Freitagspredigt vom 27.04.2018

Unerschaffen- oder doch erschaffen?

Bald beginnt wieder die Zeit des Ramadans, in dem die koranische Offenbarung vor Jahrhunderten ihren Anfang hatte, von Gott zu den Menschen herniedergesandt wurde.

Der Koran ist ein Kanal der Kommunikation zwischen Gott und Mensch.

Er ist, nach der von allen Muslimen akzeptierten Meinung, die Rede Gottes, die über einen Zeitraum von 23 Jahren dem Propheten Muhammad (alaihi-s-Salatu wa-s-Salam – auf ihn seien Segen und Friede), in der arabischen Sprache geoffenbart wurde.

Was bedeutet also die ‚Rede Gottes?‘ Der Koran gibt selbst die Antwort. Sehen wir uns die Sure 18:109 an. „Sprich: Wäre das Meer Tinte für das Wort meines Herrn, wahrlich, das Meer würde versiegen, ehe die Worte meines Herrn zu Ende gingen, …“. In Sure 31:27: „Und wenn alle Bäume, die auf der Erde sind, Schreibrohre wären und der Ozean Tinte und sieben Ozeane würde sie mit Nachschub versorgen, selbst dann könnte Allas Worte nicht erschöpft werden.“ Das betont die Unendlichkeit der Worte von Gott. Und wenn die Worte nicht ausgehen, unendlich sind, dann kann der Koran nur eine bestimmte Verlautbarung des Gotteswortes sein, das bedeutet: der Koran in seinem Umfang als Text ist begrenzt.

Aber der Koran bezeichnet sich an einigen Stellen selbst als ‚Rede Gottes‘. Steht also doch der Koran und Gottes Wort auf gleicher Ebene?

Fast solange der Koran existiert, solange hat man über ihn diskutiert. Anfang des 8. Jahrhunderts verkündete al-Dschaʿd ibn Dirham zum ersten Mal für die damalige Zeit seine „ketzerischen“ Ideen von der „Erschaffenheit des Korans und wurde ebenso wie sein Schüler Dschahm ibn Safwān (gest. 746) hingerichtet.

Andererseits soll der Gelehrte Sufyān ath-Thaurī aus Kufa (gest. 778) seine ʿAqīda, den Glaubensgrundlagen, mit dem Glaubenssatz begonnen haben: „Der Koran ist die Rede Gottes, ungeschaffen, von ihm nahm er seinen Anfang und zu ihm kehrt er zurück.“ Wahrscheinlich war das auch die Meinung der muslimischen Bevölkerung. Also 2 Meinungen!

Im 9.Jahrhndert kam es zur sogenannten „Inquisition der Erschaffenheit des Koran“. Mit dieser Lehre stellten sich viele Gelehrte gegen die von anderen muslimischen Gelehrten vertretene Position, wonach der Koran als Rede Gottes präexistent ist, also bereits von aller Ewigkeit her existiert. Der Lehrsatz von der Erschaffenheit des Korans wurde sogar zeitweise zur Staatsdoktrin erhoben, während diejenigen, die sie ablehnten, im Rahmen der Mihna (Prüfung) verfolgt wurden.

Der abbasidische Kalif al-Ma’mūn, der zu dieser Zeit herrschte, schrieb in einem Brief an seinen Gouverneur von Bagdad „Die Menge und große Mehrheit von den Untertanen und das niedrigstehende Volk, die nicht nachdenken und überlegen, und nicht die Argumente und die Rechtleitung nutzen, die Gott zur Verfügung stellt, und nicht durch das Licht der Wissenschaft erleuchtet sind, […] stellen Gott und den Koran, den er herabgesandt hat, auf die gleiche Stufe. Sie stimmen alle darin überein, dass er anfangsewig ist, vom ersten Augenblick an existiert und Gott ihn weder erschaffen, hervorgebracht oder erzeugt hat.“

Es standen demnach zwei gegensätzliche Theorien der Natur des Koran gegenüber: entweder in der Zeit erschaffen, also eine Botschaft in der Zeit hervorgebracht und als göttliche Tat erschaffen oder als eines der göttlichen Attribute, die ja zeitlos und ewig gelten.

Was war geschehen? Es stritten sich im 9. Jahrhundert zwei Richtungen, die rationalistisch ausgerichtete Schule der Mu’taziliten und die Sunniten um Ahmad ibn Hanbal, der auf der Vorstellung bestand, dass der Koran das ewige und unerschaffene Wort Gottes sei. Das Verhältnis der Wesensattribute zum Wesen Gottes war also ein Streitpunkt zwischen den verschiedenen Schulen. Noch heute wird im sunnitischen Islam hanbalitischer Prägung die Lehre von der Erschaffenheit des Korans als häretisch, das heißt ketzerisch abgelehnt und natürlich die anderen Hauptströmungen.

Was sind nun die Handlungs- und Wesenseigenschaften?

Die Handlungsattribute werden von den Wesensattributen anhand von zwei Merkmalen differenziert.

Erstens: Die Wesensattribute sind mit dem Wesen- also Gott identisch und damit unendlich; die Handlungsattribute sind, weil sie Gegensätze zulassen, endlich. Gott hat sich die Barmherzigkeit selbst auferlegt. Meines Erachtens ist sie demnach keine Eigenschaft, die schon immer währte. Sonst bräuchten wir ja nicht um seine Barmherzigkeit bitten. Gott existierte ja, als Er sich die Barmherzigkeit auferlegt hatte.

Zweitens: Die Wesensattribute sind so ewig wie das Wesen. Sie werden einerseits mit der Wesenheit Gottes selbst als eine unteilbare Einheit definiert bzw. damit identifiziert und sind dem Wesen nicht überflüssig. Die Handlungsattribute werden von den Taten bzw. Handlungen vorausgesetzt. Mit anderen Worten: Die Wesenseigenschaften Gottes sind ewige Eigenschaften, welche nur die Wesenheit Gottes voraussetzen. Es sind Eigenschaften der Vollkommenheit, die Gott in seiner Existenz unbedingt bedarf, z.B. Eigenschaften des Lebens, des Wissens, der Allmacht, Ewigkeit.

Tateigenschaften oder Handelseigenschaften müssen existieren, um Gott beschreiben zu können. Ein Beispiel: Die Schöpfung erfüllt die Voraussetzung dafür, um Gott als Schöpfer, al-Khaliq, auszuzeichnen.

Nasr Hamid Abu Zaid schreibt in seinem Buch „Gottes Menschenwort“: Die Theorie der Mu’taziliten im 9.Jahrhundert über das Verhältnis zwischen Mensch, Sprache und dem Korantext konzentriert sich auf den Menschen als Adressaten des Textes. Sie suchten eine Brücke zwischen der Vernunft des Menschen und Gotteswort. Sie betrachteten den Text des Korans als eine von Gott erschaffene Handlung, nicht als seine ewige und wörtliche Äußerung. Sie sahen das Gotteswort also nicht als eine Wesenseinheit an, sondern als ein Attribut der Erschaffenheit, während die Hanbaliten genau das Gegenteil behaupteten. Hanbal soll sich geäußert haben: „Nichts von Gott ist erschaffen, und der Koran ist von Gott“

Mit anderen Worten: Die Mu‘taziliten vertraten die Meinung, dass der Koran zeitlich sei, also erschaffen. Er gehöre nicht zu den Attributen des ewigen göttlichen Wesens. Der Koran ist die Rede Gottes, das heißt, eine Rede ist eine Tat und keine Eigenschaft, folglich gehöre er zu den Tatattributen und nicht zu den Wesensattributen. Nach den Mu‘taziliten benötigt die Rede die Existenz eines Angesprochenen, zu der gesprochen werden kann. Würde die Rede ewig sein, müsste also Gott sich an jemanden wenden, der noch gar nicht existieren würde. Denn ein Wesensattribut ist ewig und bedarf nicht die Existenz einer Welt bzw. der Existenz eines Angesprochenen. Solche Wesenseigenschaften sind Wissen, Macht, Ewigkeit, Leben.

Die Mu‘taliziten meinten, Gott sei wissend durch sein Wesen, hörend durch sein Wesen, mächtig durch sein Wesen. Um Dinge zu wissen, zu hören, braucht Gott keine Eigenschaft, denn alles, was es zu verstehen, zu wissen, zu hören usw. gibt, weiß Gott durch sein Wesen.

Auch die Ibaditen im Maghreb übernahmen die Lehre von der Erschaffenheit des Korans, während im Oman, einem anderen Zentrum der Ibaditen noch im 12, Jahrhundert noch die Meinung über die Unerschaffenheit herrschte. Heute besteht unter den Ibaditen ein Konsens über die Erschaffenheit des Korans.

Ist nun die wohlverwahrte Tafel, oder der Thron, Gottes Stuhl ewig und zeitlos? Wenn das so wäre, würden die Wesensattribute zunehmen. Wenn aber die Tafel in der Zeit erschaffen wurde, dann kann der Text auf der Tafel nicht ewig und unerschaffen sein. So muss man davon ausgehen, dass auch der auf ihr niedergeschriebene Koran erschaffen wurde.

Wenn man sich im Gegenteil für den ewigen Koran entscheidet, so bedeutete das, dass jedes einzelne Geschehen, welches im Koran geschildert wird, vorherbestimmt war. Es bedeutet ein striktes Festhalten an der wörtlichen Bedeutung des Korantextes. Das bedeutet, Aisha musste unbedingt ihre Kette verlieren, um zu den folgenden Ereignissen zu kommen. Oder die Heuchler, die im Koran beschrieben wurden, hatten ja keine andere Wahl als zu heucheln. Das bedingt dann auch, dass sie keine Verantwortung über ihr Heucheln tragen, es ist ja vorhergesehen. Aber wir werden eines fernen Tags doch zur Verantwortung gezogen! Irgendetwas stimmt also meines Erachtens nicht mit der Ewigkeit des Korans. Der Koran ist eine Botschaft und Botschaften sind als einen Text zu betrachten, zumal die chronologische Herabsendung nicht mit der heutigen Struktur des Textes übereinstimmt.

Mohammed Arkoun, ein algerisch-französischer Philosoph und islamischer Gelehrter, 2010 gestorben, meint, die islamische Vernunft sei seit Jahrhunderten durch intellektuelle Ohnmacht, schablonenhaftes Denken und Trägheit bestimmt, die letztlich zu einer Abschaffung jeglicher Freiräume für Kritik geführt hätten. Mit seinem Buch: „Kritik an der islamischen Vernunft“, welches leider noch nicht in Deutsch gibt, verfolgt Arkoun schließlich das Ziel, den Islam mutig und kompromisslos auf alle fehlerhaften Erkenntnisse, Legenden, Parolen und Visionen zu untersuchen, ohne dabei herablassend zu sein.

Ibn Ruschds Aussage über den Koran lautet: „Der Koran ist die Wahrheit selbst, durch ein göttliches Wunder entstanden. Dass er alle Menschen gleichzeitig ansprechen kann, beweist, dass es durch ein Wunder entstanden ist. Der Koran hat eine äußerliche und symbolische Bedeutung für die Ungebildeten und eine innere verborgene Deutung für die Gebildeten.“

Auch für ihn war also der Koran geschaffen.

Muhammad Shahrur meint in seinem 1990 erschienenen Standardwerk: „Die Schrift und der Koran. Eine zeitgenössische Lesung“: „Nur Gottes Wort ist absolut.“ „Der Koran stelle das ‚Siegel der Bücher‘ dar, enthalte also die letzte und endgültige der drei Offenbarungsreligionen. Der Koran beinhalte die absolute Wahrheit Gottes. Diese könne allerdings vom Menschen nur relativ verstanden werden. Daher könne das jeweilige Koranverständnis einer bestimmten Zeit nur für diese Zeit gelten.“ Das heißt: Der erschaffene Koran lässt sich historisch, also zeitgemäß lesen und verstehen. Bei einem unerschaffenen Koran geht das nicht.

Die meisten fortschrittlichen und liberalen Islamwissenschaftler unserer Zeit im arabischen Raum wurden leider wegen ihrer Gedanken Repressalien unterworfen oder ihrer Ämter enthoben.

Und meine Meinung?

Als ich Muslima wurde, bin ich immer wieder über ein Wort gestolpert: ‚Taqwa‘, es wurde damals mit ‚Furcht‘ übersetzt.

Ich konnte das nicht begreifen: Warum soll ich Gott fürchten, wenn ich ihn liebe? Diskussionen darüber waren nicht in meinem Sinn, bis ich eine gute Erklärung bekam: Gottesbewusstsein. Ja, ich bin mir Gottes bewusst, spreche mit ihm, versuche das gut zu machen, was er von mir erwartet. Das heißt: Wenn ich im Koran lese und über das Gelesene nachdenke, mache ich mir meine eigenen Gedanken, beziehe es auf heute und auch auf mich und der Gemeinschaft. Das kann ich aber nicht, wenn ich davon ausgehe, dass der Koran unerschaffen wäre. Die Worte wären ja sinnbildlich in Stein gemeißelt. Nur nicht daran rütteln! Da kann ich nichts auf mich und auf heute beziehen. Aber Gott verlangt in vielen Versen oder Parabeln, dass ich lerne, auch aus den Begebenheiten von vor 1400 Jahren, die der Koran beschreibt, lerne und anwende. Bei historischen Inhalten von damals stelle ich mir die damalige Situation vor und sehe es auch von der heutigen Warte aus und ziehe meine Lehren daraus. Natürlich beachte ich auch verständige Kommentierungen von Gelehrten, die ich zum Verständnis des Korans heranziehe. Also ist für mich der Koran erschaffen.

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