Fahrstuhl der Farben (25.05.2020)

     Andreas fährt mit seiner Mutter in das große Kaufhaus. Es regnet leicht. Mama hat wieder mal ihren Regenschirm zu Hause liegen gelassen. So laufen sie schnell die paar Meter von der Straßenbahn über den Platz zum hell erleuchteten Haus.      

     Andreas ist wie immer begeistert von den vielen Dingen, die ihm aus den Schaufenstern entgegenwinken. Er zerrt seine Mutter zu dem Fenster mit den bunten Spielzeugen hin. Zum Glück sind sie dort durch eine Überdachung vom Regen geschützt. Vor Staunen reißt er seine Augen auf. Dort, dieser Ball mit den vielen Farben blinkt ihm entgegen und fordert ihn direkt auf, ihn zu kaufen. Sein Blick fällt auf den großen gelben Plüschteddy, der daneben sitzt. Er scheint mit dem Ball zu spielen. Er seufzt. So viele schöne Sachen! Leider kann man nicht mit allen gleichzeitig spielen.
     Mama wird ungeduldig. „Nun komm schon! Du hast doch bereits zu Hause so viele Sachen, fast zu viele. Man kann kaum noch in deinem Zimmer eintreten ohne Angst zu haben, auf etwas zu treten.“ Sie nimmt einfach seine Hand und schiebt ihn in den Eingang hinein. Vor Andreas erscheint eine neue bunte Welt, dieses Mal in Abteilungen eingeteilt. In der einen glitzert es silbern und golden; für ihn vollkommen uninteressant. Aber Mamas Augen beginnen zu glänzen. Sonst ist diese Abteilung immer der erste Anlaufpunkt für Mama, aber heute geht sie nur mit einem bedauernden Blick weiter. Sie wollen ein neues T-Shirt für Andreas kaufen. Mama sagt, er sei in der letzten Zeit gewachsen. Seine alten Sachen sind auch wirklich etwas eng geworden.
     Zielsicher gehen sie zu der Abteilung für Kinderbekleidung. Mama überblickt schnell alle Regale und Tische, auf denen sich Hosen, Pullover und viele andere Sachen in allen Farben türmen. „Da sind die T-Shirts. Komm, lass uns ein hübsches aussuchen!“ Ungeduldig zerrt sie ihn dorthin und beginnt in den Stapeln nach der richtigen Größe zu suchen. „Hier sind wir richtig!“, meint sie. Ihr Blick wandert von einem Haufen zum nächsten. Sie nimmt einige Shirts in die Hand, schüttelt dann den Kopf und legt eins nach dem anderen wieder hin. Sie überfliegt mit einem enttäuschten Blick nochmals alle ausgestellten Sachen. „Es muss doch eins geben, was einigermaßen vernünftig aussieht!“, klagt sie. „Das eine passt mit den Farben nicht zu dir, das andere könnte bald wieder zu klein werden. Lass mich noch einmal alles anschauen!“  Sie greift nach einem weißen T-Shirt, auf dem sich einige bunte Farbstriche tummeln. Mamas Augen werden groß. Begeistert ruft sie: „Das ist das Richtige! Warum habe ich das schon vorher nicht gesehen? Lass mich mal schauen, ob es dir passt.“ Sie hält das Bekleidungsstück vor den Körper des Jungen und nickt schließlich.
     Andreas ist während der ganzen Sucherei unruhig geworden. Es macht ihm absolut keinen Spaß, nur rumzustehen, anstatt nebenan in der Spielzeugabteilung mit dem Roller, den er von Weitem schon erspäht hat, eine Runde zu drehen. So ist er ungehalten, als Mama ihm das Shirt vor die Brust hält und meint ärgerlich: „Der gefällt mir nicht!“ Mama ist erstaunt. „Gerade diese weißen haben dir doch immer gefallen!“ Andreas wird wütend. Mit dem Blick auf nebenan stampft er mit dem Fuß und ruft: „Das T-Shirt gefällt mir einfach nicht. Und in Weiß schon gar nicht. Das ist doch keine Farbe!“
     Dann passiert etwas! Wie durch Zauberei beginnt das Licht zu flackern. Die Farben der T-Shirts, die vor ihm auf dem Tisch liegen verblassen, ja die Farben aller Gegenstände verschwimmen und sind auf einem Mal nicht mehr da. Selbst der Roller mit seiner silbrigen Farbe ist kaum noch zu erkennen und verschwindet dann ganz. Alles um ihn herum wird grau und schwarz. Sogar die vielen Lampen werden schwächer und erlöschen schließlich.  Dann herrscht nur noch Finsternis, in der man kaum irgendwelche Umrisse erahnen kann. Sogar Mama verschwindet wie in einem schwarzen Loch. Andreas bekommt Angst, große Angst. Was ist passiert? Er schreit: „Mama!“ Mama berührt seine Hand und nimmt ihn schließlich in die Arme. „Ich bin ja hier!“, flüstert sie ihm liebevoll zu. Furchtsam drückt er sich an sie. „Ich habe Angst! Was ist passiert?“ „Ich weiß es nicht! Alle Farben sind wie weggeblasen! Vielleicht hast du sie erschreckt und sind einfach fortgelaufen?“
     Langsam ahnt Andreas, was passiert ist. Er hat das Weiß miesgemacht. Darum ist es jetzt so dunkel, die Helligkeit mitsamt allen Farben sind verschwunden! Was soll nun werden! Wenn er nichts mehr sieht, kann er ja auch nicht mehr spielen! Ob es draußen noch regnet oder schon die Sonne wieder scheint? „Mama! Lass uns hier rausgehen! Vielleicht ist draußen alles in Ordnung.“ „Ja, aber wohin?“ Sie schaut sich um. „Ich glaube dort blinkt etwas Helleres! Komm, pass aber auf, wohin du gehst.“
     Ein ganz schwaches, graues Leuchten zeigt ihnen den Weg.  Aber immer wieder stößt sich der Junge an einem Regal oder Tisch. Einmal fällt er fast über einen Hocker, der ein Schuhgeruch von sich gibt. Erstaunt bleiben sie schließlich stehen. Vor ihnen öffnet sich wie mit Zauberhand eine Tür. Mama ruft bestürzt: „Das ist ja nur ein Fahrstuhl! Wir hatten vorhin keinen benutzt. Ich weiß nicht, ob es besser wäre, nach dem Ausgang zu suchen.“ Sie schaut sich suchend um, aber überall herrscht nur die gleiche Dunkelheit. Ein dunkles Grau oder ein helles Schwarz? Mama fällt auf: „Wohin sind all die anderen Menschen verschwunden, die Verkäuferinnen und Besucher! Hier stimmt irgendetwas nicht. Nicht nur, dass die Farben weg sind, auch die Menschen sind weg. Wir sind ganz allein hier!“ Bestürzt äußert sie sich: „Lass uns dann doch lieber mit dem Fahrstuhl fahren! Vielleicht bringt er uns in eine andere Etage, in dem Licht ist.“
     Misstrauisch treten sie ein. Sofort schließt sich mit einem leisen Zischen die Tür. Drinnen blinkt die gleiche düstere Lampe. Sie können gerade noch sich selbst erkennen. Andreas hebt seine Hand und fuchtelt sie vor seinen Augen herum. Es wird nicht besser, er kann sie gerade noch sehen. Er schaut seine Mama von oben bis unten an und fragt unsicher: „Was hast du da in der Hand?“ Mama fühlt mit der einen Hand nach der anderen und stellt entgeistert fest: „Ich habe ja immer noch dieses weiße T-Shirt in der Hand! Äh, das war mal weiß! Jetzt scheint es schwarz zu sein.“ Andreas überlegt etwas kleinlaut: „Wenn du das Shirt jetzt wegwirfst, vielleicht wird dann alles wieder gut?“ Entschieden stellt Mama fest: „Nein, das geht nicht. Man kann doch eine Ware, auch wenn es die Farben verloren hat, nicht einfach wegwerfen! Wenn alles wieder in Ordnung ist, werde ich es zurückbringen.“ Sie zögert: „Hoffentlich…“
     Da öffnet sich plötzlich die Fahrstuhltür und ein strahlendes violettes Licht empfängt sie. Andreas juchzt und fällt seiner Mutter in die Arme. „Komm schnell hier raus!“ Auch Mama ist sehr erleichtert. „Wir haben die Farben wieder!“, ruft sie aus. Sie fasst ihren Sohn an und verlässt zaghaft mit ihm den Aufzug.  Um sie herum blinkt und glitzert alles in vielen tausend violetten Farben. Andreas springt auf und läuft zu einem blassvioletten Ball. Er wirft ihn hoch und fängt ihn wieder auf.  Dabei jubelt er: „Alles ist wieder in Ordnung!“  Sein Blick fällt auf eine ganze Reihe von Teddys. „Die sehen aber komisch aus, alle in Violett.  Das macht doch keinen Spaß, das ganze Spielzeug ist nur violett!“ Er stutzt und lässt vor Schreck das dunkelviolette Auto fallen. Auch seine Hand ist violett, seine Sachen, selbst Mama leuchtet in dieser Farbe.
     Mama nickt: „Ja, wir haben nur die eine Farbe wiedergefunden. Aber auf alle Fälle besser als in einem dunklen Raum zu sein.“ Durch die noch geöffnete Tür des Lifts strahlt jetzt neben der fast schwarzen nun auch ein violettes Lämpchen. Das Licht scheint magisch Mama anzuziehen. Sie fasst ihren Sohn wieder an die Hand an und geht in den Aufzug hinein. Die Tür schließt sich automatisch hinter ihnen. Beide Lampen blinken nun abwechselnd immer schneller. Da hält der Lift auch schon wieder an und durch die sich öffnende Tür dringt ein dunkelblauer Lichtschein hinein.
     Mama ruft begeistert aus: „Ein Blau-Indigo! Von dieser Farbe würde ich gern ein langes Kleid haben. Es würde mir bestimmt wunderbar stehen.“ Aber ihre Begeisterung lässt schnell nach. Voller Bestürzung murmelt sie nur noch: „Hier scheint es nur diese eine Farbe zu geben. Auch wenn sie noch so schön aussieht, es ist doch nicht das Richtige, so ohne andere Farben. Komm, wir gehen zurück in den Fahrstuhl. Vielleicht bringt er uns zu den anderen Farben.“ Auch Andreas kann mit dieser Farbe nichts anfangen. Es ist ja so, als wenn der Abend in die Nacht übergeht. Wie soll er da spielen können. So geht er ohne Murren zurück in die Kabine.
     Als die Tür zugeht, staunt er dennoch. Gleich neben der violetten Lampe blinkt nun eine in Indigo, in einem zarten Dunkelblau. Immer schneller wird das Blinzeln der drei Leuchten. Andreas kann es kaum mit den Augen verfolgen. Aber schon öffnet sich von Neuem die Tür. Sie treten in eine hellblau angestrichene Welt. Selbst Mama muss nun staunen. „So viele hellblaue Farben habe ich noch nie gesehen. Schau mal, dieser hellblaue T-Shirt dort, den habe ich doch schon einmal gesehen! Stimmt, das war vor diesem…ähm, diesem Unglück.“ Zaghaft fragt ihr Sohn: „Ob wir die beiden anderen Farben hier finden?“ Hoffnungsvoll ergänzt Mama: „Vielleicht! Sie gehören ja auch zu den blauen Tönen.“ Aber soweit sie sehen kann: alles ist hellblau, einmal ein zartes, ein anderes Mal ein kräftiges helles Blau.
     Schon steuern sie den Fahrstuhl wieder an. Kaum schließt sich seine Tür und ruckt die Kabine an, da blinken auch schon die kleinen Lampen immer schneller, so schnell, dass man kaum noch die einzelne Farbe erkennen kann. Mittendrin nun auch ein hellblaues Lämpchen.
     Es passiert nun wieder das Gleiche: Alles versinkt in eine Farbe, dieses Mal in ein wunderschönes Grün.  Mama fällt auf, dass sogar das weiße T-Shirt, welches sie immer noch mit sich herumträgt, nun in einem zarten Grünton erstrahlt. Sie kann nur noch mit dem Kopf schütteln. „Welch eine verrückte Farbenwelt!“, ruft sie dennoch begeistert aus. Auch Andreas staunt: „Das kann man wohl laut sagen. Sogar die Teddys sind grün. Aber in hellblau haben sie mir besser gefallen. Und nur grüne Sachen möchte ich auch nicht haben. Das wäre langweilig!“
     Mama meint nun sichtlich erleichtert: „Wollen wir nachsehen, welche Farbe uns nun erwartet?“ Wieder blinken nach dem Anruckeln die Lampen im Schnelllauf: violett, dunkelblau, hellblau und nun auch grün. Irgendwann hat sich das dunkelgraue Lämpchen verabschiedet. Schon kommt der Lift zum Stehen und es fällt nun gelbes Licht hinein. Mama bleibt staunend stehen. „Wie wunderschön ist dieses Gelb, wie die Sonne am Abend, bevor sie sich in ein Rot verwandelt! Hier könnte es mir schon gefallen. Ach nein, diese Hosen da haben ein so grelles Gelb, das tut sogar den Augen weh. Komm, lass uns von hier verschwinden.“
     Alles passiert wieder wie vorher, nur dass jetzt im Reigen der farbigen Lämpchen ein gelbes mitblinkt. Schon öffnet sich die Tür und ein gewaltiges Orange erwartet sie. Alles in Orange, sogar Mama erstrahlt in Orange! Andreas kichert über seine farbige Mama. Er feixt: „Wollen wir sehen, wie du ganz in Rot aussiehst?“ Mama lacht mit: „Und du erst!“ Sofort rennen sie zurück und siehe da, als die Kabine sich wieder öffnet, werden sie mit roter Farbe regelrecht überschüttet. Mama schüttelt den Kopf. „Ich mag ja wirklich ein schönes Rot, aber nur Rot. Da sehe ich ja wie gegrillt aus! Komm, lass uns weiterfahren!“ Aber plötzlich wird sie blass und flüstert: „Wir haben alle reinen Farben durch. Es gibt keine weiteren Farben. Selbst dein Farbkasten hat bloß diese Farben, alle anderen sind nur miteinander gemischt.“
     Andreas schaut traurig seine Mama an. „Das ist alles meine Schuld. Hätte ich nicht so auf die bunten T-Shirts geschimpft, besonders auf das weiße, wäre es bestimmt nicht passiert. Ich weiß nun, dass jede Farbe schön aussehen kann, aber nur jede einzelne ist ein Nichts, sie gehören einfach zusammen.“ Sein Gesicht wird trotzig: „Wir probieren es einfach wieder. Lass und weiterfahren!“ Schon schließt sich die Tür und das strahlende Rot wird ausgesperrt, nur ein kleines Lämpchen leuchtet in rot auf. Im Wettstreit blinzeln nun alle nacheinander. Fast verschwimmt jede einzelne Farbe, man kann sie kaum noch unterscheiden. Dabei wird es immer heller im Aufzug. Schon stoppt er und die Tür geht auf und ein hell erleuchtetes Lichtermeer scheint ihnen entgegen. Sie blinzeln in das funkelnde Licht der vielen weißstrahlenden Lampen.  

      Kaum können sie es fassen. Sie sind wieder an ihrem Tisch mit den vielen farbigen T-Shirts. Mama hält noch immer das eine in ihrer Hand. Es ist wieder blütenweiß und mittendrin mit farbigen Bändern geschmückt. Andreas staunt nun: „Sieht dieses weiße Shirt nicht toll aus? Es steht mir bestimmt gut. Und noch dazu diese wunderschönen Farbstreifen.“ Dann werden seine Augen groß: „Das sind ja die Regenbogenfarben!“ Mama streicht ihm über den Wuschelkopf. „Ja, mein Sohn, diese Regenbogenfarben ergeben alle zusammen das schönste Weiß, was es gibt.“
     Schnell gehen sie zur Kasse, um ja nicht wieder in den Fahrstuhl einsteigen zu müssen. weil ihnen die Farben mitsamt dem weißen Licht wieder abhandengekommen sind.
     Draußen hat es aufgehört zu regnen und die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die dünner werdenden Wolken.  Andreas entdeckt sogar einen Regenbogen mit den gleichen Farben, wie er sie vorher gesehen hat. Jetzt gefällt ihm dieses Naturschauspiel besonders gut.
     Auch Mama atmet tief auf. Sie reckt und streckt sich wie unter dem Wasserstrahl der Dusche zu Hause. Nur, dass sie hier im warmen Sonnenlicht badet.  Andreas schaut sie etwas irritiert an. Lächelnd erklärt Mama: „Allah hat das Licht der Sonne mit sieben Farben ausgestattet. Und wenn wir sie miteinander mischen, ergibt sich daraus die bunte Welt, in der wir leben.“ „Mit sieben Farben?“ Andreas blickt für einen kurzen Augenblick in die Sonne und kneift dann erschreckt die Augen fest zu. „Ich kann nur eine gleißend weiße Farbe erkennen. Und wenn nur eine Farbe plötzlich fehlt oder abhandenkommt, wie manchmal ein Spielzeug von mir? Was passiert dann? Wie sähe da die Welt aus! Langweilig und traurig!“ Schnell fasst er Mamas Hand an. Aber Mama lacht nur verständnisvoll. „Hab keine Angst! Wenn Gott die sieben Farben für den Lichtschein genommen hat, dann ist das so und verändert sich nicht.“ Andreas denkt kurz nach und fragt dann zur Sicherheit? „Und aus diesen Farben kann ich mischen, was ich will?“ Mama nickt nur. Nun beginnen seine Augen zu funkeln: „Mama, gibt es auch ein T-Shirt, das alle Farben besitzt?“ Mama lacht nur fröhlich und Andreas stimmt mit ein.

Träumereien (18.05.2020)

  Heute ist wieder ein wunderbarer Tag und er verlockt mich zu einem Spaziergang in den Park. Ich setze mich unter einen jungen Baum auf das weiche Gras einer Wiese mit Wildblumen. Über mir flirrt das Licht des strahlend blauen Himmels durch die Blätter. Nur einige kleine Schäfchenwolken spielen mit dem Wind und lassen sich von ihm dahintreiben.  Eine zarte Prise mit einem Hauch duftender Blüten umschmeichelt mich angenehm warm.
Ich schließe die Augen, um noch besser den Duft der Wiesenblumen zu schmecken und dem Rauschen der Natur zu lauschen. Über mir singt eine Amsel ihre unverkennbare Melodie. Schade, sie fliegt leider gleich weiter, um auf einem anderen Baum ihr Lied fortzusetzen. Ich verstehe ihr Gezwitscher. Es heißt: ‚Hier bin ich zu Hause, liebe Nachbarn, betretet bitte nicht mein Revier, meine Wohnung.‘ Ich schmunzele, mein Heim hat Wände und eine Tür, die Begrenzung des Vogels ist sein Gesang.
   Ein tiefes Summen dringt an mein Ohr. Ich öffne die Augen und drehe ganz leicht den Kopf zur Seite. Eine Hummel hat sich eine Margerite als Landeplatz ausgesucht. Fast könnte ich sie berühren. Sie durchpflügt regelrecht mit dem Rüssel das gelbe Pollenkörbchen und hält dort ihr Festmahl. Sogar ihr Brummen wird um einen winzigen Ton tiefer. Ihr gelbschwarzes, pelziges Haarkleid ist am Bauch und Füßchen mit dem gelben Pollen übersät. Ich lache in mich hinein. Wie eine mehrfüßige Puderquaste sieht sie aus. Schwer und taumelig fliegt sie dann davon. Ob sie auch wieder zurück zu ihrem Bau fliegt und den Hummeln mit ihrem Tanz von dem herrlichen Blumenfeld erzählt wie die Biene, über die Gott im Koran berichtet?  Ich krame in meinem Gedächtnis. Wie lautet der Vers? Ach, jetzt habe ich es wieder: „Und Dein Herr lehrte die Biene: Baue dir Wohnungen in den Bergen, in den Bäumen und in dem, was sie dafür erbauen. Dann iss von allen Früchten und ziehe leichthin auf den Wegen deines Herren.”
   Ja, auch diese dicke Hummel bezieht mit ihren Artgenossen Wohnungen in Baumhöhlen oder in Erdlöchern, ist aber leider nicht so gut organisiert wie ihre Verwandten, die Bienen. Aber als Bestäuberin leistet sie hervorragende Arbeit, wie ich gerade gesehen habe. Kaum aber ist die fleißige Hummel davongeflogen, kommt ein nächster Gast, dieses Mal aber eine Biene. Sie setzt sich ausgerechnet auf die eine Margerite, die schon vorher Besuch empfangen hatte. Ich beobachte sie nun genau. Ihr Aufenthalt dauert nur kurz, dann fliegt sie zur nächsten Blüte, die ertragsreicher scheint.
Meine Gedanken bedrängen mich: Was wären wir ohne diese fleißigen Helfer, wir hätten nur wenig Obst, von Honig kann keine Rede mehr sein. Ohne sie wäre die Natur wirklich ärmer.
  Ich dehne mich, reiße die Arme nach oben und atme durch. Langsam durchflutet mich die eintretende Stille und ich schließe wieder die Augen.
Nein, still ist es nicht, denn ich vernehme leise Stimmen, den Wind, der die Blätter über mir rascheln lässt und Vogelstimmen, die von fern herangetragen werden; alles zusammen ein vielstimmiges Raunen wie ein Chorgesang. All diese Gerüche, Summen und Jubilieren umfassen und schmeicheln meine Seele.  Ich fühle mich wie in einem Dom der Natur, nein, noch besser, es ist wie ein vielschichtiger Liebesbeweis. Aber an wen?!
  Auf einmal erhebt sich eine Windböe, umfasst mich und trägt mich wie in einem Strudel fort. Benommen sitze ich nun auf einer Bergwiese und schaue mich verwirrt um. Hohe Berggipfel schließen die Wiese ein. Aber auch hier bin ich umgeben von einer Vielzahl von Blumen, als wenn ich mittendrin in einem bunten Strauß sitze!     
  Etwas stößt mich von hinten an. Verwirrt drehe ich mich um und sehe ein kleines Kälbchen, das mit seinem Maul wieder nach mir stupst. Ich reiße die Augen auf! Was ist geschehen, wo bin ich!
  „Hahaha!“ dröhnt es neben mir. Erst jetzt bemerke ich den alten Mann mit einem langen, dicken Stock, auf dem er sich stützt. Ein Hirte mit seiner Herde, denke ich flüchtig. „Jaja!“ nickt er mir zu, „hier sitzt man fast wie im Paradies, zumindest ganz nahe dem Himmel!“ Ich nicke immer noch sehr überrascht. „Es ist hier wirklich wunderschön!“, pflichte ich ihm beklommen bei und denke bei mir: Träume ich?
  Aber jetzt kommt der Hirte erst so richtig in Fahrt. Mit wem soll er sonst den ganzen Tag über sprechen, mit seinen Kühen etwa? Schon etwas gefasster lache ich in mich hinein. „Schau doch nur die Gipfel der Berge an, wie sie sich dem Himmel entgegen recken! Weißt du auch, dass jeder Berg auch eine Wurzel hat, besser gesagt einen Pflock? Er ist wie ein Ebenbild des aufragenden Berges, so wie du ihn siehst, nur zur anderen Richtung.“ Er weist mit dem Stock auf die Berge ringsum. „Die Bergkette ist als Faltung aus dem Erdinneren nach oben geschoben und sie steht auf ebensolcher Faltung als ihre Unterlage.  Sie braucht also genauso wie die Blumen einen Wurzel-Anker, der ihnen Halt gibt. Gott hat uns das ganz einfach beschrieben: ‚Haben Wir nicht die Erde zu einem Lager gemacht und die Berge zu Pflöcken?‘ Das kannst du im Koran nachlesen, wenn es dich interessiert.“
  Verwundert schaue ich den Mann an; irgendwie komme ich mit der ganzen Situation noch nicht ganz klar. Koran, Berge, Hirte, Paradies, das alles dreht sich in meinem Kopf.
  Der Mann setzt sich neben mich und kramt in seinem Rucksack. Schließlich kommt eine große Dose zum Vorschein, die er sogleich öffnet. Ein verführerischer Duft entschwebt ihr, hmm, wirklich sehr angenehm! Das Wasser läuft mir sofort im Mund zusammen. Er hält mir die Dose hin. „Na, wie ist es, willst du nicht einmal kosten? Die Berge machen hungrig. Mal seh’n, was meine Frau mir eingepackt hat! Aha, ein Stück Luftgetrocknetes, man nennt es auch Pastirma, also gewürztes und dann getrocknetes Rindfleisch, und Käse, von mir selber gemacht, dazu Brot aus unserem Backofen! Nimm dir!“ Plötzlich verspüre ich einen Riesenhunger, als wenn ich gerade gefastet habe. Ich lasse mir die Einladung nicht ein zweites Mal sagen und greife herzhaft zu. Und wie alles schmeckt! Wirklich! Fast wie im Paradies, fällt mir ein. Ich schließe wieder genüsslich die Augen.
   Ein Luftstrom fegt in mein Tal hinein und faucht um mich herum. Ich habe das Gefühl, als wenn er mir etwas zuraunen will. Schließlich erfasst mich der Wind wieder, zerrt an meine Kleider und trägt mich in die Höhe, direkt in den blau-weiß gesprenkelten Himmel hinein. Ängstlich reiße ich die Augen auf und kann es kaum fassen: Ich segele auf einer Wolke dahin! Aber wieso denn! Eine Wolke besteht doch aus vielen winzigen Wassertröpfchen! Mir wird schwindlig. Krampfhaft schließe ich die Augen und reiße sie sofort ängstlich wieder auf. Meine Hände finden keinen Halt, wie denn auch! Eine Wolke hat ja nichts zum Festhalten, es ist eben eine Wolke! Aber sogleich wird mir wunderbar leicht, so leicht wie ein Wölkchen. Ich verstehe nun gar nichts mehr, schüttele nur den Kopf. Dennoch schaue ich mich mutiger geworden um. Hinter mir verschwinden gerade die Berge im Dunst und unter mir schlängelt sich das Band eines Flusses durch eine grüne Ebene.  
   Im flimmernden Licht beobachte ich, wie etwas Weißgekleidetes der Wolke sachte einen Schups gibt, damit sie weiterfliegt. Segele ich etwa mit einem Engel auf einer Wolke dahin? Jetzt winkt er mir sogar zu! Ich reiße vor Staunen den Mund auf, soll ich wieder zurückwinken? Aber Engel sieht man doch nicht! Sie bestehen ja aus Licht, geht mir durch den Kopf. Ich reibe mir die Augen und starre die Stelle wieder an. Nein, kein Engel, nur ein Wolkenfetzen, der neben meiner dahinschwebt. Nun lache ich über mir selbst. Engel! Aber warum nicht!? Es gibt sie doch, sogar eine riesige Anzahl von ihnen. Jeder hat seine Aufgabe von Anbeginn der Zeit bis zum Jüngsten Tag. Warum soll es nicht auch einen geben, der die Wolke auf die richtige Bahn lenkt? Ich jedenfalls glaube fest an die Engel, besonders an die, die uns Menschen zur Seite stehen, uns helfen und beschützen –  und an meinen Engel auf der Wolke, auch wenn dieser nur eine Einbildung war. Instinktiv schaue ich zu meiner rechten Seite. Ob mein persönlicher Ehrenhafter Engel jetzt gerade etwas über mich schreibt? Zur Linken schaue ich lieber nicht.
  Ich beobachte von Neuem unter mir die Landschaft. Bäume, Felder und ein kleiner See ziehen vorüber. Mir fällt plötzlich ein, was ich im Koran vor Kurzem gelesen habe: ‚Allah ist es, Der die Winde entsendet, so dass sie Wolken zusammentreiben. Dann breitet Er sie am Himmel aus, wie Er will, und häuft sie Schicht auf Schicht auf; und du siehst den Regen aus ihrer Mitte hervorbrechen.‘
Immer mehr Wolken stoßen an meine. Sie plustert sich auf, wird dicker und schwerer. Auf einmal nimmt sie Fahrt auf, wird schneller und saust der Erde zu. Kleine Tröpfchen lösen sich und sinken zu Boden. Instinktiv versuche ich mich, irgendwo festzuhalten, aber wo nur? Im gleichen Moment erfasst mich eine Windböe, ehe ich falle und trägt mich fort. Ich schließe lieber wieder fest die Augen. Wer weiß, wohin mich nun der Wind treibt.
   Ich fühle von Neuem angenehme Wärme, ein Zwitschern über mir und ein sachtes Blätterrauschen, dazu noch einen zarten Wiesenblumenduft. Das kann doch nur meine Wiese im Park sein! Ich lasse die Augen geschlossen; es ist zu schön, wieder zu Hause zu sein. Nur eine kleine Sehnsucht nach den wunderbaren Orten bleibt. Was für ein Traum! Oder war es doch Wirklichkeit? Hat Gott mir ein Stück seines Schaffens gezeigt? Die Berge und Wolken, die für uns unsichtbaren Engel? Ja, ich weiß, auch die Wiese, auf der ich sitze mit all seinen Blumen und Tieren – und ich. Ergriffen denke ich: Wie wunderbar hat Gott das alles eingerichtet.   

Was ist die Welt? (11.05.2020)

Ich saß in der Bahn und neben mir ein Kind,
dass ein Blick in meine Zeitung warf.
Es schaute in die Runde, sah jeden dabei an
und fragte dann ganz ungeniert: “Was ist die Welt?!”

Erstaunt sah ich den Jungen an
und fragte mich, wie erkläre ich es ihm?
“Die Welt umfasst unsre ganze Erde
mit all seinem wunderbaren Leben darin.

Mach die Augen auf und schau‘ dich um.
Sie ist viel schöner als dein schönster Traum,
voller Geheimnisse, die nur darauf warten,  
dass du sie erforschst und erkennen wirst.”

Ein dunkelhäutiger Mann lächelte und sagte:
“Öffne die Ohren und höre gut zu,
denn selbst das kleinste Körnchen
im Sand der Wüste erzählt dir seine Geschichte.”

Ich nickte ihm zu und erklärte weiter:
“Die Welt, das sind die Wolken am Himmel,  
der Regen und der Sonnenschein
und auch der Regenbogen gehört hinein.

Die Welt, das sind die Bäume und Pflanzen  
im grünen Wald mit all ihren Tieren darin.
Die Berge und Täler, wie gemacht zum Geh’n,
die Fische der tiefen Meere und Seen.

Der Junge grinst mich an und meint:
“Die Welt, das ist die Schar der Vögel
und die strahlende Sonne im Blau des Himmels
und darüber das unendliche Sternengefunkel.”

Ein junges Mädchen lacht ihn an:“
Hast du dein Spielzeug ganz vergessen,
die Comics und dein Computer?
Selbst deine Schule gehört zur Welt.”

Ein alter Mann hört andächtig zu,
und erklärt dann leise und mit Bedacht:
“Die Welt, das bist du und ich, wir alle hier!
Wir sind die höchste Krönung der Natur.

Die Welt im Erdenrund ist voller Leben,
vom tiefsten Innern bis in den höchsten Höh’n.
Sie ist wild und kann zugleich gefährlich sein,
sie ist schön und bietet für jeden eine Heimat an.

Egal, wie die Farbe des Menschen ist,
wichtig ist nur, was du tust in deiner Welt.
Beschützt du sie und bewahrst ihr Selbst,
dann blüht sie auch in zukünftiger Welt.”

Manaar   01.09.2014

Der kleine Hassan (04.05.2020)

Eine Geschichte aus dem gleichnamigen Buch von B.M. Drechsler

Hallo, halloooo! Hassan, noch halb im Schlaf, blinzelt mit den Augen. „Hallo!“ klingt es wieder sehr leise.  Dann reißt er die Augen auf, hebt erschrocken den Kopf vom Kissen und setzt sich aufrecht auf das Bett. Er sieht sich um, es ist alles noch finster, durch das geöffnete Fenster dringt angenehm kühle Luft herein, sanftes Mondlicht erhellt schwach das Zimmer. Es ist niemand im Zimmer. Er schaut auf die Uhr mit den Leuchtziffern, es ist noch viel Zeit bis zum Aufstehen und Frühstücken. Langsam lässt sich der Junge wieder auf das Bett zurückfallen, streckt sich und gähnt. Langsam fallen seine Augenlider wieder zu, aber bevor sie vollends geschlossen sind, ruft die leise Stimme wieder. Sie klingt ruhig, warm und einschmeichelnd. „Wir sind das, na wir hier! Sieh aus dem Fenster!“ Mit weit aufgerissenen Augen stützt sich Hassan auf einen Arm und blickt in die Richtung, aus der die Stimme kam. Schnell setzt er sich wieder auf das Bett und wischt sich mit beiden Händen über die Augen. Durch die Finger hindurch sieht er, wie zwei, nein drei Sterne ihm zublinzeln. Das kann doch nicht sein! Sein Blick geht durch die Finger zum Spiegel, denn dort bewegt sich etwas: die Mondsichel schaukelt wie eine Wiege hin und her. Vollends munter wirft er die Decke von seinen Beinen, springt aus dem Bett und läuft zum offenen Fenster. „Friede mit dir, kleiner Mann, Friede mit dir.“ Der Mond lächelt ihm freundlich zu. „Wir wollten dich nicht erschrecken.“

Hassan kann es noch nicht so richtig fassen, träumt er noch? Vorsichtshalber sagt er auch „Friede mit euch! Seid ihr echt und könnt ihr sprechen?“ „Natürlich können wir das, aber nur zu besonderen Menschen.“ Die Sterne kichern sich gegenseitig zu, dabei erzittern ganz leicht ihre Sternenarme. Ein Stern, der kleinste von ihnen wispert ihm zu: „Und so ein ganz besonderer kleiner Junge bist du. Wir haben dich schon einige Tage lang beobachtet, wie du noch vor der Morgendämmerung aufgestanden bist, gegessen hast und dann gebetet. Das hat uns sehr gefallen. Und abends, du hast uns noch nicht richtig am Himmel wahrnehmen können, haben wir gesehen, wie du mit deiner Familie zuerst ein Schluck Wasser getrunken, dann eine Dattel gegessen hast. Das ist das Zeichen für Fastende.“ Der Stern neben ihm ergänzt: „Wir haben die Sonne gefragt nach dir, als sie an uns vorbeizog, und sie bestätigte, was wir schon von dir erhofft hatten. Sie erzählte uns, wie du gegen den Wunsch zu trinken angekämpft hattest, wie schwer es dir gefallen war, beim Waschen nicht doch einen Schluck zu trinken. Die Sonne, so sagte sie uns, hat ganz genau dein Kopfschütteln bemerkt.“ Der Mond mit seiner warmen Stimme sagte: „Du bist noch klein, du brauchst noch nicht zu fasten, dass du es aber dennoch getan hast, das hat uns sehr gefreut, deshalb dürfen wir mit dir sprechen.“ Hassan setzt sich vorsichtig auf das Fensterbrett und streckt die Arme nach den Sternen aus. Bedauernd schütteln sich die kleinen Sterne: „Wir können dich nicht berühren, du weißt doch, jeder von uns hat seine vorgeschriebene Bahn, die wir nicht verlassen dürfen. Wir sind weit von dir entfernt, und nur weil du etwas ganz Besonderes bist durch dein Bemühen und Anstrengung in diesem heiligen Monat, können wir uns dir nahe zeigen. Ein Engel ist zu uns gekommen und hat befohlen, dir in deinen Träumen zu sagen, wie sehr deine Anstrengung gelobt wird. “  Hassan lässt die Arme wieder sinken und überlegt kurz: „Ihr seid doch sehr alt und habt bestimmt schon viel erlebt und gesehen. Könnt ihr mir einiges erzählten, vielleicht vom Propheten Muhammad, als er noch klein war.“ „Natürlich kennen wir ihn,“ erwiderte der Mond, „wir hatten immer unsere Freude an ihm, wenn wir ihn sahen. Einmal musste ich doch laut lachen. Der Großvater ´Abd al-Muttalib liebte es auf einem Polster ganz nahe im Schatten der Kaaba zu sitzen. Eines Tages, ich konnte es sehen, weil ich noch nicht untergegangen war, hatte sich der kleine Muhammad auf dieses Kissen gesetzt. Seine älteren Onkel kamen angelaufen und sagten ihm, dass er aufstehen solle und dass es sich nicht gehöre, auf diesem Ehrenplatz zu sitzen. Aber er ließ sich nicht fortscheuchen. Als der Großvater dann kam, nahm er Muhammad in Schutz und erklärte: ‚Lasst meinen Sohn in Frieden, denn bei Gott, eine große Zukunft erwartet ihn!‘ Ich musste deshalb lachen, weil ich sah, wie betreten und verwirrt die Onkel danach waren.“ Der Mond muss darüber wieder so sehr lachen, dass es ihn hin und her schaukelt wie ein Boot. Er fährt fort: „Später, der kleine Junge Muhammad muss so sieben Jahre alt gewesen sein, durfte er sich sogar zum Großvater mit auf das Kissen setzen, wenn Rat gehalten wurde. Stell dir vor, da sitzen lauter alte Männer, eigentlich alles Großväter und ein kleiner Junge wird um seine Meinung gefragt. Wie klug muss dieser Junge schon damals gewesen sein. Sein Großvater sagte immer über ihn: ‚Eine große Zukunft wartet auf meinen Sohn.“ Für eine Weile sprach danach niemand mehr. Hassan stellte sich diesen kleinen Jungen vor, barfüßig, mit weißem Kittel, langem schwarzem Haar und großen Augen. Er dachte: „Wenn ich mich bemühe und anstrenge, ob ich dann auch so klug werde?“

Langsam geht Hassan wieder zu seinem Bett, schlüpft unter die Decke und winkt der Mondsichel und den drei kleinen Sternen zu. Ein letztes Blinzeln von ihnen, was bedeuten soll: „Schlaf gut und Friede mit dir auf deinem Weg!“ und dann ist wieder Stille. Auch er blinzelt mit seinen Augen noch einmal und schließt dann seine Augen. Seine Gedanken sind noch bei dem kleinen Jungen, der Muhammad hieß, dann gleitet er langsam wieder in den Schlaf.

Ramadan – Zeit der Besinnung (27.04.2020)

Noch hält die Corona – Pandemie uns in ihrem Atem. Sie macht keinen Bogen um uns, sie schert sich auch nicht um unsere Ramadanzeit.

 Aber lassen wir uns deswegen unterkriegen? Nein!

Sie kann zwar bestimmen, wie weit unsere Distanz zu einem Nachbarn sein muss oder ob wir uns schon die Hände reichen können. Aber sie kann unseren Willen nicht bezwingen.

   Es ist Frühlingszeit und Zeit, sich an der neu erblühenden Natur zu erfreuen. Bringen wir also die Natur mit dem Koran zusammen.

   Wie das geht? Ganz einfach: Nehmen Sie Ihr Kind bei der Hand und gehen Sie langsam durch den Park in Ihrer Nähe. Betrachten Sie mit Ihrem Kind oder auch allein das Aussehen der kleinen Blätter und deren Farben. Beim nächsten Spaziergang werden Sie sehen, wie sich alles verändert hat. Vielleicht entdecken Sie ein verstecktes Vogelnest und haben das Glück, das Füttern der Winzlinge durch ihre Vogeleltern zu beobachten. Vielleicht erleben Sie beim nächsten Besuch die ersten Flugstunden. Und in dem Chor des Vogelgezwitschers dringt ein tiefes Brummen an Ihr Ohr und Sie suchen die passende Sängerin, eine Biene oder Hummel.

  Und dann wird es Zeit, sich zu besinnen.  Steht das nicht alles im Koran? Gott hat uns immer wieder darin Sein Erschaffen der Natur erklärt, wie z. B. in der Sure 67:19: „Haben sie nicht die Vögel über sich gesehen, wie sie ihre Flügel ausbreiten und sie dann zusammenziehen? Kein Anderer als der Erbarmer hält sie in der Luft. Wahrlich, Er ist aller Dinge gewahr.“

  Das ist Ramadan- das Gedenken an Gott. Die Natur zeigt es uns vor. Gehen wir also bewusst durch sie. Es ist wie ein kleiner Dank an ihrem und unserem Schöpfer.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.