Freitagspredigt vom 13.10.2017

Als ich mir über die Khutba Gedanken machte, fiel mir etwas ein:  in einem Monat werden es 16 Jahre, dass ich Muslima bin. Zu Gott hatte ich schon eine gewisse Beziehung, aber vom Islam wusste ich eigentlich kaum etwas. Die Religion machte mir Angst. Fast auf jeder Seite des Koran habe ich gelesen, dass ich Gott fürchten soll. Das habe ich nicht verstanden: Wie kann man jemanden lieben, den man fürchten soll?

Aber bei Gott fühlte ich mich aufgehoben, geliebt. Ich habe mit ihm oft Gespräche geführt. Ich konnte gut mit ihm diskutieren.

Ich könnte mir jetzt vorstellen, dass manch einer den Kopf schütteln würde. Aber ich habe es einfach so gefühlt.

2-3 Wochen später las ich im Internet in einem Block, dass sich jemand beschwerte, sie lautete sinngemäß: „Ich bin seit 3 Monaten Muslim, habe aber immer noch kein Zeichen von Gott gesehen“. Ich weiß noch, so bei mir dachte: „Du Dummerchen! Mache doch  deine Augen auf, schau dich um! Das, was du siehst, das sind die Zeichen von Gott! Die ganze Natur mit allen Pflanzen, die Erde, Gestein, das sind alles Zeichen Gottes!“

– Warum ich das erzähle? Weil ich denke, die ganze Schöpfung Gottes, die Erde mit ihrer Natur, das Leben und Sterben darin ist schon Gottes Barmherzigkeit. Seine Schöpfung hat Kohle und Erdöl hinterlassen, Gott hat uns also Licht und Wärme gegeben, hat uns gekleidet, ernährt und hat uns seine Liebe gegeben. Ist das nicht die größte und schönste Barmherzigkeit?

Dass wir heute hier stehen und uns freiwillig daran erinnern, dass auch wir barmherzig sein sollen, ist das nicht auch eine Barmherzigkeit von Gott?

– Was bedeutet eigentlich barmherzig sein?

Einige meinen, es wäre nur Mitleid mit den Armen. Wenn es nur das wäre, würden wir echt arm dran sein. Es gehört Gerechtigkeit als Basis allen Zusammenlebens dazu, aber Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit gibt es nicht. Es bedeutet Freiheit, Geschwisterlichkeit, Achtung des Anderen, Hilfsbereitschaft, Güte, Mildtätigkeit, Vergebung, Verzeihen, Großzügigkeit, Mitgefühl, Fürsorge, selbstlose Liebe, eigentlich unsere ganze Ethik.

– Gott hat sich selbst der Barmherzigkeit verschrieben. In Sure 6:54 steht: „Euer Herr hat sich Selbst Barmherzigkeit vorgeschrieben; wenn einer von euch unwissentlich etwas Böses tut und es danach bereut und sich bessert, so ist er Allvergebend, Barmherzig.“

Aber wer genau ist Gott?

In Schriften offenbart er sich selbst, beschreibt sich selbst, so können wir Aussagen über ihn treffen, auch ohne ihn jemals zu sehen. Er stellt sich also dem Menschen vor, teilt sich ihm mit, nennt uns 99 Namen als seine Attribute, seine namentlichen Beifügungen.

Er geht also eine Beziehung mit uns ein, sucht unsere Nähe, aber nicht als Eigennutz, um von uns nur angebetet zu werden, sondern weil er seine Liebe und Barmherzigkeit nicht für sich selbst vorbehalten möchte, sondern für Mitliebende, den Menschen.

Er hat den Menschen erschaffen und bietet ihm gleichzeitig seine Liebe und Barmherzigkeit an, indem er uns von seinem Geist einhauchte. Dadurch versetzte er uns in die Lage, mit Gott zu kommunizieren. Durch das Einhauchen ist  jedem Menschen etwas Göttliches gegeben. Es erlaubt uns das Göttliche wahrzunehmen und das eigene Leben auf Gott hin auszurichten. Gott hat uns also nicht nur erschaffen, er umsorgt uns, ist uns ganz nahe

– Das bedeutet, diese Beziehung ist nicht als Gott-Knecht Beziehung anzusehen, sondern es bedeutet eine Freundschaftsbeziehung. In Sure 4:125  können wir es genau nachlesen: “Und Allah nahm sich Abraham zum Freund“.

        Gott ist die Barmherzigkeit

(Ich beziehe mich auf das Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ von M. Khorchide)

Bei jedem Gebet sprechen wir die Basmala: Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers.

Die beiden Attribute rahman und rahim stammen von rahma, das Barmherzigkeit oder in einem umfassenderen Sinn „Gnade“ bedeutet. Das Wort rahma( Barmherzigkeit leitet sich von dem arabischen Wort rahim ab, was so viel wie Mutterleib bedeutet.

Auch wenn beide abgeleitet sind, besteht dennoch ein Unterschied zwischen beiden Begriffen.

     Ar-Rahim, der Allerbarmer steht im Zusammenhang mit Gnade und Vergebung.     Gott als Ar-Rahim kommt zum Beispiel bei der Vergebung der Sünde von Adam zum Ausdruck. Es zeigt die erbarmende Liebe Gottes zu allen Menschen, nicht nur allein zu Adam.

Als Ar-Rahman, der Allbarmherzige, zeigt Gott seine Bereitschaft und seinen Willen zur bedingungslosen Liebe und seine unerschöpfliche Fürsorge zu den Menschen. Seine Liebe, seine Allbarmherzigkeit ist absolut. Sie gilt als eine Wesenseigenschaft Gottes.

Es ist also nicht nur Gottes grenzenlose Bereitschaft zur Vergebung und immerwährender Gnade gegenüber menschlicher Sünden als Ar-Rahim, ich betone nochmals: es ist also nicht nur ein Aspekt der Vergebung und Gnade, nicht nur als der barmherzige Gott, sondern als Ar-Rahman ist er ‚der Gott der Barmherzigkeit`.  Es gibt keine Steigerung, es ist eine Wesensart und damit umfassender als Ar-Rahim.

Gott ist absolut, ersteht außerhalb unserer Zeit und Raum. Seine Entscheidungen trifft er nicht in der Zeit. Die Erwählung des Menschen ist also eine ewige Erwählung. Durch die Schöpfung des Menschen ist er einen Bund mit allen Menschen eingegangen. Das Einzige, zu dem er sich verpflichtet hat, ist im Koran nachzulesen in Sure 6:12: „Er hat sich selbst der Barmherzigkeit verpflichtet.“

Die Barmherzigkeit Gottes drückt sich somit durch  die Erschaffung und des ewigen Auswählens  des Menschen und seiner Beziehung zum ihm aus.

–  50:16: „Wir (Gott) erschufen den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres zuflüstert.“ Also er kennt uns ganz genau.

–   2:186: „Und wenn dich (Muhammad) meine Diener nach mir fragen, dann sage ihnen ’Ich bin nah und erfülle den Ruf der Rufenden‘“.

–  Gott nimmt nicht nur den Menschen in seine ewige Liebe und Barmherzigkeit auf.   Er offenbart sich dem Menschen durch seine Barmherzigkeit, er macht sich dadurch für den Menschen begreifbar und zugänglich. Sie drückt sich auch in der Fürsorge für den Menschen aus. Der Mensch kann ihm Vertrauen entgegen bringen. Er ladet den Menschen ein, an seine Barmherzigkeit teilzuhaben, ihn bei Wort zu nehmen.

Gottes Barmherzigkeit schließt auch das Wiederauferstehen im Jenseits ein.

Zusammengefasst: Gotts Barmherzigkeit ist eine Form seiner Liebe zum Menschen. Die Liebe Gottes zum Menschen gründet in seinem ewigen Plan, den Menschen nicht nur zu erschaffen, sondern darüber hinaus sich selbst ihm zu offenbaren und ihn zu seiner Gemeinschaft einzuladen. Der Mensch muss dieses aber in freier Hingabe annehmen, Hingabe an Gott, im Sinne einer Zusage an Gottes Liebe und Barmherzigkeit, das bedeutet ‚Islam‘.

Gottes Barmherzigkeit ist riesengroß, für uns unfassbar, sie ist allbarmherzig.

Er ist der Schöpfer der Welt und darum allmächtig und kann sich immer wieder als barmherzig  erweisen. Er  handelt dabei aus eigenem Entschluss und ohne Eigennutz.

Und wir sollten, auch wenn wir als Menschen Seine Allbarmherzigkeit nie erreichen können, Ihm nacheifern in unserer Barmherzigkeit gegenüber der Gesellschaft.

Gott gibt uns unendlich viel. Und was verlangt er von uns? Eigentlich nur unsere Liebe 

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