Offener Brief zum HU Beirat

An
Den Regierenden Bürgermeister Michael Müller
Die Mitglieder des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung
Frau Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst
Herr Prof. Dr. phil. Michael Borgolte

Berlin, den 29.01.2018

 

Offener Brief zur Besetzung des Beirates des Instituts für Islamische Theologie an der Humboldt Universität Berlin

 

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Müller,
Sehr geehrte Mitglieder des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung,
Sehr geehrte Frau Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst,
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. phil. Michael Borgolte,

ich schreibe Ihnen bezüglich des neu zu gründenden Instituts für Islamische Theologie an der Humboldt Universität Berlin. Insbesondere geht es mir um die Besetzung des Beirates, der in die Entscheidung über die Vergabe der Professuren maßgeblich mit einbezogen sein wird. Ihr derzeitiger Plan sieht vor, dass nur die großen Islamverbände in diesem Beirat vertreten sein werden. Dabei übergehen Sie nicht nur, dass vor allem die DITIB eigentlich nur Türkei Interessen vertritt, sondern auch die Tatsache, dass die nur eine kleine Zahl der Muslime von den Verbänden vertreten wird.

Ich möchte gegen diese Entscheidung hiermit meinen deutlichen Protest einlegen. Sie ignorieren mit Ihrer Entscheidung, dass der Islam in Deutschland deutlich pluraler ist, als er von den Islamverbänden repräsentiert wird. Mit der Ausbildung von Islamischen Theologen in Deutschland sollte doch eigentlich erreicht werden, dass auch andere als die traditionell-konservativen Inhalte im Studium vermittelt werden können. Wir wollten uns unabhängig machen von Imamen, die in anderen Ländern ausgebildet wurden und von der Lebensrealität in Deutschland wenig mitbekommen haben. Indem sie nun den massiv aus dem Ausland finanzierten Islamverbänden den einzigen Zugriff auf die Gestaltung und Besetzung der Professuren des Studiengangs geben, führen Sie diese Idee ad absurdum. Sie könnten dann auch weiterhin Imame aus dem Ausland einfliegen und Ihnen den Deutschkurs bezahlen – das wäre für den Steuerzahler billiger.

Gleichzeitig ist dieser Schritt für mich ein politisches Zeichen, dass Sie die wachsende Bewegung liberaler Muslime in Deutschland weder unterstützen noch in politische Prozesse einbeziehen wollen. Im Gegenteil, Sie lassen sich von den Verbänden erpressen, die immer wieder drohen, den Tisch zu verlassen, wenn Muslime dazukommen, die von den Verbänden nicht als Muslime akzeptiert werden. Das ist gerade in Zeiten, in denen der konservative und fundamentalistische Islam uns Liberale massiv angreift und bedroht ein wirkliches Armutszeugnis. Jahrelang hat die Politik die liberalen Muslime in Deutschland gebeten, sich zu organisieren und sichtbar zu werden. Nun trauen sich diese Menschen in einer sehr angespannten politischen Lage Gesicht zu zeigen und nun zeigen Sie Ihnen die kalte Schulter, indem Sie uns vor der Tür stehen lassen, mit Argumenten, die an den Haaren herbeigezogen sind. Sie begründen Ihre Entscheidung u.a. damit, dass wir zu wenige sind und erklären implizit, dass die Verbände die Mehrheit der Muslime vertreten? Ich bin darüber sehr enttäuscht.

Es ist gerade jetzt Zeit, dass von Ihrer Seite in klares Zeichen und Bekenntnis zu religiöser Vielfalt in Deutschland kommen muss – auch für den Islam. Die Zahl extremistischer und fundamentaler Muslime steigt von Jahr zu Jahr und die Geschichte lehrt uns, dass es noch nie funktioniert hat, den radikalen Islam alleine mit sogenannten gemäßigten Muslimen zu bekämpfen. Dafür braucht es Pluralität. Ich möchte Sie eindringlich bitten, auch liberale Muslim*innen von Anfang an am Beirat zu beteiligen. Ebenso sollten Sie über eine Beteiligung der Ahmadiyya Muslim Jamaat, nachdenken. Deren Umgang mit dem Islam entspricht auch nicht unserem Verständnis von Liberalität und zeitgemäßen Islam. Dennoch kann nicht hingenommen werden, dass die Ahmadiyya auf der einen Seite in Deutschland als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt wird und andererseits weder bei der Deutschen Islamkonferenz noch in Beiräten einbezogen wird, weil die Ihnen genehmen Verbände dies verhindern.

Sie stellen jetzt die Weichen für viele Jahre und sollten jetzt bei der Besetzung des Beirats umdenken. Sofern z.B. die Professoren als Beamte auf Lebenszeit eingestellt werden sollen, würde das bedeuten, dass heutige Entscheidungen Auswirkungen auf viele Jahrzehnte haben. Solche Entscheidungen gehören in einen pluralen Beirat, nicht in einen Beirat, der nur einen Bruchteil der konservativen Muslime repräsentiert. Angesichts steigender Zahlen extremistischer Haltungen unter Muslimen ist jetzt der Moment politisch Stellung zu beziehen. Wir liberalen Muslime lassen uns nicht mehr auf spätere Zeitpunkte vertrösten. Handeln Sie jetzt – alles andere ist ein großes politisches Versagen, welches Sie durch Ihre Entscheidung mittragen.

Mit freundlichen Grüßen,

Seyran Ateş