserer Religion, des Islam.

„Was ist eigentlich deine Religion?“, fragte mich neulich eine Journalistin. „Bist du Muslimin?“

Mein „Ja“ kam zaghaft. Nicht etwa, weil ich nicht weiß, ob ich Muslimin bin, sondern vielmehr weil ich nicht weiß, was eine Religion ist. Was genau heißt Religion?

Ethymologisch kommt das Wort von Religio – laut Wikipedia versteht man darunter die „gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt, zu Lateinisch relegere – bedenken, achtgeben, Sorgfalt walten lassen in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften“.

Die sorgfältige Beachtung von Vorschriften… Als Muslime sind wir hier Experten. Wir finden in unserer Religion gefühlt eine Million Vorschriften, die es zu beachten gilt. Neben den zehn Geboten, die Moses auf dem Berg Sinai empfing, sind hier einige weitere, die mir spontan einfallen:

  1. Iss kein Schweinefleisch
  2. Trinke keinen Alkohol
  3. Spiel nicht um Geld
  4. Bedecke dein Haupt
  5. Bete mehrmals am Tag
  6. Spiele nicht während des Gebets unnötig mit den Fingern
  7. Sprich nicht während einer Khutba
  8. Iss und trink nicht in der Moschee
  9. Habe keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr
  10. Faste im Ramadan
  11. Verstecke deine Homosexualität
  12. Wasche dich in vorgegebener Reihenfolge vor dem Gebet
  13. Berühre nach dem Waschen keine Frau, die dir als Ehefrau erlaubt wäre
  14. Steht beim Gebet Schulter an Schulter, um dem Teufel keinen Raum zu bieten
  15. Bleibt nicht allein mit einer Person des anderen Geschlechts in einem geschlossenen Raum, z.B. Taxi.
  16. Frauen, ruft nicht zum Gebet vor Männern und werdet keine Imaminnen, denn es ist verboten
  17. Halte nicht die Hand deines Geliebten bevor du verlobt bist
  18. und so weiter und so fort

Die Strafen fallen unterschiedlich hart aus. Auf einige steht gar das Urteil des Höllenfeuers.

Religion bedeutet also die Befolgung aller dieser Regeln? Halten wir uns brav an all diese Vorgaben und alle darüber hinausgehenden Regeln, die ich hier nicht erwähnt habe – so wird uns suggeriert – kommen wir automatisch ins Paradies. Die zehnmalige Rezitation der anfangs rezitierten Sura führt automatisch zur Vergebung von genau Eintausend Sünden. Neben dem Vermeiden der Sünden und unerwünschten Handlungen können wir noch Paradiespunkte sammeln, indem wir Gutes tun. Hassanat, heißen sie. Ich sammle

Hassanat für das Spenden eines Schafes zum Opferfest

Hassanat für das Fasten im Ramadan

Hassanat für das Speisen eines Mittellosen

Und so weiter und so fort.

Als letztes sammle ich Hassanat, indem ich an Schlechtes denke, aber es nicht vollziehe.

Habe ich alles gut gemacht, die eintausend Regeln befolgt, so geht es schnurstracks ins Paradies.

Man sollte meinen, erst nach der industriellen Revolution konnte der Menschheit eine derart maschinenartige Regelhaftigkeit der Religion in den Sinn kommen. Ist das überhaupt Religion? Ist das meine Religion? Hat das im weitesten Sinne etwas mit unserem Glauben zu tun?

Im aller weitesten Sinne schon. Wir sollen ja in der Tat Gutes tun, und wir lesen im Koran, dass wir dafür belohnt werden. Dies ist wichtig, damit eine Gesellschaft zu einem angenehmen, angstfreien, im Idealfall sogar liebevollen Ort des Miteinanders wird, in dem man sich kreativ entfalten kann, in dem man nicht zu tief fällt, weil sich andere kümmern, in dem keiner hungert, denn irgend jemand wird schon ein Schaf opfern. Wir zeigen unsere Liebe zu Gott durch unsere Liebe zu seiner Schöpfung. Also ja, die guten Taten haben tatsächlich etwas mit Religion zu tun.

Bei den Verboten muss man vielleicht genauer differenzieren. Es gibt solche, die einer Gesellschaft gut tun, wie dass man nicht töten darf, dass man für Ehebruch sicherlich keine Hassanat bekommt und sich der üblen Nachrede enthalten sollte.

Daneben gibt es aber auch Verbote, die nur stören und vom Wesentlichen ablenken. Ob da jemand seinen Finger nach dem Gebet ausstreckt oder dreht, wie jemand seine Arme verschränkt, ob man neben einem Mann oder einer Frau steht – diese Dinge unterliegen der individuellen Gestaltungsfreiheit. Angesichts der großen Fragen der Menschheit kann mir keiner glaubhaft erzählen, sie wären wesentlich für die Gestaltung der Welt oder unseren Einzug ins Paradies. Wir möchten das Wesentliche finden. Aber„was lehrt uns wissen, was das Wesentliche ist“? Oder wenigstens das eine oder andere wesentliche Element… Wenn es nicht die sorgfältig zu beachtenden Regeln sind, was ist es dann?

Antworten auf religionsphilosophische Fragen finde ich manchmal beim Lesen des Korans, manchmal in den Hadithen, manchmal beim Reiten auf „meinem“ Pferd. Nach jeder Reitstunde fragt mich meine Reitlehrerin, „was nimmst du heute mit?“ Sie erwartet von mir, einen Gedanken zu formulieren, der durch das Reiten inspiriert wurde. Vielleicht so etwas wie „Wenn ich am Zügel fest ziehe, läuft das Pferd in die andere Richtung“. Schon dieser Satz beinhaltet eine Lebensweisheit. Also: „Je fester ich in eine Richtung am Zügel ziehe, desto mehr will das Pferd genau anders lang“. Die metaphorische Auslegung dieses Satzes überlasse ich jedem selbst.

Neulich saß ich also auf meinem Pferd und nicht weit von mir gab es ein Hindernis, zu dem ich hinreiten wollte. Ein Stück durch den Sand, leicht nach rechts und dann geradeaus. Es gab keinen sichtbaren Weg dorthin. Im Sandboden war nichts vorgezeichnet. Ich stellte mich mental darauf ein, bald am Ziel anzukommen. Durch einen leichten Tritt in die Flanken bewegte ich mein Pferd dazu, los zu traben. Ohne die geringste Mühe, ohne die Verwendung verbaler Sprache, ohne Peitschenschläge trug das Pferd seine Reiterin genau dorthin, wo sie ankommen wollte. Der mentale Akt des Beschlussfassens schien sich auf das Pferd übertragen zu haben. Das Pferd wusste, ohne die explizite Mitteilung in irgendeiner Form, wo das Ziel lag und wie es dort hinkommen würde. Wir beide, mein Pferd und ich waren beim Reiten eins geworden und erreichten in kurzer Zeit das avisierte Ziel.

Doch nur scheinbar war es der mentale Prozess, der sich übertragen hatte. In Wirklichkeit hatte nicht mein Geist gesprochen, sondern vielmehr mein Körper, der dem Pferd den Weg gewiesen hatte. Durch meine Beschlussfassung und die daraus folgende Ausrichtung meines Blickes hin zum Ziel drehte sich unmerklich meine linke Hüfte leicht nach vorn, die rechte schob sich dabei ebenso unmerklich zurück. Mit der Hüftbewegung ging die Schulterbewegung einher, sowie eine Verlagerung des Gewichtes auf die linke Seite – wenngleich ich doch nach rechts reiten wollte. Mein ganzer Körper trug die Entscheidung, die ich getroffen hatte. Hätte man mir die notwendige Körperhaltung in allen Details beschrieben, hätte ich diese nie umsetzen können. Viel zu kompliziert wären die Details zu vollziehen gewesen. Niemals wäre ich auf diese Weise an mein Ziel gelangt, denn unzählige weitere Informationen hätten noch ergänzt werden müssen. Nur durch mein eigenes regelmäßiges Atmen blieb das Pferd im Trab, nur durch die unabgelenkte Konzentration auf das Ziel fand eine hilfreiche Hormonausschüttung statt und vieles mehr.

Ein paar Tage später versuchte ich beim Spaziergang zu überprüfen, ob das immer so funktioniert. In der Tat, wenn man den Blick auf ein Ziel richtet, ergibt sich der Rest fast von allein. Sind die Füße einmal richtig gesetzt, laufen wir in die richtige Richtung.

Was hat das mit der Frage zu tun, was Religion ist, und was mit dem Islam? Nun, wer es sich als Ziel gewählt hat, ein guter Muslim zu sein, was auch immer das genau heißt, kann gerne alle die Regeln und Anweisungen auswendig lernen. Aber dass er so zum Ziel kommt, möchte ich bezweifeln, denn der Koran ist kein Regelwerk, kein Gesetzbuch. Wesentliches wird fehlen und Details werden falsch verstanden werden oder falsch ausgeführt. Der Koran ist ein Buch der Philosophie, ein Buch zur Hilfe der Entwicklung einer Haltung. Es geht nicht um die Details. Es geht, ganz wie beim Reiten, um eine Haltung.

Im Islam heißt diese Haltung Taqwa. Ich werde den Begriff gleich erklären. Taqwa, so möchte ich behaupten, ist also eine Haltung. Nehmen wir diese Haltung ein, sind unsere Seele und unser Körper in die richtige Richtung gewandt. Dieses Einnehmen der richtigen Richtung möchte ich als Wesenselement unserer Religion, unseres Glaubens bezeichnen.

In den Übersetzungen wird Taqwa häufig mit Furcht wiedergegeben. Sure 92:5-6 z.B. oder 49:13 sprechen von Taqwa als Gottesfurcht. „Ittaq Allah!“, so sagt man es im Imperativ, und übersetzt es mit „Fürchte Gott!“ Eine ungünstige Übersetzung, die vor allem der schwierigen Grammatik geschuldet ist. Neulich sagte ein Imam, es heißt zwar eigentlich etwas anderes, aber weil wir es nun mal so kennen, und weil es in der Deutschen Sprache so funktioniert, werde er es weiter als Gottesfurcht bezeichnen. So tradiert sich die Vorstellung des Islam als unterdrückendes Element.

Bei genauerem Studium erkennt man jedoch: Taqwa bedeutet eigentlich etwas anderes. Etwas im Deutschen grammatikalisch Sperriges, das man bezeichnen kann als „das Gewahrsein, dass es einen Gott gibt“. „Ittaq Allah! – Beachte Gott auf all deinen Wegen. Richte deine Wege danach aus. Indem wir bei der Formulierung unserer Ziele und auf unseren Wegen dorthin davon überzeugt sind, dass es einen barmherzigen Gott gibt, verkörpern wir auch diese Überzeugung.

Die Taqwa Praktizieren heißen „Al Muttaqin“. Die Übersetzung mit „die Frommen“ hilft uns nur bedingt weiter, weil wir nun definieren müssten, was Frömmigkeit bedeutet – also das Einhalten von Regeln, oder das Einnehmen einer Haltung? Murtada Mutahhari, ein zeitgenössischer schiitischer Ayatullah schreibt: „Es ist wichtig festzustellen, dass es bei Taqwa nicht um die Ausführung religiöser Verpflichtungen wie Gebet oder Fasten geht, sondern darum, ein frommes Leben zu führen. Der Begriff der Frömmigkeit ist im Deutschen etwas antiquiert und hat den Hauch einer Konnotation von Unterwerfung und Kindlichkeit. Taqwa hingegen bedeutet durchaus, sich rational mit der Religion zu befassen, um die Zügel für das eigene Leben in der Hand zu haben.

So sagte der Imam Ali: Seid euch gewahr, dass Frömmigkeit ist wie ein gezähmtes Pferd, dessen Reiter die Zügel in der Hand hält, so dass es ihn in den Himmel führt.

In der Literatur und mehr noch bei den Youtube Predigern der Gegenwart, finden wir in Bezug auf den Begriff Taqwa vor allem die Bedeutung von Schutz, womit stets ein äußerer Schutz gemeint ist, nämlich indem man Situationen vermeidet, die einen auf falsche Wege leiten können. Man soll demnach gesellschaftliche Kontexte umgehen, die dazu führen, dass man sich falsch verhält. Ein Mensch hat nach dieser Vorstellung Taqwa, ist sich Gott gewahr, wenn er nicht auf Partys geht, da er dort in Versuchung geraten könnte, Alkohol zu trinken. Ein Mensch, der Taqwa hat geht nicht an den Strand, weil dort zu viel Körper zu sehen ist. Ich halte dies weder für erstrebenswert, noch für durchführbar, da man so praktisch sämtliche sozialen Kontexte vermeiden müsste. Will man keinen Alkohol kaufen, kann man beim Türken einkaufen gehen. Aber will man von Lügen und falschen Nachreden verschont werden, müsste man sich stets und überall von Menschen fernhalten und ein Einsiedlerleben in Wald oder Wüste führen. Die Betonung dieser äußerlichen Art von Taqwa führt im Übrigen meiner Ansicht nach zu Lug und Trug oder zur Spaltung der Gesellschaft – jedenfalls zu nichts Gutem.

Doch gibt es daneben eine andere Definition der Taqwa, nämlich die einer bestimmten inneren Haltung. Taqwa hat, wer in allen Kontexten seines Lebens bedenkt, dass es einen Gott gibt. Taqwa bezieht sich damit auf die Seele des Menschen. Wer sich seelisch-mental sicher ist, was er oder sie will, wird dies vor sich und anderen verkörpern. Wer sich sicher ist, dass es einen Gott gibt, wird seine Entscheidungen so treffen, dass sie Gottes Schöpfung wohl tun. In allen Momenten des Lebens, an allen Orten und zu allen Zeiten zu wissen, dass es Gott gibt, sich damit wohl zu fühlen und dies zu allen Entscheidungsfindungen hinzuzuziehen, nicht aus Angst, sondern aus Liebe und Respekt – das ist Religion, oder zumindest ein wesentliches Element davon. Immer also zu bedenken, dass es Gott gibt.

Durch den Aufbau dieser inneren Haltung ist der Begriff Taqwa die Schnittstelle zwischen Unterwerfung und Freiheit. Während wir Gott gewahr sind und uns als verantwortungsbewussten Teil der göttlichen Schöpfung mit Rechten und Pflichten definieren, sind wir zugleich in all unserem Handeln frei, denn es unterliegt nicht tausenden Gesetzen, sondern einer inneren Einstellung, die unseren Charakter ausmacht und uns beschreibt. Wie werden wir zum Muslim? Durch Taqwa.

Taqwa – das Gewahrsein, dass es einen Gott gibt, leitet uns auf einen guten Weg. Dieser gute Weg ist im Islam klar vorgezeichnet. Es ist der Weg der Barmherzigkeit und der Liebe, der Weg der Freiheit und Selbstbestimmung, und der Weg des Schutzes all derer, die des Schutzes bedürfen.

Wenn wir Gott gewahr sind, gestalten wir eine Welt, in der alle so leben können, wie es Gott wünscht. Die Armen sind gespeist, die Alten versorgt, die Rechte der Schöpfung gewahrt, die Mädchen den Jungen gleich, Frauen nicht geschlagen und Männer nicht geknechtet. Kinder in Schulen, lernend, und auch Erwachsene sich bildend, die Menschen einander gegenüber in Barmherzigkeit und Freundlichkeit auftretend, ohne zu Verurteilen. Ittaq Allah – sind wir uns gewahr, dass es einen Gott gibt und begegnen diesem in Ehrfurcht, so wird sich dies in unserem Körper manifestieren, in unserem Blick, unserem Händedruck, unserer Umarmung, unserem Zuhören und unserer Fähigkeit, Ziele zu benennen und gute Wege zu gehen.

Koran und Thora

Koran und Thora

Immer wieder kommt es zurzeit zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen explizit zwischen Muslimen und Juden. Es sind nicht nur die äußerlichen Zeichen eines Juden, z.B. die Kippa, sondern ebenfalls gedanklicher Hass auf sie, und gerade von Muslimen, die hier bei uns Zuflucht erhoffen. Leider bringen sie das unterschwellige Ablehnen des Judentums aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland. Es sind aber auch Deutsche, die lautstark ihre jüdischen Mitmenschen belästigen.

Der Grund ist wahrscheinlich die Auslegungen des Korans, eine Unkenntnis der Geschichte im Orient, eine uralte Abneigung, das von Generation zu Generationen weitergegeben wurde. Dabei haben Juden und Muslime außerordentlich viel gemeinsam. Jedoch meinen sie, dass ihre Religionen unähnlich seien und kaum Gemeinsamkeiten hätten. Durch die Medien wird dieses Dilemma noch gesteigert, sodass sie einander feind gegenüberstehen. Man fragt sich, wer hat davon Nutzen? Meistens diejenigen, die die Macht haben, die Zeitungen als Sensationsmacher.

Die einfachen Muslime und sicher auch Juden werden zu wenig aufgeklärt, dass sie viele religiöse Gemeinsamkeiten haben.

Die Geschehnisse der letzten Zeit haben mich auf den Gedanken für eine Verarbeitung zu dieser Khutba gebracht, um die Grundwerte beider Religionen nebeneinander zu stellen.

Die grundlegendste Gemeinsamkeit beider Religionen und dem Christentum ist ihr monotheistischer Glaube an den Einen Gott, auch wenn sie verschiedene Namen für Ihn haben. Die einen sagen Jahwe, die anderen Allah, den Einen, wiederum andere hier in Deutschland nennen Ihn Gott.

Die Juden zitieren als Teil ihres täglichen Gebetes. „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“

Der jüdische Philosoph Maimodes aus dem 13. Jahrhundert sagte: „Gott ist einer. Er ist nicht zwei oder mehr, sondern einer, vereinigt auf eine Weise, die jede Einheit in der Welt übersteigt.“

Klingt das in unseren Ohren als sehr bekannt? Im ersten Teil unserer Schahada, dem muslimischen Glaubensbekenntnis, heißt es: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.“

Allah bedeutet „der Eine“, ich nenne Ihn auch Gott.

Auf der einen Seite, der jüdischen: „Gott ist einer“- auf der anderen Seite, der islamischen: „kein Gott außer Allah“

Im ersten Vers der Sure „Al-Ikhlas“ heißt es: Sprich: „Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der Absolute…“ Und beide Religionen meinen den Einen, den Gleichen! Also dürften beide Religionen gar nicht so unüberbrückbar sein, wie man es doch immer wieder hinstellt.

So gibt es viele weitere Stellen in beiden Schriften, die ähnlich klingen, so in der hebräischen Bibel: „Gott schuf die Himmel und die Erde.“ Und nun die Aussage im Koran Sure7: 54: „Gewiss, euer Herr ist Allah, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen schuf.“

Die Thora ist bei den Juden gleichermaßen das wertvollste Buch, da sie ebenfalls von Gott stammt. Ihr Zentrum sind die 10 Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfing. In den Büchern stehen die Gebote und Lehren und das, woran die Juden glauben. Und das wird expliziert im Koran bestätigt. In der Sure 3: 3-4 können wir lesen: „Er sendet dir das Buch mit der Wahrheit in Teilen herab als Bestätigung der früheren Offenbarungen. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt vordem als Rechtleitung für die Menschen.“

Also der Koran bestätigt ganz genau, dass die Schriften der Juden und Christen ebenfalls göttlichen Ursprungs sind. Der Islam mit seinem Koran ist zwar der Höhepunkt der Herabsendungen, weist aber auch darauf hin, dass die Thora und die Evangelien derselben göttlichen Ursprungs sind. Für die damaligen (und das gilt wohl auch heute) Muslime muss das wohl ein Schock gewesen sein. Denn das setzt ja voraus, dass sie auf gleicher Ebene stehen, Jude, Christ und Muslim.

Die mündlich überlieferten Geschichten über Moses liegen zwischen dem 10. Und 6. Jahrhundert vor Chr. Man glaubt, das ein Team jüdischer Priester die 5 Bücher Mose im 5. Jh. vor Chr. zusammengestellt hat, wahrscheinlich 800 Jahre nach der Zeit, in der Mose gelebt haben könnte.

So wie Moses mit den 10 Geboten im Koran erwähnt wird, werden viele andere Propheten, die vor dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, im Koran erwähnt und verehrt. Sie stehen in einer langen Reihe, die die Botschaften von Gott zu ihrer jeweiligen Gesellschaft und in der jeweiligen Zeit gebracht hatten. Die Sure 2:136 besagt. „Wir glauben an Gott und an das, was uns herabgesandt worden ist und was Abraham, Israel, Isaak, Jakob und den Stämmen Israels herabgesandt wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied und Ihm sind wir ergeben.“

Wie oft habe ich gehört: Unser Prophet, Friede und Segen seien auf ihn, ist das Siegel, der letzte Prophet und steht deshalb an der Spitze der Propheten. Deshalb ist auch der Islam die höchste Religion, das heißt: Sie steht über alle anderen.

Nein, jeder Prophet hat seine Richtlinien, seine Sendung zu einem ganz bestimmten Volk und zu seiner ganz bestimmten Zeit bekommen. Die Zeiten und die Menschen verändern sich, deshalb muss auch die Botschaft auf dem jeweils neuesten Stand gebracht werden. Sie sind alle gleichberechtigt. Muhammad war nur der letzte in der Reihe der Propheten.

Der Islam und der Judaismus teilen sich gemeinsame Ansichten über das Jüngste Gericht und die Auferstehung. Die jüdischen Schriften sagen aus: Nach dem Tod sitzen die Seelen der Rechtschaffenen neben dem Thron der Ehre im Himmel, während der Koran in Sure 89:27-30 sagt: „O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Herrn, wohlzufrieden und mit Allahs Wohlwollen. So schließ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies.“ Das heißt: Der Muslim und der Jude glauben an das Jüngste Gericht und daran, dass seine Seele mit Gottes Erbarmen ihren Platz im Paradies finden wird.

Der muslimische Glaube ist auf 5 Säulen aufgebaut. An erster Stelle steht im Islam das Glaubensbekenntnis, was ich schon genannt habe und dass es ein ähnliches Bekenntnis in der jüdischen Religion gibt.

Ebenso ist von zentraler Bedeutung in beiden Religionen das Gebet. Wir beten 5x am Tag, die jüdischen Gläubigen 3x. Die Gebete sollen uns auf der einen Seite an die ständige Anwesenheit von Gott erinnern, bzw. wir sollen uns an Gott erinnern. In den Gebeten loben wir Gott und bitten Ihn und danken Ihm.

Unsere 3. Säule ist Zakat, die soziale Pflichtabgabe. Sie ist als Unterstützung von Bedürftigen gedacht. Sie fördert einerseits die soziale Sicherheit und das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Sie ist deshalb ein wichtiger Bestandteil jeder islamischen Gesellschaft, da sie jedem Menschen die Lebensgrundlage sichert, ohne dass sich der Empfänger jemandem verpflichtet fühlen muss. Andererseits wird diese Abgabe auch als eine Art innere Reinigung angesehen. Im Koran, Sure 2:177 steht: „…und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es selbst wertschätzen mag – für seine Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

Genauso ist die Zedaka, die Wohltätigkeit gegenüber den Bedürftigen, eine der höchsten Werte im Judentum. Im Leviticus, das ist das 3. Buch des jüdischen Tanachs, oder das 3. Buch Mose, steht: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Diese wenigen Sätze erklären sehr gut, wie die Wohltätigkeit der früheren jüdischen Gesellschaft funktionierte.

Ebenfalls ist beiden Religionen das Fasten vorgeschrieben, wenn auch mit unterschiedlicher Dauer.

In beiden Religionen bedeutet es eine innere Einkehr und Besinnung für jeden einzelnen Muslim oder Juden.

Juden fasten an Jom Kippur, d.h. am 10. Tag des siebenten Monats, dem Tag der Versöhnung. Gott fordert von seinem damals auserwählten Volk zur Einhaltung seines Gesetzes des Fastens und der Ruhe auf. Juden bekennen an diesem Tag ihre Sünden und bitten Gott um Vergebung. Sie fasten durchgehend 25 Stunden, vom Sonnenuntergang bis Einbruch der Nacht (etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang) des folgenden Tages. Bis dahin darf weder feste noch flüssige Nahrung eingenommen werden. Wir fasten im Monat Ramadan vom Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. Und ebenfalls bitten wir Gott um Vergebung und Barmherzigkeit.

Genauso legen beide Religionen Wert auf das religiöse Pilgern. Als der jüdische Tempel in Jerusalem stand, wurden sie aufgefordert, während der Wallfahrtsfeste dorthin zu pilgern. Heute erinnert in Jerusalem nur noch die Westmauer an das zerstörte Heiligtum der Juden. Heute pilgern, besser „besuchen“ die jüdischen Gläubigen nur noch ihre sogenannte Klagemauer als ein religiöser Brauch.

Die Riten der islamischen Pilgerreise stammen noch aus vorislamischer Zeit, als die Kaaba, ihr Mittelpunkt, ein polytheistischer Wallfahrtsort war. Sie wurde der islamischen Lehre nach von Abraham und seinem Sohn Ismael, der, wie ihr wisst, als Stammvater der Araber gilt, als Haus Gottes und der Menschen gebaut. Vielleicht begann damals schon die Umrundung der Kaaba?

Aber noch ein Element in beiden Religionen ist wichtig. Wir finden sie in der Basmala und an vielen Stellen im Koran: Gott, Allah ist der Barmherzigste und der Allerbarmer. Und bei den Juden heißt es im Ezodus34, 6-7: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg.“ Beide, Jude oder Muslim verlassen sich auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, auf Seine Führung durch den Koran und den hebräischen Schriften Und Gottes Beispiel folgend werden wir ebenfalls aufgefordert, zu vergeben, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu handeln, das Richtige zu tun. Und der mittelalterliche jüdische Maimonides sagte: „Es ist einem Menschen verboten, grausam zu sein und sich der Versöhnung zu verweigern. Wenn ein Mensch, der ihm ein Übel getan hat, ihn um Vergebung bittet, sollte er ihm aus vollem Herzen und willigem Geist vergeben.“

Und der Koran betont. „Allah liebt, die da Gutes tun.“

Es gibt bestimmt noch etliche Aussagen in beiden religiösen Schriften, die als übereinstimmend betrachtet werden können.

Gott hat immer wieder Propheten geschickt, zu allen Zeiten, zu unterschiedlichen Gesellschaften, aber ihre Botschaften waren dieselben, nur Zeit und Ort waren unterschiedlich, da sich ja auch die Menschen in ihrer Gesellschaft geändert haben. So ähneln sich beide Schriften und wenn man über die Aussagen von Gottes Worten nachdenkt, so haben sie sich nie geändert.

Vorbestimmung und Schicksal

Vorbestimmung und Schicksal

Als Ibn Rushd-Goethe Moschee haben wir zwei Namensgeber, die für eines der wesentlichen Konzepte im Islam stehen, nämlich den Gebrauch des eigenen Verstandes zur Deutung dessen, was um uns herum geschieht – zum Verstehen der Handlungen unserer Mitmenschen, zum Interpretieren ihrer Beweggründe, zum Auslegen uns vorliegender Texte. Daraus folgt die Ansicht, der Mensch habe einen freien Willen, aus dem heraus er seine Entscheidungen trifft. Diese Entscheidungen können natürlich durchaus zur Unfreiheit führen; so kann man entscheiden, sich zu opfern, bis hin zum Tod, und damit die eigene Freiheit aufgeben. Entscheidungen treffen wir täglich oder hadern manchmal über Monate oder Jahre. Ohne diese Entscheidungsfreiheit, ohne diesen freien Willen, hätte es keinen Sinn, am Tage des Gerichts von Allah nach unseren Gedanken und Handlungen beurteilt zu werden. So heißt es in der Sure AlZalzal (Das Beben) „Wer nun im Gewicht eines Stäubchens Gutes tut, wird es sehen. Und wer nun im Gewicht eines Stäubchens Schlechtes tut, wird es sehen.“ Der freie Wille ist eine gefühlte Wahrheit. Es fühlt sich so an, und gemäß unserer Logik spricht alles dafür, dass es ihn gibt und wir unsere Taten danach ausrichten.

Daneben existiert aber auch eine andere gefühlte Wahrheit. Es ist die des Schicksals und der Vorbestimmung. Im Koran finden wir Hinweise darauf zum Beispiel in der Sure AlQadr, aber auch in vielen Geschichten, wie z.B. der Geschichte des Propheten Moussa. Die Vorbestimmung ist ein weithin angesehenes Konzept, mit dem wir in unserem real gelebten Alltag immer wieder konfrontiert werden. Dabei muss man aufpassen, dass man es nicht ad absurdum führt. Wir können uns schwerlich hinstellen und behaupten, es wäre eben Schicksal, dass Kinder verhungern, es wäre eben Schicksal, dass Männer unter Folter qualvoll sterben, wie wir es jetzt gerade wieder in den arabischen Nachrichten gehört haben, oder dass flüchtende Frauen auf Schiffen im Mittelmeer treibend ihre Kinder entbinden müssen, wo es um sie herum viele sichere Häfen gäbe, die sie jedoch nicht aufnehmen wollen. Es ist ein unangenehmer Gedanke, selbst vom Schicksal reich belohnt zu sein, während andere Menschen leiden, und es passt nicht zu unserem Verständnis eines barmherzigen Gottes.

Im Koran lesen wir die Geschichte des Propheten Moussa, Friede sei auf ihm, als schicksalhaft und gütig.

Als Moussa geboren wurde lebten die Hebräer in Ägypten und wurden dort vom Pharao versklavt. Pharao, der die hebräischen Frauen recht gebärfreudig fand, wies eines Tages die Hebammen an, keine männlichen Nachkommen am Leben zu lassen, sondern für deren Tod zu sorgen, was diese allerdings sabotierten. So wandte sich Pharao mit diesem Auftrag an seine Soldaten.

Moussas Mutter versteckte ihr Kind drei Monate lang, doch es kam die Zeit, da musste sie ihn auf andere Weise schützen und tat dies, indem sie ihm ein Körbchen flocht und ihn den Nil hinab auf Reise schickte. Seine Schwester Miriam sollte ihn heimlich durch das Schilf hindurch begleiten und beobachten. So fand die Frau des Pharao Moussa vor, behielt ihn bei sich, und sorgte sozusagen damit für sein Überleben.

Schon als Kind fand ich diese Geschichte wunderschön, und freute mich stets über den Zufall, aus dem Pharaos Frau den Propheten Moussa gefunden hat. Im Koran steht jedoch „wir gaben ihr (der Mutter) das Kind zurück, um ihr Auge zu trocknen“. Es war also gar kein Zufall, dass Moussa gefunden wurde, sondern seine Vorbestimmung. Und später wollte sich Moussas Mutter offenbaren und ihr Glück kundtun, doch „wir stärkten ihr Herz“, so steht es geschrieben, damit sie kein Unglück über sich und ihr Kind bringen würde.

Als Moussa etwas älter aber noch ein Kleinkind war, spielte er auf Pharaos Schoß und riss ihm im Spiel die Krone vom Kopf. Pharao sagte, dieses Kind sei sein Feind und solle getötet werden. Doch wieder intervenierte seine Frau, indem sie vorschlug, Moussas kindlichen Verstand zu testen. Man solle zwei Schalen vor das Kind stellen – eine Schale mit Gold und Edelsteinen, eine andere mit glühender Kohle. Griffe er zum Schmuck, so sei er in Besitz von Verstand und könne in der Tat Pharaos Feind sein; man könne ihn also töten. Griffe er zur glühenden Kohle, so sei dies Beweis seiner Kindlichkeit.

Als Moussa vor den Schalen saß, bewegte er seine Hand zur Schüssel mit den Edelsteinen, doch nun intervenierte der Engel Gabriel, leitete Moussas Hand zur Schüssel mit den glühenden Kohlen, dieser steckte sie in den Mund, verbrannte sich dabei die Zunge und hatte seitdem ein Lispeln.

Dies war Moussas Schicksal und er wurde gerettet. Die involvierten Personen waren Ausführende, die nach ihrem gefühlten freien Willen gehandelt haben, und dennoch waren alle Geschehnisse vorbestimmt.

Auch in unserem ganz alltäglichen Leben gibt es Vorbestimmungen und Schicksale. Sie sind nicht unbedingt so bekannt, aber für uns gleichermaßen bedeutsam. Folgendes habe ich vor Kurzem erlebt.

Ich saß mit meinem Partner zu Hause und dachte mal wieder, wir stecken in einer Sackgasse. „Schatz“, sagte ich zu ihm, „unsere Beziehung ist in einer Sackgasse“. Zu allem Überfluss wollte ich ihm das auch noch illustrieren, bat ihn also um einen Zettel, auf dem ich ihm das aufzeichnen könne. Halbherzig gab mir mein Partner ein beidseitig beschriebenes A4 Blatt, so dass ich entscheiden musste, über welchen Text ich „die Beziehung in der Sackgasse“ zeichnen würde.

Auf einer Seite befand sich sein Arbeitsplan; sie kam nicht in Frage. Auf der anderen Seite befand sich ein eng gedruckter Text, den ich kurz überflog. Hier ist der Text:

Ein Mann kam zu einem chinesischen Meister der Spiritualität und des Glücks und sagte zu ihm: „Meister, mein Leben ist in einer Sackgasse“ ….

„Meister, ich bin in einer Sackgasse. Ich bin unzufrieden und möchte mein Leben verändern, doch habe ich eine Frau und Kinder, ein Haus, einen guten Beruf. Ich kann nichts verändern, doch bin ich zu unzufrieden, um so weiterzuleben wie bisher. Bitte zeige mir, was ich tun kann.“

Der Meister antwortete: „Geh ins Gebirge, da findest du einen Weg. Dort wo der Weg nicht mehr weiter geht, drehst du um und kehrst zurück.“

So ging der Mann viele Tage durch das Gebirge. Teils war der Weg breit und gesäumt von bunten Blumen, teils ging er durch Wälder, und manchmal war er so steinig, dass man kaum darauf laufen konnte. Auch da, wo der Weg so von Dornen übersät war, dass man ihn kaum noch erkennen konnte, entschloss er sich, weiter zu laufen. Nach vielen Tagen kam er an eine hohe Mauer. Diese, so fand er, konnte man beim besten Willen nicht überwinden. Als er an der Mauer entlang schaute, fand er ein daran geheftetes Papier, auf dem stand: „Diese Mauer ist unüberwindbar“. „Ha“, dachte der Mann, „so habe ich also die Stelle gefunden, an der es nicht weitergeht.“

Als er den Meister erneut begrüßte, fragte dieser, was ihn denn gehindert habe, weiterzugehen. Der Mann erzählte von der hohen Mauer. Sie sei in der Tat unüberwindbar gewesen. Und dies habe ja auch auf einem daran befestigten Papier gestanden.

Der Meister schaute ihn an und antwortete: „In der Tat. Die Mauer ist unüberwindbar. Aber hast du nicht die Tür gesehen?“

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„Schatz, unsere Beziehung befindet sich in einer Sackgasse“ – just in diesem Moment wo ich diesen Satz sage, fällt mir also genau dieser Text in die Hände? Und der Text lag schon lange bereit. Er war längst geschrieben und längst dort hinterlegt, als wartete er auf den Moment, wo ich ihn brauchen würde. Wenn jemand meint, ich hätte jeden beliebigen Text für die Lösung meines Problems verwenden können, indem ich ihn passend deute, so möchte ich widersprechen. Der Arbeitsplan hat ja auch nicht dazu gedient. Dass diese Geschichte dort für mich lag, war kein Zufall. Natürlich ist das nur eine kleine Geschichte. Im Verhältnis zur Rettung des Propheten Moussa – oder jedes Menschen – ist sie nichtig. Doch geben mir solche Momente stets ein Gefühl der Aufgehobenheit in dieser Welt und das Gefühl, ein wenig beschützt zu sein.

Ich wünsche uns allen, dass wir unser Schicksal annehmen können, es wertschätzen, und uns daran erfreuen können, auch wenn es uns manchmal auf seltsame Wege leitet.