Freitagspredigt vom 24.11.2017

 Haus der Weisheit

Es gibt Dinge, über die man immer wieder sprechen kann, sei es über islamisches Wissen, über die islamische Lebensweise, über die islamische Geschichte, weil sie immer wieder von einer anderen Warte oder Blickpunkt aus gesehen werden kann. Man kann sie also immer wieder neu interpretieren. Ich glaube, deshalb bleibt zum Beispiel die islamische Geschichte so interessant. Immer wieder erfährt man etwas Neues oder Bekanntes wird von einer ganz anderen Seite dargestellt.

Bleiben wir bei der islamischen Geschichte. Sie ist für uns sehr wichtig- und eigentlich auch für den Rest der Welt.

Ihr werdet bald merken, dass sie mein Steckenpferd ist. Warum? Weil ich mir vorgenommen habe, den Muslimen und Interessierten unsere Geschichte näher zu bringen. Viele kennen sie einfach zu wenig. Ich möchte damit einfach erreichen, dass man  stolz auf seine Geschichte und deren Menschen ist. Diesen Stolz haben wir verloren. Wer darauf stolz ist, ist selbstbewusster, hat einen besseren Halt in der Gesellschaft, erlebt seine Umwelt ganz anders als ein Unwissender. Und auch die Umwelt reagiert ganz anders auf ihn. Das möchte ich erreichen.

Dazu betone ich es immer wieder: Wissen hat bei Allah einen sehr hohen Stellenwert.

Um die religiösen Pflichten, die im Koran beschrieben werden,  richtig durchführen zu können, wurden die frühen Muslime gezwungen, sich wissenschaftlich zu rüsten: die Bewegungen der Sterne müssen berechnet werden, um sich auf der Reise zu orientieren. Die Zeit und der Ort zum Gebet müssen genau bestimmt werden.

An vielen Stellen im Koran wurden die Menschen aufgefordert, nach Wissen  zu suchen. Sie wurden angeregt, ihre Umwelt zu beobachten und zu studieren, um die eindeutigen Zeichen der Schöpfung darin zu erkennen. Viele Verse aus dem Koran beschreiben Vorgänge aus der Natur, die von der Schöpfung des Universums bis hin zur Befruchtung der Eizelle durch das Spermium reichen.

Mit der Expansion nach Irak, Syrien, Ägypten waren dem arabischen Bereich große geistige Zentren zugefallen, etwas  später kamen die griechischen und indischen Zentren hinzu, Handelsbeziehungen entstanden bis hin zum westlichen China. Überall dort sammelten sich Jahrtausende alte Erfahrungen alter Zivilisationen, die jetzt im Arabischen einen neuen Ausdruck erfuhren.  Es begann eine regelrechte Erstürmung der Bücher, die man dort fand, die auch sogleich übersetzt wurden. ja, der Kalif Harun Ar-Raschid ließ sich sogar den Tribut in Form von Büchern auszahlen. Im Jahr 801 traf eine Gesandtschaft von ihm in der Residenz von Karl dem Großen in Italien ein.

Im Jahr 825 wurde das Haus der Weisheit ‚Bayt al-Hikma‘, vom Abbasiden-Kalifen al-Maʾmūn in Bagdad gegründet. Heute würden wir dieses Haus als eine Art Akademie bezeichnen. Es gehörten wissenschaftliche Bibliotheken dazu, ein Observatorium und viele Übersetzer- und Schreibstuben und ein großes Krankenhaus mit Apotheke.

Es wurden regelrechte Übersetzerakademien gegründet. Nahezu alle wichtigen Schriften der mesopotamischen, ägyptischen, indischen persischen und hellenistischen Welt wurden übersetzt. Sie arbeiteten in Gruppen und wurden von einem Experten überwacht und von Abschreibern unterstützt. Ihre Arbeiten wurden also  auf Genauigkeit kontrolliert. Im Haus der Weisheit arbeiteten zeitweise rund 90 Wissenschaftler und mit ihnen Übersetzer und Schreiber an wissenschaftlichen Übersetzungen, Al-Maʾmūn schickte dafür einen Gelehrten seines Hofs nach Byzanz und bat den Kaiser, ihm mathematische Werke (u. a. die des Euklid) zu übergeben. Im Haus wurden alle Werke der Antike übersetzt, die aufzufinden waren, u.a. die Werke der Griechen, z.B. von Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus oder Archimedes, ebenfalls von dem Inder  Brahmagupta, geb. 598  eine astronomische Schrift, in der es auch Vorschriften für das Rechnen mit den 9 Zahlzeichen und mit der reinen Null als ein Fehlzeichen gab. Darauf komme ich noch.

Trotz der engen Verbindung der Schriften mit älteren Traditionen, anderen Ländern, in denen das griechische Wissen vorherrschte, betonen heutige Historiker mit Recht die Originalität der wissenschaftlichen Arbeiten, die in Bagdad durchgeführt wurden. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde die Wissenschaft in einem internationalen Rahmen betrieben, und das Arabische war ihre verbindende Ausdruckssprache.

Als ‚die Blütezeit des Islam‘ wird in der heutigen populärwissenschaftlichen Literatur die unter den Abbasiden (749 n. Chr. – 1258 n. Chr.) entwickelte Zivilisation in den islamisch beherrschten Gebieten bezeichnet. Ein Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Forschung entstand in wenigen Jahrzehnten in der im Jahr 762 gegründeten Stadt Bagdad. Es entstand die Basis unserer heutigen Wissenschaften: Chemie, Physik, Medizin mit ihren Krankenhäusern und Apotheken, Mathematik und Mechanik, Astronomie und Astrologie, auch wenn es vorher schon viele Ansatzpunkte und Erkenntnisse gab. Es wurden Wissenschaften daraus.

In Bagdad arbeiteten nach Aussagen des Historikers Ibn al-Qifti in der Epoche des Aufbaus des Hauses neben Muslimen 37 Christen, 8 Sabäer und 9 Juden. Sie waren aufgrund ihrer Fachkenntnisse sowie Sprachkenntnisse wichtig für den Aufbau des Hauses. Viele Wissenschaftler, die wir heute noch namentlich kennen, arbeiteten im Laufe der Jahrzehnte dort:

Hunain ibn Ishāq al-ʿIbādī (808-873) war ein christlicher Gelehrter, Übersetzer und Arzt. Seine Übersetzungen zeichnen sich durch ihre hohe Qualität aus. Insbesondere sind seine Übersetzungen von Galens Werken aus dem Griechischen so hervorragend gewesen, dass sie noch jahrhundertelang benutzt wurden, zumal die griechischen Originale verloren gingen. Später wurde er auf den Posten des Chefarztes am Hofe des Kalifen al-Mutawakkil berufen; eine Position, die er bis zu seinem Lebensende innehatte;  Hunayn ibn Ishāq war auch Autor von etwa 100 eigenen Büchern, insbesondere zu erwähnen sind die Bücher über Augenheilkunde und das Griechisch-Syrische Wörterbuch. Sein Buch über Steine gehört zu den ältesten erhaltenen Chemie-Büchern und die älteste arabische Handschrift über Mineralogie. Es werden rund 70 Mineralien beschrieben und die Gewinnung von Metallen beschrieben (Gold, Silber, Blei, Kupfer, Herstellung von Messing, Quecksilber). Er benennt Quecksilber und Grünspan als Gifte.

       Thabit ibn Qurra: Er war ein sabischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Magier, Physiker, Mediziner und Philosoph. Er war maßgeblich an der Entwicklung der islamischen Astronomie beteiligt, insbesondere an der Mathematisierung von Theorie und Auswertung der Beobachtungen. Nikolaus Kopernikus übernahm den Wert des siderischen Jahres von 365 Tagen 6 Stunden 9 Minuten und 12 Sekunden (Abweichung 2 Sek.) aus ibn Qurras Buch: „Über das Sonnenjahr“. Sein Kitab fi’l-qarastun wurde von Gerhard von Cremona, ein Gelehrter und bedeutender Übersetzer arabischer naturkundlicher und medizinischer Schriften ins Lateinische  übersetzt und es diente im mittelalterlichen Europa als Lehrbuch der Mechanik.

Einer der ersten in Bagdad war  der Philosoph Abū Yaʿqūb ibn Ishāq al-Kindī, * um 800 in Kufa; † 873 in Bagdad), er war ein arabisch-irakischer Philosoph, Wissenschaftler, Mathematiker, Arzt. In Europa war er als Philosoph bekannt. Er kümmerte sich besonders um die Übersetzungen von Aristoteles, Platon und auch Sokrates. Er meinte: „Wir sollten uns nicht schämen, Wahrheit anzuerkennen und sie aufzunehmen, von welcher Quelle sie auch kommt, auch wenn sie von früheren Generationen und fremden Völkern zu uns gebracht wird“. Seine Abhandlung „Über den Intellekt“ wurde über Jahrhunderte von arabischen und lateinischen Wissenschaftlern sehr geschätzt.

Abu Dschaʿfar Muhammad ibn Musa al-Chwārizmi( latinisiert Algorismi  *um 780; † um 850, war ein  UniversalgelehrterMathematikerAstronom und Geograph. Er stammte  aus dem iranischen Choresmien, verbrachte jedoch den größten Teil seines Lebens in Bagdad im „Haus der Weisheit. Von seinem Namen leitet sich der Begriff Algorithmus und Algebra ab. Er entwickelte unsere heutige Rechenweise mit der indischen Null. Er übersetzte das Buch von dem Inder Brahmagupta, Die Rolle der Null in die Rechenarten zu übernehmen, war ein großer Kampf in den Kanzleien, aber man verstand sehr schnell den Nutzen.

Dass sich die Wissenschaft so schnell und gut entwickeln konnte, dafür gab es von meiner Seite aus 2 Punkte:

  1. Die Herrscher waren selbst kulturell und wissenschaftlich orientiert
  2. das Mittel Papier: preiswertes Papier als Grundlage für das viele Kopieren und Vervielfältigen von Schriften, kein Pergament mehr. Die Gründung des Hauses der Wissenschaft wurde durch die Entwicklung der Papierherstellung im arabischen Raum begünstigt. Die erste Papiermühle entstand in Bagdad 794. Auf dem Suq al-Warraqin, dem Papiermarkt, gab es rund 100 Papiergeschäfte, von denen manches, von Lehrern und Schriftstellern, Wissenschaftlern betrieben, ein eigenes kleines Wissenschafts- und Literaturzentrum war.

In Spanien entstand die erste Papiermühle 1144, in Deutschland im Jahr 1390 und kurz darauf in einigen anderen europäischen Ländern .

Bücher zu besitzen wurde zu einer Leidenschaft. Jede Moschee besaß seine eigene Bücherei, jedes damalige Hospital bräuchte sich heute nicht zu schämen, denn es besaß die neuesten medizinischen Schriften. Selbst Privatleute besaßen Tausende an Büchern.

Man baute Bewässerungsanlagen, Krankenhäuser, um in den Großstädten Seuchen zu verhindern, neue und bessere Heilmittel wurden ausprobiert. Sie nahmen das Wissen der alten Griechen, der Perser, der Ägypter, der Inder und bauten darauf auf, erweiterten es und erfanden Neues.

Bagdad wurde im Jahre 1258 nach kurzer Belagerung von den Mongolen erobert, das Haus der Weisheit dabei zusammen mit allen anderen Bibliotheken zerstört. Heute weiß man nicht, wie dieses Zentrum ausgesehen hatte und wo es stand. Es entwickelten sich neue Zentren des Wissens in Indien und im usbekischem Raum um Samarkand.

Diese Zeit war geprägt von Toleranz, Anerkennung von Leistungen der Wissenschaftler, egal welchem Volk oder Religion angehörten. Sie konnten unter toleranten und wissbegierigen Herrschern friedlich miteinander forschen.

Wir, in unserer Moschee wollen zwar keine neue Wissenschaft begründen, aber wir wollen uns ebenfalls in Toleranz üben, jeden einzelnen akzeptieren, egal,   welche islamische Strömung er praktiziert, sowie respektvoller Umgang mit Vertretern anderer Religionen.

Mit dem Wissen um diese zur damaligen Zeit fortschrittliche Einrichtung sind wir aufgefordert, ihnen nachzueifern in einer demokratischen Zeit.

Ich möchte keine Verklärung dieser Epoche, denn auch sie hatte ihre Macken. Aber wir können daraus lernen, dass aus gegenseitigem Respekt und Toleranz, egal zu welcher Religion, Gemeinsamkeiten, Gleichheit und Frieden  entstehen kann.

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