Glauben

Jonas Verstuyft

Nacht

Nacht

 

Jonas Verstuyft
Jonas Verstuyft

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Ich begrüße euch herzlich zum heutigen Freitagsgebet. Mögen unsere Herzen stets laut genug sprechen, um uns auf die richtigen Wege zu führen, und wir unsere Tage in Liebe und Freude verbringen.

Sure AlZalzal (Koran/Arabisch)

Wenn die Erde ihr Beben erbebt. Und sich aufspaltet. Und die Menschen fragen, was hat sie? An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen. Gleich verstreuten Motten werden die Menschen auseinanderlaufen und jeder wird sehen, was er oder sie getan hat. Wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen. Es wird kein schöner Tag sein, denn wie sehr wir uns auch über das Gute freuen werden, das Anschauen all unserer schlechten Taten wird uns quälen. Wahrscheinlich werden wir uns fühlen wie unsere Opfer und uns ob unserer Taten, und mehr noch unserer Motive, unendlich schämen.  Lasst uns in unserer noch verbleibenden Zeit viel Gutes tun, damit wir das Ende ertragen können. An diesem Tag der Offenbarung wird die Erde ihre Nachrichten erzählen. Jede Qual, jedes freudvolle Lachen, das sie gesammelt hat, wird sie bezeugen.

Im Koran ist nicht nur die Erde personifiziert, sondern das ganze Weltall – der Mond, die Sonne, die Planeten. Sie alle leisten ihre Arbeit nach Maßgabe der ihnen vorbestimmten und zugetragenen Aufgabe. Sie kreisen umeinander, jeder nach seiner vorgegebenen Bahn, so lange wie Allah ihnen ihre Frist hierfür gesetzt hat. Die Sonne, die uns den Tag bringt, ist dafür geschaffen, das, was wir sehen können, durch ihre Erleuchtung sichtbar zu machen. Die Nacht dient dazu, es zu bedecken. Zu unserem astrologischen Wissen der Neuzeit passt das nicht ganz. Wir wissen, dass nicht die Sonne auf- und untergeht, sondern die Erde sich um sie und um sich selber dreht. Das Aufgehen der Sonne im Osten und ihr Untergehen im Westen sind aus dieser wissenschaftlichen Sicht eine Fehlformulierung, doch ist der aus unserer Perspektive gewählte Ausdruck des Aufgangs und des Untergangs durchaus angemessen, denn dies entspricht unserer tatsächlichen Wahrnehmung. Diese menschliche Wahrnehmung ist natürlich nicht weniger real als die Perspektive der Wissenschaft. Kein Mensch sagt, die Erde ist jetzt in der Position, in der die Sonne beginnt, auf unseren Ort zu scheinen. Alle sagen stattdessen: Die Sonne geht auf. Es ist Tag. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf, es ist Nacht. Somit personifizieren wir auch in der deutschen Sprache Sonne und Mond.

Nach unserer wissenschaftlichen Vorstellung wird die Sonne genau so lange scheinen, bis die chemischen Reaktionen, die zum Brennen führen, nicht mehr stattfinden können. Nach islamischer Vorstellung scheint sie genau so lange, wie Gott das will. Sie tut dies, weil es ihre Aufgabe ist, im Sinne einer aktiven, und gewissermaßen auch willentlichen, Aktivität. Die Vorstellung, die Sonne sei gleich einer willentlich handelnden Person und auf der anderen Seite die Vorstellung, dass das Sonnenlicht und die Wärme durch chemische Reaktionen bedingt sind, die irgendwann natürlich zu Ende gehen, schließen sich nicht gegenseitig aus. Hat Gott die chemischen Reaktionen so geschaffen, wie sie sind, hat er-sie-es damit auch festgelegt, wann es damit zu Ende geht. Beim Lesen des Koran stellt sich jedoch manchmal bei mir das Gefühl ein, die Erde wäre eine Akteurin.

Die Personifizierung der Planeten ist dem Islam zueigen. Dadurch, dass sie wie Menschen beschrieben werden, die aber keinen freien Willen haben, sind sie uns zugleich ähnlich und unähnlich. Indem sie wie Lebewesen erscheinen, haben wir als Menschen eine große Verantwortung, sie gut zu behandeln, so nämlich, wie unsere Brüder und Schwestern. Sie sind nicht einfach Materie, sondern, wie wir, beseelte Materie – Bruder Mond und Schwester Sonne, die wir als Muslime lieben und ehren, wie auch die Erde. Nicht anbeten, aber ihnen Respekt bezeugen. Sind die Planeten von Gott als beseelte Wesen geschaffen, so wie wir Menschen, wie alle Pflanzen und Tiere und letztlich jede Materie, so ergibt sich für uns Muslime daraus ein Weltbild universeller Erschaffenheit. Alles um uns herum ist lebendige Schöpfung Gottes, alles unterliegt dem göttlichen Willen und trägt den göttlichen Geist. Dem Menschen als möglicherweise einzigem vernunftbegabten Wesen obliegt der Schutz der Schöpfung, um damit Gottes Willen anzuerkennen und auszuführen; den Willen des einzigen Gottes, der als einziger zeugt, ohne gezeugt worden zu sein.

Nicht nur ist die Sonne personifiziert, sondern auch der Tag. Im Koran ist er der Aufdeckende, der potenziell Sichtbares durch seine Helligkeit in Erscheinung treten lässt. Er wird abgelöst durch die Nacht, die durch das Ausbreiten ihrer Dunkelheit alles Sichtbare in der Unsichtbarkeit verschwinden lässt.

In dieser Unsichtbarkeit verschwinden auch viele der Untaten der Menschen. Die Nacht ist für die Ausführung all jener Verbrechen, die nicht von Zeugen beobachtet werden sollen, viel besser geeignet als der Tag. Doch ist sie nicht nur der Bedecker der Verbrechen. Durch die Dunkelheit können wir nicht arbeiten und müssen, oder dürfen, ruhen. Während die Nacht meines Wissens nach in den anderen Religionen keine besondere Bedeutung hat, ist sie im Koran assoziativ mächtiger und schöner. Wir Muslime lieben den Mond. Wir rechnen unsere Monate nach seinem Erscheinen und nennen unsere Liebsten, Ya Qamari (du mein Mond). Die Mondsichel ist Teil der Fahne mehrerer islamisch geprägter Länder. Im Ramadan schauen wir sehr genau, wann die feine Sichel am Himmel erscheint, um mit dem Fasten zu beginnen und es nach möglichst genau einem Lunarmonat zu beenden. In der Wüste ohne ihre Straßenlaternen oder sonstige künstliche Lichter sind der Mond und die Sterne Garanten erhöhter Sicherheit und der Möglichkeit, den Weg nach Hause zu finden; ganz so wie es für Schiffe auf den Meeren galt, bevor Radarsysteme erfunden wurden. Der Mond und die Sterne dienen damit unserer Orientierung in Zeit und Raum. Im Laufe der Geschichte lernten die Menschen, sich an Fixpunkten im Weltall zu orientieren, die man von überall auf der Welt sehen kann – das wird astronomische Navigation genannt. Dabei verlässt man sich auf die Gestirne am Himmel. Anhand des Sonnenstandes konnten die Seefahrer beispielsweise die Himmelsrichtungen ablesen. Denn wo die Sonne aufgeht, ist Osten, ihr Mittagsstand weist in Richtung Süden, und im Westen geht sie unter. Wer nach Norden wollte, dem half in der Nacht der Polarstern, der sich genau im Norden befindet. Soweit ich weiß, müssen Seeleute auch heute noch diese alten Methoden lernen, sei es als historisches, sei es als Notfallwissen, falls die elektronische Technik versagt.

Tatsächlich bietet uns die Sonne aber mit ihrem wie auch immer hellen Licht lediglich die Möglichkeit, den Blick bis zum nächsten Hindernis schweifen zu lassen und uns so in relativ eng begrenzten Räumen visuell zu orientieren. Dem hingegen bietet uns die Nacht mit ihren leuchtenden Sternen und dem Mond eine sehr viel weitreichendere Orientierungsmöglichkeit. Die Nacht ist damit nicht nur die Bedeckerin menschlicher Taten und ein Moment der Ruhe, sondern auch der Zeitpunkt der uns unsere Richtung weisen kann.

Einen großen Teil der Nacht verbringen wir mit Schlafen und nutzen die Orientierungsmöglichkeiten von Mond und Sternen nicht. Wir schlafen und ruhen damit von der Arbeit des Tages. In der Mitte der Nacht, etwa zwischen zwei und vier Uhr morgens, entgiftet unser Körper. Wenn wir in dieser Zeit arbeiten, statt zu schlafen, hat dies ungünstige gesundheitliche Folgen für uns, weil die Entgiftung nicht einfach zu anderer Zeit stattfindet, sondern eben gar nicht nicht oder unzureichend. Am Tag zu schlafen ist aus vielen Gründen nicht so erholsam wie der Schlaf in der Nacht. Doch selbst wenn wir schlafen, dient uns die Nacht zur Orientierung; denn im Schlaf spricht unsere eigene Seele zu uns und durch unsere Seele letztendlich Gott. Unbewusstes und Halbbewusstes formen sich zu bildhaften, in Metaphern symbolhaft gekleideten Geschichten, die uns mit Sphären unserer Selbst in Verbindung bringen, zu denen wir sonst keinen Zugang hätten. Besonders vielleicht der Monat Ramadan, wo wir durch die Rhythmusveränderung anders schlafen als in den anderen Monaten, und damit auch oft intensiver träumen, bietet uns die Möglichkeit durch Beachtung und Reflexion unserer Träume zu Erkenntnissen zu gelangen, die sich uns sonst entziehen. Sind wir aufmerksame Beobachter und entwickeln eine gewisse individuelle Deutungskompetenz der uns eigenen, doch zugleich kulturell geprägten, Traumsymbolik, so kann uns dies helfen, uns in der Partnerschaft, der Elternschaft, dem Beruf oder anderen Gebieten unseres Lebens zu orientieren. Nicht alle Träume sind dazu geeignet, doch lohnt sich häufig die Beschäftigung mit ihnen.

So bietet die Nacht Orientierung sowohl für die Reisen mit Schiffen und Flugzeugen als auch für die inneren Reisen unserer Seele. In ihrer Entlastung von den Tätigkeiten, die uns der Tag abverlangt, in der Ruhe ihrer Enthaltung von sozialen Beziehungen, und in der bewussten Hinwendung zu unserem Inneren sowie beim Träumen schenkt uns die Nacht die Möglichkeit, über unsere inneren und äußeren Lebensumstände nachzudenken, ohne beim Pragmatismus ankommen zu müssen. Dass sich am nächsten Tag oft alles wieder ganz anders darstellt als in der Nacht gedacht, ist der Beweis, dass wir als denkende Wesen geschaffen wurden, die Entscheidungen auf verschiedenen Grundlagen treffen können – pragmatischen, moralischen, emotionalen und so weiter.

Die Orientierungshilfe der Nacht wird ergänzt durch ein Orientierungsorgan, das ebenso im Dunkeln liegt. Tief in unserem Inneren liegt unser Herz. Einer meiner Lieblingssänger, Hermann van Veen, singt: „Hörst du denn nicht den Trommler, der da heimlich in dir schlägt; der dich bei aller Gegenwehr auch in Feindeslager trägt. Hör auf ihn, er sagt dir was! Wenn er sich nicht mehr regt, ist das ein Zeichen dafür, dass sich gar nichts mehr bewegt.“ Das wichtigste Lebensorgan, unser Herz, bietet uns Orientierung aus der Dunkelheit des Körpers heraus.

Unser Herz bietet uns Orientierung und Umorientierung, ein Hin und Her der Möglichkeiten, die uns manchmal zerreißen. Es zieht uns zu altruistischem Verhalten, um dann wieder festzustellen, dass wir uns dabei selbst aufgeben und verlieren, wenn wir nicht auf uns aufpassen. Es zieht uns manchmal zu Verhaltensweisen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können, weil sie uns nicht gut zu tun scheinen, oder in der Tat nicht guttun. Doch ihm zuzuhören ist wertvoll, denn sein Orientierungspotenzial ist unbestritten. Lernen wir, unserem Herzen zuzuhören, können wir im Anschluss immer noch mit dem Verstand abwägen, wie wir uns verhalten wollen. Aber nur wenn wir den Mut haben, unser Herz anzuhören, ist dies eine ehrliche Auseinandersetzung.

 

Alle unsere Gedanken entstehen auf Grund von Empfindungen, dies werden im Gehirn bewertet. Die Amygdala, also der Teil des Gehirns, der für die emotionale Bewertung von Ereignissen zuständig ist, ist sozusagen das unterbewusste Herz des Gehirns. Alle Ereignisse die wir je erleben, passieren diesen emotionalen Filter und werden bewertet, d.h. können mit Worten wie Furcht oder Freude oder Langerweile beschrieben werden. Ich bin sicher, die Amygdala, zu Deutsch der Mandelkern, steht in direkter Verbindung mit dem Herzen, das, wie wir sagen, vor Freude hüpft, oder uns vor Aufregung oder Angst bis zum Hals schlagen kann. All unsere Orientierungen, die in der Dunkelheit stattfinden, sind möglicherweise wertvoller als die Orientierungen des helllichten Tages. Denn während wir am Tag beim Einschlagen falscher Wege von A nach B einfach einen Umweg gehen können, sind die im Dunkel der Nacht und im Dunkel des Inneren getroffenen Entscheidungen oft viel wesentlicher und weitreichender. Und sie brauchen oft viel mehr Mut, der uns angesichts des Tageslichts manchmal schnell wieder verlässt.

Im Ramadan ist, bzw. war, die Nacht eine besondere Zeit. Nicht nur weil wir da essen durften. Wir fasten ja nicht, um nachts zu essen, sondern um am Tag zu fasten. Doch machen wir, wenn es uns möglich ist, einen Mittagsschlaf, und so wird in dem heiligen Monat manches Mal die Nacht ausgedehnter als sonst. Wenn wir in der Nacht essen und trinken, als wäre es Tag, verliert sich jedoch die Besonderheit der Nacht. Durch das Bewegen in belebten und beleuchteten Orten entflieht uns die Möglichkeit der stillen Reflexion. Nacht ist nur dann Nacht, wenn sie in Dunkelheit und Ruhe verbracht wird. Dann ist sie ein wunderbarer und reicher Teil unseres Lebens. Unsere Tage, die manchmal allein dazu dienen, das so genannte Tagwerk zu tun, Aufgaben zu bearbeiten oder Dinge erledigen, vor deren Anstrengungen und sozialen Verpflichtungen wir manchmal zurückschrecken mögen, können wir zwar auch nutzen, um uns mit der Schöpfung und dem Schöpfer in Verbindung zu bringen. Doch die Nacht hat ihren besonderen Charme und für manche von uns, ist sie der schönere Teil des Tages. In meinen Teenager Jahren tat ich, was mir meine Tochter neulich auch von sich erzählte, und was ich heute noch gerne mag: Ich stellte mir den Wecker auf 2 Uhr nachts, um mindestens ein paar Minuten der Nacht wach zu liegen, und die Nacht als solche wahrzunehmen. Mit diesem kleinen Trick verlieh ich ihr die Existenz und räumte ihr einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Heute dient mir die Nacht auch der Zärtlichkeit und einer anderen Form des Gemeinsamseins, als die des Tages. Sheherazade erzählt dem grausamen König ihre Geschichten in der Nacht, bevor er einschläft. Diese vertrauteste aller Arten des Erzählens im Dunkeln kennen viele von uns. Durch die Dunkelheit und die Abwesenheit aller Ablenkung entsteht eine Atmosphäre, die an Intimität nicht zu übertreffen ist und unsere liebevollen Worte dringen ohne Umwege direkt in die Seele des anderen ein. Unsere Kinder, die tagsüber längst ihre eigenen Wege gehen und uns nicht mehr zu brauchen scheinen, kommen nachts zu uns, um neben uns zu liegen und nicht allein zu schlafen.

 

Rilke schreibt:

 

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

 

Der Monat Ramadan ist nun vorbei. Die Nächte sind wieder das, was sie zuvor waren, Zeit zum Ruhen und Schlafen und zum Austausch liebender Zärtlichkeit.  Ich wünsche uns allen die Nächte wie wir sie brauchen und auch hin und wieder reflektierte Nächte, in denen wir uns orientieren und unser Leben auf einen guten Kurs bringen können. Einen muslimischen Kurs, was bedeutet einen Kurs der Nächstenliebe, der Hinwendung zum Guten, der gekonnten Zurückstellung eigener Wünsche, ohne des Selbstverlusts.

Es ist ein Kurs des freudvollen Gebens und des Findens weiser und liebevoller Wörter, der Wertschätzung und der Geduld und Kraft und eines mutigen und gütigen Herzens.

 

Wir wenden uns nun zum Gebet in Hingabe an Allah, mit Dank für alles, was uns gegeben ist. Es ist viel. Wir vertrauen darauf, dass jede Stelle, an der wir uns befinden, die richtige ist, und wir uns stets auf dem uns zugewiesenen Weg befinden, auf dem wir geleitet werden in Liebe und Barmherzigkeit.

 

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

Ramadan Mubarak – unsortierte Gedanken zu einem besonderen Monat

 

Autorin: Susanne Dawi

Nun ist schon mehr als eine Woche des Monats Ramadan vergangen. Die Zeit vergeht schnell, und in diesem Jahr ist das Wetter für die Fastenden freundlich. Der Himmel ist immer wieder mal wunderbar blau, doch die Hitze der letzten Jahre bleibt uns erspart. Es ist recht kühl – sogar ein wenig zu kühl vielleicht.

Wir Muslime wissen, warum wir fasten. „Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget. Fasten während einer bestimmten Anzahl von Tagen. Aber wer immer von euch krank ist oder auf einer Reise, soll statt dessen die gleiche Azahl von anderen Tagen fasten, und in solchen Fällen obliegt es jenen, die es sich leisten können, ein Opfer durch Speisung eines Bedürftigen zu bringen. Und wer immer mehr Gutes tut, als er zu tun verpflichtet ist, tut sich damit selbst Gutes, denn zu fasten ist euch selbst Gutes zu tun – wenn ihr es nur wüsstet.

Muhammad Asad, der Übersetzer, den ich hier für Sure 2:183-184 bemüht habe, schreibt in seinem Kommentar:

„Das heißt während der 29 oder 30 Tage des Ramadan, des neunten Monats

des islamischen Mondkalenders. Es besteht aus völliger Enthaltung von Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergeang. Wie der Quran darlegt, war die Praxis des Fastens zu allen Zeiten der Religionsgeschichte des Menschen weit verbreitet. Die außergewähnliche Strenge und lange Dauer des islamischen Fastens…erfüllt zusätzlich zum allgemeinen Ziel der spirituellen Reinigung einen dreifachen Zweck:

  1. des Beginns der quranischen Offenbarung zu gedenken, der im Monat Ramadan etwa 13 Jahre vor dem Auszug des Propheten nach Medina stattfand
  2. eine anspruchsvolle Übung der Selbstbeherrschung zu bieten
  3. jedermann durch seine oder ihre eigene Erfahrung erkennen zu lassen, was es heißt, hungrig oder durstig zu sein, und damit ein echtes Verständnis für die Bedürfnisse der Armen zu entwickeln.“

Ich bin seit etwa 20 Jahren immer wieder überrascht, was passiert, wenn man den ganzen Tag fastet. Jedes Jahr muss ich wie viele andere auf Grund meiner Arbeit entscheiden, ob es wichtiger ist, morgens vor Sonnenaufgang noch schnell etwas zu essen und trinken, oder lieber zu schlafen, damit mir bei der Arbeit nicht die Augen zufallen.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass meine Füße im kältesten Winter nicht so kalt werden wie an Fastentagen im Hochsommer.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass das Hirn zum korrekten Funktionieren Wasser und Brot braucht. So bin ich gestern auf dem Weg zu meiner Mutter in die falsche Ubahn gestiegen und habe es erst nach etwa fünf Stationen bemerkt. Mein unterversorgtes Hirn blieb von Berliner Straße bis Yorckstraße vollkommen zufrieden obwohl es in die andere Richtung zum Adenauerplatz wollte.

Und in diesem Jahr kommt die Erkenntnis hinzu, dass ich ohne Essen und Trinken nicht kreativ sein kann. Wo ich sonst so gerne schreibe, schiebe ich es nun bis nach dem Essen auf, damit ich überhaupt ein paar Ideen zu Papier bekomme.

Wer hätte das gedacht?! Wir essen und trinken natürlich in erster Linie zum Lebenserhalt. Aber darüber hinaus hält es uns warm, bringt uns an die richtigen Orte und sorgt auch noch dafür, dass wir schöne Worte finden.

Das Finden schöner Worte und das Verbreiten von Liebe und Respekt ist zu jeder Zeit eine Aufgabe für uns Muslime. In dieser Zeit der Spaltung (die leidige Kopftuchdebatte zeigt es) ist es gut, wenn wir uns daran halten, miteinander freundlich, wohlwollend und gutherzig umzugehen, unabhängig von unseren Meinungen zu Einzelthemen. Was auch immer die Meinung zu den zahlreichen „Islamthemen“ sein mag (Fasten in der Schule, Kopftuch, weibliche Imame usw.) wir sollten versuchen, respektvoll und wertschätzend miteinander zu kommunizieren, uns zu vergeben und zu unterstützen und uns gegenseitig zu achten. Meinungen zu bestimmten Themen muss man dazu vielleicht kurzzeitig in einer mentalen Kiste fest verschließen, um über das sprechen zu können, was einen sonst noch so bewegt und einen mit dem Anderen verbindet. Die Kiste kann man dann in besonders dafür geeigneten Situationen hin und wieder öffnen und den Inhalt diskutieren. Hetzerei von allen Seiten, Gemeinheiten, Respektlosigkeit und Verunglimpfungen zu vermeiden ist mit Sicherheit im Sinne des Qur’ans, der uns den Weg zu Wertschätzung, Frieden und Vergebung aufzeigt.

Ich wünsche uns allen einen wunderschönen, freundlichen und friedlichen Ramadan!

Mohamed und Khadija

Mohamed und Khadija

 

Beatriz Pérez Moya

Wir Muslime haben sicher alle die eine oder andere Lieblingsgeschichte aus dem Koran oder den anderen Überlieferungen. Die Geschichte von Moses vielleicht, wie er in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil trieb und gerettet wurde. Oder die Geschichte von Abraham, wie er Gott wieder und wieder bat, die Stadt Sodom zu verschonen, weil dort Lot mit seiner Familie wohnte. Oder die Geschichte der Khadija, die eine reiche und kluge Kauffrau war und bereits zweimal verwitwet, als sie den 25 jährigen Mohamed kennenlernte. Sollte ich mal einen muslimischen Namen annehmen, so wird es Khadija sein. Von Anfang an habe ich mich in sie verliebt und ihre wunderbare Liebe zum Propheten Mohamed geschätzt. Ich freue mich darauf, sie inscha’allah im Paradies kennenzulernen und sie um ihre Freundschaft zu bitten. Khadija war die erste Frau Mohameds, und so geht es heute um das Thema Ehe. Für alle, die damit nichts anfangen können, geht es um Partnerschaft und um jede Freundschaft mit einem Menschen, an dem uns besonders viel liegt.

Als die wohlhabende Kauffrau Khadija eines Tages eine Handelskarawane nach Damaskus schicken wollte, suchte sie für deren Führung einen besonders vertrauenswürdigen Mann. Sie hörte von einem jungen Mann namens Mohamed, der sich durch seine Aufrichtigkeit und Freundlichkeit einen edlen Namen gemacht hatte, und bot ihm die Führung der Karawane unter Begleitung des Sklaven Maisara an. Mohamed nahm Khadijas Angebot an und machte sich bald darauf mit Maisara auf den Weg.

Als sie in Busra im Süden Syriens ankamen, ließ Mohamed sich im Schatten eines Baumes in der Nähe eines Klosters nieder, das einem Mönch namens Nestor gehörte. Es ist überliefert, dass dieser Mönch den Sklaven Maisara fragte: „Wer ist dieser Mann unter diesem Baum?“, und Maisara antwortete: „Er gehört zum Stamm Quraisch zu den Leuten der Kaaba“. Da sagte der Mönch: „Unter diesem Baum haben bisher nur Propheten gesessen“ (siehe Ibn Kathir und auch Hischam/ zitiert aus: Muhammad, Jotiar Bamarni, Schreibfeder Verlag 2010).

Auf dem Markt muss Mohamed seine Waren besonders passend für die jeweiligen Käufer ausgewählt haben, sicher hatte er einen besonders guten Geschmack; so merkte Maisara bald, dass Mohamed sich von anderen Händlern in vielerlei Hinsicht unterschied. Natürlich beschäftigten ihn auch die Worte des Mönchen Nestor. Als Maisara nach der langen Reise zu Khadija zurückkam, erzählte er neben den Worten Nestors noch von einer anderen Beobachtung: „Du hast mich mit ihm geschickt, damit ich ihm diene. Dabei hat er mir gedient. Wenn ich krank war, pflegte er mich, wenn ich traurig war, tröstete er mich!“ – so sprach Maisara. Und die Überlieferung erzählt auch, dass immer wenn Mohamed in der stechenden Sonne saß, zwei Engel kamen, um ihm Schatten zu spenden. Auch dies ist Teil von Maisaras Bericht.

Als nun Mohamed zu Khadija zurückkam mag diese von seinem Verhandlungsgeschick beeindruckt gewesen sein, doch darin hat sie sich nicht verliebt, denke ich. Denn als unabhängige Frau konnte sie sich erlauben, sich aus anderen Gründen zu verlieben. Vielleicht liebte sie seine freundlichen Augen, sein Lächeln, oder das ehrliche Gesicht, mit dem er ihr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Auch Mohamed verliebte sich in sie.

Khadija sagte zu ihm: „Ich schätze dich wegen deiner Beliebtheit in deiner Familie, wegen der Schönheit deines Charakters und deiner Ehrlichkeit“. Dann bot sie ihm die Ehe an; und wieder stimmte Mohamed einem Angebot Khadijas zu. Mohamed schenkte Khadija 20 Kamele als Brautgabe. Bei seiner Hochzeit war er 25 Jahre alt, Khadija war 40 Jahre alt.

Ihr erstes gemeinsames Kind war Qasim, der jedoch nach seinem zweiten Lebensjahr starb. Daher wird Mohamed auch manchmal Abu Qasim genannt. Danach folgten vier Töchter: Zeinab, Ruqqaya, Umm Kulthum und Fahtma. Der letzte Sohn Abdullah starb ebenfalls noch als Kind. Mohamed und Khadija hatten einen großen Haushalt zu versorgen. Neben den Beiden und ihren Kindern lebten dort mit ihnen Baraka, die inzwischen befreite Dienerin seiner Mutter und Zaid, ein Sklavenjunge, den Mohamed frei gelassen hatte, und der auf eigenen Wunsch von Mohamed adoptiert worden war, sowie auch Ali Ibn Abu Talib; denn Abu Talib hatte Schwierigkeiten, seine große Familie zu ernähren und ging daher auf Mohameds Vorschlag ein seine Söhne Ali und Abbas in andere Haushalte ziehen zu lassen. Ali ging zu Mohamed.

Es wird bis heute als gesichertes Wissen angesehen, dass der Prophet Mohamed niemanden so liebte, wie Khadija. Aisha sagte mehr als einmal, wie eifersüchtig sie auf Khadija sei, obwohl er auch sie sehr liebte, weil der Prophet noch lange nach Khadijas Tod immer wieder vor allen Menschen ihrer liebevoll gedachte. Niemals durfte jemand die leiseste Kritik an ihr äußern, sagt uns Aisha. Er war ihr sein ganzes Leben lang in Dankbarkeit und Liebe verbunden.

Als der Prophet die erste Offenbarung hatte, kam er zitternd und verwirrt zu seiner Frau Khadija, die ihn in ein Tuch wickelte und ihm gut zusprach. Sie glaubte ihm alles, was er sagte, egal, wie seltsam es sich anhörte, und wurde die erste Gläubige Muslimin.

Sunna, ihr lieben Schwestern und Brüder, heißt nicht, die Arme beim Gebet so oder so zu verschränken. Sunna heißt, diese Ehe als Vorbild zu nehmen für die eigene Ehe oder Partnerschaft und den Partner so lieb und teuer zu schätzen wie es Mohamed mit Khadija getan hat und umgekehrt. Im Koran Sure Al Rum 20 Vers 21 lesen wir: „Und unter Seinen Wundern ist dies: Er erschaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art auf dass ihr ihnen zuneigen möget, und Er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch hervor: hierin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken!“

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِّتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِّقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

And of His signs is that He created for you from yourselves mates that you may find tranquillity in them; and He placed between you affection and mercy. Indeed in that are signs for a people who give thought.

وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً

Geborgenheit, Zuneigung oder Liebe, Vergebung oder Gnade.

Das passt nun gar nicht zu dem vielzitierten Gewaltvers, in dem angeblich steht, dass ein Ehemann seine Frau unter bestimmten Bedingungen schlagen darf. Was machen wir mit diesem Vers, den ich an dieser Stelle nicht zitieren werde und den Nichtmuslime besser zu kennen scheinen als Muslime? Arabisch muttersprachliche Muslime sagen mir über den „Gewaltvers“ immer wieder, sie verstehen diesen Vers nicht – die Wörter sind ganz und gar uneindeutig. So lassen wir ihn also beiseite, denn vielleicht erklärt er sich erst nach unserer Zeit und bedeutet etwas ganz anderes als wir heute vermuten. Uns reicht doch das, was wir gelesen und verstanden haben. Wir wissen aus dem Koran und aus zahllosen Hadithen, dass Mohamed ein Prophet der Liebe und Vergebung ist, und dass Allah für unsere Beziehungen sagt: wa jala beinakum Mauwade wa Rahme.

Mohamed und Khadija gingen auf eine Lebensreise. Doch Khadijas Reise endete vor Mohameds und so hatte er ein zweites Leben. Er, der mit Khadija monogam gelebt hatte, heiratete nun viele Frauen gleichzeitig und wurde zum gesellschaftlichen Führer. Seine Liebe zu Khadija blieb ungebrochen.

Zeit für Bittgebete

Hier in der Moschee schließen wir viele Ehen. Es kommen vor allem Menschen, die in anderen Moscheen nicht heiraten dürfen oder möchten. Manch einem sind die anderen Moscheen schlicht zu konservativ. Andere werden dort gar nicht erst verheiratet, weil der Mann nicht Muslim ist, oder weil es sich um gleichgeschlechtliche Liebe handelt. Wer hier heiratet kommt auch schonmal aus den USA angereist, aus Österreich oder aus Hannover.

Als ich meinen muslimischen Mann heiratete, bin ich, so glaube ich, auch zum Islam konvertiert. Sicher bin ich mir da nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich damals während der Eheschließung sagte. Ich sprach kein Wort Arabisch und wiederholte einfach das verbale Rauschen, das mir der Scheich vorsprach, und es war mir vollkommen egal, welche Bedeutung es hatte. Geheiratet habe ich mit meinem Herzen, nicht mit meinen Worten.

Doch so ganz richtig ist das nicht, und nicht jedem ist es so egal, wie es mir damals war, was er oder sie da sagt. Eheleute möchten nicht einfach ihre Religion verleumden, und so tun als wären sie Muslime, während sie eigentlich Christen sind, Juden, Atheisten, oder anderes. Es ist ein Akt der Lüge zur Eheschließung in einer Moschee. Wir verzichten hier in dieser Moschee auf diese Lüge und verheiraten diejenigen Menschen, die sich lieben, bzw. die heiraten möchten. Das allein zählt, wenn sich zwei Menschen entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Gerade der oben zitierte Vers gibt uns hier Argumentationshilfe, denn Partnerwesen, auf Arabisch Zauwajan, ist weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Ein Partnerwesen kann jeder andere Mensch sein. Viel wichtiger ist es, wie man den gemeinsamen Weg gestaltet.

Mohamed und Khadija haben sich vereinigt, doch blieb Khadija weiterhin Kauffrau und konnte ihren Mann immer wieder als eigenständige Frau beeindrucken. Und Mohamed empfing immer wieder Offenbarungen, die ihn als einzigartigen Menschen auszeichneten. So banden sich die Beiden aneinander und lebten dennoch in Freiheit.

Der Dichter Rumi schreibt: „Binde zwei Vögel zusammen – sie haben nun vier Flügel, aber keiner von ihnen kann fliegen“. Der so genannte Bund der Ehe bedeutet Gemeinsamkeit, aber nicht unter Aufgabe der Freiheit. Die Freiheit bleibt unser Grundrecht außerhalb jeder Beziehung und innerhalb jeder Beziehung. Freiheit braucht Vertrauen; und Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dem anderen und sich selbst gegenüber. Möglicherweise ist dies der schwierigste Aspekt einer Partnerschaft.

Khalil Gibran schreibt

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen

sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer

Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von

euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben

Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der

anderen.

All dies bedeutet, dass wir unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben

sollten, denn in dieser Einzigartigkeit wurden wir geschaffen, und

in diese Einzigartigkeit hat sich unser Partner verliebt.

In ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ schreibt Bronnie Ware gleich bei Grund 1: Ein großer Anteil der Sterbenden, die sie begleitete sagten Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Unter den Frauen, die dies sagten waren besonders viele, die mit der Eheschließung auch ihre eigenen Bedürfnisse hinter Schloss und Riegel ablegten stattdessen die Bedürfnisse ihres Ehemannes zu den Eigenen machten. Sie bereuten es am Lebensende bitterlich, denn sie hatten ihre Gott-gegebenen oder natürlichen Rechte und Quellen der Freude unnötig aufgegeben. Sie sehnten sich nach Verwirklichung ihrer Selbst, für die es nun zu spät war.

Zugleich ist die Partnerschaft aber durchaus auch der Weg vom Ich zum Du.

Der Dichter Nizar Qabbani schreibt:

„Ich werfe meinen Passport ins Meer, und nenne Dich mein Land.

Ich werfe meine Wörterbücher ins Feuer, und nenne dich meine Sprache.“

Beide Aspekte – die Wahrung der Freiheit auf der einen Seite und die vollkommene Vereinigung auf der anderen – finden sich in einer gelungenen Partnerschaft. Zu meinen, nun wäre dann wohl alles geregelt und jede Partnerschaft müsse super funktionieren, hat mit „Mensch sein“ allerdings wenig zu tun. Dort, wo es mal hapert und man nicht weiterkommt mit all seiner Zuneigung und Vergebung, wo es gerade nur noch bergab und rückwärts läuft, kann man zum Beispiel hier in der Moschee um Seelsorge bitten. Diesen Schritt sollte man sich nicht zu lange überlegen. Es lohnt sich, mit anderen zu sprechen, die diesbezüglich ein wenig Bildung genossen haben oder die einen an Stellen weiter verweisen können, an denen wirklich Unterstützung stattfindet.

Mohamed und Khadija sind ein Beispiel für eine Beziehung, in der Freiheit und Gemeinsamkeit eine gute Balance hatten. Ich wünsche uns allen in dieser Woche glückliche Erfahrungen mit den Menschen, die uns begleiten.

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Autor: Massud Reza

Bald beginnt Ramadan, also jener Monat, bei der Muslim/innen weltweit fasten werden. Nicht nur, dass in dem Fastenmonat – nach islamischer Überzeugung – der Koran herabgesandt wurde. Vielmehr wird das Fasten an sich zu den fünf Säulen des Islams gezählt, also neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Almosenabgabe sowie der Pilgerfahrt nach Mekka. Mittels des Fastens bzw. der Entbehrung von materiellen Bedürfnissen kann man sich dem Zustand der inneren Ausgeglichenheit annähern, sich intensiv mit seinem eigenen Selbst auseinandersetzen und dies läutern, über Gott und vieles mehr tiefgründiger nachdenken. Gerade der Läuterungsprozess soll dabei nicht aus dem Blickfeld geraten, immerhin sollen dadurch sowohl der Charakter als auch das Handeln von Muslim/innen zu gutem Verhalten führen. Somit gewinnt das Fasten im Islam einen unverrückbaren, hohen Stellenwert.

All die aufgezählten Punkte könnte man vorbehaltlos zustimmen. Doch leider gibt es ein gravierendes Problem, worüber gesprochen werden muss, da das Thema jährlich nicht an Brisanz verliert. Es kommt in Schulen (egal ob Grund – oder weiterführenden Schulen) vor, dass muslimische Schüler/innen unter dem Fasten leiden und sogar ohnmächtig werden. Von morgens bis abends essen und trinken sie nichts, haben zu wenig Schlaf und setzen sich damit sehr stark unter Druck, was wiederum negative Folgen auf ihr gesundheitliches Wohlbefinden zeigt. Schließlich gilt ja auch Stress als Krankheitsverursacher. Aber nicht nur sie selbst setzen sich unter Druck, auch in den Schulen gibt es eine Art sozialer Kontrolle durch muslimische Schüler/innen, die ganz minutiös darauf achten, ob ihre muslimischen Mitschüler/innen sich auch ans Fastengebot halten. So geraten immer mehr junge Menschen unter den Druck, sich des Essens und Trinkens zu entledigen, obwohl sie es körperlich und seelisch nicht aushalten können. Angetrieben zu diesem Verhalten wird man von Fragen, wie z.B. wer ein guter oder gar besser Muslim ist? Wer hält sich am konsequentesten am islamischen Gebot? Wer kann anderen mit Glorie beweisen, wie tapfer und standhaft er/sie das Fasten durchhält?

Führt man sich diese Aspekte vor Augen, so macht es nachdenklich und es beunruhigt. Es geht nicht mehr um einen inneren Läuterungsprozess, wie weiter oben beschrieben, sondern stets um die äußerliche Ebene. Geradeso als wenn man in einem mechanischen Zustand verfällt und dann erst das Fastengebot ausführt. Völlig abgebrüht und dröge, ohne jeglichen Läuterungs – und Reflexionsprozess. Weiterhin ist auch bekannt, dass es muslimische Schüler/innen gibt, die auch vortäuschen, dass sie am Fasten sind. Da sie die soziale Ausgrenzung und den sozialen Druck größtmöglich umgehen wollen, beschummeln sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst.

Wie sollte man mit dieser vertrackten Angelegenheit am besten umgehen? Immer mehr Lehrkräfte melden sich bundesweit zu Wort und beklagen, dass ihre muslimischen Schüler/innen aufgrund des Fastens sehr unkonzentriert im Unterricht sitzen, sich vom Sport – und Schwimmunterricht befreien lassen und tatsächlich auch abrupt bewusstlos werden – und das besonders in heißen Sommertagen.

Aus diesem bedenklichen Befund gilt es vor allem eins zu unternehmen und zu vermitteln, nämlich die Bildung! Generell muss man Schüler/innen den unschätzbaren Wert von Bildung vermitteln, damit sie auch nach der Schule für das Leben in der Gesellschaft vorbereitet sind. Statt nach religiösen Fehlleistungen von anderen zu schauen, sollte man auf sich selbst Acht geben, um die eigenen Fehler nicht aus dem Blick zu verlieren. Permanent zu fasten, sich oder auch andere unter Druck zu setzen, geht ebenfalls völlig am Islam vorbei. Vordergründig gilt es den sozialen Druck abzubauen und sich vor Augen zu führen, was das Fasten bzw. Ramadan für einen selbst bedeutet.

Nicht nur das eigene Wohlbefinden muss stets als Bezugspunkt herangezogen werden, um zu überprüfen, ob man in der Lage ist zu fasten. Ein unausweichlicher Aspekt betrifft nämlich den Erwerb von Wissen, Kenntnissen, Fertigkeiten, sozialen Kompetenzen und vielem mehr, also sprich die Bildung. Der Erwerb von Bildung spiegelt sich auch im Islam wider, da es häufig in der Religion heißt, dass man sich Wissen aneignen muss. Konzentrieren sollte man sich auf die Schule, auf den angestrebten Abschluss und auf die Zukunft. Schließlich bringt es weder einem selbst noch Gott etwas, wenn man vor Erschöpfung umkippt, keinen Schulabschluss erwirbt und sich nicht gesellschaftlich einbringt. Das kann gerade der Islam nicht wollen. Diese Gratwanderung zwischen Fasten und Bildung sollte im Interesse der Schüler/innen zugunsten der Bildung fallen. Und bevor kleinkarierte Relativisten nach Zahlen fragen: Es spielt keine Rolle, wie viele junge Menschen das betrifft, weil das Grund – und Menschenrecht auf gesundheitliches Wohlergehen nicht an irgendeiner Zahlenhürde festgelegt werden kann. Lehrer/innen geben immer wieder öffentlich bekannt, dass sie mit den Problemen nicht allein fertig werden können. Meines Erachtens nach liegt die Aufgabe zur Veränderung daher nicht nur in der Schule. Auch muslimische Eltern müssen sich Schritte nach vorne bewegen und ihren Kindern klipp und klar mitteilen, wie wichtig die Schulbildung ist. Solche Vermittlungsangebote können auch von Psychologen organisiert werden, die sehr erfahren mit dem Thema umgehen. Der häufige kollektive Zwang in (Schul-)Gemeinschaften und der damit einhergehende soziale Druck muss aufgebrochen werden, damit Schüler/innen angstfrei und ohne Furcht vor Konsequenzen sich in erster Linie auf die Schule und dem Lernen konzentrieren können. Daher erhoffe ich mir, dass es dereinst mal positive Veränderungen im Schulbereich im Kontext Fasten gibt, um nicht die Bildung und –wichtiger noch – die Gesundheit von Individuen zu gefährden.

Flickr.com user "el7bara" [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.

Das Diesseits und das Jenseits

Das Diesseits und das Jenseits

 

Kyler Trautner

Das Diesseits ist ja jedem bekannt, darum beginne ich gleich mit dem Jenseits. Im Deutschen entspricht das Wort ‚Jenseits‘ im Koran dem arabischen Wort „Akhira“, was wörtlich „Letztes“ bedeutet, im Sinne einer endgültig letzten Station auf unserer Lebensreise. Diese Reise endet nach dem Gericht vor Gott für die Einen mit der Überbrückung in das viel gelobte Land, dem Paradies, während die Anderen den Übergang über die Brücke nicht schaffen und in die Tiefe fallen, der Hölle.

In Sure 5:69 steht dazu: „Wahrlich, jene, die Glauben erlangt haben, wie auch jene, die dem jüdischen Glauben folgen, und die Sabier und die Christen – alle, die an Gott und den Letzten Tag glauben und rechtschaffene Taten tun, – keine Furcht brauchen sie zu haben noch sollen sie bekümmert sein.“

Nach islamischer Auffassung soll das Leben im Diesseits einer Prüfung gleichkommen. Eine Prüfung als eine Wertung jedes Menschen hinsichtlich seines Glaubens und seiner Handlungen, die Gott erst beim Jüngsten Gericht vollzieht. Die viel Gutes vorzuweisen haben, kommen ins Paradies, der Dschanna, die anderen in die Hölle, Dschahannam. Dschanna verheißt Bäume mit wohlschmeckenden Früchten und kühlen Schatten, frisches Wasser, ein tolles Ruhelager. Dschahannam verspricht Höllenqualen, brennendes Feuer statt Wasser. Dschanna verspricht vor allem das, was im Diesseits verboten ist: Man darf köstlichen Wein trinken und es gibt ‚Frauen mit schönen Augen‘, zu finden in Sure 56: 22-24: „Und bei ihnen werden sein ihre reinen Gefährten von schönstem Auge, gleich noch in ihren Muscheln verborgenen Perlen. Und dies wird sein eine Belohnung für das, was sie im Leben taten.“

Die Vorstellungen vom Paradies widerspiegeln viel vom Leben auf der Erde, aber wahrscheinlich gilt das nur für Männer, so wie ihre Sexfantasien mit den 72 Huris, die für sie bereitstehen. Und was ist mit den Frauen, wie sieht ihr Paradies aus? Ich habe nur gefunden, wie die Frau ins Paradies kommen kann. In Sure An–Nisa, Vers 124 steht: „Und wer vom gottgefällig Guten tut, ob Mann oder Frau, und Mumin ist, diese werden in das Paradies eintreten und nicht das Geringste an Unrecht erleiden.“

Ansonsten behauptet man einfach, dass jede Anrede im Koran, die sich an Männer richtet, ebenfalls eine Anrede für Frauen sein soll. Alle Vorschriften, die sich an Männer richten, gelten auch an Frauen. Ja, man kann es sich auch leicht machen mit Erklärungen.

Nasr Hamid Abu Zaid meint zum Vers 6 in der Sure 39: „Er hat geschaffen euch aus einer einzigen Seele, aus der Er machte ihr Gepaartes.“ Der Begriff: „ihr Gepaartes – Zaudschaha“ verweist auf kein bestimmtes Geschlecht. In der islamischen Schöpfungsgeschichte sind beide Geschlechter gleichgestellt. Auch wenn im Koran der Name ‚Adam‘ fällt, steht er nicht für einen bestimmten Mann, sondern stellvertretend für das Menschengeschlecht.

Aber will ich wirklich nur ein schönes Leben ohne Sinn haben, nur auf Kissen ruhen, Wasser und Wein trinken, und das für alle Ewigkeit, nachdem ich im Diesseits mich doch relativ aktiv beschäftigt habe? Vielleicht war das für die Vorfahren das Schönste und Beste, nach ihrer schweren Mühsal des Lebens, sich einfach nur ausruhen zu wollen.

So wie der Koran das Paradies einem Garten gleich schildert, in dem Bäche voller Wasser, Milch und auch Wein gibt, der ja im Diesseits verboten ist, so kennen die Christen das Bild von Eden. Auch dort ist Honig und Wein in Überfluss. Und natürlich gibt es für sie auch die Hölle. Die Hölle ist nach der traditionellen christlichen Vorstellung ein Ort der Qual, an dem die Übeltäter nach dem Tod gelangen, bevölkert von Dämonen und dem Teufel.

In den jüdischen apokryptischen Schriften, im Buch Henoch wird berichtet, dass es als Aufenthaltsort der Verstorbenen vier tiefe Hohlräume gibt, drei sind dunkel und nur einer hell. Man kann schon an der Verteilung erkennen, dass die Sünder höchstwahrscheinlich in Überzahl sind. Für sie gilt: „Entsprechend der Taten der Bösen werden sie in lodernden Flammen brennen, schlimmer als Feuer,“ und „niemand wird ihnen helfen.“

Aber anders als im Judentum dürfen die Muslime, die auf Grund ihrer Verfehlungen das Gericht nicht bestanden haben, jedoch darauf hoffen, nach einer bestimmten Zeit, die sie als Strafe in der Hölle verbringen müssen, doch noch ins Paradies eintreten. Denn Gott ist ja allvergebend.

Wir wissen von keiner Anzahl der Stufen und Ebenen im Paradies und in der Hölle, jedoch wird in den Hadithen als höchste Stufe des Paradieses ‚al-Firdaus‘ genannt.

Der Koran ist voll von Parabeln, Gleichnisse, Allegorien. So könnte meiner Meinung nach Gott auch Berichte über die Hölle und das Paradies verwendet haben, um die Menschen schon im Diesseits im Guten zu erziehen. Das sagt auch die Sure 13:35 aus: „Das Gleichnis des Paradieses, dass jenen versprochen ist, die sich Gottes bewusst sind, ist das eines Gartens, durch den Wasserläufe fließen, seine Früchte werden immerwährend sein, und so wird sein Schatten sein. Das wird das Schicksal jener sein, die sich Gottes bewusst bleiben – geradeso, wie das Schicksal jener, welche die Wahrheit leugnen, das Feuer sein wird.“

Muhammad Asad meint als ‚Schatten‘ Gottes das Geschenk der Glückseligkeit. Er sagt weiter: „Diese Passage ist eine gleichnishafte Illustration, etwas, was wir aus unserer Erfahrung kennen, aber scheinbar jenseits unserer Reichweite unserer Wahrnehmung ist. Es hat reine allegorische Bedeutung. Was den Begriff ‚Gleichnis‘ angeht, so soll er zweifellos jenen, die den Koran lesen oder hören, nahelegen, dass seine Beschreibungen des Lebens im Jenseits rein allegorisch sind.“

Viele Muslime tragen sich mit der Hoffnung, Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen zu dürfen. Das deutet der Koran in Sure 75, Vers 22-23 an: „An jenem Tag gibt es strahlende Gesichter, die zu ihrem Herrn schauen.“ Wie geht das, wenn Gott nicht in unserem Zeit-Raum-Continuum ist? Oder befindet sich das Jenseits mit den unterschiedlichen Stufen des Paradieses und der Hölle außerhalb von Zeit und Raum? Vielleicht finden wir deshalb diese Orte nicht.

Aber wie kommen wir zu Gott? Über die Brücke, as-Sirat genannt. As-Sirāt bedeutet arabisch ‚Weg, Pfad, Straße‘ und stellt eine Brücke dar, die von den Verstorbenen überquert werden muss, um in das Paradies zu gelangen. Im Internet steht darüber: ‚Die Brücke ist dünn wie ein Haar und unter ihr befindet sich der Abgrund zur Hölle. Wer kein Vertrauen in Gott hat, wird zögern und wanken und daraufhin von der Brücke fallen. Wer Gott vertraut und wem die schlechten Taten vergeben werden, kann die Brücke überqueren.‘

Und dann ab ins Paradies! Ich finde, jeder hat die Chance ins Paradies zu kommen, auch der Atheist, denn Gott wendet sich im Diesseits immer an alle Menschen. Erst Sein Gericht entscheidet dann Zugunsten oder zu Ungunsten jedes Einzelnen. Die Brücke ins Paradies, das ist der Draht, meine gute oder schlechte Verbindung zu Gott.

Das Paradies ist eigentlich für jeden Gläubigen das Sinnbild für die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, nach genügend Essen und Trinken in einer Welt des täglichen Kampfes um das Überleben. Das Jenseits als Hoffnung auf ein besseres Leben durchzieht den ganzen Koran, der eine Richtschnur für das Leben jedes einzelnen Gläubigen im Diesseits sein sollte, aber kein Instrumentalisierungsmittel in der Hand der Orthodoxen.

Nachdem uns Gott immer wieder ermahnt, Wissen zu sammeln, tätig zu sein, Gutes zu tun, kann es nicht sein, dass wir im Paradies untätig auf seidenen Kissen ruhen und nichts tun außer den Mund aufzumachen, Früchte in den Mund fallen lassen und Wein trinken, was vorher verpönt war.

Gott verwendet im Koran immer wieder Vergleiche, Parabeln, so können auch die Berichte von der Hölle und dem Paradies einfach nur Vergleiche sein, um den Menschen schon im Diesseits zu läutern.

Vielleicht sieht man sich im Traum oder in Gedanken, also noch hier auf Erden, mit den Qualen der Hölle konfrontiert. Oder man hat in einer Situation außerordentliche Angst, dass etwas Schreckliches passieren könnte und man nimmt sich dann vor, in dieser besonderen Situation besser zu reagieren, ein besserer Mensch zu werden.

Wenn ich die Stellen lese, in denen die Qualen der Sünder beschrieben werden, überfällt mich zugleich eine Abscheu und ein Nicht-glauben-wollen, dass Gott so etwas Grässliches geschaffen haben könnte für Menschen, die Er doch eigentlich liebt. Aber wie müssen diese Schilderungen auf die Menschen vor 1400 Jahren gewirkt haben? Vielleicht sahen sie sich schon im Geiste mittendrin in dem Gräuel? Ist da nicht das Naheliegende, sich zu bessern? Es hilft ja manchmal, mit Worten zu jonglieren, um jemand in die richtige Richtung zu lenken, nämlich das Gute zu tun und das Schlechte zu meiden.

Ist es nicht das, was erreicht werden soll, was Gott will? Was soll eine Strafe, wenn wir die Situation, den Fehler nicht mehr korrigieren können, wenn wir nicht mehr auf der Erde existieren? Es nutzt nichts und niemandem, weder uns, noch der Gesellschaft. Es ist nicht mehr unser Körper, der dann die Strafe erhält, denn der ist vergangen.

Vielleicht findet deshalb das Gericht schon auf Erden, zu Lebzeiten statt. So können wir das negative Handeln lassen, wenn Gott uns damit konfrontiert und uns Gelegenheit gibt, darüber nachzudenken und dafür positiv zu handeln. Vielleicht gibt uns Gott immer wieder Gelegenheiten zum Nachdenken? Vielleicht ist das Gericht Gottes nicht nur eine einmalige Begebenheit, sondern findet immer wieder statt, hier auf Erden, indem wir nachdenken?

Hoffnung und Angst bewegten seit Anbeginn die Menschen. Vielleicht ist das Paradies das Synonym für Hoffnung und die Angst die Erscheinungsform für die Hölle?

Im Koran finden wir diese Wahrnehmungsform, also die Möglichkeit, wie auch die Wirklichkeitsform, die Wissenschaft. Wahrnehmung gilt nicht für einen Beweis; wie z.B. den Baum mit den Früchten, keiner hat ihn bisher gesehen. Dafür gibt es aber Verse, die wir heute mit der Wissenschaft beweisen können, z. B. dass die Planeten auf einer vorgegebenen Bahn ziehen oder von dem Entstehen eines Menschen aus einem befruchteten Ei.

Das Jüngste Gericht bedeutet für mich das Gericht mit mir selbst. Wir können auch sagen: Selbstkritik oder auch ein In-sich-gehen. Natürlich hat Gott Seine Finger im übertragenen Sinne mit im Spiel. Er lässt mich nachdenken. Vielleicht gibt Er mir Bilder im Traum ein oder lässt mich über Geschehnisse nachdenken. Handele ich dann richtig, fühle ich mich gut, wie im Paradies, handele ich nicht oder nur schlecht, bekomme ich vielleicht später Gewissensbisse und die können mich ganz schön zusetzen. Auf alle Fälle sollte daraus als Ergebnis ein anschließendes richtiges Handeln sein.

Was nützt ein Gericht Gottes, wenn die Erde nicht mehr existiert. Bis alle Vorzeichen zum Jüngsten Gericht wahr werden, können noch Tausende von Jahren vergehen. Es nützt ein Bestrafen in der Hölle niemandem mehr, es nützt dem Nachbarn nicht mehr, dem ich vielleicht schlimmes Unrecht angetan habe, meine Haltung zu ihm zu verbessern.

Aber Gott will ja, dass wir auf Erden zu unseren Lebzeiten das Richtige tun. Seine Hinwendung zu uns, um uns wieder auf den richtigen Weg zu bringen, auch Seine Strafen und Vergebung helfen uns dabei. Ermahnt Er uns denn nicht ständig: „Denkt nach!“

Der Koran ist dazu da, den Gläubigen den richtigen Weg zu weisen, ihnen Hoffnung zu machen und ihnen ihre Fehler aufzuzeigen. Und das kann er nur im Diesseits bewirken.

Gott ist überall. Er sagt, Er sei uns näher als unsere Schlagader. Das heißt: Er ist gleichzeitig in uns, um uns und trotzdem nicht in unser Raum-Zeit-Empfinden.

Wir brauchen nicht erst ins Jenseits kommen, von dem wir so gut wie nichts wissen, dessen Ort wir nicht kennen und nur durch den Koran eine wage Vorstellung haben, ähnlich dem Diesseits. Aber wir können jetzt unsere Handlungen so verrichten, wie Gott es von uns verlangt, dann nämlich haben wir als Ergebnis das Paradies schon hier auf Erden, zu unseren Lebzeiten.

Muhammad Iqbal (1877-1938) ein Dichter, Mystiker, Philosoph und politischer Denker, der ‚geistige Vater‘ der Nation Pakistan, fasst das Ganze mit einfachen Worten zusammen: „Das Paradies ist kein Raum und Ort, sondern ein Seelenzustand.“

Jeder hat seine eigene Vorstellung von Gott und dem Jenseits. Für mich war Gott von Anbeginn da, hat alles Materielle geschaffen, die Erde und auch wir als denkende Lebewesen und hat uns eine ideelle Richtung vorgegeben, so wie unsere Religion und als Mahnung die Hölle und das Paradies. Der Koran hilft mir, mit einem ruhigen oder vielleicht weniger ruhigen Gewissen Gott zu dienen, nämlich Sein Stellvertreter auf Erden zu sein.

Jeder macht irgendwelche Fehler. Aber mit dem Herzen und dem Verstand führt mein Weg zu Gott mich durch meine selbstgedachte Hölle ins Paradies. Die Hölle ist für mich eine Metapher, wie ich mich fühle, wenn ich bewusst etwas Schlechtes tue, mein schlechtes Gewissen, das Einem ganz schön übel zusetzen kann, eine Warnung, rechtschaffen durch’s Leben zu gehen und das Paradies ein zufriedener und glücklicher Zustand.

Möge also eines Tages unsere Seele mit Leichtigkeit und Glückseligkeit zu Gott zurückkehren.

Alhamdu liAllah!

Manaar

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Autor: Massud Reza

Håkon Sataøen

Vor einigen Wochen ging ich auf die problematische Kooperation zwischen dem Bundesland Niedersachsen und dem islamischen Dachverband DITIB ein, was die inhaltliche Ausrichtung des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Grundschulen angeht.1 Nach Verfassungsrecht leben wir in einem „föderalistischen Bundesstaat“, womit man den Bundesländern einen relativ breiten Spielraum zugesteht, was Bildungspolitik, Innenpolitik und weiteren Politikfeldern anbelangt. Selbst in politischen Kooperationsfragen sehen wir Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, dass man wunderbar am Beispiel NRW sehen kann.

Die NRW-Integrationsministerin, Serap Güler (CDU), kündigte an, dass demnächst nicht nur die herkömmlichen Islamverbänden mit am runden Tisch sitzen werden, sondern sie ebenfalls liberale und weltoffene muslimische Vereinigungen miteinbeziehen möchte. Das Argument, welches diesem bald zu realisierendem Vorhaben zugrunde gelegt wird, ist die Pluralität im Islam sichtbar zu machen. Ein Meilenstein also?

Zumindest wäre dies ein erster und wichtiger Schritt, um nicht ausschließlich ein bestimmtes (konservatives) Islamverständnis zu privilegieren und vorzuziehen. Differenzen und Interessengegensätzen der muslimischen Akteure können argumentativ in der persönlichen Auseinandersetzung begegnet werden, statt -wie bisher üblich- aus der Ferne die Kritik zu üben (oder gar persönlich jemanden zu verunglimpfen). Es ist auch deshalb seitens der Integrationsministerin Güler ein guter Vorschlag, weil der (nordrhein-westfälische) Staat endlich auch anderen, friedfertigen und liberaleren Islaminterpretationen einen Platz am runden Tisch gewährt, um Muslimen anderer theologischer Ausrichtungen zu signalisieren, dass auch ihre Interessen, Wünschen und Bedürfnisse ernstgenommen werden.

Wie allseits bekannt, gibt es im Islam keine zentrale Instanz, die den Islam nach außen hin repräsentiert. Einen Papst oder von allen Muslimen weltweit anerkannten Klerus gibt es nicht. Aus dieser Ausgangslage heraus können sich Vorteile, aber durchaus auch Nachteile ergeben. Ein wichtiger Vorteil wäre, dass keine religiöse Instanz zwischen mir und Gott existiert. Bei Glaubensfragen kann ich mich auf Gott konzentrieren und ganz individuell mit ihm kommunizieren, mich in meiner Spiritualität bewegen, ohne dass es eine zwischengeschaltete Instanz gibt. Hingegen wäre ein Manko: Im Islam gibt eben keine absolute, weltliche Autorität, dafür aber eine Fülle an muslimischen Strömungen. Konsequenterweise ist es für den Staat kein leichtes Unterfangen, sich die Ansprechpartner auszusuchen, die im Namen der Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Abgesehen von den verfassungsrechtlichen Prinzipien des deutschen Grundgesetzes, welche natürlich von allen muslimischen Ansprechpartnern bejaht und gelebt werden müssen, ist natürlich die Frage nach der Vertretung der muslimischen Majorität sehr interessant.

Ein nüchterner Blick in die vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ erhobene repräsentative Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ vom Jahre 20092 verdeutlicht, wie relativ unbekannt die Dachverbände bei den Muslimen sind. Ins Auge springt zum einen die Zahl, dass etwa nur 10% der muslimischen Befragten etwas vom „Koordinationsrat der Muslime“ gehört haben.3 Bei diesem Gremium geht es um einen Zusammenschluss der vier großen Dachverbände: DITIB, Zentral der Muslime, VIKZ sowie der Islamrat. Aber auch was die einzelnen Verbände angeht, herrscht eine mangelnde Kenntnis über sie, da nicht einmal die Hälfte der muslimischen Befragten einen Verband kannten. Die Zahlen liegen zwischen 16% – 44%.4 Immerhin gaben 37% der Personen, die die Verbände kannten, an, dass sie sich teilweise von ihnen vertreten fühlen.5 Damit man mich nicht missversteht: Dass die Mehrheit der Befragten die islamischen Dachverbände nicht kennt, ist keine Gretchenfrage. Jedoch ist ein Dreh – und Angelpunkt für mich erreicht, sobald sich die genannten Verbände als die absolute Vertretung der Muslime in Deutschland in den Medien aufplustern. Sie sind allein schon deswegen nicht legitimiert im Namen „der Muslime“ in Deutschland zu sprechen, weil die Mehrheit sie nicht als ihre Vertretung ansieht. Momentan möchten sie als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, und zwar verstanden als „Körperschaft des Öffentlichen Rechts“, was ihnen auf staatlicher Ebene wieder viele Privilegien einräumt. Wie soll das aber funktionieren, wenn doch die islamische Religionsgemeinschaft so zersplittert ist? Außerdem: Die Mehrheit kennt die Verbände gar nicht, also wie kann man dann den Anspruch erheben, im Namen der Mehrheit zu sprechen?

Im Umkehrschluss heißt es übrigens nicht, dass dafür liberale muslimische Vereinigungen die Mehrheit vertreten. Zu Vertretungen liberaler Muslimen gehören beispielsweise der Liberal Islamische Bund (LIB), das Muslimische Forum Deutschland (MFD) oder auch die Ibn Rushd Goethe Moschee (IRGM). Inzwischen befindet sich ein neuer Verband in der Gründungsphase. Dabei handelt es sich um die Muslimische Gemeinschaft NRW, maßgeblich mitgetragen vom islamischen Theologen an der Münsteraner Universität Mouhanad Khorchide. Der Name dieses Verbandes sollte aber nicht in die Irre führen, denn auch Muslime (als ordentliche Mitglieder) sowie Nichtmuslime (als außerordentliche Mitglieder) können sich außerhalb von NRW in die Vereinigung eintragen.6 Die Frage danach, was gewollt bzw. angestrebt wird, wird folgendermaßen beantwortet: „Wir wollen möglichst viele Muslime in Deutschland organisieren, um die verschiedensten Kompetenzen und konstruktiven Ideen zusammenzubringen. So wollen wir einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben der Vielfalt leisten. Der Islam hat einst Europa bereichert, wir wollen an diesen Erfahrungen anknüpfen und nach vorne schauen, mit dem Anspruch: Wir wollen als Muslime auch heute Europa bereichern.“

Dieser eine letzte wichtige Satz sollten sich allen muslimischen Akteuren zu Herzen nehmen, die ein wirkliches Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben, mit den Grundwerten des Grundgesetzes und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechten als Handlungsrahmen. Aufgrund der breiten Vielfalt im Islam und der daraus ergebenden Challenge, die vielen muslimischen Interessen zu berücksichtigen, kann das Bundesland NRW mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie eine erweiterte Kooperation ausschauen kann. Davon können sich dann so manche Bundesländer eine Scheibe von abschneiden.

2 Es gibt eine weitere Studie vom Jahre 2016 mit der gleichen Überschrift sowie von derselben Institution erhoben, jedoch geht es da primär um islamische Wohlfahrtspflege, vorschulische Kinderbetreuung und Altenpflege.

4 Ebd. S.173-174

5 Ebd. S.175

6 Die äußerst lesenswerte Gründungserklärung verlinke ich sehr gerne: https://www.mg-nrw.de/profil.html

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Autorin: Susanne Dawi

June Admiraal

Am letzten Samstag traf sich eine Gruppe von Mitgliedern unserer Moschee zum Besuch des jüdischen Museums. Es war ein interessanter Ausflug mit einer kompetenten Führung eines gemeinde Mitglieders, der nicht nur sehr viel wusste, sondern darüber hinaus eine angenehme Art hatte, wertneutral und wortgewandt zu erzählen, womit er seine besondere Eignung als Museumsführer verdeutlichte. Ich war begeistert, wie jemand diesen Beruf, der mich persönlich nie reizen würde, mit so ausgezeichneter Hingabe und derart umfassendem Wissen ausführen konnte.

In einem der Räume konnten wir Filmsequenzen über die Ausübung der drei Schriftreligionen in der so genannten „Heiligen Stadt“ anschauen. Die im Film gezeigten authentischen Gottesdienste und religiösen Lernveranstaltungen des Judentums, Christentums und Islam in Jerusalem hatten ein auffälliges gemeinsames Element: in den Haupträngen, den vorderen Reihen, den Lehrstuben, den höchsten Ämtern usw. waren ausschließlich männliche Gläubige zu sehen. Wenngleich ich es hätte wissen müssen, hatte ich es nicht so deutlich erwartet. Wir hören doch immer, dass der Islam eine so partriarchalische Religion sei, während sich der Rest der Welt, und damit auch die anderen Religionen, inzwischen die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahne geschrieben hätte. Die Bilder sagten etwas Anderes. Thorarollen werden weiterhin nur von Männern durch die Synagoge getragen, wer die Thora abschreibt, muss im Besitz dessen sein, worauf, nach Sigmund Freud, die Frauen ihren Neid richten, Unter den christlichen Geistlichen aller Denominationen gab es nicht eine einzige Stimme, die den Gottesdienst in Sopran oder Alt hätte leiten können. Die muslimischen Männer standen Schulter an Schulter zum Gebet, gerufen von männlichen Gebetsrufern, während ihre Frauen weiter hinten mit den Kindern allen möglichen anderen Tätigkeiten nachgingen.

In deutschen Kirchen jedoch sehe ich durchaus auch Frauen als Pastorinnen. In der Synagoge treffe ich sowohl auf Kantoren als auch Kantorinnen. Und zumindest in unserer Moschee ruft eine Frau zum Gebet, können Frauen vorbeten, und können sie die Khutba halten, die Predigt. Ich finde das nicht nur „schön“ sondern vollkommen „normal“. Es ist eine gute Zeit, in der Frauen in die Domäne der Religion eintauchen und sich dort für Gott und die Schöpfung engagieren können. Es ist eine gute Zeit der Rollenvielfalt, in der nun auch Männer als Erzieher arbeiten können, als Krankenpfleger, Altenpfleger, Hausmänner, oder einfach nur Väter mit Hingabe sind.

Die Vielfalt der Rollen, die uns heute hier zu leben gestattet ist, macht uns zu zufriedeneren, und damit besseren Menschen. Wer seine Berufung erkennt und lebt, arbeitet qualitativ besser und bildet sich auch in seiner Freizeit fort. Es ist common sense, dass uns das hierdurch empfundene geistige und körperliche Wohlbefinden länger gesund und kraftvoll bleiben lässt. „Salutogenese“, nach Antonovsky der ständige Prozess des Gesundbleibens, wird wirksam unter anderem durch die Erfahrung von Sinnhaftigkeit – Sinnhaftigkeit der Ereignisse und unserer Selbst. Das Empfinden von Sinnhaftigkeit stellt sich unter anderem dann ein, wenn wir Aufgaben ausführen, die wir gerne tun, die wir gut können und bei denen wir das Gefühl haben wir seien genau dafür geschaffen. Es ist erfreulich, dass uns immer häufiger Wege dahin offen stehen, auch wenn sie traditionell für das andere Geschlecht reserviert waren, auch im Bereich der Religion.

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Autorin: Susanne Dawi

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Zurzeit besteht vielerorts der Versuch, eine umfassende Philosophie in ein paar Handlungsanweisungen zu pressen, um dies dann als „Wahrheit“ zu bezeichnen. Die Worte Kufr und Haram wedeln nur so durch die Gegend. Doch Handlungsanweisungen können keine „Wahrheit“ sein. Sie dienen stattdessen einer gewissen Alltagsstrukturierung. Das, was als „Wahrheit“ gesucht wird, liegt sozusagen darunter; es bildet das Fundament. Die Suche nach Wahrheit ist komplex und bedarf, glaube ich, der Zeit eines ganzen, langen Lebens. Hoffentlich eines schönen Lebens. Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Immer wieder hört man, es gäbe nur eine einzige Wahrheit. Diese gelte es zu finden. Es gäbe damit auch nur einen einzigen Islam, den wahren Islam. Suchen wir also.

Zunächst sollten wir uns jedoch gewahr sein: „Islam“, so wie das Wort heute verwendet wird, ist nicht diese Wahrheit, sondern erst einmal ein Wort. Allah allein kennt die Wahrheit, und diese ist derart umfassend und für den Menschen unverständlich, dass Allah den Koran in Worte gefasst hat, damit wir eine ungefähre Ahnung davon haben, was Wahrheit sein könnte. Gott hat ihn, den Koran, uns in einfacher Sprache gegeben, d.h. in einem Modus, den zu verstehen wir in der Lage sind – in menschlicher Sprache also, mit Wörtern. Die Wahrheit liegt jenseits der Worte.

Das Wort „Islam“ kommt im Koran mehrmals vor. In Sure 3:19 steht: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist der Islam“. Allerdings wurde zur Zeit Mohameds dieses Wort noch gar nicht als Religionsbezeichnung verwendet. Daher übersetzt Muhammad Asad diese Sure anders: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist des Menschen Selbstergebung in ihn“ (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018). Dies kommt, wenngleich es dem Wortlaut ferner scheint, dem inhaltlichen Sinn näher. Daneben steht im Koran auch die Form „muslim“, auf die ich mich im Folgenden konzentrieren möchte. Muslim ist jemand, der sich Gott stets und ständig gewahr ist, also jemand, der Taqwa hat, Gottesbewusstsein, und der darüber hinaus versucht, ein gutes Leben zu führen. Es handelt sich dabei um ein Wort, das sowohl als Substantiv als auch als Adjektiv gelesen werden kann. Für mich ist in den jeweiligen Kontexten die adjektivische Lesart einleuchtender. Nicht also: „Was bist du?“ „Ich bin ein Muslim, eine Muslimin“, sondern: „Wie bist du?“ „Ich bin muslim“. Als Religionsbezeichnung im engeren Sinne finde ich es relativ untauglich. Abraham war muslim. Wie war Abraham? Er war sich mit jeder Faser seines Seins und mit jedem Gedanken, jeder Handlung darüber bewusst, dass es einen einzigen Gott gibt, Allah, er vertraute auf dessen Gnade, und er wollte ein guter Mensch sein. All jene Menschen, die sich dessen so bewusst sind, dass es sie in ihrem Leben leitet, sind muslim. Auch Juden und Christen können nach dieser Vorstellung also muslim sein. Sure 21:92 sagt, nachdem über Zakharia und seinen Sohn Johannes, sowie über Maria gesprochen, also klarer Bezug auf das Christentum genommen wird: „Wahrlich (oh die ihr an mich glaubt), diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, da Ich der Erhalter von euch allen bin; betet denn mich allein an.“ Die Bezeichnung „muslim“ gilt also für alle, die diese besondere Haltung haben. Zwar steht im Koran beispielsweise, „euch wird der Tod nicht ereilen, bis ihr „musleimun“ geworden seid, was auch als Substantiv „Muslime“ übersetzt werden kann, doch steht im Vordergrund eben nicht die Gruppenzugehörigkeit zu einer religiösen Vereinigung, sondern die innere Haltung. Muhammad Asad schreibt in seinem Kommentar zu Sure 68:35: „Überall in diesem Werk habe ich die Begriffe muslim und islam in Übereinstimmung mit ihren ursprünglichen Bedeutungen übersetzt., nämlich „einer, der sich Gott ergibt (oder „ergeben hat“)“ und „die Selbstergebung des Menschen in Gott“… Man beachte, dass der „institutionalisierte“ Gebrauch dieser Worte – d.h. ihre ausschließliche Anwendung auf die Anhänger des Propheten Mohameds – eine definitiv nachqur’anische Entwicklung darstellt und daher in einer Übersetzung des Qur’an vermieden werden muss“. (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018, Seite 1086)Asad verwendet zwar hier das Wort als Substantiv, aber nicht im heutigen Sinne der Religionszugehörigkeit, sondern ebenfalls als Bezeichnung für ein Individuum mit gottergebener Haltung.

Wie kann man denn so werden, so muslim? Nun, nicht durch Geburt. Sicher sind nicht alle Menschen, deren Eltern muslim waren automatisch muslim. Dazu gehören der eigene Wille und Gottes Gnade. Nicht die Fokussierung auf Halal-Haram Regeln macht uns zu muslimischen Menschen, sondern ein Bewusstsein.

Als die Zeitgenossen Mohameds zum ersten Mal damit konfrontiert wurden, dass es eine andere Art des Zusammenlebens geben konnte als ihr Stammeswesen mit den ständigen Kämpfen (man schaue sich das Leben im damaligen Medina an), hatten sie viele Fragen dazu, wie man denn ausdrücken solle, dass man gottergeben ist. Viele Verse der Suren halfen ihnen, und gaben Antwort. In diesen Versen ging es häufig um Schutz – Schutz vor Armut und Ausbeutung. Waisen sollen geschützt werden, Frauen sollen erben können oder im Falle der Scheidung versorgt sein, Sozialsteuern sollten gezahlt werden (Zakat), Wucherzins sollte nicht erhoben werden, usw. Weiterhin ging es darum, immer daran zu denken, dass das Gute eine Gnade darstellt, keine Selbstverständlichkeit und keine eigene Errungenschaft. Allah entscheidet, wen er rechtleitet.

Das alles bedeutet aber: An erster Stelle steht damit der Wunsch muslim zu sein – dankend und ehrerbietend, gerecht in den Gedanken und Handlungen, selbstlos und unarrogant, tugendhaft, barmherzig und verantwortungsbewusst. Wer diese innere Haltung angenommen hat, wird danach streben, sie im Alltag umzusetzen. Kann man dies für sich beantworten, so ist man muslim.

Im Umkehrschluss ist man nicht muslim, wenn man andere verspottet, Schlechtes über sie spricht, ihnen gar Ungutes an den Hals wünscht, sie ausnutzt oder Gott gegenüber undankbar ist; seine Verantwortung gegenüber der Schöpfung nicht wahrnimmt und sich so vor dem Tag des jüngsten Gerichts nicht korrekt verantworten kann; denn hierdurch zeigt man eine Haltung, die mit der Liebe und Ehrerbietung gegenüber Gott nicht vereinbar ist. Dies zu erkennen brauchen wir keine Haramregeln. Als muslim macht es daher übrigens gleich in mehrfacher Hinsicht keinen Sinn, über andere Religionen herzuziehen, oder ihre Anhänger gar zu verspotten.

In Sure 2:177 lesen wir: „Wahre Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder nach Westen wendet – sondern wahrhaft fromm ist, wer an Gott glaubt und den Letzten Tag und die Egel und Offenbarung und die Propheten, und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es auch wertschätzen mag – für seine nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft; und beständig das Gebet verrichtet und die reinigenden Abgaben entrichtet; und wahrhaft fromm sind diejenigen, die ihre Versprechen halten, wann immer sie etwas versprechen und geduldig im Missgeschick sind, und in Härte und in Zeiten der Gefahr; es sind sie, die sich als wahrhaft erwiesen haben; und es sind sie, die sich Gottes bewusst sind.“

Hier wird ganz deutlich, dass Inhalt vor Form kommt. Die Gebetsrichtung, und damit die Form des Gebets, sowie auch die Form der Glaubensausübung schlechthin, treten hinter den Inhalt zurück. Im Vordergrund stehen zunächst der Glaube und dann die aus dem Glauben resultierenden Handlungen der Nächstenliebe sowie letztendlich die Geduld und Beständigkeit. Wer muslim ist, fühlt sich durch den Glauben an einen liebenden, barmherzigen Gott dazu bewegt, gleichermaßen liebevoll und barmherzig mit seinen Mitmenschen umzugehen. Daraus ergeben sich insbesondere die finanzielle Versorgung und die Befreiung aller Menschen aus der Knechtschaft. Was dies für uns in der modernen Welt bedeutet, bedarf einer ehrlichen Selbstreflexion, sowohl hinsichtlich individueller als auch gesellschaftlicher Aspekte. Auch die Partnerschaft wird natürlich davon berührt, die Erziehung der Kinder, das Verhältnis zu den Eltern, die Akzeptanz anderer Lebensweisen und vieles mehr.

Der Islam als „Religion“ ist eine Schaffung der menschlichen Gesellschaft, die das Bedürfnis zu haben scheint, Dinge in Kategorien zu pressen, um sie handhabbar zu machen. Als Religion steht der Islam mit dem Judentum und dem Christentum in enger Beziehung, aber unterscheidet sich durch bestimmte Regeln. Religion bedeutet stets ein Regelwerk im Sinne einer Hilfestellung zum gottgefälligen Leben. Dies dient vor allem der Schaffung eines Gefühls der Gruppenzugehörigkeit und der Kommunizierbarkeit von Glauben und hat viel mit Alltagshandlungen zu tun. Unter Praktizierenden der Religion „Islam“ hat im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Einigung stattgefunden, dass bestimmte Praktiken besser sind als andere (Ikhtilaf). Wie weit der Rahmen gern gesehener Handlungen gesteckt ist, ist ort- und zeitabhängig. Jedes Land hat sein eigenes Verständnis davon, welche Handlungen akzeptabel sind, und welche nicht. So sehr man auch meint, hier bestünde überkultureller Konsens, sind die Ausübungen der Religion doch auch kulturell geprägt. Darin liegt nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil wird die Religion auf diese Weise als sinnhaft empfunden, kann sie das Verhalten in allen Lebensbereichen, aber auch einfach das Lebensgefühl, positiv beeinflussen. Dadurch können kulturelle Praktiken durch die Religion hinterfragt werden und umgekehrt. Nicht der wahre Islam wird hierbei hinterfragt, sondern Ausdrucksformen der Religion, so dass ein ständiger Abgleich des Denkens und Handelns mit dem Koran stattfindet.

Wer den wahren Islam sucht, muss dies jenseits der Worte tun, mit seinem Herzen, in Dankbarkeit und Ehrfurcht. In jedem Fall ist der wahre Islam das Barmherzige, Liebevolle, Gnädige, Hoffende, Vergebende, zuzeiten sich Disziplinierende und zugleich Freiheitliebende. Gott ist der Schöpfer all dessen, was geschaffen ist. Er ist ist das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm gleich. Ihm allein dienen wir, indem wir zu ihm beten und mit seiner Schöpfung achtsam umgehen. Wer auf einen guten Weg geleitet werden möchte, wird durch Gottes Gnade darauf geführt. Er oder sie kann darum bitten, und Gott ist barmherzig und allvergebend. Die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit führt zum Erstreben einer gerechten Gesellschaft und damit zu Handlungen, die Gott und den Nächsten wertschätzen. Wer Muslim im Sinne der islamischen Religion werden möchte, spricht aus, dass er dazu gehören mag, indem er oder sie die Schahada spricht, also bezeugt, dass es nur einen einzigen Gott gibt und Mohamed sein Prophet ist. Damit werden auch die fünf Säulen des Islam anerkannt sowie die Prinzipien des Glaubens. Dies kann natürlich auch in unserer Moschee geschehen. Wenn Sie konvertieren möchten, sind Sie herzlich eingeladen, dies in der Ibn Rushd-Goethe Moschee zu tun.