Glauben

Gottes Licht

Gottes Licht

 

Casey Horner

Beim Betrachten des Lichts einer Kerze dachte ich an den einen Namen Gottes: An-Nur- das Licht.  Und schon gingen die Gedanken weiter auf Reisen: Was ist Licht, nein, ich dachte nicht an das physikalische Phänomen, Licht als eine Form der elektromagnetischen Strahlung. Ja, ich dachte an Gottes Licht. Was bedeutet Gottes Licht? Spontan fiel mir ein: Wärme, Helligkeit, Liebe; was bedeutet Liebe zu Gott?  Steht da am Ende Wissen, Rechtleitung, Barmherzigkeit? Eine Frage erschließt die nächste Frage.

   Licht in der physikalischen Welt bedeutet, etwas sichtbar zu machen, es bedeutet auch Realität. Das Fehlen von Licht bedeutet Unsichtbarkeit, Dunkelheit, Unwissenheit. Aber auch der menschliche Geist empfindet Licht und Dunkelheit. Und diese Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn wir von Licht im metaphorischen Sinn sprechen, meinen wir Gottes absolute Manifestation, ein Sich-offenbaren von Dingen oder Wissen. Das bedeutet: Er allein ist die Manifestation des Lichtes, Er ist das Licht. Alles, was es in der physikalisch erklärbaren Welt gibt, hat sein Licht von ihm erst erhalten.  Ansonsten herrscht Dunkelheit.

   Ich weiß, dass es in allen Kulturen oder Religionen Lichtsymbole in unterschiedlichsten Formen gibt. Licht bedeutet in erster Linie Leben und Wärme. Wo kein Licht ist, da herrscht Finsternis. Finsternis bedeutet Kälte, Orientierungslosigkeit, Bedrohung, Tod.

   Ich dachte an einen meiner liebsten Verse aus dem Koran, an die Sure 24, Vers 35. Er trägt sogar seinen eigenen Namen: Lichtvers. Für mich ist der Vers mächtig, sprachgewaltig, voller Rätsel, Gleichnissen und Symbolik. Schon Generationen von Korangelehrten haben sich über diesen starken Vers den Kopf zerbrochen.

   Muhammad Assad beschreibt den Vers so:

   „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Das Gleichnis seines Lichtes ist das einer Nische, die eine Lampe enthält. Die Lampe ist in einem Glas eingeschlossen, das Glas leuchtend wie ein strahlender Stern: Eine Lampe, entzündet von einem gesegneten Baum, einem Olivenbaum, der weder vom Osten noch vom Westen ist,  dessen Öl ist so hell, dass es beinahe von sich aus Licht geben würde, selbst wenn das Feuer es nicht berührt hätte. Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht, wer geleitet werden will und zu diesem Zweck legt Gott den Menschen Gleichnisse vor, da Gott allein volles Wissen von allen Dingen hat.“

    Der Vers beginnt wie mit einem Paukenschlag: eine göttliche Selbstaussage: „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“ Ist überhaupt noch eine größere Steigerung möglich?

  Handelt es sich hier nur um ein Gleichnis, einen Vergleich zwischen dem Licht Gottes und dem Licht einer Lampe in einer Nische? Oder bedeutet es viel mehr?

   Oder bedeutet es: Immer, wenn es darum geht, ein umfassenderes Wissen über Gott, wie z. B. in dem Fall über An-Nur zu erlangen, müssen wir unsere Unfähigkeit und Unzulänglichkeiten erkennen, Gottes wirkliche Realität und Seine Erhabenheit wahrzunehmen. Unser Intellekt reicht nicht aus, um Gott wirklich zu begreifen, um die Natur seiner Eigenschaften und sein Wesen vollständig zu ergründen. Das Wissen des Menschen ist trotz aller Bemühungen des Begreifens doch ziemlich unzureichend, während Gott unendlich und absolut ist. Und einer dieser diffizilen und kompliziertesten Verse des Korans ist dieser Lichtvers.

    Jedes Mal, wenn ich diesen Vers rezitierte, dachte ich an mein Herz, an die Herzen der Gläubigen. Gott beschreibt das Herz der Gläubigen, indem Er das Gleichnis zum Licht benutzt. Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Sein Licht ist es, das unsere Erde und seine ganze Schöpfung erleuchtet, ohne es wäre dort nur Dunkelheit. Kein Leben könnte entstehen. Ich stelle mir eine Lampe in einer Nische vor. Sie leuchtet hell, aber wenn ich mir ein Licht in einer Kristalllampe vorstelle, erstrahlt es noch heller, wie ein strahlender Stern in der Nacht. Sein Öl stammt von einem Olivenbaum, der auch ‚gesegneter Baum‘ genannt wird. Dieser Baum steht sicher auf einer Anhöhe, an einem zentralen Ort, denn er bekommt zu jeder Tageszeit das beste Licht. Aus diesem Grund ist sein Öl rein und brennt, als würde es kein weiteres Feuer benötigen. Licht vom reinen Öl und Licht des Feuers. Und Gott bringt uns dieses Licht, um damit unsere Herzen auszufüllen, damit sie voller Licht erstrahlen.

     Aber betrachten wir diesen Vers näher: 

  „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“

     Gott in Seiner Vollkommenheit umfasst mit Seinem Licht Sein vollkommenes Werk, das Universum und erleuchtet somit auch die Himmel und die Erde. Er bringt in Seiner Schöpfung mit Seinem ewigen Licht das Leben hervor; Leben, welches Er Nahrung gibt, prüft, schützt und Hilfe angedeihen lässt. Es gibt keinen Ort, wo Sein Licht nicht erstrahlt. Aber jedes Geschöpf wie auch der Mensch kann von Seinem Licht profitieren, so weit wie sein Herz sich öffnet und das Licht annimmt.

    „Ein Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische, in der sich eine Lampe befindet, die Lampe in einem Glas, (und) das Glas ist wie ein hell leuchtender Stern.“

    Gott versucht mit dem Licht dem Menschen Sein Wesen zu erklären, indem er sein göttliches Licht mit einem künstlichen Licht, einer Lampe vergleicht.

   Das Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische. Der Mensch kann diese Lampe, die sich dort befindet, aus dieser Sicht erforschen. Ein Mensch muss in Dunkelheit seinen Weg erleuchten. Er benötigt Licht wie z.B. eine strahlende Lampe. Aber um den Weg der Wahrheit zu begehen und die Dunkelheit von Herz und Verstand zu überwinden, braucht er ein ganz besonderes Licht, eine Leuchte, ein Licht, das ihn beschützt und auf seinen Weg zur Wahrheit leuchtet. Und Wahrheit bedeutet auch Wissen. Das Wort Licht wird deshalb auch für Wissen verwendet und dementsprechend ist die Dunkelheit Unwissenheit. Und daraus resultiert Schlechtigkeit, Lüge und Lasterhaftigkeit.

    Ich könnte mir den Schirm der Leuchte als einen Schleier vorstellen, hinter der Gott sich vor Seiner Schöpfung, hier der Mensch verborgen hält. Obwohl das Glas durchsichtig ist und die Durchlässigkeit des Lichts nicht gehindert wird, ist aber dieses Glas auch eine Barriere für den Menschen, auf diese Lichtquelle zuzugreifen. Es würde ihn einfach nur schaden.

    Man kann das auch so sehen: Obwohl Gottes Licht die ganze Welt erleuchtet, kann es trotzdem nicht jeder wahrnehmen. Nur Gott allein gibt dem Menschen, wenn er will, diese Fähigkeit zu sehen. Ein Mensch ohne diese Gabe der inneren Wahrnehmung von Gottes Licht oder Wahrheit kann zwar das Sonnenlicht wahrnehmen, aber er versteht die Hinweise oder Mahnungen von Gott nicht.

    „Das Glas gleicht einem Stern, einem funkelnden.“

   Das Funkeln eines Sterns bedeutet etwas Besonderes, etwas Erleuchtendes. Wie oft betrachten wir nachts den Himmel mit seinen funkelnden Sternen? Ziehen sie uns nicht magisch an? Ein Stern kann sehr fern oder in Gedanken sehr nahe sein. Denn je näher wir seinem Licht sind, umso näher fühlen wir uns ihm, nämlich Gott. Das bedeutet aber auch, auch Gott ist uns sehr nahe.

    „Angezündet von einem Baum, einem gesegneten. Einem Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich, dessen Öl leuchtet beinahe, ohne dass es berührt hätte das Feuer.

   Ein Ölbaum, der auf einem vorteilhaften, erhabenen Platz steht. Er nimmt daher eine besondere Stellung ein, die immerwährend von Licht erhellt wird. Meines Erachtens soll hier keine Himmelsrichtung angezeigt werden, aus der tagsüber das Licht kommt. Vielleicht ist damit kein besonderer Ort gemeint, sondern es könnte jeder einzelne Ölbaum gemeint sein, egal wo er steht. Jeder Ölbaum könnte das gesegnete Öl spenden. Oder es könnte aber auch ein Ort sein, zu dem wir keinen Zugang haben, für uns unerreichbar. Es wäre dann ein Ort der Unendlichkeit, der Ewigkeit. Gott existiert ewig und so strahlt sein Licht auch ewiglich, ohne, dass es irgendeinen Anzünder, ein Feuer braucht. Und das Licht, das in dem Gleichnis vom Öl hervorgebracht wird, das ist Seine Essenz, das Wesen Gottes. Aber alles, was wir von Gott wissen, steht im Koran: Wir kennen nur die Namen Gottes- die im Koran beigelegten Attribute- und erfahren von seinem Handeln mit den Menschen. Gott ist der einzige Gott, transzendent und existent, allmächtig und allgegenwärtig, unveränderlich und unvergänglich, ewig und unerschaffen, allwissend und unumschränkt in seiner Herrschaft. Die Sure 112 sagt über ihn aus: „Er ist Gott, ein Einziger, Gott der Ewige! Er zeugt nicht, und er wurde nicht gezeugt! Und es gibt niemand, der ihm gleicht!“

    „Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht wen Er will.“

Licht über Licht ist immerwährendes Licht, Gottes Licht ist absolut und hat keine Grenzen. Gott als Allerbarmer, als ar-Rahman wendet sich allen Menschen zu. Wer sich aber von Gottes Licht leiten lässt, dem gewährt er Führung zur inneren Zufriedenheit.

    „Und Gott legt Gleichnisse für die Menschen vor, und Gott ist sich aller Dinge bewusst.“

   Gott versucht mit Allegorien oder Gleichnissen, dem Menschen sein Wesen bildlich zu erklären, was der Mensch aber nur intuitiv, gefühlsmäßig erfassen kann. Gottes Licht erleuchtet die ganze Welt, aber nicht jeder vermag es wahrzunehmen. Gott ist es, der uns zu seinem Licht führt. Ich denke, der Vers ist eigentlich eine Botschaft an alle Menschen, sich zu besinnen, warum es Licht gibt. Denn Licht bedeutet auch Leben. Erst durch das Licht kann der Mensch existieren. Wir werden durch dieses Gleichnis angehalten und es gilt gleichzeitig als eine Einladung, über unser Leben und

über Gott und seine Zeichen nachzudenken.  

     Möge Gott eure innere Sonne immer strahlen lassen. Möge eure Seele Sein Licht empfangen und wieder demutsvoll zurückstrahlen und möge euer Licht gute Taten für die Menschen bewirken und eure Seele und Herz zur Ruhe kommen.

 

Manaar

 

 

 

 

 

 

Karsten Würth

Aufrichtigkeit im Islam

Aufrichtigkeit im Islam

Karsten Würth
Karsten Würth

Aufrichtigkeit oder aufrichtig sein ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen zu stehen und den eigenen Gefühlen sowie der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Worten und Handlung Ausdruck zu geben. Aufrichtig zu sein bedeutet aber auch, anderen Menschen wie sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Sie ist eine Charaktereigenschaft eines Menschen, der ohne jede List und Falschheit redet und handelt, dessen Tun und Reden mit seiner Haltung und Einstellung vollkommen übereinstimmt und der ohne versteckte Nebengedanken oder unaufrichtige Absichten handelt.

    Eine gute Kommunikation, das aufrichtige Gespräch, welches Wahrheiten vermittelt, zählt zu den Notwendigkeiten einer intakten Gesellschaft. Man spricht miteinander, teilt sich gegenseitig seine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen und Besorgnisse mit.

    Aufrichtigkeit bedeutet auch Ehrlichkeit. Ehrlich zu sein gegenüber anderen; das zu denken, was du tust und das zu sagen, was du tust, und letztlich das zu tun, was du denkst. Aufrichtiges Bemühen ist etwas total Wichtiges, aber sehr anstrengend und nicht immer leicht.

    Aufrichtig ist jener, der Denken, Sprechen und Handlung in Übereinstimmung bringt.

Wenn man nichts zu verheimlichen hat und nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, der steht aufrecht zu seinen Überzeugungen, er braucht sich dann auch nicht klein zu machen, und aufrecht zu denken, sagen und handeln hat auch etwas mit Mut zu tun und mit dem Herzen.

     Aufrichtig sein beschreibt auch das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Sollte man sich dennoch einmal irren, so sagt man die Wahrheit über das, was man glaubt und denkt. Und Wahrheit und Ehrlichkeit bedeutet, andere nicht zu belügen, auch sich selbst nicht. Aber wer seine eigene Unvollkommenheit eingesteht und den Mut hat, sich selbst, so wie er ist, anzunehmen, der ist gleichfalls aufrichtig.

    Aber sind wir wirklich immer ehrlich? Können wir uns zum Beispiel anderen mitteilen, wie wir uns in Wirklichkeit fühlen, was wir fühlen und was wir brauchen? In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit oft als verletzend und unhöflich angesehen. Meistens ist es uns doch unmöglich, ungefiltert die echte Wahrheit auszudrücken.

     Z.B. wenn jemand mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich bestimmt nicht ungeschminkt, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle. Ich weiß ja nicht, wie es ankommt oder wie mein Gegenüber reagiert. Sicher sage ich: „Danke, mir geht es relativ gut!“ Aber bin ich dann wirklich aufrichtig und ist es die Wahrheit? Wer bringt den Mut schon auf zu sagen: „Naja, ich würde jetzt lieber zu Hause sein und mich ausruhen. Oder das Gespräch mit dir strengt mich ziemlich an.“ Das wäre aber Aufrichtigkeit. Es geht darum, sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben und nicht verletzend mit Worten zu sein. Das kann man aber meistens nur zu Menschen sagen, die man gut kennt.

     Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, kommunizieren wir Aufrichtigkeit mit den Gefühlen. Ein aufrichtiger Mensch genießt deshalb das Vertrauen seiner Umwelt, man muss nicht seine Worte überprüfen. Der Aufrichtige hält sich an sein Versprechen und hütet das, was man ihm anvertraut, denn er ist ehrlich und somit zuverlässig in Wort und Tat. Durch Aufrichtigkeit wird Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt. Denn das Gros aller Kontroversen und zwischenmenschlichen Problemen entsteht dadurch, dass man zueinander nicht ganz ehrlich und aufrichtig ist.

    Im islamischen Sinn steht für Aufrichtigkeit das Wort: al-Ikhlas. Al-Ikhlas heißt auch die 112. Sure, die wir am meisten rezitieren: „Er ist der einzige Gott. Der unwandelbare Gott. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Und niemand ist ihm gleich.“ Es ist die Erklärung von Gottes Vollkommenheit. Die Tatsache, dass Gott einer und einzig in jeder Hinsicht ist, ohne Anfang und ohne Ende, gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte, so gibt es auch kein Gegenteiliges, es gibt nur die eine Wahrheit, so wie er sich selbst darstellt.

     Ikhlas bedeutet auch, etwas in Reinheit zu bringen, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, das Herz zu reinigen, Ehrerbietung, etwas ohne Vorteil und Gewinn zu erhoffen und zu bestreben, ohne Vortäuschung und Heuchelei, mit innerer Liebe und Verbundenheit, uns in unseren Taten und Gebeten vor Angeberei zu hüten, in unseren Andachten und in unserer Ergebenheit vor Gott uns vor Heuchelei und das Herz verderbenden Sachen fernzuhalten.

   Es heißt in Sure Al-Bakara:139: „Wir haben unsere Werke, und ihr habt euere Werke (zu verantworten), und Ihm sind wir aufrichtig ergeben.“ Für uns bedeutet das: Mit Aufrichtigkeit in der Absicht unsere Gottesdienste durchzuführen. Gott fordert uns direkt auf, in Aufrichtigkeit verantwortlich für unsere Werke, sprich Taten zu sein, um uns zu belohnen.

    Wenn wir aufrichtig sind, werden wir von schlechten Taten abgehalten, wie z. B. der Prophet Yusuf, als er von der Frau seines Gebieters bedrängt wurde. In Sure Yusuf:24 können wir lesen: „Doch sie begehrte ihn. Und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht ein Zeichen von seinem Herrn gesehen hätte. Dies (geschah), um Schlechtigkeit und Schändlichkeit von ihm abzuwehren. Er war ja einer Unserer aufrichtigen Diener.“ Aufrichtigkeit bedeutet hier: Anstrengung, um sich selbst vor einer Sünde abzuhalten, ansonsten würde er sich selbst belügen, nicht aufrichtig sein. Darum sollten wir in unseren Worten und Taten, in unseren Beziehungen und zu uns selbst unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit bewahren.

    Wie schon gesagt ist Aufrichtigkeit ein Wesenszug des Charakters, nicht nur in der Religion, sondern ein ethischer Grundbestandteil. Er erweckt in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, und somit allen Menschen wird in Sure Al-Hud:112 aufgetragen, sich im Glauben, in Wort und Tat niemals von diesem Wesenszug zu entfernen. Da steht: „Verfolge denn den rechten Kurs, wie dir von Gott geboten worden ist, zusammen mit allen, die sich mit dir zu Ihm gewendet haben und keiner von euch soll sich auf anmaßende Weisebenehmen: denn wahrlich, Er sieht alles, was ihr tut.“ Verfolge den rechten Weg bedeutet: Sei aufrichtig!

Gott als Ar-Rahman wendet sich hier nicht nur an Muslime, sondern an die gesamte Menschheit, nicht über die Grenzen der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit hinauszugehen.

   Alle Propheten führten ein höchst aufrichtiges Leben und luden alle Menschen, die sie erreichen konnten, zu solch einer Lebensführung ein, für die sie selbst Vorbilder darstellten. Der Prophet Muhammad antwortete einmal einem Gefährten, der um einen Ratschlag bat: „Sag: ‚Ich glaube an Allah‘ und sei aufrichtig.“ Dieses Hadith finden wir bei Muslim.  Hier wird auf die Wichtigkeit der Aufrichtigkeit im Glauben hingewiesen. In einer anderen Überlieferung sagte Muhammad: „Entfernt euch nicht von der Aufrichtigkeit. Denn die Aufrichtigkeit führt den Menschen zum Guten und das Gute führt ins Paradies. Hütet euch vor der Lüge, denn die Lüge führt den Menschen zur Sünde und die Sünde führt in die Hölle.“  Das ist zu finden bei Buchari.

    Wenn ein Mensch in Wort und Tat seinen Mitmenschen und auch sich selbst gegenüber stets aufrichtig bleibt, pflegt und festigt er das Vertrauen in sich selbst und zu seinen Mitmenschen, zu der Gesellschaft. Und wo Vertrauen ist, dort entsteht Freundschaft, Zuneigung und Respekt. Menschen, die Teil einer solchen Gesellschaft sind, haben ein besseres Wohlbefinden und ein gutes Gefühl für Sicherheit.

    Amin ist ein arabischer Name mit der Bedeutung „gewissenhaft“ oder „vertrauenswürdig“, und ich denke, da könnten wir auch aufrichtig dazu sagen. Schon bevor Muhammad Gottes Gesandter wurde, genoss er unter den Leuten in Mekka großen Respekt und Beliebtheit aufgrund seiner Tüchtigkeit, Wahrheitsgetreue und Vertrauenswürdigkeit. Die Mekkaner ließen ihre Wertsachen bei ihm aufbewahren, sie waren dort so sicher wie in einer heutigen Bank. Sie nannten ihn „al-Amin- der Vertrauenswürdige.“ Kann man noch aufrichtiger und vertrauenswürdiger sein als er?

     Aufrichtig sein ist wohl die wichtigste Handlung des Herzens und der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Handlungen und auf dieser Grundlage wird Gott unsere Taten entweder annehmen oder ablehnen.

   Und so bitte ich Gott, unsere aufrichtigen und ehrlichen Bemühungen anzunehmen.

Manaar

Kopfkino

Kopfkino

 

Als das Jahr 2019 begann, setzten sich meine beste Freundin und ich in unsere Kämmerlein und überlegten uns ein Wort. Es sollte eine Art Motto für das neue Jahr werden, unter dessen Bedeutung wir uns verändern würden. Eine Art Mantra also. Ich für meinen Teil wählte das Wort „loslassen“, da ich bemerkt hatte, dass ich mich an vielen Dingen krampfhaft festhielt und vor allem Herzensangelegenheiten durch die standhafte Anwendung meines Intellekts regeln wollte, statt dem Gefühl nachzugeben.  Darüber hinaus fühlte ich mich von diesen Herzensangelegenheiten gefesselt und schien auch meinen Partner zu fesseln, der sich wehrte.  Als langjährige Lehrerin einer Grundschule leide ich unter der Berufskrankheit so vieler Lehrerinnen, alles lenken zu wollen, indem ich nicht nur meine eigene Zukunft, sondern auch die Zukunft anderer gut durchplante und alle Personen darin fest verankerte, ihnen Aufgaben zuweise, Verhaltensweisen erwarte – um dann immer wieder festzustellen, dass der Umgang mit den Mitmenschen so irgendwie nicht funktioniert. Besonders meiner Partnerschaft tat es nicht wirklich gut, dass ich innerlich schon alles für uns geregelt hatte und den Ring längst an der rechten Hand trug, obwohl es sich nur um einen einfachen Freundschaftsring handelte.

So kam ich mit meiner Beziehung nicht weiter und wir litten zu sehr. In diesem Zustand beschloss ich also, kurz nach Silvester als Jahresmotto das Wort „loslassen“ zu wählen und nahm mir fest vor, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen, das Schicksal einfach mal hinzunehmen, mit Freude zu akzeptieren – es war ja schließlich im Großen und Ganzen immer gut zu mir gewesen.

Schon nach etwa zwei Monaten hatte ich mein Wort geflissentlich vergessen, genauso, wie wir es mit allen Neujahrsversprechen tun, und hielt also wieder an allem fest, lenkte, führte, plante, entschied für andere, und kommunizierte auch, was für meinen Partner sicher das Beste sei. Ohne mich sah ich ihn vor meinem inneren Auge arbeits- und obdachlos werden. Das Gefühl leiten und lenken zu müssen war wiedermal sehr dominant. Natürlich hat es auch etwas Positives, lenken und leiten zu wollen. Wenn ich nicht lenken und leiten wollte, hätten wir heute keine weibliche Muezzinin gehört und keine Predigt, jedenfalls nicht von mir.

Jede Macke entspringt einer Angst oder einer Notwendigkeit, und jeder Glaubenssatz wird nur deshalb so lange aufrechterhalten, weil er irgendetwas Positives in sich birgt. Als Mutter von sechs Kindern und Grundschullehrerin ist es nicht ganz unsinnig, Verantwortung für Nahestehende zu übernehmen, mitzudenken, und schon mal das Pflaster in der Hand zu halten, wenn das Kind zum ersten Mal mit den Rollschuhen unterwegs ist. Aber loslassen ist oft genauso wichtig, damit der Andere nämlich überhaupt erst ein Individuum mit einer eigenen Vorstellung, anderen Interessen und Freuden und einer echten, eigenen Identität werden kann.

Oft entspringen solche Wünsche des Lenkens und Leitens Ängsten und Sorgen und sind nicht mehr oder weniger als die auf der Verpackung vermerkten Nebenwirkungen. Wovon? Von der Liebe. Die Liebe fesselt gern. Doch muss sie sich immer wieder bemühen, loszulassen, die Freiheit des Anderen zu akzeptieren, ohne Angst zu haben, vernachlässigt zu werden, zu vereinsamen oder gar vollkommen abgestellt zu werden. Die Liebe, das sage ich bei jeder Hochzeitszeremonie hier in der Moschee, braucht die Freiheit.

Doch zwischen der Akzeptanz dieser Worte und ihrer tatsächlichen Anwendung liegt manchmal ein unmenschlicher Akt der Willenskraft. Viele Menschen haben Angst verlassen zu werden, möglicherweise besonders häufig Frauen, wenn ich mir da auch nicht sicher bin.

Jedenfalls ist die Angst, verlassen zu werden, mit dem Wort „loslassen“ nur schwer kompatibel. So habe ich für dieses Jahr zwar ein Leitwort für mein Leben aktiv ausgesucht, doch zugleich entwickelte sich zunächst in meinem Unterbewusstsein und später auch im vollen Bewusstsein, ein mächtiges Unwort, um das es heute eigentlich gehen soll. Dieses heißt „Kopfkino“. Loslassen ist das Wort, das Hoffnung auf Besserung verspricht. Es führt dazu, dass ich Freiheit gewähre, dass diejenigen, die zu mir kommen, dies freiwillig tun und nicht aus Pflichtgefühl. Kopfkino hingegen ist das Wort, das Missverständnisse verspricht und sein Versprechen hält. Es ist das Wort, das letztlich Beziehungen zerstören kann. Jeder Mensch hat Kopfkino. Wir sollten uns mit der Systematik beschäftigen, denn nur wenn wir unseren Feind kennen, können wir ihn besiegen. Kopfkino ist ein Feind.

Beispiele für dieses Kopfkino habe ich zahlreich. Meine Mutter hat zum Beispiel Kopfkino, wenn ich sie mal wieder ein paar Wochen lang nicht besuche. Dann denkt sie, sie habe mich als Kind vernachlässigt, mir nicht genügend Aufmerksamkeit gegeben, mich viel zu früh in den Kindergarten gesteckt und überhaupt mir keine schöne Kindheit ermöglicht. Sie denkt, dass ich ihr Schuld zuschreibe und verärgert über sie bin. Ja, Aufmerksamkeit zu schenken war nicht die Stärke meiner Mutter. Sie hat unheimlich gern gearbeitet, genau wie ich heute. Aber ich bin darüber nicht verärgert und mache ihr keine Vorwürfe. Das ist reines Kopfkino. Der einzige Grund, warum ich sie nicht besuche, ist dass der Weg weit ist, und ich nach der Arbeit zu meinen Kindern nach Hause möchte, mich dringend ausruhen muss, und noch die üblichen Dinge verrichten muss. Außerdem möchte ich Zeit mit oben genanntem Partner verbringen. So sitzt meine Mutter zu Hause mit unnötig schlechtem Gewissen über etwas, was sich nicht lohnt. Mein eigenes Kopfkino ist ebenso intensiv: Mein Partner textet heute nicht. Warum? Er hat keine Lust. Ah, das heißt, er ist mit Freunden unterwegs. Sie sind ihm offensichtlich wichtiger als ich. Er könnte ja mal wenigstens ein paar Emojis schicken. Das kann man immer, egal ob Leute dabei sind oder nicht. Also er hat mich vollkommen vergessen. Er will auch nicht später mit mir spazieren gehen, sonst würde er ja mal auf sein Handy schauen. Früher hat er viel öfter angerufen. Unsere Beziehung ist sicher bald vorbei. Wahrscheinlich hat er sich in eine andere Frau verliebt. Ich sollte mich wohl auch langsam nach jemand anderem umschauen. Heute melde ich mich nicht bei ihm. Er soll merken, dass ich viel mehr Wert bin als er denkt. Kopfkino. Nichts von all dem ist wahr.  Eine mir liebe Seniorin hat Kopfkino, wenn sie eine Frau im Tschador sieht. „Nee, wenn ich sowas bei Edeka sehe“, sagt sie, „verlasse ich sofort den Laden. Wer weiß, was die da drunter hat.“  Sobald „sowas“ mit ihr reden würde, wäre die Senioren höchst erfreut und würde sich auf angeregte Weise unterhalten. Sie hat nicht nämlich überhaupt kein Problem mit anderen Ansichten. Aber von Weitem macht ihr diese Kleidung Angst und entfacht eben die Fantasien, die die Medienwelt in den letzten Jahrzehnten beständig genährt hat. Kopfkino per Knopfdruck.

Kopfkino entsteht meist da, wo wir einen wunden Punkt haben. Dass meine Mutter sich solche Schuldgefühle macht, funktioniert nur, weil ihr als Kind ständig Schuld zugeschoben wurde. Dass ich mich so schnell von meinem Partner ignoriert fühle, triggert mich nur, weil ich als Kind tatsächlich so häufig verlassen wurde. Und dass man hinter der weiblichen Stimme die potenzielle Verführung vermutet, verärgert vielleicht, weil man so gerne mal verführt werden würde, doch es nicht zulassen darf, oder die eigene Frau nicht dazu geneigt ist. Kopfkino sagt uns immer mehr über uns selbst als über die Situation, in der wir uns befinden. Psychologisch interessant ist darüber hinaus, dass wir durch unser Kopfkino Situationen herbeiführen. Je mehr wir uns im Kopfkino verlieren, desto mehr verhalten wir uns entsprechend unseres Kinofilms, woraufhin unser Gegenüber auch entsprechend reagiert. Unsere vermeintlich korrekte Wahrnehmung schafft so genau die Realität, die wir vermeiden wollen. So sind unsere Prägungen der frühesten Kindheit auch im hohen Alter noch dafür verantwortlich, dass das Miteinander in Krisen gerät. Und zwar immer wieder in dieselben.

In Watzlawicks Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ steht dieser Witz. Auch er beschreibt Kopfkino.

Einst ging ein Mann in die Hände klatschend durch die Straßen. Ein Passant wunderte sich und fragte den Mann: „Warum klatschen Sie denn ständig in die Hände?“ Der erwiderte: „Um die Elefanten zu vertreiben.“ Der Passant verstand nicht und fragte nach: „Aber hier sind doch gar keine Elefanten?“ „Richtig“, gab ihm der Mann zurück, „sehen Sie, es funktioniert.“

Kopfkino. Bei uns gibt es keine Elefanten und mein Partner hatte einfach keine Zeit zu texten, aber hat jede Sekunde an mich gedacht; die Frau im Tschador hat darunter, was alle Frauen unter ihrer Kleidung haben, nicht mehr und nicht weniger, und in dieser Moschee werden übrigens die Männer nicht durch den Ruf der Muezzinin zur Unzucht verführt. Auch das ist Kopfkino.

Ein letztes Beispiel für die zerstörerische Wirkung des Kopfkinos kommt ebenfalls von Watzlawick. Es funktioniert genau so, wie mein Handybeispiel. Hier wird besonders deutlich, wie unsere innere Verletztheit in jeden kleinen Winkel der Bewertung unseres Lebens eindringt.

Watzlawick und die Anleitung zum Unglücklich Sein:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er “Guten Tag” sagen kann, schreit ihn unser Mann an: “Behalten Sie Ihren Hammer”.

Unser armes Gegenüber hat keine Ahnung von unserem Kopfkino, denn der Grund seines Handelns ist ein ganz anderer. Der hat aber auch Kopfkino. Und so bewegen wir uns in einer Welt hin und her, die real aussieht, und deren Interpretation ganz real erscheint, doch ist das Meiste davon verkehrt.

 

Auch der Prophet Mohamed , Friede und Segen auf ihm, hatte solches Kopfkino. Nach den ersten göttlichen Offenbarungen gab es eine lange Pause der Botschaften Gottes an den Propheten. Dieser wartete und wartete, doch nichts kam. So gab er langsam die Hoffnung auf. Die Furcht, es habe sich bei seinem ersten Kontakt mit Jibreel nicht um eine Offenbarung gehandelt, sondern er sei schlicht verrückt geworden, mag zurückgekommen sein. Fast wollte er sich das Leben nehmen. Jedenfalls empfand er sich von Gott vollkommen verlassen. Das intensive Gefühl der Verlassenheit stellte sich ein, weil er als Kind ständig verlassen worden war. So entstand beim Propheten ein ganz grandioses Kopfkino. Es gilt die Regel: Je stärker die eigene Wunde, meist aus der Kindheit, desto größer ist die Angst vor einer neuen Verletzung und desto fürchterlicher ist das nun entstehende innere Drama. Mohamed hatte bereits vor seiner Geburt seinen Vater verloren. Als er nun noch recht jung war, verlor er auch die Mutter und war nun ein Waisenkind. Mit sieben Jahren verlor er den Onkel, der sich seiner angenommen hatte und muss sich fürchterlich allein gefühlt haben. Die Angst, von jemandem verlassen zu werden, der ihm Schutz und Hilfe bietet muss groß gewesen sein. Gott, der sich ihm zuvor als eben solche großartige, beschützende Vaterfigur gezeigt hatte, war nun verschwunden, wie der leibliche Vater, die leibliche Mutter, und der Onkel es zuvor getan hatten. Das Kopfkino des Verlassenseins gibt es, aber auch das Kopfkino der Kontrolle bei Menschen, die von Eltern oder Regierungen ständig kontrolliert wurden, das Kopfkino der Schuldgefühle und viele mehr. So nahm Mohamed also an, Gott habe ihn verlassen. Einige Monate später wurde ihm die Sure 94 offenbart. Ihr Wortlaut beweist, dass Gott, der uns geschaffen hat, unser Kopfkino kennt.

 

Beim Morgen!

Bei der Nacht, wenn sie sich still verbreitet!

Dein Herr hat dich weder verlassen, noch haßt Er dich.

Das Jenseits ist besser für dich als das Dieseits.

Dein Herr wird dir hier und dort so viele Gaben gewähren, bis du zufrieden bist.

Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dich in Seine Obhut genommen,

und dich umherirrend gefunden und dich rechtgeleitet,

und dich arm gefunden und reich gemacht?

Du sollst die Waise nicht unterdrücken

und den Bettler nicht hart abweisen.

Über die Gaben deines Herrn sollst du dankbar sprechen.

 

Was tun wir gegen Kopfkino, bevor es unsere Beziehungen zerstört?

Ich persönlich habe mir angewöhnt, die Dinge anders zu interpretieren. Wenn mich jemand mal wieder nicht anruft, dann denke ich: „Diese Person hat heute den ganzen Tag an mich gedacht und wollte diesen Gedanken nicht stören. Ich war den ganzen Tag in seinem oder ihrem Leben dabei.“ Oder „Diese Person hat sicherlich Zahnweh oder Migräne“ oder „Diese Person wollte mich gerne anrufen, aber in Ruhe mit mir sprechen, doch es gab keine Ruhe für ein Gespräch“ oder diese Lehrerkollegin, die gerade an mir vorbeiging ohne meinen Gruß zu erwidern, denkt wahrscheinlich gerade an ihre nächste Unterrichtsstunde. Oder: Gott will mir sagen, dass ich nicht schon wieder soziale Kontakte vorschieben soll, sondern endlich mal mit dem Aufräumen der Kammer zu Potte kommen sollte. Es gibt eintausend und eine gute Interpretation für jede Handlung, die uns zunächst als schlecht erscheint. Es ist schön, wenn man eine Freundin oder einen Freund hat, der oder die einen daran erinnert, die guten Interpretationen zu aktivieren und das Kopfkino als solches benennt. „Das ist Kopfkino, Liebes, es hat mit der Realität nicht viel zu tun, auch wenn es sich ganz echt anfühlt – finde mal besser besser eine schöne Interpretation“.

 

Tim Marshall

Trost

Trost

Autorin: Susanne Dawi

Tim Marshall
Tim Marshall
Als ich eines Tages die Sure AlKawthar genauer studierte, um eine Khutba darüber zu schreiben, empfand ich sie als irgendwie gegensätzlich und zugleich sehr ähnlich wie die Sure AlAsr, die mich in letzter Zeit besonders bewegt. Zu Al Kawthar gibt es also demnächst auf unserer Seite eine Khutba, und über AlAsr schreibe ich den heutigen Blogtext. Unterschiedlich ist, dass AlKawthar von der Fülle berichtet, die uns gegeben wurde, während AlAsr über den Verlust spricht. Gerichtet sind beide Suren insbesondere an den Propheten Mohamed, aber ihre Worte sind auch für jeden von uns bedeutsam.

Schon im Beginn dieser Sure schwingt eine vielleicht traurige Ernsthaftigkeit. „Wa AlAsr“ ; ein „Ach“ des Herzens über die Vergänglichkeit. Al Asr heißt so Einiges, z.B. „der Nachmittag“, oder „das Zeitalter“. Gemeinsam habe diese Vorstellungen, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der irgendwann zuende geht, und dessen Zenit möglicherweise bereits überschritten ist. Mein eigenes Gefühl, wenn ich diesen ersten Satz lese, sagt so etwas wie: „Ach, alle Zeit vergeht, und nun ist unsere Welt und insbesondere dein eigenes Leben, schon an seinem Nachmittag angekommen. Deine Frist neigt sich dem Ende.“ Daher übersetze ich „AlAsr“ am liebsten mit „Die Frist“. Wir empfinden Ehrfurcht vor der Frist, während der die Menschen die Welt bewohnen dürfen und noch mehr Ehrfurcht vor der Endlichkeit unseres eigenen Lebens. Während uns das Leben einerseits oft reich beschenkt, nimmt es uns auch Vieles. „Wahrlich die Menschheit befindet sich in großem Verlust.“ Verlust ist ein Gefühl der Trauer. Dabei muss es sich gar nicht um den Verlust von Objekten oder Lebewesen handeln, sondern kann auch ein Verlust der Hoffnung sein, ein Verlust des Glücks oder ein Gefühl von Einsamkeit. Verlust heißt, dass man sein Glück verloren hat, oder seine Lieben, oder einen Traum nicht leben kann, den man zu leben gehofft hatte. Vieles klassifiziert sich als Verlust, und wer gerade trauert, erfreut sich nicht an der Vielfalt, sondern nimmt deren Abwesenheit schmerzlich wahr.

Doch schon der nächste Satz der Sure ist ein tröstender. Niemals sollen wir in unserer Trauer verharren. Diese Botschaft sendet uns Gott an vielen Stellen. So beginnt der nächste Satz mit „Außer“ und beschreibt diejenigen Menschen, die keinen Verlust haben werden; es sind die, welche glauben und gute Werke tun und sich gegenseitig darin unterstützen, das Recht (auch Gesetz) zu beachten und sich zur Geduld anhalten.

Schon von der Tonalität der Sure ist sie wunderschön. Sie möchte langsam gesprochen werden und ihre Töne sind dunkel. Ihre Hauptvokale sind a und u, das s in Asr ist ein schweres s, das s in khusr wird gefolgt vom r wie auch in sabr, was dem Wort Ernsthaftigkeit verleiht. Khusr und Sabr zeigen in diesem Zusammenhang eine ergreifende Einheit von Ton und Inhalt, durch die wir beim Rezitieren in eine Stimmung versetzt werden, die als eine Mischung aus Trauer und Zuversicht beschrieben werden kann. So bietet diese Sure Trost. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in dem wunderbaren Satz in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Natürlich haben die Glaubenden, Tröstenden, auch Verluste – auch ihnen sterben die Eltern, auch sie werden krank oder unglücklich. Doch um mit dem Schmerz zurecht zu kommen helfen uns die Liebe zu Allah und zu den Menschen, unsere Geduld und unsere guten Werke.

Als ich vor einigen Jahren nachts am LAGESO Berlins so genannte „Flüchtlingshilfe“ betrieb und die ersten neu ankommenden Syrer, Afghanen, Iraker und viele Andere mit weiteren Helfern in teils recht „kreative Unterkünfte“ (Theatersäle, Restaurantzimmer, Probenräume…) brachte, damit keiner auf der Straße schlafen müsse, fragte mich jemand, warum ich das täte. Abgesehen davon, dass ich mir diese Frage selbst nie gestellt hatte (es ist eben ein Gefühl, aus dem heraus man handelt), fand ich später eine möglicherweise taugliche Antwort: Wenn wir anderen Menschen helfen, dann wird vielleicht auch später unseren Kindern geholfen, wenn sie in eine schlimme Lage kommen, oder unseren Eltern, oder denen, die wir lieben. Wenn wir aber niemandem helfen, dann gibt es keine Hoffnung, dass später jemandem geholfen wird. Selbst zu helfen bedeutet, Hoffnung überhaupt erst zu ermöglichen. Diejenigen unter Ihnen, die gute Werke tun, schaffen für sich selbst und andere Hoffnung. Hoffnung, die uns aufrecht hält in Zeiten des Verlusts.

Bei der Frist
Wahrlich die Menschen sind in großem Verlust.
Außer denjenigen die glauben und Gutes tun
Und andere bestärken, richtig zu handeln und sie darin bestärken, geduldig zu sein.

Jonas Verstuyft

Nacht

Nacht

 

Jonas Verstuyft
Jonas Verstuyft

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Ich begrüße euch herzlich zum heutigen Freitagsgebet. Mögen unsere Herzen stets laut genug sprechen, um uns auf die richtigen Wege zu führen, und wir unsere Tage in Liebe und Freude verbringen.

Sure AlZalzal (Koran/Arabisch)

Wenn die Erde ihr Beben erbebt. Und sich aufspaltet. Und die Menschen fragen, was hat sie? An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen. Gleich verstreuten Motten werden die Menschen auseinanderlaufen und jeder wird sehen, was er oder sie getan hat. Wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen. Es wird kein schöner Tag sein, denn wie sehr wir uns auch über das Gute freuen werden, das Anschauen all unserer schlechten Taten wird uns quälen. Wahrscheinlich werden wir uns fühlen wie unsere Opfer und uns ob unserer Taten, und mehr noch unserer Motive, unendlich schämen.  Lasst uns in unserer noch verbleibenden Zeit viel Gutes tun, damit wir das Ende ertragen können. An diesem Tag der Offenbarung wird die Erde ihre Nachrichten erzählen. Jede Qual, jedes freudvolle Lachen, das sie gesammelt hat, wird sie bezeugen.

Im Koran ist nicht nur die Erde personifiziert, sondern das ganze Weltall – der Mond, die Sonne, die Planeten. Sie alle leisten ihre Arbeit nach Maßgabe der ihnen vorbestimmten und zugetragenen Aufgabe. Sie kreisen umeinander, jeder nach seiner vorgegebenen Bahn, so lange wie Allah ihnen ihre Frist hierfür gesetzt hat. Die Sonne, die uns den Tag bringt, ist dafür geschaffen, das, was wir sehen können, durch ihre Erleuchtung sichtbar zu machen. Die Nacht dient dazu, es zu bedecken. Zu unserem astrologischen Wissen der Neuzeit passt das nicht ganz. Wir wissen, dass nicht die Sonne auf- und untergeht, sondern die Erde sich um sie und um sich selber dreht. Das Aufgehen der Sonne im Osten und ihr Untergehen im Westen sind aus dieser wissenschaftlichen Sicht eine Fehlformulierung, doch ist der aus unserer Perspektive gewählte Ausdruck des Aufgangs und des Untergangs durchaus angemessen, denn dies entspricht unserer tatsächlichen Wahrnehmung. Diese menschliche Wahrnehmung ist natürlich nicht weniger real als die Perspektive der Wissenschaft. Kein Mensch sagt, die Erde ist jetzt in der Position, in der die Sonne beginnt, auf unseren Ort zu scheinen. Alle sagen stattdessen: Die Sonne geht auf. Es ist Tag. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf, es ist Nacht. Somit personifizieren wir auch in der deutschen Sprache Sonne und Mond.

Nach unserer wissenschaftlichen Vorstellung wird die Sonne genau so lange scheinen, bis die chemischen Reaktionen, die zum Brennen führen, nicht mehr stattfinden können. Nach islamischer Vorstellung scheint sie genau so lange, wie Gott das will. Sie tut dies, weil es ihre Aufgabe ist, im Sinne einer aktiven, und gewissermaßen auch willentlichen, Aktivität. Die Vorstellung, die Sonne sei gleich einer willentlich handelnden Person und auf der anderen Seite die Vorstellung, dass das Sonnenlicht und die Wärme durch chemische Reaktionen bedingt sind, die irgendwann natürlich zu Ende gehen, schließen sich nicht gegenseitig aus. Hat Gott die chemischen Reaktionen so geschaffen, wie sie sind, hat er-sie-es damit auch festgelegt, wann es damit zu Ende geht. Beim Lesen des Koran stellt sich jedoch manchmal bei mir das Gefühl ein, die Erde wäre eine Akteurin.

Die Personifizierung der Planeten ist dem Islam zueigen. Dadurch, dass sie wie Menschen beschrieben werden, die aber keinen freien Willen haben, sind sie uns zugleich ähnlich und unähnlich. Indem sie wie Lebewesen erscheinen, haben wir als Menschen eine große Verantwortung, sie gut zu behandeln, so nämlich, wie unsere Brüder und Schwestern. Sie sind nicht einfach Materie, sondern, wie wir, beseelte Materie – Bruder Mond und Schwester Sonne, die wir als Muslime lieben und ehren, wie auch die Erde. Nicht anbeten, aber ihnen Respekt bezeugen. Sind die Planeten von Gott als beseelte Wesen geschaffen, so wie wir Menschen, wie alle Pflanzen und Tiere und letztlich jede Materie, so ergibt sich für uns Muslime daraus ein Weltbild universeller Erschaffenheit. Alles um uns herum ist lebendige Schöpfung Gottes, alles unterliegt dem göttlichen Willen und trägt den göttlichen Geist. Dem Menschen als möglicherweise einzigem vernunftbegabten Wesen obliegt der Schutz der Schöpfung, um damit Gottes Willen anzuerkennen und auszuführen; den Willen des einzigen Gottes, der als einziger zeugt, ohne gezeugt worden zu sein.

Nicht nur ist die Sonne personifiziert, sondern auch der Tag. Im Koran ist er der Aufdeckende, der potenziell Sichtbares durch seine Helligkeit in Erscheinung treten lässt. Er wird abgelöst durch die Nacht, die durch das Ausbreiten ihrer Dunkelheit alles Sichtbare in der Unsichtbarkeit verschwinden lässt.

In dieser Unsichtbarkeit verschwinden auch viele der Untaten der Menschen. Die Nacht ist für die Ausführung all jener Verbrechen, die nicht von Zeugen beobachtet werden sollen, viel besser geeignet als der Tag. Doch ist sie nicht nur der Bedecker der Verbrechen. Durch die Dunkelheit können wir nicht arbeiten und müssen, oder dürfen, ruhen. Während die Nacht meines Wissens nach in den anderen Religionen keine besondere Bedeutung hat, ist sie im Koran assoziativ mächtiger und schöner. Wir Muslime lieben den Mond. Wir rechnen unsere Monate nach seinem Erscheinen und nennen unsere Liebsten, Ya Qamari (du mein Mond). Die Mondsichel ist Teil der Fahne mehrerer islamisch geprägter Länder. Im Ramadan schauen wir sehr genau, wann die feine Sichel am Himmel erscheint, um mit dem Fasten zu beginnen und es nach möglichst genau einem Lunarmonat zu beenden. In der Wüste ohne ihre Straßenlaternen oder sonstige künstliche Lichter sind der Mond und die Sterne Garanten erhöhter Sicherheit und der Möglichkeit, den Weg nach Hause zu finden; ganz so wie es für Schiffe auf den Meeren galt, bevor Radarsysteme erfunden wurden. Der Mond und die Sterne dienen damit unserer Orientierung in Zeit und Raum. Im Laufe der Geschichte lernten die Menschen, sich an Fixpunkten im Weltall zu orientieren, die man von überall auf der Welt sehen kann – das wird astronomische Navigation genannt. Dabei verlässt man sich auf die Gestirne am Himmel. Anhand des Sonnenstandes konnten die Seefahrer beispielsweise die Himmelsrichtungen ablesen. Denn wo die Sonne aufgeht, ist Osten, ihr Mittagsstand weist in Richtung Süden, und im Westen geht sie unter. Wer nach Norden wollte, dem half in der Nacht der Polarstern, der sich genau im Norden befindet. Soweit ich weiß, müssen Seeleute auch heute noch diese alten Methoden lernen, sei es als historisches, sei es als Notfallwissen, falls die elektronische Technik versagt.

Tatsächlich bietet uns die Sonne aber mit ihrem wie auch immer hellen Licht lediglich die Möglichkeit, den Blick bis zum nächsten Hindernis schweifen zu lassen und uns so in relativ eng begrenzten Räumen visuell zu orientieren. Dem hingegen bietet uns die Nacht mit ihren leuchtenden Sternen und dem Mond eine sehr viel weitreichendere Orientierungsmöglichkeit. Die Nacht ist damit nicht nur die Bedeckerin menschlicher Taten und ein Moment der Ruhe, sondern auch der Zeitpunkt der uns unsere Richtung weisen kann.

Einen großen Teil der Nacht verbringen wir mit Schlafen und nutzen die Orientierungsmöglichkeiten von Mond und Sternen nicht. Wir schlafen und ruhen damit von der Arbeit des Tages. In der Mitte der Nacht, etwa zwischen zwei und vier Uhr morgens, entgiftet unser Körper. Wenn wir in dieser Zeit arbeiten, statt zu schlafen, hat dies ungünstige gesundheitliche Folgen für uns, weil die Entgiftung nicht einfach zu anderer Zeit stattfindet, sondern eben gar nicht nicht oder unzureichend. Am Tag zu schlafen ist aus vielen Gründen nicht so erholsam wie der Schlaf in der Nacht. Doch selbst wenn wir schlafen, dient uns die Nacht zur Orientierung; denn im Schlaf spricht unsere eigene Seele zu uns und durch unsere Seele letztendlich Gott. Unbewusstes und Halbbewusstes formen sich zu bildhaften, in Metaphern symbolhaft gekleideten Geschichten, die uns mit Sphären unserer Selbst in Verbindung bringen, zu denen wir sonst keinen Zugang hätten. Besonders vielleicht der Monat Ramadan, wo wir durch die Rhythmusveränderung anders schlafen als in den anderen Monaten, und damit auch oft intensiver träumen, bietet uns die Möglichkeit durch Beachtung und Reflexion unserer Träume zu Erkenntnissen zu gelangen, die sich uns sonst entziehen. Sind wir aufmerksame Beobachter und entwickeln eine gewisse individuelle Deutungskompetenz der uns eigenen, doch zugleich kulturell geprägten, Traumsymbolik, so kann uns dies helfen, uns in der Partnerschaft, der Elternschaft, dem Beruf oder anderen Gebieten unseres Lebens zu orientieren. Nicht alle Träume sind dazu geeignet, doch lohnt sich häufig die Beschäftigung mit ihnen.

So bietet die Nacht Orientierung sowohl für die Reisen mit Schiffen und Flugzeugen als auch für die inneren Reisen unserer Seele. In ihrer Entlastung von den Tätigkeiten, die uns der Tag abverlangt, in der Ruhe ihrer Enthaltung von sozialen Beziehungen, und in der bewussten Hinwendung zu unserem Inneren sowie beim Träumen schenkt uns die Nacht die Möglichkeit, über unsere inneren und äußeren Lebensumstände nachzudenken, ohne beim Pragmatismus ankommen zu müssen. Dass sich am nächsten Tag oft alles wieder ganz anders darstellt als in der Nacht gedacht, ist der Beweis, dass wir als denkende Wesen geschaffen wurden, die Entscheidungen auf verschiedenen Grundlagen treffen können – pragmatischen, moralischen, emotionalen und so weiter.

Die Orientierungshilfe der Nacht wird ergänzt durch ein Orientierungsorgan, das ebenso im Dunkeln liegt. Tief in unserem Inneren liegt unser Herz. Einer meiner Lieblingssänger, Hermann van Veen, singt: „Hörst du denn nicht den Trommler, der da heimlich in dir schlägt; der dich bei aller Gegenwehr auch in Feindeslager trägt. Hör auf ihn, er sagt dir was! Wenn er sich nicht mehr regt, ist das ein Zeichen dafür, dass sich gar nichts mehr bewegt.“ Das wichtigste Lebensorgan, unser Herz, bietet uns Orientierung aus der Dunkelheit des Körpers heraus.

Unser Herz bietet uns Orientierung und Umorientierung, ein Hin und Her der Möglichkeiten, die uns manchmal zerreißen. Es zieht uns zu altruistischem Verhalten, um dann wieder festzustellen, dass wir uns dabei selbst aufgeben und verlieren, wenn wir nicht auf uns aufpassen. Es zieht uns manchmal zu Verhaltensweisen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können, weil sie uns nicht gut zu tun scheinen, oder in der Tat nicht guttun. Doch ihm zuzuhören ist wertvoll, denn sein Orientierungspotenzial ist unbestritten. Lernen wir, unserem Herzen zuzuhören, können wir im Anschluss immer noch mit dem Verstand abwägen, wie wir uns verhalten wollen. Aber nur wenn wir den Mut haben, unser Herz anzuhören, ist dies eine ehrliche Auseinandersetzung.

 

Alle unsere Gedanken entstehen auf Grund von Empfindungen, dies werden im Gehirn bewertet. Die Amygdala, also der Teil des Gehirns, der für die emotionale Bewertung von Ereignissen zuständig ist, ist sozusagen das unterbewusste Herz des Gehirns. Alle Ereignisse die wir je erleben, passieren diesen emotionalen Filter und werden bewertet, d.h. können mit Worten wie Furcht oder Freude oder Langerweile beschrieben werden. Ich bin sicher, die Amygdala, zu Deutsch der Mandelkern, steht in direkter Verbindung mit dem Herzen, das, wie wir sagen, vor Freude hüpft, oder uns vor Aufregung oder Angst bis zum Hals schlagen kann. All unsere Orientierungen, die in der Dunkelheit stattfinden, sind möglicherweise wertvoller als die Orientierungen des helllichten Tages. Denn während wir am Tag beim Einschlagen falscher Wege von A nach B einfach einen Umweg gehen können, sind die im Dunkel der Nacht und im Dunkel des Inneren getroffenen Entscheidungen oft viel wesentlicher und weitreichender. Und sie brauchen oft viel mehr Mut, der uns angesichts des Tageslichts manchmal schnell wieder verlässt.

Im Ramadan ist, bzw. war, die Nacht eine besondere Zeit. Nicht nur weil wir da essen durften. Wir fasten ja nicht, um nachts zu essen, sondern um am Tag zu fasten. Doch machen wir, wenn es uns möglich ist, einen Mittagsschlaf, und so wird in dem heiligen Monat manches Mal die Nacht ausgedehnter als sonst. Wenn wir in der Nacht essen und trinken, als wäre es Tag, verliert sich jedoch die Besonderheit der Nacht. Durch das Bewegen in belebten und beleuchteten Orten entflieht uns die Möglichkeit der stillen Reflexion. Nacht ist nur dann Nacht, wenn sie in Dunkelheit und Ruhe verbracht wird. Dann ist sie ein wunderbarer und reicher Teil unseres Lebens. Unsere Tage, die manchmal allein dazu dienen, das so genannte Tagwerk zu tun, Aufgaben zu bearbeiten oder Dinge erledigen, vor deren Anstrengungen und sozialen Verpflichtungen wir manchmal zurückschrecken mögen, können wir zwar auch nutzen, um uns mit der Schöpfung und dem Schöpfer in Verbindung zu bringen. Doch die Nacht hat ihren besonderen Charme und für manche von uns, ist sie der schönere Teil des Tages. In meinen Teenager Jahren tat ich, was mir meine Tochter neulich auch von sich erzählte, und was ich heute noch gerne mag: Ich stellte mir den Wecker auf 2 Uhr nachts, um mindestens ein paar Minuten der Nacht wach zu liegen, und die Nacht als solche wahrzunehmen. Mit diesem kleinen Trick verlieh ich ihr die Existenz und räumte ihr einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Heute dient mir die Nacht auch der Zärtlichkeit und einer anderen Form des Gemeinsamseins, als die des Tages. Sheherazade erzählt dem grausamen König ihre Geschichten in der Nacht, bevor er einschläft. Diese vertrauteste aller Arten des Erzählens im Dunkeln kennen viele von uns. Durch die Dunkelheit und die Abwesenheit aller Ablenkung entsteht eine Atmosphäre, die an Intimität nicht zu übertreffen ist und unsere liebevollen Worte dringen ohne Umwege direkt in die Seele des anderen ein. Unsere Kinder, die tagsüber längst ihre eigenen Wege gehen und uns nicht mehr zu brauchen scheinen, kommen nachts zu uns, um neben uns zu liegen und nicht allein zu schlafen.

 

Rilke schreibt:

 

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

 

Der Monat Ramadan ist nun vorbei. Die Nächte sind wieder das, was sie zuvor waren, Zeit zum Ruhen und Schlafen und zum Austausch liebender Zärtlichkeit.  Ich wünsche uns allen die Nächte wie wir sie brauchen und auch hin und wieder reflektierte Nächte, in denen wir uns orientieren und unser Leben auf einen guten Kurs bringen können. Einen muslimischen Kurs, was bedeutet einen Kurs der Nächstenliebe, der Hinwendung zum Guten, der gekonnten Zurückstellung eigener Wünsche, ohne des Selbstverlusts.

Es ist ein Kurs des freudvollen Gebens und des Findens weiser und liebevoller Wörter, der Wertschätzung und der Geduld und Kraft und eines mutigen und gütigen Herzens.

 

Wir wenden uns nun zum Gebet in Hingabe an Allah, mit Dank für alles, was uns gegeben ist. Es ist viel. Wir vertrauen darauf, dass jede Stelle, an der wir uns befinden, die richtige ist, und wir uns stets auf dem uns zugewiesenen Weg befinden, auf dem wir geleitet werden in Liebe und Barmherzigkeit.

 

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

 

Autorin: Susanne Dawi

Nun ist schon mehr als eine Woche des Monats Ramadan vergangen. Die Zeit vergeht schnell, und in diesem Jahr ist das Wetter für die Fastenden freundlich. Der Himmel ist immer wieder mal wunderbar blau, doch die Hitze der letzten Jahre bleibt uns erspart. Es ist recht kühl – sogar ein wenig zu kühl vielleicht.

Wir Muslime wissen, warum wir fasten. „Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget. Fasten während einer bestimmten Anzahl von Tagen. Aber wer immer von euch krank ist oder auf einer Reise, soll statt dessen die gleiche Azahl von anderen Tagen fasten, und in solchen Fällen obliegt es jenen, die es sich leisten können, ein Opfer durch Speisung eines Bedürftigen zu bringen. Und wer immer mehr Gutes tut, als er zu tun verpflichtet ist, tut sich damit selbst Gutes, denn zu fasten ist euch selbst Gutes zu tun – wenn ihr es nur wüsstet.

Muhammad Asad, der Übersetzer, den ich hier für Sure 2:183-184 bemüht habe, schreibt in seinem Kommentar:

„Das heißt während der 29 oder 30 Tage des Ramadan, des neunten Monats

des islamischen Mondkalenders. Es besteht aus völliger Enthaltung von Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergeang. Wie der Quran darlegt, war die Praxis des Fastens zu allen Zeiten der Religionsgeschichte des Menschen weit verbreitet. Die außergewähnliche Strenge und lange Dauer des islamischen Fastens…erfüllt zusätzlich zum allgemeinen Ziel der spirituellen Reinigung einen dreifachen Zweck:

  1. des Beginns der quranischen Offenbarung zu gedenken, der im Monat Ramadan etwa 13 Jahre vor dem Auszug des Propheten nach Medina stattfand
  2. eine anspruchsvolle Übung der Selbstbeherrschung zu bieten
  3. jedermann durch seine oder ihre eigene Erfahrung erkennen zu lassen, was es heißt, hungrig oder durstig zu sein, und damit ein echtes Verständnis für die Bedürfnisse der Armen zu entwickeln.“

Ich bin seit etwa 20 Jahren immer wieder überrascht, was passiert, wenn man den ganzen Tag fastet. Jedes Jahr muss ich wie viele andere auf Grund meiner Arbeit entscheiden, ob es wichtiger ist, morgens vor Sonnenaufgang noch schnell etwas zu essen und trinken, oder lieber zu schlafen, damit mir bei der Arbeit nicht die Augen zufallen.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass meine Füße im kältesten Winter nicht so kalt werden wie an Fastentagen im Hochsommer.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass das Hirn zum korrekten Funktionieren Wasser und Brot braucht. So bin ich gestern auf dem Weg zu meiner Mutter in die falsche Ubahn gestiegen und habe es erst nach etwa fünf Stationen bemerkt. Mein unterversorgtes Hirn blieb von Berliner Straße bis Yorckstraße vollkommen zufrieden obwohl es in die andere Richtung zum Adenauerplatz wollte.

Und in diesem Jahr kommt die Erkenntnis hinzu, dass ich ohne Essen und Trinken nicht kreativ sein kann. Wo ich sonst so gerne schreibe, schiebe ich es nun bis nach dem Essen auf, damit ich überhaupt ein paar Ideen zu Papier bekomme.

Wer hätte das gedacht?! Wir essen und trinken natürlich in erster Linie zum Lebenserhalt. Aber darüber hinaus hält es uns warm, bringt uns an die richtigen Orte und sorgt auch noch dafür, dass wir schöne Worte finden.

Das Finden schöner Worte und das Verbreiten von Liebe und Respekt ist zu jeder Zeit eine Aufgabe für uns Muslime. In dieser Zeit der Spaltung (die leidige Kopftuchdebatte zeigt es) ist es gut, wenn wir uns daran halten, miteinander freundlich, wohlwollend und gutherzig umzugehen, unabhängig von unseren Meinungen zu Einzelthemen. Was auch immer die Meinung zu den zahlreichen „Islamthemen“ sein mag (Fasten in der Schule, Kopftuch, weibliche Imame usw.) wir sollten versuchen, respektvoll und wertschätzend miteinander zu kommunizieren, uns zu vergeben und zu unterstützen und uns gegenseitig zu achten. Meinungen zu bestimmten Themen muss man dazu vielleicht kurzzeitig in einer mentalen Kiste fest verschließen, um über das sprechen zu können, was einen sonst noch so bewegt und einen mit dem Anderen verbindet. Die Kiste kann man dann in besonders dafür geeigneten Situationen hin und wieder öffnen und den Inhalt diskutieren. Hetzerei von allen Seiten, Gemeinheiten, Respektlosigkeit und Verunglimpfungen zu vermeiden ist mit Sicherheit im Sinne des Qur’ans, der uns den Weg zu Wertschätzung, Frieden und Vergebung aufzeigt.

Ich wünsche uns allen einen wunderschönen, freundlichen und friedlichen Ramadan!

Hochzeit bild von Beatriz Pérez Moya

Mohamed und Khadija

Mohamed und Khadija

 

Beatriz Pérez Moya

Wir Muslime haben sicher alle die eine oder andere Lieblingsgeschichte aus dem Koran oder den anderen Überlieferungen. Die Geschichte von Moses vielleicht, wie er in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil trieb und gerettet wurde. Oder die Geschichte von Abraham, wie er Gott wieder und wieder bat, die Stadt Sodom zu verschonen, weil dort Lot mit seiner Familie wohnte. Oder die Geschichte der Khadija, die eine reiche und kluge Kauffrau war und bereits zweimal verwitwet, als sie den 25 jährigen Mohamed kennenlernte. Sollte ich mal einen muslimischen Namen annehmen, so wird es Khadija sein. Von Anfang an habe ich mich in sie verliebt und ihre wunderbare Liebe zum Propheten Mohamed geschätzt. Ich freue mich darauf, sie inscha’allah im Paradies kennenzulernen und sie um ihre Freundschaft zu bitten. Khadija war die erste Frau Mohameds, und so geht es heute um das Thema Ehe. Für alle, die damit nichts anfangen können, geht es um Partnerschaft und um jede Freundschaft mit einem Menschen, an dem uns besonders viel liegt.

Als die wohlhabende Kauffrau Khadija eines Tages eine Handelskarawane nach Damaskus schicken wollte, suchte sie für deren Führung einen besonders vertrauenswürdigen Mann. Sie hörte von einem jungen Mann namens Mohamed, der sich durch seine Aufrichtigkeit und Freundlichkeit einen edlen Namen gemacht hatte, und bot ihm die Führung der Karawane unter Begleitung des Sklaven Maisara an. Mohamed nahm Khadijas Angebot an und machte sich bald darauf mit Maisara auf den Weg.

Als sie in Busra im Süden Syriens ankamen, ließ Mohamed sich im Schatten eines Baumes in der Nähe eines Klosters nieder, das einem Mönch namens Nestor gehörte. Es ist überliefert, dass dieser Mönch den Sklaven Maisara fragte: „Wer ist dieser Mann unter diesem Baum?“, und Maisara antwortete: „Er gehört zum Stamm Quraisch zu den Leuten der Kaaba“. Da sagte der Mönch: „Unter diesem Baum haben bisher nur Propheten gesessen“ (siehe Ibn Kathir und auch Hischam/ zitiert aus: Muhammad, Jotiar Bamarni, Schreibfeder Verlag 2010).

Auf dem Markt muss Mohamed seine Waren besonders passend für die jeweiligen Käufer ausgewählt haben, sicher hatte er einen besonders guten Geschmack; so merkte Maisara bald, dass Mohamed sich von anderen Händlern in vielerlei Hinsicht unterschied. Natürlich beschäftigten ihn auch die Worte des Mönchen Nestor. Als Maisara nach der langen Reise zu Khadija zurückkam, erzählte er neben den Worten Nestors noch von einer anderen Beobachtung: „Du hast mich mit ihm geschickt, damit ich ihm diene. Dabei hat er mir gedient. Wenn ich krank war, pflegte er mich, wenn ich traurig war, tröstete er mich!“ – so sprach Maisara. Und die Überlieferung erzählt auch, dass immer wenn Mohamed in der stechenden Sonne saß, zwei Engel kamen, um ihm Schatten zu spenden. Auch dies ist Teil von Maisaras Bericht.

Als nun Mohamed zu Khadija zurückkam mag diese von seinem Verhandlungsgeschick beeindruckt gewesen sein, doch darin hat sie sich nicht verliebt, denke ich. Denn als unabhängige Frau konnte sie sich erlauben, sich aus anderen Gründen zu verlieben. Vielleicht liebte sie seine freundlichen Augen, sein Lächeln, oder das ehrliche Gesicht, mit dem er ihr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Auch Mohamed verliebte sich in sie.

Khadija sagte zu ihm: „Ich schätze dich wegen deiner Beliebtheit in deiner Familie, wegen der Schönheit deines Charakters und deiner Ehrlichkeit“. Dann bot sie ihm die Ehe an; und wieder stimmte Mohamed einem Angebot Khadijas zu. Mohamed schenkte Khadija 20 Kamele als Brautgabe. Bei seiner Hochzeit war er 25 Jahre alt, Khadija war 40 Jahre alt.

Ihr erstes gemeinsames Kind war Qasim, der jedoch nach seinem zweiten Lebensjahr starb. Daher wird Mohamed auch manchmal Abu Qasim genannt. Danach folgten vier Töchter: Zeinab, Ruqqaya, Umm Kulthum und Fahtma. Der letzte Sohn Abdullah starb ebenfalls noch als Kind. Mohamed und Khadija hatten einen großen Haushalt zu versorgen. Neben den Beiden und ihren Kindern lebten dort mit ihnen Baraka, die inzwischen befreite Dienerin seiner Mutter und Zaid, ein Sklavenjunge, den Mohamed frei gelassen hatte, und der auf eigenen Wunsch von Mohamed adoptiert worden war, sowie auch Ali Ibn Abu Talib; denn Abu Talib hatte Schwierigkeiten, seine große Familie zu ernähren und ging daher auf Mohameds Vorschlag ein seine Söhne Ali und Abbas in andere Haushalte ziehen zu lassen. Ali ging zu Mohamed.

Es wird bis heute als gesichertes Wissen angesehen, dass der Prophet Mohamed niemanden so liebte, wie Khadija. Aisha sagte mehr als einmal, wie eifersüchtig sie auf Khadija sei, obwohl er auch sie sehr liebte, weil der Prophet noch lange nach Khadijas Tod immer wieder vor allen Menschen ihrer liebevoll gedachte. Niemals durfte jemand die leiseste Kritik an ihr äußern, sagt uns Aisha. Er war ihr sein ganzes Leben lang in Dankbarkeit und Liebe verbunden.

Als der Prophet die erste Offenbarung hatte, kam er zitternd und verwirrt zu seiner Frau Khadija, die ihn in ein Tuch wickelte und ihm gut zusprach. Sie glaubte ihm alles, was er sagte, egal, wie seltsam es sich anhörte, und wurde die erste Gläubige Muslimin.

Sunna, ihr lieben Schwestern und Brüder, heißt nicht, die Arme beim Gebet so oder so zu verschränken. Sunna heißt, diese Ehe als Vorbild zu nehmen für die eigene Ehe oder Partnerschaft und den Partner so lieb und teuer zu schätzen wie es Mohamed mit Khadija getan hat und umgekehrt. Im Koran Sure Al Rum 20 Vers 21 lesen wir: „Und unter Seinen Wundern ist dies: Er erschaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art auf dass ihr ihnen zuneigen möget, und Er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch hervor: hierin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken!“

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِّتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِّقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

And of His signs is that He created for you from yourselves mates that you may find tranquillity in them; and He placed between you affection and mercy. Indeed in that are signs for a people who give thought.

وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً

Geborgenheit, Zuneigung oder Liebe, Vergebung oder Gnade.

Das passt nun gar nicht zu dem vielzitierten Gewaltvers, in dem angeblich steht, dass ein Ehemann seine Frau unter bestimmten Bedingungen schlagen darf. Was machen wir mit diesem Vers, den ich an dieser Stelle nicht zitieren werde und den Nichtmuslime besser zu kennen scheinen als Muslime? Arabisch muttersprachliche Muslime sagen mir über den „Gewaltvers“ immer wieder, sie verstehen diesen Vers nicht – die Wörter sind ganz und gar uneindeutig. So lassen wir ihn also beiseite, denn vielleicht erklärt er sich erst nach unserer Zeit und bedeutet etwas ganz anderes als wir heute vermuten. Uns reicht doch das, was wir gelesen und verstanden haben. Wir wissen aus dem Koran und aus zahllosen Hadithen, dass Mohamed ein Prophet der Liebe und Vergebung ist, und dass Allah für unsere Beziehungen sagt: wa jala beinakum Mauwade wa Rahme.

Mohamed und Khadija gingen auf eine Lebensreise. Doch Khadijas Reise endete vor Mohameds und so hatte er ein zweites Leben. Er, der mit Khadija monogam gelebt hatte, heiratete nun viele Frauen gleichzeitig und wurde zum gesellschaftlichen Führer. Seine Liebe zu Khadija blieb ungebrochen.

Zeit für Bittgebete

Hier in der Moschee schließen wir viele Ehen. Es kommen vor allem Menschen, die in anderen Moscheen nicht heiraten dürfen oder möchten. Manch einem sind die anderen Moscheen schlicht zu konservativ. Andere werden dort gar nicht erst verheiratet, weil der Mann nicht Muslim ist, oder weil es sich um gleichgeschlechtliche Liebe handelt. Wer hier heiratet kommt auch schonmal aus den USA angereist, aus Österreich oder aus Hannover.

Als ich meinen muslimischen Mann heiratete, bin ich, so glaube ich, auch zum Islam konvertiert. Sicher bin ich mir da nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich damals während der Eheschließung sagte. Ich sprach kein Wort Arabisch und wiederholte einfach das verbale Rauschen, das mir der Scheich vorsprach, und es war mir vollkommen egal, welche Bedeutung es hatte. Geheiratet habe ich mit meinem Herzen, nicht mit meinen Worten.

Doch so ganz richtig ist das nicht, und nicht jedem ist es so egal, wie es mir damals war, was er oder sie da sagt. Eheleute möchten nicht einfach ihre Religion verleumden, und so tun als wären sie Muslime, während sie eigentlich Christen sind, Juden, Atheisten, oder anderes. Es ist ein Akt der Lüge zur Eheschließung in einer Moschee. Wir verzichten hier in dieser Moschee auf diese Lüge und verheiraten diejenigen Menschen, die sich lieben, bzw. die heiraten möchten. Das allein zählt, wenn sich zwei Menschen entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Gerade der oben zitierte Vers gibt uns hier Argumentationshilfe, denn Partnerwesen, auf Arabisch Zauwajan, ist weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Ein Partnerwesen kann jeder andere Mensch sein. Viel wichtiger ist es, wie man den gemeinsamen Weg gestaltet.

Mohamed und Khadija haben sich vereinigt, doch blieb Khadija weiterhin Kauffrau und konnte ihren Mann immer wieder als eigenständige Frau beeindrucken. Und Mohamed empfing immer wieder Offenbarungen, die ihn als einzigartigen Menschen auszeichneten. So banden sich die Beiden aneinander und lebten dennoch in Freiheit.

Der Dichter Rumi schreibt: „Binde zwei Vögel zusammen – sie haben nun vier Flügel, aber keiner von ihnen kann fliegen“. Der so genannte Bund der Ehe bedeutet Gemeinsamkeit, aber nicht unter Aufgabe der Freiheit. Die Freiheit bleibt unser Grundrecht außerhalb jeder Beziehung und innerhalb jeder Beziehung. Freiheit braucht Vertrauen; und Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dem anderen und sich selbst gegenüber. Möglicherweise ist dies der schwierigste Aspekt einer Partnerschaft.

Khalil Gibran schreibt

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen

sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer

Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von

euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben

Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der

anderen.

All dies bedeutet, dass wir unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben

sollten, denn in dieser Einzigartigkeit wurden wir geschaffen, und

in diese Einzigartigkeit hat sich unser Partner verliebt.

In ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ schreibt Bronnie Ware gleich bei Grund 1: Ein großer Anteil der Sterbenden, die sie begleitete sagten Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Unter den Frauen, die dies sagten waren besonders viele, die mit der Eheschließung auch ihre eigenen Bedürfnisse hinter Schloss und Riegel ablegten stattdessen die Bedürfnisse ihres Ehemannes zu den Eigenen machten. Sie bereuten es am Lebensende bitterlich, denn sie hatten ihre Gott-gegebenen oder natürlichen Rechte und Quellen der Freude unnötig aufgegeben. Sie sehnten sich nach Verwirklichung ihrer Selbst, für die es nun zu spät war.

Zugleich ist die Partnerschaft aber durchaus auch der Weg vom Ich zum Du.

Der Dichter Nizar Qabbani schreibt:

„Ich werfe meinen Passport ins Meer, und nenne Dich mein Land.

Ich werfe meine Wörterbücher ins Feuer, und nenne dich meine Sprache.“

Beide Aspekte – die Wahrung der Freiheit auf der einen Seite und die vollkommene Vereinigung auf der anderen – finden sich in einer gelungenen Partnerschaft. Zu meinen, nun wäre dann wohl alles geregelt und jede Partnerschaft müsse super funktionieren, hat mit „Mensch sein“ allerdings wenig zu tun. Dort, wo es mal hapert und man nicht weiterkommt mit all seiner Zuneigung und Vergebung, wo es gerade nur noch bergab und rückwärts läuft, kann man zum Beispiel hier in der Moschee um Seelsorge bitten. Diesen Schritt sollte man sich nicht zu lange überlegen. Es lohnt sich, mit anderen zu sprechen, die diesbezüglich ein wenig Bildung genossen haben oder die einen an Stellen weiter verweisen können, an denen wirklich Unterstützung stattfindet.

Mohamed und Khadija sind ein Beispiel für eine Beziehung, in der Freiheit und Gemeinsamkeit eine gute Balance hatten. Ich wünsche uns allen in dieser Woche glückliche Erfahrungen mit den Menschen, die uns begleiten.

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Autor: Massud Reza

Bald beginnt Ramadan, also jener Monat, bei der Muslim/innen weltweit fasten werden. Nicht nur, dass in dem Fastenmonat – nach islamischer Überzeugung – der Koran herabgesandt wurde. Vielmehr wird das Fasten an sich zu den fünf Säulen des Islams gezählt, also neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Almosenabgabe sowie der Pilgerfahrt nach Mekka. Mittels des Fastens bzw. der Entbehrung von materiellen Bedürfnissen kann man sich dem Zustand der inneren Ausgeglichenheit annähern, sich intensiv mit seinem eigenen Selbst auseinandersetzen und dies läutern, über Gott und vieles mehr tiefgründiger nachdenken. Gerade der Läuterungsprozess soll dabei nicht aus dem Blickfeld geraten, immerhin sollen dadurch sowohl der Charakter als auch das Handeln von Muslim/innen zu gutem Verhalten führen. Somit gewinnt das Fasten im Islam einen unverrückbaren, hohen Stellenwert.

All die aufgezählten Punkte könnte man vorbehaltlos zustimmen. Doch leider gibt es ein gravierendes Problem, worüber gesprochen werden muss, da das Thema jährlich nicht an Brisanz verliert. Es kommt in Schulen (egal ob Grund – oder weiterführenden Schulen) vor, dass muslimische Schüler/innen unter dem Fasten leiden und sogar ohnmächtig werden. Von morgens bis abends essen und trinken sie nichts, haben zu wenig Schlaf und setzen sich damit sehr stark unter Druck, was wiederum negative Folgen auf ihr gesundheitliches Wohlbefinden zeigt. Schließlich gilt ja auch Stress als Krankheitsverursacher. Aber nicht nur sie selbst setzen sich unter Druck, auch in den Schulen gibt es eine Art sozialer Kontrolle durch muslimische Schüler/innen, die ganz minutiös darauf achten, ob ihre muslimischen Mitschüler/innen sich auch ans Fastengebot halten. So geraten immer mehr junge Menschen unter den Druck, sich des Essens und Trinkens zu entledigen, obwohl sie es körperlich und seelisch nicht aushalten können. Angetrieben zu diesem Verhalten wird man von Fragen, wie z.B. wer ein guter oder gar besser Muslim ist? Wer hält sich am konsequentesten am islamischen Gebot? Wer kann anderen mit Glorie beweisen, wie tapfer und standhaft er/sie das Fasten durchhält?

Führt man sich diese Aspekte vor Augen, so macht es nachdenklich und es beunruhigt. Es geht nicht mehr um einen inneren Läuterungsprozess, wie weiter oben beschrieben, sondern stets um die äußerliche Ebene. Geradeso als wenn man in einem mechanischen Zustand verfällt und dann erst das Fastengebot ausführt. Völlig abgebrüht und dröge, ohne jeglichen Läuterungs – und Reflexionsprozess. Weiterhin ist auch bekannt, dass es muslimische Schüler/innen gibt, die auch vortäuschen, dass sie am Fasten sind. Da sie die soziale Ausgrenzung und den sozialen Druck größtmöglich umgehen wollen, beschummeln sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst.

Wie sollte man mit dieser vertrackten Angelegenheit am besten umgehen? Immer mehr Lehrkräfte melden sich bundesweit zu Wort und beklagen, dass ihre muslimischen Schüler/innen aufgrund des Fastens sehr unkonzentriert im Unterricht sitzen, sich vom Sport – und Schwimmunterricht befreien lassen und tatsächlich auch abrupt bewusstlos werden – und das besonders in heißen Sommertagen.

Aus diesem bedenklichen Befund gilt es vor allem eins zu unternehmen und zu vermitteln, nämlich die Bildung! Generell muss man Schüler/innen den unschätzbaren Wert von Bildung vermitteln, damit sie auch nach der Schule für das Leben in der Gesellschaft vorbereitet sind. Statt nach religiösen Fehlleistungen von anderen zu schauen, sollte man auf sich selbst Acht geben, um die eigenen Fehler nicht aus dem Blick zu verlieren. Permanent zu fasten, sich oder auch andere unter Druck zu setzen, geht ebenfalls völlig am Islam vorbei. Vordergründig gilt es den sozialen Druck abzubauen und sich vor Augen zu führen, was das Fasten bzw. Ramadan für einen selbst bedeutet.

Nicht nur das eigene Wohlbefinden muss stets als Bezugspunkt herangezogen werden, um zu überprüfen, ob man in der Lage ist zu fasten. Ein unausweichlicher Aspekt betrifft nämlich den Erwerb von Wissen, Kenntnissen, Fertigkeiten, sozialen Kompetenzen und vielem mehr, also sprich die Bildung. Der Erwerb von Bildung spiegelt sich auch im Islam wider, da es häufig in der Religion heißt, dass man sich Wissen aneignen muss. Konzentrieren sollte man sich auf die Schule, auf den angestrebten Abschluss und auf die Zukunft. Schließlich bringt es weder einem selbst noch Gott etwas, wenn man vor Erschöpfung umkippt, keinen Schulabschluss erwirbt und sich nicht gesellschaftlich einbringt. Das kann gerade der Islam nicht wollen. Diese Gratwanderung zwischen Fasten und Bildung sollte im Interesse der Schüler/innen zugunsten der Bildung fallen. Und bevor kleinkarierte Relativisten nach Zahlen fragen: Es spielt keine Rolle, wie viele junge Menschen das betrifft, weil das Grund – und Menschenrecht auf gesundheitliches Wohlergehen nicht an irgendeiner Zahlenhürde festgelegt werden kann. Lehrer/innen geben immer wieder öffentlich bekannt, dass sie mit den Problemen nicht allein fertig werden können. Meines Erachtens nach liegt die Aufgabe zur Veränderung daher nicht nur in der Schule. Auch muslimische Eltern müssen sich Schritte nach vorne bewegen und ihren Kindern klipp und klar mitteilen, wie wichtig die Schulbildung ist. Solche Vermittlungsangebote können auch von Psychologen organisiert werden, die sehr erfahren mit dem Thema umgehen. Der häufige kollektive Zwang in (Schul-)Gemeinschaften und der damit einhergehende soziale Druck muss aufgebrochen werden, damit Schüler/innen angstfrei und ohne Furcht vor Konsequenzen sich in erster Linie auf die Schule und dem Lernen konzentrieren können. Daher erhoffe ich mir, dass es dereinst mal positive Veränderungen im Schulbereich im Kontext Fasten gibt, um nicht die Bildung und –wichtiger noch – die Gesundheit von Individuen zu gefährden.

Flickr.com user "el7bara" [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.