„Wir schufen Euch als Völker und Stämme, dass Ihr Euch kennenlernt“

Warum ich die Gründung der  liberalen Moschee-Gemeinde in Berlin unterstütze? von Akram Naasan

„Ihr Menschen! Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, dass ihr einander kennen lernt. (Quran, 49:13)“

Akram Naasan ist kurdisch stämmiger leitender Notarzt in Mecklenburg und Vorpommern. Seit vielen Jahren fördert und leitet er eine internationale Hilfsorganisation. Unlängst haben er und seine Kollegen eine mobile Klinik in die Gegend von Mossul entsandt, die unabhängig von ihrer Herkunft allen offen steht. Jetzt tritt er für die Gründung einer liberalen Moschee, der Ibn Rušd-Goethe-Moschee in Berlin ein. Seine Mitwirkung bei der liberalen Moschee half viele Skeptiker zu überzeugen. 


Eine Liberale Moschee in Berlin?

Der Name ist Programm, weil er die liberale Gesinnung Europas aus den vergangenen drei Jahrhunderten mit dem tradierten freien islamischen Gedankengut des Islams auch dieser Zeit verbindet. Die Ibn Rušd-Goethe-Moschee, so der Name der Institution ist mehr als ein
Fern-Östlicher-Divan, auch wenn die liberalen Träume aus allen Zeiten willkommen sind. Dieser Name zeigt wie beide Kulturen in einem westlichen Monotheismus verbunden sind, auch wenn das Zusammenwachsen schwierig ist. Dazu nachher mehr.

Die Lehre von 622 in Medina

Der oben angeführte Satz „Wir schufen Euch als Völker und Stämme, dass Ihr Euch kennenlernt“, fiel mir ganz bewusst auf, bei einem Treffen zum Thema „Demokratie und Islam“ in AMA (Diyarbakir (Kurdistan-Türkei). Hauptthema war die Charta von Medina. Am auch „Sahifatul-madina“ gennannten Abkommen in einer der heiligen arabischen Städte, dem Exil des Religionsgründers von 622 soll Mohammed persönlich mitgewirkt haben.

Von den damals etwa 10.000 Einwohnern, davon 4000 Tausend Juden, 1400 Muslime und 3000 Heiden und der Rest Äthiopier. Mit dieser Übereinkunft konnten wesentliche Interessen vereinigt und der Frieden der Stadt gesichert werden und zugleich die islamische Identität des neuen Glaubens gestärkt und im arabischen Raum gesichert werden. Es ist der Standort der ersten Moschee, an der Stelle des Hauses Mohammeds: arabisch (المسجد النبوي / al-masğid an-nabawī), Propheten-Moschee, der Kernpunkt der sogenannten Ummah, der Gemeinde des Propheten Mohammed. Üblich für diese und spätere Zeiten von Persien bis nach (Al-Andalus / الأندلس), den muslimischen Teilen der iberischen Halbinsel war diese Moschee Gemeindezentrum, Schule, Ratsplatz und Gericht.

Hier entstand die al-Umma al-islāmīya (الأمة الإسلامية), die islamische Gemeinde. Es wurde die Beziehung dieser Gemeinde zu Allah geregelt, der Muslime untereinander und die Beziehungen der Ummah zu anderen Religionen und religiösen Gruppe. Das Neue dabei war, die hier zum ersten Mal auf arabischem Boden von der Bildung einen verpflichteten und verantworteten nicht dynastischen, also letztlichen Gott und keinem Herrscher verpflichteten Nation geschaffen wurde.

Mit Blick auf diesen damals getroffenen Nichtangriffspakt zwischen den Religionen erhofften sich unsere Kongressteilnehmer in AMAD (Diyarbakir) Impulse für das aktuelle Verhältnis vor allem zwischen Kurden und Türken, aber auch Klarheit für einen Ausblick für ein Miteinander in Freiheit, Würde und Respekt. Dazu kamen Akademiker aus der Türkei, dem Irak, dem Iran und natürlich Deutschland.

„Wir schufen Euch als Völker und Stämme, dass Ihr Euch kennenlernt“. Mit dieser Eröffnungsformel begannen alle Beiträge, sie sollte genau dieses Anliegen wiedergeben. Nur so kann man die großen Themen auch angehen: Völkerverständigung, Gerechtigkeit und Unterdrückung  und die Unterdrückung der Frauen kann man nur so zur Sprache bringen und auch anderen verständlich machen, die andere Erfahrungen haben. Beeindruckt hatte mich ein Redner, der seine Kollegen fragte: „wer von Euch hat denn sein Erbrecht seiner Schwester gegeben?“ So sehen Diskussionen aus und dabei erlebte ich nicht zum ersten Male einen persischen Islam, einen arabischen, einen türkischen Islam, einen der Berber und natürlich meiner Kurdischen Landsleute.

 

Warum kein europäischer geprägter Islam?

Europa lebt und der Islam in Europa auch.

Der Unterschied

Ja es stimmt, in arabischen Ländern besteht noch immer eine Stammeskultur mit einer besonderen Selbstwahrnehmung. Für den Islam dort gilt „liebet die Araber, weil ich Araber bin“. Arabisch gilt als „Sprache der Himmelsbewohner“, weshalb der Koran nicht übersetzt werden darf. Das führt zu der absurden Situation, dass Menschen weltweit den Koran zwar auf Arabisch lesen und rezitieren, aber viele ihn nicht oder nur oberflächlich oder schlimmer als politisches Manifest verstehen oder wie wir gerade bei Erdogan erleben, als Machtinstrument seiner Türkisierung.

Da für Juden oder Christen der Koran selbst kein Grund war, die neue Religion anzunehmen, verstand sich der Islam von Anbeginn an als kämpfende Religion als Djihad und nun als Kampf.
Das hat viel a) mit den Umständen seiner Entstehung und der Verfolgung Mohammeds zu tun, b) mehr aber noch mit der aggressiven Stammeskultur, dem Nährboden des Islam und c) seiner später eingeübten Methode seiner Ausbreitung – immer noch gebunden an den frühmittelalterlichen Herrscherkult. So etwas gibt es auch in der Kirche als ecclesia militans, aber damit war immer etwas anderes gemeint, nämlich eine im Denken und Glauben streitbare Kirche

Der Koran beinhaltet Teile des Judentums und Teile des Christentums, aber nach sehr eigenen und wenig jüdischer oder christlicher Auslegung. Mit beiden Religionen und seiner Intention hat der Islam nach den Auslegungen der führenden Schulen in Saudi Arabien, im Iran und Ägypten und neuerdings der Türkei absolut nichts zu tun.

Der Islam kennt nach dieser Lesart ausschließlich zwei 2 Zustände.
a) (Dār al-Islām / دار الإسلام) Das Haus (des Islam) also Haus der Ordnung und des
b) (Dār al-Harb / دار الحرب) Das Haus (der Ungläubigen) also des Krieges
Diese Geisteshaltung führt unweigerlich dazu, dass es so keinen Frieden geben kann, allenfalls einen Waffenstillstand. Die muslimische Wirklichkeitserfahrunge über Jahrhunderte und die mündliche Überlieferung ohne kritischen Ansatz und die Permanenz der Aktualität der historischen Vergegenwärtigung und nicht weniger die strikte Unterstellung unter die Familienoberhäupter, die jungen Menschen keinen Platz lassen und Verantwortung nur, im Auftrage der Stammeshalter.
Das schafft, weil es nach innen nicht möglich ist, das zu kompensieren ein ganz erhebliches kriegerisches Expansionspotential seit 1.500 Jahren und ist bis heute islamischer Gruppenmythos.
(Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht – Terror im Aufstieg und Fall der Nationen, Berlin, 2006)
Dieser Teufelskreis kann und muss unterbrochen werden. Das werden wir tun und ein Zeichen setzen.

 Das ungute Erbe

Diese Haltung wurde auch von den Türken übernommen und über die Allianzen mit Deutschland und den Folgen des französischen und britischen Kolonialismus sind mit dem Menschen auch diese Ideenbilder nach Europa gekommen und hier fast ohne Abstriche heimisch geworden.
Die Osmanen erweiterten ihr Reich und ihren Einfluss mittels Waffengewalt. Bis heute gilt in der Türkei: „Wer türkisch spricht kommt im Himmel,“ alle anderen dürfen nicht im Himmel. Als ein frommer Betender traurig und mit Tränen im Auge gefragt wurde:
„Was bedrückt dich?“
Antwortet der Kurde: „Ich mache mir Sorgen, dass jemand, der das Türkische nicht beherrscht, nicht in Paradies kommt.“
„Warum, du kannst doch türkisch, da würde ich mir kein Sorgen machen.“
„Richtig, Herr, aber ich mach mir nicht um meine Person Sorgen, sondern um den Propheten Mohammed. Er sprach kein Türkisch!“
„Türke = Moslem“ und damit auch „Moslem=Türke“, d.h. auch im türkisch geprägten Islam vermischen sich Religion und Nationalismus. Und gern würden sich die Türken am liebsten als nordwestliche islamische Schutzmacht sehen. Stattdessen haben sie immer die ewige dritte Rolle im Islam nun nach dem Untergang des Osmanischen Reiches hinter Saudi Arabien, dem whahabitisch nahen, aber ungeliebten ewigen 1st player in der Sunna und hinter Persiens Shiismus.

Das Problem davon zieht sich bis heute nach Deutschland: schon in den 1970er Jahren beging die deutsche Regierung den Fehler, die religiöse Bildung und die Seelsorge für ihre türkischstämmigen Bürger aus der Hand zu geben, indem sie ca. nun über 1.000 Imame aus der Türkei nach Deutschland holte. Damals gab man gern diese Aufgaben an das mächtige türkische und heute berüchtigte Religionsministerium DIYANET ab. Deren Aufgabe war es damals, die Imame und ihre Strukturen in Schach zu halten. Heute ist exakt das Gegenteil unter Erdogan daraus geworden. Es zeigt weiter, dass der bisherige türkische Islam unter dem Mantel des Kemalismus und der deutschen Demokratie heute als autoritäres sunnitisches System gut wachsen konnte. Auch der Stammverein der religiösen türkischen Imame in Deutschland,  DITIB, baut zügig und konsequent diese Parallelgesellschaft aus, die sich mit den Werten der deutschen Verfassung nicht arrangieren kann und will.

Es ist weiter ein Versuch
a) Deutschland zu instrumentalisieren, um
a1) die türkische Gesellschaft in Deutschland islamisch zu festigen und
a2) die Türkisierung voranzutreiben,
a3) um die Türken zu einem starken außenpolitischen Arm der türkischen Politik zu machen und um
b) Öffentlichkeit und politischen Druck zu schaffen, um den Kurden weiterhin keinen Raum auf türkischem Territorium zu geben und
c) einen zusammengeschlossenen Kurdenstaat zu verhindern.

Diese Parallelgesellschaft ist eine ganz neue Herausforderung, für die es nach der gegenwärtigen Rechtslage kaum Chancen für eine Intervention gibt. Denn es war ein ganz dummer kurzsichtiger Fehler der deutschen Regierungen seit den 50er Jahren mit dem Regelbildungssystem auf die Kinder der Gastarbeiter zu reagieren und dann vor 30 Jahren diese Fragen bei DIYANET und DTIB und seinen Institutionen zu lassen.
Andererseits hat der deutsche Staat auch nur ein sehr stark begrenztes Recht, in die Erziehung unserer Kinder oder der hier lebenden einzugreifen.
Dazu muss nicht nur eine völlig neue Rechtslage her, sondern auch eine Öffentlichkeit geschaffen werden, die imstande ist dieses nachzuvollziehen, ohne unser Grundgesetz zu verwässern, ohne die Freiheitsrechte der Eltern zu verletzten, doch intervenieren zu können.

Die ewige Gewalt

Fast alle Richtungen der islamischen Strömungen kennen dieses Gewaltpotential. Ich habe ich in Persien, im Irak, im Iran, in Syrien und natürlich auch in der Türkei und in Deutschland erlebt. Aber es gibt Unterschiede – gewaltige. Deshalb kann man auch dem wehren und an die großen liberalen Traditionen des Islam anknüpfen. Das ist die Aufgabe unserer jungen Muslime im Land als Nachbar, Kollegen, Freunde und Staatsbürger. Dazu braucht es eine Institution, die in dieser Tradition geschaffen wird und ich kenne einige der Macher dieses Projektes sehr gut und lange und freue mich über dieses große und gute Vorhaben.

Ein wichtiger Aspekt ist im arabisch geprägten Islam der oben erwähnte Djihad (Dschihād  / جهاد), die Anstrengung, eigentlich zu Gott zu kommen. Vordergründig zeigt sich Djihad aber auch im arabischen Islam der Sunna als Gewalt. Denken Sie z. B. an die Flagge Saudi-Arabiens: oben befindet sich das Bekenntnis „es gibt nur einen Gott und Mohammed ist sein Prophet“-  aber das im unteren Teil der Flagge dargestellte Schwert ist fast ebenso lang wie dieser Schriftzug! Der Islam trat von Anfang an mit dem Anspruch auf „nach mir kommt nichts mehr“, also der Islam als Vollendung aller Religion. Gewalt wurde von Beginn an ein legitimes Mittel.

Letztlich ist dieser Kampf vor allem ein Kampf um sich selbst, geschürt von den Macho-Muslimen, die sich permanent durch die westliche Kultur, seine Fortschritte und seine wirtschaftliche Überlegenheit beleidigt fühlen und oft im gesellschaftlichen Randbereich leben. Im dem Versuch, damit Identität zu erhalten, sind es v.a. Türkische Imame, Moscheen, die diesen Eindruck absichtlich stärken, festigen und zu erhalten suchen.

Meine Tradition und Erfahrung

Ich entstamme einer Familie, die von der islamischen Mystik geprägt ist. Vor allem ein Onkel hat mich in dieser Hinsicht stark beeinflusst. Von ihm hörte ich oft den Satz: „Glaube darf kein Schaden für mich, und keine Schädigung für andere sein“. Das erinnert schon sehr an Kant und es ist eine sehr alte Tradition, dem Sufismus Rumis (Abu al-Hasan Ali ibn Abbas ibn Juray / أبو الحسن علي بن العباس بن جريج) nahe und sehr beständig, denn sie hat in diesem Geist alle islamischen Diktatoren und Herrscher und Parteien sowieso überlebt. Wach ist in mir auch immer der Gedanke an einen der ersten Mystiker, den persischen Dichter und Prediger Al-Hallādsch (Abū l-Muġīṯ al-Ḥusain ibn Manṣūr al-Ḥallāǧ / أبو المغيث الحسين بن منصور الحلاج). Der Enkel eines Zoroasten, der gleich von Alawiten und Sunniten geehrt wird, stand für einen Islam mit einem selbstverantwortlichen Menschen. Dafür wurde er im Jahr 922 gekreuzigt.

Im 12. Jahrhundert wirkt einer der Väter der modernen Medizin und Naturwissenschaften, Ibn Ruschd, unser Namenpatron (Abū l-Walīd Muḥammad b. Aḥmad b. Muḥammad b. Rušd / أبو الوليد محمد بن أحمد بن محمد ابن رشد). Der im Abendland unter dem Namen Averroes bekannte Ibn Rušd aus Andalusien hat uns die Übersetzungen des Aristoteles mit vielen Kommentaren geschenkt. Er verkörpert bis heute das Erbe eines weltoffenen und zukunftszugewandten Monotheismus mit Allah in seinem Zentrum und dem Menschen im Erdkreis. Das ist ein Denken, für das in der Neuzeit vor allem Goethe prägend war, der mit dem vom persischen Dichters Hafis inspirierten West-Östlichen-Divan das Einende und Verbindende, die Ratio und das Miteinander beider Welten suchte. Das ist auch unser Anliegen mit der Ibn Rušd–Goethe–Moschee in Berlin.

Früher hatte der Islam mit den Herrscherhäusern ein Korrektiv. Gut, das war selten zimperlich, aber das war es in Europa auch nicht. Da war auch der Kaiser das Korrektiv für die Kirche und umgekehrt. Die Khalifen und andere Herrscher mussten zeigen, dass sie imstande waren ein Reich zu führen und das ging nicht in der Isolation und ohne Bildung. Die moderne Zeit ermöglicht es aber dem Wahabismis und der Shia Bildung zu umgehen. Das war über hunderte von Jahren undenkbar. Die Religion war wichtig aber nicht das Erste und das Letzte, das war der Herrscher, der sie aber überall brauchte, um seine Macht zu legitimieren – mehr nicht. Das Abgleiten in die religiöse Einseitigkeit als Ideologie war schon immer meiner Familie und ihren Traditionen so fremd wie die Schillers Großinquisitor für Aufklärung. Dieses Korrektiv für jede Religion muss heute die aufgeklärte Gesellschaft sein zu der ich gehöre und meine Freunde auch wenn ich ihren Glauben nicht teile. Aber schon Rumi, Ibn Rušd und Goethe wussten, dass nur in der Einheit von Leib und Seele und in dem Wissen, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt, dass Menschsein als Ganzheit zu finden ist, wenn der Mensch dieses Attribut verdient.

Und deshalb bin ich hier, will auch für andere da sein, gleich ob hier oder im Iraq. Ich glaube das hätte meinen Voreltern und selbst dem kurdischen Sultan  Saladin, besser Salah ad-Din Yusuf ibn Ayyub ad-Dawīnī / صلاح الدين يوسف بن أيّوب الدوينيّ (1137-1193) bestimmt gefallen. Bei der Eroberung Jerusalems: entgegen dem damals üblichen Kriegsrecht ließ er 800 gefangene Armenier ohne Gegenleistung einfach frei. Auch ermöglichte er Juden, „nach Hause (nach Jerusalem) zurückzukehren“, er lud Gelehrte an seinen Hof zu Disputen, glänzte mit einem wissenschaftlichen Buch über Falken und die überlieferten Dialoge mit Heinrich Löwenherz können sogar wahr sein. Ich  liebe den Gedanken an seine hellenistische Art, die mich immer an Friedrich II. den Stauffer erinnert.

Wichtig ist mir besonders auch Said Nursî (1876-1960). Dieser Mystiker kurdischer Volkszugehörigkeit beschrieb  um 1900 die 3 guten Eigenschaften der Kurden so: Tapferkeit, Stolz, Wahrhaftigkeit.  Sein anfängliches jungtürkisches Erbe ist verloren, wie das Beste der Jungtürken. Ebenso sah er aber auch die drei schlechten Eigenschaften: Analphabetentum, Arbeitslosigkeit, fehlende Einigkeit. Er ist Mitbegründer der Kurdenbewegung. Stand er zunächst dem Sultan nahe und war in Istanbul auf höchster Ebene für Religion verantwortlich fiel er ab 1908 in Ungnade. Der Grund dafür war, dass er in  der kurdischen Hauptstadt AMAD vor den Honoratioren geäußert hat:
„Kurdistan gehört den Armeniern, Kurdistan gehört den Kurden- nicht den Türken.“
Damit bin ich groß geworden.

Ja, er wollte den Islam wiederbeleben und mit den Erfordernissen der modernen Welt in Einklang bringen wollte. Er hielt naturwissenschaftliche Bildung für wichtiger als eine nur auf das Religiöse ausgerichtete Bildung. Sein Ziel war Wissenschaft für Theologen (gegen die Ignoranz und Fanatismus) und Religion für Naturwissenschaftler (gegen Materialismus ohne Ethik). Dazu passt auch, dass er die Universität von Van mitbegründete. Auch stammt die Idee von Trennung von Staat und Religion von Nursî, angelehnt an die großen europäischen Humanisten und nicht von Atatürk.

Mich hatte berührt, dass Nursî nach einem wechselvollen Lebensweg über Moskau, Berlin und Wien und Internierung wieder nach Istanbul zurückkehrte, um seine Ideale zu leben. Meine Flucht war einfacher. Und der Kemalismus hat dann doch wie vielen anderen Kurden nach über fast 100 Jahren und dem gebrochenen Vertrag von Sevrés 1921 nicht die Freiheit und das Recht gebracht – die Kurden wurden zum Faustpfand des türkischen Westens oft mit Verbannung und Gefängnis wie heute. Nach seinem Tod wurde Said Nursî sowohl von den Türken als auch von den Persern vereinnahmt und seine Ideen pervertiert. Mir ist es ein Anliegen, seine ursprüngliche Philosophie wieder bekannt zu machen und ihn für mich und uns Kurden zurückzugewinnen. Und so muss ich meine Geschichte zurückgewinnen und mich allem stellen, was geschah und kommen wird. Das erwarten meine Kinder von mir und das ist mein Beitrag zur heutigen Aufklärung gegen die Postmoderne, in der jeder dazu neigt, sich das herauszusuchen, was ihm nur passt.

Ich möchte mich noch auf zwei weitere große Gelehrte beziehen: Said Piran  (Şêx Seîdê Pîran / شێخ سەعیدی پیران) (1865-1924 Sunnit) und Seyid Reza (1862-1937 zazischer Alawit). Sie teilen das Schicksal Nursîs. Sheik Piran wurde 1925 und Reza 1937 hingerichtet und ebenfalls an unbekanntem Ort beerdigt. Beide tragen ein Erbe, das mir wichtig ist und von Saladin bis zu mir führt. So etwas kann man nicht beiseite tun, deshalb muss ich etwas dafür tun. Piran wollte nicht hinnehmen, das die Jungtürken all unser Erbe stalinistisch eingemeinden wollten, weil er seine tiefe Religiösität nicht mehr wieder finden konnte und Reza ein Stammesführer aus damals Dersim/heute Tunceli war ein alawitischer Stammesführer, einer mystisch innerlichen Kultur aus der Schia stammend war ein Freiheitskämpfer, der der Legende nach auf die Nachkommenschaft von Ali selbst zurückgeht.
Alles das geht mich etwas an, weil es meine Geschichte ist, mein Leben und ich etwas davon weitergeben muss, auch wenn ich vieles noch nicht wirklich erklären kann.

Religion ist im Islam immer nur der Helfer der Politik oder im schlimmsten Falle die Herrscherin, die sich die Politik unterordnet, was ja nicht geht, weil es keine Religion gibt die das tut. Es sind immer nur Menschen, mit ihren Interessen und ihren Netzwerken und mehr nicht.
Viele Moscheen in Deutschland tragen aggressive Namen (was deutschsprachigen Menschen nicht bewusst ist) z. B. Al Fatih- Moschee (Eroberer- Moschee). Mit dem Namen  verbindet sich leider oftmals auch eine aggressive Haltung der Moscheegemeinde. Aber das vergessen wir hier besser, denn der Feind des Mittelmaßes ist das Gute und dessen ist das Bessere. Wir orientieren uns also an Al-Hallādsch, Ibn-Rušd, Saladin, Abu-Sina, Roxana, Rumi, Goethe, Nursî, MalcomX, Nelson Mandela, und Freunden aus Greifswald und auf der ganzen Welt.

Deshalb ist es für mich ein Anliegen, diese liberale Moschee in Berlin zu unterstützen, die den Geist zweier Menschen verbinden soll: Ibn Rushd und Johann Wolfgang Goethe. Damit wollen wir dabei sein und etwas zurückgeben, was wir unter anderem von diesen beiden Persönlichkeiten erhalten haben. Zur Entwicklung neuer Ideen benötigen wir eine neue Moschee!

Diesen Gedanken möchte ich mit zwei Zitaten schließen. Zunächst Al-Hallādsch:
„ Mein Glauben ist für mich, der Glauben der Menschen für die Menschen.“ Das ist Universalismus. Und Ibn Rumi, der große Vater aller Derwische sagt uns: „Ich versuchte, Gott zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort. Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden, aber ich konnte nirgends eine Spur von ihm finden. Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern, aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden. Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber auch dort war er nicht. Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens. Ich prüfte mein Herz, und dort verweilte er, als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.“ Das ist seine Erfahrung und ein bisschen auch meine.

Mehr als ein Ausblick

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Moschee in Berlin wirklich Integration leistet, nämlich der Menschen in der Wirklichkeit Allahs, der Menschen untereinander,  und der muslimischen der Menschen in unserem Land. Es klingt ein bisschen wie ein Traum und auch ein bisschen sperrig, aber wenn zum Codex der Liberalen Moschee gehört, dass der Gläubige in diesem Haus, das auch Gemeindezentrum, Schule, Ratsplatz, Beratungsstelle ist, ein Zuhause findet und er damit vor dem Höchsten und den Menschen einen Vertrag zu unserem Grundgesetz unserer Demokratie und den säkularen Werten und den der Menschlichkeit eingeht, ist das ein Signal sehr weit über Berlin und Deutschland hinaus. Und das wäre vielleicht auch eine moderne Übertragung der Charta von Medina in unser heutiges Heimatland ohne Machtdünkel und Angst. Nein, wir leben nicht im „Haus des Krieges“. Wir leben in Deutschland und sind wie Allah dem Grundgesetz verpflichtet. Das ist auch ein Haus der Ordnung – nämlich das, zu dem wir gehören

Und es gibt noch etwas Interessantes dazu. Da ist die kleine Stadt Kėdainiai (Kedahnen), heute in Zentrallitauen, damals im Großfürstentum Litauen Polen. Damals im 18. Jahrhundert gab es eine protestantische Kirche, eine starke schottischen Gemeinde, die damals in das liberale Litauen floh, eine starke katholische Gemeinschaft, eine methodistische Kirche, eine Synagoge und noch eine orthodoxe Synagoge, eine russisch orthodoxe Kirche, die heute alle noch sehr sehenswert sind, und eines der bis heute wenigen erhaltenen Minarette dieser Zeit der einstigen Moschee. Ja, es gab auch dort eine starke muslimische Gemeinde. Schwierigkeiten gab es aber eher zwischen katholischen Studenten und der Staatsregierung, aber Unruhen zwischen Muslimen, Schotten oder Juden oder Christen und anderen sind nicht bekannt. Damals haben die Menschen versucht miteinander zu leben und sich gesucht und gelernt  einander nützlich und dienlich zu sein und warum soll das heute nicht mehr möglich sein?  Auch das wäre bestimmt im Geiste von Averroes und Goethe.

Meine Hoffnung

Deshalb suche auch ich weiter im Sinne meiner Vorbilder und des abendländischen Denkens und lade Euch mit dazu ein zu suchen und zu sehen, in der Natur, in den Überlieferungen, bei Freunden, in meinem Denken und überall. Es gibt dort Kluge und starke Freunde, nicht nur in Berlin, die auch mich nehmen wie ich bin. Das ist kein Einzelfall. Die Ibn Rušd-Goethe-Moschee könnte helfen frei zu werden, von den Ketten, den Dogmen, den Ideologien, den Vorurteilen, den Besserwissern und den ewig Gestrigen und den permanenten Revoluzzern. Und sie könnte mir etwas von der Welt meiner wirklichen und angenommenen Vorfahren für meine Kinder, ach was sage ich, für uns alle erhalten.

Das ist genau das Kennenlernen, das wir uns in AMAD „Diyarbakir“ versprachen.

Salam, Euer Akram

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