Koran

Jon Tyson

Muttertag

Muttertag

Jon Tyson
Jon Tyson

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In zwei Tagen ist in Deutschland Muttertag. Wenn ich heute über Mütter spreche, meine ich nicht nur leibliche Mütter, sondern auch Adoptivmütter, Ziehmütter, liebevolle Begleitermütter…

Nichts ist so schön wie Mutter zu sein. Außer vielleicht, Oma zu sein. Während ich das schreibe, schaue ich ein Video von meiner Enkeltochter an, die von ihrem Papa, meinem Schwiegersohn, auf einem alten Stück Pappe durch die Wohnung gezogen wird, und lacht. Es gibt nichts, was einen mehr erfreut, als dieses Lachen. Ein kleines Kind, ein Jahr alt, schafft es mit seinem so netten kleinen Lachen meinen ganzen schweren, mühseligen Tag von jetzt auf gleich in Honig zu verwandeln. Nichts anderes auf der Welt kann so etwas leisten. Kein Geld, keine Speise, kein Getränk, kein Besitz. Einfach nichts. Nur das Lachen dieses Kindes.

Neulich war ich bei meiner anderen Tochter. Da saß dieses kleine Baby im Wohnzimmer auf dem Teppich – die beiden Kinder meiner Töchter sind gleichzeitig geboren – saß also dieses kleine Baby auf der Erde und streckte mir die Ärmchen entgegen, um mich zu umarmen und lächelte dabei. Ich konnte meine Schuhe gar nicht schnell genug ausziehen. Wie unendlich herzlich ist so ein kleines Kind. Als ich den Kleinen endlich auf dem Arm hielt, schob er sein Köpfchen gegen meine Stirn und lachte.

Während ich schreibe, sitzt auch meine Tochter Fahtma mir gegenüber in der Küche, wir trinken Tee und scherzen über ihre letzten Alpträume. Letzte Woche wurde sie 19 Jahre alt. Sie hat einen großartigen Humor und mit niemandem kann ich lachen wie mit ihr. Nichts und niemand ist mir so vertraut, wie meine Kinder. Für niemanden bin ich so vertraut, wie für sie. Sie kennen mich in und auswendig, lesen meine Gefühle bevor ich mir derer selbst gewahr bin. Ich habe in meinem Leben eine Million toller, guter, schöner Dinge getan, ich bin Gummitwist gesprungen, habe geschrieben, gesungen, bin geritten, habe Menschen geholfen, aber nichts von dem ist auch nur ein Stäubchen wert, wenn ich es in Relation dazu setze, Mutter zu sein. Niemand hat mich so glücklich gemacht, wie meine Kinder. Zu unseren Liebsten sagen wir t’obrini und je älter ich werde, desto mehr verstehe ich den Sinn dahinter. Du wirst mich beerdigen. Ein Satz der die ganze Ehre und den ganzen Schmerz des Mutter-Kind-Verhältnisses beinhaltet.

Dabei ist die Rolle der Mutter überhaupt nicht immer so toll und es gibt darin nicht nur unangeneheme Momente, sondern ganze unangenehme Wochen und Monate, oder mehr noch, negative Grundaspekte. Als Orna Donath vor wenigen Jahren ihr Buch „Regretting Motherhood“ schrieb, gab es regelrechte Shitstorms auf Mütter, und zwar von gebildeten Frauen. Das Buch ist die Verarbeitung einer Studie, bei der Mütter über ihre Mutterschaft befragt wurden. Einige gaben scheinbar paradoxe Statements ab, vor allem dass sie ihre Kinder liebten, aber das Muttersein nicht. Sie liebten ihre Kinder, würden sich aber nicht noch einmal für die Mutterschaft entscheiden. Die Reaktionen auf diese ehrlichen Aussagen reichten vom süffisanten „selber schuld, hätte ja Karriere machen können“ zu „die (gemeint sind die Mütter) schieben ihren Kinderwagen mit der Kaffeetasse in der Hand zum Spielplatz, sitzen den ganzen Tag in der Sonne, und jammern dann auch noch rum“. Eine Zeit-Online Reporterin schrieb, den Müttern gegenüber in höchstem Maße herablassend, Kinder seien jetzt wohl „Wellness-Schädlinge“. Im Zeitalter des Feminismus brauchen wir scheinbar keine Männer, um uns Frauen herunterzumachen. Wir können das jetzt ganz allein.

Wenn ich daran denke, wie meine Mutterschaft war, habe ich zwei vollkommen konträre Erinnerungen – eine helle, leichte, lustige, die ich oben beschrieben habe, und eine sehr dunkle, depressive, die geprägt ist vom Gefühl der Einsamkeit, der intellektuellen Dauerunterforderung, Einkaufsstress und dem Wunsch danach, meinen eigenen Gedanken einmal in Ruhe nachzugehen. Das war damals, als die Kinder klein waren, kaum möglich. Ich habe sechs Kinder. Die ersten vier sind innerhalb von fünfeinhalb Jahren geboren. Ständig zerrte jemand an mir, wollte etwas, und zwar sofort, jetzt. Manchmal schloss ich mich im Badezimmer ein, um einen kurzen ruhigen Moment zu haben.

Damals lebte ich das traditionelle Mutterbild, dessen Blütezeit in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts liegt. Es wird aber heute noch immer in konservativen Bevölkerungsgruppen vertreten. Mutterschaft wird als Lebenserfüllung gesehen. Aus ihr würden Frauen angeblich eine tiefe Befriedigung gewinnen, und darüber hinaus seien sie von Natur aus liebevoll, fürsorglich und aufopferungsbereit. (vgl. hierzu Martin R. Textor in https://www.ipzf.de/pflege4.html). Dass diese Rolle zugleich durch extreme Unfreiheit gekennzeichnet ist, wird übersehen, denn hierzu gehört die Abhängigkeit von einem Versorger und das Opfern der eigenen Lebenszeit zur Erfüllung der Bedürfnisse anderer. Der Vater und das Kind sind in diesem Szenario frei. Die Mutter zwar nicht, aber angeblich belastet sie das nicht, da sie ja als Frau quasi genetisch dazu bereit ist, sich zu opfern. Dass wir Mütter uns negative Gefühle wie Zorn oder Depressionen und Einsamkeit nicht eingestehen dürfen, hat sich, wie man an den Reaktionen zu Regretting Motherhood sieht, nicht geändert.

Hilary Clintons Buch „It takes a village to raise a child“ hat schon den richtigen Titel. Ein Kind großzuziehen braucht in der Tat viele Menschen, viele Helfer, die sich sorgen, unterstützen; aber es braucht nicht nur das ganze Dorf, sondern die Erziehung wird ja vom Dorf, respektive der Gesellschaft, mit übernommen. Es ist kein Geheimnis, dass Mütter nicht die einzigen Personen sind, die Einfluss auf ihre heranwachsenden Kinder haben. Drogenkonsum in der Umgebung des Kindes, ungezügelte Sexualität, schlechte Sprache, Mobbing, die Schule mit ihren guten und schlechten LehrerInnen— es gibt Vieles, worum sich Mütter sorgen. Wenn dann beim Heranwachsen etwas schief geht, waren es aber nicht die anderen, sondern die Gesellschaft schaut auf die Mutter, und auch diese lastet es sich selber an. Vor einigen Jahren las ich in der Zeitung, dass ein Kind im Schwimmbad ertrunken sei. Die Journalisten fragten: „Wo war die Mutter?“ Zu meiner Empörung fragte keine einzige Zeitung: „Wo war der Vater?“ Einige Zeit später fiel ein Kind aus dem Fenster eines oberen Stockwerkes und überlebte den Sturz nicht. Man las: „Die Mutter war kurz aus dem Haus gegangen, um den Müll zu entsorgen“. Und wieder einmal – wo war der Vater? Teile unserer Gesellschaft gehen immernoch davon aus, dass als letzte Instanz die Mutter dafür zuständig ist, für das Kind Sorge zu tragen. Und zwar 24 Stunden am Tag, auch während es sich in der Obhut anderer befindet. Die gesellschaftliche Entwicklung führt zwar längst woanders hin, doch bleibt dieses Bild weiterhin kraftvoll.

Neben der Gesellschaft hatten und haben (?) auch die Kinder große Erwartungen an die Mutter. Selbst wenn sie ihre Väter oft mehr lieben, sind die Erwartungen an die Mutter größer. Zwischen Mutter und Kind besteht möglicherweise immernoch die distanzlosere Verbindung.

Als meine Tochter Ruth ungefähr 15 Jahre alt war, sagte sie zu mir: „Mama, zu dir bin ich am gemeinsten, dabei liebe ich dich am meisten“. Ich mochte diesen Satz, denn es gehört zur Pubertät dazu, dass man öfter mal gemein ist. Das Ziel der Gemeinheit ist die Person, bei der man darauf vertrauen kann, dass sie die Gemeinheit nicht zurückzahlt. Die liebende und geliebte Mutter wird dies vielleicht am wenigsten tun.

Es ist schon komisch, dass man diejenigen Menschen, die einem den meisten Schlaf rauben, die man wickelt und bis zur Erschöpfung füttert und herumschleppt, und die als Teenager auch noch gemein zu einem sind, am meisten liebt. Die Nabelschnur wird wohl nur körperlich zertrennt. Auf seelisch-emotionaler Ebene bleibt sie erhalten.

Zugleich leben wir in einer Zeit, in der der Umbruch der Rollenverteilung bereits vollzogen ist und auch Männer einen Anspruch auf eine emotionale Nabelschnur erheben. Wenn die AfD im Sinne der oben beschriebenen konservatien Mutterrolle behauptet: „Der ideale Betreuungsplatz für das Kleinkind ist auf Mamas Schoß“, dann melden sich heute glücklicherweise Väter laut zu Wort und klagen ihr Recht auf Kinderbetreuung und auf Anerkennung der damit einhergehenden Rolle ein. In meiner Schule habe ich einige Eltern, die aus gleichgeschlechtlichen Paaren bestehen. Gerade diese Woche habe ich zwei Papas gefragt, wie wir das denn mit dem gebastelten Muttertagsgeschenk regeln wollen, wenn das Kind zwei Väter hat. Sie meinten ganz pragmatisch, wir heben das Muttertagsgeschenk für später auf und am Vatertag bekommen dann beide Papas ein Geschenke. Schöne Idee! Zwischen diesen Vätern und ihren Kindern gibt es auch eine Art Nabelschnur. Mit zunehmendem Selbstverständnis der Übernahme traditionell mütterlicher Rollen durch Väter, werden solche figurativen Nabelschnüre wachsen und genauso wirksam sein, wie die der Mütter.

Zurück zu den Frauen. Wie gehen sie mit ihrer Mutterrolle um? Ich möchte hierzu von einer Studie berichten, über die mir vor vielen Jahren meine Tochter erzählte. Fragt man Frauen im Alter von ungefähr 50 Jahren, ob sie bei einem fiktiven zweiten Lebensdurchgang, also, wenn sie noch einmal in ihrer Geschichte zurückgehen würden, statt Mutter zu sein lieber Karriere gemacht hätten, sagen die meisten Frauen ja, und das, obwohl sie bis dahin gar nicht so unzufrieden mit ihrer Mutterrolle waren. Es scheint, dass Frauen im Alter von 50 Jahren ihre Mutterschaft bereuen. Doch dies ist ein Trugschluss. Fragt man nämlich Frauen im selben Alter, die eine gute berufliche Karriere gemacht haben, ob sie stattdessen lieber Mutter geworden wären, wird dies von etwa der gleichen Anzahl bejaht. Das bedeutet, im Rückblick wünscht man sich einfach das Andere. In unserer Gesellschaft sind beide Identitätsvisionen gleichstark – Mutter sein und gesellschaftlich wirken. Ich glaube, das war schon immer so. Die Rolle der Frau in der Geschichte zeigt glaube ich nicht, dass sich Frauen von sozio-politisch unbeteiligten Wesen zu Partizipatorinnen in Politik und Gesellschaft entwickelten. Für mich sieht es vielmehrs so aus, als gäbe es global gesehen immer mal Bewegungen zu mehr Partizipation und solche zu weniger.

Im Moment empfinden zumindest in Europa, vielleicht weltweit, Frauen aller bildungsnahen Schichten die gesellschaftliche Teilhabe als wichtig, ja notwendig, zur inneren Zufriedenheit. Kaum jemand mag einfach „nur“ zu Hause sein, kochen, backen und mit den Kindern Lego bauen. Frauen wollen gesellschaftlich wirken, sie empfinden sich als politisch, und sie suchen nach Anerkennung, weil das zum Wohlbefinden beiträgt. Ich kann das nur bestätigen. Als mein viertes Kind, Maria, ein Jahr alt war und die ersten Schritte machte, breitete ich meine Arme aus, damit sie zu mir liefe. Sie löste sich von ihrem Halt, einem Stuhl bei der Großmutter, lief in meine Richtung, doch auf halbem Wege wendete sie, um nun in die andere Richtung zurückzulaufen.

Verdutzt schaute ich ihr nach und mir wurde schlagartig klar, dass mich dieses Kind wie alle anderen, irgendwann nicht mehr so brauchen würde, wie in diesen frühen Jahren. Das Kind würde seine eigenen Wege gehen, und ich – ja, ich würde dann alleine sein, ohne meine Kinder und zugleich ohne einen anderen Lebensinhalt. In dem Moment entschloss ich mich, nicht nur für das Wohl dieses Kindes zu sorgen, sondern mich auch um meine eigene Entwicklung zu kümmern, das hieß für mich, um meine Bildung, damit ich später, wenn das Kind seine eigenen Wege geht, eine Aufgabe hätte. Ich ging zurück zur Schule, holte das Abitur nach und studierte. Während des Studiums wurde man immer wieder in Seminaren aufgefordert, sich vorzustellen. Weil es andere auch so machten, erwähnte ich in den Anfangssemestern auch immer, dass ich bereits vier Kinder hatte. Später waren es dann sechs. Die Reaktionen waren oft so aversiv, dass ich es mir abgewöhnte, in der Uni über meine Kinder zu sprechen; es gefährdete ernsthaft meinen Prüfungserfolg. Es gab immer wieder Frauen, die Karriere gemacht hatten, dafür ihren Kinderwunsch zurückgestellt hatten, aber damit im Nachhinein darüber traurig waren. Unter den Frauen gab es auf „6 Kinder“ tatsächlich überwiegend zwei Reaktionen: Entweder meinten sie, das wäre unheimlich toll und bewundernswert, oder sie reagierten mit Eifersucht. Auf eine „mittlere Reaktion“, ein neutrales Registrieren der Information gab es selten.

Mein Studium hat meine Kinder belastet. Sie wurden oft als Letzte aus dem Kindergarten abgeholt und werfen mir das immernoch vor. Wieder wird hier die Mutter in die größere Verantwortung genommen. Doch ich freue mich, dass ich die Chance hatte. Leicht war es allerdings nicht, denn Phase zwei meiner Mutterschaft illustriert auch die von MartinTextor als zweites Rollenbild dargestellte Systematik. (Das erste Rollenbild war das Konservative.) Textor schreibt: „Dieses Idealbild [der Karrieremutter]wird ebenfalls von Medien und feministischen Gruppierungen verbreitet: Frauen sollen – und könnten – attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Und zwar gleichzeitig. Als “Beziehungsexpertinnen” sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung zu kurz kommt. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Das Bild der glücklichen Supermutter ist genauso utopisch wie das Bild der glücklichen konservativen Mutter. Denn wo die eine einsam, ohne Anerkennung und Freiheit, und intellektuell unterfordert bleibt, lebt die andere in Dauerstress und Überlastung. Wenn wir das als Freiheit definieren, dann ist das Kopftuch auch eine Definition von Freiheit.

Ich glaube aber, heute versuchen Mütter und Väter das in Deutschland irgendwie anders zu wuppen. Im progressiven Deutschland – nicht dem, der AfDler oder Reichsbürger, die uns die erste Lüge verkaufen wollen – geht irgendwie alles, Mutter mit Karriere, Väter ohne Mütter, Frauen ohne Kinder, Mütter ohne Väter…. Man hat die Qual der Wahl, aber immerhin gibt es eine! Es hat etwas Erfrischendes, in dieser Zeit zu leben. Als ich meine ersten Kinder bekam, war es kaum denkbar, dass Väter ihre Babys in Babybjörns tragen, heute sehe ich es überall. Die Väter sind die neuen Mütter.

Zum Muttertag gehören auch dunkle Seiten.

Mein bester Freund und engster Vertrauter ist aus Syrien. Wir sprechen oft über Frauenrollen und Mütter. Ich fragte ihn: „Feiert man bei euch auch Muttertag?“ Er antwortete, dass man früher immer gefeiert hätte, doch heute feiert man ihn nicht mehr, weil so viele Kinder keine Mutter mehr haben, und vielleicht mehr noch, weil so viele Mütter keine Kinder mehr haben. Die syrischen Mütter, deren Kinder noch am Leben sind, wollen den Muttertag nicht mehr feiern, denn er ist für die anderen Mütter ein Trauertag. Mütter sind mit anderen Müttern solidarisch, sie leiden mit ihnen und wissen, dass es nichts Schlimmeres gibt, als das eigene Kind an Krieg oder Krankheit oder durch einen Unfall zu verlieren. Kein Bild scheint mir schlimmer als das der Mutter, die ihr Kind leiden sieht, wie das christliche Bild der Maria, Mutter von Jesus, die zusieht, wie ihr Sohn ans Kreuz genagelt wird.

In diesen Tagen fällt es mir schwer, mich von der folgenden Geschichte zu lösen. Sie verfolgt mich gewissermaßen seit Tagen. „Verfolgt“, weil es keine schöne Geschichte ist, sondern weil sie den ganzen Schmerz symbolisiert, den es beinhaltet, Mutter zu sein.

Auf Grund der schrecklichen Nazi Aufmärsche am 1.Mai dieses Jahres in Plauen und anderen Städten erreichte mich vor ein paar Tagen ein Video von Überlebenden des Holocausts. Die Sprecher erzählten über ihre Erlebnisse in der Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Einer der Sprecher erzählte, dass er eines Tages draußen auf dem Platz einen Galgen sah. Er war dort aufgebaut worden. Vor diesem Galgen stand ein Junge, der hingerichtet werden sollte. Kurz vor seiner Hinrichtung murmelte er ein Wort, das in fast allen Sprachen gleich ist. Er sprach es ganz leise, und doch haben es alle Anwesenden gehört: „Mama“.

Das Kind sprach nicht dieses Wort, weil seine Mutter eine biologische oder gesellschaftliche Funktion erfüllt hat. Was ist das, „Mama“ – was ist eine Mutter? Ist es die Summe aus wickeln, füttern, nachts am Bett sitzen, bei den Hausaufgaben helfen, Frühstück ans Bett bringen, Geschichten vorlesen, beim Bafögantrag helfen, die Studentenwohnung finanzieren, Wäsche waschen, schimpfen, lachen, weinen? Die Summe aus all dem? Offensichtlich nicht. Mutter zu sein bedeutet etwas, das sich der Beschreibung entzieht. Man kann es nicht in Worte fassen. Mutter sein ist keine Rolle, es ist ein Wesenszustand. Ja, eine Mutter ist eine Frau, wir bestehen heute darauf, und sagen, wir möchten nicht auf die Mutterrolle reduziert sein. Aber das ist nur die gesellschaftliche Ebene. Auf einer anderen Ebene sind wir Mütter. Es ist unser Wesen, unsere Identität. Wir haben keine Wahl, sie anzunehmen oder zu lassen. Mit der Geburt unseres Kindes werden wir etwas Anderes, ob wir diesem gerecht werden oder nicht, und wie auch immer wir das gestalten wollen oder können. Die Mutterschaft, wie auch die Vaterschaft, ist ein schützenswerter Aspekt der Gesellschaftsgestaltung, um unseren Kindern die Erfüllung aller lebenserhaltenden, also auch emotionalen, Bedürfnisse zu sichern. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft mit vielen Müttern eine andere ist, als eine Gesellschaft, die sich ausschließlich am eigenen Vorankommen orientiert. Heute ist ein guter Tag, dies zu bedenken.

„Allah, wir Mütter danken Dir für unsere Kinder. Wir Menschen alle danken Dir für alle Kinder. Wir danken Dir für die vielen Momente der Freude, die wir mit ihnen erleben dürfen und wir bitten, dass wir gute Mütter, Eltern, sind. Wir bitten dich, Allah, behüte unsere Kinder vor dem Bösen der Welt. Wir bitten, dass sie immer satt sind und warm; dass sie ein Heim haben, in dem sie in Frieden leben können, ohne zu frieren, dass sie nachts sorgenfrei schlafen und sich am Tag der Sonne und des Lebens erfreuen können und dass sie als Kinder und als Erwachsene geliebt werden.

Wir danken für unsere Eltern, am heutigen Tag besonders für unsere Mütter, und für die, die uns zusätzlich, oder an ihrer Stelle, wie Mütter waren und sind. Behüte uns Allah, und vergib uns, denn du bist der Allvergebende, Barmherzige. Zu Dir allein wenden wir uns und dich allein bitten wir um Hilfe.“

Iqra! – Lies und rezitiere!

Iqra! – Lies und rezitiere!

Sure 96.1-5: Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf.

E erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen,

lies, denn dein Herr ist Allgütig,

Der mit dem Schreibrohr lehrt,

lehrt den Menschen, was er nicht wusste.

Es gibt unzählige Gründe, sich mit Lernen zu beschäftigen. Es ist etwas, was dem Menschen sein ganzes Leben begleitet. Und seit meiner ersten Khutba hier begleitet mich das Thema in vielen Facetten.

Es steht hier die Frage: Lerne ich um zu leben oder lebe ich um zu lernen? Ich denke beides trifft sich irgendwo. Ich musste lernen, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, heute ist mein Lebensinhalt das Lernen, das Endziel ist also nicht meine finanzielle Sicherheit, sondern das Lernen und Reflektieren an sich.

Die Aufforderung zum Lernen ist im Koran nicht zu übersehen. So kommt die Wortwurzel für „das Lesen“ q-r-a im Koran 88 Mal vor. Als Muhammad sich in die Höhle am Berg Hira zurückzog, um zu meditieren, kam die allererste Offenbarung und Aufforderung an ihn, die lautete: „Iqra’“.

Gewöhnlicherweise übertragen die meisten Koranübersetzer und –exegeten das Wort „Iqra´“ ins Deutsche mit „Lies“. An dieser Übersetzung ist zunächst einmal nichts auszusetzen, denn die linguistische Betrachtung des Wortes Iqra´ – abstammend vom Verb „qar´a“ (er las) – gibt klar Aufschluss, dass es sich bei der Aufforderung „Iqra´“ um einen Befehl zum Lesen handelt, also „Lies!“

Doch wenn wir tiefer graben, finden wir im Koran drei unterschiedliche Begriffe für den Vorgang des Lesens. 1. qira’ah قراءات, 2. Tartiil ترتيل, 3. Tilawah تلاوة.

Oberflächlich könnte man alle drei Begriffe mit dem Vorgang des Lesens begreifen. Aber wenn man tiefer sieht, dann stellt man fest, dass sie bedeutende Unterschiede beinhalten.

Beginnen wir mit dem 3. Begriff „tilawa“. Die sprachliche Bedeutung entspricht dem „Vorleben, Vorlesen“. In der Sure Asch-Schams (91:1-2) nimmt beispielsweise das Verb „talâ“ ausgehend von „Tilâwah“ die Bedeutung von „aufeinander folgen, nachfolgen, folgen“ an: „Bei der Sonne und bei dessen Leuchten und beim (ihm) folgenden Mond…“ In diesem Vers erschließt sich uns eine sehr tiefe und aussagekräftige Botschaft des Wortes „Tilâwah“.

Das Leuchten des Mondes ist kein eigenständiges Leuchten, sondern eine Reflexion des Sonnenlichtes. Erst durch die Sonne erhält der Mond seine Helligkeit und wirft dieses Licht auf die Erde.

„Tilâwah“ ist nicht nur das „Lesen“ an sich, sondern auch das „Befolgen“ der koranischen Gebote. So erhellt der Koran den Menschen und gibt anschließend durch das Vorleben und Vorlesen dieses Licht weiter.

„Tartil“, die nächste Art der Lesung bedeutet so viel wie ‚die langsame Lesung‘. Wir finden das Wort in der Sure 25:32: „Und diejenigen, die ungläubig sind, würden sprechen: ‚Wäre nur der ganze Koran ihm auf einmal herabgesandt worden.‘ Wir taten dies, um dadurch dein Herz zu festigen. Und wir haben ihn dir nach und nach wohlgeordnet vorgetragen.‘“ Tartil bedeutet hier eine Zusammensetzung von Bestandteilen in einer bestimmten Ordnung. Muhammad Asad bemerkt dazu: „Der Koran selbst gibt den Grund dafür, dass er langsam und allmählich offenbart wurde. Wenn der Begriff ‚Tartil‘ auf die Rezitation des Koran angewendet wird, bezieht er sich auf einen langsamen und deutlichen Vortrag. Es bedeutet, dass man die Verse nicht nur mit der Zunge und dem Verstand liest wie beim ‚Tilawah‘, sondern durch das langsame Lesen auch mit dem Herzen.“

„Qira’ah“, die dritte Art der „Lesung“, umschreibt eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache. Es ist ‚das Forschen, Studieren, Erkunden‘ der Verse.

Wenn wir diese Unterteilung beachten, ergibt der Befehl „Iqra!“ ein deutliches Ausmaß, nicht nur „Lies!“ sondern „Erforsche, Lerne, Erkunde!“ „Qira’ah“ umschreibt also eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Sache.

Also, das erste Wort war „Iqra!“ und bedeutet demnach nicht nur „Lies“ sondern auch „Studiere, forsche!“ Für mich bedeutet es: Nicht das Gebet oder das Fasten, sondern das Hören und Studieren, Beobachten, Forschen, Denken steht an erster Stelle! Dazu passt, dass die Offenbarungen mündlich gesandt wurden, durch den Engel Gabriel zum Propheten, der die Offenbarung weitergegeben hat. Es gab keinen Text zum Lesen, zumindest nicht am Anfang. Man konnte den Text nur hören, anschließend darüber diskutieren, also sich damit beschäftigen, das heißt lernen, um das zu begreifen, was Gott mitgeteilt hatte: Demut, Glaube an Gott, unser Verhalten gegenüber dem Einzelnen und der Gemeinschaft, usw.

Aber was ist gemeint nun mit „Lies!“ Und was soll gelesen werden. Da steht: „Lies, im Namen deines Herrn.“ Es folgt nichts Genaues, Gott erläutert in den nachfolgenden Versen nicht, was genau gelesen werden soll. Aber dennoch gibt es im ganzen Koran Hinweise darauf, denn Gott betont immer wieder: Haben sie keinen Verstand, wollen sie nicht begreifen?

Das heißt also: Lies nicht nur im Koran, sonders lies und denke nach, was dir die Welt zu sagen hat. Steht nicht im Koran in Sure 51:20-21: „Und auf Erden sind Zeichen für Jene, die fest im Glauben sind und auch in ihnen selbst sind Zeichen. Seht ihr denn nicht?“

Diese ersten Verse sind an keinen besonderen Menschen gerichtet, denn Gott wusste, dass der Prophet nicht lesen kann und es steht auch kein Name da. Aber das, was gelesen werden soll oder gesagt werden soll ist so wichtig, weil es an alle Menschen, an die gesamte Menschheit gerichtet ist. Muhammad vertrat genau in diesem Moment die ganze Menschheit.

Man könnte auch sagen, es sei ein erster Dialog zwischen dem, der „Lies!“ sagt, also Gott durch Jibril, und an den Er sich wendet, dem Menschen, dem Er mitteilt, wie Er ihn erschaffen hat. Und wie läuft der Dialog ab? Indem Er für ihn speziell durch die Schreibfeder mittels Schreiben das Wissen festhält.

Sie sind Wegzeichen, die man lesen soll und auf die auf Gott mit all seiner Allmacht, Güte, Barmherzigkeit und Einzigartigkeit hinzeigen. Eigentlich könnte vor jedem Wort ein „Lies!“ stehen, als ein Aufruf zum Erkunden, zum Studieren. Der ganze Koran ist voll von solchen Aufrufen. Schon der 2. Vers der allerersten Sendung: „Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen“ berichtet von Seiner höchsten und besten Schöpfung, an die Er sich auch zuwendet, nämlich dem Menschen. Der 3. Vers betont noch einmal die Wichtigkeit des Lebens und berichtet vom Urheber des Erschaffer des Menschen: „Lies! Denn Dein Herr ist Allgütig.“ Vers 4: „Der mit der Schreibfeder lehrt,“ eine Schreibfeder als ein geschaffenes Ding, ein Instrument, das Wissen aufzeichnet.

Das Studium dieser Zeichen, dieser Aufrufe führen weiter zu „Iman,“ zur Überzeugung an die Einheit und Existenz Gottes. Zum Beispiel finden wir diese Bestätigung in Sure 41: 53: „Wir werden ihnen Unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen, damit ihnen deutlich gemacht wird, dass es die Wahrheit ist.“

Die Aufforderung von Gott an die Menschen, den Koran und eigentlich seine ganze Schöpfung zu lesen, zu beobachten, nachzuforschen, sollte für alle eine Aufforderung sein, in allen Bereichen der Wissenshaft oder Theologie zu forschen und durch ihre Ergebnisse den Wahrheitsgehalt des Korans zu bestätigen. So wird durch Lernen, Lesen und Begreifen von Gottes Schöpfung durch die Wissenschaft ebenfalls Dienst an Gott (Ibadah) gemacht wie auch durch das Studium des Korans.

Iqra befiehlt uns, die Zeichen zu lesen, die Gott in Seiner Schöpfung gesetzt hat, die Bedeutung Seiner Schöpfung zu begreifen, indem wir unsere Erfahrung und unseren Verstand einsetzen. Gleichzeitig versichert uns Iqra, wenn wir lesen wollen, dass wir auch tatsächlich in Gottes Schöpfung lesen können, dass die Schöpfung unserem Verstand zugänglich ist. Je besser wir lernen, in ihr zu lesen, desto besser werden wir verstehen, dass die erschaffene Welt ein einziges Universum ist, und die Erde mit all seiner Schönheit und Harmonie, dessen Stellvertreter wir sind, ein Teil davon ist. Aber nur die Menschheit kann lesen, was geschrieben steht. Deshalb sagt uns der Koran, wir sollen „lesen, studieren“ und nicht nur sehen. Wir müssen die Schöpfung kennen und nicht nur erfahren oder etwas als gegeben anzunehmen, ohne darüber nachzudenken.

Iqra ist somit ein allgemein gültiger Befehl, der für jeden von uns eine Tür zum Islam öffnet. Iqra verlangt von jedem von uns, dass wir als Menschen in unserem Denken, Gefühlen und in unseren Handlungen nach dem Guten streben sollen. Iqra erlegt dem Menschen eine Verantwortung und innere und äußere Versuchungen und Kämpfe auf, aber sie gibt auch die Chance, für sich Wissen und Würde zu erwerben.

Alles Erschaffene, ob belebt oder nicht belebt, ist wie ein Buch in einer Bibliothek des Universums, in dem wir forschen können über das Geschaffene und dem Erschaffendem, es kann aktiv ‚gelesen‘ werden.

Wie groß und wichtig doch so ein kleines Wort sein kann! Es gibt uns das Recht und die Pflicht als Einzige in der ganzen Gottesschöpfung nicht nur eine Daseinsberechtigung zu haben oder etwas anzuschauen, sondern sie auch genau zu betrachten und verstehen zu lernen.

Und ich denke, Gott wird es demjenigen, der das wirklich will, leicht machen.

Manaar

Hochzeit bild von Beatriz Pérez Moya

Mohamed und Khadija

Mohamed und Khadija

 

Beatriz Pérez Moya

Wir Muslime haben sicher alle die eine oder andere Lieblingsgeschichte aus dem Koran oder den anderen Überlieferungen. Die Geschichte von Moses vielleicht, wie er in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil trieb und gerettet wurde. Oder die Geschichte von Abraham, wie er Gott wieder und wieder bat, die Stadt Sodom zu verschonen, weil dort Lot mit seiner Familie wohnte. Oder die Geschichte der Khadija, die eine reiche und kluge Kauffrau war und bereits zweimal verwitwet, als sie den 25 jährigen Mohamed kennenlernte. Sollte ich mal einen muslimischen Namen annehmen, so wird es Khadija sein. Von Anfang an habe ich mich in sie verliebt und ihre wunderbare Liebe zum Propheten Mohamed geschätzt. Ich freue mich darauf, sie inscha’allah im Paradies kennenzulernen und sie um ihre Freundschaft zu bitten. Khadija war die erste Frau Mohameds, und so geht es heute um das Thema Ehe. Für alle, die damit nichts anfangen können, geht es um Partnerschaft und um jede Freundschaft mit einem Menschen, an dem uns besonders viel liegt.

Als die wohlhabende Kauffrau Khadija eines Tages eine Handelskarawane nach Damaskus schicken wollte, suchte sie für deren Führung einen besonders vertrauenswürdigen Mann. Sie hörte von einem jungen Mann namens Mohamed, der sich durch seine Aufrichtigkeit und Freundlichkeit einen edlen Namen gemacht hatte, und bot ihm die Führung der Karawane unter Begleitung des Sklaven Maisara an. Mohamed nahm Khadijas Angebot an und machte sich bald darauf mit Maisara auf den Weg.

Als sie in Busra im Süden Syriens ankamen, ließ Mohamed sich im Schatten eines Baumes in der Nähe eines Klosters nieder, das einem Mönch namens Nestor gehörte. Es ist überliefert, dass dieser Mönch den Sklaven Maisara fragte: „Wer ist dieser Mann unter diesem Baum?“, und Maisara antwortete: „Er gehört zum Stamm Quraisch zu den Leuten der Kaaba“. Da sagte der Mönch: „Unter diesem Baum haben bisher nur Propheten gesessen“ (siehe Ibn Kathir und auch Hischam/ zitiert aus: Muhammad, Jotiar Bamarni, Schreibfeder Verlag 2010).

Auf dem Markt muss Mohamed seine Waren besonders passend für die jeweiligen Käufer ausgewählt haben, sicher hatte er einen besonders guten Geschmack; so merkte Maisara bald, dass Mohamed sich von anderen Händlern in vielerlei Hinsicht unterschied. Natürlich beschäftigten ihn auch die Worte des Mönchen Nestor. Als Maisara nach der langen Reise zu Khadija zurückkam, erzählte er neben den Worten Nestors noch von einer anderen Beobachtung: „Du hast mich mit ihm geschickt, damit ich ihm diene. Dabei hat er mir gedient. Wenn ich krank war, pflegte er mich, wenn ich traurig war, tröstete er mich!“ – so sprach Maisara. Und die Überlieferung erzählt auch, dass immer wenn Mohamed in der stechenden Sonne saß, zwei Engel kamen, um ihm Schatten zu spenden. Auch dies ist Teil von Maisaras Bericht.

Als nun Mohamed zu Khadija zurückkam mag diese von seinem Verhandlungsgeschick beeindruckt gewesen sein, doch darin hat sie sich nicht verliebt, denke ich. Denn als unabhängige Frau konnte sie sich erlauben, sich aus anderen Gründen zu verlieben. Vielleicht liebte sie seine freundlichen Augen, sein Lächeln, oder das ehrliche Gesicht, mit dem er ihr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Auch Mohamed verliebte sich in sie.

Khadija sagte zu ihm: „Ich schätze dich wegen deiner Beliebtheit in deiner Familie, wegen der Schönheit deines Charakters und deiner Ehrlichkeit“. Dann bot sie ihm die Ehe an; und wieder stimmte Mohamed einem Angebot Khadijas zu. Mohamed schenkte Khadija 20 Kamele als Brautgabe. Bei seiner Hochzeit war er 25 Jahre alt, Khadija war 40 Jahre alt.

Ihr erstes gemeinsames Kind war Qasim, der jedoch nach seinem zweiten Lebensjahr starb. Daher wird Mohamed auch manchmal Abu Qasim genannt. Danach folgten vier Töchter: Zeinab, Ruqqaya, Umm Kulthum und Fahtma. Der letzte Sohn Abdullah starb ebenfalls noch als Kind. Mohamed und Khadija hatten einen großen Haushalt zu versorgen. Neben den Beiden und ihren Kindern lebten dort mit ihnen Baraka, die inzwischen befreite Dienerin seiner Mutter und Zaid, ein Sklavenjunge, den Mohamed frei gelassen hatte, und der auf eigenen Wunsch von Mohamed adoptiert worden war, sowie auch Ali Ibn Abu Talib; denn Abu Talib hatte Schwierigkeiten, seine große Familie zu ernähren und ging daher auf Mohameds Vorschlag ein seine Söhne Ali und Abbas in andere Haushalte ziehen zu lassen. Ali ging zu Mohamed.

Es wird bis heute als gesichertes Wissen angesehen, dass der Prophet Mohamed niemanden so liebte, wie Khadija. Aisha sagte mehr als einmal, wie eifersüchtig sie auf Khadija sei, obwohl er auch sie sehr liebte, weil der Prophet noch lange nach Khadijas Tod immer wieder vor allen Menschen ihrer liebevoll gedachte. Niemals durfte jemand die leiseste Kritik an ihr äußern, sagt uns Aisha. Er war ihr sein ganzes Leben lang in Dankbarkeit und Liebe verbunden.

Als der Prophet die erste Offenbarung hatte, kam er zitternd und verwirrt zu seiner Frau Khadija, die ihn in ein Tuch wickelte und ihm gut zusprach. Sie glaubte ihm alles, was er sagte, egal, wie seltsam es sich anhörte, und wurde die erste Gläubige Muslimin.

Sunna, ihr lieben Schwestern und Brüder, heißt nicht, die Arme beim Gebet so oder so zu verschränken. Sunna heißt, diese Ehe als Vorbild zu nehmen für die eigene Ehe oder Partnerschaft und den Partner so lieb und teuer zu schätzen wie es Mohamed mit Khadija getan hat und umgekehrt. Im Koran Sure Al Rum 20 Vers 21 lesen wir: „Und unter Seinen Wundern ist dies: Er erschaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art auf dass ihr ihnen zuneigen möget, und Er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch hervor: hierin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken!“

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِّتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِّقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

And of His signs is that He created for you from yourselves mates that you may find tranquillity in them; and He placed between you affection and mercy. Indeed in that are signs for a people who give thought.

وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً

Geborgenheit, Zuneigung oder Liebe, Vergebung oder Gnade.

Das passt nun gar nicht zu dem vielzitierten Gewaltvers, in dem angeblich steht, dass ein Ehemann seine Frau unter bestimmten Bedingungen schlagen darf. Was machen wir mit diesem Vers, den ich an dieser Stelle nicht zitieren werde und den Nichtmuslime besser zu kennen scheinen als Muslime? Arabisch muttersprachliche Muslime sagen mir über den „Gewaltvers“ immer wieder, sie verstehen diesen Vers nicht – die Wörter sind ganz und gar uneindeutig. So lassen wir ihn also beiseite, denn vielleicht erklärt er sich erst nach unserer Zeit und bedeutet etwas ganz anderes als wir heute vermuten. Uns reicht doch das, was wir gelesen und verstanden haben. Wir wissen aus dem Koran und aus zahllosen Hadithen, dass Mohamed ein Prophet der Liebe und Vergebung ist, und dass Allah für unsere Beziehungen sagt: wa jala beinakum Mauwade wa Rahme.

Mohamed und Khadija gingen auf eine Lebensreise. Doch Khadijas Reise endete vor Mohameds und so hatte er ein zweites Leben. Er, der mit Khadija monogam gelebt hatte, heiratete nun viele Frauen gleichzeitig und wurde zum gesellschaftlichen Führer. Seine Liebe zu Khadija blieb ungebrochen.

Zeit für Bittgebete

Hier in der Moschee schließen wir viele Ehen. Es kommen vor allem Menschen, die in anderen Moscheen nicht heiraten dürfen oder möchten. Manch einem sind die anderen Moscheen schlicht zu konservativ. Andere werden dort gar nicht erst verheiratet, weil der Mann nicht Muslim ist, oder weil es sich um gleichgeschlechtliche Liebe handelt. Wer hier heiratet kommt auch schonmal aus den USA angereist, aus Österreich oder aus Hannover.

Als ich meinen muslimischen Mann heiratete, bin ich, so glaube ich, auch zum Islam konvertiert. Sicher bin ich mir da nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich damals während der Eheschließung sagte. Ich sprach kein Wort Arabisch und wiederholte einfach das verbale Rauschen, das mir der Scheich vorsprach, und es war mir vollkommen egal, welche Bedeutung es hatte. Geheiratet habe ich mit meinem Herzen, nicht mit meinen Worten.

Doch so ganz richtig ist das nicht, und nicht jedem ist es so egal, wie es mir damals war, was er oder sie da sagt. Eheleute möchten nicht einfach ihre Religion verleumden, und so tun als wären sie Muslime, während sie eigentlich Christen sind, Juden, Atheisten, oder anderes. Es ist ein Akt der Lüge zur Eheschließung in einer Moschee. Wir verzichten hier in dieser Moschee auf diese Lüge und verheiraten diejenigen Menschen, die sich lieben, bzw. die heiraten möchten. Das allein zählt, wenn sich zwei Menschen entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Gerade der oben zitierte Vers gibt uns hier Argumentationshilfe, denn Partnerwesen, auf Arabisch Zauwajan, ist weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Ein Partnerwesen kann jeder andere Mensch sein. Viel wichtiger ist es, wie man den gemeinsamen Weg gestaltet.

Mohamed und Khadija haben sich vereinigt, doch blieb Khadija weiterhin Kauffrau und konnte ihren Mann immer wieder als eigenständige Frau beeindrucken. Und Mohamed empfing immer wieder Offenbarungen, die ihn als einzigartigen Menschen auszeichneten. So banden sich die Beiden aneinander und lebten dennoch in Freiheit.

Der Dichter Rumi schreibt: „Binde zwei Vögel zusammen – sie haben nun vier Flügel, aber keiner von ihnen kann fliegen“. Der so genannte Bund der Ehe bedeutet Gemeinsamkeit, aber nicht unter Aufgabe der Freiheit. Die Freiheit bleibt unser Grundrecht außerhalb jeder Beziehung und innerhalb jeder Beziehung. Freiheit braucht Vertrauen; und Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dem anderen und sich selbst gegenüber. Möglicherweise ist dies der schwierigste Aspekt einer Partnerschaft.

Khalil Gibran schreibt

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen

sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer

Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von

euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben

Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der

anderen.

All dies bedeutet, dass wir unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben

sollten, denn in dieser Einzigartigkeit wurden wir geschaffen, und

in diese Einzigartigkeit hat sich unser Partner verliebt.

In ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ schreibt Bronnie Ware gleich bei Grund 1: Ein großer Anteil der Sterbenden, die sie begleitete sagten Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Unter den Frauen, die dies sagten waren besonders viele, die mit der Eheschließung auch ihre eigenen Bedürfnisse hinter Schloss und Riegel ablegten stattdessen die Bedürfnisse ihres Ehemannes zu den Eigenen machten. Sie bereuten es am Lebensende bitterlich, denn sie hatten ihre Gott-gegebenen oder natürlichen Rechte und Quellen der Freude unnötig aufgegeben. Sie sehnten sich nach Verwirklichung ihrer Selbst, für die es nun zu spät war.

Zugleich ist die Partnerschaft aber durchaus auch der Weg vom Ich zum Du.

Der Dichter Nizar Qabbani schreibt:

„Ich werfe meinen Passport ins Meer, und nenne Dich mein Land.

Ich werfe meine Wörterbücher ins Feuer, und nenne dich meine Sprache.“

Beide Aspekte – die Wahrung der Freiheit auf der einen Seite und die vollkommene Vereinigung auf der anderen – finden sich in einer gelungenen Partnerschaft. Zu meinen, nun wäre dann wohl alles geregelt und jede Partnerschaft müsse super funktionieren, hat mit „Mensch sein“ allerdings wenig zu tun. Dort, wo es mal hapert und man nicht weiterkommt mit all seiner Zuneigung und Vergebung, wo es gerade nur noch bergab und rückwärts läuft, kann man zum Beispiel hier in der Moschee um Seelsorge bitten. Diesen Schritt sollte man sich nicht zu lange überlegen. Es lohnt sich, mit anderen zu sprechen, die diesbezüglich ein wenig Bildung genossen haben oder die einen an Stellen weiter verweisen können, an denen wirklich Unterstützung stattfindet.

Mohamed und Khadija sind ein Beispiel für eine Beziehung, in der Freiheit und Gemeinsamkeit eine gute Balance hatten. Ich wünsche uns allen in dieser Woche glückliche Erfahrungen mit den Menschen, die uns begleiten.

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Autor: Massud Reza

Bald beginnt Ramadan, also jener Monat, bei der Muslim/innen weltweit fasten werden. Nicht nur, dass in dem Fastenmonat – nach islamischer Überzeugung – der Koran herabgesandt wurde. Vielmehr wird das Fasten an sich zu den fünf Säulen des Islams gezählt, also neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Almosenabgabe sowie der Pilgerfahrt nach Mekka. Mittels des Fastens bzw. der Entbehrung von materiellen Bedürfnissen kann man sich dem Zustand der inneren Ausgeglichenheit annähern, sich intensiv mit seinem eigenen Selbst auseinandersetzen und dies läutern, über Gott und vieles mehr tiefgründiger nachdenken. Gerade der Läuterungsprozess soll dabei nicht aus dem Blickfeld geraten, immerhin sollen dadurch sowohl der Charakter als auch das Handeln von Muslim/innen zu gutem Verhalten führen. Somit gewinnt das Fasten im Islam einen unverrückbaren, hohen Stellenwert.

All die aufgezählten Punkte könnte man vorbehaltlos zustimmen. Doch leider gibt es ein gravierendes Problem, worüber gesprochen werden muss, da das Thema jährlich nicht an Brisanz verliert. Es kommt in Schulen (egal ob Grund – oder weiterführenden Schulen) vor, dass muslimische Schüler/innen unter dem Fasten leiden und sogar ohnmächtig werden. Von morgens bis abends essen und trinken sie nichts, haben zu wenig Schlaf und setzen sich damit sehr stark unter Druck, was wiederum negative Folgen auf ihr gesundheitliches Wohlbefinden zeigt. Schließlich gilt ja auch Stress als Krankheitsverursacher. Aber nicht nur sie selbst setzen sich unter Druck, auch in den Schulen gibt es eine Art sozialer Kontrolle durch muslimische Schüler/innen, die ganz minutiös darauf achten, ob ihre muslimischen Mitschüler/innen sich auch ans Fastengebot halten. So geraten immer mehr junge Menschen unter den Druck, sich des Essens und Trinkens zu entledigen, obwohl sie es körperlich und seelisch nicht aushalten können. Angetrieben zu diesem Verhalten wird man von Fragen, wie z.B. wer ein guter oder gar besser Muslim ist? Wer hält sich am konsequentesten am islamischen Gebot? Wer kann anderen mit Glorie beweisen, wie tapfer und standhaft er/sie das Fasten durchhält?

Führt man sich diese Aspekte vor Augen, so macht es nachdenklich und es beunruhigt. Es geht nicht mehr um einen inneren Läuterungsprozess, wie weiter oben beschrieben, sondern stets um die äußerliche Ebene. Geradeso als wenn man in einem mechanischen Zustand verfällt und dann erst das Fastengebot ausführt. Völlig abgebrüht und dröge, ohne jeglichen Läuterungs – und Reflexionsprozess. Weiterhin ist auch bekannt, dass es muslimische Schüler/innen gibt, die auch vortäuschen, dass sie am Fasten sind. Da sie die soziale Ausgrenzung und den sozialen Druck größtmöglich umgehen wollen, beschummeln sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst.

Wie sollte man mit dieser vertrackten Angelegenheit am besten umgehen? Immer mehr Lehrkräfte melden sich bundesweit zu Wort und beklagen, dass ihre muslimischen Schüler/innen aufgrund des Fastens sehr unkonzentriert im Unterricht sitzen, sich vom Sport – und Schwimmunterricht befreien lassen und tatsächlich auch abrupt bewusstlos werden – und das besonders in heißen Sommertagen.

Aus diesem bedenklichen Befund gilt es vor allem eins zu unternehmen und zu vermitteln, nämlich die Bildung! Generell muss man Schüler/innen den unschätzbaren Wert von Bildung vermitteln, damit sie auch nach der Schule für das Leben in der Gesellschaft vorbereitet sind. Statt nach religiösen Fehlleistungen von anderen zu schauen, sollte man auf sich selbst Acht geben, um die eigenen Fehler nicht aus dem Blick zu verlieren. Permanent zu fasten, sich oder auch andere unter Druck zu setzen, geht ebenfalls völlig am Islam vorbei. Vordergründig gilt es den sozialen Druck abzubauen und sich vor Augen zu führen, was das Fasten bzw. Ramadan für einen selbst bedeutet.

Nicht nur das eigene Wohlbefinden muss stets als Bezugspunkt herangezogen werden, um zu überprüfen, ob man in der Lage ist zu fasten. Ein unausweichlicher Aspekt betrifft nämlich den Erwerb von Wissen, Kenntnissen, Fertigkeiten, sozialen Kompetenzen und vielem mehr, also sprich die Bildung. Der Erwerb von Bildung spiegelt sich auch im Islam wider, da es häufig in der Religion heißt, dass man sich Wissen aneignen muss. Konzentrieren sollte man sich auf die Schule, auf den angestrebten Abschluss und auf die Zukunft. Schließlich bringt es weder einem selbst noch Gott etwas, wenn man vor Erschöpfung umkippt, keinen Schulabschluss erwirbt und sich nicht gesellschaftlich einbringt. Das kann gerade der Islam nicht wollen. Diese Gratwanderung zwischen Fasten und Bildung sollte im Interesse der Schüler/innen zugunsten der Bildung fallen. Und bevor kleinkarierte Relativisten nach Zahlen fragen: Es spielt keine Rolle, wie viele junge Menschen das betrifft, weil das Grund – und Menschenrecht auf gesundheitliches Wohlergehen nicht an irgendeiner Zahlenhürde festgelegt werden kann. Lehrer/innen geben immer wieder öffentlich bekannt, dass sie mit den Problemen nicht allein fertig werden können. Meines Erachtens nach liegt die Aufgabe zur Veränderung daher nicht nur in der Schule. Auch muslimische Eltern müssen sich Schritte nach vorne bewegen und ihren Kindern klipp und klar mitteilen, wie wichtig die Schulbildung ist. Solche Vermittlungsangebote können auch von Psychologen organisiert werden, die sehr erfahren mit dem Thema umgehen. Der häufige kollektive Zwang in (Schul-)Gemeinschaften und der damit einhergehende soziale Druck muss aufgebrochen werden, damit Schüler/innen angstfrei und ohne Furcht vor Konsequenzen sich in erster Linie auf die Schule und dem Lernen konzentrieren können. Daher erhoffe ich mir, dass es dereinst mal positive Veränderungen im Schulbereich im Kontext Fasten gibt, um nicht die Bildung und –wichtiger noch – die Gesundheit von Individuen zu gefährden.

Mein Islam – Meine Art, Gott zu dienen und meine Befindlichkeiten

Mein Islam – Meine Art, Gott zu dienen und meine Befindlichkeiten

 

Adli Wahid

Heute möchte ich mal über meine Befindlichkeit in der Moschee resümieren und ich denke, das trifft auf die meisten von uns zu. Ständig werden wir mit irgendwelchen Kommentaren überschüttet, über einige freue ich mich, bei manchen kann ich nur den Kopf schütteln. Dennoch belasten sie mich, will ich doch einfach nur eine gute Muslimin sein.

Ich denke, jeder Muslim hat seinen eigenen Islam, seinen eigenen Draht zu Gott und seine eigene Rechenschaft Gott gegenüber.

In Sure 21:93 steht: „Diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, und ich bin euer Herr. Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit. Sie alle aber werden einst zu Uns zurückkehren.“

Das heißt für mich: Es ist eine Gemeinschaft aus Menschen unterschiedlicher Sprachen, unterschiedlicher Mentalität, Nationalitäten, Orte und Zeit, mit ihrer Geschichte und Aufgaben, eine Gemeinschaft aus Männern und Frauen, die durch den Dienst an Gott vereint sind. Ja, wir haben unterschiedliche Meinungen, aber wir sind dennoch Muslime, die an Gott glauben und unseren Dienst mehr oder weniger an Ihn mit bestem Willen und Gewissen tun.

Wer hat das Recht, uns als Nichtmuslime zu bezeichnen? Niemand, auch eine hohe Instanz oder gar Einzelpersonen nicht. Denn immer wieder wird betont, wir in dieser Moscheewären ja keine Muslime.

Als der Koran gesandt wurde, richteten sich die neuen Gläubigen nach dem, was Ihnen der Prophet Muhammad erklärte oder wie sie den Koran selbst verstanden, denn er war ja an ihre Adresse gerichtet.

Erst später wurden von Menschen die Scharia- Regeln aufgestellt, die die Muslime in ihrer freien Glaubens- und Entscheidungsweise einschränkten.

Heute stehen wir mitten in einen Entscheidungskampf: Sind wir mündige oder unmündige Muslime. Es hat immer wieder in der islamischen Geschichte Meinungsunterschiede gegeben, aber letztlich erstarkte immer mehr ein starrer, nach gestern orientierter, in Zwänge gelegter Islam. Man folgte einigen wenigen, deren Richtung man Schulen genannt hat oder ernannte Heilige, die man sogar als Vermittler zwischen Gott und dem Gläubigen benutzte. Das waren aber auch nur Menschen und wir wissen, dass Menschen sich irren können. Sie sind nicht unfehlbar.

Und Gott sagte ja selbst im Koran, dass keiner die Last eines anderen tragen soll. Es darf also keinen Vermittler zwischen Gott und dem Menschen geben, da hilft nur ein richtiges, nachdenkliches und verständnisvolles Anwenden des Korans.

Ja, manchmal brauchen wir jemanden, der den Koran erklärt, aber letztendlich muss jeder für sich entscheiden, ob er über eine Definition oder Rat nachdenkt oder nicht, einfach nur übernimmt, so wie er es vermag.

Sure „Al-Baqara- die Kuh“, Vers 286 betont: „Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag. Ihr wird zuteil, was sie erworben hat, und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen lässt.“ Und Gott gibt uns gleich darauf Hilfestellung, indem Er uns ein Bittgebet vorgibt: „Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir (etwas) vergessen oder Fehler begehen.“ Es ist die Verheißung Seiner großen Verzeihung, sollten wir im Glauben des guten Handelns Fehler begehen.

Es sind keine Befehle, die uns Gott gibt, sondern Aufforderungen, Wünsche von Ihm. Aber die Gelehrten haben daraus Regeln über Gut und Böse gemacht.

In Sure 2:30 steht: „Als dein Herr zu den Engeln sagte: ‚Ich will auf der Erde einen Statthalter bestellen,‘ sagten sie: ‚Willst du auf ihr einen bestellen, der auf ihr Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir doch dein Lob preisen und deine Heiligkeit rühmen?‘ Er sagte: ‚Ich weiß, was ihr nicht wisst.‘“

Ein Mensch, ein ganz normaler Mensch ist der Wichtigste für Gott! Mit dem Rang eines „Stellvertreters“ Gottes auf Erden werden nicht die Engel betraut, die mit unfehlbarer Zuverlässigkeit Gottes Lob singen. Als Gottes Vertreter auf Erden wird ein Geschöpf bezeichnet, in dem schon von Anfang an die Möglichkeit eingebunden ist, sich dem Willen seines Schöpfers zu widersetzen, sich frei zu entscheiden. Also wie ich handele, ist nicht von Gott abhängig, sondern mein freier Wille. Wir sind keine Diener oder Knechte, die jemandem zu willen sein müssen, sondern selbstentscheidende Helfer von Gott. Deshalb kann keiner sagen, wie ich nach Gottes Willen handeln muss oder nach dem Koran als Gottes Wort. Diejenigen, die mir das vorschreiben wollen, sind im Irrtum. Frei nach den Worten. Du kannst mir gar nichts…. vorschreiben, solange ich auf dem Boden des Grundgesetzes bleibe. Und Gott wird verzeihen, wen Er will.

Eigentlich müsste mir das, was so manch einer über unsere Moschee schreibt, egal sein. Nein, das kann ich nicht, denn ich bin traurig, wenn ich das lese:

Ich zitiere: „Also das ist für mich keine Moschee, sondern ein Theater voll mit Menschen, die ignorant sind und eine eigene Religion gründen wollen.“

– „Wenn es Null Sterne geben würde, gäbe ich eine Null. Was die Frau macht, ist Blasphemie in Höchstform. Was sie gegründet hat, ist schlichtweg eine Sekte.“

– „Ihr seid weder eine Moschee noch repräsentiert ihr die Interessen der Muslime. Ihr repräsentiert euch selbst und eure verwirrten Ansichten.“

– „Diese Moschee hat nichts mit dem Islam zu tun. Es ist, als würde man selbst erdachten Dreck einen ehrenvollen Namen geben.“

– „Ich war da und muss euch sagen, dass Ates eine Sekte gegründet hat. Macht einen weiten Bogen um diesen Tempel. Unfassbar!“

– Ich zitiere genau: „Liberalische Moschee. Was ein Witz!“

– „Hat nichts mit einer muslimischen Moschee zu tun.“

Und ich freue mich echt, wenn ich lese:

– „Ich habe seit langem nicht mehr so freundliche und aufgeschlossene Menschen kennenlernen dürfen. Der gestrige Tag war ein sehr schönes Erlebnis. Ich bin noch immer überwältigt von den Eindrücken und inneren Bildern. Wir werden gerne öfter bei euch sein. Vielen, vielen lieben Dank für diesen “unseren” speziellen Tag.“

„Gegen den Islam als friedliche-spirituelle Religion hat NIEMAND etwas. DAS ist auch das, was mit Religionsfreiheit gedacht war ALLEN Religionen gegenüber.“

– „Hier wird das gelebt – mit Respekt und Toleranz anderen Einstellungen gegenüber.

Finde es großartig, was die bewundernswerte Seyran Ates und ihre Mitarbeiter und -innen hier auf die Beine gestellt haben.“

– „Weiter so! Leider findet das mit vielen Bedrohungen und Beschimpfungen statt.

Habe vor, die Moschee auch mal zu besuchen, obwohl ich mich nicht mehr als religiös bezeichnen würde.“

– „Ein wunderbarer Ort, der den Zahn der Zeit trifft und endlich auch liberalen Muslimen einen gemeinsamen Ort des Betens anbietet. Ich bin absolut stolz darauf, dass diese weltweit erste liberale Moschee in meinem Stadtviertel entstanden ist! Ein Traum!“ – „Hass, Hass, Hass… Das ist die einzige Botschaft, die die Gegner dieser liberalen und grundgesetzkonformen Moschee, verbreiten wollen. Die gleichen Leute, die Moslems in “richtig” und “falsch” einteilen. Die Art Menschen, für die eine Welt nur in schwarz und weiß existiert. Gewöhnt euch daran, dass wir im Jahr 2018 leben.“

– „Ich hoffe es wird (in Zukunft) mehr solcher Orte geben! Die aggressive Kritik von einigen Leuten belegt in einer gewissen Art und Weise die Notwendigkeit.“

Und meine Antwort darauf: Wenn man nur von uns gehört haben, unbedingt weiter mit den Leuten sprechen, sie einladen, mit uns zu diskutieren. Und wenn sie hier waren und weiterhin über uns schlecht denken, warum haben sie nicht den Mut, mit uns zu kommunizieren! Wir könnten ja auch einfach unter uns bleiben, die Türen hinter uns schließen, wie es die anderen Moscheen ja auch tun. Aber je mehr Muslime diskutieren, umso besser!

Nein, wir haben keine Geheimnisse und wollen jeden in die Augen sehen.

Die Al-Azhar-Universität in Kairo ist strikt gegen eine liberale Reform des Islam und hat gegen unsere Moschee eine Fatwa – ein Rechtsgutachten- erlassen. Die Fatwa-Behörde meint: „Es verstoße gegen die islamischen Glaubenspflichten, wenn sich Frauen gegen das Tragen eines Kopftuchs entschieden, wie in der neuen Moscheegemeinde (sie meint uns) üblich. Dies sei keine Diskriminierung von Frauen, sondern entspreche den von Gott auferlegten Regeln.“ Besonders verurteilt das Dar al-Iftam, das ägyptische Fatwa-Amt, das in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee praktizierte gemeinsame Gebet von Männern und Frauen. „Der Islam verbietet Körperkontakt zwischen Männern und Frauen während des Gebetes. Denn das verletzt die Grundlagen des islamischen Rechts.“ Frauen sei zudem nicht erlaubt, Imam zu sein, wenn auch Männer anwesend sind. Sie meint auch: „Die Bekämpfung des islamischen Extremismus dürfe nicht durch eine extreme Moschee stattfinden.“ Ich weiß, was Extremismus bedeutet. Aber um jeden Zweifel auszumerzen, habe ich nachgesehen: „Als Extremismus bezeichnen Behörden in Deutschland seit etwa 1973 politische Einstellungen und Bestrebungen, die sie den äußersten Rändern des politischen Spektrums jenseits der freiheitlich demokratischen Grundordnung zuordnen.“ Also jenseits der freiheitlich demokratischen Ordnung, also meine Moschee, eigentlich der ganze Reformislam stehen fern von aller Freiheit und Demokratie. Sie setzen uns durch diesen Ausspruch auf die gleiche Ebene mit dem IS, mit Bok Haram, den Taliban usw. Eigentlich müsste ein Schrei der Empörung durch die ganze muslimische Gemeinschaft gehen. Es gipfelt in der Feststellung: „Die Moschee ist ein Angriff auf den Islam!“ Man stelle sich vor, diese kleine Moschee greift den ganzen Islam an. Toll! Aber ich denke, Kairo greift zwar verbal unsere Moschee an, aber sie meint damit den ganzen liberalen Islam.

Man verlangt von mir und den anderen, die hier sitzen, dass wir uns der Umma, der islamischen Gemeinschaft unterordnen, z.B. den Imamen folgen.

Nein, jeder einzelne Mensch oder Muslim ist anders, denkt anders, lebt sein Leben anders, jeder Muslim hat seinen eigenen Islam. Und jeder sieht Gott von einer anderen Ebene aus. Ich sehe Gott, besser gesagt: Ich fühle Ihn, wenn ich z.B. eine Blume betrachte, ich sehe Ihn in dem Licht meiner brennenden Kerze in Seiner Eigenschaft als An-Nur, das Licht, und ich bin stolz darauf, den islamischen Namen Manaar zu tragen als eine Ableitung Seines Namens.

Ich denke, jeder hat irgendwelche Momente, in der er sich erhaben fühlt, eins mit sich und der Welt – und vielleicht auch mit Gott.

Wir sind Persönlichkeiten, die sich entfalten dürfen und sein Eigenes für die Gemeinschaft bereitstellen. Das geht nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll.

Wir haben den “wahren” Islam nicht gepachtet, sondern wir wollen den Islam gemeinsam mit anderen Gläubigen neu denken und leben.

Die Sure 3, Vers 110 „Das Haus Im’ran“ weist darauf hin: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah. Und wenn die Leute der Schrift glauben würden, wäre es wahrlich besser für sie. Unter ihnen gibt es Gläubige, aber die meisten von ihnen sind Frevler.“

In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf eine Frage, die im Zusammenhang von Gottvertrauen und eigenem Handeln steht: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue (auf Allah)!“ Dasselbe sagt auch die Sure At-Talaq, die Scheidung, Vers 3: „Und wer auf Allah vertraut, für den ist Er Sein Genüge“ Das bedeutet: Gott hilft uns erst dann, wenn wir uns selbst helfen.

Oftmals am Tage rufe ich nach einer gelungenen Aktion spontan meinen Dank an Gott aus, z.B. wenn mir ein Pinselstrich besonders gut gelungen ist. Es ist aber nicht nur das Lob an Gott, was zählt. Ich bin zufrieden, glücklich, lächle sogar über mich selbst. Und wenn sich dann noch ein wirklich erhebendes Gefühl in mir breit macht, denke ich, dass Gott mir damit, mit diesem schönen Gefühl ein Geschenk machen will. Kennt ihr dieses Empfinden? Gott und ich, wir beide interagieren dann. Und das wiederum macht mich dann noch mehr zufrieden. Ich will damit feststellen, dass Gott nicht auf unsere ständigen Bittgebete angewiesen ist, Er ist da, wenn wir uns selbst helfen oder etwas tun. Das zu wissen, ist mir viel wichtiger, als ein Bittgebet in Arabisch aufsagen.

Fazit: Es kommt also auf uns darauf an, ob wir handeln oder nicht, und wie wir handeln, ob wir uns aus der Bevormundung von den Konservativen und Orthodoxen befreien oder nicht.

Das heißt auch für mich: Da sich Gott nicht in unser Zeit- Raum-Kontinuum befindet, steht Er auch nicht im Mittelpunkt, sondern der Mensch – wir! Und damit sind wir freie Menschen.

Das ist doch ein gewaltiger Gedanke!

Manaar

Gott spricht kein Arabisch

Gott spricht kein Arabisch

In letzter Zeit wurde gestritten, ob es einen deutschen Islam gibt. Nun betont sogar der Zentralrat der Muslime und an seiner Spitze sein Vorsitzender Aiman Mazyek mit vor stolz geschwellter Brust: „Selbstverständlich gebe es einen Islam deutscher oder europäischer Prägung.“ Aber irgendwie habe ich das nicht so richtig verstanden. Warum plötzlich diese Kehrtwendung. Es fehlte mir eine echte und tiefe Begründung, wie so ein Islam deutscher Prägung aussehen könnte. Dennoch klammern sie sich hartnäckig daran, dass es nur einen ‚arabischen‘ Koran geben kann, nur in arabischer Sprache vorgetragen? Gleich vorweggenommen: „Ich trage ihn ja auch bei einem Gebet in Arabisch vor, aber dazu komme ich noch.”

Die einen sagen, weil der originale Text des Korans auf Arabisch verkündet worden ist, so ist auch dieser Wortlaut nur in Arabisch authentisch, ganz einfach! Auch wenn einiges von Nichtarabern nicht gleich verstanden oder gar nicht verstanden wird, so muss er ihn dennoch einfach so nehmen, wie er ist. Entweder lernt man Arabisch, wenn man wirklich den Koran verstehen will oder man nimmt eine Übersetzung. Basta!

Aber verstehen denn die Arabischsprechenden wirklich, was sie da lesen? Denken sie über jedes einzelne Wort und dessen Bedeutung nach, besonders in seiner historischen Bedeutung? Oder nehmen sie für sich nur die Erklärung ihrer Imame an?

Die Botschaft von Gott ist universell und für alle Menschen gültig, sie wird in Arabisch ausgedrückt, weil Gott die Sprache der Menschen berücksichtigt, zu denen Er Seine Botschafter schickt. Gott sagt sinngemäß, wie Sure 16, Vers 36 aussagt, dass Er in jede Gemeinschaft einen Gesandten mit Seiner Botschaft geschickt hat. Das bedeutet, dass jede Gemeinschaft oder Volk ihre eigene Sprache besaß und damit war auch die Botschaft in ihrer Sprache. Aber bestimmt sprachen sie kein Arabisch.

Die Botschaften, die wir kennen, waren an die Juden in Hebräisch gerichtet, die Botschaft an die Araber musste demnach in Arabisch sein. Auch wenn Gott diese letzte Botschaft an alle Menschen geschickt hat, bedeutet das nicht, dass nun alle Leute Arabisch sprechen müssen oder diese Sprache lernen müssen, um das zu verstehen, worüber Gott zu den Menschen gesprochen hat und was Seine Rede zu bedeuten hat.

Es war einfach nur die letzte Botschaft, galt aber für alle Menschen, unabhängig von Ort und für alle Zeit. Der Koran ist zwar eine historische Tatsache von göttlichem Ursprung, aber seine Interpretation kann nur menschlich sein.

Das bedeutet, es gibt eine große Vielfalt von Interpretation, denn jedes Volk würde es auf ihre Lebensumstände und in ihre Geschichte hinein beziehen. Das bedeutet für mich: Der Koran kann nur im historischen, kulturellen und auch sprachlichen Kontext entschlüsselt werden, zu jeder Zeit muss er immer wieder neu gedeutet werden. Und das Neudeuten kann nur in derjenigen Sprache geschehen, die gesprochen wird.

Abu Zaid sagt das in seinem Buch „Gottes Menschenwort“ so: ‚Der Koran, den wir lesen und interpretieren, ist keinesfalls mit dem ewigen Wort Gottes identisch. Der Koran ist seine Botschaft an die Menschen. Eine Botschaft stellt eine kommunikative Verbindung zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels eines Codes her. Die Analyse des kulturhistorischen Kontexts des Koran ist der einzige Zugang zur Entdeckung der Botschaft. Somit ist der Koran ein kulturelles Produkt. Die Menschen verstanden den Islam in ihren Lebensumständen. Und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft.‘

Und da jedes Volk seine eigene Kultur hat, benötigt es meines Erachtens sein eigenes kulturelles Verständnis, das heißt auch in seinem sprachlichen Verstehen.

Aber lassen wir noch jemand anderes sprechen: Lale Akgün.

„Es geht also darum, ‚den Geist hinter den Buchstaben zu finden‘, die allgemeinen Prinzipien. Wie die Menschen diese Prinzipien umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Für die Offenbarungen Gottes ist aber nicht eine bestimmte Sprache entscheidend, sondern es sind die inhaltlichen Botschaften. Deshalb darf keine einzige irdische Sprache ein Monopol auf die Inhalte haben. Der Koran kann, nein, er muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden. Gerade das Verbot, sich des Korans in einer anderen als der arabischen Sprache zu bedienen, erweitert die Macht derjenigen, die die Religion für sich instrumentalisieren wollen.

Aber es geht nicht nur um die Übersetzungen. Die Gläubigen sollen die Schriften offen angehen, sich mit ihnen auseinandersetzen, Fragen stellen, und, wo nötig, sich distanzieren oder annähern. Und wenn der Koran den Menschen geradezu auferlegt, den Verstand einzusetzen, dann rückt der Mensch als Träger der Vernunft in die Mitte. Es ist der Mensch, der mit seinen Entscheidungswerkzeugen, das sind Gewissen und Verstand, die Vernunft in Handlung übersetzt.“

Und nun zu meiner eigenen Auffassung: Brauche ich etwa einen Vermittler, nur weil ich nur wenig Arabisch kann? Dann habe ich keinen direkten Draht zu Gott, es steht jemand zwischen uns. Aber Gott sagt, dass Er mir näher ist als meine Halsschlagader. Und wenn es bedeutet, dass Gott seinen Platz näher als meine Halsschlagader hat, dann ist Er auch in meinem Herzen. Es bedarf also keinen Vermittler zwischen Gott und mir, niemand kann für mich sprechen. Da brauche ich wirklich niemanden als Vermittler, kein Imam, keinen Religionsvertreter. Für Seine Offenbarungen, für Seine Lehren und Gebote braucht Er keine bestimmte Sprache wie das Arabische. Und Gottes Sprache verstehe ich nicht, aber Er meine!

In der ersten Zeit meines Muslim-Daseins habe ich viele Bittgebete auf Arabisch auswendig gelernt, die vom Propheten Muhammad oder auch von irgendjemanden stammen. Aber es waren nicht meine Worte, meine Bitten, meine Gedanken. Also formuliere ich sie heute selbst in meiner Sprache und ich bin sicher, dass Gott sie versteht.

Wenn ich mit jemanden spreche, vielleicht mir dir, dann bekomme ich in der gleichen Sprache von dir eine Antwort. Wenn ich Gott etwas auf Arabisch mitteilen möchte, bekomme ich vielleicht auch auf Arabisch eine Antwort, die ich leider nicht verstehe. Was nutzt sie mir dann?

Da Gott nicht so ist wie wir, hat Er auch keine Sprache so wie wir. Er versteht uns aber in Seiner Eigenschaft und Er vermag es, in Seiner Eigenschaft uns auf Seine Art und Weise zu antworten und das gleich in unser Herz. So hat Er sich auch verständlich gemacht durch den Koran, der gespickt ist mit Historie, Allegorien, Weisheiten, Mitteilungen, Ermahnungen und auch Wissenschaft, die den Menschen aber oft unverständlich erscheinen, zumindest auf den ersten Blick nicht erkenntlich. Gott hat keine Sprache, die wir verstehen können. Er suggeriert uns in unserer Sprache, also jedem in seiner eigenen Sprache, was Er uns mitteilen will. Es würde sonst unsere Vorstellungskraft sprengen, z.B. suggeriert Er uns durch den Koran, dass Er auf einen Thron sitzt oder wie die Hölle und das Paradies aussieht. Erinnern wir uns: Der Engel Dschibril oder Gabriel hat Muhammad die ersten Worte gelehrt, in seiner Sprache. Er war aber auch nur ein Überbringer. Und weil Muhammad ein Araber war, hat er ihm die Botschaft auf Arabisch gebracht.

Gottes Worte sollen nicht nur schön klingen, Seine Worte sollen auch richtig, verständlich und rezitationsgenehm verstanden werden, auch in einer Übersetzung. Ein Beispiel ist die Sure105 „Der Elefant“. In einer Ausgabe von Ibn Rassoul steht:

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfahren ist? Hat Er nicht ihre List misslingen lassen und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen und sie dadurch wie abgefressene Saat gemacht?“

Jetzt die Übersetzung von Muhammad Asad:

„Bist du nicht gewahr, wie dein Erhalter mit dem Heer des Elefanten verfuhr? Machte Er nicht ihr listiges Planen völlig zunichte? Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen und ließ sie werden wie ein Kornfeld, dass bis auf die Stoppeln abgefressen worden ist.“

Ich stelle in beiden die Verse 3 und 4 nochmals gegenüber: 1. „… und die Vögel in Scharen über sie gesandt, die sie mit brennenden Steinen bewarfen …“ und nun das von Asad: „Also ließ Er große Schwärme fliegender Geschöpfe auf sie los, die sie mit steinharten Schlägen vorherbestimmter Strafe schlugen …“

Da stehen auf der einen Seite ‚Vögel und brennende Steine‘ und ‚Schwärme fliegender Geschöpfe und steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ gegenüber.

Asad selbst sagt darüber: Das Wort ‚sidschill‘ hat auch eine Bedeutung von ‚etwas, das von Gott bestimmt worden ist‘. Die Wendung ‚hidschara min sidschil‘ kann für eine Metapher für ‚steinharte Schläge vorherbestimmter Strafe‘ bedeuten. Die besondere Strafe könnte wahrscheinlich ein besonders starker (steinharter) Ausbruch von Pocken oder Typhus gewesen sein, das auch Ibn Hischam und Ibn Ishaq bestätigten. Das Wort ‚ta’ir, Mehrzahl ‚tayr‘, kann jedes ‚fliegende Geschöpf‘ bedeuten, jedwede Vögel, Insekten, eben alles, was fliegt, die auch Überträger von Infektionen sein können.

Was ich damit sagen will: Ich muss mich einfach darauf verlassen, dass eine Übersetzung dem Original so nahe wie möglich kommt. Und nicht jede Übersetzung kann man auch schön rezitieren. Es liegt also noch eine enorme und wichtige Arbeit vor den Übersetzern.

Ich will deswegen aber keine bisherige Übersetzung herabwürdigen.

Ich wünsche mir einfach eine Übersetzung vielleicht von einer Gruppe von Übersetzern, der ich vertrauen kann, so dass ich einmal das Gebet nicht mehr in Arabisch, sondern um des Verstehens Willen es in Deutsch abhalten kann. Bis es soweit ist, werde ich auch weiterhin auf Arabisch rezitieren, aber vorher die Rezitation auf Deutsch vortragen.

Ich weiß, es denken so ähnlich viele Muslime, nur klingt jede Stimme einzeln. Aber nur ein Chor, wenn auch mit unterschiedlichen Stimmen – sprich Meinungen, hat etwas dagegenzusetzen gegen die noch starke orthodoxe Meinung.

Wir müssen Gott so verstehen, wie es unser Herz will und zulässt, auch ohne Sprache.

Manaar

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Ja, welcher Islam gehört denn nun zu Deutschland?

Autor: Massud Reza

Christian Wiediger

Erinnert man sich – nur mal den letzten Jahren – an symbolpolitische Aussagen zurück, fällt einem wieder ein, wie undifferenziert und emotional die Debatten über sie geführt wurden. Ob es um das „Wir schaffen das“ (Angela Merkel) oder auch um den Satz „Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“ geht, sofort stürzen sich darauf bestimmte Politiker, Journalisten sowie affektierte Teile der Gesellschaft, die den Sachverhalt nicht in Ruhe und differenziert betrachten wollen.

Gerade die letzte Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „gehört nicht zu Deutschland“ erhitzt einerseits jene Gemüter, die den Islam nicht als Teil Deutschlands und Europas sehen (wollen) und ihm eine historisch-kulturelle Prägung Deutschlands sowie Europas gänzlich abstreiten. Andererseits verursacht die Zustimmung bei denjenigen, dass der Islam doch zu Deutschland gehöre, große Euphorie und damit ein einhergehender unkritischer Umgang mit dieser Frage. Deshalb versteht sich mein Blogbeitrag als gesellschaftlicher und auch innermuslimischer Debattenbeitrag, einfach mal sachlich, ruhig und nüchtern miteinander zu diskutieren, fernab von Pauschalisierungen und Beschuldigungen.

Tatsächlich müsste entscheidend sein, von welchem Islam wir überhaupt sprechen? Schaut man sich die islamische Welt von Marokko bis Indonesien an, so wird schnell deutlich, dass wir uns mit verschiedenen Islamverständnissen konfrontiert sehen. Der Islam in Bahrain ist nicht derselbe, wie der in Tunesien, der Islam in Afghanistan ist nicht derselbe, wie der in der Türkei. Lässt man den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ unkritisch und unreflektiert stehen, kann jeder sein Islamverständnis darein projizieren. Dann könnte auch ein Islam dazugehören, wie er im Iran als Staatsdoktrin praktiziert wird, wo homosexuelle Menschen erhängt werden, weil sie eben homosexuell sind. Nicht nur der Iran, sondern auch anderen islamischen Ländern bieten (leider) genügend Beispiele für die Unvereinbarkeit zwischen der Religion auf der einen und Demokratie und Menschenrechten auf der anderen Seite. Im Kontrast dazu, sollte auch der andere Satz kritisch beleuchtet werden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dieser suggeriert, dass es eine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen Islam und der Demokratie in Deutschland gibt.

Welche Herausforderung stellt sich aber nun für die Bundesrepublik Deutschland aus dieser Erkenntnis? Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen in den eben aufgezählten Ländern darüber, was sie unter Islam verstehen, ergibt sich für uns als Gesamtgesellschaft folgende Frage: Welcher Islam gehört zu Deutschland, also verstanden als demokratie – und menschenrechtskonform? Ein Islamverständnis, was weder gegen Werte des Grundgesetztes noch der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte verstößt. Auch nicht ein Islamverständnis, welches in Teilen der muslimischen Community in Deutschland gelebt wird, was beispielsweise eine rigide Sexualmoral propagiert und Frauen an ihrer individuellen Freiheit und ihrer Selbstbestimmung hindert, und überhaupt ein Islam, der keinen politischen und gesellschaftlichen Machtanspruch darstellt.

Ein mit der freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland verträglicher Islam ist zum Beispiel durch eine historisch-kritische Lesart der sakralen Texte zu erreichen. Sowie es in allen heiligen Schriften Gewaltpassagen gibt, findet man sie auch in den islamischen Überlieferungen. Der Sinn dieser Texte ist aber dann schwer zu verstehen, wenn eine wortwörtliche Lesart angewandt wird, also die Übertragung der Gesellschaftsordnung aus dem 7. Jahrhundert auf das heutige 21. Jahrhundert. Man stellt sich nicht kritischen Fragen, in welchem historischen Kontext bestimmte Verse offenbart wurden, welche gesellschaftliche und auch militärische Faktoren gilt es in der (wissenschaftlichen) Retrospektive zu berücksichtigen und vieles mehr. Die gründliche Beschäftigung mit diesen Fragen würde zeigen, dass die politischen und juristischen Elementen des Islam im 7. Jahrhundert zu verorten sind, da sie an der damaligen, historisch-konkreten Zeit gebunden sind und nicht mehr ins 21. Jahrhundert mehr passen.

Argumentiert man nach diesem Konzept, schlägt einem häufig die Frage entgegen, was eigentlich dann vom Islam übrigbleibe? Das darf doch nicht wahr sein! Ist der Islam ausschließlich politisch-juristisch zu verstehen? Bietet er nicht viel mehr? Gibt es nicht sowas wie Spiritualität und soziale Seiten im Islam? Ist die sog. „Scharia“ ausschließlich als das Befolgen von (islamischen) Gesetzen zu verstehen oder nicht, wie der Islamtheologe Mouhanad Khorchide in seinem Buch Scharia. Der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik schreibt: „Der Begriff Scharia bedeutet im Arabischen der Weg zur Quelle. Auf den Islam übertragen ist Scharia der Weg zu Gott, denn Gott ist die Quelle, er ist der Anfang und das Ende […]. Welcher Weg führt aber zu Gott? Ist das wirklich ein juristischer Weg? Oder anders gefragt: Wird der Weg, den Gott für uns vorgesehen hat, um in seine Gemeinschaft zu kommen, über juristische Regelungen und Kategorien definiert? […]. Die These, die ich in diesem Zusammenhang vertrete, lautet: Nicht der juristische Weg bringt uns Menschen in die Gottesgemeinschaft, sondern der ethische und spirituelle. Damit will ich keineswegs die islamischen Gebote und Verbote über Bord werfen; ich sehe diese aber auch nicht als Selbstzweck an, sondern sie sollen im weitesten Sinne der Glückseligkeit des Menschen im Diesseits und Jenseits dienen.“

Um zu der Ausgangsfrage zurückzukommen: Gehört der Islam zu Deutschland? Dazu gibt es zwei Antworten: 1. Nein, wenn der Islam nicht friedlich gelebt und politische sowie gesellschaftliche Machtansprüche stellt. 2. Ja, wenn der Islam historisch-kritisch kontextualisiert sowie entpolitisiert wird und dem Gläubigen in puncto Spiritualität und Soziales viel Kraft gibt. Differenzierung in dieser wichtigen Frage, die nicht wenige Menschen bewegt, würde uns allen guttun.

Der Gebetsruf – Adhan

Der Gebetsruf – Adhan

Nouman Younas
Nouman Younas

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu

Liebe Brüder und Schwestern, ich begrüße euch sehr herzlich hier in der Moschee zum Freitagsgebet.

Unsere Moschee ist ein wenig anders eingerichtet als die meisten Moscheen. Es fehlt gewissermaßen an lauten orientalischen Schmuckstücken. Ein paar leicht orientalisch anmutende Kerzenständer sind wohl die einzigen subtilen Anzeichen dafür, dass es sich hier um einen Ort handelt, der in Verbindung mit einem anderen Raum und einer anderen Zeit steht – Zeit und Raum nämlich der Entstehung des Islam als Lebensphilosophie und als Religion. Wir leben einen „Deutschen Islam“, jedoch ist er genauso authentisch wie jeder andere, denn die Betonung liegt nicht auf Deutsch, sondern auf Islam. Manche Dinge finden hier aber immer auf Arabisch statt; eines dieser „Dinge“ ist der Adhan, der Ruf zum Gebet.

Das ich hier zum Gebet rufe, habe ich einem Zufall zu verdanken. Am Tag vor der Eröffnung unserer Moschee war ich auf Facebook unterwegs und sah, dass eine liberale Moschee eröffnet werden sollte. Ich hatte davon zuvor nichts gehört, und da ich keinen Fernseher habe und Nachrichten sehr selektiv schaue, hatte ich auch von Seyran Ates keine Kenntnis. Am nächsten Tag wollte ich mal schauen, was es denn mit dieser Moschee auf sich hatte. Mit meinem roten Kopftuch zog ich also los um kurze Zeit später an einem Ort anzukommen, der sich Moschee nannte, an dem aber kaum eine andere Frau ein Kopftuch trug – mit Abaja und Tuch war ich die am konservativsten gekleidete Frau auf dieser Feier. Das war dann wohl auch der Grund, aus dem ich schließlich gebeten wurde, zum Abendgebet zu rufen. Zunächst lehnte ich dankend ab, da ich das noch nie gemacht hatte und mir nicht einmal der Wortlaut richtig geläufig war. Natürlich hatte ich den Adhan schon tausendmal gehört, in den vielen Städten des Libanon, die ich besucht hatte, aus dem Lautsprecher des Radios meiner Freundin, und in der Moschee. Doch hatte ich nie darüber nachgedacht, in welcher Reihenfolge welche Wörter genau verwendet werden, ganz geschweige von der passenden Melodie. Ich verließ also den Raum in Richtung Garten, um mich draußen weiter zu unterhalten, doch noch bevor ich ganz aus dem Gebäude herausgetreten war, kehrte ich um. Der Gedanke, dass eine andere Person als ich nun zum Gebet rufen würde, erfüllte mich mit einem ganz unangenehmen Gefühl; ich befürchte, es war Eifersucht. Ich ging also zurück und fragte, ob ich denn noch rufen dürfte. Im Eilverfahren ging man mit mir die Wörter durch, die Anzahl der Wiederholungen und ließ mich dann allein. Ich trat nach vorn, in Richtung Mekka, und dachte: „und mit welcher Melodie??!!“ So sang ich den ersten Ton und dann kam meine eigene Melodie ganz von allein. Natürlich nicht ganz unähnlich denen, die ich zuvor gehört hatte, aber dennoch meine eigene. Sie ist seitdem ungefähr dieselbe geblieben. Ich rief also zum Abendgebet, und seit diesem Tag ist mir Gottes Gnade noch viel deutlicher bewusst als zuvor, denn das Rufen erfüllt mich immer wieder mit Freude und Zuversicht, auch wenn es manchmal besser klappt und manchmal weniger.

Es ist etwas ganz Besonderes, den Adhan zu rufen, aber erst nach und nach komme ich dahinter, was diese Besonderheit ausmacht. Nun ist es mir ein Bedürfnis, ein paar Gedanken darüber zu teilen.

Zunächst aber einige Sätze dazu, dass ich eine Muezzinin bin, also offensichtlich kein männlicher Vertreter meiner Spezies. Der eine oder andere Muslim vertritt ja nach wie vor die Meinung, ich als Frau dürfe nicht zum Gebet rufen, denn diese Aufgabe sei allein Männern vorbehalten. Diese prä-emanzipatorische Einstellung beruft sich auf ein Hadith, das ich gleich erzählen werde, beruht aber sicher nicht auf diesem, sondern auf tradierten Vorstellungen der Frau als Verführerin und ihrer Stimme als Instrument dieser Verführung. Aufgewachsen bin ich mit diesen Gedanken nicht. Als ich anfing, hier zum Gebet zu rufen, war mir gar nicht bewusst, dass ich eine Männerdomäne betrete! Ich hatte darüber tatsächlich nie nachgedacht. Irgendwann, nachdem ich schon an einigen Freitagen recht regelmäßig gerufen hatte, fragte mich jemand, ob es mir nicht seltsam vorkäme, als Frau zum Gebet zu rufen. Ich wusste beim besten Willen nicht, warum; doch langsam lernte ich, was die konservative muslimische Welt hierzu zu sagen hatte. Hier also der überlieferte Hadith von Bukhari, auch zu finden bei Muslim, auf den sich die Meinung stützt, dass nur Männer zum Gebet rufen dürfen:

Nach Al Bukhari (604) und Muslim (377) also, erzählt von Ibn Omar, standen die Muslime von Medina Freitags immer vor der Moschee, um auf das Gebet zu warten. Die Ungewissheit über den exakten Beginn des Gebets empfanden sie als unangenehm, suchten daher nach einer Möglichkeit, genauer zu wissen, wann das Gebet beginnen würde. Eines Tages nahm diese Suche konkrete Züge an, und so sagten manche von ihnen: „Lasst uns eine Glocke benutzen, wie es die Christen tun“. Andere sagten: „Nein, wir verwenden ein Horn, wie die Juden“. Omar sagte zum Propheten Mohamed: „Warum schickst du nicht einen Mann, um zum Gebet zu rufen?“ Da sagte der Prophet: „Oh Bilal, steh auf und ruf die Leute zum Gebet.“

Omar hatte also gefragt: „Warum schickst du nicht einen Mann um zum Gebet zu rufen?“ und Mohamed hatte daraufhin einen Mann ausgewählt. Er verwendete in der Tat das Wort Mann – aber stellt dies ein konstituierendes Element dar? Ich gehe davon aus, dass es üblicher war, einen Mann vorzuschlagen, einfach so, ohne große Gedanken darüber, wohin so ein kleines Wort führen könnte. Wir bedenken ja nicht alles, was wir sagen, bezüglich der Zukunftswirkung jedweden Wortes. Es wird eher der Zufall oder patriarchale Grundgedanken des Sprechers gewesen sein, die dazu führten, dass nach einem Mann gefragt wurde.

Ein besonders kluger Kopf schreibt im Internet auf der Seite Quora, dass ja mittlerweilse seit 1400 Jahren immer nur Männer zum Gebet gerufen haben, wodurch bewiesen wäre, dass dies die korrekte Praxis sei. So kann man es natürlich auch sehen.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass sich Menschen von derartigen Beweisführungen beeindrucken lassen. Zufallsäußerungen, unlogische Kausalverknüpfungen, Vermischung von kulturellem Zeitgeist und Religion werden nicht von jedem hinterfragt. Die gute Nachricht ist, dass es überhaupt kein Problem darstellt, wenn ich als Frau zum Gebet rufe, denn die Aussage des Hadiths ist meiner Ansicht nach nicht großartig relevant. Im Koran habe ich ebenfalls nichts gefunden, was dagegen spräche, als Frau zum Gebet zu rufen. Wir finden in Sure 33, Vers 32 zwar Folgendes:

“O Ehefrauen des Propheten! Ihr seid nicht wie irgendwelche von den anderen Frauen, vorausgesetzt dass ihr euch (wahrhaft) Gottes bewusst bleibt. Darum seid nicht überweich in eurer Rede, dass nicht einer, dessen Herz krank ist, bewegt würde (nach euch) zu verlangen: aber überdies sprecht auf gütige Weise.“ Dieser Vers wird herangezogen, um Frauen dazu zu bewegen, ihre Stimme nicht im Rahmen des Gottesdienstes zu erheben. Dies ist eine Anweisung an die Frauen des Propheten (!), die in der Geschichte des Islam eine besondere Rolle innehatten. Dies wird in den vorangehenden Versen 30 und 31 sehr deutlich erklärt: „O Ehefrauen des Propheten! Wenn eine von euch offenkundigen unmoralischen Verhaltens schuldig werden würde, ihr Leiden (im Jenseits) wäre das Doppelte (dessen anderer Sünden): denn das ist fürwahr leicht für Gott. Aber wenn eine von euch demütig ergeben Gott und Seinem Gesandten gehorcht und gute Taten tut, ihr werden Wir ihre Belohnung zweifach erteilen: denn Wir werden für sie eine höchst vortreffliche Versorgung (im kommenden Leben) bereitet haben.“ Ganz offensichtlich sind also diese Vers an die Frauen des Propheten gerichtet. Eine solche bin ich nicht, auch wenn ich den Propheten Mohamed besonders in mein Herz geschlossen habe. Die Frauen des Propheten hatten eine Stellung in der Gesellschaft die vor und nach ihnen niemand haben konnte. Auch rein inhaltlich muss man sich recht weit aus dem Fenster lehnen, um hieraus ein Verbot des Adhan für Frauen zu schließen. So rufe ich also wann immer es mir möglich ist, am Freitag nach der Arbeit hier in unserer Moschee zum Gebet. Als Frau, und nicht als einzige Frau der Welt. Auch Amina Wadud und Ani Zoneveld rufen zum Gebet.

Der Ruf läutet das Freitagsgebet ein. Man sammelt sich im Gebetsraum, spricht miteinander, lacht und scherzt, tauscht Fragestellungen aus und Antworten über Arbeit, Familie, Sorgen, Freuden und die Wissenschaften. Meist wird leise geredet, während man auf den Adhan wartet, den Ruf zum Gebet.

Vor dem ersten Ton gibt es im Moscheeraum meist noch das eine oder andere Geräusch. Beim ersten gesungenen Ton entsteht zunächst Geräuschlosigkeit. Die Menschen hören auf, sich zu unterhalten.

In dieser Geräuschlosigkeit erklingt nun der erste Ton, und es entfaltet sich der Ruf zum Gebet. Es ist die tonale Manifestation unserer Verbindung zu allem was ist – zu allem, was hört, und zu allem, was Schwingungen wahrnimmt, der Verbindung zu Allah und all seiner Schöpfung.

Wenngleich der Gebetsruf eine Melodie hat, ist er doch kein Lied. Er ist auch kein Gebet. Er ist ein Ruf, an die Gläubigen gerichtet, sich nun bereit zu machen, sich zu reinigen, innerlich wie äußerlich, um vor den Schöpfer aller materiellen wie nicht materiellen Dinge zu treten und ihm Ehrerbietung zu erweisen. Doch nun geschieht häufig das, was mich immer wieder ein wenig erschreckt. Die Stille, die zuvor lediglich die Abwesenheit von Geräusch war, wird nun gerade durch die Anwesenheit des tönenden Klanges zu wahrer Stille. Denn während des Adhans entsteht hin und wieder eine Stille, die mächtiger ist, als die Stille, die ihr vorangeht, obwohl es sich streng genommen nun gar nicht mehr um Stille handelt, denn es gibt ja den Klang des Adhan. Es ist dies vielleicht die Stille der Seelen, die sich im Raum ausbreitet und deren Kraft der Rufer mit einem leichten Erschrecken spürt. Möglicherweise ist es die Stille einer Macht, die, da sie gerufen wurde, nun angekommen ist, im Raum. Nicht immer stellt sich diese Stille ein – woran auch immer dies liegen mag, manchmal bleibt es bei der Geräuschlosigkeit – aber manchmal ist sie recht deutlich zu spüren. Ich glaube, diese Art Stille entsteht dann, wenn alle Seelen von innen ganz still werden und dem Ton erlauben, sie tief zu berühren. Wenn die Seele ganz im Hier und Jetzt ist, aber als vollkommene Seele, mit all ihren Erinnerungen, ihrem Schmerz, ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Der Ton resonniert gewissermaßen in den Seelen der Zuhörer und wird das Außen des Innen. Zunächst bin nur ich der Rufer, aber jede Seele wird mit mir zum Rufer und ruft Allah an, und plötzlich verliert sich mein Ich und der Rufer ist jeder – jede Seele vereint sich gleichsam in diesem Ton und ich als Person bin nur noch diejenige, die den äußeren Ton zur Verfügung stellt. Ich bin nicht der Rufer, ich bin der Ton.

Dabei glaube ich nicht, dass das mit jedem Ton möglich ist, oder mit jedem Text.

Die Töne treffen nicht zufällig auf die Seelen der hierfür Empfänglichen. Hierzu tragen ganz klar auch die gerufenen Worte bei. Nach sunnitischer Überlieferung hatte Bilal die Eingebung dieser Worte. Er war es, der sich überlegte, welche Aussagen und Aufforderungen zu rufen sinnvoll wären. Nach schiitischer Überlieferung erschienen die Worte dem Propheten Mohamed in einem Traum, überbracht vom Engel Gabriel. Ich bin geneigt, letzteres zu glauben, denn genau diese Wörter haben einen besonders intensiven emotionalen Stimmungsgehalt. Der erste Ton, der gehalten wird, ist ein Ah – ein lautes Anrufen Allahs und zugleich ein klagender Laut. Wessen Seele klagt, der hört ihn deutlich und lang und empfindet ihn möglicherweise als etwas Angenehmes, denn dieser Vokal bringt sein Inneres zum Klingen. So lange es um Allah geht, bleibt das Ah der vordringliche Vokal. Das Ah ist auch ein Laut der Bewunderung und ein Laut, den wir von uns geben, wenn wir etwas Überraschendes erfahren oder lernen. Klage und liebende Bewunderung liegen auf der Gefühlsebene eng beieinander. Klage und Bewunderung bilden einen engen Dreibund mit der Hoffnung, die im Guten liegt, das wir wünschen und nach dem wir streben. Das A ist ein offener Laut. Er öffnet das Innere des Menschen hin zum Universum.

Das erste Zeugnis des Adhan gilt dem Bezeugen des einzigen, allmächtigen Gottes. Wir tun ihm kund: „Ich bin da. Bemerke mich und höre mich an, in meiner Bewunderung deines Wesens und in meiner Liebe zu dir. Ich rufe dich, damit du mich hörst und deinen schützenden Arm um mich legst, denn ich klage dir mein Leben und bitte, dass du mich nicht verlässt. Ich kann dies nur von dir wünschen, Allah, denn nur du bist wahrhaft größer als alles in mir und alles außer mir.“ „Allahu akbar“.

Das zweite Zeugnis gilt dem Propheten Mohamed, dem Rassul; und hier wechselt der Adhan zum Uh. Im Gegensatz zum Ah, das einen ausrufenden Klang der Brust und des Herzens darstellt, ist das Uh ein einkehrender Ton des Unterleibs. Er bezieht die Seele zurück zum Inneren. Legt man die Hände zum Rufen an den Mund, so bewegen sich die Arme beim Ah ganz automatisch nach außen, lassen den Brustkorb groß und weit werden, um sich beim Uh wieder zusammen zu ziehen, und den Brustkorb zu schützen. So ergibt sich gleichermaßen ein Flügelschlag vom Ah zum Uh und dann zurück zum Ah, gleich mehrere Male, denn der Satz wird zweimal gerufen, bis der Ton letztendlich beim Ah bleibt, denn nun darf die Seele dorthin schweben, wohin sie schweben mag, in ihre eigene Welt, die sich ihr nun durch den Ton eröffnet hat. So ist der Adhan ein Hin und Her zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Ruf hinaus ins Universum und der Rückkehr zum Selbst, einem erneuten Ruf nach Gott und einer erneuten Rückkehr zum Selbst oder zu unserer Seele. Man könnte auch sagen, die Seele bewegt sich hin und her zwischen der Weite des Universums und der engen Nähe des Selbst.

Klang ist Leben, nennt Barenboim sein lesenswertes Buch. Der Klang jeder Musik, und so auch der Klang des Adhans, repräsentiert gleichsam unsere Existenz. Wir sind ein Klang, und so wie ein Klang entsteht, entsteht unser Leben – gleichsam aus dem Nichts heraus werden wir geboren. Der Klang wächst langsam heran, so wie auch wir heranwachsen, wird laut und voller Lebenskraft, um dann wieder langsam wieder leiser zu werden, zu vergehen und schließlich hier auf der Erde nur noch in der Erinnerung weiter zu leben. Wie der Klang, so sterben auch wir, verlassen diese Welt und bleiben als Gedanken oder vielleicht als Energiefelder im Diesseits zurück. Im Universum ist jedoch alles, was einmal angestoßen wurde, unendlich, so wie das Universum selbst. Einmal angestoßen, tönt der Klang, der Klang unseres Lebens, endlos weiter, unabhängig von Raum und Zeit. Vor ein paar Tagen las ich so passend im Beitext zu einem psychologischen Spiel: „In alten Mythen ist der Mensch selbst ein Gefäß, dem Gott seinen Atem eingehaucht hat – ein Gefäß, das zu klingen beginnt. Unser Wort „Person“ drückt das ebenfalls aus. Person heißt wörtlich „durchtönend“, von lateinisch sonare – tönen, klingen.Wenn die großen Zusammenhänge im einzelnen Menschen Widerhall finden, und – umgekehrt – wenn auch das Besondere eines Individuums an vielen Stellen in der Welt Resonanz findet, dann wird eine Person zur wohlklingenden, stimmigen Persönlichkeit.“ (Johannes Fiebig, „Du bist, was du vergisst“, 2018). Wir sind also ein Gefäß, das klingt, indem wir etwas von Außen aufnehmen und klingen lassen. Und zugleich lassen wir durch unseren Klang etwas von innen hinaus.

Um noch einen Moment im Bild zu bleiben – wahrscheinlich sind wir nicht ein einzelner Ton, sondern ein ganzes Geflecht von Tönen, die wir stets versuchen, zu harmonisieren. Diese Töne sind Manifestationen unserer Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken. Manche unserer Klänge verbinden sich zu wundervollen Harmonien. Andere Klänge bilden zusammen eine Kakophonie, die das ungeübte Ohr kaum zu ertragen vermag. Wir versuchen stets automatisch, unsere verschiedenen Klanganteile, die Klanganteile unserer Seele also, so miteinander zu verbinden, dass eine ansprechende Harmonie entsteht. Erlebnisse und Erfahrungen bilden so eine Klangharmonie, die unsere Identität ausmacht, welche mit jeder Erfahrung erweitert wird. Auch mit äußeren Klängen, das heißt mit anderen Menschen, versuchen wir Harmonie zu erreichen. Manche Klänge empfinden wir als zu uns unpassend und meiden sie, mit anderen verbinden wir uns ganz mühelos und freudvoll, weil sie mit unseren eigenen Klängen so gut zusammen passen. Wir sagen dann, wir sind miteinander im Einklang. Manchmal arbeiten wir unter Einsatz von Selbstdisziplin daran, dass unser Denken und unser Handeln miteinander in Einklang kommen.

Unser Prophet Mohamed war ein Warner. Als solcher, müsste er eigentlich durch einen lauten Klang verkörpert sein, den man überall hört, einer Art Warnschuss oder Trompetengetöse. Dennoch stelle ich ihn mir besonders leise vor. Der Klang des Propheten ist ein Ton, den man bei übermäßiger Geschäftigkeit nicht zu hören vermag, unübertroffen jedoch an Wärme und Liebe. Vielleicht haben wir alle so einen ganz warmen, leisen Ton in uns. Vielleicht ist das der Ton der selbstlosen Liebe. Der Ton liebender Ergebenheit, der in uns singt, wenn wir „muslim“ sind? Muslim nicht im Sinne einer Religionszugehörigkeit, sondern als Zustand. Muslim sein bedeutete dann, einen leisen Ton in sich zu tragen, der nie vergeht. Einen leisen, warmen Ton, der in unseren Gebeten zu Gott hin klingt und von ihm wahrgenommen wird. Ein Ton, ähnlich eines fein gesponnenen Fadens, der immer weiter klingt und in sich die Hoffnung trägt, und das Vergeben, die Liebe und die Gnade und das, was in den Interpretationen des Wortes „Islam“ immer als „Unterwerfung“ wiedergegeben wird, aber tatsächlich eine liebevolle, friedfertige Hingabe meint. Während alle Veränderungen, die wir von Tag zu Tag, sogar von Stunde zu Stunde, in uns spüren, unsere Klänge ändern, mal laut, mal leise, mal hart, mal weich, mal kälter, mal wärmer – so ist dieser eine, feine Ton, doch immer da – der Ton der beweist, dass wir muslim sind. Muslim, wie gesagt, als Zustand, als Sein. Diese Verbindung zu Gott besteht zwar immer, doch bekräftigen wir sie in unserem Leben stets in zwei besonderen Momenten: Wenn wir beten, und wenn wir Gutes tun.

Im Koran lesen wir:

2:2-4

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist (dazu bestimmt,) eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten (zu sein), die an (die Existenz dessen) glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten; und die an das glauben, was dir (o Prophet) von droben erteilt worden ist, wie auch an das, was vor deiner Zeit erteilt wurde: denn es sind sie, die in ihrem Innersten des kommeden Lebens gewiss sind!

2:43

…und verrichtet beständig das Gebet, und gebt aus Mildtätigkeit, und verbeugt euch im Gebet mit allen, die sich also verbeugen.

2:83

Und siehe! Wir nahmen dieses feierliche Versprechen von (euch) den Kindern Israels an: Ihr sollt keinen außer Gott anbeten; und ihr sollt Gutes tun euren Eltern und euren Verwandten und den Waisen und den Armen; und ihr sollt zu allen Leuten auf gütige Weise sprechen; und ihr sollt beständig das Gebet verrichten; und ihr sollt ausgeben aus Mildtätigkeit.

2:277

Wahrlich, jene, die Glauben erlangt haben und gute Werke tun und beständig das Gebet verrichten und aus Mildtätigkeit ausgeben – sie werden ihren Lohn bei ihrem Erhalter haben, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein.

8:2-4

Gläubige sind nur jene, deren Herzen vor Ehrfurcht erzittern, wann imer Gott genannt wird, und deren Glauben gestärkt wird, wann immer Seine Botschaften Ihnen übermittelt werden, und die iher Vertrauen auf ihren Erhalter setzen – jene, die beständig das Gebet verrichten und für andere ausgeben von dem, was Wir ihnen als Versorgung bereiten: es sind sie, die wahrhaft Gläubige sind! Für sie wird es große Würde in der Sicht ihres Erhalters geben und Vergebung der Sünden und eine höchst vortreffliche Versorgung.

In 19:31,32 lesen wir, wie der Prophet Jesus sagt: „Siehe, ich bin ein Diener Gottes. Er hat mir Offenbarung gewährt und mich zu einem Propheten gemacht und mich gesegnet gemacht, wo immer ich sein mag; und Er hat mir Gebet und Mildtätigkeit geboten, solange ich lebe, und hat mich versehen mit liebender Achtung gegenüber meiner Mutter; und Er hat mich nicht überheblich oder bar der Gnade gemacht.“

19:54,55

Und erinnere dich, durch diese göttliche Schrift, an Ismael. Siehe, er hielt immer sein Versprechen und war ein Gesandter Gottes, ein Prophet, der seinen Leuten Gebet und Mildtätigkeit zu gebieten pflegte und in der Sicht seines Erhalters Gunst fand.

22:41 sagt uns, dass Gott wohl den Betenden und Mildtätigen wohl gewahr ist .

…(wohl gewahr) jener, die selbst wenn wir sie auf Erden in sicherer Position einsetzen, weiterhin beständig das Gebet verrichten und aus Milttä geben und das Tun dessen gebieten, was recht ist, und das Tun dessen verbieten, was unrecht ist; aber bei Gott liegt das endgültige Ergebnis aller Geschehnisse.

Wenngleich es noch eine Vielzahl solcher Koranstellen gibt, ende ich mit 98:5

und überdies, ihnen wurde nichts anderes geboten, als dass sie Gott anbeten sollten, aufrichtig in ihrem Glauben an Ihn allein, sich abwendend von allem, was falsch ist, und dass sie beständig das Gebet verrichten sollten; und dass sie aus Mildtätigkeit ausgeben sollten: denn dies ist ein mit immerwahrer Triftigkeit und Klarheit versehenes Moralgesetz.

In wenigen Minuten werden wir das Freitagsgebet verrichten. Wir könnten dafür genauso gut zu Hause bleiben und da beten, wo wir es immer tun, doch kommen wir hier zusammen, um das gemeinsam zu tun. Dabei senden wir jeder einzeln einen Ton, zart wie ein Faden und zugleich kraftvoll wie ein Seil, hell wie der lichte Tag und zugleich dunkel wie die tiefste Nacht, eifersüchtig, hartherzig, unumsichtig und gnädig zugleich. Unseren eigenen Ton, der sich manchmal Bahn bricht, entgegen unseren Wünschen und unserem Verstand. Manchmal ist es die reine Pflichterfüllung, die uns bewegt, in der Moschee zu beten, denn nicht immer kann der Mensch seine spirituellen, geistigen Ideale leben, und es gibt auch solche Pflichtmenschen, die dem Spirituellen wenig abgewinnen können, aber deren Ton stark und reißfest trägt. Jeder eigene Ton verbindet sich nun mit allen anderen Tönen in diesem Raum und alle zusammen

hallen hinaus ins Universum. Das Gebet hält uns nicht einfach zusammen als Gemeinde, sondern wir sind die Verkörperung der Schöpfung als Einheit. Indem sich unsere Einzeltöne miteinander verbinden, verbinden auch wir uns miteinander. Sure 62 Vers 9 erinnert uns: Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Wenn am Tag der Gemeindeversammlung (also des Freitagsgebets) der Ruf zum Gebet ertönt, eilt zum Gedenken Gottes und lasst allen weltlichen Handel: dies ist zu eurem eigenen Wohl, wenn ihr es nur wüsstet. Und wenn das Gebet beendet ist, zerstreut euch freizügig auf Erden und sucht etwas von Gottes Huld zu erlangen; aber gedenkt Gottes oft, auf dass ihr einen glückseligen Zustand erlangen möget! Doch es kommt vor, dass wenn Leute einer Gelgenheit für weltlichen Gewinn oder eines vergänglichen Vergnügens gewahr werden, sie üerstürtzt dorthin eilen und dich stehen und predigen lassen. Sag: Das was bei Gott ist, ist weit besser als alles vergängliche Vergnügen und aller Gewinn! Und Gott ist der Beste der Versorger!“

Koran und Thora

Koran und Thora

Immer wieder kommt es zurzeit zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen explizit zwischen Muslimen und Juden. Es sind nicht nur die äußerlichen Zeichen eines Juden, z.B. die Kippa, sondern ebenfalls gedanklicher Hass auf sie, und gerade von Muslimen, die hier bei uns Zuflucht erhoffen. Leider bringen sie das unterschwellige Ablehnen des Judentums aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland. Es sind aber auch Deutsche, die lautstark ihre jüdischen Mitmenschen belästigen.

Der Grund ist wahrscheinlich die Auslegungen des Korans, eine Unkenntnis der Geschichte im Orient, eine uralte Abneigung, das von Generation zu Generationen weitergegeben wurde. Dabei haben Juden und Muslime außerordentlich viel gemeinsam. Jedoch meinen sie, dass ihre Religionen unähnlich seien und kaum Gemeinsamkeiten hätten. Durch die Medien wird dieses Dilemma noch gesteigert, sodass sie einander feind gegenüberstehen. Man fragt sich, wer hat davon Nutzen? Meistens diejenigen, die die Macht haben, die Zeitungen als Sensationsmacher.

Die einfachen Muslime und sicher auch Juden werden zu wenig aufgeklärt, dass sie viele religiöse Gemeinsamkeiten haben.

Die Geschehnisse der letzten Zeit haben mich auf den Gedanken für eine Verarbeitung zu dieser Khutba gebracht, um die Grundwerte beider Religionen nebeneinander zu stellen.

Die grundlegendste Gemeinsamkeit beider Religionen und dem Christentum ist ihr monotheistischer Glaube an den Einen Gott, auch wenn sie verschiedene Namen für Ihn haben. Die einen sagen Jahwe, die anderen Allah, den Einen, wiederum andere hier in Deutschland nennen Ihn Gott.

Die Juden zitieren als Teil ihres täglichen Gebetes. „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“

Der jüdische Philosoph Maimodes aus dem 13. Jahrhundert sagte: „Gott ist einer. Er ist nicht zwei oder mehr, sondern einer, vereinigt auf eine Weise, die jede Einheit in der Welt übersteigt.“

Klingt das in unseren Ohren als sehr bekannt? Im ersten Teil unserer Schahada, dem muslimischen Glaubensbekenntnis, heißt es: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.“

Allah bedeutet „der Eine“, ich nenne Ihn auch Gott.

Auf der einen Seite, der jüdischen: „Gott ist einer“- auf der anderen Seite, der islamischen: „kein Gott außer Allah“

Im ersten Vers der Sure „Al-Ikhlas“ heißt es: Sprich: „Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der Absolute…“ Und beide Religionen meinen den Einen, den Gleichen! Also dürften beide Religionen gar nicht so unüberbrückbar sein, wie man es doch immer wieder hinstellt.

So gibt es viele weitere Stellen in beiden Schriften, die ähnlich klingen, so in der hebräischen Bibel: „Gott schuf die Himmel und die Erde.“ Und nun die Aussage im Koran Sure7: 54: „Gewiss, euer Herr ist Allah, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen schuf.“

Die Thora ist bei den Juden gleichermaßen das wertvollste Buch, da sie ebenfalls von Gott stammt. Ihr Zentrum sind die 10 Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfing. In den Büchern stehen die Gebote und Lehren und das, woran die Juden glauben. Und das wird expliziert im Koran bestätigt. In der Sure 3: 3-4 können wir lesen: „Er sendet dir das Buch mit der Wahrheit in Teilen herab als Bestätigung der früheren Offenbarungen. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt vordem als Rechtleitung für die Menschen.“

Also der Koran bestätigt ganz genau, dass die Schriften der Juden und Christen ebenfalls göttlichen Ursprungs sind. Der Islam mit seinem Koran ist zwar der Höhepunkt der Herabsendungen, weist aber auch darauf hin, dass die Thora und die Evangelien derselben göttlichen Ursprungs sind. Für die damaligen (und das gilt wohl auch heute) Muslime muss das wohl ein Schock gewesen sein. Denn das setzt ja voraus, dass sie auf gleicher Ebene stehen, Jude, Christ und Muslim.

Die mündlich überlieferten Geschichten über Moses liegen zwischen dem 10. Und 6. Jahrhundert vor Chr. Man glaubt, das ein Team jüdischer Priester die 5 Bücher Mose im 5. Jh. vor Chr. zusammengestellt hat, wahrscheinlich 800 Jahre nach der Zeit, in der Mose gelebt haben könnte.

So wie Moses mit den 10 Geboten im Koran erwähnt wird, werden viele andere Propheten, die vor dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, im Koran erwähnt und verehrt. Sie stehen in einer langen Reihe, die die Botschaften von Gott zu ihrer jeweiligen Gesellschaft und in der jeweiligen Zeit gebracht hatten. Die Sure 2:136 besagt. „Wir glauben an Gott und an das, was uns herabgesandt worden ist und was Abraham, Israel, Isaak, Jakob und den Stämmen Israels herabgesandt wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied und Ihm sind wir ergeben.“

Wie oft habe ich gehört: Unser Prophet, Friede und Segen seien auf ihn, ist das Siegel, der letzte Prophet und steht deshalb an der Spitze der Propheten. Deshalb ist auch der Islam die höchste Religion, das heißt: Sie steht über alle anderen.

Nein, jeder Prophet hat seine Richtlinien, seine Sendung zu einem ganz bestimmten Volk und zu seiner ganz bestimmten Zeit bekommen. Die Zeiten und die Menschen verändern sich, deshalb muss auch die Botschaft auf dem jeweils neuesten Stand gebracht werden. Sie sind alle gleichberechtigt. Muhammad war nur der letzte in der Reihe der Propheten.

Der Islam und der Judaismus teilen sich gemeinsame Ansichten über das Jüngste Gericht und die Auferstehung. Die jüdischen Schriften sagen aus: Nach dem Tod sitzen die Seelen der Rechtschaffenen neben dem Thron der Ehre im Himmel, während der Koran in Sure 89:27-30 sagt: „O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Herrn, wohlzufrieden und mit Allahs Wohlwollen. So schließ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies.“ Das heißt: Der Muslim und der Jude glauben an das Jüngste Gericht und daran, dass seine Seele mit Gottes Erbarmen ihren Platz im Paradies finden wird.

Der muslimische Glaube ist auf 5 Säulen aufgebaut. An erster Stelle steht im Islam das Glaubensbekenntnis, was ich schon genannt habe und dass es ein ähnliches Bekenntnis in der jüdischen Religion gibt.

Ebenso ist von zentraler Bedeutung in beiden Religionen das Gebet. Wir beten 5x am Tag, die jüdischen Gläubigen 3x. Die Gebete sollen uns auf der einen Seite an die ständige Anwesenheit von Gott erinnern, bzw. wir sollen uns an Gott erinnern. In den Gebeten loben wir Gott und bitten Ihn und danken Ihm.

Unsere 3. Säule ist Zakat, die soziale Pflichtabgabe. Sie ist als Unterstützung von Bedürftigen gedacht. Sie fördert einerseits die soziale Sicherheit und das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Sie ist deshalb ein wichtiger Bestandteil jeder islamischen Gesellschaft, da sie jedem Menschen die Lebensgrundlage sichert, ohne dass sich der Empfänger jemandem verpflichtet fühlen muss. Andererseits wird diese Abgabe auch als eine Art innere Reinigung angesehen. Im Koran, Sure 2:177 steht: „…und sein Vermögen ausgibt – wie sehr er es selbst wertschätzen mag – für seine Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden und die Bettler und für das Befreien von Menschen aus Knechtschaft.“

Genauso ist die Zedaka, die Wohltätigkeit gegenüber den Bedürftigen, eine der höchsten Werte im Judentum. Im Leviticus, das ist das 3. Buch des jüdischen Tanachs, oder das 3. Buch Mose, steht: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Diese wenigen Sätze erklären sehr gut, wie die Wohltätigkeit der früheren jüdischen Gesellschaft funktionierte.

Ebenfalls ist beiden Religionen das Fasten vorgeschrieben, wenn auch mit unterschiedlicher Dauer.

In beiden Religionen bedeutet es eine innere Einkehr und Besinnung für jeden einzelnen Muslim oder Juden.

Juden fasten an Jom Kippur, d.h. am 10. Tag des siebenten Monats, dem Tag der Versöhnung. Gott fordert von seinem damals auserwählten Volk zur Einhaltung seines Gesetzes des Fastens und der Ruhe auf. Juden bekennen an diesem Tag ihre Sünden und bitten Gott um Vergebung. Sie fasten durchgehend 25 Stunden, vom Sonnenuntergang bis Einbruch der Nacht (etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang) des folgenden Tages. Bis dahin darf weder feste noch flüssige Nahrung eingenommen werden. Wir fasten im Monat Ramadan vom Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. Und ebenfalls bitten wir Gott um Vergebung und Barmherzigkeit.

Genauso legen beide Religionen Wert auf das religiöse Pilgern. Als der jüdische Tempel in Jerusalem stand, wurden sie aufgefordert, während der Wallfahrtsfeste dorthin zu pilgern. Heute erinnert in Jerusalem nur noch die Westmauer an das zerstörte Heiligtum der Juden. Heute pilgern, besser „besuchen“ die jüdischen Gläubigen nur noch ihre sogenannte Klagemauer als ein religiöser Brauch.

Die Riten der islamischen Pilgerreise stammen noch aus vorislamischer Zeit, als die Kaaba, ihr Mittelpunkt, ein polytheistischer Wallfahrtsort war. Sie wurde der islamischen Lehre nach von Abraham und seinem Sohn Ismael, der, wie ihr wisst, als Stammvater der Araber gilt, als Haus Gottes und der Menschen gebaut. Vielleicht begann damals schon die Umrundung der Kaaba?

Aber noch ein Element in beiden Religionen ist wichtig. Wir finden sie in der Basmala und an vielen Stellen im Koran: Gott, Allah ist der Barmherzigste und der Allerbarmer. Und bei den Juden heißt es im Ezodus34, 6-7: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg.“ Beide, Jude oder Muslim verlassen sich auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, auf Seine Führung durch den Koran und den hebräischen Schriften Und Gottes Beispiel folgend werden wir ebenfalls aufgefordert, zu vergeben, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu handeln, das Richtige zu tun. Und der mittelalterliche jüdische Maimonides sagte: „Es ist einem Menschen verboten, grausam zu sein und sich der Versöhnung zu verweigern. Wenn ein Mensch, der ihm ein Übel getan hat, ihn um Vergebung bittet, sollte er ihm aus vollem Herzen und willigem Geist vergeben.“

Und der Koran betont. „Allah liebt, die da Gutes tun.“

Es gibt bestimmt noch etliche Aussagen in beiden religiösen Schriften, die als übereinstimmend betrachtet werden können.

Gott hat immer wieder Propheten geschickt, zu allen Zeiten, zu unterschiedlichen Gesellschaften, aber ihre Botschaften waren dieselben, nur Zeit und Ort waren unterschiedlich, da sich ja auch die Menschen in ihrer Gesellschaft geändert haben. So ähneln sich beide Schriften und wenn man über die Aussagen von Gottes Worten nachdenkt, so haben sie sich nie geändert.

Al-Fatiha

Al-Fatiha

Wir beten 5x am Tag und jedes Mal ist die Al -Fatiha dabei. Sie begleitet uns sozusagen durch den Tag, durch das Jahr, durch unser ganzes Leben als Muslim. Sie ist also sehr wichtig. Aber es kann passieren, wenn man etwas sehr oft sagt, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt. Aus dem Grund möchte ich einfach mal genauer betrachten.

Al-Fatiha bedeutet im Arabischen: „Anfang einer Sache, Einleitung oder Vorwort“.

Sie eröffnet als erste Sure (Kapitel) nicht nur den gesamten Koran-Text, sondern wird auch im rituellen Gebet (as-Salat) am Anfang jeder Rak’a, einem Gebetsabschnitt rezitiert. Ohne die Al-Fatiha ist das rituelle Gebet ungültig.

Diese Anfangssure hat noch andere Namen, in der ihre Wichtigkeit betont wird. „Umm al-Quran“ – Mutter des Buches, „Fatiha al-Koran“ – Eröffnende des Buches, weil sie die erste Sure ist, wenn man den Koran aufschlägt. Es gibt noch viel andere Namen.

Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen mit ihm, berichtete, dass der Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sagte: „Wer ein Gebet verrichtet und dabei nicht die „Mutter des Korans“ rezitiert hat, so ist es gekürzt, unvollständig.“ Und der Prophet wiederholte dies dreimal.

Nach der überwiegenden Auffassung der Gelehrten wurden die sieben Verse der Al-Fatiha in Mekka, also vor der Hijra offenbart.

Neben dieser funktionellen Bedeutung hat die Al-Fatiha aber auch noch besondere Bedeutung. Sie berührt den Kern des Glaubens. Sie lehrt den Tauhid, den Glauben an den ‚Einen Gott‘ und legt das Verhältnis Gottes zu den Menschen in seinen Grundzügen dar. Und in ihr werden auch einige der wichtigsten einige Eigenschaften bzw. Namen Gottes genannt.

Was steht nun in der Fatiha: Als erster Vers steht die Basmala: „Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen – Bismi-llahi-r-rahmanir-rahim“.

Dieses steht am Anfang jeder Sure außer der 9. Sure. Die Gelehrten streiten darüber, ob die Basmala ein eigeständiger Vers der Suren ist oder nicht. Diejenigen Quran-Gelehrten, die meinen, die Basmala sei kein eigener Vers, führen u.a. einen Hadith an, worin der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, die Rezitation “der bedeutendsten Sure des Koran“ mit der Al-Hamdala – dem zweiten Vers also- und nicht mit der Basmala beginnt, das auch A’isha, die Ehefrau des Propheten bestätigt. Darum sagen viele Rezitatoren die Basmala leise auf, so wie ich es tue.

Der Prophetengefährte Ibn Abbas sagte in einem Hadith: „Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wusste keine Einleitung der Suren, bis ihm Bismi-llahi-r-rahmani-r-rahim“ offenbart wurde.“ Wir sehen also, wenn wir die Überlieferung ernst nehmen, dass die Basmala zu Beginn der Suren nicht als Bestandteil, sondern als eine nicht unbedingte Einleitung anzusehen ist. In der ersten Sure, der Al-Fatiha bekommt sie dennoch die Versnummer 1, sie ist ja der erste Bestandteil der gesamten, durch Verszählung gekennzeichneten Offenbarung, in den anderen ist sie als eine Einleitung zu sehen.

Die Basmala lautet: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“.

Der Name Allah gehört nur unserem Schöpfer allein; er setzt sich zusammen aus dem Artikel „Al-“ und dem arabischen Wort „llah“. Al-llah bedeutet demnach „der Gott“, dh. der alleinige Gott, neben Dem es keine anderen Götter gibt. Dieser Name „Allah“ ist nicht übersetzbar, denn er ist ein Eigenname unseres Schöpfers, der zugleich alle Attribute umfasst, die Ihm zustehen, und zu diesen 99 Attributen oder „Namen“ Allahs, die im Koran genannt werden, gehören auch „der Allerbarmer“ und „der Barmherzige“- „Ar-rahman“ und „Ar-rahim“.

Jeder der beiden Namen hat eine bestimmte Bedeutung, die ihr eigen ist. Wie unterscheiden sie sich? Beide Begriffe haben denselben Ursprung. Dennoch, alle Gelehrten sind einig, dass der Begriff ar-rahman in seiner Bedeutung Allerbarmer eine umfassendere und allgemeinere Form von Barmherzigkeit bezeichnet. Sie umfasst das ganze Diesseits und Jenseits, während die Barmherzigkeit von ar-rahim der Barmherzige sich auf das Jenseits bzw. auf einen Teil Seiner Schöpfung bezieht. Den Gläubigen wurde ja schon im Diesseits Seine Güte gewährt, an ihn und an seine Gesandten zu glauben und seinen Geboten zu folgen, während die Barmherzigkeit von ar-rahman alle anderen Anders- und Nichtgläubigen im Diesseits mit seiner Güte umfasst. Er versorgt sie ja auch und hat ihnen Verstand gegeben. Ar-rahman umfasst jedes Geschöpf, also umfassender.

Sure 33:43: Er ist es, der euch segnet, und seine Engel bitten darum für euch, dass Er euch aus den Finsternissen zum Licht führe. Und Er ist Barmherzig gegen die Gläubigen. Es bedeutet, dass Gott den Gläubigen seine Güte im Diesseits durch den Glauben an Ihn Erfolg gab, während Er im Jenseits ihnen Wohltaten erweist.

Beginnen wir mit der eigentlichen Sure, dem

2. „al-ḥamdu li-llāhi rabbi l-ʿālamīn – Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten

Es ist der aufrichtige Dank für alle unendliche Wohlgaben an die Menschen, z.B. die Versorgung. Ohne dass wir etwas dafür tun müssen, Er versorgt uns, damit wir leben können.

Ibn Abbas, ein Gefährte des Propheten sagte über alhamdu: Es ist der Dank gegenüber Allah und die Unterwerfung ihm gegenüber. Es ist die Anerkennung seiner Wohlgaben, seine Rechtleitung und dass er uns aus dem Nichts erschaffen hat.

Er ist der Besitzer der ganzen Schöpfung, der Herr aller Welten, den Welten der Dschinn und die Welten der Menschen. Er regelt alle Angelegenheiten seiner Geschöpfe. Und dafür gebührt Ihm Dank.

3. „ar-raḥmāni r-raḥīm“ – dem Allerbarmer, dem Barmherzigen.

4 „Māliki yaumi d-dīn“ – dem König (Herrscher) des Gerichts

Din bedeutet Gericht oder Abrechnung. Es ist der Tag, an dem die ganze Schöpfung zur Rechenschaft gezogen wird, so auch die Menschen. Ibn Abbas sagte: Wenn ihre Taten gut waren, dann gut für sie; wenn sie schlecht waren, dann schlecht für sie, außer jenen, denen vergeben wird, denn die Befehlsgewalt gebührt Allah allein.

Wie oft maßen wir uns an, über Leute zu urteilen. Nein, das letzte Wort hat Gott allein. (Das Gleiche kann man auch über das sagen, was man mir und anderen jetzt öfter vorgehalten hat: dass ich zu einer der 72 islamischen Strömungen gehöre, die in die Hölle kommen werden, nur eine ist die richtige. So macht man den Menschen Angst. Nein, nicht die Menschen halten Gericht über die Seele, sondern ausschließlich Gott. Und Er ist der Barmherzige.

5. „Iyyāka naʿbudu wa-iyyāka nastaʿīn“ – Dir allein dienen wir, und Dich bitten wir um Hilfe.

Wir bedürfen Gottes Hilfe. Darum bitten wir Ihn in voller Aufrichtigkeit.

6. „Ihdinā ṣ-Ṣirāṭa l-mustaqīm“ – Führe uns den geraden Weg,

Ich würde zu Gott bitten: Hilf mir dabei, auf dem richtigen Weg zu bleiben und auch standhaft zu bleiben, allen Beschwernissen oder Hindernissen zu trotzen. Natürlich mit Seiner Hilfe! Der gerade Weg bedeutet soviel wie der deutliche oder richtige Weg, auch wenn er nicht ‚gradlinig‘ verläuft.

7. „Ṣirāṭa llaḏīna anʿamta ʿalayhim ġayri l-maġḍūbi ʿalayhim wa-lā ḍ-ḍāllīn“ – den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die D(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!

Ibn Abbas meint hier wieder: den Weg derjenigen, denen Gott die Gunst unter den Engeln, den Propheten, den Wahrhaftigen, den Rechtschaffenen erwiesen hat und Seinen Gebote Folge leisten und Ihn anbeten. Damit sind die Gläubigen gemeint,

nicht wie diejenigen, die Seinen Zorn erregen aufgrund ihrer Ablehnung Ihm gegenüber. Und Ibn Abbas meint weiter: Die Ungerechten, die den geraden Weg verlassen haben und die den Zorn Allahs erregt haben.

Dschabir b. Abdullah berichtet, und es ist überliefert von Muslim, dass der Prophet sagte: „Allah sagte: ‚Ich habe das Gebet zwischen Mir und Meinem Diener in zwei Teile geteilt, und Meinem Diener wird das zuteil sein, worum er bittet.‘ Wenn der Diener sagt: ‚Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten‘, sagt Allah, der Allmächtige und Majestätische: ‚Mein Diener hat Mich gelobt.‘ Und wenn er sagt: ‚Dem Allerbarmer, dem Barmherzigen‘, sagt Allah, der Allmächtige und Majestätische: ‚Mein Diener hat mich gepriesen.‘ Und wenn er sagt: ‚Herrscher am Tage des Gerichts‘, sagt Allah: ‚Mein Diener hat Mich gerühmt,‘ und manchmal sagt Er: ‚Mein Diener hat alles auf Mich zurückgeführt.‘ Und wenn er sagt: ‚Dir allein dienen wir und Dich allein flehen wir um Hilfe an‘, sagt Er: ‚Dies ist zwischen Mir und Meinem Diener, und Meinem Diener wird das zuteil sein, worum er bittet.‘ Und wenn er sagt: ‚Leite uns auf den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst und nicht der Irrenden‘, sagt Er: ‚Dies ist für Meinen Diener, und Meinem Diener wird das zuteil sein, worum er bittet.‘

Zusammengefasst: Die Fatiha nimmt eine hervorragende Stellung im Koran ein, sie ist die Eröffnende. Sie eröffnet nicht nur den Koran, sondern auch das Gebet und beinhaltet wichtige Glaubensgrundsätze. Wir praktizieren Demut, sie stärkt den Glauben und das Wissen über Gott, es spricht das Diesseits durch unser Bitten und das Jenseits durch unsere Hoffnung an.

Die ganze Sure besteht aus zwei Teilen, sie teilt sich ein in eine Anrufung und Verehrung Gottes und es ist zugleich ein Bittgebet an Ihn. Wir rufen also Gott 17x in 5 Einheiten am Tag an und bitten Ihn jedes Mal um Vergebung und Rechtleitung.

Zum Abschluss bitte ich Gott, dass Er unsere Gebete annimmt und uns verzeiht und uns immer auf Seinen rechten Weg leitet. (Al-Fatiha)