Wer war Ibn Rushd?

Die schwarze Nacht gab mir schwarze Augen,
Doch ich suche mit ihnen das Licht.

Dieses Gedicht schrieb Gu Cheng 1979 und dabei hatte er sicher weder Deutschland noch den Islam im Sinn. Genau deswegen eignet es sich in meinen Augen für den Einstieg in eine kurze Darstellung von Ibn Rushd als Philosophen. Wer war dieser Ibn Rushd und was hat er uns zu sagen? Er wird 1126 in Cordoba geboren und stirbt 1198 in Marrakesch. Sein Interesse gilt den Menschen: Ihren Körpern und ihrem Geist. Ibn Rushd wird ein berühmter Arzt und ein noch berühmterer Philosoph. Als solcher beschäftigt er sich vor allem mit Aristoteles und steht am Anfang einer Bewegung, die als Aufklärung die europäische Geschichte prägen wird.

Aufgrund seiner scharfsinnigen Analysen der aristotelischen Philosophie wurde Ibn Rushd von der mittelalterlichen Scholastik ehrfürchtig nur „Der Kommentator“ genannt. Er war ein neugieriger Mensch. Er wollte das Wesen der Dinge ans Licht bringen, indem er über die menschlichen Irrtümer aufklärte. Er war zeit seines Lebens auf der Suche nach dem Licht. Doch dafür musste er zunächst beweisen, dass das Nachdenken über die Welt nicht im Widerspruch zum Islam stand. In schönster Einheit von Form und Inhalt entwarf er also ein Argument, das durchführt, was es fordert: logisch geschultes Denken:

  1. Der Koran fordert in Sure 59, Vers 2: „Denkt nach, die ihr Einsicht habt.“
  2. Und in Sure 16, Vers 125 heißt es: „Rufe auf zum Wege deines Herrn mit Weisheit und mit schöner Predigt, und diskutiere mit ihnen auf möglichst gute Weise!“
  3. Die beste Weise zu diskutieren gründet für Ibn Rushd auf logischen Argumenten wie sie Aristoteles dargelegt hat.

Daraus schließt Ibn Rushd, dass es den Muslimen nicht nur erlaubt, sondern geboten ist, Philosophie zu betreiben. Der Koran ist ein Buch, ein Text. Und wie wir von dem algerisch-französischen Denker Derrida gelernt haben, aber auch schon von Ibn Rushd hätten lernen können, erzeugen Texte Mehrdeutigkeiten, die uns chronisch herausfordern. Für Ibn Rushd ist das ein wichtiger Punkt: Der Koran SOLL uns herausfordern. Er SOLL interpretiert werden. Denn das Verständnis eines Textes verlangt keinen blinden Gehorsam, sondern anschauende Vernunft. Und eben diese wurde dem Menschen von Gott geschenkt.

So denkt Ibn Rushd. Doch dabei belässt er es nicht. Er geht weiter. Viel weiter. Nachdem er gezeigt hat, dass es völlig in Ordung ist zu philosophieren, beginnt er die eigentliche philosophische Arbeit und das bedeutet für ihn: eine peinlich genaue Auseinandersetzung mit Aristoteles, den er für das Sonnenlicht des Denkens hält.

Es ist hier nicht die Zeit um alle philosophischen Gebiete anzureißen, mit denen sich Ibn Rushd auseinandersetzte. Ich möchte daher ein zentrales Thema herausgreifen, welches gleichsam den roten Faden dieses kurzen Vortrages bildet: Die Vernunft.

Islam und Vernunft gehören zusammen. Das erscheint Ibn Rushd völlig klar. Nun wendet er sich der Vernunft selbst zu. Es geht ihm dabei nicht so sehr um die einzelnen Handlungen, die vernünftige Wesen vollziehen oder auch nicht vollziehen. Es geht ihm auch nicht darum, zu bestimmen, ob diese oder jene Handlung vernünftig ist. Sondern es geht ihm darum, zu zeigen, dass die Fähigkeit zur Vernunft bei allen Menschen dieselbe ist.

Die Vernunft kennt keine völlig fremden Menschen.

Al-Kindi, al-Farabi und Ibn Sina – die drei großen Vorgänger – sahen das anders: In ihren Augen hat jeder Mensch eine ihm eigene Vernunft, die ihn jeweils mit Gott verbindet. Ibn Rushd hingegen lehrt: Zu jedem einzelnen Menschen gehören seine je eigenen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Vorstellungen. Ihr gemeinsames Zentrum ist  die individuelle Seele. Doch das, was wir vernünftig erkennen, gehört nicht zu einem einzelnen Menschen. Jede Erkenntnis übersteigt unsere individuellen Wahrnehmungen, denn sie abstrahiert aus der Wahrnehmung einen Begriff. Begriffe aber sind allgemein, das Wissen um sie ist bei allen Menschen dasselbe. Daraus folgt für Ibn Rushd, dass auch die Vernunft bei allen Menschen dieselbe ist.

Erst durch diese Überzeugung wird Ibn Rushd zur Gründungsfigur der Aufklärung. Eine Vernunft, die alle Menschen verbindet. Für Ibn Rushd gibt es nicht die muslimische Kultur mit ihrer muslimischen Vernunft, die christliche, die europäische oder gar deutsche (Leit)Kultur mit ihrer je eigenen Vernunft. Sondern nur eine gemeinsame Vernunft. Das gilt für alle Orte und auch für alle Zeiten. Daher können die Philosophen immer in großer Selbstverständlichkeit auch mit den schon lang Verstorbenen diskutieren: Vernunft kennt keine Grenzen. Sie verbindet die Menschen aller  Kulturen und aller Zeiten.

Diese Sicht auf die Menschen entfaltete im Cordoba seiner Zeit eine ungeheuer große Kraft. Ibn Rushd war ein Superstar seiner Zeit mit weitreichender Wirkung. Sein Einfluss auf die christliche Scholastik und insbesondere auf Thomas von Aquin ist kaum zu überschätzen. Er wurde von Jacob Anatoli ins Hebräische übersetzt und in den jüdischen Gemeinden gemeinsam mit Mosche ben Maimon (Maimonides) diskutiert. Er taucht sowohl in Dantes Göttlicher Komödie als Figur auf, als auch auf Raffaels Gemälde Die Schule von Athen. 1182 wurde er zum Leibarzt und Berater des Kalifen Abu Yaqub. Ibn Rushds Leben war geprägt von Erfolgen. Doch eines blieb ihm noch zu zeigen.

Der ewige Stachel der Philosophie – damals wie heute – ist der Vorwurf ihrer Irrelevanz. Ibn Rushd liebte die gedankliche Schärfe der Logik. Und so ließ er es sich am Ende nicht nehmen, die Wirksamkeit der Philosophie praktisch zu beweisen. 1195 – drei Jahre vor seinem Tod – fiel er in Ungnade, wurde verbannt und viele seiner Werke wurden verbrannt. Das Motto der Zeit hieß: Make al-Andalus great again. Der Sohn des Kalifen führte Krieg und sah sich gezwungen, die orthodoxen Kräfte hinter sich zu scharen. Ein Philosoph der mit der These antrat, dass alle Menschen an der gleichen Vernunft teilhatten, war da eine Bedrohung. Quod erat demonstrandum. Verfolgt zu werden ist ein sicherer Beweis der eigenen Wirksamkeit, notierte Kant in der Schrift zum ewigen Frieden. Das galt damals. Das gilt heute.

In jüngster Zeit wird Ibn Rushd wieder vermehrt gelesen. Sowohl von Menschen, die sich für die reiche muslimisch-philosophische Tradition interessieren und Anknüpfungspunkte suchen. Aber auch von denen, die unter den Vorzeichen der Postmoderne und den Lehren des 20. Jahrhunderts an der einen menschlichen Vernunft der Aufklärung festhalten wollen.

Wie schwierig die Zeiten also auch immer sein mögen. Wenn wir Ibn Rushd folgen wollen, sind wir gehalten mit unserer Vernunft das Licht zu suchen.  Das gilt für Muslime. Das gilt auch für alle anderen Menschen.

Die Nacht gab mir schwarze Augen …

Ich möchte nun diese kurze Einführung zu Ibn Rushd mit zwei Worten des anderen Namensgebers dieser Moschee beenden – Johann Wolfgang von Goethe. Ganz im Geiste Ibn Rushds solidarisierte sich dieser bereits im Jahre 1832 mit seinem chinesischen Dichterkollegen Gu Cheng und gab uns mit seinen letzten beiden Worten einen Arbeitsauftrag: Mehr Licht.

Autor Anonym

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