Freitagspredigt vom 22.09.2017

von Awhan (Christian Hermann)

Frohes neues Jahr!

Das habe ich bislang nur einmal alle 365 Tage gehört, in der Silvesternacht, beim Jahresübergang des Gregorianischen Kalenders.

Doch jetzt ist – zusammen mit dem Islam – ein zweiter Neujahrstag in mein Leben gekommen. Der heutige Tag markiert den Beginn des Jahres 1439 des islamischen Kalenders. Und er war und ist damit der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Dingen, denen ich mich heute hier widmen möchte.

Heute ist der erste Tag des Monats Muharram, des ersten Monats im islamischen Kalender. Muharram ist einer der vier heiligen Monate des Jahres, in denen jede Form von Konflikt, Streit und Krieg im Islam verboten ist. In diesem Monat sind alle gläubigen Musliminnen und Muslime dazu angehalten, sich aufrichtig und aktiv zu bemühen, miteinander friedvoll auszukommen.

Schon in der vorislamischen Zeit verstanden die arabischen Stämme und Völker die besondere Bedeutung von Muharram. Es war ihnen in dieser Zeit nicht erlaubt, Krieg gegeneinander zu führen. Sogar der Name „Muharram“ bedeutet „verboten“. Es liegt auf der Hand, dass die Wichtigkeit dieses Monats durch die Ereignisse in der islamischen Geschichte nur noch bedeutender wurde.

Nach Ramadan ist Muharram der heiligste der Monate, auch und gerade, weil sein Beginn ein besonderes Ereignis innerhalb der islamischen Geschichte markiert. Denn heute, am ersten Muharram, gedenken wir des Tages, an dem Prophet Mohammed (saw) seine Auswanderung von Mekka nach Medina begann. Unser Prophet und seine Gefolgsleute waren in Mekka mit dem Tod bedroht worden und mussten fliehen, um in Sicherheit zu kommen.

So wie für uns der Beginn des neuen Jahres ein Start in einen neuen Abschnitt unseres Lebens ist, so war der sogenannte Hidschra – der Exodus des Propheten Mohammed (saw) und seiner Leute – der Beginn eines neuen Kapitels im Leben dieser Menschen. Sie hatten die Hoffnung auf eine bessere und vor allem friedvolle Lebenssituation. Auf diesen Aspekt werde ich später zurückkommen.

Viele außergewöhnliche Ereignisse trugen sich in den ersten Tagen des ersten Monats unseres religiösen Jahres zu. In dieser Zeit war die Sintflut, die Prophet Noah und seine Arche durch Gottes Willen überlebten. In dieser Zeit vollzog sich der Exodus des Volkes Israel aus Ägypten unter Führung von Prophet Moses. In dieser Zeit prüfte Gott den Propheten Hiob mittels Krankheit und Schmerzen.

Der zehnte Tag des Monats Muharram ist überdies noch bedeutsamer. Dieser Tag wird „Ashura“ genannt, abgeleitet vom arabischen Wort „ashara“, dem Zahlwort für die Nummer Zehn.

Am Ashura-Tag ereigneten sich für die Beteiligten jeweils umwälzende Geschehnisse. An Ashura erreichte die Arche von Propheten Noah wieder festen Grund an einem Bergrücken in der heutigen Türkei. An Ashura teilte Gott für Moses das Rote Meer, um die endgültige Flucht der Israeliten vor den Ägyptern zu vollenden. Und an Ashura heilte Gott Hiob für seine Glaubenstreue.

In den verschiedenen Ausprägungen des Islam haben Muharram und Ashura zudem noch weitere, unterschiedliche Bedeutungen. Mancherorts wird der Jahreswechsel freudig gefeiert, unter den schiitischen und alevitischen Musliminnen und Muslimen beginnt mit dem neuen Jahr eine Trauer- oder sogar Fastenzeit. Der rituelle und kulturelle Umgang mit dieser Zeit des islamischen Jahres ist sehr vielfältig und wirkt oftmals – aus einer Perspektive von außen – mitunter widersprüchlich. Bei allen unterschiedlichen, manchmal sogar barbarisch anmutenden Bräuchen und Handlungen ist das verbindende Element all dieser Dinge sicherlich die Ernsthaftigkeit, mit der die Gläubigen sie begehen.

Es gab jedoch ein Ereignis am Ashura-Tag innerhalb der islamischen Geschichte, das immense Auswirkung auf die gesamte Gemeinschaft hatte. Am 10. Oktober des Jahres 680 gregorianischer Zeitrechnung kam es im Gebiet des heutigen Iraks, in Kerbela, zu einer Schlacht zwischen Hussein, dem Enkel von Prophet Mohammed (saw) und dem Kalifen Yazid I.

Die Schlacht von Kerbela führte zum Tod von Hussein und seinen Gefolgsleuten, doch sie hatte darüber hinaus noch viel weiterreichende Auswirkungen. Denn sie bewirkte, dass der Bruch zwischen den Sunniten und den Schiiten endgültig wurde und fortan dieses Ereignis auch zur Rechtfertigung von Gewalt, Krieg und Terror herangezogen wurde und wird. In der Folge töteten Angehörige beider Ausprägungen einander immer und immer wieder.

Ich werde die Bilder einer TV-Dokumentation vielleicht niemals vergessen. Das Kamerateam besuchte eine Moschee nach einem Selbstmordanschlag, bei dem Dutzende Menschen während des Freitagsgebets durch eine Sprengstoffexplosion getötet wurden, vor den Augen des Imams, der gerade die Chutpa hielt. Die Explosion hinterließ einen Krater im Betonboden, an den Wänden war überall noch Blut zu sehen. Der Imam überlebte unverletzt diesen Terrorakt, der aufgrund der anhaltenden Auseinandersetzungen in der islamischen Welt zwischen Sunniten und Schiiten stattgefunden hatte.

PAUSE

In den letzten Jahrzehnten wurde Muharram und speziell der Ashura-Tag immer wieder zu Gewalt und Anschlägen genutzt. In einem Monat, der ein heiliger Friedensmonat sein soll für die gesamte Ummah. In einem Monat, in dem alle Gläubigen dazu angehalten sind, Streit und Krieg jeglicher Art ruhen zu lassen.

Das hinterlässt viele von uns ratlos, sorgenvoll und vielleicht auch mit Angst vor der Zukunft. Einige fragen sich: Wie kann Gott all diesen Hass und diese Gewalt zulassen?

Aber Gott hat uns bereits offenbart, wie wir mit diesen Fragen und Gedanken und Konflikten umgehen sollen.

Es gibt eine Legende, dass nach dem Ende der Sintflut die von Noah geretteten Menschen ein Festmahl kochen wollten, aus Dankbarkeit an Gott über ihre Rettung. Doch sie hatten nur wenige Vorräte und auf der Welt gab es nichts, was sie zur Essenszubereitung nutzen konnten.

Also nahmen sie, was da war.

Gott aber vermehrte das, was sie gekocht hatten, so dass sie alle üppig essen konnten.

Diese Geschichte ist der Ursprung, warum so viele Menschen in der muslimischen Gemeinschaft, auch und gerade die Aleviten, zum Ashura-Tag eine Speise namens „Ashure“ kochen und es mit so vielen Menschen wie möglich teilen.

Ist das ein Weg, wie wir umgehen mögen mit den schlimmen Ereignissen der Welt, speziell mit den Auswirkungen der Schlacht von Kerbela innerhalb unserer Gemeinschaft?

Ein pragmatisches Vorgehen? Wir nehmen, was da ist, machen daraus eine lebensnotwenige Sache und teilen sie?

Aber was soll dann unsere Entsprechung zu der Ashure-Speise sein? Was sollen wir erschaffen, das grundlegend und essenziell wichtig ist – und das den Streit und den Zwist und die Gewalt und den Krieg aufhebt?

Wir wollen uns kurz erinnern, wofür der Beginn des neuen Jahres steht. Unser Prophet Mohammed (saw) ist durch seinen Gang nach Medina in eine sichere und friedliche Umgebung gezogen.

Und auch andere Propheten vor ihm haben das getan oder erlebt. Noah hat mit dem Start des neuen Jahres einen neuen Bund zwischen Gott und den Menschen initiiert, und außerdem an Ashura festen Boden und damit Sicherheit für seine Leute erreicht. Moses durchquerte das Rote Meer und brachte seine Leute in Sicherheit, in eine Zeit ohne Sklaverei und Verfolgung. Und Hiob wurden durch sein Vertrauen in Gott Leid und Schmerz erlassen.

Wir sind heute hier zusammen, weil Freitag ist und ein neues Jahr beginnt. In Vertrauen auf Gott haben wir einen Ort geschaffen, der zur neuen Heimat vieler gläubiger Menschen wurde und noch werden wird. Einen Ort, an dem Frieden herrscht: zwischen den Geschlechtern, zwischen den islamischen Ausprägungen und ja, auch grundsätzlich zwischen den Menschen.

Denn ich habe noch nie eine Gruppe von Menschen erlebt, die so wohlwollend und zugewandt und friedvoll miteinander umgehen. In der so wenige Missverständnisse entstehen. Und in der diese wenigen Missverständnisse zu keinerlei Streitigkeiten und Brüchen zwischen Menschen führen.

So wie die Menschen nach der Sintflut sind wir hier eine Gemeinschaft. Vielfältig zwar in vielerlei Hinsicht. Aber trotz, oder besser, wegen dieser Unterschiedlichkeit verfolgen wir ein wunderbares Ziel: Das friedliche tolerante Zusammenleben von Menschen im verbindenden und – wie Hiob – vertrauenden Glauben an Gott.

Heute feiert nicht nur unsere Religion das Neujahrsfest, sondern auch das Judentum beginnt ein neues Jahr. Das ist eine bemerkenswerte Verbindung unserer Religionen an diesem Tag. Und so, wie alle Musliminnen und Muslime im Monat Muharram aufgefordert sind, Frieden zu halten, sind wir angehalten, den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Juden überall auf der Welt etwas entgegenzuhalten: Die Einigkeit.

Gott hat den Menschen erschaffen. Sein Bund mit den Menschen ist unser aller Bund, nicht nur mit uns Muslimen. Vor Gott sind wir alle Menschen und daher gleich.

Also lasst uns einfach das fortsetzen, was wir seit einigen Monaten hier tun: Wir haben hier einen sicheren Hafen für Menschen erschaffen. Wir verbinden uns hier an diesem Ort im interreligiösen Dialog mit unseren Brüdern und Schwestern in den anderen abrahamitischen Religionen. Wir beten hier und gehen in die Zwiesprache mit unserem Schöpfer. Und an diesem Jahresstart erinnern wir uns daran, ein neues und gutes Kapitel in unserem Leben aufzuschlagen. Nicht nur einmal im Jahr, zu Neujahr oder zu Ashura oder zum Opferfest. Sondern jeden Tag aufs Neue.

Die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit eint uns in diesem Unterfangen. Der integre und liebevolle und offene Umgang mit unseren Schriften, mit den Begegnungen in der Natur und mit der Zwiesprache mit Gott.

Unser Weg zur Auflösung von jeder Form von Streit und Zwist und Gewalt und Krieg ist also:

ein frohes neues Jahr,

jeden Tag aufs Neue.

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