Freiheit

Tim Marshall

Ethik und Moral

Ethik und Moral

Tim Marshall
Tim Marshall

In unserer Gesellschaft sprechen wir oft von Ethik und Moral. Aber oft haben wir nur eine ziemlich schwammige Erklärung für beide Begriffe.

Vom griechischen Wort ethos: Gewohnheit, Sitte Brauch, stammt der Ausdruck Ethik. Aristoteles meinte damit eine eigenständige philosophische Disziplin und stellte die Ethik neben Logik, Physik und Metaphysik. Moral kommt aus dem Lateinischen mores und bedeutet so viel wie Sitten, Gewohnheiten, Charakter als Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.

Was bedeuten beide genau? Ethik und Moral sind zwei Begriffe, die oftmals gleichbedeutend verwendet werden, jedoch begrifflich voneinander unterschieden werden müssen. Moral ist ein soziales Phänomen, das auf der gemeinsamen Anerkennung von Normen und Werten gründet, die als verbindlich gesetzt werden. Genauer gesagt: Moral bezeichnet den in einer bestimmten Gruppierung, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorfindbaren Komplex an Wertvorstellungen, Normen und Regeln des menschlichen Handelns und gründet auf der gemeinsamen Anerkennung verbindlich gesetzter Normen und Werte. Ethik ist das, was zum allgemeinen Prinzip erklärt werden kann, d.h. Ethik beschäftigt sich mit der Theorie der Moral. Somit ist Ethik die Wissenschaft der Moral.

Es gibt viele Moralvorstellungen wie z.B. religiöse, politische oder gerechte Vorstellungen, die nebeneinander bestehen, die unter dem Dach der Ethik stehen. Man kann das z. B. mit einer Pflanzenvielfalt auf der Erde vergleichen, Sie alle gehören zum Oberbegriff Botanik.

Verallgemeinert ist Moral die praktische Anwendung der Ethik. Eine moralische Handlung ist somit jene Handlung, die von allen Menschen in einer bestimmten Gruppierung oder Gesellschaft als richtig oder annehmbar angesehen wird. Ethik steht somit über die Moral und sollte eigentlich für ganze Völkerschaften gelten. Aber ist es wirklich so?

Das arabische Wort akhlaq wird meistens mit islamischer Ethik übersetzt. Es bezeichnet aber eher die Lehre von den Charaktereigenschaften des Menschen.

Moral ist also ein Normensystem, das versucht, richtiges Handeln zu beschreiben und wird somit auch für alle in einer bestimmten Gesellschaft oder Gruppierung gültig z.B. auch für Religionen. Und das Normensystem kann durch Prinzipien, Werte klar definiert werden. Auch wir als kleine Moschee setzen bestimmte Werte, die uns eben zu dieser Moschee machen.

Das erste Normensystem, das aufgeschrieben wurde, waren die 10 Gebote, die Moses in Stein gehauen erhalten hatte, ein Wertekatalog, das zu einem ethischen Verhalten der Menschen damals (und auch bis heute) führen sollte.

Im Islam ist der Koran die erste Quelle für ethische Normen. Daneben werden die Handlungen des Propheten Muhammad (Friede und Gottes Segen auf ihn) als religiöse Gebote angesehen.

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte ab dem 8. Jahrhundert durch Übersetzungstätigkeiten und weiterführenden Arbeiten der Philosophen und Wissenschaftler in die islamischen Zentren wie dem Haus der Wissenschaft und später meines Erachtens mit verfeinerten Normen in das maurische Andalusien. Hier seien die beiden Philosophen Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) genannt.

Ging es in der antiken und mittelalterlichen Ethik noch darum, begründete Aussagen über das menschliche Handeln zu leisten, die sich von einem gemeinsamen Guten herleiten lassen, steht in der Neuzeit die Frage im Vordergrund, wie Konflikte gerecht geregelt werden können, die aufgrund von einer vorhandenen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Anschauungen, Meinungen oder Werte entstehen und die alle miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren, zumindest sollte es so ein. In wie vielen Ländern gilt immer noch nur eine Meinung: die der Herrschenden, alles andere wird irgendwie unterdrückt.

Da eine Religion den Menschen anspricht und Ethik, natürlich neben Glaube und Gebet, der hauptsächliche Bereich der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache jedes gläubigen Menschen.

Die Ethik des Menschen zu formen, ihr mehr Gewicht zu geben und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten – darauf kommt es in unserer Zeit an. Denn genau darauf bezieht sich der Koran. Aber auch die Hadithe enthalten oder ergänzen diese Aussagen wie z. B. der Ausspruch des Propheten: „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten, also die Moral, auch Tugend) zu vervollkommnen.“

Es kommt nicht nur darauf an, das Vorhandene durch gänzlich Neues zu ersetzen, sondern das Vorhandene zu verbessern, verfeinern und zu optimieren. Es bedeutet, an Vergessenes sich neu zu orientieren, das bestehende Gutes zu bestätigen, sich an geänderte Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine riesengroße Aufgabe zu jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation, bis heute.

Schon in der ersten Sure finden wir es: Der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg: ‚Sirat-i Mustakim‘. Da steht: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast…“ Es ist als ein Grundsatz des Lebens zu verstehen, den richtigen Weg durch richtiges Verhalten und Benehmen zu beschreiten, Er besagt aber auch, dass es dem Menschen selbst mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht ohne Gottes Führung und Gnade nicht gelingt, an sein Endziel zu gelangen.

Im Koran finden wir einige Ideale zu einem guten Verhalten:

Recht und Gerechtigkeit: Die Gemeinschaft, nicht ein Einzelner oder eine Gruppe von Machtinhabern, bestimmt den Normenkatalog des Rechts. Hieraus lässt sich Gerechtigkeit und Gleichheit ableiten.

Das Streben nach Tugend: das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

Das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe: das bedeutet Solidarität und Zusammenhalt.

Die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit: Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen

Vervollkommnung in der Verantwortung: Humanität, also die Würde und Rechte jedes Menschen anerkennen und seine geistige Vervollkommnung voranzutreiben.

Alle diese Prinzipien finden wir auch in Sure 2:213: Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins aber waren nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die gläubig sind, zur Wahrheit, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.

Oder in Sure 3:17: Die Geduldigen und die Wahrhaften und die Andachtsvollen und die Spendenden und diejenigen, die um Vergebung bitten in der Morgendämmerung.

Viele Stellen im Koran sprechen über einen „guten Charakter“, der zur Glückseligkeit und Zufriedenheit führt. Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht mit der jedem Menschen mitgegebenen Natur des Menschen, sein „Ich“. Im Islam bezeichnen wir es als Fitra und bedeutet,dass die Natur des Menschen eine dem Menschen angeborene Eigenschaft bzw. Fähigkeit ist. Für den Menschen gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen.

Die monotheistischen Religionen betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „das, was du von deinem Nachbarn erwartest, erwartet er von dir auch“ ein gemeinsames sinnvolles und vernünftiges Fundament gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale, Vernunft betreffende Basis besitzt. Oder anders gesagt: Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“.

Gott sagt im Koran über den Propheten Muhamad, Friede und Segen Gottes auf ihn,: „Wahrlich, Du bist von gewaltigem Charakter“ (Sure Al-Qalam, Vers 4).

Anas ibn Malik sagte: „Der Gesandte Allahs, hatte den besten Charakter von allen Menschen.“

Es gibt viele weitere Aussagen vom Propheten, die die Bedeutung des guten Charakters hervorheben: Sie zielen darauf hin, dass es nichts gibt, was am Jüngsten Tag schwerer in der Waage wiegt als guter Charakter. Er sagte auch: „Die besten unter euch im Islam sind die besten im Charakter, wenn sie Verständnis von Din besitzen.“ Das Wort „ad-Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und dementsprechend auch das Handeln. Es bezieht sich aber nicht nur auf das persönliche Leben eines Menschen, es erstreckt sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft als Ganzes. So ist diese Bezeichnung nicht nur auf die Lebensart einer bestimmten Gebietes beschränkt, oder auf eine bestimmten geschichtlichen Zeit, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten. Dennoch erhebt der Koran keinen Anspruch darauf, der einzige richtige Weg zu sein. Und viele ihrer Vertreter haben auch nicht das Recht dazu.

Die Kenntnis von der Moral, der Ethik und den Verhaltensweisen aller Propheten sind von großem Nutzen für uns und eine Hilfe darin, uns an ihnen ein Vorbild zu nehmen.

Zum guten Charakter zählen unter anderem Großzügigkeit, Wohltätigkeit, Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Aufrichtigkeit, Abmachungen einzuhalten, Gottesfürchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Korrektheit, Gerechtigkeit, gut zu seinen Frauen zu sein, keine üble Nachrede zu begehen, seine Zunge und seine Genitalien zu unter Kontrolle zu halten, keine rohe oder obszöne Sprache zu gebrauchen, nicht arrogant zu sein, nicht zu lügen, nicht verschwenderisch zu sein, nicht angeberisch zu sein, das zu lassen, was einen nichts angeht, den Nachbarn zu schützen, sich von Begierden zu enthalten, nicht aufbrausend zu sein.

Das angestrebte Lebensziel des Menschen ist, was sein gutes Verhalten in seinen Taten zum Ausdruck bringt und seinem Geist einen Weg weist, von dem er nicht abweicht, wenn er eine Tat ausübt, um diesem Ziel näher zu kommen. Und da es zum Wesen des Islams gehört, alle Bereiche des Lebens zu erfassen, hat dieser den Horizont des guten Verhaltens für das Leben erweitert und für jede nur erdenkbare Handlung einen positiven Wert verzeichnet, der dessen Ziel und Zweck widerspiegelt.

Im Koran legt Gott Seinen Wunsch nach der Gemeinschaft mit den Menschen schon im Diesseits als Sein Hauptanliegen dar. Aber Gott zwingt auch niemanden, in seine Gemeinschaft einzutreten. Der Mensch kann in Freiheit sich für Gott entscheiden oder dagegen. Er wird deswegen nicht zornig. Gott lädt den Menschen jedoch ein und wirbt für eine Gemeinschaft Mensch mit Gott. Gott geht es nicht darum, den Menschen mitzuteilen, was sie wann zu tun haben, wie sie gut handeln sollen, welche guten Eigenschaften sie entwickeln sollen, sondern darum, warum sie gut handeln sollen, um einen guten Charakter zu entwickeln. Er sagt nicht einfach: Tue das! Er fordert sie auf: Denk nach! Wenn du von jemandem etwas Gutes erwartet, dann musst du ihm etwas Gleichwertiges oder noch Besseres zurückgeben.

Am 14. Juli 1789 begann in Paris eine neue Ära mit der Erstürmung der Bastille. Unter der Parole Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit wurden die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft abgeschafft. Das sind ethische Prinzipien. Diese Erklärung allgemeiner Menschenrechte bilden bis heute in einer veränderten Form die Grundlage der Verfassungen der meisten Staaten und auch der Vereinten Nationen. Wenn ich jeden Einzelnen von euch nach diesen drei Schlagwörtern fragen würde, dann würde ich sicherlich einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Moralnormen erhalten. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, wo gelten sie wirklich noch, in China bei den Uiguren, in Jemen oder galten sie bei der Vertreibung der Rohingya? Darüber sollte man nachdenken.

 

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute

 eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner 

Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, 

nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.

Mut

Mut

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt: „Warum unterschreibst du deine Khutbas nicht mit deinem Namen?“ Ich war zuerst erstaunt, dann machte es mich ziemlich betroffen. Ich hatte sie absichtlich nicht mit meinem Namen gekennzeichnet. Es war für mich ein Schutz, wenn jedermann meine Predigten lesen kann. Es kann sie ja auch jemand lesen, der nicht besonders gut auf das Thema, auf diese Moschee oder auf mich zu sprechen ist und mir übel mitspielen will. Im Nachhinein überlegte ich mir: Verkrieche ich mich hinter dieser Ausrede, mache ich mich damit kleiner? Brauche ich mehr Mut?

Als ich dann später mit den Geräten in meinem Fitnessclub kämpfte und nebenbei über das Gespräch nachdachte, sah ich dort ein neues Motto an der Wand: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ich überlegte: Was hat das mit Mut zu tun? Sehr viel! Also fasste ich den Entschluss, über das Thema “Mut“ zu sprechen. Ich möchte über den Mut der Gelehrten über Jahrhunderte hinweg, über den Mut heutiger Menschen sprechen.

Was bedeutet eigentlich etymologisch Mut? Es stammt aus dem Indogermanischen und bedeutet soviel wie: sich mühen, starken Willens sein, nach etwas streben; althochdeutsch etwa: Sinn, Seele, Kraft des Denkens, Wollens.

Mut steht als Charaktereigenschaft oft nicht allein.

Mut kann eine aktiv gestaltende oder aktiv verweigernde Handlungsrichtung bedeuten. Sie befähigt jemanden, sich gegen Widerstand und Gefahren für eine als richtig erkannte Sache einzusetzen. Mut erfordert dabei eine Entschlusskraft, ein sorgfältiges Abwägen, um eine eventuelle gefahrvolle Handlung zu tun oder zu verweigern z.B. zur Durchsetzung eines Rechts, für das Meistern einer gefährlichen Situation oder ein Unrecht zu beheben. Ich denke, dazu gehört auch das Nein-Sagen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es bedeutet z. B. bei einer Sache, auch wenn sie für andere sehr bedeutend ist, mal nicht mitzumachen, weil es eine andere, wichtigere Sache zu erledigen gibt. Sich dagegenstellen, wenn man merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das bedeutet außerordentlichen Mut zu beweisen. Es könnte ja sein, dass man sich nun gegen dich stellt oder du gar als Feind betrachtet wirst, zum Beispiel beim Beistehen eines Bedrohten.

Wie oft hört man oder liest man, dass jemand wieder zusammengeschlagen wurde und Leute verdrückten sich dabei. Viel zu wenig wird in einer solchen Situation von Unbeteiligten eingegriffen. Eine verbale Aufforderung zum Beenden bedeutet das großen Mut zu haben, man könnte jetzt ja selbst angegriffen, was ja auch schon geschehen ist. Aber selbst ein Telefonanruf ist schon eine kleine Hilfe

Dabei stehen sich Mut und Angst gegenüber, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern sollten sich zu einem ausgewogenen Zusammenspiel ergänzen.

Mut und Tapferkeit: Mut beweist jemand, wenn er sich in eine gefahrvolle Situation begibt, Tapferkeit bedeutet dann, wenn er die Situation trotz Rückschläge oder ähnliches bis zum Erfolg durchhält.

Mut als Emanzipation (d.h. Selbstbestimmung, Gleichberechtigung): Der deutsche Philosoph Immanuel Kant formulierte den Leitgedanken der Aufklärung so: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Eigentlich könnte dieses Motto in jeder Gemeinschaft angewendet werden. Es handelt sich um ein sozialethisches Verhalten aufgrund von Wertüberzeugungen, wenn z.B. die Integrität einer anderen Person, die Menschenwürde oder Menschenrechte bedroht werden und ein entsprechender Eingriff durch einen mutigen Mitmenschen notwendig wird.

Mut bezeugt man z.B. gerade heute, wenn es heißt: Flüchtlingen zu helfen, nicht zusehen, wenn in einer U-Bahn eine junge Frau betatscht oder belästigt wird oder dem besten Freund mal so richtig die Meinung geigen, auch wenn er dann dich für eine Weile böse ansieht. Aber wenn du damit ihm hilfst, etwas Negatives nicht zu tun, dann war es richtig.

Mut als Lernziel: Mut aufzubringen ist dementsprechend erlernbar. Es trägt wesentlich zur Formung der Persönlichkeit, zur überzeugenden Verfolgung eigener Lebensziele auch gegen Widerstände und zu einem selbstbewussten Auftreten in Bedrohungslagen und Konfliktsituationen bei.

Mut bedeutet also, den eigenen Verstand zu gebrauchen, seine eigene Meinung zu bilden, etwas zu riskieren, auch wenn man scheitern könnte, oder einfach der Angst ins Auge zu sehen.

Mutig ist man, wenn man sich zu dem bekennt, was man denkt und nicht einfach nur still ist vor Angst, oder mitzumachen ohne nachzudenken. Es ist das, wenn man sagt: Höre auf dein Herz und tu das, was dir guttut.

Mut ist immer eine Frage der Einstellung und damit eine Frage des Selbstvertrauens. Wenn ich nicht selber darauf baue, mein Ziel zu erreichen trotz eventueller Schwierigkeiten, dann habe ich vielleicht zu wenig Vertrauen in meinen Mut. Mut ist dabei eine positive, innere Einstellung zu sich selbst und zu seinen Fähigkeiten, d.h. ich muss mich selber einschätzen können. Ich kann mir dabei selber Mut machen, indem ich mir selbst gut zurede. Das ist bestimmt schon jedem passiert, dass er sich Mut einredet: „Das schaffst du! Du kannst das!“

Im Angstzustand malt man sich vielleicht aus, was passieren könnte, wenn man sich nicht überwinden kann. Man wird also versuchen, seinen ganzen Mut zusammenzukratzen.

Man kann also erlernen, mutiger zu sein, indem man das tut, wovor man gerade Angst hat und das wiederum bedeutet, dass man Selbstvertrauen gewinnt. Wie gesagt, Selbstvertrauen ist eine Voraussetzung für Mut.

Das setzt auch das Vertrauen zu sich selbst voraus, dass man mit einem eventuellen Scheitern umgehen kann. Wie oft passiert es, dass wir vor einem Problem stehen, dass uns krank macht, weil wir es nicht lösen können. Gerade in solchen Momenten brauchen wir unbedingt Selbstvertrauen, das Problem aus der Welt schaffen zu können, vielleicht auch mit Hilfe anderer. Man muss dabei nur den Mut haben, dass Problem beim Namen zu nennen. Francois Mitterrand, der ehemalige französische Staatspräsident, sagte einmal: „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern diese Angst zu überwinden.“ Nur dann hat man den Mut, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, seine eigene Meinung zu haben, sein Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellt.

Es gibt ein allgemeingültiges Gesetz, dass sich in zahlreichen heiligen Schriften der Religionen aus aller Welt findet: „Verhalte dich anderen gegenüber, wie du selbst behandelt werden möchtest. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und auf dein fühlendes Herz zu hören.“

In verschiedenen Religionen finden wir es:

Im Judentum: „Was für dich schmerzhaft ist, füge auch deinen Mitmenschen nicht zu. Das ist das Gesetz der Thora. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

Im Christentum: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin ist das Gesetz. Wer sagt: ‚Ich liebe Gott und hasst seinen Bruder‘, der ist ein Lügner, denn, wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht!“

Im Islam: „Der ist kein wahrhafter Gläubiger, der seinem Nächsten nicht das gleiche erweist, was er sich selber gerne tut. Handle allen Menschen gegenüber so, wie du wünschst, dass sie es dir gegenüber tun, und füge anderen nichts zu, was du nicht von ihnen erleiden möchtest.“

Was hat Glaube mit Mut zu tun? Mut kann auch bedeuten, entgegen aller Zweifel und Fragen an Gott zu glauben.

Das heißt, egal, welche Religion vertreten wird, der Kern aller Religionen ist die Liebe und Verehrung des Göttlichen und die Mitmenschlichkeit – Liebe, nicht Hass. Der Unterschied ist nur, in wieweit Strömungen einer Religion Konflikte anheizen oder Brücken der Verständigung bauen.

Wird jedes Mitglied aufgefordert, blindlinks dem religiösen Gelehrten zu gehorchen oder seinen Kopf selber zu benutzen? Das Letztere erfordert Courage oder Mut.

Bis heute hat es immer wieder herausragende muslimische Wissenschaftler, Gelehrte gegeben, die die Muslime aufforderten, eigenständig zu denken. Mit aller Kraft haben die konservativen Gelehrten versucht, sie mundtot zu machen.

Ein Beispiel, das noch gar nicht so lange her ist: Nasr Hamid Abu Zaid, mein Jahrgang und gestorben 2010, war Literaturwissenschaftler der Universität Kairo, wurde wegen seiner kritischen Analysen zur Koranauslegung scharf angegriffen. Nach seiner Zwangsscheidung und Amtsenthebung ging er ins Exil in die Niederlande.

Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass Religion Privatsache sei. Das stimmt ja auch. Andererseits findet Religion aber im öffentlichen Raum statt, wir werden als Religionsvertreter wahrgenommen. Es ist ein Teil unserer Identität und sie kann unser Wirken und Handlungen mitentscheiden und wie wir unseren Mut einsetzen. Immer mehr theologische Wissenschaftler treten gegen die Unmündigkeit der Gläubigen auf, deuten den Koran neu, auf unser Zeitalter zugeschnitten. Das erfordert großen Mut, werden sie doch bedroht, verbal oder aggressiv, wie das eine Beispiel zeigt.

Keiner kann beweisen, dass es einen Gott gibt, eine Hölle, ein Paradies. Es ist oft nicht leicht, einfach zu sagen: Ja, es gibt Gott und ich glaube an Ihn, obwohl ich es nicht beweisen kann, dass es Ihn wirklich gibt.

Es gehört Mut dazu, hier in dieser Moschee als Frau das Gebet zu leiten und eine Khutba zu halten und sie mit einem Namen zu kennzeichnen.

Nochmals zurück zu dem anfangs genannten Motto: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ohne Disziplin kann man keinen Mut aufbauen, Mut bedarf Disziplin und Selbstvertrauen. Alle drei bedingen sich einander. Mein Team, das seid ihr, ihr sitzt hier und hört mir zu und diskutiert mit mir und trotzt damit dessen, was viele islamische Gelehrten über diese Moschee sagen. Das wiederum gibt mir die Kraft zum Mut. Meine Motivation ist Gottes Wort, manifestiert im Koran, den ich versuche zeitgemäß zu lesen, zu verstehen und danach zu handeln.

Gott weiß über mich am besten.

Manaar

Friede und Freiheit im Islam

Friede und Freiheit im Islam

Der Begriff für Frieden kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutete ursprünglich Schutz, Sicherheit. Er schließt kulturelle, strukturelle und personelle Gewalt aus. Er ist ein Prozess. Auf die menschliche Gesellschaft übertragen ist Frieden der Zustand eines vertraglichen und gesicherten Zusammenlebens von Menschen sowohl innerhalb als auch zwischen den Gesellschaften und Staaten.

Im islamischen Verständnis trägt das Wort „Islam“ in seiner Wurzel die Bedeutung „Frieden“ in sich. Die arabische Wortwurzel s-l-m steht für „wohlbehalten, in Sicherheit“, eben „in Frieden sein“. Auch das Wort Salam, Friede, ist daraus gebildet. Islam ist das Friedenmachen durch Hingabe an Gott: Ein Muslim, der sich Hingebende, findet dadurch Frieden mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung.

Salam alaikum „Friede sei mit euch!“ ist der traditionelle muslimische Friedensgruß, mit dem sich nach dem Beispiel des Propheten die Muslime überall auf der Welt begrüßen. Und man sagt, dass der Prophet Muhammad (Friede und Segen auf ihn) nicht nur Muslime so begrüßte. Als ein Gefährte ihn fragte, was im Islam am besten sei, entgegnete er: „Dass du den Armen speist und den Friedensgruß dem entbietest, den du kennst und dem, den du nicht kennst.“ Das bedeutet: alle, die dir begegnen, sollte man grüßen.

Der Friedensgruß hat auch eine rituelle Funktion: nach jedem der fünf täglichen Pflichtgebete wenden die Muslime den Kopf nach rechts und links und entbieten den Friedensgruß der ganzen Schöpfung.

Was sagt der Koran zum Thema Frieden?

Die Verse 61 und 62 der Sure 19 stehen für die Hoffnung auf ewigen Frieden: „(Sie werden in) die Gärten von Eden (eingehen), die der Barmherzige seinen Dienern im Verborgenen verhieß.  Wahrlich, Seine Verheißung wird in Erfüllung gehen. Sie hören dort kein leeres Gerede, sondern genießen nur Frieden.“

Oder in Sure 10:10 steht: „Ihr Ruf wird dort (im Paradies) sein. „Preis Dir, o Allah!“ Und ihr Gruß wird dort sein: Frieden!“ – „Salam!“

Genauso lesen wir in Sure 14: 23: „Und diejenigen, die da glauben und gute Werke tun, werden in Gärten eingeführt werden, durch die Bäche fließen, um mit der Erlaubnis ihres Herrn ewig darin zu wohnen. Ihr Gruß dort wird lauten: ‚Friede!‘“

Das Wort Salam hat somit eine weite Bedeutung. Es bedeutet Sicherheit, Gesundheit, Harmonie und Zufriedenheit.  Genauso sprechen die Engel dem Todgeweihten „Friede“ zu.

In der Sure 10:25 lädt Gott uns in Sein Haus ein: „Und Allah lädt ein zum Haus des Friedens und leitet, wen Er will zum geraden Weg. Denen, die Gutes tun, soll das Beste zuteilwerden und noch mehr.“

Wenn ich bedenke, dann bezieht sich das Wort Frieden meist auf das friedliche Paradies. Was ist aber mit dem Diesseits? Gibt es auch hier den Frieden, den sich eigentlich jeder wünscht, oder fast jeder.

Wenn ich über den Satz in Sure 22:40 nachdenke, wünscht Gott den Frieden auf Erden nicht allein nur für die Muslime. Da steht: „Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs des Öfteren genannt wird, niedergerissen worden.“

Deshalb wird klipp und klar dem Muslim verdeutlicht und ans Herz gelegt, Frieden zu schließen, sobald der Gegner auch nur entfernt dazu bereit ist: „Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch du ihm geneigt und vertrau auf Gott; siehe, Er ist der Hörende, der Wissende“ (8:61). Gott verlangt also vom Menschen, dass er seine Vernunft walten lässt und alles Mögliche unternimmt, den Frieden wiederherzustellen und auch zu erhalten.

Gott liebt alle Menschen, denn Er hat sie ja alle geschaffen. Er sagt in Sure 49:13: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr euch einander kennen möget. Der Edelste von euch ist vor Allah derjenige, der am gottesfürchtigsten ist.“ Das heißt: egal, welcher Hautfarbe du bist, welcher Nation du angehörst, wir sind eine einzige Familie. Deswegen dürfen wir uns nicht in Zwistigkeiten, Rassenkämpfe, und Religionskriege verstricken. Der Koran lehnt eigentlich mit diesen Worten die traurige Wirklichkeit heute in vielen Ländern strikt ab: den Nationalismus und Rassismus.

„Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin liegen Zeichen für die Wissenden“ (30:22).

Die Menschen haben sich auf der ganzen Erde ausgebreitet. Je nach Klima hat sich eine bestimmte Hautfarbe herausgebildet und ebenso Sprachen. Dennoch bleibt ihre grundsätzliche Einheit davon unbeeinflusst. Sie alle haben dieselben Gefühle, Wünsche. Diese Unterschiede der Hautfarben und der Sprachen sind Zeichen für Gottes Schöpferkraft und Liebe zu allen Menschen, aber keine Gründe von Abwertungen anderer Nationen oder Religionen, genauso wie für kriegerische Handlungen, Hass oder Rassismus.

„Und wenn Gott gewollt hätte, so hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch wollte Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben hat. Darum wetteifert miteinander im Guten! Zu Gott werdet ihr dereinst zurückkehren, und Er wird euch aufklären über das, worüber ihr uneins seid.“ (5:48). Das Gute hat einen Namen: Frieden und Brüderlichkeit.

Das heißt, niemand wird im Koran ausgeklammert. Gott spricht durch den Koran nicht nur die Muslime an, sondern alle Menschen, ob sie Christen, Juden sind oder einer anderen Religion oder keiner Religion angehören. Er ist für die ganze Menschheit geschrieben.  Egal, wer man ist, Gott ruft sie alle zum Wetteifern im Guten auf. Und darum öffnen wir unsere Moschee allen Menschen, die den Frieden wollen.

Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er für richtig hält.

Besonders in den letzten Jahren vor seiner Auswanderung bemühte sich der Prophet Muhammad seine Botschaft weiterzugeben. Es bedrückte ihn sehr, dass viele Menschen in Mekka ihm nicht zuhören wollten oder gar daran hinderten. Da munterte ihn Gott auf (10:99) „Und falls dein Herr wollte, bestimmt hätten alle, die auf Erden sind, geglaubt – sie alle gemeinsam. Doch willst du die Menschen zwingen, damit sie Gläubige werden?“

Hier spricht Gott zwei Punkte an: Erstens will Er sagen, es wäre für ihn eine Leichtigkeit, alle Menschen in einer Religion zu vereinen, aber das wollte er nicht. Jeder darf und soll selber entscheiden, er hat die Freiheit dazu. Und zweitens: Dieser Vers verbietet ganz offensichtlich, die Menschen zum Glauben zu zwingen. Der Vers 256 in der Baqara betont es noch deutlicher: „Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden vom unrichtigen. Wer also nicht an falsche Götter glaubt, an Allah aber glaubt, der hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt.“ Auch hier wird von Gott betont, dass der Glaube am Islam und seine Lebensweise niemandem aufgezwungen werden darf.

Ganz im Gegenteil: Im Koran 2:62 steht expliziert, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion zu leben. Da steht. „Jene, die glauben, und jene, die Juden geworden sind, und die Christen und die Sabäer – Wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und gute Werke verrichtet, denen wird bei ihrem Herrn ihr Lohn zuteilwerden, und sie werden weder sich fürchten müssen noch traurig sein.”

Das heißt für uns, dass wir andere Menschen, die keine Muslime sind, aber an Gott glauben, zu respektieren und zu achten haben. Sie haben die Freiheit, im Judentum und Christentum Gott zu suchen und sich in seinem Schutz zu begeben.

Das bedeutet, dass eines der wichtigsten und unantastbaren Menschenrechte die Glaubensfreiheit ist. Im Koran wird dieses Recht garantiert und untersagt das Aufzwingen weder durch materielle Argumente noch durch Drohungen oder Gewalt. Der Glaube ist wie ein starkes Seil, das nie zerreißen wird. Das Seil steht für Glauben an Gott. Das heißt, wer sich daran festhält, am Glauben mit seiner ganzen Glaubensfreiheit, kommt niemals vom Weg ab, der zu Gott und in sein Paradies führt.

Im ganzen Koran findet sich nicht eine einzige Stelle, die es dem Muslim verbietet, frei zu denken. Aber nur im Frieden kann er sich frei entscheiden. Das heißt mit den Worten von Abdel Hakim Ourghi: Der Ruf nach der Autonomie des Koran als Text und nach der Freiheit der Interpretation ist eine Ermutigung der Muslime zur Erneuerung der islamischen Religion sowie die Voraussetzung für eine Wiederbelebung des freien Denkens aller Muslime. Die Freiheit der Koranauslegung impliziert auch die Freiheit all jener Andersdenkenden, die ebenfalls nach einer modernen und humanistischen Lesart des Koran streben. Eine freie Interpretation ist darum bemüht, die kanonischen Quellen und deren Rezeption historisch-kritisch zu verstehen. Deshalb ist und bleibt die Freiheit des muslimischen Lesers als Exeget unantastbar.

Gott    erschuf den Menschen als seinen Statthalter auf Erden und forderte ihn auf, bei der Entwicklung und Gestaltung des Lebens auf der Erde aktiv zu sein. Dafür gab Er ihm den Verstand. Der Mensch wurde so zur Krönung der gesamten Schöpfung. Durch Botschafter sandte Gott an den Menschen immer wieder seine Offenbarung herab. Er forderte sie darin zum Nachdenken auf, so dass sie aus ihren eigenen Gedanken Schlüsse ziehen können, wobei Gott das Nachdenken als den Weg betrachtet, der zur Erkenntnis führt. Gott will also, dass der Mensch durch dieses Nachdenken für seine Anschauungen, seine Zugehörigkeit und seine Bekenntnisse Verantwortung übernimmt. Der Mensch kann sich also die Freiheit nehmen für sich selbst zu entscheiden.

Deshalb gibt es für den Menschen keine Rechtfertigung für jegliche Formen blinder Nachahmung alter, überkommener Kulte, blindem Gehorsam und egozentrischen Interessen.

Diese Verse über Frieden und Freiheit des Menschen sind doch eigentlich klar und deutlich zum Verstehen. Aber wenn ich die islamische Geschichte betrachte, war das wohl doch nicht so verständlich. Es gab immer Kampf, Kampf innerhalb der einzelnen Strömungen im Islam. Sunniten gegen Schiiten, die Sunniten verfolgten die Ismailiten, im frühen 13. Jahrhundert gerieten die Nusairier im syrischen Küstengebirge in eine immer schärfere Konkurrenz zu den nizāritischen Ismāʿīliten. Sogar während des Goldenen Zeitalters in Bagdad kämpften diejenigen, die den Koran als unerschaffen ansahen gegen diejenigen, die ihn als erschaffen hielten und steckten sich gegenseitig in die Gefängnisse. Die Mihna ‚Prüfung‘) war eine zur Zeit der abbasidischen Kalifen zwischen den Jahren von 833 bis 849 praktizierte Form der Inquisition, bei der die betreffenden Personen gezwungen wurden, sich zur Staatsdoktrin von der „Erschaffenheit des Korans“ (chalq al-qurʾān) zu bekennen und wurde erst unter dem Kalifen al-Mutawakkil beendet. Im September 834 musste sich Ibn Hanbal, der jüngste unter den Gründern der vier im sunnitischen Islam etablierten Richtungen (madhhab)  mit anderen Vertretern der ahl al-sunna am Kalifenhof erscheinen und sich der Mihna unterwerfen. Er wurde ausgepeitscht, eingekerkert. Erst unter al-Mutawakkil ʿalā Llāh (ab 847) konnte er ungestört unterrichten und öffentlich auftreten.

Es war der Frieden der jeweils herrschenden Macht. Und heute noch halten sich viele Muslime als die besseren Menschen. Denn Gott lässt es zu, weil er dem Menschen die Freiheit gab, sich zu entscheiden und zu handeln.

Für mich gelten, und sicher auch für alle hier, die Worte des tunesischen Mohamed Talbi, einer der wichtigsten und kritischsten Vordenker der arabischen Welt, der für eine zeitgemäße Leseart des Koran plädiert: Die Menschen haben denselben Atem Gottes in sich, kraft dessen sie sich zu Gott erheben und seinen Anruf in Freiheit beantworten können. Sie besitzen dadurch die gleiche Würde und die gleiche Heiligkeit, und diese Würde und Heiligkeit verleihen ihnen uneingeschränkt in gleicher Weise dasselbe Recht auf Selbst-Bestimmung hier auf Erden und im Jenseits. Aus der Sicht des Koran lässt sich also sagen, dass der Ursprung der Menschenrechte in dem liegt, was alle Menschen aufgrund des Planes Gottes und seiner Schöpfung von Natur aus sind.“

Reformbewegungen im Islam

Reformbewegungen im Islam

In Diskussionen fällt immer wieder die Bezeichnung: liberaler Islam, liberale Moschee.

Es bedeutet für unsere Moschee, dass wir auf der Grundlage von Demokratie und Menschenrechten unseren Islam leben wollen, das heißt: wir interpretieren und hinterfragen den Koran und die Sunna, auf unsere Zeit zugeschnitten.

Viele muslimische Gelehrte sagen heute : Wenn der Islam überleben soll und wenn er einen Universalitätsanspruch hat, dann muss sich die Auslegung des Korans und seine Anwendung nach den Umständen von Zeit und Ort richten.

Diese Gedanken gibt es nicht erst seit heute. Sie zogen sich mit Unterbrechungen durch die ganze Zeit des Islam hindurch. In den ersten Jahrhunderten blühte die Debattenkultur. Zu den wichtigsten Methoden der muslimischen Rechtsgelehrten zählte damals der sogenannte Idschtihad. Er steht für selbstständiges Denken und Schlussfolgern.

Da ist z.B. die theologische Strömung der Mu’taziliten, die bis heute noch in Misskredit bei den orthodoxen Gelehrten stehen.

Ihren Höhepunkt hatte sie im 9.Jahrhundert. Angeregt durch das Studium der Übersetzungen der griechischen Philosophen haben verschiedene Aspekte dieser Philosophen Eingang in die islamische Theologie gefunden. Die Themen der Mu’tazila waren die Gerechtigkeit Gottes und Seine Einheit. In Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes folgerten die Mu’taziliten, dass der Mensch ungeachtet der Allmacht und dem Allwissen Gottes einen freien Willen ohne Einschränkung besitzen. Sonst wäre das Gericht Gottes nicht möglich. In Bezug auf die Einheit Gottes setzten sie voraus, dass Gottes Attribute keine unabhängige oder substantielle Existenz hätten, sondern seien Teil Seines Wesens. Nach der Islamwissenschaftlerin Silvia Horsch vertraten sie den Standpunkt, der Koran sei in der Zeit erschaffen worden und nicht das ewig existierende Wort Gottes (das also schon vor der Zeit der Herabsendung vorhanden war). Was wie Haarspalterei erscheint, hatte ein nicht zu unterschätzendes politisches Einbeziehen: Wenn der Koran, der die Lebensform, Normen und Werte der islamischen Gemeinschaft bestimmt, als ’nicht ewig‘ gilt, d.h. der Koran ist erschaffen, erscheint es eher gerechtfertigt und möglich, bestimmte politische Interessen unter Umgehung der koranischen Vorschriften durchzusetzen.

Als jedoch al-Mutawakkil (847-861) den Thron bestieg, wurde ihr Einfluss wieder zurückgedrängt. Ibn Hanbal, der die Lehre von der Erschaffenheit des Koran trotz Verfolgung und Gefängnis konsequent abgelehnt hatte, wurde aus dem Gefängnis entlassen und entschädigt. Die theologische Diskussion wurde von nun an von den Traditionalisten bestimmt und ab dem 12./13 Jh. wurde  das freie Forschen immer mehr eingeschränkt. Der Idschtihad verlor seine Bedeutung. An seiner Stelle kamen die Interpretationen der orthodoxen Gelehrten, bis heute.

Ein wichtiger Wegbereiter für die Entstehung einer solchen Moschee wie die unsere war der Philosoph und Arzt Muhammad Ibn Ruschd, 1126 in Cordoba geboren. Im christlichen Europa war er unter dem Namen Averroes bekannt. In Andalusien zur damaligen Zeit blühte eine debattier- und wissenschaftsfreudige Kultur. Ibn Ruschd war einer der großen Klassiker der Philosophe und Wissenschaftsgeschichte. Er vermittelte zwischen griechischer und arabischer und lateinischer Kultur, also er transportierte das wissenschaftliche Weltbild von Aristotoles  in seine Zeit und entfachte mit seiner Kommentierung eine große Diskussion. Es ging um Logik, um politische Theologie. Er begriff die Vernunft als ein Gebot des Glaubens. Für ihn war Vernunft und Religion kein Widerspruch. Er war der Meinung, dass die Religionen Teil der Welt ist und durch sie erforscht werden kann. Der Koran erfordert eine vernünftige Auseinandersetzung.

Für ihn war der Koran-Vers 59:2 eindeutig: „Denkt nach, die ihr Einsicht habt!“ Ibn Ruschd sieht in der Aufforderung an die Muslime, über ihren Glauben nachzudenken und die bestmögliche Beweislage für ihr Denken zu finden, eindeutig in der Philosophie und zumal in der aristotelischen Beweisführung gegeben. In der Logik sah er die Möglichkeit, aus dem Denken heraus zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen.

Er attackiert sogar al-Ghazali, der in einer Schrift die Philosophen angreift, da sie Unglauben auf Grund von drei Dingen lehrten:

  1. Die Urewigkeit der Welt
  2. Das Wissen Gottes um die Einzeldinge nur auf allgemeine Weise
  3. Die mögliche Auferstehung des Menschen nur mit der Seele, nicht aber dem Leibe

Ibn Ruschd antwortete auf diese drei Punkte folgendermaßen:

  1. Der Koransagt nirgends, dass die Welt aus dem Nichts geschaffen und in der Zeit entstanden sein soll. In den sechs Tagen der Schöpfung schwebte Gottes Thron dem Koran nach sogar „über dem Wasser“, woher davon auszugehen ist, dass die Welt schon existiert haben könnte.
  2. Die Philosophen behaupten gar nicht, dass Gott kein Wissen um die Einzeldinge hätte. Sie betonen aber, dass es anders sei als das Wissen der Menschen und dass die Menschen also gar nicht wissen könnten, was Gott alles weiß. Ihr Wissen entstehe Schritt für Schritt, während Gottes Wissen von Ewigkeit her alle Dinge umfasse und daher eine Voraussetzung dafür sei, dass die Einzeldinge nacheinander entstehen.
  3. Auch leugnen die Philosophen die Auferstehung nicht und lehren nichts, was im Widerspruch zum Koran stünde. Also dürfe niemand aufgrund einer „anderen“ Interpretation des Unglaubens bezichtigt werden.

Die Philosophie des Averroes  strahlte bis in das christliche Europa  und beeinflusste die gesamte mittelalterliche christliche Theologie, bis seine Schriften auf dem 5. Laterankonzil 1513 unter Papst Leo X. kirchenamtlich verboten wurde.             Er starb verbannt 1198 in Marrakesch

Im 19./ Anfang 20.Jh. gab es mehrere reformistische Vordenker, z.B. der libanesische Raschid Rida, 1865-1935. Er trat für die Bewahrung der eigenen Identität ein. Er gab die Zeitschrift „Al-Manar“ (Der Leuchtturm) heraus. Die Zeitschrift enthielt Analysen der Situation der damaligen muslimischen Welt und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, weswegen der Westen dem Orient überlegen war. Seine Argumente bezogen sich auf die Erneuerung des Islam und auf die Stagnation durch die Ulama, die den Fortschritt der islamischen Welt verhinderten. Als eine wichtige Rechtsquelle galt für ihn das Prinzip der ‚maslaha‘, der Nützlichkeit für die islamische Gemeinschaft und Gemeinwohl.

Dschamal ad-Din al-Afghani   1838 in Asadabad, Iran † 1897 in Istanbul),

Al-Afghānī gilt als einer der bedeutendsten muslimischen Denker und Philosophen der Moderne. Zwei zentrale Themen lassen sich in seiner Ideologie wiederfinden: Islamische Einheit, und der Ruf nach einem reformierten und modernisierten Islam, der sich westliche Technologie und Wissenschaft zu eigen macht, und sich damit gegen westliche politische und wirtschaftliche Abhängigkeit wehrt. Seine Ideen sind: Befreiung aller muslimischen Gebiete vom Kolonialismus und der Fremdherrschaft, Rückkehr zu den reinsten Quellen aus der ersten Zeit des Islams, Aneignung der Technologie und der sozialen Institutionen des Westens in gezielter Auswahl und die Einheit aller Muslime in einem islamischen Staat.

Er gilt als liberaler Reformtheologe und Modernist, aber auch als einer der geistigen Begründer des Politischen Islams und der Salafismus-Bewegung des späten 19. und 20. Jahrhunderts, die eine Rückbesinnung auf den wahren, unverfälschten Islam forderte.

Nazr Hamid Abu Zaid

geb. 10. Juli 1943 in Qufaha bei Tanta, Ägypten; gest. 5. Juli 2010 in Kairo) war ein ägyptischer Koran- und Literaturwissenschaftler, der in seinen Büchern eine neue Koranhermeneutik, ein sinngemäßes Auslegen forderte. Der Koran entstand laut seiner Meinung nach nicht in einer einseitigen Offenbarung, sondern in einem Dialog zwischen Gott und dem Menschen – war also auf die Zeit und die Umgebung Muhammads zugeschnitten. Dabei ist es der Mensch selbst, der den Worten Gottes überhaupt erst eine Bedeutung verleiht. Er widerspricht damit, dass der Koran schon immer im Himmel existierte. Der Koran spricht erst, wenn er gelesen und darüber nachgedacht wird. Jeder Leser versteht ihn darum in seiner Zeit. Jede Interpretation bringt große Freiräume, was früher gedacht wurde, muss heute nicht identisch sein. Darum muss der Inhalt des Koran immer auf die Zeit des Interpreten übertragen werden.

Jeder seiner Zeit fortschrittlicher Denker stellt ein Baustein dar bis hin zu einer neuen, liberalen und humanistischen Denkweise im Islam, deren Ergebnis unsere liberale Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee ist.

Wir versuchen den Koran nicht wörtlich zu verstehen, sondern aus ihm Grundsätze herauszulesen und sie auf das Heute zu übertragen.

Im Koran finden wir viele Prinzipien, die die Würde des Menschen und seine Statthalterschaft durch Gott betonen. Wir lesen von Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt.

z.B. 17:70  „Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet- eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben“.

21:92  „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft“

16:12 „Und Er hat für euch die Nacht und den Tag dienstbar gemacht und die Sonne und den Mond. Und die Sterne sind auf Seinem Befehl dienstbar. Wahrlich, darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben“.

49:9  „Und wenn zwei Parteien der Gläubigen miteinander streiten, dann stiftet Frieden zwischen ihnen“, …. weiter heißt es: „…lasst nicht eine Schar über die andere spotten“,  „ … fügt keine üble Nachrede übereinander“.

13:19   „Ist denn etwa einer, der erkennt, dass die von Deinem Herrn herabgesandte Offenbarung die Wahrheit ist, gleich einem, der blind ist? – (Doch) Nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen.“

Der Koran ruft die Gläubigen in diesen und weiteren Versen aktiv dazu auf, ihren Verstand zu benutzen. Das ist insofern interessant, als dass insbesondere konservativere Strömungen seit Jahrhunderten den menschlichen Verstand aus religiösen Angelegenheiten am liebsten verbannen würden.

Unsere Moschee ist sozusagen die Erbin des Gedankengutes dieser fortschrittlichen Denker im Islam. Wir bauen auf ihnen auf. Und ich muss sagen: Ich bin stolz, dieser Moschee anzugehören.

Menschenrechte im Islam

Menschenrechte im Islam

In der Zeitschrift „Berliner Woche“, die jede und jeder in Berlin kostenlos in seinem Briefkasten vorfindet, habe ich am Mittwoch einen Artikel über Seyran Ates gelesen. Sie schreibt unter anderem: „ Wir hoffen, dass unter dem Dachverband der säkularen Muslime noch mehr liberale Moscheen in ganz Europa entstehen“

Wie oft stoßen wir auf Worte wie säkular, liberal. Dazu fehlen eigentlich nur noch die Wörter demokratisch  und humanistisch.

Mir sind sie oft schwammisch, was sie genau bedeuten, kann ich auf der Stelle nicht exakt erklären. Deshalb habe ich mich schlau gemacht, was sie bedeuten und wie sie zum Islam stehen.

 Demokratie: die Regierungsform, bei der eine gewählte Volksvertretung die politische Macht ausübt,  das Wichtigste in einer Demokratie ist die Würde des Menschen

Ein humanistisches Menschenbild in einer Demokratie sieht in jedem Menschen eine eigenständige, in sich wertvolle Persönlichkeit und respektiert die Verschiedenartigkeit verschiedener Menschen.

 Die Würde des Menschen ist unantastbar, seine Persönlichkeit und seine Lebensweise müssen respektiert werden.

Der Mensch hat die Fähigkeit sich zu bilden und zu entwickeln, er hat das Recht seine Talente, Potentiale und Kompetenzen zu entfalten und zu vervollkommnen.

Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich kreativ entfalten können.

 Ein humanistisches Menschenbild besagt; dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Freiheit hat, das Leben und alle Entscheidungen die dieses Leben beeinflussen, selbst bestimmen zu können. Es geht weiter davon aus, dass der Mensch einzigartig und von Grund auf gut ist. Es besagt, dass der Mensch befähigt und bestrebt ist, Entscheidungen in seinem Leben selbst zu treffen und sein Leben auf moralischer und ethischer Ebene selbst zu bestimmen. Auch auf finanzieller, sozialer, körperlicher, geistiger und seelischer Ebene sollten Entscheidungen selbst getroffen werden können.

 Liberalismus: ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche politische Positionen

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Ansätzen die hohe Wertschätzung individueller Freiheit und Selbstverantwortung. Jeder Mensch soll leben wie er möchte, solange er nicht die Freiheit anderer tangiert bzw. verletzt. Demokratie wird als Mittel angesehen, die Freiheit der Bürger zu schützen. Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit werden als Voraussetzung der Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung angesehen.

Wir sehen also: Liberalismus steht in enger Beziehung zum Humanismus.

Ich habe einen Aufsatz über Menschenrechte, Religion und Demokratie von Dr. Razavi Rad gelesen und fand ihn bemerkenswert

Er schreibt über den Rang und die Stellung des Menschen aus koranischer Sicht :

Der Mensch wird als bestes Geschöpf des ganzen Universums anerkannt. Bei Gott sind die Würde und Rechte jedes einzelnen Menschen unantastbar, ungeachtet, welcher Religion, Rasse, Kultur, Hautfarbe usw. er angehört. Die Menschen sind wie die Glieder eines Körpers, weil sie alle einen gemeinsamen Schöpfungsursprung haben, einen gemeinsamen Vorfahren, Adam.

17:70: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über das Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet – eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben.“

Das bedeutet: in Bezug auf das begriffliche Denken  stehen wir höher als die Engel, deshalb sollten sie sich auch vor Adam, stellvertretend für die ganze Menschheit werfen. Das heißt auch: er ist in der Lage, die Wahrheit des Universums herauszustellen und in allen Bereichen des Lebens seine Kenntnisse zu erweitern.

Im Vers: 95:4  steht: „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen“, oder  Muhammad Asad übersetzt das so: „Wahrlich, Wir erschaffen den Menschen in bester Gestaltung“.

Ich denke, hier werden ungeachtet seiner natürlichen Beschaffenheit, seiner Vorzüge und Nachteile jeder Mensch mit der Fähigkeit zum bestmöglichen Gebrauch seiner angeborenen Eigenschaften und in seiner Umgebung ausgestattet. Hier wird insbesondere die Moral und Ethik angesprochen. Jeder Mensch hat seine Würde, wenn er die Rechte des anderes respektiert. Also die Grundprinzipien des Islam sind nichts anderes als die Einladung zur Menschlichkeit und die Achtung und der Stellung des Menschen, jeder Mensch muss würdig behandelt werden, auch wenn er nicht so denkt wie ich.  Das ist ein islamisches wie auch humanistisches Menschenbild.

Eines der Rechte des Menschen ist die Gedankenfreiheit. Ich hatte letzten Freitag von Neugier als erste Etappe beim Wissenserwerb gesprochen, er ist ein angeborener Trieb des Menschen, von Allah verliehen,  der ihn antreibt in seiner Wissbegier und der Suche nach der Wahrheit. Dieses Denken, Überlegen, Reflektieren, Schlüsse ziehen, Handeln ist eine besondere Fähigkeit und Merkmal des Menschen.

8:22/23 : „Wahrlich, als die schlimmsten Tiere gelten bei Allah die tauben und stummen, die keinen Verstand haben. Und hätte Allah etwas Gutes in ihnen erkannt, hätte er gewiss sie hörend gemacht. Und wenn Er sie hörend macht, so werden sie sich in Widerwillen wegwenden.“

Immer wieder lädt Allah den Menschen zum Nachdenken ein. Sie sind manifestiert in rund 300 Versen des Koran. Leider  übersehen wohl einige Muslime diese Aufforderungen.

Sie sehen nur ihren Imam, halten sich an seine Worte fest, die sicher gut sind,  anstatt an Allahs Aufforderung zum Nachdenken. Ein Imam ist auch nur ein Mensch und Menschen machen Fehler. Statt dessen sollten sie über das Gesagte kritisch nachdenken und reflektieren.

Ich denke schon, dass es viele Gläubige gibt, die nachdenken, sicher sogar eine eigene Meinung besitzen, aber nicht ihre Wertschätzung und Stellung in der Gemeinde aufgeben wollen.

Aber das ist es, was eine liberale und demokratische Gemeinde braucht.

Und weil wir hier, die versammelt sind nachdenken, sich kritisch mit den Werten, kritisch mit den islamischen Schriften, ja sich kritisch sogar mit dem Koran auseinandersetzen wollen, deshalb feindet man uns an und arbeitet  daraufhin, unsere Moschee in Diskretion zu bringen.

Wir sind offen und jeder, der seine Meinung vortragen möchte, ist eingeladen.