Sind wir Deutsche oder sind wir Muslime?


Freitagspredigt vom 05.10.2018

Eine Khutba zum Thema Grundgesetz und Koran

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“. So zitierte vor einigen Wochen eine Moscheebesucherin ein deutsches muslimisches Schulkind. Und in einem muslimischen Diskussionsforum sagte vor einigen Monaten eine der Rednerinnen: „Für mich steht der Koran über dem Grundgesetz.“ Anlässlich der Feierlichkeiten zum Dritten Oktober möchte ich diese Zitate als Ausgangspunkt meiner heutigen Khutba nehmen.

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“ (Zitat).

Ich stehe hier als Europäerin vor euch und vertrete gewissermaßen qua meiner Sozialisation die europäischen Werte. Ich bin also sozialisiert in europäischen Gesellschaftszusammenhängen, der letzten 50 Jahre.

Zugleich bin ich ganz offensichtlich wie recht viele Konvertiten und Konvertitinnen recht Orientaffin. Konvertitinnen zeigen sich gerne in unterschiedlichen Maßen arabisiert, laufen manchmal gar draußen auf der Straße in der Abaja herum, als wäre es ein selbstverständliches Kleidungsstück in Deutschland. Selbst aufgeklärte Musliminnen, die ganz deutsch aussehen und die sich von traditionellen, gar konservativen, stereotyp „arabischen“ Rollenbildern fernhalten, erkennt man häufig an kleinen orientalischen Accessoires – Ohrringen, gekauft in der Sonnenallee, selbstgefertigten orientalisch anmutenden Stickereien auf der Bluse und dergleichen. Irgend etwas mögen wir an der arabischen Welt. Wir suchen uns auch unsere Partner danach aus. Ein arabisch-muslimischer Partner kommt für so manche von uns eher in Frage als ein deutscher Mann. Die Ursachen liegen vielleicht eher im psycho-sozialen Bereich als in der Religion.

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TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT 2018

Nicht Tag der offenen Moscheen

Man mag darüber streiten, ob Deutschland einen solchen Nationalfeiertag braucht, man mag auch darüber streiten, ob das Datum gut gewählt ist, man mag zudem darüber streiten, ob es überhaupt etwas zum Feiern gibt. Aber, unstreitig ist, dass die allermeisten Menschen in Deutschland froh und glücklich darüber sind, dass die beiden Teile Deutschlands wiedervereint sind. Das darf ich im Namen der Ibn Rushd – Goethe Moschee ausdrücklich hervorheben. Wir sind glücklich, dass die Mauer zumindest physisch weg ist.

Lassen Sie uns gemeinsam die Wiedervereinigung feiern und uns der Tage der Wiedervereinigung erinnern.

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Musik im Islam – halal oder haram?

Freitagspredigt vom 28.09.2018

Vor Kurzem hat mich ein junger Muslim gefragt, ob Musik halal oder haram sei. Ich stutzte und war etwas verwundert, hatte ich irgendwie doch angenommen, dass wir eigentlich dieses Kapitel überwunden haben sollten. Dann dachte ich nach: Wenn der eine junge Bruder danach fragt und unsicher ist, dann gibt es sicherlich noch andere Geschwister, denen es nicht so richtig klar ist, wie sie zur Musik im Islam stehen sollen oder dürfen. Nur trauen sie sich nicht danach zu fragen. Schwappt da das Gedankengut des IS, der Al-Qaida oder der Taliban herüber? Meine Antwort ist hier:

Ich höre viel klassische Musik, z.B. Musik von J. S. Bach und danke dafür Allah. Die schöne Musik berührt meine Seele, sie beruhigt und führt meine Gedanken zu Gott, denn so etwas Schönes kann auch ein Bach nicht ohne Gottes Hilfe geschaffen haben. Meiner Ansicht nach hat Gott alles geschaffen, so auch die Musik und ihre Instrumente dazu, den Gesang – und die Musik von Bach. Sie verleiht der Seele Ausdruckskraft und lässt stärker empfinden. Und ich danke Gott für diese Musik.

Jeder Mensch empfindet Musik anders. Der eine braucht sie zum Berauschen, der andere findet durch sie zu Gott. Ist nicht auch eine schöne vorgetragene Rezitation Musik, die uns Gott nahebringt?

Seit vielen Jahrhunderten debattieren die Muslime über Musik. An keiner Stelle im Koran steht ein Verbotszeichen für das Singen, Tanzen, Musizieren oder einfach auch Hören von Musik. Dafür finden wir, dass der Prophet David im Koran mit seinen musikalischen Gottesgaben gepriesen wird.

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Interreligiöses Bündnis setzt gemeinsam Zeichen gegen Antisemitismus

Antisemitische Gewalttaten und Parolen nehmen in Deutschland zu, so auch gegen den jüdischen Restaurantbesitzer Yorai Feinberg in Berlin, der täglich antisemitischer Hetze ausgesetzt ist. Ein interreligiöses Bündnis, bestehend aus der Ibn Rushd – Goethe Moschee, der Evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten und dem Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, hat nun ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Gemeinsam versammelten sie sich im Restaurant Feinberg’s und zeigten sich solidarisch mit Yorai Feinberg und seinem Team.

„Antisemitismus ist Menschenfeindlichkeit und greift uns daher alle in einer offenen Gesellschaft an. Als Ibn Rushd – Goethe Moschee sind wir Teil der deutschen Gesellschaft und sehen uns ebenso in der gesellschaftlichen sowie historischen Verantwortung den Antisemitismus nicht nur zu ächten, sondern ihn konsequent zu bekämpfen.“ begründet Seyran Ates die Idee zur Veranstaltung.

Pfarrerin Rebekka Weinmann von der Evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten ergänzt: „Ich solidarisiere mich mit Yorai Feinberg, weil ich davon überzeugt bin, dass kein Mensch angegriffen werden sollte. Nicht wegen seiner Herkunft, seiner Religion und auch nicht aus anderen Gründen. Es war eine bereichernde Erfahrung, mit Menschen muslimischen, jüdischen und christlichen Glaubens zusammen am Tisch zu sitzen, zu essen, gute Gespräche zu führen und zu beten, denn das zeigt mir, dass die Kraft des Glaubens uns friedlich verbinden kann – und außerdem: was verbindet mehr als ein gemeinsames Essen mit guten Gesprächen.“

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Positionspapier „Scheidung im Islam“

Die Ibn Rushd-Goethe Moschee hat sich in einem ersten Positionspapier mit der Frage von Scheidungen im Islam auseinander gesetzt. Sehr häufig erreichen uns hierzu Anfragen und insbesondere das Scheidungsrecht für Frauen ist für viele Menschen dabei von großen Interesse.

Das Papier legt dar, wie unsere Gemeinde mit Scheidungen umgeht, auf welche Koranverse wir unsere Entscheidung basieren und welche Rolle der Moschee in einem Scheidungsprozess zukommt. 

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Taqwa

Freitagspredigt vom 14.09.2018

Was ist eigentlich deine Religion?

Eine Khutba zum Begriff Taqwa

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In meiner heutigen Khutba geht es um den Begriff Taqwa. Er wird im Koran 285 Mal erwähnt (z.B. in den Suren 92:5-6 und 49:13) und gilt als ein zentraler Begriff.

„Siehe, der gilt bei Gott als edelster von euch, der am meisten Taqwa hat“.

Sura Laila AlQadr

Wir sandten ihn herab in der Nacht des Schicksals. Und was lehrt dich wissen, was die Nacht des Schicksals ist? Die Nacht des Schicksals ist besser als 1000 Monate. In ihr steigen die Engel und der Geist herab nach dem Gebot ihres Herrn, jeder mit seinem Anliegen. Friede währt bis zum Beginn der Morgenröte.

Er, der Koran, ist der Beginn unserer Religion, des Islam.

„Was ist eigentlich deine Religion?“, fragte mich neulich eine Journalistin. „Bist du Muslimin?“

Mein „Ja“ kam zaghaft. Nicht etwa, weil ich nicht weiß, ob ich Muslimin bin, sondern vielmehr weil ich nicht weiß, was eine Religion ist. Was genau heißt Religion?

Ethymologisch kommt das Wort von Religio – laut Wikipedia versteht man darunter die „gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt, zu Lateinisch relegere – bedenken, achtgeben, Sorgfalt walten lassen in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften“.

Die sorgfältige Beachtung von Vorschriften… Als Muslime sind wir hier Experten. Wir finden in unserer Religion gefühlt eine Million Vorschriften, die es zu beachten gilt. Neben den zehn Geboten, die Moses auf dem Berg Sinai empfing, sind hier einige weitere, die mir spontan einfallen:

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Die Ibn Rushd – Goethe Moschee bei der Langen Nacht der Religionen

Die Ibn Rushd – Goethe Moschee nahm am 08. September 2018 an der „Langen Nacht der Religionen“ teil. Die „Lange Nacht der Religionen“ ist ein vom Berliner Forum der Religionen organisierter Abend, um die verschiedensten Religionen und Religionsgemeinschaften kennenzulernen. Die Religionsgemeinschaften öffnen jeweils ihre Türen und stehen für Fragen der BesucherInnen zur Verfügung. Wir haben uns als Moschee(gemeinde) vorgestellt und konnten dadurch unser islamisches Selbstverständnis vielen Menschen mitteilen. Es war uns eine besondere Freude, mit so vielen interessierten BesucherInnen ins Gespräch kommen zu dürfen und auch kontroverse Fragen zu diskutieren. Insgesamt betrachtet war der Abend ein voller Erfolg mit vielen BesucherInnen und wir freuen uns bereits darauf, bei der nächsten „Langen Nacht der Religionen“ wieder mitmachen zu können.

Frauenrechte im Islam

Freitagspredigt vom 07.09.2018

von Massud Reza

Dass ich heute die Predigt zu Frauenrechten im Islam halten darf, ist für mich ein sehr besonderes Anliegen, weil das für mich persönlich ein sehr wichtiges und dringendes Thema ist.

Der Islam ist nämlich eine Religion, die häufig mit Gewalt in Verbindung gebracht wird. Eine spezielle Gewalt soll dabei immer eine ganz bestimmte Gruppe treffen, nämlich die Frauen. Es wird gesagt: „Der Islam unterdrückt die Frau“, „der Islam ist frauenfeindlich“, „der Islam schließt Frauen aus dem öffentlichen Leben aus“ etc. Diese Positionen werden nicht nur formuliert, diese werden tatsächlich auch in Teilen der muslimischen Community gelebt. Das sieht man vor allem daran, wenn man den Koran wortwörtlich versteht. In der Sure 4, Vers 176 findet man: „Sie fragen dich um Belehrung. Sag: „Allah belehrt euch über den Erbanteil seitlicher Verwandtschaft. Wenn ein Mann umkommt, der keine Kinder hat, aber eine Schwester, dann steht ihr die Hälfte dessen zu, was er hinterlässt.“

Bestimmte Muslime lesen den Vers und sagen „Aha! Vers spricht gegen Frau, billigt Mann erbrechtliches Privileg zu und bekommt noch durch die heilige Offenbarung eine gewisse göttliche Legitimation.“ Geht man nach einer solchen Lesart vor, hätten wir gewaltige Probleme mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Mit dieser Lesart würde man aber zudem auch vieles mehr nicht zur Kenntnis nehmen, wie z.B. eine historisch-konkrete Situation, politische und gesellschaftliche Verhältnisse usw. Lässt man dies alles außer Acht, könnte man nicht verstehen, wieso dieser Vers überhaupt offenbart wurde. In welchem Zusammenhang ist dieser Vers im alten Wüstenarabien überhaupt entstanden?

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Die Zeit, in der wir das Mutigsein anderen überlassen haben, ist eindeutig vorbei

Zu den aktuellen Ereignissen in Chemnitz erklärt die Geschäftsführerin der Ibn Rushd-Goethe Moschee, Seyran Ateş:

Die Ereignisse in Chemnitz bewegen mich seit Tagen sehr. Es passiert genau das, wovor ich seit Jahren warne: Die Gesellschaft driftet auseinander. Es bilden sich verschiedenste Gruppen, die Fronten verhärten sich, die Emotionen kochen hoch. Uns fehlt eine gemeinsame Basis, ein gemeinsames Verständnis von Zusammenleben und Zugehörigkeit. Diese Tage zeigt sich sehr deutlich, was wir alle seit langer Zeit ahnen und vorhersagen: Unsere Wertegemeinschaft ist dabei, auseinander zu brechen.

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Koran und Thora- Eine Brücke der Verständigung zwischen beiden Religionen

Freitagspredigt vom 31.08.2018

Immer wieder kommt es zurzeit zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen explizit zwischen Muslimen und Juden. Es sind nicht nur die äußerlichen Zeichen eines Juden, z.B. die Kippa, sondern ebenfalls gedanklicher Hass auf sie, und gerade von Muslimen, die hier bei uns Zuflucht erhoffen. Leider bringen sie das unterschwellige Ablehnen des Judentums aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland. Es sind aber auch Deutsche, die lautstark ihre jüdischen Mitmenschen belästigen.

Der Grund ist wahrscheinlich die Auslegungen des Korans, eine Unkenntnis der Geschichte im Orient, eine uralte Abneigung, das von Generation zu Generationen weitergegeben wurde. Dabei haben Juden und Muslime außerordentlich viel gemeinsam. Jedoch meinen sie, dass ihre Religionen unähnlich seien und kaum Gemeinsamkeiten hätten. Durch die Medien wird dieses Dilemma noch gesteigert, sodass sie einander feind gegenüberstehen. Man fragt sich, wer hat davon Nutzen? Meistens diejenigen, die die Macht haben, die Zeitungen als Sensationsmacher.

Die einfachen Muslime und sicher auch Juden werden zu wenig aufgeklärt, dass sie viele religiöse Gemeinsamkeiten haben.

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