Freiheit

Jonas Verstuyft

Nacht

Nacht

 

Jonas Verstuyft
Jonas Verstuyft

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Ich begrüße euch herzlich zum heutigen Freitagsgebet. Mögen unsere Herzen stets laut genug sprechen, um uns auf die richtigen Wege zu führen, und wir unsere Tage in Liebe und Freude verbringen.

Sure AlZalzal (Koran/Arabisch)

Wenn die Erde ihr Beben erbebt. Und sich aufspaltet. Und die Menschen fragen, was hat sie? An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen. Gleich verstreuten Motten werden die Menschen auseinanderlaufen und jeder wird sehen, was er oder sie getan hat. Wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen. Es wird kein schöner Tag sein, denn wie sehr wir uns auch über das Gute freuen werden, das Anschauen all unserer schlechten Taten wird uns quälen. Wahrscheinlich werden wir uns fühlen wie unsere Opfer und uns ob unserer Taten, und mehr noch unserer Motive, unendlich schämen.  Lasst uns in unserer noch verbleibenden Zeit viel Gutes tun, damit wir das Ende ertragen können. An diesem Tag der Offenbarung wird die Erde ihre Nachrichten erzählen. Jede Qual, jedes freudvolle Lachen, das sie gesammelt hat, wird sie bezeugen.

Im Koran ist nicht nur die Erde personifiziert, sondern das ganze Weltall – der Mond, die Sonne, die Planeten. Sie alle leisten ihre Arbeit nach Maßgabe der ihnen vorbestimmten und zugetragenen Aufgabe. Sie kreisen umeinander, jeder nach seiner vorgegebenen Bahn, so lange wie Allah ihnen ihre Frist hierfür gesetzt hat. Die Sonne, die uns den Tag bringt, ist dafür geschaffen, das, was wir sehen können, durch ihre Erleuchtung sichtbar zu machen. Die Nacht dient dazu, es zu bedecken. Zu unserem astrologischen Wissen der Neuzeit passt das nicht ganz. Wir wissen, dass nicht die Sonne auf- und untergeht, sondern die Erde sich um sie und um sich selber dreht. Das Aufgehen der Sonne im Osten und ihr Untergehen im Westen sind aus dieser wissenschaftlichen Sicht eine Fehlformulierung, doch ist der aus unserer Perspektive gewählte Ausdruck des Aufgangs und des Untergangs durchaus angemessen, denn dies entspricht unserer tatsächlichen Wahrnehmung. Diese menschliche Wahrnehmung ist natürlich nicht weniger real als die Perspektive der Wissenschaft. Kein Mensch sagt, die Erde ist jetzt in der Position, in der die Sonne beginnt, auf unseren Ort zu scheinen. Alle sagen stattdessen: Die Sonne geht auf. Es ist Tag. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf, es ist Nacht. Somit personifizieren wir auch in der deutschen Sprache Sonne und Mond.

Nach unserer wissenschaftlichen Vorstellung wird die Sonne genau so lange scheinen, bis die chemischen Reaktionen, die zum Brennen führen, nicht mehr stattfinden können. Nach islamischer Vorstellung scheint sie genau so lange, wie Gott das will. Sie tut dies, weil es ihre Aufgabe ist, im Sinne einer aktiven, und gewissermaßen auch willentlichen, Aktivität. Die Vorstellung, die Sonne sei gleich einer willentlich handelnden Person und auf der anderen Seite die Vorstellung, dass das Sonnenlicht und die Wärme durch chemische Reaktionen bedingt sind, die irgendwann natürlich zu Ende gehen, schließen sich nicht gegenseitig aus. Hat Gott die chemischen Reaktionen so geschaffen, wie sie sind, hat er-sie-es damit auch festgelegt, wann es damit zu Ende geht. Beim Lesen des Koran stellt sich jedoch manchmal bei mir das Gefühl ein, die Erde wäre eine Akteurin.

Die Personifizierung der Planeten ist dem Islam zueigen. Dadurch, dass sie wie Menschen beschrieben werden, die aber keinen freien Willen haben, sind sie uns zugleich ähnlich und unähnlich. Indem sie wie Lebewesen erscheinen, haben wir als Menschen eine große Verantwortung, sie gut zu behandeln, so nämlich, wie unsere Brüder und Schwestern. Sie sind nicht einfach Materie, sondern, wie wir, beseelte Materie – Bruder Mond und Schwester Sonne, die wir als Muslime lieben und ehren, wie auch die Erde. Nicht anbeten, aber ihnen Respekt bezeugen. Sind die Planeten von Gott als beseelte Wesen geschaffen, so wie wir Menschen, wie alle Pflanzen und Tiere und letztlich jede Materie, so ergibt sich für uns Muslime daraus ein Weltbild universeller Erschaffenheit. Alles um uns herum ist lebendige Schöpfung Gottes, alles unterliegt dem göttlichen Willen und trägt den göttlichen Geist. Dem Menschen als möglicherweise einzigem vernunftbegabten Wesen obliegt der Schutz der Schöpfung, um damit Gottes Willen anzuerkennen und auszuführen; den Willen des einzigen Gottes, der als einziger zeugt, ohne gezeugt worden zu sein.

Nicht nur ist die Sonne personifiziert, sondern auch der Tag. Im Koran ist er der Aufdeckende, der potenziell Sichtbares durch seine Helligkeit in Erscheinung treten lässt. Er wird abgelöst durch die Nacht, die durch das Ausbreiten ihrer Dunkelheit alles Sichtbare in der Unsichtbarkeit verschwinden lässt.

In dieser Unsichtbarkeit verschwinden auch viele der Untaten der Menschen. Die Nacht ist für die Ausführung all jener Verbrechen, die nicht von Zeugen beobachtet werden sollen, viel besser geeignet als der Tag. Doch ist sie nicht nur der Bedecker der Verbrechen. Durch die Dunkelheit können wir nicht arbeiten und müssen, oder dürfen, ruhen. Während die Nacht meines Wissens nach in den anderen Religionen keine besondere Bedeutung hat, ist sie im Koran assoziativ mächtiger und schöner. Wir Muslime lieben den Mond. Wir rechnen unsere Monate nach seinem Erscheinen und nennen unsere Liebsten, Ya Qamari (du mein Mond). Die Mondsichel ist Teil der Fahne mehrerer islamisch geprägter Länder. Im Ramadan schauen wir sehr genau, wann die feine Sichel am Himmel erscheint, um mit dem Fasten zu beginnen und es nach möglichst genau einem Lunarmonat zu beenden. In der Wüste ohne ihre Straßenlaternen oder sonstige künstliche Lichter sind der Mond und die Sterne Garanten erhöhter Sicherheit und der Möglichkeit, den Weg nach Hause zu finden; ganz so wie es für Schiffe auf den Meeren galt, bevor Radarsysteme erfunden wurden. Der Mond und die Sterne dienen damit unserer Orientierung in Zeit und Raum. Im Laufe der Geschichte lernten die Menschen, sich an Fixpunkten im Weltall zu orientieren, die man von überall auf der Welt sehen kann – das wird astronomische Navigation genannt. Dabei verlässt man sich auf die Gestirne am Himmel. Anhand des Sonnenstandes konnten die Seefahrer beispielsweise die Himmelsrichtungen ablesen. Denn wo die Sonne aufgeht, ist Osten, ihr Mittagsstand weist in Richtung Süden, und im Westen geht sie unter. Wer nach Norden wollte, dem half in der Nacht der Polarstern, der sich genau im Norden befindet. Soweit ich weiß, müssen Seeleute auch heute noch diese alten Methoden lernen, sei es als historisches, sei es als Notfallwissen, falls die elektronische Technik versagt.

Tatsächlich bietet uns die Sonne aber mit ihrem wie auch immer hellen Licht lediglich die Möglichkeit, den Blick bis zum nächsten Hindernis schweifen zu lassen und uns so in relativ eng begrenzten Räumen visuell zu orientieren. Dem hingegen bietet uns die Nacht mit ihren leuchtenden Sternen und dem Mond eine sehr viel weitreichendere Orientierungsmöglichkeit. Die Nacht ist damit nicht nur die Bedeckerin menschlicher Taten und ein Moment der Ruhe, sondern auch der Zeitpunkt der uns unsere Richtung weisen kann.

Einen großen Teil der Nacht verbringen wir mit Schlafen und nutzen die Orientierungsmöglichkeiten von Mond und Sternen nicht. Wir schlafen und ruhen damit von der Arbeit des Tages. In der Mitte der Nacht, etwa zwischen zwei und vier Uhr morgens, entgiftet unser Körper. Wenn wir in dieser Zeit arbeiten, statt zu schlafen, hat dies ungünstige gesundheitliche Folgen für uns, weil die Entgiftung nicht einfach zu anderer Zeit stattfindet, sondern eben gar nicht nicht oder unzureichend. Am Tag zu schlafen ist aus vielen Gründen nicht so erholsam wie der Schlaf in der Nacht. Doch selbst wenn wir schlafen, dient uns die Nacht zur Orientierung; denn im Schlaf spricht unsere eigene Seele zu uns und durch unsere Seele letztendlich Gott. Unbewusstes und Halbbewusstes formen sich zu bildhaften, in Metaphern symbolhaft gekleideten Geschichten, die uns mit Sphären unserer Selbst in Verbindung bringen, zu denen wir sonst keinen Zugang hätten. Besonders vielleicht der Monat Ramadan, wo wir durch die Rhythmusveränderung anders schlafen als in den anderen Monaten, und damit auch oft intensiver träumen, bietet uns die Möglichkeit durch Beachtung und Reflexion unserer Träume zu Erkenntnissen zu gelangen, die sich uns sonst entziehen. Sind wir aufmerksame Beobachter und entwickeln eine gewisse individuelle Deutungskompetenz der uns eigenen, doch zugleich kulturell geprägten, Traumsymbolik, so kann uns dies helfen, uns in der Partnerschaft, der Elternschaft, dem Beruf oder anderen Gebieten unseres Lebens zu orientieren. Nicht alle Träume sind dazu geeignet, doch lohnt sich häufig die Beschäftigung mit ihnen.

So bietet die Nacht Orientierung sowohl für die Reisen mit Schiffen und Flugzeugen als auch für die inneren Reisen unserer Seele. In ihrer Entlastung von den Tätigkeiten, die uns der Tag abverlangt, in der Ruhe ihrer Enthaltung von sozialen Beziehungen, und in der bewussten Hinwendung zu unserem Inneren sowie beim Träumen schenkt uns die Nacht die Möglichkeit, über unsere inneren und äußeren Lebensumstände nachzudenken, ohne beim Pragmatismus ankommen zu müssen. Dass sich am nächsten Tag oft alles wieder ganz anders darstellt als in der Nacht gedacht, ist der Beweis, dass wir als denkende Wesen geschaffen wurden, die Entscheidungen auf verschiedenen Grundlagen treffen können – pragmatischen, moralischen, emotionalen und so weiter.

Die Orientierungshilfe der Nacht wird ergänzt durch ein Orientierungsorgan, das ebenso im Dunkeln liegt. Tief in unserem Inneren liegt unser Herz. Einer meiner Lieblingssänger, Hermann van Veen, singt: „Hörst du denn nicht den Trommler, der da heimlich in dir schlägt; der dich bei aller Gegenwehr auch in Feindeslager trägt. Hör auf ihn, er sagt dir was! Wenn er sich nicht mehr regt, ist das ein Zeichen dafür, dass sich gar nichts mehr bewegt.“ Das wichtigste Lebensorgan, unser Herz, bietet uns Orientierung aus der Dunkelheit des Körpers heraus.

Unser Herz bietet uns Orientierung und Umorientierung, ein Hin und Her der Möglichkeiten, die uns manchmal zerreißen. Es zieht uns zu altruistischem Verhalten, um dann wieder festzustellen, dass wir uns dabei selbst aufgeben und verlieren, wenn wir nicht auf uns aufpassen. Es zieht uns manchmal zu Verhaltensweisen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können, weil sie uns nicht gut zu tun scheinen, oder in der Tat nicht guttun. Doch ihm zuzuhören ist wertvoll, denn sein Orientierungspotenzial ist unbestritten. Lernen wir, unserem Herzen zuzuhören, können wir im Anschluss immer noch mit dem Verstand abwägen, wie wir uns verhalten wollen. Aber nur wenn wir den Mut haben, unser Herz anzuhören, ist dies eine ehrliche Auseinandersetzung.

 

Alle unsere Gedanken entstehen auf Grund von Empfindungen, dies werden im Gehirn bewertet. Die Amygdala, also der Teil des Gehirns, der für die emotionale Bewertung von Ereignissen zuständig ist, ist sozusagen das unterbewusste Herz des Gehirns. Alle Ereignisse die wir je erleben, passieren diesen emotionalen Filter und werden bewertet, d.h. können mit Worten wie Furcht oder Freude oder Langerweile beschrieben werden. Ich bin sicher, die Amygdala, zu Deutsch der Mandelkern, steht in direkter Verbindung mit dem Herzen, das, wie wir sagen, vor Freude hüpft, oder uns vor Aufregung oder Angst bis zum Hals schlagen kann. All unsere Orientierungen, die in der Dunkelheit stattfinden, sind möglicherweise wertvoller als die Orientierungen des helllichten Tages. Denn während wir am Tag beim Einschlagen falscher Wege von A nach B einfach einen Umweg gehen können, sind die im Dunkel der Nacht und im Dunkel des Inneren getroffenen Entscheidungen oft viel wesentlicher und weitreichender. Und sie brauchen oft viel mehr Mut, der uns angesichts des Tageslichts manchmal schnell wieder verlässt.

Im Ramadan ist, bzw. war, die Nacht eine besondere Zeit. Nicht nur weil wir da essen durften. Wir fasten ja nicht, um nachts zu essen, sondern um am Tag zu fasten. Doch machen wir, wenn es uns möglich ist, einen Mittagsschlaf, und so wird in dem heiligen Monat manches Mal die Nacht ausgedehnter als sonst. Wenn wir in der Nacht essen und trinken, als wäre es Tag, verliert sich jedoch die Besonderheit der Nacht. Durch das Bewegen in belebten und beleuchteten Orten entflieht uns die Möglichkeit der stillen Reflexion. Nacht ist nur dann Nacht, wenn sie in Dunkelheit und Ruhe verbracht wird. Dann ist sie ein wunderbarer und reicher Teil unseres Lebens. Unsere Tage, die manchmal allein dazu dienen, das so genannte Tagwerk zu tun, Aufgaben zu bearbeiten oder Dinge erledigen, vor deren Anstrengungen und sozialen Verpflichtungen wir manchmal zurückschrecken mögen, können wir zwar auch nutzen, um uns mit der Schöpfung und dem Schöpfer in Verbindung zu bringen. Doch die Nacht hat ihren besonderen Charme und für manche von uns, ist sie der schönere Teil des Tages. In meinen Teenager Jahren tat ich, was mir meine Tochter neulich auch von sich erzählte, und was ich heute noch gerne mag: Ich stellte mir den Wecker auf 2 Uhr nachts, um mindestens ein paar Minuten der Nacht wach zu liegen, und die Nacht als solche wahrzunehmen. Mit diesem kleinen Trick verlieh ich ihr die Existenz und räumte ihr einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Heute dient mir die Nacht auch der Zärtlichkeit und einer anderen Form des Gemeinsamseins, als die des Tages. Sheherazade erzählt dem grausamen König ihre Geschichten in der Nacht, bevor er einschläft. Diese vertrauteste aller Arten des Erzählens im Dunkeln kennen viele von uns. Durch die Dunkelheit und die Abwesenheit aller Ablenkung entsteht eine Atmosphäre, die an Intimität nicht zu übertreffen ist und unsere liebevollen Worte dringen ohne Umwege direkt in die Seele des anderen ein. Unsere Kinder, die tagsüber längst ihre eigenen Wege gehen und uns nicht mehr zu brauchen scheinen, kommen nachts zu uns, um neben uns zu liegen und nicht allein zu schlafen.

 

Rilke schreibt:

 

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

 

Der Monat Ramadan ist nun vorbei. Die Nächte sind wieder das, was sie zuvor waren, Zeit zum Ruhen und Schlafen und zum Austausch liebender Zärtlichkeit.  Ich wünsche uns allen die Nächte wie wir sie brauchen und auch hin und wieder reflektierte Nächte, in denen wir uns orientieren und unser Leben auf einen guten Kurs bringen können. Einen muslimischen Kurs, was bedeutet einen Kurs der Nächstenliebe, der Hinwendung zum Guten, der gekonnten Zurückstellung eigener Wünsche, ohne des Selbstverlusts.

Es ist ein Kurs des freudvollen Gebens und des Findens weiser und liebevoller Wörter, der Wertschätzung und der Geduld und Kraft und eines mutigen und gütigen Herzens.

 

Wir wenden uns nun zum Gebet in Hingabe an Allah, mit Dank für alles, was uns gegeben ist. Es ist viel. Wir vertrauen darauf, dass jede Stelle, an der wir uns befinden, die richtige ist, und wir uns stets auf dem uns zugewiesenen Weg befinden, auf dem wir geleitet werden in Liebe und Barmherzigkeit.

 

Alexander Sinn

Weibliche Geschichten

Weibliche Geschichten

Autorin: Susanne Dawi

Alexander Sinn
Alexander Sinn

Neulich hielt ich in der Moschee einen Vortrag über die marokkanische Soziologin und Islamwissenschaftlerin Fatima Mernissi. Besonders ihre Bücher „Harem“ und „Der politische Harem“ fand ich sehr lesenswert, obwohl ich mich bisher immer geweigert hatte, Bücher mit dem Wort Harem im Titel zu lesen, ob der dahinter vermuteten Stereotypen über den Orient, gegen die man sich so häufig zur Wehr setzen muss. Anlässlich des Vortrags kam ich um die Bücher mit besagtem Wort also nicht herum. Mernissi liest sich interessant und flüssig – sehr zu empfehlen, wenn man sich für die Schnittstelle zwischen Religion und Gesellschaft interessiert, und ich möchte fast sagen, das sollte man derzeit unbedingt.
Für den heutigen Blogtext möchte ich eine Geschichte herausgreifen, die sie aus 1001 Nacht zitiert. Durch zwei kleine, wie Mernissi sagt „subversive“ Veränderungen, die ihre Großmutter beim Erzählen stets vornahm, wird sie von einer „männlichen“ zu einer „weiblichen“ Geschichte.
Die erste Veränderung betrifft den Titel. Er heißt eigentlich „Hassan AlBasri“, doch Großmutter Yasmina leitet geschickt die Fokussierung vom männlichen Protagonisten zum weiblichen über, denn sie nennt die Geschichte „Die Frau mit dem Federkleid“.
Die zweite Veränderung betrifft das Ende der Geschichte. Dazu später mehr.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – , wo diese mysteriöse Insel Wak Wak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ (Harem, S. 11-12)
Die Großmutter Yasmina hatte sich also zuerst einmal den Titel vorgenommen und damit die Frau zur Protagonistin gemacht. Ich zitiere weiter: „Die zweite subversive Veränderung…. war, dass Yasminas mündliche Version kein Happy End hatte. In der Geschichte meiner Großmutter gelang es Hassan nicht, Frau und Kinder zurückzugewinnen. Lange suchte er nach der Insel seiner geflügelten Frau, konnte sie aber nicht wiederfinden. In der von Männern verfassten Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende.
Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, bin ich am Ende überrascht; denn in meiner Erinnerung findet Hassan seine Frau und lebt daraufhin bei ihr. Es gibt also drei mögliche Endungen und jede hat ihre Bedeutung über die Geschichte hinaus.
Dass die gefiederte Frau zu ihrem Mann zurückkehrt, ist das Ende, das ich am wenigsten mag; hieße es doch, sich der möglichen Unterdrückung erneut, und diesmal freiwillig, auszusetzen. Dass ihr Mann aus der Flucht seiner geliebten, aber gefangenen Frau etwas gelernt hätte, ging ja aus der Geschichte nicht hervor. So empfinde ich aus meiner weiblichen Empowerment-Logik mein selbst-erinnertes Ende am sinnvollsten, dass er nämlich bei ihr bleibt, ohne jedoch nun seinerseits der Gefangene zu sein.
Geschichten schriftlich zu überliefern heißt, in einem gewissen Maße auch ihre Deutungen festzuschreiben. Mit mündlichen Überlieferungen können wir spielen. Wir verändern sie absichtlich oder aus Versehen, wobei uns unsere Erinnerungspsychologie einen Streich spielt. Das sollten wir nebenbei bemerkt auch nicht vergessen, wenn wir über Hadithe sprechen.
Welches Ende gefällt Ihnen am besten? Dass die gefiederte Ehefrau mit den Kindern zu Hassan zurückkehrt? Dass Hassan seine Frau niemals findet? Oder dass Hassan seine Frau und die Kinder findet, um dann bei ihnen zu bleiben? Welche Version der Geschichte erzählen Sie Ihren Kindern oder Ihrem Lebenspartner? Welche Version würden Sie gerne leben? Welche leben Sie tatsächlich? Und: Heißt Ihre Geschichte „Hassan Al-Basri“ oder heißt sie „Die Frau mit dem Federkleid“?
Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag!
Ihre Susie Dawi

Aaron Burden

Wer aufbricht, der kann hoffen

Wer aufbricht, der kann hoffen

Aaron Burden
Aaron Burden

Ihr kennt sicherlich alle die libanesische Sängerin Fairouz. Ich jedenfalls höre sie jeden Morgen, entweder aus meinem Autoradio oder aber – und viel lieber – auf dem Fahrrad. Wenn sie dann von großen Meeren und weiten Himmeln singt, dann schlägt mein Herz auch ein bisschen höher. Gerade jetzt im Frühling.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist der Frühling immer eine ganz besondere Jahreszeit. Ich genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und freue mich, dass es nun jeden Tag länger hell wird. Die Vögel singen – und wenn man genau hinhört, dann singen sie nicht nur, sie unterhalten sich. Am Sonntag bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr barfuß gelaufen und habe mich über jeden Grashalm unter meinen Fußsohlen gefreut. Es ist wie ein neuer Anfang. Der Himmel wird nicht nur weit und die Bäume grün, es werden auch viele Hoffnungen und Pläne neu geboren.

Im Gesangbuch der evangelischen Kirche gibt es einige Lieder, die immer wieder mein Herz erreichen. Kurz eingeschoben muss ich sagen, dass ich wirklich bedauere, dass wir im Islam so wenig singen. Denn auch das macht das Herz frei und glücklich. Nun, eins der Lieder, welches für mich zu dieser Jahreszeit passt, ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“. In der dritten Strophe heißt es:

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit.

Was für eine wunderbare Verheißung. Wer aufbricht, der kann hoffen. Für mich ist der Frühling so ein Moment des Aufbruchs. Die Ruhe und Behaglichkeit des Winters sind vorbei. Nun kann es – so zumindest hat man den Eindruck beim Beobachten der Natur – garnicht schnell genug damit gehen, neues entstehen zu lassen und sich zu wandeln. Nichts ist so beständig, wie dieser Wandel in der Natur. Wir alle haben ihn schon dutzendfach erlebt und doch hat es keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht weil der Frühling zart und gleichsam kraftvoll daherkommt. Man hat das Gefühl bei der Geburt einer Jahreszeit dabei zu sein.

Wer aufbricht, der kann hoffen. Und er kann vertrauen darauf, dass Gott ihn auf seinen neuen Wegen behüten und beschützen wird. Der Frühling zeigt uns, dass Neuanfänge oft belohnt werden und das diese Zeiten, in denen das Alte noch nicht ganz beendet und das neue noch nicht komplett da ist, unter einem besonderen Schutz Gottes stehen. Und in diesen Zeiten, in denen uns Geduld besonders schwer fällt, können wir in unserer Hoffnung auf Gott vertrauen.

Ich möchte an dieser Stelle den Gefährten von Mevlana Rumi, Schams-e Din zitieren:

Was ist Geduld? Geduld ist, den Dorn zu betrachten und die Rose zu sehen, die Nacht zu betrachten und das Morgengrauen zu sehen. […] Wer Gott liebt, verliert nie die Geduld, denn er weiß, dass die Mondsichel Zeit braucht, um zum Vollmond zu werden.“

Geduld lässt sich nur aufbringen, wenn es Hoffnung gibt. Und Allah zeigt uns im Frühling, dass wir ihm in unserer Hoffnung vertrauen können. Das wir uns sicher sein können, ihn auf den neuen Wegen an unserer Seite zu haben. Erst ist das Neue nur eine wage Idee, die sich dann immer mehr verwirklicht. Die Hoffnung ist es dann letztendlich, die uns von der Passivität das Wartens in die Aktivität des Neuanfangs aufbrechen lässt. Sie ist die Brücke, über die wir gehen. Der Frühling ist Allahs Versprechen an uns, dass Neuanfänge sich lohnen.

Wie bereits gesagt, ist der Frühling eine faszinierende Zeit voller Gegensätze. Neu und Alt, Aktiv und Passiv, Geduld und Hoffnung. Es sind diese Gegensätze, durch die Allah besonders begreifbar wird. So beschreibt auch der Koran die Faszination von Wandel und Gegensatz, die wir im Frühling besonders spüren.

انَ في خلقِ السموَتِ والارضِ وَاِختِلَفِ اليل والنَهَار وتَصريف الرياح والسَحاب المُسَخَر بين السماء ؤالارض لأيات لِقومِ يعقلون.

In der Schöpfung der Himmel und der Erde; im Unterschied von Tag und Nacht;…im Wechsel der Winde und der Wolken, die zwischen Himmel und Erde dienstbar gemacht sind, sind wahrlich Zeichen für Leute, die begreifen.” (Quran 2:164)

In der Tat kann man beim Beobachten der Natur in diesen Tagen vieles Begreifen. Das, was wir im Außen beobachten können, spüren wir auch innerlich. Als Menschen verfügen wir über eine große Bandbreite an Gefühlen und Emotionen – und wer die großen Höhen des Glücks erleben will, muss auch bereit sein, den Schmerz der Traurigkeit in gleichen Ausmaß zu ertragen. Es ist wie eine Schaukel. Man kann nur so weit in die eine Richtung schwingen, wie man auch in die andere schwingt.

Khalil Gibran schreibt dazu: „Wenn ihr glücklich seid, blickt tief in euer Herz, und ihr werdet erkennen, dass gerade das, was euch leiden ließ, euch jetzt Freunde schenkt. Wenn ihr bekümmert seid, blickt abermals in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor eure Freunde war.“

Zurück aber zum Frühling. In der Eingangs zitierten Strophe heißt es „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Lasst uns also den Frühling nutzen, um die Kraft und Energie des Augenblicks in uns aufzunehmen und etwas Neues zu beginnen. Viele Dinge, die uns vor ein paar Wochen noch schwer gefallen sind, fallen uns im Frühling plötzlich leicht. Wir sind ein Teil dessen, was um uns herum passiert. Vielleicht trauen wir uns in diesen Tagen etwas, was wir uns vorher nicht getraut haben. Oder wir verändern was. Dies kann ein Projekt sein, welches wir schon lange angehen wollten, oder es kann eine Verhaltensänderung sein. Vielleicht habt ihr euch den Winter über mit dem Sport treiben sehr schwer getan – dann kann ich euch sehr empfehlen, diese wunderbaren Tage zu nutzen und aufs Fahrrad zu steigen oder die Laufschuhe anzuziehen. Ich verspreche euch, nicht nur euer Körper wird es euch danken, sondern auch eure Seele.

Dieser Frühling trägt für uns Muslime einen weiteren, ganz besonderen Gegensatz in sich. Während alles sich nach draußen und im Außen orientiert, beginnt für uns in einem Monat der Ramadan. Fastenmonat und Monat der inneren Einkehr. Man ist versucht zu denken: Warum gerade jetzt? Ich bin garnicht in Stimmung für Einkehr und Rückzug. Lasst mich versuchen, diesen Gegensatz aufzulösen.

Ich habe in meiner letzten Predigt gesagt, dass Gott uns alle einzigartig geschaffen hat. Wie wunderbare Gemälde, die sich am Ende wie Puzzleteile zu einem größeren Ganzen zusammen fügen. Allah hat jede und jeden von uns genau so geschaffen, wie wir sind, um das Mosaik dieser Welt perfekt zu machen. Niemand ist falsch oder haram. Und trotzdem verbiegen und verenken wir uns, um anderen zu gefallen, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. Wir wären so gerne ein blaues Mosaiksteinchen, denn um uns herum sind alle Mosaiksteinchen blau. Wir aber sind gelb. Warum nur? Warum hat der liebe Gott uns ausgerechnet gelb gemacht? Nun, weil genau dieses gelb unter all dem blau vielleicht ein ganz wunderbares Muster erzeugt.

In vielen Seelsorge-Gesprächen, die ich in den letzten Woche geführt habe, hatte ich immer wieder den Eindruck, dass uns manchmal ein Neuanfang mit uns selbst und der Beziehung zu uns selbst sehr gut tun würde. Wir gehen manchmal sehr hart mit uns ins Gericht, verurteilen uns und sprechen mit uns selbst, wie wir es keinem anderen erlauben würden. Der Ramadan ist ein Monat, in dem die Muslime in Medina und Mekka zu Gewaltverzicht aufgerufen waren. Und während wir heute äußerliche Gewalt komplett ablehnen, sind wir mit uns selbst innerlich doch sehr rabiat. Vielleicht sollten wir im Ramadan neben all dem Verzicht auf Nahrung und Wasser auch mal versuchen, uns selbst Freundlichkeit entgegen zu bringen. Mit uns selbst zu sprechen, wie mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Wir können in uns kehren, uns selbst wahr- und ernstnehmen und dann mit der Energie und guten Laune des Frühlings einen Neuanfang in der Beziehung zu uns selbst wagen.

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land.

Nun aber, zum Abschluss dieser Predigt, möchte ich euch erstmal ein wunderbares, sonniges und gesegnetes Wochenende wünschen. Ich wünsche euch, dass ihr Zeit habt rauszugehen, Barfuss zu laufen, die Sonne auf der Haut zu spüren und die Vögel singen zu hören. Ich wünsche euch, dass ihr den Frühling mit all euren Sinnen wahrnehmen könnt und dass er euer Herz erreicht. Und ich wünsche euch, dass eure Hoffnungen und Wünsche von Allah erhört werden. Traut euch, sie auszusprechen. Er wird euch zuhören.

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Autor: Massud Reza

Håkon Sataøen

Vor einigen Wochen ging ich auf die problematische Kooperation zwischen dem Bundesland Niedersachsen und dem islamischen Dachverband DITIB ein, was die inhaltliche Ausrichtung des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Grundschulen angeht.1 Nach Verfassungsrecht leben wir in einem „föderalistischen Bundesstaat“, womit man den Bundesländern einen relativ breiten Spielraum zugesteht, was Bildungspolitik, Innenpolitik und weiteren Politikfeldern anbelangt. Selbst in politischen Kooperationsfragen sehen wir Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, dass man wunderbar am Beispiel NRW sehen kann.

Die NRW-Integrationsministerin, Serap Güler (CDU), kündigte an, dass demnächst nicht nur die herkömmlichen Islamverbänden mit am runden Tisch sitzen werden, sondern sie ebenfalls liberale und weltoffene muslimische Vereinigungen miteinbeziehen möchte. Das Argument, welches diesem bald zu realisierendem Vorhaben zugrunde gelegt wird, ist die Pluralität im Islam sichtbar zu machen. Ein Meilenstein also?

Zumindest wäre dies ein erster und wichtiger Schritt, um nicht ausschließlich ein bestimmtes (konservatives) Islamverständnis zu privilegieren und vorzuziehen. Differenzen und Interessengegensätzen der muslimischen Akteure können argumentativ in der persönlichen Auseinandersetzung begegnet werden, statt -wie bisher üblich- aus der Ferne die Kritik zu üben (oder gar persönlich jemanden zu verunglimpfen). Es ist auch deshalb seitens der Integrationsministerin Güler ein guter Vorschlag, weil der (nordrhein-westfälische) Staat endlich auch anderen, friedfertigen und liberaleren Islaminterpretationen einen Platz am runden Tisch gewährt, um Muslimen anderer theologischer Ausrichtungen zu signalisieren, dass auch ihre Interessen, Wünschen und Bedürfnisse ernstgenommen werden.

Wie allseits bekannt, gibt es im Islam keine zentrale Instanz, die den Islam nach außen hin repräsentiert. Einen Papst oder von allen Muslimen weltweit anerkannten Klerus gibt es nicht. Aus dieser Ausgangslage heraus können sich Vorteile, aber durchaus auch Nachteile ergeben. Ein wichtiger Vorteil wäre, dass keine religiöse Instanz zwischen mir und Gott existiert. Bei Glaubensfragen kann ich mich auf Gott konzentrieren und ganz individuell mit ihm kommunizieren, mich in meiner Spiritualität bewegen, ohne dass es eine zwischengeschaltete Instanz gibt. Hingegen wäre ein Manko: Im Islam gibt eben keine absolute, weltliche Autorität, dafür aber eine Fülle an muslimischen Strömungen. Konsequenterweise ist es für den Staat kein leichtes Unterfangen, sich die Ansprechpartner auszusuchen, die im Namen der Mehrheit der Muslime in Deutschland sprechen. Abgesehen von den verfassungsrechtlichen Prinzipien des deutschen Grundgesetzes, welche natürlich von allen muslimischen Ansprechpartnern bejaht und gelebt werden müssen, ist natürlich die Frage nach der Vertretung der muslimischen Majorität sehr interessant.

Ein nüchterner Blick in die vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ erhobene repräsentative Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ vom Jahre 20092 verdeutlicht, wie relativ unbekannt die Dachverbände bei den Muslimen sind. Ins Auge springt zum einen die Zahl, dass etwa nur 10% der muslimischen Befragten etwas vom „Koordinationsrat der Muslime“ gehört haben.3 Bei diesem Gremium geht es um einen Zusammenschluss der vier großen Dachverbände: DITIB, Zentral der Muslime, VIKZ sowie der Islamrat. Aber auch was die einzelnen Verbände angeht, herrscht eine mangelnde Kenntnis über sie, da nicht einmal die Hälfte der muslimischen Befragten einen Verband kannten. Die Zahlen liegen zwischen 16% – 44%.4 Immerhin gaben 37% der Personen, die die Verbände kannten, an, dass sie sich teilweise von ihnen vertreten fühlen.5 Damit man mich nicht missversteht: Dass die Mehrheit der Befragten die islamischen Dachverbände nicht kennt, ist keine Gretchenfrage. Jedoch ist ein Dreh – und Angelpunkt für mich erreicht, sobald sich die genannten Verbände als die absolute Vertretung der Muslime in Deutschland in den Medien aufplustern. Sie sind allein schon deswegen nicht legitimiert im Namen „der Muslime“ in Deutschland zu sprechen, weil die Mehrheit sie nicht als ihre Vertretung ansieht. Momentan möchten sie als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, und zwar verstanden als „Körperschaft des Öffentlichen Rechts“, was ihnen auf staatlicher Ebene wieder viele Privilegien einräumt. Wie soll das aber funktionieren, wenn doch die islamische Religionsgemeinschaft so zersplittert ist? Außerdem: Die Mehrheit kennt die Verbände gar nicht, also wie kann man dann den Anspruch erheben, im Namen der Mehrheit zu sprechen?

Im Umkehrschluss heißt es übrigens nicht, dass dafür liberale muslimische Vereinigungen die Mehrheit vertreten. Zu Vertretungen liberaler Muslimen gehören beispielsweise der Liberal Islamische Bund (LIB), das Muslimische Forum Deutschland (MFD) oder auch die Ibn Rushd Goethe Moschee (IRGM). Inzwischen befindet sich ein neuer Verband in der Gründungsphase. Dabei handelt es sich um die Muslimische Gemeinschaft NRW, maßgeblich mitgetragen vom islamischen Theologen an der Münsteraner Universität Mouhanad Khorchide. Der Name dieses Verbandes sollte aber nicht in die Irre führen, denn auch Muslime (als ordentliche Mitglieder) sowie Nichtmuslime (als außerordentliche Mitglieder) können sich außerhalb von NRW in die Vereinigung eintragen.6 Die Frage danach, was gewollt bzw. angestrebt wird, wird folgendermaßen beantwortet: „Wir wollen möglichst viele Muslime in Deutschland organisieren, um die verschiedensten Kompetenzen und konstruktiven Ideen zusammenzubringen. So wollen wir einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben der Vielfalt leisten. Der Islam hat einst Europa bereichert, wir wollen an diesen Erfahrungen anknüpfen und nach vorne schauen, mit dem Anspruch: Wir wollen als Muslime auch heute Europa bereichern.“

Dieser eine letzte wichtige Satz sollten sich allen muslimischen Akteuren zu Herzen nehmen, die ein wirkliches Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben, mit den Grundwerten des Grundgesetzes und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechten als Handlungsrahmen. Aufgrund der breiten Vielfalt im Islam und der daraus ergebenden Challenge, die vielen muslimischen Interessen zu berücksichtigen, kann das Bundesland NRW mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie eine erweiterte Kooperation ausschauen kann. Davon können sich dann so manche Bundesländer eine Scheibe von abschneiden.

2 Es gibt eine weitere Studie vom Jahre 2016 mit der gleichen Überschrift sowie von derselben Institution erhoben, jedoch geht es da primär um islamische Wohlfahrtspflege, vorschulische Kinderbetreuung und Altenpflege.

4 Ebd. S.173-174

5 Ebd. S.175

6 Die äußerst lesenswerte Gründungserklärung verlinke ich sehr gerne: https://www.mg-nrw.de/profil.html

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Eine kleine Museumserfahrung mit besonders geeignetem Führer

Autorin: Susanne Dawi

June Admiraal

Am letzten Samstag traf sich eine Gruppe von Mitgliedern unserer Moschee zum Besuch des jüdischen Museums. Es war ein interessanter Ausflug mit einer kompetenten Führung eines gemeinde Mitglieders, der nicht nur sehr viel wusste, sondern darüber hinaus eine angenehme Art hatte, wertneutral und wortgewandt zu erzählen, womit er seine besondere Eignung als Museumsführer verdeutlichte. Ich war begeistert, wie jemand diesen Beruf, der mich persönlich nie reizen würde, mit so ausgezeichneter Hingabe und derart umfassendem Wissen ausführen konnte.

In einem der Räume konnten wir Filmsequenzen über die Ausübung der drei Schriftreligionen in der so genannten „Heiligen Stadt“ anschauen. Die im Film gezeigten authentischen Gottesdienste und religiösen Lernveranstaltungen des Judentums, Christentums und Islam in Jerusalem hatten ein auffälliges gemeinsames Element: in den Haupträngen, den vorderen Reihen, den Lehrstuben, den höchsten Ämtern usw. waren ausschließlich männliche Gläubige zu sehen. Wenngleich ich es hätte wissen müssen, hatte ich es nicht so deutlich erwartet. Wir hören doch immer, dass der Islam eine so partriarchalische Religion sei, während sich der Rest der Welt, und damit auch die anderen Religionen, inzwischen die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahne geschrieben hätte. Die Bilder sagten etwas Anderes. Thorarollen werden weiterhin nur von Männern durch die Synagoge getragen, wer die Thora abschreibt, muss im Besitz dessen sein, worauf, nach Sigmund Freud, die Frauen ihren Neid richten, Unter den christlichen Geistlichen aller Denominationen gab es nicht eine einzige Stimme, die den Gottesdienst in Sopran oder Alt hätte leiten können. Die muslimischen Männer standen Schulter an Schulter zum Gebet, gerufen von männlichen Gebetsrufern, während ihre Frauen weiter hinten mit den Kindern allen möglichen anderen Tätigkeiten nachgingen.

In deutschen Kirchen jedoch sehe ich durchaus auch Frauen als Pastorinnen. In der Synagoge treffe ich sowohl auf Kantoren als auch Kantorinnen. Und zumindest in unserer Moschee ruft eine Frau zum Gebet, können Frauen vorbeten, und können sie die Khutba halten, die Predigt. Ich finde das nicht nur „schön“ sondern vollkommen „normal“. Es ist eine gute Zeit, in der Frauen in die Domäne der Religion eintauchen und sich dort für Gott und die Schöpfung engagieren können. Es ist eine gute Zeit der Rollenvielfalt, in der nun auch Männer als Erzieher arbeiten können, als Krankenpfleger, Altenpfleger, Hausmänner, oder einfach nur Väter mit Hingabe sind.

Die Vielfalt der Rollen, die uns heute hier zu leben gestattet ist, macht uns zu zufriedeneren, und damit besseren Menschen. Wer seine Berufung erkennt und lebt, arbeitet qualitativ besser und bildet sich auch in seiner Freizeit fort. Es ist common sense, dass uns das hierdurch empfundene geistige und körperliche Wohlbefinden länger gesund und kraftvoll bleiben lässt. „Salutogenese“, nach Antonovsky der ständige Prozess des Gesundbleibens, wird wirksam unter anderem durch die Erfahrung von Sinnhaftigkeit – Sinnhaftigkeit der Ereignisse und unserer Selbst. Das Empfinden von Sinnhaftigkeit stellt sich unter anderem dann ein, wenn wir Aufgaben ausführen, die wir gerne tun, die wir gut können und bei denen wir das Gefühl haben wir seien genau dafür geschaffen. Es ist erfreulich, dass uns immer häufiger Wege dahin offen stehen, auch wenn sie traditionell für das andere Geschlecht reserviert waren, auch im Bereich der Religion.

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Muslim sein – die Suche nach dem wahren Islam

Autorin: Susanne Dawi

Photo by Victoriano Izquierdo on Unsplash

Zurzeit besteht vielerorts der Versuch, eine umfassende Philosophie in ein paar Handlungsanweisungen zu pressen, um dies dann als „Wahrheit“ zu bezeichnen. Die Worte Kufr und Haram wedeln nur so durch die Gegend. Doch Handlungsanweisungen können keine „Wahrheit“ sein. Sie dienen stattdessen einer gewissen Alltagsstrukturierung. Das, was als „Wahrheit“ gesucht wird, liegt sozusagen darunter; es bildet das Fundament. Die Suche nach Wahrheit ist komplex und bedarf, glaube ich, der Zeit eines ganzen, langen Lebens. Hoffentlich eines schönen Lebens. Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Immer wieder hört man, es gäbe nur eine einzige Wahrheit. Diese gelte es zu finden. Es gäbe damit auch nur einen einzigen Islam, den wahren Islam. Suchen wir also.

Zunächst sollten wir uns jedoch gewahr sein: „Islam“, so wie das Wort heute verwendet wird, ist nicht diese Wahrheit, sondern erst einmal ein Wort. Allah allein kennt die Wahrheit, und diese ist derart umfassend und für den Menschen unverständlich, dass Allah den Koran in Worte gefasst hat, damit wir eine ungefähre Ahnung davon haben, was Wahrheit sein könnte. Gott hat ihn, den Koran, uns in einfacher Sprache gegeben, d.h. in einem Modus, den zu verstehen wir in der Lage sind – in menschlicher Sprache also, mit Wörtern. Die Wahrheit liegt jenseits der Worte.

Das Wort „Islam“ kommt im Koran mehrmals vor. In Sure 3:19 steht: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist der Islam“. Allerdings wurde zur Zeit Mohameds dieses Wort noch gar nicht als Religionsbezeichnung verwendet. Daher übersetzt Muhammad Asad diese Sure anders: „Siehe, die einzige Religion in der Sicht Gottes ist des Menschen Selbstergebung in ihn“ (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018). Dies kommt, wenngleich es dem Wortlaut ferner scheint, dem inhaltlichen Sinn näher. Daneben steht im Koran auch die Form „muslim“, auf die ich mich im Folgenden konzentrieren möchte. Muslim ist jemand, der sich Gott stets und ständig gewahr ist, also jemand, der Taqwa hat, Gottesbewusstsein, und der darüber hinaus versucht, ein gutes Leben zu führen. Es handelt sich dabei um ein Wort, das sowohl als Substantiv als auch als Adjektiv gelesen werden kann. Für mich ist in den jeweiligen Kontexten die adjektivische Lesart einleuchtender. Nicht also: „Was bist du?“ „Ich bin ein Muslim, eine Muslimin“, sondern: „Wie bist du?“ „Ich bin muslim“. Als Religionsbezeichnung im engeren Sinne finde ich es relativ untauglich. Abraham war muslim. Wie war Abraham? Er war sich mit jeder Faser seines Seins und mit jedem Gedanken, jeder Handlung darüber bewusst, dass es einen einzigen Gott gibt, Allah, er vertraute auf dessen Gnade, und er wollte ein guter Mensch sein. All jene Menschen, die sich dessen so bewusst sind, dass es sie in ihrem Leben leitet, sind muslim. Auch Juden und Christen können nach dieser Vorstellung also muslim sein. Sure 21:92 sagt, nachdem über Zakharia und seinen Sohn Johannes, sowie über Maria gesprochen, also klarer Bezug auf das Christentum genommen wird: „Wahrlich (oh die ihr an mich glaubt), diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, da Ich der Erhalter von euch allen bin; betet denn mich allein an.“ Die Bezeichnung „muslim“ gilt also für alle, die diese besondere Haltung haben. Zwar steht im Koran beispielsweise, „euch wird der Tod nicht ereilen, bis ihr „musleimun“ geworden seid, was auch als Substantiv „Muslime“ übersetzt werden kann, doch steht im Vordergrund eben nicht die Gruppenzugehörigkeit zu einer religiösen Vereinigung, sondern die innere Haltung. Muhammad Asad schreibt in seinem Kommentar zu Sure 68:35: „Überall in diesem Werk habe ich die Begriffe muslim und islam in Übereinstimmung mit ihren ursprünglichen Bedeutungen übersetzt., nämlich „einer, der sich Gott ergibt (oder „ergeben hat“)“ und „die Selbstergebung des Menschen in Gott“… Man beachte, dass der „institutionalisierte“ Gebrauch dieser Worte – d.h. ihre ausschließliche Anwendung auf die Anhänger des Propheten Mohameds – eine definitiv nachqur’anische Entwicklung darstellt und daher in einer Übersetzung des Qur’an vermieden werden muss“. (Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, Patmos Verlag 2018, Seite 1086)Asad verwendet zwar hier das Wort als Substantiv, aber nicht im heutigen Sinne der Religionszugehörigkeit, sondern ebenfalls als Bezeichnung für ein Individuum mit gottergebener Haltung.

Wie kann man denn so werden, so muslim? Nun, nicht durch Geburt. Sicher sind nicht alle Menschen, deren Eltern muslim waren automatisch muslim. Dazu gehören der eigene Wille und Gottes Gnade. Nicht die Fokussierung auf Halal-Haram Regeln macht uns zu muslimischen Menschen, sondern ein Bewusstsein.

Als die Zeitgenossen Mohameds zum ersten Mal damit konfrontiert wurden, dass es eine andere Art des Zusammenlebens geben konnte als ihr Stammeswesen mit den ständigen Kämpfen (man schaue sich das Leben im damaligen Medina an), hatten sie viele Fragen dazu, wie man denn ausdrücken solle, dass man gottergeben ist. Viele Verse der Suren halfen ihnen, und gaben Antwort. In diesen Versen ging es häufig um Schutz – Schutz vor Armut und Ausbeutung. Waisen sollen geschützt werden, Frauen sollen erben können oder im Falle der Scheidung versorgt sein, Sozialsteuern sollten gezahlt werden (Zakat), Wucherzins sollte nicht erhoben werden, usw. Weiterhin ging es darum, immer daran zu denken, dass das Gute eine Gnade darstellt, keine Selbstverständlichkeit und keine eigene Errungenschaft. Allah entscheidet, wen er rechtleitet.

Das alles bedeutet aber: An erster Stelle steht damit der Wunsch muslim zu sein – dankend und ehrerbietend, gerecht in den Gedanken und Handlungen, selbstlos und unarrogant, tugendhaft, barmherzig und verantwortungsbewusst. Wer diese innere Haltung angenommen hat, wird danach streben, sie im Alltag umzusetzen. Kann man dies für sich beantworten, so ist man muslim.

Im Umkehrschluss ist man nicht muslim, wenn man andere verspottet, Schlechtes über sie spricht, ihnen gar Ungutes an den Hals wünscht, sie ausnutzt oder Gott gegenüber undankbar ist; seine Verantwortung gegenüber der Schöpfung nicht wahrnimmt und sich so vor dem Tag des jüngsten Gerichts nicht korrekt verantworten kann; denn hierdurch zeigt man eine Haltung, die mit der Liebe und Ehrerbietung gegenüber Gott nicht vereinbar ist. Dies zu erkennen brauchen wir keine Haramregeln. Als muslim macht es daher übrigens gleich in mehrfacher Hinsicht keinen Sinn, über andere Religionen herzuziehen, oder ihre Anhänger gar zu verspotten.

In Sure 2:177 lesen wir: „Wahre Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder nach Westen wendet – sondern wahrhaft fromm ist, wer an Gott glaubt und den Letzten Tag und die Egel und Offenbarung und die Propheten, und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es auch wertschätzen mag – für seine nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft; und beständig das Gebet verrichtet und die reinigenden Abgaben entrichtet; und wahrhaft fromm sind diejenigen, die ihre Versprechen halten, wann immer sie etwas versprechen und geduldig im Missgeschick sind, und in Härte und in Zeiten der Gefahr; es sind sie, die sich als wahrhaft erwiesen haben; und es sind sie, die sich Gottes bewusst sind.“

Hier wird ganz deutlich, dass Inhalt vor Form kommt. Die Gebetsrichtung, und damit die Form des Gebets, sowie auch die Form der Glaubensausübung schlechthin, treten hinter den Inhalt zurück. Im Vordergrund stehen zunächst der Glaube und dann die aus dem Glauben resultierenden Handlungen der Nächstenliebe sowie letztendlich die Geduld und Beständigkeit. Wer muslim ist, fühlt sich durch den Glauben an einen liebenden, barmherzigen Gott dazu bewegt, gleichermaßen liebevoll und barmherzig mit seinen Mitmenschen umzugehen. Daraus ergeben sich insbesondere die finanzielle Versorgung und die Befreiung aller Menschen aus der Knechtschaft. Was dies für uns in der modernen Welt bedeutet, bedarf einer ehrlichen Selbstreflexion, sowohl hinsichtlich individueller als auch gesellschaftlicher Aspekte. Auch die Partnerschaft wird natürlich davon berührt, die Erziehung der Kinder, das Verhältnis zu den Eltern, die Akzeptanz anderer Lebensweisen und vieles mehr.

Der Islam als „Religion“ ist eine Schaffung der menschlichen Gesellschaft, die das Bedürfnis zu haben scheint, Dinge in Kategorien zu pressen, um sie handhabbar zu machen. Als Religion steht der Islam mit dem Judentum und dem Christentum in enger Beziehung, aber unterscheidet sich durch bestimmte Regeln. Religion bedeutet stets ein Regelwerk im Sinne einer Hilfestellung zum gottgefälligen Leben. Dies dient vor allem der Schaffung eines Gefühls der Gruppenzugehörigkeit und der Kommunizierbarkeit von Glauben und hat viel mit Alltagshandlungen zu tun. Unter Praktizierenden der Religion „Islam“ hat im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Einigung stattgefunden, dass bestimmte Praktiken besser sind als andere (Ikhtilaf). Wie weit der Rahmen gern gesehener Handlungen gesteckt ist, ist ort- und zeitabhängig. Jedes Land hat sein eigenes Verständnis davon, welche Handlungen akzeptabel sind, und welche nicht. So sehr man auch meint, hier bestünde überkultureller Konsens, sind die Ausübungen der Religion doch auch kulturell geprägt. Darin liegt nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil wird die Religion auf diese Weise als sinnhaft empfunden, kann sie das Verhalten in allen Lebensbereichen, aber auch einfach das Lebensgefühl, positiv beeinflussen. Dadurch können kulturelle Praktiken durch die Religion hinterfragt werden und umgekehrt. Nicht der wahre Islam wird hierbei hinterfragt, sondern Ausdrucksformen der Religion, so dass ein ständiger Abgleich des Denkens und Handelns mit dem Koran stattfindet.

Wer den wahren Islam sucht, muss dies jenseits der Worte tun, mit seinem Herzen, in Dankbarkeit und Ehrfurcht. In jedem Fall ist der wahre Islam das Barmherzige, Liebevolle, Gnädige, Hoffende, Vergebende, zuzeiten sich Disziplinierende und zugleich Freiheitliebende. Gott ist der Schöpfer all dessen, was geschaffen ist. Er ist ist das Einzige, was nicht geschaffen wurde und nichts ist ihm gleich. Ihm allein dienen wir, indem wir zu ihm beten und mit seiner Schöpfung achtsam umgehen. Wer auf einen guten Weg geleitet werden möchte, wird durch Gottes Gnade darauf geführt. Er oder sie kann darum bitten, und Gott ist barmherzig und allvergebend. Die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit führt zum Erstreben einer gerechten Gesellschaft und damit zu Handlungen, die Gott und den Nächsten wertschätzen. Wer Muslim im Sinne der islamischen Religion werden möchte, spricht aus, dass er dazu gehören mag, indem er oder sie die Schahada spricht, also bezeugt, dass es nur einen einzigen Gott gibt und Mohamed sein Prophet ist. Damit werden auch die fünf Säulen des Islam anerkannt sowie die Prinzipien des Glaubens. Dies kann natürlich auch in unserer Moschee geschehen. Wenn Sie konvertieren möchten, sind Sie herzlich eingeladen, dies in der Ibn Rushd-Goethe Moschee zu tun.

Unstimmigkeit zwischen dem Islamischen Religionsunterricht und dem Kerncurriculum

Unstimmigkeit zwischen dem Islamischen Religionsunterricht und dem Kerncurriculum

Autor: Massud Reza

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Ich möchte vorwegsagen, dass ich für einen verbindlichen Ethikunterricht in der Schule bin, der alle Kinder (ob muslimisch oder nichtmuslimisch) miteinbezieht und eine Diskussion über die verschiedenen Religionen, Kulturen, Traditionen sowie über Werte und Humanismus ermöglicht. Weil aber ein solcher Ethikunterricht nicht in jedem Bundesland auf den Lehrplan steht (Bildungssache ist eben Ländersache), konzentriert man sich weiterhin auf konfessionsgebundenen Religionsunterricht, der unterschiedliche Akzente setzt. Wie sieht es mit einem Religionsunterricht aus, der vom Staat und den Religionsgemeinschaften ausgehandelt werden soll?

Schulen in Deutschland sind als Bildungsinstitutionen, genauso wie die Bürger/innen des Landes, dem Grundgesetz als Werte – und Rechtsordnung verpflichtet. Schließlich dürfen in den Schulen keine Inhalte vermittelt werden, die sich im Widerspruch zum Grundgesetz befinden. Bereits im ersten Absatz des Grundgesetzartikels 7 zeigt sich, wer die Autorität in Schulangelegenheiten besitzt: „Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates“ (Art. 7, Abs.1). Die Kontrollfunktion des Staates in den Schulen muss sich vordergründig damit auseinandersetzen, dass Werte des Grundgesetzes Bestandteil des staatlichen Schulunterrichts werden und dabei denke ich primär an: Die Menschenwürde, die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie die freie Persönlichkeitsentfaltung.

Aktuell bahnt sich in Niedersachsen ein Konflikt an, der vorerst keine Einigung der Streitparteien in Aussicht stellt. Es geht um die Bestimmung der Inhalte des islamischen Religionsunterrichtes in den Grundschulen. Um festzulegen, welche Inhalte der Religion unterrichtet, vernachlässigt oder gar einen Schwerpunkt bilden, braucht der Staat dafür Ansprechpartner. Da der deutsche Staat aus Gewohnheit, Faulheit, Unwissenheit (ich weiß es ehrlich nicht), immer wieder auf dieselben islamischen Gesprächspartner (die Verbände) in Bezug auf Organisierung von muslimischen Leben in Deutschland zurückkommt, sollte man nicht naiv und überrascht reagieren, wenn sich deutliche Widersprüche in den Verhandlungen ergeben. Der Blogger „Schmalle und die Welt“ hat über die Verbände eine gut lesbare und bündige Darstellung verfasst.1

Das Bundesland Niedersachsen sieht ein Kerncurriculum für Grundschulen vor, worin insbesondere Kompetenzen auf der persönlichen und sozialen Ebene gestärkt und vermittelt gehören. Gerade ein geisteswissenschaftliches Fach wie Religion (aber auch Philosophie) kann einen adäquaten Umgang mit gesellschaftlichen Fragen anbieten. Daher ist es mir absolut schleierhaft, wieso bestimmte gesellschaftliche Fragen aus dem Unterricht ausgeklammert werden sollen. Der DITIB-Vorsitzende in Niedersachsen, Ali Ünlu, wehrt sich dagegen, dass das Thema der Homosexualität bzw. der „sexuellen Vielfalt“ in den islamischen Religionsunterricht integriert werden soll. Seine simple Begründung geht darauf zurück, dass Homosexualität im Islam verboten sei. Abgesehen von den unterschiedlichsten Lehrmeinungen, vor allem in Bezug auf die Geschichte von Lot im Koran, frage ich mich, ob das Kerncurriculum wirklich umgesetzt werden kann bzw. ob man ihm gerecht wird?

Ein kurzer Blick in den Lehrplan reicht vollkommen, um sich mal den Widerspruch konkret vor Augen zu führen: „Im Rahmen des islamischen Religionsunterrichts sind folgende Zielsetzungen ausschlaggebend:

Erwerb von Grundkenntnissen über die eigene Religion und Entwicklung einer persönlichen religiösen Sprache

Förderung der Kritikfähigkeit, sodass die Schülerinnen und Schüler Religionsmündigkeit erlangen

Förderung der Akzeptanz und Toleranz in der Begegnung mit Menschen anderer Religionen, Kulturen, Auffassungen oder Lebensweisen

Vermittlung ethischer Handlungsmaßstäbe anhand von Koran und den Überlieferungen (Ḥadīṯen) wie

– Bewahrung der Schöpfung

– Barmherzigkeit

– Gerechtigkeit

– Achtung und Toleranz“ 2

Nehme ich diese Ansprüche ernst, weil ja wie angeführt ein gewichtiger Wert auf die Zielsetzungen gelegt wird, die als „ausschlaggebend“ bezeichnet werden, wieso soll „sexuelle Vielfalt“ kein Teil des koedukativen Unterrichts werden? Sprechen denn nicht gerade letzteren Punkte, wie „Bewahrung der Schöpfung, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit sowie Achtung und Toleranz“ für die Thematisierung von Homosexualität? Folgerichtig wäre doch die Homosexualität von einem islamischen Standpunkt aus betrachtet, nicht verurteilenswert. Zugegeben, das Kerncurriculum befindet sich noch im Status „in Bearbeitung“, aber ich gehe nicht davon aus, dass der eben zitierte, sehr wichtige Passus gestrichen wird.

Ebenso ist es soziale Realität, dass unsere Gesellschaft nicht nur religiös und kulturell, sondern auch sexuell plural aufgestellt ist. Und dies kann meiner Ansicht nach auch ihren Platz im Unterricht finden, ja wieso denn nicht auch im islamischen Religionsunterricht? Für eine theologische Abhandlung ist hier nicht der Platz, aber ich verweise herzlich gerne auf den schwulen Imam aus Frankreich Ludovic Mohammed Zahed, der sich dem Thema der Homosexualität im Islam bereits seit vielen Jahren theologisch annimmt. Auch nicht alle Islamverständnisse schließen Homosexuelle aus. Gerade die Ibn Rushd – Goethe Moschee ist mit der Etablierung eines LGBTIQ-Kompetenzzentrums beschäftigt, was sich an homosexuellen Menschen richtet.

Da man weder in Niedersachsen noch in anderen Bundesländern auf die DITIB und anderen Islamverbänden als Gesprächspartner für solche schulischen, organisatorischen oder politischen Angelegenheiten gänzlich verzichten möchte, werden anscheinend die Probleme mit den Verbänden geflissentlich übersehen oder man möchte einfach nichts davon wissen. Bereits im Januar dieses Jahres fand eine von der DITIB eigens organisierte Islamkonferenz in Köln-Ehrenfeld statt, bei der Vertreter der Muslimbruderschaft dabei waren, die man als Mutterorganisation des modernen Islamismus bezeichnen kann. Deshalb ist die Etablierung eines islamischen Religionsunterrichts in der Grundschule, organisiert mit der DITIB, nicht von diesen politischen Zusammenhängen zu lösen, wenn man eindeutig sieht, dass es eine personelle, finanzielle sowie ideologische Auslandsabhängigkeit von der Türkei gibt. Die Türkei selbst wiederum befindet sich momentan in einem Demokratieauflösungsprozess und auch Menschenrechtsverletzungen sind dort nicht zu übersehen.

Vielleicht wäre es deshalb mal an der Zeit, an anderen politischen Lösungen zu denken, immerhin geht es um die Bildung von Kindern, Enkelkindern und weiteren Generationen, denen man in erster Linie Werte der Menschlichkeit und des gesellschaftlichen Miteinanders vermitteln müsste.

1 Dazu verweise ich auf seinen Blog-Artikel: http://schmalleunddiewelt.blogsport.de/2016/12/20/die-muslimbruderschaft-deutschland-die-dachverbaende/ (Letzter Abruf: 22.02.2019)

2 Vgl. Niedersächsisches Kultusministerium: (http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc-iru-2010.pdf , S.8) Letzter Abruf: 25.02.2019

Tim Marshall

Ethik und Moral

Ethik und Moral

Tim Marshall
Tim Marshall

In unserer Gesellschaft sprechen wir oft von Ethik und Moral. Aber oft haben wir nur eine ziemlich schwammige Erklärung für beide Begriffe.

Vom griechischen Wort ethos: Gewohnheit, Sitte Brauch, stammt der Ausdruck Ethik. Aristoteles meinte damit eine eigenständige philosophische Disziplin und stellte die Ethik neben Logik, Physik und Metaphysik. Moral kommt aus dem Lateinischen mores und bedeutet so viel wie Sitten, Gewohnheiten, Charakter als Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.

Was bedeuten beide genau? Ethik und Moral sind zwei Begriffe, die oftmals gleichbedeutend verwendet werden, jedoch begrifflich voneinander unterschieden werden müssen. Moral ist ein soziales Phänomen, das auf der gemeinsamen Anerkennung von Normen und Werten gründet, die als verbindlich gesetzt werden. Genauer gesagt: Moral bezeichnet den in einer bestimmten Gruppierung, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorfindbaren Komplex an Wertvorstellungen, Normen und Regeln des menschlichen Handelns und gründet auf der gemeinsamen Anerkennung verbindlich gesetzter Normen und Werte. Ethik ist das, was zum allgemeinen Prinzip erklärt werden kann, d.h. Ethik beschäftigt sich mit der Theorie der Moral. Somit ist Ethik die Wissenschaft der Moral.

Es gibt viele Moralvorstellungen wie z.B. religiöse, politische oder gerechte Vorstellungen, die nebeneinander bestehen, die unter dem Dach der Ethik stehen. Man kann das z. B. mit einer Pflanzenvielfalt auf der Erde vergleichen, Sie alle gehören zum Oberbegriff Botanik.

Verallgemeinert ist Moral die praktische Anwendung der Ethik. Eine moralische Handlung ist somit jene Handlung, die von allen Menschen in einer bestimmten Gruppierung oder Gesellschaft als richtig oder annehmbar angesehen wird. Ethik steht somit über die Moral und sollte eigentlich für ganze Völkerschaften gelten. Aber ist es wirklich so?

Das arabische Wort akhlaq wird meistens mit islamischer Ethik übersetzt. Es bezeichnet aber eher die Lehre von den Charaktereigenschaften des Menschen.

Moral ist also ein Normensystem, das versucht, richtiges Handeln zu beschreiben und wird somit auch für alle in einer bestimmten Gesellschaft oder Gruppierung gültig z.B. auch für Religionen. Und das Normensystem kann durch Prinzipien, Werte klar definiert werden. Auch wir als kleine Moschee setzen bestimmte Werte, die uns eben zu dieser Moschee machen.

Das erste Normensystem, das aufgeschrieben wurde, waren die 10 Gebote, die Moses in Stein gehauen erhalten hatte, ein Wertekatalog, das zu einem ethischen Verhalten der Menschen damals (und auch bis heute) führen sollte.

Im Islam ist der Koran die erste Quelle für ethische Normen. Daneben werden die Handlungen des Propheten Muhammad (Friede und Gottes Segen auf ihn) als religiöse Gebote angesehen.

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte ab dem 8. Jahrhundert durch Übersetzungstätigkeiten und weiterführenden Arbeiten der Philosophen und Wissenschaftler in die islamischen Zentren wie dem Haus der Wissenschaft und später meines Erachtens mit verfeinerten Normen in das maurische Andalusien. Hier seien die beiden Philosophen Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) genannt.

Ging es in der antiken und mittelalterlichen Ethik noch darum, begründete Aussagen über das menschliche Handeln zu leisten, die sich von einem gemeinsamen Guten herleiten lassen, steht in der Neuzeit die Frage im Vordergrund, wie Konflikte gerecht geregelt werden können, die aufgrund von einer vorhandenen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Anschauungen, Meinungen oder Werte entstehen und die alle miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren, zumindest sollte es so ein. In wie vielen Ländern gilt immer noch nur eine Meinung: die der Herrschenden, alles andere wird irgendwie unterdrückt.

Da eine Religion den Menschen anspricht und Ethik, natürlich neben Glaube und Gebet, der hauptsächliche Bereich der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache jedes gläubigen Menschen.

Die Ethik des Menschen zu formen, ihr mehr Gewicht zu geben und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten – darauf kommt es in unserer Zeit an. Denn genau darauf bezieht sich der Koran. Aber auch die Hadithe enthalten oder ergänzen diese Aussagen wie z. B. der Ausspruch des Propheten: „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten, also die Moral, auch Tugend) zu vervollkommnen.“

Es kommt nicht nur darauf an, das Vorhandene durch gänzlich Neues zu ersetzen, sondern das Vorhandene zu verbessern, verfeinern und zu optimieren. Es bedeutet, an Vergessenes sich neu zu orientieren, das bestehende Gutes zu bestätigen, sich an geänderte Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine riesengroße Aufgabe zu jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation, bis heute.

Schon in der ersten Sure finden wir es: Der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg: ‚Sirat-i Mustakim‘. Da steht: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast…“ Es ist als ein Grundsatz des Lebens zu verstehen, den richtigen Weg durch richtiges Verhalten und Benehmen zu beschreiten, Er besagt aber auch, dass es dem Menschen selbst mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht ohne Gottes Führung und Gnade nicht gelingt, an sein Endziel zu gelangen.

Im Koran finden wir einige Ideale zu einem guten Verhalten:

Recht und Gerechtigkeit: Die Gemeinschaft, nicht ein Einzelner oder eine Gruppe von Machtinhabern, bestimmt den Normenkatalog des Rechts. Hieraus lässt sich Gerechtigkeit und Gleichheit ableiten.

Das Streben nach Tugend: das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

Das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe: das bedeutet Solidarität und Zusammenhalt.

Die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit: Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen

Vervollkommnung in der Verantwortung: Humanität, also die Würde und Rechte jedes Menschen anerkennen und seine geistige Vervollkommnung voranzutreiben.

Alle diese Prinzipien finden wir auch in Sure 2:213: Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins aber waren nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die gläubig sind, zur Wahrheit, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.

Oder in Sure 3:17: Die Geduldigen und die Wahrhaften und die Andachtsvollen und die Spendenden und diejenigen, die um Vergebung bitten in der Morgendämmerung.

Viele Stellen im Koran sprechen über einen „guten Charakter”, der zur Glückseligkeit und Zufriedenheit führt. Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht mit der jedem Menschen mitgegebenen Natur des Menschen, sein „Ich“. Im Islam bezeichnen wir es als Fitra und bedeutet,dass die Natur des Menschen eine dem Menschen angeborene Eigenschaft bzw. Fähigkeit ist. Für den Menschen gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen.

Die monotheistischen Religionen betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „das, was du von deinem Nachbarn erwartest, erwartet er von dir auch“ ein gemeinsames sinnvolles und vernünftiges Fundament gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale, Vernunft betreffende Basis besitzt. Oder anders gesagt: Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“.

Gott sagt im Koran über den Propheten Muhamad, Friede und Segen Gottes auf ihn,: „Wahrlich, Du bist von gewaltigem Charakter“ (Sure Al-Qalam, Vers 4).

Anas ibn Malik sagte: „Der Gesandte Allahs, hatte den besten Charakter von allen Menschen.“

Es gibt viele weitere Aussagen vom Propheten, die die Bedeutung des guten Charakters hervorheben: Sie zielen darauf hin, dass es nichts gibt, was am Jüngsten Tag schwerer in der Waage wiegt als guter Charakter. Er sagte auch: „Die besten unter euch im Islam sind die besten im Charakter, wenn sie Verständnis von Din besitzen.“ Das Wort „ad-Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und dementsprechend auch das Handeln. Es bezieht sich aber nicht nur auf das persönliche Leben eines Menschen, es erstreckt sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft als Ganzes. So ist diese Bezeichnung nicht nur auf die Lebensart einer bestimmten Gebietes beschränkt, oder auf eine bestimmten geschichtlichen Zeit, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten. Dennoch erhebt der Koran keinen Anspruch darauf, der einzige richtige Weg zu sein. Und viele ihrer Vertreter haben auch nicht das Recht dazu.

Die Kenntnis von der Moral, der Ethik und den Verhaltensweisen aller Propheten sind von großem Nutzen für uns und eine Hilfe darin, uns an ihnen ein Vorbild zu nehmen.

Zum guten Charakter zählen unter anderem Großzügigkeit, Wohltätigkeit, Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Aufrichtigkeit, Abmachungen einzuhalten, Gottesfürchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Korrektheit, Gerechtigkeit, gut zu seinen Frauen zu sein, keine üble Nachrede zu begehen, seine Zunge und seine Genitalien zu unter Kontrolle zu halten, keine rohe oder obszöne Sprache zu gebrauchen, nicht arrogant zu sein, nicht zu lügen, nicht verschwenderisch zu sein, nicht angeberisch zu sein, das zu lassen, was einen nichts angeht, den Nachbarn zu schützen, sich von Begierden zu enthalten, nicht aufbrausend zu sein.

Das angestrebte Lebensziel des Menschen ist, was sein gutes Verhalten in seinen Taten zum Ausdruck bringt und seinem Geist einen Weg weist, von dem er nicht abweicht, wenn er eine Tat ausübt, um diesem Ziel näher zu kommen. Und da es zum Wesen des Islams gehört, alle Bereiche des Lebens zu erfassen, hat dieser den Horizont des guten Verhaltens für das Leben erweitert und für jede nur erdenkbare Handlung einen positiven Wert verzeichnet, der dessen Ziel und Zweck widerspiegelt.

Im Koran legt Gott Seinen Wunsch nach der Gemeinschaft mit den Menschen schon im Diesseits als Sein Hauptanliegen dar. Aber Gott zwingt auch niemanden, in seine Gemeinschaft einzutreten. Der Mensch kann in Freiheit sich für Gott entscheiden oder dagegen. Er wird deswegen nicht zornig. Gott lädt den Menschen jedoch ein und wirbt für eine Gemeinschaft Mensch mit Gott. Gott geht es nicht darum, den Menschen mitzuteilen, was sie wann zu tun haben, wie sie gut handeln sollen, welche guten Eigenschaften sie entwickeln sollen, sondern darum, warum sie gut handeln sollen, um einen guten Charakter zu entwickeln. Er sagt nicht einfach: Tue das! Er fordert sie auf: Denk nach! Wenn du von jemandem etwas Gutes erwartet, dann musst du ihm etwas Gleichwertiges oder noch Besseres zurückgeben.

Am 14. Juli 1789 begann in Paris eine neue Ära mit der Erstürmung der Bastille. Unter der Parole Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit wurden die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft abgeschafft. Das sind ethische Prinzipien. Diese Erklärung allgemeiner Menschenrechte bilden bis heute in einer veränderten Form die Grundlage der Verfassungen der meisten Staaten und auch der Vereinten Nationen. Wenn ich jeden Einzelnen von euch nach diesen drei Schlagwörtern fragen würde, dann würde ich sicherlich einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Moralnormen erhalten. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, wo gelten sie wirklich noch, in China bei den Uiguren, in Jemen oder galten sie bei der Vertreibung der Rohingya? Darüber sollte man nachdenken.

 

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute

 eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner 

Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, 

nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.

Mut

Mut

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt: „Warum unterschreibst du deine Khutbas nicht mit deinem Namen?“ Ich war zuerst erstaunt, dann machte es mich ziemlich betroffen. Ich hatte sie absichtlich nicht mit meinem Namen gekennzeichnet. Es war für mich ein Schutz, wenn jedermann meine Predigten lesen kann. Es kann sie ja auch jemand lesen, der nicht besonders gut auf das Thema, auf diese Moschee oder auf mich zu sprechen ist und mir übel mitspielen will. Im Nachhinein überlegte ich mir: Verkrieche ich mich hinter dieser Ausrede, mache ich mich damit kleiner? Brauche ich mehr Mut?

Als ich dann später mit den Geräten in meinem Fitnessclub kämpfte und nebenbei über das Gespräch nachdachte, sah ich dort ein neues Motto an der Wand: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ich überlegte: Was hat das mit Mut zu tun? Sehr viel! Also fasste ich den Entschluss, über das Thema “Mut“ zu sprechen. Ich möchte über den Mut der Gelehrten über Jahrhunderte hinweg, über den Mut heutiger Menschen sprechen.

Was bedeutet eigentlich etymologisch Mut? Es stammt aus dem Indogermanischen und bedeutet soviel wie: sich mühen, starken Willens sein, nach etwas streben; althochdeutsch etwa: Sinn, Seele, Kraft des Denkens, Wollens.

Mut steht als Charaktereigenschaft oft nicht allein.

Mut kann eine aktiv gestaltende oder aktiv verweigernde Handlungsrichtung bedeuten. Sie befähigt jemanden, sich gegen Widerstand und Gefahren für eine als richtig erkannte Sache einzusetzen. Mut erfordert dabei eine Entschlusskraft, ein sorgfältiges Abwägen, um eine eventuelle gefahrvolle Handlung zu tun oder zu verweigern z.B. zur Durchsetzung eines Rechts, für das Meistern einer gefährlichen Situation oder ein Unrecht zu beheben. Ich denke, dazu gehört auch das Nein-Sagen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es bedeutet z. B. bei einer Sache, auch wenn sie für andere sehr bedeutend ist, mal nicht mitzumachen, weil es eine andere, wichtigere Sache zu erledigen gibt. Sich dagegenstellen, wenn man merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das bedeutet außerordentlichen Mut zu beweisen. Es könnte ja sein, dass man sich nun gegen dich stellt oder du gar als Feind betrachtet wirst, zum Beispiel beim Beistehen eines Bedrohten.

Wie oft hört man oder liest man, dass jemand wieder zusammengeschlagen wurde und Leute verdrückten sich dabei. Viel zu wenig wird in einer solchen Situation von Unbeteiligten eingegriffen. Eine verbale Aufforderung zum Beenden bedeutet das großen Mut zu haben, man könnte jetzt ja selbst angegriffen, was ja auch schon geschehen ist. Aber selbst ein Telefonanruf ist schon eine kleine Hilfe

Dabei stehen sich Mut und Angst gegenüber, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern sollten sich zu einem ausgewogenen Zusammenspiel ergänzen.

Mut und Tapferkeit: Mut beweist jemand, wenn er sich in eine gefahrvolle Situation begibt, Tapferkeit bedeutet dann, wenn er die Situation trotz Rückschläge oder ähnliches bis zum Erfolg durchhält.

Mut als Emanzipation (d.h. Selbstbestimmung, Gleichberechtigung): Der deutsche Philosoph Immanuel Kant formulierte den Leitgedanken der Aufklärung so: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Eigentlich könnte dieses Motto in jeder Gemeinschaft angewendet werden. Es handelt sich um ein sozialethisches Verhalten aufgrund von Wertüberzeugungen, wenn z.B. die Integrität einer anderen Person, die Menschenwürde oder Menschenrechte bedroht werden und ein entsprechender Eingriff durch einen mutigen Mitmenschen notwendig wird.

Mut bezeugt man z.B. gerade heute, wenn es heißt: Flüchtlingen zu helfen, nicht zusehen, wenn in einer U-Bahn eine junge Frau betatscht oder belästigt wird oder dem besten Freund mal so richtig die Meinung geigen, auch wenn er dann dich für eine Weile böse ansieht. Aber wenn du damit ihm hilfst, etwas Negatives nicht zu tun, dann war es richtig.

Mut als Lernziel: Mut aufzubringen ist dementsprechend erlernbar. Es trägt wesentlich zur Formung der Persönlichkeit, zur überzeugenden Verfolgung eigener Lebensziele auch gegen Widerstände und zu einem selbstbewussten Auftreten in Bedrohungslagen und Konfliktsituationen bei.

Mut bedeutet also, den eigenen Verstand zu gebrauchen, seine eigene Meinung zu bilden, etwas zu riskieren, auch wenn man scheitern könnte, oder einfach der Angst ins Auge zu sehen.

Mutig ist man, wenn man sich zu dem bekennt, was man denkt und nicht einfach nur still ist vor Angst, oder mitzumachen ohne nachzudenken. Es ist das, wenn man sagt: Höre auf dein Herz und tu das, was dir guttut.

Mut ist immer eine Frage der Einstellung und damit eine Frage des Selbstvertrauens. Wenn ich nicht selber darauf baue, mein Ziel zu erreichen trotz eventueller Schwierigkeiten, dann habe ich vielleicht zu wenig Vertrauen in meinen Mut. Mut ist dabei eine positive, innere Einstellung zu sich selbst und zu seinen Fähigkeiten, d.h. ich muss mich selber einschätzen können. Ich kann mir dabei selber Mut machen, indem ich mir selbst gut zurede. Das ist bestimmt schon jedem passiert, dass er sich Mut einredet: „Das schaffst du! Du kannst das!“

Im Angstzustand malt man sich vielleicht aus, was passieren könnte, wenn man sich nicht überwinden kann. Man wird also versuchen, seinen ganzen Mut zusammenzukratzen.

Man kann also erlernen, mutiger zu sein, indem man das tut, wovor man gerade Angst hat und das wiederum bedeutet, dass man Selbstvertrauen gewinnt. Wie gesagt, Selbstvertrauen ist eine Voraussetzung für Mut.

Das setzt auch das Vertrauen zu sich selbst voraus, dass man mit einem eventuellen Scheitern umgehen kann. Wie oft passiert es, dass wir vor einem Problem stehen, dass uns krank macht, weil wir es nicht lösen können. Gerade in solchen Momenten brauchen wir unbedingt Selbstvertrauen, das Problem aus der Welt schaffen zu können, vielleicht auch mit Hilfe anderer. Man muss dabei nur den Mut haben, dass Problem beim Namen zu nennen. Francois Mitterrand, der ehemalige französische Staatspräsident, sagte einmal: „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern diese Angst zu überwinden.“ Nur dann hat man den Mut, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, seine eigene Meinung zu haben, sein Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellt.

Es gibt ein allgemeingültiges Gesetz, dass sich in zahlreichen heiligen Schriften der Religionen aus aller Welt findet: „Verhalte dich anderen gegenüber, wie du selbst behandelt werden möchtest. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und auf dein fühlendes Herz zu hören.“

In verschiedenen Religionen finden wir es:

Im Judentum: „Was für dich schmerzhaft ist, füge auch deinen Mitmenschen nicht zu. Das ist das Gesetz der Thora. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

Im Christentum: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin ist das Gesetz. Wer sagt: ‚Ich liebe Gott und hasst seinen Bruder‘, der ist ein Lügner, denn, wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht!“

Im Islam: „Der ist kein wahrhafter Gläubiger, der seinem Nächsten nicht das gleiche erweist, was er sich selber gerne tut. Handle allen Menschen gegenüber so, wie du wünschst, dass sie es dir gegenüber tun, und füge anderen nichts zu, was du nicht von ihnen erleiden möchtest.“

Was hat Glaube mit Mut zu tun? Mut kann auch bedeuten, entgegen aller Zweifel und Fragen an Gott zu glauben.

Das heißt, egal, welche Religion vertreten wird, der Kern aller Religionen ist die Liebe und Verehrung des Göttlichen und die Mitmenschlichkeit – Liebe, nicht Hass. Der Unterschied ist nur, in wieweit Strömungen einer Religion Konflikte anheizen oder Brücken der Verständigung bauen.

Wird jedes Mitglied aufgefordert, blindlinks dem religiösen Gelehrten zu gehorchen oder seinen Kopf selber zu benutzen? Das Letztere erfordert Courage oder Mut.

Bis heute hat es immer wieder herausragende muslimische Wissenschaftler, Gelehrte gegeben, die die Muslime aufforderten, eigenständig zu denken. Mit aller Kraft haben die konservativen Gelehrten versucht, sie mundtot zu machen.

Ein Beispiel, das noch gar nicht so lange her ist: Nasr Hamid Abu Zaid, mein Jahrgang und gestorben 2010, war Literaturwissenschaftler der Universität Kairo, wurde wegen seiner kritischen Analysen zur Koranauslegung scharf angegriffen. Nach seiner Zwangsscheidung und Amtsenthebung ging er ins Exil in die Niederlande.

Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass Religion Privatsache sei. Das stimmt ja auch. Andererseits findet Religion aber im öffentlichen Raum statt, wir werden als Religionsvertreter wahrgenommen. Es ist ein Teil unserer Identität und sie kann unser Wirken und Handlungen mitentscheiden und wie wir unseren Mut einsetzen. Immer mehr theologische Wissenschaftler treten gegen die Unmündigkeit der Gläubigen auf, deuten den Koran neu, auf unser Zeitalter zugeschnitten. Das erfordert großen Mut, werden sie doch bedroht, verbal oder aggressiv, wie das eine Beispiel zeigt.

Keiner kann beweisen, dass es einen Gott gibt, eine Hölle, ein Paradies. Es ist oft nicht leicht, einfach zu sagen: Ja, es gibt Gott und ich glaube an Ihn, obwohl ich es nicht beweisen kann, dass es Ihn wirklich gibt.

Es gehört Mut dazu, hier in dieser Moschee als Frau das Gebet zu leiten und eine Khutba zu halten und sie mit einem Namen zu kennzeichnen.

Nochmals zurück zu dem anfangs genannten Motto: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ohne Disziplin kann man keinen Mut aufbauen, Mut bedarf Disziplin und Selbstvertrauen. Alle drei bedingen sich einander. Mein Team, das seid ihr, ihr sitzt hier und hört mir zu und diskutiert mit mir und trotzt damit dessen, was viele islamische Gelehrten über diese Moschee sagen. Das wiederum gibt mir die Kraft zum Mut. Meine Motivation ist Gottes Wort, manifestiert im Koran, den ich versuche zeitgemäß zu lesen, zu verstehen und danach zu handeln.

Gott weiß über mich am besten.

Manaar