Barmherzigkeit

Ramadan 2020

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Ramadan 2020

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Heute möchte ich euch besonders herzlich begrüßen, denn es gibt ein Fest zu feiern. Wir feiern mit euch das Eid al fitr, das Fest des Fastenbrechens. Und weil das auf Deutsch überhaupt kein schönes Wort ist, und weil man dabei außerdem den Kindern Süßes verteilt, und auch gerne selbst ein bisschen nascht, nennen wir es inzwischen auch in Deutschland „Zuckerfest“.

Ich finde das immer lustig, weil einige meiner arabisch-sprachigen Freunde Ostern das Eierfest nennen. So haben wir hier in Deutschland ein Eierfest, ein Zuckerfest, mal sehen, was noch kommt. Das geht zwar von dem religiösen Aspekt weg, der den Festen eigentlich zu Grunde liegt, aber zum kulturellen, und damit gemeinschaftsstiftenden, Aspekt hin und wirbt damit dafür, alle Menschen einer Gesellschaft daran zu beteiligen oder zumindest ihnen einen Begriff an die Hand zu geben, den sie mit den stattfindenden Tätigkeiten verbinden können. Das Zuckerfest darf erlebt werden, auch wenn man es nicht vollständig, in all seinen Einzelheiten versteht. Das Verstehen der Dinge geschieht sowieso immer bei allen Menschen auf verschiedenen Ebenen.

Das Zuckerfest ist das große Fest der Freude.

Einen Monat lang haben wir gefastet – Essen und Trinken, oder anderes, entbehrt. Wir haben uns daran erinnert, jeden Tag, dass wir ohne Essen und Trinken nicht nur hungrig und durstig sind sondern auch an anderen Dingen leiden.

Ein paar Beispiele:

Mir ist im Ramadan jeden Tag eisig kalt, oft sogar noch nach dem Essen. So kalt, dass mir am Tag die Schultern weh tun, weil ich mich so verkrampfe und ich die halbe Nacht nicht schlafen kann, weil meine Füße zu Eisblöcken erstarrt sind. Essen und Trinken hält uns warm, stabilisiert unsere gefühlte Körpertemperatur.

Im Ramadan bin ich vergesslich. Beim Verkauf meines Autos habe ich die Hälfte der Dinge im Auto gelassen, die ich unbedingt ins andere Auto mitnehmen wollte. Dinge wie das Ladekabel oder die Parkvignette, ich schaute nicht in das Fach unter dem Kofferraum, wo ich Badelatschen und Schwimmzeug gelagert hatte – alles, was mir nicht direkt ins Auge sprang, habe ich vergessen. Essen und Trinken hilft uns, uns zu erinnern.

Ein weiteres Beispiel: Ich ging zu meiner Therapeutin, die ich gerne einmal im Monat aufsuche, doch das hätte ich mir im Ramadan besser erspart, denn das Fühlen war so anstrengend, dass ich unglaublichen Hunger bekam und nur noch meinen Magen spürte, um am Ende der Sitzung völlig erschöpft nach Hause zu gehen. Essen und Trinken erlauben uns, in uns hineinzuhören, zu reflektieren, unseren Körper detailliert wahrzunehmen über Hunger und Durst hinaus und so am Wohl unserer Seele zu arbeiten.

Und auch dies geschieht ohne Essen und Trinken: Jeden Sonntag buk ich im Ramadan, und fuhr hinaus an einen See oder in einen Wald. Das ist schön, auch ohne Essen und Trinken. Doch in ein Cafe einzutreten und dort vielleicht ein Buch zu lesen, oder sich mit jemandem bei einer Tasse Tee zu unterhalten, ist viel schöner als ohne. Essen und Trinken macht unsere sozialen Kontakte froher und entspannter. Gespräche tiefgehender und unsere Handlungen beherzter.

Manche Tätigkeiten habe ich mir daher auf die Zeit nach dem Abendessen – also dem Frühstück – verschoben, andere gleich ganz auf die Zeit nach dem Ramadan.

Es gibt noch viel, viel mehr, wozu man Essen und Trinken braucht, nicht nur am Abend, um zu überleben, sondern tagsüber. Was tun die Menschen, für die immer Ramadan ist, und am Ende des Tages nur eine Schüssel Reis mit Bohnen – oder immerhin, eine Schüssel Reis mit Bohnen? Wie meistern sie ihre Beziehungen und Freundschaften? Wie schaffen sie es, in der Schule Leistung zu bringen, Verträge fehlerfrei zu gestalten und abzuschließen, gut ausgeruht in den Tag zu starten und ihre gute Laune zu bewahren ?

Der Ramadan dient ganz eindeutig dazu, uns unbedingt daran zu erinnern, dass Essen und Trinken eben nicht nur zum Vergnügen da sind, sondern essenziell unser Leben überhaupt so ermöglichen, wie wir es hier leben. Das haben wir jeden Abend aufs Neue festgestellt. Beim ersten Schluck Wasser nach dem Fasten sind wir manchmal sehr dankbar und erinnern uns an die außerordentliche Gnade, die uns erwiesen wird. Doch manchmal vergessen wir schon beim ersten Glas, wie schwer der Tag war. Gleichsam in Millisekundenschnelle sind wir wieder diejenigen, die wir vor dem gefasteten Tag waren. Deswegen ist es wichtig, dass der Ramadan immer wieder kommt und uns immer wieder daran erinnert, was uns hier auf der Erde geschenkt wird.

Die Dankbarkeit ist eine Anstrengung, ein Dshihad, in der wir uns immer wieder üben sollten. Darin sind sich religiöse und weltliche Philosopen einig.

Im Moment sprießen aus dem Boden der Buchlandschaft tausende von Büchern, die eine Art Tagebuchfunktion übernehmen, aber auf die Dankbarkeit fokussieren. Es sind Bücher, in die man schreiben soll, was an diesem Tag besonder schön war. Fünf Dinge soll man jeden Tag benennen, die einem besondere Freude bereitet haben. Das ist gar nicht so einfach. Wenn man sich darin übt, so wird gesagt, ist man nach einer Weile glücklicher. Man lernt, das Gute, Glücklichmachende, wahrzunehmen und hat so insgesamt ein erfüllteres Leben. Wer schon mal schwanger war, der weiß, dass das stimmt, zumindest, was die Wahrnehmug betrifft. Alle Frauen sind nämlich immer gleichzeitig schwanger und zwar genau dann, wenn man selber schwanger ist. Wenn ich schwanger war, und das war immerhin sieben Mal, waren immer alle Frauen schwanger. Spätestens bei der zweiten Schwangerschaft war mir aber schon klar, dass das nicht sein konnte. Es lag ganz offensichtlich an der Wahrnehmung. Vorher waren natürlich genauso viele Frauen schwanger, aber ich habe es nicht bemerkt, weil es für mich nicht relevant war.

Kürzlich kaufte ich ein Auto. Sollte es ein Ford sein? Ich sah so viele Fords in meiner Umgebung wie nie zuvor. Sollte es ein Opel Corsa werden? Den hatten scheinbar auch alle. Mein Blick schärfte sich und ich sah sie plötzlich alle, die Clios, Polos, BMWs, und je mehr sie für mich in Frage kamen, desto schneller konnte ich sie unterscheiden, schon von Weitem.

So richtet sich unsere Wahrnehmung stets danach, was wir als relevant empfinden. Wenn wir uns darauf konditionieren, das Gute relevant zu finden, und zu erkennen, so werden wir es immer besser sehen können.

Inni atainak al kawthar, fassali rabika wa anhar. Wir haben euch die Fülle gegeben, sagt Gott. Die Gottheit, die uns gibt und gibt und gibt, ist recht selbstlos. Sie bittet, dass wir beten, und dass wir hin und wieder fasten. Der Rest der wesentlichen Anforderungen des Allah, bezieht sich auf die Menschen, nicht auf Gott selbst. Wir sind gehalten, sie gut zu versorgen, alle. Dazu sollen wir unseren Besitz teilen und gastfreudlich sein. In einer Stammeswelt des 7. Jahrhunderts hieß das, genau wie heute, dem Armen nebenan etwas abzugeben und dabei nicht zu pfennigfuchsen. Doch in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts bedeutet es mehr, nämlich auch, politisch dafür zu sorgen, dass ordentlich geteilt wird. Wir sind beauftragt, ganz konkret, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Das steht im Koran und könnte deutlicher nicht geschrieben sein. Zitiere 2:267 und 274. Und in 2:277 lesen wir (zitieren).

Es kann nicht sein, dass einer Milliarden im Sockenfach bunkert und ein anderer nicht weiß, was er morgen seinen Kindern zu essen geben kann. Es kann nicht sein, dass manche Kinder mit ihren eigenen Eltern leben und andere alleine auf der Straße, statt behütet in Familien oder angemessenen Heimen. In einer globalisierten Welt kann nicht jeder alles haben, aber keiner darf nichts haben, oder – entschieden zu wenig. Das ist ein klarer Auftrag der Religion an die Muslime. Im Ramadan wird er zur Pflicht.

Eid Alfitr ist ein Tag der Freude, und er soll es für alle sein. So gebt reichlich heute. Alles was ihr geben könnt. Eure Freude, euer Lächeln, euren warmen, festen Handschlag, den Blick in die Augen. Gebt auch euer Geld mit Freude, wenn ihr könnt, und nehmt es gern und mit Freude, wenn es euch gegeben wird. Gebt euch selbst. Seid gerne stolz darauf, dass ihr diese Zeit gut überstanden habt und schämt euch nicht für eure Fehler, sondern lernt daraus. Jeder Mensch macht Fehler. Immer und überall.

Heute ist der Tag der Freude, der Tag des Gebens und der Tag der Versöhnung. Der Tag, an dem wir zu unseren Mitmenschen gehen und ihnen und uns eine zweite Chance geben, oder eine dritte, vierte. Es ist der Tag des ehrlichen Versuchs, von Neuem zu beginnen. Ein Tag des Neuananfangs in Bezug auf unsere Freunde, Beziehungen, Kinder, Ehepartner, Mitarbeiter, Mitschüler, Nachbarn, Cousins und Cousinen. Was vorher schlecht gelaufen ist, darf nun gut werden.

Religionen und ihre Riten und Ansprüche dienen dazu, uns als Menschen zu erweitern und uns allen gemeinsam ein glückliches Leben zu schenken. Sie dienen dazu, dass wir nicht unbedacht durchs Leben gehen, sondern reflektieren und wachsen, das Gute erkennen und uns daran erfreuen.

Heute ist ein Tag der Freude. Inschallah werden wir viele Tage der Freude verschenken und empfangen.

Cytonn Photography

Verstehen statt verteidigen

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Verstehen statt verteidigen

Cytonn Photography
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In einem Gespräch mit einer Muslimin, die sagte: „Ich müsste mehr über die Geschichte des Islams wissen,“ gab ich ihr Recht. Wie kann man über den Koran sprechen, wenn man nur wenig über die Entstehung, Hintergrund und Bedeutung der einzelnen Verse weiß. Ich dachte bei mir: Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Muslime sich auf die Aussagen ihrer Imame oder Theologen stützen und nicht selbst nachdenken. Weil sie einfach nicht viel über ihre Geschichte, über den Werdegang des Islam und der islamischen Kultur kennen oder auch kaum allgemein etwas über diese Zeit.

    So griff ich nach dem Buch von Nasr Hamid Abu Zaid „Der Koran und die Zukunft des Islam“ und vertiefte mich darin, mit dem Ergebnis, dass ich erstaunt feststellte, selbst noch Wissenslücken zu besitzen. Dieses 7. Jahrhundert ist mir doch noch sehr fremd. Und ich denke, es geht euch genauso wie mir. Darum werde ich dieses Buch als Grundlage für einige Khutbas nehmen.

    Der Koran enthält die Botschaft, die Gott seinem Propheten Muhammad hat übermittelt lassen, um die Menschen dieser arabischen Halbinsel, die zu dieser Zeit mehrheitlich dem Polytheismus anhingen, vom Glauben an den Einen Gott zu überzeugen und überzutreten. Muhammad war deshalb der Letzte einer langen Reihe von Propheten, die mit Adam begann, über Moses, Abraham, Jesus, die eigentlich im Grunde alle die gleiche Botschaft  erhielten, nämlich den Aufruf zum Glauben an den Einen Gott und die Einhaltung bestimmter ethischer Ziele.

    Ich gebe zu, der Koran ist kein leichtes Lesebuch, aber um ihn verstehen zu können, müssen wir uns bewusst machen: Er enthält Gottes Wort, bleibt aber ein historischer Text aus einer ganz bestimmten Zeit, die wir Europäer uns nur schwer vorstellen können. Er spricht Ereignisse und Verhaltensweisen dieser Zeit an. Abu Zaid sagt dazu: „Er wurde gesprochen, verkündet, niedergeschrieben in einer bestimmten historischen Situation, vor dem gedanklichen Hintergrund und in der Sprache jener Zeit. Sprache ist nichts Göttliches. Sprache ist ein menschliches Produkt, und jede Sprache trägt in sich die Kultur der jeweiligen Gesellschaft, ihre Begriffe, Konzeptionen und ihre Werte. Erst ein Verstehen auf der Basis umfassenden historischen und philologischen Wissens setzt uns in den Stand, den koranischen Text richtig zu interpretieren, somit den überhistorischen Kern seiner Botschaft zu erfassen und dann zu entscheiden, was er für uns Gläubige heute bedeutet.“

   Machen wir uns also etwas mehr vertraut mit der damaligen Geschichte.

   Wir müssen immer den Islam als Religion als das Ergebnis des Interpretierens und des Handelns realer Menschen betrachten. Die Menschen unterschiedlicher, früherer Zeiten und unterschiedlichster Kulturräume haben das vor uns getan und kamen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen.

    In den eroberten Ländern trafen die muslimischen Araber auf andere Religionen und deren Vertreter, neben Christen, Juden, mit denen sie oft zusammenlebten, auf Zoroastrier und allen möglichen Sekten und Strömungen.   Sie lernten von ihnen und transformierten und nahmen diese Ergebnisse für sich auf, z.B. deren Ökonomie und Verwaltung und auch sicherlich Elemente ihres Glaubens. Denn diese Menschen wurden teilweise Muslime und nahmen so ihre Kultur mit in die für sie neue Religion.

    Die Eroberer zerstörten also kaum die Kultur der besetzten Länder, sonst hätten wir heute wohl nicht die Pyramiden bewundern können oder die alten Buddha-Statuen im afghanischen Bamyan, die erst 2001 von den Taliban zerstört wurden. Sie haben also etliche vorgefundenen kulturellen Werte und religiösen Vorstellungen und Ideen in ihre eigene Kultur aufgenommen und weiterentwickelt. Sie sind in die verschiedenen Traditionen der islamischen Kultur verankert. Und nur mit diesen Menschen konnten sie das entstehende riesige Reich verwalten. Sie blieben ja in der Minderzahl in den besetzten Ländern. Wenn sie alles zerstört hätten, würden sie sich als Feinde gegenübergestanden haben, aber so konnte sich ziemlich schnell ein islamischer Staat entwickeln. Und erst die jeweiligen lokalen Kulturen in den verschiedenen Gebieten, in denen der Islam sich ausformen konnte, haben erst ihn zu dem werden lassen, als den er uns heute begegnet. Das bedeutet, der Islam ist ein Menschenwerk, das, was die Menschen aus ihm gemacht haben und an dessen Geschichte man die Muslime messen muss.

    Aber man darf nicht ihre transzendente Seite vergessen. Gott hat sich von Anfang an durch ausgewählte Personen, den Propheten mitgeteilt und sich in menschlicher Sprache geäußert. Dabei wurden zu unterschiedlichen Zeitabschnitten und den verschiedensten theologischen Strömungen und Schulen unterschiedlichste Dinge, Gegebenheiten hervorgehoben und nach ihrem Wissensstand ausgelegt. Immer wieder wurde so der Islam verändert, wurden unterschiedliche Auslegungen entwickelt, Traditionen neu begründet, unterschiedliche Praktiken befolgt. Neue Strömungen entstanden wie die Theologie, Logik, Philosophie, die Mystik, der Rationalismus und viele andere Strömungen. Es entstanden die Theorien der Mu’taziliten die den Koran als erschaffen ansahen und ihre Gegenspieler unter Ahmad ibn Hanbal, die den Koran als unerschaffen betrachteten.

   Fazit: Der Islam war stets dynamisch, den Situationen und Zeiten angepasst, niemals starr, wie es heute manchmal so aussieht.

     Es gab und gibt soziale Gruppen, die dämonisiert wurden bzw. werden, diskreditiert, so wie unsere Moschee oder andere liberale Personen heute, in Kommunikationssituationen gedrängt, in denen sie sich oft nur wortreich verteidigen und rechtfertigen können. Abu Zaid schreibt dazu: „Es gibt bestimmte Verse im Koran und bestimmte Regeln im islamischen Recht, die im Widerspruch zu modernen Überzeugungen stehen. Aber es gibt eine Erklärung für diese Stellen. Und erklären ist etwas anderes als sich rechtfertigen zu müssen. Dieser Unterschied ist entscheidend im politischen Diskurs.“ Und mit diesen Gedanken steht Abu Zaid nicht allein. Wir in unserer Moschee lassen uns nicht vorschreiben, wie wir den unseren Islam leben und gestalten und was wir zu sagen haben.

    Weiter meint Abu Zaid: „In einem Text des Korans findet man vielfältige Bedeutungen. Das Spiel der Sprache erlaubt Offenheit, was zunächst einmal nichts Negatives, sondern vielmehr eine Chance bedeutet. Wenn man sich allerdings auf den Versuch einer Rechtfertigung einlässt, verhält man sich wie ein spitzfindiger Rechtsanwalt, der einen Gesetzestext mit einer vorgegebenen Absicht studiert. Man schiebt den Text hin und her und versucht, das Passende zu finden.“ Diese Passage konnte ich euch einfach nicht vorenthalten, denn ich fand sie wirklich passend für heutige Diskussionen.     

    So versuche ich es ebenfalls. Nicht in die Ecke drängen lassen, sondern nachdenken, andere Erkenntnisse von Wissenden zu Rate nehmen, nicht nachlassen, nach neuem Wissen zu suchen. So hat sich mein Verständnis des Islam gebildet. Unter bestimmten Bedingungen, Gegebenheiten und mit der Zeit hat es sich auch verändert. Man darf sich nicht verschließen, man muss stets offen sein für neue Interpretationen, denn sonst bleibt man nur in ein neues Dogma hängen, eine Festlegung eines bestimmten Islam.

    Gehen wir zurück in das Arabien vor dem Beginn des Islam. Ich hatte schon erläutert, dass wir nicht nur die islamische Religion als historisches Phänomen verstehen sollen, sondern auch den Koran selbst in seinen zeitlich historischen Hintergrund einbetten und alle seine Verse vor diesem Hintergrund für ein korrektes Verständnis lesen müssen, um vom Wortlaut des historischen Textes auf den Kern der nach wie vor gültigen Botschaft zu schließen.

   Stellen wir uns das damalige Arabien vor, im Norden begrenzt von zwei Großreichen, dem Oströmischen Imperium mit Syrien, Palästina und Ägypten und dem Persischen Reich der Sassaniden. Durch Arabien verliefen zwei weltweite Handelswege, die auch etliche wirtschaftliche Zentren wie Mekka reich machten. Aber auch die große Schar der Pilger, die die alte Kaaba als religiöses Zentrum von Arabien aufsuchten, trug zum Wohlstand der Stadt bei. Beide nördliche Reiche und auch räuberische Araber schauten begehrlich nach diesen Reichtümern.

    Einige arabische Stämme waren zum Judentum oder Christentum konvertiert, die Masse aber waren Polytheisten, die zu bestimmten Zeiten zur Kaaba pilgerten. Die Pilgerreise, der Hadsch, war also schon früher eine religiöse Angelegenheit, nicht erst in der islamischen Zeit. Er war schon lange vorher eine Kombination von ökonomischer und religiöser Angelegenheit.  Reichtum machte begehrlich, ständig gab es Spannungen zwischen ganzen Stämmen. Arabien war ja kein festes Reich. Es gab kein staatliches Gebilde. Die Menschen wurden durch Blutsverwandtschaft in Stämmen und Clans gebunden und zusammengehalten. Schutz und Sicherheit gab es also nur durch die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Ich glaube, die größte Bestrafung war wohl, aus einem Stamm ausgeschlossen zu werden. Man wurde dadurch vogelfrei.

     Und eins wird heute kaum benannt: Es war eine Sklavenhaltergesellschaft. Leider verbot auch später der Koran nicht das Halten und Missbrauchen von Sklaven, sondern nur eine Duldung wurde ausgesprochen.

     Ständig feindeten sich die Stämme an und es gab immer wieder Kämpfe unter ihnen. So hatte man 3 Friedensmonate festgelegt, in denen es verboten war zu kämpfen. Diese 3 Friedens-Monate, Radschab, Schaban, Ramadan, wie schon der Hadsch waren also vorislamische Institutionen.

    Das zu wissen ist wichtig bei dem Verstehen des Islam: Wir müssen uns den Islam als Antwort, als Gottes Antwort, auf eine von gesellschaftlichen Problemen motivierte Suche vorstellen, als eine realistische Lösung und Ergebnis für bestimmte historische und politische Probleme. Ich denke, das ist auch der Grund, warum Gott genau zu dieser Zeit und diesem Ort einen Propheten, nämlich Muhammad, sandte.

     Das Interessante ist nun, dass der Koran selbst Hinweise auf damalige Geschehnisse aus der vorislamischen Zeit gibt. Die Sure al- Fil, Nr.105 stellt fest: „1. Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den Leuten des Elefanten gehandelt hat? 2. Hat Er nicht ihre List ins Leere gehen lassen 3. und Vögel in Schwärmen über sie gesandt, 4. Die sie mit Steinen aus übereinander geschichtetem Ton bewarfen, 5. Und sie somit gleich abgefressenen Halmen gemacht?“

    Der Anlass ist auch eine außerkoranisch belegte Tatsache: Die Polytheisten haben ihre Stadt ihrem Herrn, ihrem Gott Allah zum Beschützen überlassen und sich versteckt. Im Jahr 570 zog ein abessinisches Heer mit Elefanten unter dem Christen Abraha nach Mekka, um das Heiligtum zu zerstören, in der Hoffnung, dass seine eigene Kathedrale in Sana’a zum Mittelpunkt der Pilgerroute werden würde.

    In der Sure kommt zum Ausdruck, dass die Bewohner von Mekka Gott für ihre Hilfe danken müssten, denn Er hat die Stadt für sie gerettet.

   Wenn Gott nicht eingegriffen hätte, dann würde Mekka vielleicht christlich geworden und der Islam würde erst gar nicht als Religion entstehen!

     Wir können uns den Koran als eine spezifische Art einer Sammlung von Erzählungen vorstellen, die historische Hinweise auf Geschehnisse und Gottes Einwirkungen darauf aufzeigen. So erzählt auch die frühmekkanische Sure Ar-Rum – die Byzantiner, Nr. 30: 2-5 von einem Geschehen, dass erst später geschehen sollte. Die Byzantiner, die meist Zoroastrier waren, werden besiegt werden, aber später nach ihrer Niederlage selbst siegen. Sie würden sich also freuen, dass die Christen über Ungläubige, ich ziehe vor, das Wort ‚Andersgläubige‘ zu gebrauchen, gesiegt hatten. Das zeigt eigentlich, wie stark in der Frühzeit, bei den ersten Muslimen noch das Verständnis, gemeinsam mit den Juden und Christen zu den „Völkern der Schrift“ zu gehören, anders als man heute denkt. In einer der nächsten Predigten werde ich noch darauf zurückkommen.

    Wie ich schon gesagt habe, auf der ganzen arabischen Halbinsel gab es christliche und jüdische Stämme und man kann davon ausgehen, dass viele biblische Texte allgemein den polytheistischen und nun auch den neuen Muslimen bekannt waren. Dementsprechend waren gewiss auch historische Ereignisse aus dem Alten Testaments bekannt. Zumal war seine erste Frau Chadidscha mit einem Christen namens Waraqa ibn Naufal verwandt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Muhammad bei ihm das nötige Wissen geholt haben könnte, um sich der Zuverlässigkeit seiner Visionen zu vergewissern und nachzufragen. Er war ja auch derjenige, der Muhammad als den von Gott Auserwählten erkannte und ihn darin bestärkte.

     Wir müssen uns den Koran als Antwort auf eine von gesellschaftlichen Problemen motivierte Suche vorstellen. Der Koran ist Gottes Antwort an die Menschen jeglicher Zeit. Er hat sich an die Polytheisten und ihren Lebensumständen und Situationen gerichtet, an die ersten Muslime, indem er ihnen neue Richtlinien für ihr Zusammenleben gab und an die heutigen Muslime, indem der Koran sie auffordert, über ihn nachzudenken und danach zu handeln. Der sich entwickelnde Islam brachte somit eine vollkommen neue gesellschaftliche Ordnung auf der Grundlage einer religiösen Schrift, des Korans.

    Der Koran bleibt in jeder Zeit gemäß seiner Gesellschaftssituationen immer aktuell.

Noch zum Schluss ein letztes Zitat von Nasr Hamid Abu Zaid: „Warum hat uns Gott ein Hirn gegeben, wenn wir es nicht benutzen.“

Manaar

Mohamed Nohassi

Freiheit und Ehre

Freiheit und Ehre

 

Mohamed Nohassi
Mohamed Nohassi

Asalamu alaikum wa rahumatullah wa barakatuhu. Liebe Gemeinde, liebe Gäste, seid alle herzlich gegrüßt zum heutigen Freitagsgebet. Im Anschluss an die Khutba und das Gebet wird es einen Vortrag von Tamara geben, anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Hatun Sürücü, die einem so genannten Ehrenmord zum Opfer fiel, bzw. einem durch und durch unehrenhaften Komplott ihrer Familie. Tamara kannte Hatun, denn sie war eine Freundin ihrer Schwester.

Zunächst gibt es jedoch wie immer die Khutba und das Gebet.

Noch einmal, seid alle herzlich willkommen in der Ibn Rushd-Goethe Moschee. Unser Boden ist ein Teppich; doch zugleich ist er ein Acker, den es zu bearbeiten gilt. Der Nährboden auf dem wir hier sitzen, stehen, uns niederwerfen, birgt die Saat für Frieden und Liebe, Vergebung und Zuversicht.

Meine Khutba heißt nach einem Satz, den ich vor kurzem irgendwo hörte: Unsere Freiheit ist unsere Ehre

Sie beginnt recht persönlich, bleibt es aber nicht, und sie verweist an einer Stelle auf das Märchen vom Froschkönig, das ihr hoffentlich kennt.

Auch ich bin eine Frau. Und damit möchte ich beginnen. Mit meiner recht alltäglichen, weiblichen Erfahrung.

Über Jahre war ich in einer Beziehung gefangen. Tagein, Tagaus, später im Stunden- letztlich im Minutentakt spürte ich die überaus warme Liebe meines Partners abwechseln mit seinem ebenso überaus vollkommenen Rückzug aus der Beziehung. Er strafte mich mit Nichtachtung, um mich dann, wieder so zu lieben, wie kein anderer. Unsere emotionale Nähe war unbeschreiblich, und die Erfüllung im Beisammensein ließ mich die Welt vergessen.

Dann wieder der Rückzug, das Verlassen, ein auf eine psychische Störung hindeutendes Verhalten, das ich lange brauchte, einzuordnen und noch länger, hinter mir zu lassen. Jahre um Jahre dachte ich, das Problem läge allein bei mir. Mich darauszuwinden brauchte viele Anläufe.

Eines Tages hüllte sich mal wieder alles um mich herum in ein undurchdringliches Dunkel, und mein Körper schmerzte, ob der Schweigsamkeit. – Doch plötzlich änderte sich etwas. Kein Mensch der Welt, so kam es mir in den Sinn, habe das Recht, mir so etwas anzutun. Ich besann mich plötzlich mehr denn je zuvor auf meine Verantwortung für mich selbst und nahm den Mut zusammen, der von außen so lächerlich klein zu sein scheint, doch für mich war er riesig.

Bei einem nächtlichen Spaziergang unter dem klaren Sternenhimmel eines kalten Januartages, entschloss ich mich, den Frosch an die Wand zu werfen.

Ich wusste, dies würde eine von zwei Folgen haben. Entweder der Frosch starb (starb also gewissermaßen für mich), oder der Frosch würde erlöst, denn möglicherweise war ja ich diejenige, die ihn in seinem unwürdigen Zustand gehalten hatte!

Die Erlösung hätte ebenso zwei mögliche Folgen. Entweder würde er als erlöster Prinz fröhlich auf seinem Pferd von dannen reiten, hin zu seiner neu auserwählten Prinzessin, oder er würde mich zu seiner Prinzessin machen. Breitbeinig, die Füße fest im Boden verankert, stand ich unter dem Firmament der Rummelsburger Bucht, den Frosch in der Hand – und warf.

Natürlich nur in Gedanken; die Frösche hielten glücklicherweise Winterschlaf. Konkret bedeutete dies einen freiwilligen inneren Abschied von einem Menschen, den ich sehr, sehr liebte. Doch was auch geschehen würde, ich wollte nun damit zufrieden sein und sogar glücklich. Den Weg dahin übergab ich dem Schicksal.

In dieser Nacht träumte ich einen Traum. Nicht irgendeinen, sondern einen wie wir ihn vielleicht alle kennen. Einen Traum, der das tiefe Wissen unseres Unbewussten in Bilder übersetzt, die wir verstehen können. Ein Traum, der daraus entsteht, dass Allah, das Alles, in uns wohnt und Teil von uns ist und wir in Allah wohnen und Teil von Allah sind. Als Teile eines gemeinsamen Wesens als Teile des Alles, haben wir ein Wissen dieses Alles, das tief in uns zu Hause ist.

Im Traum stand ich vor meinem Vogelkäfig, dessen Türchen sich plötzlich ganz von alleine öffnete. Heraus flogen alle drei Wellensittiche. Die beiden gelb-grünen Weibchen und der dicke, blaue Hahn.

In ihrer neuen Freiheit flogen sie hoch durch das Wohnzimmer. Ich fühlte den Luftzug, verursacht durch das Schwirren ihrer Flügelchen. Und als ich meinen Finger wie ein Zweiglein hochhielt, landeten sie darauf und ich spürte im Traum ihre kleinen Krallen, wie sie sich an meinem Finger festhielten.

Der dicke blaue Hahn flog auch. Endlich kam auch er zu mir und setzte sich in meine geöffnete Hand. Doch war er nun nicht mehr der saubere Vogel, als der er ausgeflogen war. Vielmehr war er jetzt bis zur Unkenntlichkeit in Staub gehüllt. Genau genommen, bestand er nur noch aus Staub. Lange betrachtete ich das Staubwölkchen. Dann begann ich, es zu waschen und zu trocknen.

Doch welch eine Überraschung! Es war gar nicht mein dicker, blauer Sittich! Es war ein wunderschöner, schwarz glänzender, recht großer Vogel mit leuchtend blauen Flügeln, der ganz still da saß und sich betrachten ließ.

Damit ließ ich mir Zeit, wusste ich doch nicht, ob es möglicherweise doch der Sittich war, der sich beim Waschen verändert hatte, oder ob es ein gänzlich anderer Vogel war. Hatte ich meinen Sittich zuvor dermaßen verkannt? War ich dieser schwarze Vogel? War es mein Partner? Gar jemand anders? Oder einfach ein Symbol?

Beim Erwachen aus diesem Traum entfuhr mir ein Lachen. Ich fragte mich, welchen Vogel mir das Schicksal denn nun schicken würde und freute mich darauf. Doch genauso wichtig wie die Identität des Sittichs war in meinem Traum, dass dies alles nur deshalb geschehen konnte, weil sich der Käfig geöffnet hatte. Erst da konnte die Seele, versinnbildlicht in den Vögeln, frei fliegen und erst dann ihre verlorene Selbstbestimmung wieder erlangen. In ihrer Freiheit konnte die Seele ihre kleinen Schwingen ausbreiten und sich in die Lüfte heben. Die zuvor gefangene Seele, die nichts als trauern und lethargisch vor sich hinschauen konnte, schaute nun verantwortungsvoll in die Welt. Ihre Freiheit gereichte ihr zur Ehre.

Das herausragende Gefühl des Traumes war nicht Frohsinn, war nicht Errungenschaft, sondern war das Gefühl der Rechtmäßigkeit des freien Seins. Das Gefühl tief empfundenen Glücks, ob der Möglichkeit zu tun, wofür man geschaffen wurde. Zu fliegen, zu schwirren, zu landen, sich hier und da an der Sicherheit festzukrallen, um dann wieder abzuheben ins Ungewisse.

Die Freiheit, darauf kann man sich als Muslim und Muslimin getrost berufen, ist ein Geburtsrecht. Ohne diese menschliche Freiheit wäre das ganze Gerede von Himmel und Hölle, vom jüngsten Tag, von Lohn und Strafe, von hättest du und würdest du, hinfällig. Nur wer frei ist, Schlechtes zu tun, kann belohnt werden, wenn er es unterlässt. Nur wer frei ist, Gutes zu tun, kann dafür belohnt werden, dass er sich dafür entscheidet. Dieser Lohn liegt jedem einzelnen von uns für allein seine eigenen Taten bereit. Da kann niemand für einen anderen belohnt werden, niemand für einen anderen bestraft.

Auch geburtsrechtlich verankert ist des Menschen Würde. Selbst Gefangene erhalten eine Decke zum Schutz gegen die Kälte der Nacht. Wo die Würde verletzt wird, gibt es einen Aufschrei in den Herzen vieler Menschen, wenn der auch nicht immer gehört wird, wo Interessen Mächtiger die Würde Ohnmächtiger mit ihren Füßen treten. Zur Würde gehört vielerlei Verschiedenes, doch irgendwie Selbstverständliches, und dennoch muss man es immer wieder verteidigen, so zum Beispiel, dass man seine Notdurft angemessen verrichten darf. Dazu gehört so Banales wie, dass man beim Sprechen angeschaut wird, und auch die körperliche und damit auch sexuelle, Unversehrtheit gehört dazu. Die Würde und die Freiheit sind Geburtsrechte. Es ist ein liebender Gott, der seine Geschöpfe mit dem Recht auf Würde und Freiheit ausstattet.

Die Ehre hingegen ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das zwar in jeder Gesellschaft vorhanden ist, doch mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird. Bei den Einen ist jemand ehrenhaft, wenn er der Menschheit Gutes tut, bei den Anderen, wenn er seinen gesellschaftlichen Rang durch die Anhäufung von Besitz erhöht. Bei wieder anderen hat Ehre leider etwas mit Vaterland und Selbstvergötterung zu tun. Der Begriff der Ehre ist ganz anders als der der Freiheit und Würde. Viel komplizierter und sogar gefährlich. Hatun Sürücü. wuchs auf inerhalb zweier Begriffe von Ehre, die keine Schnittstelle haben außer dem Gefühl der Verletzbarkeit. Unser Ehrbegriff hat mit diesem ganz bestimmten, traditionellen, Begriff der Familienehre, den wir hier erinnern, keine Gemeinsamkeit.

Ich liebe andere Kulturen. Ich liebe es, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch gibt es Momente, da ist eine derartige Bewunderung des Anderen nicht angemessen. In dieser Tradition der Ehre werden Mädchen lebendig begraben – von ihren eigenen Vätern; erschossen mit ihren Liebhabern von ihren Brüdern; gefangen gehalten von ihren Schwestern unter der Komplizenschaft ihrer Mütter, die ihnen den letzten Schutz verweigern, doch selbst Gefangene sind. Nicht zu Zeiten des Propheten Mohameds, sondern heute, geschehen solche Furchtbarkeiten, die man sich nicht vorstellen mag.

In der Lunge eines Mädchens wurde Erde gefunden. Sie wurde bei lebendigem Leib begraben. Wer tut so etwas und nennt es ehrenhaft?

Die Positionierung der Ehre über der persönlichen Freiheit opfert Menschen auch wenn sie sie nicht körperlich tötet. Das glücklose Verharren in einer lieblosen Ehe ist auch ein Tod. Das Verweigern lebensfroher Erfahrungen verwandelt unsere Herzen in Steine. Das Verbot der Liebe und des Lachens ist ein kalter Kerker.

Deshalb achten wir aufeinander. Schauen einander an, hören einander zu und hören genau hin, ohne zu richten, denn wir sind nicht einander Richter. Und wenn wir messen, so messen wir mit demselben Maß; für uns und für andere.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Wir allein sind die Entscheidungsträger über uns selbst. Und besonders ehrenhaft sei der, der Almosen gibt, der betet und fastet, wie er kann, und der nicht über andere urteilt, sondern ihnen Liebe und Verständnis entgegenbringt. Dies ist dann besonders wertvoll, oder vielleicht vor Gott nur dann wertvoll, wenn es nicht aus Zwang geschieht, sondern freiwillig, und aus Liebe.

Unsere Freiheit ist unsere Ehre. Unverstellt und ehrlich, der Welt glücklich entgegentretend, denn wer traurig ist, verbreitet Trauer, und wer glücklich ist, verbreitet Glück. Gefangenschaft verbreiten nur, die selbst gefangen sind; und wer frei ist, verbreitet Freiheit.

Und so wie die Flügel des schwarzen Vogels – Symbol seiner Freiheit- erst dann in ihrem leuchtenden Blau erstrahlen konnten, als sich der Käfig geöffnet hatte, so erstrahlen auch wir Menschen dann, wenn sich unsere Käfige öffnen und wir frei sind, zu tun, was wir ganz persönlich, für uns allein, für richtig, gut und verantwortbar halten.

Möge Allahs Segen uns allen Liebe, Glück und Freiheit schenken.

Sowieso wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Wo es immer wieder um Ehre geht, messen so genannte Familienoberhäupter doch fast immer mit zweierlei Maß. Doch diese Kritik verschwindet hinter der größeren: Niemals ist ein Mord zu rechtfertigen. Wer die Möglichkeit einer solchen Handlungsweise rechtfertigt, umgeht jedes Rechtssystem, jede gesellschaftliche Ordnung. Da werden zur Wahrung der Familienehre die ehrlosesten Handlungen begangen, die man sich vorstellen kann. Da wird die Freiheit, sein Leben selbst zu gestalten, mit dem Tod bestraft.

Doch lasst uns nicht irritieren. Die Freiheit ist ein Geburtsrecht.

Karsten Würth

Aufrichtigkeit im Islam

Aufrichtigkeit im Islam

Karsten Würth
Karsten Würth

Aufrichtigkeit oder aufrichtig sein ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen zu stehen und den eigenen Gefühlen sowie der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Worten und Handlung Ausdruck zu geben. Aufrichtig zu sein bedeutet aber auch, anderen Menschen wie sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Sie ist eine Charaktereigenschaft eines Menschen, der ohne jede List und Falschheit redet und handelt, dessen Tun und Reden mit seiner Haltung und Einstellung vollkommen übereinstimmt und der ohne versteckte Nebengedanken oder unaufrichtige Absichten handelt.

    Eine gute Kommunikation, das aufrichtige Gespräch, welches Wahrheiten vermittelt, zählt zu den Notwendigkeiten einer intakten Gesellschaft. Man spricht miteinander, teilt sich gegenseitig seine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen und Besorgnisse mit.

    Aufrichtigkeit bedeutet auch Ehrlichkeit. Ehrlich zu sein gegenüber anderen; das zu denken, was du tust und das zu sagen, was du tust, und letztlich das zu tun, was du denkst. Aufrichtiges Bemühen ist etwas total Wichtiges, aber sehr anstrengend und nicht immer leicht.

    Aufrichtig ist jener, der Denken, Sprechen und Handlung in Übereinstimmung bringt.

Wenn man nichts zu verheimlichen hat und nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, der steht aufrecht zu seinen Überzeugungen, er braucht sich dann auch nicht klein zu machen, und aufrecht zu denken, sagen und handeln hat auch etwas mit Mut zu tun und mit dem Herzen.

     Aufrichtig sein beschreibt auch das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Sollte man sich dennoch einmal irren, so sagt man die Wahrheit über das, was man glaubt und denkt. Und Wahrheit und Ehrlichkeit bedeutet, andere nicht zu belügen, auch sich selbst nicht. Aber wer seine eigene Unvollkommenheit eingesteht und den Mut hat, sich selbst, so wie er ist, anzunehmen, der ist gleichfalls aufrichtig.

    Aber sind wir wirklich immer ehrlich? Können wir uns zum Beispiel anderen mitteilen, wie wir uns in Wirklichkeit fühlen, was wir fühlen und was wir brauchen? In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit oft als verletzend und unhöflich angesehen. Meistens ist es uns doch unmöglich, ungefiltert die echte Wahrheit auszudrücken.

     Z.B. wenn jemand mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich bestimmt nicht ungeschminkt, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle. Ich weiß ja nicht, wie es ankommt oder wie mein Gegenüber reagiert. Sicher sage ich: „Danke, mir geht es relativ gut!“ Aber bin ich dann wirklich aufrichtig und ist es die Wahrheit? Wer bringt den Mut schon auf zu sagen: „Naja, ich würde jetzt lieber zu Hause sein und mich ausruhen. Oder das Gespräch mit dir strengt mich ziemlich an.“ Das wäre aber Aufrichtigkeit. Es geht darum, sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben und nicht verletzend mit Worten zu sein. Das kann man aber meistens nur zu Menschen sagen, die man gut kennt.

     Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, kommunizieren wir Aufrichtigkeit mit den Gefühlen. Ein aufrichtiger Mensch genießt deshalb das Vertrauen seiner Umwelt, man muss nicht seine Worte überprüfen. Der Aufrichtige hält sich an sein Versprechen und hütet das, was man ihm anvertraut, denn er ist ehrlich und somit zuverlässig in Wort und Tat. Durch Aufrichtigkeit wird Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt. Denn das Gros aller Kontroversen und zwischenmenschlichen Problemen entsteht dadurch, dass man zueinander nicht ganz ehrlich und aufrichtig ist.

    Im islamischen Sinn steht für Aufrichtigkeit das Wort: al-Ikhlas. Al-Ikhlas heißt auch die 112. Sure, die wir am meisten rezitieren: „Er ist der einzige Gott. Der unwandelbare Gott. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Und niemand ist ihm gleich.“ Es ist die Erklärung von Gottes Vollkommenheit. Die Tatsache, dass Gott einer und einzig in jeder Hinsicht ist, ohne Anfang und ohne Ende, gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte, so gibt es auch kein Gegenteiliges, es gibt nur die eine Wahrheit, so wie er sich selbst darstellt.

     Ikhlas bedeutet auch, etwas in Reinheit zu bringen, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, das Herz zu reinigen, Ehrerbietung, etwas ohne Vorteil und Gewinn zu erhoffen und zu bestreben, ohne Vortäuschung und Heuchelei, mit innerer Liebe und Verbundenheit, uns in unseren Taten und Gebeten vor Angeberei zu hüten, in unseren Andachten und in unserer Ergebenheit vor Gott uns vor Heuchelei und das Herz verderbenden Sachen fernzuhalten.

   Es heißt in Sure Al-Bakara:139: „Wir haben unsere Werke, und ihr habt euere Werke (zu verantworten), und Ihm sind wir aufrichtig ergeben.“ Für uns bedeutet das: Mit Aufrichtigkeit in der Absicht unsere Gottesdienste durchzuführen. Gott fordert uns direkt auf, in Aufrichtigkeit verantwortlich für unsere Werke, sprich Taten zu sein, um uns zu belohnen.

    Wenn wir aufrichtig sind, werden wir von schlechten Taten abgehalten, wie z. B. der Prophet Yusuf, als er von der Frau seines Gebieters bedrängt wurde. In Sure Yusuf:24 können wir lesen: „Doch sie begehrte ihn. Und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht ein Zeichen von seinem Herrn gesehen hätte. Dies (geschah), um Schlechtigkeit und Schändlichkeit von ihm abzuwehren. Er war ja einer Unserer aufrichtigen Diener.“ Aufrichtigkeit bedeutet hier: Anstrengung, um sich selbst vor einer Sünde abzuhalten, ansonsten würde er sich selbst belügen, nicht aufrichtig sein. Darum sollten wir in unseren Worten und Taten, in unseren Beziehungen und zu uns selbst unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit bewahren.

    Wie schon gesagt ist Aufrichtigkeit ein Wesenszug des Charakters, nicht nur in der Religion, sondern ein ethischer Grundbestandteil. Er erweckt in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, und somit allen Menschen wird in Sure Al-Hud:112 aufgetragen, sich im Glauben, in Wort und Tat niemals von diesem Wesenszug zu entfernen. Da steht: „Verfolge denn den rechten Kurs, wie dir von Gott geboten worden ist, zusammen mit allen, die sich mit dir zu Ihm gewendet haben und keiner von euch soll sich auf anmaßende Weisebenehmen: denn wahrlich, Er sieht alles, was ihr tut.“ Verfolge den rechten Weg bedeutet: Sei aufrichtig!

Gott als Ar-Rahman wendet sich hier nicht nur an Muslime, sondern an die gesamte Menschheit, nicht über die Grenzen der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit hinauszugehen.

   Alle Propheten führten ein höchst aufrichtiges Leben und luden alle Menschen, die sie erreichen konnten, zu solch einer Lebensführung ein, für die sie selbst Vorbilder darstellten. Der Prophet Muhammad antwortete einmal einem Gefährten, der um einen Ratschlag bat: „Sag: ‚Ich glaube an Allah‘ und sei aufrichtig.“ Dieses Hadith finden wir bei Muslim.  Hier wird auf die Wichtigkeit der Aufrichtigkeit im Glauben hingewiesen. In einer anderen Überlieferung sagte Muhammad: „Entfernt euch nicht von der Aufrichtigkeit. Denn die Aufrichtigkeit führt den Menschen zum Guten und das Gute führt ins Paradies. Hütet euch vor der Lüge, denn die Lüge führt den Menschen zur Sünde und die Sünde führt in die Hölle.“  Das ist zu finden bei Buchari.

    Wenn ein Mensch in Wort und Tat seinen Mitmenschen und auch sich selbst gegenüber stets aufrichtig bleibt, pflegt und festigt er das Vertrauen in sich selbst und zu seinen Mitmenschen, zu der Gesellschaft. Und wo Vertrauen ist, dort entsteht Freundschaft, Zuneigung und Respekt. Menschen, die Teil einer solchen Gesellschaft sind, haben ein besseres Wohlbefinden und ein gutes Gefühl für Sicherheit.

    Amin ist ein arabischer Name mit der Bedeutung „gewissenhaft“ oder „vertrauenswürdig“, und ich denke, da könnten wir auch aufrichtig dazu sagen. Schon bevor Muhammad Gottes Gesandter wurde, genoss er unter den Leuten in Mekka großen Respekt und Beliebtheit aufgrund seiner Tüchtigkeit, Wahrheitsgetreue und Vertrauenswürdigkeit. Die Mekkaner ließen ihre Wertsachen bei ihm aufbewahren, sie waren dort so sicher wie in einer heutigen Bank. Sie nannten ihn „al-Amin- der Vertrauenswürdige.“ Kann man noch aufrichtiger und vertrauenswürdiger sein als er?

     Aufrichtig sein ist wohl die wichtigste Handlung des Herzens und der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Handlungen und auf dieser Grundlage wird Gott unsere Taten entweder annehmen oder ablehnen.

   Und so bitte ich Gott, unsere aufrichtigen und ehrlichen Bemühungen anzunehmen.

Manaar

Tim Marshall

Toleranz

Toleranz 

 

Tim Marshall
Tim Marshall

Ich möchte heute über Toleranz sprechen. Wir begegnen heutzutage ständig Leuten aus anderen, uns fremden Kulturkreisen, manchen mit offenem Herzen oder abweisend, misstrauisch. Aber allzu oft wissen wir nicht, wie wir ihnen begegnen sollen, unterschwellige Angst oder Scheu oder unmissverständliche Geringschätzung und Unfreundlichkeit ist unser unsichtbarer Begleiter.

Es heißt, wir sollen tolerant sein. Aber was bedeutet eigentlich Toleranz?

    Die Erklärung ist leicht, aber die Ausführung?

    Toleranz bedeutet allgemein, wenn ich etwas gelten oder jemanden gewähren lasse, wie z.B.  eine Duldung anderer Meinungen oder Weltanschauung, Handlungsweisen und Sitten. Es ist damit aber keine Gleichberechtigung gemeint, so wie es heute oft verstanden wird.

     Das Verb tolerieren kommt aus dem lateinischen Wort ‚tolerare‘   und bedeutet so viel wie erdulden, ertragen, duldsam sein, großzügig sein. Das Gegenteil ist die Intoleranz, also keine andere Meinung oder eine Weltanschauung wird gelten gelassen.

   Ein einfaches Beispiel: Ich unterhalte mich mit jemanden, der ein miserables Benehmen zeigt, aber er hat interessante Ideen. Nun muss ich mich entscheiden, gehe ich weg, weil mir echt sein Benehmen auf den Geist geht oder übersehe ich seine Manieren, also ich toleriere sie, und lasse mich von seiner Begeisterung anstecken.

    Wir finden beide Begriffe vor allem im Zusammenhang mit dem Umgang und der Regelung von Konflikten in sozialen Systemen. Da ist besonders der gegenseitige Respekt des Einzelnen oder einer Gruppe gegenüber einem anderen oder einer Gruppe sowie deren Meinung gefragt. So kann im politischen und gesellschaftlichen Bereich Toleranz auch als eine Antwort einer feststehenden Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber anderen Gruppierungen mit abweichenden Überzeugungen gelten, die sich in die herrschende Gesellschaft nicht so leicht  integrieren lassen. Insofern schützt die Toleranz einerseits die bestehende Gesellschaft, da man die fremden Auffassungen zwar zur Kenntnis nimmt, aber sie nicht unbedingt übernehmen muss. Andererseits schützt die Toleranz aber auch die Meinungen oder Werte der Mitglieder der anderen Gruppierung vor Repression oder Ausgrenzung und gilt insofern als eine Grundbedingung für Humanität. So ist Toleranz auch die Vorbedingung einer friedlichen Auseinandersetzung um miteinander ringende Wahrheitsansprüche.

     So die Theorie. Ein anderes simples Beispiel: Beim Teetrinken frage ich mein Gegenüber: „Wie trinkst du am liebsten deinen Tee?“ „Sehr stark und mit vieeeel Zucker.“ „Igitt“, rufe ich entsetzt aus, „da schmeckt doch der ganze Tee nicht mehr!“ „Na und? Mir aber!“ Ich schüttele entsetzt meinen Kopf und denke dabei an mein großes Schubfach mit vielen unterschiedlichen Teesorten. Der Gedanke, ihn für so viel Geschmacklosigkeit auszulachen, kommt mir zum Glück nicht. Schulterzuckend stelle ich fest: „Ich muss ja nicht deinen Tee trinken. Du trinkst deinen Tee und ich meinen.“

     Ich komme später noch auf eine ähnliche Formulierung.

   Ich toleriere also den Geschmack meines Gegenübers und er auch, denn ich zwinge ihn nicht, so zu trinken wie ich meinen Tee trinke.  Ihr kennt sicher viele ähnliche Beispiele.

   Zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte in Europa die Renaissance durch den entstehenden Humanismus und auch durch die Reformation eine Entwicklung in Gang, die zur Entstehung einer neuen Toleranzidee führte. Luther verfasste Schriften, in denen er von einer weltlichen Obrigkeit ausging, der Anfang einer Trennung vom Weltlichen und Geistlichem, also von Staat und Kirche.  Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 begründete die Menschenrechte: Gleichheit, Recht auf Leben und Freiheit, einschließlich der Religionsfreiheit. Das Bekenntnis zur Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz setzte historisch ebenfalls den Glauben an die Gleichheit der Menschen vor Gott voraus. Im Zeitalter der Aufklärung wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen. Der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird auch über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder. Der Philosoph Voltaire sprach sich in seiner Schrift aus dem Jahr 1763 über die ‚Abhandlung über den Toleranzgedanken‘, über eine uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit aus. So gilt in Lessings 1779 veröffentlichtes Drama „Nathan der Weise“ die Ringparabel als eine zeitgenössische Formulierung des Toleranzgedankens, bezogen auf die drei großen monotheistischen Religionen. Das bedeutet Toleranz eines jeden Menschen hinsichtlich seiner Religion und Meinung.

      Und heute? Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck fasst das ganz prima zusammen: Toleranz meint keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken und Tun anderer, sie bedeutet auch nicht Nachgiebigkeit und Akzeptanz anderer Meinungen. Die Betonung liegt auf dem friedlichen und respektvollen Zusammenleben der Menschen mit ihren Unterschieden. Tolerant wird aber erst erforderlich bei einem Zusammenleben, das wegen der Unterschiede nicht als bereichernd, sondern sogar als belastend empfunden werden kann, also trotz der Unterschiede. Es ist nicht selbstverständlich, Toleranz zu üben und sie muss im Zusammenleben erst erlernt werden.

     Er meint: Die Fähigkeit und Bereitschaft, das Anderssein des anderen ist zu akzeptieren und auszuhalten. Toleranz lässt das andere und den anderen leben. Ohne Toleranz hätte sich die Menschheit aufgrund ununterbrochener Kämpfe längst selbst vernichtet.

   Es gibt unterschiedliche Arten von Toleranz:

      Toleranz bei Differenzen: Toleranz wird erst dann erforderlich, wenn jemandem eine Differenz gegenüber dem anderen erkennbar stört. Toleranz ist dann nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit zu setzen. König Friedrich II. von Preußen hat das kleine Sprichwort geprägt: „Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden.“

     Toleranz als Zumutung: Das Gebot von Toleranz fordert von allen Seiten auf, zu ertragen, zu erdulden, zu respektieren, aber nicht gutzuheißen. Wir alle sind aufgefordert, z.B. die Geschlechtsidentität (z.B. während der Arbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit) des anderen anzuerkennen. Muslime sind in einer Demokratie angehalten, ebenso die Religionsfreiheit oder Lebensweisen anderer anzuerkennen.

    Toleranz als Duldung kann z.B. in einem muslimischen Land die Duldung von nichtmuslimischen Bürgern sein. Dabei sind sie aber immer abhängig vom Grad der Duldung. Auch in einer Demokratie gibt es Toleranz als Duldung, z. B. ein Oben-Unten-Verhältnis, Chef und Arbeiter, Direktor und Untergebener. Der eine legt fest, der andere muss die Anweisung dulden. Wie Gauck feststellt, bedeutet die Gleichberechtigung der Akteure nämlich nicht, dass Inhalte, Ziele und Urteile als gleichwertig erachtet werden. Beispiele dafür sind: Katholiken bzw. viele Leute halten die Abtreibung für eine schwere Sünde, sie müssen sie aber hinnehmen. Die muslimischen Gäste in unserer Moschee müssen hinnehmen, dass ich als Frau predige und vorbete, da wir in einer Moschee sind, deren Mitglieder das gutheißen, also als richtig erachten, auch wenn der Gast darin eine Missbilligung sieht. Toleranz als Duldung muss nicht beleidigend sein. Beleidigend wird Missbilligung erst dann, wenn hässliche Worte fallen.

   Toleranz als Koexistenz: Diejenigen Personen oder Gruppierungen, die toleriert werden, verdanken dies meist ihrer eigenen Stärke, die ihr Gegner nicht bekämpfen kann, oder durch politische Einsicht, die sie zur friedlichen Kooperation zwingt, etwa während der Zeit von Nichtangriffspakten.

     Für Diskriminierungen jeglicher Art darf es keinerlei Toleranz geben. Aber Toleranz ist erlernbar und sie muss von jedem Einzelnen, von jeder Gesellschaft immer wieder neu erworben werden, da sie ja immer wieder durch ‚Andere‘ konfrontiert werden und sie darauf reagieren müssen. Aber sie gibt auch die Chance, durch das ‚Neue‘ sich auf

     Nun will ich eine Brücke schlagen zur Sure 109, „al-Kafirun“- „Die Ungläubigen“.

Viele muslimische Gruppen weisen mit dieser Sure darauf hin, dass der Islam keine religiöse Toleranz kennt.

„Sprich: Oh ihr Ungläubigen!

Ich verehre nicht, was ihr verehrt,

Noch verehrt ihr, was ich verehre.

Und ich werde nicht verehren, was ihr verehrt,

Noch werdet ihr verehren, was ich verehre.

Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

    Die Sure richtet sich an Ungläubige und sie ist an die Mekkaner gerichtet. Aber dennoch will ich anmerken, dass ich die Bezeichnung ‚Ungläubige‘ nicht ganz für richtig erachte, denn sie glaubten ja ebenfalls, wenn auch an viele Götter, unter anderem an den Einen, an Allah. In dieser Sure, die mit der Aufforderung „Sprich“ beginnt, legt Gott seinem Propheten Mohammad die Worte in den Mund, die er an seine mekkanischen Landsleute richten soll. Ihnen soll einfach nur deutlich klargemacht werden, dass Mohammad einen anderen Glauben hat als sie, mehr nicht, keine Abwertung, nur eine Feststellung. Der letzte Vers leitet daraus die Forderung ab: „Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

       Es geht hier nicht um irgendwelche Religionsfreiheit, sondern lediglich um Mohammeds eigene Religion.  Er predigte eine neue Religion, den Islam, der auf einem strikten Monotheismus beruhte. Deswegen waren die vielgläubigen Mekkaner darüber empört und begannen Mohammed anzufeinden. Dagegen verwahrt er sich in dieser Sure und besteht auf das Recht auf seinen eigenen Glauben. Muhammad musste zu diesem Zeitpunkt noch die Vielgläubigen bis zu einem Zeitpunkt dulden, aber er konnte mahnen.

    Mir gefällt die Übersetzung von Muhammad Asad besser:      

 Sag!: Oh ihr, die ihr die Wahrheit leugnet!

 Ich bete nicht an, was ihr anbetet.

Und ihr betet auch nicht das an, was ich anbete.

Und ich werde nicht das anbeten, was ihr angebetet habt,

und ihr werdet auch nicht das anbeten, was ich anbete.

Für euch euer Moralgesetz, und für mich meines.“

     Ich kann die Sure auch so sehen: Es gibt unter den Zuhörern auch Christen wie du Hans. Sie glauben an die Dreifaltigkeit. Für mich ist Jesus nur ein verehrter Prophet. Du denkst so und ich so, aber ich kann deinen Glauben tolerieren und du kannst meinen Glauben tolerieren, denn wir beide glauben an den einen Gott. Unsere Handlungen sind das letzte Indiz und deswegen kann ich dich sogar akzeptieren, das Höchste der Toleranz. Das soll schon ein Hinweis auf meine nächste Predigt sein.

   Zusammengefasst: Heute stoßen immer wieder fremde Kulturen und mit ihnen die damit verbundenen Unterschiede, unbekannte Gewohnheiten oder Sitten, verschiedene Meinungen oder politische Ausrichtungen aufeinander. Da ist unbedingt Toleranz gefragt, das Hinnehmen dieser anderen Überzeugungen, Verhaltensweisen, Vorlieben oder gerade in aktuellen Zusammenhängen auch Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Ein tolerantes Verhalten zeigt sich dadurch, dass jeder nachsichtig, respektvoll und freundlich behandelt wird oder seine Religion frei ausleben lässt.

Man kann ein anderes Verhalten vielleicht nicht ganz nachvollziehen oder verstehen, doch anstatt den anderen eines Besseren belehren zu   wollen oder diesen gar zu verspotten oder zu verachten, kann man die Unterschiede hinnehmen und dulden.

    Übrigens, mir gefällt, was der Islamwissenschaftler Milad Karimi festgestellt hat: Wir Deutschen sind ein bequemes Volk geworden, waren zufrieden mit unserem Glück, Frieden und Freiheit. Plötzlich wurden wir aus unserem Dornröschenschlaf herausgerissen durch Flüchtlinge, die mit einem Mal vor unserer Haustür standen. So richtig konnten wir nichts mit ihnen anfangen, die einen hießen sie willkommen, die anderen wollten sie lieber wieder loswerden. Aber ob wir es wollten oder nicht, alle mussten ihre Komfortzone verlassen und sich mit fremden Einflüssen auseinandersetzen. Und das bedeutet für unser Land eine große Chance in vielerlei Hinsicht.

Manaar

                                                                                                                 

victoriano izquierdo

Gottes Nähe zu dem Menschen

Beziehung Gott und Mensch oder Gottes Nähe zu dem Menschen

 

victoriano izquierdo
victoriano izquierdo

So wie jeder Gläubige, so denke ich wenigstens, habe ich mir immer wieder Gedanken über meine Beziehung zu Gott gemacht. Nein, ich zweifle nicht an Gott, Aber manchmal zweifle ich an die Beziehung Gott und Mensch, Wenn ich gebrechliche Menschen sehe, dann denke ich im ersten Moment: Gott, warum hilfst du nicht diesen Menschen?  Bei Naturkatastrophen, wenn ich im Fernsehen Menschen und Tiere sterben sehe, ist mein erster Gedanke: O Gott, hilf doch! Es ist für mich schwer begreiflich, dass Gott nicht eingreift. Und oft höre ich die Frage: Gott hat mich so viel erdulden lassen und es hat sich nichts geändert, obwohl ich Ihn darum gebeten habe. Hat Er wirklich nicht geholfen?

    Nein, ich weiß es besser: Gott lässt dieses alles geschehen, denn Er hat uns, die ganze Menschheit, verantwortlich gemacht, die Erde mit ihrer ganzen Natur und all ihren Geschöpfen zu schützen. Und aus dem Grund greift Er nicht ein. Oder doch? Ich denke – nein, ich weiß es, Er lässt uns in unserem Unglück nicht allein. Vielleicht mildert Er das Unglück, vielleicht hätte es uns schlimmer getroffen, oder Er hilft, wenn es angebracht ist durch uns selbst, wir merken es nur nicht.

    Wenn Gott uns ständig behüten würde, wären wir wie Kleinkinder, unselbständig, unmündig, nicht frei. Gott wollte aber freie Menschen als Partner, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, auch mal Fehler machen. Auch wenn wir mal auf hohe Mauern und tiefe Abgründe stoßen, wir müssen sie überwinden. Schon die Neugier, was hinter der hohen Mauer ist, treibt uns voran, ansonsten ist der Mensch kein Mensch und wir würden noch immer auf Bäumen hangeln.

   Ihr kennt die Überlieferung des Propheten Muhammad, als er auf die Frage antwortet über den Zusammenhang von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“: „Binde es an und vertraue auf Allah.“ Für mich steht außer Frage: Gott wird helfen, vielleicht nicht gleich, aber Er wird.

    In einem Hadith berichtet Abu Huraira: Der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – hat gesagt: „Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung dem Menschen vorhalten: „O Kind Adams! Ich erkrankte, doch Du besuchtest Mich nicht!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dich besuchen können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du denn nicht erfahren, dass mein Diener Soundso krank war, und du ihn nicht besuchtest? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihn besucht hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden! O Kind Adams! Ich bat Dich um etwas zu essen, doch Mir gabst du nichts zu essen!” Er wird antworten: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir etwas zu essen geben können. wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Hast du etwa nicht gewusst, dass Mein Diener Soundso dich um etwas zu essen bat? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm etwas zu essen gegeben hättest, du sicherlich dafür Meine Belohnung erhalten hättest! O Kind Adams! Ich bat dich, Mir (Wasser) zum Trinken zu geben, aber du gabst mir nichts zu trinken!” Er wird sagen: „O mein Herr! Wie hätte ich Dir zu trinken geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?” Allah wird erklären: „Mein Diener Soundso bat dich um Wasser, doch du gabst ihm nichts zu trinken! Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm zu trinken gegeben hättest, du deinen Lohn dafür bei Mir gefunden hättest?” Dies ist überliefert bei Muslim in Riyadhu s-Salihin: Hadith-Nr. 897, Buch 7, Kapitel 144.  Diese Verse bedeuten mehr als nur Seelsorge. Ich fasse das als mehr als eine Pflicht auf, sondern als eine freiwillige Hilfe, die aus dem Herzen kommt. So wie Gott sich um uns kümmert, so sollten wir uns um unsere Mitmenschen kümmern.

     Dieser Hadith steht für ein Lehrer-Schüler-Verhältnis: Gott als Lehrer zeigt uns, wie wir uns zu verhalten haben, Er legt uns diese Verhaltensweise ans Herz, mehr noch, Er macht es uns zu einer Gewissenssache, uns nicht nur um unsere eigenen Bedürfnisse zu kümmern, sonders um die der ganzen Gesellschaft, um die Natur und um alle Geschöpfe.

      Da stellt sich mir die Frage: Was bedeutet eigentlich ein Mensch zu sein? Was erhebt ihn aus der Tierwelt hinaus? Ich denke, Menschsein, das ist vor allem die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Also der Mensch besitzt die Fähigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit zu zeigen, was uns erst zum Menschen macht, was unser Bewusstsein prägt, unsere Ethik, unser Zusammenleben, Hilfe zu leisten. Ich glaube, diese Fähigkeit entwickelt sich vor allem durch die Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Es ist eine Dreiecksverbindung: Beziehung Gott zum einzelnen Menschen, Mensch zur Gemeinschaft, also untereinander und Gottesbeziehung zur Gemeinschaft.

     Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist eigentlich sehr eng, nicht einmal ein Stück Papier passt dazwischen. Gott sagt durch den Koran, dass Er uns näher ist als unsere Schlagader. Wir lesen in Sure 50:16: „Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen, was er in seinem Innern hegt; und Wir sind ihm näher als (seine) Halsschlagader…“ Diese Worte veranschaulichen die unmittelbare, sehr enge Nähe von Gott und Mensch. Es ist die Nähe Seiner Begleitung, Seines Schutzes, Seiner Registrierung aller Handlungen eines jeden Menschen, Seiner Hilfe und Seiner Nähe zu jedem einzelnen Menschen, ob er es will oder nicht. Deshalb brauchen wir auch keine Zwischenstationen zwischen Ihm und uns, keine Funktionäre oder Instanzen, die für uns sprechen wollen und sich manchmal so verhalten, als wenn sie den Islam für sich gepachtet hätten. Nein! Der Islam ist eigentlich eine sehr intime Religion, sehr privat.

   Denken wir einmal über den Vers 115 in Sure 2, Al-Baqara, nach: „Und Gottes ist der Osten und der Westen; und wohin immer ihr euch wendet, dort ist Gottes Antlitz. Siehe, Gott ist unendlich, allwissend.“  Egal, wohin wir schauen oder gehen, immer ist auch Gott dort zu finden.

     Unsere Religiosität dürfen wir nicht territorial begrenzen und wir als Muslime haben auch nicht das Recht, Religiosität nur für uns zu pachten. Der Osten und der Westen gelten nicht nur für das Abend- und Morgenland, sondern rings um uns, ob Mann oder Frau, ob mit dunkler oder heller Hautfarbe, jeder kann die Nähe zu Gott in sich spüren, wenn er es denn will und sich aufnahmefähig macht. Gott ist allumfassend und allgegenwärtig. Er ist nicht nur für besonders weise oder wissende Personen da, sondern für jede einzelne Person und nicht nur manchmal, wenn es uns gefällt, an Ihn zu denken, sondern immer und ewig.

      Gott hat uns von Anfang an seine Zusicherung gegeben, dass wir in den Genuss Seiner Barmherzigkeit kommen und unter Seiner Gnade leben. Das ist wahrhaftig eine besondere Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Als Gegenleistung verlangt Er von uns Barmherzigkeit unter uns Menschen. Und Barmherzigkeit schließt Hilfe, Akzeptanz, Mitgefühl und Liebe zu den Mitmenschen ein.

   Ich habe schon einmal erzählt: Wenn ich aufwache, ist meine erste Regung an Gott zu denken und ich begrüße Ihn, sage einfach: „Guten Morgen ya Allah!“ Das Erstaunliche ist dann immer für mich, dass ich beginne zu lächeln und ein gutes, manchmal überschwängliches Gefühl stellt sich ein, das mich noch lange begleitet. Es ist zu einem Ritual geworden, welches ich nicht mehr missen möchte. Ich fühle dann die Nähe zu Gott, es gibt mir Ruhe und Geborgenheit. Und wenn mir im Laufe des Tages mal eine Laus über die Leber läuft, dann denke ich an dieses Gefühl und mir geht es gleich besser. Und ich denke, es kann sich jeder irgendwelche guten Punkte oder Momente setzen, an die man sich dann halten kann, um mal durchzuatmen und zu sich zu kommen.

    Diese Nähe zeugt eigentlich von der Liebe Gottes zu den Menschen. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass und wie sehr Gott uns liebt und wir müssen uns das immer wieder vor Augen halten. Es besteht immer die Gefahr, dass die Beziehung zwischen dem Menschen und Gott zur Gewohnheit wird. Man kann sich daran gewöhnen, Gott anzubeten. Das Gebet wird einfach nur zur Routine. Darum ist dieses Innehalten, so wie ich es gerade erzählt habe, sehr wichtig. Und ich wünsche jedem von euch, dass er die Nähe und Liebe Gottes spürt, um dann gelassener durch den Tag zu gehen.

    Gott ist wie ein Seil, an dem wir Halt finden, welches uns auch eine Richtung vorgibt, eine Orientierung.    

Und mit dem Vers 2 aus der Sure at-Talaq möchte ich diese Predigt schließen:

     „Und dem, der Allah ehrfürchtig (und aufrichtig) anbetet, verschafft Er einen Ausweg und versorgt ihn in der Art und Weise, mit der er nicht rechnet. Und wer auf Allah vertraut, für den ist Er sein Genüge.“

Manaar

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

 

Raphael Schaller

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott. Dies ist der Anfang der fünf Bücher Moses. Am Anfang war das Wort.

Der Koran beginnt genauso. Ein berühmtes Hadith berichtet über die Erfahrung des Propheten Mohammeds in der Höhle, in die er sich schon vor seinen Offenbarungen immer wieder zurückzog, um in sich zu kehren, der Höhle von Hira. Eines Tages besuchte ihn der Engeln Jibreel, und forderte ihn, den Analphabeten, auf, zu lesen. „Iqra“, sagte Jibreel – es bedeutet sowohl zu lesen oder aus dem Gedächtnis zu rezitieren.

„Iqra!“, sagte Jibreel.

Mohamed antwortete: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest; ich bin kein Lesender.  Jibreel nahm ihn und drückte ihn, bis Mohamed es nicht mehr ertrug. Dann ließ er ihn los. Wieder sagte Jibreel zu Mohamed: „Iqra!“ Lies! Und wieder antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Ich bin kein Lesender. Jibreel packte ihn wieder und drückte ihn, bis er es nicht mehr ertragen konnte. Doch ließ er ihn dann los, um nun zum dritten Mal zu befehlen: ​​“Iqra!“ Lies! Und ein letztes Mal antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Nun ergriff Jibreel Mohammed nicht noch einmal, sondern rezitierte für ihn diese erste Offenbarung und Mohamed folgte seinem Beispiel.

بِسۡمِ ٱللهِ ٱلرَّحۡمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

ٱقۡرَأۡ بِٱسۡمِ رَبِّكَ ٱلَّذِى خَلَقَ (١) خَلَقَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مِنۡ عَلَقٍ (٢) ٱقۡرَأۡ وَرَبُّكَ ٱلۡأَكۡرَمُ (٣) ٱلَّذِى عَلَّمَ بِٱلۡقَلَمِ (٤) عَلَّمَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مَا لَمۡ يَعۡلَمۡ

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!
Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. (1) Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. (2) Lies; denn dein Herr ist Allgütig, (3) Der mit dem Stift lehrt, (4) lehrt den Menschen, was er nicht wußte.

Der Prophet lief nach Hause, wo seine Frau Khadija sah, dass er in großer Not war. In seiner Angst, er habe den Verstand verloren, bat er sie zitternd: „Bedecke mich, bedecke mich“. Khadija bedeckte ihn mit einem Umhang und sprach freundliche Worte zu ihm. Sie lobte seine Integrität, seine friedliche Natur und sein hilfsbereites Verhalten, bis er ruhig wurde und akzeptieren konnte, was mit ihm geschehen war; dass dies der göttliche Wille war, und dass er von nun an aufgerufen sein würde, nicht nur für Jibreel zu rezitieren, sondern der Menschheit weiterzugeben, was Gott ihm mitteilte. Er würde ein Botschafter Gottes sein. Was er an die Menschheit weitergeben würde, wären Worte. Nun hat Mohamed nicht nur Worte weitergegeben. Sein größtenteils sanfter, freundlicher und liebevoller Umgang mit Familie, Freunden und Feinden, seine Art zu beten, zu essen, sich zu waschen und seine Bereitschaft, alles, was er besaß, zu teilen, werden alle als die Sunna weitergegeben. Wir können sie kopieren oder nicht kopieren, wie wir es für uns selbst im Hinblick auf unser eigenes Verständnis ihres Wertes und mit Verantwortung für unser eigenes Handeln entscheiden. Aber die Offenbarungen, die er für uns hat, werden in Form von Worten weitergegeben.

Das Wort ist offenbar eine wichtige Einheit, obwohl es ja irgendwie gar nicht existiert. Zumindest nicht das gesprochene Wort. Es ist nicht greifbar. Das Wort ist ein Nomen, man schreibt es groß, doch in dem Moment wo es gesprochen wurde, ist es bereits weg. Seine Lebensdauer ist mit die Kürzeste, die wir uns von etwas vorstellen können.  Doch welch wundersames Paradox! Denn zugleich haben Wörter mit das längste Leben, was wir uns von irgendetwas vorstellen können, selbst, wenn sie nicht niedergeschrieben werden. Worte dringen in unser Gehirn und bleiben dort auf ewig gespeichert, entfalten dort eine Wirkung, die unserem ganzen Leben in die eine oder die andere Richtung weisen kann. Worte dringen in unser Herz und verursachen die wunderschönsten Gefühle, verursachen Kraft und Mut, und zugleich können sie zerstören. Dazu kommt die Fragestellung nach der Bedeutung. Kein Wort bedeutet für zwei Menschen genau dasselbe. Wörter unterliegen unserer Interpretation, und die beruht auf unseren Erfahrungen.

Daher muss den Worten in unserem täglichen Leben besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, nicht nur im gewissermaßen heiligen Moment des Gebets in der Moschee, sondern unter allen Umständen, selbst den alltäglichsten.

 

In Sure 49 lesen wir

„O ihr Gläubigen! Kein Mann darf über einen anderen spotten; vielleicht ist dieser besser als er. Keine Frau darf über eine andere spotten; vielleicht ist diese besser als sie. Verleumdet euch nicht gegenseitig! Sagt einander keine bösen Wörter und Schimpfnamen! Es gibt nichts Schlimmeres, als diesen Frevel zu begehen, nachdem man den Glauben angenommen hat. Wer nicht reumütig davon abläßt, gehört wahrhaftig zu den Ungerechten.

O ihr Gläubigen! Meidet viele Mutmaßungen, denn einige darunter sind sündhaft! Bespitzelt keinen, verleumdet einander nicht mit Nachreden! Möchte etwa jemand vom Fleisch seines toten Bruders essen? Wie ihr das verabscheut, verabscheut auch die Nachrede! Fürchtet Gott! Gott ist voller Barmherzigkeit und nimmt die Reue an.“

 

An unseren alltäglichen Worten und  Gesprächen sind oft unsere Kinder beteiligt, die zu den Verletzlichsten zählen, wenn es darum geht, Worte schlecht zu gebrauchen. Manchmal werden Kinder ja sogar geschlagen. Eine aktuelle Studie in Deutschland zeigt, dass etwa ein Viertel der Kinder geschlagen wird, 5% so stark, dass die Schläge Spuren hinterlassen. Es ist jedoch falsch zu glauben, dass Gewalt den physischen Körper einbeziehen muss. Während in einkommensschwachen Familien mit niedrigem Bildungsstand häufiger geschlagen wird, kommt es in allen Haushalten zu verbaler Gewalt, auch wenn sie sich eines besonders zivilisierten Verhaltens rühmen.

Lächerlich machen, schreien, niedermachen und dergleichen führen zu körperlichen Folgen, die sich in Form von Lispeln oder Nörgeln in der kindlichen Sprachentwicklung zeigen oder im nächtlichen Einnässen, in Aggressionen, Depressionen, oder sogar Selbstmord.

 

Nette und freundliche Worte zu hören, gibt uns hingegen das Selbstvertrauen, das wir für all unsere täglichen Begegnungen mit neuen Menschen und Situationen brauchen, den Mut, neue Dinge auszuprobieren, um zu wachsen, und die Ausdauer, um weiter zu üben, wenn uns Dinge noch schwerfallen.

Gleichzeitig profitieren Kinder, wie alle anderen, von Worten der Güte und Liebe. Wir alle gedeihen, wenn uns gesagt wird, dass wir gut darin sind, etwas zu tun. Wir tun es dann gerne noch einmal, um der Welt zu beweisen, dass wir wirklich gut darin sind, und um das Lob noch einmal zu hören. Auf diese Weise werden wir in all unseren Unternehmungen tatsächlich immer besser, bis wir den Worten, die über uns gesagt wurden, gerecht werden.

Der Prophet sprach häufig über Spott, Lästerei und Verleumdungen, und bat eindringlich, sie zu unterlassen. Wir haben es gerade aus dem Koran gehört. Unsere Zunge sei einer unserer größten Feinde, habe er gesagt. Die Gleichsetzung mit dem Kannibalismus zeigt, es ähnelt dem Töten.

Im Strafgesetzbuch steht das ähnlich. Da gibt es die Begriffe „üble Nachrede“, „Rufschädigung“, „Verleumdung“, „Beleidigung“, und im allgemeinen Sprachgebrauch sprechen wir gar von „Rufmord“, als hätte man diese Person selbst tätlich angegriffen. Die üble Nachrede nach § 186 Strafgesetzbuch (StGB) ist ein Ehrdelikt, das sich von der Beleidigung (§ 185 StGB) dadurch unterscheidet, dass nicht die Äußerung eines bestimmten negativen Werturteils unter Strafe gestellt wird, sondern das Behaupten oder Verbreiten ehrenrühriger Tatsachen. Der Begriff der Ehre ist in allen Kulturen ein Wertbegriff, er wird lediglich mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Die Missachtung der Ehre unserer Mitmenschen steht in Deutschland unter Strafe.

 

 

 

Mit der Erzählung über ein solches Ehrendelikt oder eine Verleumdung möchte ich meine Khutba heute beenden. Vielleicht sollte man die Geschichte irgendwann einfach mal unter den Teppich kehren. Doch zeigt sie uns explizit, wie leicht es ist, solchen Verleumdungen Glauben zu schenken und wie lange sie sich aufrecht zu erhalten. Die folgende Geschichte wird, ich muss es hier unbedingt sagen, sehr unterschiedlich überliefert. Auch, um welche Frau es sich handelt, variiert. In meinen Quellen geht es um Aisha – Aisha, die ich persönlich sehr verehre. Aisha hatte Mohamed sehr früh geheiratet und war sicherlich emotional besonders eng mit ihm verbunden. Sie war vielfältig im Ausleben ihres Islamverständnisses. Einerseits hat sie ihren Besitz immer wieder minimiert, indem sie ihn an Bedürftige verteilt und wenig für sich selbst übrig gelassen hat. Andererseits hat sie sich stets gebildet. Sie war eine intelligente Frau, die sich nach Mohameds Tod in Anliegen der Religion und Politik als Führungspersönlichkeit hervortat. Aisha war schamlos ehrlich mit sich selbt, was ich vielleicht an ihr am meisten schätze. In ihren Erzählungen über den Propheten Mohamed schönt sie ihr eigenes Verhalten nicht.

Die folgende Geschichte gibt uns einen Einblick in die Folgen der Verleumdungen und darin, dass auch ausgesprochen integre Menschen nicht davon verschont werden.

 

Der Skandal um Aisha, der auch der Lügenskandal, Hadith al-Ifk, genannt wird, ereignete sich im Jahre sechs n.H., kurz nach der Heirat Muhammads mit Saynab bin Dschahsch. Als Muhammad sich für die Schlacht mit den Banu al-Mustaliq vorbereitete, loste er – wie üblich vor jeder Schlacht – unter seinen Ehefrauen aus, welche er mit sich nehmen sollte. Das Los fiel auf ‘Aischa. ‘Aischa freute sich darüber, ihrem Mann für einige Tage das Geleit zu geben und mit ihm allein zu sein. Muhammad und die Muslime gewannen diese Schlacht. Auf dem Wege zurück nach Medina, während einer Rast des Heeres, entfernte sich ‘Aischa kurz nach dem Morgengrauen aus dem Lager, um einem Bedürfnis nachzukommen. Dabei verlor sie ihre Halskette. In der Suche nach ihrer Kette verspätete sie sich dermaßen, dass bei ihrer Rückkehr das Lager bereits abgebrochen und ihr Kamel mit den anderen fortgeführt worden war. Die Leute hatten in dem Glauben gehandelt, sie befinde sich bereits in dem Zelt, das auf dem Sattel ihres Kamels aufgerichtet war.

Als ‘Aischa feststellte, dass sie allein zurückgeblieben war, hoffte sie, dass der Gesandte ihr Fehlen bemerken und jemanden schicken werde, sie abzuholen. Als Nachzügler war Safuan ibn al-Mu’attal as-Salami ebenfalls zurückgeblieben.

Safuan sagte zu ihr so etwas wie: „Wahrlich, Allah gehören wir, und zu Ihm kehren wir heim. O du Frau des Gesandten Allahs, was ließ dich von dem Lager zurückbleiben? Allah erbarme sich deiner!“. Safuan fühlte sich für die Sicherheit ‘Aischas verantwortlich, deshalb führte er sein Kamel vor und lies ‘Aischa aufsteigen. Dann führte er sein Kamel zurück nach Medina. Mit großer Verspätung traf ‘Aischa in Begleitung Safuans, im hellen Licht des Tages, lange nach der Ankunft des Heeres in Medina ein.

Dies war der Anlass für böswillige Menschen und Heuchler, ‘Aischa und Safuan zu verdächtigen, sich unzüglich erhalten zu haben. Menschen verbreiteten Verleumdungen und Verdächtigungen über ‘Aischa und Safuan. Selbst innerhalb der islamischen Gemeinschaft führte dieses Gerede zu einer Art Spaltung. Warum? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Gott sei dank seid ihr beide wohl behalten? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Zum Glück war Safuan dort, und konnte Aisha unterstützen!? Mein bester Freund sagte mir schon oft in seinem nicht ganz perfekten Deutsch, wenn ich mal wieder eine Vermutung anstellen wollte: „Denk mal immer gut“. 

‘Aischa selbst kam von der Reise schwach, erschöpft und krank zurück. Aus diesem Grund hielt sie sich die meiste Zeit in ihrem Hause auf und ging fast nicht aus der Tür. Die Gerüchte und Verleumdungen breiteten sich indessen immer weiter aus. Normalerweise kümmerte sich der Gesandte, wenn ‘Aischa krank war, mehr als gewöhnlich um sie und erleichterte ihr Leben bis sie wieder gesund war. Diesmal verhielt er sich anders und kümmerte sich nur wenig um sie. ‘Aischa hatte sogar das Gefühl, dass es dem Gesandten sehr schwer falle, sie zu betreuen und nach ihrem Wohlergehen zu fragen, wie er es früher getan hatte. Da sie den Grund für das veränderte Verhalten des Gesandten ihr gegenüber nicht kannte, erhoffte sie Hilfe und Betreuung von ihrer Mutter und bat den Gesandten, zu ihrer Mutter gehen zu dürfen. Dieser erlaubte es ihr sofort. Dies zeigt, wie stark die Verleumdung in der Öffentlichkeit das Verhältnis des Gesandten zu ‘Aischa gestört hatte. Er war über diese Verleumdungen sehr betroffen und es fiel ihm schwer, zu glauben, dass es in seiner Gemeinschaft Leute gab, die solche Lügen weiterverbreiteten. Muhammad kannte ‘Aischa, aber auch Safuan, vom Grunde ihrer Seele und war deshalb sicher, dass es sich bei diesem Gerücht um nichts anders als eine Verleumdung handeln könne.

Schließlich konnte sich Muhammad nicht länger zurückhalten und entschloss sich, vor der Gemeinschaft darüber zu sprechen. Nachdem er zuvor Allah angerufen und Ihn gepriesen hatte, sprach er vor der Gemeinschaft, ohne dass ‘Aischa davon wusste: „O ihr Menschen“ Wie ist es mit einigen unter euch, die mich beleidigt haben in einer meiner Angehörigen (‘Aischa)? Sie sprechen nicht die Wahrheit; bei Allah, ich habe von ihr nur Gutes gekannt. Und sie sprechen auch Schlechtes von einem Manne (Safuan), von dem ich auch nur Gutes gekannt habe. Niemals ist er in eines meiner Häuser ohne meine Begleitung eingetreten.“

Doch eine Verleumdung kann man niemals aus dem Weg schaffen. Einmal gesagt, bleibt ein bitterer Nachgeschmack, und häufig meint man, es könne ja vielleicht doch etwas Wahres dran sein.  So entfaltet eine Verleumdung auch nach vielen Jahren noch ihre bittere Wirkung.

Welche Worte sind es denn aber, die wir verwenden sollen? Zunächst einmal, Taten sagen oft mehr als Worte. Wir sollten vielleicht gar nicht immer Wörter verwenden, sondern könnten uns stattdessen überlegen, wie wir unseren Gefühlen wortlos aber handlungsreich Ausdruck verleihen können. Und dann die schönen Worte – es freut mich, gerne, schön, das ist wunderbar, du bist wunderbar, und sicher fällt uns auch die eine oder andere gute Geschichte über unsere Mitmenschen ein. Über Aisha zum Beispiel, wie bereitwillig sie ihre Besitztümer an Bedürftige abgegeben hat. Wie tapfer sie ein schweres Leben ertragen hat. Sie hingebungsvoll sie dem Propheten gegenüber war. Über unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Ehemänner, unsere Kinder – schnell sagen wir ein schlechtes Wort. Aber, „denkt mal immer gut!“ Lasst uns gute und schöne Wörter füreinander und für unsere Handlungen finden.

In diesem Sinne Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

 

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Tim Marshall

Trost

Trost

Autorin: Susanne Dawi

Tim Marshall
Tim Marshall
Als ich eines Tages die Sure AlKawthar genauer studierte, um eine Khutba darüber zu schreiben, empfand ich sie als irgendwie gegensätzlich und zugleich sehr ähnlich wie die Sure AlAsr, die mich in letzter Zeit besonders bewegt. Zu Al Kawthar gibt es also demnächst auf unserer Seite eine Khutba, und über AlAsr schreibe ich den heutigen Blogtext. Unterschiedlich ist, dass AlKawthar von der Fülle berichtet, die uns gegeben wurde, während AlAsr über den Verlust spricht. Gerichtet sind beide Suren insbesondere an den Propheten Mohamed, aber ihre Worte sind auch für jeden von uns bedeutsam.

Schon im Beginn dieser Sure schwingt eine vielleicht traurige Ernsthaftigkeit. „Wa AlAsr“ ; ein „Ach“ des Herzens über die Vergänglichkeit. Al Asr heißt so Einiges, z.B. „der Nachmittag“, oder „das Zeitalter“. Gemeinsam habe diese Vorstellungen, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der irgendwann zuende geht, und dessen Zenit möglicherweise bereits überschritten ist. Mein eigenes Gefühl, wenn ich diesen ersten Satz lese, sagt so etwas wie: „Ach, alle Zeit vergeht, und nun ist unsere Welt und insbesondere dein eigenes Leben, schon an seinem Nachmittag angekommen. Deine Frist neigt sich dem Ende.“ Daher übersetze ich „AlAsr“ am liebsten mit „Die Frist“. Wir empfinden Ehrfurcht vor der Frist, während der die Menschen die Welt bewohnen dürfen und noch mehr Ehrfurcht vor der Endlichkeit unseres eigenen Lebens. Während uns das Leben einerseits oft reich beschenkt, nimmt es uns auch Vieles. „Wahrlich die Menschheit befindet sich in großem Verlust.“ Verlust ist ein Gefühl der Trauer. Dabei muss es sich gar nicht um den Verlust von Objekten oder Lebewesen handeln, sondern kann auch ein Verlust der Hoffnung sein, ein Verlust des Glücks oder ein Gefühl von Einsamkeit. Verlust heißt, dass man sein Glück verloren hat, oder seine Lieben, oder einen Traum nicht leben kann, den man zu leben gehofft hatte. Vieles klassifiziert sich als Verlust, und wer gerade trauert, erfreut sich nicht an der Vielfalt, sondern nimmt deren Abwesenheit schmerzlich wahr.

Doch schon der nächste Satz der Sure ist ein tröstender. Niemals sollen wir in unserer Trauer verharren. Diese Botschaft sendet uns Gott an vielen Stellen. So beginnt der nächste Satz mit „Außer“ und beschreibt diejenigen Menschen, die keinen Verlust haben werden; es sind die, welche glauben und gute Werke tun und sich gegenseitig darin unterstützen, das Recht (auch Gesetz) zu beachten und sich zur Geduld anhalten.

Schon von der Tonalität der Sure ist sie wunderschön. Sie möchte langsam gesprochen werden und ihre Töne sind dunkel. Ihre Hauptvokale sind a und u, das s in Asr ist ein schweres s, das s in khusr wird gefolgt vom r wie auch in sabr, was dem Wort Ernsthaftigkeit verleiht. Khusr und Sabr zeigen in diesem Zusammenhang eine ergreifende Einheit von Ton und Inhalt, durch die wir beim Rezitieren in eine Stimmung versetzt werden, die als eine Mischung aus Trauer und Zuversicht beschrieben werden kann. So bietet diese Sure Trost. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in dem wunderbaren Satz in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Natürlich haben die Glaubenden, Tröstenden, auch Verluste – auch ihnen sterben die Eltern, auch sie werden krank oder unglücklich. Doch um mit dem Schmerz zurecht zu kommen helfen uns die Liebe zu Allah und zu den Menschen, unsere Geduld und unsere guten Werke.

Als ich vor einigen Jahren nachts am LAGESO Berlins so genannte „Flüchtlingshilfe“ betrieb und die ersten neu ankommenden Syrer, Afghanen, Iraker und viele Andere mit weiteren Helfern in teils recht „kreative Unterkünfte“ (Theatersäle, Restaurantzimmer, Probenräume…) brachte, damit keiner auf der Straße schlafen müsse, fragte mich jemand, warum ich das täte. Abgesehen davon, dass ich mir diese Frage selbst nie gestellt hatte (es ist eben ein Gefühl, aus dem heraus man handelt), fand ich später eine möglicherweise taugliche Antwort: Wenn wir anderen Menschen helfen, dann wird vielleicht auch später unseren Kindern geholfen, wenn sie in eine schlimme Lage kommen, oder unseren Eltern, oder denen, die wir lieben. Wenn wir aber niemandem helfen, dann gibt es keine Hoffnung, dass später jemandem geholfen wird. Selbst zu helfen bedeutet, Hoffnung überhaupt erst zu ermöglichen. Diejenigen unter Ihnen, die gute Werke tun, schaffen für sich selbst und andere Hoffnung. Hoffnung, die uns aufrecht hält in Zeiten des Verlusts.

Bei der Frist
Wahrlich die Menschen sind in großem Verlust.
Außer denjenigen die glauben und Gutes tun
Und andere bestärken, richtig zu handeln und sie darin bestärken, geduldig zu sein.

Alexander Sinn

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Alexander Sinn
Alexander Sinn

Heute ist Märchenstunde in der Moschee. Doch wenn ich hier aus zwei Märchen zitiere, aus 1001 Nacht nämlich und aus dem Froschkönig der Grimmschen Sammlungen, dann dient das der Illustration dessen, was man Würde nennt, Karama al Insan, und was den ersten Artikel unseres Grundgesetzes ausmacht. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heißt, sie hat gefälligst respektiert zu werden. Egal, wie praktisch es anderweitig wäre, und wie nett man es sich einrichten könnte, wenn sie nicht so wichtig wäre. Alles muss hinter das Einhalten der menschlichen Würde zurücktreten. Dazu gehört auch unser Sprachgebrauch. Und zwar unserer eigenen Würde sowie der Würde unseres Gegenübers. Würde und Zwang stehen sich diametral gegenüber. Das bedeutet, ihr Wesenselement ist die Freiheit. In einer freien Gesellschaft die Freiheit zu predigen mag obsolet erscheinen, doch stelle ich immer wieder bei mir selber fest, wie schnell ich bereit bin, die Freiheit anderer einzuschränken, wenn es um die Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse geht.

Würde ist eines der interessantesten Wörter meines Lebens. Um ihre Würde zu wahren, heiratete meine Großmutter nicht den Offizier, den sie nicht liebte, wenngleich ihre drei unehelichen Kinder im Krieg dadurch weiter hungern mussten. Sie hat ihren Kindern dadurch viel abverlangt; und dennoch darf man ihr keinen Vorwurf machen, denn sie empfand die Heirat mit diesem Mann als eine Verletzung ihrer Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie steht nicht zur Debatte, doch können wir sie leicht verwechseln mit dem Stolz. Nicht immer, wenn unser Stolz verletzt wird, geht es um Würde.
Die gelebte Würde des Menschen soll unantastbar sein, doch tatsächlich wird sie ständig und überall verletzt, von der Würde der Tiere ganz zu schweigen. Wenn ich im Folgenden die Würde der Frauen in den Mittelpunkt stelle, dann bedeutet das nicht, dass die Würde von Männern nicht verletzt wird. Männer werden geschlagen, sie werden gefoltert, genauso vergewaltigt wie Frauen und verheiratet mit Frauen, die sie nicht lieben können. Homosexuelle Männer werden zu Heterosexualität gezwungen, oder dazu, sich zu verdingen, statt einem Beruf ihrer Wahl nachzugehen. Am schlimmsten, Männer müssen in Armeen Kriegsdienste leisten, für Diktatoren töten und sich töten lassen, fliehen und es wird von ihnen verlangt, während Frauen und Kinder gerettet werden, mit dem Boot unterzugehen.

Die folgenden Geschichten handeln von Frauen, die sich ihrer Würde bewusst sind. Ich möchte sie erzählen, um uns daran zu erinnern, dass wir frei sind, in unseren Entscheidungen, um also daran zu erinnern, dass Würde immer mit Freiheit, auch Entscheidungsfreiheit, verbunden ist. Ein Sprichwort sagt: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Meine Mutter lehrte mich stattdessen: „Wer A gesagt hat, muss noch lange nicht B sagen.“ Auch Brecht sagt dies, doch hatte sie ihn nicht gelesen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.
Egal, was man versprochen haben mag – wenn man merkt, dass es ein Fehler war, ist es nie zu spät, sich davon zu distanzieren. Selbst, wer geheiratet hat, muss nicht bei seinem Partner bleiben. Im Quran lesen wir an vielen Stellen, dass wer auseinandergeht, dies in Frieden und mit vergebendem Herzen tun soll. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen. Wir sind frei, jederzeit auf unser Leben zu schauen um es zu bewerten und unsere Entscheidungen neu zu treffen, selbst wenn wir damit andere enttäuschen. Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt stehen dabei im Mittelpunkt, unsere, und die der Anderen.

Im Koran steht das Wort Würde nicht. Jedenfalls nicht in der Form Karama. Dort steht auch nicht das Wort Freiheit als Horrie. Doch ist er voll mit dem Gedanken des freien Willens, der die Grundlage dafür bildet, dass wir am Ende unserer Frist für unsere guten Absichten und Handlungen belohnt werden. In 2:30 können wir lesen: Und dein Erhalter sagte zu den Engeln: Seht, ich bin dabei auf Erden einen Khalifa einzusetzen, einen, der sich um sie kümmern wird, sie pflegt und ihre Belange regelt. Da sagten die Engel: Willst du einen solchen einsetzen, der Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird, während wir es sind, die dich Tag und Nacht preisen? – Während die Engel als einzige Option den Gehorsam haben, und Gott Tag und Nacht preisen, haben wir Menschen die Freiheit Sinnvolles, oder weniger Sinnvolles zu tun.

Und was ist mit der Gerechtigkeit? Prägnant verbildlicht uns im Quran das Symbol der Waage die Gerechtigkeit als ein Wesensmerkmal Allahs und zugleich als anzustrebende Maxime unseres Charakters. Auch hier geht es nicht um Worte, sondern um das Handeln, nämlich nicht mit zweierlei Maß zu messen. In 83, Verse 1-5 sagt uns Allah: Wehe jenen, die gekürztes Maß geben. Jene, die, wenn sie von anderen Leuten ihren gebührenden Anteil erhalten, verlangen, dass er voll gegeben werde – aber wenn sie auszumessen oder auszuwiegen haben, was immer sie anderen schulden, weniger geben, als gebührend ist.
Auch Rechte kann man auf die Waagschale legen. Nach dem eben genannten Vers müssen sie ausgeglichen sein, damit es in der Welt rechtens zugeht. Alle Menschen haben dieselben unveräußerlichen Rechte. Für Kinder und Jugendliche, sowie für manche Erwachsene, wird die Freiheit eingeschränkt zu Gunsten des Schutzes. Dann wird vorsichtig formuliert, wo der Schutz wichtiger ist als die Möglichkeit der freien Entscheidung. Doch stets bilden Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt den Ausgangspunkt jeglichen angemessenen menschlichen Miteinanders.
Über die Freiheit als zentrales Element der Würde erzählen die beiden Märchen.

Die Frau mit dem Federkleid
Eigentlich heißt die Geschichte Hassan Al Basri, doch passender finde ich diesen Titel, der anerkennt, dass die Frau gleichermaßen Protagonistin ist, wie der Mann.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – wo diese mysteriöse Insel Wakwak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ ( Ich habe zitiert aus Mernissis Buch Harem, S. 11-12)
In der Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende. Doch nun geht die Frau freiwillig mit ihm. Aber vielleicht bleiben sie ja lieber auf Wakwak, weil es dort viel schöner ist. Vielleicht sucht Hassan vergeblich und findet seine Frau nie wieder. Jedenfalls weiß die Frau mit dem Federkleid, dass es Unrecht ist, sie zu etwas zu zwingen.
Ihre Freiheit brauchte Mut. Als die Frau mit dem Federkleid ihre Kinder an sich drückte und losflog, war es weder gewiss, dass sie gesund ankommen würden, noch gab es eine Garantie, dass das Leben auf Wakwak glücklicher verlaufen würde als bisher. Doch besteht sie auf der Freiheit zur Selbstbestimmung.
Nur durch die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie sie es möchte, ist auch ihre Würde gewahrt. Ihre eigene Freiheit und Würde ist untrennbar verbunden mit der ihres Mannes, denn erst durch ihre Flucht wird er vom Gefängniswärter zum Geliebten. Durch ihr Insistieren, ein freier und würdevoller Mensch zu sein, wird auch er zu einem solchen.

Genau dasselbe passiert beim Märchen mit dem Froschkönig. Ich werde es ein bisschen abkürzen. Als eines Tages eine Königstochter mit ihrem goldenen Ball am Brunnen spielte, fiel der Ball in den Brunnen hinein. Sie war traurig und jammerte herum, da brachte ihr ein Frosch den goldenen Ball aus den Tiefen des Brunnens herauf. Dafür musste sie ihm versprechen, dass er am Abend zu ihr durfte. Am Abend kommt der Frosch tatsächlich zum Essen ins Schloss. Immer mehr will der Frosch von der Königstochter. Sie lässt ihn neben sich am Tisch sitzen, lässt ihn von ihrem Teller essen, von ihrem Becher trinken, doch empfindet ihn dabei als aufdringlich und übergriffig. Nach dem Abendessen folgt er ihr bis ins Schlafgemach. Als er schließlich gar zu ihr ins Bett krabbeln möchte, reicht es ihr, denn hier steht ein Gefühl der inneren Würde endgültig auf dem Spiel. Als er erneut insistiert, hebt sie ihn kurzer Hand vom Boden auf und wirft ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Durch diesen Akt der Selbstbehauptung rettet sie nicht vor allem ihre Keuschheit, sondern ihre Würde. Sie nimmt in ihr Bett, wen sie will, nicht jeden dahergelaufenen Frosch, egal, was sie ihm zuvor versprochen haben mag. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen… In dem Moment, wo sie ihn an die Wand wirft, um ihre eigene Würde zu wahren, indem sie sich nicht zwingen lässt, etwas zu tun, was sie nicht tun möchte, wird aus dem Frosch ein König. Er wird nicht nur Mensch, sondern darüber hinaus ein Mensch ganz besonderer Art, an Reichtum und Schönheit nicht zu überbieten, ein König unter den Menschen. Als die Königstochter nicht von Mitleid geleitet, oder an vorangegangene Versprechungen gebunden war, sondern die Verletzung ihrer ureigensten Würde fürchtete, und diese intuitiv über alles andere stellte, wandte sich ihr Schicksal zum allerbesten.

Im politisch-mondänen Bereich ist es nicht anders. Ich übertrage unsere Geschichten von Fröschen und Federkleidern kurz auf die Politik, und führe uns ins heutige Syrien, dann ins Amerika des frühen 19. Jahrhunderts und schließlich zurück ins zeitgenössische Deutschland.
Immer wieder frage ich Syrer, warum sie die Revolution gemacht haben und bekomme als Antwort: „Wir wollen Freiheit und Würde“. Beide sind im Privaten wie im Öffentlichen zentrale Werte. Dafür haben inzwischen viele ihr Leben gelassen, doch bleibt das Ziel erhalten.
Im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts gab es neben grausamen Sklavenhaltern tatsächlich auch solche, die ihre Sklaven relativ gut versorgten und mit ihnen ein fast brüderliches Verhältnis pflegten. Doch bei der Abschaffung der Sklaverei um 1865 beanspruchten alle Sklaven ihre Freiheit. Zur Überraschung der Master, die gut zu ihren Sklaven gewesen waren, zogen auch diese die Freiheit der Sicherheit und Versorgung vor. In der Freiheit gab es Würdeverletzungen bis hin zu Lynchmorden. Doch eine Rückkehr in die Sklaverei war für niemanden eine Option.
In der deutschen Gegenwart beruht unsere Freiheit, die wir als eng verbunden sehen mit unseren finanziellen Möglichkeiten, auf der Armut anderer. Ob wir Kakao kaufen oder Kaffee, Fleisch oder Kleidung – überall werden die Güter unter Missachtung der Würde ihrer Hersteller gefertigt, sei es Mensch, Tier oder Erde. Wir sprechen von Fair Trade und definieren damit das, was der Normalzustand sein sollte, als gute Tat. Eine wahrhaft perfide Verdrehung der Verantwortlichkeiten. Das Andere, der reale Status Quo, sollte Unfair Trade heißen.
Stellen wir uns einmal den folgenden Dialog in einem Cafe vor:
„Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“
„Möchten Sie einen fair gehandelten Kaffee, oder einen unfair gehandelten?“
„Einen unfair gehandelten bitte!“
Dies ist die von uns verdrängte Realität, und so ist eine Khutba über Freiheit und Würde in unserem vermeintlich freiheitlichen Land eben doch nicht obsolet.

Doch ich möchte uns noch einmal zurückführen zur Geschichte der Frau mit dem Federkleid und mit diesem Bild enden. Auch in unserem privaten Bereich kommt es immer wieder zu Würdeverletzungen. Ich möchte behaupten, fast immer dort, wo unsere Würde nicht gewahrt wird, wurde irgendwann zuvor die Würde dieser anderen Person nicht gewahrt oder gar massiv verletzt. Manche Würdeverletzungen entstehen zwar aus Arroganz des Verletzers, doch meist kommt das alles nicht aus dem Nichts, sondern ist Glied einer Kette von Verletzungen. Jemand wird verletzt, und gibt diese Verletzung weiter. Das bedeutet nicht, dass wir nun freimütig oder aus Mitleid anderen gestatten dürfen, unsere Würde zu verletzen, um diese Kette zu brechen. So endet sie ja nicht. Aber es bedeutet, nicht selbst der Ausgangspunkt dieser Kette zu sein. Und es bedeutet, einen sorgsamen Umgang mit uns selbst und mit anderen zu pflegen. Selbst kleine Gesten können verletzen. Den anderen, die andere, so zu akzeptieren, wie sie sind, gehört zur Wahrung ihrer Würde.

Kurz noch einmal zurück zu unserer Partnerschaft, die ja Thema der beiden Märchen ist. Ist unser Partner, unsere Partnerin tatsächlich in unserer Beziehung ein freier Mensch? Wayne Dyer, ein amerikanischer Motivationssprecher und Taoist rät uns zum ultimativen Partnerfreiheitstest. Wenn wir Folgendes sagen können, ist die Freiheit gewahrt.
Ich lasse dich frei, du selbst zu sein, deine eigenen Gedanken zu denken und deinem eigenen Geschmack nachzugehen, deinen Eingebungen zu folgen und dich so zu verhalten, wie du es für richtig hältst. Du bist frei, die Person zu sein, die du sein möchtest.
Auch umgekehrt gilt es:
Ich nehme mir die Freiheit, ich selbst zu sein, meine eigenen Gedanken zu denken und meinem eigenen Geschmack nachzugehen und meinen Eingebungen zu folgen sowie mich so zu verhalten, wie ich es für richtig halte. Ich nehme mir die Freiheit, die Person zu sein, die ich sein möchte.

Wir kommen nun zusammen zum Gebet. Wir bitten um Vergebung für die Momente, in denen wir die Würde anderer verletzt haben und um Heilung, wo unsere eigene Würde verletzt wurde, damit wir unseren Mitmenschen begegnen können wie die Frau mit dem Federkleid ihrem Ehemann oder die Königstochter dem Frosch – mit einem sicheren Gefühl dafür, wann es sich lohnt, auf unserem eigenen Recht zu bestehen und wann wir uns zurücknehmen sollten, um dem Anderen den Vortritt zu lassen, damit auch dessen Würde gewahrt wird.