Freiheit

Tim Marshall

 Die neue Gemeinschaft

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 Die neue Gemeinschaft

Wenn ich heute von meiner Kindheit erzähle, muss ich beachten, dass nicht das Kind erzählt, sondern ich mit meinen vielen Jahren. Das damals Erlebte rekonstruiere ich und interpretiere es aus meiner heutigen Sicht. Es ist keine exakte Wiedergabe, sondern eine neue, die sich mit der Zeit immer wieder ganz leicht wandeln kann.

Letztlich habe ich ein Gebilde zusammengebastelt, so wie ich es mir gern vorstelle.

       Und so ist es auch mit unserer Religion. Wir betrachten die ersten Muslime von unserem heutigen Blick aus, oft als fertige Muslime mit einer neuen Religion. Aber das war ganz und gar nicht so. Es fällt uns schwer, die Jahrhunderte einer Entwicklung zu überbrücken und Muhammads Zuhörer so zu sehen, wie sie waren. Die erste Gemeinde, die sich gerade erst zusammengefunden hat, das waren Menschen, die in Mekka, später in Jathrib, dem neuen Medina wohnten, Gottsuchende, Juden, unterschiedliche Strömungen von Christen, Vielgläubige. Sie alle hatten einen speziellen religiösen Hintergrund und standen sicher fest in ihrem Glauben. Ihr Glaube war oft durch ihre Stammeszugehörigkeit fest etabliert. Aber sie waren offen und neugierig. Diesen Gesichtspunkt müssen wir viel mehr beachten, wenn wir über die ersten Gemeindemitglieder dieser neuen religiösen Strömung und die langzeitliche Herabsendung des Koran sprechen und um den Inhalt des Koran mit seinem Dialog zwischen Gott und den Menschen und ihrer Geschichte besser zu verstehen.

    In Arabien gab es keinen Staat mit einem Rechtsystem, sondern es lebten dort viele Stämme mit jeweils eigener Stammesethik. Mehrere Stämme oder einzelne Clans bewohnten gemeinsam einen Marktflecken, in der es nicht immer friedlich zuging. Das Recht der stärkeren Gruppierung oder Clan bestimmte mehr oder weniger das Leben innerhalb eines Stammes oder einer Ortschaft.

     Wir dürfen nicht vergessen, dass es keine Menschen gab und gibt, dessen Persönlichkeit sich nicht weiterentwickelt. Auch Muhammad war keine unveränderliche Persönlichkeit. Dessen Lebensumstände werden sich drastisch verändern.

     Stellt euch vor: Da kommt jemand daher, vielleicht auf dem Markt als Zentrum der Begegnung, der von sich behauptet: „Mich schickt Gott zu euch!“ Er habe eine Botschaft übermittelt bekommen, in der es hieß: Er sei als ein Warner mit einer göttlichen Botschaft zu den Menschen gesandt worden. Die Botschaft würde lauten: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, macht euch bereit und verneigt euch vor eurem Herrn.

      Wie könnten da die Menschen reagiert haben! Stellt es euch einfach mal vor! Sie würden untereinander tuscheln, ihn für verrückt halten, den Kopf schütteln. Andere überlegen vielleicht: Meint er den einen von unseren Göttern, Allah? Hat er sich das jetzt nur ausgedacht oder schickt Allah wirklich diesen Mann und warum?

    Viele gehen empört weg, andere kommen näher und hören sich das an, was Muhammad zu sagen hat. Sie werden vielleicht zuerst über das Gehörte erstaunt, dann nachdenklich sein und schließlich Muhammad bestürmen, er solle doch mehr erzählen: Warum hat Gott ihn und keinen anderen gewählt und was soll das Ganze eigentlich bedeuten! Anfangs werden sie die neuen Verse aus der Sicht ihrer eigenen religiösen Strömung oder Religion betrachten, Schlüsse daraus ziehen. Vielleicht denkt ein Jude: Steht das nicht so ähnlich, nur mit anderen Worten, in unserem Alten Testament? Oder: Das, was Muhammad berichtet über Isa, Jesus, kenne ich doch schon! Und so findet sich vieles, was in den alten, religiösen Büchern steht, im Koran wieder. All das, was die Menschen damals berührte, was Teil ihres Lebens und ihrer Situation im Alltag und im Besonderen war, findet in den Worten Gottes Beachtung. Es spiegelt ihr Leben und ihre Fragen auf besondere Situationen wider. Und viele Fragen von uns heute strahlen zurück und geben auch uns Antwort.

    Warum ich so genau auf die Situation von damals eingehe? Ich möchte euch einfach sensibilisieren. Stellt euch vor: Ihr kommt in eine neugegründete Gruppe, da ist vielleicht ein Biologe, ein Geologe, ein Vulkanologe. Sie haben aber ein Thema mit einem Ziel, eine Aufgabe. So ungefähr könnte auch die neue religiöse Zusammensetzung der ersten Gruppe, der ersten Gemeinschaft gewesen sein. Wir sagen heute Team mit Mitgliedern, die alle unterschiedliche Hintergründe und Voraussetzungen mitbringen. Es war auf alle Fälle nicht leicht, daraus eine Gruppe mit fast übereinstimmender Denkweise zu bilden. Das passierte wohl erst lange nach dem Tode des Propheten.  

    Das Neue daran war die Bildung einer Gemeinschaft, die nicht auf der Grundlage der Blutsverwandtschaft, sondern auf der Grundlage bestimmter miteinander geteilter Werte beruhte. Im Hinterkopf herrschte sicher noch ihre vorherige religiöse Gesinnung, aber langsam teilten sie bestimmte Überzeugungen miteinander.

      Gott ladet also alle Menschen ein, egal welcher religiöser Strömung sie angehören. Sicher werden es mit der Zeit immer mehr, die kommen, um zuzuhören, Fragen zu stellen und langsam zu begreifen. Es sind diejenigen, auf deren Fragen Gott in eine der nächsten Sendung auf ihre Fragen Antwort gibt. So entsteht ein Dialog zwischen den ersten Gemeindemitgliedern um den Propheten Muhammad und Gott. Es ist aber noch nicht der Islam, so wie wir ihn heute kennen.

    Gott bezeichnete Ibrahim als einen Hanif. Hanif bedeutet: ‚Gott ergeben sein, dem einzigen Gott nichts beigesellen‘. Ich würde sagen: Sie waren Gott-Gläubige. Der koranische Ausdruck ‚ḥanīf‘ hat etwa die Bedeutung: ‚Nicht zu den Heiden zu gehören‘. Die Sure 3:95 sagt darüber: „Sag: Gott hat die Wahrheit gesagt. Darum folgt der Religion Abrahams, eines Hanifen – er war kein Heide.“

     Ich denke, viele dieser Hanifen, die zu Muhammad kamen, gehörten diesem Monotheismus an, der nicht mehr mit dem Christentum noch mit dem Judentum identisch war. Und sie grenzten sich folglich auch vom Heidentum, dem Polytheismus, mit dem Vielgötterglauben vieler Stämme in Mekka und in ganz Arabien ab.

    Übrigens: Der Koran spricht nicht ein einziges Mal in einer Anrede zu einem Muslim, sondern zu Gläubigen, zu Frauen, zu Einzelpersonen. Wenn über den Islam bzw. über einen Muslim gesprochen wird, dann im Sinne des Ergebens und Glauben an den Einzigen. Ein Beispiel in Sure 2: 112: „Doch wer sich Allah ergibt und Gutes tut, der hat seinen Lohn bei seinem Herrn und diese werden weder Angst haben noch werden sie traurig sein.“ Muhammad Assad sagt dazu: Dieser im Koran mehrfach wiederholte Ausdruck (sich Gott ergeben) stellt eine vollkommene Definition des ‚Islam‘ dar, das von dem Wurzelverb aslama (er ergab sich) abgeleitet ist und ‚Selbstergebung in Gott‘ bedeutet. Und genau in diese Sinne werden die Begriffe ‚Islam‘ und ‚Muslim‘ im Koran verwendet. Wer Gott sich ergibt ist ein Muslim.

     Hier noch eine andere Sicht auf eine andere Zeit: Die Sure 10:84 sagt aus: Und Moses sprach: “O mein Volk, habt ihr an Allah geglaubt, so vertraut nun auf Ihn, wenn ihr euch (Ihm) wirklich ergeben (Muslimin) habt.” Moses wandte sich bei dem Treffen mit dem Pharao an die Israeliten, also an sein Volk und wahrscheinlich auch an die Ägypter: Wenn ihr wirklich an Gott glaubt und ihm ergeben seid, dann also könnt ihr ihm auch vertrauen.

      Muhammad hatte eigentlich sicher gar nicht vor, eine neue Religion zu bilden. Er wollte nur eine neue Qualität im Glauben, eine neue und bessere Stufe. Er fühlte sich bestimmt nicht als Religionsstifter. Er behauptete ja immer nur ein Warner zu sein. Und so steht es auch im Koran.

     Der neue Glauben an den Einen Gott veränderte die Menschen, so dass aus Christen, Juden usw. erst mit der Zeit Muslime wurden. Das heißt, der Koran, der an die damaligen Menschen gesandt wurde, ist an Menschen gesandt, die vorher ganz anders glaubten. Erst als sie sich ethisch und religiös annäherten, wurden sie zu einer festen Gemeinschaft und der Islam entstand. So müssen wir es heute betrachten.

    Viele Probleme, die es damals gab und auf die der Koran damals Antwort gab, gibt es auch heute noch. Darum können wir heute den Koran noch anwenden, aber nur aus unserer heutigen Sicht und darum ist auch der Koran lebendig geblieben.

 Er griff Fragen auf, die die Menschen aller religiösen Sichtweisen betraf. Es betraf Dinge, die seiner eigenen religiösen Gedankenwelt entsprangen.

    Der Koran hat somit eine irdische Geschichte. Viel Neues stürmte auf die Menschen damals ein, woran sie vorher nicht gedacht haben mögen, zumindest in dieser Art und Weise nicht. Und jeder hatte andere Fragen. Und der Koran bzw. Gott gab ihren die Antwort.

    Gott richtete sich an alle Menschen, die damals in Arabien lebten, an die christlichen Einsiedler, an all die Gott Suchenden. Und auch heute noch wird jeder Mensch im Koran angesprochen.

Manaar

Unsere Stimme, unser Handeln

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Unsere Stimme, unser Handeln

Meine heutige Khutba handelt von userer Stimme.

Beginnen möchte ich mit einem Rätsel. Wer sie kennt, der weiß, dass sie unbedingt Beine haben wollte. So ging sie zur Meereshexe und ließ sich von ihr einen Trunk geben, der ihren Fischschwanz in Beine verwandeln würde. Dafür musste sie ihre wunderschöne Stimme an die Meereshexe abgeben. Sie wollte Beine, um ihrem geliebten Prinzen nahe zu sein, ein Mensch zu sein, wie er.

Es ist die kleine Meerjungfrau, aus dem Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans-Christian Andersen.

Die kleine Meerjungfrau hatte einen wunderschönen Prinzen gerettet, dessen Schiff im Sturm dem Untergang geweiht war. Der Prinz, im Meer treibend, wäre ertrunken, wenn sie ihn nicht an den nahen Strand gezogen und in den warmen Sand gelegt hätte. Dort hatte sie ihm mit ihrer wunderschönen Stimme ein Lied gesungen, um dann im Meer zu verschwinden. Doch der Anblick dieses Menschen ließ sie nicht mehr los. Daher also ging sie zur Meerhexe.

Der Handel der kleinen Meerjungfrau mit der Hexe war kein guter. Nachdem der Tausch von Stimme gegen Beine stattgefunden hatte, sollte sich die Meerjungfrau zu den Menschen begeben, um dort den Prinzen aufzusuchen. Wenn der Prinz sich nun in die kleine Meerjungfrau verlieben würde, wäre alles gut. Verliebte er sich jedoch nicht, so hätte sie nach drei Tagen alles verloren. Sie würde zu Meeresschaum werden.

Dass Ganze musste ihr ohne Stimme gelingen. Allein durch ihre Schönheit und ihre Liebe zu ihm sollte er in ihren Bann verfallen. „Halt!!!“ will ich schreien. Nicht die Stimme!“

Die Geschichte bietet sich an, die homoerotischen Neigungen Andersens zu betrachten und zu würdigen, denn sie führten zu dieser Dichtung über Sehnsucht und unerfüllte Liebe. Doch heute möchte ich über etwas anderes sprechen, was ich auch in dieser Geschichte lese.

Was die kleine Meerjungfrau nämlich abgab, um die Akzeptanz der menschlichen Welt zu erlangen, und für immer unter den Menschen leben zu können, war ein elementares Merkmal ihrer Selbst. Die Stimme abzugeben hieß gleichermaßen, ihr Inneres einzuschließen und sich auf ihr äußeres Erscheinungsbild zu reduzieren. Sie war nun unfähig, ihr Inneres nach außen zu tragen oder im Gespräch auf den anderen einzugehen. Wenn sie auch die Kunst der Augensprache perfekt beherrscht haben mochte, das freundliche, liebevolle Anschauen, das lustige Zwinkern vielleicht, oder den interessierten Blick, darüber hinaus vielleicht auch die ganze Körpersprache, so konnte sie doch dem anderen kein Gesprächspartner sein. Und damit gelang es ihr in den drei Tagen auch nicht, ihren Geliebten von ihrer Liebe zu überzeugen und seine Gegenliebe zu bewirken. Der Prinz wählte diejenige Frau zu seiner Gemahlin, die mit ihm sprach; und das war eine andere.

Bewegt, berührt, wurde er durch das gesprochene Wort. Die Auseinandersetzung, das Wissen intelligenten Zuhörens, das sich manifestiert in gezielten Nachfragen, Stellungnahmen und Meinungsäußerungen waren wertvoller für ihn als das hübsche Aussehen seiner Frau. So starb die kleine Meerjungfrau nach drei Tagen an ihrer unerfüllten Liebe, denn, so scheint es mir, niemand gibt ungestraft seine Stimme ab.

Auch in einem anderen Märchen geht es um die Stimme. Shehrazade rettete gar ihr Leben, weil sie dem Prinzen mit ihrer Stimme Geschichten erzählt. Diese beschenkten den Zuhörer mit sinnhaft empfundenen Momenten der Zweisamkeit. Sinnhaftigkeit ergibt sich, wenn man sich als Mensch wahrgenommen und wertgeschätzt fühlt. Wenn jemand die Zeit aufwendet, mit uns zu sein, und uns Geschichten erzählt, in denen wir uns wieder finden, oder die uns erfreuen. Die Mischung aus menschlicher Nähe und dem gesprochenen Wort genießen wir vielleicht deshalb so, weil Körper, Seele und Geist, also unser ganzes Ich, gleichermaßen angesprochen werden.

Wer seine Stimme freiwillig abgibt, scheint mir ein Narr, eine Närrin zu sein. Uns obliegt doch quasi ihre Nutzung, wann immer wir gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wollen. Wer Gesellschaft gestalten will, muss reden, muss seine Stimme hörbar werden lassen.

Gestern gab es auch in Berlin Kundgebungen wegen der faschistisch motivierten Morde in Hanau. Hier waren unsere Stimmen wichtig- sich auszudrücken und „dagegen“ zu sprechen. Gegen die Nazis, gegen die Gewalt, gegen Rassismus und Diskriminierungen aller Art.

Doch während wir geflissentlich unsere Trauer kundgeben, waren es schon wieder nur Wörter. Unerwartet bemerkte ich, dass in meiner Interpretation der kleinen Meerjungfrau ein Fehler steckte. Nein, keiner sollte seine oder ihre Stimme freiwillig abgeben. Schon gar nicht Frauen, für deren Hörbarmachung jahrhundertelang gekämpft wurde. Doch zugleich suggeriert das Sprechen, das Sagen von etwas, dass man damit, also mit dem Sagen, etwas getan hat. Doch wenn man beispielsweise sagt, Nazis sind schrecklich, man müsse nun wirklich dringend etwas dagegen tun, fühlt es sich zwar so an, als hätte man schon etwas getan. Hat man aber nicht. Man hat einfach nur etwas gesagt. Ohne Frage, eine Sprachhandlung hat eine Wirkung. Aber bleibt sie die einzige Handlung, so nutzt sie wenig.

Der Koran wurde uns durch die Stimme des Propheten Mohameds offenbart. Es war sicherlich eine schöne Stimme, sehr weich und freundlich. Denn es ist überliefert, dass die Menschen bei seiner Rezitation des Korans zu weinen begannen und den Islam annahmen. Ein erheblicher Anteil der Muslime hat aber noch eine weitere Quelle der Handlungsanleitung. Die Sunna – also das Verhalten des Propheten Mohameds. Sein Verhalten ist das notwendige Korrektiv zur Auslegung von Koranversen, die gegen die Menschlichkeit zu sprechen scheinen. Mohamed war ein Freud der Menschen, ein Meister der Diplomatie, ein liebender Ehemann, ein demütiger, sein Gebet verrichtender und ständig mit anderen teilender Mensch der Vergebung und Gnade. Das Wissen, was wir über seine Handlungen haben, relativiert die manchmal harschen Verse des Koran gegenüber so genannten Ungläubigen, oder denen, die Gott etwas zur Seite stellen. Nicht nur durch seine Worte ist er unser Bruder, sondern vor allem durch seine Handlungen, die unseren eigenen trotz des großen Zeitunterschieds ganz ähnlich sind.

Die Sprache allein reicht nicht aus, um Gutes zu tun. Es erfordert Handlungen, und die können durchaus an vielen Stellen im Koran gelesen werden, wenn man sich Mühe gibt. Man muss das nicht tun, aber ich schlage vor, die Herausforderung dieser kleinen Aufgabe anzunehmen und zu probieren, möglichst viele Dinge, also Gefühle, Bedürfnisse, Freuden und anderes, nicht durch Worte auszudrücken, sondern durch den Körper mit seiner Gestik und Mimik.

Man muss recht kreativ sein, um sich so verständlich zu machen, doch wird der Effekt mit sicherheit zu spüren sein und uns auch wieder positiv berühren.

Viele Wünsche werden aber auch nicht erfüllt werden, weil sie keiner bemerkt.

Aber in der Liebe wird es zärtlicher zugehen, romantischer auch, und man wird vieles sehr oft zeigen müssen, bevor man das Gefühl hat, wirklich verstanden zu werden. Die kleine Meerjungfrau hätte es fast geschafft. Doch sie hatte wirklich wenig Zeit, und außerdem ist es ja nur eine Geschichte. Ihr habt viel mehr Zeit, jemanden von eurer Zuneigung zu überzeugen oder von anderen Gefühlen.

Vor einigen Wochen hatte ich so eine non-verbale Kommunikation der angenehmen Art. Während ich am Tisch im Rosettensaal saß, begann Lea plötzlich, meine Schultern zu massieren. Es war weder Valentinstag noch Weihnachten, es war nicht mein Geburtstag und nicht Ramadan. Doch Lea massierte ein bisschen und ich genoss den Moment unsagbar. Es war wunderschön und ich fühlte mich sehr wohl. Nicht lange danach gab ich die Massage an den nächsten Menschen weiter, dem ich meine Wertschätzung mitteilen wollte.

Wer ohne Worte (und ohne Geschenke) sagen möchte: „Ich liebe dich“, muss kreativ werden. Wer sagen möchte, dass er oder sie mehr Zeit mit jemandem verbringen möchte, muss lange überlegen, wie er das vermittelt. Wer mal mit jemandem zusammen essen möchte, muss es selber kochen und anbieten. Ich denke, es kann viel Gutes dabei herauskommen, auf seine Stimme zu verzichten und sich auf das Handeln zu konzentrieren. Mit ziemlicher Sicherheit wird der zwischenmenschliche Austausch etwas missverständlicher, aber zugleich spannender und von Zuwendung geprägt.

Auf diese Weise wird vielleicht etwas Schönes, was wir immer wieder tun, zur Sunna für andere.

Unsere Religion basiert auf einer Stimme. Auf einer Stimme, die uns eine Offenbarung in menschlicher Sprache mitgeteilt hat, gefasst in ein Buch, damit wir seine Geschichten immer wieder lesen können, auch wenn die Stimme der Offenbarung längst verstummt ist.

Doch mit welcher Stimme lesen wir dieses Buch? Die Imame der Gegenwart wählen, so scheint es mir, meist eine Stimme der Macht. Eine laute, eindringliche Stimme, die uns daran erinnern soll, dass Allah ein strafender Gott ist, dem nichts entgeht – nicht einmal die unausgeführte schlechte Absicht entgeht diesem Gott, der alles sieht und hört, was um uns und in uns ist. In diesen Stimmen der Imame liegt der Ausdruck göttlicher Kraft und Macht. Sie vermännlichen meinen Gott, der in meiner Fantasie gar keine Stimme hat, aber wenn ich Allah eine Stimme zuordnen sollte, so wäre sie keineswegs machtvoll und laut, sondern vielmehr weich und freundlich, gütig und annehmend.

Die Stimme und ihre Worte sind ein Wesensmerkmal des Menschen. Uns obliegt es geradezu, unsere Stimme zu nutzen, denn sie ist Äußerung unserer Verantwortung. Dazu gehört meiner Meinung nach auch, sich selbst zu schaffen.

Man kann das durchaus auch geplant versuchen. Also planen, wie man sein möchte, und gezielt darauf hin zu arbeiten. Dazu können wir Fragen für uns beantworten.

Die Leitfrage lautet: Welcher Mensch möchte ich sein?

  1. Was können Sie dazu tun, dieser Mensch zu werden?
  2. Welche Kämpfe haben Sie bereits durchgefochten, um dieser Mensch zu werden?
  3. Welche inneren „Dämonen“ mussten Sie bekämpfen? Welche stehen Ihnen noch bevor?
  4. Was möchten Sie selbst an sich verändern?
  5. Welche Träume haben Sie sich selbst nicht gegönnt oder nicht entwickelt?
  6. Wie soll Ihr Leben in fünf Jahren aussehen?
  7. Was ist die Geschichte des Menschen, der Sie werden möchten?
Mohamed Nohassi

Freiheit und Ehre

Freiheit und Ehre

 

Mohamed Nohassi
Mohamed Nohassi

Asalamu alaikum wa rahumatullah wa barakatuhu. Liebe Gemeinde, liebe Gäste, seid alle herzlich gegrüßt zum heutigen Freitagsgebet. Im Anschluss an die Khutba und das Gebet wird es einen Vortrag von Tamara geben, anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Hatun Sürücü, die einem so genannten Ehrenmord zum Opfer fiel, bzw. einem durch und durch unehrenhaften Komplott ihrer Familie. Tamara kannte Hatun, denn sie war eine Freundin ihrer Schwester.

Zunächst gibt es jedoch wie immer die Khutba und das Gebet.

Noch einmal, seid alle herzlich willkommen in der Ibn Rushd-Goethe Moschee. Unser Boden ist ein Teppich; doch zugleich ist er ein Acker, den es zu bearbeiten gilt. Der Nährboden auf dem wir hier sitzen, stehen, uns niederwerfen, birgt die Saat für Frieden und Liebe, Vergebung und Zuversicht.

Meine Khutba heißt nach einem Satz, den ich vor kurzem irgendwo hörte: Unsere Freiheit ist unsere Ehre

Sie beginnt recht persönlich, bleibt es aber nicht, und sie verweist an einer Stelle auf das Märchen vom Froschkönig, das ihr hoffentlich kennt.

Auch ich bin eine Frau. Und damit möchte ich beginnen. Mit meiner recht alltäglichen, weiblichen Erfahrung.

Über Jahre war ich in einer Beziehung gefangen. Tagein, Tagaus, später im Stunden- letztlich im Minutentakt spürte ich die überaus warme Liebe meines Partners abwechseln mit seinem ebenso überaus vollkommenen Rückzug aus der Beziehung. Er strafte mich mit Nichtachtung, um mich dann, wieder so zu lieben, wie kein anderer. Unsere emotionale Nähe war unbeschreiblich, und die Erfüllung im Beisammensein ließ mich die Welt vergessen.

Dann wieder der Rückzug, das Verlassen, ein auf eine psychische Störung hindeutendes Verhalten, das ich lange brauchte, einzuordnen und noch länger, hinter mir zu lassen. Jahre um Jahre dachte ich, das Problem läge allein bei mir. Mich darauszuwinden brauchte viele Anläufe.

Eines Tages hüllte sich mal wieder alles um mich herum in ein undurchdringliches Dunkel, und mein Körper schmerzte, ob der Schweigsamkeit. – Doch plötzlich änderte sich etwas. Kein Mensch der Welt, so kam es mir in den Sinn, habe das Recht, mir so etwas anzutun. Ich besann mich plötzlich mehr denn je zuvor auf meine Verantwortung für mich selbst und nahm den Mut zusammen, der von außen so lächerlich klein zu sein scheint, doch für mich war er riesig.

Bei einem nächtlichen Spaziergang unter dem klaren Sternenhimmel eines kalten Januartages, entschloss ich mich, den Frosch an die Wand zu werfen.

Ich wusste, dies würde eine von zwei Folgen haben. Entweder der Frosch starb (starb also gewissermaßen für mich), oder der Frosch würde erlöst, denn möglicherweise war ja ich diejenige, die ihn in seinem unwürdigen Zustand gehalten hatte!

Die Erlösung hätte ebenso zwei mögliche Folgen. Entweder würde er als erlöster Prinz fröhlich auf seinem Pferd von dannen reiten, hin zu seiner neu auserwählten Prinzessin, oder er würde mich zu seiner Prinzessin machen. Breitbeinig, die Füße fest im Boden verankert, stand ich unter dem Firmament der Rummelsburger Bucht, den Frosch in der Hand – und warf.

Natürlich nur in Gedanken; die Frösche hielten glücklicherweise Winterschlaf. Konkret bedeutete dies einen freiwilligen inneren Abschied von einem Menschen, den ich sehr, sehr liebte. Doch was auch geschehen würde, ich wollte nun damit zufrieden sein und sogar glücklich. Den Weg dahin übergab ich dem Schicksal.

In dieser Nacht träumte ich einen Traum. Nicht irgendeinen, sondern einen wie wir ihn vielleicht alle kennen. Einen Traum, der das tiefe Wissen unseres Unbewussten in Bilder übersetzt, die wir verstehen können. Ein Traum, der daraus entsteht, dass Allah, das Alles, in uns wohnt und Teil von uns ist und wir in Allah wohnen und Teil von Allah sind. Als Teile eines gemeinsamen Wesens als Teile des Alles, haben wir ein Wissen dieses Alles, das tief in uns zu Hause ist.

Im Traum stand ich vor meinem Vogelkäfig, dessen Türchen sich plötzlich ganz von alleine öffnete. Heraus flogen alle drei Wellensittiche. Die beiden gelb-grünen Weibchen und der dicke, blaue Hahn.

In ihrer neuen Freiheit flogen sie hoch durch das Wohnzimmer. Ich fühlte den Luftzug, verursacht durch das Schwirren ihrer Flügelchen. Und als ich meinen Finger wie ein Zweiglein hochhielt, landeten sie darauf und ich spürte im Traum ihre kleinen Krallen, wie sie sich an meinem Finger festhielten.

Der dicke blaue Hahn flog auch. Endlich kam auch er zu mir und setzte sich in meine geöffnete Hand. Doch war er nun nicht mehr der saubere Vogel, als der er ausgeflogen war. Vielmehr war er jetzt bis zur Unkenntlichkeit in Staub gehüllt. Genau genommen, bestand er nur noch aus Staub. Lange betrachtete ich das Staubwölkchen. Dann begann ich, es zu waschen und zu trocknen.

Doch welch eine Überraschung! Es war gar nicht mein dicker, blauer Sittich! Es war ein wunderschöner, schwarz glänzender, recht großer Vogel mit leuchtend blauen Flügeln, der ganz still da saß und sich betrachten ließ.

Damit ließ ich mir Zeit, wusste ich doch nicht, ob es möglicherweise doch der Sittich war, der sich beim Waschen verändert hatte, oder ob es ein gänzlich anderer Vogel war. Hatte ich meinen Sittich zuvor dermaßen verkannt? War ich dieser schwarze Vogel? War es mein Partner? Gar jemand anders? Oder einfach ein Symbol?

Beim Erwachen aus diesem Traum entfuhr mir ein Lachen. Ich fragte mich, welchen Vogel mir das Schicksal denn nun schicken würde und freute mich darauf. Doch genauso wichtig wie die Identität des Sittichs war in meinem Traum, dass dies alles nur deshalb geschehen konnte, weil sich der Käfig geöffnet hatte. Erst da konnte die Seele, versinnbildlicht in den Vögeln, frei fliegen und erst dann ihre verlorene Selbstbestimmung wieder erlangen. In ihrer Freiheit konnte die Seele ihre kleinen Schwingen ausbreiten und sich in die Lüfte heben. Die zuvor gefangene Seele, die nichts als trauern und lethargisch vor sich hinschauen konnte, schaute nun verantwortungsvoll in die Welt. Ihre Freiheit gereichte ihr zur Ehre.

Das herausragende Gefühl des Traumes war nicht Frohsinn, war nicht Errungenschaft, sondern war das Gefühl der Rechtmäßigkeit des freien Seins. Das Gefühl tief empfundenen Glücks, ob der Möglichkeit zu tun, wofür man geschaffen wurde. Zu fliegen, zu schwirren, zu landen, sich hier und da an der Sicherheit festzukrallen, um dann wieder abzuheben ins Ungewisse.

Die Freiheit, darauf kann man sich als Muslim und Muslimin getrost berufen, ist ein Geburtsrecht. Ohne diese menschliche Freiheit wäre das ganze Gerede von Himmel und Hölle, vom jüngsten Tag, von Lohn und Strafe, von hättest du und würdest du, hinfällig. Nur wer frei ist, Schlechtes zu tun, kann belohnt werden, wenn er es unterlässt. Nur wer frei ist, Gutes zu tun, kann dafür belohnt werden, dass er sich dafür entscheidet. Dieser Lohn liegt jedem einzelnen von uns für allein seine eigenen Taten bereit. Da kann niemand für einen anderen belohnt werden, niemand für einen anderen bestraft.

Auch geburtsrechtlich verankert ist des Menschen Würde. Selbst Gefangene erhalten eine Decke zum Schutz gegen die Kälte der Nacht. Wo die Würde verletzt wird, gibt es einen Aufschrei in den Herzen vieler Menschen, wenn der auch nicht immer gehört wird, wo Interessen Mächtiger die Würde Ohnmächtiger mit ihren Füßen treten. Zur Würde gehört vielerlei Verschiedenes, doch irgendwie Selbstverständliches, und dennoch muss man es immer wieder verteidigen, so zum Beispiel, dass man seine Notdurft angemessen verrichten darf. Dazu gehört so Banales wie, dass man beim Sprechen angeschaut wird, und auch die körperliche und damit auch sexuelle, Unversehrtheit gehört dazu. Die Würde und die Freiheit sind Geburtsrechte. Es ist ein liebender Gott, der seine Geschöpfe mit dem Recht auf Würde und Freiheit ausstattet.

Die Ehre hingegen ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das zwar in jeder Gesellschaft vorhanden ist, doch mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird. Bei den Einen ist jemand ehrenhaft, wenn er der Menschheit Gutes tut, bei den Anderen, wenn er seinen gesellschaftlichen Rang durch die Anhäufung von Besitz erhöht. Bei wieder anderen hat Ehre leider etwas mit Vaterland und Selbstvergötterung zu tun. Der Begriff der Ehre ist ganz anders als der der Freiheit und Würde. Viel komplizierter und sogar gefährlich. Hatun Sürücü. wuchs auf inerhalb zweier Begriffe von Ehre, die keine Schnittstelle haben außer dem Gefühl der Verletzbarkeit. Unser Ehrbegriff hat mit diesem ganz bestimmten, traditionellen, Begriff der Familienehre, den wir hier erinnern, keine Gemeinsamkeit.

Ich liebe andere Kulturen. Ich liebe es, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch gibt es Momente, da ist eine derartige Bewunderung des Anderen nicht angemessen. In dieser Tradition der Ehre werden Mädchen lebendig begraben – von ihren eigenen Vätern; erschossen mit ihren Liebhabern von ihren Brüdern; gefangen gehalten von ihren Schwestern unter der Komplizenschaft ihrer Mütter, die ihnen den letzten Schutz verweigern, doch selbst Gefangene sind. Nicht zu Zeiten des Propheten Mohameds, sondern heute, geschehen solche Furchtbarkeiten, die man sich nicht vorstellen mag.

In der Lunge eines Mädchens wurde Erde gefunden. Sie wurde bei lebendigem Leib begraben. Wer tut so etwas und nennt es ehrenhaft?

Die Positionierung der Ehre über der persönlichen Freiheit opfert Menschen auch wenn sie sie nicht körperlich tötet. Das glücklose Verharren in einer lieblosen Ehe ist auch ein Tod. Das Verweigern lebensfroher Erfahrungen verwandelt unsere Herzen in Steine. Das Verbot der Liebe und des Lachens ist ein kalter Kerker.

Deshalb achten wir aufeinander. Schauen einander an, hören einander zu und hören genau hin, ohne zu richten, denn wir sind nicht einander Richter. Und wenn wir messen, so messen wir mit demselben Maß; für uns und für andere.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Wir allein sind die Entscheidungsträger über uns selbst. Und besonders ehrenhaft sei der, der Almosen gibt, der betet und fastet, wie er kann, und der nicht über andere urteilt, sondern ihnen Liebe und Verständnis entgegenbringt. Dies ist dann besonders wertvoll, oder vielleicht vor Gott nur dann wertvoll, wenn es nicht aus Zwang geschieht, sondern freiwillig, und aus Liebe.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Unverstellt und ehrlich, der Welt glücklich entgegentretend, denn wer traurig ist, verbreitet Trauer, und wer glücklich ist, verbreitet Glück. Gefangenschaft verbreiten nur, die selbst gefangen sind; und wer frei ist, verbreitet Freiheit.

Und so wie die Flügel des schwarzen Vogels – Symbol seiner Freiheit- erst dann in ihrem leuchtenden Blau erstrahlen konnten, als sich der Käfig geöffnet hatte, so erstrahlen auch wir Menschen dann, wenn sich unsere Käfige öffnen und wir frei sind, zu tun, was wir ganz persönlich, für uns allein, für richtig, gut und verantwortbar halten.

Möge Allahs Segen uns allen Liebe, Glück und Freiheit schenken.

Sowieso wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Wo es immer wieder um Ehre geht, messen so genannte Familienoberhäupter doch fast immer mit zweierlei Maß. Doch diese Kritik verschwindet hinter der größeren: Niemals ist ein Mord zu rechtfertigen. Wer die Möglichkeit einer solchen Handlungsweise rechtfertigt, umgeht jedes Rechtssystem, jede gesellschaftliche Ordnung. Da werden zur Wahrung der Familienehre die ehrlosesten Handlungen begangen, die man sich vorstellen kann. Da wird die Freiheit, sein Leben selbst zu gestalten, mit dem Tod bestraft.

Doch lasst uns nicht irritieren. Die Freiheit ist ein Geburtsrecht.

Kelly Sikkema

2020

2020

Kelly Sikkema
Kelly Sikkema

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

A’udhu bilahi min asshaitan alragim, bismillah arrahman arrahim.

„Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Meister des Gerichtstages.
Dir dienen wir und dich allein bitten wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“

Seid herzlichst gegrüßt in der Ibn Rushd-Goethe Moschee, dem Ort von Frieden und Liebe.

Das neue Jahr ist schon wieder ganz zur Gewohnheit geworden. Alle guten Vorsätze sind wie immer über Bord gegangen, oder werden demnächst verworfen. Zu Neujahr schrieb jemand: Ich habe mir diesmal keine neuen Vorsätze genommen. Ich habe einfach die alten nochmal genommen, sie waren noch völlig unbenutzt.

Da es meine erste Khutba dieses Jahr ist, wünsche ich euch ein frohes neues Jahr, oder vielmehr ein gutes Jahr. Möge es Frieden unter den Menschen bringen und die Würde aller Lebewesen in den Vordergrund stellen – vor Geld, Bequemlichkeit und Appetit. Die Khutba handelt davon, dass es gesund ist, Dinge fertigzustellen, oder abzuschließen.

Dieses Jahr hat einen besonders schönen Namen. 20 20, oder Zweitausendundzwanzig, hört sich nach etwas sehr Rundem an, irgendwie vollständig. Ich habe das Gefühl, dieses Jahr werden viele Dinge zu ihrem guten Abschluss gebracht. Alles, oder jedenfalls Vieles, was so im ungeraden 2019 oder zuvor begonnen hatte, werden wir durch gute Entscheidungen oder fleißiges Handwerk fertigstellen. In mir entsteht das Bild eines Teppichs, der gewebt wird. Es ist der Teppich unseres Lebens. Die Fäden dieses Teppichs, die wir gleichsam an einem Ende angeknotet haben, werden wir in diesem Jahr auch am anderen Ende verknoten, oder verweben, so das wieder neue und neue Reihen bunter und reicher Muster entstehen, auf die wir zurückblicken können. Dieses Jahr wird voller schöner Farben sein.

Mein Leben ist ein bunter Teppich, überwiegend in dunklen Tönen gehalten. Schrill ist er nicht. Das dunkle Blau des Abendhimmels dominiert, teils geht es über in ein tiefes Schwarz der Mitternacht. Aber an manchen Stellen scheint mein Teppich im strahlenden Rosa der frühen Morgenstunden und an anderen Stellen gar in leuchtendem Rot. Der gesamte Teppich ist durchwirkt von einem feinen Faden aus Gold – den Wert jeden Moments des Lebens bestätigend. Den Wert all dessen, was geschehen ist, und all derer die mir besonders lieb sind. Auch den Wert meiner Selbst. Freude steckt darin, aus vielen Tagen und Nächten, Langeweile, Trauer, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Lust und Vertrauen. Stetig, Jahr für Jahr weben wir unseren Teppich in unseren eigenen Farben, der ganz eigenen Dicke des Fadens und dem ganz eigenen Gefühl. Ist er eher kratzig, eher weich, eher hell, oder dunkel, gestreift, durchmustert? Auch 2020 weben wir weiter. Faden um Faden ziehen wir langsam bis zum Ende der Reihe hindurch, bis der Teppich in allen Farben des Lebens gewebt ist und wir ihn unseren Kindern und unseren Liebsten als Erbe hinterlassen.

Warum 2020 für mich als etwas Besonderes erscheint, weiß ich nicht genau, aber es begann schon gleich am ersten Januar.

Es wird an der 20 liegen. Es ist die Zahl all unserer Finger zweimal – oder die Zahl all unserer Finger und Zehen zusammen.

Das Zehnersystem ist uns aus unserer Körperwahrnehmung sehr präsent. Wir haben uns auch daran gewöhnt, unsere Mathematik auf dem Zehnersystem aufzubauen – Zehn Einer werden gebündelt zu einem Zehner. Zehn Zehner werden gebündelt zu einem Hunderter, zehn Hunderter zu einem Tausender, usw. 20 ist zweimal 10 und damit das doppelte Bündel. Eine Art doppelter Vollständigkeit. Etwas zu vervollständigen, zu beenden, zu erreichen, empfinden wir als angenehm.

An sich ist die Zahl 2020 natürlich willkürlich und für jeden von uns sind es andere Jahre, die Besonderheiten in sich tragen. Jahre können persönliche Bezugspunkte darstellen. Traditionell finden wir unser Geburtsjahr recht wichtig. Es dient nicht nur dem Staat, der es in unserem Pass verankert, sondern auch uns selbst als Referenzpunkt. Unser Alter empfiehlt – oder befiehlt – uns, wie wir uns zu verhalten haben, wie zu reden, wie uns zu kleiden. Und so ist das Geburtsjahr das Jahr der Freiheit, in dem wir uns beginnen als Mensch zu entfalten und zugleich das Jahr der Einschränkung, denn von nun an sind wir mit Leib und Seele den Gesetzen der Gesellschaften unterworfen, in denen wir leben.

Jahre können auch gemeinschaftliche Bezugspunkte darstellen und so die Gemeinschaftsbildung unterstützen. Vor vielen hundert Jahren versuchte der militärische Führer Abraha, die Kaaba zu zerstören, doch einer seiner Militärelefanten weigerte sich, die Stadt Mekka zu betreten. Vielleicht hatte er eine Kraft wahrgenommen, die über die Befehlskraft seines menschlichen Besitzers hinausging und war ihrer Anweisung gleichsam eigenmächtig gefolgt. Im Jahr des Elefanten ist der Prophet Mohamed, Friede sei auf ihm, geboren, und überbrachte uns die Botschaft von Barmherzigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Als ich zum ersten Mal über die Zahl 2020 nachdachte, hatte ich also dieses Gefühl der Vollständigkeit. Ich stellte mir vor, wie ich die Karten eines Kartenspiels in der Hand hielt – alle vier Zehner bei mir, Kreuz, Pik, Herz, Karo. Jeder Zehner stand für den Abschluss von etwas, das ich irgendwann begonnen hatte, für das Fertigstellen. Vor meinem inneren Auge warf ich die Karten nacheinander kraftvoll auf den Tisch.

Kreuz Zehn – Kinder bekommen – komplett.

Pik Zehn – Eine Arbeitsstelle gesichert – komplett.

Karo Zehn – Eine Wohnung – komplett.

Herz Zehn – Eine Partnerschaft – komplett.

Naja – die Liste kann irritieren, weil wir diese Dinge vielleicht gar nicht haben. Aber irgend etwas hat jeder geschafft, oder erreicht, oder vollbracht. Oder man kann auch sagen, zum Abschluss gebracht. Was hast du vollbracht?

Hat deine Wohnung in jedem Zimmer ein Licht? Großartig! Hast du dafür gesorgt, dass du von irgendwo Geld für deinen Lebensunterhalt bekommst? Gut gemacht! Hast du die Möglichkeit, dir ab und zu eine Tasse Tee zu kochen und vielleicht sogar einen Freund dazu einzuladen? Dann ist dein Heim eines von Licht und Freude.

Hier geht es nicht um das höchste Level dessen was erreichbar ist, sondern um das Gefühl etwas erreicht zu haben, worauf man mit Freude zurückblicken kann. Die scheinbar unwichtigen Dinge sind die Grundlage der Meisterung unseres Lebens, sind ausreichend und echte Errungenschaften. Der Schritt vom Zimmer zur Villa ist unerheblich. Wir wissen, dass sehr reiche Leute mit sehr großen Häusern oft ausgesprochen unglücklich sind. Oder: Mobilität beispielsweise ist hilfreich. Aber der Porsche ist es nicht. Seien wir also einen Moment dankbar für alles, was wir erreicht haben.

Dazu gehört natürlich keineswegs nur Materielles. Auch Wissensinseln oder Bachelor Degrees, oder Kursinhalte. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass man tatsächlich etwas gelernt hat – es innerhalb des fließenden Lebens auch Momente errungener Bildungsabschlüsse gibt. Dabei sind es wie in allen Bereichen wieder nicht ausschließlich die großen Niveaustufen, die uns umtreiben müssen. Hast du dein MSA abgeschlossen? Sehr gut! Vielleicht hast du die Vergangenheitsform des Präteritums in der deutschen Sprache in den Grundzügen verstanden. Oder du hast gelernt, wie man Blut abnimmt, oder du kannst jetzt den Berliner BVG Plan lesen.

Dinge abzuschließen wirkt in unserem Leben salutogenetisch. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren von Aaron Antonovsky geprägt und bedeutet, so viel wie „der Gesundheit zuträglich“. Während sich also die Pathogenese damit beschäftigt, wie Krankheiten entstehen, fragt sich die Salutogenese, wie Gesundheit entsteht und was sie aufrecht erhält. Der Gesundheit zuträglich ist neben gesunder Ernährung und Bewegung vor

allem das Gefühl der Kohärenz, also der Empfindung des eigenen Lebens als sinnhaft und als zusammenhängend. Wenn wir die Dinge zu einem guten Abschluss bringen, zu einem guten Ende, an dem wir uns selbst in einem würdevollen Licht betrachten können, so tut uns dies gut, es trägt zur Gesundheit bei.

Vor Jahren las ich in einer Zeitung, dass eine ca. 80 jährige Frau einen Löffel an eine Fluggesellschaft geschickt hat. Sie hatte ihn mehr als zwanzig Jahre zuvor bei einem Flug unauffällig mitgehen lassen. Jedes Mal, wenn sie den Löffel sah, erinnerte sie sich an diesen schamvollen Moment in ihrem Leben. Indem sie den Löffel zurückschickte, konnte sie die Schamhaftigkeit zum Abschluss bringen, war nicht mehr Sklavin ihrer Scham, sondern Handelnde. Handlungsfähigkeit und das Empfinden von Sinn gehen Hand in Hand. Die Sachen regeln, zu einem guten Abschluss bringen, gibt uns Kraft und Sinn.

Manche Dinge lassen sich nur schwer zum Abschluss bringen. Wenn jemand stirbt oder uns verlässt, finden wir manchmal keinen guten Weg aus der Trauer des Verlusts. Besonders schmerzlich ist es, wenn man sich das letzte Mal im Streit getrennt hat, oder man sich noch etwas sagen wollte. Doch wir brauchen den Abschluss, damit wir zurückkommen, zu einem gesunden Leben der Selbstbestimmung. Ein Psychologe schlug kürzlich vor, dass man auch solche Erlebnisse zum Abschluss bringen könne. Das Brennen eines Teelichtes, an einen schönen Ort im Raum gestellt, nehmen wir uns als Zeit mit dieser Person. Ist sie verstorben, so wird sie uns vielleicht jenseits ihrer vergangenen Körperlichkeit als Essenz ihrer Selbst besuchen, also als das, was wir Seele nennen. Ist die Flamme erloschen, so verabschieden wir uns von unserem Schmerz. Nicht von unseren Gedanken an die Person, aber von dem Schmerz der Trauer. Mit dem Erlöschen der Kerze ergibt sich ein Abschluss, den wir brauchen, um weiter voranzugehen und unser Leben zu meistern.

Das Abschließen also, und die Erfahrung von Sinn, sind wichtig für uns. Sinnhaftigkeit bedarf unumgänglich der Zuneigung anderer Lebewesen. Ohne eine Gesellschaft, die bereit ist, uns mit Zuneigung aufzunehmen, uns unsere Fehler immer wieder zu vergeben und uns als wertvollen und wunderbaren Teil der Schöpfung wahrzunehmen, können wir nicht gesund sein. Nicht unsere Seele und nicht unser Körper, in dem sie wohnt. So möchte ich die Khutba abschließen mit den Worten des Propheten Mohameds, der uns erinnert, dass unser Leben einen guten Sinn erhält, wenn wir gut zu anderen sind, denn so weben wir einen Teppich bester Güte.

Allah sagt: Und meine Barmherzigkeit umfasst alle Dinge (7:156), und wir lesen auch: Gott hat sich selbst die Barmherzigkeit vorgeschrieben (6:54). Der Prophet Mohamed asws erzählte

„Gott, der Hohe und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: O Kind Adams, ich bin krank gewesen, und du hast mich nicht besucht. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dich besuchen, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener krank war, und du hast ihn nicht besucht. Hättest du ihn besucht, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu essen gebeten, und du hast mir nichts zu essen gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu essen geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener dich um etwas zu essen gebeten hat, und du hast ihm nichts zu essen gegeben. Hättest du ihm zu essen gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast mir nicht zu trinken gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu trinken geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Mein Diener hat dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast ihm nicht zu trinken gegeben. Hättest du ihm zu trinken gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden.

Weben wir unseren Teppich! Gestalten wir unser Jahr! Mit viel Freude und Genuss, Hoffnung und Frieden und der Versorgung all Jener, die uns brauchen!

Ich wünsche euch ein wundervolles Neues Jahr Zweitausendundzwanzig!

وعنه قال قال رسول الله صَلّى اللهُ عَلَيْهِ وسَلَّم : إنَّ الله عزَّ وجل يَقُولُ يَوْمَ القيَامَة : « يَا ابْنَ آدَمَ مَرضْتُ فَلَم تَعُدْني ، قال : ياربِّ كَيْفَ أعُودُكَ وأنْتَ رَبُّ العَالَمين ؟ قال : أمَا عَلْمتَ أنَّ عَبْدي فُلاَناًَ مَرِضَ فَلَمْ تَعُدْهُ ، أمَا عَلمتَ أنَّك لو عُدْته لوجدتني عنده ؟ يا ابن آدم اطعمتك فلم تطعمني ، قال : يا رب كيف أطعمك وأنت رب العالمين ، قال : أما علمت أنه استطعمك عبدي فلان فلم تطعمه أما علمت أنك لو أطعمته لوجدت ذلك عندي ؟ يا ابن آدم استسقيتك فلم تسقني ، قال : يارب كيف اسقيك وأنت رب العالمين ؟ قال : استسقاك عبدي فلان فلم تسقه ، أما علمت أنك لو سقيته لو جدت ذلك عندي ؟ » رواه مسلم .

[ رياض الصالحين ؛ رقم الحديث ٨٩٦ ؛ رقم الكتاب ٧ ؛ رقم الباب ١٤٤ ]

Jonas Verstuyft

Nacht

Nacht

 

Jonas Verstuyft
Jonas Verstuyft

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Ich begrüße euch herzlich zum heutigen Freitagsgebet. Mögen unsere Herzen stets laut genug sprechen, um uns auf die richtigen Wege zu führen, und wir unsere Tage in Liebe und Freude verbringen.

Sure AlZalzal (Koran/Arabisch)

Wenn die Erde ihr Beben erbebt. Und sich aufspaltet. Und die Menschen fragen, was hat sie? An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen. Gleich verstreuten Motten werden die Menschen auseinanderlaufen und jeder wird sehen, was er oder sie getan hat. Wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen. Es wird kein schöner Tag sein, denn wie sehr wir uns auch über das Gute freuen werden, das Anschauen all unserer schlechten Taten wird uns quälen. Wahrscheinlich werden wir uns fühlen wie unsere Opfer und uns ob unserer Taten, und mehr noch unserer Motive, unendlich schämen.  Lasst uns in unserer noch verbleibenden Zeit viel Gutes tun, damit wir das Ende ertragen können. An diesem Tag der Offenbarung wird die Erde ihre Nachrichten erzählen. Jede Qual, jedes freudvolle Lachen, das sie gesammelt hat, wird sie bezeugen.

Im Koran ist nicht nur die Erde personifiziert, sondern das ganze Weltall – der Mond, die Sonne, die Planeten. Sie alle leisten ihre Arbeit nach Maßgabe der ihnen vorbestimmten und zugetragenen Aufgabe. Sie kreisen umeinander, jeder nach seiner vorgegebenen Bahn, so lange wie Allah ihnen ihre Frist hierfür gesetzt hat. Die Sonne, die uns den Tag bringt, ist dafür geschaffen, das, was wir sehen können, durch ihre Erleuchtung sichtbar zu machen. Die Nacht dient dazu, es zu bedecken. Zu unserem astrologischen Wissen der Neuzeit passt das nicht ganz. Wir wissen, dass nicht die Sonne auf- und untergeht, sondern die Erde sich um sie und um sich selber dreht. Das Aufgehen der Sonne im Osten und ihr Untergehen im Westen sind aus dieser wissenschaftlichen Sicht eine Fehlformulierung, doch ist der aus unserer Perspektive gewählte Ausdruck des Aufgangs und des Untergangs durchaus angemessen, denn dies entspricht unserer tatsächlichen Wahrnehmung. Diese menschliche Wahrnehmung ist natürlich nicht weniger real als die Perspektive der Wissenschaft. Kein Mensch sagt, die Erde ist jetzt in der Position, in der die Sonne beginnt, auf unseren Ort zu scheinen. Alle sagen stattdessen: Die Sonne geht auf. Es ist Tag. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf, es ist Nacht. Somit personifizieren wir auch in der deutschen Sprache Sonne und Mond.

Nach unserer wissenschaftlichen Vorstellung wird die Sonne genau so lange scheinen, bis die chemischen Reaktionen, die zum Brennen führen, nicht mehr stattfinden können. Nach islamischer Vorstellung scheint sie genau so lange, wie Gott das will. Sie tut dies, weil es ihre Aufgabe ist, im Sinne einer aktiven, und gewissermaßen auch willentlichen, Aktivität. Die Vorstellung, die Sonne sei gleich einer willentlich handelnden Person und auf der anderen Seite die Vorstellung, dass das Sonnenlicht und die Wärme durch chemische Reaktionen bedingt sind, die irgendwann natürlich zu Ende gehen, schließen sich nicht gegenseitig aus. Hat Gott die chemischen Reaktionen so geschaffen, wie sie sind, hat er-sie-es damit auch festgelegt, wann es damit zu Ende geht. Beim Lesen des Koran stellt sich jedoch manchmal bei mir das Gefühl ein, die Erde wäre eine Akteurin.

Die Personifizierung der Planeten ist dem Islam zueigen. Dadurch, dass sie wie Menschen beschrieben werden, die aber keinen freien Willen haben, sind sie uns zugleich ähnlich und unähnlich. Indem sie wie Lebewesen erscheinen, haben wir als Menschen eine große Verantwortung, sie gut zu behandeln, so nämlich, wie unsere Brüder und Schwestern. Sie sind nicht einfach Materie, sondern, wie wir, beseelte Materie – Bruder Mond und Schwester Sonne, die wir als Muslime lieben und ehren, wie auch die Erde. Nicht anbeten, aber ihnen Respekt bezeugen. Sind die Planeten von Gott als beseelte Wesen geschaffen, so wie wir Menschen, wie alle Pflanzen und Tiere und letztlich jede Materie, so ergibt sich für uns Muslime daraus ein Weltbild universeller Erschaffenheit. Alles um uns herum ist lebendige Schöpfung Gottes, alles unterliegt dem göttlichen Willen und trägt den göttlichen Geist. Dem Menschen als möglicherweise einzigem vernunftbegabten Wesen obliegt der Schutz der Schöpfung, um damit Gottes Willen anzuerkennen und auszuführen; den Willen des einzigen Gottes, der als einziger zeugt, ohne gezeugt worden zu sein.

Nicht nur ist die Sonne personifiziert, sondern auch der Tag. Im Koran ist er der Aufdeckende, der potenziell Sichtbares durch seine Helligkeit in Erscheinung treten lässt. Er wird abgelöst durch die Nacht, die durch das Ausbreiten ihrer Dunkelheit alles Sichtbare in der Unsichtbarkeit verschwinden lässt.

In dieser Unsichtbarkeit verschwinden auch viele der Untaten der Menschen. Die Nacht ist für die Ausführung all jener Verbrechen, die nicht von Zeugen beobachtet werden sollen, viel besser geeignet als der Tag. Doch ist sie nicht nur der Bedecker der Verbrechen. Durch die Dunkelheit können wir nicht arbeiten und müssen, oder dürfen, ruhen. Während die Nacht meines Wissens nach in den anderen Religionen keine besondere Bedeutung hat, ist sie im Koran assoziativ mächtiger und schöner. Wir Muslime lieben den Mond. Wir rechnen unsere Monate nach seinem Erscheinen und nennen unsere Liebsten, Ya Qamari (du mein Mond). Die Mondsichel ist Teil der Fahne mehrerer islamisch geprägter Länder. Im Ramadan schauen wir sehr genau, wann die feine Sichel am Himmel erscheint, um mit dem Fasten zu beginnen und es nach möglichst genau einem Lunarmonat zu beenden. In der Wüste ohne ihre Straßenlaternen oder sonstige künstliche Lichter sind der Mond und die Sterne Garanten erhöhter Sicherheit und der Möglichkeit, den Weg nach Hause zu finden; ganz so wie es für Schiffe auf den Meeren galt, bevor Radarsysteme erfunden wurden. Der Mond und die Sterne dienen damit unserer Orientierung in Zeit und Raum. Im Laufe der Geschichte lernten die Menschen, sich an Fixpunkten im Weltall zu orientieren, die man von überall auf der Welt sehen kann – das wird astronomische Navigation genannt. Dabei verlässt man sich auf die Gestirne am Himmel. Anhand des Sonnenstandes konnten die Seefahrer beispielsweise die Himmelsrichtungen ablesen. Denn wo die Sonne aufgeht, ist Osten, ihr Mittagsstand weist in Richtung Süden, und im Westen geht sie unter. Wer nach Norden wollte, dem half in der Nacht der Polarstern, der sich genau im Norden befindet. Soweit ich weiß, müssen Seeleute auch heute noch diese alten Methoden lernen, sei es als historisches, sei es als Notfallwissen, falls die elektronische Technik versagt.

Tatsächlich bietet uns die Sonne aber mit ihrem wie auch immer hellen Licht lediglich die Möglichkeit, den Blick bis zum nächsten Hindernis schweifen zu lassen und uns so in relativ eng begrenzten Räumen visuell zu orientieren. Dem hingegen bietet uns die Nacht mit ihren leuchtenden Sternen und dem Mond eine sehr viel weitreichendere Orientierungsmöglichkeit. Die Nacht ist damit nicht nur die Bedeckerin menschlicher Taten und ein Moment der Ruhe, sondern auch der Zeitpunkt der uns unsere Richtung weisen kann.

Einen großen Teil der Nacht verbringen wir mit Schlafen und nutzen die Orientierungsmöglichkeiten von Mond und Sternen nicht. Wir schlafen und ruhen damit von der Arbeit des Tages. In der Mitte der Nacht, etwa zwischen zwei und vier Uhr morgens, entgiftet unser Körper. Wenn wir in dieser Zeit arbeiten, statt zu schlafen, hat dies ungünstige gesundheitliche Folgen für uns, weil die Entgiftung nicht einfach zu anderer Zeit stattfindet, sondern eben gar nicht nicht oder unzureichend. Am Tag zu schlafen ist aus vielen Gründen nicht so erholsam wie der Schlaf in der Nacht. Doch selbst wenn wir schlafen, dient uns die Nacht zur Orientierung; denn im Schlaf spricht unsere eigene Seele zu uns und durch unsere Seele letztendlich Gott. Unbewusstes und Halbbewusstes formen sich zu bildhaften, in Metaphern symbolhaft gekleideten Geschichten, die uns mit Sphären unserer Selbst in Verbindung bringen, zu denen wir sonst keinen Zugang hätten. Besonders vielleicht der Monat Ramadan, wo wir durch die Rhythmusveränderung anders schlafen als in den anderen Monaten, und damit auch oft intensiver träumen, bietet uns die Möglichkeit durch Beachtung und Reflexion unserer Träume zu Erkenntnissen zu gelangen, die sich uns sonst entziehen. Sind wir aufmerksame Beobachter und entwickeln eine gewisse individuelle Deutungskompetenz der uns eigenen, doch zugleich kulturell geprägten, Traumsymbolik, so kann uns dies helfen, uns in der Partnerschaft, der Elternschaft, dem Beruf oder anderen Gebieten unseres Lebens zu orientieren. Nicht alle Träume sind dazu geeignet, doch lohnt sich häufig die Beschäftigung mit ihnen.

So bietet die Nacht Orientierung sowohl für die Reisen mit Schiffen und Flugzeugen als auch für die inneren Reisen unserer Seele. In ihrer Entlastung von den Tätigkeiten, die uns der Tag abverlangt, in der Ruhe ihrer Enthaltung von sozialen Beziehungen, und in der bewussten Hinwendung zu unserem Inneren sowie beim Träumen schenkt uns die Nacht die Möglichkeit, über unsere inneren und äußeren Lebensumstände nachzudenken, ohne beim Pragmatismus ankommen zu müssen. Dass sich am nächsten Tag oft alles wieder ganz anders darstellt als in der Nacht gedacht, ist der Beweis, dass wir als denkende Wesen geschaffen wurden, die Entscheidungen auf verschiedenen Grundlagen treffen können – pragmatischen, moralischen, emotionalen und so weiter.

Die Orientierungshilfe der Nacht wird ergänzt durch ein Orientierungsorgan, das ebenso im Dunkeln liegt. Tief in unserem Inneren liegt unser Herz. Einer meiner Lieblingssänger, Hermann van Veen, singt: „Hörst du denn nicht den Trommler, der da heimlich in dir schlägt; der dich bei aller Gegenwehr auch in Feindeslager trägt. Hör auf ihn, er sagt dir was! Wenn er sich nicht mehr regt, ist das ein Zeichen dafür, dass sich gar nichts mehr bewegt.“ Das wichtigste Lebensorgan, unser Herz, bietet uns Orientierung aus der Dunkelheit des Körpers heraus.

Unser Herz bietet uns Orientierung und Umorientierung, ein Hin und Her der Möglichkeiten, die uns manchmal zerreißen. Es zieht uns zu altruistischem Verhalten, um dann wieder festzustellen, dass wir uns dabei selbst aufgeben und verlieren, wenn wir nicht auf uns aufpassen. Es zieht uns manchmal zu Verhaltensweisen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können, weil sie uns nicht gut zu tun scheinen, oder in der Tat nicht guttun. Doch ihm zuzuhören ist wertvoll, denn sein Orientierungspotenzial ist unbestritten. Lernen wir, unserem Herzen zuzuhören, können wir im Anschluss immer noch mit dem Verstand abwägen, wie wir uns verhalten wollen. Aber nur wenn wir den Mut haben, unser Herz anzuhören, ist dies eine ehrliche Auseinandersetzung.

 

Alle unsere Gedanken entstehen auf Grund von Empfindungen, dies werden im Gehirn bewertet. Die Amygdala, also der Teil des Gehirns, der für die emotionale Bewertung von Ereignissen zuständig ist, ist sozusagen das unterbewusste Herz des Gehirns. Alle Ereignisse die wir je erleben, passieren diesen emotionalen Filter und werden bewertet, d.h. können mit Worten wie Furcht oder Freude oder Langerweile beschrieben werden. Ich bin sicher, die Amygdala, zu Deutsch der Mandelkern, steht in direkter Verbindung mit dem Herzen, das, wie wir sagen, vor Freude hüpft, oder uns vor Aufregung oder Angst bis zum Hals schlagen kann. All unsere Orientierungen, die in der Dunkelheit stattfinden, sind möglicherweise wertvoller als die Orientierungen des helllichten Tages. Denn während wir am Tag beim Einschlagen falscher Wege von A nach B einfach einen Umweg gehen können, sind die im Dunkel der Nacht und im Dunkel des Inneren getroffenen Entscheidungen oft viel wesentlicher und weitreichender. Und sie brauchen oft viel mehr Mut, der uns angesichts des Tageslichts manchmal schnell wieder verlässt.

Im Ramadan ist, bzw. war, die Nacht eine besondere Zeit. Nicht nur weil wir da essen durften. Wir fasten ja nicht, um nachts zu essen, sondern um am Tag zu fasten. Doch machen wir, wenn es uns möglich ist, einen Mittagsschlaf, und so wird in dem heiligen Monat manches Mal die Nacht ausgedehnter als sonst. Wenn wir in der Nacht essen und trinken, als wäre es Tag, verliert sich jedoch die Besonderheit der Nacht. Durch das Bewegen in belebten und beleuchteten Orten entflieht uns die Möglichkeit der stillen Reflexion. Nacht ist nur dann Nacht, wenn sie in Dunkelheit und Ruhe verbracht wird. Dann ist sie ein wunderbarer und reicher Teil unseres Lebens. Unsere Tage, die manchmal allein dazu dienen, das so genannte Tagwerk zu tun, Aufgaben zu bearbeiten oder Dinge erledigen, vor deren Anstrengungen und sozialen Verpflichtungen wir manchmal zurückschrecken mögen, können wir zwar auch nutzen, um uns mit der Schöpfung und dem Schöpfer in Verbindung zu bringen. Doch die Nacht hat ihren besonderen Charme und für manche von uns, ist sie der schönere Teil des Tages. In meinen Teenager Jahren tat ich, was mir meine Tochter neulich auch von sich erzählte, und was ich heute noch gerne mag: Ich stellte mir den Wecker auf 2 Uhr nachts, um mindestens ein paar Minuten der Nacht wach zu liegen, und die Nacht als solche wahrzunehmen. Mit diesem kleinen Trick verlieh ich ihr die Existenz und räumte ihr einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Heute dient mir die Nacht auch der Zärtlichkeit und einer anderen Form des Gemeinsamseins, als die des Tages. Sheherazade erzählt dem grausamen König ihre Geschichten in der Nacht, bevor er einschläft. Diese vertrauteste aller Arten des Erzählens im Dunkeln kennen viele von uns. Durch die Dunkelheit und die Abwesenheit aller Ablenkung entsteht eine Atmosphäre, die an Intimität nicht zu übertreffen ist und unsere liebevollen Worte dringen ohne Umwege direkt in die Seele des anderen ein. Unsere Kinder, die tagsüber längst ihre eigenen Wege gehen und uns nicht mehr zu brauchen scheinen, kommen nachts zu uns, um neben uns zu liegen und nicht allein zu schlafen.

 

Rilke schreibt:

 

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

 

Der Monat Ramadan ist nun vorbei. Die Nächte sind wieder das, was sie zuvor waren, Zeit zum Ruhen und Schlafen und zum Austausch liebender Zärtlichkeit.  Ich wünsche uns allen die Nächte wie wir sie brauchen und auch hin und wieder reflektierte Nächte, in denen wir uns orientieren und unser Leben auf einen guten Kurs bringen können. Einen muslimischen Kurs, was bedeutet einen Kurs der Nächstenliebe, der Hinwendung zum Guten, der gekonnten Zurückstellung eigener Wünsche, ohne des Selbstverlusts.

Es ist ein Kurs des freudvollen Gebens und des Findens weiser und liebevoller Wörter, der Wertschätzung und der Geduld und Kraft und eines mutigen und gütigen Herzens.

 

Wir wenden uns nun zum Gebet in Hingabe an Allah, mit Dank für alles, was uns gegeben ist. Es ist viel. Wir vertrauen darauf, dass jede Stelle, an der wir uns befinden, die richtige ist, und wir uns stets auf dem uns zugewiesenen Weg befinden, auf dem wir geleitet werden in Liebe und Barmherzigkeit.

 

Alexander Sinn

Weibliche Geschichten

Weibliche Geschichten

Autorin: Susanne Dawi

Alexander Sinn
Alexander Sinn

Neulich hielt ich in der Moschee einen Vortrag über die marokkanische Soziologin und Islamwissenschaftlerin Fatima Mernissi. Besonders ihre Bücher „Harem“ und „Der politische Harem“ fand ich sehr lesenswert, obwohl ich mich bisher immer geweigert hatte, Bücher mit dem Wort Harem im Titel zu lesen, ob der dahinter vermuteten Stereotypen über den Orient, gegen die man sich so häufig zur Wehr setzen muss. Anlässlich des Vortrags kam ich um die Bücher mit besagtem Wort also nicht herum. Mernissi liest sich interessant und flüssig – sehr zu empfehlen, wenn man sich für die Schnittstelle zwischen Religion und Gesellschaft interessiert, und ich möchte fast sagen, das sollte man derzeit unbedingt.
Für den heutigen Blogtext möchte ich eine Geschichte herausgreifen, die sie aus 1001 Nacht zitiert. Durch zwei kleine, wie Mernissi sagt „subversive“ Veränderungen, die ihre Großmutter beim Erzählen stets vornahm, wird sie von einer „männlichen“ zu einer „weiblichen“ Geschichte.
Die erste Veränderung betrifft den Titel. Er heißt eigentlich „Hassan AlBasri“, doch Großmutter Yasmina leitet geschickt die Fokussierung vom männlichen Protagonisten zum weiblichen über, denn sie nennt die Geschichte „Die Frau mit dem Federkleid“.
Die zweite Veränderung betrifft das Ende der Geschichte. Dazu später mehr.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – , wo diese mysteriöse Insel Wak Wak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ (Harem, S. 11-12)
Die Großmutter Yasmina hatte sich also zuerst einmal den Titel vorgenommen und damit die Frau zur Protagonistin gemacht. Ich zitiere weiter: „Die zweite subversive Veränderung…. war, dass Yasminas mündliche Version kein Happy End hatte. In der Geschichte meiner Großmutter gelang es Hassan nicht, Frau und Kinder zurückzugewinnen. Lange suchte er nach der Insel seiner geflügelten Frau, konnte sie aber nicht wiederfinden. In der von Männern verfassten Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende.
Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, bin ich am Ende überrascht; denn in meiner Erinnerung findet Hassan seine Frau und lebt daraufhin bei ihr. Es gibt also drei mögliche Endungen und jede hat ihre Bedeutung über die Geschichte hinaus.
Dass die gefiederte Frau zu ihrem Mann zurückkehrt, ist das Ende, das ich am wenigsten mag; hieße es doch, sich der möglichen Unterdrückung erneut, und diesmal freiwillig, auszusetzen. Dass ihr Mann aus der Flucht seiner geliebten, aber gefangenen Frau etwas gelernt hätte, ging ja aus der Geschichte nicht hervor. So empfinde ich aus meiner weiblichen Empowerment-Logik mein selbst-erinnertes Ende am sinnvollsten, dass er nämlich bei ihr bleibt, ohne jedoch nun seinerseits der Gefangene zu sein.
Geschichten schriftlich zu überliefern heißt, in einem gewissen Maße auch ihre Deutungen festzuschreiben. Mit mündlichen Überlieferungen können wir spielen. Wir verändern sie absichtlich oder aus Versehen, wobei uns unsere Erinnerungspsychologie einen Streich spielt. Das sollten wir nebenbei bemerkt auch nicht vergessen, wenn wir über Hadithe sprechen.
Welches Ende gefällt Ihnen am besten? Dass die gefiederte Ehefrau mit den Kindern zu Hassan zurückkehrt? Dass Hassan seine Frau niemals findet? Oder dass Hassan seine Frau und die Kinder findet, um dann bei ihnen zu bleiben? Welche Version der Geschichte erzählen Sie Ihren Kindern oder Ihrem Lebenspartner? Welche Version würden Sie gerne leben? Welche leben Sie tatsächlich? Und: Heißt Ihre Geschichte „Hassan Al-Basri“ oder heißt sie „Die Frau mit dem Federkleid“?
Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag!
Ihre Susie Dawi

Aaron Burden

Wer aufbricht, der kann hoffen

Wer aufbricht, der kann hoffen

Aaron Burden
Aaron Burden

Ihr kennt sicherlich alle die libanesische Sängerin Fairouz. Ich jedenfalls höre sie jeden Morgen, entweder aus meinem Autoradio oder aber – und viel lieber – auf dem Fahrrad. Wenn sie dann von großen Meeren und weiten Himmeln singt, dann schlägt mein Herz auch ein bisschen höher. Gerade jetzt im Frühling.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist der Frühling immer eine ganz besondere Jahreszeit. Ich genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und freue mich, dass es nun jeden Tag länger hell wird. Die Vögel singen – und wenn man genau hinhört, dann singen sie nicht nur, sie unterhalten sich. Am Sonntag bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr barfuß gelaufen und habe mich über jeden Grashalm unter meinen Fußsohlen gefreut. Es ist wie ein neuer Anfang. Der Himmel wird nicht nur weit und die Bäume grün, es werden auch viele Hoffnungen und Pläne neu geboren.

Im Gesangbuch der evangelischen Kirche gibt es einige Lieder, die immer wieder mein Herz erreichen. Kurz eingeschoben muss ich sagen, dass ich wirklich bedauere, dass wir im Islam so wenig singen. Denn auch das macht das Herz frei und glücklich. Nun, eins der Lieder, welches für mich zu dieser Jahreszeit passt, ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“. In der dritten Strophe heißt es:

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit.

Was für eine wunderbare Verheißung. Wer aufbricht, der kann hoffen. Für mich ist der Frühling so ein Moment des Aufbruchs. Die Ruhe und Behaglichkeit des Winters sind vorbei. Nun kann es – so zumindest hat man den Eindruck beim Beobachten der Natur – garnicht schnell genug damit gehen, neues entstehen zu lassen und sich zu wandeln. Nichts ist so beständig, wie dieser Wandel in der Natur. Wir alle haben ihn schon dutzendfach erlebt und doch hat es keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht weil der Frühling zart und gleichsam kraftvoll daherkommt. Man hat das Gefühl bei der Geburt einer Jahreszeit dabei zu sein.

Wer aufbricht, der kann hoffen. Und er kann vertrauen darauf, dass Gott ihn auf seinen neuen Wegen behüten und beschützen wird. Der Frühling zeigt uns, dass Neuanfänge oft belohnt werden und das diese Zeiten, in denen das Alte noch nicht ganz beendet und das neue noch nicht komplett da ist, unter einem besonderen Schutz Gottes stehen. Und in diesen Zeiten, in denen uns Geduld besonders schwer fällt, können wir in unserer Hoffnung auf Gott vertrauen.

Ich möchte an dieser Stelle den Gefährten von Mevlana Rumi, Schams-e Din zitieren:

Was ist Geduld? Geduld ist, den Dorn zu betrachten und die Rose zu sehen, die Nacht zu betrachten und das Morgengrauen zu sehen. […] Wer Gott liebt, verliert nie die Geduld, denn er weiß, dass die Mondsichel Zeit braucht, um zum Vollmond zu werden.“

Geduld lässt sich nur aufbringen, wenn es Hoffnung gibt. Und Allah zeigt uns im Frühling, dass wir ihm in unserer Hoffnung vertrauen können. Das wir uns sicher sein können, ihn auf den neuen Wegen an unserer Seite zu haben. Erst ist das Neue nur eine wage Idee, die sich dann immer mehr verwirklicht. Die Hoffnung ist es dann letztendlich, die uns von der Passivität das Wartens in die Aktivität des Neuanfangs aufbrechen lässt. Sie ist die Brücke, über die wir gehen. Der Frühling ist Allahs Versprechen an uns, dass Neuanfänge sich lohnen.

Wie bereits gesagt, ist der Frühling eine faszinierende Zeit voller Gegensätze. Neu und Alt, Aktiv und Passiv, Geduld und Hoffnung. Es sind diese Gegensätze, durch die Allah besonders begreifbar wird. So beschreibt auch der Koran die Faszination von Wandel und Gegensatz, die wir im Frühling besonders spüren.

انَ في خلقِ السموَتِ والارضِ وَاِختِلَفِ اليل والنَهَار وتَصريف الرياح والسَحاب المُسَخَر بين السماء ؤالارض لأيات لِقومِ يعقلون.

In der Schöpfung der Himmel und der Erde; im Unterschied von Tag und Nacht;…im Wechsel der Winde und der Wolken, die zwischen Himmel und Erde dienstbar gemacht sind, sind wahrlich Zeichen für Leute, die begreifen.” (Quran 2:164)

In der Tat kann man beim Beobachten der Natur in diesen Tagen vieles Begreifen. Das, was wir im Außen beobachten können, spüren wir auch innerlich. Als Menschen verfügen wir über eine große Bandbreite an Gefühlen und Emotionen – und wer die großen Höhen des Glücks erleben will, muss auch bereit sein, den Schmerz der Traurigkeit in gleichen Ausmaß zu ertragen. Es ist wie eine Schaukel. Man kann nur so weit in die eine Richtung schwingen, wie man auch in die andere schwingt.

Khalil Gibran schreibt dazu: „Wenn ihr glücklich seid, blickt tief in euer Herz, und ihr werdet erkennen, dass gerade das, was euch leiden ließ, euch jetzt Freunde schenkt. Wenn ihr bekümmert seid, blickt abermals in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor eure Freunde war.“

Zurück aber zum Frühling. In der Eingangs zitierten Strophe heißt es „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Lasst uns also den Frühling nutzen, um die Kraft und Energie des Augenblicks in uns aufzunehmen und etwas Neues zu beginnen. Viele Dinge, die uns vor ein paar Wochen noch schwer gefallen sind, fallen uns im Frühling plötzlich leicht. Wir sind ein Teil dessen, was um uns herum passiert. Vielleicht trauen wir uns in diesen Tagen etwas, was wir uns vorher nicht getraut haben. Oder wir verändern was. Dies kann ein Projekt sein, welches wir schon lange angehen wollten, oder es kann eine Verhaltensänderung sein. Vielleicht habt ihr euch den Winter über mit dem Sport treiben sehr schwer getan – dann kann ich euch sehr empfehlen, diese wunderbaren Tage zu nutzen und aufs Fahrrad zu steigen oder die Laufschuhe anzuziehen. Ich verspreche euch, nicht nur euer Körper wird es euch danken, sondern auch eure Seele.

Dieser Frühling trägt für uns Muslime einen weiteren, ganz besonderen Gegensatz in sich. Während alles sich nach draußen und im Außen orientiert, beginnt für uns in einem Monat der Ramadan. Fastenmonat und Monat der inneren Einkehr. Man ist versucht zu denken: Warum gerade jetzt? Ich bin garnicht in Stimmung für Einkehr und Rückzug. Lasst mich versuchen, diesen Gegensatz aufzulösen.

Ich habe in meiner letzten Predigt gesagt, dass Gott uns alle einzigartig geschaffen hat. Wie wunderbare Gemälde, die sich am Ende wie Puzzleteile zu einem größeren Ganzen zusammen fügen. Allah hat jede und jeden von uns genau so geschaffen, wie wir sind, um das Mosaik dieser Welt perfekt zu machen. Niemand ist falsch oder haram. Und trotzdem verbiegen und verenken wir uns, um anderen zu gefallen, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. Wir wären so gerne ein blaues Mosaiksteinchen, denn um uns herum sind alle Mosaiksteinchen blau. Wir aber sind gelb. Warum nur? Warum hat der liebe Gott uns ausgerechnet gelb gemacht? Nun, weil genau dieses gelb unter all dem blau vielleicht ein ganz wunderbares Muster erzeugt.

In vielen Seelsorge-Gesprächen, die ich in den letzten Woche geführt habe, hatte ich immer wieder den Eindruck, dass uns manchmal ein Neuanfang mit uns selbst und der Beziehung zu uns selbst sehr gut tun würde. Wir gehen manchmal sehr hart mit uns ins Gericht, verurteilen uns und sprechen mit uns selbst, wie wir es keinem anderen erlauben würden. Der Ramadan ist ein Monat, in dem die Muslime in Medina und Mekka zu Gewaltverzicht aufgerufen waren. Und während wir heute äußerliche Gewalt komplett ablehnen, sind wir mit uns selbst innerlich doch sehr rabiat. Vielleicht sollten wir im Ramadan neben all dem Verzicht auf Nahrung und Wasser auch mal versuchen, uns selbst Freundlichkeit entgegen zu bringen. Mit uns selbst zu sprechen, wie mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Wir können in uns kehren, uns selbst wahr- und ernstnehmen und dann mit der Energie und guten Laune des Frühlings einen Neuanfang in der Beziehung zu uns selbst wagen.

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land.

Nun aber, zum Abschluss dieser Predigt, möchte ich euch erstmal ein wunderbares, sonniges und gesegnetes Wochenende wünschen. Ich wünsche euch, dass ihr Zeit habt rauszugehen, Barfuss zu laufen, die Sonne auf der Haut zu spüren und die Vögel singen zu hören. Ich wünsche euch, dass ihr den Frühling mit all euren Sinnen wahrnehmen könnt und dass er euer Herz erreicht. Und ich wünsche euch, dass eure Hoffnungen und Wünsche von Allah erhört werden. Traut euch, sie auszusprechen. Er wird euch zuhören.

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Autor: Massud Reza

Håkon Sataøen

Vor einigen Wochen ging ich auf die problematische Kooperation zwischen dem Bundesland Niedersachsen und dem islamischen Dachverband DITIB ein, was die inhaltliche Ausrichtung des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Grundschulen angeht.1 Nach Verfassungsrecht leben wir in einem „föderalistischen Bundesstaat“, womit man den Bundesländern einen relativ breiten Spielraum zugesteht, was Bildungspolitik, Innenpolitik und weiteren Politikfeldern anbelangt. Selbst in politischen Kooperationsfragen sehen wir Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, dass man wunderbar am Beispiel NRW sehen kann.

Die NRW-Integrationsministerin, Serap Güler (CDU), kündigte an, dass demnächst nicht nur die herkömmlichen Islamverbänden mit am runden Tisch sitzen werden, sondern sie ebenfalls liberale und weltoffene muslimische Vereinigungen miteinbeziehen möchte. Das Argument, welches diesem bald zu realisierendem Vorhaben zugrunde gelegt wird, ist die Pluralität im Islam sichtbar zu machen. Ein Meilenstein also?

Zumindest wäre dies ein erster und wichtiger Schritt, um nicht ausschließlich ein bestimmtes (konservatives) Islamverständnis zu privilegieren und vorzuziehen. Differenzen und Interessengegensätzen der muslimischen Akteure können argumentativ in der persönlichen Auseinandersetzung begegnet werden, statt -wie bisher üblich- aus der Ferne die Kritik zu üben (oder gar persönlich jemanden zu verunglimpfen). Es ist auch deshalb seitens der Integrationsministerin Güler ein guter Vorschlag, weil der (nordrhein-westfälische) Staat endlich auch anderen, friedfertigen und liberaleren Islaminterpretationen einen Platz am runden Tisch gewährt, um Muslimen anderer theologischer Ausrichtungen zu signalisieren, dass auch ihre Interessen, Wünschen und Bedürfnisse ernstgenommen werden.

Wie allseits bekannt, gibt es im Islam keine zentrale Instanz, die den Islam nach außen hin repräsentiert. Einen Papst oder von allen Muslimen weltweit anerkannten Klerus gibt es nicht. Aus dieser Ausgangslage heraus können sich Vorteile, aber durchaus auch Nachteile ergeben. Ein wichtiger Vorteil wäre, dass keine religiöse Instanz zwischen mir und Gott existiert. Bei Glaubensfragen kann ich mich auf Gott konzentrieren und ganz individuell mit ihm kommunizieren, mich in meiner Spiritualität bewegen, ohne dass es eine zwischengeschaltete Instanz gibt. Hingegen wäre ein Manko: Im Islam gibt eben keine absolute, weltliche Autorität, dafür aber eine Fülle an muslimischen Strömungen. Konsequenterweise ist es für den Staat kein leichtes Unterfangen, sich die Ansprechpartner auszusuchen, die im Namen der Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Abgesehen von den verfassungsrechtlichen Prinzipien des deutschen Grundgesetzes, welche natürlich von allen muslimischen Ansprechpartnern bejaht und gelebt werden müssen, ist natürlich die Frage nach der Vertretung der muslimischen Majorität sehr interessant.

Ein nüchterner Blick in die vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ erhobene repräsentative Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ vom Jahre 20092 verdeutlicht, wie relativ unbekannt die Dachverbände bei den Muslimen sind. Ins Auge springt zum einen die Zahl, dass etwa nur 10% der muslimischen Befragten etwas vom „Koordinationsrat der Muslime“ gehört haben.3 Bei diesem Gremium geht es um einen Zusammenschluss der vier großen Dachverbände: DITIB, Zentral der Muslime, VIKZ sowie der Islamrat. Aber auch was die einzelnen Verbände angeht, herrscht eine mangelnde Kenntnis über sie, da nicht einmal die Hälfte der muslimischen Befragten einen Verband kannten. Die Zahlen liegen zwischen 16% – 44%.4 Immerhin gaben 37% der Personen, die die Verbände kannten, an, dass sie sich teilweise von ihnen vertreten fühlen.5 Damit man mich nicht missversteht: Dass die Mehrheit der Befragten die islamischen Dachverbände nicht kennt, ist keine Gretchenfrage. Jedoch ist ein Dreh – und Angelpunkt für mich erreicht, sobald sich die genannten Verbände als die absolute Vertretung der Muslime in Deutschland in den Medien aufplustern. Sie sind allein schon deswegen nicht legitimiert im Namen „der Muslime“ in Deutschland zu sprechen, weil die Mehrheit sie nicht als ihre Vertretung ansieht. Momentan möchten sie als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, und zwar verstanden als „Körperschaft des Öffentlichen Rechts“, was ihnen auf staatlicher Ebene wieder viele Privilegien einräumt. Wie soll das aber funktionieren, wenn doch die islamische Religionsgemeinschaft so zersplittert ist? Außerdem: Die Mehrheit kennt die Verbände gar nicht, also wie kann man dann den Anspruch erheben, im Namen der Mehrheit zu sprechen?

Im Umkehrschluss heißt es übrigens nicht, dass dafür liberale muslimische Vereinigungen die Mehrheit vertreten. Zu Vertretungen liberaler Muslimen gehören beispielsweise der Liberal Islamische Bund (LIB), das Muslimische Forum Deutschland (MFD) oder auch die Ibn Rushd Goethe Moschee (IRGM). Inzwischen befindet sich ein neuer Verband in der Gründungsphase. Dabei handelt es sich um die Muslimische Gemeinschaft NRW, maßgeblich mitgetragen vom islamischen Theologen an der Münsteraner Universität Mouhanad Khorchide. Der Name dieses Verbandes sollte aber nicht in die Irre führen, denn auch Muslime (als ordentliche Mitglieder) sowie Nichtmuslime (als außerordentliche Mitglieder) können sich außerhalb von NRW in die Vereinigung eintragen.6 Die Frage danach, was gewollt bzw. angestrebt wird, wird folgendermaßen beantwortet: „Wir wollen möglichst viele Muslime in Deutschland organisieren, um die verschiedensten Kompetenzen und konstruktiven Ideen zusammenzubringen. So wollen wir einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben der Vielfalt leisten. Der Islam hat einst Europa bereichert, wir wollen an diesen Erfahrungen anknüpfen und nach vorne schauen, mit dem Anspruch: Wir wollen als Muslime auch heute Europa bereichern.“

Dieser eine letzte wichtige Satz sollten sich allen muslimischen Akteuren zu Herzen nehmen, die ein wirkliches Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben, mit den Grundwerten des Grundgesetzes und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechten als Handlungsrahmen. Aufgrund der breiten Vielfalt im Islam und der daraus ergebenden Challenge, die vielen muslimischen Interessen zu berücksichtigen, kann das Bundesland NRW mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie eine erweiterte Kooperation ausschauen kann. Davon können sich dann so manche Bundesländer eine Scheibe von abschneiden.

2 Es gibt eine weitere Studie vom Jahre 2016 mit der gleichen Überschrift sowie von derselben Institution erhoben, jedoch geht es da primär um islamische Wohlfahrtspflege, vorschulische Kinderbetreuung und Altenpflege.

4 Ebd. S.173-174

5 Ebd. S.175

6 Die äußerst lesenswerte Gründungserklärung verlinke ich sehr gerne: https://www.mg-nrw.de/profil.html

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Autorin: Susanne Dawi

June Admiraal

Am letzten Samstag traf sich eine Gruppe von Mitgliedern unserer Moschee zum Besuch des jüdischen Museums. Es war ein interessanter Ausflug mit einer kompetenten Führung eines gemeinde Mitglieders, der nicht nur sehr viel wusste, sondern darüber hinaus eine angenehme Art hatte, wertneutral und wortgewandt zu erzählen, womit er seine besondere Eignung als Museumsführer verdeutlichte. Ich war begeistert, wie jemand diesen Beruf, der mich persönlich nie reizen würde, mit so ausgezeichneter Hingabe und derart umfassendem Wissen ausführen konnte.

In einem der Räume konnten wir Filmsequenzen über die Ausübung der drei Schriftreligionen in der so genannten „Heiligen Stadt“ anschauen. Die im Film gezeigten authentischen Gottesdienste und religiösen Lernveranstaltungen des Judentums, Christentums und Islam in Jerusalem hatten ein auffälliges gemeinsames Element: in den Haupträngen, den vorderen Reihen, den Lehrstuben, den höchsten Ämtern usw. waren ausschließlich männliche Gläubige zu sehen. Wenngleich ich es hätte wissen müssen, hatte ich es nicht so deutlich erwartet. Wir hören doch immer, dass der Islam eine so partriarchalische Religion sei, während sich der Rest der Welt, und damit auch die anderen Religionen, inzwischen die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahne geschrieben hätte. Die Bilder sagten etwas Anderes. Thorarollen werden weiterhin nur von Männern durch die Synagoge getragen, wer die Thora abschreibt, muss im Besitz dessen sein, worauf, nach Sigmund Freud, die Frauen ihren Neid richten, Unter den christlichen Geistlichen aller Denominationen gab es nicht eine einzige Stimme, die den Gottesdienst in Sopran oder Alt hätte leiten können. Die muslimischen Männer standen Schulter an Schulter zum Gebet, gerufen von männlichen Gebetsrufern, während ihre Frauen weiter hinten mit den Kindern allen möglichen anderen Tätigkeiten nachgingen.

In deutschen Kirchen jedoch sehe ich durchaus auch Frauen als Pastorinnen. In der Synagoge treffe ich sowohl auf Kantoren als auch Kantorinnen. Und zumindest in unserer Moschee ruft eine Frau zum Gebet, können Frauen vorbeten, und können sie die Khutba halten, die Predigt. Ich finde das nicht nur „schön“ sondern vollkommen „normal“. Es ist eine gute Zeit, in der Frauen in die Domäne der Religion eintauchen und sich dort für Gott und die Schöpfung engagieren können. Es ist eine gute Zeit der Rollenvielfalt, in der nun auch Männer als Erzieher arbeiten können, als Krankenpfleger, Altenpfleger, Hausmänner, oder einfach nur Väter mit Hingabe sind.

Die Vielfalt der Rollen, die uns heute hier zu leben gestattet ist, macht uns zu zufriedeneren, und damit besseren Menschen. Wer seine Berufung erkennt und lebt, arbeitet qualitativ besser und bildet sich auch in seiner Freizeit fort. Es ist common sense, dass uns das hierdurch empfundene geistige und körperliche Wohlbefinden länger gesund und kraftvoll bleiben lässt. „Salutogenese“, nach Antonovsky der ständige Prozess des Gesundbleibens, wird wirksam unter anderem durch die Erfahrung von Sinnhaftigkeit – Sinnhaftigkeit der Ereignisse und unserer Selbst. Das Empfinden von Sinnhaftigkeit stellt sich unter anderem dann ein, wenn wir Aufgaben ausführen, die wir gerne tun, die wir gut können und bei denen wir das Gefühl haben wir seien genau dafür geschaffen. Es ist erfreulich, dass uns immer häufiger Wege dahin offen stehen, auch wenn sie traditionell für das andere Geschlecht reserviert waren, auch im Bereich der Religion.

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Autorin: Susanne Dawi

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Zurzeit besteht vielerorts der Versuch, eine umfassende Philosophie in ein paar Handlungsanweisungen zu pressen, um dies dann als „Wahrheit“ zu bezeichnen. Die Worte Kufr und Haram wedeln nur so durch die Gegend. Doch Handlungsanweisungen können keine „Wahrheit“ sein. Sie dienen stattdessen einer gewissen Alltagsstrukturierung. Das, was als „Wahrheit“ gesucht wird, liegt sozusagen darunter; es bildet das Fundament. Die Suche nach Wahrheit ist komplex und bedarf, glaube ich, der Zeit eines ganzen, langen Lebens. Hoffentlich eines schönen Lebens. Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Immer wieder hört man, es gäbe nur eine einzige Wahrheit. Diese gelte es zu finden. Es gäbe damit auch nur einen einzigen Islam, den wahren Islam. Suchen wir also.

Zunächst sollten wir uns jedoch gewahr sein: „Islam“, so wie das Wort heute verwendet wird, ist nicht diese Wahrheit, sondern erst einmal ein Wort. Allah allein kennt die Wahrheit, und diese ist derart umfassend und für den Menschen unverständlich, dass Allah den Koran in Worte gefasst hat, damit wir eine ungefähre Ahnung davon haben, was Wahrheit sein könnte. Gott hat ihn, den Koran, uns in einfacher Sprache gegeben, d.h. in einem Modus, den zu verstehen wir in der Lage sind – in menschlicher Sprache also, mit Wörtern. Die Wahrheit liegt jenseits der Worte.

Das Wort „Islam“ kommt im Koran mehrmals vor. In Sure 3:19 steht: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist der Islam“. Allerdings wurde zur Zeit Mohameds dieses Wort noch gar nicht als Religionsbezeichnung verwendet. Daher übersetzt Muhammad Asad diese Sure anders: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist des Menschen Selbstergebung in ihn“ (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018). Dies kommt, wenngleich es dem Wortlaut ferner scheint, dem inhaltlichen Sinn näher. Daneben steht im Koran auch die Form „muslim“, auf die ich mich im Folgenden konzentrieren möchte. Muslim ist jemand, der sich Gott stets und ständig gewahr ist, also jemand, der Taqwa hat, Gottesbewusstsein, und der darüber hinaus versucht, ein gutes Leben zu führen. Es handelt sich dabei um ein Wort, das sowohl als Substantiv als auch als Adjektiv gelesen werden kann. Für mich ist in den jeweiligen Kontexten die adjektivische Lesart einleuchtender. Nicht also: „Was bist du?“ „Ich bin ein Muslim, eine Muslimin“, sondern: „Wie bist du?“ „Ich bin muslim“. Als Religionsbezeichnung im engeren Sinne finde ich es relativ untauglich. Abraham war muslim. Wie war Abraham? Er war sich mit jeder Faser seines Seins und mit jedem Gedanken, jeder Handlung darüber bewusst, dass es einen einzigen Gott gibt, Allah, er vertraute auf dessen Gnade, und er wollte ein guter Mensch sein. All jene Menschen, die sich dessen so bewusst sind, dass es sie in ihrem Leben leitet, sind muslim. Auch Juden und Christen können nach dieser Vorstellung also muslim sein. Sure 21:92 sagt, nachdem über Zakharia und seinen Sohn Johannes, sowie über Maria gesprochen, also klarer Bezug auf das Christentum genommen wird: „Wahrlich (oh die ihr an mich glaubt), diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, da Ich der Erhalter von euch allen bin; betet denn mich allein an.“ Die Bezeichnung „muslim“ gilt also für alle, die diese besondere Haltung haben. Zwar steht im Koran beispielsweise, „euch wird der Tod nicht ereilen, bis ihr „musleimun“ geworden seid, was auch als Substantiv „Muslime“ übersetzt werden kann, doch steht im Vordergrund eben nicht die Gruppenzugehörigkeit zu einer religiösen Vereinigung, sondern die innere Haltung. Muhammad Asad schreibt in seinem Kommentar zu Sure 68:35: „Überall in diesem Werk habe ich die Begriffe muslim und islam in Übereinstimmung mit ihren ursprünglichen Bedeutungen übersetzt., nämlich „einer, der sich Gott ergibt (oder „ergeben hat“)“ und „die Selbstergebung des Menschen in Gott“… Man beachte, dass der „institutionalisierte“ Gebrauch dieser Worte – d.h. ihre ausschließliche Anwendung auf die Anhänger des Propheten Mohameds – eine definitiv nachqur’anische Entwicklung darstellt und daher in einer Übersetzung des Qur’an vermieden werden muss“. (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018, Seite 1086)Asad verwendet zwar hier das Wort als Substantiv, aber nicht im heutigen Sinne der Religionszugehörigkeit, sondern ebenfalls als Bezeichnung für ein Individuum mit gottergebener Haltung.

Wie kann man denn so werden, so muslim? Nun, nicht durch Geburt. Sicher sind nicht alle Menschen, deren Eltern muslim waren automatisch muslim. Dazu gehören der eigene Wille und Gottes Gnade. Nicht die Fokussierung auf Halal-Haram Regeln macht uns zu muslimischen Menschen, sondern ein Bewusstsein.

Als die Zeitgenossen Mohameds zum ersten Mal damit konfrontiert wurden, dass es eine andere Art des Zusammenlebens geben konnte als ihr Stammeswesen mit den ständigen Kämpfen (man schaue sich das Leben im damaligen Medina an), hatten sie viele Fragen dazu, wie man denn ausdrücken solle, dass man gottergeben ist. Viele Verse der Suren halfen ihnen, und gaben Antwort. In diesen Versen ging es häufig um Schutz – Schutz vor Armut und Ausbeutung. Waisen sollen geschützt werden, Frauen sollen erben können oder im Falle der Scheidung versorgt sein, Sozialsteuern sollten gezahlt werden (Zakat), Wucherzins sollte nicht erhoben werden, usw. Weiterhin ging es darum, immer daran zu denken, dass das Gute eine Gnade darstellt, keine Selbstverständlichkeit und keine eigene Errungenschaft. Allah entscheidet, wen er rechtleitet.

Das alles bedeutet aber: An erster Stelle steht damit der Wunsch muslim zu sein – dankend und ehrerbietend, gerecht in den Gedanken und Handlungen, selbstlos und unarrogant, tugendhaft, barmherzig und verantwortungsbewusst. Wer diese innere Haltung angenommen hat, wird danach streben, sie im Alltag umzusetzen. Kann man dies für sich beantworten, so ist man muslim.

Im Umkehrschluss ist man nicht muslim, wenn man andere verspottet, Schlechtes über sie spricht, ihnen gar Ungutes an den Hals wünscht, sie ausnutzt oder Gott gegenüber undankbar ist; seine Verantwortung gegenüber der Schöpfung nicht wahrnimmt und sich so vor dem Tag des jüngsten Gerichts nicht korrekt verantworten kann; denn hierdurch zeigt man eine Haltung, die mit der Liebe und Ehrerbietung gegenüber Gott nicht vereinbar ist. Dies zu erkennen brauchen wir keine Haramregeln. Als muslim macht es daher übrigens gleich in mehrfacher Hinsicht keinen Sinn, über andere Religionen herzuziehen, oder ihre Anhänger gar zu verspotten.

In Sure 2:177 lesen wir: „Wahre Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder nach Westen wendet – sondern wahrhaft fromm ist, wer an Gott glaubt und den Letzten Tag und die Egel und Offenbarung und die Propheten, und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es auch wertschätzen mag – für seine nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft; und beständig das Gebet verrichtet und die reinigenden Abgaben entrichtet; und wahrhaft fromm sind diejenigen, die ihre Versprechen halten, wann immer sie etwas versprechen und geduldig im Missgeschick sind, und in Härte und in Zeiten der Gefahr; es sind sie, die sich als wahrhaft erwiesen haben; und es sind sie, die sich Gottes bewusst sind.“

Hier wird ganz deutlich, dass Inhalt vor Form kommt. Die Gebetsrichtung, und damit die Form des Gebets, sowie auch die Form der Glaubensausübung schlechthin, treten hinter den Inhalt zurück. Im Vordergrund stehen zunächst der Glaube und dann die aus dem Glauben resultierenden Handlungen der Nächstenliebe sowie letztendlich die Geduld und Beständigkeit. Wer muslim ist, fühlt sich durch den Glauben an einen liebenden, barmherzigen Gott dazu bewegt, gleichermaßen liebevoll und barmherzig mit seinen Mitmenschen umzugehen. Daraus ergeben sich insbesondere die finanzielle Versorgung und die Befreiung aller Menschen aus der Knechtschaft. Was dies für uns in der modernen Welt bedeutet, bedarf einer ehrlichen Selbstreflexion, sowohl hinsichtlich individueller als auch gesellschaftlicher Aspekte. Auch die Partnerschaft wird natürlich davon berührt, die Erziehung der Kinder, das Verhältnis zu den Eltern, die Akzeptanz anderer Lebensweisen und vieles mehr.

Der Islam als „Religion“ ist eine Schaffung der menschlichen Gesellschaft, die das Bedürfnis zu haben scheint, Dinge in Kategorien zu pressen, um sie handhabbar zu machen. Als Religion steht der Islam mit dem Judentum und dem Christentum in enger Beziehung, aber unterscheidet sich durch bestimmte Regeln. Religion bedeutet stets ein Regelwerk im Sinne einer Hilfestellung zum gottgefälligen Leben. Dies dient vor allem der Schaffung eines Gefühls der Gruppenzugehörigkeit und der Kommunizierbarkeit von Glauben und hat viel mit Alltagshandlungen zu tun. Unter Praktizierenden der Religion „Islam“ hat im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Einigung stattgefunden, dass bestimmte Praktiken besser sind als andere (Ikhtilaf). Wie weit der Rahmen gern gesehener Handlungen gesteckt ist, ist ort- und zeitabhängig. Jedes Land hat sein eigenes Verständnis davon, welche Handlungen akzeptabel sind, und welche nicht. So sehr man auch meint, hier bestünde überkultureller Konsens, sind die Ausübungen der Religion doch auch kulturell geprägt. Darin liegt nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil wird die Religion auf diese Weise als sinnhaft empfunden, kann sie das Verhalten in allen Lebensbereichen, aber auch einfach das Lebensgefühl, positiv beeinflussen. Dadurch können kulturelle Praktiken durch die Religion hinterfragt werden und umgekehrt. Nicht der wahre Islam wird hierbei hinterfragt, sondern Ausdrucksformen der Religion, so dass ein ständiger Abgleich des Denkens und Handelns mit dem Koran stattfindet.

Wer den wahren Islam sucht, muss dies jenseits der Worte tun, mit seinem Herzen, in Dankbarkeit und Ehrfurcht. In jedem Fall ist der wahre Islam das Barmherzige, Liebevolle, Gnädige, Hoffende, Vergebende, zuzeiten sich Disziplinierende und zugleich Freiheitliebende. Gott ist der Schöpfer all dessen, was geschaffen ist. Er ist ist das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm gleich. Ihm allein dienen wir, indem wir zu ihm beten und mit seiner Schöpfung achtsam umgehen. Wer auf einen guten Weg geleitet werden möchte, wird durch Gottes Gnade darauf geführt. Er oder sie kann darum bitten, und Gott ist barmherzig und allvergebend. Die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit führt zum Erstreben einer gerechten Gesellschaft und damit zu Handlungen, die Gott und den Nächsten wertschätzen. Wer Muslim im Sinne der islamischen Religion werden möchte, spricht aus, dass er dazu gehören mag, indem er oder sie die Schahada spricht, also bezeugt, dass es nur einen einzigen Gott gibt und Mohamed sein Prophet ist. Damit werden auch die fünf Säulen des Islam anerkannt sowie die Prinzipien des Glaubens. Dies kann natürlich auch in unserer Moschee geschehen. Wenn Sie konvertieren möchten, sind Sie herzlich eingeladen, dies in der Ibn Rushd-Goethe Moschee zu tun.