Freitagspredigt vom 09.02.2018

Friedrich II. – Brückenbauer zwischen Europa und Orient

Das Geschlecht der Staufer hat das europäische Mittelalter entscheidend geprägt. Es sind vor allem zwei Staufer, die dem Jahrhundert zwischen 1150 und 1250 ihren Stempel aufgedrückt haben: Kaiser Barbarossa und sein Enkel Friedrich II.

Wer war er? Erbe zweier Mächte: ein Hohenstaufer und Normanne, zweimal zum König ausgerufen, heiliger römischer Kaiser deutscher Nation, als Kaiser wieder in seinen letzten Jahren abgesetzt.

Der Mönch Matthäus von Paris (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts,  Geschichtsschreiber im Benediktinerkloster St. Albans unweit von London, sagt von ihm: er sei zum „stupor mundi et immutator mirabilis“ geworden- „zum Staunen der Welt und wundersamen Veränderer“. Aber stupor mundi bedeutet auch nach mittelalterlichem Verständnis, Betroffenheit und Erschrecken über den, der das Bestehende zu verändern versucht.

Von kirchlicher Seite beschimpft man ihn als Antichrist.

Sein Vater war der deutsche Kaiser Heinrich VI., sein Großvater Friedrich I. Barbarossa. Seine Mutter brachte das normannische Erbe mit Süditalien und Sizilien mit. Schon die Vorfahren mütterlicherseits waren sehr islamfreundlich.

Durch interne Konflikte konnte im 11. Jahrhundert der normannischen Herzog Roger I.  das Land Sizilien erobern. Er und auch seine Nachfolger erkannten die Religion und Gesetzgebung der einheimischen Muslimen an, gewährte ihnen sogar Schutz. Sie förderten die arabische Dichtung und Wissenschaften. Vom König Roger II. (1101-1154) sagte man sogar heimlich, dass er ein muslimischer Sultan mit einer Krone sei. Er verwandelte Sizilien zu einer Brücke für den Tranfer der islamischen Kultur und Gesellschaft nach Europa. Er ließ Münzen mit lateinischer, griechischer und arabischer Schrift prägen.

      Friedrich wurde im Jahr 1194 in Jesi in der Nähe von Ancona zur Welt. Sein Vater war Kaiser Heinrich VI. und die Mutter war die Tochter von König Roger II. König von Sizilien und Süditalien.

Friedrich bekam also von Geburt an eine große Machtstellung mit auf den Weg; denn angenommen, er als Thronfolger in Sizilien würde durch Wahl wie sein Vater auch deutscher König oder gar mit Krönung durch den Papst Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, dann waren die welt- und besonders kirchenpolitischen Folgen dieser Verbindung nicht absehbar und gaben zu Befürchtungen Anlass, weil sich dann ganz Italien in staufischer Hand befinden würde. Deshalb setzte Heinrich bereits 1196 Friedrichs Wahl als 2-Jähriger mit den Mitteln des Normannenschatzes zum deutschen König durch. Doch schon ein Jahr später starb Heinrich, und der Anspruch seines Sohnes wurde von den Fürsten im Reich angegriffen.

Seine Mutter hatte nur ein Ziel: Sizilien als normannisches Königreich beizubehalten, seine Unabhängigkeit zu sichern und ihrem Sohn die sizilianische Erbfolge zu sichern. Der Unterstützung des Papstes konnte sie gewiss sein. So wurde der erst Dreijährige zum König von Sizilien gekrönt. 1198 starb auch Kaiserin Konstanze und setzte laut Testament den Papst zum Verweser des sizilianischen Königreiches ein.

Bis zum zwölften Lebensjahr war der elternlos heranwachsende Friedrich nur ein Objekt in den Händen derer, die im eigenen Interesse in Sizilien die Macht ausübten.

Der Papst hatte ein Interesse, das Land als päpstliches Lehen zu behalten, hat aber nicht viel für den Jungen getan. Man weiß nicht, unter welchen Bedingungen Friedrich aufwuchs, wie viele Lehrer er hatte, fest steht aber, dass er sich eine außergewöhnliche Fülle an Wissen angeeignet hatte. Im Umgang mit den einfachen Leuten lernte er die Lebensgewohnheiten, Bräuche und Sprachen der Sizilianer, Normannen, Muslimen, Griechen, Juden und Deutschen. Er las alles, von Abenteuerbüchern bis zu den antiken und arabischen Klassikern, beschäftigte sich mit Naturwissenschaften und Sternenkunde. Es gibt Berichte, dass er geübt sei in der Handhabung jeglicher Waffen und ein guter Reiter war.

Die ihn kannten bewundern seine Frühreife, den Scharfsinn und die rasche Auffassungsgabe des Jungen, tadeln aber sein ungehöriges und rüdes Benehmen.

Elementare christliche Kenntnisse mag er von päpstlichen Legaten bekommen haben, aber es gilt als sicher, dass er auch arabisch-islamische Lehrer hatte, ein Kadi, den er auf seinen späteren Kreuzzug erwähnt hatte. Was später Christen zum Ärgernis wurde, nämlich seine Vertrautheit mit der arabischen Geisteswelt, seine Sympathie für den Islam, Vorliebe bestimmter naturwissenschaftlichen Disziplinen und für die Philosophie wird wie ein Markenzeichen für ihn werden. Er sagte über sich in der blumigen orientalischen Rhetorik: „Ehe ich die Pflichten des Regierens auf mich nahm, strebte ich den Wissenschaften nach und atmete ihre balsamischen Düfte.“

Mit der Absicht, seine Stellung im Reich zu festigen, ging er nach Deutschland, gründete zahlreiche neue Städte auf kirchlichem Territorium, erntete darum den Unmut der Kirche. Zugleich gestand er dem Papst größere Territorialrechte in Mittelitalien zu, verzichtete auf das Recht, bei der Bischofswahl mitzuwirken, wodurch die Kirche vom Staat unabhängig wurde.

Am 22. November 1220 salbte Papst Honorius III. Friedrich II. in Rom zum Kaiser.
Nachdem Friedrich nach 8 Jahren in Deutschland wieder in Süditalien angekommen war, änderte er seine Strategie. Friedrich wollte seine Herrschaft nicht auf Gewalt aufbauen, sondern auf das Recht. Mit den „Assisen con Capua“ (Gesetze) ließ er einen allgemeinen Frieden ausrufen. Seine absolute Autorität verbürgte den Schutz aller Untertanen. Wo bisher die einzelnen Feudalherren mehr oder weniger willkürlich Recht sprachen, sollte die von Friedrich eingesetzten Justitiare die Rechtsprechung übernehmen. Darüber hinaus erklärte er alle Schenkungen und Privilegien für ungültig, die seit 1189 erteilt worden waren. Alle übrigen Privilegien mussten durch die königliche Kanzlei neu bestätigt werden. Der Papst Honorius III., der sich immer noch als Lehnsherr Siziliens sah, protestierte gegen dieses Vorgehen Friedrichs, konnte sich aber nichts ändern.

Während seiner Abwesenheit hatten räuberische Sarazenen im Bergland Burgen und Dörfer gegründet und bedrohten sogar die größeren Städte. Es dauerte lange, bis er sie unter Kontrolle hatte und begann ein ungewöhnliches Experiment: Die 16000 Sarazenen, wie man damals die Muslime nannte, wurden nicht getötet, sondern mitsamt ihren Familien auf das Festland umgesiedelt.

Die Ansiedlung von „Ungläubigen“ sollte bald die schärfste Missbilligung der Kirche hervorrufen. In kurzer Zeit wurde aus dem wüsten Flecken ein blühendes Gemeinwesen, sie errichteten Moscheen mit Minarette, lernten und lehrten in eigenen Koranschulen. Mit ihren Produkten belieferten sie die Küche des Kaisers. Sie durften ihre Religion ausüben, entfalteten ein islamisches kulturelles Leben, und sie stellten die treu ergebene Leibgarde und bevorzugte Diener des Kaisers. — Wie geht das ohne ein innerliches Glaubensbekenntnis vor sich!!!

Als seine Frau starb, heiratete er 1225 die Erbin des Königreiches Jerusalem Isabella von Brienne, denn es sicherte ihm Ansprüche auf die Krone von Jerusalem.

Auch der Papst hatte ein großes Machtinteresse an diese Verbindung, betraf es doch das „Heilige Land“. Aber dennoch wurde der Konflikt zwischen Friedrich und dem Papst immer stärker. Friedrich erklärte mehrere päpstliche Territorien zu Reichslehen und war mit sizilianischen Truppen in Oberitalien aktiv geworden. Auch versuchte er, die Kirche in Sizilien unter seine Kontrolle zu bringen und auch das Recht der Besetzung der 150 Bistümer im Königreich an sich zu ziehen, was ihm aber nicht gelang.

Die darauffolgenden Auseinandersetzungen wurden immer schärfer und fielen mit dem Streit über den Kreuzzug zusammen, den er versprochen hatte, der schließlich zur Exkommunikation Friedrichs führte.

1228 fand der Kreuzzug dennoch statt, nun jedoch gegen den Willen des Papstes, der den Bann nicht aufgehoben hatte. Der Zwist zwischen Kaiser und Papst spaltete das christliche Lager mit der Folge, dass ganze Gruppen des Kreuzfahrerheeres gegen den Kaiser intrigierten und alles darauf anlegten, um den Misserfolg des gebannten Kaisers herbeizuführen.

Friedrich pflegte schon lange gute Beziehungen zum Sultan Malik al-Kamil von Ägypten.

Der Sultan beauftragte den Emir Fahr-ed-Din, der dem Kaiser in tiefer Bewunderung, ja persönlicher Freundschaft verbunden war, mit Verhandlungen betreffs Jerusalem, die schließlich zum Erfolg führten.

Mit kluger Diplomatie hatten die beiden Verhandlungsführer des Sultans und des Kaisers, Fahr-ed-Din und Thomas von Aquin, Graf von Acerra, auch er war des Arabischen mächtig, den Frieden vorbereitet. Am 18. Febr. 1229 war es erreicht: Der Sultan stimmte zu, dass die heiligen Stätten der Christenheit, Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, dazu der Zugangsweg und wichtige Hafenstädte den Christen übergeben wurden. Lediglich in Jerusalem blieb der auch den Muslimen heilige Haram-esch-Scharif-Bezirk mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee vorbehalten, doch mit Zutrittsrecht der Christen zum Gebet.

Sowohl auf christlicher als auch auf muslimischer Seite stieß das Abkommen auf breite Ablehnung. Der lateinische Patriarch Gerold von Jerusalem verhängte ein Interdikt (Verbot kirchlicher Handlungen) über ganz Jerusalem, für den Fall, dass Friedrich II. die Stadt betreten würde.

Davon ließ der Kaiser sich nicht abhalten und am 17. März 1229 betrat er die Stadt Jerusalem, wo er sich am nächsten Tag in der Grabeskirche selbst zum König von Jerusalem krönte, da der Patriarch sich weigerte, dies zu tun.

Was viele Kreuzfahrer mit Gewalt nicht schaffen konnten, was unzählige Menschenleben kostete, das erreichte Friedrich II. auf eine Weise ohne einen einzigen Schwertstich auf dem Verhandlungsweg: den freien Zugang aller christlichen Pilger zu den heiligen Städten in Palästina.

Nach seiner Rückkehr aus Palästina musste er die päpstlichen Truppen bekämpfen, die in das sizilianische Regnum eingefallen waren. Noch während der Kämpfe nahm Hermann von Salza vom Deutschen Ritterorden Vermittlungsgespräche mit dem Papst auf, um die Lösung des Banns zu erreichen. Zugeständnisse, unter anderem die Freiheit kirchlicher Wahlen, die Wiedereinsetzung von kirchlichen Amtsträgern lösten dann den Bann.

In den nachfolgenden Jahren machte er das Königreich Sizilien in kurzer Zeit zum kulturellen und geistigen Mittelpunkt der abendländischen Welt. Er umgab sich mit einem muslimisch-arabischen Hofstaat, beteiligte sich selbst an wissenschaftlichen Forschungen, beschäftigte sich mit Philosophie und Dichtkunst und schrieb später ein beachtliches Buch über die Falkenjagd, welches man noch heute als Handbuch für die Falknerei benutzen kann.

Im Jahre 1224 gründete er die Universität in Neapel, die heutige Università Federico II., die die Aufgabe hatte, Beamte für den Staat auszubilden. 1226 erfolgte die Gründung der Universität für Apotheker in Salerno, die zusätzlich die Aufsicht über das Medizin- und Arzneiwesen übernahm.

1231 veröffentliche der Kaiser die „Konstitutionen von Melfi“ den Versuch einer umfassenden Gesetzgebung, die alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens umfasste. Unter anderen enthielt die Gesetzessammlung erste Anordnungen des Umweltschutzes(!), Vorschriften über Studiengänge, Anordnungen für Ärzte und noch vieles mehr.

Eine der bedeutendsten Errungenschaften war die Einführung des Dezimalsystems, das Rechnen mit der Null. Bis dahin benutzte man ein umständliches Zahlensystem. Weitere Verdienste erwarb sich der Kaiser durch die Wiederentdeckung der Schriften der antiken Philosophen und Dichter, die Entwicklung und Einführung eines neuen Vermessungssystems.

Aus Deutschland kamen besorgniserregende Nachrichten. So zog er mit seinem ganzen Hofstaat in großer Pracht über die Alpen. Ihm folgten Wagen, beladen mit Gold, Silber und Seide, mit vielen Kamelen und Dromedaren, mit Affen und Leoparden und Sarazenen, die sein Gold und seine Schätze bewachten….“ (Ebersbacher Chronik)

Aber bald musste er zurück. Kämpfe mit aufrührerischen Städten in Italien und fortwährende  Auseinandersetzungen mit dem Papst verlangten seine Anwesenheit in Italien. In bösen Wortgefechten bezichtigten sich Kaiser und Papst gegenseitig als Antichrist und Verderber der Christenheit.

Sie waren so verbissen in ihre Streitigkeiten, dass sie nicht auf den Mongoleneinfall reagierten. Sie kamen nicht die in arge Bedrängnis geratenen Deutschen und Polen zu Hilfe. Vom Papst und dem eigenen Kaiser im Stich gelassen, organisierten die deutschen Fürsten unter dem 9jährigen König Konrad IV. die Verteidigung und konnten, begünstigt durch innerasiatische Ereignisse bei den Mongolen, die Bedrohung abwenden.

Es ging also auch ohne Papst und Kaiser. Die psychologische Wirkung dieser Erkenntnis dürfte nicht leicht zu überschätzen sein. Die spätere Entwicklung in Deutschland zum territorialen Fürstenstaat nahm hier in der äußersten Not ihren praktischen Anfang.

Die Auseinandersetzung mit der Kurie erreichte ihren Höhepunkt mit der erneuten Bannung und Absetzung des Kaisers durch den Papst auf dem Konzil zu Lyon. Bettelmönche der Franziskaner zogen gegen den Kaiser predigend durch die Lande. Eine Verschwörung gegen sein Leben konnte in letzter Minute aufgedeckt werden.

Im Sommer 1250 zog er in Richtung Lyon, wo der Papst residierte, um dort die Aufhebung des Bannes zu erreichen. Aber unterwegs erkrankte er und wurde ins Castel Fiorentino gebracht. Am Morgen, dem 13. Dezember 1250, zog man ihm die graue Kutte der Zisterzienser Mönche an. Kurz nach dem Diktat seines Testamentes starb er.

Man meinte damals, dass er durch das Anziehen des Mönchskleides der Zisterzienser seine Reue zum Christentum bekunden wollte.

Tarik Erich Knapp geht in einem Artikel davon aus: „Sieht man nur genauer zu, dann zeigt sich dieser vermeintliche Beweis letztendlicher Christlichkeit des Kaisers als viel stärkerer Beweis seines Muslimtums. Denn mit dem grauen Gewand der Zisterzienser zog sich der Nichtmönch Friedrich lediglich die Robe der bekennenden Muwahiden –Sufis an. Die Mönchskutte des sterbenden Kaisers war also zugleich sein letztes, wortloses Bekenntnis zum Islam.

In seinem Sarkophag sah man ihn nach einer Öffnung im Jahre 1781 in arabische Seidengewänder gekleidet, bestickt mit den kaiserlichen Adlern, ein leinenes Untergewand, besetzt mit kufischen Lettern, die ihn ausdrücklich als Sultan huldigen. Neben ihm lagen die Krone und die Weltkugel, ohne das sonst übliche Kreuz.  Seine engsten Bediensteten haben ihn so nach seiner Aufbahrung in sein Grab gelegt, wie er war, als Muslim.

Friedrich erweckte schon zu Lebzeiten das Staunen, wenn nicht gar Grauen seiner Zeitgenossen. Sie nannten ihn „Wunder und Wandler der Welt“.

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