Freitagspredigt vom 19.01.2018

Geschwisterlichkeit im Islam

Gott betont immer wieder, dass die Muslime eine Familie, eine Gemeinschaft sind, also Brüder und Schwestern.

Aber dennoch gibt es immer wieder Kämpfe zwischen ihnen: Schiiten gegen Sunniten, besonders in Iraq oder Stamm gegen Stamm, das beste Beispiel waren die Kämpfe in Jemen. Gerade das wollte der Prophet Muhammad beim allerersten Fast-Kampf kurz nach dem Einzug des Propheten in Medina zwischen den Stämmen von Medina, verhindern.

Der Anlass war: Gleich nach der Ankunft des Propheten in Medina schloss er mit den Stämmen der Aws und Khazradsch und denen der dort angestammten Judenstämmen ein Bündnis, um eine Gemeinschaft von Gläubigen zu herzustellen, ohne dabei die unterschiedlichen Religionen anzutasten. Muslime und Juden erhielten den gleichen Status, eine Charta des Zusammenlebens und des gegenseitigen Beistands. Ich würde sagen, der erste Vorläufer unserer heutigen Vereinigten Nationen. Einfach toll zu der damaligen Zeit!

Aber bald wünschten sich insgeheim die Juden, die alte Ordnung wieder herstellen zu können. Sie fürchteten um ihre Macht.  So nutzten sie eine List. Ibn Ishāq berichtet darüber.

Muḥammad ibn Isḥāq, (geboren um 704 in Medina; gest. 767 oder 768 in Bagdad) war ein muslimischer Geschichtsschreiber, der zum ersten Mal die Hadithe und Dokumente über das Leben des Propheten Mohammed in einem Buch zusammenstellte. Dieses Buch, das leider nicht mehr im Original erhalten ist, sondern nur in späteren Rezensionen, Bearbeitungen und Auszügen, ist eine der wichtigsten Quellen für die frühe Geschichte des Islam und diente als Modell für alle späteren biographischen Werke über den Propheten.

Er berichtet, dass nach Mohammeds Auswanderung ein Jude aus dem Stamm der Banu Qainuqa versuchte, den Streit zwischen den Aws und den Khazradsch neu zu beleben, indem er bei einer Versammlung, der Angehörige der beiden Stämme beiwohnten, die Erinnerung an eine frühere Schlacht heraufbeschwor. Es wurden von beiden Seiten Rezitationen vorgetragen. Bald wurden den Aws applaudiert, mal den Khazradsch. Schon bald begannen sie zu prahlen, sich gegenseitig zu beleidigen und irgendwann war es soweit: Es wurde der Ruf: „Zu den Waffen!“ laut. Und bald darauf standen sie sich auf dem Lavafeld vor Medina mit Waffen gegenüber. Sofort wurde der Prophet benachrichtigt. Er rief ihnen zu: „Allah, Allah! Wollt ihr denn handeln wie in den Tagen der Unwissenheit?“ Nur durch das schnelle Eingreifen Mohammeds, der die beiden Parteien an ihre Pflichten als Muslime erinnerte, wurde die erneute Entzweiung von Aws und Khazradsch abgewandt. Augenblicklich erkannten sie ihr Verfehlen, umarmten sich.

Um die neue Gemeinschaft zu stärken, errichtete der Prophet ein Bündnis zwischen den Helfern, also den ansässigen Muslimen und den Emigranten, einen Bruderbund. Jeder Helfer erhielt einen Emigranten als neuen Bruder, der von nun an zu seiner Familie gehörte. Durch diese Verbundenheit erhielt außerdem die Religion einen höheren Status als die eines Stammes, was damals sehr wichtig war. Die Intensivierung der inner-islamischen Beziehungen durch die sogenannte ‚Muachat‘, das heißt auf Arabisch Verbrüderung war also ein Abkommen zwischen jeweils einem Ausgewanderten aus Mekka mit oder ohne Familie und einem einheimischen Muslim. Beide Parteien verpflichteten sich, gemeinsam die Verantwortung füreinander zu tragen und sich in allen Situationen beizustehen, notfalls auch materiell und kämpferischen Beistand zu leisten. Heute würden wir sagen Integration von Flüchtlingen in ein Land.

In der Sure: ‚Al-Anbiya‘ – ‚Die Propheten‘ Vers 92 steht geschrieben, was Gott zu den Menschen sagt: „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft und ich bin euer Herr.“ Eine einzige Gemeinschaft von Menschen auf der Erde und ein einziger Herr im Himmel! Es wird die Einigkeit und Einzigartigkeit einer Gemeinschaft angesprochen.  Dann spricht Gott weiter in der Sure: „Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit.“ Das kann heißen: Sie spalteten sich in Religionsfragen auf. Im Laufe der Zeit entstanden verschiedene Religionsgemeinschaften und Strömungen, Konfessionen. Zugleich warnt Gott sie: „Sie alle aber werden zu Uns zurückkehren.“  Das heißt, sie werden Rechenschaft ablegen müssen für ihre Uneinigkeit, Streitereien und Kämpfen.

In Sure 49 ‚Al-Hujurat Vers 9 heißt es: Gott sagt: „Und wenn zwei Gruppen von Gläubigen sich gegenseitig bekämpfen, dann stiftet Frieden zwischen ihnen.“

Der Kommentator Yusuf Ali meint dazu und es ist auch meine Meinung: ‚Die gesamte Gemeinschaft der Muslime sollte über Gruppen- und Nationaldenken stehen. Man sollte von ihr erwarten können, gerecht zu handeln und einen solchen Streit schlichten können, denn Frieden ist besser als Streit. Wenn eine Gruppe jedoch entschlossen ist, andere anzugreifen, muss die Gemeinschaft ihre gesamte Kraft dagegensetzen.

Angesprochen sind also alle Muslime und nicht nur Muslime. Weiter heißt es im Koran: „Und wenn sich die eine gegen die andere vergeht, so kämpft gegen die, die sich vergeht, bis sie sich Allahs Gebot fügen. Doch wenn sie sich fügt, dann stiftet Frieden zwischen beiden wie es recht und billig ist. Und seid gerecht. Wahrlich, Allah liebt die, die gerecht handeln.“

Hier werden alle angesprochen, zwischen Kämpfenden zu vermitteln. Es darf kein Muslim nur zuschauen, er muss Stellung beziehen, aber mit friedlichen Mitteln.

Wir dürfen also nicht nur zuschauen, wenn sich solche Kämpfe wie in Jemen ausbreiten, sondern müssen Stellung beziehen, das Wenigste ist sich an Hilfsmaßnahmen zu beteiligen. Lieferungen von Waffen ist da der schlechteste Weg, auch wenn sie über Drittländer kommen. Sie heizen den Zwist noch mehr an.

—- So wie im Großen, so ist es auch im Kleinen, was uns und unsere Moschee betrifft. Hier kommen nur meine Ansichten zur Geltung.

Das ganze letzte halbe Jahr seit der Eröffnung unserer Moschee standen wir im Diskurs der Presse. Wir wurden öffentlich angeprangert oder hofiert, manchmal sogar namentlich. Es war nicht leicht, das immer zu ertragen, sprachen sie doch über unsere, eine liberale und demokratische Moschee.

In einem Artikel habe ich gelesen, dass eine liberale Moschee wie die unsrige für die Autorin nicht die Lösung wäre, aber es zeigt auch, dass in vielen anderen Moscheen sich Dinge ändern müssen. Die Autorin könne sich vorstellen, dass die Besucherinnen und Besucher hier etwas suchen, was sie woanders- in vielen Fällen zu Recht- vermissen.

Aber ich habe den Eindruck, dass man meist über unsere Moschee spricht wie über eine äußere, unpersönliche Erscheinung ohne Inhalt.       Man sieht oder hört den Begriff: liberale Moschee mit dem Namen „Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee“ oder schlimmer: Seyran- Ates-Moschee. Man redet mehr über den Namen und heizt sich damit auf. Er wirkt wie ein rotes Tuch auf bestimmte Leute. Sie geben damit nur Äußerlichkeiten bekannt.

Aber wer kommt wirklich zu uns hierher, hört sich uns an, spricht mit uns, sieht sich unsere Praktiken an? Ein Name kann gar nichts bedeuten, viel wichtiger ist das Innenleben, die Muslime darin, die eine Moschee erst lebendig werden lassen. Über die sprechen die wenigsten muslimischen Gruppierungen, aber umso größer ist ihr Geschrei über uns.

Nein, wir wollen uns nicht abspalten oder wollen den Islam gar neu erfinden. Ich komme wieder auf den Artikel zurück. Sinngemäß steht da: Bekannte traditionsorientierte islamische Gelehrte (sie nennt einige Namen) distanzieren sich nicht von der traditionellen Lehre, aber denken sie weiter und aktualisieren den Text neu.

Ja, ich stimme ihr vollkommen zu, auch wenn sie schreibt: Diese Stimmen, die weder Beifall heischend nach Aufklärung rufen, noch medienwirksam den Westen verdammen, sondern eine Jahrhunderte alte diskursive Tradition fortführen, gehen im hiesigen Diskurs weitgehend unter.

Nein, ich will keinen Streit und ich denke, das wollen wir alle nicht. Aber eine gute Diskussion! Wer über uns etwas wissen will oder berichten will, der sollte mit uns sprechen und nicht über uns.  Ich bzw. wir laden nicht nur die Christen ein oder jeder, der etwas wissen will, vor allen Dingen aber Muslime oder ihre Vereine.

Kommt zu uns und sprecht mit uns, so wie es die islamische Tradition verlangt, denn wie gesagt: Wir alle werden zu Ihm zurückkehren!

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