Freitagspredigt vom 01.12.2017

Der Islam hat unser heutiges Europa geprägt

     In unserem Sprachgebrauch gibt es viele Wörter, denen man es nicht ansieht, dass ihr Ursprung arabisch ist. Möchten Sie einen Caffee trinken, dazu Zucker, oder lieber aus einer Karaffe Limonade? Alkohol gibt es bei uns nicht. Möchten Sie dazu Aprikosen, oder lieber Orangen? Kittel, Jacke,  Mütze, Matratze, Koffer, das alles hat einen arabischen Ursprung, abgesehen von den meisten Gewürzen oder Arzneien.

Die uralten Handelsstraßen aus der Antike blühten auch noch im frühen Mittelalter, Gewürze aus Indien, Arabien für die feine Küche, für die Kirchen und Klöster der Weihrauch.

Aber mit dem Erstarken der islamischen Länder verbot der Papst in Rom diesen Handel. Kein Zucker, kein Pfeffer, kein Weihrauch in deutschen Landen! Erst im 10.Jahrhundert bricht Venedig diese Blockade. Kein kaiserliches oder päpstliches Machtwort kann 991 den Dogen von Venedig mehr bremsen, er nimmt den Schiffsverkehr mit den arabischen Mittelmeerländern wieder auf. Und auch bald sind die Handelswege bis nach Frankreich wieder offen. Und mit den arabischen Spezereien wächst der Reichtum. Der Wohlstand im Abendland wächst gleichsam aus den arabischen Pfeffersäcken heraus.  Mit ihnen wächst der Komfort und Luxus und das Geld bekommt seine immense Macht und Bedeutung.

Durch den Orienthandel werden jetzt neue Waren bis in die letzte Ecke von Europa gebracht: Baumwolle aus Syrien, aus dem  arabischen Sizilien und Ägypten. Nach arabischem Muster werden sie in neuen Gewerben und Handwerken zu Kitteln,  Jacken, Joppen verarbeitet. Mit Baumwolle, Seide und den daraus gemachten Stoffen werden einfache Handwerker zur mächtigsten Finanzmacht des Mittelalters: die bekanntesten die Fugger.

Jetzt komme ich auf die arabische Leistungen in Naturwissenschaft und Kultur und deren Ausstrahlung zu sprechen

Ich möchte als erstes kurz den Begriff arabisch- islamische Wissenschaft nach meiner Sichtweite  knapp erklären:

Islamische Wissenschaft bedeutet, dass für sie vor allem in arabischer Sprache und im Kontext der islamischen Zivilisation geforscht wurde. Dabei waren Wissenschaftler unterschiedlicher Religionen und ethnischer Zugehörigkeit beteiligt. Sie war islamisch, weil sie den neuen und wachsenden Bedürfnissen der islamischen Zivilisation verpflichtet war. Herausragende Gelehrte waren der Arzt Hunayn ibn Ishaq (Christ), der sabische Astrologe und Mathematiker Thabit ibn Qurra, der Philosoph Al-Kindi, die Banu Musa Brüder (drei aus Persien stammende Mathematiker), Al-Chwarizmi (Mathematiker, Perser), der Philosoph, Arzt und Übersetzer Sahlal-Tabari (Jude), der Mediziner Ishaq ibn Amran (Jude), der Astronom Masha’allah (Jude).Man beschäftigte sich bei den Forschungen ausschließlich in arabischer Sprache, die jedoch nicht unbedingt auch die Muttersprache der Wissenschaftler war.

Gerade zu Beginn der Abbasidenherrschaft dominierte eine besonders rationalistische Strömung innerhalb des Islam, die Mutazila, die innerhalb gewisser

Grenzen auch einen kritische Auslegung des Koran gestattete. All dies begünstigte offenbar eine Atmosphäre, in der die Wissenschaft gedeihen konnte.

Über fünf Jahrhunderte hindurch – genauer gesagt vom 8. bis zum 13. Jahrhundert – war die Geschichte der Weltzivilisation die Geschichte des Islam.  In dieser  entscheidenden Zeitperiode befähigte das Zusammentreffen mit der islamischen Zivilisation Europa dazu, seine Fähigkeiten in allen wissenschaftlichen Bereichen, speziell in Philosophie, Medizin, Astronomie, Chemie, Mathematik und angewandte Mechanik zu entwickeln. Eine große Errungenschaft der muslimischen Gelehrten im Mittelalter war es, die Schätze der antiken griechischen Philosophie und Wissenschaft für die Nachwelt zu bewahren.

     Der kulturelle Einfluss des Islam auf Europa war hauptsächlich  eine Folge der Besetzung Spaniens und Siziliens durch Muslime, aber auch durch die Kreuzritter selbst, die die islamische Kultur kennenlernten und sich zunutze machten.

1.Weg: Spanien

       Die Eroberung Spaniens begann im Jahr 711 n.Ch. mit einem Erkundungstrupp und markierte einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Das Reich der Westgoten in Spanien war bereits innerlich verfault und brach rasch zusammen. Die Araber bauten nahezu sehr schnell fast auf der gesamten Halbinsel ihre Macht aus. Die neue Lebensweise fasste schnell Fuß.

Es gab überall Bäder, viele Bibliotheken entstanden, am öffentlichen Leben nahmen neben Araber auch hier die Juden und Christen teil.  Sie übernahmen die arabische Sprache, gaben ihren Kinder arabische Namen. Kleidung und Sitte  wurde arabisch. Sie identifizierten sich, außer in religiösen Dingen so stark mit der neuen Kultur, dass man sie Mozaraber nannte. Der Bischof Alvar  beklagte 854, dass die jungen Christen so verzaubert seinen von der arabischen Dichtung, dass sie kein Latein mehr lernten, sondern nur noch Arabisch.

Macht und Wohlstand des islamischen Spanien erreichten ihren allgemein anerkannten Höhepunkt in der Regierungszeit ‚Abd ar-Rahmans III. (912-961), Kunst und Kultur blühten auf. Das umajjadische Spanien erkannte zwar die Abbasiden – Khalifen in Baghdad nicht an, aber es blieb in kultureller Tuchfühlung. Wichtige Bücher fanden ihren Weg aus dem Osten in den Westen, aber auch die Gelehrten in Spanien leisteten bedeutende Beiträge zur arabischen Literatur und Bildung. Um das Jahr 1000 zerfiel aber der Umajjaden- Staat in rund 30 unabhängige lokale Fürstentümer. Trotzdem erlebten Kunst und Wissenschaft infolge der Rivalitäten der einzelnen Herrscher eine Hochblüte.

Die Universitäten und Wissenschaftszentren wirkten dabei wie ein Magnet auch für europäische Studenten, die mit den arabisch-islamischen Wissenschaften Bekanntschaft schlossen und das Wissen mit nach Europa nahmen. Die arabischen Hochschulen in Cordoba, Sevilla, Granada, Valencia und Toledo wurden von vielen christlichen Gelehrten besucht. Große christliche Denker dieser Zeit wie z.B. der Mönch Gerhard von Cremosa, Thomas von Aquin, Gerbert von Aurillac, entwickelten ihre intellektuellen Fertigkeiten und ihre Argumentationskunst in diesen Bildungszentren. Gerbert kommt um 970 in Cordoba mit der arabischen Wissenschaft in Berührung, er studiert dort eifrig Mathematik und Sternenkunde, kommt dann nach Rom und wird später Ratgeber am kaiserlichen Hof und dann als Silvester II. Papst.

1080 wurde Toledo von den Christen erobert. Dennoch ließ Erzbischof Raimund von Toledo im 12.-13. Jahrhundert die vorher in die arabische Sprache übersetzten wissenschaftlichen Arbeiten nun in das Lateinische übersetzen. 1142 ließ sogar der Abt von Cluny den Koran übersetzen. Thematisch bildeten Astronomie, Physik, Alchemie und Mathematik den Schwerpunkt, aber auch Spiele und orientalische Literatur sowie Werke zur Kenntnis der islamischen Religion wurden übersetzt.

Mit dem Sturz des Königreiches Granada 1492 verlor der Islam sein letztes Bollwerk auf europäischem Boden. Aber seine Kultur und Wissenschaft haben schon längst zu dieser Zeit in Europa Fuß gefasst.

2. Weg: Sizilien

Von der Anziehungskraft der arabischen Kultur auf die Christen zeugt auch das Leben am sizilianischen Königshof. Man pflegte arabische Dichtung, und auf dem Weg über die Volkspoesie, die aus ihr entstanden ist, mag sie die frühitalienische Dichtung beeinflusst haben.

     im Laufe des  9. Jahrhunderts erobern die  Aghlabiden, aus Tunesien kommend Sizilien. Bald wurde die Insel eine Fatimiden- Provinz. Das Land blühte auf und die islamische Kultur schlug tiefe Wurzeln. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts besiegten die Normannen die Byzantiner in Süditalien und errichteten ein normannisches Fürstentum. Kurz darauf konnten sie auch in Sizilien ihr Königreich errichten, aber dennoch blieb in vielem die Insel ein Teil der islamischen Welt. Die islamische Kunst und Wissenschaft wurde sogar durch die Normannen gefördert, insbesondere durch den Kaiser Friedrich II., der selbst wissenschaftlich tätig war und arabische Schriften übersetzen ließ und Umgang mit arabischen Wissenschaftlern pflegte und später sogar ganz friedlich König von Jerusalem wurde.

Über den Hof des Kaisers Friedrich II. kam die neue Rechenart mit der Null von Muhammad ibn Mussa al-Chwarismi nach Europa. Al-Chwarismi erfand das Rechnen mit Dezimalzahlen. Er beschrieb das Dividieren, erstellte Tabellen mit der Sinus-Funktion. Er erfand die Formeln für die Berechnung der Fläche des Kreises, des Halbkreises, der Kugel, der Pyramide und des Kegels; Er berechnete die Konstante Pi (  = 3 1/7 ).

Mit dem Tod Friedrichs wird alles Arabische ausgemerzt.

3.Weg: durch Kreuzzüge

Die Bedeutung der Kreuzfahrerzeit für den Westen ist nicht zu unterschätzen. Wurden doch die eher rohen und „barbarischen“ europäischen Ritter mit einer Lebensweise konfrontiert, die sich sehr von der ihnen gewohnten abhob. Ein gewisser höfischer Luxus und „feinere“ Umgangsformen kamen aus dem Orient in den Westen. Auch die Kriegskunst erhielt neue Impulse. So profitierten in gewissem Maße selbst die eigentlich Unterlegenen (die Christen) von diesem Abenteuer.

     Nichts hat das gesellschaftliche Leben in Europa so stark geprägt wie die islamische Kultur und Kunst. Mit der Rückkehr der Kreuzritter aus dem Orient entsteht ein neues Zeitalter: das Hochmittelalter mit ihrem Minnesang, der Ritterlichkeit, der Frauenverehrung in Lied und Lyrik. Durch fahrende Sänger aus Andalusien wird im 11. Jahrhundert das Abendland mit der arabischen Musik bekannt, die die Troubadoure ihren Frauen auf den neuen Instrumenten aus Arabien, der Laute und  Gitarre vorspielen und singen. Selbst die Tonsilben, die Notenlinien  und die Reimform haben ihren Ursprung im Arabischen. In Italien findet sich die arabische Liedform in geistlichen Liedern wieder, z.B. in den Liedern des Franz von Assisi. Später entwickelt sich daraus das weltliche Madrigal.

In der Architektur findet die Arabeske Eingang. Der Spitzbogen, in der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo dekorativ verwendet, wird nach seiner Wanderung über Spanien und Sizilien ins Abendland zum konstruktiven Element der entstehenden Gotik. Das Minarett wird Vorbild für den christlichen Glockenturm.

Die heimkehrenden Kreuzritter übernehmen für ihre Burgen wehrtechnische Errungenschaften der Araber, z. B der Wehrerker. Die „Pechnase“, eine Art Balkon mit offenen Bodenspalten, durch die heißes Öl gegossen werden kann, wird sehr schnell nachgebaut. Seit dem 14. Jahrhundert trägt jede Burg in Europa über den gemauerten Wehrgängen eine Krone von Zinnen.

Ende der islamischen Kultur in Südeuropa

1492 fand nicht nur die arabische Herrschaft über Spanien wie zuvor in Sizilien ein Ende, es endete die großartigste  und lebendigste Kultur im Mittelalter, es endete die fortschrittlichste Zivilisation eines vorbildlich verwalteten Landes, der Wohlstand seiner Bevölkerung mit seiner geistigen und gesellschaftlichen Blüte. Es versank in den Wogen des religiösen Fanatismus. Alles, was Arabisch war, ob Sprache, das Spielen der arabischen Instrumente, selbst das Tragen der Namen wurde bestraft. Die Schätze der arabischen Wissenschaft und Kultur  aus Bibliotheken, aus Privateigentum brannte auf riesigen Scheiterhaufen. Durch Massenaustreibungen der Muslime und Juden war bald das einst blühende Andalusien entvölkert.

Die Schriften, die gerettet wurden, verschwanden hinter  kirchlichen Mauern und mit der Zeit vergessen, und bei denen, die ins Lateinische übersetzt wurden, wurden die Verfasser nicht mehr genannt oder erhielten einen fremden, irreführenden Namen. Erst viele Jahrhunderte später und noch heute entdeckt man ihren Ursprung.

In den Jahrhunderten später vergaß man immer mehr, dass ein bedeutender Teil dieser Kultur islamisch war. Er hat sich unbewusst bis in die heutige Zeit gehalten.

Die Ausformung des europäischen geistigen Lebens im Mittelalter war ganz wesentlich das Resultat der blühenden islamischen Zivilisation. Erst nach und nach erkennen die heutigen Wissenschaftler die Ausstrahlung der arabischen Kultur auf Europa und sie sehen die Errungenschaften ihrer Wissenschaft als deren Erbe an und begreifen so langsam die damalige Größe des Islam.

Und somit bin ich wieder bei meiner anfänglichen Behauptung: der Islam hat erst unser heutiges Europa geprägt und wir sollten stolz darauf sein, Erben einer so wunderbaren geistig-wissenschaftlich geprägten Kultur zu sein.

 

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