Koran

Zeit vor dem Islam

Zeit vor dem Islam

 

Heute möchte ich euch auf eine gedankliche Reise in die Zeit des Vorislam begleiten, um zu erfahren, wer eigentlich die Leute waren, an die Gott sich durch den Koran gewendet hat.

     Seit der Neuzeit und der Aufklärung setzt ein kritisches Denken in vielen Wissensbereichen ein, so auch über religiöses Wissen. Kritisches Denken bedeutet Unterscheidung, was Geschichten, mündliche Überlieferungen oder was belegbare Dokumente, philologische oder archäologische Untersuchungen, also überprüfbare Daten an Wissensinhalte übermitteln. Auch die Frage, wie der Islam entstanden ist, wird heute zunehmend stärker erforscht und diskutiert. Viele oft widersprüchliche Thesen wurden aufgestellt.

     Aber warum das alles? Gibt es nicht eine ziemlich konkrete Vorstellung der Entstehungsgeschichte des Islam? Wie viele Bücher und Geschichten wurden über den Propheten und der Entstehung des Islam geschrieben und das sogar ins Detail gehend und sehr überzeugend. Und so lehrt man es auch bis heute.   

    Aus dem Koran wissen wir, dass es immer wieder Propheten gab, die eine Botschaften für ihr Volk brachten oder sie bestätigten, um ihr Volk zum Besseren aufzurufen. Und so sicher auch unser Prophet Muhammad. Aber wie geschah es und wer waren neben dem Propheten die eigentlichen Adressaten?

    Aber woher will man das alles wissen, es klafft doch eine Lücke von einigen Jahrhunderten an überlieferten Dokumenten über diese Zeit der Geschichte von Arabien, besonders von der neuen islamischen Seite. Nur einiges ist von christlicher und jüdischer Geschichte bekannt.

    Aber gerade in dieser dunklen Zeit wurde Muhammad geboren und liegt der Anfang einer neuen Religion. Wie können wir da wissen, wie Muhammad die Verse des späteren Koran erhalten hat, wie war die Zeit und Situation und wer waren seine Zuhörer?  Sind die Geschichten um den Propheten ausgedacht oder nur annähernd mündlich weitergegeben und warum? Es gibt fast nichts Schriftliches aus dieser Zeit. Einige beschriebene Knochen habe ich im Museum in Kairo gesehen. Und das könnte vieles bedeuten, denn die Buchstaben waren noch nicht eindeutig. Man konnte bestimmte Laute noch nicht den entsprechenden Buchstaben zuordnen.   Allenfalls stützt man sich heute auf einige wenige Informationen, die in Pahlavi, der Schrift der Sassaniden, in der griechischen Schrift der Christen, in der hebräischen Schrift der Juden verfasst wurden. Die Zeit von 570 bis Mitte, Ende des 8. Jahrhunderts liegt im Dunkeln.

     Einer der ersten, der Daten gesammelt hatte, von denen auch nur noch Abschriften existieren, war Ibn Ishaq, gestorben 768, also auch kein Zeitgenosse.

     Al-Buchārī, gestorben im Jahr 870, also runde 240 Jahre nach dem Tod des Propheten, soll an seinem Ṣaḥīḥ 16 Jahre gearbeitet haben. Angeblich suchte er aus 600.000 Hadithen rund 2.800 nach den strengsten Kriterien der Traditionskritik aus. Haben da wirklich nur 16 Jahre gereicht, um im ganzen Land bei den Verkehrsmöglichkeiten damals 600.000 Hadithe aufzuspüren und erst einmal aufzuschreiben? Ein Unding! Und wie viele Generationen an Überlieferern liegen dazwischen, 6, 8, bis sie aufgeschrieben wurden?

     Was ich heute als Widersprüchlichkeit empfinde, ist, dass mir früher suggeriert wurde, dass Arabien hauptsächlich von Polytheisten besiedelt war mit Orten sesshafter jüdischer Stämme und einigen Christen. So habe ich es zumindest verstanden.   Aber warum spricht der Koran dann immer wieder Juden und Christen an und greift auf ihre religiösen Schriften zurück?

     Ich glaube, um das alles besser einzuordnen, muss man die Zeit davor stärker in Augenschein nehmen, um eine Grundlage und Verständnis überhaupt zu bekommen.

   Dennoch: Der Schmelztiegel, in dem eine neue Religion geformt wurde, ist auch heute noch schwer zu erfassen. Man muss sich vor unkritischer Übernahme späterer muslimischer Traditionen hüten, aber auch vor einer gänzlichen Ablehnung. Das trifft genauso für eine komplette Bezugnahme jüdischer und christlicher Schriften über die Entstehung des Islam zu.

   Auch aus dem Koran allein ist dieser Zeitraum nicht erklärbar, denn er beruht ja auf den Diskurs zwischen Gott und seine verschiedenen Zuhörer, auf Frage und Antwort, eben für diese Zeit geltend.

     Genauso herrscht Unsicherheit, über den Text des Koran, wie er schriftlich fixiert und verbreitet wurde. Bis heute wird gelehrt, dass der Koran unter dem Kalifen Uthman zusammengestellt wurde. Und vor nicht langer Zeit hat man in Sanaa frühe Pergamente gefunden, was diese Version infrage stellen könnte. Und auch die Inschriften im Felsendom in Jerusalem, der zwischen 687 und 691 errichtet wurde und lange Zeit als die ältesten Zitate von Koranversen galten, stimmen nicht mit der kanonischen und heute bestimmenden Textfassung überein.

     Werfen wir einen Blick in die Geschichte, in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor 570 wechselten in Arabien sich christliche und jüdische Herrschaften ab.

     Besonders der Westen der Halbinsel war Teil eines großen Macht- und Handelsnetzes. So rivalisierten das christliche byzantinische Reich, das sassanidische Perserreich und im Süden das christliche Äthiopien um die Beherrschung des Landes.

   Jüdische Siedler, die aus Jerusalem vertrieben wurden, gründeten um Jathrib große Gemeinschaften. Wahrscheinlich erst einige Jahrzehnte vor Muhammads Geburt nahm der Stamm der Quräisch Mekka in Besitz.

    Die Äthiopier   hatten im Südwesten Himyar, das Gebiet des heutigen Jemen, erobert und später christianisiert. In der neueren Forschung wird nach ihrem Abzug nicht bezweifelt, dass sich die himyarischen Stämme seit dem späten 4. Jahrhundert dann zum Judentum bekannt hatten.

    Um 525 eroberte der äthiopische Negus mit Aufmunterung durch den byzantinischen Kaiser den Süden zurück und setzte dort Stellvertreter ein. Das Land wurde wieder christianisiert.

    Einer der Stellvertreter war Abraha. Er hat sich auf einer Inschriftenstele aus dem Jahr 547 am Staudamm von Marib verewigt.  Um seine Bedeutung der Welt zu zeigen, berief er eine große Konferenz ein. Es kamen unter anderem Gesandte der beiden Großreiche, Christen aus Konstantinopel und Perser aus Ktesiphon, belegt durch einen Brief vom persischen Schah Chosrau an den byzantinischen Kaiser Mauritios, in dem er von den „beiden Augen der Welt“ sprach.  Er führte verschiedene militärische Feldzüge durch. Inschriften aus Bi‘r Murayghan in Zentralarabien berichten von mehreren Feldzügen.  Bei einem dieser Vorstöße in den Hedschas kam er um 552 der Stadt Mekka ziemlich nahe. Dieser nördliche Vorstoß könnte man als Warnzeichen an die Perser sehen, dass Zentralarabien ihm gehören würde. Inwieweit das Geschehen, was die Sure 105 „Der Elefant“ beschreibt zutrifft, kann nicht genau gesagt werden. Sie lautet: „Sahst du denn nicht, was dein Herr den Leuten des Elefanten antat? Ließ er nicht ihre List das Ziel verfehlen und sandten auf sie nieder Vogelscharen, die sie mit Steinen aus gebranntem Ton bewarfen?“

    Vielleicht gab es auch einfach nur einen heftigen Sturm, der Steine mit sich trug? Aber naheliegend ist, dass dieser Feldzug seine Absicht verdeutlichte, den Wallfahrtsort Mekka mit seiner Kaaba zu schwächen und die Pilgerzüge zu seiner Kirche umzuleiten. Abarahas wundervolle Kirche in Sanaa war als neuer Wallfahrtsort gedacht. Es ging ja neben dem religiösen Einfluss um die wirtschaftliche Macht.  Auf die Pilgerzüge weist auch die darauffolgende Sure „Die Quraisch“ hin, die höchstwahrscheinlich mit der vorangegangenen Sure eine Einheit bildete. Sie erwähnt die Winter- und Sommerreisen mit der Garantie einer sicheren Reise und Aufenthalt. „Beim Brauch der Quraisch, ihrem Brauch der Karawanenreisen im Winter und im Sommer. So sollen sie dem Herrn des Hauses dienen, der sie mit Nahrung versorgt und ihnen Sicherheit vor Furcht gewährt hat.“

     Durch Abraha erstarkte das Christentum im südlichen Teil von Arabien wieder,

    Später, um 570 wandten sich die Himyariten an das sassanidische Perserreich   und baten um Unterstützung bei der Vertreibung der Äthiopier. In den Jahren darauf eroberten die Perser den Süden und machten es zu einer persischen Provinz. Um 620 hatte das sassanidische Reich der Perser die ganze östliche Seite entlang dem Persischen Golf und das südwestliche Jemen unter ihrer Kontrolle. Das Ende dieser Religionsmisere war: Der letzte Statthalter in Jemen wurde 628 Muslim.

    Mit diesen Ausführungen wollte ich eigentlich nur zeigen, dass die unterschiedlichen Religionen ziemlich stark präsent waren. Es gab also viel mehr Christen, als man mir weiß gemacht hatte. Es haben sich  beide ersten abrahamischen Religionen etabliert.

    Trotz dieses Hin und Her wurde nicht nur Warenaustausch auf der Handelsroute, die das ganze Arabien durchquerte betrieben, sondern es kam ebenfalls zum kulturellen, sozialen und religiösen Austausch zwischen Süden und Norden, und Mekka war mittendrin.

  Man müsste eigentlich annehmen, dass die einzelnen Stämme in ganz Arabien Kenntnisse der unterschiedlichen Religionen, der Christen, Juden und den Zoroastriern hatten. Die polytheistischen Araber waren sicherlich mit diesen Religionen gut vertraut. 

    In Mekka trafen sich diese Vertreter und sprachen sicherlich auch über ihre Religionen. Es herrschte gewiss reger Austausch an Informationen und Diskussionen, auch über religiöses Wissen. Warum sollten diese Menschen nicht ihre Runden um die Kaaba vollzogen haben, wie es die Polytheisten der Stämme in und um Mekka taten und wie es damals Brauch war?

   Und das alles spiegelt sich im Koran wider. Diese Menschen dieser unterschiedlichen Religionen waren Muhammads Zuhörer. Vielleicht nahmen sie auf ihren Handelsreisen Teile der Gottesübermittlungen an Muhammad als geistiges Gepäck mit?  Wer dort blieb oder wohnte, dessen Frage ist vielleicht von Gott im Koran beantwortet worden.

      Dennoch, die Zeit des Propheten Muhammad und die Entstehung des Islam liegt immer noch wie hinter einem dunklen Schleier. Langsam erst beginnt durch eine neue und kritische Aufarbeitung und Auseinandersetzung der islamischen Geschichte sich dieser Nebel zu lichten. Vieles wird wohl für immer im Dunkel versunken sein.

Und heute ist die Zeit gekommen, diese Geschichte mit neuen, anderen Augen zu sehen.

Manaar

Ramadan 2020

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Ramadan 2020

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Heute möchte ich euch besonders herzlich begrüßen, denn es gibt ein Fest zu feiern. Wir feiern mit euch das Eid al fitr, das Fest des Fastenbrechens. Und weil das auf Deutsch überhaupt kein schönes Wort ist, und weil man dabei außerdem den Kindern Süßes verteilt, und auch gerne selbst ein bisschen nascht, nennen wir es inzwischen auch in Deutschland „Zuckerfest“.

Ich finde das immer lustig, weil einige meiner arabisch-sprachigen Freunde Ostern das Eierfest nennen. So haben wir hier in Deutschland ein Eierfest, ein Zuckerfest, mal sehen, was noch kommt. Das geht zwar von dem religiösen Aspekt weg, der den Festen eigentlich zu Grunde liegt, aber zum kulturellen, und damit gemeinschaftsstiftenden, Aspekt hin und wirbt damit dafür, alle Menschen einer Gesellschaft daran zu beteiligen oder zumindest ihnen einen Begriff an die Hand zu geben, den sie mit den stattfindenden Tätigkeiten verbinden können. Das Zuckerfest darf erlebt werden, auch wenn man es nicht vollständig, in all seinen Einzelheiten versteht. Das Verstehen der Dinge geschieht sowieso immer bei allen Menschen auf verschiedenen Ebenen.

Das Zuckerfest ist das große Fest der Freude.

Einen Monat lang haben wir gefastet – Essen und Trinken, oder anderes, entbehrt. Wir haben uns daran erinnert, jeden Tag, dass wir ohne Essen und Trinken nicht nur hungrig und durstig sind sondern auch an anderen Dingen leiden.

Ein paar Beispiele:

Mir ist im Ramadan jeden Tag eisig kalt, oft sogar noch nach dem Essen. So kalt, dass mir am Tag die Schultern weh tun, weil ich mich so verkrampfe und ich die halbe Nacht nicht schlafen kann, weil meine Füße zu Eisblöcken erstarrt sind. Essen und Trinken hält uns warm, stabilisiert unsere gefühlte Körpertemperatur.

Im Ramadan bin ich vergesslich. Beim Verkauf meines Autos habe ich die Hälfte der Dinge im Auto gelassen, die ich unbedingt ins andere Auto mitnehmen wollte. Dinge wie das Ladekabel oder die Parkvignette, ich schaute nicht in das Fach unter dem Kofferraum, wo ich Badelatschen und Schwimmzeug gelagert hatte – alles, was mir nicht direkt ins Auge sprang, habe ich vergessen. Essen und Trinken hilft uns, uns zu erinnern.

Ein weiteres Beispiel: Ich ging zu meiner Therapeutin, die ich gerne einmal im Monat aufsuche, doch das hätte ich mir im Ramadan besser erspart, denn das Fühlen war so anstrengend, dass ich unglaublichen Hunger bekam und nur noch meinen Magen spürte, um am Ende der Sitzung völlig erschöpft nach Hause zu gehen. Essen und Trinken erlauben uns, in uns hineinzuhören, zu reflektieren, unseren Körper detailliert wahrzunehmen über Hunger und Durst hinaus und so am Wohl unserer Seele zu arbeiten.

Und auch dies geschieht ohne Essen und Trinken: Jeden Sonntag buk ich im Ramadan, und fuhr hinaus an einen See oder in einen Wald. Das ist schön, auch ohne Essen und Trinken. Doch in ein Cafe einzutreten und dort vielleicht ein Buch zu lesen, oder sich mit jemandem bei einer Tasse Tee zu unterhalten, ist viel schöner als ohne. Essen und Trinken macht unsere sozialen Kontakte froher und entspannter. Gespräche tiefgehender und unsere Handlungen beherzter.

Manche Tätigkeiten habe ich mir daher auf die Zeit nach dem Abendessen – also dem Frühstück – verschoben, andere gleich ganz auf die Zeit nach dem Ramadan.

Es gibt noch viel, viel mehr, wozu man Essen und Trinken braucht, nicht nur am Abend, um zu überleben, sondern tagsüber. Was tun die Menschen, für die immer Ramadan ist, und am Ende des Tages nur eine Schüssel Reis mit Bohnen – oder immerhin, eine Schüssel Reis mit Bohnen? Wie meistern sie ihre Beziehungen und Freundschaften? Wie schaffen sie es, in der Schule Leistung zu bringen, Verträge fehlerfrei zu gestalten und abzuschließen, gut ausgeruht in den Tag zu starten und ihre gute Laune zu bewahren ?

Der Ramadan dient ganz eindeutig dazu, uns unbedingt daran zu erinnern, dass Essen und Trinken eben nicht nur zum Vergnügen da sind, sondern essenziell unser Leben überhaupt so ermöglichen, wie wir es hier leben. Das haben wir jeden Abend aufs Neue festgestellt. Beim ersten Schluck Wasser nach dem Fasten sind wir manchmal sehr dankbar und erinnern uns an die außerordentliche Gnade, die uns erwiesen wird. Doch manchmal vergessen wir schon beim ersten Glas, wie schwer der Tag war. Gleichsam in Millisekundenschnelle sind wir wieder diejenigen, die wir vor dem gefasteten Tag waren. Deswegen ist es wichtig, dass der Ramadan immer wieder kommt und uns immer wieder daran erinnert, was uns hier auf der Erde geschenkt wird.

Die Dankbarkeit ist eine Anstrengung, ein Dshihad, in der wir uns immer wieder üben sollten. Darin sind sich religiöse und weltliche Philosopen einig.

Im Moment sprießen aus dem Boden der Buchlandschaft tausende von Büchern, die eine Art Tagebuchfunktion übernehmen, aber auf die Dankbarkeit fokussieren. Es sind Bücher, in die man schreiben soll, was an diesem Tag besonder schön war. Fünf Dinge soll man jeden Tag benennen, die einem besondere Freude bereitet haben. Das ist gar nicht so einfach. Wenn man sich darin übt, so wird gesagt, ist man nach einer Weile glücklicher. Man lernt, das Gute, Glücklichmachende, wahrzunehmen und hat so insgesamt ein erfüllteres Leben. Wer schon mal schwanger war, der weiß, dass das stimmt, zumindest, was die Wahrnehmug betrifft. Alle Frauen sind nämlich immer gleichzeitig schwanger und zwar genau dann, wenn man selber schwanger ist. Wenn ich schwanger war, und das war immerhin sieben Mal, waren immer alle Frauen schwanger. Spätestens bei der zweiten Schwangerschaft war mir aber schon klar, dass das nicht sein konnte. Es lag ganz offensichtlich an der Wahrnehmung. Vorher waren natürlich genauso viele Frauen schwanger, aber ich habe es nicht bemerkt, weil es für mich nicht relevant war.

Kürzlich kaufte ich ein Auto. Sollte es ein Ford sein? Ich sah so viele Fords in meiner Umgebung wie nie zuvor. Sollte es ein Opel Corsa werden? Den hatten scheinbar auch alle. Mein Blick schärfte sich und ich sah sie plötzlich alle, die Clios, Polos, BMWs, und je mehr sie für mich in Frage kamen, desto schneller konnte ich sie unterscheiden, schon von Weitem.

So richtet sich unsere Wahrnehmung stets danach, was wir als relevant empfinden. Wenn wir uns darauf konditionieren, das Gute relevant zu finden, und zu erkennen, so werden wir es immer besser sehen können.

Inni atainak al kawthar, fassali rabika wa anhar. Wir haben euch die Fülle gegeben, sagt Gott. Die Gottheit, die uns gibt und gibt und gibt, ist recht selbstlos. Sie bittet, dass wir beten, und dass wir hin und wieder fasten. Der Rest der wesentlichen Anforderungen des Allah, bezieht sich auf die Menschen, nicht auf Gott selbst. Wir sind gehalten, sie gut zu versorgen, alle. Dazu sollen wir unseren Besitz teilen und gastfreudlich sein. In einer Stammeswelt des 7. Jahrhunderts hieß das, genau wie heute, dem Armen nebenan etwas abzugeben und dabei nicht zu pfennigfuchsen. Doch in einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts bedeutet es mehr, nämlich auch, politisch dafür zu sorgen, dass ordentlich geteilt wird. Wir sind beauftragt, ganz konkret, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Das steht im Koran und könnte deutlicher nicht geschrieben sein. Zitiere 2:267 und 274. Und in 2:277 lesen wir (zitieren).

Es kann nicht sein, dass einer Milliarden im Sockenfach bunkert und ein anderer nicht weiß, was er morgen seinen Kindern zu essen geben kann. Es kann nicht sein, dass manche Kinder mit ihren eigenen Eltern leben und andere alleine auf der Straße, statt behütet in Familien oder angemessenen Heimen. In einer globalisierten Welt kann nicht jeder alles haben, aber keiner darf nichts haben, oder – entschieden zu wenig. Das ist ein klarer Auftrag der Religion an die Muslime. Im Ramadan wird er zur Pflicht.

Eid Alfitr ist ein Tag der Freude, und er soll es für alle sein. So gebt reichlich heute. Alles was ihr geben könnt. Eure Freude, euer Lächeln, euren warmen, festen Handschlag, den Blick in die Augen. Gebt auch euer Geld mit Freude, wenn ihr könnt, und nehmt es gern und mit Freude, wenn es euch gegeben wird. Gebt euch selbst. Seid gerne stolz darauf, dass ihr diese Zeit gut überstanden habt und schämt euch nicht für eure Fehler, sondern lernt daraus. Jeder Mensch macht Fehler. Immer und überall.

Heute ist der Tag der Freude, der Tag des Gebens und der Tag der Versöhnung. Der Tag, an dem wir zu unseren Mitmenschen gehen und ihnen und uns eine zweite Chance geben, oder eine dritte, vierte. Es ist der Tag des ehrlichen Versuchs, von Neuem zu beginnen. Ein Tag des Neuananfangs in Bezug auf unsere Freunde, Beziehungen, Kinder, Ehepartner, Mitarbeiter, Mitschüler, Nachbarn, Cousins und Cousinen. Was vorher schlecht gelaufen ist, darf nun gut werden.

Religionen und ihre Riten und Ansprüche dienen dazu, uns als Menschen zu erweitern und uns allen gemeinsam ein glückliches Leben zu schenken. Sie dienen dazu, dass wir nicht unbedacht durchs Leben gehen, sondern reflektieren und wachsen, das Gute erkennen und uns daran erfreuen.

Heute ist ein Tag der Freude. Inschallah werden wir viele Tage der Freude verschenken und empfangen.

Allah hat viele Gesichter

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Allah hat viele Gesichter

      Ich möchte heute mit einigen Versen des Korans beginnen: Sure Al-An’am (Das Vieh), 6:12: Sage: „Wem gehört alles, was in den Himmeln und auf Erden ist?“ „Sage: Gott, der für Sich Selbst das Gesetz der Gnade und Barmherzigkeit gewollt hat.“ – Der Ausdruck: ‚Gott hat für Sich Selbst…‘ kommt nur 2-Mal im Koran vor (6:54), keine andere Eigenschaft Gottes bzw. sein Gesicht ist so direkt beschrieben worden.

    7 :156: Gott antwortete: „Mit meiner Strafe suche ich heim, wen Ich will – aber Meine Gnade übergreift alles.“

    Ein Hadith, überliefert von Bukhari und Muslim sagt aus: „Wahrlich, meine Gnade und Barmherzigkeit übertrifft meinen Zorn.“ Barmherzigkeit und Zorn, das sind zwei Gesichter Gottes.

     Was bedeutet eigentlich das Wort Allah und woher kommt der Name: Allah ist kein Eigenname, sondern nur das Wort für Gott, etymologisch, das heißt: Geschichte und Grundbedeutung eines Wortes, eine Zusammenziehung von al-lah für ‚der Eine Gott‘. Auch für arabische Christen und Juden ist es darum die Bezeichnung für Gott. Die Polytheisten Arabiens kannten innerhalb ihrer vielen Gottheiten einen der höchsten Götter mit dem Namen Allah. Allah wird in dieser Epoche als einen Hochgott verstanden, der auf den semitischen Gottesbegriff El zurückgeführt wird und die Rolle eines Schöpfergottes einnahm, sonst aber nicht direkt in das Geschehen der Menschen eingriff. Seine genaue Funktion ist nicht wirklich gesichert.

     Allahs Wesen lässt sich mit der Sprache des Menschen nicht festlegen, d.h. es lässt sich nicht vermenschlichen. Dennoch trägt Allah oder Gott im Koran einmal körperliche und dann wieder unkörperliche Züge, auf der einen Seite konkret, begrifflich, also immanent, und auf der anderen Seite nicht begrifflich, also transzendent, abstrakt. Die Sure 112 ist das beste Beispiel, in dem sich Gott als etwas nicht Begreifbares darbietet. „Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Absolute, Ewige. Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, und niemand ist Ihm ebenbürtig.“

     Ein anderes Beispiel, in dem Gott gleichzeitig immanent und transzendent ist.

Immanenz bedeutet in Bezug auf Gott, dass er in seiner Schöpfung, wie z. B. die Erde oder ich als seine Schöpfung, anwesend, gegenwärtig ist und sie erhält: Er ist mir näher als meine Schlagader, also ist Er in mir und um mich, also immanent, gleichzeitig aber auch abstrakt, transzendent. Transzendenz bedeutet in Bezug auf Gott, dass er als Gott alles übersteigt. Ich kann Gott mit meinen Sinnen nicht wirklich wahrnehmen, nicht in richtiger Weise von ihm oder mit ihm sprechen, weil er anders ist, sich in einer anderen Dimension befindet. Ich bin mir sicher, dass an meiner Schlagader nichts ist, was nicht zum Körper gehört. Ich stoße somit an eine Grenze, die ich aber mit meinen Gedanken überschreiten kann, um mir ein Bild zu machen.

    Etwas Abstraktes, Transzendentes kann man weder lieben noch fürchten, man kann auch nicht mit ihm sprechen. Wir brauchen also etwas, was man sich vorstellen kann, woran man sich festhalten kann, mit dem man sich unterhalten kann. Deshalb richtet sich der Koran an beides: an unsere Vorstellungskraft und an das abstrakte Denken. Ich denke, beide ergänzen sich prima.

    Gott als der Machtvolle und Gott der Barmherzige: Das sind zwei unterschiedliche Haltungen oder Gesichter Gottes, die sich scheinbar widersprechen, aber dennoch zueinanderstehen, sich zu einem Ganzen zusammenfügen.

     Es ist eigentlich bestimmend für unser Verhältnis zu Gott: Eine totale Spannung – auf der einen Seite Gott als der Mächtigste und auf der anderen Seite Gott als Erbarmer. Schon mit der 1. Botschaft an Muhammad stellt sich Gott vor: „Rezitiere im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle. Rezitiere, denn dein Herr ist allgütig. Der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste. Er hat die Macht zu erschaffen, also uns, aber dennoch gütig zu seinen Geschöpfen zu sein.

     Er berichtet darin von sich: ‚Ich bin dein Herr, denn ich habe dich und das ganze Universum erschaffen und ich bin gütig, barmherzig zu dir, denn ich lege das Wohl deiner Welt in deine Hände und dazu das nötige Wissen.‘

      Es ist eine Zurschaustellung seiner Macht und seiner Barmherzigkeit! Dieser eine Satz beinhaltet alles, was auch der Koran im Ganzen ausführt: ‚Geht nicht vom rechten Weg ab, denn eines Tages werdet ihr zur Rechenschaft gezogen.‘ Und ich könnte mir vorstellen, in diesen paar Worten befinden sich die vielen Gesichter Gottes: die Eigenschaften Gottes, von denen wir 99 Namen kennen. Nur um einige zu nennen: Da ist Gott als der Gnädige, der Sichernde, der Gebende, der Versorger, der Verzeiher, der Gewährende, der Allwissende, der Richter.

   Wenn ich heute darüber nachdenke, spüre ich in diesen ersten Worten einen starken Vorwurf von Gott: ‚Ich habe eine wohlgeordnete Welt erschaffen und euch zum Nutzen übergeben. Und was macht ihr daraus? In eurem Hochmut zerstört ihr sie, eure Grundlage für euer Leben!‘

    Aber zurück zu der Beziehung des All-Mächtigen zu dem All-Barmherzigen. Beide stehen im Zusammenhang; nur eine Seite, das geht nicht. Gott auf der einen Seite, das ist unter Anderem der Gott als der König, der Herrscher, der Allmächtige, der Stolze, der Große, der Tötende, der Mächtige. Er hat in diesen Eigenschaften die Macht zu strafen, aber ich denke gleichzeitig kann ein mächtiger Gott auch liebenswert sein. Ein Richter kann hart strafen oder milde verzeihen, um mich auf den rechten Weg zu bringen und zu halten.

     Auf der anderen Seite finde ich eine Vielzahl von Eigenschaften eines milden Gottes: der Gott des Friedens, des Erbarmens, des Versorgens, der Dankbare, der Nachsichtige, der Gerechte, der Großzügige, der Weise, der Liebevolle.

   Meist stehen sich wie gesagt diese gegensätzlichen Gesichter gegenüber: der Gott des Erschaffens und der Gott des Zerstörens.  Er erschafft ein Volk und droht ihnen aber, sie zu zerstören, wenn sie sich nicht an eine gute Handlungsweise halten. Es kommt sozusagen ein Manuskript zum Tragen, wie der Koranwissenschaftler Abu Zaid meint: ein Konzept, das den Gläubigen einen Weg weist, wie er Distanz zwischen sich und den strafenden Gott bringen und dem liebenden, verzeihenden Gott näher kommen kann.

      Der Koran zeigt uns einmal die Seite des mächtigen, des strafenden Gottes, dann wieder die eines liebenden, barmherzigen Gottes. Aber wenn wir Gott nur als den Barmherzigen sehen möchten, dann beschränken wir ihn nur auf eine Dimension. Das hieße, jeder könnte ja dann irgendwelchen Unsinn oder Schlimmeres fabrizieren. Und wenn wir Gott als einen nur strafenden Gott ansehen, dann müssten wir in Angst und Schrecken leben. Beide haben aber ihre Berechtigung. Einen Mittelweg gibt es nicht. Immer noch ist es für die Menschen angebracht, Strafen auszusprechen oder zumindest aufzuzeigen, um sie zu läutern, um das Gute in ihnen zu stützen. Am Ende wird die Barmherzigkeit siegen, also nicht der strafende, sondern der gerechte und barmherzige Gott.

     Dafür haben wir ein Wort: „taqwa“. Am Anfang meines Muslimseins habe ich das Wort taqwa nur als ‚Furcht vor Gott haben‘ erfahren, was ich aber überhaupt nicht verstehen konnte. Wie kann man einen Gott lieben, wenn man Furcht und Angst vor ihm haben sollte? Erst viel später wurde mir eins klar: taqwa bedeutet Gottesbewusstsein, oder Gottes bewusst sein, oder Gott ist in meinem Bewusstsein. Es bedeutet für mich ein Weg, wie ich dem liebenden und verzeihenden Gott näherkommen kann. Bei taqwa geht es um ethische und soziale Verantwortung, um meine und unsere Verantwortung als Mensch in einer Gesellschaft. Jetzt z. B. hatte ich die Verantwortung, so gut wie möglich mich auf diese Predigt vorzubereiten, sie gut aufzubereiten, damit ihr sie versteht und eventuell sie euch von Nutzen sein kann.

     Im Koran begegnen wir vielen Gesichtern, vielen Eigenschaften von Gott. In der 7. Sure, Vers 180 steht, dass Gott die schönsten Namen gehören. Wenn wir im Koran lesen, dann stoßen wir unweigerlich auf einen schaffenden Gott, auf einen versorgenden oder gestaltenden Gott, auf unseren Richter, auf den Gott des Friedens.  Gott oder das Göttliche hat eben viele Gesichter.

    Zeigt Gott nicht manchmal im gleichen Moment beide Seiten? Zumindest kann man es so denken. Gott kann uns seine liebende Seite zeigen, indem er uns eine Lektion erteilt. Er straft uns, weil er uns liebt. Machen wir das als Eltern nicht auch mit unseren Kindern?

    Gott ist dabei unser Vorbild, denn Er verlangt von uns auch Liebe z. B. zu den Kindern und Barmherzigkeit und manchmal auch eine Strafe aussprechend. Das heißt: Viele der schönsten Namen entstammen von Eigenschaften, die das Göttliche und das Menschliche vereinen. Sie sind wie eine Brücke, die unsere Welt zu Gott überspannt. Natürlich haben wir nicht die Macht und das Wissen Gottes, sondern nur das, was Gott uns zugesteht. Aber wir können das zu unserem Wohl nutzen und voll ausschöpfen.

    Können wir Gott oder das Göttliche überhaupt beschreiben? Mit unseren Worten stoßen wir unweigerlich an Grenzen, denn unsere Sprache ist menschlich. Da ist schon das Problem mit dem Personalpronomen, ich-mich, er-ihn, wir-uns, als ob Gott einem bestimmten Geschlecht zugehören würde. Dagegen spricht aber die schon genannte Sure 112, aus der man entnehmen kann, dass jemand, der nicht geboren wird oder wurde, auch keinem Geschlecht zugehören kann. Wir vermögen Gott nicht mit unserer menschlichen Sprache zutreffend beschreiben, noch können wir ihn mit unserem Verstand erklären. Dennoch vermögen wir ihn mit unserer Vorstellungskraft in unserem Kopf bildlich darzustellen und zu begegnen. Dazu brauchen wir keinen Raum, Zeit oder Endlichkeit. Wir können ihn mit unseren Gedanken vorstellen und mit ihm kommunizieren. Die Vorstellungskraft ist also sehr wichtig für einen Gläubigen. Unser Bild von Gott passt sich dem an, wie wir ihn persönlich erfahren, so wie wir den Koran für uns erlesbar machen.

     Wenn wir zu Gott beten, dann beten wir zu einem konkreten Gegenüber, den wir uns vorstellen können, aber dennoch wissen wir gleichzeitig, dass Gott nicht ‚so‘ ist, wie wir ihn uns vorstellen. Dennoch ist es kein Widerspruch, weil es unsere Gedanken in Bewegung hält und wir immer wieder unsere Vorstellungskraft neu definieren müssen, da wir immer wieder von Neuem durch Gott inspiriert werden.

    Mein Bild von Gott ist das eines liebevollen Schöpfers, der trotz der Warnung der Engel mich und die ganze Menschheit mit den besten Dingen ausgestattet hat, mit Wissen, Neugier und Selbstständigkeit. Mein Bild von Gott ist das eines kommunikativen Gottes, der selbst neugierig über meinen Werdegang ist, der mir hilfreich zur Seite steht und behutsam mich in die richtige Richtung schupst. Nein, es ist kein richtiges Bild, nur eine Ahnung, ein Gefühl für etwas ganz Besonderes, das ich Gott nenne und von dem ich weiß, dass er mich tagtäglich voller Liebe und Barmherzigkeit begleitet und dem ich mit Liebe und Ehrfurcht antworte.

 Manaar

Muhammad und die Anfänge der Offenbarungen

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Muhammad und die Anfänge der Offenbarungen

Wenn wir den Koran lesen, stoßen wir unweigerlich auf historische Gegebenheiten.

Wir stellen fest, dass sie auf Ereignisse aus dem Alten Testament zurückgreifen. Überall im alten Arabien gab es neben den Stämmen, die an viele Götter glaubten, auch jüdische und christliche Stämme, die nebeneinander lebten und in Kontakt miteinander kamen. So darf man voraussetzen, dass viele biblische Inhalte allgemein bekannt waren.

     Mir wurde in der Anfangszeit meines Muslimdaseins oft gesagt, dass Muhammad keine Praxis der sogenannten ‚Ungläubigen‘ ausübte, sich lieber absonderte. Aber das kann ich mir nicht vorstellen, denn Muhammad war in seiner Gemeinschaft bekannt und geachtet, er konnte sich bestimmt nicht den gemeinschaftlichen Aktivitäten entziehen. Sicher hat er sich später immer mehr auf den Berg Hira zurückgezogen und dort verstärkt meditiert, was aber eine Handlung mit Tradition, dementsprechend bei anderen Menschen zu jener Zeit verbreitet war. 

      Umso schlimmer muss er zu Tode erschrocken reagiert haben, als ihn eines Nachts ein Engel von Gott besuchte.

   Im Jahr 610 in Mekka erklärte Muhammad, dass das Göttliche zum ersten Mal mit ihm in Kommunikation getreten sei, dass er eine Botschaft von Gott empfangen habe und aufgefordert worden sei, diese Botschaft weiterzugeben.

    Nun, wir kennen die Situation aus Hadithen und auch der Koran selbst spricht davon. Dieses Zwiegespräch zwischen einem Boten des Göttlichen und Muhammad finden wir in den ersten 5 Versen der 96. Sure“ Al-Alaq“. In den frühen Versen wird der Überbringer nicht als ein bestimmter Engel bezeichnet, sondern einfach als Engel oder Geist ’ruh‘ bezeichnet.

    Erst später wird der Überbringer dieser Botschaft in der 2. Sure „Al-Baqara“ als Gabriel bezeichnet. Im 97. und 98. Vers heißt es: „Sprich: Wer auch immer Gabriel zum Feind nimmt- denn er hat ihn (den Koran) auf dein Herz herabkommen lassen mit der Erlaubnis Gottes als Bestätigung dessen, was vor ihm vorhanden war und als Rechtleitung und frohe Botschaft für die Gläubigen. Wer auch immer ein Feind wurde gegen Allah und Seine Engel und Seine Gesandten und Gabriel und Michael,  so ist wahrlich Allah den Ungläubigen ein Feind.“

   Aber zurück zu der ersten Bekanntschaft mit dem Engel: Das allererste Wort lautete: ‚iqra‘ und wird meist mit ‚lies‘ übersetzt. Doch es gibt noch kein Buch aus dem vorgelesen werden kann. Besser wäre ‚trage vor‘. Erst nach der 3. Aufforderung fügte Muhammad sich, als der Engel die nächsten 5 Verse vortrug: „Rezitiere im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einer Keimzelle! Rezitiere, denn dein Herr ist allgütig. Der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste.“ Abu Zaid, ein ägyptischer Koran- und Literaturwissenschaftler, gest.2010, meint: „Neben einer Art Selbstcharakterisierung des Herrn, der hier noch nicht Gott genannt wurde, enthalten die 5 Verse keine weitere Botschaft. Der Auftrag des Engels war nur zu verkünden: Hier ist dein Herr, der dich erschaffen, der dich unterrichtet und das gesamte Universum geschaffen hat.“ Es ist, als wenn sich jemand vorstellt. Diese Verse verraten nicht, was eigentlich Mohammad vortragen soll.

     Aber was sollen sie denn bedeuten? Abu Zaid, ein Koran- und Literaturwissenschaftler, 2010 gestorben, meint: „Es geht darum, in seinem, also Gottes Namen zu rezitieren.“ Ich denke, diese Erkenntnis ist wichtig. Diese erste Offenbarung galt noch nicht Muhammad als Botschafter oder Gesandter, denn es wurde ihm noch keine Botschaft aufgetragen, die er verkünden sollte. Muhammad wird einfach nur als eine dem Allmächtigen besonders nahestehenden Person angesprochen, als Prophet.

    Muhammad war nach diesem ersten Treffen sehr verunsichert, er hatte Angst und auch Zweifel an dem, was ihm widerfuhr.   Er wandte sich deshalb an Personen, die ihm nahestanden, an Khadija und an den Vetter von ihr, dem Christen Waraqa ibn Naufal, um Beistand und Rat. Sie stärkten ihn und bestätigten ihn als Gottes Prophet.

    Manche haben ihm sicherlich zugehört und waren beeindruckt, die meisten  belächelten oder schmähten ihn wohl.   Daraufhin erhielt er eine neue Vision als eine Art Antwort auf die Reaktionen seiner Zuhörer.

    Erst ab diesem zweiten Treffen bekommt er die Bedeutung eines Gesandten, dessen Aufgabe es ist, die Menschen zu warnen und sie aufzurufen, den rechten Weg zu gehen. Diese Botschaft befindet sich in der Sure 74: „1. Der du dich zugedeckt hast, 2.  steh auf und warne, 3. und preise die Größe deines Herrn, 4. und reinige deine Kleider, 5. und entferne dich von den Götzen, 6. und poche nicht auf dein Verdienst, um mehr zu erhalten, 7. und sei geduldig, bis dein Herr sein Urteil fällt. 8. Wenn dann in das Horn gestoßen wird, 9. dann ist es an jenem Tag ein schwerer Tag, 10. Für die Ungläubigen nicht leicht.“

     Die meisten Mekkaner hatten andere Erwartungen an eine göttliche Botschaft, vielleicht mindestens durch das Erscheinen eines Engels. Das hatte aber Muhammad nicht zu bieten. Die Sure Al -Furqan – Die Unterscheidung: 25:6-7 „Sprich: ‚Er, Der das Verborgene von Himmel und Erde kennt, hat ihn (den Koran) herabgesandt. Er ist wahrlich allverzeihend, barmherzig‘. Und sie sagen: ‚Was ist mit diesem Gesandten? Er isst und geht auf den Märkten umher. Warum ist nicht ein Engel zu ihm herabgesandt worden, dass er als Warner mit ihm sei? Oder warum wurde ihm kein Schatz übergeben, oder warum hat er keinen Garten, von dem er isst?‘ Und die Ungerechten sagen: ‚Ihr folgt nur einem Mann, der einem Zauber zum Opfer gefallen ist.‘“

   Nun kann er auf die Sticheleien und ungläubigen Fragen antworten.  Geduldig wird er ihnen wohl erwidert haben: „Ich bin ein Warner, ich habe eine göttliche Botschaft erhalten, die ich euch überbringen soll: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, macht euch bereit und verneigt euch vor eurem Herrn.“ Warnung und Mahnung zum Bereuen, das ist von Anfang an die zentrale Botschaft des Koran.  

    Gott hat eine ihm nahestehende Person auserwählt und ihm einen Auftrag erteilt, die Menschen zu warnen.  

     Betrachten wir zunächst seine Umgebung, die Gesellschaft um Muhammad. Das gesellschaftliche Leben wurde durch Stammesstrukturen geregelt, die das Funktionieren einer städtischen Gemeinschaft wie zum Bespiel in Mekka garantierten.

     Vor diesem Hintergrund mag sich eine Gruppe von religiösen Einzelgängern entwickelt haben, die in den arabischen Quellen Hanifen „Gottsucher“ genannt wird. Dieser Gruppe könnte vielleicht auch Muhammed angehört haben.

     Sein Stamm der Quraischiten, er gehörte in Mekka zu den führenden politischen Gruppen, verstand sich in direkter Nachkommenschaft von Abrahams Sohn Ismael. Daraus leiteten sie die Pflicht ab, das Heiligtum der Kaaba zu beschützen.

    Innerhalb des Stammes genoss der Einzelne absoluten Schutz. In dieser Umgebung wuchs Muhammad, der mit 6 Jahren Vollwaise wurde, auf, zuerst bei seinem Großvater, später bei seinem Onkel Abu Talib, der das Oberhaupt der Sippe der Häschim war. Von dieser Situation berichtet später der Koran in der 93. Sure: Verse 6-8: „Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Unterkunft besorgt und dich abgeirrt gefunden und rechtgeleitet und bedürftig gefunden und reich gemacht?“

Zwischen den einzelnen Stämmen gab es nicht selten heftige kriegerische Auseinandersetzungen, man hatte sich aber auf eine gewisse Zeit der Waffenruhe geeinigt. Damals fanden in Mekka mehrmals im Jahr Wallfahrten statt und es gab zahlreiche Feste und Jahrmärkte. Während dieser Zeit herrschte unter den Polytheisten ein ‚Gottesfriede‘, und die Pilger konnten in dieser Zeit ungestört Handel treiben und Kontakte pflegen. Die Bewohner von Mekka profitierten wirtschaftlich von dieser Situation.

      Zunächst fand die Botschaft in Mekka wenig Anklang. Muhammads erste Anhänger waren seine Frau Chadidscha und sein junger Vetter und späterer Schwiegersohn Ali. Etliche Angehörige der unteren sozialen Schichten, Handwerker und Freigelassene äthiopischer oder byzantinischer Herkunft und Christen aus Äthiopien und auch Angehörige aus weniger einflussreiche Familien gehörten bald zu den Anhängern von Muhammad.

   Die meisten Mekkaner jedoch bestritten die Echtheit von Muhammads göttlicher Sendung. Sie warfen ihm vor, er sei bloß ein Dichter, der unter dem Einfluss von Dämonen stehe. Man lehnte den Propheten aber auch deshalb ab, weil sie wirtschaftliche Einbußen bei Abnahme des Pilgerstromes befürchteten.

    Von da an entstand ein regelrechter Offenbarungsprozess, der bis zu seinem Tod insgesamt 23 Jahre dauerte. In den Offenbarungen wird Muhammad von Gott angesprochen, widersprochen, sogar manchmal von Gott kritisiert oder Geschehnisse spiegeln sich in den Versen wider. Es ist ein kommunikativer Prozess, der auf Dialog, Argumentation, Diskussion, Auffordern und Überzeugen beruht. Er richtet sich manchmal speziell an Einzelpersonen, an kleinere Gruppen oder kommuniziert mit einem ganzen Volk, meistens aber mit Muhammad, der weitervermitteln soll.

    Es entsteht eine sehr umfassende und komplexe Form der Kommunikation zwischen Gott und dem Menschen, jedem Menschen, so auch uns heute. Vielleicht könnte es so zugegangen sein: Gott spricht durch Vermittlung des Engels zu Muhammad, der die Worte an seine Zuhörer weitergibt. Diese wiederum stellen Fragen, äußern Zweifel oder Spott, sind einfach gleichgültig oder verneinen alles. Eine weitere Offenbarung folgt vielleicht mit Antworten von Gott auf gestellte Fragen. So entsteht ein Dialog zwischen Gott und den Menschen durch Muhammad als Vermittler. Dabei richtetet sich jede Herabsendung wie schon gesagt an eine bestimmte Gruppe oder Person.

     Wenn man etwas über die Persönlichkeit des Propheten wissen will, dann geben neben dem Koran auch die Hadithe über ihn Auskunft. Man könnte ihn vielleicht so beschreiben: sehr anständig, gesellig, umgänglich, ruhig: Eigenschaften, die notwendig sind, wenn man sein Volk von etwas überzeugen will. Er war zuverlässig, vertrauenswürdig, denn man nannte ihn den al-Amin – der Zuverlässige. Alles zusammen ist ein Hinweis auf seine kommunikativen Fähigkeiten, ohne die er kein Vertrauen auf seine Persönlichkeit als Mensch und Prophet und später als Führer einer neuen Gesellschaft bekommen hätte.

    Was für eine Entwicklung seiner Persönlichkeit: Als sich die erste Offenbarung ereignete, war er zunächst ein spiritueller Suchender – es überwog noch seine eigene innere Religiosität – als Kaufmann ein nachdenkliches, dennoch praktisch denkendes und erfolgreiches Mitglied eines mekkanischen Stammes. Später kamen praktische Aufgaben und soziale Verantwortlichkeit eines Anführers einer Gemeinde hinzu. Seine tief empfundene Religiosität und soziales und politisches Geschick machten ihn zu dem Führer einer neuen Religion und Gesellschaft.

    Während der ersten Jahre in Mekka als Übermittler Gottes verstand er seinen Gottesauftrag noch nicht so, als solle er eine neue Religion gründen. Im Vordergrund stand immer noch die Gemeinsamkeit mit den beiden abrahamischen Religionen. Sie verstanden sich als ‚das Volk der Schrift‘. In vielen Versen des Koran steht geschrieben, dass Muhammad die alte Botschaft, die schon vorher an die Juden und Christen gegangen war, jetzt wieder empfangen und den Arabern zu übermitteln hat. Das können wir aus der Sure10: 94 herauslesen. „Und wenn du über das, was Wir dir hinabsandten, im Zweifel bist, dann frage diejenigen, welche die Schrift vor dir lasen. Wahrlich, zu dir ist die Wahrheit von deinem Herrn gekommen, darum sei kein Zweifler.

    Dieser Vers soll die eigenen Zweifel an seiner Aufgabe als Prophet entkräften, wenn er die Juden und Christen befragen würde, sie sozusagen als Zeugen vorhergehender Mitteilungen von Gott annehmen würde. Viele Erzählungen, Hinweise, Warnungen aus dem Alten Testament finden wir auch deshalb im Koran wieder. Dieser Vers bezeugt ein relativ stabiles Miteinanderleben dieser 3 Religionen.

    Lediglich das Miteinanderleben mit den Polytheisten wurde immer schwieriger, da die junge muslimische Gemeinschaft Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt war, bis Muhammad und seine Anhänger sich im Jahr 622, der Hidschra, ein neues Zuhause in Yathrib suchen mussten. Die jüdischen Stämme luden ihn zuerst vorrangig als Vermittler zwischen ihnen ein. Mit der Hidschra, zu Deutsch: ‚Ausreise‘, beginnt die neue muslimische Zeitrechnung. In Yathrib, das später Medina, die „Stadt des Propheten“ genannt wird, lebten neben Polytheisten und Juden auch erste Muslime.

     In Medina ändert sich auch der Charakter der Offenbarungen. Sie sprechen nun zu einer festen Gemeinde, in der öffentlich gebetet wird, in der sich ein neues Rechtssystem dieser kleinen Gemeinde immer deutlicher an den Koran anlehnt.

    Muhammad erhoffte sich nun auch Unterstützung durch die jüdischen Stämme, indem er mit ihnen einen Vertrag schloss, den wir heute ‚die Charta von Medina‘ nennen. Für ein gutes Zusammenleben so unterschiedlicher Gruppen musste allerdings zuerst eine rechtliche und verbindliche Übereinkunft, eine Gemeindeordnung, zusammengestellt werden zwischen den muslimischen ‚Auswanderern der Quraisch und 8 Stämmen aus Yathrib. Es ging vor allem darum, die Feindseligkeiten und Rivalitäten unter den Vertragspartnern zu beenden und sie gegen Bedrohungen von außen zu vereinigen. Stammeszugehörigkeit und Organisation sollen beibehalten werden, Streitfälle durch Muhammad geschlichtet werden.

     Es ging um einen Übergang von einer nach Stämmen organisierten Welt zu einem System der Rechtssicherheit. Rechtliche und praktische Hinweise finden sich an etlichen Stellen im Koran wieder.

   Im vorislamischen Arabien des 7. Jahrhunderts gab es weder einen Staat noch irgendeine Art von Rechtssystem. Die Menschen waren dem Stamm verpflichtet. Diese Stammesethik forderte absoluten Gehorsam. Wer diesen Gehorsam dem Stammesältesten bzw. der Stammesgemeinschaft verweigerte, verlor jegliches Recht auf Schutz durch diese Gemeinschaft. Es zählte also nur die Blutsverwandtschaft, nicht um Recht oder Unrecht. Durch die Charta wurde eine neue Art von Gemeinschaft, in der nicht die Blutsverwandtschaft die zentrale Rolle spielte, sondern erstmalig eine Form von Zusammenhalt auf der Grundlage bestimmter Normen und Werte, die in der Charta verankert wurden.

    Jetzt sind es Menschen, die mit dem Propheten bestimmte Überzeugungen teilten, dennoch konnten sie ihrer Religion treu bleiben. Diese neue Form einer Gemeinschaft brauchte natürlich auch rechtliche Bestimmungen, wie z.B. Sicherheit, Abgaben, Handel, Ehe, aber auch in der Religiosität. Anweisungen dafür gab der Koran.

     In den folgenden Jahren in Medina erwuchsen für Muhammad neue Verpflichtungen und Verantwortung. Neben der ersten Funktion in Mekka als Prophet und Warner, kam dann in Medina die Funktion eines Führers einer neuen religiösen Gemeinschaft und die eines militärischen Führers hinzu. Aber davon später in einer anderen Predigt.

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Samara Doole

Wasser

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Ihm, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.
Das, worüber ich heute sprechen möchte, ist Nahrungsmittel, Lebensraum, Verkehrsweg, Energiequelle, Kraft und Baumeister zugleich. Ich spreche von

Wasser

 

Samara Doole
Samara Doole

Wasser ist all das und es ist kein Wunder, dass das Wasser nicht nur im Islam eine sehr hohe Stellung einnimmt, sondern eigentlich in fast allen Weltreligionen. Es steht für das Ursymbol des Lebens, ein Geschenk der Götter oder des Einen Gottes. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen, Dürre und Hochwasser, also ein zu wenig und zu viel.
Im hinduistischen Glauben ist Wasser unsterblich, denn es transportiert die Seelen der Toten zum Sitz des ewigen Lebens. Ein Bad im heiligen Wasser, dem Ganges, spült alle Sünden des Gläubigen hinweg. Aus dem Grund wird auch die Asche des Verstorbenen in den Fluss gestreut, in dem dessen Seele zum Ort der Erlösung gelangt.
Ebenfalls ist in der buddhistischen Lehre das Wasser Sinnbild für den Strom des Lebens, in dem die Seele der Erlösung entgegenfließt.
In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments war die ganze Erde von Wasser bedeckt, dann trennte Gott das Wasser und Land und schuf das Meer und die Erde. So zieht sich durch das gesamte alte und neue Testament das Bild des Wassers als Ursprung des Lebens. Im Judentum tauchte man sich vollständig im Wasser unter, um rituell gereinigt zu sein, während im Christentum ein kleiner Wasserguss reicht.
Da, wo die drei abrahamischen Religionen entstanden, in den Wüsten- und Trockenzonen Arabiens war man sich der ungeheuren Wichtigkeit des Wassers und seinen Konsequenzen sehr bewusst. Schon seit Urzeiten bedeutete dort Wasser Leben für die Viehzüchter wie für die Ackerbauern. Wasser war also schon immer ein Grund für Besorgtheit, denn Wasser verkörpert eine gesunde Tier- und Pflanzenwelt, also Nahrung.
Wasser hatte Einfluss auf das Miteinanderleben, auf Umgangsformen der Bewohner. Jeder Wüstenbewohner war angewiesen auf Gastlichkeit, denn jeder kann in die Lage versetzt werden, einmal das Wasser selbst seines ärgsten Feindes in Anspruch nehmen zu müssen. Da ist es nicht verwunderlich, dass schon im Islam beizeiten das Anrecht auf Wasser als ein Menschenrecht festgelegt wurde. Das können wir in einem Hadith im Sahih Muslim Nr. 157 nachlesen: ‚Abu Huraira, (Allahs Wohlgefallen auf ihn) berichtete, dass der Gesandte Allahs (Allahs Frieden und Segen auf ihm) sagte: ‚Drei werden von Allah am Tage der Auferstehung nicht angesprochen, nicht angeschaut und nicht geläutert. Und diese haben eine schwere Strafe zu erwarten: Ein Mann, der sich in der Wüste befindet und Überschuss an Wasser hat, sich aber weigert, einem Reisenden davon utrinken zu lassen.‘
Wasser spielte darum auch eine große Rolle in der arabischen Literatur und Poesie, ja sogar in der Architektur.
Neben dem Wasser zur menschlichen und tierischen Versorgung brauchte man es auch zur rituellen Reinigung. Darum verpflichtet der Islam, wie die anderen Religionen, die auf dem Boden der arabischen Wüste entstanden waren, die Menschen, alles Mögliche für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserreserven zu tun. Darum ist das Thema Wasser und seine Bewahrung und Nutzung von großer Wichtigkeit, mehr noch: der verantwortliche Umgang mit sauberem Wasser ist ein Schöpfungsauftrag, ein Auftrag von Gott, als Er den Menschen als Seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt hatte.
Für sie gab es Gewissheit, dass das Wasser göttlichen Ursprung war. Und so lesen wir auch an vielen Stellen im Koran über die herausragende Stellung des Wassers für die Erde mit ihren Pflanzen und Lebewesen und auch für die Vorstellung des Paradieses. Als ich in Granada die Alhambra besuchte, stellte ich mir dieses Bild, was ich da sah als ein Sinnbild des Paradieses auf Erden vor. Auch ihre Erbauer sahen das Wasser auf eine hohe Stufe, vergleichsweise wie das Wasser im Paradies.
Wasser ist das Abbild für das Reine im Allgemeine und im Speziellen, wie in der Religion: Waschungen mit reinem Wasser dient der inneren und äußeren Reinigung und gilt für jeden Gläubigen als Teil des Gebetes, eine der 5 Säulen des Islam.
Wasser ist für alle Lebewesen das wichtigste Element, ohne eine genügende Wasserversorgung würde zum Beispiel der Mensch innerhalb weniger Tage sterben.
Besser gesagt: vom Wasser hängt alles Leben ab. Und das sagt auch der Koran in Sure 21:30 aus: „Und Wir haben aus dem Wasser alles Lebendige gemacht.“ Dieser kurze Vers weist auf die Existenz Gottes hin, auf Seine Macht und Einzigartigkeit. Und damit fordert Gott uns zum Nachzudenken auf. Er liefert uns den Regen, also das Wasser, aber Er könnte uns es auch vorenthalten, nur Er hat die Macht darüber. Das beweist auch die Sure 27:60: „Nein – wer ist es, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und für euch lebengebendes Wasser vom Himmel herabsendet? Denn dadurch lassen Wir Gärten von leuchtender Schönheit wachsen- während es nicht in eurer Macht ist, (auch nur einen einzigen) ihrer Bäume wachsen zu lassen! Könnte es eine göttliche Macht neben Gott geben? Nein, sie (die so denken) sind Leute, die (vom Pfad der Vernunft) abweichen. Gott weist uns darauf hin, wer das Universum mit all seiner Ordnung, Schönheit und Herrlichkeit geschaffen hat, nicht irgendeiner neben Ihm, sondern nur Er allein.
Und mit dieser Realität, die niemand leugnen kann, hat Er das nötige Mittel, damit überhaupt Leben auf Seine geschaffene Erde existieren kann, das Wasser, uns und den Pflanzen und Tieren gegeben. Denn wenn Er sagt: ‚für euch‘ bedeutet das für alle Menschen. Wasser darf kein Eigentum sein, es ist für alle da und muss zugänglich für jeden gemacht werden. Gleichzeitig weist Er nochmals darauf hin, dass nur Er die Macht hat, Leben zu geben und wachsen zu lassen.

Wasser ist in seiner Reinheit eine Gnade von Gott und wir als Seine Stellvertreter sind aufgerufen, nein, besser noch verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, hängt doch von seiner Reinheit alles Leben ab. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus? Über Jahrhunderte wurde es immer mehr kontaminiert. Durch Abwässer, Müll und Abfall wurde es in den Städten seit dem Mittelalter verseucht, später kam der Abfall der Industrie hinzu, heute sind es giftige Chemikalien und Plastik, das dem Wasser arg zusetzt. Selbst das Regenwasser, das eigentlich das sauberste Wasser sein sollte, ist durch Luftverschmutzung verunreinigt. Und davon trinken die Menschen und Tiere.
Selbst die Feuchtigkeit der Ackerböden ist nicht mehr rein, so dass die Pflanzen das Unreine speichern und wir dann dieses Gift mit der Nahrung verzehren. Auf der ganzen Erde sind die Flüsse, Meere und Seen keine brauchbaren Nahrungsquellen mehr, für viele Millionen Menschen gibt es keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und das verschmutzte Wasser ist verantwortlich für die Verbreitung von gefährlichen Krankheiten.
Gott betont, dass Er diese Verderbnis nicht liebt, das heißt, nicht das Verderbnis als Ergebnis, sondern diese Menschen, die unachtsam und ohne Bedacht mit Gottes Gut umgehen. Er sagt in Sure al-Baqara, Vers 205: „Aber immer, wenn er (dieser Mensch) obsiegt, geht er auf der Erde umher und verbreitet Verderbnis und vernichtet Ackerland und Nachkommenschaft. Und Gott liebt nicht Verderbnis.“
Auf Wasser ist unser ganzes, tägliche Leben ausgerichtet, nicht nur zum Trinken, sondern als Grundlage für unsere Nahrung. Das stellt Gott in Sure:80 (Al-Abara. Er runzelte die Stirn), Verse 24-32: „So soll der Mensch (die Ursprünge) seiner Nahrung betrachten: (wie es kommt), dass Wir Wasser herabgießen ,es in Fülle herabgießend, und dann spalten Wir die Erde(mit neuem Wachstum) sie auseinanderspaltend, und daraufhin lassen Wir aus ihr Korn wachsen, und Rebstöcke und essbare Pflanzen und Olivenbäume und Dattelpflanzen, und Gärten mit dichtem Blattwerk, und Früchte und Kräuter für euch und euer Vieh zum Nutzen.“
Aber nicht nur für äußere Sauberkeit, sondern es dient zu inneren Sauberkeit des Herzens. Abu Huraira (r) berichtet von einem Ausspruch des Propheten (überliefert von Buchari): „Das Gebet desjenigen, der die Gebetswaschung nötig hat, wird solange nicht angenommen, bis er die Gebetswaschung vollzogen hat.“
Ich könnte noch viele Verse vortragen, dafür würde aber eine Khutba nicht reichen. Aber noch ein Hadith halte ich für sehr wichtig.
Mit Beginn der Khutba hatte ich betont, dass Wasser für das Ursymbol des Lebens steht. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen.
Stellt euch eine Quelle hoch oben im Gebirge vor, mehrere Quellen schließen sich zusammen, immer mehr Wasser strömt zusammen bis es ein breiter Fluss wird, der dann ins Meer fließt. So verhält sich auch das Wissen. Unsere angeborene Neugierde nimmt immer mehr Wissen auf wie ein breiter Fluss, das heißt, wenn wir es zulassen und nicht irgendwann faul auf Wissen reagieren und nur zuhören, was ein Prediger sagt, ohne nachzudenken. So gibt es ein Hadith im Sahih Muslim, welches Wasser mit Wissen vergleicht:
„Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf einem Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere dort weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrt es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“
Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter. Ansonsten taugt das Wissen nicht, wenn ich es nur für mich behalte.
Ich möchte das Wissen mit einem Krug Wasser vergleichen, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem mehr, wie das versickernde Wasser.
Und noch etwas möchte ich feststellen: Der Koran selbst ist wie das Wasser. Man liest darin und taucht gleichzeitig tief in ihm hinein. Der Koran in das Wort von Gott, ein Ozean an Mittelungen, Mahnungen, Parabeln, Wissen. So stelle ich mir Gott selbst als einen unendlichen Ozean vor. Wenn wir in ihm eintauchen, umfängt das Wasser uns liebevoll und reinigt unsere Seele.
So kann man sagen, Gott sendet das Wasser vom Himmel, Er sendet es herab, wie Er den Koran herabgesandt hat, um uns zu reinigen und zu verbessern.

Samuel Scrimshaw Beitragsbild

Die Seele aus islamischer Sicht

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.

Die Seele aus islamischer Sicht

 

Samuel Scrimshaw BeitragsbildHeute möchte ich über unsere Seele sprechen. Ich fand das Thema interessant, aber tat mich dennoch schwer, denn ich habe erkannt, dass unsere Persönlichkeit weit mehr ist als unser materieller Körper. Aber das ‚weit mehr‘ ist schwer zu erfassen.
In Suratu-l-`Isra, 17:85 steht: „Und sie befragen dich über die Seele. Sprich: ‚Die Seele ist eine Angelegenheit meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.‘“ Muhammad Asad übersetzt den Vers so: „Und sie werden dich nach der Natur der göttlichen Eingebung fragen. Sag: diese Eingebung kommt auf Geheiß meines Erhalters; und ihr könnt ihre Natur nicht verstehen, da euch sehr wenig wahres Wissen gewährt worden ist.“ Asad meint dazu: Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass sich dieses auf die Offenbarung des Koran bezieht, wenn man den vorherigen und folgenden Vers mit einbezieht, andere verstehen darunter die Seele des Menschen. Für noch andere steht der Begriff ‚ruh‘ für Seele oder Geist und sehen darin den Engel, der die Offenbarung bringt.
Ich denke, es geht vor allem um einen harmonischen Zustand der Seele, auch wenn wir nicht viel darüber wissen. Aus theologischer Sicht ist das Wesen der Seele geheimnisvoll und normaler menschlicher Erkenntnis weitgehend nicht begreifbar. Wir können sie nicht wirklich beschreiben oder sehen, so wie wir Gott nicht definieren können und nur das von Ihm wissen, was Er im Koran über sich erzählt. Aber eins steht fest, jeder von uns trägt eine Winzigkeit vom Hauch Gottes in sich, die Seele. Aber dazu komme ich noch.
Suratu-z-Zumar, 39:41 besagt: „Allah nimmt die Seelen (al-anfus, Plural von an-Nafs) hinweg, wenn die Menschen sterben, und die derer, die noch nicht sterben, während sie schlafen. Dann hält Er die zurück, für die Er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen für eine bestimmt Frist zurück. Hierin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken“. Das bedeutet, im Tod geben wir unser physisches Leben auf, aber unsere Seele stirbt nicht, sie kehrt in eine andere Existenzebene, zu Gott zurück, also jenseits unseres physischen Daseins, während sie nach dem Schlaf in unser Dasein zurückkehrt. Kurz gesagt: Gott hält unser Leben und den Tod in Seiner Hand. Wir merken spätestens hier, dass das Wort Seele im Normalgebrauch mehrere Bedeutungen hat.
Wie oft sagt man, wenn man über etwas nachdenkt und man zu keinem richtigen Ergebnis kommt: „Schlaf darüber!“ Oder: „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Unsere Seele geht dann zurück zu Gott. Vielleicht gibt uns Gott dann Hinweise? Manchmal wachen wir mit einem Alptraum auf, vielleicht sind diese Alpträume ja schon eine Bestrafung von Gott, und manchmal sind wir frisch und munter, mit einem guten Gefühl, die richtige Entscheidung treffen zu können. Wer weiß, wurden wir vielleicht belohnt? Hält Gott bei unserem Schlaf schon ein Gericht über unsere Seele? Bestraft oder belohnt Er uns, lässt Er uns unser Gewissen überprüfen?
Ich denke, Gott hält hier schon Gericht, nicht erst, wenn es uns nicht mehr gibt. Denn während unseres Schlafs hat Gott die Gelegenheit, zu richten, unserer Seele Lob oder Tadel nach dem Erwachen mit auf den Weg zu geben. Ansonsten lohnt sich doch nicht ein Belohnen im Paradies oder Bestrafen in der Hölle. Nach dem Tod ist es zu spät, um uns zu verbessern.
Ich habe meine Denkweise in meiner Khutba „Das Diesseits und das Jenseits“ schon einmal dargelegt. Und die Brücke am Tag des Jüngsten Gerichts? Für mich könnte für die Seele die Überquerung der Brücke den Übergang vom Wachsein in den Schlaf bedeuten. Wir wachen auf, nachdem sich unsere Seele einer Rechenschaft vor Gott für diese kurze Zeit stellen musste. Und das täglich, damit sich unsere Seele zum Guten wandeln kann. Nur so greift Gottes Barmherzigkeit zur Stärkung unserer Seele, was nicht ausschließt den Gang über die Brücke nach unserem endgültigen Tod.
Ghazali, gest.1111 in Tus, Iran, hielt die Seele für eine unkörperliche, rein spirituelle Substanz, die aber über Wissen und Wahrnehmung verfügt.
Der Mystiker Rumi war überzeugt, dass der Mensch zwei Dimensionen habe: Die eine ist die physische Ebene, die zur Natur gehört und die zweite ist die verborgene Welt als Teil der absoluten Wahrheit. Beide Ebenen passen sich einander an und ergänzen sich.
Aber was ist nun die Seele? Wo befindet sie sich, was passiert mit ihr?
Das Wort rūḥ, das ursprünglich „Atem“ oder „Wind“ bedeutet, wird religiös zum Hauch, Geist, den Gott Adam einbläst und ihm damit Leben einhaucht.
Der Mensch besteht aus Körper, Geist oder Seele, alles gehört zusammen und macht als Ganzes den Menschen aus.
Eigentlich hat im normalen Sprachgebrauch das Wort „Seele“ zwei Bedeutungen:
– Zum ersten gehört die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Erinnern, Phantasieren, Überlegen, Denken eines Menschen ausmacht; also die „menschliche Seele,” unser Ego, das Ich. Sie ist sterblich.
– Andererseits ist sie ebenso ein körperloser Teil des Menschen, der nach religiösem Glauben unsterblich ist, nach dem Tode weiterlebt. Sie ist „die unsterbliche Seele”. Beide aber sind immateriell.
Eine kurze Zusammenfassung: Es gibt also zwei grundlegende Bereiche des Menschen, einen materiell-physikalischen und einen immateriell-metaphysischen Bereich. Nach islamischer Auffassung gibt es aber im immateriellen Bereich neben der Seele oder Geist noch das Ego des Menschen, dem ‚Ich‘, arabisch an-nafs. Es ist zwar immateriell, aber in besonderer Weise an den Körper gebunden, also an die Materie. Das heißt: Der Mensch besteht aus
– dem Körper, arabisch: al-dschassad,
– dem Ego, das „Ich“, arabisch: an-nafs,
– dem Geist oder Seele arabisch: ar-ruh.
Den Körper kann man also als das ‚Haus von Ego und Seele‘ bezeichnen. Wenn der Körper stirbt, stirbt auch mit ihm sein Ego, (an-nafs), sein Ich. Die Aufgabe eines Muslims soll darin bestehen, im Diesseits im Rahmen des dschihadu-n-nafs, der Anstrengung im Bereich des Egos, seinen Nafs zu erziehen und in ein an Gott gerichtetes Seelenleben zu bringen. Deshalb meine ich, dass schon im Schlaf Gott über uns das Gericht hält, damit wir unseren Nafs erziehen können, daraus ergibt sich für mich: Das Paradies und die Hölle befinden sich im Diesseits.
Im Koran werden drei Stufen des sterblichen nafs erwähnt, manche Gelehrte zählen 7 Stufen: die niedrigste ist an-nafs al- ammara, die über das Böse herrscht, an zweiter Stelle kommt an-nafs al-lawwama, welches sich selbst reumütig tadelt. Man könnte sagen: Es ist unser Gewissen, dass unser Handeln kontrolliert. Und an höchster Stelle steht an-nafs al-mutma`inna, welches seine Ruhe gefunden hat. Dazu steht im Koran in Sure 39:70: „Und jeder Seele (nafs) wird voll zurückerstattet, was sie im Erdenleben getan hat.“ Das heißt, selbst wenn das Nafs stirbt, unsere Taten werden am Gerichtstag gewertet.
Im heutigen Konsum- Zeitalter ist der Körper mit dessen Bedürfnissen, Verlangen und Begierden, die sein Ego zufrieden stellen und ihn zu seiner Selbstentfaltung und Selbstbewusstsein fördern sollen, in den Vordergrund gerückt. Unser Ego schließt ein An-sich-selber-denken, an sein berufliches Vorwärtskommen, am Geldkonsum ein, kümmert sich weniger um die übrige Gesellschaft. Wir sind zu einer Ich-Gesellschaft, weniger zu einer Wir-Gesellschaft geworden. Geist und Seele spielen dabei weniger eine Rolle.

Der Geist, ar-ruh, ist der einzige Bereich, der ewig ist und der beim Tod des Menschen auch sein Ego überdauert. Er gehört zum immateriellen Bereich und damit wichtigster Teil des Menschen aus religiöser Sicht.
Meine Frage an euch: Wenn wir unseren Körper betrachten, wo werden wir die Seele, unseren Geist ansiedeln? Natürlich im Herzen!
Das Zentrum unseres Geistes, unserer Seele ist im Islam das Herz (arab. al-qalb) mit den immateriellen Betrachtungsweisen unserer Gefühlswelt, Emotionen, Empfinden, Gemüt und dazu gehört auch unser Gewissen, Bewusstsein wie zum Beispiel unser Verantwortungsbewusstsein, Moral, unsere innere Stimme.
Unser Herz hat also zwei Seiten oder Bestimmungen: das materielle Herz als unser zentrales Organ des Körpers; ohne diese Pumpe geht gar nichts. Das immaterielle Herz ist das Zentrum unseres Geistes bzw. unserer Seele und damit das wichtigste Element unseres Seins, unserer Wirklichkeit.
In Sura al-A’raf, Nr.7:179 können wir in der Übersetzung von Asad lesen: „Wir haben wahrlich viele der unsichtbaren Wesen und Menschen für die Hölle bestimmt, die Herzen haben, mit denen sie nicht die Wahrheit zu erfassen vermögen, und Augen, mit denen sie nicht zu sehen vermögen, und Ohren, mit denen sie nicht zu hören vermögen. Sie sind wie Vieh – nein, sie sind sich noch weniger des rechten Weges bewusst: Es sind sie, die die wahrhaft Achtlosen sind.“ Er meint damit: Tiere leben nach ihrem Instinkt, aber diese Menschen sind sich der Möglichkeit oder einer Notwendigkeit einer moralischen Wahl nicht bewusst oder wollen es nicht verstehen.
Oder in Sura al- Hadsch, Nr. 22:46: „Sind sie denn niemals auf der Erde herumgereist, um ihr Herz Weisheit erlangen und ihre Ohren hören zu lassen? Doch, wahrlich, es sind nicht ihre Augen, die blind geworden sind – sondern blind geworden sind ihre Herzen, die in ihren Brüsten sind.“ Diese Aussage ist wirklich eindeutig, zum Herz gesellt sich der Verstand, die Vernunft, al-`aql
Herz und Verstand stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Und zum Verstand gehört das Gewissen (arab: al-widschdan) dazu.
Die islamischen Gelehrten ordnen dem Gewissen drei Kategorien zu: das Gedächtnis (arab. adh-dhihn), das Gefühl (arab: al-hiss) und der Wille (arab: al-irada). Aber wie schon gesagt, alle drei stehen in einem besonderen Zusammenspiel mit dem Intellekt (ar: al-`aql), der Vernunft und dem Herzen als das Zentrum des Geistes.
Zum besseren Verständnis: Das Zentrum des Geistes ist das immaterielle Herz (al-qalb). Es beinhaltet den Geist oder Seele (ar-ruh), den Intellekt, die Vernunft (al-`aql) und als dritter Partner das Gewissen (al-widschdan) mit dem Gedächtnis, den Gefühlen und dem Willen.
Besonders das Zusammenspiel von al-`Aql und al-widschdan, Vernunft und Gewissen, spielt im islamischen Kontext eine große Rolle. Das Gedächtnis als eine Kategorie des Gewissens bedeutet Wissenserwerb, besonders das Wissen um Gott. Die Gefühle, eine weitere Kategorie, stehen für die Liebe zu Gott, also das Gottesgedenken und der Wille, als letzte Kategorie, bedeutet Dienst an Gott, also Gottesdienst. Alle zusammen führen zu einem guten Iman, dem Glauben und Taqwa, dem Gottesbewusstsein.
Die Seele oder der Geist soll sich nach den konservativen Predigern ganz auf das Jenseits richten, auf Gott. Aber was ist mit dem Diesseits? Sollen wir den Frohsinn, der Freude wie auch der Traurigkeit, Glück und Kummer, Entspannung und Anspannung, alles das, was das Leben auf der Erde eigentlich ausmacht, in die zweiten Reihe stellen? Nehmen wir aus der 38. Sure as-Sad die beiden Verse 71 und 72: „Denn siehe, dein Erhalter sagte zu den Engeln: ‚Siehe, Ich bin dabei, einen Menschen aus Ton zu erschaffen; und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von Meinem Geiste eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.‘“ Gott ehrte ihn damit vor den Engeln trotz ihrer Einwendungen. Er beschenkte Adam und damit der ganzen Menschheit mit dem Einhauchen Seines Geistes. Natürlich gebührt die Anbetung nur Gott allein, aber diese Niederwerfung der Engel vor Adam war ein Zeichen der Ehre und des Respekts.
Gott hat uns durch Adam von Seinem Geist eingehaucht, damit wir uns im Diesseits an Ihn erinnern und uns Seiner immer bewusst sind, also Gottesbewusstsein. Aber zugleich gab Er den Menschen die Freiheit, selbstständig zu denken und zu handeln, im Guten wie im Schlechten, die Freiheit, Seiner zu erinnern oder auch nicht.
Ich meine, damit stehen wir höher als die Engel, die nur das tun, wofür sie geschaffen wurden.
Aber noch etwas Wichtiges hat Gott uns mit dem Einhauchen der Seele mitgegeben, die Neugier, die den Menschen vorwärtstreibt und ihn erst zum Menschen werden ließ.


رَبَّنَا لَا تُزِغْ قُلُوبَنَا بَعْدَ إِذْ هَدَيْتَنَا وَهَبْ
لَنَا مِن لَّدُنكَ رَحْمَةً ۚ إِنَّكَ أَنتَ الْوَهَّابُ

 

Unser Herr, lass unsere Herzen sich nicht von Dir abkehren, nachdem Du uns rechtgeleitet hast. Und schenke uns Barmherzigkeit von Dir, denn Du bist ja wahrlich der unablässig Gebende. (al-`Imran:8)

Yannic Läderach

Dehnen und kräftigen

Dehnen und kräftigen

Autorin: Susanne Dawi

Yannic Läderach
Yannic Läderach
Regelmäßig findet in unserer Moschee Yoga statt. Die Daten stehen auf unserer Facebookseite, und wir laden herzlich dazu ein. Praktiziert wird eine Form, die vor allem auf angenehme Dehnungen fokussiert, und zu leichter Steigerung der Muskelkraft führt, wenn man regelmäßig teilnimmt. Die Stimme der Yogalehrerin reflektiert ihre innere Ausgeglichenheit. Sie ist sanft und freundlich. So freundlich, dass schon Sekunden nach Beginn der Yogastunde aller Stress von mir abfällt. Mehr noch, alle schlechten Gedanken, die ich im Laufe der letzten Tage in mir angesammelt habe, was ich so zu dieser und zu jener Person noch zu sagen hätte, wie ich mich noch zu diesem oder jenem Streit am Arbeitsplatz positionieren wollte, lösen sich auf in bedingungslosem Verständnis für die natürliche Andersartigkeit aller Menschen und deren individuelle Versuche, mit den Anforderungen des Lebens zurecht zu kommen.
Der schönste Moment sind für mich die fünfzehn Minuten Entspannung am Ende der 90 minütigen Einheit. Hier leiten wir unser Bewusstsein zu jedem einzelnen Teil unseres Körpers und werden aufgefordert, ihm unsere Liebe zu geben . „Nimm dein Handgelenk bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe. Nimm deinen Arm bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe… deine Augen, deine Stirn…. Bedanke dich bei ihnen, dass sie ihre Aufgaben so gut erfüllen… Bedanke dich bei deinem Körper, dass er heute morgen aufgestanden ist. Bedanke dich bei dir, dass du heute hergekommen bist.“ Ich, das ist meine Seele, bedanke mich bei meinem Körper. Gut, dass da im Raum kein Spiegel ist, der mir meinen Körper zeigt. Geflissentlich halte ich meine Augen geschlossen, um ganz bei mir selbst zu sein, und mich nicht von weltlichen Idealen ablenken zu lassen. Davon vielleicht, dass die Schülerin neben mir die Beine vorhin viel besser verschränken konnte als ich und der Schüler auf der anderen Seite überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Balance hatte. Wenn ich dann ganz mit mir im Einklang bin und Liebe für mich empfinde, fühle ich plötzlich mit einer noch viel größeren Intensität Liebe für andere. Sie manifestieren sich in meinem Inneren in Form von Bildern oder Gefühlen. Meinem Partner, der sich schon wieder nicht gemeldet hat, obwohl er genau weiß, dass ich das brauche, sagt meine innere Stimme: „Ich weiß, dass du an mich denkst, aber dich nicht gezwungen fühlen möchtest. Es ist alles gut, und ich bin ganz zufrieden. Ich hoffe es geht dir gut.“ Und meine ganze Liebe und Wärme wandert zu ihm, um ihn zu umhüllen. Meine Tochter, die sich manchmal in Negativspiralen und Weltverachtung verfängt, sehe ich plötzlich mit Bewunderung über Manuskripten sitzen und Gedanken nachvollziehen, die ich niemals verstehen könnte. Auch sie wird in meinem Inneren ganz von meiner Wärme und Liebe umhüllt. Und die Menschen, die weiter entfernt von mir sind, lass ich dort, wo sie sind – weiter entfernt. So können sie sein, wer oder wie sie sein wollen, ohne mir zu schaden.
Das Ganze funktioniert genau bis drei Minuten nach dem Ende der Yogastunde. Dann rolle ich die Matte ein und mit ihr all das Verständnis und die Güte, die gerade noch in meinem Herzen wohnten und so fest verankert schienen. Das Ego des Menschen ist wahrhaft ein starkes Stück!

Alle Religionen zielen darauf ab, das Ego auf einen gesellschaftsverträglichen Weg zu leiten. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Teile. Vergib! Spende, besuche, bedanke dich, bleib bescheiden…..
Unsere muslimischen Gebete haben einen ähnlichen Effekt, wie eine Yogastunde. Auch beim Beten werde ich ruhig und gütig. Beim Niederwerfen, wenn meine Stirn den Boden berührt, wird mein Herz liebevoll und freundlich. Wenn ich dann nach den wenigen Minuten des Gebets meinen Teppich einrolle, passiert leider häufig genau dasselbe wie beim Einrollen der Yogamatte – die Liebe, Güte und Freundlichkeit werden mit eingerollt. Aber hin und wieder hält das Ganze zum Glück auch etwas länger vor.

Als Muslime versuchen wir, das Gefühl des Gebets beizubehalten und unsere Güte auch weiterzugeben, wenn uns gerade nicht danach ist. Dabei bietet uns jeder Tag eine neue Möglichkeit der Übung – sowohl der Dehnung als auch der Entwicklung stärkerer Kraft. Langsam dehnen wir unsere Geduld aus und langsam erweitern wir unsere Kraft, das Gute in jedem Moment zu bemerken, zu lieben, und zu bewahren; zuerst nur ab und zu, dann länger, und kraftvoller, bis wir inschallah tatsächlich bessere Menschen werden, vielleicht von einem Gebet, bis zum nächsten. Sie folgen zum Glück recht schnell aufeinander. In diesem Sinne Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Sura Al Ikhlas

Sura Al Ikhlas

 

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Sag Er ist Allah der Einzige. Allah, von dem alle Schöpfung kommt und zu dem sich alle Schöpfung hinwendet. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Die Sure AlIkhlas ist sehr kurz und erscheint damit ganz am Ende des Korans. In der Zählung ist sie die 112. von 114 Suren insgesamt. Mit Sicherheit ist sie allein schon deshalb die am häufigsten im Gebet zitierte Sure nach Al Fatiha. Sie hat eine eher trockene Art, ihr Inhalt ist matter of fact – eine reine Beschreibung dessen, was Gott ist. Ihr Wert scheint wenig spirituell und sie leitet uns nicht gerade offensichtlich auf einen humaneren, ethisch höheren Pfad, auf den wir uns als Muslime zu begeben versuchen. Darüber hinaus scheint sie darauf zu pochen mal wieder den Propheten Issa nicht als Gottes Sohn zu klassifizieren, sondern als Menschen, um sich damit vom Christentum abzugrenzen. Gott zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich.

Der Überlieferung nach wurde sie dem Propheten Mohamed offenbart, als dieser von Andersgläubigen gebeten wurde, seinen Gott zu beschreiben. „Wie ist er denn, dein Gott?“, wollten sie wissen. Mohamed hätte viel sagen können – barmherzig, ewig vergebend, schöpfend, vom Menschen das Gute erwartend; er sieht alle Menschen als gleich an und gibt selbst den unterdrückten Sklaven und Frauen Freiheit und Recht, er ist nicht männlich und nicht weiblich, ein Gott der Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade. Was hätte der Prophet sagen sollen? Oder waren die Fragenden darauf aus, die Abstammungslinie zu erfahren? Nun, es gab keine.

Zitternd fiel der Prophet zu Boden und erhielt diese Offenbarung Allahs. Sag Allah ist der Einzige. …

Einige Zeit später sagte der Prophet eines Tages zu seinen Begleitern: „Kommt heute in die Moschee, ich werde für euch ein Drittel des Korans rezitieren“. Er begann mit Sure Al Ikhlas. Als er sie beendet hatte, wandte Mohamed der Moschee den Rücken zu und machte sich auf den Heimweg. Die verwirrten Sahaba fragten sich, ob ihr Prophet wohl vergesslich geworden war, oder ob sie sich verhört hatten. Hatte er nicht ein Drittel des Korans versprochen? Also gingen sie zu ihm und baten ihn um Aufklärung, worauf er antwortet: „Al Ikhlas ist ein Drittel des Korans“. Nach einer anderen Überlieferung bezieht sich dieses Drittel auf eine Art Belohnung – jedenfalls scheint Al Ikhlas eine ausgesprochen wichtige Sure zu sein.

Wenn man Allah liebt, ist sie schön. Allah ist einzigartig, und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Kind. Es ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. So ist auch mein Partner. Er ist einzigartig. Und keiner ist ihm gleich. Der Einzigartige, an den ich mich wende, wenn ich etwas brauche – alsamad, der mich genau kennt, da er mich geschaffen hat – und den ich liebe, weil er einzigartig ist; und der für mich einzigartig ist, weil ich ihn liebe.

Ihn? Schon das erste Wort nach „Sprich“ ist das männliche Personalpronomen huwa / er. Es evoziert in uns das Bild eines Wesens, das mit huwa beschrieben werden kann, und dies ist männlich. In Verbindung mit dem anderen Wesen, was als huwa beschrieben wird, dem Mann nämlich, entsteht in uns die Vorstellung einer männlichen Göttlichkeit. Wir sprechen von der Herrschaft Allahs. Schon das Wort Herrschaft verweist auf die Problematik. Herrschaft beinhaltet nicht nur „Herr“, sondern geht auch einher mit einer Hierarchie, und so ersinnen wir uns eine solche, die von islamischen Gelehrten jahrhundertelang unhinterfragt akzeptiert und tradiert wurde. In dieser Hierarchie ist Gott an oberster Stelle, darunter steht der Mann, und unter ihm befindet sich die Frau. Dabei wissen alle Gelehrten, dass Gott alle Menschen gleich geschaffen hat und dies gerade das Besondere am Islam ist; und dass wir außerdem keinen Mittler brauchen, um mit Gott zu kommunizieren – keine Engel, keine Propheten und schon gar nicht unsere Männer, so lieb und teuer sie uns auch sind. Die Beziehung Frau-Mann-Gott ist viel angemessener dargestellt als Dreieck, mit Mann und Frau auf einer Ebene und Gott als obere Spitze. So kann jeder mit jedem direkt kommunizieren und es gibt keinen Zwischenschritt zwischen der Frau und Gott.

Wörter evozieren Bilder in unserer Vorstellung, das ist reichlich erforscht; sie wirken sogar direkt auf unser Gehirn und verändern es. Das ständige Lesen und Hören von Gott als „Er“ bewirkt letztlich, dass wir ihn uns eher als Mann als als Frau vorstellen und „ihm“damit ein natürliches Geschlecht zuweisen, womit in unserer Vorstellung die stereotypischen männlichen Charaktereigenschaften einhergehen. Ein strafender Gott, der uns dann annimmt, wenn wir bereuen, der zwar barmherzig, aber vor allem streng ist, kommt uns daher vollkommen normal vor, denn so werden Männer in Hollywood, in der Werbung, und in unseren Geschichten beschrieben. Nur mit Mühe befreien wir uns von diesen Vorstellungen – vor allem durch Kopfarbeit. Wörter wirken aber schneller als der Verstand sie verarbeitet. Sie wirken direkter und beeinflussen uns subtil aber zuverlässig.

Neben den stereotypen männlichen Attributen gibt es stereotyp weibliche. Es fällt uns schwerer, sie auf Gott anzuwenden, obwohl dies genau so selbstverständlich sein sollte.

Heute möchte ich Sure Al Ikhlas daher einmal anders lesen, nämlich als weibliche Sure. Um dann zu erkennen, dass Allah weder männlich noch weiblich ist, sondern alle Elemente in sich vereint. Lesen wir also Al Ikhlas weiblich und elaborieren dabei ein bisschen die wenigen Worte, und machen sie zu einem Fließtext. Wir sind nicht aufgefordert, uns ein Bild von Gott zu machen. Doch Worte ändern Gefühle. Wer mag, kann die Augen schließen und einmal hören, wie sich unsere Gedanken anhören, wenn wir statt der stereotyp männlichen eine stereotyp weibliche Gottesvorstellung in uns aufrufen. Warum stereotyp? Weil es zur Aufrichtigkeit gehört, zuzugeben, dass wir automatisch und unbewusst, genau solche Eigenschaften mit Mann oder Frau verbinden. Aktivieren wir im zweiten Schritt unser Gehirn, wachsen wir natürlich, oder hoffentlich, über diese ersten stereotypen Annahmen hinaus.
Die folgende Übung ist keine Veränderung des Koran. Sie dient stattdessen dazu, uns darin zu trainieren, Allah in seinem-ihrem vollständigen Wesen zu kennen und zu lieben. Das weibliche braucht einfach ein bisschen mehr Übung.

Sure Al Ikhlas weiblich gelesen

Sprich: Sag sie ist die einzige. Das heißt sie ist die einzige und einheitliche Göttin. Es gibt keine andere Göttin und sie besteht nicht aus mehreren Anteilen, sondern ist ein einheitliches Wesen. Sie ist Alsamad, das heißt diejenige, von der alles abstammt und zu der wir uns zurückwenden, wenn wir etwas brauchen, die ewig Zuhörende, die jedes Wort vernimmt und es genau anhört. Sie ist die Göttin, die dir bis zum Ende zuhört und sich dabei mit lächelnder Wärme zu dir wendet, dich ermutigend, weiter zu reden, und alles zu sagen, was dir auf der Seele liegt. Sie hört deine Wörter und weiß zugleich, was in deinem Herzen ist, kennt jede Freude, jede Trauer, jeden Wunsch, jedes Spiel.
Versuchst du, ehrlich zu sein, so freut sie sich über deine Aufrichtigkeit. Gelingt es dir nicht, so gibt sie dir zaghafte Hinweise darauf, dass du noch etwas genauer denken und auf deine Gefühle achten solltest, um aufrichtig zu sein. Sie ist die, die dich im Gebet verneigen sieht, und du bist für sie wie eine Blume, die sich streckt und neigt, streckt und neigt. Sie liebt dich, diese Gottheit und liebt deine Weiblichkeit, auch, und gerade, wenn du ein Mann bist; liebt deine Freude, deine Liebe, deine Gnade, die Wärme, die du weitergibst. Wenn du beim Sujud dein Gesicht auf die Erde legst, legt sie ihre Wärme und Freundlichkeit über dich wie einen schützenden Mantel. Du kannst dir von ihr wünschen, dass sie diesen Mantel aus Wärme, Freundlichkeit und Zuversicht auch über andere legt. Nicht wünschen kannst du dir ihren Zorn. Verneige dich lange, damit sie dir auch ihre wundervollen, weisen und liebevollen Gedanken, Bilder und Gefühle schicken kann. Beeile dich nicht im Gebet, die Gottheit ist langsam in der Vergabe ihrer Huld. Gib dir Zeit zur genauen und intensiven Wahrnehmung.

Sie zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Diese ist die einzige Gottheit; die nicht geschaffen wurde. Sie war von Anfang an da, sie war der Anfang und zugleich gibt es keinen Anfang, denn Anfang ist etwas, vor dem nichts da war, doch das Nichts gibt es nicht. Sie war also da und hat alles geschaffen und begleitet. In diesem Allen der Schöpferin bist du jetzt in diesem Moment das Wichtigste, und zugleich ist jeder Andere das Wichtigste. Sie ist allein für dich da und zugleich allein für jeden Anderen. Sie ist Alrahman Alrahim. Rahme bedeutet Gebärmutter, doch ist dies figurativ. Sie ist keiner Gebärmutter entsprungen, und sie hat keine Gebärmutter, aus der etwas entspringen würde. Sie ist nicht die heilige Jungfrau Maria geworden, sondern sie hat in ihr etwas geschaffen. Sie ist nicht Amina bint Wahb, die den Propheten Mohamed geboren hat, sondern hat ihn in ihr geschaffen. Sie ist einzigartig, barmherzig, gnädig und liebend.

Sure Al Ikhlas ist immanent verbunden mit dem Gebet, in dem sie so häufig rezitiert wird. Doch ihr Titel passt nicht wirklich zu ihrem Inhalt. Al Ikhlas bedeutet „die Aufrichtigkeit“. Dies ist ein gedankliches Konzept, das der Ehrlichkeit nahekommt. Doch in der zitierten Sure scheint es eher um Integrität zu gehen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität, bilden ein enges Begriffsgeflecht. Im Englischen könnte man unterscheiden zwischen „honesty“ und „sincerity“. Während sich „honesty“ eher auf die Handlungsebene bezieht, geht es bei „sincerity“ darüber hinaus um eine innere Haltung, die auch eine Wertschätzung beinhaltet. Ein Arabisch-Englisches Wörterbuch beschreibt das Wort Ikhlas als „sincerity, purity or isolation“.

Zurück zum Deutschen: Um aufrichtig zu sein, müssen wir ehrlich sein. Ehrlichkeit bezieht sich auf konkrete Verhaltensweisen – Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sei ehrlich! Hast du den Hund gefüttert? Sag mal ehrlich. Die Aufrichtigkeit hingegen geht darüber hinaus und verlangt von uns eine vollkommene Offenheit. Aufrichtig sein heißt, sich aufzurichten, und vor allen Menschen, inklusive sich selbst, für das einzustehen, was man für wahr, richtig und gut hält; für unsere Werte klar einzustehen und sie aufrecht zu benennen. Aufrichtigkeit beinhaltet, uns nicht selbst zu belügen, sondern die Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Der aufrichtige Mensch ist integer, d.h. er hält sich auch dann an die von ihm proklamierten Werte, wenn keiner hinschaut oder zuhört. Der aufrechte Mensch kann von sich sagen, dass er/sie eins ist mit der Schöpfung, mit Gott und mit sich selbst. Jeder Mensch ist erschaffen, doch zugleich in seiner Art vollkommen einzigartig. Die Aufrichtigkeit ist eins der größten Ziele unserer Charakterbildung. Vor allem uns selbst gegenüber. Nur durch diese, erkennen und verstehen wir unsere eigenen Beweggründe und können für unsere Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Fragen wie: „Warum helfe ich dieser Person? Weil ich es gerne tue, oder weil ich einen Dank dafür erwarte?“ gehören zur Übung der Aufrichtigkeit, denn „Ikhlas“ kommt von „akh-la-sa“, und bedeutet, eine Handlung auszuführen mit der ausschließlichen Absicht, Gott zu erfreuen, ohne die Erwartung eines Dankes also oder einer Gegenleistung ( ohne „niya“). Durch aufrichtige Antworten an uns selbst kommen wir hinter unsere wahren Beweggründe und lernen der/die zu sein, der/die wir wirklich sind. Wir werden integre Personen, deren Werte nach innen reflektieren und nach außen strahlen. So leitet uns Sure Al Ikhlas eben doch auf einen humaneren und ethisch höheren Pfad. Sie ist in der Tat ein Drittel des Korans – Im Bund mit Allah und Mohamed sind wir der dritte Teil, ohne den es keinen Koran gäbe, denn nur wir sind der Teil der Schöpfung, der ihn braucht. Und nur durch unsere Aufrichtigkeit sind wir wir selbst, einzigartig.

Wir versammeln uns nun zum Freitagsgebet um uns zu verneigen und unsere Ehrerbietung zu erweisen. Dabei empfangen wir Kraft und Trost, Freude und Zuversicht, und inschallah auch Antworten auf die tiefsten und aufrichtigsten Fragen unserer Herzen.

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar