Freiheit

Kelly Sikkema

2020

2020

Kelly Sikkema
Kelly Sikkema

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

A’udhu bilahi min asshaitan alragim, bismillah arrahman arrahim.

Al Fatiha – Arabisch

„Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Meister des Gerichtstages.
Dir dienen wir und dich allein bitten wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“

Seid herzlichst gegrüßt in der Ibn Rushd-Goethe Moschee, dem Ort von Frieden und Liebe.

Das neue Jahr ist schon wieder ganz zur Gewohnheit geworden. Alle guten Vorsätze sind wie immer über Bord gegangen, oder werden demnächst verworfen. Zu Neujahr schrieb jemand: Ich habe mir diesmal keine neuen Vorsätze genommen. Ich habe einfach die alten nochmal genommen, sie waren noch völlig unbenutzt.

Da es meine erste Khutba dieses Jahr ist, wünsche ich euch ein frohes neues Jahr, oder vielmehr ein gutes Jahr. Möge es Frieden unter den Menschen bringen und die Würde aller Lebewesen in den Vordergrund stellen – vor Geld, Bequemlichkeit und Appetit. Die Khutba handelt davon, dass es gesund ist, Dinge fertigzustellen, oder abzuschließen.

Dieses Jahr hat einen besonders schönen Namen. 20 20, oder Zweitausendundzwanzig, hört sich nach etwas sehr Rundem an, irgendwie vollständig. Ich habe das Gefühl, dieses Jahr werden viele Dinge zu ihrem guten Abschluss gebracht. Alles, oder jedenfalls Vieles, was so im ungeraden 2019 oder zuvor begonnen hatte, werden wir durch gute Entscheidungen oder fleißiges Handwerk fertigstellen. In mir entsteht das Bild eines Teppichs, der gewebt wird. Es ist der Teppich unseres Lebens. Die Fäden dieses Teppichs, die wir gleichsam an einem Ende angeknotet haben, werden wir in diesem Jahr auch am anderen Ende verknoten, oder verweben, so das wieder neue und neue Reihen bunter und reicher Muster entstehen, auf die wir zurückblicken können. Dieses Jahr wird voller schöner Farben sein.

Mein Leben ist ein bunter Teppich, überwiegend in dunklen Tönen gehalten. Schrill ist er nicht. Das dunkle Blau des Abendhimmels dominiert, teils geht es über in ein tiefes Schwarz der Mitternacht. Aber an manchen Stellen scheint mein Teppich im strahlenden Rosa der frühen Morgenstunden und an anderen Stellen gar in leuchtendem Rot. Der gesamte Teppich ist durchwirkt von einem feinen Faden aus Gold – den Wert jeden Moments des Lebens bestätigend. Den Wert all dessen, was geschehen ist, und all derer die mir besonders lieb sind. Auch den Wert meiner Selbst. Freude steckt darin, aus vielen Tagen und Nächten, Langeweile, Trauer, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Lust und Vertrauen. Stetig, Jahr für Jahr weben wir unseren Teppich in unseren eigenen Farben, der ganz eigenen Dicke des Fadens und dem ganz eigenen Gefühl. Ist er eher kratzig, eher weich, eher hell, oder dunkel, gestreift, durchmustert? Auch 2020 weben wir weiter. Faden um Faden ziehen wir langsam bis zum Ende der Reihe hindurch, bis der Teppich in allen Farben des Lebens gewebt ist und wir ihn unseren Kindern und unseren Liebsten als Erbe hinterlassen.

Warum 2020 für mich als etwas Besonderes erscheint, weiß ich nicht genau, aber es begann schon gleich am ersten Januar.

Es wird an der 20 liegen. Es ist die Zahl all unserer Finger zweimal – oder die Zahl all unserer Finger und Zehen zusammen.

Das Zehnersystem ist uns aus unserer Körperwahrnehmung sehr präsent. Wir haben uns auch daran gewöhnt, unsere Mathematik auf dem Zehnersystem aufzubauen – Zehn Einer werden gebündelt zu einem Zehner. Zehn Zehner werden gebündelt zu einem Hunderter, zehn Hunderter zu einem Tausender, usw. 20 ist zweimal 10 und damit das doppelte Bündel. Eine Art doppelter Vollständigkeit. Etwas zu vervollständigen, zu beenden, zu erreichen, empfinden wir als angenehm.

An sich ist die Zahl 2020 natürlich willkürlich und für jeden von uns sind es andere Jahre, die Besonderheiten in sich tragen. Jahre können persönliche Bezugspunkte darstellen. Traditionell finden wir unser Geburtsjahr recht wichtig. Es dient nicht nur dem Staat, der es in unserem Pass verankert, sondern auch uns selbst als Referenzpunkt. Unser Alter empfiehlt – oder befiehlt – uns, wie wir uns zu verhalten haben, wie zu reden, wie uns zu kleiden. Und so ist das Geburtsjahr das Jahr der Freiheit, in dem wir uns beginnen als Mensch zu entfalten und zugleich das Jahr der Einschränkung, denn von nun an sind wir mit Leib und Seele den Gesetzen der Gesellschaften unterworfen, in denen wir leben.

Jahre können auch gemeinschaftliche Bezugspunkte darstellen und so die Gemeinschaftsbildung unterstützen. Vor vielen hundert Jahren versuchte der militärische Führer Abraha, die Kaaba zu zerstören, doch einer seiner Militärelefanten weigerte sich, die Stadt Mekka zu betreten. Vielleicht hatte er eine Kraft wahrgenommen, die über die Befehlskraft seines menschlichen Besitzers hinausging und war ihrer Anweisung gleichsam eigenmächtig gefolgt. Im Jahr des Elefanten ist der Prophet Mohamed, Friede sei auf ihm, geboren, und überbrachte uns die Botschaft von Barmherzigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Als ich zum ersten Mal über die Zahl 2020 nachdachte, hatte ich also dieses Gefühl der Vollständigkeit. Ich stellte mir vor, wie ich die Karten eines Kartenspiels in der Hand hielt – alle vier Zehner bei mir, Kreuz, Pik, Herz, Karo. Jeder Zehner stand für den Abschluss von etwas, das ich irgendwann begonnen hatte, für das Fertigstellen. Vor meinem inneren Auge warf ich die Karten nacheinander kraftvoll auf den Tisch.

Kreuz Zehn – Kinder bekommen – komplett.

Pik Zehn – Eine Arbeitsstelle gesichert – komplett.

Karo Zehn – Eine Wohnung – komplett.

Herz Zehn – Eine Partnerschaft – komplett.

Naja – die Liste kann irritieren, weil wir diese Dinge vielleicht gar nicht haben. Aber irgend etwas hat jeder geschafft, oder erreicht, oder vollbracht. Oder man kann auch sagen, zum Abschluss gebracht. Was hast du vollbracht?

Hat deine Wohnung in jedem Zimmer ein Licht? Großartig! Hast du dafür gesorgt, dass du von irgendwo Geld für deinen Lebensunterhalt bekommst? Gut gemacht! Hast du die Möglichkeit, dir ab und zu eine Tasse Tee zu kochen und vielleicht sogar einen Freund dazu einzuladen? Dann ist dein Heim eines von Licht und Freude.

Hier geht es nicht um das höchste Level dessen was erreichbar ist, sondern um das Gefühl etwas erreicht zu haben, worauf man mit Freude zurückblicken kann. Die scheinbar unwichtigen Dinge sind die Grundlage der Meisterung unseres Lebens, sind ausreichend und echte Errungenschaften. Der Schritt vom Zimmer zur Villa ist unerheblich. Wir wissen, dass sehr reiche Leute mit sehr großen Häusern oft ausgesprochen unglücklich sind. Oder: Mobilität beispielsweise ist hilfreich. Aber der Porsche ist es nicht. Seien wir also einen Moment dankbar für alles, was wir erreicht haben.

Dazu gehört natürlich keineswegs nur Materielles. Auch Wissensinseln oder Bachelor Degrees, oder Kursinhalte. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass man tatsächlich etwas gelernt hat – es innerhalb des fließenden Lebens auch Momente errungener Bildungsabschlüsse gibt. Dabei sind es wie in allen Bereichen wieder nicht ausschließlich die großen Niveaustufen, die uns umtreiben müssen. Hast du dein MSA abgeschlossen? Sehr gut! Vielleicht hast du die Vergangenheitsform des Präteritums in der deutschen Sprache in den Grundzügen verstanden. Oder du hast gelernt, wie man Blut abnimmt, oder du kannst jetzt den Berliner BVG Plan lesen.

Dinge abzuschließen wirkt in unserem Leben salutogenetisch. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren von Aaron Antonovsky geprägt und bedeutet, so viel wie „der Gesundheit zuträglich“. Während sich also die Pathogenese damit beschäftigt, wie Krankheiten entstehen, fragt sich die Salutogenese, wie Gesundheit entsteht und was sie aufrecht erhält. Der Gesundheit zuträglich ist neben gesunder Ernährung und Bewegung vor

allem das Gefühl der Kohärenz, also der Empfindung des eigenen Lebens als sinnhaft und als zusammenhängend. Wenn wir die Dinge zu einem guten Abschluss bringen, zu einem guten Ende, an dem wir uns selbst in einem würdevollen Licht betrachten können, so tut uns dies gut, es trägt zur Gesundheit bei.

Vor Jahren las ich in einer Zeitung, dass eine ca. 80 jährige Frau einen Löffel an eine Fluggesellschaft geschickt hat. Sie hatte ihn mehr als zwanzig Jahre zuvor bei einem Flug unauffällig mitgehen lassen. Jedes Mal, wenn sie den Löffel sah, erinnerte sie sich an diesen schamvollen Moment in ihrem Leben. Indem sie den Löffel zurückschickte, konnte sie die Schamhaftigkeit zum Abschluss bringen, war nicht mehr Sklavin ihrer Scham, sondern Handelnde. Handlungsfähigkeit und das Empfinden von Sinn gehen Hand in Hand. Die Sachen regeln, zu einem guten Abschluss bringen, gibt uns Kraft und Sinn.

Manche Dinge lassen sich nur schwer zum Abschluss bringen. Wenn jemand stirbt oder uns verlässt, finden wir manchmal keinen guten Weg aus der Trauer des Verlusts. Besonders schmerzlich ist es, wenn man sich das letzte Mal im Streit getrennt hat, oder man sich noch etwas sagen wollte. Doch wir brauchen den Abschluss, damit wir zurückkommen, zu einem gesunden Leben der Selbstbestimmung. Ein Psychologe schlug kürzlich vor, dass man auch solche Erlebnisse zum Abschluss bringen könne. Das Brennen eines Teelichtes, an einen schönen Ort im Raum gestellt, nehmen wir uns als Zeit mit dieser Person. Ist sie verstorben, so wird sie uns vielleicht jenseits ihrer vergangenen Körperlichkeit als Essenz ihrer Selbst besuchen, also als das, was wir Seele nennen. Ist die Flamme erloschen, so verabschieden wir uns von unserem Schmerz. Nicht von unseren Gedanken an die Person, aber von dem Schmerz der Trauer. Mit dem Erlöschen der Kerze ergibt sich ein Abschluss, den wir brauchen, um weiter voranzugehen und unser Leben zu meistern.

Das Abschließen also, und die Erfahrung von Sinn, sind wichtig für uns. Sinnhaftigkeit bedarf unumgänglich der Zuneigung anderer Lebewesen. Ohne eine Gesellschaft, die bereit ist, uns mit Zuneigung aufzunehmen, uns unsere Fehler immer wieder zu vergeben und uns als wertvollen und wunderbaren Teil der Schöpfung wahrzunehmen, können wir nicht gesund sein. Nicht unsere Seele und nicht unser Körper, in dem sie wohnt. So möchte ich die Khutba abschließen mit den Worten des Propheten Mohameds, der uns erinnert, dass unser Leben einen guten Sinn erhält, wenn wir gut zu anderen sind, denn so weben wir einen Teppich bester Güte.

Allah sagt: Und meine Barmherzigkeit umfasst alle Dinge (7:156), und wir lesen auch: Gott hat sich selbst die Barmherzigkeit vorgeschrieben (6:54). Der Prophet Mohamed asws erzählte

„Gott, der Hohe und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: O Kind Adams, ich bin krank gewesen, und du hast mich nicht besucht. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dich besuchen, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener krank war, und du hast ihn nicht besucht. Hättest du ihn besucht, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu essen gebeten, und du hast mir nichts zu essen gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu essen geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Wusstest du nicht, dass mein Diener dich um etwas zu essen gebeten hat, und du hast ihm nichts zu essen gegeben. Hättest du ihm zu essen gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden; wusstest du es nicht? – O Kind Adams, ich habe dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast mir nicht zu trinken gegeben. Er wird sagen: O mein Herr, wie kann ich dir zu trinken geben, wo du doch der Herr der Welten bist? Allah wird sagen: Mein Diener hat dich um etwas zu trinken gebeten, und du hast ihm nicht zu trinken gegeben. Hättest du ihm zu trinken gegeben, hättest du mich bei ihm gefunden.

Weben wir unseren Teppich! Gestalten wir unser Jahr! Mit viel Freude und Genuss, Hoffnung und Frieden und der Versorgung all Jener, die uns brauchen!

Ich wünsche euch ein wundervolles Neues Jahr Zweitausendundzwanzig!

وعنه قال قال رسول الله صَلّى اللهُ عَلَيْهِ وسَلَّم : إنَّ الله عزَّ وجل يَقُولُ يَوْمَ القيَامَة : « يَا ابْنَ آدَمَ مَرضْتُ فَلَم تَعُدْني ، قال : ياربِّ كَيْفَ أعُودُكَ وأنْتَ رَبُّ العَالَمين ؟ قال : أمَا عَلْمتَ أنَّ عَبْدي فُلاَناًَ مَرِضَ فَلَمْ تَعُدْهُ ، أمَا عَلمتَ أنَّك لو عُدْته لوجدتني عنده ؟ يا ابن آدم اطعمتك فلم تطعمني ، قال : يا رب كيف أطعمك وأنت رب العالمين ، قال : أما علمت أنه استطعمك عبدي فلان فلم تطعمه أما علمت أنك لو أطعمته لوجدت ذلك عندي ؟ يا ابن آدم استسقيتك فلم تسقني ، قال : يارب كيف اسقيك وأنت رب العالمين ؟ قال : استسقاك عبدي فلان فلم تسقه ، أما علمت أنك لو سقيته لو جدت ذلك عندي ؟ » رواه مسلم .

[ رياض الصالحين ؛ رقم الحديث ٨٩٦ ؛ رقم الكتاب ٧ ؛ رقم الباب ١٤٤ ]

Aaron Burden

Wer aufbricht, der kann hoffen

Wer aufbricht, der kann hoffen

Aaron Burden
Aaron Burden

Ihr kennt sicherlich alle die libanesische Sängerin Fairouz. Ich jedenfalls höre sie jeden Morgen, entweder aus meinem Autoradio oder aber – und viel lieber – auf dem Fahrrad. Wenn sie dann von großen Meeren und weiten Himmeln singt, dann schlägt mein Herz auch ein bisschen höher. Gerade jetzt im Frühling.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist der Frühling immer eine ganz besondere Jahreszeit. Ich genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und freue mich, dass es nun jeden Tag länger hell wird. Die Vögel singen – und wenn man genau hinhört, dann singen sie nicht nur, sie unterhalten sich. Am Sonntag bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr barfuß gelaufen und habe mich über jeden Grashalm unter meinen Fußsohlen gefreut. Es ist wie ein neuer Anfang. Der Himmel wird nicht nur weit und die Bäume grün, es werden auch viele Hoffnungen und Pläne neu geboren.

Im Gesangbuch der evangelischen Kirche gibt es einige Lieder, die immer wieder mein Herz erreichen. Kurz eingeschoben muss ich sagen, dass ich wirklich bedauere, dass wir im Islam so wenig singen. Denn auch das macht das Herz frei und glücklich. Nun, eins der Lieder, welches für mich zu dieser Jahreszeit passt, ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“. In der dritten Strophe heißt es:

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit.

Was für eine wunderbare Verheißung. Wer aufbricht, der kann hoffen. Für mich ist der Frühling so ein Moment des Aufbruchs. Die Ruhe und Behaglichkeit des Winters sind vorbei. Nun kann es – so zumindest hat man den Eindruck beim Beobachten der Natur – garnicht schnell genug damit gehen, neues entstehen zu lassen und sich zu wandeln. Nichts ist so beständig, wie dieser Wandel in der Natur. Wir alle haben ihn schon dutzendfach erlebt und doch hat es keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht weil der Frühling zart und gleichsam kraftvoll daherkommt. Man hat das Gefühl bei der Geburt einer Jahreszeit dabei zu sein.

Wer aufbricht, der kann hoffen. Und er kann vertrauen darauf, dass Gott ihn auf seinen neuen Wegen behüten und beschützen wird. Der Frühling zeigt uns, dass Neuanfänge oft belohnt werden und das diese Zeiten, in denen das Alte noch nicht ganz beendet und das neue noch nicht komplett da ist, unter einem besonderen Schutz Gottes stehen. Und in diesen Zeiten, in denen uns Geduld besonders schwer fällt, können wir in unserer Hoffnung auf Gott vertrauen.

Ich möchte an dieser Stelle den Gefährten von Mevlana Rumi, Schams-e Din zitieren:

Was ist Geduld? Geduld ist, den Dorn zu betrachten und die Rose zu sehen, die Nacht zu betrachten und das Morgengrauen zu sehen. […] Wer Gott liebt, verliert nie die Geduld, denn er weiß, dass die Mondsichel Zeit braucht, um zum Vollmond zu werden.“

Geduld lässt sich nur aufbringen, wenn es Hoffnung gibt. Und Allah zeigt uns im Frühling, dass wir ihm in unserer Hoffnung vertrauen können. Das wir uns sicher sein können, ihn auf den neuen Wegen an unserer Seite zu haben. Erst ist das Neue nur eine wage Idee, die sich dann immer mehr verwirklicht. Die Hoffnung ist es dann letztendlich, die uns von der Passivität das Wartens in die Aktivität des Neuanfangs aufbrechen lässt. Sie ist die Brücke, über die wir gehen. Der Frühling ist Allahs Versprechen an uns, dass Neuanfänge sich lohnen.

Wie bereits gesagt, ist der Frühling eine faszinierende Zeit voller Gegensätze. Neu und Alt, Aktiv und Passiv, Geduld und Hoffnung. Es sind diese Gegensätze, durch die Allah besonders begreifbar wird. So beschreibt auch der Koran die Faszination von Wandel und Gegensatz, die wir im Frühling besonders spüren.

انَ في خلقِ السموَتِ والارضِ وَاِختِلَفِ اليل والنَهَار وتَصريف الرياح والسَحاب المُسَخَر بين السماء ؤالارض لأيات لِقومِ يعقلون.

In der Schöpfung der Himmel und der Erde; im Unterschied von Tag und Nacht;…im Wechsel der Winde und der Wolken, die zwischen Himmel und Erde dienstbar gemacht sind, sind wahrlich Zeichen für Leute, die begreifen.” (Quran 2:164)

In der Tat kann man beim Beobachten der Natur in diesen Tagen vieles Begreifen. Das, was wir im Außen beobachten können, spüren wir auch innerlich. Als Menschen verfügen wir über eine große Bandbreite an Gefühlen und Emotionen – und wer die großen Höhen des Glücks erleben will, muss auch bereit sein, den Schmerz der Traurigkeit in gleichen Ausmaß zu ertragen. Es ist wie eine Schaukel. Man kann nur so weit in die eine Richtung schwingen, wie man auch in die andere schwingt.

Khalil Gibran schreibt dazu: „Wenn ihr glücklich seid, blickt tief in euer Herz, und ihr werdet erkennen, dass gerade das, was euch leiden ließ, euch jetzt Freunde schenkt. Wenn ihr bekümmert seid, blickt abermals in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor eure Freunde war.“

Zurück aber zum Frühling. In der Eingangs zitierten Strophe heißt es „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Lasst uns also den Frühling nutzen, um die Kraft und Energie des Augenblicks in uns aufzunehmen und etwas Neues zu beginnen. Viele Dinge, die uns vor ein paar Wochen noch schwer gefallen sind, fallen uns im Frühling plötzlich leicht. Wir sind ein Teil dessen, was um uns herum passiert. Vielleicht trauen wir uns in diesen Tagen etwas, was wir uns vorher nicht getraut haben. Oder wir verändern was. Dies kann ein Projekt sein, welches wir schon lange angehen wollten, oder es kann eine Verhaltensänderung sein. Vielleicht habt ihr euch den Winter über mit dem Sport treiben sehr schwer getan – dann kann ich euch sehr empfehlen, diese wunderbaren Tage zu nutzen und aufs Fahrrad zu steigen oder die Laufschuhe anzuziehen. Ich verspreche euch, nicht nur euer Körper wird es euch danken, sondern auch eure Seele.

Dieser Frühling trägt für uns Muslime einen weiteren, ganz besonderen Gegensatz in sich. Während alles sich nach draußen und im Außen orientiert, beginnt für uns in einem Monat der Ramadan. Fastenmonat und Monat der inneren Einkehr. Man ist versucht zu denken: Warum gerade jetzt? Ich bin garnicht in Stimmung für Einkehr und Rückzug. Lasst mich versuchen, diesen Gegensatz aufzulösen.

Ich habe in meiner letzten Predigt gesagt, dass Gott uns alle einzigartig geschaffen hat. Wie wunderbare Gemälde, die sich am Ende wie Puzzleteile zu einem größeren Ganzen zusammen fügen. Allah hat jede und jeden von uns genau so geschaffen, wie wir sind, um das Mosaik dieser Welt perfekt zu machen. Niemand ist falsch oder haram. Und trotzdem verbiegen und verenken wir uns, um anderen zu gefallen, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. Wir wären so gerne ein blaues Mosaiksteinchen, denn um uns herum sind alle Mosaiksteinchen blau. Wir aber sind gelb. Warum nur? Warum hat der liebe Gott uns ausgerechnet gelb gemacht? Nun, weil genau dieses gelb unter all dem blau vielleicht ein ganz wunderbares Muster erzeugt.

In vielen Seelsorge-Gesprächen, die ich in den letzten Woche geführt habe, hatte ich immer wieder den Eindruck, dass uns manchmal ein Neuanfang mit uns selbst und der Beziehung zu uns selbst sehr gut tun würde. Wir gehen manchmal sehr hart mit uns ins Gericht, verurteilen uns und sprechen mit uns selbst, wie wir es keinem anderen erlauben würden. Der Ramadan ist ein Monat, in dem die Muslime in Medina und Mekka zu Gewaltverzicht aufgerufen waren. Und während wir heute äußerliche Gewalt komplett ablehnen, sind wir mit uns selbst innerlich doch sehr rabiat. Vielleicht sollten wir im Ramadan neben all dem Verzicht auf Nahrung und Wasser auch mal versuchen, uns selbst Freundlichkeit entgegen zu bringen. Mit uns selbst zu sprechen, wie mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Wir können in uns kehren, uns selbst wahr- und ernstnehmen und dann mit der Energie und guten Laune des Frühlings einen Neuanfang in der Beziehung zu uns selbst wagen.

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land.

Nun aber, zum Abschluss dieser Predigt, möchte ich euch erstmal ein wunderbares, sonniges und gesegnetes Wochenende wünschen. Ich wünsche euch, dass ihr Zeit habt rauszugehen, Barfuss zu laufen, die Sonne auf der Haut zu spüren und die Vögel singen zu hören. Ich wünsche euch, dass ihr den Frühling mit all euren Sinnen wahrnehmen könnt und dass er euer Herz erreicht. Und ich wünsche euch, dass eure Hoffnungen und Wünsche von Allah erhört werden. Traut euch, sie auszusprechen. Er wird euch zuhören.

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

Selbstliebe und Selbstverantwortung im Islam

السلام عليكم

Meine lieben Geschwister im Islam, liebe Gäste, liebe Menschen

Ich möchte euch heute

 eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Maler, jedes seiner 

Gemälde sind wahre Kunstwerke. Wahrlich perfekt. Dieser Maler ist ein Portraitmaler. Er malt Menschen. Dabei gibt er sich jedes Mal die größte Mühe, 

nicht ein Pinselstrich ist anders als er sich das vorher vorgenommen hat. Und jedes Mal, wenn er mit einem Gemälde fertig ist, tritt er von diesem zurück und ist begeistert und voller Entzückung über das, was er gerade geschaffen hat. Schon wieder ein wahres Meisterwerk!

Doch leider muss dieser Maler sehr oft erleben, dass der oder die Portraitierte neben ihn tritt, das Kunstwerk anschaut und sofort anfängt, Dinge zu kritisieren. Guck mal, die Nase ist aber ein bisschen zu groß geraten. Und da, die Falten unter den Augen, wie unschön. Hab ich wirklich so viele graue Haare? Das Portrait von meinem Nachbarn ist viel schöner geworden. Ich denke, dass viele von uns sich hineinversetzen können in diese Menschen. Wenn man Bilder von sich sieht, gucken die meisten erstmal dahin, was nicht so schön aussieht. Wofür sie sich vielleicht insgeheim schämen.

Nun, was aber, wenn der Maler Gott ist. Allah, der euch nach seiner Vorstellung geschaffen hat und für den ihr genauso, wie ihr seid, perfekt seid. Allah kommt nicht daher und denkt sich: Na, die Beine sind aber ein bisschen kurz geraten und dort hätte ich vielleicht ein bisschen weniger dick auftragen sollen. Nein! Allah schaut jeden von euch an und ist begeistert von seinem Meisterwerk. Denn er wollte euch genauso schaffen, wie ihr jetzt hier vor mir sitzt.

Er hat uns von seinem Geist eingehaucht

Gott liebt uns alle voller Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit und Vergebung. Er liebt uns bedingungslos. Bedingungslos. Keine Zweifel, oder wenns oder abers. Denn wie ein Maler hat er etwas von sich in unsere Erschaffung gegeben. Er hat uns etwas von seinem Geist eingehaucht. (Koran 15:28-29).

Und siehe! Dein Erhalter sagte zu den Engeln: Siehe, ich bin im Begriff, einen sterblichen Menschen aus tönendem Ton zu erschaffen, aus dunkler, verwandelter Erde. Und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.

Es ist etwas göttliches in uns Menschen. In jedem und jeder von uns. Und so, meine lieben Geschwister im Glauben, wie Islam die Hingabe zu Gott ist, ist unser Glaube auch eine Liebesbeziehung zu allem göttlichen. Es schließt auch ein, dass wir mit uns selber liebevoll umgehen. So, wie Gott sich der Barmherzigkeit verschrieben hat, so ist es auch wichtig, dass wir barmherzig mit uns selbst umgehen.

Selbstverantwortung braucht Selbstliebe

Ich möchte mit euch heute über Selbstliebe sprechen. Ein Wort und ein Konzept, dem oft mit Abneigung begegnet wird. Denn es wird mit Egoismus, Arroganz und Eitelkeit gleichgesetzt. Doch das ist damit garnicht gemeint. Denn dort, wo Liebe ist, ist für solche Dinge kein Platz.

Gott und sein Kunstwerk ernst zu nehmen bedeutet, mit sich selber liebevoll umzugehen und sich gut um sich selbst zu kümmern. Es bedeutet, das göttliche in sich selber zu lieben und die Beziehung zu Gott auf der Basis von Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Es bedeutet auch, die Beziehung zu meinen Mitmenschen auf dieser Basis zu gestalten, denn auch sie sind Meisterwerke, denen Gott von seinem Geist eingehaucht hat.

Warum ist die Selbstliebe für jede und jeden von uns so wichtig? Nun, weil der liebe Gott uns nicht nur als Meisterwerke erschaffen hat, sondern weil er von uns auch verlangt, dass wir unser Leben selbstverantwortlich gestalten und in die Hand nehmen. Und wie kann ich für etwas Verantwortung übernehmen, was mir nicht wichtig ist? Was ich nicht liebe?

Entdecken wir also das Göttliche in uns. All die wunderbaren Pinselstriche, mit denen wir erschaffen worden sind. Es ist gut, ab und zu von sich selbst zurückzutreten und sich selber in Ruhe zu betrachten. Selber zu erkennen, was Gott wirklich gut gelungen ist und es sich einzugestehen. Und dafür dankbar zu sein.

Liebevoll mit sich selbst zu sein, bedarf auch einen Achtsamen Umgang mit unseren Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Dies ist der Punkt, an dem Selbstliebe eng verwoben ist mit Selbstverantwortung. Denn wenn ich mich selbst Liebe und Wertschätze, dann muss ich mich auch selber darum kümmern, dass es mir gut geht. Dann kann ich meine emotionalen Bedürfnisse nicht vor meinem nächsten auskippen und erwarten, dass er sich schon darum kümmern wird. Und wenn er das nicht tut, dann bin ich unglaublich sauer und enttäuscht.

Bitte versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, enge Freunde und Beziehungen zu haben. Es ist wichtig und gut, den Menschen unseres Vertrauens mitzuteilen, wie es uns geht. Sie können uns in schweren Stunden trösten, Glücksmomente mit uns teilen und uns Denkanstöße geben. Aber wir dürfen niemals sie alleine für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. Wir dürfen diese Verantwortung niemals aus der Hand geben, denn wir machen die Erfüllung unserer Bedürfnisse abhängig von anderen.

Selbstverantwortung im Islam

Selbstverantwortung also. Auch für meine Beziehung zu mir selbst und zu Allah. Die Gottesbeziehung ist im Islam eine sehr direkte, unmittelbare und nahe. So sagt uns Allah in Sure 50, Vers 16:

Wir erschufen gewiss den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres einflüstert; und wir sind ihm näher als die Halsschlagader.

Allah ist für uns da, er begleitet uns und weiß wie niemand anderes über unser innerstes und unser Seelenleben Bescheid. Seine Beziehung zu uns basiert auf Barmherzigkeit. Unsere Beziehung zu ihm basiert auf Liebe und dem absoluten Vertrauen in seine Gerechtigkeit.

Aber wir werden am Auferstehungstag gerechte Waagschalen errichten, und keinem Menschen wird im geringsten Unrecht geschehen: denn auch wenn in ihm nur das Gewicht eines Senfkorns (an Guten oder Üblen) in ihm ist, wir werden es hervorbringen.
(21:47).

Ich weiß also, dass Allah am Ende meiner Lebensreise nur meinen Lebensweg betrachten und bewerten wird. Das hat was tröstliches und beruhigendes, denn es wird mir nichts angelastet werden, was außerhalb meiner Kontrolle gelegen hat. Wofür ich nichts kann. Gleichzeitig nimmt es mich in die Plficht. Denn ich kann die Schuld für bestimmte Fehler auch nicht anderen in die Schuhe schieben. Ich bin dafür selber verantwortlich.

Erlaubt mir einen kleinen Exkurs, denn genau das ist für mich ein Wesenskern des Islam und es ist einer der Grundsätze einer emanzipierten, selbstverantwortlichen Glaubenspraxis: Selber nachdenken, selber abwägen, selber entscheiden was man tut. Genau darum geht es uns hier in dieser Moschee mit unserer täglichen Arbeit: Die Menschen ermutigen, sich selber Gedanken über ihre Religion zu machen und nicht alles ungefragt zu übernehmen, was als Tradition weitergereicht oder vom Imam verkündet wird. Selber denken und dort, wo ich nicht genug Wissen habe, selber nachforschen.

Der Koran betont immer wieder, er sei ein Zeichen für Menschen, die nachdenken. Die in ihn und die Schöpfung hineinfühlen und die sich bilden. Wir sind keine Maschinen, es geht nicht um das technische Befolgen von Regeln. Es geht um etwas viel größeres, allumfassenderes, was sich nicht in Regeln und Vorschriften einfangen lässt. Es geht um Liebe und Barmherzigkeit. Das sollen wir begreifen.

Jeder und jede von uns ist ein einzigartiges, wunderbares Licht Gottes

Nun aber zurück zum Zusammenspiel von Selbstliebe und Selbstverantwortung. Für manche Menschen ist diese Selbstverantwortung für das eigene Leben, das eigene Wohlbefinden und den eigenen Lebensweg etwas, dem sie mit Angst begegnen. Es kann sich als überwältigende oder überfordernde Aufgabe darstellen. Als ein viel zu steiniger Weg. Sollte es euch bisweilen auch so gehen, dann bitte ich euch, dass ihr euch daran erinnert, wie bedingungslos Allah euch liebt und wie Nahe er euch ist. Ihr geht diesen Weg nicht alleine. Und jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Der erste Schritt ist ein achtsames hineinhören in sich selber. Ein sich begegnen und kennenlernen. Viele von uns haben ihren inneren Kritiker derart hart trainiert und groß werden lassen, dass sie ein sehr verzerrtes Bild von sich haben. Also, vom Bild zurück treten, es betrachten und kennenlernen. Es gibt viele wunderbare Pinselstriche zu entdecken.

Und wenn ich das Bild lange genug und liebevoll genug anschaue, werde ich Pinselstriche entdecken, die es auf keinem anderen Bild gibt. Die Allah nur mir geschenkt hat und mich damit Einzigartig gemacht hat. Diese Begabungen und Talente hat Allah uns nicht willkürlich geschenkt, sondern weil er möchte, das wir daraus was machen. In Wahrheit ist unser Bild nämlich kein eigenständiges Bild. Es ist ein Puzzleteil. Einzigartig und dennoch Teil eines größeren Ganzen. Und Allah hat gewusst, dass genau dieses Puzzleteil noch gefehlt hat, um das größere Ganze perfekt zu machen. Jeder von uns ist so ein perfektes kleines Puzzleteil. Es ist unsere Verantwortung, diese Talente und Begabungen in uns selbst zu entdecken und die Welt damit zu beschenken.

وَالشَّمْسِ وَضُحَاهَ
وَالْقَمَرِ إِذَا تَلَاهَا
وَالنَّهَارِ إِذَا جَلَّاهَا
وَاللَّيْلِ إِذَا يَغْشَاهَا
وَالسَّمَاءِ وَمَا بَنَاهَا
وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا

Was sein soll, ist, das ihr eure Talente und Begabungen findet und sie lebt. Nach meiner Überzeugung ist das eine unserer Aufgaben hier auf der Erde. Diese Talente und Begabungen sind ein Geschenk von Allah an euch. Aber sie sind auch euer Geschenk an diese Welt. Sie lassen euch strahlen, wie ein wunderschönes Licht. Es ist dieses Licht, was die Welt braucht. Warum Allah euch geschaffen hat.

Jede und jeder von uns ist ein wunderbares Licht und ein ganz besonderes Puzzleteil. Einzigartig und perfekt. Seien wir uns dessen öfters bewusst. Und beginnen wir damit, uns selbst und andere liebevoll zu behandeln.

Ich danke euch.

Mut

Mut

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt: „Warum unterschreibst du deine Khutbas nicht mit deinem Namen?“ Ich war zuerst erstaunt, dann machte es mich ziemlich betroffen. Ich hatte sie absichtlich nicht mit meinem Namen gekennzeichnet. Es war für mich ein Schutz, wenn jedermann meine Predigten lesen kann. Es kann sie ja auch jemand lesen, der nicht besonders gut auf das Thema, auf diese Moschee oder auf mich zu sprechen ist und mir übel mitspielen will. Im Nachhinein überlegte ich mir: Verkrieche ich mich hinter dieser Ausrede, mache ich mich damit kleiner? Brauche ich mehr Mut?

Als ich dann später mit den Geräten in meinem Fitnessclub kämpfte und nebenbei über das Gespräch nachdachte, sah ich dort ein neues Motto an der Wand: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ich überlegte: Was hat das mit Mut zu tun? Sehr viel! Also fasste ich den Entschluss, über das Thema “Mut“ zu sprechen. Ich möchte über den Mut der Gelehrten über Jahrhunderte hinweg, über den Mut heutiger Menschen sprechen.

Was bedeutet eigentlich etymologisch Mut? Es stammt aus dem Indogermanischen und bedeutet soviel wie: sich mühen, starken Willens sein, nach etwas streben; althochdeutsch etwa: Sinn, Seele, Kraft des Denkens, Wollens.

Mut steht als Charaktereigenschaft oft nicht allein.

Mut kann eine aktiv gestaltende oder aktiv verweigernde Handlungsrichtung bedeuten. Sie befähigt jemanden, sich gegen Widerstand und Gefahren für eine als richtig erkannte Sache einzusetzen. Mut erfordert dabei eine Entschlusskraft, ein sorgfältiges Abwägen, um eine eventuelle gefahrvolle Handlung zu tun oder zu verweigern z.B. zur Durchsetzung eines Rechts, für das Meistern einer gefährlichen Situation oder ein Unrecht zu beheben. Ich denke, dazu gehört auch das Nein-Sagen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es bedeutet z. B. bei einer Sache, auch wenn sie für andere sehr bedeutend ist, mal nicht mitzumachen, weil es eine andere, wichtigere Sache zu erledigen gibt. Sich dagegenstellen, wenn man merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das bedeutet außerordentlichen Mut zu beweisen. Es könnte ja sein, dass man sich nun gegen dich stellt oder du gar als Feind betrachtet wirst, zum Beispiel beim Beistehen eines Bedrohten.

Wie oft hört man oder liest man, dass jemand wieder zusammengeschlagen wurde und Leute verdrückten sich dabei. Viel zu wenig wird in einer solchen Situation von Unbeteiligten eingegriffen. Eine verbale Aufforderung zum Beenden bedeutet das großen Mut zu haben, man könnte jetzt ja selbst angegriffen, was ja auch schon geschehen ist. Aber selbst ein Telefonanruf ist schon eine kleine Hilfe

Dabei stehen sich Mut und Angst gegenüber, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern sollten sich zu einem ausgewogenen Zusammenspiel ergänzen.

Mut und Tapferkeit: Mut beweist jemand, wenn er sich in eine gefahrvolle Situation begibt, Tapferkeit bedeutet dann, wenn er die Situation trotz Rückschläge oder ähnliches bis zum Erfolg durchhält.

Mut als Emanzipation (d.h. Selbstbestimmung, Gleichberechtigung): Der deutsche Philosoph Immanuel Kant formulierte den Leitgedanken der Aufklärung so: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Eigentlich könnte dieses Motto in jeder Gemeinschaft angewendet werden. Es handelt sich um ein sozialethisches Verhalten aufgrund von Wertüberzeugungen, wenn z.B. die Integrität einer anderen Person, die Menschenwürde oder Menschenrechte bedroht werden und ein entsprechender Eingriff durch einen mutigen Mitmenschen notwendig wird.

Mut bezeugt man z.B. gerade heute, wenn es heißt: Flüchtlingen zu helfen, nicht zusehen, wenn in einer U-Bahn eine junge Frau betatscht oder belästigt wird oder dem besten Freund mal so richtig die Meinung geigen, auch wenn er dann dich für eine Weile böse ansieht. Aber wenn du damit ihm hilfst, etwas Negatives nicht zu tun, dann war es richtig.

Mut als Lernziel: Mut aufzubringen ist dementsprechend erlernbar. Es trägt wesentlich zur Formung der Persönlichkeit, zur überzeugenden Verfolgung eigener Lebensziele auch gegen Widerstände und zu einem selbstbewussten Auftreten in Bedrohungslagen und Konfliktsituationen bei.

Mut bedeutet also, den eigenen Verstand zu gebrauchen, seine eigene Meinung zu bilden, etwas zu riskieren, auch wenn man scheitern könnte, oder einfach der Angst ins Auge zu sehen.

Mutig ist man, wenn man sich zu dem bekennt, was man denkt und nicht einfach nur still ist vor Angst, oder mitzumachen ohne nachzudenken. Es ist das, wenn man sagt: Höre auf dein Herz und tu das, was dir guttut.

Mut ist immer eine Frage der Einstellung und damit eine Frage des Selbstvertrauens. Wenn ich nicht selber darauf baue, mein Ziel zu erreichen trotz eventueller Schwierigkeiten, dann habe ich vielleicht zu wenig Vertrauen in meinen Mut. Mut ist dabei eine positive, innere Einstellung zu sich selbst und zu seinen Fähigkeiten, d.h. ich muss mich selber einschätzen können. Ich kann mir dabei selber Mut machen, indem ich mir selbst gut zurede. Das ist bestimmt schon jedem passiert, dass er sich Mut einredet: „Das schaffst du! Du kannst das!“

Im Angstzustand malt man sich vielleicht aus, was passieren könnte, wenn man sich nicht überwinden kann. Man wird also versuchen, seinen ganzen Mut zusammenzukratzen.

Man kann also erlernen, mutiger zu sein, indem man das tut, wovor man gerade Angst hat und das wiederum bedeutet, dass man Selbstvertrauen gewinnt. Wie gesagt, Selbstvertrauen ist eine Voraussetzung für Mut.

Das setzt auch das Vertrauen zu sich selbst voraus, dass man mit einem eventuellen Scheitern umgehen kann. Wie oft passiert es, dass wir vor einem Problem stehen, dass uns krank macht, weil wir es nicht lösen können. Gerade in solchen Momenten brauchen wir unbedingt Selbstvertrauen, das Problem aus der Welt schaffen zu können, vielleicht auch mit Hilfe anderer. Man muss dabei nur den Mut haben, dass Problem beim Namen zu nennen. Francois Mitterrand, der ehemalige französische Staatspräsident, sagte einmal: „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern diese Angst zu überwinden.“ Nur dann hat man den Mut, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, seine eigene Meinung zu haben, sein Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellt.

Es gibt ein allgemeingültiges Gesetz, dass sich in zahlreichen heiligen Schriften der Religionen aus aller Welt findet: „Verhalte dich anderen gegenüber, wie du selbst behandelt werden möchtest. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und auf dein fühlendes Herz zu hören.“

In verschiedenen Religionen finden wir es:

Im Judentum: „Was für dich schmerzhaft ist, füge auch deinen Mitmenschen nicht zu. Das ist das Gesetz der Thora. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

Im Christentum: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin ist das Gesetz. Wer sagt: ‚Ich liebe Gott und hasst seinen Bruder‘, der ist ein Lügner, denn, wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht!“

Im Islam: „Der ist kein wahrhafter Gläubiger, der seinem Nächsten nicht das gleiche erweist, was er sich selber gerne tut. Handle allen Menschen gegenüber so, wie du wünschst, dass sie es dir gegenüber tun, und füge anderen nichts zu, was du nicht von ihnen erleiden möchtest.“

Was hat Glaube mit Mut zu tun? Mut kann auch bedeuten, entgegen aller Zweifel und Fragen an Gott zu glauben.

Das heißt, egal, welche Religion vertreten wird, der Kern aller Religionen ist die Liebe und Verehrung des Göttlichen und die Mitmenschlichkeit – Liebe, nicht Hass. Der Unterschied ist nur, in wieweit Strömungen einer Religion Konflikte anheizen oder Brücken der Verständigung bauen.

Wird jedes Mitglied aufgefordert, blindlinks dem religiösen Gelehrten zu gehorchen oder seinen Kopf selber zu benutzen? Das Letztere erfordert Courage oder Mut.

Bis heute hat es immer wieder herausragende muslimische Wissenschaftler, Gelehrte gegeben, die die Muslime aufforderten, eigenständig zu denken. Mit aller Kraft haben die konservativen Gelehrten versucht, sie mundtot zu machen.

Ein Beispiel, das noch gar nicht so lange her ist: Nasr Hamid Abu Zaid, mein Jahrgang und gestorben 2010, war Literaturwissenschaftler der Universität Kairo, wurde wegen seiner kritischen Analysen zur Koranauslegung scharf angegriffen. Nach seiner Zwangsscheidung und Amtsenthebung ging er ins Exil in die Niederlande.

Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass Religion Privatsache sei. Das stimmt ja auch. Andererseits findet Religion aber im öffentlichen Raum statt, wir werden als Religionsvertreter wahrgenommen. Es ist ein Teil unserer Identität und sie kann unser Wirken und Handlungen mitentscheiden und wie wir unseren Mut einsetzen. Immer mehr theologische Wissenschaftler treten gegen die Unmündigkeit der Gläubigen auf, deuten den Koran neu, auf unser Zeitalter zugeschnitten. Das erfordert großen Mut, werden sie doch bedroht, verbal oder aggressiv, wie das eine Beispiel zeigt.

Keiner kann beweisen, dass es einen Gott gibt, eine Hölle, ein Paradies. Es ist oft nicht leicht, einfach zu sagen: Ja, es gibt Gott und ich glaube an Ihn, obwohl ich es nicht beweisen kann, dass es Ihn wirklich gibt.

Es gehört Mut dazu, hier in dieser Moschee als Frau das Gebet zu leiten und eine Khutba zu halten und sie mit einem Namen zu kennzeichnen.

Nochmals zurück zu dem anfangs genannten Motto: „Du bist die Disziplin, dein Team, die Motivation“. Ohne Disziplin kann man keinen Mut aufbauen, Mut bedarf Disziplin und Selbstvertrauen. Alle drei bedingen sich einander. Mein Team, das seid ihr, ihr sitzt hier und hört mir zu und diskutiert mit mir und trotzt damit dessen, was viele islamische Gelehrten über diese Moschee sagen. Das wiederum gibt mir die Kraft zum Mut. Meine Motivation ist Gottes Wort, manifestiert im Koran, den ich versuche zeitgemäß zu lesen, zu verstehen und danach zu handeln.

Gott weiß über mich am besten.

Manaar

Friede und Freiheit im Islam

Friede und Freiheit im Islam

Der Begriff für Frieden kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutete ursprünglich Schutz, Sicherheit. Er schließt kulturelle, strukturelle und personelle Gewalt aus. Er ist ein Prozess. Auf die menschliche Gesellschaft übertragen ist Frieden der Zustand eines vertraglichen und gesicherten Zusammenlebens von Menschen sowohl innerhalb als auch zwischen den Gesellschaften und Staaten.

Im islamischen Verständnis trägt das Wort „Islam“ in seiner Wurzel die Bedeutung „Frieden“ in sich. Die arabische Wortwurzel s-l-m steht für „wohlbehalten, in Sicherheit“, eben „in Frieden sein“. Auch das Wort Salam, Friede, ist daraus gebildet. Islam ist das Friedenmachen durch Hingabe an Gott: Ein Muslim, der sich Hingebende, findet dadurch Frieden mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung.

Salam alaikum „Friede sei mit euch!“ ist der traditionelle muslimische Friedensgruß, mit dem sich nach dem Beispiel des Propheten die Muslime überall auf der Welt begrüßen. Und man sagt, dass der Prophet Muhammad (Friede und Segen auf ihn) nicht nur Muslime so begrüßte. Als ein Gefährte ihn fragte, was im Islam am besten sei, entgegnete er: „Dass du den Armen speist und den Friedensgruß dem entbietest, den du kennst und dem, den du nicht kennst.“ Das bedeutet: alle, die dir begegnen, sollte man grüßen.

Der Friedensgruß hat auch eine rituelle Funktion: nach jedem der fünf täglichen Pflichtgebete wenden die Muslime den Kopf nach rechts und links und entbieten den Friedensgruß der ganzen Schöpfung.

Was sagt der Koran zum Thema Frieden?

Die Verse 61 und 62 der Sure 19 stehen für die Hoffnung auf ewigen Frieden: „(Sie werden in) die Gärten von Eden (eingehen), die der Barmherzige seinen Dienern im Verborgenen verhieß.  Wahrlich, Seine Verheißung wird in Erfüllung gehen. Sie hören dort kein leeres Gerede, sondern genießen nur Frieden.“

Oder in Sure 10:10 steht: „Ihr Ruf wird dort (im Paradies) sein. „Preis Dir, o Allah!“ Und ihr Gruß wird dort sein: Frieden!“ – „Salam!“

Genauso lesen wir in Sure 14: 23: „Und diejenigen, die da glauben und gute Werke tun, werden in Gärten eingeführt werden, durch die Bäche fließen, um mit der Erlaubnis ihres Herrn ewig darin zu wohnen. Ihr Gruß dort wird lauten: ‚Friede!‘“

Das Wort Salam hat somit eine weite Bedeutung. Es bedeutet Sicherheit, Gesundheit, Harmonie und Zufriedenheit.  Genauso sprechen die Engel dem Todgeweihten „Friede“ zu.

In der Sure 10:25 lädt Gott uns in Sein Haus ein: „Und Allah lädt ein zum Haus des Friedens und leitet, wen Er will zum geraden Weg. Denen, die Gutes tun, soll das Beste zuteilwerden und noch mehr.“

Wenn ich bedenke, dann bezieht sich das Wort Frieden meist auf das friedliche Paradies. Was ist aber mit dem Diesseits? Gibt es auch hier den Frieden, den sich eigentlich jeder wünscht, oder fast jeder.

Wenn ich über den Satz in Sure 22:40 nachdenke, wünscht Gott den Frieden auf Erden nicht allein nur für die Muslime. Da steht: „Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs des Öfteren genannt wird, niedergerissen worden.“

Deshalb wird klipp und klar dem Muslim verdeutlicht und ans Herz gelegt, Frieden zu schließen, sobald der Gegner auch nur entfernt dazu bereit ist: „Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch du ihm geneigt und vertrau auf Gott; siehe, Er ist der Hörende, der Wissende“ (8:61). Gott verlangt also vom Menschen, dass er seine Vernunft walten lässt und alles Mögliche unternimmt, den Frieden wiederherzustellen und auch zu erhalten.

Gott liebt alle Menschen, denn Er hat sie ja alle geschaffen. Er sagt in Sure 49:13: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr euch einander kennen möget. Der Edelste von euch ist vor Allah derjenige, der am gottesfürchtigsten ist.“ Das heißt: egal, welcher Hautfarbe du bist, welcher Nation du angehörst, wir sind eine einzige Familie. Deswegen dürfen wir uns nicht in Zwistigkeiten, Rassenkämpfe, und Religionskriege verstricken. Der Koran lehnt eigentlich mit diesen Worten die traurige Wirklichkeit heute in vielen Ländern strikt ab: den Nationalismus und Rassismus.

„Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin liegen Zeichen für die Wissenden“ (30:22).

Die Menschen haben sich auf der ganzen Erde ausgebreitet. Je nach Klima hat sich eine bestimmte Hautfarbe herausgebildet und ebenso Sprachen. Dennoch bleibt ihre grundsätzliche Einheit davon unbeeinflusst. Sie alle haben dieselben Gefühle, Wünsche. Diese Unterschiede der Hautfarben und der Sprachen sind Zeichen für Gottes Schöpferkraft und Liebe zu allen Menschen, aber keine Gründe von Abwertungen anderer Nationen oder Religionen, genauso wie für kriegerische Handlungen, Hass oder Rassismus.

„Und wenn Gott gewollt hätte, so hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch wollte Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben hat. Darum wetteifert miteinander im Guten! Zu Gott werdet ihr dereinst zurückkehren, und Er wird euch aufklären über das, worüber ihr uneins seid.“ (5:48). Das Gute hat einen Namen: Frieden und Brüderlichkeit.

Das heißt, niemand wird im Koran ausgeklammert. Gott spricht durch den Koran nicht nur die Muslime an, sondern alle Menschen, ob sie Christen, Juden sind oder einer anderen Religion oder keiner Religion angehören. Er ist für die ganze Menschheit geschrieben.  Egal, wer man ist, Gott ruft sie alle zum Wetteifern im Guten auf. Und darum öffnen wir unsere Moschee allen Menschen, die den Frieden wollen.

Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er für richtig hält.

Besonders in den letzten Jahren vor seiner Auswanderung bemühte sich der Prophet Muhammad seine Botschaft weiterzugeben. Es bedrückte ihn sehr, dass viele Menschen in Mekka ihm nicht zuhören wollten oder gar daran hinderten. Da munterte ihn Gott auf (10:99) „Und falls dein Herr wollte, bestimmt hätten alle, die auf Erden sind, geglaubt – sie alle gemeinsam. Doch willst du die Menschen zwingen, damit sie Gläubige werden?“

Hier spricht Gott zwei Punkte an: Erstens will Er sagen, es wäre für ihn eine Leichtigkeit, alle Menschen in einer Religion zu vereinen, aber das wollte er nicht. Jeder darf und soll selber entscheiden, er hat die Freiheit dazu. Und zweitens: Dieser Vers verbietet ganz offensichtlich, die Menschen zum Glauben zu zwingen. Der Vers 256 in der Baqara betont es noch deutlicher: „Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden vom unrichtigen. Wer also nicht an falsche Götter glaubt, an Allah aber glaubt, der hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt.“ Auch hier wird von Gott betont, dass der Glaube am Islam und seine Lebensweise niemandem aufgezwungen werden darf.

Ganz im Gegenteil: Im Koran 2:62 steht expliziert, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion zu leben. Da steht. „Jene, die glauben, und jene, die Juden geworden sind, und die Christen und die Sabäer – Wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und gute Werke verrichtet, denen wird bei ihrem Herrn ihr Lohn zuteilwerden, und sie werden weder sich fürchten müssen noch traurig sein.”

Das heißt für uns, dass wir andere Menschen, die keine Muslime sind, aber an Gott glauben, zu respektieren und zu achten haben. Sie haben die Freiheit, im Judentum und Christentum Gott zu suchen und sich in seinem Schutz zu begeben.

Das bedeutet, dass eines der wichtigsten und unantastbaren Menschenrechte die Glaubensfreiheit ist. Im Koran wird dieses Recht garantiert und untersagt das Aufzwingen weder durch materielle Argumente noch durch Drohungen oder Gewalt. Der Glaube ist wie ein starkes Seil, das nie zerreißen wird. Das Seil steht für Glauben an Gott. Das heißt, wer sich daran festhält, am Glauben mit seiner ganzen Glaubensfreiheit, kommt niemals vom Weg ab, der zu Gott und in sein Paradies führt.

Im ganzen Koran findet sich nicht eine einzige Stelle, die es dem Muslim verbietet, frei zu denken. Aber nur im Frieden kann er sich frei entscheiden. Das heißt mit den Worten von Abdel Hakim Ourghi: Der Ruf nach der Autonomie des Koran als Text und nach der Freiheit der Interpretation ist eine Ermutigung der Muslime zur Erneuerung der islamischen Religion sowie die Voraussetzung für eine Wiederbelebung des freien Denkens aller Muslime. Die Freiheit der Koranauslegung impliziert auch die Freiheit all jener Andersdenkenden, die ebenfalls nach einer modernen und humanistischen Lesart des Koran streben. Eine freie Interpretation ist darum bemüht, die kanonischen Quellen und deren Rezeption historisch-kritisch zu verstehen. Deshalb ist und bleibt die Freiheit des muslimischen Lesers als Exeget unantastbar.

Gott    erschuf den Menschen als seinen Statthalter auf Erden und forderte ihn auf, bei der Entwicklung und Gestaltung des Lebens auf der Erde aktiv zu sein. Dafür gab Er ihm den Verstand. Der Mensch wurde so zur Krönung der gesamten Schöpfung. Durch Botschafter sandte Gott an den Menschen immer wieder seine Offenbarung herab. Er forderte sie darin zum Nachdenken auf, so dass sie aus ihren eigenen Gedanken Schlüsse ziehen können, wobei Gott das Nachdenken als den Weg betrachtet, der zur Erkenntnis führt. Gott will also, dass der Mensch durch dieses Nachdenken für seine Anschauungen, seine Zugehörigkeit und seine Bekenntnisse Verantwortung übernimmt. Der Mensch kann sich also die Freiheit nehmen für sich selbst zu entscheiden.

Deshalb gibt es für den Menschen keine Rechtfertigung für jegliche Formen blinder Nachahmung alter, überkommener Kulte, blindem Gehorsam und egozentrischen Interessen.

Diese Verse über Frieden und Freiheit des Menschen sind doch eigentlich klar und deutlich zum Verstehen. Aber wenn ich die islamische Geschichte betrachte, war das wohl doch nicht so verständlich. Es gab immer Kampf, Kampf innerhalb der einzelnen Strömungen im Islam. Sunniten gegen Schiiten, die Sunniten verfolgten die Ismailiten, im frühen 13. Jahrhundert gerieten die Nusairier im syrischen Küstengebirge in eine immer schärfere Konkurrenz zu den nizāritischen Ismāʿīliten. Sogar während des Goldenen Zeitalters in Bagdad kämpften diejenigen, die den Koran als unerschaffen ansahen gegen diejenigen, die ihn als erschaffen hielten und steckten sich gegenseitig in die Gefängnisse. Die Mihna ‚Prüfung‘) war eine zur Zeit der abbasidischen Kalifen zwischen den Jahren von 833 bis 849 praktizierte Form der Inquisition, bei der die betreffenden Personen gezwungen wurden, sich zur Staatsdoktrin von der „Erschaffenheit des Korans“ (chalq al-qurʾān) zu bekennen und wurde erst unter dem Kalifen al-Mutawakkil beendet. Im September 834 musste sich Ibn Hanbal, der jüngste unter den Gründern der vier im sunnitischen Islam etablierten Richtungen (madhhab)  mit anderen Vertretern der ahl al-sunna am Kalifenhof erscheinen und sich der Mihna unterwerfen. Er wurde ausgepeitscht, eingekerkert. Erst unter al-Mutawakkil ʿalā Llāh (ab 847) konnte er ungestört unterrichten und öffentlich auftreten.

Es war der Frieden der jeweils herrschenden Macht. Und heute noch halten sich viele Muslime als die besseren Menschen. Denn Gott lässt es zu, weil er dem Menschen die Freiheit gab, sich zu entscheiden und zu handeln.

Für mich gelten, und sicher auch für alle hier, die Worte des tunesischen Mohamed Talbi, einer der wichtigsten und kritischsten Vordenker der arabischen Welt, der für eine zeitgemäße Leseart des Koran plädiert: Die Menschen haben denselben Atem Gottes in sich, kraft dessen sie sich zu Gott erheben und seinen Anruf in Freiheit beantworten können. Sie besitzen dadurch die gleiche Würde und die gleiche Heiligkeit, und diese Würde und Heiligkeit verleihen ihnen uneingeschränkt in gleicher Weise dasselbe Recht auf Selbst-Bestimmung hier auf Erden und im Jenseits. Aus der Sicht des Koran lässt sich also sagen, dass der Ursprung der Menschenrechte in dem liegt, was alle Menschen aufgrund des Planes Gottes und seiner Schöpfung von Natur aus sind.“

Reformbewegungen im Islam

Reformbewegungen im Islam

In Diskussionen fällt immer wieder die Bezeichnung: liberaler Islam, liberale Moschee.

Es bedeutet für unsere Moschee, dass wir auf der Grundlage von Demokratie und Menschenrechten unseren Islam leben wollen, das heißt: wir interpretieren und hinterfragen den Koran und die Sunna, auf unsere Zeit zugeschnitten.

Viele muslimische Gelehrte sagen heute : Wenn der Islam überleben soll und wenn er einen Universalitätsanspruch hat, dann muss sich die Auslegung des Korans und seine Anwendung nach den Umständen von Zeit und Ort richten.

Diese Gedanken gibt es nicht erst seit heute. Sie zogen sich mit Unterbrechungen durch die ganze Zeit des Islam hindurch. In den ersten Jahrhunderten blühte die Debattenkultur. Zu den wichtigsten Methoden der muslimischen Rechtsgelehrten zählte damals der sogenannte Idschtihad. Er steht für selbstständiges Denken und Schlussfolgern.

Da ist z.B. die theologische Strömung der Mu’taziliten, die bis heute noch in Misskredit bei den orthodoxen Gelehrten stehen.

Ihren Höhepunkt hatte sie im 9.Jahrhundert. Angeregt durch das Studium der Übersetzungen der griechischen Philosophen haben verschiedene Aspekte dieser Philosophen Eingang in die islamische Theologie gefunden. Die Themen der Mu’tazila waren die Gerechtigkeit Gottes und Seine Einheit. In Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes folgerten die Mu’taziliten, dass der Mensch ungeachtet der Allmacht und dem Allwissen Gottes einen freien Willen ohne Einschränkung besitzen. Sonst wäre das Gericht Gottes nicht möglich. In Bezug auf die Einheit Gottes setzten sie voraus, dass Gottes Attribute keine unabhängige oder substantielle Existenz hätten, sondern seien Teil Seines Wesens. Nach der Islamwissenschaftlerin Silvia Horsch vertraten sie den Standpunkt, der Koran sei in der Zeit erschaffen worden und nicht das ewig existierende Wort Gottes (das also schon vor der Zeit der Herabsendung vorhanden war). Was wie Haarspalterei erscheint, hatte ein nicht zu unterschätzendes politisches Einbeziehen: Wenn der Koran, der die Lebensform, Normen und Werte der islamischen Gemeinschaft bestimmt, als ’nicht ewig‘ gilt, d.h. der Koran ist erschaffen, erscheint es eher gerechtfertigt und möglich, bestimmte politische Interessen unter Umgehung der koranischen Vorschriften durchzusetzen.

Als jedoch al-Mutawakkil (847-861) den Thron bestieg, wurde ihr Einfluss wieder zurückgedrängt. Ibn Hanbal, der die Lehre von der Erschaffenheit des Koran trotz Verfolgung und Gefängnis konsequent abgelehnt hatte, wurde aus dem Gefängnis entlassen und entschädigt. Die theologische Diskussion wurde von nun an von den Traditionalisten bestimmt und ab dem 12./13 Jh. wurde  das freie Forschen immer mehr eingeschränkt. Der Idschtihad verlor seine Bedeutung. An seiner Stelle kamen die Interpretationen der orthodoxen Gelehrten, bis heute.

Ein wichtiger Wegbereiter für die Entstehung einer solchen Moschee wie die unsere war der Philosoph und Arzt Muhammad Ibn Ruschd, 1126 in Cordoba geboren. Im christlichen Europa war er unter dem Namen Averroes bekannt. In Andalusien zur damaligen Zeit blühte eine debattier- und wissenschaftsfreudige Kultur. Ibn Ruschd war einer der großen Klassiker der Philosophe und Wissenschaftsgeschichte. Er vermittelte zwischen griechischer und arabischer und lateinischer Kultur, also er transportierte das wissenschaftliche Weltbild von Aristotoles  in seine Zeit und entfachte mit seiner Kommentierung eine große Diskussion. Es ging um Logik, um politische Theologie. Er begriff die Vernunft als ein Gebot des Glaubens. Für ihn war Vernunft und Religion kein Widerspruch. Er war der Meinung, dass die Religionen Teil der Welt ist und durch sie erforscht werden kann. Der Koran erfordert eine vernünftige Auseinandersetzung.

Für ihn war der Koran-Vers 59:2 eindeutig: „Denkt nach, die ihr Einsicht habt!“ Ibn Ruschd sieht in der Aufforderung an die Muslime, über ihren Glauben nachzudenken und die bestmögliche Beweislage für ihr Denken zu finden, eindeutig in der Philosophie und zumal in der aristotelischen Beweisführung gegeben. In der Logik sah er die Möglichkeit, aus dem Denken heraus zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen.

Er attackiert sogar al-Ghazali, der in einer Schrift die Philosophen angreift, da sie Unglauben auf Grund von drei Dingen lehrten:

  1. Die Urewigkeit der Welt
  2. Das Wissen Gottes um die Einzeldinge nur auf allgemeine Weise
  3. Die mögliche Auferstehung des Menschen nur mit der Seele, nicht aber dem Leibe

Ibn Ruschd antwortete auf diese drei Punkte folgendermaßen:

  1. Der Koransagt nirgends, dass die Welt aus dem Nichts geschaffen und in der Zeit entstanden sein soll. In den sechs Tagen der Schöpfung schwebte Gottes Thron dem Koran nach sogar „über dem Wasser“, woher davon auszugehen ist, dass die Welt schon existiert haben könnte.
  2. Die Philosophen behaupten gar nicht, dass Gott kein Wissen um die Einzeldinge hätte. Sie betonen aber, dass es anders sei als das Wissen der Menschen und dass die Menschen also gar nicht wissen könnten, was Gott alles weiß. Ihr Wissen entstehe Schritt für Schritt, während Gottes Wissen von Ewigkeit her alle Dinge umfasse und daher eine Voraussetzung dafür sei, dass die Einzeldinge nacheinander entstehen.
  3. Auch leugnen die Philosophen die Auferstehung nicht und lehren nichts, was im Widerspruch zum Koran stünde. Also dürfe niemand aufgrund einer „anderen“ Interpretation des Unglaubens bezichtigt werden.

Die Philosophie des Averroes  strahlte bis in das christliche Europa  und beeinflusste die gesamte mittelalterliche christliche Theologie, bis seine Schriften auf dem 5. Laterankonzil 1513 unter Papst Leo X. kirchenamtlich verboten wurde.             Er starb verbannt 1198 in Marrakesch

Im 19./ Anfang 20.Jh. gab es mehrere reformistische Vordenker, z.B. der libanesische Raschid Rida, 1865-1935. Er trat für die Bewahrung der eigenen Identität ein. Er gab die Zeitschrift „Al-Manar“ (Der Leuchtturm) heraus. Die Zeitschrift enthielt Analysen der Situation der damaligen muslimischen Welt und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, weswegen der Westen dem Orient überlegen war. Seine Argumente bezogen sich auf die Erneuerung des Islam und auf die Stagnation durch die Ulama, die den Fortschritt der islamischen Welt verhinderten. Als eine wichtige Rechtsquelle galt für ihn das Prinzip der ‚maslaha‘, der Nützlichkeit für die islamische Gemeinschaft und Gemeinwohl.

Dschamal ad-Din al-Afghani   1838 in Asadabad, Iran † 1897 in Istanbul),

Al-Afghānī gilt als einer der bedeutendsten muslimischen Denker und Philosophen der Moderne. Zwei zentrale Themen lassen sich in seiner Ideologie wiederfinden: Islamische Einheit, und der Ruf nach einem reformierten und modernisierten Islam, der sich westliche Technologie und Wissenschaft zu eigen macht, und sich damit gegen westliche politische und wirtschaftliche Abhängigkeit wehrt. Seine Ideen sind: Befreiung aller muslimischen Gebiete vom Kolonialismus und der Fremdherrschaft, Rückkehr zu den reinsten Quellen aus der ersten Zeit des Islams, Aneignung der Technologie und der sozialen Institutionen des Westens in gezielter Auswahl und die Einheit aller Muslime in einem islamischen Staat.

Er gilt als liberaler Reformtheologe und Modernist, aber auch als einer der geistigen Begründer des Politischen Islams und der Salafismus-Bewegung des späten 19. und 20. Jahrhunderts, die eine Rückbesinnung auf den wahren, unverfälschten Islam forderte.

Nazr Hamid Abu Zaid

geb. 10. Juli 1943 in Qufaha bei Tanta, Ägypten; gest. 5. Juli 2010 in Kairo) war ein ägyptischer Koran- und Literaturwissenschaftler, der in seinen Büchern eine neue Koranhermeneutik, ein sinngemäßes Auslegen forderte. Der Koran entstand laut seiner Meinung nach nicht in einer einseitigen Offenbarung, sondern in einem Dialog zwischen Gott und dem Menschen – war also auf die Zeit und die Umgebung Muhammads zugeschnitten. Dabei ist es der Mensch selbst, der den Worten Gottes überhaupt erst eine Bedeutung verleiht. Er widerspricht damit, dass der Koran schon immer im Himmel existierte. Der Koran spricht erst, wenn er gelesen und darüber nachgedacht wird. Jeder Leser versteht ihn darum in seiner Zeit. Jede Interpretation bringt große Freiräume, was früher gedacht wurde, muss heute nicht identisch sein. Darum muss der Inhalt des Koran immer auf die Zeit des Interpreten übertragen werden.

Jeder seiner Zeit fortschrittlicher Denker stellt ein Baustein dar bis hin zu einer neuen, liberalen und humanistischen Denkweise im Islam, deren Ergebnis unsere liberale Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee ist.

Wir versuchen den Koran nicht wörtlich zu verstehen, sondern aus ihm Grundsätze herauszulesen und sie auf das Heute zu übertragen.

Im Koran finden wir viele Prinzipien, die die Würde des Menschen und seine Statthalterschaft durch Gott betonen. Wir lesen von Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt.

z.B. 17:70  „Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet- eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben“.

21:92  „Wahrlich, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft“

16:12 „Und Er hat für euch die Nacht und den Tag dienstbar gemacht und die Sonne und den Mond. Und die Sterne sind auf Seinem Befehl dienstbar. Wahrlich, darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben“.

49:9  „Und wenn zwei Parteien der Gläubigen miteinander streiten, dann stiftet Frieden zwischen ihnen“, …. weiter heißt es: „…lasst nicht eine Schar über die andere spotten“,  „ … fügt keine üble Nachrede übereinander“.

13:19   „Ist denn etwa einer, der erkennt, dass die von Deinem Herrn herabgesandte Offenbarung die Wahrheit ist, gleich einem, der blind ist? – (Doch) Nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen.“

Der Koran ruft die Gläubigen in diesen und weiteren Versen aktiv dazu auf, ihren Verstand zu benutzen. Das ist insofern interessant, als dass insbesondere konservativere Strömungen seit Jahrhunderten den menschlichen Verstand aus religiösen Angelegenheiten am liebsten verbannen würden.

Unsere Moschee ist sozusagen die Erbin des Gedankengutes dieser fortschrittlichen Denker im Islam. Wir bauen auf ihnen auf. Und ich muss sagen: Ich bin stolz, dieser Moschee anzugehören.

Menschenrechte im Islam

Menschenrechte im Islam

In der Zeitschrift „Berliner Woche“, die jede und jeder in Berlin kostenlos in seinem Briefkasten vorfindet, habe ich am Mittwoch einen Artikel über Seyran Ates gelesen. Sie schreibt unter anderem: „ Wir hoffen, dass unter dem Dachverband der säkularen Muslime noch mehr liberale Moscheen in ganz Europa entstehen“

Wie oft stoßen wir auf Worte wie säkular, liberal. Dazu fehlen eigentlich nur noch die Wörter demokratisch  und humanistisch.

Mir sind sie oft schwammisch, was sie genau bedeuten, kann ich auf der Stelle nicht exakt erklären. Deshalb habe ich mich schlau gemacht, was sie bedeuten und wie sie zum Islam stehen.

 Demokratie: die Regierungsform, bei der eine gewählte Volksvertretung die politische Macht ausübt,  das Wichtigste in einer Demokratie ist die Würde des Menschen

Ein humanistisches Menschenbild in einer Demokratie sieht in jedem Menschen eine eigenständige, in sich wertvolle Persönlichkeit und respektiert die Verschiedenartigkeit verschiedener Menschen.

 Die Würde des Menschen ist unantastbar, seine Persönlichkeit und seine Lebensweise müssen respektiert werden.

Der Mensch hat die Fähigkeit sich zu bilden und zu entwickeln, er hat das Recht seine Talente, Potentiale und Kompetenzen zu entfalten und zu vervollkommnen.

Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich kreativ entfalten können.

 Ein humanistisches Menschenbild besagt; dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Freiheit hat, das Leben und alle Entscheidungen die dieses Leben beeinflussen, selbst bestimmen zu können. Es geht weiter davon aus, dass der Mensch einzigartig und von Grund auf gut ist. Es besagt, dass der Mensch befähigt und bestrebt ist, Entscheidungen in seinem Leben selbst zu treffen und sein Leben auf moralischer und ethischer Ebene selbst zu bestimmen. Auch auf finanzieller, sozialer, körperlicher, geistiger und seelischer Ebene sollten Entscheidungen selbst getroffen werden können.

 Liberalismus: ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche politische Positionen

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Ansätzen die hohe Wertschätzung individueller Freiheit und Selbstverantwortung. Jeder Mensch soll leben wie er möchte, solange er nicht die Freiheit anderer tangiert bzw. verletzt. Demokratie wird als Mittel angesehen, die Freiheit der Bürger zu schützen. Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit werden als Voraussetzung der Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung angesehen.

Wir sehen also: Liberalismus steht in enger Beziehung zum Humanismus.

Ich habe einen Aufsatz über Menschenrechte, Religion und Demokratie von Dr. Razavi Rad gelesen und fand ihn bemerkenswert

Er schreibt über den Rang und die Stellung des Menschen aus koranischer Sicht :

Der Mensch wird als bestes Geschöpf des ganzen Universums anerkannt. Bei Gott sind die Würde und Rechte jedes einzelnen Menschen unantastbar, ungeachtet, welcher Religion, Rasse, Kultur, Hautfarbe usw. er angehört. Die Menschen sind wie die Glieder eines Körpers, weil sie alle einen gemeinsamen Schöpfungsursprung haben, einen gemeinsamen Vorfahren, Adam.

17:70: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über das Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet – eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben.“

Das bedeutet: in Bezug auf das begriffliche Denken  stehen wir höher als die Engel, deshalb sollten sie sich auch vor Adam, stellvertretend für die ganze Menschheit werfen. Das heißt auch: er ist in der Lage, die Wahrheit des Universums herauszustellen und in allen Bereichen des Lebens seine Kenntnisse zu erweitern.

Im Vers: 95:4  steht: „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen“, oder  Muhammad Asad übersetzt das so: „Wahrlich, Wir erschaffen den Menschen in bester Gestaltung“.

Ich denke, hier werden ungeachtet seiner natürlichen Beschaffenheit, seiner Vorzüge und Nachteile jeder Mensch mit der Fähigkeit zum bestmöglichen Gebrauch seiner angeborenen Eigenschaften und in seiner Umgebung ausgestattet. Hier wird insbesondere die Moral und Ethik angesprochen. Jeder Mensch hat seine Würde, wenn er die Rechte des anderes respektiert. Also die Grundprinzipien des Islam sind nichts anderes als die Einladung zur Menschlichkeit und die Achtung und der Stellung des Menschen, jeder Mensch muss würdig behandelt werden, auch wenn er nicht so denkt wie ich.  Das ist ein islamisches wie auch humanistisches Menschenbild.

Eines der Rechte des Menschen ist die Gedankenfreiheit. Ich hatte letzten Freitag von Neugier als erste Etappe beim Wissenserwerb gesprochen, er ist ein angeborener Trieb des Menschen, von Allah verliehen,  der ihn antreibt in seiner Wissbegier und der Suche nach der Wahrheit. Dieses Denken, Überlegen, Reflektieren, Schlüsse ziehen, Handeln ist eine besondere Fähigkeit und Merkmal des Menschen.

8:22/23 : „Wahrlich, als die schlimmsten Tiere gelten bei Allah die tauben und stummen, die keinen Verstand haben. Und hätte Allah etwas Gutes in ihnen erkannt, hätte er gewiss sie hörend gemacht. Und wenn Er sie hörend macht, so werden sie sich in Widerwillen wegwenden.“

Immer wieder lädt Allah den Menschen zum Nachdenken ein. Sie sind manifestiert in rund 300 Versen des Koran. Leider  übersehen wohl einige Muslime diese Aufforderungen.

Sie sehen nur ihren Imam, halten sich an seine Worte fest, die sicher gut sind,  anstatt an Allahs Aufforderung zum Nachdenken. Ein Imam ist auch nur ein Mensch und Menschen machen Fehler. Statt dessen sollten sie über das Gesagte kritisch nachdenken und reflektieren.

Ich denke schon, dass es viele Gläubige gibt, die nachdenken, sicher sogar eine eigene Meinung besitzen, aber nicht ihre Wertschätzung und Stellung in der Gemeinde aufgeben wollen.

Aber das ist es, was eine liberale und demokratische Gemeinde braucht.

Und weil wir hier, die versammelt sind nachdenken, sich kritisch mit den Werten, kritisch mit den islamischen Schriften, ja sich kritisch sogar mit dem Koran auseinandersetzen wollen, deshalb feindet man uns an und arbeitet  daraufhin, unsere Moschee in Diskretion zu bringen.

Wir sind offen und jeder, der seine Meinung vortragen möchte, ist eingeladen.