Freitagspredigt vom 02.02.2018

Deutschland  und der Islam
(Predigt eines weiblichen Mitglieds unserer Gemeinde)

Immer wieder fällt der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Wer sich mit der Geschichte von Deutschland ein wenig beschäftigt hat, weiß, dass es so nicht stimmt. Ich möchte darum einige Beispiele in der deutschen Geschichte anbringen.

Die Geschichte der deutsch-islamischen Beziehung hat starke Wurzeln, sie reicht weit zurück bis auf das Jahr 777, als Karl der Große auf dem Reichstag zu Paderborn den Gouverneur von Barcelona und Girona, Sulaiman al-Arabi, empfängt. Sulaiman war beim Emir von Cordoba Abd ar-Rahman I. in Ungnade gefallen.  Karl schloss mit ihm einen Beistandspakt ab. Dieses Treffen gilt als eine der ersten dokumentierten Begegnung der Deutschen mit einem Abgesandten aus der Welt des Islam im damaligen Frankenland. Vierzehn Jahre später kommt es dann zu ersten intensiven Beziehungen zwischen Karl, damals noch König und dem Abbasidenkalifen Harun al-Rashid zu Bagdad.

Als ich auf der Suche nach Material war, stieß ich auf einen interessanten Artikel über die Karlspreis-Verleihung, in dem sinngemäß stand:

Karl der Große war zu seiner Zeit sehr realitätsnah. Er hat als erster Europäer zugleich Dialog mit dem Islam und Kriege gegen Muslime geführt, die nach Europa vordringen wollten. Der islamische Dialogpartner Karls des Großen war der Abbasiden-Kalif von Bagdad, Harun al-Raschid. Dieser hatte dem christlichen Herrscher Karl dem Großen 797 einen Elefanten geschenkt. Der Übermittler des Geschenks war ein Jude namens Isaak. Er begleitete auch als Dolmetscher die erste fränkische Mission nach Bagdad.

Der Herrscher aus Bagdad, Harun al-Raschid, verkörperte den Höhepunkt der Abbasiden-Dynastie im Kalifat von Bagdad, während der fränkische Kaiser nicht nur den Glanz der Karolingerzeit, also der Zeit der westgermanischen Franken repräsentierte, insbesondere als „Begründer Europas“ gefeiert wird. Sie waren beide die wichtigsten Männer ihrer Zeit, zum Ende des 8.Jahrhunderts, ebenso bedeutend wie die beiden Imperien, für die sie standen: das Abbasiden-Reich des Kalifen und das Reich der Franken.

Es hat also direkte Kontakte zwischen beiden Herrschern, zwischen Harun al-Raschid und Karl dem Großen gegeben. Die Initiative dazu ging schon vor 800 von Karl aus. Doch leider kam es nicht zu einem vermutlich angestrebten politischen Bündnis zwischen beiden.

Beide Herrscher hatten dieselben Gegner, die politisch und nicht religiös definiert waren. Auf der einen Seite stand Byzanz; zugleich Feind von Bagdad und Aachen, der Hauptsitz von Karl, beide hätten gern Konstantinopel unterworfen. Auf der anderen Seite stand das islamische Spanien, das sich unter dem Emirat des Umaiyyaden Abdulrahman I. vom Bagdad der Abbasiden territorial gelöst hatte. Als islamische Größe war das spanische al-Andalus gleichermaßen eine Bedrohung für das christlich-fränkische wie eine Herausforderung an das Abbasiden-Reich im Osten. Der Anspruch, einziger Imam aller Moslems zu sein, stellte der Herrscher des islamischen Spaniens infrage. Mit seinen Versuchen, Konstantinopel einzunehmen, scheiterte er aber ebenso wie Karl gegen Córdoba.

Beide Herrscher haben wahrscheinlich erkannt, dass sie nur gemeinsam in der Lage sein würden, ein Gegengewicht zu ihren islamischen und christlichen Feinden in Córdoba und Konstantinopel zu bilden. Da spielte die Religion keine Rolle.

Aber von da an brachten arabische Händler ihre Waren sogar über Deutsche Länder sogar bis nach Schweden, belegt durch Münzen.

—       Ich zitiere aus einem älteren Artikel: „West-Östliche Begegnungen“ aus der Islamischen Zeitung: „Im Süden Europas, dem staufisch-normannischen Sizilien, fand eine erstaunliche Symbiose zwischen den normannischen Herrschern und den ansässigen Muslimen statt, deren Krönung die Zeit Friedrichs des Zweiten von Hohenstaufen darstellte. Dieser staufisch-normannische Fürst, Erbe des deutschen Reiches und Süditaliens – von 1220 bis zu seinem Tod Kaiser des römisch-deutschen Reiches und ab 1225 führte er sogar den Titel „König von Jerusalem“ – verstand es, die Fesseln seiner christlichen Umgebung abzulegen und vorurteilslos mit den Muslimen zu leben. Seine Leibwache und Dienerschaft bestand aus in Sizilien lebenden Muslimen, die er mit ihren Familien ins süditalienische Amalfi übersiedeln ließ. Er vertraute in Fragen der Herrschaft seinen muslimischen Beratern. Seiner Freundschaft mit dem Sultan Al-Kamil und seiner Diplomatie ist es zu verdanken, dass er auf seinem vom Papst angeordneten Kreuzzug nur durch seine Diplomatie und großer Geduld Jerusalem ohne Blutvergießen einnehmen konnte. Das war natürlich ein riesiger Dorn im Auge des Papstes. Das und weitere Streitigkeiten mit dem Papst waren Ursache genug, um ihn als Schänder der christlichen Religion, als Antichrist zu verdammen. Seine Persönlichkeit und seine Politik erklären die Feindschaft der Kurie und ihren damaligen Verbündeten, den Franzosen, die nach dem Tode Friedrichs seine Familie und die staufische Herrschaft im Reich und in Sizilien auslöschten.“

Kaiser Friedrich II. hat Zeit seines Lebens sich für die islamische Toleranz und für ihre Wissenschaft begeistert, er diskutierte mit islamischen Wissenschaftlern, seine Ratgeber waren Muslime und er führte eine Hofhaltung nach arabischem Muster. Sein Leben und die Art, wie er bestattet wurde, zeugen davon, dass er insgeheim ein Muslim war. Nie hätte er sich der damaligen Welt als Muslim offenbaren können. Dennoch hat die Kirche versucht, ihn aus den Annalen der Kaiserherrschaften zu streichen. Auf seinen Zügen ins Deutsche Reich umgab er sich mit einer in seiner Umgebung fremden Kultur, die die Deutschen nicht begreifen wollten und als gefährlich einstuften, obwohl eigentlich schon die muslimische Kultur vielen Kreuzrittern durch ihre Eroberungszüge bekannt waren.

—–      Wer weiß eigentlich, dass das alte Preußen ein Erbe des Kaisers Friedrich des II. und seiner Ideen ist? Er ermächtigte seinen Freund, den 4. Hochmeister des Deutschen Ordens Sankt Marien zu Jerusalem, Hermann von Salza, über das pruzzische Territorium für alle Zeiten zu herrschen. Mit der Goldbulle von Rimini, von 1226 oder 1235 verlieh der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. dem Deutschen Orden die Herrschaft über das Kulmer Land östlich der unteren Weichsel, zwischen dem Gebiet des Herzogs von Masovien und dem Gebiet der Prußen. Der Papst bestätigte später in der Preußenbulle die Belehnung von erobertem Gebiet an den Deutschen Orden. Von Salza kannte von Palästina her die Toleranz und Friedfertigkeit der Muslime und so strahlte anfangs auf den Deutschen Orden in Preußen eine islamfreundliche und ritterliche Tendenz aus. Ein Zitat aus einem Artikel über die „Grundlage und Entwicklung des Preußischen Staatswesens“ dazu ist sehr interessant: Friedrichs Gegengabe an den Islam bestand in der Entsendung des Deutschritterordens, dieses zum Islam geneigten Ordens hinaus aus dem päpstlichen Reichs-Gebiet, zuerst nach Siebenbürgen, dann nach Preußen. Preußen wurde also zunächst als Ordensstaat gegründet infolge einer strategischen Absprache des insgeheim muslimischen Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. mit dem Sultan von Kairo. Preußen war somit seinem Wesen nach ein Außenfort des Islam im Norden und sollte zur Vormacht des deutschen Protestes gegen das imperiale Machtstreben des Römischen Kirchenchristentums werden.  Das Zusammenwirken dieser beiden Staatsmänner stellt sozusagen die geistige Wiege des Ordensstaates dar, aus dem das spätere preußische Königreich hervorging.

—–         Im Jahr 1647 wurde die erste einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung von André du Ruyer gedruckt, die auch Goethe für seine Studien nutzte und seinem West-Ost-Divan zugutekam. Aber erst die Koranübersetzung von George Sale 1734 in die englische Sprache, die auch bald in Deutsch erschien, setzte neue Maßstäbe durch ihre enge Anbindung an das Original. Sie blieb lange für Europa eine der Hauptquellen für die Kenntnis aller mit dem Koran zusammenhängenden Fragen.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der  Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

Goethe hatte ein tiefes persönliches Verhältnis zum Islam, darum gehen seine Aussagen über diese Religion in ihrer provokatorischen Gewagtheit weit über alles bisher in Deutschland Dagewesene hinaus. Aber darüber möchte ich in einer anderen Khutba sprechen. Im Namen unserer Moschee steht der Name von Goethe, ebenfalls der vom andalusischen Gelehrten Ibn Ruschd. Beide sind einer Khutba würdig.

Nur noch ein Gedicht von Goethe genehmige ich mir:

Närrisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.
Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag´ ich nicht!
Dass er das Buch der Bücher seilaub ich aus Mosleminen-Pflicht.

Die Geschichte des Islam speziell in Deutschland beginnt also nicht erst im 20. Jahrhundert, sondern schon im 18. Jahrhundert, als der König von Preußen Friedrich Wilhelm I. in Potsdam einen Saal am Langen Stall als Moschee für seine „Langen Kerls“ herrichten ließ. Er legte großen Wert darauf, dass seine „Mohammedaner“ ihren religiösen Pflichten nachgehen konnten, denn dann können sie auch ihren Soldatenpflichten gut nachkommen. Unter Friedrich dem Großen kam es zur Aufstellung geschlossener muslimischer Truppenteile in der preußischen Armee, die auch später in militärischen Handlungen für Deutschland kämpften.  Am 7. und 8. Februar 1807 erlitt Napoleons Armee bei Preußisch-Eylau die einzige Niederlage im preußisch-französischen Krieg durch diese muslimischen Einheiten. Die Tapferkeit der Truppe war nach den vorliegenden Berichten aus jener Zeit schon aus dem Grund motiviert, weil die muslimischen Soldaten „ihrem König für die Sicherung ihrer angestammten Lebensformen und die ihnen gewährte Religions- und Glaubensfreiheit danken wollten“.

Im Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland steht zu lesen:

„Im Jahre 1760 trat ein für die Geschichte des Islam in Deutschland folgenreiches Ereignis ein. In der zaristischen Armee verbreitete sich das Gerücht, der Sultankalif plane aus Freundschaft zu Preußen den „Heiligen Krieg“ gegen Russland auszurufen. Dieses Gerücht hatte unter anderem zur Folge, dass zahlreiche in der russischen Armee dienende muslimische Soldaten zu den Preußen überliefen. Auf Kabinettsorder vom 20. Januar 1762 wurde aus den Überläufern ein selbständiges ,Bosniakenkorps‘ (9. Husarenregiment ,Bosniaken‘) zu 10 Eskadronen (1.000 Mann) errichtet. In den Matrikeln dieser Truppe taucht zum ersten Mal der Name eines preußischen Heeres-lmams auf. Es handelt sich um einen Leutnant Osman, Prediger der ‚preußischen Mohammedaner‘.“

Weiter heißt es: „Kaiser Wilhelm II. hatte am 8. November 1898 am Grabe Saladin des Großen in Damaskus gegenüber dem Sultankalifen erklärt: ,Möge seine Majestät der Sultan und die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben und in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird‘. Als dann im Jahre 1914 in Wünsdorf, nahe Berlin, ein „Mohammedanisches Gefangenenlager“ angelegt wurde, löste der Kaiser sein Versprechen ein. Im Winter 1914 ließ er eine Moschee für die Gefangenen bauen, die mit einem 23 Meter hohen Minarett versehen war. Für die in der Gefangenschaft verstorbenen Muslime wurde eine Wegstunde von Zossen entfernt, in Zehrendorf, ein Soldatenfriedhof angelegt.“

Auch wenn nach dem Tod des Kaisers Friedrich dem II. alles Muslimische an Mensch und Material rigoros ausgerottet wurde, es gab immer wieder in Deutschland Muslime und mit ihnen ihre Kultur. Und Deutschland hat davon profitiert, nicht erst von den türkischen Arbeitern, die im letzten Jahrhundert ins Land gerufen wurden und jetzt einen Teil von Deutschland bilden, mitsamt ihrer muslimischen Kultur.

Es entstand in Europa ein Klima, die Zeit der Aufklärung, in der man sich die Aufgabe gemacht hatte, den Wert außerchristlicher Religionen zu untersuchen und erkennbar zu machen. Und es war naheliegend, sich mit dem Islam zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Besonders hervorgetan hat sich darin Johann Wolfgang von Goethe. Kaum ein Deutscher kennt heute sein Interesse für den Islam, seine Bewunderung für den Propheten Muhammad.

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