Glauben

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Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Autor: Massud Reza

Håkon Sataøen

Vor einigen Wochen ging ich auf die problematische Kooperation zwischen dem Bundesland Niedersachsen und dem islamischen Dachverband DITIB ein, was die inhaltliche Ausrichtung des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Grundschulen angeht.1 Nach Verfassungsrecht leben wir in einem „föderalistischen Bundesstaat“, womit man den Bundesländern einen relativ breiten Spielraum zugesteht, was Bildungspolitik, Innenpolitik und weiteren Politikfeldern anbelangt. Selbst in politischen Kooperationsfragen sehen wir Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, dass man wunderbar am Beispiel NRW sehen kann.

Die NRW-Integrationsministerin, Serap Güler (CDU), kündigte an, dass demnächst nicht nur die herkömmlichen Islamverbänden mit am runden Tisch sitzen werden, sondern sie ebenfalls liberale und weltoffene muslimische Vereinigungen miteinbeziehen möchte. Das Argument, welches diesem bald zu realisierendem Vorhaben zugrunde gelegt wird, ist die Pluralität im Islam sichtbar zu machen. Ein Meilenstein also?

Zumindest wäre dies ein erster und wichtiger Schritt, um nicht ausschließlich ein bestimmtes (konservatives) Islamverständnis zu privilegieren und vorzuziehen. Differenzen und Interessengegensätzen der muslimischen Akteure können argumentativ in der persönlichen Auseinandersetzung begegnet werden, statt -wie bisher üblich- aus der Ferne die Kritik zu üben (oder gar persönlich jemanden zu verunglimpfen). Es ist auch deshalb seitens der Integrationsministerin Güler ein guter Vorschlag, weil der (nordrhein-westfälische) Staat endlich auch anderen, friedfertigen und liberaleren Islaminterpretationen einen Platz am runden Tisch gewährt, um Muslimen anderer theologischer Ausrichtungen zu signalisieren, dass auch ihre Interessen, Wünschen und Bedürfnisse ernstgenommen werden.

Wie allseits bekannt, gibt es im Islam keine zentrale Instanz, die den Islam nach außen hin repräsentiert. Einen Papst oder von allen Muslimen weltweit anerkannten Klerus gibt es nicht. Aus dieser Ausgangslage heraus können sich Vorteile, aber durchaus auch Nachteile ergeben. Ein wichtiger Vorteil wäre, dass keine religiöse Instanz zwischen mir und Gott existiert. Bei Glaubensfragen kann ich mich auf Gott konzentrieren und ganz individuell mit ihm kommunizieren, mich in meiner Spiritualität bewegen, ohne dass es eine zwischengeschaltete Instanz gibt. Hingegen wäre ein Manko: Im Islam gibt eben keine absolute, weltliche Autorität, dafür aber eine Fülle an muslimischen Strömungen. Konsequenterweise ist es für den Staat kein leichtes Unterfangen, sich die Ansprechpartner auszusuchen, die im Namen der Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Abgesehen von den verfassungsrechtlichen Prinzipien des deutschen Grundgesetzes, welche natürlich von allen muslimischen Ansprechpartnern bejaht und gelebt werden müssen, ist natürlich die Frage nach der Vertretung der muslimischen Majorität sehr interessant.

Ein nüchterner Blick in die vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ erhobene repräsentative Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ vom Jahre 20092 verdeutlicht, wie relativ unbekannt die Dachverbände bei den Muslimen sind. Ins Auge springt zum einen die Zahl, dass etwa nur 10% der muslimischen Befragten etwas vom „Koordinationsrat der Muslime“ gehört haben.3 Bei diesem Gremium geht es um einen Zusammenschluss der vier großen Dachverbände: DITIB, Zentral der Muslime, VIKZ sowie der Islamrat. Aber auch was die einzelnen Verbände angeht, herrscht eine mangelnde Kenntnis über sie, da nicht einmal die Hälfte der muslimischen Befragten einen Verband kannten. Die Zahlen liegen zwischen 16% – 44%.4 Immerhin gaben 37% der Personen, die die Verbände kannten, an, dass sie sich teilweise von ihnen vertreten fühlen.5 Damit man mich nicht missversteht: Dass die Mehrheit der Befragten die islamischen Dachverbände nicht kennt, ist keine Gretchenfrage. Jedoch ist ein Dreh – und Angelpunkt für mich erreicht, sobald sich die genannten Verbände als die absolute Vertretung der Muslime in Deutschland in den Medien aufplustern. Sie sind allein schon deswegen nicht legitimiert im Namen „der Muslime“ in Deutschland zu sprechen, weil die Mehrheit sie nicht als ihre Vertretung ansieht. Momentan möchten sie als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, und zwar verstanden als „Körperschaft des Öffentlichen Rechts“, was ihnen auf staatlicher Ebene wieder viele Privilegien einräumt. Wie soll das aber funktionieren, wenn doch die islamische Religionsgemeinschaft so zersplittert ist? Außerdem: Die Mehrheit kennt die Verbände gar nicht, also wie kann man dann den Anspruch erheben, im Namen der Mehrheit zu sprechen?

Im Umkehrschluss heißt es übrigens nicht, dass dafür liberale muslimische Vereinigungen die Mehrheit vertreten. Zu Vertretungen liberaler Muslimen gehören beispielsweise der Liberal Islamische Bund (LIB), das Muslimische Forum Deutschland (MFD) oder auch die Ibn Rushd Goethe Moschee (IRGM). Inzwischen befindet sich ein neuer Verband in der Gründungsphase. Dabei handelt es sich um die Muslimische Gemeinschaft NRW, maßgeblich mitgetragen vom islamischen Theologen an der Münsteraner Universität Mouhanad Khorchide. Der Name dieses Verbandes sollte aber nicht in die Irre führen, denn auch Muslime (als ordentliche Mitglieder) sowie Nichtmuslime (als außerordentliche Mitglieder) können sich außerhalb von NRW in die Vereinigung eintragen.6 Die Frage danach, was gewollt bzw. angestrebt wird, wird folgendermaßen beantwortet: „Wir wollen möglichst viele Muslime in Deutschland organisieren, um die verschiedensten Kompetenzen und konstruktiven Ideen zusammenzubringen. So wollen wir einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben der Vielfalt leisten. Der Islam hat einst Europa bereichert, wir wollen an diesen Erfahrungen anknüpfen und nach vorne schauen, mit dem Anspruch: Wir wollen als Muslime auch heute Europa bereichern.“

Dieser eine letzte wichtige Satz sollten sich allen muslimischen Akteuren zu Herzen nehmen, die ein wirkliches Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben, mit den Grundwerten des Grundgesetzes und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechten als Handlungsrahmen. Aufgrund der breiten Vielfalt im Islam und der daraus ergebenden Challenge, die vielen muslimischen Interessen zu berücksichtigen, kann das Bundesland NRW mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie eine erweiterte Kooperation ausschauen kann. Davon können sich dann so manche Bundesländer eine Scheibe von abschneiden.

2 Es gibt eine weitere Studie vom Jahre 2016 mit der gleichen Überschrift sowie von derselben Institution erhoben, jedoch geht es da primär um islamische Wohlfahrtspflege, vorschulische Kinderbetreuung und Altenpflege.

4 Ebd. S.173-174

5 Ebd. S.175

6 Die äußerst lesenswerte Gründungserklärung verlinke ich sehr gerne: https://www.mg-nrw.de/profil.html

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Autorin: Susanne Dawi

June Admiraal

Am letzten Samstag traf sich eine Gruppe von Mitgliedern unserer Moschee zum Besuch des jüdischen Museums. Es war ein interessanter Ausflug mit einer kompetenten Führung eines gemeinde Mitglieders, der nicht nur sehr viel wusste, sondern darüber hinaus eine angenehme Art hatte, wertneutral und wortgewandt zu erzählen, womit er seine besondere Eignung als Museumsführer verdeutlichte. Ich war begeistert, wie jemand diesen Beruf, der mich persönlich nie reizen würde, mit so ausgezeichneter Hingabe und derart umfassendem Wissen ausführen konnte.

In einem der Räume konnten wir Filmsequenzen über die Ausübung der drei Schriftreligionen in der so genannten „Heiligen Stadt“ anschauen. Die im Film gezeigten authentischen Gottesdienste und religiösen Lernveranstaltungen des Judentums, Christentums und Islam in Jerusalem hatten ein auffälliges gemeinsames Element: in den Haupträngen, den vorderen Reihen, den Lehrstuben, den höchsten Ämtern usw. waren ausschließlich männliche Gläubige zu sehen. Wenngleich ich es hätte wissen müssen, hatte ich es nicht so deutlich erwartet. Wir hören doch immer, dass der Islam eine so partriarchalische Religion sei, während sich der Rest der Welt, und damit auch die anderen Religionen, inzwischen die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahne geschrieben hätte. Die Bilder sagten etwas Anderes. Thorarollen werden weiterhin nur von Männern durch die Synagoge getragen, wer die Thora abschreibt, muss im Besitz dessen sein, worauf, nach Sigmund Freud, die Frauen ihren Neid richten, Unter den christlichen Geistlichen aller Denominationen gab es nicht eine einzige Stimme, die den Gottesdienst in Sopran oder Alt hätte leiten können. Die muslimischen Männer standen Schulter an Schulter zum Gebet, gerufen von männlichen Gebetsrufern, während ihre Frauen weiter hinten mit den Kindern allen möglichen anderen Tätigkeiten nachgingen.

In deutschen Kirchen jedoch sehe ich durchaus auch Frauen als Pastorinnen. In der Synagoge treffe ich sowohl auf Kantoren als auch Kantorinnen. Und zumindest in unserer Moschee ruft eine Frau zum Gebet, können Frauen vorbeten, und können sie die Khutba halten, die Predigt. Ich finde das nicht nur „schön“ sondern vollkommen „normal“. Es ist eine gute Zeit, in der Frauen in die Domäne der Religion eintauchen und sich dort für Gott und die Schöpfung engagieren können. Es ist eine gute Zeit der Rollenvielfalt, in der nun auch Männer als Erzieher arbeiten können, als Krankenpfleger, Altenpfleger, Hausmänner, oder einfach nur Väter mit Hingabe sind.

Die Vielfalt der Rollen, die uns heute hier zu leben gestattet ist, macht uns zu zufriedeneren, und damit besseren Menschen. Wer seine Berufung erkennt und lebt, arbeitet qualitativ besser und bildet sich auch in seiner Freizeit fort. Es ist common sense, dass uns das hierdurch empfundene geistige und körperliche Wohlbefinden länger gesund und kraftvoll bleiben lässt. „Salutogenese“, nach Antonovsky der ständige Prozess des Gesundbleibens, wird wirksam unter anderem durch die Erfahrung von Sinnhaftigkeit – Sinnhaftigkeit der Ereignisse und unserer Selbst. Das Empfinden von Sinnhaftigkeit stellt sich unter anderem dann ein, wenn wir Aufgaben ausführen, die wir gerne tun, die wir gut können und bei denen wir das Gefühl haben wir seien genau dafür geschaffen. Es ist erfreulich, dass uns immer häufiger Wege dahin offen stehen, auch wenn sie traditionell für das andere Geschlecht reserviert waren, auch im Bereich der Religion.

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Autorin: Susanne Dawi

Photo by Victoriano Izquierdo on Unsplash

Zurzeit besteht vielerorts der Versuch, eine umfassende Philosophie in ein paar Handlungsanweisungen zu pressen, um dies dann als „Wahrheit“ zu bezeichnen. Die Worte Kufr und Haram wedeln nur so durch die Gegend. Doch Handlungsanweisungen können keine „Wahrheit“ sein. Sie dienen stattdessen einer gewissen Alltagsstrukturierung. Das, was als „Wahrheit“ gesucht wird, liegt sozusagen darunter; es bildet das Fundament. Die Suche nach Wahrheit ist komplex und bedarf, glaube ich, der Zeit eines ganzen, langen Lebens. Hoffentlich eines schönen Lebens. Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Immer wieder hört man, es gäbe nur eine einzige Wahrheit. Diese gelte es zu finden. Es gäbe damit auch nur einen einzigen Islam, den wahren Islam. Suchen wir also.

Zunächst sollten wir uns jedoch gewahr sein: „Islam“, so wie das Wort heute verwendet wird, ist nicht diese Wahrheit, sondern erst einmal ein Wort. Allah allein kennt die Wahrheit, und diese ist derart umfassend und für den Menschen unverständlich, dass Allah den Koran in Worte gefasst hat, damit wir eine ungefähre Ahnung davon haben, was Wahrheit sein könnte. Gott hat ihn, den Koran, uns in einfacher Sprache gegeben, d.h. in einem Modus, den zu verstehen wir in der Lage sind – in menschlicher Sprache also, mit Wörtern. Die Wahrheit liegt jenseits der Worte.

Das Wort „Islam“ kommt im Koran mehrmals vor. In Sure 3:19 steht: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist der Islam“. Allerdings wurde zur Zeit Mohameds dieses Wort noch gar nicht als Religionsbezeichnung verwendet. Daher übersetzt Muhammad Asad diese Sure anders: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist des Menschen Selbstergebung in ihn“ (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018). Dies kommt, wenngleich es dem Wortlaut ferner scheint, dem inhaltlichen Sinn näher. Daneben steht im Koran auch die Form „muslim“, auf die ich mich im Folgenden konzentrieren möchte. Muslim ist jemand, der sich Gott stets und ständig gewahr ist, also jemand, der Taqwa hat, Gottesbewusstsein, und der darüber hinaus versucht, ein gutes Leben zu führen. Es handelt sich dabei um ein Wort, das sowohl als Substantiv als auch als Adjektiv gelesen werden kann. Für mich ist in den jeweiligen Kontexten die adjektivische Lesart einleuchtender. Nicht also: „Was bist du?“ „Ich bin ein Muslim, eine Muslimin“, sondern: „Wie bist du?“ „Ich bin muslim“. Als Religionsbezeichnung im engeren Sinne finde ich es relativ untauglich. Abraham war muslim. Wie war Abraham? Er war sich mit jeder Faser seines Seins und mit jedem Gedanken, jeder Handlung darüber bewusst, dass es einen einzigen Gott gibt, Allah, er vertraute auf dessen Gnade, und er wollte ein guter Mensch sein. All jene Menschen, die sich dessen so bewusst sind, dass es sie in ihrem Leben leitet, sind muslim. Auch Juden und Christen können nach dieser Vorstellung also muslim sein. Sure 21:92 sagt, nachdem über Zakharia und seinen Sohn Johannes, sowie über Maria gesprochen, also klarer Bezug auf das Christentum genommen wird: „Wahrlich (oh die ihr an mich glaubt), diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, da Ich der Erhalter von euch allen bin; betet denn mich allein an.“ Die Bezeichnung „muslim“ gilt also für alle, die diese besondere Haltung haben. Zwar steht im Koran beispielsweise, „euch wird der Tod nicht ereilen, bis ihr „musleimun“ geworden seid, was auch als Substantiv „Muslime“ übersetzt werden kann, doch steht im Vordergrund eben nicht die Gruppenzugehörigkeit zu einer religiösen Vereinigung, sondern die innere Haltung. Muhammad Asad schreibt in seinem Kommentar zu Sure 68:35: „Überall in diesem Werk habe ich die Begriffe muslim und islam in Übereinstimmung mit ihren ursprünglichen Bedeutungen übersetzt., nämlich „einer, der sich Gott ergibt (oder „ergeben hat“)“ und „die Selbstergebung des Menschen in Gott“… Man beachte, dass der „institutionalisierte“ Gebrauch dieser Worte – d.h. ihre ausschließliche Anwendung auf die Anhänger des Propheten Mohameds – eine definitiv nachqur’anische Entwicklung darstellt und daher in einer Übersetzung des Qur’an vermieden werden muss“. (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018, Seite 1086)Asad verwendet zwar hier das Wort als Substantiv, aber nicht im heutigen Sinne der Religionszugehörigkeit, sondern ebenfalls als Bezeichnung für ein Individuum mit gottergebener Haltung.

Wie kann man denn so werden, so muslim? Nun, nicht durch Geburt. Sicher sind nicht alle Menschen, deren Eltern muslim waren automatisch muslim. Dazu gehören der eigene Wille und Gottes Gnade. Nicht die Fokussierung auf Halal-Haram Regeln macht uns zu muslimischen Menschen, sondern ein Bewusstsein.

Als die Zeitgenossen Mohameds zum ersten Mal damit konfrontiert wurden, dass es eine andere Art des Zusammenlebens geben konnte als ihr Stammeswesen mit den ständigen Kämpfen (man schaue sich das Leben im damaligen Medina an), hatten sie viele Fragen dazu, wie man denn ausdrücken solle, dass man gottergeben ist. Viele Verse der Suren halfen ihnen, und gaben Antwort. In diesen Versen ging es häufig um Schutz – Schutz vor Armut und Ausbeutung. Waisen sollen geschützt werden, Frauen sollen erben können oder im Falle der Scheidung versorgt sein, Sozialsteuern sollten gezahlt werden (Zakat), Wucherzins sollte nicht erhoben werden, usw. Weiterhin ging es darum, immer daran zu denken, dass das Gute eine Gnade darstellt, keine Selbstverständlichkeit und keine eigene Errungenschaft. Allah entscheidet, wen er rechtleitet.

Das alles bedeutet aber: An erster Stelle steht damit der Wunsch muslim zu sein – dankend und ehrerbietend, gerecht in den Gedanken und Handlungen, selbstlos und unarrogant, tugendhaft, barmherzig und verantwortungsbewusst. Wer diese innere Haltung angenommen hat, wird danach streben, sie im Alltag umzusetzen. Kann man dies für sich beantworten, so ist man muslim.

Im Umkehrschluss ist man nicht muslim, wenn man andere verspottet, Schlechtes über sie spricht, ihnen gar Ungutes an den Hals wünscht, sie ausnutzt oder Gott gegenüber undankbar ist; seine Verantwortung gegenüber der Schöpfung nicht wahrnimmt und sich so vor dem Tag des jüngsten Gerichts nicht korrekt verantworten kann; denn hierdurch zeigt man eine Haltung, die mit der Liebe und Ehrerbietung gegenüber Gott nicht vereinbar ist. Dies zu erkennen brauchen wir keine Haramregeln. Als muslim macht es daher übrigens gleich in mehrfacher Hinsicht keinen Sinn, über andere Religionen herzuziehen, oder ihre Anhänger gar zu verspotten.

In Sure 2:177 lesen wir: „Wahre Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder nach Westen wendet – sondern wahrhaft fromm ist, wer an Gott glaubt und den Letzten Tag und die Egel und Offenbarung und die Propheten, und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es auch wertschätzen mag – für seine nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft; und beständig das Gebet verrichtet und die reinigenden Abgaben entrichtet; und wahrhaft fromm sind diejenigen, die ihre Versprechen halten, wann immer sie etwas versprechen und geduldig im Missgeschick sind, und in Härte und in Zeiten der Gefahr; es sind sie, die sich als wahrhaft erwiesen haben; und es sind sie, die sich Gottes bewusst sind.“

Hier wird ganz deutlich, dass Inhalt vor Form kommt. Die Gebetsrichtung, und damit die Form des Gebets, sowie auch die Form der Glaubensausübung schlechthin, treten hinter den Inhalt zurück. Im Vordergrund stehen zunächst der Glaube und dann die aus dem Glauben resultierenden Handlungen der Nächstenliebe sowie letztendlich die Geduld und Beständigkeit. Wer muslim ist, fühlt sich durch den Glauben an einen liebenden, barmherzigen Gott dazu bewegt, gleichermaßen liebevoll und barmherzig mit seinen Mitmenschen umzugehen. Daraus ergeben sich insbesondere die finanzielle Versorgung und die Befreiung aller Menschen aus der Knechtschaft. Was dies für uns in der modernen Welt bedeutet, bedarf einer ehrlichen Selbstreflexion, sowohl hinsichtlich individueller als auch gesellschaftlicher Aspekte. Auch die Partnerschaft wird natürlich davon berührt, die Erziehung der Kinder, das Verhältnis zu den Eltern, die Akzeptanz anderer Lebensweisen und vieles mehr.

Der Islam als „Religion“ ist eine Schaffung der menschlichen Gesellschaft, die das Bedürfnis zu haben scheint, Dinge in Kategorien zu pressen, um sie handhabbar zu machen. Als Religion steht der Islam mit dem Judentum und dem Christentum in enger Beziehung, aber unterscheidet sich durch bestimmte Regeln. Religion bedeutet stets ein Regelwerk im Sinne einer Hilfestellung zum gottgefälligen Leben. Dies dient vor allem der Schaffung eines Gefühls der Gruppenzugehörigkeit und der Kommunizierbarkeit von Glauben und hat viel mit Alltagshandlungen zu tun. Unter Praktizierenden der Religion „Islam“ hat im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Einigung stattgefunden, dass bestimmte Praktiken besser sind als andere (Ikhtilaf). Wie weit der Rahmen gern gesehener Handlungen gesteckt ist, ist ort- und zeitabhängig. Jedes Land hat sein eigenes Verständnis davon, welche Handlungen akzeptabel sind, und welche nicht. So sehr man auch meint, hier bestünde überkultureller Konsens, sind die Ausübungen der Religion doch auch kulturell geprägt. Darin liegt nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil wird die Religion auf diese Weise als sinnhaft empfunden, kann sie das Verhalten in allen Lebensbereichen, aber auch einfach das Lebensgefühl, positiv beeinflussen. Dadurch können kulturelle Praktiken durch die Religion hinterfragt werden und umgekehrt. Nicht der wahre Islam wird hierbei hinterfragt, sondern Ausdrucksformen der Religion, so dass ein ständiger Abgleich des Denkens und Handelns mit dem Koran stattfindet.

Wer den wahren Islam sucht, muss dies jenseits der Worte tun, mit seinem Herzen, in Dankbarkeit und Ehrfurcht. In jedem Fall ist der wahre Islam das Barmherzige, Liebevolle, Gnädige, Hoffende, Vergebende, zuzeiten sich Disziplinierende und zugleich Freiheitliebende. Gott ist der Schöpfer all dessen, was geschaffen ist. Er ist ist das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm gleich. Ihm allein dienen wir, indem wir zu ihm beten und mit seiner Schöpfung achtsam umgehen. Wer auf einen guten Weg geleitet werden möchte, wird durch Gottes Gnade darauf geführt. Er oder sie kann darum bitten, und Gott ist barmherzig und allvergebend. Die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit führt zum Erstreben einer gerechten Gesellschaft und damit zu Handlungen, die Gott und den Nächsten wertschätzen. Wer Muslim im Sinne der islamischen Religion werden möchte, spricht aus, dass er dazu gehören mag, indem er oder sie die Schahada spricht, also bezeugt, dass es nur einen einzigen Gott gibt und Mohamed sein Prophet ist. Damit werden auch die fünf Säulen des Islam anerkannt sowie die Prinzipien des Glaubens. Dies kann natürlich auch in unserer Moschee geschehen. Wenn Sie konvertieren möchten, sind Sie herzlich eingeladen, dies in der Ibn Rushd-Goethe Moschee zu tun.

Unstimmigkeit zwischen dem Islamischen Religionsunterricht und dem Kerncurriculum

Unstimmigkeit zwischen dem Islamischen Religionsunterricht und dem Kerncurriculum

Autor: Massud Reza

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Ich möchte vorwegsagen, dass ich für einen verbindlichen Ethikunterricht in der Schule bin, der alle Kinder (ob muslimisch oder nichtmuslimisch) miteinbezieht und eine Diskussion über die verschiedenen Religionen, Kulturen, Traditionen sowie über Werte und Humanismus ermöglicht. Weil aber ein solcher Ethikunterricht nicht in jedem Bundesland auf den Lehrplan steht (Bildungssache ist eben Ländersache), konzentriert man sich weiterhin auf konfessionsgebundenen Religionsunterricht, der unterschiedliche Akzente setzt. Wie sieht es mit einem Religionsunterricht aus, der vom Staat und den Religionsgemeinschaften ausgehandelt werden soll?

Schulen in Deutschland sind als Bildungsinstitutionen, genauso wie die Bürger/innen des Landes, dem Grundgesetz als Werte – und Rechtsordnung verpflichtet. Schließlich dürfen in den Schulen keine Inhalte vermittelt werden, die sich im Widerspruch zum Grundgesetz befinden. Bereits im ersten Absatz des Grundgesetzartikels 7 zeigt sich, wer die Autorität in Schulangelegenheiten besitzt: „Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates“ (Art. 7, Abs.1). Die Kontrollfunktion des Staates in den Schulen muss sich vordergründig damit auseinandersetzen, dass Werte des Grundgesetzes Bestandteil des staatlichen Schulunterrichts werden und dabei denke ich primär an: Die Menschenwürde, die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie die freie Persönlichkeitsentfaltung.

Aktuell bahnt sich in Niedersachsen ein Konflikt an, der vorerst keine Einigung der Streitparteien in Aussicht stellt. Es geht um die Bestimmung der Inhalte des islamischen Religionsunterrichtes in den Grundschulen. Um festzulegen, welche Inhalte der Religion unterrichtet, vernachlässigt oder gar einen Schwerpunkt bilden, braucht der Staat dafür Ansprechpartner. Da der deutsche Staat aus Gewohnheit, Faulheit, Unwissenheit (ich weiß es ehrlich nicht), immer wieder auf dieselben islamischen Gesprächspartner (die Verbände) in Bezug auf Organisierung von muslimischen Leben in Deutschland zurückkommt, sollte man nicht naiv und überrascht reagieren, wenn sich deutliche Widersprüche in den Verhandlungen ergeben. Der Blogger „Schmalle und die Welt“ hat über die Verbände eine gut lesbare und bündige Darstellung verfasst.1

Das Bundesland Niedersachsen sieht ein Kerncurriculum für Grundschulen vor, worin insbesondere Kompetenzen auf der persönlichen und sozialen Ebene gestärkt und vermittelt gehören. Gerade ein geisteswissenschaftliches Fach wie Religion (aber auch Philosophie) kann einen adäquaten Umgang mit gesellschaftlichen Fragen anbieten. Daher ist es mir absolut schleierhaft, wieso bestimmte gesellschaftliche Fragen aus dem Unterricht ausgeklammert werden sollen. Der DITIB-Vorsitzende in Niedersachsen, Ali Ünlu, wehrt sich dagegen, dass das Thema der Homosexualität bzw. der „sexuellen Vielfalt“ in den islamischen Religionsunterricht integriert werden soll. Seine simple Begründung geht darauf zurück, dass Homosexualität im Islam verboten sei. Abgesehen von den unterschiedlichsten Lehrmeinungen, vor allem in Bezug auf die Geschichte von Lot im Koran, frage ich mich, ob das Kerncurriculum wirklich umgesetzt werden kann bzw. ob man ihm gerecht wird?

Ein kurzer Blick in den Lehrplan reicht vollkommen, um sich mal den Widerspruch konkret vor Augen zu führen: „Im Rahmen des islamischen Religionsunterrichts sind folgende Zielsetzungen ausschlaggebend:

Erwerb von Grundkenntnissen über die eigene Religion und Entwicklung einer persönlichen religiösen Sprache

Förderung der Kritikfähigkeit, sodass die Schülerinnen und Schüler Religionsmündigkeit erlangen

Förderung der Akzeptanz und Toleranz in der Begegnung mit Menschen anderer Religionen, Kulturen, Auffassungen oder Lebensweisen

Vermittlung ethischer Handlungsmaßstäbe anhand von Koran und den Überlieferungen (Ḥadīṯen) wie

– Bewahrung der Schöpfung

– Barmherzigkeit

– Gerechtigkeit

– Achtung und Toleranz“ 2

Nehme ich diese Ansprüche ernst, weil ja wie angeführt ein gewichtiger Wert auf die Zielsetzungen gelegt wird, die als „ausschlaggebend“ bezeichnet werden, wieso soll „sexuelle Vielfalt“ kein Teil des koedukativen Unterrichts werden? Sprechen denn nicht gerade letzteren Punkte, wie „Bewahrung der Schöpfung, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit sowie Achtung und Toleranz“ für die Thematisierung von Homosexualität? Folgerichtig wäre doch die Homosexualität von einem islamischen Standpunkt aus betrachtet, nicht verurteilenswert. Zugegeben, das Kerncurriculum befindet sich noch im Status „in Bearbeitung“, aber ich gehe nicht davon aus, dass der eben zitierte, sehr wichtige Passus gestrichen wird.

Ebenso ist es soziale Realität, dass unsere Gesellschaft nicht nur religiös und kulturell, sondern auch sexuell plural aufgestellt ist. Und dies kann meiner Ansicht nach auch ihren Platz im Unterricht finden, ja wieso denn nicht auch im islamischen Religionsunterricht? Für eine theologische Abhandlung ist hier nicht der Platz, aber ich verweise herzlich gerne auf den schwulen Imam aus Frankreich Ludovic Mohammed Zahed, der sich dem Thema der Homosexualität im Islam bereits seit vielen Jahren theologisch annimmt. Auch nicht alle Islamverständnisse schließen Homosexuelle aus. Gerade die Ibn Rushd – Goethe Moschee ist mit der Etablierung eines LGBTIQ-Kompetenzzentrums beschäftigt, was sich an homosexuellen Menschen richtet.

Da man weder in Niedersachsen noch in anderen Bundesländern auf die DITIB und anderen Islamverbänden als Gesprächspartner für solche schulischen, organisatorischen oder politischen Angelegenheiten gänzlich verzichten möchte, werden anscheinend die Probleme mit den Verbänden geflissentlich übersehen oder man möchte einfach nichts davon wissen. Bereits im Januar dieses Jahres fand eine von der DITIB eigens organisierte Islamkonferenz in Köln-Ehrenfeld statt, bei der Vertreter der Muslimbruderschaft dabei waren, die man als Mutterorganisation des modernen Islamismus bezeichnen kann. Deshalb ist die Etablierung eines islamischen Religionsunterrichts in der Grundschule, organisiert mit der DITIB, nicht von diesen politischen Zusammenhängen zu lösen, wenn man eindeutig sieht, dass es eine personelle, finanzielle sowie ideologische Auslandsabhängigkeit von der Türkei gibt. Die Türkei selbst wiederum befindet sich momentan in einem Demokratieauflösungsprozess und auch Menschenrechtsverletzungen sind dort nicht zu übersehen.

Vielleicht wäre es deshalb mal an der Zeit, an anderen politischen Lösungen zu denken, immerhin geht es um die Bildung von Kindern, Enkelkindern und weiteren Generationen, denen man in erster Linie Werte der Menschlichkeit und des gesellschaftlichen Miteinanders vermitteln müsste.

1 Dazu verweise ich auf seinen Blog-Artikel: http://schmalleunddiewelt.blogsport.de/2016/12/20/die-muslimbruderschaft-deutschland-die-dachverbaende/ (Letzter Abruf: 22.02.2019)

2 Vgl. Niedersächsisches Kultusministerium: (http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc-iru-2010.pdf , S.8) Letzter Abruf: 25.02.2019

Mein Weg zurück zum Islam

Mein Weg zurück zum Islam

Atorin: Huda Yousif

Alex Holyoake

Mein früheres Verständnis vom Islam hat mir viel Halt, Spiritualität und Lebenskraft gegeben. Das Gebet hat mich erfüllt. Das Fasten hat mich gelehrt. Aber zugleich habe ich mich wie in einem Korsett eingeschnürt gefühlt. Das Korsett war so festgeschnürt, dass ich meine Lebenslust verloren habe. Ich konnte mich nicht frei bewegen. Frei sein. Deshalb habe ich den Islam verlassen. Erst als ich die Ibn-Rushd-Goethe Moschee kennengelernt habe, bin ich Gott und dem Islam wieder nähergekommen.

Ich bin sehr konservativ, islamisch und traditionell erzogen worden. Mit neun Jahren mussten meine Schwestern und ich das Kopftuch tragen. Wir mussten jeden Tag fünf Mal beten und am Wochenende zum Koran-Unterricht gehen.

Mit 16 Jahren war mir klar, dass ich dieser strengen Auslegung des Islams nicht folgen wollte. Entgegen dem Willen meiner Eltern bin ich deshalb in viele andere Moscheen gegangen. Nicht nur in die konservative Al-Nour Moschee, in der mir schnell klar wurde, dass ich hier fehl am Platz war, sondern auch in viele andere Berliner Hinterhofmoscheen. Als ich eine liberale Gemeinde der S.-Moschee kennenlernte, praktizierte diese die liberalste Form des Islam, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Dieser Gemeinde schloss ich mich an. Der spirituelle Islam gab mir viel Kraft und in meiner damaligen Identitätskrise ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Aber ich war immer noch nicht glücklich in meinem Leben. Nach einigen Jahren wusste ich, dass ich auch hier in einem Korsett steckte. Auch wenn dieses nicht so eng geschnürt war, wie das, welches ich aus meinem familiären Umfeld kannte. Auch in der S.-Moschee konnte ich nicht verstehen, warum eine Frau ihr Haar verdecken muss. Warum meine homosexuelle Freundin nicht mit ihrer Freundin zusammen sein darf und warum ich nicht einen Mann lieben darf, der nicht Muslim ist. Ich verstehe nicht warum in unserer heutigen Gesellschaft das Abhacken einer Hand überhaupt als eine Strafmaßnahme

in Betracht gezogen wird und Frauen getrennt von den Männern beten sollen. Und dass Sexualität nur im Rahmen der Ehe stattfinden darf – was zur Doppelmoral bei vielen in meinem Umfeld führt – verstehe ich auch nicht.

Ich spürte eine Ungerechtigkeit, die ich jahrelang verteidigte, weil ich Angst hatte alles zu verlieren was ich hatte -meine Moschee-Gemeinde, meine muslimischen Schulfreunde und das Allerwichtigste, meine Familie.

Das Korsett machte mich unglücklich. Ich wusste, dass ich weggehen müsste, um wieder atmen zu können und mein Leben zu genießen. Ich wollte mit meinem damaligen Partner eine Beziehung ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst führen. Ich wollte ihn berühren können ohne Angst vor der Hölle haben zu müssen. Ich war wütend auf Gott und auf die Gemeinde. Ich fragte mich warum Gott dieses Bedürfnis nach Liebe und Nähe in uns eingepflanzt hatte, aber zu gleich mein muslimisches Umfeld dieses wunderbare Gefühl der Nähe als schmutzig bezeichnete.

Ich konfrontierte meine Religionslehrer in der Moschee mit meinen Zweifeln. Sie haben sich Wochen und Monate mit mir unterhalten. Es gab einen Teil in mir der erhoffte sich, dass diese Gespräche mich von meinen Zweifeln befreien würden. Ich hatte Angst davor, dass ich mein Leben sonst entscheidend ändern müsste. Die Gemeinde konnte mir keine für mich plausiblen Antworten geben. So verließ ich die Gemeinde und mit ihr den Islam.

Als mich letzte Woche eine Freundin in die Ibn-Rushd-Goethe Moschee einlud, ging ich sehr skeptisch hin. Das lag daran, dass meine muslimischen Freunde mich vor der Moschee und vor Seyran Ates gewarnt hatten. Sie sei eine Frau, die nichts vom Islam verstehen würde, eine Frau, die lieber „ungläubig“ sein sollte, als sich als Muslimin zu bezeichnen.

Im Gespräch mit Seyran wurde mir klar, dass sie eine friedliche und gläubige Muslimin ist, eine die sich für eine zeitgemäße Auslegung des Korans einsetzt. Sie ist eine liebevolle Frau, die Menschen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung und Religionszugehörigkeit annimmt und respektiert.

Nach einigen Gesprächen mit ihr wurde mir klar, dass es in der Ibn-Rushd-Goethe Moschee plausible Antworten gibt auf mir damals unverständliche Regeln. Es geht hier tatsächlich nicht um Grundsatzfragen, auf denen der Islam aufbaut, sondern um uneindeutige Koranverse, die durchaus unterschiedliche Interpretationen zulassen und deren wortwörtliche Auslegungen sie ihrer Spiritualität beraubt.

Bisher dachte ich, dass Islam und Demokratie nicht vereinbar sind, dass es keinen liberalen Islam gibt. Heute bin ich davon überzeugt, dass das sehr wohl möglich ist. Die Ibn-Rushd-Goethe Moschee hat mich Gott und dem Islam nähergebracht. Ich kann auch als Muslimin gleichzeitig Feministin und Demokratin sein. Das Eine schließt das Andere nicht aus.

Tim Marshall

Ethik und Moral

Ethik und Moral

Tim Marshall
Tim Marshall

In unserer Gesellschaft sprechen wir oft von Ethik und Moral. Aber oft haben wir nur eine ziemlich schwammige Erklärung für beide Begriffe.

Vom griechischen Wort ethos: Gewohnheit, Sitte Brauch, stammt der Ausdruck Ethik. Aristoteles meinte damit eine eigenständige philosophische Disziplin und stellte die Ethik neben Logik, Physik und Metaphysik. Moral kommt aus dem Lateinischen mores und bedeutet so viel wie Sitten, Gewohnheiten, Charakter als Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.

Was bedeuten beide genau? Ethik und Moral sind zwei Begriffe, die oftmals gleichbedeutend verwendet werden, jedoch begrifflich voneinander unterschieden werden müssen. Moral ist ein soziales Phänomen, das auf der gemeinsamen Anerkennung von Normen und Werten gründet, die als verbindlich gesetzt werden. Genauer gesagt: Moral bezeichnet den in einer bestimmten Gruppierung, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorfindbaren Komplex an Wertvorstellungen, Normen und Regeln des menschlichen Handelns und gründet auf der gemeinsamen Anerkennung verbindlich gesetzter Normen und Werte. Ethik ist das, was zum allgemeinen Prinzip erklärt werden kann, d.h. Ethik beschäftigt sich mit der Theorie der Moral. Somit ist Ethik die Wissenschaft der Moral.

Es gibt viele Moralvorstellungen wie z.B. religiöse, politische oder gerechte Vorstellungen, die nebeneinander bestehen, die unter dem Dach der Ethik stehen. Man kann das z. B. mit einer Pflanzenvielfalt auf der Erde vergleichen, Sie alle gehören zum Oberbegriff Botanik.

Verallgemeinert ist Moral die praktische Anwendung der Ethik. Eine moralische Handlung ist somit jene Handlung, die von allen Menschen in einer bestimmten Gruppierung oder Gesellschaft als richtig oder annehmbar angesehen wird. Ethik steht somit über die Moral und sollte eigentlich für ganze Völkerschaften gelten. Aber ist es wirklich so?

Das arabische Wort akhlaq wird meistens mit islamischer Ethik übersetzt. Es bezeichnet aber eher die Lehre von den Charaktereigenschaften des Menschen.

Moral ist also ein Normensystem, das versucht, richtiges Handeln zu beschreiben und wird somit auch für alle in einer bestimmten Gesellschaft oder Gruppierung gültig z.B. auch für Religionen. Und das Normensystem kann durch Prinzipien, Werte klar definiert werden. Auch wir als kleine Moschee setzen bestimmte Werte, die uns eben zu dieser Moschee machen.

Das erste Normensystem, das aufgeschrieben wurde, waren die 10 Gebote, die Moses in Stein gehauen erhalten hatte, ein Wertekatalog, das zu einem ethischen Verhalten der Menschen damals (und auch bis heute) führen sollte.

Im Islam ist der Koran die erste Quelle für ethische Normen. Daneben werden die Handlungen des Propheten Muhammad (Friede und Gottes Segen auf ihn) als religiöse Gebote angesehen.

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte ab dem 8. Jahrhundert durch Übersetzungstätigkeiten und weiterführenden Arbeiten der Philosophen und Wissenschaftler in die islamischen Zentren wie dem Haus der Wissenschaft und später meines Erachtens mit verfeinerten Normen in das maurische Andalusien. Hier seien die beiden Philosophen Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) genannt.

Ging es in der antiken und mittelalterlichen Ethik noch darum, begründete Aussagen über das menschliche Handeln zu leisten, die sich von einem gemeinsamen Guten herleiten lassen, steht in der Neuzeit die Frage im Vordergrund, wie Konflikte gerecht geregelt werden können, die aufgrund von einer vorhandenen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Anschauungen, Meinungen oder Werte entstehen und die alle miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren, zumindest sollte es so ein. In wie vielen Ländern gilt immer noch nur eine Meinung: die der Herrschenden, alles andere wird irgendwie unterdrückt.

Da eine Religion den Menschen anspricht und Ethik, natürlich neben Glaube und Gebet, der hauptsächliche Bereich der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache jedes gläubigen Menschen.

Die Ethik des Menschen zu formen, ihr mehr Gewicht zu geben und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten – darauf kommt es in unserer Zeit an. Denn genau darauf bezieht sich der Koran. Aber auch die Hadithe enthalten oder ergänzen diese Aussagen wie z. B. der Ausspruch des Propheten: „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten, also die Moral, auch Tugend) zu vervollkommnen.“

Es kommt nicht nur darauf an, das Vorhandene durch gänzlich Neues zu ersetzen, sondern das Vorhandene zu verbessern, verfeinern und zu optimieren. Es bedeutet, an Vergessenes sich neu zu orientieren, das bestehende Gutes zu bestätigen, sich an geänderte Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine riesengroße Aufgabe zu jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation, bis heute.

Schon in der ersten Sure finden wir es: Der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg: ‚Sirat-i Mustakim‘. Da steht: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast…“ Es ist als ein Grundsatz des Lebens zu verstehen, den richtigen Weg durch richtiges Verhalten und Benehmen zu beschreiten, Er besagt aber auch, dass es dem Menschen selbst mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht ohne Gottes Führung und Gnade nicht gelingt, an sein Endziel zu gelangen.

Im Koran finden wir einige Ideale zu einem guten Verhalten:

Recht und Gerechtigkeit: Die Gemeinschaft, nicht ein Einzelner oder eine Gruppe von Machtinhabern, bestimmt den Normenkatalog des Rechts. Hieraus lässt sich Gerechtigkeit und Gleichheit ableiten.

Das Streben nach Tugend: das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

Das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe: das bedeutet Solidarität und Zusammenhalt.

Die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit: Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen

Vervollkommnung in der Verantwortung: Humanität, also die Würde und Rechte jedes Menschen anerkennen und seine geistige Vervollkommnung voranzutreiben.

Alle diese Prinzipien finden wir auch in Sure 2:213: Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins aber waren nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die gläubig sind, zur Wahrheit, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.

Oder in Sure 3:17: Die Geduldigen und die Wahrhaften und die Andachtsvollen und die Spendenden und diejenigen, die um Vergebung bitten in der Morgendämmerung.

Viele Stellen im Koran sprechen über einen „guten Charakter“, der zur Glückseligkeit und Zufriedenheit führt. Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht mit der jedem Menschen mitgegebenen Natur des Menschen, sein „Ich“. Im Islam bezeichnen wir es als Fitra und bedeutet,dass die Natur des Menschen eine dem Menschen angeborene Eigenschaft bzw. Fähigkeit ist. Für den Menschen gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen.

Die monotheistischen Religionen betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „das, was du von deinem Nachbarn erwartest, erwartet er von dir auch“ ein gemeinsames sinnvolles und vernünftiges Fundament gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale, Vernunft betreffende Basis besitzt. Oder anders gesagt: Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“.

Gott sagt im Koran über den Propheten Muhamad, Friede und Segen Gottes auf ihn,: „Wahrlich, Du bist von gewaltigem Charakter“ (Sure Al-Qalam, Vers 4).

Anas ibn Malik sagte: „Der Gesandte Allahs, hatte den besten Charakter von allen Menschen.“

Es gibt viele weitere Aussagen vom Propheten, die die Bedeutung des guten Charakters hervorheben: Sie zielen darauf hin, dass es nichts gibt, was am Jüngsten Tag schwerer in der Waage wiegt als guter Charakter. Er sagte auch: „Die besten unter euch im Islam sind die besten im Charakter, wenn sie Verständnis von Din besitzen.“ Das Wort „ad-Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und dementsprechend auch das Handeln. Es bezieht sich aber nicht nur auf das persönliche Leben eines Menschen, es erstreckt sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft als Ganzes. So ist diese Bezeichnung nicht nur auf die Lebensart einer bestimmten Gebietes beschränkt, oder auf eine bestimmten geschichtlichen Zeit, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten. Dennoch erhebt der Koran keinen Anspruch darauf, der einzige richtige Weg zu sein. Und viele ihrer Vertreter haben auch nicht das Recht dazu.

Die Kenntnis von der Moral, der Ethik und den Verhaltensweisen aller Propheten sind von großem Nutzen für uns und eine Hilfe darin, uns an ihnen ein Vorbild zu nehmen.

Zum guten Charakter zählen unter anderem Großzügigkeit, Wohltätigkeit, Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Aufrichtigkeit, Abmachungen einzuhalten, Gottesfürchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Korrektheit, Gerechtigkeit, gut zu seinen Frauen zu sein, keine üble Nachrede zu begehen, seine Zunge und seine Genitalien zu unter Kontrolle zu halten, keine rohe oder obszöne Sprache zu gebrauchen, nicht arrogant zu sein, nicht zu lügen, nicht verschwenderisch zu sein, nicht angeberisch zu sein, das zu lassen, was einen nichts angeht, den Nachbarn zu schützen, sich von Begierden zu enthalten, nicht aufbrausend zu sein.

Das angestrebte Lebensziel des Menschen ist, was sein gutes Verhalten in seinen Taten zum Ausdruck bringt und seinem Geist einen Weg weist, von dem er nicht abweicht, wenn er eine Tat ausübt, um diesem Ziel näher zu kommen. Und da es zum Wesen des Islams gehört, alle Bereiche des Lebens zu erfassen, hat dieser den Horizont des guten Verhaltens für das Leben erweitert und für jede nur erdenkbare Handlung einen positiven Wert verzeichnet, der dessen Ziel und Zweck widerspiegelt.

Im Koran legt Gott Seinen Wunsch nach der Gemeinschaft mit den Menschen schon im Diesseits als Sein Hauptanliegen dar. Aber Gott zwingt auch niemanden, in seine Gemeinschaft einzutreten. Der Mensch kann in Freiheit sich für Gott entscheiden oder dagegen. Er wird deswegen nicht zornig. Gott lädt den Menschen jedoch ein und wirbt für eine Gemeinschaft Mensch mit Gott. Gott geht es nicht darum, den Menschen mitzuteilen, was sie wann zu tun haben, wie sie gut handeln sollen, welche guten Eigenschaften sie entwickeln sollen, sondern darum, warum sie gut handeln sollen, um einen guten Charakter zu entwickeln. Er sagt nicht einfach: Tue das! Er fordert sie auf: Denk nach! Wenn du von jemandem etwas Gutes erwartet, dann musst du ihm etwas Gleichwertiges oder noch Besseres zurückgeben.

Am 14. Juli 1789 begann in Paris eine neue Ära mit der Erstürmung der Bastille. Unter der Parole Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit wurden die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft abgeschafft. Das sind ethische Prinzipien. Diese Erklärung allgemeiner Menschenrechte bilden bis heute in einer veränderten Form die Grundlage der Verfassungen der meisten Staaten und auch der Vereinten Nationen. Wenn ich jeden Einzelnen von euch nach diesen drei Schlagwörtern fragen würde, dann würde ich sicherlich einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Moralnormen erhalten. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, wo gelten sie wirklich noch, in China bei den Uiguren, in Jemen oder galten sie bei der Vertreibung der Rohingya? Darüber sollte man nachdenken.

 

Die fünf Säulen des Islam

Die fünf Säulen des Islam

Autorin: Susanne Dawi

طفاف ابوماجدالسويدي

Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohamed ist sein Prophet.

Gott ist der, die, das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm,ihr gleich. Er,sie ist den Menschen nicht ähnlich und hat kein Geschlecht. Die Wahrheit Gottes ist für die Menschen unfassbar, daher hat Gott den Koran herabgesandt, so dass wir ein wenig von der Wahrheit verstehen und sie in unserem Alltag umsetzen können. (siehe Artikel: Der wahre Islam)

Mohamed ist ein Prophet Gottes, wie viele vor ihm. Sie alle werden von den Muslimen anerkannt, und ihre Bücher sind weiterhin heilig. Mohamed ist kein Heiliger, er darf von den Menschen nicht angebetet oder zu einem Gott stilisiert werden. Er ist lediglich ein Botschafter Gottes. An ihn wurden jedoch besondere Anforderungen gestellt, so musste er selbstlos und Gott ergeben (muslim) sein. Mohamed hat stets darauf geachtet, anderen hilfreich zur Seite zu stehen und auch denjenigen Wertschätzung entgegen zu bringen, die wenig von ihm hielten. Sklaven, Waisenkinder, Arme, Reisende und überhaupt alle besonders Bedürftigen Menschen lagen ihm sehr am Herzen. Er liebte seine Frauen innig und äußerte sich, so die Überlieferungen, gegen jede Gewaltanwendung oder Unterdrückung von Frauen. Mohamed war in erster Ehe mit Khadija verheiratet, die Zeit ihre Lebens seine einzige Frau war. Sie war die erste Person, die von der ersten Offenbarung erfuhr und an ihn glaubte. Einige Zeit nach Khadijas Tod heiratete Mohamed erneut und lebte polygam. Die Offenbarungen erreichten ihn bis zu seinem Tod in unregelmäßigen Abständen.

Das Gebet

Das Gebet ist die zweite Säule des Islam. Es besteht weitgehend Einigung darüber, wie es ausgeführt werden soll. Fünfmal am Tag wird gebetet, am besten zur korrekten Zeit; falls dies nicht möglich ist,, könen aber die fehlenden Gebete zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Tages nachgeholt werden. Im Alltag ist das fünfmalige Beten eine Herausforderung, der man nicht immer nachzugehen schafft. Die Gebetzzeiten variieren je nach Sonnenstand von Tag zu Tag. Die fünf Gebete heißen Fajr, Dhur, Asr, Maghrib und Ischa, also Morgengrauen, Mittag, Nachmittag, Sonnenuntergang und Nacht. Sie unterscheiden sich in der Länge, nicht aber im Ablauf.

Vor dem Gebet findet die rituelle Waschung statt, die Gesicht, Kopf, Hände und Füße umfasst; im Verlauf gibt es wechselnde Körperhaltungen, zu denen auch das Verbeugen und das Niederwerfen gehören; der Gebetstext ist überwiegend festgelegt. Das Gesicht des Betenden richtet sich nach Mekka, allerdings steht im Koran (2:177), dass sich wahre Frömmigkeit nicht durch das Einhalten der Gebetsrichtung auszeichnet, sondern durch den Glauben und die mildtätigen Handlungen sowie die Geduld in Zeiten der Härte. Das Gebet bildet eine der Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit Allah, und es gibt dem/der Betenden ein Gefühl von Frieden, Sicherheit und Struktur im Alltag.

Die Abgaben / Zakat

Die gerechte Versorgung aller Menschen ist ein wesentlicher Aspekt des Islam und bildet dessen dritte Säule. Da jegliche Versorgung von Allah kommt, sind auch die monetären Segnungen gleichmäßig zu verteilen. Dazu gibt jeder Muslim, der dazu in der Lage ist, einen Teil seines Einkommens zurück an die menschliche Gemeinschaft. Dieser Akt des Teilens dient sowohl der Nächstenliebe als auch der Selbstreinigung und dem Wachstum der Seele. Es ist besser, direkt nach der Ernte zu teilen, d.h. in moderner Terminologie zu Monatsanfang, wenn das Geld gerade aufs Konto gekommen ist, statt am Ende, wo man schon alles für sich selbst ausgegeben haben könnte. Das Spenden wird im Koran sehr häufig genannt und als essenzielle muslimische Handlung definiert.

Die vierte Säule des Islam ist das Fasten im Monat Ramadan, der als ganzer Monat vollständig durchgefastet wird, wenn man gesund und kräftig genug dazu ist. Das bedeutet, dass von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken wird. Auch Geschlechtsverkehr ist in dieser Zeit untersagt und viele Menschen versuchen, das Rauchen zu unterlassen. Das Fasten dient dem Erlernen des Mitgefühls mit den Armen dieser Welt, für die das Essen und Trinken nicht selbstverständlich sind. Unser Hunger und Durst führt nicht nur zu dem Gefühl von Entbehrung, sondern manchmal auch zu anderen Erscheinungen wie Müdigkeit, Kälte, Gereiztheit, Ermattung, usw. so dass wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln, was es bedeutet, keinen einfachen oder geregelten Zugang zu Nahrung zu haben. Wer nicht ernten kann, hat keine Kraft zu säen, kann wieder nicht ernten und wieder nicht säen. Das Fasten initiiert Mitleid und Hilfsbereitschaft und trägt somit zum Aufbau einer gerechten und lebenswerten Welt bei. Die Fastenzeit soll sich aber nicht nur durch das Entbehren von Essen und Trinken vom regulären Alltag abheben sondern auch durch eine innere Einkehr und ein Zurückfinden zur Spiritualität. Es ist eine Zeit des Innehaltens und der seelischen wie körperlichen Reinigung. Um ein paar Vorurteile zu beseitigen: Wer meint, abends schlemmen zu können, irrt meist, denn wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat, ist man am Abend schnell gesättigt. Oft steht viel auf dem Tisch doch es wird wenig gegessen, besonders unter der Woche. Abnehmen tut man dennoch nicht, weil man nach dem Mahl gleich schlafen geht, sofern man am nächsten Tag bei der Arbeit wieder fit sein möchte.

Der Monat Ramadan ist eine intensive Zeit, auch weil man sich zum Essen gerne mit der Familie oder Freunden trifft. Trotz der Entbehrungen freut man sich als Muslim auf den Ramadan. Manche sagen, er ist ein willkommener Gast, aber wie mit jedem Gast ist es auch schön, wenn er wieder geht. Da sich der islamische Kalender, und damit auch der Ramadan, nach dem Mond richtet, verschiebt er sich jedes Jahr ca. zehn Tage „nach vorne“.

Die letzte Säule des Islam ist die Pilgerreise nach Mekka. Wer sie unternimmt, kommt als Hajj oder Hajji zurück und hat damit einen gewissen sozialen Status innerhalb der muslimischen Gemeinschaft erlangt. Doch dies soll nicht Sinn der Pilgerreise sein. Vielmehr wird sie von vielen Menschen als innere Bereicherung erlebt. Man reinigt sich und kleidet sich dort in einfache weiße Tücher. Durch diesen symbolischen Akt wird der Alltag vollkommen zurückgelassen und der Pilgernde in eine Art reinen und unschuldigen Urzustand versetzt, der anlässlich unseres Wissens über alle unserer Verfehlungen im Laufe unseres Lebens sehr mächtig und berührend ist. Heute werden die Reisen von besonderen Reisebüros organisiert, man kann aber auch allein nach Mekka reisen. Um nach Mekka pilgern zu dürfen muss man für die dortigen Behörden nachweisen, dass man muslimischen Glaubens ist. Wenn man die Reise zu einer anderen Zeit als dem dafür vorgesehenen Monat, so heißt sie Umrah.

Der Gebetsruf – Adhan

Der Gebetsruf – Adhan

Nouman Younas
Nouman Younas

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu

Liebe Brüder und Schwestern, ich begrüße euch sehr herzlich hier in der Moschee zum Freitagsgebet.

Unsere Moschee ist ein wenig anders eingerichtet als die meisten Moscheen. Es fehlt gewissermaßen an lauten orientalischen Schmuckstücken. Ein paar leicht orientalisch anmutende Kerzenständer sind wohl die einzigen subtilen Anzeichen dafür, dass es sich hier um einen Ort handelt, der in Verbindung mit einem anderen Raum und einer anderen Zeit steht – Zeit und Raum nämlich der Entstehung des Islam als Lebensphilosophie und als Religion. Wir leben einen „Deutschen Islam“, jedoch ist er genauso authentisch wie jeder andere, denn die Betonung liegt nicht auf Deutsch, sondern auf Islam. Manche Dinge finden hier aber immer auf Arabisch statt; eines dieser „Dinge“ ist der Adhan, der Ruf zum Gebet.

Das ich hier zum Gebet rufe, habe ich einem Zufall zu verdanken. Am Tag vor der Eröffnung unserer Moschee war ich auf Facebook unterwegs und sah, dass eine liberale Moschee eröffnet werden sollte. Ich hatte davon zuvor nichts gehört, und da ich keinen Fernseher habe und Nachrichten sehr selektiv schaue, hatte ich auch von Seyran Ates keine Kenntnis. Am nächsten Tag wollte ich mal schauen, was es denn mit dieser Moschee auf sich hatte. Mit meinem roten Kopftuch zog ich also los um kurze Zeit später an einem Ort anzukommen, der sich Moschee nannte, an dem aber kaum eine andere Frau ein Kopftuch trug – mit Abaja und Tuch war ich die am konservativsten gekleidete Frau auf dieser Feier. Das war dann wohl auch der Grund, aus dem ich schließlich gebeten wurde, zum Abendgebet zu rufen. Zunächst lehnte ich dankend ab, da ich das noch nie gemacht hatte und mir nicht einmal der Wortlaut richtig geläufig war. Natürlich hatte ich den Adhan schon tausendmal gehört, in den vielen Städten des Libanon, die ich besucht hatte, aus dem Lautsprecher des Radios meiner Freundin, und in der Moschee. Doch hatte ich nie darüber nachgedacht, in welcher Reihenfolge welche Wörter genau verwendet werden, ganz geschweige von der passenden Melodie. Ich verließ also den Raum in Richtung Garten, um mich draußen weiter zu unterhalten, doch noch bevor ich ganz aus dem Gebäude herausgetreten war, kehrte ich um. Der Gedanke, dass eine andere Person als ich nun zum Gebet rufen würde, erfüllte mich mit einem ganz unangenehmen Gefühl; ich befürchte, es war Eifersucht. Ich ging also zurück und fragte, ob ich denn noch rufen dürfte. Im Eilverfahren ging man mit mir die Wörter durch, die Anzahl der Wiederholungen und ließ mich dann allein. Ich trat nach vorn, in Richtung Mekka, und dachte: „und mit welcher Melodie??!!“ So sang ich den ersten Ton und dann kam meine eigene Melodie ganz von allein. Natürlich nicht ganz unähnlich denen, die ich zuvor gehört hatte, aber dennoch meine eigene. Sie ist seitdem ungefähr dieselbe geblieben. Ich rief also zum Abendgebet, und seit diesem Tag ist mir Gottes Gnade noch viel deutlicher bewusst als zuvor, denn das Rufen erfüllt mich immer wieder mit Freude und Zuversicht, auch wenn es manchmal besser klappt und manchmal weniger.

Es ist etwas ganz Besonderes, den Adhan zu rufen, aber erst nach und nach komme ich dahinter, was diese Besonderheit ausmacht. Nun ist es mir ein Bedürfnis, ein paar Gedanken darüber zu teilen.

Zunächst aber einige Sätze dazu, dass ich eine Muezzinin bin, also offensichtlich kein männlicher Vertreter meiner Spezies. Der eine oder andere Muslim vertritt ja nach wie vor die Meinung, ich als Frau dürfe nicht zum Gebet rufen, denn diese Aufgabe sei allein Männern vorbehalten. Diese prä-emanzipatorische Einstellung beruft sich auf ein Hadith, das ich gleich erzählen werde, beruht aber sicher nicht auf diesem, sondern auf tradierten Vorstellungen der Frau als Verführerin und ihrer Stimme als Instrument dieser Verführung. Aufgewachsen bin ich mit diesen Gedanken nicht. Als ich anfing, hier zum Gebet zu rufen, war mir gar nicht bewusst, dass ich eine Männerdomäne betrete! Ich hatte darüber tatsächlich nie nachgedacht. Irgendwann, nachdem ich schon an einigen Freitagen recht regelmäßig gerufen hatte, fragte mich jemand, ob es mir nicht seltsam vorkäme, als Frau zum Gebet zu rufen. Ich wusste beim besten Willen nicht, warum; doch langsam lernte ich, was die konservative muslimische Welt hierzu zu sagen hatte. Hier also der überlieferte Hadith von Bukhari, auch zu finden bei Muslim, auf den sich die Meinung stützt, dass nur Männer zum Gebet rufen dürfen:

Nach Al Bukhari (604) und Muslim (377) also, erzählt von Ibn Omar, standen die Muslime von Medina Freitags immer vor der Moschee, um auf das Gebet zu warten. Die Ungewissheit über den exakten Beginn des Gebets empfanden sie als unangenehm, suchten daher nach einer Möglichkeit, genauer zu wissen, wann das Gebet beginnen würde. Eines Tages nahm diese Suche konkrete Züge an, und so sagten manche von ihnen: „Lasst uns eine Glocke benutzen, wie es die Christen tun“. Andere sagten: „Nein, wir verwenden ein Horn, wie die Juden“. Omar sagte zum Propheten Mohamed: „Warum schickst du nicht einen Mann, um zum Gebet zu rufen?“ Da sagte der Prophet: „Oh Bilal, steh auf und ruf die Leute zum Gebet.“

Omar hatte also gefragt: „Warum schickst du nicht einen Mann um zum Gebet zu rufen?“ und Mohamed hatte daraufhin einen Mann ausgewählt. Er verwendete in der Tat das Wort Mann – aber stellt dies ein konstituierendes Element dar? Ich gehe davon aus, dass es üblicher war, einen Mann vorzuschlagen, einfach so, ohne große Gedanken darüber, wohin so ein kleines Wort führen könnte. Wir bedenken ja nicht alles, was wir sagen, bezüglich der Zukunftswirkung jedweden Wortes. Es wird eher der Zufall oder patriarchale Grundgedanken des Sprechers gewesen sein, die dazu führten, dass nach einem Mann gefragt wurde.

Ein besonders kluger Kopf schreibt im Internet auf der Seite Quora, dass ja mittlerweilse seit 1400 Jahren immer nur Männer zum Gebet gerufen haben, wodurch bewiesen wäre, dass dies die korrekte Praxis sei. So kann man es natürlich auch sehen.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass sich Menschen von derartigen Beweisführungen beeindrucken lassen. Zufallsäußerungen, unlogische Kausalverknüpfungen, Vermischung von kulturellem Zeitgeist und Religion werden nicht von jedem hinterfragt. Die gute Nachricht ist, dass es überhaupt kein Problem darstellt, wenn ich als Frau zum Gebet rufe, denn die Aussage des Hadiths ist meiner Ansicht nach nicht großartig relevant. Im Koran habe ich ebenfalls nichts gefunden, was dagegen spräche, als Frau zum Gebet zu rufen. Wir finden in Sure 33, Vers 32 zwar Folgendes:

“O Ehefrauen des Propheten! Ihr seid nicht wie irgendwelche von den anderen Frauen, vorausgesetzt dass ihr euch (wahrhaft) Gottes bewusst bleibt. Darum seid nicht überweich in eurer Rede, dass nicht einer, dessen Herz krank ist, bewegt würde (nach euch) zu verlangen: aber überdies sprecht auf gütige Weise.“ Dieser Vers wird herangezogen, um Frauen dazu zu bewegen, ihre Stimme nicht im Rahmen des Gottesdienstes zu erheben. Dies ist eine Anweisung an die Frauen des Propheten (!), die in der Geschichte des Islam eine besondere Rolle innehatten. Dies wird in den vorangehenden Versen 30 und 31 sehr deutlich erklärt: „O Ehefrauen des Propheten! Wenn eine von euch offenkundigen unmoralischen Verhaltens schuldig werden würde, ihr Leiden (im Jenseits) wäre das Doppelte (dessen anderer Sünden): denn das ist fürwahr leicht für Gott. Aber wenn eine von euch demütig ergeben Gott und Seinem Gesandten gehorcht und gute Taten tut, ihr werden Wir ihre Belohnung zweifach erteilen: denn Wir werden für sie eine höchst vortreffliche Versorgung (im kommenden Leben) bereitet haben.“ Ganz offensichtlich sind also diese Vers an die Frauen des Propheten gerichtet. Eine solche bin ich nicht, auch wenn ich den Propheten Mohamed besonders in mein Herz geschlossen habe. Die Frauen des Propheten hatten eine Stellung in der Gesellschaft die vor und nach ihnen niemand haben konnte. Auch rein inhaltlich muss man sich recht weit aus dem Fenster lehnen, um hieraus ein Verbot des Adhan für Frauen zu schließen. So rufe ich also wann immer es mir möglich ist, am Freitag nach der Arbeit hier in unserer Moschee zum Gebet. Als Frau, und nicht als einzige Frau der Welt. Auch Amina Wadud und Ani Zoneveld rufen zum Gebet.

Der Ruf läutet das Freitagsgebet ein. Man sammelt sich im Gebetsraum, spricht miteinander, lacht und scherzt, tauscht Fragestellungen aus und Antworten über Arbeit, Familie, Sorgen, Freuden und die Wissenschaften. Meist wird leise geredet, während man auf den Adhan wartet, den Ruf zum Gebet.

Vor dem ersten Ton gibt es im Moscheeraum meist noch das eine oder andere Geräusch. Beim ersten gesungenen Ton entsteht zunächst Geräuschlosigkeit. Die Menschen hören auf, sich zu unterhalten.

In dieser Geräuschlosigkeit erklingt nun der erste Ton, und es entfaltet sich der Ruf zum Gebet. Es ist die tonale Manifestation unserer Verbindung zu allem was ist – zu allem, was hört, und zu allem, was Schwingungen wahrnimmt, der Verbindung zu Allah und all seiner Schöpfung.

Wenngleich der Gebetsruf eine Melodie hat, ist er doch kein Lied. Er ist auch kein Gebet. Er ist ein Ruf, an die Gläubigen gerichtet, sich nun bereit zu machen, sich zu reinigen, innerlich wie äußerlich, um vor den Schöpfer aller materiellen wie nicht materiellen Dinge zu treten und ihm Ehrerbietung zu erweisen. Doch nun geschieht häufig das, was mich immer wieder ein wenig erschreckt. Die Stille, die zuvor lediglich die Abwesenheit von Geräusch war, wird nun gerade durch die Anwesenheit des tönenden Klanges zu wahrer Stille. Denn während des Adhans entsteht hin und wieder eine Stille, die mächtiger ist, als die Stille, die ihr vorangeht, obwohl es sich streng genommen nun gar nicht mehr um Stille handelt, denn es gibt ja den Klang des Adhan. Es ist dies vielleicht die Stille der Seelen, die sich im Raum ausbreitet und deren Kraft der Rufer mit einem leichten Erschrecken spürt. Möglicherweise ist es die Stille einer Macht, die, da sie gerufen wurde, nun angekommen ist, im Raum. Nicht immer stellt sich diese Stille ein – woran auch immer dies liegen mag, manchmal bleibt es bei der Geräuschlosigkeit – aber manchmal ist sie recht deutlich zu spüren. Ich glaube, diese Art Stille entsteht dann, wenn alle Seelen von innen ganz still werden und dem Ton erlauben, sie tief zu berühren. Wenn die Seele ganz im Hier und Jetzt ist, aber als vollkommene Seele, mit all ihren Erinnerungen, ihrem Schmerz, ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Der Ton resonniert gewissermaßen in den Seelen der Zuhörer und wird das Außen des Innen. Zunächst bin nur ich der Rufer, aber jede Seele wird mit mir zum Rufer und ruft Allah an, und plötzlich verliert sich mein Ich und der Rufer ist jeder – jede Seele vereint sich gleichsam in diesem Ton und ich als Person bin nur noch diejenige, die den äußeren Ton zur Verfügung stellt. Ich bin nicht der Rufer, ich bin der Ton.

Dabei glaube ich nicht, dass das mit jedem Ton möglich ist, oder mit jedem Text.

Die Töne treffen nicht zufällig auf die Seelen der hierfür Empfänglichen. Hierzu tragen ganz klar auch die gerufenen Worte bei. Nach sunnitischer Überlieferung hatte Bilal die Eingebung dieser Worte. Er war es, der sich überlegte, welche Aussagen und Aufforderungen zu rufen sinnvoll wären. Nach schiitischer Überlieferung erschienen die Worte dem Propheten Mohamed in einem Traum, überbracht vom Engel Gabriel. Ich bin geneigt, letzteres zu glauben, denn genau diese Wörter haben einen besonders intensiven emotionalen Stimmungsgehalt. Der erste Ton, der gehalten wird, ist ein Ah – ein lautes Anrufen Allahs und zugleich ein klagender Laut. Wessen Seele klagt, der hört ihn deutlich und lang und empfindet ihn möglicherweise als etwas Angenehmes, denn dieser Vokal bringt sein Inneres zum Klingen. So lange es um Allah geht, bleibt das Ah der vordringliche Vokal. Das Ah ist auch ein Laut der Bewunderung und ein Laut, den wir von uns geben, wenn wir etwas Überraschendes erfahren oder lernen. Klage und liebende Bewunderung liegen auf der Gefühlsebene eng beieinander. Klage und Bewunderung bilden einen engen Dreibund mit der Hoffnung, die im Guten liegt, das wir wünschen und nach dem wir streben. Das A ist ein offener Laut. Er öffnet das Innere des Menschen hin zum Universum.

Das erste Zeugnis des Adhan gilt dem Bezeugen des einzigen, allmächtigen Gottes. Wir tun ihm kund: „Ich bin da. Bemerke mich und höre mich an, in meiner Bewunderung deines Wesens und in meiner Liebe zu dir. Ich rufe dich, damit du mich hörst und deinen schützenden Arm um mich legst, denn ich klage dir mein Leben und bitte, dass du mich nicht verlässt. Ich kann dies nur von dir wünschen, Allah, denn nur du bist wahrhaft größer als alles in mir und alles außer mir.“ „Allahu akbar“.

Das zweite Zeugnis gilt dem Propheten Mohamed, dem Rassul; und hier wechselt der Adhan zum Uh. Im Gegensatz zum Ah, das einen ausrufenden Klang der Brust und des Herzens darstellt, ist das Uh ein einkehrender Ton des Unterleibs. Er bezieht die Seele zurück zum Inneren. Legt man die Hände zum Rufen an den Mund, so bewegen sich die Arme beim Ah ganz automatisch nach außen, lassen den Brustkorb groß und weit werden, um sich beim Uh wieder zusammen zu ziehen, und den Brustkorb zu schützen. So ergibt sich gleichermaßen ein Flügelschlag vom Ah zum Uh und dann zurück zum Ah, gleich mehrere Male, denn der Satz wird zweimal gerufen, bis der Ton letztendlich beim Ah bleibt, denn nun darf die Seele dorthin schweben, wohin sie schweben mag, in ihre eigene Welt, die sich ihr nun durch den Ton eröffnet hat. So ist der Adhan ein Hin und Her zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Ruf hinaus ins Universum und der Rückkehr zum Selbst, einem erneuten Ruf nach Gott und einer erneuten Rückkehr zum Selbst oder zu unserer Seele. Man könnte auch sagen, die Seele bewegt sich hin und her zwischen der Weite des Universums und der engen Nähe des Selbst.

Klang ist Leben, nennt Barenboim sein lesenswertes Buch. Der Klang jeder Musik, und so auch der Klang des Adhans, repräsentiert gleichsam unsere Existenz. Wir sind ein Klang, und so wie ein Klang entsteht, entsteht unser Leben – gleichsam aus dem Nichts heraus werden wir geboren. Der Klang wächst langsam heran, so wie auch wir heranwachsen, wird laut und voller Lebenskraft, um dann wieder langsam wieder leiser zu werden, zu vergehen und schließlich hier auf der Erde nur noch in der Erinnerung weiter zu leben. Wie der Klang, so sterben auch wir, verlassen diese Welt und bleiben als Gedanken oder vielleicht als Energiefelder im Diesseits zurück. Im Universum ist jedoch alles, was einmal angestoßen wurde, unendlich, so wie das Universum selbst. Einmal angestoßen, tönt der Klang, der Klang unseres Lebens, endlos weiter, unabhängig von Raum und Zeit. Vor ein paar Tagen las ich so passend im Beitext zu einem psychologischen Spiel: „In alten Mythen ist der Mensch selbst ein Gefäß, dem Gott seinen Atem eingehaucht hat – ein Gefäß, das zu klingen beginnt. Unser Wort „Person“ drückt das ebenfalls aus. Person heißt wörtlich „durchtönend“, von lateinisch sonare – tönen, klingen.Wenn die großen Zusammenhänge im einzelnen Menschen Widerhall finden, und – umgekehrt – wenn auch das Besondere eines Individuums an vielen Stellen in der Welt Resonanz findet, dann wird eine Person zur wohlklingenden, stimmigen Persönlichkeit.“ (Johannes Fiebig, „Du bist, was du vergisst“, 2018). Wir sind also ein Gefäß, das klingt, indem wir etwas von Außen aufnehmen und klingen lassen. Und zugleich lassen wir durch unseren Klang etwas von innen hinaus.

Um noch einen Moment im Bild zu bleiben – wahrscheinlich sind wir nicht ein einzelner Ton, sondern ein ganzes Geflecht von Tönen, die wir stets versuchen, zu harmonisieren. Diese Töne sind Manifestationen unserer Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken. Manche unserer Klänge verbinden sich zu wundervollen Harmonien. Andere Klänge bilden zusammen eine Kakophonie, die das ungeübte Ohr kaum zu ertragen vermag. Wir versuchen stets automatisch, unsere verschiedenen Klanganteile, die Klanganteile unserer Seele also, so miteinander zu verbinden, dass eine ansprechende Harmonie entsteht. Erlebnisse und Erfahrungen bilden so eine Klangharmonie, die unsere Identität ausmacht, welche mit jeder Erfahrung erweitert wird. Auch mit äußeren Klängen, das heißt mit anderen Menschen, versuchen wir Harmonie zu erreichen. Manche Klänge empfinden wir als zu uns unpassend und meiden sie, mit anderen verbinden wir uns ganz mühelos und freudvoll, weil sie mit unseren eigenen Klängen so gut zusammen passen. Wir sagen dann, wir sind miteinander im Einklang. Manchmal arbeiten wir unter Einsatz von Selbstdisziplin daran, dass unser Denken und unser Handeln miteinander in Einklang kommen.

Unser Prophet Mohamed war ein Warner. Als solcher, müsste er eigentlich durch einen lauten Klang verkörpert sein, den man überall hört, einer Art Warnschuss oder Trompetengetöse. Dennoch stelle ich ihn mir besonders leise vor. Der Klang des Propheten ist ein Ton, den man bei übermäßiger Geschäftigkeit nicht zu hören vermag, unübertroffen jedoch an Wärme und Liebe. Vielleicht haben wir alle so einen ganz warmen, leisen Ton in uns. Vielleicht ist das der Ton der selbstlosen Liebe. Der Ton liebender Ergebenheit, der in uns singt, wenn wir „muslim“ sind? Muslim nicht im Sinne einer Religionszugehörigkeit, sondern als Zustand. Muslim sein bedeutete dann, einen leisen Ton in sich zu tragen, der nie vergeht. Einen leisen, warmen Ton, der in unseren Gebeten zu Gott hin klingt und von ihm wahrgenommen wird. Ein Ton, ähnlich eines fein gesponnenen Fadens, der immer weiter klingt und in sich die Hoffnung trägt, und das Vergeben, die Liebe und die Gnade und das, was in den Interpretationen des Wortes „Islam“ immer als „Unterwerfung“ wiedergegeben wird, aber tatsächlich eine liebevolle, friedfertige Hingabe meint. Während alle Veränderungen, die wir von Tag zu Tag, sogar von Stunde zu Stunde, in uns spüren, unsere Klänge ändern, mal laut, mal leise, mal hart, mal weich, mal kälter, mal wärmer – so ist dieser eine, feine Ton, doch immer da – der Ton der beweist, dass wir muslim sind. Muslim, wie gesagt, als Zustand, als Sein. Diese Verbindung zu Gott besteht zwar immer, doch bekräftigen wir sie in unserem Leben stets in zwei besonderen Momenten: Wenn wir beten, und wenn wir Gutes tun.

Im Koran lesen wir:

2:2-4

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist (dazu bestimmt,) eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten (zu sein), die an (die Existenz dessen) glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten; und die an das glauben, was dir (o Prophet) von droben erteilt worden ist, wie auch an das, was vor deiner Zeit erteilt wurde: denn es sind sie, die in ihrem Innersten des kommeden Lebens gewiss sind!

2:43

…und verrichtet beständig das Gebet, und gebt aus Mildtätigkeit, und verbeugt euch im Gebet mit allen, die sich also verbeugen.

2:83

Und siehe! Wir nahmen dieses feierliche Versprechen von (euch) den Kindern Israels an: Ihr sollt keinen außer Gott anbeten; und ihr sollt Gutes tun euren Eltern und euren Verwandten und den Waisen und den Armen; und ihr sollt zu allen Leuten auf gütige Weise sprechen; und ihr sollt beständig das Gebet verrichten; und ihr sollt ausgeben aus Mildtätigkeit.

2:277

Wahrlich, jene, die Glauben erlangt haben und gute Werke tun und beständig das Gebet verrichten und aus Mildtätigkeit ausgeben – sie werden ihren Lohn bei ihrem Erhalter haben, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein.

8:2-4

Gläubige sind nur jene, deren Herzen vor Ehrfurcht erzittern, wann imer Gott genannt wird, und deren Glauben gestärkt wird, wann immer Seine Botschaften Ihnen übermittelt werden, und die iher Vertrauen auf ihren Erhalter setzen – jene, die beständig das Gebet verrichten und für andere ausgeben von dem, was Wir ihnen als Versorgung bereiten: es sind sie, die wahrhaft Gläubige sind! Für sie wird es große Würde in der Sicht ihres Erhalters geben und Vergebung der Sünden und eine höchst vortreffliche Versorgung.

In 19:31,32 lesen wir, wie der Prophet Jesus sagt: „Siehe, ich bin ein Diener Gottes. Er hat mir Offenbarung gewährt und mich zu einem Propheten gemacht und mich gesegnet gemacht, wo immer ich sein mag; und Er hat mir Gebet und Mildtätigkeit geboten, solange ich lebe, und hat mich versehen mit liebender Achtung gegenüber meiner Mutter; und Er hat mich nicht überheblich oder bar der Gnade gemacht.“

19:54,55

Und erinnere dich, durch diese göttliche Schrift, an Ismael. Siehe, er hielt immer sein Versprechen und war ein Gesandter Gottes, ein Prophet, der seinen Leuten Gebet und Mildtätigkeit zu gebieten pflegte und in der Sicht seines Erhalters Gunst fand.

22:41 sagt uns, dass Gott wohl den Betenden und Mildtätigen wohl gewahr ist .

…(wohl gewahr) jener, die selbst wenn wir sie auf Erden in sicherer Position einsetzen, weiterhin beständig das Gebet verrichten und aus Milttä geben und das Tun dessen gebieten, was recht ist, und das Tun dessen verbieten, was unrecht ist; aber bei Gott liegt das endgültige Ergebnis aller Geschehnisse.

Wenngleich es noch eine Vielzahl solcher Koranstellen gibt, ende ich mit 98:5

und überdies, ihnen wurde nichts anderes geboten, als dass sie Gott anbeten sollten, aufrichtig in ihrem Glauben an Ihn allein, sich abwendend von allem, was falsch ist, und dass sie beständig das Gebet verrichten sollten; und dass sie aus Mildtätigkeit ausgeben sollten: denn dies ist ein mit immerwahrer Triftigkeit und Klarheit versehenes Moralgesetz.

In wenigen Minuten werden wir das Freitagsgebet verrichten. Wir könnten dafür genauso gut zu Hause bleiben und da beten, wo wir es immer tun, doch kommen wir hier zusammen, um das gemeinsam zu tun. Dabei senden wir jeder einzeln einen Ton, zart wie ein Faden und zugleich kraftvoll wie ein Seil, hell wie der lichte Tag und zugleich dunkel wie die tiefste Nacht, eifersüchtig, hartherzig, unumsichtig und gnädig zugleich. Unseren eigenen Ton, der sich manchmal Bahn bricht, entgegen unseren Wünschen und unserem Verstand. Manchmal ist es die reine Pflichterfüllung, die uns bewegt, in der Moschee zu beten, denn nicht immer kann der Mensch seine spirituellen, geistigen Ideale leben, und es gibt auch solche Pflichtmenschen, die dem Spirituellen wenig abgewinnen können, aber deren Ton stark und reißfest trägt. Jeder eigene Ton verbindet sich nun mit allen anderen Tönen in diesem Raum und alle zusammen

hallen hinaus ins Universum. Das Gebet hält uns nicht einfach zusammen als Gemeinde, sondern wir sind die Verkörperung der Schöpfung als Einheit. Indem sich unsere Einzeltöne miteinander verbinden, verbinden auch wir uns miteinander. Sure 62 Vers 9 erinnert uns: Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Wenn am Tag der Gemeindeversammlung (also des Freitagsgebets) der Ruf zum Gebet ertönt, eilt zum Gedenken Gottes und lasst allen weltlichen Handel: dies ist zu eurem eigenen Wohl, wenn ihr es nur wüsstet. Und wenn das Gebet beendet ist, zerstreut euch freizügig auf Erden und sucht etwas von Gottes Huld zu erlangen; aber gedenkt Gottes oft, auf dass ihr einen glückseligen Zustand erlangen möget! Doch es kommt vor, dass wenn Leute einer Gelgenheit für weltlichen Gewinn oder eines vergänglichen Vergnügens gewahr werden, sie üerstürtzt dorthin eilen und dich stehen und predigen lassen. Sag: Das was bei Gott ist, ist weit besser als alles vergängliche Vergnügen und aller Gewinn! Und Gott ist der Beste der Versorger!“

Mawlid al Nabawi: a beatifull sunnah is Istikharah Prayer

Mawlid al Nabawi: a beatifull sunnah is Istikharah Prayer

What is Istikharah?

Istikharah is a du’a made in conjunction with non-obligatory prayer; it is a voluntary prayer that Prophet Mohammad ASWS recommended to anybody wanting to do something but feeling hesitant about doing it. It is seeking guidance in order to make the right decision. It is reported that Prophet Muhammad ASWS would have tough his companions to make Istikharah just as he would have tough them verses from the Quran. One should pray two units of non-obligatory (voluntary) prayer and then say the du’a of Istikharah.

Du’a of Istikharah

O Allah, I ask You to show me what is best, through Your knowledge, and I ask You to empower me, through Your power, and I beg You to grant me Your tremendous favour, for You have power, while I am without power, and You have knowledge, while I am without knowledge, and You are the One who knows all things unseen. O Allah, if You know that this matter (mention the thing to be decided) is good for me in my religion and in my life and for my welfare in the life to come, then ordain it for me and make it easy for me, and then bless me in it. And if You know that this matter is bad for me in my religion and in my life and for my welfare in the life to come, then distance it from me, and distance me from it, and ordain for me what is good wherever it may be, and help me to be content with it”.

Allahumma innee astakheeru-ka bi-’ilmik wa astaqdiru-ka bi-qudratik wa as-alu-ka min fadlikal-‘azeem fa-inna-ka taqdiru wa laa aqdir wa ta’lamu wa laa a’lam wa Anta ‘Allamul-ghuyoob. Allahumma in kunta ta’lamu anna hadhal-amr khairul-lee fee deenee wa ma’aashee wa ‘aaqibati amree faqdur-hu lee wa yassir-hu lee thumma baarik lee feeh. Wa in kunta ta’lamu anna hadhal-amra sharrul-lee fee deenee wa ma’aashee wa ‘aaqibati amree fasrifhu ‘annee wasrifnee ‘anh waqdur liyal-khayra haythu kaan thumma ardhinee bih.

When to recite the du’a of Istikharah

It is recommanded in our tradition to recite the du’a of Istikharah either before or after the tasleem. Some scholars recommend before, because Prophet Muhammad himself ASWS used to make a lot of du’a before the tasleem.

When to pray Istikharah

Islamic scholars agree that Istikharah is suggested when a person does not know the right decision to make. If one is unsure about whether or not his or her or their possible actions would bring about good in both this world and the hereafter. If a person is hesitating, not knowing if “it” is the right thing to do then Istikharah is the du’a that may set his mind at ease. It is the du’a that acknowledges Allah as the only strength and only power in this world. His / Her/ Its guidance is necessary to ensure that human beings follow the straight and correct path that leads to a blissful life everlasting.

For instance, if a person wants to find out the right time to do something, such as whether or not to do voluntary Hajj this year, or to propose marriage to a particular person, then it is acceptable and recommended that he or she prays Istikharah. Understand carefully that

Istikharah is for matters that are considered either recommended or permissible. It is for cases in which there is a conflict. Should I give to this charity or the other? Should I apply for this halal job or another? One should prays Istikharah concerning the thing he or she or they think is more likely to be better and then go ahead with doing it.

It is recommended, before praying Istikharah, to consult someone whom you know is sincere, caring and has experience, and who is trustworthy with regard to his or her or their religious commitment and knowledge.

Alhamdouli Allah – Alla praises ought to be addressed to Allah.

Oua Allahou a’lam – Allah is The omniscient.

Some common mistakes concerning Istikharah are generally as follow:

Believing that there is a set number of times to pray Istikharah.

There is no set time period for praying Istikharahand it is permissible to repeat it more than once.

Believing in the need for a dream.

Some people believe that after praying Istikharah they should experience a dream or feeling of ease. This is not correct. Even without such a thing, if a person makes a decision it should be hoped, due to the sincere du’a of Istikharah, that this will be the best decision.

Believing that the du’a was not answered.

If a person does not succeed in a decision he takes after praying Istikharah this does not mean that the du’a did not bring about what was best. Often it is a case of Allah knowing what is best while we human beings do not. If we take particular note of the words of the

du’a we will notice we are not only asking Allah for what is best but also asking Him / Her / It to remove from us, things of no benefit to us, either in this life or in the hereafter.

After praying Istikharah if Allah makes things easy for you then this is a sign that the thing you decided is good for you and if obstacles come in the way and things become difficult then this is an indication that Allah is pushing you away from a bad decision. Finally, Istikharah is not prayed for matters that are considered obligatory acts of worship or legal citizen duties. And let’s not orget that egocentrism and hatred or discriminations are not part of the good deeds Allah has implemented into the Quran’ic ethics, since the last sermon of the Prophet Muhammad ASWS was the following one, according to the tradition:

O People, just as you regard this month, this day, this city as Sacred, so regard the life and property of every Muslim as a sacred trust. Return the goods entrusted to you to their rightful owners. Hurt no one so that no one may hurt you. Remember that you will indeed meet your Lord, and that He will indeed reckon your deeds. God has forbidden you to take usury (interest), therefore all interest obligation shall henceforth be waived. Your capital, however, is yours to keep. You will neither inflict nor suffer any inequity. God has Judged that there shall be no interest, and that all the interest due to Al-Abbas ibn Abd’el Muttalib shall henceforth be waived…

Beware of Satan, for the safety of your religion. He has lost all hope that he will ever be able to lead you astray in big things, so beware of following him in small things.

O People, it is true that you have certain rights with regard to your women, but they also have rights over you. Remember that you have taken them as your wives only under a trust from God and with His permission. If they abide by your right then to them belongs the right to be fed and clothed in kindness. Do treat your women well and be kind to them for they are your partners and committed helpers. And it is your right that they do not make friends with any one of whom you do not approve, as well as never to be unchaste.

O People, listen to me in earnest, worship God, perform your five daily prayers, fast during the month of Ramadan, and offer Zakat.Perform Hajj if you have the means.

All mankind is from Adam and Eve. An Arab has no superiority over a non-Arab, nor does a non-Arab have any superiority over an Arab; a white has no superiority over a black, nor does a black have any superiority over a white; [none have superiority over another] except by piety and good action. Learn that every Muslim is a brother to every Muslim and that the Muslims constitute one brotherhood. Nothing shall be legitimate to a Muslim which belongs to a fellow Muslim unless it was given freely and willingly. Do not, therefore, do injustice to yourselves.

Remember, one day you will appear before God and answer for your deeds. So beware, do not stray from the path of righteousness after I am gone. 

O People, no prophet or apostle will come after me, and no new faith will be born. Reason well, therefore, O people, and understand words which I convey to you. I leave behind me two things, the Quran and my example, the Sunnah, and if you follow these you will never go astray.

All those who listen to me shall pass on my words to others and those to others again; and it may be that the last ones understand my words better than those who listen to me directly. Be my witness, O God, that I have conveyed your message to your people.“

Thus the beloved Prophet completed his Final Sermon, and upon it, near the summit of Arafat, the revelation came down:

„…This day have I perfected your religion for you, completed My Grace upon you, and have chosen Islam for you as your religion…“ (Quran 5:3)

Even today the Last Sermon of Prophet Muhammad is passed to every Muslim in every corner of the world through all possible means of communication. Muslims are reminded about it in mosques and in lectures. Indeed the meanings found in this sermon are indeed astounding, touching upon some of the most important rights God has over humanity, and humanity has over each other. Though the Prophet’s soul has left this world, his words are still living in our hearts. And may Allah be present in each and every decision we make in our everyday earthly life.  Ameen.

Salam ‘aalaykoum, koumou ili al-salat – let’s stand up to pray.

By: Imam & Dr. Ludovic-Mohamed ZAHED