Glauben

Zeit vor dem Islam

Zeit vor dem Islam

 

Heute möchte ich euch auf eine gedankliche Reise in die Zeit des Vorislam begleiten, um zu erfahren, wer eigentlich die Leute waren, an die Gott sich durch den Koran gewendet hat.

     Seit der Neuzeit und der Aufklärung setzt ein kritisches Denken in vielen Wissensbereichen ein, so auch über religiöses Wissen. Kritisches Denken bedeutet Unterscheidung, was Geschichten, mündliche Überlieferungen oder was belegbare Dokumente, philologische oder archäologische Untersuchungen, also überprüfbare Daten an Wissensinhalte übermitteln. Auch die Frage, wie der Islam entstanden ist, wird heute zunehmend stärker erforscht und diskutiert. Viele oft widersprüchliche Thesen wurden aufgestellt.

     Aber warum das alles? Gibt es nicht eine ziemlich konkrete Vorstellung der Entstehungsgeschichte des Islam? Wie viele Bücher und Geschichten wurden über den Propheten und der Entstehung des Islam geschrieben und das sogar ins Detail gehend und sehr überzeugend. Und so lehrt man es auch bis heute.   

    Aus dem Koran wissen wir, dass es immer wieder Propheten gab, die eine Botschaften für ihr Volk brachten oder sie bestätigten, um ihr Volk zum Besseren aufzurufen. Und so sicher auch unser Prophet Muhammad. Aber wie geschah es und wer waren neben dem Propheten die eigentlichen Adressaten?

    Aber woher will man das alles wissen, es klafft doch eine Lücke von einigen Jahrhunderten an überlieferten Dokumenten über diese Zeit der Geschichte von Arabien, besonders von der neuen islamischen Seite. Nur einiges ist von christlicher und jüdischer Geschichte bekannt.

    Aber gerade in dieser dunklen Zeit wurde Muhammad geboren und liegt der Anfang einer neuen Religion. Wie können wir da wissen, wie Muhammad die Verse des späteren Koran erhalten hat, wie war die Zeit und Situation und wer waren seine Zuhörer?  Sind die Geschichten um den Propheten ausgedacht oder nur annähernd mündlich weitergegeben und warum? Es gibt fast nichts Schriftliches aus dieser Zeit. Einige beschriebene Knochen habe ich im Museum in Kairo gesehen. Und das könnte vieles bedeuten, denn die Buchstaben waren noch nicht eindeutig. Man konnte bestimmte Laute noch nicht den entsprechenden Buchstaben zuordnen.   Allenfalls stützt man sich heute auf einige wenige Informationen, die in Pahlavi, der Schrift der Sassaniden, in der griechischen Schrift der Christen, in der hebräischen Schrift der Juden verfasst wurden. Die Zeit von 570 bis Mitte, Ende des 8. Jahrhunderts liegt im Dunkeln.

     Einer der ersten, der Daten gesammelt hatte, von denen auch nur noch Abschriften existieren, war Ibn Ishaq, gestorben 768, also auch kein Zeitgenosse.

     Al-Buchārī, gestorben im Jahr 870, also runde 240 Jahre nach dem Tod des Propheten, soll an seinem Ṣaḥīḥ 16 Jahre gearbeitet haben. Angeblich suchte er aus 600.000 Hadithen rund 2.800 nach den strengsten Kriterien der Traditionskritik aus. Haben da wirklich nur 16 Jahre gereicht, um im ganzen Land bei den Verkehrsmöglichkeiten damals 600.000 Hadithe aufzuspüren und erst einmal aufzuschreiben? Ein Unding! Und wie viele Generationen an Überlieferern liegen dazwischen, 6, 8, bis sie aufgeschrieben wurden?

     Was ich heute als Widersprüchlichkeit empfinde, ist, dass mir früher suggeriert wurde, dass Arabien hauptsächlich von Polytheisten besiedelt war mit Orten sesshafter jüdischer Stämme und einigen Christen. So habe ich es zumindest verstanden.   Aber warum spricht der Koran dann immer wieder Juden und Christen an und greift auf ihre religiösen Schriften zurück?

     Ich glaube, um das alles besser einzuordnen, muss man die Zeit davor stärker in Augenschein nehmen, um eine Grundlage und Verständnis überhaupt zu bekommen.

   Dennoch: Der Schmelztiegel, in dem eine neue Religion geformt wurde, ist auch heute noch schwer zu erfassen. Man muss sich vor unkritischer Übernahme späterer muslimischer Traditionen hüten, aber auch vor einer gänzlichen Ablehnung. Das trifft genauso für eine komplette Bezugnahme jüdischer und christlicher Schriften über die Entstehung des Islam zu.

   Auch aus dem Koran allein ist dieser Zeitraum nicht erklärbar, denn er beruht ja auf den Diskurs zwischen Gott und seine verschiedenen Zuhörer, auf Frage und Antwort, eben für diese Zeit geltend.

     Genauso herrscht Unsicherheit, über den Text des Koran, wie er schriftlich fixiert und verbreitet wurde. Bis heute wird gelehrt, dass der Koran unter dem Kalifen Uthman zusammengestellt wurde. Und vor nicht langer Zeit hat man in Sanaa frühe Pergamente gefunden, was diese Version infrage stellen könnte. Und auch die Inschriften im Felsendom in Jerusalem, der zwischen 687 und 691 errichtet wurde und lange Zeit als die ältesten Zitate von Koranversen galten, stimmen nicht mit der kanonischen und heute bestimmenden Textfassung überein.

     Werfen wir einen Blick in die Geschichte, in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor 570 wechselten in Arabien sich christliche und jüdische Herrschaften ab.

     Besonders der Westen der Halbinsel war Teil eines großen Macht- und Handelsnetzes. So rivalisierten das christliche byzantinische Reich, das sassanidische Perserreich und im Süden das christliche Äthiopien um die Beherrschung des Landes.

   Jüdische Siedler, die aus Jerusalem vertrieben wurden, gründeten um Jathrib große Gemeinschaften. Wahrscheinlich erst einige Jahrzehnte vor Muhammads Geburt nahm der Stamm der Quräisch Mekka in Besitz.

    Die Äthiopier   hatten im Südwesten Himyar, das Gebiet des heutigen Jemen, erobert und später christianisiert. In der neueren Forschung wird nach ihrem Abzug nicht bezweifelt, dass sich die himyarischen Stämme seit dem späten 4. Jahrhundert dann zum Judentum bekannt hatten.

    Um 525 eroberte der äthiopische Negus mit Aufmunterung durch den byzantinischen Kaiser den Süden zurück und setzte dort Stellvertreter ein. Das Land wurde wieder christianisiert.

    Einer der Stellvertreter war Abraha. Er hat sich auf einer Inschriftenstele aus dem Jahr 547 am Staudamm von Marib verewigt.  Um seine Bedeutung der Welt zu zeigen, berief er eine große Konferenz ein. Es kamen unter anderem Gesandte der beiden Großreiche, Christen aus Konstantinopel und Perser aus Ktesiphon, belegt durch einen Brief vom persischen Schah Chosrau an den byzantinischen Kaiser Mauritios, in dem er von den „beiden Augen der Welt“ sprach.  Er führte verschiedene militärische Feldzüge durch. Inschriften aus Bi‘r Murayghan in Zentralarabien berichten von mehreren Feldzügen.  Bei einem dieser Vorstöße in den Hedschas kam er um 552 der Stadt Mekka ziemlich nahe. Dieser nördliche Vorstoß könnte man als Warnzeichen an die Perser sehen, dass Zentralarabien ihm gehören würde. Inwieweit das Geschehen, was die Sure 105 „Der Elefant“ beschreibt zutrifft, kann nicht genau gesagt werden. Sie lautet: „Sahst du denn nicht, was dein Herr den Leuten des Elefanten antat? Ließ er nicht ihre List das Ziel verfehlen und sandten auf sie nieder Vogelscharen, die sie mit Steinen aus gebranntem Ton bewarfen?“

    Vielleicht gab es auch einfach nur einen heftigen Sturm, der Steine mit sich trug? Aber naheliegend ist, dass dieser Feldzug seine Absicht verdeutlichte, den Wallfahrtsort Mekka mit seiner Kaaba zu schwächen und die Pilgerzüge zu seiner Kirche umzuleiten. Abarahas wundervolle Kirche in Sanaa war als neuer Wallfahrtsort gedacht. Es ging ja neben dem religiösen Einfluss um die wirtschaftliche Macht.  Auf die Pilgerzüge weist auch die darauffolgende Sure „Die Quraisch“ hin, die höchstwahrscheinlich mit der vorangegangenen Sure eine Einheit bildete. Sie erwähnt die Winter- und Sommerreisen mit der Garantie einer sicheren Reise und Aufenthalt. „Beim Brauch der Quraisch, ihrem Brauch der Karawanenreisen im Winter und im Sommer. So sollen sie dem Herrn des Hauses dienen, der sie mit Nahrung versorgt und ihnen Sicherheit vor Furcht gewährt hat.“

     Durch Abraha erstarkte das Christentum im südlichen Teil von Arabien wieder,

    Später, um 570 wandten sich die Himyariten an das sassanidische Perserreich   und baten um Unterstützung bei der Vertreibung der Äthiopier. In den Jahren darauf eroberten die Perser den Süden und machten es zu einer persischen Provinz. Um 620 hatte das sassanidische Reich der Perser die ganze östliche Seite entlang dem Persischen Golf und das südwestliche Jemen unter ihrer Kontrolle. Das Ende dieser Religionsmisere war: Der letzte Statthalter in Jemen wurde 628 Muslim.

    Mit diesen Ausführungen wollte ich eigentlich nur zeigen, dass die unterschiedlichen Religionen ziemlich stark präsent waren. Es gab also viel mehr Christen, als man mir weiß gemacht hatte. Es haben sich  beide ersten abrahamischen Religionen etabliert.

    Trotz dieses Hin und Her wurde nicht nur Warenaustausch auf der Handelsroute, die das ganze Arabien durchquerte betrieben, sondern es kam ebenfalls zum kulturellen, sozialen und religiösen Austausch zwischen Süden und Norden, und Mekka war mittendrin.

  Man müsste eigentlich annehmen, dass die einzelnen Stämme in ganz Arabien Kenntnisse der unterschiedlichen Religionen, der Christen, Juden und den Zoroastriern hatten. Die polytheistischen Araber waren sicherlich mit diesen Religionen gut vertraut. 

    In Mekka trafen sich diese Vertreter und sprachen sicherlich auch über ihre Religionen. Es herrschte gewiss reger Austausch an Informationen und Diskussionen, auch über religiöses Wissen. Warum sollten diese Menschen nicht ihre Runden um die Kaaba vollzogen haben, wie es die Polytheisten der Stämme in und um Mekka taten und wie es damals Brauch war?

   Und das alles spiegelt sich im Koran wider. Diese Menschen dieser unterschiedlichen Religionen waren Muhammads Zuhörer. Vielleicht nahmen sie auf ihren Handelsreisen Teile der Gottesübermittlungen an Muhammad als geistiges Gepäck mit?  Wer dort blieb oder wohnte, dessen Frage ist vielleicht von Gott im Koran beantwortet worden.

      Dennoch, die Zeit des Propheten Muhammad und die Entstehung des Islam liegt immer noch wie hinter einem dunklen Schleier. Langsam erst beginnt durch eine neue und kritische Aufarbeitung und Auseinandersetzung der islamischen Geschichte sich dieser Nebel zu lichten. Vieles wird wohl für immer im Dunkel versunken sein.

Und heute ist die Zeit gekommen, diese Geschichte mit neuen, anderen Augen zu sehen.

Manaar

Erinnerungen

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Erinnerungen

Jon Tyson

In meiner heutigen Khutba geht es eigentlich darum, wie wir den Koran lesen. Aber der Weg zur Antwort führte mich über den Umweg der Erinnerungen. Auf diesen Weg – oder Umweg – möchte ich euch gerne mitnehmen.

Nun ist er endlich vorbei, der Winter, und sogar die Eisheiligen sind vorüber. Auch der Ramadan, unser selbst gewählter Winter, ist vorbei und fast vergessen. Als Erinnerung bleiben die Geschenke, die wir unseren Kindern machten, um am Ende des Monats ein frohes Fest zu feiern.

Die kahle Welt hat sich in ein Blütenmeer verwandelt. Wie schön es ist, wenn die Magnolien blühen, die Kirsch- und Mandelbäume, und der Kastanienbaum vor meinem Fenster den Schaulustigen den Blick auf mein Wohnzimmer verweigert.

Mein Weg zur Arbeit führt durch eine Prachtallee, deren Weiß und Rosa der Obstbäume auch der noch so trübsinnigen, gelangweilten oder empörten Seele Freude und Ruhe verleiht. Das Schönheitsspektakel dauert leider selten länger als ein paar Tage, denn dann kommt ein wilder Regenguss, und die in der Blüte des Jahres stehenden Bäume werden kahlgeschüttelt. Glücklicherweise bleibt ein sattes Grün und es sind ja nicht nur die Bäume bunt, sondern auch die in den Gärten und an des Wegrändern blühenden Büsche und Blumen. Farbe als Erinnerung –

Farbe ist ein wunderbarer Aspekt unseres menschlichen Daseins. Wer wie ich seine Kindheit in den 1970er Jahren verbracht hat, der weiß, wovon ich spreche. Die Tapete meiner frühen Lebensjahre kann sich kein Spätgeborener vorstellen. Zumindest nicht die Tapete des Badezimmers in Verbindung mit der Tapete des Wohnzimmers, Kinderzimmers usw. Ein zartes Blütenmeer ist nichts gegen die Kakophonie aus orange und lila, braun, rot und rosa, die sich da in unserer Wohnung abspielte. Als ich vor einigen Jahren bei Ikea einkaufte, sah ich genau dieselben Gläser, die wir früher zu Hause hatten. Ein komisches Gefühl entsteht wenn das passiert. Ganz tief sitzt die Erinnerung, und man sucht nach dem Gefühl, das sie verbreitet und nach den Situationen, in denen es schon einmal aufgetaucht ist. Ganz tief in sein Inneres wird man getrieben, von so einem kleinen visuellen Reiz.

Farben sind in der Tat etwas Wunderbares. Sie bleiben uns tief in der Erinnerung erhalten. Als Kind bekam ich zweimal derart besondere Stifte geschenkt, dass ich heute noch von der Erinnerung zehre. Womit ich meine, dass beim Malen und Kombinieren der Farben ein Gefühl entstand, das ich als aufregend, abenteuerlich, spannend, oder einfach wohlig wahrnahm. Sehe ich heute diese Farben, überkommt mich das, was man ein Flashback nennt. Ganz unzusammenhängend mit der Situation, allein auf Grund der Farbe, stellt sich die früher erlebte Befindlichkeit wieder ein. Hoffen wir, dass es eine gute war! Rosa und Orange sind zwei Farben meiner Wachsmalstifte, die ich gerne kombiniert habe. Sie finden sich wieder im eiskalten Himmel eines Januarmorgens, wenn sich unserer Teil der Erde sehnsüchtig der Sonne zuwendet. Das Rot-Orange des Himmels ist ein unglaubliches Geschenk der Schöpfung an den, der es empfangen mag. Grün, eine Art helles Olivgrün, kombiniert mit orange, war die Farbe meiner Filzstifte, die zuvor in keiner Filzerpackung vorhanden waren. Ich liebt sie, und noch heute male ich gerne mit diesen Stiften, ein kleines Mandala zum Ausmalen vielleicht – einfach nur so, zur Entspannung.

Und sehe ich eine blaue Klarsichtfolie, so katapultiert mich mein Sehnerv komplett und gleichsam zeitlos in die erste Klasse meiner Schulzeit, als meine Fibel in ebenso eine blaue Folie eingschlagen war. Mit dieser Fibel lernte ich lesen, und empfand es, klein wie ich war, als das Beste des Lebens, neben Gummitwist und Rollerfahren.

Die Erinnerung an etwas Schönes macht unser Leben über die Vergangenheit hinaus auch im Moment der Gegenwart schön und erfüllt. Altes, „lange Heres“ wird zu Gegenwärtigem und bereichert uns jetzt, in diesem Moment.

Erinnerungen holen uns dabei willkürlich ein – nicht nur die traumatischen, von denen ich ein andermal reden mag, sondern auch die schönen, wunderbaren. Ich denke, es sind besonders die Erinnerungen aus der Kindheit, die uns schnell und stark bewegen, geradezu überfallen, und sofort in den Bauch ziehen, um dort fröhlich oder ängstlich zu rumoren. Sie sind so besonders stark, weil sie neu sind, nie Erlebtes darstellen, und sich ganz tief in unseren Geist und Körper einnisten.

Die olfaktorischen Erinnerungen, also die Gerüche, sind machmal noch stärker und wirken subtiler, zum Teil auch gänzlich unbemerkt. Der Geruch des Putzmittels aus dem ersten Kindergarten, vielleicht aus dem Krankenhaus, in dem wir geboren wurden, macht etwas mit uns, oft ohne dass wir das aufziehende Gefühl überhaupt benennen können. Eine tiefe Erinnerung des vegetativen Nervensystems, ohne Kopf sozusagen.

Die Erforschung der Erinnerungen ist Teil verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, zum Beispiel der Medizin oder der Psychologie oder auch der Linguistik, wo ich ihr begegnet bin und gelernt habe, meine Erinnerungen zwar zu genießen, aber ihnen nie über den Weg zu trauen.

Es ist gefährlich, eine Khutba über ein Thema zu schreiben, das man studiert hat, denn eine Khutba ist keine wissenschaftliche Hausarbeit. Und auch wenn diese Khutba vorgetragen wird, so ist sie kein Vortrag sondern eine Anregung, das eigene Leben um eine neue Perspektive zu erweitern.

Erinnerungen, auf diesen einen Aspekt möchte ich mich beziehen, sind zustandsabhängig. Ich finde, hierin liegt ein nützliches Wissen für uns. Zustandsabhängig bedeutet, dass unser gegenwärtiger Zustand beeinflusst, wie wir uns an Vergangenes erinnern. Geht es uns heute schlecht, erinnern wir uns an die schlechten Dinge in unserem Leben. Geht es uns gut, erinnern wir uns an die guten. Dies konnte ich neulich am eigenen Leib erfahren, als ich mit Mo spazieren ging.

Mein Leben lang fand ich meine Kindheit schrecklich. Ich war ja immer alleine, meine Mutter im Schichtdienst des Fernmeldeamtes, mein Vater kein besonders zuverlässiger Musiker. Die Scheidung meiner Eltern hatte mich verletzt und ich fühlte mich meine ganze Kindheit hindurch einsam. Das war bisher die ehrliche und wahrhafte Erinnerung an meine Kindheit. Ein einsames, allein gelassenes, viel zu kleines Kind mit viel zu viel Verantwortung und entschieden zu wenig Zuneigung.

Bei besagtem Spaziergang sagte Mo also: „Erzähl mir von deiner Kindheit.“ Gerade wollte ich das wieder einmal so dahin erzählen, wie es immer gestimmt hatte, da bemerkte ich, dass es sich nicht erzählen lassen wollte. Ich begann zu erzählen, langweilte mich plötzlich selbst, stocherte noch ein wenig wahllos in der Erinnerung herum, und sagte dann: „Weißt du Mo, ich hab heute keine Lust darüber zu sprechen. Es langweilt mich ganz fürchterlich.“

Was war geschehen? Die Geschichte, die ich eigentlich hatte erzählen wollen, verblasste immer mehr und mehr, bis sie im Nebel der Erinnerung vollständig verschwand. Ihr Verschwinden konnte ich vor meinem inneren Auge regelrecht wahrnehmen. Und da, plötzlich, formten sich aus dem Nebel heraus neue Bilder. Bilder des Pflückens von Gänseblümchen. Das Gefühl von Kniewelle auf der Reckstange im Wilmersdorfer Volkspark, oder das Gefühl von Schönheit auf dem Weg zur Geburtstagsfeier meines Freundes Klaus. Damals war ich ungefähr sechs. Und ungefähr sechs Jahre alt war für mich zuvor einer der Höhepunkt meiner Einsamkeit gewesen. Nun wurde es zu einem Höhepunkt der Leichtigkeit und Lebensfreude.

Es war dieselbe Kindheit derselben Person, doch in der Menge all dessen woran man sich erinnern konnte, traten die traurigen Ereignisse zurück, um den guten und frohen Erinnerungen Platz zu machen. Und der Grund? Nun, die tatsächlichen Geschehnisse konnte ich ja nicht verändert haben. Was sich aber verändert hatte, in den letzten Monaten, war mein Jetzt-Zustand. Ich war lange unglücklich gewesen. Das war nun offensichtlich vorbei. Und der Glückszustand der Gegenwart übertrug sich auf die Erinnerung. Er machte mein Leben nachträglich schön.

Es wirkt in beide Richtungen. Schöne Erinnerungen bewirken gegenwärtige Glücksgefühle und eine glückliche Gegenwart verursacht glückliche Erinnerungen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch die gegenwärtige Wahrnehmung durch Glücksgefühle verändert wird und wir die Dinge anders hören, anders sehen, anders riechen und auch anders lesen,wenn wir glücklich sind.

In der Tat hatte ich lange Jahre den Koran als Straf und Höllenbuch gelesen. Plötzlich jedoch las ich die Sure 55 – AlRahman – und fand die liebevolle Zuneigung Gottes zu all seiner Schöpfung und besonders zum Menschen darin verbildlicht. Anderen Tags las ich ihn jedoch wieder als Buch der Höllenstrafe. Wie konnte das sein? Gab es nun einen Islam, oder zwei? Richtig, der Koran ist der Koran, aber die Magie eines jeden guten Buches liegt darin, dass es mit jedem Leser etwas Anderes macht. Es gibt Menschen, die den Koran nutzen um andere zu töten und andere die in ihm nichts als Liebe und Barmherzigkeit finden.

Was wir im Koran finden, welche der Verse wir wahrnehmen, hängt davon ab, wie wir uns fühlen. Ich möchte behaupten, dass jemand, der zu Hause viel Strafe erfährt, vielleicht am ehesten geneigt ist, die Strafaspekte des Korans zu bemerken. Jemand, der in einem liebevollen und barmherzigen Umfeld aufwächst, wird hingegen zu allererst die Gnade Gottes herauslesen. Alles stimmt, alles geht. Es hängt eben davon ab, in welchem Zustand sich der Leser, die Leserin, befindet.

Es gibt ihn nicht, den einen Koran. Jeder liest ihn anders. Wer heute Wut verspürt, weil er vom Vater geschlagen wird, sich die Mutter mit dem Schläger verbindet, weil er nicht bekommt, was er wirklich braucht, weil es niemanden interessiert – wer also wütend ist, wird die Wut lesen, die durchaus im Koran zu finden ist. Wer aber liebt und wer heute glücklich ist, liest ihn als Buch des liebevollen Verständnisses und sieht Mohamed als einen lachenden Herrscher, voller Freude und Hingabe. Dieser Leser sieht Freiheit in der Hingabe, nicht Unterwürfigkeit. Dieser Leser liest über die vielen Geschenke und die Gnade, nicht über die Bestrafung im Feuer der Hölle.

Im Umkehrschluss hieße das: Viele Muslime sind nicht Teil einer glücklichen Gemeinschaft. Sie lachen und sie haben Spaß, aber in ihnen drin ist eine Verunsicherung, eine Angst, eine Wut auf die Eltern vielleicht, die sie schützen sollen, eine Wut oder Angst, keinen guten Weg zu finden, weil die so genannte Mehrheitsgesellschaft ihn versperrt usw.

Wer den Koran als Höllenbuch lesen, mag einmal tief in sich hineinhören, ob da vielleicht eine Wut wohnt, oder eine Angst, oder ein ganz allgemeines Unglück.

Schöne Gefühle kann man nicht erzwingen, auch keine schönen Erinnerungen oder schönen Lesarten. Doch eine Perspektive eröffnen sie allemal, denn man kann versuchen, sie zu verstehen. Das führt zu Selbstakzeptanz und damit zu mehr Vertrauen und ultimativ auch zu mehr Glück. Der Wesenskern liegt im Hier und Jetzt. Das muss glücklich sein, dann wird auch die Erinnerung gut und alles, was wir lesen, wenn es denn gute Elemente hat.

Ich wünsche euch ein wundervolles Gebet und alles Gute.

Einen kurzen Einblick dazu möchte ich geben. Narrativitätsforscher zeigten beispielsweise einer Reihe von Probanden einen Film über zwei Kinder, die aus einem Birnbaum Birnen pflückten, und dann damit fort liefen. Fast alle Probanden sagten später, es sei ein Apfelbaum gewesen. Viele Einzelheiten des Films wurden von ihnen falsch erzählt, falsch erinnert. Die Bilder im Kopf hatten die Bilder des Filmes überschrieben. Schon während uns eine Geschichte erzählt wird, entsprechen die Bilder im Kopf oft nicht dem, was wir hören, sondern dem, was wir zu hören erwarten. Trauen wir also unseren Erinnerungen nicht zu sehr. Wir können sie trotzdem genießen.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Erinnerung ist, dass sie Wörter braucht. Im zweiten Weltkrieg verließen viele Juden Deutschland, um in Amerika zu leben bzw. zu überleben. Die literarische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des zweiten Weltkriegs setzte aber nicht unmittelbar nach Kriegsende ein. Die Erinnerungswelle setzte dann ein, als Worte gefunden waren, die man sich kollektiv erarbeitet hatte, um so eine Erinnerung zu schaffen, die von allen verstanden und nachvollzogen werden konnte und so identitätsstiftend wirkte. Wörter wie Holocaust, oder Vernichtung mussten erst geprägt oder auf die Situation bezogen werden, und trugen dann eine Konnotation mit sich, die von allen Kommunikationspartnern einigermaßen einheitlich verstanden werden konnten. Wenn man heute Holocaust sagt, sind Begriffe wie Vernichtung, Verfolgung, Qual, Unterdrückung, Genozid, Rassissmus, Diktatur und viele mehr implizit, aber darüber hinaus denkt man sofort an die Vernichtung der Juden während des so genannten Dritten Reiches. Ein Volk, hier zum Beispiel die amerikanischen Juden des 20. Jahrhunderts, kann sich eine Erinnerungskultur nur schaffen, indem sie Worte dafür findet.

Als Muslime versuchen wir auch immer wieder, gemeinschaftsstiftende Erinnerungskultur aufzubauen. Wir nennen uns eine Umma und sind von uns selbst enttäuscht, wenn wir es im Ramadan nicht schaffen, am selben Tag die Fastenzeit einzuläuten und sind stolz darauf, wenn wir wie in diesem Jahr alle am selben Tag das Fasten beenden. Dann spielen wir, dass wir eine Umma sind, weil dieser Begriff zu Beginn des Islam geprägt wurde und heute noch wichtig scheint. Wir versuchen,

Ramadan 2020

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Ramadan 2020

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Heute möchte ich euch besonders herzlich begrüßen, denn es gibt ein Fest zu feiern. Wir feiern mit euch das Eid al fitr, das Fest des Fastenbrechens. Und weil das auf Deutsch überhaupt kein schönes Wort ist, und weil man dabei außerdem den Kindern Süßes verteilt, und auch gerne selbst ein bisschen nascht, nennen wir es inzwischen auch in Deutschland „Zuckerfest“.

Ich finde das immer lustig, weil einige meiner arabisch-sprachigen Freunde Ostern das Eierfest nennen. So haben wir hier in Deutschland ein Eierfest, ein Zuckerfest, mal sehen, was noch kommt. Das geht zwar von dem religiösen Aspekt weg, der den Festen eigentlich zu Grunde liegt, aber zum kulturellen, und damit gemeinschaftsstiftenden, Aspekt hin und wirbt damit dafür, alle Menschen einer Gesellschaft daran zu beteiligen oder zumindest ihnen einen Begriff an die Hand zu geben, den sie mit den stattfindenden Tätigkeiten verbinden können. Das Zuckerfest darf erlebt werden, auch wenn man es nicht vollständig, in all seinen Einzelheiten versteht. Das Verstehen der Dinge geschieht sowieso immer bei allen Menschen auf verschiedenen Ebenen.

Das Zuckerfest ist das große Fest der Freude.

Einen Monat lang haben wir gefastet – Essen und Trinken, oder anderes, entbehrt. Wir haben uns daran erinnert, jeden Tag, dass wir ohne Essen und Trinken nicht nur hungrig und durstig sind sondern auch an anderen Dingen leiden.

Ein paar Beispiele:

Mir ist im Ramadan jeden Tag eisig kalt, oft sogar noch nach dem Essen. So kalt, dass mir am Tag die Schultern weh tun, weil ich mich so verkrampfe und ich die halbe Nacht nicht schlafen kann, weil meine Füße zu Eisblöcken erstarrt sind. Essen und Trinken hält uns warm, stabilisiert unsere gefühlte Körpertemperatur.

Im Ramadan bin ich vergesslich. Beim Verkauf meines Autos habe ich die Hälfte der Dinge im Auto gelassen, die ich unbedingt ins andere Auto mitnehmen wollte. Dinge wie das Ladekabel oder die Parkvignette, ich schaute nicht in das Fach unter dem Kofferraum, wo ich Badelatschen und Schwimmzeug gelagert hatte – alles, was mir nicht direkt ins Auge sprang, habe ich vergessen. Essen und Trinken hilft uns, uns zu erinnern.

Ein weiteres Beispiel: Ich ging zu meiner Therapeutin, die ich gerne einmal im Monat aufsuche, doch das hätte ich mir im Ramadan besser erspart, denn das Fühlen war so anstrengend, dass ich unglaublichen Hunger bekam und nur noch meinen Magen spürte, um am Ende der Sitzung völlig erschöpft nach Hause zu gehen. Essen und Trinken erlauben uns, in uns hineinzuhören, zu reflektieren, unseren Körper detailliert wahrzunehmen über Hunger und Durst hinaus und so am Wohl unserer Seele zu arbeiten.

Und auch dies geschieht ohne Essen und Trinken: Jeden Sonntag buk ich im Ramadan, und fuhr hinaus an einen See oder in einen Wald. Das ist schön, auch ohne Essen und Trinken. Doch in ein Cafe einzutreten und dort vielleicht ein Buch zu lesen, oder sich mit jemandem bei einer Tasse Tee zu unterhalten, ist viel schöner als ohne. Essen und Trinken macht unsere sozialen Kontakte froher und entspannter. Gespräche tiefgehender und unsere Handlungen beherzter.

Manche Tätigkeiten habe ich mir daher auf die Zeit nach dem Abendessen – also dem Frühstück – verschoben, andere gleich ganz auf die Zeit nach dem Ramadan.

Es gibt noch viel, viel mehr, wozu man Essen und Trinken braucht, nicht nur am Abend, um zu überleben, sondern tagsüber. Was tun die Menschen, für die immer Ramadan ist, und am Ende des Tages nur eine Schüssel Reis mit Bohnen – oder immerhin, eine Schüssel Reis mit Bohnen? Wie meistern sie ihre Beziehungen und Freundschaften? Wie schaffen sie es, in der Schule Leistung zu bringen, Verträge fehlerfrei zu gestalten und abzuschließen, gut ausgeruht in den Tag zu starten und ihre gute Laune zu bewahren ?

Der Ramadan dient ganz eindeutig dazu, uns unbedingt daran zu erinnern, dass Essen und Trinken eben nicht nur zum Vergnügen da sind, sondern essenziell unser Leben überhaupt so ermöglichen, wie wir es hier leben. Das haben wir jeden Abend aufs Neue festgestellt. Beim ersten Schluck Wasser nach dem Fasten sind wir manchmal sehr dankbar und erinnern uns an die außerordentliche Gnade, die uns erwiesen wird. Doch manchmal vergessen wir schon beim ersten Glas, wie schwer der Tag war. Gleichsam in Millisekundenschnelle sind wir wieder diejenigen, die wir vor dem gefasteten Tag waren. Deswegen ist es wichtig, dass der Ramadan immer wieder kommt und uns immer wieder daran erinnert, was uns hier auf der Erde geschenkt wird.

Die Dankbarkeit ist eine Anstrengung, ein Dshihad, in der wir uns immer wieder üben sollten. Darin sind sich religiöse und weltliche Philosopen einig.

Im Moment sprießen aus dem Boden der Buchlandschaft tausende von Büchern, die eine Art Tagebuchfunktion übernehmen, aber auf die Dankbarkeit fokussieren. Es sind Bücher, in die man schreiben soll, was an diesem Tag besonder schön war. Fünf Dinge soll man jeden Tag benennen, die einem besondere Freude bereitet haben. Das ist gar nicht so einfach. Wenn man sich darin übt, so wird gesagt, ist man nach einer Weile glücklicher. Man lernt, das Gute, Glücklichmachende, wahrzunehmen und hat so insgesamt ein erfüllteres Leben. Wer schon mal schwanger war, der weiß, dass das stimmt, zumindest, was die Wahrnehmug betrifft. Alle Frauen sind nämlich immer gleichzeitig schwanger und zwar genau dann, wenn man selber schwanger ist. Wenn ich schwanger war, und das war immerhin sieben Mal, waren immer alle Frauen schwanger. Spätestens bei der zweiten Schwangerschaft war mir aber schon klar, dass das nicht sein konnte. Es lag ganz offensichtlich an der Wahrnehmung. Vorher waren natürlich genauso viele Frauen schwanger, aber ich habe es nicht bemerkt, weil es für mich nicht relevant war.

Kürzlich kaufte ich ein Auto. Sollte es ein Ford sein? Ich sah so viele Fords in meiner Umgebung wie nie zuvor. Sollte es ein Opel Corsa werden? Den hatten scheinbar auch alle. Mein Blick schärfte sich und ich sah sie plötzlich alle, die Clios, Polos, BMWs, und je mehr sie für mich in Frage kamen, desto schneller konnte ich sie unterscheiden, schon von Weitem.

So richtet sich unsere Wahrnehmung stets danach, was wir als relevant empfinden. Wenn wir uns darauf konditionieren, das Gute relevant zu finden, und zu erkennen, so werden wir es immer besser sehen können.

Inni atainak al kawthar, fassali rabika wa anhar. Wir haben euch die Fülle gegeben, sagt Gott. Die Gottheit, die uns gibt und gibt und gibt, ist recht selbstlos. Sie bittet, dass wir beten, und dass wir hin und wieder fasten. Der Rest der wesentlichen Anforderungen des Allah, bezieht sich auf die Menschen, nicht auf Gott selbst. Wir sind gehalten, sie gut zu versorgen, alle. Dazu sollen wir unseren Besitz teilen und gastfreudlich sein. In einer Stammeswelt des 7. Jahrhunderts hieß das, genau wie heute, dem Armen nebenan etwas abzugeben und dabei nicht zu pfennigfuchsen. Doch in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts bedeutet es mehr, nämlich auch, politisch dafür zu sorgen, dass ordentlich geteilt wird. Wir sind beauftragt, ganz konkret, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Das steht im Koran und könnte deutlicher nicht geschrieben sein. Zitiere 2:267 und 274. Und in 2:277 lesen wir (zitieren).

Es kann nicht sein, dass einer Milliarden im Sockenfach bunkert und ein anderer nicht weiß, was er morgen seinen Kindern zu essen geben kann. Es kann nicht sein, dass manche Kinder mit ihren eigenen Eltern leben und andere alleine auf der Straße, statt behütet in Familien oder angemessenen Heimen. In einer globalisierten Welt kann nicht jeder alles haben, aber keiner darf nichts haben, oder – entschieden zu wenig. Das ist ein klarer Auftrag der Religion an die Muslime. Im Ramadan wird er zur Pflicht.

Eid Alfitr ist ein Tag der Freude, und er soll es für alle sein. So gebt reichlich heute. Alles was ihr geben könnt. Eure Freude, euer Lächeln, euren warmen, festen Handschlag, den Blick in die Augen. Gebt auch euer Geld mit Freude, wenn ihr könnt, und nehmt es gern und mit Freude, wenn es euch gegeben wird. Gebt euch selbst. Seid gerne stolz darauf, dass ihr diese Zeit gut überstanden habt und schämt euch nicht für eure Fehler, sondern lernt daraus. Jeder Mensch macht Fehler. Immer und überall.

Heute ist der Tag der Freude, der Tag des Gebens und der Tag der Versöhnung. Der Tag, an dem wir zu unseren Mitmenschen gehen und ihnen und uns eine zweite Chance geben, oder eine dritte, vierte. Es ist der Tag des ehrlichen Versuchs, von Neuem zu beginnen. Ein Tag des Neuananfangs in Bezug auf unsere Freunde, Beziehungen, Kinder, Ehepartner, Mitarbeiter, Mitschüler, Nachbarn, Cousins und Cousinen. Was vorher schlecht gelaufen ist, darf nun gut werden.

Religionen und ihre Riten und Ansprüche dienen dazu, uns als Menschen zu erweitern und uns allen gemeinsam ein glückliches Leben zu schenken. Sie dienen dazu, dass wir nicht unbedacht durchs Leben gehen, sondern reflektieren und wachsen, das Gute erkennen und uns daran erfreuen.

Heute ist ein Tag der Freude. Inschallah werden wir viele Tage der Freude verschenken und empfangen.

Allah hat viele Gesichter

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Allah hat viele Gesichter

      Ich möchte heute mit einigen Versen des Korans beginnen: Sure Al-An’am (Das Vieh), 6:12: Sage: „Wem gehört alles, was in den Himmeln und auf Erden ist?“ „Sage: Gott, der für Sich Selbst das Gesetz der Gnade und Barmherzigkeit gewollt hat.“ – Der Ausdruck: ‚Gott hat für Sich Selbst…‘ kommt nur 2-Mal im Koran vor (6:54), keine andere Eigenschaft Gottes bzw. sein Gesicht ist so direkt beschrieben worden.

    7 :156: Gott antwortete: „Mit meiner Strafe suche ich heim, wen Ich will – aber Meine Gnade übergreift alles.“

    Ein Hadith, überliefert von Bukhari und Muslim sagt aus: „Wahrlich, meine Gnade und Barmherzigkeit übertrifft meinen Zorn.“ Barmherzigkeit und Zorn, das sind zwei Gesichter Gottes.

     Was bedeutet eigentlich das Wort Allah und woher kommt der Name: Allah ist kein Eigenname, sondern nur das Wort für Gott, etymologisch, das heißt: Geschichte und Grundbedeutung eines Wortes, eine Zusammenziehung von al-lah für ‚der Eine Gott‘. Auch für arabische Christen und Juden ist es darum die Bezeichnung für Gott. Die Polytheisten Arabiens kannten innerhalb ihrer vielen Gottheiten einen der höchsten Götter mit dem Namen Allah. Allah wird in dieser Epoche als einen Hochgott verstanden, der auf den semitischen Gottesbegriff El zurückgeführt wird und die Rolle eines Schöpfergottes einnahm, sonst aber nicht direkt in das Geschehen der Menschen eingriff. Seine genaue Funktion ist nicht wirklich gesichert.

     Allahs Wesen lässt sich mit der Sprache des Menschen nicht festlegen, d.h. es lässt sich nicht vermenschlichen. Dennoch trägt Allah oder Gott im Koran einmal körperliche und dann wieder unkörperliche Züge, auf der einen Seite konkret, begrifflich, also immanent, und auf der anderen Seite nicht begrifflich, also transzendent, abstrakt. Die Sure 112 ist das beste Beispiel, in dem sich Gott als etwas nicht Begreifbares darbietet. „Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Absolute, Ewige. Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, und niemand ist Ihm ebenbürtig.“

     Ein anderes Beispiel, in dem Gott gleichzeitig immanent und transzendent ist.

Immanenz bedeutet in Bezug auf Gott, dass er in seiner Schöpfung, wie z. B. die Erde oder ich als seine Schöpfung, anwesend, gegenwärtig ist und sie erhält: Er ist mir näher als meine Schlagader, also ist Er in mir und um mich, also immanent, gleichzeitig aber auch abstrakt, transzendent. Transzendenz bedeutet in Bezug auf Gott, dass er als Gott alles übersteigt. Ich kann Gott mit meinen Sinnen nicht wirklich wahrnehmen, nicht in richtiger Weise von ihm oder mit ihm sprechen, weil er anders ist, sich in einer anderen Dimension befindet. Ich bin mir sicher, dass an meiner Schlagader nichts ist, was nicht zum Körper gehört. Ich stoße somit an eine Grenze, die ich aber mit meinen Gedanken überschreiten kann, um mir ein Bild zu machen.

    Etwas Abstraktes, Transzendentes kann man weder lieben noch fürchten, man kann auch nicht mit ihm sprechen. Wir brauchen also etwas, was man sich vorstellen kann, woran man sich festhalten kann, mit dem man sich unterhalten kann. Deshalb richtet sich der Koran an beides: an unsere Vorstellungskraft und an das abstrakte Denken. Ich denke, beide ergänzen sich prima.

    Gott als der Machtvolle und Gott der Barmherzige: Das sind zwei unterschiedliche Haltungen oder Gesichter Gottes, die sich scheinbar widersprechen, aber dennoch zueinanderstehen, sich zu einem Ganzen zusammenfügen.

     Es ist eigentlich bestimmend für unser Verhältnis zu Gott: Eine totale Spannung – auf der einen Seite Gott als der Mächtigste und auf der anderen Seite Gott als Erbarmer. Schon mit der 1. Botschaft an Muhammad stellt sich Gott vor: „Rezitiere im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle. Rezitiere, denn dein Herr ist allgütig. Der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste. Er hat die Macht zu erschaffen, also uns, aber dennoch gütig zu seinen Geschöpfen zu sein.

     Er berichtet darin von sich: ‚Ich bin dein Herr, denn ich habe dich und das ganze Universum erschaffen und ich bin gütig, barmherzig zu dir, denn ich lege das Wohl deiner Welt in deine Hände und dazu das nötige Wissen.‘

      Es ist eine Zurschaustellung seiner Macht und seiner Barmherzigkeit! Dieser eine Satz beinhaltet alles, was auch der Koran im Ganzen ausführt: ‚Geht nicht vom rechten Weg ab, denn eines Tages werdet ihr zur Rechenschaft gezogen.‘ Und ich könnte mir vorstellen, in diesen paar Worten befinden sich die vielen Gesichter Gottes: die Eigenschaften Gottes, von denen wir 99 Namen kennen. Nur um einige zu nennen: Da ist Gott als der Gnädige, der Sichernde, der Gebende, der Versorger, der Verzeiher, der Gewährende, der Allwissende, der Richter.

   Wenn ich heute darüber nachdenke, spüre ich in diesen ersten Worten einen starken Vorwurf von Gott: ‚Ich habe eine wohlgeordnete Welt erschaffen und euch zum Nutzen übergeben. Und was macht ihr daraus? In eurem Hochmut zerstört ihr sie, eure Grundlage für euer Leben!‘

    Aber zurück zu der Beziehung des All-Mächtigen zu dem All-Barmherzigen. Beide stehen im Zusammenhang; nur eine Seite, das geht nicht. Gott auf der einen Seite, das ist unter Anderem der Gott als der König, der Herrscher, der Allmächtige, der Stolze, der Große, der Tötende, der Mächtige. Er hat in diesen Eigenschaften die Macht zu strafen, aber ich denke gleichzeitig kann ein mächtiger Gott auch liebenswert sein. Ein Richter kann hart strafen oder milde verzeihen, um mich auf den rechten Weg zu bringen und zu halten.

     Auf der anderen Seite finde ich eine Vielzahl von Eigenschaften eines milden Gottes: der Gott des Friedens, des Erbarmens, des Versorgens, der Dankbare, der Nachsichtige, der Gerechte, der Großzügige, der Weise, der Liebevolle.

   Meist stehen sich wie gesagt diese gegensätzlichen Gesichter gegenüber: der Gott des Erschaffens und der Gott des Zerstörens.  Er erschafft ein Volk und droht ihnen aber, sie zu zerstören, wenn sie sich nicht an eine gute Handlungsweise halten. Es kommt sozusagen ein Manuskript zum Tragen, wie der Koranwissenschaftler Abu Zaid meint: ein Konzept, das den Gläubigen einen Weg weist, wie er Distanz zwischen sich und den strafenden Gott bringen und dem liebenden, verzeihenden Gott näher kommen kann.

      Der Koran zeigt uns einmal die Seite des mächtigen, des strafenden Gottes, dann wieder die eines liebenden, barmherzigen Gottes. Aber wenn wir Gott nur als den Barmherzigen sehen möchten, dann beschränken wir ihn nur auf eine Dimension. Das hieße, jeder könnte ja dann irgendwelchen Unsinn oder Schlimmeres fabrizieren. Und wenn wir Gott als einen nur strafenden Gott ansehen, dann müssten wir in Angst und Schrecken leben. Beide haben aber ihre Berechtigung. Einen Mittelweg gibt es nicht. Immer noch ist es für die Menschen angebracht, Strafen auszusprechen oder zumindest aufzuzeigen, um sie zu läutern, um das Gute in ihnen zu stützen. Am Ende wird die Barmherzigkeit siegen, also nicht der strafende, sondern der gerechte und barmherzige Gott.

     Dafür haben wir ein Wort: „taqwa“. Am Anfang meines Muslimseins habe ich das Wort taqwa nur als ‚Furcht vor Gott haben‘ erfahren, was ich aber überhaupt nicht verstehen konnte. Wie kann man einen Gott lieben, wenn man Furcht und Angst vor ihm haben sollte? Erst viel später wurde mir eins klar: taqwa bedeutet Gottesbewusstsein, oder Gottes bewusst sein, oder Gott ist in meinem Bewusstsein. Es bedeutet für mich ein Weg, wie ich dem liebenden und verzeihenden Gott näherkommen kann. Bei taqwa geht es um ethische und soziale Verantwortung, um meine und unsere Verantwortung als Mensch in einer Gesellschaft. Jetzt z. B. hatte ich die Verantwortung, so gut wie möglich mich auf diese Predigt vorzubereiten, sie gut aufzubereiten, damit ihr sie versteht und eventuell sie euch von Nutzen sein kann.

     Im Koran begegnen wir vielen Gesichtern, vielen Eigenschaften von Gott. In der 7. Sure, Vers 180 steht, dass Gott die schönsten Namen gehören. Wenn wir im Koran lesen, dann stoßen wir unweigerlich auf einen schaffenden Gott, auf einen versorgenden oder gestaltenden Gott, auf unseren Richter, auf den Gott des Friedens.  Gott oder das Göttliche hat eben viele Gesichter.

    Zeigt Gott nicht manchmal im gleichen Moment beide Seiten? Zumindest kann man es so denken. Gott kann uns seine liebende Seite zeigen, indem er uns eine Lektion erteilt. Er straft uns, weil er uns liebt. Machen wir das als Eltern nicht auch mit unseren Kindern?

    Gott ist dabei unser Vorbild, denn Er verlangt von uns auch Liebe z. B. zu den Kindern und Barmherzigkeit und manchmal auch eine Strafe aussprechend. Das heißt: Viele der schönsten Namen entstammen von Eigenschaften, die das Göttliche und das Menschliche vereinen. Sie sind wie eine Brücke, die unsere Welt zu Gott überspannt. Natürlich haben wir nicht die Macht und das Wissen Gottes, sondern nur das, was Gott uns zugesteht. Aber wir können das zu unserem Wohl nutzen und voll ausschöpfen.

    Können wir Gott oder das Göttliche überhaupt beschreiben? Mit unseren Worten stoßen wir unweigerlich an Grenzen, denn unsere Sprache ist menschlich. Da ist schon das Problem mit dem Personalpronomen, ich-mich, er-ihn, wir-uns, als ob Gott einem bestimmten Geschlecht zugehören würde. Dagegen spricht aber die schon genannte Sure 112, aus der man entnehmen kann, dass jemand, der nicht geboren wird oder wurde, auch keinem Geschlecht zugehören kann. Wir vermögen Gott nicht mit unserer menschlichen Sprache zutreffend beschreiben, noch können wir ihn mit unserem Verstand erklären. Dennoch vermögen wir ihn mit unserer Vorstellungskraft in unserem Kopf bildlich darzustellen und zu begegnen. Dazu brauchen wir keinen Raum, Zeit oder Endlichkeit. Wir können ihn mit unseren Gedanken vorstellen und mit ihm kommunizieren. Die Vorstellungskraft ist also sehr wichtig für einen Gläubigen. Unser Bild von Gott passt sich dem an, wie wir ihn persönlich erfahren, so wie wir den Koran für uns erlesbar machen.

     Wenn wir zu Gott beten, dann beten wir zu einem konkreten Gegenüber, den wir uns vorstellen können, aber dennoch wissen wir gleichzeitig, dass Gott nicht ‚so‘ ist, wie wir ihn uns vorstellen. Dennoch ist es kein Widerspruch, weil es unsere Gedanken in Bewegung hält und wir immer wieder unsere Vorstellungskraft neu definieren müssen, da wir immer wieder von Neuem durch Gott inspiriert werden.

    Mein Bild von Gott ist das eines liebevollen Schöpfers, der trotz der Warnung der Engel mich und die ganze Menschheit mit den besten Dingen ausgestattet hat, mit Wissen, Neugier und Selbstständigkeit. Mein Bild von Gott ist das eines kommunikativen Gottes, der selbst neugierig über meinen Werdegang ist, der mir hilfreich zur Seite steht und behutsam mich in die richtige Richtung schupst. Nein, es ist kein richtiges Bild, nur eine Ahnung, ein Gefühl für etwas ganz Besonderes, das ich Gott nenne und von dem ich weiß, dass er mich tagtäglich voller Liebe und Barmherzigkeit begleitet und dem ich mit Liebe und Ehrfurcht antworte.

 Manaar

Haiiimam

Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

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Gott als der Erschaffer und Begleiter der Menschheit

Haiiimam
Haiiimam

    Koran ist voll von dem, was das Leben an sich angeht und das in vielfacher Form. Er spricht alle Lebensumstände der Pflanzen- und Tierwelt an, alle Begleitformen, alles, was erst das Leben auf Erden ermöglicht.

    Wir erfahren vom Werden und Vergehen alles Lebens und selbst vom Verändern der Erde. Gott weist an vielen Stellen im Koran daraufhin. Ja, Gott beschäftigt sich auch intensiv mit dem Menschen und zeigt ihm, wie er sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen hat. Alle Gebiete der Wissenschaften legt er ihnen dar, damit sie sie erforschen können. Und Er lässt unter anderem anklingen, was erst heute so nach und nach begriffen wird, wie z.B. die Expansion des Universums.

   Der Koran ist zu den Menschen gesandt worden und nicht nur der Koran, sondern das Alte Testament und viele andere Schriften, von denen wir kaum oder gar nichts wissen, weil die Verschriftlichung noch gar nicht so alt ist. Die frühesten schriftlichen Mitteilungen über Gott oder das, was als religiös eingestuft werden kann, stammen aus den sumerischen Gebieten, aus dem alten Ägypten oder aus dem indischen Raum.

   Aber Gott war nicht erst in dieser Zeit für die Menschen da. Funde von kleinen Skulpturen oder Höhlenmalereien aus der Steinzeit deuten auf eine frühe spirituelle Gedankenwelt mit Jenseitsvorstellungen hin, die durch kultische Rituale oder durch besonders veranlagte Menschen charakterisiert sind.  Die damaligen Menschen beobachteten sicher ihre Umwelt, ordneten vielleicht alles was sie sahen in ‚bekannt und nicht gefährlich‘ oder ‚unbekannt, nicht begreifbar, darum gefährlich‘ ein.

     Der Mensch merkt schon früh, dass er nicht alles erklären kann. Vor diesen Blitzen und Donner muss man sich in Acht nehmen, sie sind unerklärlich und deshalb muss man sich gutstellen mit ihnen.

      Und noch etwas muss ihnen aufgefallen sein, nämlich das sterbliche Sein. Wie sind sie damit umgegangen? Vielleicht verglichen sie die absterbenden Pflanzen und ihr Wiedererwachen mit ihrem eigenen Tod und dachten, dass sie irgendwo wiedererwachen, neu geboren werden. Aus dem Grund haben vielleicht die Neandertaler ihre Toten in Gräber gelegt und so in gewisser Weise das Jenseits entdeckt. Sie begannen Dinge, die sie nicht verstehen konnten, begreiflich zu machen durch Höhlenmalereien und Schnitzereien. Durch einfache rituelle Handlungen sollte etwas Überirdisches, nicht Erklärbares, nicht Sichtbares freundlich gesinnt gemacht werden. Sie bedankten sich in einer bestimmten Form, die wir heute nur erahnen können.

    Das Feuer konnte vernichten, aber es spendete auch Wärme und Sicherheit vor wilden Tieren. Und es gab ihnen in der Dunkelheit Licht. Es war für sie allmächtig. Also begannen sie es zu verehren, wie genau, das wissen wir nicht.

     Die ersten Allmächtigen oder Gottheiten waren wahrscheinlich natürliche Dinge wie die Sonne, der Mond, Wind, die Natur. Solche Dinge, Gegenstände oder Erscheinungen erachtete man als heilig. Es war kein großer Sprung, z. B. die Erneuerung der Natur, das Wachsen von Früchten einer nicht sichtbaren Person, einem Gott zuzuordnen oder einer Göttin, da manches eine Ähnlichkeit mit einer Geburt eines neuen Erdenbürgers hat.

     Aber auch wenn sie kaum etwas verstanden haben, Gott ließ sie nicht allein. Von Anfang an war Er ihr Begleiter, auch wenn sie noch nichts von ihm wussten. Im Vers 36 der Sure 16 klingt es an: „In jedem Volk erweckten Wir einen Gesandten…“Er war wahrscheinlich ein spirituell empfindsamer Mensch, der seine Gruppe anführte.

     Es entstand also die Rolle eines Vermittlers, der zwischen den Menschen und dem Angebeteten vermittelte, und der erste Vermittler war Adam selbst.

       Die früheren Menschen entwickelten verschiedene Rituale, um Gott in seinen spezifischen Eigenschaften anzubeten, als Wettergott, als Fruchtbarkeitsgöttin und sicher noch in vielen anderen Funktionen. Diese uralten Riten dienten höchstwahrscheinlich dazu, das Angstmachende, Geheimnisvolle für sie zugänglich zu machen, um diese Angst vor diesem Unbekannten zu verringern. Mit der Zeit gab die immer gleichbleibende Durchführung diesen Menschen eine gewisse Sicherheit. Aber immer war es eine uns heute durch das Alte und Neue Testament und den Koran bekannte Eigenschaft des Einen Gottes. Und egal, wo und wie die Menschen um eine gute Ernte, um gutes Wetter, bei Krankheit um Gesundheit, um eine gute Reise usw.  baten. Immer war es Gott, Allah oder wie Er in anderen Muttersprachen heute heißt, zu dem sie sich gewendet haben. Beim Anbeten des Feuers war es an-Nur, Gottes Eigenschaft als Licht, Wärme, Schutz.

    Es begann wahrscheinlich die Zeit einer spirituellen Religiosität mit Jenseitsvorstellungen, erste Mythen entstanden, vielleicht auch schon eine erste gottähnliche Vorstellung eines Bewahrers oder Beschützers der Tiere und Menschen, erste Vorstellungen einer Beschützerin der Fruchtbarkeit, eines Bewahrers des Feuers. Kultische Rituale entstanden. Wenn wir sie aber heute näher betrachten, dann sind es immer Eigenschaften des Einen Gottes, des Erschaffers, des Schöpfers, des Bewahrers, die hier angebetet werden.

     Ihr fragt euch, warum ich das erzähle? Also meine Meinung: Die Juden, Christen und auch die Muslime betrachten Gott als ihren Gott. Alles, was vorher war, das war Vielgötterei in ihren Augen. Und das muss falsch sein. Nein, ich meine, dieses Denken ist falsch. Das Gottesbewusstsein musste sich, so wie der Mensch sich erst entwickeln musste, ebenfalls erst entfalten. Selbst heute ist das noch so, meiner Meinung nach.

     Von Anfang an, als die Menschen zu denken begannen und ihre Umwelt wahrnahmen, war Gott an ihrer Seite. Auch als sie das Feuer zu nutzen begannen, war Er in ihrer Nähe. Ich denke, vielleicht sahen sie im Feuer eine Gestalt, die sie in ihrer Sprache Gott nannten, um fortan ihn zu preisen und zu danken. Und als sie die ersten Körner selbst aussäten, betrachteten sie Gott als jemand, der für die Fruchtbarkeit verantwortlich war, den man gut stimmen muss, um gute Ernten zu bekommen. Fortan ehrten sie ihn mit besonderen Ritualen. Aber wenn ich so bedenke: Es ist doch nichts anderes, als wenn ich das Lichtspiel einer Kerze bewundere und dabei an Gottes Attribut, an Gott als An-Nur denke. Nur, dass ich heute viel mehr weiß. Was ist da der Unterschied? Doch nur dachten die einen mit Furcht an den Feuergott und ich an Gottes Licht mit seiner Wärme und Liebe.

    Die Menschen konnten Gott immer nur nach ihrem jeweiligen Wissensstand betrachten, sahen ihn vielleicht als einen Baum, eine Pflanze oder Tier in einem seiner Attribute verkörpert. Und sie stellten sich ein Leben nach ihrem Tod in Gottes Welt vor.

    Im Gilgamesch, vor rund 4000 Jahren auf Tontafeln in der ersten Schrift, der Keilschrift aufgeschrieben, ist Gott für die damaligen Menschen derjenige, der das viele Wasser brachte, um die Erde zu reinigen und einen Neubeginn der Menschheit zu ermöglichen.

    Die alten Ägypter unter Echnaton sahen Gott als alleinigen Gott in Verkörperung der Sonne, die alles Leben erst ermöglichte und tagtäglich neu geboren wurde. Sie verehrten ihn als das Licht und den Neubeginn des Lebens. Die Griechen und später die Römer und Germanen gaben ihm Namen, z. B. Gott des Donners und der Blitze, des Wassers, also unter anderem zuständig für Naturgewalten, als Schöpfer, Gestalter, Bewahrer, Allmächtiger, als Vergebender und Wiedererweckender. Sie alle hatten Gott ihr Leben anvertraut und verehrten ihn. Hat sich da viel zu heute verändert? Gott war also schon immer anwesend, aber immer im Stand des Begreifens. 

     Das Religiös-Rituelle nimmt mit der Zeit eine neue Stellung ein, Kultplätze und deren Hüter entstehen. Das Rituelle wird professionell, aber immer noch fest mit dem alltäglichen Leben verankert. Es ist Teil ihres Lebens.

     Beim Schöpfungsakt des Menschen gab Gott Adam Namen ein. In der Sure Al-Baqara Vers 31 bis 33 heißt es: „Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor den Engeln und sagte: ‚Nennt mir diese Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!‘ Sie sprachen: ‚Gepriesen bist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast, wahrlich, Du bist der Allwissende, der Allweise.‘ Und Er sprach: ‚O Adam, nenne ihnen ihre Namen!‘“ Für mich muss Gott Adam und damit der ganzen Menschheit ja nicht alle Namen mit einem Mal gegeben haben, sondern nach und nach, immer seinem Wissensstand entsprechend, wie z.B. die Namen des Getreides und seine Verarbeitung, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden. Und Gott gibt uns als Stellvertreter für Adam bis heute neue Namen bekannt.

       Der Freiburger Neurobiologe Robert-Benjamin Illing ist überzeugt: Im Prinzip benötigte der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte die Religion: „Er braucht etwas, weil er mit dem Transzendenten, dem Übersinnlichen konfrontiert ist, mit großen Fragen, die ganz real sind, die aber keine offensichtlichen Antworten finden, und da muss er jetzt aktiv werden und das ist Religion im weitesten Sinne.“

     Wir unterscheiden zwischen Religiosität und Religionen. Das erste bezieht sich auf das subjektive Empfinden, eine tiefe Ehrfurcht vor einer Ordnung. Im Laufe der Entwicklung des Menschen erlangt er die Fähigkeit, sich der Vorstellung von einer Wirklichkeit im Jenseits bzw. des Transzendenten zuwenden zu können.  

     Wikipedia sagt zum Begriff Religion: Religion ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen, die Wertvorstellungen normativ beeinflussen und deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente Kräfte und damit verbundene heilige Objekte ist.

    Und deshalb denke ich, egal, was die Menschen unterschiedlicher Religionen heute anbeten, es ist immer ein Teil von Gott, eine seiner Eigenschaften. Wir Muslime kennen nur 99 Namen Seiner Eigenschaften. Aber vielleicht sind es viel mehr, die sich in anderen Religionen wiederfinden? Gott betont ja, dass er der Alleinige Gott ist. Neben Ihm gibt es keinen, nichts. Wie können da noch andere existieren? Ich denke, Gott ist für alle Menschen da, egal, wie die Religion heißt, zu der sie sich hin fühlen. Die Menschen nach Adam haben viele Wege beschritten, viele Bräuche und Rituale angenommen und Religionen daraus geformt. Aber eines Tages werden wir wieder zusammengeführt. So steht es im Koran. In Sure Al-Anbiya (Die Propheten), Vers 93 heißt es: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit. Sie alle aber werden einst zu Uns zurückkehren.“ Oder in Sure Al-Hudschurat (Die inneren Gemächer), Vers 49 steht. „O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ Gott spricht ganz allgemein von Menschen. Er allein hat sie alle erschaffen.

       Aus dem Koran wissen wir, dass Abraham die Einzigartigkeit Gottes als Erster erkennt. Es war einfach die Zeit gekommen, in der die Menschen Gott als Einzigkeit, als der Eine mit all seinen Eigenschaften erkennen sollten.

     Erstmals sah Moses Gott als einen brennenden Dornbusch, als ‚Feuer, das brennt, aber nicht verbrennt‘ und Gott offenbarte ihm seinen Namen JHWH. Gott sprach zu Moses: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“

    Später kam die christliche und unsere Religion dazu. Wir nennen ihn ‚Gott‘ und ‚Allah‘. Und Er gab uns Bücher, um Ihn besser zu verstehen und als Richtschnur für unser Handeln.

      ‚Ishvara‘, eine Kombination der Sanskrit-Wörter ish und vara, bedeutet im Deutschen etwa: „Herr mit den besten Eigenschaften“ und  ist im Hinduismus eine Bezeichnung für den jeweils höchsten, persönlichen Gott, unabhängig von einer bestimmten Glaubensrichtung. Der Hinduismus beruht auf der Vorstellung der permanenten Wiedergeburt sowie dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Spätere indische Philosophen, Denker und Heilige verstehen unter ‚Ishvara‘ einen ewigen, einzigartigen, allmächtigen und allwissenden Herrn der Welt. Sie gehen davon aus, dass er die Welt erschaffen und zweckmäßig geordnet habe, sie ebenso erhält wie auch zerstört, dass er die natürlichen und sittlichen Gesetze der Welt ins Dasein gerufen und durch Offenbarungen verkündet habe. – Kommt uns das nicht bekannt vor? Gott ist eins, auch wenn er von Menschen in verschiedenen Religionen und verschiedenen Gestalten angesprochen wird.

    Gott lebt in einer anderen Dimension, bei Ihm spielt Zeit und Ort keine Rolle und ist für Menschen unerklärbar. Da der Mensch aber einzigartig ist, kann das nur aufgrund Gottes Wirken hinzielen. Er erhob ihn auf dem Tierreich empor, gab ihm immer wieder einen Stoß zur Weiterentwicklung und ein freies Denken.

      Ein Gedanke drängt sich auf: So wie sich die Menschen den Lebensbedingungen ihrer ganz unterschiedlichen Umgebung angepasst und unterschiedliche Kulturen hervorgebracht haben, so hat sich das Bild von dem einen Gott ebenfalls sehr unterschiedlich herausgebildet und auch mit der Zeit gewandelt.  Aber egal wie ihre Offenbarungen des Glaubens erfolgte, sie beinhaltete sicher die gleichen oder zumindest ähnliche Grundsätze des Zusammenlebens, Grundsätze der Ethik und Moral. Jede Menschengruppe oder Gesellschaft hat ihre eigene Vorstellung von dem einen Schöpfer und Gestalter, so wie wir Muslime, Christen und Juden unsere Vorstellung von Gott haben. So wie wir Gott sehen oder an ihn denken, begreifen wir ihn als eine Einheit mitsamt allen Eigenschaften und auch in einer Einzeleigenschaft z. B. als Beschützer, als Barmherziger, als Licht für uns. Die frühen oder auch viele jetzige Völker beten Gott vielleicht nicht in seiner Gesamtheit an, sondern nur in einer seiner Eigenschaften.

    Die Menschheit kann nur von einem Gott geschaffen worden sein, sonst würde ein heilloses Durcheinander herrschen. Jede Menschengruppierung stellt sich Ihn in ihrer Gedankenwelt sehr differenziert, aber immer im Rahmen seiner verschiedenen Eigenschaften vor.  

        Mir ist es eigentlich egal, welchen Namen ich Gott gebe. Ich versuche einfach Gott für mich begreifbar und fassbar zu machen und damit sein Wirken auf mich und meine Umwelt zu ergründen und als seine Stellvertreterin auf unserer Erde zu wirken.

            Manaar

Jordan Wozniak

Fajr und Asr

Fajr und Asr

 

Jordan Wozniak
Jordan Wozniak

Als ich das letzte Mal im Libanon war, um meine Familie zu besuchen, war es mal wieder so weit. Zwischen Einkauf und Abendessen saßen wir im Wohnzimmer in Beirut, plötzlich verschwand der Eine oder Andere, um dann zurückzukehren, den Teppich auf den Boden zu werfen und in Windeseile zu beten. Bevor er den Kopf unten hatte, war er schon wieder oben; stand, beugte sich, richtete sich auf, beugte sich erneut, wieder ging die Stirn zu Boden, und nun richtete sich der ganze Körper auf, um sich gleich danach wieder entlang der Wirbelsäule vor irgend etwas zu verbeugen… Die Schnelligkeit des Beugens und Streckens ist in Worten nicht wiederzugeben und glich mir eher einer sportlichen Übung als einer Meditation. Wie die Wörter des Gebets darin Platz finden, ist mir immer wieder ein Rätsel.

Wer mich kennt, weiß, ich bin die Gebetsschnecke. Zwischen dem Moment, an dem ich schon die Hände kurz vor dem Boden habe, und deren tatsächlicher Berührung des Gebetsteppichs vergehen gefühlt Minuten. Mich aufzurichten dauert seine Zeit, das Niederwerfen ebenso. Die Worte spreche ich langsam aus, jede Silbe bis zum Ende. Die Gebetsgeschwindigkeit ist jedoch kein Maß der Frömmigkeit – weder so, noch so.

Zwischen Bewunderung und Irritation erinnere ich mich daran, dass ich kein Recht habe zu urteilen. Immerhin beten sie öfter als ich und stehen auch nicht selten zum Morgengebet pünktlich auf. Im Gegensatz zu mir. Alf mara wa mara – tausendundeinmal – habe ich mir vorgenommen, zum Fajr-Gebet aufzustehen und es zu seiner angemessenen Zeit zu beten, nur, um mich dann in meinem Bett noch einmal umzudrehen und mir zu sagen, dass es schöner ist, nach dem Duschen zu beten, kurz bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit begebe, nach dem Kaffee – gleich. Doch dieses Gleich ist dann zu spät, die Arbeit ruft.

Diese Aufschieberei führte dazu, dass ich wochenlang stets kurz vor dem Verlassen meiner Wohnung, nach dem Anziehen meiner Schuhe feststellte, dass ich es schon wieder einmal vergessen hatte, das Gebet. Doch nun waren die Schuhe angezogen, und so ging ich verärgert über mich selbst jeden Morgen ohne zu beten aus dem Haus. Tag für Tag.

Eines Tages hatte ich von mir selbst genug. Die Schuhe waren angezogen und ich musste gehen, doch sollte mir dies alles nicht noch einmal passieren. Also ließ ich die Schuhe einfach an. Ich betete, ohne sie mir auszuziehen, aber immerhin frisch geduscht und mit Aufrichtigkeit im Herzen. Zu meiner Überraschung fühlte es sich vollkommen normal an.

Erst später las ich, dass auch der Prophet Mohamed manchmal die Schuhe beim Gebet angelassen hatte, sofern sie rituell rein waren, also auf saubere Füße gezogen. Er pflegte zum Zeichen der rituellen Reinheit mit Wasser über sie zu streichen. So ist es sicherlich besser als gar nicht zu beten.

Ein Gebet ist für mich wie der Besuch bei Allah. Er ähnelt dem Besuch bei einer uns lieben Person. Manchmal gehen wir nur dort vorbei, damit wir nicht vergessen werden. Wir schauen kurz in den Flur und ziehen die Schuhe nicht aus.

Manchmal, besuchen wir jemanden, um der Person Ehre zu erweisen. Manchmal bleiben wir lange und trinken mit ihr Tee, reden uns alles von der Seele, oder hören endlos zu, Stunden um Stunden. Und manchmal denken wir an die Person nur von weitem, ohne den Besuch überhaupt durchzuführen.

So ist auch das Gebet mal sehr nah und intensiv, mal nur ein kurzer Gruß. Jedenfalls wird sich Allah an uns und unsere Gebete erinnern. An den, der immer schnell vorbeikam und schnell wieder ging, aber Allah, nie vergaß. An den, der nicht oft kam, aber dafür lange blieb. An den, der fahrig im Gespräch stets an etwas anderes dachte, an den Lauten, den Leisen, den Frechen, den Zaghaften, den Mutigen, den Wütenden, den Schüchternen, den Weisen, den weniger Weisen. Über jeden wird sich Allah freuen, der seiner gedenkt. In welcher Form auch immer, ob in stillem und unsichtbaren Gedenken oder im sichtbaren rituellen Gebet.

Schon Ibrahim betete zu Gott. Doch zu welchem Gott sollte er beten?

Er hatte seinen Vater und seine Freunde dabei gesehen, wie sie selbstgefertigte Götzen aus Stein anbeteten. An diese Götter wollte oder konnte er nicht länger glauben. So suchte er den, den er anbeten wollte.

Und als Ibrahim zu seinem Vater Azar sagte: “Nimmst du Götzen zu Göttern? Ich sehe dich und dein Volk in einem offenbaren Irrtum”, da zeigten Wir Ibrahim das Reich der Himmel und der Erde, auf dass er zu den Starken im Glauben zählen möge.

Ibrahim machte sich nun seine eigenen Gedanken darum, wen er anbeten wolle. Als ihn nun die Nacht überschattete, da erblickte er einen Stern. Er sagte: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: “Ich liebe nicht die Untergehenden.”

Als er den Mond sah, wie er sein Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: Wenn mein Herr mich nicht rechtleitet, werde ich gewiß unter den Verirrten sein.” Auch der Mond taugte nicht als anzubetende Gottheit.

Als er die Sonne sah, wie sie ihr Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr, das ist noch größer.” Da sie aber unterging, sagte er: “O mein Volk, ich habe nichts mit dem zu tun, was ihr (Allah) zur Seite stellt. Seht, ich habe mein Angesicht in Aufrichtigkeit zu Dem gewandt, Der die Himmel und die Erde schuf, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern. (6:74-79)

Als sich jahrhunderte später der Prophet Mohamed zum Gebet niederbeugte und seine Stirn die Erde berührte, da erfand er also nichts Neues, doch er veränderte es. In der vorislamischen Zeit betete man in Mekka zweimal am Tag, am frühen Vormittag und am Abend.

Der Prophet betete stattdessen zu Fajr und zu Asr. Fajr ist der frühe Morgen, die Zeit des Sonnenaufgangs. Asr der Nachmittag. Es sind vielleicht die beiden Wendepunkte zwischen dem Tag und der Nacht.

Bleiben wir einen Moment bei Fajr, dem Sonnenaufgang. Fajr stellt den Augenblick dar, an dem die Nacht zum Tag wird. Es ist ein spirituell dichter Moment, den man daran erkennt, dass die Welt in vollkommener Stille liegt. In dieser Stille beginnen die ersten Vögel zu zwitschern. Man hört erst einen einzigen Vogel, den ersten Ton des Morgens, ganz allein – erst nach einer Weile den Ton eines zweiten, der ihm antwortet. Dann langsam, ganz langsam, immer mehr. Der Wechsel von der Nacht zum Tag ist vollzogen.

Im Ramadan ist Fajr ein wichtiger Moment, denn nun beginnt die Zeit des Fastens bis zur Nacht. Wenngleich es nicht genau mit den Berechnungen übereinstimmt, richte ich mich im Ramadan gerne nach dem frühen Morgenvogel und stelle meinen Kaffee erst dann zur Seite, wenn sein erster kleiner Ruf erklingt. Ungeachtet des Fehlers meiner Einstellung bestehe ich darauf, mich von der Natur leiten zu lassen, statt von der Technik eines Uhrwerks.

Den Morgen mit seinem Sonnenaufgang empfinde ich besonders im Sommer wie eine orientalische Stadt im Gebirge. Es ist ganz genau wie mit den Vögeln in der Frühe.

Man steigt durch die unbewohnten Berge und denkt, die nächste Stadt sei noch ewig weit entfernt. Dann ein Haus, vielleicht zwei, drei, vereinzelt, die sich geräuschlos an die steinernen Hänge schmiegen. Man geht noch zwei, drei Schritte bergauf, da plötzlich tritt man auf ein Plateau und ist mittendrin, auf der Hauptstraße eines Bergdorfes. Um einen herum bewegt sich das reiche Leben mit allen seinen Geräuschen, Gerüchen und Farben.

Eine Pilgerin in einem asiatischen Gebirge beschreibt es so:

Nicht der Sonnenaufgang bewegte mich so sehr, auch wenn er wunderschön war. Es waren jene Augenblicke zuvor, als die Welt so still war…. Große Vögel breiteten majestätisch und vollkommen geräuschlos ihre Schwingen aus.. Eine natürliche Stille lag über allem, als ob das Leben auf der Erde dem kommenden Tag einen schweigenden Tribut zollte. Jene stille Augenblicke vor Sonnenaufgang waren voller Verheißung auf die bald einsetzende Aktivität. Ich habe nie zuvor einen solch magischen Augenblick erlebt.

In diesem Augenblick der vollkommenen Stille beten wir Salat Al-Fajr, das Morgengebet.

Über diese Zeit, just bevor der erste Vogel singt, sagte der Prophet Mohamed, es sei, sozusagen, die Zeit der Schichtübergabe. Die Engel, die die Nacht bewachen, seien noch bei uns, und die Engel des Tages seien nun ebenfalls schon angekommen. Dies ist eine Möglichkeit, die spirituelle Dichte dieser Tageszeit zu beschreiben, die Magie, die man in der Wüste des siebten Jahrhunderts sicherlich stärker spürte als heute bei uns.

Mit der Änderung der Gebetszeit von Vormittags und Abends zu Früh und Nachmittags verändert sich meiner Meinung nach viel mehr als der Zeitpunkt. Es verändert sich vor allem der Fokus. Dieser liegt jetzt nicht mehr allein auf dem Dank für das Überstehen der Nacht und auf den Bitten für den Tag, sondern er liegt vielmehr auf dem spirituellen Kontakt mit Allah und dem Kosmos. Indem wir zu Fajr beten, treten wir in einen Kontakt mit Allah ein, den wir zu anderen Zeiten des Tages möglicherweise nicht mehr erreichen können. Wir reihen uns damit ein in die Magie der Welt des frühen Morgens und nehmen die Möglichkeit wahr, eins mit der Schöpfung zu sein. Geräuschlos verrichten wir unsere Bewegungen. Stille bedeutet ja nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen. Stille ist auch die Abwesenheit von Bewegung, ein Moment der Regungslosigkeit. Aus dieser Regungslosigkeit tritt das Morgengebet in besonderer Deutlichkeit hervor. Es wird anders wahrgenommen als ein Gebet in der Geschäftigkeit des späteren Tages. Dann, später also, vermischen sich die Bewegungen mit all den anderen Bewegungen um uns herum. Doch hier am Morgen stehen die Bewegungen allein und besonders.

Heutzutage ist das nächste Gebet Dhur, das Mittagsgebet. Doch wurde dieses wahrscheinlich erst später als Pflichtgebet hinzugefügt. Mohamed betete als nächstes das Asr Gebet am Nachmittag.

Asr scheint weniger ein spiritueller Moment zu sein, als vielmehr ein Strukturgebet.

Durch die Zweiteilung des Tages anhand der beiden Gebete, strukturiert der Islam den Tag in einen Teil der Arbeit und einen Teil der sozialen Kontakte. Nach Asr ist der Arbeitstag weitgehend vorbei. In einer Zeit, in der die Menschen nicht auf elektrisches Licht zurückgreifen konnten, zumal in einer Gegend des frühabendlichen Sonnenuntergangs, war Asr eine gute Zeit, sich nur noch maiximal einen kurzen Moment der Arbeit zu widmen, um dann soziale Kontakte zu pflegen, oder jedenfalls mit den Mitmenschen in Begegnung zu treten, denn den Abend musste man vielleicht eher zu Hause verbringen. So beendet das Asr Gebet den Arbeitsteil des Tages und leitet den sozialen Teil ein, der ebenso wichtig ist.

Doch in einem Hadith lesen wir, für mich wenig überraschend, dass auch das Asr-Gebet die Zeit ist, in der sich die Engel abwechseln. Die Engel des Tages verlassen nun die Menschheit, um nun von den Engeln der Nacht abgelöst zu werden. Wieder scheint hier eine spirituelle Dichte zu bestehen, die wir aber nun am Nachmittag aufgrund des Energieflusses des Tages nicht so leicht bemerken können. Unsere Antennen sind längst nicht mehr so empfänglich für leise Geräusche und subtile Veränderungen der Atmosphäre.

Es wird erzählt, dass Mohamed sagte, Allah fragte sie, die Engel, dann, obwohl Er Selbst es doch am besten weiß: In welchem Zustand habt ihr Meine Diener verlassen?

Die Engel antworteten: Sie beteten, als wir uns entfernten. Und als wir am Nachmittag zuvor kamen, beteten sie auch!”
(Al-Bukhari und Muslim)

Wir beten, um Allah zu dienen, zu preisen.

Doch wenn wir Allah in unseren Gebeten besuchen, so tun wir das auch oft, um Antworten auf Fragen des Lebens zu finden. Ich möchte euch einladen, das auch zu tun. Am Ende des Gebets, nach Abschluss mache ich wenn ich allein bin, immer nochmal ein Sujud, bei dem ich eine Frage stelle. Ich erhebe mich erst vom Boden, wenn ich eine Antwort erhalten habe. Sie unterscheidet sich fast immer von der Antwort, die ich außerhalb des Gebetes finde. Stolz, Ärger, Rache, das ganz normale Ego verschwinden beim Gebet. Das Gebet macht mich weich und liebevoll, vergebend und freundlich, geduldig, und hoffnungsvoll. Nie spricht es von Macht, von Beherrschen, von Eifersucht oder Besserwisserei. Es ist freundlich und zuversichtlich. Deshalb ist fünfmal besser als zweimal. Doch für diejenigen unter uns, die ihre Schuhe anziehen, bevor sie daran denken, das Gebet zu verrichten, möge Gott gnädig sein, und sich über den Besuch genauso freuen, wie über den der Barfüßigen. Möge er den Schnellen ihre Hast vergeben und den Langsamen was ihnen zu vergeben ist.

Gehen wir also zum Freitagsgebet. Es ist weder Fajr noch Asr, aber es ist das Gebet der Gemeinschaft, bei dem unsere Reihen zeigen, dass wir fest zusammenstehen in der Liebe zu Allah und der Fürsorge füreinander. Allah jirhamkun.

 

Gottes Licht

Gottes Licht

 

Casey Horner

Beim Betrachten des Lichts einer Kerze dachte ich an den einen Namen Gottes: An-Nur- das Licht.  Und schon gingen die Gedanken weiter auf Reisen: Was ist Licht, nein, ich dachte nicht an das physikalische Phänomen, Licht als eine Form der elektromagnetischen Strahlung. Ja, ich dachte an Gottes Licht. Was bedeutet Gottes Licht? Spontan fiel mir ein: Wärme, Helligkeit, Liebe; was bedeutet Liebe zu Gott?  Steht da am Ende Wissen, Rechtleitung, Barmherzigkeit? Eine Frage erschließt die nächste Frage.

   Licht in der physikalischen Welt bedeutet, etwas sichtbar zu machen, es bedeutet auch Realität. Das Fehlen von Licht bedeutet Unsichtbarkeit, Dunkelheit, Unwissenheit. Aber auch der menschliche Geist empfindet Licht und Dunkelheit. Und diese Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn wir von Licht im metaphorischen Sinn sprechen, meinen wir Gottes absolute Manifestation, ein Sich-offenbaren von Dingen oder Wissen. Das bedeutet: Er allein ist die Manifestation des Lichtes, Er ist das Licht. Alles, was es in der physikalisch erklärbaren Welt gibt, hat sein Licht von ihm erst erhalten.  Ansonsten herrscht Dunkelheit.

   Ich weiß, dass es in allen Kulturen oder Religionen Lichtsymbole in unterschiedlichsten Formen gibt. Licht bedeutet in erster Linie Leben und Wärme. Wo kein Licht ist, da herrscht Finsternis. Finsternis bedeutet Kälte, Orientierungslosigkeit, Bedrohung, Tod.

   Ich dachte an einen meiner liebsten Verse aus dem Koran, an die Sure 24, Vers 35. Er trägt sogar seinen eigenen Namen: Lichtvers. Für mich ist der Vers mächtig, sprachgewaltig, voller Rätsel, Gleichnissen und Symbolik. Schon Generationen von Korangelehrten haben sich über diesen starken Vers den Kopf zerbrochen.

   Muhammad Assad beschreibt den Vers so:

   „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Das Gleichnis seines Lichtes ist das einer Nische, die eine Lampe enthält. Die Lampe ist in einem Glas eingeschlossen, das Glas leuchtend wie ein strahlender Stern: Eine Lampe, entzündet von einem gesegneten Baum, einem Olivenbaum, der weder vom Osten noch vom Westen ist,  dessen Öl ist so hell, dass es beinahe von sich aus Licht geben würde, selbst wenn das Feuer es nicht berührt hätte. Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht, wer geleitet werden will und zu diesem Zweck legt Gott den Menschen Gleichnisse vor, da Gott allein volles Wissen von allen Dingen hat.“

    Der Vers beginnt wie mit einem Paukenschlag: eine göttliche Selbstaussage: „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“ Ist überhaupt noch eine größere Steigerung möglich?

  Handelt es sich hier nur um ein Gleichnis, einen Vergleich zwischen dem Licht Gottes und dem Licht einer Lampe in einer Nische? Oder bedeutet es viel mehr?

   Oder bedeutet es: Immer, wenn es darum geht, ein umfassenderes Wissen über Gott, wie z. B. in dem Fall über An-Nur zu erlangen, müssen wir unsere Unfähigkeit und Unzulänglichkeiten erkennen, Gottes wirkliche Realität und Seine Erhabenheit wahrzunehmen. Unser Intellekt reicht nicht aus, um Gott wirklich zu begreifen, um die Natur seiner Eigenschaften und sein Wesen vollständig zu ergründen. Das Wissen des Menschen ist trotz aller Bemühungen des Begreifens doch ziemlich unzureichend, während Gott unendlich und absolut ist. Und einer dieser diffizilen und kompliziertesten Verse des Korans ist dieser Lichtvers.

    Jedes Mal, wenn ich diesen Vers rezitierte, dachte ich an mein Herz, an die Herzen der Gläubigen. Gott beschreibt das Herz der Gläubigen, indem Er das Gleichnis zum Licht benutzt. Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.  Sein Licht ist es, das unsere Erde und seine ganze Schöpfung erleuchtet, ohne es wäre dort nur Dunkelheit. Kein Leben könnte entstehen. Ich stelle mir eine Lampe in einer Nische vor. Sie leuchtet hell, aber wenn ich mir ein Licht in einer Kristalllampe vorstelle, erstrahlt es noch heller, wie ein strahlender Stern in der Nacht. Sein Öl stammt von einem Olivenbaum, der auch ‚gesegneter Baum‘ genannt wird. Dieser Baum steht sicher auf einer Anhöhe, an einem zentralen Ort, denn er bekommt zu jeder Tageszeit das beste Licht. Aus diesem Grund ist sein Öl rein und brennt, als würde es kein weiteres Feuer benötigen. Licht vom reinen Öl und Licht des Feuers. Und Gott bringt uns dieses Licht, um damit unsere Herzen auszufüllen, damit sie voller Licht erstrahlen.

     Aber betrachten wir diesen Vers näher: 

  „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde.“

     Gott in Seiner Vollkommenheit umfasst mit Seinem Licht Sein vollkommenes Werk, das Universum und erleuchtet somit auch die Himmel und die Erde. Er bringt in Seiner Schöpfung mit Seinem ewigen Licht das Leben hervor; Leben, welches Er Nahrung gibt, prüft, schützt und Hilfe angedeihen lässt. Es gibt keinen Ort, wo Sein Licht nicht erstrahlt. Aber jedes Geschöpf wie auch der Mensch kann von Seinem Licht profitieren, so weit wie sein Herz sich öffnet und das Licht annimmt.

    „Ein Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische, in der sich eine Lampe befindet, die Lampe in einem Glas, (und) das Glas ist wie ein hell leuchtender Stern.“

    Gott versucht mit dem Licht dem Menschen Sein Wesen zu erklären, indem er sein göttliches Licht mit einem künstlichen Licht, einer Lampe vergleicht.

   Das Abbild Seines Lichts ist wie eine Nische. Der Mensch kann diese Lampe, die sich dort befindet, aus dieser Sicht erforschen. Ein Mensch muss in Dunkelheit seinen Weg erleuchten. Er benötigt Licht wie z.B. eine strahlende Lampe. Aber um den Weg der Wahrheit zu begehen und die Dunkelheit von Herz und Verstand zu überwinden, braucht er ein ganz besonderes Licht, eine Leuchte, ein Licht, das ihn beschützt und auf seinen Weg zur Wahrheit leuchtet. Und Wahrheit bedeutet auch Wissen. Das Wort Licht wird deshalb auch für Wissen verwendet und dementsprechend ist die Dunkelheit Unwissenheit. Und daraus resultiert Schlechtigkeit, Lüge und Lasterhaftigkeit.

    Ich könnte mir den Schirm der Leuchte als einen Schleier vorstellen, hinter der Gott sich vor Seiner Schöpfung, hier der Mensch verborgen hält. Obwohl das Glas durchsichtig ist und die Durchlässigkeit des Lichts nicht gehindert wird, ist aber dieses Glas auch eine Barriere für den Menschen, auf diese Lichtquelle zuzugreifen. Es würde ihn einfach nur schaden.

    Man kann das auch so sehen: Obwohl Gottes Licht die ganze Welt erleuchtet, kann es trotzdem nicht jeder wahrnehmen. Nur Gott allein gibt dem Menschen, wenn er will, diese Fähigkeit zu sehen. Ein Mensch ohne diese Gabe der inneren Wahrnehmung von Gottes Licht oder Wahrheit kann zwar das Sonnenlicht wahrnehmen, aber er versteht die Hinweise oder Mahnungen von Gott nicht.

    „Das Glas gleicht einem Stern, einem funkelnden.“

   Das Funkeln eines Sterns bedeutet etwas Besonderes, etwas Erleuchtendes. Wie oft betrachten wir nachts den Himmel mit seinen funkelnden Sternen? Ziehen sie uns nicht magisch an? Ein Stern kann sehr fern oder in Gedanken sehr nahe sein. Denn je näher wir seinem Licht sind, umso näher fühlen wir uns ihm, nämlich Gott. Das bedeutet aber auch, auch Gott ist uns sehr nahe.

    „Angezündet von einem Baum, einem gesegneten. Einem Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich, dessen Öl leuchtet beinahe, ohne dass es berührt hätte das Feuer.

   Ein Ölbaum, der auf einem vorteilhaften, erhabenen Platz steht. Er nimmt daher eine besondere Stellung ein, die immerwährend von Licht erhellt wird. Meines Erachtens soll hier keine Himmelsrichtung angezeigt werden, aus der tagsüber das Licht kommt. Vielleicht ist damit kein besonderer Ort gemeint, sondern es könnte jeder einzelne Ölbaum gemeint sein, egal wo er steht. Jeder Ölbaum könnte das gesegnete Öl spenden. Oder es könnte aber auch ein Ort sein, zu dem wir keinen Zugang haben, für uns unerreichbar. Es wäre dann ein Ort der Unendlichkeit, der Ewigkeit. Gott existiert ewig und so strahlt sein Licht auch ewiglich, ohne, dass es irgendeinen Anzünder, ein Feuer braucht. Und das Licht, das in dem Gleichnis vom Öl hervorgebracht wird, das ist Seine Essenz, das Wesen Gottes. Aber alles, was wir von Gott wissen, steht im Koran: Wir kennen nur die Namen Gottes- die im Koran beigelegten Attribute- und erfahren von seinem Handeln mit den Menschen. Gott ist der einzige Gott, transzendent und existent, allmächtig und allgegenwärtig, unveränderlich und unvergänglich, ewig und unerschaffen, allwissend und unumschränkt in seiner Herrschaft. Die Sure 112 sagt über ihn aus: „Er ist Gott, ein Einziger, Gott der Ewige! Er zeugt nicht, und er wurde nicht gezeugt! Und es gibt niemand, der ihm gleicht!“

    „Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht wen Er will.“

Licht über Licht ist immerwährendes Licht, Gottes Licht ist absolut und hat keine Grenzen. Gott als Allerbarmer, als ar-Rahman wendet sich allen Menschen zu. Wer sich aber von Gottes Licht leiten lässt, dem gewährt er Führung zur inneren Zufriedenheit.

    „Und Gott legt Gleichnisse für die Menschen vor, und Gott ist sich aller Dinge bewusst.“

   Gott versucht mit Allegorien oder Gleichnissen, dem Menschen sein Wesen bildlich zu erklären, was der Mensch aber nur intuitiv, gefühlsmäßig erfassen kann. Gottes Licht erleuchtet die ganze Welt, aber nicht jeder vermag es wahrzunehmen. Gott ist es, der uns zu seinem Licht führt. Ich denke, der Vers ist eigentlich eine Botschaft an alle Menschen, sich zu besinnen, warum es Licht gibt. Denn Licht bedeutet auch Leben. Erst durch das Licht kann der Mensch existieren. Wir werden durch dieses Gleichnis angehalten und es gilt gleichzeitig als eine Einladung, über unser Leben und

über Gott und seine Zeichen nachzudenken.  

     Möge Gott eure innere Sonne immer strahlen lassen. Möge eure Seele Sein Licht empfangen und wieder demutsvoll zurückstrahlen und möge euer Licht gute Taten für die Menschen bewirken und eure Seele und Herz zur Ruhe kommen.

 

Manaar

 

 

 

 

 

 

Karsten Würth

Aufrichtigkeit im Islam

Aufrichtigkeit im Islam

Karsten Würth
Karsten Würth

Aufrichtigkeit oder aufrichtig sein ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen zu stehen und den eigenen Gefühlen sowie der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Worten und Handlung Ausdruck zu geben. Aufrichtig zu sein bedeutet aber auch, anderen Menschen wie sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Sie ist eine Charaktereigenschaft eines Menschen, der ohne jede List und Falschheit redet und handelt, dessen Tun und Reden mit seiner Haltung und Einstellung vollkommen übereinstimmt und der ohne versteckte Nebengedanken oder unaufrichtige Absichten handelt.

    Eine gute Kommunikation, das aufrichtige Gespräch, welches Wahrheiten vermittelt, zählt zu den Notwendigkeiten einer intakten Gesellschaft. Man spricht miteinander, teilt sich gegenseitig seine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen und Besorgnisse mit.

    Aufrichtigkeit bedeutet auch Ehrlichkeit. Ehrlich zu sein gegenüber anderen; das zu denken, was du tust und das zu sagen, was du tust, und letztlich das zu tun, was du denkst. Aufrichtiges Bemühen ist etwas total Wichtiges, aber sehr anstrengend und nicht immer leicht.

    Aufrichtig ist jener, der Denken, Sprechen und Handlung in Übereinstimmung bringt.

Wenn man nichts zu verheimlichen hat und nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, der steht aufrecht zu seinen Überzeugungen, er braucht sich dann auch nicht klein zu machen, und aufrecht zu denken, sagen und handeln hat auch etwas mit Mut zu tun und mit dem Herzen.

     Aufrichtig sein beschreibt auch das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Sollte man sich dennoch einmal irren, so sagt man die Wahrheit über das, was man glaubt und denkt. Und Wahrheit und Ehrlichkeit bedeutet, andere nicht zu belügen, auch sich selbst nicht. Aber wer seine eigene Unvollkommenheit eingesteht und den Mut hat, sich selbst, so wie er ist, anzunehmen, der ist gleichfalls aufrichtig.

    Aber sind wir wirklich immer ehrlich? Können wir uns zum Beispiel anderen mitteilen, wie wir uns in Wirklichkeit fühlen, was wir fühlen und was wir brauchen? In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit oft als verletzend und unhöflich angesehen. Meistens ist es uns doch unmöglich, ungefiltert die echte Wahrheit auszudrücken.

     Z.B. wenn jemand mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich bestimmt nicht ungeschminkt, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle. Ich weiß ja nicht, wie es ankommt oder wie mein Gegenüber reagiert. Sicher sage ich: „Danke, mir geht es relativ gut!“ Aber bin ich dann wirklich aufrichtig und ist es die Wahrheit? Wer bringt den Mut schon auf zu sagen: „Naja, ich würde jetzt lieber zu Hause sein und mich ausruhen. Oder das Gespräch mit dir strengt mich ziemlich an.“ Das wäre aber Aufrichtigkeit. Es geht darum, sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben und nicht verletzend mit Worten zu sein. Das kann man aber meistens nur zu Menschen sagen, die man gut kennt.

     Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, kommunizieren wir Aufrichtigkeit mit den Gefühlen. Ein aufrichtiger Mensch genießt deshalb das Vertrauen seiner Umwelt, man muss nicht seine Worte überprüfen. Der Aufrichtige hält sich an sein Versprechen und hütet das, was man ihm anvertraut, denn er ist ehrlich und somit zuverlässig in Wort und Tat. Durch Aufrichtigkeit wird Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt. Denn das Gros aller Kontroversen und zwischenmenschlichen Problemen entsteht dadurch, dass man zueinander nicht ganz ehrlich und aufrichtig ist.

    Im islamischen Sinn steht für Aufrichtigkeit das Wort: al-Ikhlas. Al-Ikhlas heißt auch die 112. Sure, die wir am meisten rezitieren: „Er ist der einzige Gott. Der unwandelbare Gott. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Und niemand ist ihm gleich.“ Es ist die Erklärung von Gottes Vollkommenheit. Die Tatsache, dass Gott einer und einzig in jeder Hinsicht ist, ohne Anfang und ohne Ende, gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte, so gibt es auch kein Gegenteiliges, es gibt nur die eine Wahrheit, so wie er sich selbst darstellt.

     Ikhlas bedeutet auch, etwas in Reinheit zu bringen, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, das Herz zu reinigen, Ehrerbietung, etwas ohne Vorteil und Gewinn zu erhoffen und zu bestreben, ohne Vortäuschung und Heuchelei, mit innerer Liebe und Verbundenheit, uns in unseren Taten und Gebeten vor Angeberei zu hüten, in unseren Andachten und in unserer Ergebenheit vor Gott uns vor Heuchelei und das Herz verderbenden Sachen fernzuhalten.

   Es heißt in Sure Al-Bakara:139: „Wir haben unsere Werke, und ihr habt euere Werke (zu verantworten), und Ihm sind wir aufrichtig ergeben.“ Für uns bedeutet das: Mit Aufrichtigkeit in der Absicht unsere Gottesdienste durchzuführen. Gott fordert uns direkt auf, in Aufrichtigkeit verantwortlich für unsere Werke, sprich Taten zu sein, um uns zu belohnen.

    Wenn wir aufrichtig sind, werden wir von schlechten Taten abgehalten, wie z. B. der Prophet Yusuf, als er von der Frau seines Gebieters bedrängt wurde. In Sure Yusuf:24 können wir lesen: „Doch sie begehrte ihn. Und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht ein Zeichen von seinem Herrn gesehen hätte. Dies (geschah), um Schlechtigkeit und Schändlichkeit von ihm abzuwehren. Er war ja einer Unserer aufrichtigen Diener.“ Aufrichtigkeit bedeutet hier: Anstrengung, um sich selbst vor einer Sünde abzuhalten, ansonsten würde er sich selbst belügen, nicht aufrichtig sein. Darum sollten wir in unseren Worten und Taten, in unseren Beziehungen und zu uns selbst unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit bewahren.

    Wie schon gesagt ist Aufrichtigkeit ein Wesenszug des Charakters, nicht nur in der Religion, sondern ein ethischer Grundbestandteil. Er erweckt in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, und somit allen Menschen wird in Sure Al-Hud:112 aufgetragen, sich im Glauben, in Wort und Tat niemals von diesem Wesenszug zu entfernen. Da steht: „Verfolge denn den rechten Kurs, wie dir von Gott geboten worden ist, zusammen mit allen, die sich mit dir zu Ihm gewendet haben und keiner von euch soll sich auf anmaßende Weisebenehmen: denn wahrlich, Er sieht alles, was ihr tut.“ Verfolge den rechten Weg bedeutet: Sei aufrichtig!

Gott als Ar-Rahman wendet sich hier nicht nur an Muslime, sondern an die gesamte Menschheit, nicht über die Grenzen der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit hinauszugehen.

   Alle Propheten führten ein höchst aufrichtiges Leben und luden alle Menschen, die sie erreichen konnten, zu solch einer Lebensführung ein, für die sie selbst Vorbilder darstellten. Der Prophet Muhammad antwortete einmal einem Gefährten, der um einen Ratschlag bat: „Sag: ‚Ich glaube an Allah‘ und sei aufrichtig.“ Dieses Hadith finden wir bei Muslim.  Hier wird auf die Wichtigkeit der Aufrichtigkeit im Glauben hingewiesen. In einer anderen Überlieferung sagte Muhammad: „Entfernt euch nicht von der Aufrichtigkeit. Denn die Aufrichtigkeit führt den Menschen zum Guten und das Gute führt ins Paradies. Hütet euch vor der Lüge, denn die Lüge führt den Menschen zur Sünde und die Sünde führt in die Hölle.“  Das ist zu finden bei Buchari.

    Wenn ein Mensch in Wort und Tat seinen Mitmenschen und auch sich selbst gegenüber stets aufrichtig bleibt, pflegt und festigt er das Vertrauen in sich selbst und zu seinen Mitmenschen, zu der Gesellschaft. Und wo Vertrauen ist, dort entsteht Freundschaft, Zuneigung und Respekt. Menschen, die Teil einer solchen Gesellschaft sind, haben ein besseres Wohlbefinden und ein gutes Gefühl für Sicherheit.

    Amin ist ein arabischer Name mit der Bedeutung „gewissenhaft“ oder „vertrauenswürdig“, und ich denke, da könnten wir auch aufrichtig dazu sagen. Schon bevor Muhammad Gottes Gesandter wurde, genoss er unter den Leuten in Mekka großen Respekt und Beliebtheit aufgrund seiner Tüchtigkeit, Wahrheitsgetreue und Vertrauenswürdigkeit. Die Mekkaner ließen ihre Wertsachen bei ihm aufbewahren, sie waren dort so sicher wie in einer heutigen Bank. Sie nannten ihn „al-Amin- der Vertrauenswürdige.“ Kann man noch aufrichtiger und vertrauenswürdiger sein als er?

     Aufrichtig sein ist wohl die wichtigste Handlung des Herzens und der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Handlungen und auf dieser Grundlage wird Gott unsere Taten entweder annehmen oder ablehnen.

   Und so bitte ich Gott, unsere aufrichtigen und ehrlichen Bemühungen anzunehmen.

Manaar

Kopfkino

Kopfkino

 

Als das Jahr 2019 begann, setzten sich meine beste Freundin und ich in unsere Kämmerlein und überlegten uns ein Wort. Es sollte eine Art Motto für das neue Jahr werden, unter dessen Bedeutung wir uns verändern würden. Eine Art Mantra also. Ich für meinen Teil wählte das Wort „loslassen“, da ich bemerkt hatte, dass ich mich an vielen Dingen krampfhaft festhielt und vor allem Herzensangelegenheiten durch die standhafte Anwendung meines Intellekts regeln wollte, statt dem Gefühl nachzugeben.  Darüber hinaus fühlte ich mich von diesen Herzensangelegenheiten gefesselt und schien auch meinen Partner zu fesseln, der sich wehrte.  Als langjährige Lehrerin einer Grundschule leide ich unter der Berufskrankheit so vieler Lehrerinnen, alles lenken zu wollen, indem ich nicht nur meine eigene Zukunft, sondern auch die Zukunft anderer gut durchplante und alle Personen darin fest verankerte, ihnen Aufgaben zuweise, Verhaltensweisen erwarte – um dann immer wieder festzustellen, dass der Umgang mit den Mitmenschen so irgendwie nicht funktioniert. Besonders meiner Partnerschaft tat es nicht wirklich gut, dass ich innerlich schon alles für uns geregelt hatte und den Ring längst an der rechten Hand trug, obwohl es sich nur um einen einfachen Freundschaftsring handelte.

So kam ich mit meiner Beziehung nicht weiter und wir litten zu sehr. In diesem Zustand beschloss ich also, kurz nach Silvester als Jahresmotto das Wort „loslassen“ zu wählen und nahm mir fest vor, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen, das Schicksal einfach mal hinzunehmen, mit Freude zu akzeptieren – es war ja schließlich im Großen und Ganzen immer gut zu mir gewesen.

Schon nach etwa zwei Monaten hatte ich mein Wort geflissentlich vergessen, genauso, wie wir es mit allen Neujahrsversprechen tun, und hielt also wieder an allem fest, lenkte, führte, plante, entschied für andere, und kommunizierte auch, was für meinen Partner sicher das Beste sei. Ohne mich sah ich ihn vor meinem inneren Auge arbeits- und obdachlos werden. Das Gefühl leiten und lenken zu müssen war wiedermal sehr dominant. Natürlich hat es auch etwas Positives, lenken und leiten zu wollen. Wenn ich nicht lenken und leiten wollte, hätten wir heute keine weibliche Muezzinin gehört und keine Predigt, jedenfalls nicht von mir.

Jede Macke entspringt einer Angst oder einer Notwendigkeit, und jeder Glaubenssatz wird nur deshalb so lange aufrechterhalten, weil er irgendetwas Positives in sich birgt. Als Mutter von sechs Kindern und Grundschullehrerin ist es nicht ganz unsinnig, Verantwortung für Nahestehende zu übernehmen, mitzudenken, und schon mal das Pflaster in der Hand zu halten, wenn das Kind zum ersten Mal mit den Rollschuhen unterwegs ist. Aber loslassen ist oft genauso wichtig, damit der Andere nämlich überhaupt erst ein Individuum mit einer eigenen Vorstellung, anderen Interessen und Freuden und einer echten, eigenen Identität werden kann.

Oft entspringen solche Wünsche des Lenkens und Leitens Ängsten und Sorgen und sind nicht mehr oder weniger als die auf der Verpackung vermerkten Nebenwirkungen. Wovon? Von der Liebe. Die Liebe fesselt gern. Doch muss sie sich immer wieder bemühen, loszulassen, die Freiheit des Anderen zu akzeptieren, ohne Angst zu haben, vernachlässigt zu werden, zu vereinsamen oder gar vollkommen abgestellt zu werden. Die Liebe, das sage ich bei jeder Hochzeitszeremonie hier in der Moschee, braucht die Freiheit.

Doch zwischen der Akzeptanz dieser Worte und ihrer tatsächlichen Anwendung liegt manchmal ein unmenschlicher Akt der Willenskraft. Viele Menschen haben Angst verlassen zu werden, möglicherweise besonders häufig Frauen, wenn ich mir da auch nicht sicher bin.

Jedenfalls ist die Angst, verlassen zu werden, mit dem Wort „loslassen“ nur schwer kompatibel. So habe ich für dieses Jahr zwar ein Leitwort für mein Leben aktiv ausgesucht, doch zugleich entwickelte sich zunächst in meinem Unterbewusstsein und später auch im vollen Bewusstsein, ein mächtiges Unwort, um das es heute eigentlich gehen soll. Dieses heißt „Kopfkino“. Loslassen ist das Wort, das Hoffnung auf Besserung verspricht. Es führt dazu, dass ich Freiheit gewähre, dass diejenigen, die zu mir kommen, dies freiwillig tun und nicht aus Pflichtgefühl. Kopfkino hingegen ist das Wort, das Missverständnisse verspricht und sein Versprechen hält. Es ist das Wort, das letztlich Beziehungen zerstören kann. Jeder Mensch hat Kopfkino. Wir sollten uns mit der Systematik beschäftigen, denn nur wenn wir unseren Feind kennen, können wir ihn besiegen. Kopfkino ist ein Feind.

Beispiele für dieses Kopfkino habe ich zahlreich. Meine Mutter hat zum Beispiel Kopfkino, wenn ich sie mal wieder ein paar Wochen lang nicht besuche. Dann denkt sie, sie habe mich als Kind vernachlässigt, mir nicht genügend Aufmerksamkeit gegeben, mich viel zu früh in den Kindergarten gesteckt und überhaupt mir keine schöne Kindheit ermöglicht. Sie denkt, dass ich ihr Schuld zuschreibe und verärgert über sie bin. Ja, Aufmerksamkeit zu schenken war nicht die Stärke meiner Mutter. Sie hat unheimlich gern gearbeitet, genau wie ich heute. Aber ich bin darüber nicht verärgert und mache ihr keine Vorwürfe. Das ist reines Kopfkino. Der einzige Grund, warum ich sie nicht besuche, ist dass der Weg weit ist, und ich nach der Arbeit zu meinen Kindern nach Hause möchte, mich dringend ausruhen muss, und noch die üblichen Dinge verrichten muss. Außerdem möchte ich Zeit mit oben genanntem Partner verbringen. So sitzt meine Mutter zu Hause mit unnötig schlechtem Gewissen über etwas, was sich nicht lohnt. Mein eigenes Kopfkino ist ebenso intensiv: Mein Partner textet heute nicht. Warum? Er hat keine Lust. Ah, das heißt, er ist mit Freunden unterwegs. Sie sind ihm offensichtlich wichtiger als ich. Er könnte ja mal wenigstens ein paar Emojis schicken. Das kann man immer, egal ob Leute dabei sind oder nicht. Also er hat mich vollkommen vergessen. Er will auch nicht später mit mir spazieren gehen, sonst würde er ja mal auf sein Handy schauen. Früher hat er viel öfter angerufen. Unsere Beziehung ist sicher bald vorbei. Wahrscheinlich hat er sich in eine andere Frau verliebt. Ich sollte mich wohl auch langsam nach jemand anderem umschauen. Heute melde ich mich nicht bei ihm. Er soll merken, dass ich viel mehr Wert bin als er denkt. Kopfkino. Nichts von all dem ist wahr.  Eine mir liebe Seniorin hat Kopfkino, wenn sie eine Frau im Tschador sieht. „Nee, wenn ich sowas bei Edeka sehe“, sagt sie, „verlasse ich sofort den Laden. Wer weiß, was die da drunter hat.“  Sobald „sowas“ mit ihr reden würde, wäre die Senioren höchst erfreut und würde sich auf angeregte Weise unterhalten. Sie hat nicht nämlich überhaupt kein Problem mit anderen Ansichten. Aber von Weitem macht ihr diese Kleidung Angst und entfacht eben die Fantasien, die die Medienwelt in den letzten Jahrzehnten beständig genährt hat. Kopfkino per Knopfdruck.

Kopfkino entsteht meist da, wo wir einen wunden Punkt haben. Dass meine Mutter sich solche Schuldgefühle macht, funktioniert nur, weil ihr als Kind ständig Schuld zugeschoben wurde. Dass ich mich so schnell von meinem Partner ignoriert fühle, triggert mich nur, weil ich als Kind tatsächlich so häufig verlassen wurde. Und dass man hinter der weiblichen Stimme die potenzielle Verführung vermutet, verärgert vielleicht, weil man so gerne mal verführt werden würde, doch es nicht zulassen darf, oder die eigene Frau nicht dazu geneigt ist. Kopfkino sagt uns immer mehr über uns selbst als über die Situation, in der wir uns befinden. Psychologisch interessant ist darüber hinaus, dass wir durch unser Kopfkino Situationen herbeiführen. Je mehr wir uns im Kopfkino verlieren, desto mehr verhalten wir uns entsprechend unseres Kinofilms, woraufhin unser Gegenüber auch entsprechend reagiert. Unsere vermeintlich korrekte Wahrnehmung schafft so genau die Realität, die wir vermeiden wollen. So sind unsere Prägungen der frühesten Kindheit auch im hohen Alter noch dafür verantwortlich, dass das Miteinander in Krisen gerät. Und zwar immer wieder in dieselben.

In Watzlawicks Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ steht dieser Witz. Auch er beschreibt Kopfkino.

Einst ging ein Mann in die Hände klatschend durch die Straßen. Ein Passant wunderte sich und fragte den Mann: „Warum klatschen Sie denn ständig in die Hände?“ Der erwiderte: „Um die Elefanten zu vertreiben.“ Der Passant verstand nicht und fragte nach: „Aber hier sind doch gar keine Elefanten?“ „Richtig“, gab ihm der Mann zurück, „sehen Sie, es funktioniert.“

Kopfkino. Bei uns gibt es keine Elefanten und mein Partner hatte einfach keine Zeit zu texten, aber hat jede Sekunde an mich gedacht; die Frau im Tschador hat darunter, was alle Frauen unter ihrer Kleidung haben, nicht mehr und nicht weniger, und in dieser Moschee werden übrigens die Männer nicht durch den Ruf der Muezzinin zur Unzucht verführt. Auch das ist Kopfkino.

Ein letztes Beispiel für die zerstörerische Wirkung des Kopfkinos kommt ebenfalls von Watzlawick. Es funktioniert genau so, wie mein Handybeispiel. Hier wird besonders deutlich, wie unsere innere Verletztheit in jeden kleinen Winkel der Bewertung unseres Lebens eindringt.

Watzlawick und die Anleitung zum Unglücklich Sein:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er “Guten Tag” sagen kann, schreit ihn unser Mann an: “Behalten Sie Ihren Hammer”.

Unser armes Gegenüber hat keine Ahnung von unserem Kopfkino, denn der Grund seines Handelns ist ein ganz anderer. Der hat aber auch Kopfkino. Und so bewegen wir uns in einer Welt hin und her, die real aussieht, und deren Interpretation ganz real erscheint, doch ist das Meiste davon verkehrt.

 

Auch der Prophet Mohamed , Friede und Segen auf ihm, hatte solches Kopfkino. Nach den ersten göttlichen Offenbarungen gab es eine lange Pause der Botschaften Gottes an den Propheten. Dieser wartete und wartete, doch nichts kam. So gab er langsam die Hoffnung auf. Die Furcht, es habe sich bei seinem ersten Kontakt mit Jibreel nicht um eine Offenbarung gehandelt, sondern er sei schlicht verrückt geworden, mag zurückgekommen sein. Fast wollte er sich das Leben nehmen. Jedenfalls empfand er sich von Gott vollkommen verlassen. Das intensive Gefühl der Verlassenheit stellte sich ein, weil er als Kind ständig verlassen worden war. So entstand beim Propheten ein ganz grandioses Kopfkino. Es gilt die Regel: Je stärker die eigene Wunde, meist aus der Kindheit, desto größer ist die Angst vor einer neuen Verletzung und desto fürchterlicher ist das nun entstehende innere Drama. Mohamed hatte bereits vor seiner Geburt seinen Vater verloren. Als er nun noch recht jung war, verlor er auch die Mutter und war nun ein Waisenkind. Mit sieben Jahren verlor er den Onkel, der sich seiner angenommen hatte und muss sich fürchterlich allein gefühlt haben. Die Angst, von jemandem verlassen zu werden, der ihm Schutz und Hilfe bietet muss groß gewesen sein. Gott, der sich ihm zuvor als eben solche großartige, beschützende Vaterfigur gezeigt hatte, war nun verschwunden, wie der leibliche Vater, die leibliche Mutter, und der Onkel es zuvor getan hatten. Das Kopfkino des Verlassenseins gibt es, aber auch das Kopfkino der Kontrolle bei Menschen, die von Eltern oder Regierungen ständig kontrolliert wurden, das Kopfkino der Schuldgefühle und viele mehr. So nahm Mohamed also an, Gott habe ihn verlassen. Einige Monate später wurde ihm die Sure 94 offenbart. Ihr Wortlaut beweist, dass Gott, der uns geschaffen hat, unser Kopfkino kennt.

 

Beim Morgen!

Bei der Nacht, wenn sie sich still verbreitet!

Dein Herr hat dich weder verlassen, noch haßt Er dich.

Das Jenseits ist besser für dich als das Dieseits.

Dein Herr wird dir hier und dort so viele Gaben gewähren, bis du zufrieden bist.

Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dich in Seine Obhut genommen,

und dich umherirrend gefunden und dich rechtgeleitet,

und dich arm gefunden und reich gemacht?

Du sollst die Waise nicht unterdrücken

und den Bettler nicht hart abweisen.

Über die Gaben deines Herrn sollst du dankbar sprechen.

 

Was tun wir gegen Kopfkino, bevor es unsere Beziehungen zerstört?

Ich persönlich habe mir angewöhnt, die Dinge anders zu interpretieren. Wenn mich jemand mal wieder nicht anruft, dann denke ich: „Diese Person hat heute den ganzen Tag an mich gedacht und wollte diesen Gedanken nicht stören. Ich war den ganzen Tag in seinem oder ihrem Leben dabei.“ Oder „Diese Person hat sicherlich Zahnweh oder Migräne“ oder „Diese Person wollte mich gerne anrufen, aber in Ruhe mit mir sprechen, doch es gab keine Ruhe für ein Gespräch“ oder diese Lehrerkollegin, die gerade an mir vorbeiging ohne meinen Gruß zu erwidern, denkt wahrscheinlich gerade an ihre nächste Unterrichtsstunde. Oder: Gott will mir sagen, dass ich nicht schon wieder soziale Kontakte vorschieben soll, sondern endlich mal mit dem Aufräumen der Kammer zu Potte kommen sollte. Es gibt eintausend und eine gute Interpretation für jede Handlung, die uns zunächst als schlecht erscheint. Es ist schön, wenn man eine Freundin oder einen Freund hat, der oder die einen daran erinnert, die guten Interpretationen zu aktivieren und das Kopfkino als solches benennt. „Das ist Kopfkino, Liebes, es hat mit der Realität nicht viel zu tun, auch wenn es sich ganz echt anfühlt – finde mal besser besser eine schöne Interpretation“.

 

Tim Marshall

Trost

Trost

Autorin: Susanne Dawi

Tim Marshall
Tim Marshall
Als ich eines Tages die Sure AlKawthar genauer studierte, um eine Khutba darüber zu schreiben, empfand ich sie als irgendwie gegensätzlich und zugleich sehr ähnlich wie die Sure AlAsr, die mich in letzter Zeit besonders bewegt. Zu Al Kawthar gibt es also demnächst auf unserer Seite eine Khutba, und über AlAsr schreibe ich den heutigen Blogtext. Unterschiedlich ist, dass AlKawthar von der Fülle berichtet, die uns gegeben wurde, während AlAsr über den Verlust spricht. Gerichtet sind beide Suren insbesondere an den Propheten Mohamed, aber ihre Worte sind auch für jeden von uns bedeutsam.

Schon im Beginn dieser Sure schwingt eine vielleicht traurige Ernsthaftigkeit. „Wa AlAsr“ ; ein „Ach“ des Herzens über die Vergänglichkeit. Al Asr heißt so Einiges, z.B. „der Nachmittag“, oder „das Zeitalter“. Gemeinsam habe diese Vorstellungen, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der irgendwann zuende geht, und dessen Zenit möglicherweise bereits überschritten ist. Mein eigenes Gefühl, wenn ich diesen ersten Satz lese, sagt so etwas wie: „Ach, alle Zeit vergeht, und nun ist unsere Welt und insbesondere dein eigenes Leben, schon an seinem Nachmittag angekommen. Deine Frist neigt sich dem Ende.“ Daher übersetze ich „AlAsr“ am liebsten mit „Die Frist“. Wir empfinden Ehrfurcht vor der Frist, während der die Menschen die Welt bewohnen dürfen und noch mehr Ehrfurcht vor der Endlichkeit unseres eigenen Lebens. Während uns das Leben einerseits oft reich beschenkt, nimmt es uns auch Vieles. „Wahrlich die Menschheit befindet sich in großem Verlust.“ Verlust ist ein Gefühl der Trauer. Dabei muss es sich gar nicht um den Verlust von Objekten oder Lebewesen handeln, sondern kann auch ein Verlust der Hoffnung sein, ein Verlust des Glücks oder ein Gefühl von Einsamkeit. Verlust heißt, dass man sein Glück verloren hat, oder seine Lieben, oder einen Traum nicht leben kann, den man zu leben gehofft hatte. Vieles klassifiziert sich als Verlust, und wer gerade trauert, erfreut sich nicht an der Vielfalt, sondern nimmt deren Abwesenheit schmerzlich wahr.

Doch schon der nächste Satz der Sure ist ein tröstender. Niemals sollen wir in unserer Trauer verharren. Diese Botschaft sendet uns Gott an vielen Stellen. So beginnt der nächste Satz mit „Außer“ und beschreibt diejenigen Menschen, die keinen Verlust haben werden; es sind die, welche glauben und gute Werke tun und sich gegenseitig darin unterstützen, das Recht (auch Gesetz) zu beachten und sich zur Geduld anhalten.

Schon von der Tonalität der Sure ist sie wunderschön. Sie möchte langsam gesprochen werden und ihre Töne sind dunkel. Ihre Hauptvokale sind a und u, das s in Asr ist ein schweres s, das s in khusr wird gefolgt vom r wie auch in sabr, was dem Wort Ernsthaftigkeit verleiht. Khusr und Sabr zeigen in diesem Zusammenhang eine ergreifende Einheit von Ton und Inhalt, durch die wir beim Rezitieren in eine Stimmung versetzt werden, die als eine Mischung aus Trauer und Zuversicht beschrieben werden kann. So bietet diese Sure Trost. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in dem wunderbaren Satz in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Natürlich haben die Glaubenden, Tröstenden, auch Verluste – auch ihnen sterben die Eltern, auch sie werden krank oder unglücklich. Doch um mit dem Schmerz zurecht zu kommen helfen uns die Liebe zu Allah und zu den Menschen, unsere Geduld und unsere guten Werke.

Als ich vor einigen Jahren nachts am LAGESO Berlins so genannte „Flüchtlingshilfe“ betrieb und die ersten neu ankommenden Syrer, Afghanen, Iraker und viele Andere mit weiteren Helfern in teils recht „kreative Unterkünfte“ (Theatersäle, Restaurantzimmer, Probenräume…) brachte, damit keiner auf der Straße schlafen müsse, fragte mich jemand, warum ich das täte. Abgesehen davon, dass ich mir diese Frage selbst nie gestellt hatte (es ist eben ein Gefühl, aus dem heraus man handelt), fand ich später eine möglicherweise taugliche Antwort: Wenn wir anderen Menschen helfen, dann wird vielleicht auch später unseren Kindern geholfen, wenn sie in eine schlimme Lage kommen, oder unseren Eltern, oder denen, die wir lieben. Wenn wir aber niemandem helfen, dann gibt es keine Hoffnung, dass später jemandem geholfen wird. Selbst zu helfen bedeutet, Hoffnung überhaupt erst zu ermöglichen. Diejenigen unter Ihnen, die gute Werke tun, schaffen für sich selbst und andere Hoffnung. Hoffnung, die uns aufrecht hält in Zeiten des Verlusts.

Bei der Frist
Wahrlich die Menschen sind in großem Verlust.
Außer denjenigen die glauben und Gutes tun
Und andere bestärken, richtig zu handeln und sie darin bestärken, geduldig zu sein.