Freitagspredigt vom 10.11.2017

von einem Gemeindemitglied

Liebe Geschwister im Islam,

dass ich hier stehe und dies Predigt halte, dass ich Bücher schreibe, hat vorrangig einen Grund:

Wissen, Wissenserwerb, Verarbeitung und Weitergabe von Wissen. Das letzte ist für mich das Wichtigste dabei.

Allah ta‘ala wird mich vielleicht eines Tages fragen: „Was hast du mit dem Wissen gemacht? Hast du es richtig weitergegeben, das Wissen über die Dinge, was ich dir und der Menschheit auf den Weg mitgegeben habe?“ – Ich möchte nicht mit leeren Händen dastehen!

Gleich nach der Erschaffung des Menschen hat Gott ihm  etwas Besonderes mitgegeben, das, was er vorher bei keinem seiner Geschöpfe gegeben hat, vielleicht außer den Dschinn: Indem er dem Menschen die Worte genannt hatte, die Namen der  Dinge und ihre Bedeutung, gab er ihm Wissen mit auf seinem Weg. Wissen hat also einen sehr hohen Stellenwert.

Wenn wir über Wissen , Wissenserwerb sprechen, dann meinen wir meistens das Wissen aus den Büchern, in Vorlesungen, Schule, im Islam das Studium der Koran-Wissenschaft, der Hadith-Wissenschaft usw…

Wissen hat aber viel mehr Facetten. Wissen bedeutet also nicht nur bildlich gesprochen ‚schwere Bücher‘ zu studieren.

Ich denke, jeder von euch versucht seine Arbeit so gut wie möglich zu tun. Ihr überlegt, wie ihr sie besser machen könnt und leichter. Ihr denkt also nach, gebt eure Überlegungen an eure Kollegen weiter. Das ist Wissenserwerb und Weitergabe, sehr wichtig und nicht zu unterschätzen. Und sicher fühlt ihr euch dabei wohl.

Ihr tauscht Nachrichten aus, erfahrt aus Filmen oder auch auf Reisen über fremde Länder die Lebensweise der Menschen, deren Sitten, erfahrt viel Neues und Überraschendes. Und ihr lernt diese Menschen schätzen, gebt ihnen vielleicht auch euer Wissen weiter.

Wissen sammeln bedeutet also Erfahrungen austauschen, an Diskussionen teilnehmen, Meinungen kundtun und in Ruhe darüber diskutieren und nachzudenken, Informationen sammeln bei einem guten Gespräch, es bedeutet aber kein Nachahmen, sondern mitdenken und sich dazu äußern.

Wissen ist also nicht nur auf eine Person beschränkt. Entweder hat man das Wissen aus dem riesigen Topf des Wissensschatzes der Menschheit geschöpft oder ich erfinde etwas vollkommen Neues, eine Idee. Für mich allein nützt sie gar nicht, sie ist totes Wissen,  ich brauche dazu andere Menschen, um eventuell die Idee umzusetzen, also muss ich mich mitteilen. Ansonsten stirbt der Mensch mit seinem angesammelten Wissen und sein Wissen stirbt mit ihm. Er hat letzten Endes nichts vorzuweisen. Erst die Weitergabe an andere wird die Idee zum lebendiges Wissen. Dieses Wissen macht erst das Leben aus, weil wir andere Menschen mit einbeziehen und das ist wahrscheinlich das, was Gott von uns will und was er uns gegeben hat: Freiheit im Denken und Handeln.

Der Islam ist großgeworden, weil er von Anfang an bis zu seiner Blütezeit verstanden hat, die verschiedensten Strömungen des Islam selbst aufzunehmen und mit allen Religionen zu kooperieren. Die Moschee war ein Ort der Zusammenkunft, in dem man sich versammeln konnte, sich austauschen konnte, voneinander und miteinander lernen konnte, eine Schule des Wissens, also ein Ort des Gebets und der Weitergabe von Wissen. Es war der Treffpunkt aller Strömungen, neutral und offen.

Dieses islamische Leben war meiner Meinung eigentlich das traditionellere islamische Leben, nicht das, was wir heute unter traditionell halten. Es war eine Zeit des Lernens, des Verstehen Wollens der Welt, die Gott im Koran schildert.

Wir können diese Zeit nicht mehr zurückholen, aber wir können einen uns genehmen Ort schaffen, in der wir offen sind für alle Strömungen, die uns gegenüber Achtung zollen, als gleichwertige Partner betrachten. Es wird uns  sicher viel Kraft kosten, Anfeindungen zu ertragen und sie abzuschütteln, ruhig und gerecht zu bleiben und Vorbild für einen wissenden, frei denkenden  humanistischen Muslim zu sein, für  viele neue liberale Moscheen.

Wir können die Moschee als Treffpunkt wieder zu dem machen, was sie ursprünglich war, ein Ort der Zusammenkunft und des Wissens. 

Es gibt ein Hadith, welches Wissen mit Wasser vergleicht: Sahih Muslim, Hadithnr. 4232/Kapitel 43:

„Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf einem Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere dort weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrt es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“

Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter, ansonsten taugt das Wissen nichts, wenn ich es nur für mich behalte. Es ist wie ein Krug Wasser, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem.

Ich will mit dem heutigen Vortrag einfach sagen: diese vielen kleinen Dinge, die immer ein kleines bisschen Wissen beinhalten, sind überaus wichtig, weil sie erst den Menschen ausmachen und darauf wollte ich hinweisen.

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