Barmherzigkeit

Abraham

Abraham

Khalil – Freund Allahs und von ihm behütet

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Heute geht es um Abraham, doch nicht ganz auf direktem Weg; denn schon immer möchte ich über unsere kleine Gebetsteppiche sprechen, die wir jeden Freitag, und natürlich auch sonst, zum Beten auslegen. Über diesen Teppich möchte ich sprechen, da er von besonderer Schönheit ist. In taghellem Beige als Untergrund wird er umrandet von zartem Grün, der Farbe der Hoffnung, in die unsere Tage eingerahmt sind. In diese Hoffnung hineingesetzt sind eine Art goldener Punkte – es sind die teuren Momente des Glücks, verbunden mit goldenen Fäden, denn sie ziehen sich durch unser ganzes Leben, immer wiederkehrend, überraschend, ohne Muster, und doch verlässlich. Ohne diese goldenen Punkte wäre der Teppich auch schön – ruhig, gelassen, und seinen Zweck als Gebetsteppich in angemessener Qualität durchaus erfüllend, doch wäre er zugleich von deutlich geringerer Helligkeit und Freude. Jeder dieser goldenen Punkte symbolisiert für mich ein Lachen des Herzens. Wir wünschten uns mehr von diesen Glücksmomenten, doch dann wäre der gesamte Teppich golden. Das Grün würde verschwinden und das taghelle Beige; und der Untergrund auf dem wir stehen verlöre sein Motiv in Gänze.

Was ist sein Motiv?

In der Mitte des Teppichs befindet sich ein Tor, gleich dem Tor einer Moschee. Tore laden dazu ein, sie zu durchschreiten, um Räume zu betreten. Meist befinden sich darin Menschen, mit denen wir Kontakt aufnehmen. Doch ungleich den anderen Toren, die wir kennengelernt haben, liegt hinter diesem Tor nichts anderes als das Licht. Ein einladendes Licht, oder eine Art freundlichen Nebels, der uns einlädt einzutauchen und Dinge zu erkennen, die dahinter verborgen liegen.

Viele Male bin ich während des Gebets oder einer stillen Meditation durch dieses Tor hindurchgetreten und habe reiche Welten vorgefunden. Einmal war ich dort und fand einen imaginären Dschungel. In diesem Dschungel schwebte ich als Adler, um mich schließlich auf einem kargen Felsen in meinem Horst niederzulassen und zu betrachten, was um mich herum geschah. Ich verwandelte mich in eine Schildkröte, um nun auf dem feuchten, kalten Boden unter schattenspendenden Blättern langsam nichts anderes zu tun als zu sein. Mein Inneres öffnete sich für die Liebe zur eigenen Existenz und füllte mich mit Sehnsucht nach Geborgenheit und Ruhe. Das Paradies ist ein Dschungel. Es wird keine Jungfrauen dort geben und keine seidenen Kissen, sondern einen dunklen feuchten Erdboden unter schattenspendenden Blättern, und ich werde eine Schildkröte sein.

Ein anderes Mal ging ich durch das Tor hindurch und fand mich wieder in den Gemächern der Frauen des Propheten Mohammeds. Es war finstere Nacht, der Innenhof nur ein wenig erleuchtet durch funkelnde Sterne, doch es waren kaum Schatten zu sehen. Ich sah mich im Zimmer von Aisha und fand sie eifersüchtig so tun als ob sie schliefe, um zu beobachten, wohin ihr Ehemann gehen würde, der mitten in der Nacht aufgestanden war, um sich an einen geheimen Ort zu begeben. Ich sah ihn im Dunkel der Nacht verschwinden und wurde gewahr, wie sich Aisha einen Umhang überwarf, um ihm zu folgen. Sie sah ihn zu einem Friedhof gehen und beten. Wie sehr muss sie ihn geliebt haben in diesem Moment und sich selbst geschämt. Als er sich umwandte um nach Hause zurückzukehren, wandte auch sie sich um und lief schnell immer ein paar Meter vor ihm her, hoffend, dass er sie nicht erkennen möge. Sein Schritt wurde schneller, und so musste auch ihrer schneller werden, bis sie rannte, so dass sie schließlich nur einen kurzen Moment vor ihrem Mann zu Hause ankam. Sie warf den Umhang ab und legte sich so hin, wie Mohammed sie verlassen hatte. Vergeblich tat sie nun erneut als ob sie schliefe. Als Mohamed das Zimmer betrat fragte er die herftig atmende, erschöpfte Aisha, ob sie wisse, wer denn wohl die Gestalt gewesen sein mochte, die den ganzen Weg vor ihm her gelaufen war und immer wenn er schneller lief, auch schneller gelaufen sei. Gut dass es dunkel war. So konnte er nicht sehen, wie tief sie errötete. Mohamed hat seine Frau für ihr Verhalten nicht zur Rede gestellt, denn er war ein liebevoller und verständnisvoller Mensch, und sicher wusste er, wie sehr wir solcherlei Vertrauensbeweise in der Partnerschaft immer wieder brauchen. Als ich mir diese Geschichte in der Welt des Gebetsteppichs vorstellte, war ich Aisha, die Eifersüchtige, und ich liebte sie, und liebte den Propheten Mohamed, weil wir Menschen Geschichten lieben, in denen wir uns wiederfinden.

Heute gehe ich durch dieses Licht des Teppichs und lade euch ein, mit mir zu kommen and diese Schnittstelle zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Realität und Fantasie. Wir gehen hinein und finden dort eine Frau mit einem kleinen Kind. Sie ist Sklavin, das Kind der gemeinsame Sohn ihrer und ihres Herrn, gezeugt auf Geheiß der freien Frau des Mannes. Gerade setzt sie sich auf ein sich niederkniendes Kamel. Nun reicht ihr ihr Mann das Kind, einen kleinen Jungen namens Ismael. Dann steigt er selbst dazu. Während der Vater weiß, wohin die Reise gehen soll, haben Mutter und Kind nichts als ihr Vertrauen. Wie fühlte es sich an, nicht zu wissen, wohin man getragen wird? Was las die Frau im Gesicht ihres Herrn, in seinen Gesten? Als Proviant für die Reise, die nicht lang dauern und zugleich die Ewigkeit der Menschheitsgeschichte überdauern würde, hat der Vater einen Wasserschlauch und ein paar Datteln eingepackt. So reitet nun die Famile in die Wüste.

Dort angekommen steigen sie ab, und Abraham bleibt noch einen Moment stehen, wirft dann einen Blick auf Hagar und den kleinen, geliebten Sohn, um sich nun umzuwenden und sie zu verlassen.

Welch abscheulicher Moment des Schicksals. „Wohin gehst du, Abraham?“, fragt Hagar, sich gewahr werdend, was hier mit ihr und ihrem Kind geschieht. Du bist doch nicht gekommen, uns hier allein zu lassen?

Die Geschichte erzählt nichts davon, wie sich ihr Magen zusammenzog und ihr Herz verkrampfte als sie ihren Herrn gehen sah. Wie sie dachte „Großer Gott“ und verzweifelt, in unbeschreiblicher Angst, allein die nächtliche Kälte der Wüste erwartete, und den grausamen Tod durch einen Schakal oder durch Durst. Wer würde zuerst sterben? Sie oder das Kind? Über all das ist uns nichts bekannt, denn wir lesen die Geschichte so, wie wir Geschichtsbücher lesen. In manchen Geschichtsbüchern werden auf hundert Seiten ganze Zivilisationen abgehandelt, die auf- und untergegangen sind. Ich mag Geschichtsbücher nicht. Ich mag Teppiche. In Geschichtsbüchern liest man über Grausamkeiten, als währen sie Kollateralschäden. Wird jemand zur Verantwortung gezogen, so bleibt der Text sachlich und macht damit alles zur Sache, auch die Menschen, um die es darin geht. Ich mag keine Geschichtsbücher – sie handeln von Kriegen und ihren Kriegstreibern, von Patriarchen und Führern und vergessen die Menschen, die dahinter stehen. Teppiche sind mir lieber. Die uns einladen, Verantwortung zu übernehmen, indem wir genau hinschauen. Es ist kein Zufall, dass die Literaturdidaktik der deutschen Nachkriegszeit die Vorstellungskraft als wichtiges Lernziel definiert. Die Vorstellungskraft macht nicht nur das Leseerlebnis reicher, sondern Literaturdidaktik ist immer auch Lebensdidaktik; und ohne Vorstellungskraft und die Fähigkeit, Gelesenes oder Erlebtes mit uns selbst zu verbinden, treffen wir ganz andere Entscheidungen im privaten wie im politischen Bereich. Doch zurück zum Text. Wir sind durchaus fähig, uns vorzustellen, was Hagar in diesem Moment gefühlt hat. Aber was Abraham fühlte, was ihn dazu trieb, sich der Prüfung Gottes zu stellen und das ihm scheinbar Gebotene zu erfüllen, das fällt mir im Moment noch schwer zu verstehen. Diese Geschichte zu würdigen gelingt mir derzeit nur durch einen Perspektivwechsel – indem ich nämlich nicht mit Abraham zurückkehre, sondern bei Hagar in der Wüste bleibe.

Menschen möchten nicht sterben. Und sie übernehmen Verantwortung für ihre Kinder. Daher begann Hagar nach Wasser zu suchen. Zwischen den Bergen Safa und Marwa lief sie sieben mal hin und her, um dort Wasser zu finden. Sie kletterte auf Steine, um Ausschau nach einer Karawane zu halten. Als sie sich umblickte, sah sie eine Gestalt bei Ismael stehen. Es war der Engel Gabriel. Er stampfte mit seiner Verse neben dem Kind auf die Erde, und Wasser begann zu fließen. Nach anderen Überlieferungen war es das Kind selbst, das mit seiner Verse auf die Erde stampfte. Jedenfalls entsprang das Wasser, mit dem nun Hagar ihre Schläuche füllte, durch ein Wunder.

Bald danach zog eine Karawane des Stammes von Jurham nicht weit von Hagar und Ismaels Ort vorbei. Die Karawanenführer sahen Vögel über einer Stelle kreisen, wo sonst keine Vögel zu sehen waren und schlossen daraus, dass es dort Wasser geben würde, obwohl das bisher nicht der Fall gewesen war, weshalb ihre Route eben normalerweise nicht dort entlang geführt hatte. Sie folgten den Vögeln, um die neue Wasserstelle aufzusuchen. So fanden sie Hagar und Ismael und nahmen sie auf.

Abraham indessen war zu Hause bei seiner Frau Sarah und ihrem gemeinsamen Sohn Isaak, in dem Zelt, zu dem die Engel gekommen waren, um dem Kinderlosen im hohen Alter Nachkommen zu prophezeihen.

Abraham ist der Prophet, dessen Name nach Mohamed am häufigsten im Koran erwähnt wird. 69 Mal wird sein Name genannt und jedes einzelne Mal mit Lob bedacht.

Geboren wurde Abraham in Ur, einer Stadt in Chaldäa, ungefähr 200 Meilen von Baghdad entfernt, eine der so genannten ersten menschlichen Hochkulturen in Mesopotamien, also dem heutigen Irak. Man möchte meinen, Abraham wäre bei seiner Geburt mindestens 60 Jahre alt gewesen. Doch auch dieser Mensch war einmal ein Säugling, von einer Mutter gestillt, und sicher auch von einem Vater gemaßregelt, von verwandten Frauen und Männern in den Tugenden unterwiesen, die für seine Zeit galten. In Sure 3, Vers 67 lesen wir: Abraham war weder ein Jude, noch ein Christ, sondern er war einer, der sich von allem abwandte, was falsch ist, da er sich Gott ergeben hatte“. „Sich Gott ergeben“ heißt auf Arabisch „muslim“ sein, doch war er nicht Muslim im Sinne der Religionsbezeichnung sondern im Sinne eines Zustandes – ein Mensch eben, der sich Gott ergeben, oder hingegeben, hatte. Aus dieser Stadt Ur in Chaldäa kam übrigens auch Lot, der Sohn von Abrahams Bruder.

In Ur, in der viele Götter angebetet wurden, hatte Abraham seine erste religiöse Erkenntnis. Dabei ging es um die Praxis der Götzenanbetung. Er muss damals ein junger Mann gewesen sein. Vielleicht liebevoll kümmernd, vielleicht pubertierend aufmüpfig, sprach er zu seinem Vater (6:74-75): „Nimmst du Götzenbilder als Götter? Wahrlich ich sehe, dass du und dein Volk offensichtlich irregegangen sind! Und so gaben wir Abraham seine erste Einsicht in Gottes mächtige Herrschaft über die Himmel und die Erde.“

Abrahams Vater Azar, auch bekannt unter dem Namen Terah, betete in der Tat Götzen an, wie es eben damals üblich war. Er antwortete seinem Sohn, wenn dieser nicht seinerseits von der Kritik am Götzenglaube ablasse und dem Vater gehorche, müsse er ihn steinigen, denn dies war die Strafe für abtrünnige Söhne. Doch statt nachzugeben ging Abraham nun auch noch zu seinen Freunden und bat sie ebenfalls, ihren Glauben zu verändern. Diese wollten jedoch an der Anbetung der Götzen festhalten. Schließlich sei es die Religion der Väter.

Als es nun eines Tages ein Fest gab, an dem alle Menschen in Abrahams Umgebung teilnahmen, entschloss sich Abraham, stattdessen zu den Götzenfiguren seiner Freunde zu gehen und zerstörte sie alle – alle, bis auf den obersten Götzen, den er vollständig stehen ließ.

Als die Freunde zurückkehrten wussten sie sofort, dass Abraham für diese Tat verantwortlich sein musste. Sie stellten ihn zur Rede, doch er verneinte seine Schuld – es müsse der Chefgötze selbst gewesen sein, der dies vollzogen hätte, schlug er vor. Die Freunde sagten: „Wie könnte dieses Gebilde aus Stein, das wir selbst gebaut haben, so etwas vollziehen? Du siehst doch, Abraham, dass sie nur aus Stein sind und nichts erreichen können. Worauf Abraham antwortete: „Wenn euer Gott dies nicht kann, dann kann er euch sicherlich auch nicht helfen, wenn ihr in Not seid und ihn braucht!“ Von Anfang an hatte Abraham also Vertrauen in einen Gott, der den Menschen in der Not beiseite stehen würde. Vielleicht sah er in diesem Licht auch Hagar, als er sie in der Wüste zurück ließ. Denn beim Verlassen sagt er zu ihr: „Ich lasse dich in der Hand Allahs“.

Doch wer war dieser Allah, dieser höchste Gott?, fragte sich Abraham. Eines Nachts ging er daher hinaus und erblickte einen Stern. Er rief aus: „Dies ist mein Erhalter!“ – aber als er unterging, sagte er: „Ich liebe nicht die Dinge, die untergehen“.

Dann, als er den Mond aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter!“ Aber als er unterging sagte er: „Fürwahr, wenn mein Erhalter mich nicht rechtleitet, werde ich ganz gewiss einer von den Leuten werden, die irregehen“.

Dann, als er die Sonne aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter! Dies ist das Größte von allen!“Aber als auch sie unterging, rief er aus: „Oh mein Volk! Siehe, fern sei es von mir, etwas anderem neben Gott, wie ihr es tut, Göttlichkeit zuzuschreiben!“

Es folgte eine unschöne Zeit für Abraham in der Mitte einer Gesellschaft, die sich nicht von ihm überzeugen ließ, sondern sein Leben bedrohte, so dass er letztlich beschloss, seinen Vater und die Stadt Ur zu verlassen. Er bat Gott um Vergebung und Segen für seinen Vater und zog fort, „denn siehe, Abraham war höchst nachsichtig, höchst weichherzig, wieder und wieder willens, sich Gott zuzuwenden“ (11:75).

Abraham lebte längst mit seiner Frau Sahra zusammen und seiner Sklavin Hagar, als eines Tages drei fremde Männer zu seinem Zelt kamen. Das Gebot der Gastfreundschaft verlangte es vom Gastgeber, eine Mahlzeit zu bringen; von den Gästen verlangte es, diese Speisen anzunehmen. Doch die Gäste rührten das ihnen vorgesetzte Mahl nicht an. Es mussten Boten des Himmels sein, die zu Abraham und Sahra gekommen waren. Dennoch nahm Sahra ihre Botschaft nicht ganz ernst, die hieß, dass sie in ihrem fortgeschrittenen Alter einen Nachkommen Abrahams zeugen solle. Sowohl im Buch Genesis, dem ersten Buch Mose, als auch im Koran, ist überliefert, dass sie lachte. Dann verabschiedeten sich die Boten. Auf dem Weg hinaus schauten sie von einem Berg hinab in die Stadt Sodom, in der auch Lot mit seiner Familie lebte.

29:31 Und so, als Unsere himmlichen Boten zu Abraham mit der frohen Kunde von der Geburt von Isaak kamen, sagten sie auch: „Siehe, wir sind im Begriff, das Vok jenes Landes zu vernichten, denn seine Leute sind wahrhaft Übeltäter“. Und als Abraham ausrief: „Aber Lot lebt dort!“ – antworteten sie: „Wir wissen sehr wohl, wer dort ist. Ganz gewiss werden wir ihn und seinen Haushalt retten – alle bis auf seine Frau: Sie wird fürwahr unter jenen sein, die zurückbleiben“. Im Buch Genesis, dem ersten Buch Moses, lesen wir, was wir im Koran nicht finden, nämlich, dass Abraham bei den Engeln interveniert. „Aber“, sagt er, „wenn nur 50 Menschen in Sodom rechtschaffen sind, wird Gott dann Sodom verschonen?“ Gott – oder die Engel – das wird im Zusammenhang nicht ganz deutlich – sagt „Ja, für 50 gute Menschen wird Sodom verschont“. Durch diese Antwort ermutigt, fragt Abraham nun weiter, wie es denn mit 40 Menschen wäre. Auch für 40 gute Menschen soll die Stadt verschont werden. Abraham fragt bis zur Zahl Zehn. Da endet das Gespräch. Was wäre wohl die Antwort gewesen, wenn Abraham weiter gefragt hätte? Wenn es nur neun, acht, sieben,…einen einzigen guten Menschen in der Stadt geben würde?

Nachdem die Engel das Zelt Abraham und Sahras verlassen hatten, überlegte Sahra, wie es denn sein könne, dass sie einen Nachfolger haben würde. Wir lernen aus der jüdisch-christlichen Tradition, dass sie es war, die daher Abraham vorschlug, ein Kind mit der Sklavin Hagar zu zeugen. Dies war damals nicht unüblich, aber wir Frauen von heute wissen, dass das keine gute Idee für den Hausfrieden war.

Die Geschichte beweist es. Ismael, der Sohn Hagars wird geboren und erfreut sich der Liebe seines Vaters. Doch bald wird auch Sahra schwanger und bekommt Isaak. Die jüdisch-christliche Tradition sagt, dass Sahra aus Eifersucht zu Abraham sagt, er solle Hagar und Ismael in die Wüste schicken. Die Muslimische Tradition spricht von einer Prüfung, vor die Abraham gestellt wird. Eine Prüfung vielleicht, ob er Gott gehorcht, auch wenn es seinen Vorstellungen von Liebe und Gerechtigkeit widerspricht. Abraham möchte Hagar und Ismael nicht verstoßen, und dennoch willigt er schließlich ein. Er bringt sie in die Wüste, wohl wissend, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Abraham, der Liebevolle. Abraham der Gütige, der muslim ist und taqua hat – mehr als jeder andere seiner Zeit. Religionspädagogen aus meiner Kindheit deklarierten Abrahams Ergebenheit als Tugend. Abraham war muslim und hatte Iman (Glauben) und Taqua (Gottesbewusstsein) – dass dies fast zu einem Mord geführt hätte, war ihnen einerlei.

Doch nun wird es interessant, denn an dieser Stelle interveniert Gott, offensichtlich um genau das zu verhindern. Denn Abraham war ihm wohl in der Tat lieb und teuer. Offensichtlich wollte er nicht, dass dieser geliebte Abraham eine Schuld auf sich lud, deren Vergebung nicht leicht sein würde. So rettete Gott Hagar und Ismael und rettete zugleich Abraham.

Noch ein weiteres Mal war Abraham so gottesfürchtig, dass er einem Traum nachgab, der vermeintlich von Gott selbst zu ihm gekommen war; dem Traum nämlich, seinen eigenen Sohn zu opfern, ihn wie ein Tier in den Wald zu bringen, zu fesseln und auf einen Stein zu legen, um nun mit einem frisch geschärften Messer seine Kehle zu durchtrennen. Doch auch hier wird Abraham von Gott davor bewahrt, einen Mord zu begehen.

Ja, er war in der Tat ein Mann, den Gott liebte, denn Abraham war in seinem Herzen mildtätig und liebevoll. Und vielleicht bewahrte in Gott deshalb davor, große Sünden zu begehen.

Setzen wir uns einen Moment zu ihm, Abraham, und fragen uns, was wir aus seiner Geschichte lernen sollen. Trinken wir eine Tasse Tee mit unserem uralten Propheten und sagen: Abraham, wir können die Deutungen der alten Patriarchen nicht länger akzeptieren. Deine Bereitschaft, andere Menschen zu töten, um damit Gott zu gehorchen, sehen wir kritisch und wenden uns davon ab. Wir sehen Organisationen wie den IS, die Morde an Menschen durch den Koran rechtfertigen und vielleicht sogar deine Geschichte als Grundlage verwenden. Sie sagen, wir haben göttliche Eingebungen und hören darauf, wenn sie ihre Schwerter schwingen, um Unschuldige zu töten. Wir sehen White Supremacists, die meinen, Christen zu sein, und Eingebungen haben, Muslime zu töten, um Gott zu dienen. Wir sehen Politiker, die Kriege führen, weil sie göttliche Eingebungen zu haben glauben. Wir sehen Muslime, Christen und Juden, die andere töten, weil sie meinen, Gott stünde auf ihrer Seite und gäbe ihnen das Recht dazu. Dies alles auf der Grundlage von Geschichten wie der von Abraham! Wie deuten wir diese Geschichte?

Vielleicht antwortet Abraham: Aus meiner Geschichte lernt ihr, dass auch Propheten Menschen sind. Ihr lernt auch, dass es immer ein Fehler ist, andere zu töten oder auch nur zu verletzen. Gott beweist es in meiner Geschichte, denn als ich Leid zufügen wollte, hat mich Gott daran gehindert. Gott wird nicht jeden daran hindern, anderen leid zuzufügen, aber a meinem Beispiel erkennt man die Unrichtigkeit solcher gefühlten Offenbarungen.

Dann würde Abraham vielleicht noch sagen, aus meiner Geschichte lernt ihr, dass man Lesarten historisch anpassen muss, um religiösen Texten weiterhin Sinn zu entnehmen.

Abraham sagt vielleich: „Ich bin Khalil, der Freund Gottes, und deshalb war ich überglücklich, dass Hagar und Ismael überlebt haben. Es wird von mir gesagt, dass ich sie nach ihrem Überleben in der Wüste noch lange immer wieder besuchte.“

Diejenigen Männer und Frauen, die Unterschiede zwischen Rängen vornehmen oder Hierarchien erfinden, lernen, dass alle Frauen gleichwertig sind, egal ob arm oder reich.

Diejenigen unter den Lesern, die koranische Texte als Mythen lesen, finden in der Verstoßung und der Opferung der eigenen Söhne vielleicht psychologische Deutungsvarianten. Im Dickicht unseres Unterbewusstseins opfern wir vielleicht auf dem Stein, gefesselt und gebunden, unseren Hang zum Diesseits. In die Wüste schicken wir vielleicht nicht die Menschen selbst, sondern unsere Vergötterung der Menschen um uns herum, die wir wertschätzen und lieben, aber nicht anbeten sollen. Es gibt viele Deutungsmöglichkeiten. Je mehr wir unsere Vorstellungskraft aktivieren, desto mehr spricht der Text zu uns selbst und ermöglicht uns fruchtbare individuelle Auseinandersetzungen.

Diejenigen Menschen auf der Welt, die Abrahams oder ähnliche Geschichten als Blaupause für das Quälen ihrer Mitmenschen verwenden wollen, sind jedenfalls im Unrecht. Leid zuzufügen ist niemals unser Recht.

Duaa:

Allah, wir danken dir für die Geschichten, die zu uns herabgesandt wurden; Geschichten, in denen du dich uns offenbarst, und wir uns wiederfinden, damit wir wissen was es heißt, Mensch zu sein und andere wie uns selbst zu verstehen, oder zu würdigen. Wir beten dir zum Dank und bitten dich um Kraft, zu erdulden, zu hoffen, zu lieben und zu lachen.

Und Gott weiß es am besten.

Tim Marshall

Ethik und Moral

Ethik und Moral

Tim Marshall
Tim Marshall

In unserer Gesellschaft sprechen wir oft von Ethik und Moral. Aber oft haben wir nur eine ziemlich schwammige Erklärung für beide Begriffe.

Vom griechischen Wort ethos: Gewohnheit, Sitte Brauch, stammt der Ausdruck Ethik. Aristoteles meinte damit eine eigenständige philosophische Disziplin und stellte die Ethik neben Logik, Physik und Metaphysik. Moral kommt aus dem Lateinischen mores und bedeutet so viel wie Sitten, Gewohnheiten, Charakter als Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.

Was bedeuten beide genau? Ethik und Moral sind zwei Begriffe, die oftmals gleichbedeutend verwendet werden, jedoch begrifflich voneinander unterschieden werden müssen. Moral ist ein soziales Phänomen, das auf der gemeinsamen Anerkennung von Normen und Werten gründet, die als verbindlich gesetzt werden. Genauer gesagt: Moral bezeichnet den in einer bestimmten Gruppierung, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorfindbaren Komplex an Wertvorstellungen, Normen und Regeln des menschlichen Handelns und gründet auf der gemeinsamen Anerkennung verbindlich gesetzter Normen und Werte. Ethik ist das, was zum allgemeinen Prinzip erklärt werden kann, d.h. Ethik beschäftigt sich mit der Theorie der Moral. Somit ist Ethik die Wissenschaft der Moral.

Es gibt viele Moralvorstellungen wie z.B. religiöse, politische oder gerechte Vorstellungen, die nebeneinander bestehen, die unter dem Dach der Ethik stehen. Man kann das z. B. mit einer Pflanzenvielfalt auf der Erde vergleichen, Sie alle gehören zum Oberbegriff Botanik.

Verallgemeinert ist Moral die praktische Anwendung der Ethik. Eine moralische Handlung ist somit jene Handlung, die von allen Menschen in einer bestimmten Gruppierung oder Gesellschaft als richtig oder annehmbar angesehen wird. Ethik steht somit über die Moral und sollte eigentlich für ganze Völkerschaften gelten. Aber ist es wirklich so?

Das arabische Wort akhlaq wird meistens mit islamischer Ethik übersetzt. Es bezeichnet aber eher die Lehre von den Charaktereigenschaften des Menschen.

Moral ist also ein Normensystem, das versucht, richtiges Handeln zu beschreiben und wird somit auch für alle in einer bestimmten Gesellschaft oder Gruppierung gültig z.B. auch für Religionen. Und das Normensystem kann durch Prinzipien, Werte klar definiert werden. Auch wir als kleine Moschee setzen bestimmte Werte, die uns eben zu dieser Moschee machen.

Das erste Normensystem, das aufgeschrieben wurde, waren die 10 Gebote, die Moses in Stein gehauen erhalten hatte, ein Wertekatalog, das zu einem ethischen Verhalten der Menschen damals (und auch bis heute) führen sollte.

Im Islam ist der Koran die erste Quelle für ethische Normen. Daneben werden die Handlungen des Propheten Muhammad (Friede und Gottes Segen auf ihn) als religiöse Gebote angesehen.

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte ab dem 8. Jahrhundert durch Übersetzungstätigkeiten und weiterführenden Arbeiten der Philosophen und Wissenschaftler in die islamischen Zentren wie dem Haus der Wissenschaft und später meines Erachtens mit verfeinerten Normen in das maurische Andalusien. Hier seien die beiden Philosophen Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) genannt.

Ging es in der antiken und mittelalterlichen Ethik noch darum, begründete Aussagen über das menschliche Handeln zu leisten, die sich von einem gemeinsamen Guten herleiten lassen, steht in der Neuzeit die Frage im Vordergrund, wie Konflikte gerecht geregelt werden können, die aufgrund von einer vorhandenen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Anschauungen, Meinungen oder Werte entstehen und die alle miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren, zumindest sollte es so ein. In wie vielen Ländern gilt immer noch nur eine Meinung: die der Herrschenden, alles andere wird irgendwie unterdrückt.

Da eine Religion den Menschen anspricht und Ethik, natürlich neben Glaube und Gebet, der hauptsächliche Bereich der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache jedes gläubigen Menschen.

Die Ethik des Menschen zu formen, ihr mehr Gewicht zu geben und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten – darauf kommt es in unserer Zeit an. Denn genau darauf bezieht sich der Koran. Aber auch die Hadithe enthalten oder ergänzen diese Aussagen wie z. B. der Ausspruch des Propheten: „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten, also die Moral, auch Tugend) zu vervollkommnen.“

Es kommt nicht nur darauf an, das Vorhandene durch gänzlich Neues zu ersetzen, sondern das Vorhandene zu verbessern, verfeinern und zu optimieren. Es bedeutet, an Vergessenes sich neu zu orientieren, das bestehende Gutes zu bestätigen, sich an geänderte Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine riesengroße Aufgabe zu jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation, bis heute.

Schon in der ersten Sure finden wir es: Der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg: ‚Sirat-i Mustakim‘. Da steht: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast…“ Es ist als ein Grundsatz des Lebens zu verstehen, den richtigen Weg durch richtiges Verhalten und Benehmen zu beschreiten, Er besagt aber auch, dass es dem Menschen selbst mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht ohne Gottes Führung und Gnade nicht gelingt, an sein Endziel zu gelangen.

Im Koran finden wir einige Ideale zu einem guten Verhalten:

Recht und Gerechtigkeit: Die Gemeinschaft, nicht ein Einzelner oder eine Gruppe von Machtinhabern, bestimmt den Normenkatalog des Rechts. Hieraus lässt sich Gerechtigkeit und Gleichheit ableiten.

Das Streben nach Tugend: das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

Das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe: das bedeutet Solidarität und Zusammenhalt.

Die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit: Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen

Vervollkommnung in der Verantwortung: Humanität, also die Würde und Rechte jedes Menschen anerkennen und seine geistige Vervollkommnung voranzutreiben.

Alle diese Prinzipien finden wir auch in Sure 2:213: Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins aber waren nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die gläubig sind, zur Wahrheit, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.

Oder in Sure 3:17: Die Geduldigen und die Wahrhaften und die Andachtsvollen und die Spendenden und diejenigen, die um Vergebung bitten in der Morgendämmerung.

Viele Stellen im Koran sprechen über einen „guten Charakter“, der zur Glückseligkeit und Zufriedenheit führt. Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht mit der jedem Menschen mitgegebenen Natur des Menschen, sein „Ich“. Im Islam bezeichnen wir es als Fitra und bedeutet,dass die Natur des Menschen eine dem Menschen angeborene Eigenschaft bzw. Fähigkeit ist. Für den Menschen gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen.

Die monotheistischen Religionen betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „das, was du von deinem Nachbarn erwartest, erwartet er von dir auch“ ein gemeinsames sinnvolles und vernünftiges Fundament gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale, Vernunft betreffende Basis besitzt. Oder anders gesagt: Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“.

Gott sagt im Koran über den Propheten Muhamad, Friede und Segen Gottes auf ihn,: „Wahrlich, Du bist von gewaltigem Charakter“ (Sure Al-Qalam, Vers 4).

Anas ibn Malik sagte: „Der Gesandte Allahs, hatte den besten Charakter von allen Menschen.“

Es gibt viele weitere Aussagen vom Propheten, die die Bedeutung des guten Charakters hervorheben: Sie zielen darauf hin, dass es nichts gibt, was am Jüngsten Tag schwerer in der Waage wiegt als guter Charakter. Er sagte auch: „Die besten unter euch im Islam sind die besten im Charakter, wenn sie Verständnis von Din besitzen.“ Das Wort „ad-Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und dementsprechend auch das Handeln. Es bezieht sich aber nicht nur auf das persönliche Leben eines Menschen, es erstreckt sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft als Ganzes. So ist diese Bezeichnung nicht nur auf die Lebensart einer bestimmten Gebietes beschränkt, oder auf eine bestimmten geschichtlichen Zeit, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten. Dennoch erhebt der Koran keinen Anspruch darauf, der einzige richtige Weg zu sein. Und viele ihrer Vertreter haben auch nicht das Recht dazu.

Die Kenntnis von der Moral, der Ethik und den Verhaltensweisen aller Propheten sind von großem Nutzen für uns und eine Hilfe darin, uns an ihnen ein Vorbild zu nehmen.

Zum guten Charakter zählen unter anderem Großzügigkeit, Wohltätigkeit, Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Ernsthaftigkeit, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Aufrichtigkeit, Abmachungen einzuhalten, Gottesfürchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Korrektheit, Gerechtigkeit, gut zu seinen Frauen zu sein, keine üble Nachrede zu begehen, seine Zunge und seine Genitalien zu unter Kontrolle zu halten, keine rohe oder obszöne Sprache zu gebrauchen, nicht arrogant zu sein, nicht zu lügen, nicht verschwenderisch zu sein, nicht angeberisch zu sein, das zu lassen, was einen nichts angeht, den Nachbarn zu schützen, sich von Begierden zu enthalten, nicht aufbrausend zu sein.

Das angestrebte Lebensziel des Menschen ist, was sein gutes Verhalten in seinen Taten zum Ausdruck bringt und seinem Geist einen Weg weist, von dem er nicht abweicht, wenn er eine Tat ausübt, um diesem Ziel näher zu kommen. Und da es zum Wesen des Islams gehört, alle Bereiche des Lebens zu erfassen, hat dieser den Horizont des guten Verhaltens für das Leben erweitert und für jede nur erdenkbare Handlung einen positiven Wert verzeichnet, der dessen Ziel und Zweck widerspiegelt.

Im Koran legt Gott Seinen Wunsch nach der Gemeinschaft mit den Menschen schon im Diesseits als Sein Hauptanliegen dar. Aber Gott zwingt auch niemanden, in seine Gemeinschaft einzutreten. Der Mensch kann in Freiheit sich für Gott entscheiden oder dagegen. Er wird deswegen nicht zornig. Gott lädt den Menschen jedoch ein und wirbt für eine Gemeinschaft Mensch mit Gott. Gott geht es nicht darum, den Menschen mitzuteilen, was sie wann zu tun haben, wie sie gut handeln sollen, welche guten Eigenschaften sie entwickeln sollen, sondern darum, warum sie gut handeln sollen, um einen guten Charakter zu entwickeln. Er sagt nicht einfach: Tue das! Er fordert sie auf: Denk nach! Wenn du von jemandem etwas Gutes erwartet, dann musst du ihm etwas Gleichwertiges oder noch Besseres zurückgeben.

Am 14. Juli 1789 begann in Paris eine neue Ära mit der Erstürmung der Bastille. Unter der Parole Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit wurden die Feudalherrschaft und Leibeigenschaft abgeschafft. Das sind ethische Prinzipien. Diese Erklärung allgemeiner Menschenrechte bilden bis heute in einer veränderten Form die Grundlage der Verfassungen der meisten Staaten und auch der Vereinten Nationen. Wenn ich jeden Einzelnen von euch nach diesen drei Schlagwörtern fragen würde, dann würde ich sicherlich einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Moralnormen erhalten. Aber wenn wir uns in der Welt umschauen, wo gelten sie wirklich noch, in China bei den Uiguren, in Jemen oder galten sie bei der Vertreibung der Rohingya? Darüber sollte man nachdenken.

 

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute

 eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner 

Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, 

nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.

Licht und Dunkelheit

Licht und Dunkelheit

Der Friede und die Gnade Gottes seien mit Euch!

In zwei Tagen, am 11.November, findet wieder einmal, wie in jedem Jahr, das Laternenfest statt, und das ist schon immer mein Lieblingsfest. Schon als Kind fand ich es wunderschön und bewegend. Kinder im Kindergartenalter und in den frühen Grundschuljahren laufen mit ihren leuchtenden Laternen durch die Straßen der Stadt, in einem Monat, der von Dunkelheit geprägt ist.

Auch ich war einige Jahre lang so ein Laternenkind. Einmal, ich war ungefähr sechs Jahre alt, zündete ich meine Laterne für den Heimweg von der Nachmittagsbetreuung an, und lief allein mit dem brennenden Lichtchen nach Hause. Natürlich hatte ich sie selbst gebastelt. Mit schwarzem Tonpapier und ausgeschnittenen, mit Pergamentpapier hinterklebten, Sonne, Mond und Sterne. Das Dunkel des Abends gab ein seltsames Gefühl von Freiheit. Sturm und Nieselregen ließen mich angenehm frösteln. Schon immer liebe ich den Sturm und den Regen und erinnere mich an viele solcher Spaziergänge in meiner Kindheit. Als Kind war ich viel allein, und Wind und Regen waren meine liebsten Freunde. Meine ganze kindliche, innere Trauer spiegelte sich im Regen, er spiegelte und spiegelt auch heute noch immer wieder mein inneres Gefühl oder repräsentiert es, so dass ich das Innere und das Äußere als stimmig empfinde. Aus der Stimmigkeit des Inneren und des Äußeren ergibt sich ein Zustand seelischen Wohlseins. Gleichsam verhält es sich mit dem Sturm. Der innere Sturm der Gefühle wird Wirklichkeit im tatsächlichen Sturm das Außen. Auch heute noch fühle ich mich bei Wind und Regen am meisten mit mir selbst in Einklang.

An besagten stürmischen Abend erinnere ich mich jedoch noch aus einem anderen Grund. Es war so windig, dass meine Laterne hin und her schwankte, bis sie schließlich Feuer fing.  Die Laterne fiel auf den Bürgersteig; und mit meinen olivgrünen Turnschuhen trat ich darauf, um das kleine Feuer zu löschen. Aus der Narrativitätstheorie wissen wir, dass uns die Erinnerungen oft täuschen. Wahrscheinlicher ist, dass der Wind das Kerzenlichtchen ausgeblasen hat, und die Laterne nicht wirklich brannte. Doch weiß ich noch genau, wie sie aussah, meine Laterne, und wie ich mich über sie gefreut hatte.

Weil nun also in zwei Tagen das Laternenfest gefeiert wird, möchte ich heute darüber sprechen. Über das Licht – und über die Dunkelheit, denn auch für ein dunkles Gedenken ist heute der Tag.

Durch die Straßen auf und nieder, leuchten die Laternen wieder.

Rote, gelbe, grüne, blaue,

lieber Martin komm und schaue!

Wer ist Martin? Martin von Tours, später der heilige Martin, war es, der durch sein Handeln den Anlass zum Feiern des Laternenfestes gab.

Martin war ein römischer Soldat, der im vierten Jahrhundert in Frankreich diente. Als er eines kalten Wintertags in seinem roten Umhang über einen Marktplatz ritt, sah er einen Bettler auf dem eisigen Boden sitzen. Martin zog die Zügel an, hielt inne und stieg von seinem Pferd. Schnell zog er sein Schwert aus der Scheide und schnitt den warmen Umhang in zwei Teile. Einen Teil behielt er für sich selbst. Den anderen  gab er dem Bettler; doch als ihm dieser danken wollte, war Martin schon wieder auf sein Pferd gestiegen und davon geritten.

Die Geschichte geht noch weiter, doch der Rest ist für uns hier heute unerheblich. Im Angedenken an diesen Martin basteln die Kinder also überall in Deutschland Laternen und ziehen durch die Straßen ihrer Stadt. Sie bringen Kekse und Bretzeln mit sich, die sie mit anderen, fremden Kindern und Erwachsenen teilen.

Eine ganze Nation von Kindern gedenkt eines Menschen, weil er seinen Mantel geteilt hat; gedenkt ihm mit einem kleinen, unter Mühe und Aufwand mit ihren noch unbeholfenen Händchen hergestellten Lichtlein, um zu zeigen, dass dieser Mensch Licht in unsere Welt gebracht hat, indem er etwas Gutes tat.

Ich liebe dieses Fest in seiner einfachen Aussagekraft.Ohne das Austeilen von Geschenken, ist es kaum kommerzialisierbar, und ist nicht mehr als ein Spaziergang durch den dunklen Abend des Herbstes, mit einem kleinen Lied. Das Laternelaufen birgt ein Geheimnis, denn wie bei Sturm und Regen verbindet sich auch hier das Innere mit dem Äußeren. Das Licht unseres Herzens oder unserer Seele wird sichtbar in dieser kleinen Laterne. Die Liebe, die in uns wohnt, einfach so, scheinbar vollkommen ohne Anlass, wird repräsentiert durch dieses kleine Licht. Das Licht ist gleichermaßen die Liebe und die Mitmenschlichkeit; die Laterne eine Realisierung der Metapher. Das Fest vermittelt eine Vision von Welt, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen verständlich ist. Die Welt wird besser, oder erträglicher, wenn wir Gutes tun. Dann scheint, oder leuchtet, unser Inneres nach außen und wir werden irgendwie ganz. Und wieder entsteht durch die Einheit des Innen und des Außen ein Gefühl von Wohlsein. Dazu brauchen wir vielleicht keine Religion. Wir wissen, was „Gutes tun“ heißt. Hierfür sind wir mit Spiegelneuronen ausgestattet. Doch weil sie ausgeschaltet werden können, verschüttet unter erlebten Boshaftigkeiten oder gar Grausamkeiten, hat Gott uns nochmal vorsichtshalber in all seinen Schriften gesagt, was wir tun sollten, damit die Welt eine bessere wird. Hierfür gibt es besonders im Koran klare Anweisungen. Das ist sozusagen eine seiner Stärken. In der Bibel steht, wir sollen unseren Nächsten lieben. Im Koran steht noch einmal ganz genau, was dazu gehört. Dies führte allerdings unter manchen von uns Muslimen zu einer Art Missverständnis, das es zu bedenken gilt, oder zu einer Art Unzulänglichkeit.

Im Koran steht genau aufgelistet, was wir tun sollen, damit die Welt eine bessere wird; nämlich beispielsweise, dass und wie wir die Waisenkinder versorgen sollen und die Eltern, wenn sie alt sind. Dort steht etwas von Morgengabe, um Frauen nach der Scheidung versorgt zu sehen.

Dort steht, dass wir Zakat entrichten müssen, um von dem zurück zu geben, was uns gegeben wurde, dass wir Opfer bringen sollen, Schafe oder Geld, damit andere nicht hungern, und dass wir fasten sollen, um uns zu reinigen, und beten.

Auf diese Weise bringt man die Ressourcen an die richtigen Stellen.  Alle diese Tätigkeiten sind wichtig und ehrenhaft, bringen Licht in die Welt, und dürfen nicht gering geschätzt werden. Sie sind im Koran als Anweisungen formuliert, für diejenigen Menschen, die sich Gläubige nennen und die hoffen, nach dem Tod ins Paradies zu kommen, an einen guten Ort, frei von Unrecht und Leid.

Vielleicht kennen wir solche Menschen, die alles richtig machen; die alles zahlen, mit ihrem Geld, und die großen, wichtigen Gebote erfüllen. Man sieht, wie gut sie sind und kann quantitativ nachweisen, wie sie die Welt verbessern. Und dennoch gibt es hier noch eine Kleinigkeit hinzuzufügen.

Die folgende Geschichte mag uns beim Reflektieren helfen:

Als eines Tages ein rechtschaffener Mann, der nur Gutes getan und alle Gebote stets erfüllt hatte, verstarb und nun vor Gott stand, fragte ihn dieser, auf welcher Bemessungsgrundlage er in den Himmel kommen wolle – auf der Grundlage seiner unendlich vielen guten Taten, oder auf der Grundlage von Gottes Gnade. Der Mann überlegte nicht lange, denn er hatte in der Tat so viel Gutes getan, dass ihm der Weg ins Paradies sicher sein musste. So sagte er, „auf der Grundlage meiner Taten“. Dies war ein Fehler. Er kam, so erzählt uns die Geschichte, nicht ins Paradies.

Das Missverständnis ist dies, dass die ganzen guten Taten ausreichen könnten; doch die Menschheit braucht mehr.  Diese „Mehr“ verbirgt sich in der Martinsgeschichte gewissermaßen in der Geschwindigkeit. Martin hatte nämlich seinen Entschluss so schnell gefasst und seine Handlung so prompt ausgeführt, dass sie praktisch eins waren – Entschlussfassung und Handlung. Wir erinnern uns. Er ritt davon, bevor sich der Bettler bei ihm bedanken konnte.  Der Abstand zwischen Entschlussfassung und -ausführung, ist ein Indikator für die Wucht unserer Empfindungen, dafür, wie stark wir innerlich bewegt sind. Martin hatte es offensichtlich nicht ertragen, den armen Menschen dort sitzen zu sehen und war von Mitleid dermaßen überwältigt worden, dass er intuitiv Gutes tun wollte, oder vielleicht musste, unbedacht aller möglichen Konsequenzen. Das hat mit dem Erfüllen rational durchdachter Anweisungen aus göttlichen Schriften nur bedingt zu tun. Er ging nämlich nicht los, um für den Bettler einen Mantel zu kaufen. Er ging nicht nach Hause, holte drei Goldstücke und gab sie dem Bettler. Er sammelte nicht in einer Spendenaktion für die Armen, und er gab nicht seinen ganzen Umhang, um sich anschließend einen neuen zu besorgen. Um nicht missverstanden zu werden – dies alles wären auch gute Entscheidungen gewesen. Doch Martins Entscheidung war nicht rational, sondern geprägt von einem innigen, spontanen, drängenden Gefühl der Liebe zu einem anderen Menschen. Wir nennen es auch Barmherzigkeit, Rahme. Und auch hierzu sind wir angehalten. Dies ist ein Abbild der Liebe Gottes zu uns. Auf diese Weise wird sie vollständig, die Erfüllung der Anweisungen. Manchmal tritt dieses Gefühl der Mitmenschlichkeit zurück hinter die Regeln und Anleitungen. Dann ist es gut, diese dennoch zu erfüllen. Gleichsam ohne Empfindungen, aber mit dem Wissen, dass man etwas Gutes bewirkt. Doch manchmal fühlen wir uns direkt gerührt. Es ist ein gutes Gefühl, und wir sollten es nähren. Wird es im Alltagsgeschehen verschüttet, verschwindet unter Arbeit, Einkäufen und Erledigungen, dann brauchen wir Ruhe und Zeit, damit es wieder seinen Weg an unsere innere Oberfläche findet, das Gefühl der Liebe für unseren Nächsten.

Das Gegenteil von Licht und Helligkeit ist die Dunkelheit. Das Gegenteil inniger Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gnade sind der Hass und die Verachtung. Heute, am 9. November, denken wir an die  Reichspogromnacht. Bei all dem zerbrochenen Glas, dessen kristallene Splitter durch den trügerischen Sonnenschein der folgenden Tage vielleicht gefunkelt haben mögen, ist es eine Nacht furchtbarer Dunkelheit. All die kleinen Lichter, die die Welt erleuchteten, mussten sich nun versteckten und viele von ihnen erloschen ganz. In vielen Herzen erlosch das vielleicht wertvollste Licht der Hoffnung.

Vor Jahren sah ich einen Dokumentarfilm, zusammengeschnitten aus real gefilmten Begebenheiten der 1940er Jahre im Warschauer Ghetto zeigt zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Sie waren so klein, sie hätten mit ihren Lichtchen singend durch die Straßen laufen sollen. Sie hatten keine Angehörigen, keinen einzigen. Während sie allein auf dem kalten Bürgersteig saßen, hofften sie auf eine Kleinigkeit zu essen. Doch im ganzen Ghetto gab es kaum ein Stück Brot. Keiner gab ihnen etwas. Nach einer Weile fiel der kleine Junge um und starb. Er fiel einfach um.  Das Mädchen blieb regungslos sitzen. Ich stellte mir vor, wie es am Abend alleine nach Hause gehen und niemanden mehr vorfinden würde, der es versorgen könnte. In der Dunkelheit der Nacht würde es sich selbst beweinen und mit sich die ganze Welt aller verlassenen Kinder und all derer, die einmal Kinder waren, würde all jene beweinen, die hungrig ins Bett gingen, oder deren Angst vor der Dunkelheit im Inneren der Menschen ins Unermessliche stieg.

Das Dunkel umfasst uns manchmal persönlich in Form einer kleinen Dunkelheit im Alltag unseres behüteten Daseins – aber unter Umständen auch vollkommen und groß, gleichsam ohne Ausweg und gänzlich ohne Hoffnung auf ein baldiges Licht. Immer ist sie schrecklich. Doch die Ausweglosigkeit ist wohl das Schlimmste.

Zu jeder Zeit braucht Gottes Schöpfung ein Licht. Wir sind aufgefordert, dieses Licht zu sein; das in uns wohnende Licht scheinen zu lassen durch unsere Mitmenschlichkeit.

Versorgt die Waisenkinder! Im Koran steht es immer wieder. Es steht stellvertretend für alles Gute, was man an denen tut, für die es nötig ist.

In Sure 4:6 lesen wir exemplarisch

„Und prüft die Waisen, bis sie das Heiratsalter erreicht haben. Und wenn ihr an ihnen Besonnenheit feststellt, so händigt ihnen ihren Besitz aus. Und verzehrt ihn nicht maßlos, ihrem Erwachsenwerden zuvorkommend. Wer reich ist, der soll sich enthalten; und wer arm ist, der soll in rechtlicher Weise davo zehren. Und wenn ihr ihnen dann ihren Besitz aushändigt, so nehmt Zeugen vor ihnen. Doch Allah genügt als Abrechner.“

In 89:17-20 spricht Gott über Menschen, die sich nicht an seine Gebote hielten:

„Keineswegs! Vielmehr behandelt ihr die Waise nicht freigiebig und haltet euch nicht gegenseitig zur Speisung des Armen an, und ihr verzehrt das Erbe, ja ihr verzehrt es ganz und gar!“ Gemeint ist wohl das Erbe der Waisen, das sie brauchen, um zu überleben.

Die Botschaft, wie wir Licht in die Welt bringen, ist deutlich formuliert.

Als Sankt Martin am Abend des Geschehens nach Hause kam, hatte er einen Traum. Im Traum erschien ihm Jesus mit Martins rotem Umhang und sagte zu ihm: „Was du dem Bettler getan hast, hast du mir getan“.

Für Christen und Muslime gilt hier das Gleiche.

Bei Muslim ist überliefert:

Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: „O Sohn Adams, Ich war krank, und Du hast mich nicht besucht.“
(Der Mensch) wird antworten: „O Herr, wie kann ich Dich besuchen, wo Du (doch) der Herr der Welten bist!“
(Allah) wird sagen: „Wusstest du nicht, dass einer meiner Knechte krank war, und du hast ihn nicht besucht? Wusstest du nicht, dass wenn du ihn besucht hättest, du Mich bei ihm gefunden hättest?” [Muslim]

Man könnte auch sagen, wusstest du nicht, dass ich in jedem Menschen stecke? Und das damit auch meine Liebe in jedem Menschen steckt? In denen, die versorgt werden und in denen, die versorgen.

Die Kinder singen

„ Lasst von uns euch sagen, du sollst ein Lichtlein tragen.“

Wir tragen in unseren Herzen ein Licht. Es möchte nicht dort eingesperrt sein, sondern hinaus in die Welt. Noch einmal: Wenn es scheint, ergibt sich durch die Einheit von Innen und Außen ein Zustand des Wohlseins – für uns selbst,  und für die Anderen. Möge auch der folgende Vers uns Wohlbefinden schenken und uns erinnern, dass wir nicht allein sind, sondern eingebunden in eine wunderbare Schöpfung, deren Teil zu sein uns mit Verantwortung betraut und mit Freude versorgt: Sure 24 (Al Nur), vers 35

„Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne dass das Feuer es berührt hätte. Licht über

Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und Gott weiß über alle Dinge Bescheid.“

Ramadan

Ramadan

Ramadan ist die höchste Schule des Lebens.
Diese gesegnete Fastenzeit ist ein wertvolles Geschenk des Himmels an unser Leben. Die Lektionen Ramadans AlMoubarak sind einmal im Jahr wie eine Erfrischungskur für unser Denken, unser Fühlen, unser Verhalten, unsere Taten, unser Glauben und unser Leben.
Ramadan AlMoubarak ist die Zeit des Fastens, des Verzichts, der Enthaltsamkeit, der inneren Reinigung, des Nachdenkens, der Kraft und des Energietankens, des gesunden Lebens.
Ramadan AlMoubarak ist viel mehr als Verzicht auf Essen und Trinken, auf Egoismus, auf Überfluss und auf Verschwendung und Missachtung unserer Lebensgrundlagen. Ramadan AlMoubarak lehrt und vermittelt uns das Gefühl der Wertschätzung und Dankbarkeit.

In vielen Gegenden dieser Welt ist ein Tropfen sauberes Wasser mehr wert als Geld, und eine Handvoll Reis am Tag rettet ein Menschenleben.
Ramadan AlMoubarak lehrt uns, wie gut es uns geht, und vor allem, Mitgefühl für die Menschen, denen es schlecht geht und die in katastrophaler Armut leben müssen. Zumal unser Wohlstand und unser Wohlergehen auf Kosten und durch Ausbeutung der
ärmsten der Armen beruht. Ramadan AlMoubarak lehrt uns die Gemeinsamkeiten. Alle Gläubigen fasten, beten und
feiern als eine große Familie. Ramadan AlMoubarak lehrt uns abzugeben und zu spenden. Ramadan AlMoubarak ist ein Monat voller gesegneter Geschenke an unsere Gesundheit und unser Leben. In dieser Zeit tanken wir viele positive Energie, Liebe und Glücksgefühle.
Ramadan AlMoubarak ist eine gesunde Quelle.
Ramadan AlMoubarak ist der Frühling des Lebens.

Weltweit kennen viele Religionen das Fasten als Zeremonie, die zur Reinheit und Erleuchtung führen soll. Das Fasten sollte eine Zeit des Betens und des Verzichts auf alle Genüsse sein.
Die Fastenzeit ist Einkehr, Umkehr und Besinnung. Eine Zeitlang auf Gewohntes verzichten ist mehr, als eine alte Tradition.
Es gibt zahlreiche Heilfastenarten und Fastenkuren. Die Natur fastet auch. Bei den Tieren, z.B. zur Brutzeit, beim Winterschlaf und auf ihren Zügen.
Auch Bäume und Pflanzen „fasten“ zu bestimmten Jahreszeiten.
Medizinisch gesehen wird Fasten als die unblutige Operation der Inneren Medizin bezeichnet. Es gibt kaum eine andere Heilmethode, die den Organismus so positiv beeinflusst wie das Fasten.
Das Fasten bewirkt eine Umstimmung und Veränderung des körperlichen und geistig-seelischen Zustands. Es werden die körpereigenen und seelischen Selbstheilungskräfte angeregt, d.h. die Aktivierung des inneren Arztes.
Ich wünsche alle Fastenden eine gesegnete und gesunde Fastenzeit.
Unsere Gedanken und Gefühle sind auch bei Allen, die aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen nicht fasten dürfen oder können.
Zum Ramadan gehören Spenden. Wer nicht spenden kann, der kann zum Spenden aufrufen und wird von Gott genauso gesegnet und geschätzt.
Wir danken Allah, dass wir fasten können und dürfen.
Gott segne Euer Fasten, Eure Gesundheit, Eure Gebete und Euer Leben.

Barmherzigkeit

Barmherzigkeit

Als ich mir über die Khutba Gedanken machte, fiel mir etwas ein:  in einem Monat werden es 16 Jahre, dass ich Muslima bin. Zu Gott hatte ich schon eine gewisse Beziehung, aber vom Islam wusste ich eigentlich kaum etwas. Die Religion machte mir Angst. Fast auf jeder Seite des Koran habe ich gelesen, dass ich Gott fürchten soll. Das habe ich nicht verstanden: Wie kann man jemanden lieben, den man fürchten soll?

Aber bei Gott fühlte ich mich aufgehoben, geliebt. Ich habe mit ihm oft Gespräche geführt. Ich konnte gut mit ihm diskutieren.

Ich könnte mir jetzt vorstellen, dass manch einer den Kopf schütteln würde. Aber ich habe es einfach so gefühlt.

2-3 Wochen später las ich im Internet in einem Block, dass sich jemand beschwerte, sie lautete sinngemäß: „Ich bin seit 3 Monaten Muslim, habe aber immer noch kein Zeichen von Gott gesehen“. Ich weiß noch, so bei mir dachte: „Du Dummerchen! Mache doch  deine Augen auf, schau dich um! Das, was du siehst, das sind die Zeichen von Gott! Die ganze Natur mit allen Pflanzen, die Erde, Gestein, das sind alles Zeichen Gottes!“

– Warum ich das erzähle? Weil ich denke, die ganze Schöpfung Gottes, die Erde mit ihrer Natur, das Leben und Sterben darin ist schon Gottes Barmherzigkeit. Seine Schöpfung hat Kohle und Erdöl hinterlassen, Gott hat uns also Licht und Wärme gegeben, hat uns gekleidet, ernährt und hat uns seine Liebe gegeben. Ist das nicht die größte und schönste Barmherzigkeit?

Dass wir heute hier stehen und uns freiwillig daran erinnern, dass auch wir barmherzig sein sollen, ist das nicht auch eine Barmherzigkeit von Gott?

– Was bedeutet eigentlich barmherzig sein?

Einige meinen, es wäre nur Mitleid mit den Armen. Wenn es nur das wäre, würden wir echt arm dran sein. Es gehört Gerechtigkeit als Basis allen Zusammenlebens dazu, aber Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit gibt es nicht. Es bedeutet Freiheit, Geschwisterlichkeit, Achtung des Anderen, Hilfsbereitschaft, Güte, Mildtätigkeit, Vergebung, Verzeihen, Großzügigkeit, Mitgefühl, Fürsorge, selbstlose Liebe, eigentlich unsere ganze Ethik.

– Gott hat sich selbst der Barmherzigkeit verschrieben. In Sure 6:54 steht: „Euer Herr hat sich Selbst Barmherzigkeit vorgeschrieben; wenn einer von euch unwissentlich etwas Böses tut und es danach bereut und sich bessert, so ist er Allvergebend, Barmherzig.“

Aber wer genau ist Gott?

In Schriften offenbart er sich selbst, beschreibt sich selbst, so können wir Aussagen über ihn treffen, auch ohne ihn jemals zu sehen. Er stellt sich also dem Menschen vor, teilt sich ihm mit, nennt uns 99 Namen als seine Attribute, seine namentlichen Beifügungen.

Er geht also eine Beziehung mit uns ein, sucht unsere Nähe, aber nicht als Eigennutz, um von uns nur angebetet zu werden, sondern weil er seine Liebe und Barmherzigkeit nicht für sich selbst vorbehalten möchte, sondern für Mitliebende, den Menschen.

Er hat den Menschen erschaffen und bietet ihm gleichzeitig seine Liebe und Barmherzigkeit an, indem er uns von seinem Geist einhauchte. Dadurch versetzte er uns in die Lage, mit Gott zu kommunizieren. Durch das Einhauchen ist  jedem Menschen etwas Göttliches gegeben. Es erlaubt uns das Göttliche wahrzunehmen und das eigene Leben auf Gott hin auszurichten. Gott hat uns also nicht nur erschaffen, er umsorgt uns, ist uns ganz nahe

– Das bedeutet, diese Beziehung ist nicht als Gott-Knecht Beziehung anzusehen, sondern es bedeutet eine Freundschaftsbeziehung. In Sure 4:125  können wir es genau nachlesen: “Und Allah nahm sich Abraham zum Freund“.

        Gott ist die Barmherzigkeit

(Ich beziehe mich auf das Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ von M. Khorchide)

Bei jedem Gebet sprechen wir die Basmala: Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers.

Die beiden Attribute rahman und rahim stammen von rahma, das Barmherzigkeit oder in einem umfassenderen Sinn „Gnade“ bedeutet. Das Wort rahma( Barmherzigkeit leitet sich von dem arabischen Wort rahim ab, was so viel wie Mutterleib bedeutet.

Auch wenn beide abgeleitet sind, besteht dennoch ein Unterschied zwischen beiden Begriffen.

     Ar-Rahim, der Allerbarmer steht im Zusammenhang mit Gnade und Vergebung.     Gott als Ar-Rahim kommt zum Beispiel bei der Vergebung der Sünde von Adam zum Ausdruck. Es zeigt die erbarmende Liebe Gottes zu allen Menschen, nicht nur allein zu Adam.

Als Ar-Rahman, der Allbarmherzige, zeigt Gott seine Bereitschaft und seinen Willen zur bedingungslosen Liebe und seine unerschöpfliche Fürsorge zu den Menschen. Seine Liebe, seine Allbarmherzigkeit ist absolut. Sie gilt als eine Wesenseigenschaft Gottes.

Es ist also nicht nur Gottes grenzenlose Bereitschaft zur Vergebung und immerwährender Gnade gegenüber menschlicher Sünden als Ar-Rahim, ich betone nochmals: es ist also nicht nur ein Aspekt der Vergebung und Gnade, nicht nur als der barmherzige Gott, sondern als Ar-Rahman ist er ‚der Gott der Barmherzigkeit`.  Es gibt keine Steigerung, es ist eine Wesensart und damit umfassender als Ar-Rahim.

Gott ist absolut, ersteht außerhalb unserer Zeit und Raum. Seine Entscheidungen trifft er nicht in der Zeit. Die Erwählung des Menschen ist also eine ewige Erwählung. Durch die Schöpfung des Menschen ist er einen Bund mit allen Menschen eingegangen. Das Einzige, zu dem er sich verpflichtet hat, ist im Koran nachzulesen in Sure 6:12: „Er hat sich selbst der Barmherzigkeit verpflichtet.“

Die Barmherzigkeit Gottes drückt sich somit durch  die Erschaffung und des ewigen Auswählens  des Menschen und seiner Beziehung zum ihm aus.

–  50:16: „Wir (Gott) erschufen den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres zuflüstert.“ Also er kennt uns ganz genau.

–   2:186: „Und wenn dich (Muhammad) meine Diener nach mir fragen, dann sage ihnen ’Ich bin nah und erfülle den Ruf der Rufenden‘“.

–  Gott nimmt nicht nur den Menschen in seine ewige Liebe und Barmherzigkeit auf.   Er offenbart sich dem Menschen durch seine Barmherzigkeit, er macht sich dadurch für den Menschen begreifbar und zugänglich. Sie drückt sich auch in der Fürsorge für den Menschen aus. Der Mensch kann ihm Vertrauen entgegen bringen. Er ladet den Menschen ein, an seine Barmherzigkeit teilzuhaben, ihn bei Wort zu nehmen.

Gottes Barmherzigkeit schließt auch das Wiederauferstehen im Jenseits ein.

Zusammengefasst: Gotts Barmherzigkeit ist eine Form seiner Liebe zum Menschen. Die Liebe Gottes zum Menschen gründet in seinem ewigen Plan, den Menschen nicht nur zu erschaffen, sondern darüber hinaus sich selbst ihm zu offenbaren und ihn zu seiner Gemeinschaft einzuladen. Der Mensch muss dieses aber in freier Hingabe annehmen, Hingabe an Gott, im Sinne einer Zusage an Gottes Liebe und Barmherzigkeit, das bedeutet ‚Islam‘.

Gottes Barmherzigkeit ist riesengroß, für uns unfassbar, sie ist allbarmherzig.

Er ist der Schöpfer der Welt und darum allmächtig und kann sich immer wieder als barmherzig  erweisen. Er  handelt dabei aus eigenem Entschluss und ohne Eigennutz.

Und wir sollten, auch wenn wir als Menschen Seine Allbarmherzigkeit nie erreichen können, Ihm nacheifern in unserer Barmherzigkeit gegenüber der Gesellschaft.

Gott gibt uns unendlich viel. Und was verlangt er von uns? Eigentlich nur unsere Liebe