Freitagspredigt vom 22.06.2018

Der Umgang mit Trauer und Leid

Eines unserer Gemeindemitglieder hat einige Khutbas über menschliche Gefühle gehalten. Hier soll sich auch meine heutige Khutba einreihen. Es gab eine Khutba über den Humor und das Lachen, eine über das Zweifeln, und eine über das Glück. Heute spreche ich über das Gefühl vonTrauer und Leid. Wenn es uns befällt, heißen wir es nicht willkommen und zuweilen macht es unser Leben geradezu unerträglich. Der Sinn des Leidens entzieht sich uns meist ganz und gar.

Aber dürfen Muslime überhaupt leiden und trauern? Wenn doch alles von Gott kommt, soll es nicht mit Freude angenommen werden? Wir sagen, alles ist vorbestimmt, alles schon geschrieben, die Tinte ist schon getrocknet. Dennoch leiden wir.

Bei meinem letzten Urlaub im Libanon wollte ich einer lieben Familie in der Türkei einen kleinen Besuch abstatten, die Kinder freuten sich auf mich, so wollte ich schnell einen Flug oder eine Fährüberfahrt buchen – aber das Ganze zerschlug sich, und so saß ich im Reisebüro und weinte bitterlich. Meine Freundin, wie ich Muslima, sagte nur: Hör auf so herum zu heulen – das ziemt sich nicht für Muslime. Und die Männer meiner Generation haben es auch so gelernt: Jungen weinen nicht, zeigen keine Gefühle (und alle Ehefrauen denken sich, „na prima…mein Mann kann keine Gefühle zeigen…“).

Wir leiden, wir trauern, wir sind traurig.

Das Wort Trauer kommt aus dem Althochdeutschen von „Druren“ oder „Truren“, was so viel bedeutet wie betrübt sein, ernst, oder nachdenklich sein. Das hilft uns nicht wirklich weiter. „Leid“ kommt von Lyt und ist ein altes indogermanisches Wort für „widerwärtig“. Das ist es in der Tat.

Die Liste dessen, worunter wir leiden, ist vielschichtig. Neben deutlichen körperlichen Leiden wie einem gebrochenen Bein, dem Verlust der Sehkraft und derlei schweren Krankheiten gibt es viele, viele andere Arten von Leid. Hier im Moscheeregal steht ein Buch, das ausgiebig erzählt über das Leiden der Liebe. Wir kennen das Leid der Sehnsucht, das leid der Eifersucht, das Leid der Einsamkeit, das Leid unerfüllter Erwartungen bezüglich unserer Eltern, Kinder, Lebenspartner, das Leid des realen Verlassenseins durch den Tod unserer Liebsten, vielleicht das Leid anderer und unserer Selbst im Krieg, das Leid der Erinnerung und der Scham über Handlungen, die wir besser unterlassen hätten, oder solche, die wir hätten ausführen sollen. Es gibt das Leid, wenn wir andere verletzen müssen, um uns selbst treu zu bleiben; das Leid, nicht verstanden zu werden in unseren Bedürfnissen oder Wünschen; das Leid, das aus Missverständnissen entsteht, oder daraus, dass man uns nicht richtig zuhört. In der Tat endlos ist die Liste. Wenn es uns ereilt, umfasst uns das Leid ganz und gar, Körper und Seele zusammen. Es hüllt uns manchmal in Wut, manchmal in Trauer und ist keineswegs nur ein seelischer Zustand, sondern auch ein körperlicher. Kopf- und Bauchweh, Magenschmerzen, es packt uns an den verschiedensten Stellen des Körpers, wo wir es nicht nur im Moment empfinden, sondern es auch gespeichert wird. Der Körper als Aufbewahrungsort des Leids kann daran zerbrechen. Es ist keine romantische Vorstellung, dass Ehepartner nach dem Sterben des geliebten Partners ebenfalls das Zeitliche segnen, sondern oft Realität. Sie sterben an Einsamkeit und zerbrochenem Herzen.

Psychologie Heute schreibt:

„Der schmerzhafteste Verlust überhaupt ist der eines geliebten Menschen. Es ist der emotionale Super-GAU. Auf einer Stressskala „krisenhafter Lebensereignisse“ ist der Tod eines (Ehe)Partners das Maß aller Dinge – mit dem Maximalwert 100. Der zweithöchste Wert ist eine Scheidung (73 Punkte)….Kein Wunder, dass wir das mit diesen Verlusten verbundene Gefühl scheuen. Wir wollen nicht einmal daran denken. Selbst die Trauer anderer beunruhigt und verstört uns oft.“

Auch Kinder leiden natürlich und werden genau wie Erwachsene von ihrem Leid ganz eingenommen. Bei meiner Arbeit in der Grundschule erlebe ich das immer mal wieder. Manchmal kommt es vor, dass ein Kind, das eigentlich schon ganz gut lesen konnte, plötzlich die Buchstaben vergessen zu haben scheint. Es kann sich irgendwie nicht mehr daran erinnern, wie man sie ausspricht, zusammenzieht, zu Wörtern verbindet, Sinn daraus entnimmt…. Wenn ich dann bei den Eltern nachfrage, ob es irgend etwas zu erzählen gibt, berichten sie mir Dinge wie, „Der im letzten Jahr abrupt fortgezogene Vater hat einen Besuch angekündigt. Oder die große Schwester ist ausgezogen. Eigentlich haben solche Ereignisse immer mit einem Gefühl des Verlusts und der Einsamkeit zu tun. Sehnsucht macht uns traurig und bewirkt eine Unfähigkeit zu lernen, eine Unfähigkeit, das Schöne und Gute um uns herum wahrzunehmen, und auch nur momentweise glücklich zu sein.

Denken wir mit Mitgefühl an die vielen Menschen, die ihre Familien verlassen mussten, ihre Kinder, ihre Freunde, ihre Geliebten, um ihr Leben zu retten.

Manchmal leiden wir Erwachsene mit Absicht.

Der Fastenmonat Ramadan ist zum Kollektivleiden auserlesen. Wir hungern und dürsten, nicht zuletzt, um uns gewahr zu werden, was es für Körper und Geist bedeutet, nicht ausreichend ernährt zu werden. Die schönen Dinge des Lebens werden schwierig oder unmöglich, weil uns die Kraft dazu fehlt. Wir leiden, um zu lernen.

Die Schiiten leiden in der Ashura und erinnern an die leidvollen Geschehnisse in Kerbela. Die Christen leiden von Aschermittwoch bis Ostermontag, aus Mitleid mit dem Propheten Jesus und seiner Leidenszeit.

Jede Religion, jede Kultur, hat ihre Leidenskultur.

Das selbst gewählte Leid ist zeitlich begrenzt. Auch das uns ungewollt befallende ist es meist. Dieses Wissen mag uns helfen.

Das größte Gottvertrauen müsste der Prophet Mohamed (Friede sei auf ihm) gehabt haben.

Wie ist er mit Leid und Trauer umgegangen?

Ich lese vor:

Von den Kindern seiner ersten Frau Khadijah hatte der Prophet alle verloren, bis auf seine Tochter Fatima. Sein Sohn Ibrahim von der Ägypterin Maria war sechzehn oder achtzehn Monate alt, als er an einem heftigen Fieber erkrankte. Die Krankheit des kindes dauerte nicht lange, da war sein Tod abzusehen. Als dem Propheten die Nachricht davon überbracht wurde, nahm er die Hand von AbdurRahman Ibn Auf und stützte sich wegen der Heftigkeit seines Schmerzes auf ihn, bis sie zu dem Krankenbett kamen. Dort fand er Ibrahim in den Armen seiner Mutter. Da nahm er ihn und legte ihn in seinen Schoß, küsste ihn und atmete seinen Geruch ein. Er sagte: „Oh Ibrahim, wir vermögen nichts für dich gegen den Willen Allahs zu tun.“ Dann schwieg er und weinte. Der Junge lag im Sterben. Seine Mutter und deren Schwester schrien, ohne dass der Prophet sie daran hinderte. Als der Körper kein Lebenszeichen mehr zeigte, weinte Muhamed noch mehr. Er sagte: „Oh Ibrahim, wäre es nicht die Wahrheit und ein aufrichtiges Versprechen, dass wir uns im Paradies wiederfinden, würden wir noch mehr um dich trauern.“ Nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, sagte er: „Das Auge weint, und das Herz ist traurig. Doch sagen wir nur, was unserem Herrn gefällt. Oh Ibrahim, wir trauern um dich.“ Einige Muslime versuchten, den Propheten von seiner Trauer abzubringen und erinnerten ihn, dass er sie angeblich verboten habe. Da entgegnete er: „ Nicht die Trauer habe ich verboten, sondern das Erheben der Stimme beim Weinen. Was ihr aber seht, ist Ausdruck der Liebe und des Mitleids in meinem Herzen. Und wer kein Mitleid zeigt, dem wird auch Allah kein Mitleid entgegenbringen.“

Dann blickte er die Mutter seines Sohnes an und sagte: „Er hat jetzt eine Milchamme im Paradies.“

Danach wusch Umm Buradda oder, nach einer anderen Überlieferung Al Fadi Ibn Abbas, den kleinen Leichnam, da sich Mohamed nicht dazu in der Lage sah. Er wurde von ihrem Haus auf einem kleinen Bett getragen. Der Prophet und sein Onkel Al Abbas und eine Gruppe Muslime gaben ihm das Geleit zu dem Ort, wo er begraben wurde. Dort sprach der Prophet für ihn das Totengebet. Danach befahl Mohamed, das Grab aufzufüllen. Er ebnete es mit eigener Hand, besprühte es mit Wasser, markierte es mit einem Zeichen und sagte: „Es schadet weder noch nützt es, aber es ist ein Augentrost für die Lebenden. Auch Allah liebt es, dass der Diener sein Werk vervollständigt.“ (Hadith Ende)

Das Trauern schreibt der Koran genauer vor. Es soll drei Tage stattfinden, beim Ableben aller Personen außer des Ehepartners, nach dessen Tod 40 Tage getrauert wird. Doch diese Vorgaben beziehen sich auf das nach außen getragene Verhalten. Nach drei Tagen lasse man das Leben weitergehen wie bisher, und zeige keine Tränen, doch wie lange wir im Herzen trauern, hängt natürlich von einer Fülle von Faktoren ab.

Wer traurig ist, so steht es immer wieder im Koran, der übe sich in Geduld. Die Geduld -alsabr-wird im Koran ca. 90 Mal erwähnt und immer heißt es, wer geduldig ist, dessen Lohn wird verdoppelt. Und Allah liebt die Geduldigen, die Barmherzigen.

Was hilft uns im Umgang mit unserem Leid?

Ich nenne vier Möglichkeiten, die uns helfen mögen, mit unserem Leid und unserer Trauer umzugehen.

Akzeptieren wir, dass alles vorbestimmt ist, so hilft uns dies, weil wir Gottes Hand darin erkennen und dem eine gewisse Sinnhaftigkeit entnehmen. Der einfachste Sinn dabei ist, dass wir auf diese Weise verstehen, wie sich das Leid Anderer anfühlt. Wir leiden, um andere in ihrem Leid zu verstehen, um zu wissen, wie es sich anfühlt, um ihnen die Hand reichen zu können, um sie aus ihrer Dunkelheit zurück ans Licht zu ziehen. Der Sinn des Leidens wäre dann das Erlernen von Mitgefühl und Nächstenliebe. Dies ist ja auch der Sinn unseres Leidens im Monat Ramadan.

Eine zweite Möglichkeit des Umgangs mit Leid ist seine Interpretation als Prüfung. Viele Muslime glauben, das Leben auf der Erde diene allein der Prüfung, ob wir des Paradieses würdig sind. Ich finde diese Vorstellung ein wenig traurig, weil das Leben im Hier und Jetzt ja auch schön sein soll. Es hat sozusagen nicht nur einen jenseitigen, sondern auch einen gegenwärtigen Wert. Aber in der Tat gibt es manchmal ein Leid, das uns wie eine Prüfung erscheint. Der Prophet Ayyoub zeigt uns an seinem Beispiel, dass wir auch ohne den Sinn des Leids zu verstehen, und unter großem Seelenschmerz, nicht von Gott verlassen sind. Über Ayyoub sagt der Koran: „Wahrlich, wir fanden ihn geduldig. (Er war) ein vortrefflicher Diener; stets wandte er sich (Allah) zu.“ (Sad:44).

Gott hat Ayyoub geprüft, und Ayyoub hat diese Prüfung bestanden. Vielleicht hilft es dir, dein Leid als göttliche Prüfung zu deuten.

Es mag uns weiterhin helfen, unser Leid als Konsequenz einer eigenen Handlung zu interpretieren. Als Ausgleich eines Ungleichgewichtes sozusagen. Manchmal habe ich eine Handlung begangen, die nicht besonders umsichtig war, vielleicht sogar jemanden verletzt hat. Irgendwann später, vielleicht nach Jahren, finde ich mich plötzlich in einer ähnlichen Situation wieder, nur diesmal mit vertauschten Rollen. Ich bin sozusagen in der Opferrolle und muss nun erleben, wie ich mich damals verhalten habe. In solchen Situationen interpretiere ich mein Leid als Gnade. Dass ich meine Einsichten hier auf der Erde sammeln darf, bewahrt mich vielleicht davor, sie später, nach dem Tod, an einem anderen Ort sammeln zu müssen, vielleicht in der Hölle.

Eine weitere Möglichkeit, die ich hier vorerst als die letzte benennen möchte, besteht darin, sich guten Menschen anzuvertrauen. Hier in dieser Moschee gibt es viele, aber natürlich auch außerhalb.  Manche Menschen sind Meister im guten Zuhören und im Schenken von Geduld und Kraft. Nirgendwo steht geschrieben, dass der Mensch sein Leben alleine durchkämpfen muss.

Gerne würde ich an dieser Stelle noch eine Geschichte erzählen, doch wird die Khutba dann zu lang. Ich hebe sie mir für einen anderen Tag auf. Vorwegnehmen kann ich aber, dass sie von der Gelassenheit handelt, und davon, dass nicht jedes Leid so groß ist, wie es uns im Moment erscheinen mag.

Wenn es aber groß ist und uns quält, dann mögen uns diese Dinge helfen:

  • Das Singen der Vögel in den ersten Morgenstunden zur Begrüßung des Tageslichts
  • Der Sonnenuntergang mit seinem kraftvollen Abendrot
  • Der Anblick des nächtlichen Sternenhimmels
  • Der Mond als Bote des Weltalls, immer bei uns, die Nacht beleuchtend
  • Ein Wald vielleicht, in seiner geheimnisvollen Ruhe; oder das Meer mit seinen brausenden Wellen
  • Das freundliche Gesicht eines Menschen, der uns anlächelt
  • Die lieben Worte eines Freundes, einer Freundin, vielleicht eine Umarmung, oder das Halten unserer Hand
  • Der warme, liebevolle Blick unseres Partners im Moment wohltuender Zweisamkeit

Diese Dinge sind verlässlich. Verlässlich liebevoll, gnädig und gütig ist auch Allah, der uns geschaffen hat, ihm zum Gefallen, und uns versorgt und behütet.

„Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir etwas vergessen oder Fehler begehen. Unser Herr, und erlege uns keine Bürde auf, so wie Du sie jenen aufgebürdet hast, die vor uns waren. Unser Herr, und lade uns nichts auf, wofür wir keine Kraft haben. Und verzeihe uns, und vergib uns, und erbarme dich unser. Du bist unser Beschützer.“ (AlBaqara)

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