Freitagspredigt vom 05.01.2018

Koran als eine Sphäre einer lebendigen Kommunikation zwischen Gott und Mensch

Ihr wisst: das Wort Koran bedeutet in der arabischen Sprache so viel wie Lesung, Rezitation, das Vortragen einer Botschaft von Gott. Ganz allgemein  gesagt: die grundlegende Bedeutung des Koran ist dieselbe wie die grundlegenden Botschaften der vorhergegangenen Bücher. Die darin enthaltenen Anweisungen, die dem Menschen eine Leitung, einen Weg geben, eine Rechtleitung, sind universell, für die gesamte Menschheit und für alle Zeiten. Die Sure 5:48 bestätigt es: „Wir haben das Buch mit der Wahrheit zu dir (Muhammad) herabgesandt, das bestätigt, was von der Schrift vor ihm da war und darüber Gewissheit gibt.“

Gott schreibt uns nicht vor, wo wir lesen, wie wir lesen und was wir gerade im Koran lesen. Es kann sein, dass der eine nur auf einer Übersetzung angewiesen ist, weil er kein Arabisch versteht, es kann sein, dass jemand nur zuhört. Aber ein ‚Nur-lesen‘, das sollte es nicht geben. Es ist, als wenn man gar nichts gelesen  oder gehört hat.

Das Wichtigste, was ich aus dem Koran gelernt habe ist, dass wir Menschen durch ihn, durch den Koran in Kommunikation mit Gott treten. Er ist das Bindeglied zwischen beiden.

Nun wird jemand sagen, ich kann auch ohne Koran mich an Gott wenden, ihn bitten. Nein, der Koran sagt, wer Gott ist, er spricht über  seine Eigenschaften und wie wir uns Gott nähern zum Bittgespräch. Dabei hilft uns der Koran, in diese Kommunikation  einzutreten.

Die Eigenschaft der unmittelbaren Kommunikation im Koran ist die Überbrückung der göttlichen Realität zur zeitlich bedingten Realität des menschlichen Bewusstseins.

Der Koran ist sozusagen ein Kanal der Kommunikation, in der Gott und Mensch sich begegnen, aber auf der Ebene des Menschen. Gott begibt sich auf die Stufe des Menschen und spricht mit ihm. Auf die Stufe der Engel, wie zwischen dem Engel Gabriel und dem Propheten Muhammad, und auf der Stufe Gottes, das geht nicht. Wir verstehen die Engelsprache und die Gottessprache ja nicht. Gott begibt sich deswegen auf die Ebene des Menschen und kann dann mit ihm sprechen, durch Gleichnisse, durch Mahnungen, Vorschläge, wie man sich verhalten soll. Das versteht der Mensch.

Dadurch wird der Koran  für mich zu einer tollen Sache, weil Gott durch ihn mit mir und jedem von euch in Seiner Barmherzigkeit spricht. Er warnt mich, ruft mir zu: gehe diesen Weg, mache nicht das. Er meint es gut mit mir, versucht mich, auf den richtigen Weg zu halten. Und er ruft mich zur Erinnerung an ihn.

Natürlich muss ich nicht diesen Weg gehen, muss mich nicht an seine Vorschläge halten, denn er lässt mir meine Entscheidungen, aber es sind gute Ratschläge, die ich zu meinem Gunsten beherzigen sollte.

Es ist wichtig und unerlässlich, den Koran in Hinblick auf den aktuellen Kontext auszulegen, die koranische Botschaft der Gleichnisse als spirituelle Regel des täglichen Lebens und zu allen Zeiten zu nutzen. Gleichnis bedeutet,  etwas mit einem anderen etwas zu vergleichen, das, was früher geschah, mit heute als eine neue Anregung  zu vergleichen.

Der Koran ist eine Erinnerung für die Menschen. Aber um das richtig zu erkennen, Schlussfolgerungen zu ziehen, muss man sich aufrichtig mit dem Koran beschäftigen und auf sich selbst reflektieren, also über die eigene Situation nachdenken, ohne die ein aussagekräftiges Verständnis nicht möglich ist.

Der Koran ist eine Hilfe im Leben, ein Verhaltenskodex, eine Orientierung im Verhalten zu den Menschen und zu Gott. Er ist, wie der Islamwissenschaftler Abu Zaid sagte, ‚eine Sphäre des Daseins, ein Kanal der Kommunikation, in der Gott und Mensch sich begegnen, ohne dabei eins zu werden, ohne dass also Gott vermenschlicht und der Mensch vergöttlicht würde.‘

Es bereitet mir immer wieder ein Vergnügen, wenn ich  mich mit der Sure Al-Hujutat (Die inneren Gemächer) beschäftige. (Verhalten der Mitglieder der schnell wachsenden muslimischen Gemeinschaft sowohl untereinander und auch zum Propheten)

2 Oh, die ihr glaubt, erhebt nicht eure Stimmen über die Stimme des Propheten, und sprecht nicht so laut zu ihm, wie ihr laut zueinander sprecht, auf dass (nicht) eure Werke hinfällig werden, ohne dass ihr merkt.

3 Gewiss, diejenigen, die ihre Stimmen bei Allahs Gesandtem mäßigen, das sind diejenigen, deren Herzen Allah auf die Gottesfurcht geprüft hat. Für sie wird es Vergebung und großartigen Lohn geben.

4 Gewiss, diejenigen, die dich hinter den (Wänden der) Gemächer rufen, die meisten von ihnen haben keinen Verstand.

5 Wenn sie sich gedulden würden, bis du zu ihnen herauskommst, wäre es wahrlich besser für sie. Und Allah ist Allvergebend und Barmherzig.

6 O die ihr glaubt, wenn ein Frevler zu euch mit einer Kunde kommt, dann schafft Klarheit, damit ihr (nicht einige) Leute in Unwissenheit (mit einer Anschuldigung) trefft und dann über das, was ihr getan habt, Reue empfinden werdet.

9 Und wenn zwei Gruppen von den Gläubigen miteinander kämpfen, so stiftet Frieden zwischen ihnen. Wenn die eine von ihnen gegen die andere widerrechtlich vorgeht, dann kämpft gegen diejenige, die widerrechtlich vorgeht, bis sie zu Allahs Befehl zurückkehrt. Wenn sie zurückkehrt, dann stiftet Frieden zwischen ihnen nach Gerechtigkeit und handelt dabei gerecht. Allah liebt ja die Gerechten.

10 Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren beiden Brüdern und fürchtet Allah, auf dass ihr Erbarmen finden möget.

Jeder, der dies Verse liest, stellt sich etwas darunter vor. Ich jedenfalls habe mich zuerst köstlich amüsiert, habe mir die Situation vorgestellt, die poltrigen, lauten und  stürmischen Freunde des Propheten, Abu Bakr und Oman und ihr Streit, wer recht hat.

Die Sura wurde 9 Jahre nach der Hidjra gesandt. (Offenbarungsanlass: Ein Geleit von Banu Tamin kam zum Propheten. Die beiden stritten, wer der Führer sein soll. Abu Bakr meinte: „Du möchtest mir nur widersprechen,“ – Umar: „Ich wollte dir nicht widersprechen.“)

Es beinhaltet die Beziehungen und Verhalten der Menschen zum Propheten einerseits sowie die Beziehungen untereinander, gegenseitiger Respekt und Vertrauen, der richtige Umgang mit Gerüchten und Nachrichten, Gerechtigkeit,  Wichtigkeit einer Schlichtung, Versöhnung.

Ibn Al-Arabi im 12. Jh. sagt  darüber: „Der Respekt gegenüber dem Propheten nach seinem Tode gleicht dem Respekt ihm gegenüber, als er noch lebte.“

Diese Offenbarungen  sind für mich real. Natürlich kann jeder andere Mensch anders darüber denken. Gott will mir darüber etwas sagen. Es ist also ein Gespräch zwischen mir und Gott, auch wenn es nicht verbal ist, es zeigt mir etwas gedanklich oder sogar bildlich, was ich verstehen kann.

Aber warum spricht Gott darüber? Er würde doch nichts Unnützes uns mitteilen, ist es so wichtig, dass es auch noch nach vielen Jahrhunderten mitgeteilt werden muss? Das hat doch einen Grund, warum hat Gott es für so wichtig gehalten? Es ist eine Beschreibung der Situation von damals, wichtig auch für heute! Dieses Moralverständnis gilt auch noch heute. Wenn ich heute darüber laut oder nur für mich nachdenke, werden aus diesen Gottesworten meine Worte. Sie sagen mir etwas. Dadurch werden sie lebendig.

Durch meine Gedanken, mein Nachdenken über ihren Inhalt, wofür sie stehen, werden sie lebendig. Aus Gottesworten werden durch Menschen Menschenworte, werden zu lebendigen Gedanken. Gott spricht also auf menschlicher Ebene mit uns. Die Mitteilung wird zu einem lebhaftem Gespräch zwischen Gott und mir.

Immer wieder bin ich sehr bewegt, wenn ich Gleichnisse über das Wasser und deren Beziehung zu Wissen lese: ‚Haben sie nicht gesehen, dass wir das Wasser auf das dürre Land treiben und dadurch Gewächs hervorbringen, an dem ihr Vieh und auch sie selber sich laben? Wollen sie also nicht sehen?‘ – Es bedeutet: Ja, wollen wir denn wirklich nicht sehen und verstehen, was Gott uns mit diesem Vers mitteilen möchte? Wollen wir Gott nicht dafür danken und sein Geschenk an uns auch nutzen? Dieses Wasser ist ein Zeichen von ihm. Gott meint damit: Nutzt das Wasser, auch wenn ihr Mühe damit haben werdet.  Und so ist das auch mit dem Wissen. Gott hat uns Wissen gegeben, damit wir es nutzen, das heißt für mich speziell, es euch weiterzugeben. Darum stehe ich vor euch.

Es war bestimmt für mich nicht leicht, entgegen der allgemeinen Meinung, ich als Frau hier vor euch zu stehen. Das Wissen im Koran, das Kommunizieren Gott mit dem Menschen, es hat mich total verändert. Und es hat mir Kraft gegeben, mein Wissen mit euch zu teilen, meine Khutbas zu halten.

Im Grunde ist der Koran ein Buch, gefüllt mit Wörtern, die zu Sätzen werden. Aber was für Sätze, wenn sie lebendig werden und zu einem Gespräch zwischen Gott und dem Menschen führen!

Nicht nur das: Indem wir es lesen, entstehen in unseren Gedanken und Gefühlen Freude, Trauer, Neugier, erfahren wir, wie wir uns zu verhalten haben, staunen über den Sinn der Gleichnisse. Das alles wird durch unser aktives Lesen und darüber nachzudenken lebendig.

Der Koran wird zu einem lebendigen Koran!

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