Freitagspredigt vom 27.07.2018

Goethe und der Islam

Immer wieder fällt der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland,“ oder so ähnlich. Wer sich mit der Geschichte von Deutschland ein wenig beschäftigt, weiß, dass es so nicht stimmt.

Als das Osmanische Reich die süddeutschen Länder angriff und 1529 vor Wien stand, im Jahr 1548 Österreich einen auf 7 Jahre begrenzten Friedensvertrag mit dem Kalifen Sulaiman II. unterschrieb und die südöstlichen europäischen Länder vom Osmanischen Reich verwaltet wurden, bestand die dringende Notwendigkeit, sich offiziell mit dem Islam zu beschäftigen. In Frankfurt siedelte sich die erste ständige osmanische Vertretung an, Reiseberichte über den Orient waren interessant geworden wie auch die Modewelt, zu Gesellschaften bekleidete man sich orientalisch.

Der Handel Ost-West blühte. Ganze muslimische Truppenteile, Geschenke osmanischer Herrscher, standen im Dienst deutscher Könige. Für sie baute der König von Preußen, Friedrich der Große, sogar eine Moschee, die erste auf deutschem Boden.

Schon seit den Kreuzzügen gab es einzelne europäische Übersetzungen des Korans durch Vertreter der Kirche, aber mehr mit dem Hintergedanken, den Islam damit zu diffamieren.

Im Jahr 1647 wurde die erste einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung von André du Ruyer gedruckt, die auch Goethe für seine Studien nutzte und seinem West-Ost-Divan zugutekam. Aber erst die Koranübersetzung von George Sale 1734 in die englische Sprache, die auch bald in Deutsch erschien, setzte neue Maßstäbe durch ihre enge Anbindung an das Original. Sie blieb lange für Europa eine der Hauptquellen für die Kenntnis aller mit dem Koran zusammenhängenden Fragen.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Einer der Hervorragendsten war Ephraim Lessing mit seiner Ringparabel. Nathan der Weise.“ Diese Parabel von den drei Ringen, die die drei Religionen darstellen, gilt als ein Schlüsseltext der Aufklärung und als akzentuierte Formulierung der neuen Toleranzidee.

Aber besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

Aber wie ist es zu seiner außerordentlich positiven Einstellung gekommen, seiner inneren Anteilnahme für diese Religion, für die Muslime und besonders für den Propheten Muhammad? Hier halte ich mich an das hervorragende Buch „Goethe und die arabische Welt“ von der Germanistin Katharina Mommsen.

Sie schreibt: Goethe hatte ein tiefes persönliches Verhältnis zum Islam, darum gehen seine Aussagen über diese Religion in ihrer provokatorischen Gewagtheit weit über alles bisher in Deutschland Dagewesene hinaus. Seine innere Beziehung kam dadurch zustande, weil ihm die Hauptlehren des Islam mit seinen eigenen Ideen und Glauben übereinstimmend erschienen. Seine „Dichtung und Wahrheit“ gibt Bericht, dass Goethe schon von Kindheit an nach einer ihm zusagenden Religion gesucht hatte, die er im Islam fand. Diese Hauptlehren waren: die Lehre von der Einheit Gottes, die Überzeugung, dass Gott sich in der Natur offenbare und dass Er durch verschiedene Abgesandte spricht, das Abweisen von „Wundern“ und die Auffassung, dass Religiosität sich in wohltätigem Wirken erweisen müsse. All diese innerlichen Übereinstimmungen schufen ein Verwandtschaftsgefühl besonderer Art, zu der er sich hingezogen fühlte.

Ich zitiere hier aus dem oben genannten Buch: „Besonders aufschlussreich für Goethes religiöse Haltung absoluter Ergebenheit in den Willen Gottes ist der autobiografische Aufsatz „Sankt Rochus-Fest zu Bingen“, der einen Bericht von der Rheinreise 1814 enthält. Hier legt Goethe in allem, was er zum Lob des christlichen Heiligen sagt, eigene religiöse Überzeugungen nieder, und diese eigene Religiosität wiederum hat erstaunliche Ähnlichkeit mit islamischer Frömmigkeit. Er bringt das Lob des heiligen Rochus in Verbindung mit einem Gedanken, der eine seiner Hauptmaximen geworden ist. Es ist der islamische Gedanke von der unbedingten Ergebenheit in den Willen Gottes, der auch Goethes Denken und Handeln bestimmte.“

Schon der junge Goethe brachte seine Bewunderung für den Propheten Muhammad in den erhaltenen Fragmenten des „Mahomed“ zum Ausdruck. Er lehnt sich in seinen Werken sogar an einzelne Suren des Korans an, zum Beispiel diente die 6. Sure als Vorlage in der Anfangs-Hymne der Fragmente der „Mahomed- Tragödie“.

In dem Preislied „Mahomeds Gesang“ wird sein Wirken als eine geniale religiöse Persönlichkeit dargestellt durch die Metapher des Stroms. Das Gleichnis dient zur Schilderung der von kleinsten Anfängen ausgehenden, dann ins Riesenhafte wachsenden geistigen Macht, ihrer Ausweitung und Entfaltung, mit dem glorreichen Abschluss der Einmündung in den Ozean, der hier zum Symbol des Gottes wird. Muhammad reißt seine „Bruderquellen“ mit sich fort und befruchtet somit Länder und Städte. Nach Goethes Vorstellung ist dieser befruchtende Fluss als ein Symbol für das Leben und Wirken des Propheten Muhammed zu sehen.

Am bekanntesten ist sicherlich Goethes „Ost-West-Divan“, der eine tiefe Einsicht in Gott und Seinen Propheten Muhammad aufweist. Er war fasziniert von der Sprache des Korans, bekannte sich mit seiner Überzeugung in seinen Gedichten, dass Gott sich in der Natur, in Seiner Schöpfung offenbare und bestätigte in seinen Gedichten im „Ost-West-Diwan“ die Einheit Gottes. Damit geht Goethes positive Einstellung weit über alles Bisherige in Deutschland hinaus.

In seinem „Ost-West-Diwan“ ehrte er die muslimischen Dichter, stellte sie in Augenhöhe mit den europäischen Dichtern.

Im West-Östlichen Diwan ist das Gedicht zu finden:

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Goethe sagte zum Ende seines Lebens: „Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche.“ (Eckermann, 11.3.1832)

Goethe hat viel Aufklärungsarbeit in seinen Gesellschaften getan. Aus Handschriften im Weimarer Archiv kann man lesen, dass er sich ab 1771/72 intensiv mit Koran-Studien beschäftigt hatte. Er las sogar der Herzogfamilie wie auch anderen Gesellschaften aus dem Koran vor. Schiller berichtete darüber später. Er studierte arabische Handbücher, Grammatiken, lernte sogar Arabisch schreiben, las Bücher über die Lebensgeschichte des Propheten Muhammad. Unter Anderem besuchte er ein Freitagsgebet von Muslimen der russischen Armee des Zaren Alexander, was im Protestantischen Gymnasium in Weimar 1814 durchgeführt wurde. In einem Brief an seinen Sohn fügte er hinzu: „Mehrere unserer religiösen Damen haben sich die Übersetzung des Korans von der Bibliothek erbeten.“

Er schreibt 1816 über sich: „Der Dichter (Goethe selbst) lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei.“ An vielen Stellen in seinem „West-Östlicher Divan“ macht er keinen Hehl daraus, dass er sich als Muslim sieht.

In zwei Gedichten des Diwans schreibt er:

Närrisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.

 Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag´ ich nicht!
Dass er das Buch der Bücher sei
Glaub ich aus Mosleminen-Pflicht.

Stets war Goethe bemüht, die verschiedenen Religionsgemeinschaften näher zu bringen. Man sollte nicht aneinander vorbeireden, sondern miteinander handeln, egal, zu welcher Religion man gehöre.

Im Portal der „Qantara“ ist von Melanie Christina Mohr zu finden: 1817 verkündet er (Goethe) den Vorschlag, religiöse Feste miteinander zu feiern und in diesem Rahmen alle Konfessionen zu vereinen. Das Fest der reinsten Humanität sollte zum Ziel haben, dass man einander nicht fragt, welcher Gemeinschaft man zugehörig ist, sondern ausschließlich, vereint im Glauben oder auch Unglauben zu Gott, die Vielfalt zelebrieren.

Die Germanistin Katharina Mommsen meint, dass Goethe über den Zeitgeist hinaus eine persönliche Neigung zum Islam verspürte, weil er mit dessen Hauptlehren wie Schicksalsergebenheit und Offenbarung Gottes in der Natur innerlich übereinstimmte. Sie zitiert den 70-jährigen Goethe, als seine Schwiegertochter schwer erkrankt: „Weiter kann ich nichts sagen, als dass ich mich auch hier im Islam zu halten suche.“ Ähnliche Zeugnisse gibt es aus allen Lebensphasen.

Für den Islamwissenschaftler Peter Anton von Arnim sind „Faust“ und „Ost-West-Diwan“ geradezu Dokumente einer Öffnung zur Welt, einer Art, Globalisierung des Denkens‘. Goethe habe sogar eine reichhaltigere Vorstellung des Islam gewonnen, als sie heutigen Muslimen vermittelt werde.

Auf einem Sommerkurs 2002 wurde von Arnim die Frage gestellt: „Die Beschäftigung mit Goethe wäre andererseits auch für die hier lebenden Muslime lehrreich?“

Er sagte: „Ich denke, Goethe gibt auch Muslimen in Deutschland die Möglichkeit, ein Islambild zu entwickeln und zu verteidigen, das ihnen vielleicht gar nicht so bekannt ist. Und zwar weil im Laufe der Jahrhunderte der Islamunterricht, die Weitergabe des Islam durch die Schriftgelehrten, immer mehr erstarrt ist und die heutigen Muslime gar nicht mehr den Zugang haben zu dem Reichtum des Erbes.

Wenn heute jemand über Flüchtlinge und deutsche Leitkultur spricht, dann würde ich ihm raten, zuerst mal die deute Geschichte und ihre Literatur besser kennenzulernen. Goethes West-östlicher Divan ist ein hervorragendes Werk des Dialogs.

Und so bitte ich Gott, den Gott der drei abrahamischen Religionen, diesen Dialog zu unterstützen und zu fördern. Amen

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