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Flickr.com user "el7bara" [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung

Wie verhält es sich mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Religionsfreiheit bei der männlichen Beschneidung?

 

Flickr.com user Religiöse Rituale dienen oftmals der eigenen, individuellen Frömmigkeit. Das Beten kann zur inneren Vervollkommnung beitragen, das Fasten zum Reinigen des Körpers oder die Almosenabgabe an bedürftigen Menschen kann ein (marginaler) Beitrag zum riesigen Begriff der „sozialer Gerechtigkeit“ darstellen. Hingegen ist der rituelle Vorgang der Beschneidung eine religiöse Tradition, welches man im Judentum und im Islam vorfindet, die in heutigen modernen Gesellschaften auf Problemen stoßen können. In Italien gab es vor wenigen Wochen einen tödlichen Fall, bei dem ein fünf Monate altes Baby aufgrund von Blutungen ums Leben kam. Die Beschneidung wurde ohne medizinische Kenntnisse eigenverantwortlich von den Eltern durchgeführt. Sie hatten religiöse Gründe das Kind zu beschneiden.

Solch ein furchtbarer Fall ist sicherlich nicht repräsentativ für die Beschneidung an sich, die wiederum unter Berücksichtigung medizinischer Fachkenntnisse professionell von geschulten Ärzten in Deutschland und Europa durchgeführt wird. Man kann neben religiösen Gründen auch medizinische bzw. gesundheitliche Gründe geltend machen, weshalb eine Beschneidung sinnvoll sein kann. Zu den religiösen Gründen hat der Journalist, Hüseyin Topel, vor wenigen Tagen in seinem Deutschlandfunk-Artikel mit Hilfe des Islamwissenschaftlers Matthias Rohe gezeigt, dass die religiös motivierte Beschneidung im Islam keine expliziten Hinweis im Koran habe, sondern die religiöse Praxis aus dem Judentum übernommen wurde. Weiterhin falle sie nicht unter die Rubrik der „Pflichten“ im islamischen Recht (anders als das Beten und Fasten), sondern gilt lediglich als „Empfehlung“. Trotz dieser Aspekte der Beschneidung tauchen vermehrt wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die sich eine kritische Öffentlichkeit stellen sollte. Immerhin geht es um mehrere Ebenen: Die Rechtliche (inwiefern stellt die Beschneidung eine Körperverletzung dar?), die Medizinische (inwieweit gibt es medizinisch vertretbare Vor – und Nachteile?), die Verfassung (Welchen Handlungsspielraum hat die Religionsfreiheit hier?), die Gesellschaftliche (Worin besteht im Beschneidungsfall die Problematik zwischen Kollektiv – und Individualrecht?). Wenn im Folgenden von „Beschneidung“ die Rede ist, ist damit ausschließlich die männliche Beschneidung gemeint.1 Selbstverständlich können aus Platzgründen nicht auf alle Ebenen eingegangen werden, jedoch werden einige wichtige Grundaspekte herausgegriffen.

Eine religiös begründete Beschneidung wird häufig als der Lackmustest schlechthin gesehen, um in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu werden. Beim Beschneidungsakt wird dem Jungen ein Stück seiner Vorhaut entfernt, der ihn in patriarchal-traditionell orientierten Familien zu einem „richtigen Mann“ oder einem „richtigen Muslim“ werden lässt. Dass man sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, ist an sich nichts Verwerfliches. Man kann aus religiösen Gründen beten, fasten und auch pilgern. Ja, warum sich denn nicht auch beschneiden lassen? Ich möchte einen bedeutsamen Einwand betonen, der für mich einen gewichtigen Wert hat. Eine religiös begründete Beschneidung durchzuführen, wird häufig von der Familie entschieden und nicht vom Kind selbst. Und da liegt für mich ein großes Problem. Ich halte es für völlig unangemessen, wenn ein irreversibler medizinischer Vorgang ausgeführt wird, um in die körperliche Unversehrtheit des Kindes einzugreifen. Diesen medizinischen Eingriff führt man im Regelfall dann durch, wenn Ärzte beispielsweise gesundheitliche Probleme beim Jungen feststellen. Dann ist es geradezu geboten (und für die Ärzte vielleicht sogar verpflichtend), dass das Kind aus gesundheitlichen Gründen beschnitten werden sollte.

Aber bis zu dieser Feststellung ist die Beschneidung aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt! Nun könnte man doch das Argument der Religionsfreiheit anwenden. Schließlich geht es um Religion: Man möchte mittels der Beschneidung in den Bund Gottes aufgenommen werden. Mit Sicherheit hat dieses Argument seine Berechtigung, jedoch wird häufig übersehen, dass die Religionsfreiheit, verstanden als Grund – und Menschenrecht, stets individuell zu betrachten ist, wie das bei allen Grund – und Menschenrechten eben der Fall ist. Sollte also irgendjemand auf sein Recht auf Religionsfreiheit pochen, ist es letztlich das Individuum oder konkreter in diesem Fall: Das Kind, was beschnitten werden soll! Hier sehen wir also einen spannenden Konflikt: Kollektivrecht (der Familie) oder Individualrecht (des Jungen)?

Da das Kind sich häufig noch im Säuglingsalter bzw. im Kindergarten – oder Grundschulalter bewegt, kann der Junge sich nicht auf sein Recht auf Religionsfreiheit berufen, weil ihm – qua junges Alter – schlichtweg das Reflexionsvermögen fehlt, um die Bedeutung einer solchen religiösen Praxis zu verstehen. Dies kann der Junge jedoch im späteren Verlauf seines Lebens besser verstehen, sobald er ein religionsmündiges Alter erreicht hat, bei der er nach reichlicher Überlegung zur Entscheidung kommt, ob er beschnitten werden möchte, oder nicht.

Um mehr geht es nicht! Ich bin nicht für ein absolutes Verbot der Beschneidung, sondern lediglich dafür, dass die Beschneidung zu einem späteren Zeitpunkt verschoben wird, sprich: Das Kind trifft seine Entscheidung später selbstbestimmt. Nun können religiöse Einwände vorgebracht werden, dass es doch geboten sei, die Beschneidung durchzuführen. In der islamischen Überlieferung findet man jedoch keinen Hinweis, in welchem Alter der Junge beschnitten werden sollte. Manche muslimischen Eltern lassen die Beschneidung ab dem 3., 4., 5., 6. oder manchmal sogar in späteren Lebensjahren ausführen. Da wir im Islam also eine solche Flexibilität haben, sollten wir sie doch positiv nutzen, um dies den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Trifft der Junge später, seine aus einem Reflexionsprozess hervorgegangene Entscheidung, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen selbst, sehe ich darin keine weiteren Probleme.

Medizinisch könnte nun vertreten werden, dass das Kind gesundheitliche Vorteile aus einer solchen Beschneidung davonträgt und daher das Ganze völlig unproblematisch sei. Nicht selten werden Institutionen zitiert, die die Vorteile auch tatsächlich belegen, wie das z.B. bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Fall ist. Die Beschneidung wird demnach in Gebieten empfohlen, wo es eine hohe HIV-Infektionsrate gibt, wie das bedauerlich in einigen afrikanischen Ländern der Fall sei. Eine Beschneidung könnte danach das Risiko einer solchen Infektion verringern, heißt es seitens der WHO. Jedoch wird nirgends von ihr gesagt, dass man ein Kind beschneiden lassen sollte! Die gesundheitlichen Vorteile kommen nämlich nicht dem Jungen zugute, sondern dem erwachsenen Mann. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, können die gesundheitlichen Vorzüge genossen werden.

Man könnte noch auf weiteren Punkten eingehen, wie die rechtliche Dimension, jedoch sollte das fürs Erste genügen. Sowohl der Islam als auch das Judentum müssten sich aus meiner Sicht nach vorne bewegen und bestimmte religiöse Traditionen über – oder weiterdenken. Die Beschneidung soll ja nicht (juristisch) abgeschafft, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, wo der Betroffene, also das Kind, die Entscheidung selbst für sich trifft. Der Bund mit Gott wird bestimmt keine Beeinträchtigung erfahren, da es doch um den Aspekt der Freiwilligkeit gehen sollte, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden. Diese Entscheidung sollte man daher niemandem vorenthalten!

1 Die menschenverachtende, weibliche Genitalbeschneidung, die es leider immer noch gibt und mal islamisch oder auch nichtislamisch begründet wird, ist völlig indiskutabel und soll hier nicht weiter thematisiert werden.

“Mein Körper – unversehrt und selbstbestimmt”

Veranstaltung zur Kampagne “Mein Körper – unversehrt und selbstbestimmt” (mit MOGiS e.V.)

 

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V., Projekt 100% Mensch gemeinnützige UG und MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene veranstalten im Rahmen ihrer gemeinsamen Kampagne “Mein Körper – unversehrt und selbstbestimmt” eine Podiumsdiskussion mit fachlich kompetenter Podiumsbesetzung zum Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit.

TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion sind:

  • Seyran Ateş, Gründerin Ibn Rushd-Goethe Moschee, Rechtsanwältin
  • Holger Edmaier, Geschäftsführer Projekt 100% MENSCH gUG
  • Lala Süsskind, Vorsitzende des jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. (JFDA)
  • Victor Schiering, Vorsitzender MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene
  • Katharina Vater, Referentin für Intergeschlechtlichkeit und trans*, InTra Beratung @Projekt 100% MENSCH
  • Charlotte Weil, Referentin zu weiblicher Genitalverstümmelung, TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V.

Moderation: Gislinde Nauy, M.A., Theater- und Religionswissenschaftlerin

Hintergrund:

Genitalverstümmelungen werden oft als „Beschneidungen“ verharmlost und unter dem Deckmantel kultureller oder religiöser Zugehörigkeiten bzw. mit fragwürdigen medizinischen Begründungen entschuldigt. Doch das Recht über die eigenen Genitalien selbst zu entscheiden, ist ein Menschenrecht!

Um den Dialog über dieses wichtige Thema des Kinderrechtes zu fördern, laden wir Sie herzlich zu unserer Podiumsdiskussion ein.

VeranstalterInnen:

TERRE DES FEMMES -Menschenrechte für die Frau e.V., Projekt 100% MENSCH gUG und MOGiS e.V.

Die allgemeingültigen Prinzipien im Koran – Taha’s historisches Verständnis vom Koran.

Die allgemeingültigen Prinzipien im Koran – Taha’s historisches Verständnis vom Koran.

Der Islamreformer Mahmud Muhammad Taha wurde in einer muslimischen Familie in der Stadt Rufaa, im östlichen Teil des Sudans geboren. Das genaue Geburtsdatum Tahas ist unbekannt, da er entweder im Jahre 1909 oder 1911 das Licht der Welt erblickte. Das Leben des Mahmud Muhammad Taha’s war von einer sehr turbulenten, politischen Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche geprägt, deren historische Aufarbeitung viel Platz in Anspruch nähme. Einige Aspekte dieser Zeit sollen aber kurz angeschnitten werden, um den Lebenslauf Taha’s besser verstehen zu können.

In seinem sozialen Umfeld gehörten viele Menschen Sufi-Bruderschaften an, was sich vermutlich wesentlich auf seine Religiosität niederschlug. Dennoch ist nicht bekannt, dass er oder seine Familie eine direkte Verbindung zu den Sufi-Bruderschaften hatten. An der Gordon Memorial College in Khartoum nahm er ein Studium des Ingenieurwesens auf, was er erfolgreich abschließen konnte und im Jahre 1936 begann als Wasserbauingenieur für eine sudanesische Eisenbahngesellschaft zu arbeiten. Während seines Studiums setzte er sich mit Philosophen wie Karl Marx und Hegel sowie mit der mathematischen Logik auseinander. Doch nicht nur mit diesen Denkern beschäftige sich Taha, auch bedeutende Denker im Islam, wie Al-Ghazali, al-Hallaq und Ibn Arabi regten sein Interesse an.

Nicht nur intellektuelles, sondern eben auch politisches Interesse zeigt sich bei Taha, da er mit der herrschenden Politik im Sudan unzufrieden war. In erster Linie strebte er die Unabhängigkeit des Sudans von Großbritannien an, wobei er auch eine „administrativ-politische Einheit mit Ägypten“ kategorisch ablehnte. Stattdessen ergriff er die Eigeninitiative mit Intellektuellen, um im Jahre 1945 eine neue Partei zu gründen: Die Republikanische Partei (al-Hizb al-Jumhuri). Trotz Konflikten mit der britischen Kolonialverwaltung trat diese Partei für die Umsetzung eines demokratischen Sozialismus ein, samt den Werten von individueller Freiheit sowie sozialer Gerechtigkeit. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass sich seine Partei gegen die Mädchenbeschneidung ausgesprochen hat.

Besonders Moscheen und Kaffeehäuser wurden aufgesucht, um für die politischen Ziele zu werben. Taha wurde daraufhin von den Briten verhaftet, jedoch nach weniger als zwei Monaten wieder entlassen. Doch er kam aufgrund seiner politischen Aktivitäten wieder ins Gefängnis und diesmal für zwei Jahre, wobei diese zwei Haftjahre prägend für sein Islamverständnis wurden. In dieser Zeit setzte er sich mit islamischen Geboten auseinander, wie dem Fasten und dem Beten. Diese beiden Praktiken, die wiederum zu den fünf Säulen des Islam gehören, erweiterten seinen Wissens – und Erkenntnisstand über die Religion selbst, da er in seiner innegehaltenen Spiritualität sich über viele Lebensfragen intensiver Gedanken machen konnte.

Nach seinem Gefängnisaufenthalt trat er Anfang der 1950er Jahre der Partei „Republikanische Brüder“ bei und wollte mittels einer Bruderschaft seine Gedanken zum Islam unter den Menschen bringen. Eine politische Zeit, geprägt von mehreren Konfrontationen religiöser sowie politischer Fraktionen, Putschversuchen und vielem mehr, hinderten Taha nicht daran, dass er sich für Reformen im Islam starkmachte. Der Islamwissenschaftler Thomas Eich sieht in dem Hauptwerk Taha’s „Die zweite Botschaft des Islams“ einen interessanten Gedanken zur Vereinbarkeit von Islam und Moderne, denn es geht darum den: „[…] gelebten Islam nicht primär als eine Observanz und Kontrolle äußerlich-formal korrekt durchgeführter Handlungen aufzufassen, sondern den Blick auf die Verinnerlichung der großen Prinzipien wie etwa Gleichheit und Freiheit zu lenken, die seiner Auffassung nach die Kernbotschaft des Koran darstellten.“ Schließlich, so Eich weiter, gehe es darum: „[…] ethische Fragen wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen.“ Und obwohl er auch Einflüsse von westlichen Denkern erfahren hat, wie die obig genannten, weist Eich dezidiert daraufhin: „[…] weder war Tahas rechtstheoretisches Konzept primär vom Westen inspiriert noch war es randständig (vgl. Eich 2010: S.104).“

Womit Taha auf theologischem Gebiet auf besonderer Weise hervorsticht, war seine Unterscheidung zwischen der koranischen Botschaft in der mekkanischen und in der medinensischen Phase. Da es in beiden Zeitperioden um verschiedene Gesellschaften geht, worauf der Koran auch divers reagiert, sollte man diesen wichtigen Umstand beachten, um überhaupt ein besseres Verständnis des heiligen Buches zu gewinnen. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur hat für die ZEIT geschrieben: „Seine Argumentation bezieht sich auf die Tatsache, dass der Koran Mohammed in zwei Phasen offenbart wurde, zuerst in Mekka und dann in Medina. Taha schreibt nur den in Mekka offenbarten Suren überzeitliche Bedeutung zu. Die Suren aus Medina hält er nur für das 7. Jahrhundert gültig, denn in Medina etablierte der Prophet eine Herrschaft. Während in Mekka Verse von friedfertiger Überredungskunst überwiegen, sind die medinensischen Verse voller Regeln und Gebote. Diese waren aber angepasst an die Lebenswirklichkeit des siebten Jahrhunderts, in dem es kein Gesetz gab, außer dem des Schwertes. Diese medinensischen Verse wurden aber zur Basis der Scharia, wie sie von den Rechtsgelehrten in den folgenden Jahrhunderten entwickelt wurde. Sie wird von Taha als die erste Botschaft des Islam bezeichnet. Doch aus seiner Sicht war die Erhebung der medinensischen Verse zur gesetzlichen Richtschnur nicht für immer gedacht. Gott wollte, dass die Verse aus mekkanischer Zeit, die das wahre Ideal der Religion repräsentieren, wiederbelebt werden, wenn die Menschheit ein Entwicklungsstadium erreicht hat, in dem sie in der Lage ist, sie zu akzeptieren und zu verwirklichen. Dann werde sie einen erneuerten Islam einführen, der auf Freiheit und Gleichheit basiert. Taha glaubte, dass die Zeit für die Muslime gekommen war, diese zweite Botschaft zu verwirklichen.“

Während einerseits Reformmuslimen Taha’s Ansichten als bahnbrechend betrachten, gab es andererseits jene, die ihm deswegen feindlich gesinnt waren. Dies hatte zur Folge, dass er 1985 in der sudanesischen Hauptstadt Khartum hingerichtet wurde. Einige Mitstreiter und Taha selbst bekamen die Möglichkeit, ihre aus der Sicht der Orthodoxen begangene Apostasie zu widerrufen und sich dadurch begnadigen lassen. Alle außer Taha nahmen dieses Angebot in Anspruch, weswegen Mahmud Muhammad Taha als Einziger gehängt wurde.

Das Wirken Taha’s hat bis heute einen großen Stellenwert. Im US-Bundesstaat Georgia befindet sich die Emory University an der der Jurist Abdullah an-Naim unterrichtet und in der geistigen Tradition Taha’s für Reformen im Islam eintritt. Seiner Ansicht nach gebe es im islamischen Recht die Fundierung für Islamreformen. Auch in westlichen Ländern gibt es viele Islamwissenschaftler, wie beispielsweise Mouhanad Khorchide, die ebenfalls in ihren Schriften den bedeutungsvollen Unterschied zwischen der mekkanischen und medinensischen Phase betonen. Häufig wird das als ein wichtiger Aspekt betrachtet, um Reformen im Islam anzustoßen. Man kann Mahmud Muhammad Taha’s Einfluss auf heutige Islamreformer als nicht zu unterschätzen werten, da sich viele auf ihn berufen und seine theoretischen Bausteine weiterentwickeln und vermitteln.

Quellen:

Eich, Thomas (2010): Von Wurzeln, Ästen und Bäumen – Kasuistik im sunnitisch-islamischen Recht. In: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften., S.95-106.

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13512035.html

https://www.ezw-berlin.de/html/15_8111.php

http://www.contextxxi.at/die-zweite-botschaft-des-islam.html

https://www.zeit.de/gesellschaft/2016-03/lesart-koran-islam-reform/komplettansicht

Karamah und die zeitgemäße Auslegung des islamischen Rechts

Karamah und die zeitgemäße Auslegung des islamischen Rechts

Wesley Tingey

Geschlechtergerechte Auslegungen der islamischen Überlieferungen ist und war immer wieder das Anliegen von Reformmuslimen in Vergangenheit und Gegenwart. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass immer mehr Menschen sich zu Gruppen zusammenschlossen, um die Geschlechterfrage im Islam anders auszulegen als es bisher üblich der Fall war, wozu man beispielsweise Musawah1 zählen kann. Jedoch gibt es längst weitere Organisationen, die sich mit der Frauenfrage im Islam auseinandersetzen. Eine davon ist Karamah: Muslim Women Lawyers for Human Rights

Die Gründung von Karamah lässt sich auf das Jahr 1993 datieren und geht maßgeblich auf die Islamwissenschaftlerin und Rechtsprofessorin Dr. Azizah Y. Al-Hibri zurück. Seit 1992 ist die Wissenschaftlerin Al-Hibri an der University of Richmond in Virginia tätig. Interessanterweise ist sie die erste muslimische Professorin in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ihre Arbeiten konzentrieren sich besonders auf die islamische Rechtswissenschaft, mit der sie sich seit Jahrzehnten auseinandergesetzt hat, sowie Demokratie und Humanismus aus einer islamischen Sichtweise. Den Weg zur Reform im Denken von muslimischen Frauen sah sie im islamischen Recht selbst. Vordergründig sollen muslimische Frauen über ihre Rechte im Islam aufgeklärt werden, mit denen sie sich wiederum potenzierend an Teilhabe in Zivilgesellschaft und Weltgemeinschaft beteiligen sollen.

Dass die von ihr gegründete Organisation den Namen Karamah trägt, ist übrigens kein Zufall, denn der Begriff Karamah lässt sich aus der arabischen Sprache als Würde ableiten und übersetzen. Konkreter findet sich dieser Name im Koran und zwar in der Sure 17:70, wo es heißt: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet – eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben.“ Al-Hibri erkennt in dieser koranischen Aussage, dass man auch die Übersetzung vertreten könne, dass den Kindern Adams Würde verliehen sei. Gegenüber konservativeren und fundamentalistischeren Interpretationen wäre dies ein Meilenstein, weil die menschliche Würde somit alle Geschlechter einschließt.

Um die Arbeit von Karamah noch akkurater zur Sprache zu bringen, können wir die Gründerin selbst zu Wort kommen lassen, die in einen ihrer wichtigsten Verlautbarungen „Islamic Worldview: Islamic Jurisprudence, An American Muslim Perspective, Vol. 1“ folgendes erklärt: „I established KARAMAH, a non-profit organization that teaches many Muslim women in the United States and around the world our understanding of Islam. We have organized seminars for policy makers, judges, lawyers, and the community.“

In dem angesprochenen Zitat wird darauf Wert gelegt, dass es sich bei Karamah um keine gewinnorientierte Organisation handelt, die einen lukrativen Handel mit dem Islam betreibt. Im Endeffekt geht es um die (Weiter-) Bildung vornehmlich von muslimischen Frauen, um ihnen profunde Kenntnisse über den Islam zu vermitteln. Als Vermittlungsformen werden Seminare von Karamah organisiert, um mit politischen Entscheidungsträgern, Anwälten, aber auch mit der muslimischen Community selbst in Kontakt zu kommen. Übrigens werden auch Seminare bei einer politischen Weltorganisation wie den Vereinten Nationen gehalten. Jene Seminare und Forschungsarbeiten richten ihren Fokus nicht nur auf die USA bzw. auf den westlichen Kontext, auch mit dem Nahen Osten wird sich auseinandergesetzt. Die Organisierung der Bildungsprogramme wird von einem kleinen Team aus Washington D.C. geleitet. Auf ihrer Homepage werden neben der angesprochenen Professorin Al-Hibri noch zig weitere Wissenschaftler/innen aufgelistet, die sich an unterschiedlichen Standorten der USA mit dem Islam und weiteren Religionen beschäftigen und sich der Karamah-Organisation zugehörig fühlen und mit ihr zusammenarbeiten.

Diese Sicht der Dinge wird zudem von Karamah selbst ausbuchstabiert, da sie als einen ihrer Ziele angibt: „KARAMAH’s mission is to educate both Muslims and non-Muslims about the just, gender equitable foundation of Islam. In particular, KARAMAH’s mission is to provide the community with Islamic jurisprudence that emphasizes gender equity and encourages intellectual growth, conflict resolution and leadership development. We couple this education with advocacy that promotes our core value: that dignity is God-given.“ Der Aspekt der „Dignity“ also der (Menschen-)Würde bildet den Dreh – und Angelpunkt ihrer Arbeit, da sie auf der gleichen Seite stehen haben: „We have given dignity to the children of Adam.
-The Noble Qur’an, 17:70.“

Eine Frage stellt sich aber auch: Wie ist der Zusammenhang zwischen Karamah und Anwälten zu erklären? Tatsächlich gibt es breite Bildungsprogramme, zuvorderst mit muslimischen Juristinnen organisiert, die sich um eine geschlechtergerechte Auslegung der islamischen Überlieferung bemühen. Ihre Schwerpunktarbeit liegt im islamischen Recht, was ein einschlägiger Bereich ihres juristischen Berufs ist. Karamah hat sich so stark etabliert, dass verschiedene gesellschaftlichen Akteure sie nach Beratung in puncto Islam befragen. Beispielsweise gehören dazu Akademiker oder auch Menschenrechtsorganisationen. Eindeutige Menschenrechtsverletzungen wie die weibliche Genitalbeschneidung lehnt Karamah ab und kämpft gegen eine solch islamische, begründete Praxis.

Karamah hat es in einem Zeitraum von ca. 25 Jahren fertiggebracht, sich einen Namen in der akademischen Welt zu machen und ihren Einfluss über die Grenzen der USA hinweg zur Geltung zu bringen. Für eine Interpretation der islamischen Quellen haben sich viele intellektuelle Muslime zusammengefunden, um ihren Ergebnissen andersdenkenden Muslimen mitzuteilen und einen offenen sowie friedlichen Dialog zu erzeugen. Dabei wird besonders der Fokus auf die Frauenfrage im Islam gelegt, bei der es unübersehbare Defizite gibt. Deshalb ist es äußerst begrüßenswert, dass hier in erster Linie muslimische Frauen wagen gegen diskriminierende Praktiken im Islam anzukämpfen. Nach jahrzehntelanger Arbeit darf man auch auf die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte gespannt bleiben, welche Ergebnisse Karamah hervorbringen wird.

Quellen:
https://scholarship.richmond.edu/cgi/viewcontent.cgi?referer=http://karamah.org/director/dr-azizah-al-hibri-esq-3-2&httpsredir=1&article=2093&context=law-faculty-publications

http://karamah.org/about/history

http://karamah.org/about/vision-and-mission

http://karamah.org/director/dr-azizah-al-hibri-esq-3-2

http://karamah.org/event/faith-response-to-increased-deportations-on-domestic-violence-survivors

https://mailchi.mp/a2cc860ab2dd/karamahfgmpaperdownload

http://karamah.org/about/vision-and-mission

Musik im Islam – halal oder haram?

Musik im Islam – halal oder haram?

Vor Kurzem hat mich ein junger Muslim gefragt, ob Musik halal oder haram sei. Ich stutzte und war etwas verwundert, hatte ich irgendwie doch angenommen, dass wir eigentlich dieses Kapitel überwunden haben sollten. Dann dachte ich nach: Wenn der eine junge Bruder danach fragt und unsicher ist, dann gibt es sicherlich noch andere Geschwister, denen es nicht so richtig klar ist, wie sie zur Musik im Islam stehen sollen oder dürfen. Nur trauen sie sich nicht danach zu fragen. Schwappt da das Gedankengut des IS, der Al-Qaida oder der Taliban herüber? Meine Antwort ist hier:

Ich höre viel klassische Musik, z.B. Musik von J. S. Bach und danke dafür Allah. Die schöne Musik berührt meine Seele, sie beruhigt und führt meine Gedanken zu Gott, denn so etwas Schönes kann auch ein Bach nicht ohne Gottes Hilfe geschaffen haben. Meiner Ansicht nach hat Gott alles geschaffen, so auch die Musik und ihre Instrumente dazu, den Gesang – und die Musik von Bach. Sie verleiht der Seele Ausdruckskraft und lässt stärker empfinden. Und ich danke Gott für diese Musik.

Jeder Mensch empfindet Musik anders. Der eine braucht sie zum Berauschen, der andere findet durch sie zu Gott. Ist nicht auch eine schöne vorgetragene Rezitation Musik, die uns Gott nahebringt?

Seit vielen Jahrhunderten debattieren die Muslime über Musik. An keiner Stelle im Koran steht ein Verbotszeichen für das Singen, Tanzen, Musizieren oder einfach auch Hören von Musik. Dafür finden wir, dass der Prophet David im Koran mit seinen musikalischen Gottesgaben gepriesen wird.

Ein Hadith besagt, dass der Prophet seine Frau Aisha gefragt hatte, ob sie aus Anlass einer Hochzeit Sänger mitgeschickt hätte. Er meinte: „Die Ansar sind Leute, die Gedichte mögen. Du hättest jemanden mitschicken sollen, der singt.“

Was ist eigentlich Musik? Der Begriff ‚Musik‘ bedeutet die Kunst, vokale und/oder instrumentale Klänge und Rhythmen so zu kombinieren, dass verschiedene Ausdrucksweisen zustande kommen. Es ist eine künstlerische Gestaltung von unterschiedlichen Höhen und Tiefen von Tönen und unterschiedlichen Längen dieser Töne.

Musik kann unsere Gefühle verändern und unsere Seele reinigen.

Eine Seele reinigen, das heißt auch eine Krankheit zu heilen. Wusstet ihr, dass die Musik auch dazu da ist, um Krankheiten zu heilen? „Der Körper ist krank, wenn die Seele geschwächt ist, und er ist beeinträchtigt, wenn sie beeinträchtigt ist. Daher geschieht die Heilung des Körpers durch die Heilung der Seele, indem ihre Kräfte wiederhergestellt und ihre Substanz in die rechte Ordnung gebracht wird, auch mit Hilfe von Klängen, die dies bewirken können und dafür geeignet sind.“ Das sagte der Arzt und Philosoph Al-Farabi (870-950). Dieser Satz bildet zugleich die Grundlage der altorientalischen Musiktherapie und der Medizin als Einheit in der mittelalterlichen Zeit. Abu Bakr Ar-Razi, gest. 925, wies ebenfalls auf den Einfluss von psychologischen Faktoren für die Gesundheit hin. Seine Patienten forderte er auf, Musik zu hören und auf die richtige Ernährung zu achten. Schwangeren Frauen half er mit Gesängen und allem was Freude bringt, ihre Schmerzen zu lindern. Diese besondere Art der Musik der Araber wird Maqam-Musik bezeichnet. In der Maqam-Musik werden psychische wie auch physische Wirkungsfelder zur Aktivierung gebracht. Makam, arabisch: Ort oder Rang, sind in der Musik Tongattungen, die durch die Definition der Töne und den bestimmten Melodieverlauf die jeweilige Tonart ergeben. Die Kunst in der Makam-Musik besteht in der Balancierung zwischen melodisch vorgegebenen Strukturen und persönlichen Einfallsreichtum. Ein Maqam besteht also aus einer Art Komposition, ein vorgegebenes Gerüst aus bestimmten Tönen und Improvisation, also ein Ausfüllen dieses Gerüstes mit Musik.

Es gibt keine musiklose Kultur, sie ist von Anfang an mit der Menschheit gewachsen. Sie war also schon immer da. Wir wissen, dass unsere frühen Vorfahren bei ihren Riten Musik genutzt haben. Das beweisen auch Ausgrabungsfunde wie z.B. eine 40 000 Jahre alte Flöte, was bedeutet, dass Musik, Töne und Rhythmen schon immer im Leben des Menschen eine Rolle gespielt haben muss.

Was ist nun islamische Musik? Ich sehe da keinen großen Unterschied, sie ist einfach da angesiedelt, wo muslimische Leben herrscht.

Wie schon erklärt, war seit dem 9. Jahrhundert die Musik in den muslimischen Ländern als reguläre medizinische Hilfsdisziplin anerkannt. So beschäftigten Krankenhäuser im islamischen Siedlungsbereich Harfen- und Lautenspieler, Trommler, eine Praxis, die von einer großen Zahl historischer Quellen belegt wird. Bis heute gilt für die Musiktherapie, die seelische und körperliche Natur des Menschen zu kräftigen.

Die großen Gelehrten im Islam, wie Abu Hanifah (707 – 767), Malik ibn Anas (710 – 795) Al Shafi’i (767 – 819), Al-Ghazali (1058-1111) haben sich dafür ausgesprochen, dass musikalische Aktivitäten niemals als haram zu verurteilen ist, wenn sie nicht im Zusammenhang mit gewissen unerwünschten Verhaltensweisen stehen. Ghazali meinte: Musik im Kontext ohne Laster und Unzucht ist erlaubt. Die innere Einstellung, die Absicht, der Inhalt und auch die Situation sind die Kriterien für das Hören von Musik und selbst musizieren. Darüber hat er sogar ein eigenes Kapitel in seinem Werk „Ihya ulum ad-din“ gewidmet. Dennoch gibt es viele Gelehrte, die die Ansicht vertreten, dass jede Art von Musik verboten sei.

Dennoch verbieten bis heute Fundamentalisten, wie die Wahhabiten und Salafisten Musik, bis auf den Nashid. Nashids sind gesanglich von Männern vorgetragene Lobpreisungen von Gott. Alles andere wäre vom Teufel, meinen sie. So sind heute unter den Salafisten sogenannte „Kampf-Naschids“ als Propaganda- und Kampflieder für den gewaltsamen Dschihad gegen die sogenannten Ungläubigen verbreitet.

Der wahhabitische Gelehrte Ibn Baz (gest. 1999) argumentierte: „Der Gesang ist laut der Mehrheit(!!!) der Leute des Wissens, verboten. Wenn der Gesang oder Musik wie z.B. von der Laute oder einem anderen Instrument begleitet wird, ist es haram und darüber gibt es Konsens (idjma).“ Für wen es Konsens ist und für wen nicht und wer die „Mehrheit der Leute…“ sind, das lässt Ibn Baz offen. Oder sie zitieren die Sure Luqman, Vers 6: „Unter den Menschen gibt es solche, die leeres Gerede vorziehen, um Menschen ohne Wissen von Allahs Weg hinweg in die Irre zu führen, und um damit Spott zu treiben. Solchen Menschen harrt eine schmähliche Strafe.“ Vor was ziehen diese Menschen ein leeres Gerede vor?? Wo ist da die Rede von Musik??

Und dennoch hatte sich die Musik schon im 9. Jahrhundert an den Höfen der Oberschicht in Syrien, Persien, in Andalusien etabliert. Wir wissen vom persischen Musiker Ziryâb (gest. 857), der vor dem Kalifen Harun ar-Raschid seine Gesänge mit der Laute vorgetragen hatte und später am Hof von Abd ar-Rahman II. in Córdoba tätig war, Musikschulen errichtete und die kulturelle Lebensweise der Andalusier auf einen glanzvollen Höhepunkt brachte. Von dort aus gelangte später die Musik durch Minnesänger an die Höfe der Franken und Engländer, mitsamt ihren neuen Instrumenten.

Was sagt der Koran dazu? In Sure Luqman, Vers19 steht: „Darum sei bescheiden in deinem Betragen und senke deine Stimme: denn, siehe, die scheußlichste aller Stimmen ist die Stimme der Esel.“ Man könnte also meinen: Die hässliche Stimme des Esels wird der schönen Singstimme des Menschen gegenübergestellt. Allah sagt in Sure Al-Muzzammil (Der Verhüllte),Vers 4: „… und rezitiere den Koran in langsamen, gemessenen rhythmischen Tönen.“ (Tartil)

Viele Gelehrte unterteilen die islamische Musik in 4 Gruppen:

An oberster Stelle der ersten Gruppe steht die Rezitation des Korans, auch wenn viele denken, die Rezitation gehöre nicht zur Musik. Der Prophet Muhammad sagte: „Schmückt den Koran mit euren Stimmen! Die schöne Stimme mehrt die Schönheit des Korans“. Ein anderer Hadith, von Bukhari und Muslim aufgezeichnet besagt: „Allah hört keinem Geschöpf mit solcher Andacht zu, wie Er einem Propheten mit schöner Stimme zuhört, wenn er den Koran laut in besinnlichem Gesang rezitiert.“ Eine andere Prophetenaussage lautet: „Jedes Ding hat eine Zierde, die Zierde des Korans ist die schöne Stimme.“ Der Theologe ibn Qayyim al-Dschawziya (1292-1350) stellte heraus, dass die ‚Verzierung‘ (arab. Tazyiin) die Verschönerung der Stimme (tahsin as-sawt) und die musikalische Verzückung (tatriib) den Effekt des Vortrages erhöhen, weil sie die Bedeutung erst wirklich in die Herzen der Hörer dringen lassen.

Navid Kermani schreibt heute in seinem Buch „Gott ist schön“ auf S. 403: Der Koranrezitator Sheikh Muhammad Salaama erklärte, er habe Musik gelernt „um des Korans willen“, damit er Besitz von den Herzen der Zuhörer ergreife. Ein früherer Muslim, Umar as- Suhrawardi (gest. 1168), sagte, dass eine Musik, ein Gedicht oder der Koran „im Herzen nichts erwachen lässt, was nicht schon dort ist“.

Jede Koranlesung ist ein einzigartiges, nicht wiederholbares Ereignis, in welchem dem Vortragenden Gestaltungsmöglichkeiten von der Melodieführung und dem situationsbedingten Wechsel des rhythmischen Musters, Wiederholung einzelner Textpassagen bis hin zur Wahl zwischen verschiedenen überlieferten Wortlauten überlassen sind. Das ist Musik, wenn ihr wollt: islamische Musik!

Zur gleichen Gruppe gehört auch der Adhan, wie auch Pilger- und Lobgesänge. Natürlich würde sich ein Muezzin oder ein Rezitator nicht als einen Musiker sehen. Der Gebetsruf wurde neben seiner praktischen Funktionalität dennoch zugleich ein Markenzeichen. Für die großen Sänger früherer Zeiten bot er eine tägliche Gelegenheit zum Üben. Der Adhan war bestimmten musikalischen Gesetzen unterworfen. Jeder Tag und auch Tageszeiten hatten ihre eigene Art der Gestaltung und Abfolge der Melodie, ein Maqam. Der Adhan war also fast eine Wissenschaft für sich.

Übrigens: auch der Koran als das Wort Gottes wird in einem Maqam rezitiert, weil dadurch auf die Notwendigkeit, eine ernste, besinnliche innere Stimmung zu erzeugen, verwiesen wird.

Eine 2. Gruppe beinhaltet verschiedene Arten von Musik für Feierlichkeiten, für Hochzeiten, religiöse Feierlichkeiten, also Hymnengesang, Reiselieder, Hirten- und Arbeitslieder und Militärmusik, die gespielt wurde, um in die Schlacht zu ziehen, Musik für öffentliche Feierlichkeiten, also mehr oder weniger Gebrauchsmusik.

As-Shafi’i vermerkt in seinem ‚Kitab al -Umm‘, dass der Prophet Muhammad dem Singen von Karawanenliedern und der gesungenen Poesie zugehört und zum Singen angeregt hat.

In der 3. Gruppe befindet sich die ganze Breite der Improvisationsmusik, wie die gerade im Orient so beliebten frei rhythmisierte Vokal- oder instrumentale Improvisationen. Die Improvisationen, das sind augenblickliche Einfälle, sind heute immer noch sehr beliebt. Hier hinein gehört auch meines Erachtens die klassische Musik, wie zum Beispiel meine Bach-Musik. Auch in ihnen sind Themen gesetzt, die immer wieder neu aufgegriffen werden.

In der letzten Gruppe befindet sich die sinnliche Musik, die im Zusammenhang mit verbotenen Dingen wie Konsum von Drogen oder zu viel Alkohol, Sinneslust, Prostitution etc. steht. Diese Art der Musik, wenn sie zu üblen Handlungen führt, gehört im Islam zu den verwerflichen Dingen.

Nun lasse ich jemanden zu Wort kommen lassen, den die meisten Muslime zu den bedeutendsten religiösen Denkern des Islam zählen. Auch wenn ich vieles von ihm nicht gut heiße, so möchte ich einige Meinungen dieser berühmten Persönlichkeit im Islam über die Stellung der Musik anführen: Al-Ghazali stellt in seinem umfassenden Kapitel über Musik in seinem bekannten Ihya ulum ad- din (Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften) fest, dass Instrumente mit schönem Klang nicht mehr verboten sein sollten als die Stimme der Nachtigall, außer jenen Instrumenten, die mit Wein, Homosexualität und anderen verbotenen Dingen in Verbindung gebracht werden können. So wie die Stimme der Nachtigall ihr angeboren wurde, also ein natürliches Instinkt ist, so ist die Stimme auch dem Menschen gegeben wie auch der Instinkt von klein auf zum Singen und Rhythmisieren. Al-Ghazali meint, dass Gott diese Instinkte im Menschen für einen guten Zweck geschaffen hat, ohne die der Mensch vielleicht sogar seine Aufgaben im Leben unmöglich erfüllen kann, denn diese Instinkte helfen ihm, seine Ziele zu erreichen. Er fasst zusammen, dass es deshalb unmöglich ist, dass die Sharia gegen diese Instinkte und Freuden ist. Stattdessen sollen sie, die Instinkte, diszipliniert, in richtige Bahnen gelenkt werden mit dem Ziel einer hohen Moral. Weiter schreibt Ghazali: „Der Allmächtige hat im Herzen der Menschen einen Funken geschaffen, der durch Musik und Harmonien zum Feuer erweckt werden kann und ihn in Ekstase geraten lässt! Diese Harmonien sind Echos einer höheren Welt der Schönheit, wir nennen sie die geistige Welt; sie erinnern den Menschen an seine Beziehung zu jener Welt und verursacht außerordentlich tiefe und fremde Gefühle, dass er unfähig ist, diese zu beschreiben. Der Effekt von Musik und Tanz ist viel tiefer als die oberflächlichen Bewegungen, die im Grunde einfach erscheinen, sie entfachen die Flamme einer Liebe, die im Herzen bereits als Funke glimmt, mag sie weltlich und sinnlich sein oder göttlich und spirituell.“ Al-Ghazali führt dazu einen Hadith von Aischa an, die berichtete: „An einem Tag des Id-Festes kamen einige Schwarze zu einer Aufführung in die Moschee. Der Prophet fragte mich: Möchtest du sie sehen? Ich antwortete: Ja. Dann hob er mich mit seiner gesegneten Hand hoch und ich schaute zu, dass er mich mehr als einmal fragte: Hast du noch nicht genug zugesehen?“

Al-Ghazali spricht von Situationen, in denen Musik sogar geboten (halal) ist. Da sind die Gesänge der Hadsch-Pilger, die das Haus Allahs in Mekka in ihrem Lied preisen. Ebenso spricht er von melancholischer Musik, die Trauer erregt über die Sünden und Fehler in seinem religiösen Leben erlaubt. Die Musik Davids, seine Psalmen, gehört zu dieser Art. (An-Nisa‘ 4:163: Und Wir haben David einen Zabur gegeben.)

Jedoch Klagelieder, die die Trauer um Tote vergrößern sind nicht erlaubt, denn der Koran betont: „Trauert nicht über das, was ihr verloren habt.“ Andererseits ist fröhliche Musik für Hochzeiten und Festtage, Beschneidungsfeiern erlaubt.

Wer dem widerspricht, was Ghazali über die Musik sagt, ist er wirklich kein guter Muslim? Die Grenze zwischen halal und haram setzt jeder Mensch anders. Der eine sagt: ein Gläschen Wein oder ein Bierchen ist für mich noch nicht haram. Erst wenn daraus ein Rausch, in Verbindung z.B. mit aufputschender Musik ein Vergehen entstehen könnte, weil der Mensch sich nicht mehr kontrollieren kann, dann wird das Alkoholtrinken haram. Aber wenn jemand über andere herrscht und jegliche Musik verbietet, dann scheint etwas nicht in Ordnung zu sein.

Fazit: Die Ausübung von islamischer Musik ist solange erlaubt, solange sie im Einklang mit der islamischen Ethik steht, sie darf nicht zu Übertreibungen und schlechtem Verhalten führen, die die Menschen dazu veranlassen, ihren Pflichten gegenüber Gott und den Menschen zu vernachlässigen.

Musik bedeutet auch Freude haben, Zufriedenheit und Glück. Zu Terror passt keine Freude, darum auch keine Musik! Aber der Islam sollte auch Freude übermitteln, Freude am Leben und Zufriedenheit und darum gehört im muslimischen Leben auch Musik dazu.

Zum Schluss noch den Kommentar vom Allerhöchsten, von Allah.

Im Koran Sure 5, Vers 4 steht: „Sie fragen dich, was ihnen erlaubt sei. Sprich: ‚Alle guten Dinge sind euch erlaubt.‘“

Kinderehen

Kinderehen

Ihr Lieben, liebe Gemeinde, liebe Gäste!

Vielen Dank, dass Ihr da seid und vielen Dank, dass wir zusammen sein können, um über bestimmte Dinge nachdenken und uns Fragen stellen können.

Wofür ist eine Predigt da? Diese Frage stelle ich mir eigentlich jedes Mal, wenn ich über einer Predigt sitze oder Predigten zuhöre. Warum gibt es Predigten überhaupt, warum ist es notwendig, dass wir predigen? Was ist eine gute Predigt, was ist eine schlechte Predigt und wer bewertet das und muss man das überhaupt bewerten? Muss sie lang sein, muss sie kurz sein? Muss sie überhaupt irgendwie sein, gibt es da überhaupt ein „Muss“? Ich denke ein „Muss“ sollte es nicht geben, sie darf mal kurz sein und mal lang sein, das haben wir in unserer Gemeinde auch schon praktiziert. Der eine sagt, das war viel zu kurz, es hätte länger sein könne, der andere sagt, nein wir schlafen ja fast ein, warum so lang? All das kennen wir. Ich versuche immer, die Mitte irgendwie zu finden und Euch Anregungen zu geben, überhaupt über ein Thema nachzudenken und natürlich, um meine eigene Meinung einfließen zu lassen. Aber auch um zu schauen, was gibt es denn überhaupt in der Welt für ein Thema, um das dann mit Euch – nicht jetzt während der Predigt – aber danach zu besprechen oder einfach mal darüber nachzudenken. Und das sind oft Dinge, die täglich im Alltag passieren und uns anregen oder uns eine Idee geben für die Predigten. Und so ist das oft bei mir, dass wenn ich mich vorbereite zu einem Thema, dann etwas passiert, wo ich denke, nein ich möchte eigentlich genau darüber sprechen. Und so ist es passiert, dass ich gestern eine Beratung gemacht habe im Süden von Berlin. Sechs deutsche Frauen und Männer, die in der Beratungstätigkeit für Flüchtlinge tätig sind haben mich gebeten, sie zum Thema „Kinderehe“ zu beraten. Sie haben einen Fall, der sie fassungslos macht und sie sind ganz verzweifelt. Es war noch ein syrischer Übersetzer dabei. Und so habe ich eine Gruppe von Menschen vorgefunden, die sehr verzweifelt waren. Sehr verzweifelt darüber:

Was machen wir in einer Situation? Ein Vater – uns so erzähle ich Euch die Geschichte, was passiert ist – hat seine Tochter mit 16 Jahren einem jungen Mann übergeben, der Mitte, Ende Zwanzig ist. Er hat den Behörden gegenüber und auch diesen Menschen, die ich gestern getroffen habe, erklärt: Ich erlaube meiner Tochter bei dem Mann Soundso zu leben. Die beiden sind verlobt und sie werden dann heiraten, wenn sie 18 Jahre alt ist.

Und alle wissen, dass dieser Mann nicht darauf warten wird, bis die 16-jährige volljährig wird, dass er sie „heiratet“. Und was heißt das „heiraten“ in diesem Zusammenhang? Die Ehe vollziehen, also Geschlechtsverkehr. Die Mitarbeiterinnen dieser Einrichtung waren verzweifelt und hatten mich auch schon in der Zeit, als es passierte angerufen: Was sollen wir tun, wir sind uns so sicher, dass dort ein Kind gerade missbraucht wird. Wir sind uns so sicher, dass da eine Ehe vollzogen wird nach islamischen Verständnis, die aber für uns nicht akzeptabel ist und sie waren bei Jugendamt und haben das alles so vorgetragen. Das Jugendamt als Behörde hat gesagt, sie können nichts unternehmen, wenn der Vater damit einverstanden ist. Und als man es irgendwie geschafft hat, das Mädchen zu sprechen, hat das Mädchen gesagt, dass sie alles freiwillig macht, meine Familie will das, es ist alles in Ordnung, mit geht es gut. Auch da greift das Jugendamt nicht ein. Was passiert mit dem Kind – alle sind verzweifelt – es ist ein Kind und es entwickelt sich weiter. Es heißt, sie sei jetzt schwanger und dann heißt es, nein, sie ist doch nicht schwanger. Wie sollen wir reagieren? Wenn wir das jetzt an die große Glocke hängen, wenn wir uns jetzt darum kümmern, könnte es sein, dass dieser junge Mann, der ja jetzt ihr „Ehemann“ ist, kommt und uns das Haus zusammenschlägt. Die Angst der Behörde oder die Angst dieser Menschen, die ich gestern getroffen habe ist, dass wenn sie reagieren, ein Mann kommt und das Büro dieser Beratungsstelle auseinandernimmt.

Wie können wir jetzt darauf reagieren war die Frage. Wir haben ein langes Gespräch geführt und dieses lange Gespräch und dieses Erlebnis hat mich dazu angeregt, hier zum Thema Ehe, Sexualität, Familie überhaupt ein wenig vorzutragen. Aus den Büchern, die ich habe, aber auch meine Gedanken, die ich dazu habe. Das ist ein Einzelfall sagen viele, das ist kein Einzelfall sage ich. Vielleicht will das Mädchen das auch, sagen einige und ich sage, wer weiß, ob sie überhaupt eine Möglichkeit hat, alleine zu sprechen. Sie ist ständig unter Kontrolle. Niemand schafft es, mit ihr alleine ein Gespräch zu führen. Vielleicht schafft sie es, in einigen Jahren aus dieser Situation heraus zu kommen. Und dann gibt es welche die meinen, naja, sie macht das alles vielleicht wirklich freiwillig und dann müssen wir das akzeptieren.

Sollen wir Kinderehen hier in Deutschland akzeptieren? Und müssen wir das akzeptieren und hinnehmen und dürfen wir das nicht kritisieren, weil das im Islam so ist? Es wird ganz oft damit verteidigt: Es ist so im Islam, es ist bei uns so.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht seit gestern und ich mache mir diese Gedanken natürlich seit 30 Jahren und immer wieder kommen wir zu dem Punkt, dass es um das Thema Sexualität geht. Im Buch der „Weisungen für Frauen“ von Abu l-Faradj Ibn al-Djauzi habe ich ein Kapitel herausgesucht, was ich vorlesen möchte. Jetzt kann jeder sagen, ach Mindermeinung existiert nicht. Aber wir müssen uns damit auseinandersetzten, dass diese Dinge in Büchern geschrieben stehen und verbreitet werden. Mein Argument, warum ich Euch das vorlese, ist nicht, dass ich das vertrete, sondern ich möchte Euch – und dafür denke ich, ist eine Predigt geeignet – ich möchte Euch etwas vortragen, was in der Welt kursiert über unseren Glauben, den Islam, über die Rolle der Frau, des Mannes und der Familie.

In Kapitel 6 heißt es hier: „Von der Beschneidung der Frau“.

Warum fange ich mit diesem groben Thema an? Weil ganz oft gesagt wird: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Aber wenn wir das Büchlein „Weisungen für Frauen“ haben, herausgegeben vom Verlag der Weltreligionen hier in Deutschland und wenn das übersetzt wurde, dann existiert doch sogar etwas Schriftliches darüber, dass es im Islam Beschneidungen für Frauen gibt. Nun, diese Diskussion müssen wir hier nicht weiter ausführen. Ich will Euch das nur vorlesen und nachher aus anderen Büchern noch weiter gehen:

Die Beschneidung ist Pflicht bei Mann und Frau. Über die Sitte der Beschneidung ist überliefert: In Medina gab es eine Frau, die beschnitt. Der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, sprach zu ihr:

“Beschneide nicht viel. Das ist für den Vorteil der Frau und ist für den Mann anziehend.“ Zitatende.

Es wird der Prophet hier zitiert! Es wird hier gesagt, dass ist ein Hadith, es wird gesagt, es ist vorgekommen, es ist passiert. Deshalb müssen wir uns darüber Gedanken machen.

In einem anderen Hadith heißt es:

“Media, wenn Du beschneidest, beschneide nur wenig. So wie Du auch nur wenig Parfüm aufträgst. Es macht sie angesehener und ist genussvoller für den Ehemann.

Zitatende.

Abu l-Faradj Ibn al-Djauzi sagte, dass der Grund, warum die Frauen ursprünglich beschnitten wurden, nicht darin lag, die Schönheit zu vergrößern ohne das Begehren zu schwächen, sondern allein der war, ihre Sittsamkeit zu erhöhen. Sittsamkeit ist ein Stichwort, was immer wieder Thema ist. Der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke im Heil, meinte mit seiner Rede: Beschneide nicht viel. „Das man beim Geschlecht der Frau nur so viel abschneidet, dass es ihr zu einem Grad der Mäßigung verhelfe. Denn wenn die Begierde gänzlich abnimmt, versiegt auch der Genuss. Solches aber führt zur Verminderung der Liebe zwischen den Eheleuten, die bekanntermaßen eine Fessel ist, die von Unzucht abhält.“

Der Prophet soll also gesagt haben: Bitte nicht zu viel wegschneiden, sondern nur ein bisschen, denn sonst würde die Frau nicht genießen können.

Das heißt, der Prophet sagt im Grunde genommen, die Frau soll auch genießen und deshalb bitte nicht zu viel wegnehmen, denn die Liebe, der Genuss, das fesselt ja die beiden an einander.

„Einige der ehrbaren Leute pflegten über die Beschneidung zu sagen: Beschneide nur das, was sichtbar ist. Die meisten Sittsamen sind beschnitten. Die Unzucht des Mannes und sein Verlangen zielen mehr auf indische und byzantinischen Frauen, da deren Begehren nach Männern heftiger ist. Dafür kann es keine andere Erklärung geben, als die, dass sie einen Überschuss der Haut an der Klitoris besitzen.“

Solche Sätze sind ernsthaft erst vor ein paar Monaten im türkischen Fernsehen gelaufen! Es ist nicht so, dass ich Euch hier etwas vortrage, was aus einem Schriftstück ist, das aus einem Jahrhundert kommt, auf dass wir uns nicht mehr beziehen müssen, sondern es gibt Menschen, die sich genau das herausnehmen und das im Fernsehen oder Moscheen verkünden.

„Meistens bewegt Frauen zum lesbischen Liebesspiel das Aneinander reiben der Stellen, die zur Beschneidung bestimmt sind. Weil sie dort eine herrliche Lust empfinden. Immer dann, wenn diese Stelle bei einer Frau reichlicher ausgeprägt ist, wird jener Akt genussvoller. Deswegen positionieren die geschicktesten Männer ihren Penis so, dass sie damit den Ort der Beschneidung – die Klitoris – kraftvoll berühren können, denn dort vereinen sich die Begierden.

Der Beweis, dass die Beschneidung eine Notwendigkeit ist, liegt in der Verletzung, die dadurch entsteht und in der Entblößung der Scham. Wäre es nämlich keine Notwendigkeit, würde es keinen Spielraum dafür geben.“

Die Logik erschließt sich mir nicht, aber anderen offensichtlich.

Und was im am Ende dieser Geschichte, die ich einleitend erzählt habe, passiert? Meine Überlegungen dazu sind: Da ist ein junger Mann, der sollte heiraten, er hat Bedürfnisse nach Sexualität und bevor er Unzucht begeht – und das wird an vielen Stellen auch immer gesagt – führt man ihm lieber eine Frau zu, so dass er seine Sexualität leben kann. Denn am Ende geht es darum, dass er nicht Unzucht begeht. Und wenn man von dieser Idee ausgeht – und von dieser Idee gehen viele Familien leider aus – führt man eben dem Mann eine junge Frau zu, die sich nicht wehren kann.

Und damit wären wir bei dem Thema Zwangsverheiratung und Zwangsehen.

Ist das erlaubt, ist das genehmigt? Nein, selbstverständlich nicht! Dennoch wird sehr viel und sehr gerne Bezug genommen auf die Gebote zum Heiraten und über den Vorzug der Ehe. Wie auch in dieser Überlieferung:“Wir waren jungen Männer und hatten nichts, als wir mit dem Gesandten Gottes – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – zusammen waren. Da sprach er:“ Ihr jungen Männer, wer es von euch vermag, ein Heim zu bereiten, der soll heiraten. Denn das lässt den verlangenden Blick versiegen und bewahrt das Schlecht vor Übel. Wer das nicht kann, soll fasten. Denn das Fasten hält sein Begehren im Zaum“.

Im Kapitel 63 – und damit komme ich gleich langsam zum Ende – geht es um das Gebot „Ein Mädchen zu verheiraten, wenn es volljährig ist“. Überliefert ist: „Es gibt drei Dinge, die du auf keinen Fall aufschieben darfst: Das Gebet, wenn die Zeit dafür gekommen ist, das Begräbnis, sobald es vorbereitet ist und die ehelose Frau zu verheiraten, wenn du einen geeigneten Mann für sie gefunden hast“. Der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, sagte: „Wer erkennt, dass sein Kind heiratsfähig ist und die Möglichkeit hat, es zu verheiraten, tut es dann aber nicht und es geschieht etwas deswegen, so liegt die Sünde bei beiden.“

Ich erspare Euch den Rest, aber wenn wir über diese Themen diskutieren, dann deshalb, weil es die Praxis ist und die Praxis ist es deshalb, weil es Leute gibt, die diese Praxis ausüben, weil es diese Schriften dazu gibt. Und nicht, weil sie sich das eigens ausgedacht haben! Es gibt Menschen, die sich darauf berufen und meiner Ansicht nach sollte es unsere Aufgabe sein, das Narrativ der Erzählungen zu erkennen beziehungsweise wir müssen wissen, dass es das gibt, damit wir auch daran arbeiten können, etwas daran zu verändern. Das machen wir hier in unserer Moschee, was nicht bedeutet, dass wir am Ende die besseren Menschen sind. Ich will mich hier nicht als arrogant hinstellen, aber an dieser Stelle möchte ich es doch sagen: Ich finde es nicht richtig, wenn Kinder verheiratet werden und ich finde es falsch, wenn wir nicht dagegen aufbegehren. Ich finde es falsch, wenn man sich aus Angst vor der Gewalt von irgendwelchen Männern zurückhält. Denn am Ende sind das – und wenn es nur Einzelfälle sind – Menschenrechte, die da verletzt werden! Jede einzelne Frau, jedes einzelne Kind ist es wert, dass wir uns zu Wehr setzten.

In vielen Gesprächen mit Journalisten höre ich: „Wie viele sind es denn überhaupt? Es gibt doch so wenig Kinderehen, da muss man doch nicht so viel Theater machen“.

Ich habe heute Morgen ein Interview gegeben und der Journalist aus Österreich sagte: „Im Kindergarten sind es doch nur ganz wenige Mädchen, die ein Kopftuch tragen.“ Was heißt denn „ganz wenige“? Jedes einzelne Kind ist es doch wert, dass ich dagegen aufbegehre, dass ich protestiere. Warum muss es erst eine Vielzahl sein von Hunderttausenden, ab welcher Zahl gelten die Menschenrechte? Und ab welcher Zahl gilt die Liebe und Barmherzigkeit? Ab welcher Zahl setzten wir uns für Menschen ein und wenn der Begriff von Ehe, das Heiraten, wenn all das von Überlieferungen bestimmt wird, dann finde ich, ist es unsere Aufgabe, dagegen zu halten. Wir finden hier Sätze wie: “Die Ehe ist eine Sklaverei und eine Knechtschaft. Und darum soll genau geschaut werden, wer wen verheiratet. Über die Vorzüge des Heiratens sind die Meinungen der Gelehrten geteilt. Die einen übertreiben so sehr, dass sie meinen, heiraten sei besser, als sich ausschließlich den Dienste Gottes zu widmen. Andere erkennen zwar dessen Vorzüge an, meinen aber, der ausschließliche Dienst Gottes sei das bessere, vorausgesetzt, dass der Geschlechtstrieb nicht so stark ist, dass er das seelische Gleichgewicht stört und durchaus seine Befriedigung verlangt. Wieder andere behaupten, in den jetzigen Zeiten sei es besser, nicht zu heiraten. Während es früher umgekehrt war, als man beim Erwerb nicht so sehr auf der hut zu sein brauchte und die Frauen noch keinen so üblen Charakter hatten.“ Und ihr werdet in diesem gesamten Buch immer wieder finden, wie schlecht doch die Frauen eigentlich sind und dass sie gemäßigt werden müssen.

Selbstverständlich habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, was finde ich denn im Koran zum Thema Ehe. Wo finde ich eventuell den Hinweis, ob eine Jungfrau gefragt werden

darf oder nicht. Ich habe mich lange mit dem Thema Zwangsheirat beschäftigt, wie viele wissen. Und es ist sehr schwierig, dort explizit etwas zu finden. Die Frage ist immer: Was ist die Norm, was ist die Sittlichkeit, was ist die Moral um die es geht. Und auch am Ende des Tages kommen wir nicht umhin, uns Gedanken darüber zu machen, was wollen Religionen, wenn sie sich zu den Themen Ehe, Sitte und Moral äußern? Was ist eigentlich der Sinn und Zweck dahinter? Und da kann man durchaus finden, dass Dinge, wie das Anregen zur Heirat doch auch ihr Positives hatte. Wenn ich da genau ins 7. Und 8. Jahrhundert gehe und mir die Vorschriften und Formulieren anschaue, weil ich mir Gedanken mache, was war denn in dieser Zeit, wie war die Gesellschaft. Dann kommt man dazu, das bestimmte Dinge, die wir aus unserer heutigen Sicht als sehr frauenfeindlich oder menschenverachtend betrachten, vielleicht gar nicht so sind und so gedacht waren. Auch das Drängen in die Ehe. Als Familienrechtsanwältin weiß ich, dass die Idee der Verheiratung auch etwas mit der Idee der Verantwortung hatte. Dass nämlich die Frauen nicht einfach nur benutzt wurden, sondern dass die Männer Verantwortung tragen und deshalb eher die Ehe befürwortet wurde. Dass es dann aber im „Buch der Ehe“ von al Ghazali in die andere Richtung beschrieben wurde, das ist sehr viel später, im 12. Jahrhundert passiert. Deshalb wünsche ich mir – ich kann Euch nicht dazu drängen, aber deshalb wünsche ich mir, dass Ihr Euch das genauer anschaut, in welchem Jahrhundert hat al Ghazali geschrieben und wie waren die Verhältnisse vorher. Die Überlegungen waren, dass die Eheschließung für die Frauen ein Schutz sein soll, dass sie eben nicht einfach nur benutzt werden und mit ihren Kindern allein zurückgelassen werden, dass es den vielen alleinerziehenden Frauen ohne Versorgung, die es damals schon gab, nicht passieren soll. Dies war mit eine Überlegung. Und deshalb ist die Idee der Ehe nicht alles schlecht gewesen. Natürlich nicht. Im Koran heißt es dazu in Sure 2:223:

„Eure Frauen sind euer Acker. Geht zu eurem Acker, wenn ihr wünschen mögt, aber sorgt zuerst mit etwas für eure Seelen und bleibt euch Gottes bewusst und wisst, dass euch bestimmt ist, ihm zu begegnen und gebt frohe Kunde jenen, die glauben.“

In der Fußnote heißt es zu der Stelle „Aber sorgt zuerst für eure Seelen vor“: „Mit anderen Worten, eine spirituelle Beziehung zwischen Mann und Frau wird als die unverzichtbare Grundlage der sexuellen Beziehung postuliert.“

Der Vers, der oft zitiert wird „Eure Frauen sind eure Acker“ um zu belegen, dass der Islam frauenfeindlich ist, dieser Vers ist nicht nur einfach so als frauenfeindlich zu betrachten. Wenn man sich den Text genau anschaut, geht es schon durchaus in dieser Stelle darum zu sagen: „Aber sorgt zuerst mit etwas für eure Seelen vor“. Ist das jetzt eine Beschönigung, wenn ich sage, so wie auch der Kommentator Mohamed Asad sagt, dass es eine Beschönigung, ein Freisprechen sei? Nein, ich denke, dass wir uns die Texte immer mystisch und im übertragenen Sinne und in Bildern vorstellen müssen und nicht wortwörtlich nehmen können, weil es eine andere Sprache war, als die Suren offenbart wurden. Mit anderen Worten, eine spirituelle Beziehung zwischen Mann und Frau wird als die unverzichtbare Grundlage der sexuellen Beziehung postuliert. Es ist schon so, dass auf die Ehefrauen Bezug genommen wird und das Miteinander eine wichtige Rolle spielt. Nichtsdestotrotz benutzen viele Menschen genau diese Stelle, um zu sagen: „Ich als Mann habe das Recht über dich als Frau zu entscheiden.“

Es gibt noch eine andere Stelle, die ich zitieren möchte. Sure 30 Vers 22:

„Und unter seinen Wundern ist dies: Er erschafft für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art, auf dass er ihnen zuneigen möget. Und er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen Euch hervor. Hierin sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken.“.

Und hier haben wir im Abschluss genau das, was wir hier oft genug besprechen: Es sind die Partnerwesen, nicht Mann und Frau. Vorher war das eine Ehefrau, die explizit bezeichnet wurde, aber man muss auch da – wie gesagt – tiefer hinschauen.

Unter dieser Sure: „Unter seinen Wundern“ die Liebesbeziehung als Wunder der Schöpfung zu sehen, finde ich, könnten wir so viel mehr subsumieren. Es ist die Schöpfung des Himmels und der Erde und die Vielfalt eurer Zungen und der Farben. Wir sind so vielfältig. Und so unterschiedlich. „Und er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen Euch hervor. Hierin sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken.“.

Toleranz im Islam

Toleranz im Islam

In unserer heutigen Gesellschaft ist Toleranz ein wichtiges Thema und wird z.B. diskutiert in Zusammenhang mit Religiosität, sexuellen Neigungen, kulturellen Unterschieden und prinzipiell Andersdenkenden. Als Begriff wird es erst seit der Zeit der Aufklärung verwendet.

Was ist also Toleranz? Toleranz – man kann auch Duldsamkeit sagen – ist allgemein ein Gewähren lassen anderer oder fremde Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.

Tolerant sein bedeutet duldsam, nachsichtig, großzügig sein. Dabei wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen, und der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder.

Intolerant bedeutet dementsprechend unduldsam, keine andere Meinung oder Weltanschauung als die eigene Meinung gelten lassend.

Als Steigerung der Toleranz gilt die Akzeptanz, die gutheißende, zustimmende Haltung gegenüber einer anderen Person und ihrem Verhalten oder gegenüber einer anderen Religion und das Annehmen als höchste Stufe oder das Ablehnen.

Es ist eine wunderbare Eigenschaft eines Menschen, tolerant zu sein. Ein toleranter Mensch besitzt Weisheit und benutzt sein Verständnis und seine Sinne mit offenen Augen.

Hören wir erst einmal, was die „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ der UNESCO von 1995 aussagt:

Artikel 1 sagt aus: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“

Tolle Worte!

Toleranz wird also gegenüber anderen Meinungen und Ideen, aber auch Menschen anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung und Religion, Ethnie, Weltanschauung, Herkunft, Abstammung, gegenüber Menschen jeder Nationalität und jeden Geschlechts, jeden Alters und jeder Behinderung ausgeführt. Kurz: Toleranz wird geübt, wer Teil der Mehrheit einer Gesellschaft oder einer Gruppierung ist und Toleranz genießt, der restliche Teil es nicht ist.

Aber ist das wirklich so einfach?

Es gibt unterschiedliche Bedeutungen von Toleranz. Aber es gibt einen Kern des Begriffs: Wir tolerieren nur Dinge, die andere tun oder sagen, wenn das, was sie sagen oder tun, uns stört, mehr noch: Wenn wir da etwas falsch dran finden.

Es geht um die gegenseitige Anerkennung in einem Konflikt. Das geht folgendermaßen vor sich: Erstens: Man hat ein Problem mit dem, was andere tun oder denken. Zweitens: Es gibt Gründe, die dafür sprechen, es dennoch zu tolerieren bis, drittens, eine Grenze der Toleranz erreicht ist oder das Problem wird angenommen, es löst sich als Problem auf.

Tolerieren kann ich eigentlich nur das, was da ist und mir missfällt, womit ich ein Problem habe. Also ist Toleranz eine Haltung, etwas zu dulden, was ich eigentlich falsch finde.

Das Gegenteil ist, wenn ich an dem, was andere tun oder denken, nichts auszusetzen habe und das gern als etwas Bereicherndes begrüße, oder wenn das, was die anderen tun, mir egal ist, dann ist das keine Toleranz, wird aber oft mit Toleranz verwechselt.

Unser Wissen voneinander alleine reicht nicht, um Toleranz zu üben. Wir müssen uns gegenseitig besser kennenlernen, um Vorurteile abzubauen und breite Brücken der Verständigung aufbauen. Das kann z.B. ein interreligiöser Dialog für das gegenseitige Verständnis sein. Aber dazu müssten die religiösen Führer der Religionsgemeinschaften diesen Dialog beginnen bzw. vorantreiben, um Vorbilder für die Gemeinden zu werden. Werden sie für diesen Dialog aktiv, setzt sich das bei den einfachen Mitgliedern, bei den einfachen Menschen weiter fort. Wie ich schon vorher betonte, ist Wissen, Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung von entscheidender Bedeutung. Wenn sich jemand nur leiten lässt ohne sich selbst zu bemühen, der macht nur das nach, was ihm vorgelebt oder gesagt wird. Und oft ist das kein Tolerieren des Anderen, der anderen Religion. Man bleibt zu starr auf das Vorgelebte seit Jahrhunderten. Dennoch, der Gedanke der Toleranz ist aber ein wesentlicher Bestandteil unserer Religion.

Toleranz ist jedoch die Vorbedingung einer friedlichen, theoretischen, Auseinandersetzung um konkurrierende Wahrheitsansprüche.

Wo kann Toleranz z. B. sein? Während die einen die Beschneidung tolerieren, halten andere sie für intolerant. Die einen sind für die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, andere sehen das wiederum als intolerant an, sie wollen für sie keine gleichen Rechte wie bei einer Ehe von Mann und Frau.

Anderes Beispiel: Die Meinung oder Handlung einer Freundin gefällt mir nicht, das heißt, sie stört mich, ich mag sie nicht, ich lehne sie sozusagen ab. Aber ich mag meine Freundin, also, sollte die Handlung nichts Schlimmes bewirken, kann ich sie tolerieren. Ich mag ihre Handlung nicht, aber ich toleriere sie. Komme ich damit klar, kann ich ihre Handlung, ihre Meinung akzeptieren, weil meine Freundin mir Gründe für ihre Handlung nennt. Es tritt also von meiner Seite eine Akzeptanz hinzu oder wenn das Negative überwiegt, die Zurückweisung als Grenze der Toleranz.

Im religiösen Sinn kann ich eine mir fremde Religion ablehnen, aber im Geiste des Friedens toleriere ich sie. Genauso ist es, wenn man sich auf Menschenrechte oder auf das Recht auf Religionsfreiheit beruft. Ich muss ja keine andere Religion annehmen, aber ich kann die Menschen, die an sie glauben tolerieren.

Die Toleranz kann demnach eine staatliche Haltung sein, die Minderheiten die Erlaubnis gibt, ihrem Glauben gemäß zu leben – und zwar in dem Rahmen, den die Erlaubnis gebende Seite allein festlegt. Alle drei Komponenten – Toleranz, Akzeptanz und Zurückweisung – sind in der Hand der Obrigkeit, und die Tolerierten sind als Bürger zweiter Klasse markiert und geduldet – und auf den Schutz durch den Gesetzgebenden angewiesen. Dies war die Toleranzvorstellung während der goldenen Jahrhunderte im Islam oder in Andalusien vor der Reconquista. Aber dennoch hatten z.B. die Wissenschaftler eine hohe Stellung, egal ob sie Juden, Christen oder Sabäer waren.

Die Gelehrten hatten sich damals öffentlich zu regelmäßigen Diskussionsrunden gestellt. Jeder hatte seine Meinung, seine Vorstellung zu wissenschaftlichen oder religiösen Themen vorgestellt, um darüber mit anderen Gelehrten oder mit dem Publikum zu diskutieren. Der nächste Redner stellte vielleicht seine ganz entgegengesetzte Meinung vor. Egal, wie hart sie stritten, am Ende gingen sie friedlich auseinander. Sie tolerierten die Meinung der anderen, ein Toleranzzeitalter.

So zumindest wünsche ich es auch für die heutigen Gemeinschaften, sich zusammenzusetzen, jeder Ansicht anzuhören, akzeptieren oder nur tolerieren. Es geht doch dabei um die heutige Menschheit und deren Zukunft, die nur im friedlichen Miteinander leben kann.

Zum Tolerieren gehören mindestens 2 Personen. Auch mein Gegenüber muss mich zumindest tolerieren. Toleranz und Akzeptanz kann man nur ausüben, wenn man ebenso toleriert und akzeptiert wird. Das vergisst man einfach zu oft. Mein Gegenüber findet mich ja genauso fremdartig, wie ich ihn.

Dabei ist tolerieren nicht gleich tolerieren. Viele Leute tolerieren z.B. den Flüchtling als leidgeprüfter Mensch, aber als Person, die dem Staat Geld kostet, wo bleibt da oft die Toleranz?

Toleranz ist meist dort, wo mindestens 2 Personen zusammen sind. Auch in unserer Moschee muss mindestens Toleranz herrschen, jeder muss seine Meinung, Vorstellung von einem islamischen Leben auf den Tisch bringen dürfen. Man kann darüber diskutieren und nachdenken und auch bei einer Akzeptanz sich einigen.

Es gibt hier in Deutschland eine Menge liberaler Religionswissenschaftler, aber ich habe einfach das Gefühl, jeder kämpft für sich allein, fühlt sich vielleicht sogar als der mit der „richtigsten“ Meinung. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich in ihren Büchern oder Schriften lese, wie sie sich gegenseitig herabwürdigen und auf ihre richtige Meinung oder auf ihre Auslegung bzw. Interpretation des Koran bestehen. Eigentlich wollen sie doch alle dasselbe: einen offenen, toleranten Islam. Vielmehr würde ich sie auf einer Plattform für einen liberalen Islam sehen, anstatt sich gegenseitige Vorwürfe oder einfach Nichtakzeptanz üben. Sie können gemeinsam, auch mit unterschiedlichen Meinungen, viel mehr bewirken, wenn sie eine gemeinsame Diskussionsform finden, an der man sich halten kann. Es ist gut so, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, es bereichert unser Leben. Nur so können wir liberal denken, stark sein gegenüber den orthodoxen Gemeinschaften und Religionsgelehrten.

Am Ende muss ich feststellen, dass ich nicht weiß, in wieweit meine Khutbas toleriert, akzeptiert und angenommen werden. Sie vertreten meine Meinung. Aber man kann darüber reden.