Freitagspredigt vom 15. Dezember 2017

von Christian Awhan Hermann

Der Ort, an dem wir uns gerade befinden, eröffnete fast auf den Tag genau vor sechs Monaten. Damit eröffnete er auch die Chance auf freiheitliche spirituelle Entwicklung. Er eröffnete Möglichkeiten für die – sowohl von innerhalb als auch außerhalb der Religion – diskriminierungsfreie Ausübung der religiösen Aufgaben und Rituale. Und er eröffnete die Gelegenheit für Freude und Erleichterung und Glück.

Seit sechs Monaten arbeiten die Mitglieder dieser Gemeinde an dem Auf- und Ausbau dieses Ortes, dieser Idee, dieser Vision. Dabei wurde aus einer kleinen Gruppe Menschen eine stetig wachsende Familie. Zusammen tun wir alles, was wir können, um die Welt ein bisschen besser und den Islam ein bisschen vielfältiger zu machen. Und es zeichnet sich ab, dass aus einem „bisschen“ bald wohl ein „erheblich“ werden wird.

Es ist wichtig zurückzublicken. Zu betrachten, was war. Zu überlegen, was passiert ist. Zu reflektieren über Vergangenes. Das Geschehene nachdenklich und vielleicht auch analytisch zu überprüfen. Das ist wichtig, denn so können wir unser bisheriges Handeln abwägen, bewerten und gegebenenfalls neu ausrichten. Nachdenken ist also wichtig.

Eine Freitagspredigt sollte aber nicht unbedingt nur zurückblicken. Sie sollte auch inspirieren für Künftiges. Sie sollte Anstöße geben für die nächste Woche. Und sie sollte uns Anhaltspunkte für die Zukunft geben, für unser zukünftiges Handeln, für unser zukünftiges Denken und für unser zukünftiges Fühlen.

Doch wenn wir heute an die Zukunft denken, dann türmt sich – aus meiner Sicht – ein schier unüberwindbarer Berg aus Problemen und Krisen und Konflikten vor uns auf. Im eigenen Land sind wir weiterhin mit hunderten, wenn nicht tausenden ultraorthodoxen Vertretern von islamischen und islamistischen Strömungen konfrontiert. Zudem hat hier in Deutschland ein vergessen geglaubter Rechtspopulismus durch eine politische Partei wieder Einzug in verschiedene Landesparlamente und nun auch den Bundestag gehalten. In Übersee regiert ein Mann, der mit seiner Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels eine Politik betreibt, die international eher zu Spannungen und weniger zu Versöhnung führt. Überall in Deutschland und speziell auch hier in Berlin erleben wir die Auswirkungen dieser politischen Entscheidung: Der ohnehin existierende Antisemitismus durch muslimische Leute manifestiert sich stärker und kräftiger als je zuvor in Form von Fahnenverbrennungen auf Demonstrationen. Und nicht zuletzt die jetzigen, die künftigen und die vielleicht möglichen Veränderungen in Saudi-Arabien führen – zumindest bei mir – mitunter zu Verwirrung, aber auch zu Sorge und Verunsicherung.

Und nicht nur die äußere Welt fordert uns heraus. Auch innerhalb unseres eigenen Lebens sind wir mit Hindernissen und Beschwernissen konfrontiert. Krankheit, Erschöpfung, Schicksalsschläge, sie alle ereilen uns alle.

Ich persönlich finde es wichtig, dass wir uns nicht zu unbedachtem Handeln provozieren lassen – speziell von den Auswirkungen der internationalen Politik und den Reaktionen der orthodox-islamischen Community, aber auch vom eigenen persönlichen Schicksal.

Die Zukunft ist ungewiss für uns. Im Gegensatz zu Gott wissen wir nicht, wohin der Weg führen wird. Wohin wird uns die Zukunft führen? Und wie sollen wir uns auf dem Weg verhalten? Wie gehen wir mit all diesen Themen um?

 

Ich habe also nachgedacht, wie wir – jede und jeder einzelne von uns – dazu beitragen können, dass die mitunter extremen Entwicklungen uns allen nicht schaden. Natürlich haben wir alle zu diesen Themen unterschiedliche Ansichten. Dies sind daher meine höchstpersönlichen Überlegungen.

Im Gegensatz zu Gott wissen wir nicht, wohin der Weg führen wird. Die Zukunft ist aus unserer Sicht ungewiss.

In Sure 49, al-Hugurat (Die Gemächer) erfahren wir mehr über verschiedene Eigenschaften Allahs:

In Vers 1 steht: „Gewiss, Allah ist Allhörend und Allwissend.“

In Vers 8 steht: „Allah ist Allwissend und Allweise.“

In Vers 12 steht: „Allah ist Reue-Annehmend und Barmherzig.“

In Vers 13  steht: „Allah ist Allwissend und Allkundig.“

In Vers 14 steht: „Allah ist Allvergebend und Barmherzig.“

In Vers 16 steht: „Allah weiß über alles Bescheid.“

In Vers 18 steht: „Gewiss, Allah kennt das Verborgene der Himmel und der Erde. Und Allah sieht wohl, was ihr tut.“

Gott weiß also, wohin der Weg führt.

Und wenn wir weiter im Koran forschen, dann lesen wir

in Sure 2, al-Baqara (Die Kuh):

„Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann schickte Allah die Propheten als Verkünder froher Botschaft und als Überbringer von Warnungen und sandte mit ihnen die Bücher mit der Wahrheit herab, um zwischen den Menschen über das zu richten, worüber sie uneinig waren. Doch nur diejenigen waren – aus Missgunst untereinander – darüber uneinig, denen sie gegeben wurden, nachdem die klaren Beweise zu ihnen gekommen waren. Und so hat Allah mit Seiner Erlaubnis diejenigen, die glauben, zu der Wahrheit geleitet, über die sie uneinig waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.“

Da steht nicht „auf den geraden Weg“ geschrieben, sondern „auf einen geraden Weg“. Aus dem Arabischunterricht habe gelernt, dass es auch im Arabischen diese Unterscheidung gibt.

Die Aussicht auf verschiedene „gerade“ bzw. „richtige“ Wege findet sich im Koran öfter. Speziell an Stellen, an denen über die verschiedenen Botschaften Gottes zu verschiedenen Zeiten zu verschiedenen Propheten und Völkern gesprochen wird, wird immer wieder angedeutet, dass auch das Folgen dieser anderen Botschaften zu einem richtigen Weg führt.

Exemplarisch habe ich Sure 5, al-Maida (Der Tisch), Vers 66 herausgegriffen:

„Wenn sie nur die Thora und das Evangelium und das befolgten, was zu ihnen (als Offenbarung) von ihrem Herrn herabgesandt wurde, würden sie fürwahr von (den guten Dingen) über ihnen und unter ihren Füßen essen.“

Ich folgere daraus: Es gibt verschiedene richtige Wege, Gottes Botschaft gemäß zu leben und mit ihr in die Zukunft und durch die zukünftigen Ereignisse zu gehen.

Unsere Schwestern und Brüder in den anderen abrahamitischen Religionen feiern dieser Tage wichtige religiöse Feste. Im Koran finden sich viele, teils sehr klare Hinweise darauf, dass ein friedliches Miteinander auf verschiedenen Wegen durch eine – für uns – ungewisse Zukunft nicht nur möglich, sondern auch erwünscht ist.

Also ist es keine „Abscheulichkeit“, mit jüdischen Leuten Chanukka oder mit christlichen Leuten Weihnachten zu verbringen, sondern wir haben – so lese ich die Botschaft Gottes – die Aufgabe hierzu von Allah erhalten.

Gemeinsam mit den Menschen des Judentums und des Christentums können wir die Zeit ihrer Feste nutzen, um uns inspirieren zu lassen. Um Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Um Verbündete und Freunde für den Gang auf den richtigen Wegen zu finden. Die richtigen Wege, die am Ende aller Tage dann doch bei Gott enden.

In Sura 16, an-Nahl (Die Bienen), Vers 44 lesen wir:

„(Wir haben sie [gemeint sind Leute, denen Offenbarungen eingegeben wurden] gesandt) mit den klaren Beweisen und den Büchern der Weisheit. Und Wir haben zu dir [gemeint ist Mohammed, F.s.a.i.] die Ermahnung hinabgesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen offenbart worden ist, und auf dass sie nachdenken mögen.“

Den Hinweis zum Nachdenken finden wir immer wieder im Koran. Allah fordert uns auf, zu reflektieren, zu betrachten, zu überlegen. Über das ,was war, aber auch das, was sein kann oder soll.

Damit wir unser künftiges Handeln abwägen und ausrichten auf „einen richtigen Weg“. Auf unseren Weg als einen von vielen richtigen Wegen.

Durch Nachdenken und durch das Pflegen von religiöser Vielfalt werden wir also einen richtigen Weg zu Gott finden.

Und Allah, als Allhörende, Allwissende, Allweise, Barmherzige, Allvergebende Göttlichkeit wird nicht nur am Ende aller richtigen Wege sein, sondern die Menschen darauf begleiten.

Allah wird also an der Seite jener stehen, die nachdenken und Vielfalt pflegen. Und bei allen, denen wir helfen, dies zu tun. Denn es ist eine unserer Aufgaben, unserem Nächsten zu helfen, nachzudenken und die Vielfalt pflegen zu können.

Photo by Jens Lelie on Unsplash

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