Freitagspredigt vom 23.02.18

Was ist Spiritualität?

Etwas Religiöses, sagen die einen, ein Staunen über die Natur, so ganz ohne Religion, sagen die anderen. Das ist so ein schönes Gefühl.

Fragt man junge Leute, dann werden sie vielleicht mit leuchtenden Augen sagen: „Gestern war ich beim Auftritt einer Rockband. Die machte so richtig Krach und wir fühlten uns mitgerissen, sangen mit, nein schrien mit, rissen unsere Hände im Takt mit nach oben. Wir fühlten uns wie eine einzige Gruppe, wie ein Mann mit tausend Armen, gleiche Gefühle, wir taten den gleichen Atemzug, es war ein unbeschreiblicher Zustand.

Zustand, Gefühle, Verbundenheit, das sind in erster Linie menschliche Begriffe!

Spiritualität ist also im Grunde kein religiöser Begriff.

Meine erste bewusste Erfahrung mit Spiritualität war auf einer Reise durch Kanada, als ich auf der kleinen Insel namens Spirit Island am Maligne Lake stand. So wie der indianische Name sagte, die Ergriffenheit, dieses Gefühl, welches mein Herz fast stehen ließ, kann ich nicht beschreiben. Es hat sich aber tief in mein Gedächtnis eingegraben. Ich denke, das ist wahre Spiritualität. Ein Gefühl der Religiosität kannte ich damals noch nicht.

Was heißt aber Spiritualität eigentlich?

Etymologisch leitet sich das Wort vom lateinischen Wort „spiritus“ ab, was auf einer Seite ‚Atem, Hauch oder Lebenshauch‘ bedeutet, auf der anderen Seite ‚Geist und Begeisterung‘. Da ist auch noch das Verb: ‚spiro‘ – ‚ich Atme‘, was eine Hinwendung zum Wesentlichen, oder Göttlichen oder Geistigen, oder Hinwendung zum Transzendenten bedeutet, (also was jenseits dessen ist, was der Mensch normalerweise mit seinen Sinnen wahrnehmen oder erfahren kann.)

Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit. Während Religiosität die Ehrfurcht vor der Ordnung und Vielfalt in der Welt und die Empfindung einer transzendenten Wirklichkeit meint, beinhaltet (religiöse) Spiritualität zudem die bewusste Hinwendung und aktive Praktizierung einer als richtig angesehenen Religion oder Weltanschauung.

Spiritualität – in den letzten Jahren hat sich unter diesem Begriff einiges getan.  Kurbäder richteten ‚spirituelle Räume‘ ein, die zum ‚In-sich-Gehen‘, also zum Meditieren einladen. Volkshochschulen bieten Seminare über spirituelle Themen an. Spiritualität ist also ziemlich populär geworden. Mancher denkt dabei an übernatürliche Phänomene, Esoterik und Meditation oder an philosophische Formen der Sinndarbietung.

Andere bezeichnen eine streng vegetarische Lebensweise oder den Kick beim Mountainbiken als spirituelle Erfahrung oder erfahren ein spirituelles Wohlsein bei sportlichen Übungen wie Yoga.

Spirituelles Wohlbefinden kann also bedeuten: Das Leben wird in hohem Maß als sinnvoll empfunden. Dies beinhaltet Gefühle von Harmonie und Dankbarkeit.      Möglicherweise kann sich jemand auch mit einer höheren Macht verbunden fühlen.

Die Definition Spiritualität ist laut Brockhaus (2004) gleichbedeutend mit ‚Frömmigkeit‘, wobei der Duden sagt ‚Geistigkeit; inneres Leben, geistiges Wesen‘. Der Begriff ist also sehr unscharf. Das Lexikon der Psychologie (2003) präzisiert etwas tiefer: ‚die durch seinen Glauben begründete und durch seine konkreten Lebensbedingungen ausgeformte geistig-geistliche Orientierung und Lebenspraxis eines Menschen‘.

Spiritualität greift demnach auf eine immaterielle, nicht sinnlich fassbare Wirklichkeit wie Gott oder ähnliche Wesenheiten usw. zurück, die aber dennoch erfahrbar oder erahnbar sei und die der Lebensgestaltung eine Orientierung gibt. Sie beinhaltet eine suchende Haltung und eine glaubend annehmende bzw. eine wissend erkennende Haltung.

Ich komme noch einmal auf das Wort ‚Transzendenz zurück, etwas, was man nicht so einfach erklären kann. Da kommen Fragen auf:

Ist der Geist, der Spiritus, außerhalb vom Menschen selbst? Lässt sich Spiritualität nur in Verbindung mit etwas erfahren, was die Grenzen des eigenen Körpers und den eigenen Geist überschreitet? Sind deshalb die Religionen dafür zuständig?

       Transzendenz bedeutet in Bezug auf Gott, dass er als Gott alles übersteigt. Wir können mit unseren Sinnen somit Gott nicht wahrnehmen, weil er immer noch „größer“, eben anders ist.

Gott befindet sich außerhalb des Bereiches unserer Erfahrungen

        Macht jemand eine Erfahrung, die im Rahmen seines gewohnten Bereichs als nicht möglich oder prinzipiell nicht ausdrückbar und erklärbar erscheint, oder gelangt er schlussfolgernd zur Annahme einer Realität jenseits dieses Bereichs, so kann er daraus folgern, er habe erlebend bzw. gedanklich die Grenze seines Bereichs überschritten und einen anderen Bereich „betreten“. Dieser andere Bereich ist dann aus seiner Perspektive transzendent, also was außerhalb oder jenseits eines Bereiches möglicher Erfahrung, insbesondere des Bereiches der normalen Sinneswahrnehmung liegt und nicht von ihm abhängig ist.

Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott!  Sie kann z.B. eine innere Stimme, ein Wertekatalog, ein Geistwesen, die eigene Lebenskraft, die seelisch-geistige Selbstwahrnehmung sein.

Gerechtigkeit, Mitgefühl, Liebe, Demokratie und Menschenrechte könnten Gottgläubige, Agnostiker und Atheisten vereinen, ohne einander missionieren zu wollen. Ähnlich auch bei den Buddhisten, die als Grundspiritualität die grundlegenden menschlichen Werte der Güte, der Freundlichkeit, des Mitgefühls und der liebevollen Zuwendung bezeichnen. Im Grunde genommen sind es für alle humanistische Werte!

Warum ist der Mensch spirituell?

Vor der Entwicklung der Hochkulturen waren die Menschen sehr eng mit ihrer Umwelt verbunden. Die Natur und ihre Kräfte verstehen zu können, war überlebenswichtig. Die Bereiche, die unerklärbar blieben, wurden als diejenigen Realitäten integriert, die sich im immateriellen, jedoch ebenso reellen Bereich abspielten.

Spiritualität schließt alle Bereiche des Lebens ein – auch den Alltag. Spiritualität im Alltag ist für viele Menschen heute ein wichtiger Bestandteil. Anders als die Spiritualität gehört die Religion nicht für viele Menschen zum täglichen Leben. Die Spiritualität steht jedem offen, unabhängig von der Religion. Dagegen besitzen die Religionen jedoch einen spirituellen Auftrag, den sie leben und weitergeben.

Unter christlicher Spiritualität versteht man jene spezifische Form von Spiritualität, in deren Mittelpunkt die persönliche Beziehung zu Jesus Christus steht. In der christlichen Spiritualität wird individuelle Vervollkommnung nicht nur durch Techniken wie Lesen der Bibel, Gebet, Nächstenliebe, Wallfahrt, Kirchenmusik erreichbar angesehen, sondern insbesondere als Gnade erlebt.

Für den Islam besteht Spiritualität darin, eine geistige Brücke zwischen Menschen und Welt einerseits und Gott andererseits zu bauen.

Spiritualität greift auf Gott zu, oder Gott greift immer wieder über Spiritualität auf den Menschen zu. Wo kann man es direkt erleben? Es ist im Leben von geistlichen Gemeinschaften, also zum Beispiel in religiösen Gemeinschaften, in Klöstern, Kirchen, Moscheen zu finden. Und es ist auch dort, wo Menschen Grunderfahrungen machen, also Grunderfahrungen des Glaubens, die sie aber an ganz anderen Orten erfahren als in einer religiösen Gemeinschaft, also zum Beispiel bei einem Konzertbesuch zB. eines Oratoriums von Bach.

  • eine Episode von mir: Da gab es z.B.  beim Bergwandern auf einen hohen Gipfel ein mir vorher unbekanntes Gefühl: Ich fühlte mich dem Himmel so unsagbar nahe. Natürlich war da Freude, dass ich es geschafft habe, aber es war viel mehr. Da war eine starke Verbundenheit mit dem Himmel, ein vollkommen neues ‚Hingefühltsein oder Hingezogensein‘, was man nicht beschreiben kann.

Oder:   Wir haben das Spektakel eines Sonnenunterganges schon oft erlebt. Für mich ist es jedenfalls immer erhebend, ein tolles Gefühl, sehr beglückend. Heute erfahre ich es als ein Gefühl des Annäherns an Gott. Aber noch besser ist es, wenn man dieses Gefühl in der Gemeinschaft erlebt. Solch ein Gefühl verbindet.

Zusammengefasst: Es gibt kein absolutes und allgemeingültiges Verständnis über die Definition von Spiritualität. Es scheint für jeden etwas anderes zu bedeuten und hat je nach Kulturkreis oder Religion eine andere Deutung. Das kann sich auf geistige Realitäten, Wahrnehmungen oder schlicht Geister genauso beziehen, wie auf Geistliches in einem religiösen Zusammenhang.

Und wer ist ein spiritueller Mensch? Jemand, der eine Kraft ausstrahlt, in dessen Nähe man sich gerne aufhält, von dem Mitgefühl, Wärme und Integrität ausgeht. Diese Menschen haben etwas über das Leben verstanden Sie scheinen mit etwas in Kontakt zu sein, von dem wir selbst gerne ‚mehr’ hätten.

Spiritualität ist also ein breit gefächertes Empfindungsangebot für sich allein oder in einer Gemeinschaft.

Es bedeutet, sich mit etwas zu verbinden, das über die alltägliche Erfahrung hinausgeht, das uns leitet und uns hilft zu erkennen, wer wir sind und was unser Auftrag ist.

Sich dadurch aus der eigenen Isolation befreien und sich mit dem Großen und Ganzen zu verbinden, das scheint jedem Menschen, gleich welcher Religion, ein Urbedürfnis zu sein. Wir können dem überall begegnen: in unserem eigenen Geist, in der Natur, in der Kirche, der Moschee, der Synagoge, zuhause.

Spiritualität ist eine vollkommen persönliche Erfahrung. – egal ob mit oder ohne religiöse Orientierung –es ist das Bedürfnis, Neues zu erleben und mit seinen Gedanken verbunden zu sein und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

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